Samstag, 21. Januar 2006
Zeichnern sagt man nach, dass jede gezeichnete Figur etwas vom Zeichner selbst hat. Gilt das auch für die Figuren, die Du in Deinen Geschichten (z.B. Stanislaus & Bundeslav oder Fregmusch und die Verpisserkönige) entwickelst?
Nur bedingt. Bei satirischen Geschichten bedenkt man die Protagonisten ja oft mit Eigenschaften, die der Autor gerade nicht zu haben meint. Aber natürlich ist es so, dass die Charaktere nichts sagen oder tun können, das sich der Autor nicht zuvor ausgedacht hat. Bei Stanislaus und Bundeslav ist es zum Beispiel ihre ganz spezielle Sprache, in der sich meine Vorliebe für Sprachspiele und absurden Wortwitz niederschlägt. In „Fregmusch“ findet sich eine Kollektion von Party-Erlebnissen, wie sie wohl fast jeder kennt, nur eben bis in den völligen Irrwitz gesteigert. Schorse, der boshafte Erzähler, der frohen Mutes eine gigantische Katastrophe anzettelt, ist vergleichbar mit einer Gestalt aus einem Schelmenroman, und hat mit mir als Autor wenig gemein. Allerdings teile ich mit meinen Protagonisten die Vorliebe für ein leckeres Bier, wenn auch kein Pilsator und auch nicht in derartigen Mengen.
In Horrorfilmen handeln die Figuren oft völlig irrational, damit sie eine spannende oder scheinbar aussichtslose Situation geraten. Unterstellt man als Autor seinen Figuren manchmal wirklich Handlungsweisen, die für den Zuschauer nicht nachvollziehbar sind oder ist das schlechter Stil bzw. Einfallslosigkeit?
Handelnde Personen, die für den Leser kaum nachvollziehbare Aktionen ausführen, oder sogar solche, die ihrem zuvor etablierten Charakter widersprechen (im Englischen gibt es dazu den schönen Ausdruck „out of character“), sind sicherlich schlecht geschrieben. Innerhalb bestimmter Genres wird das derart ausgereizt, dass es zu Parodien im Stile von „Scream“ führt, ein Film der die bekannten Klischees des Horrorfilms aufgreift und ad absurdum führt. Bei Parodien und Komödien kann eine oben beschriebene Handlungsweise also durchaus zu humorigen Situationen führen, vorausgesetzt, der Zuschauer ist mit den Konventionen vertraut. Wenn man allerdings, wie in „Scary Movie“, beginnt, die Parodien zu parodieren, dann wird es absurd und nicht sehr witzig. Wenn sich dieser Trend (siehe auch den Film „Not Another Teen Movie“) totgelaufen hat, dann kommen vermutlich Filme, die die Parodien über Parodien parodieren. Besonders einfallsreich ist das sicherlich nicht, aber durch Vertrautheit mit bestimmten ironischen Szenen aus Film und Literatur kann man ohne viel Aufwand schnell zu billigen Gags kommen. Man denke nur an die ungezählten Matrix-Parodien aus aktuellen Hollywood-Produktionen, oder sogar aus Deutschen Filmen („Der Wixxer“). Dabei ist der einzige Gag in solchen Szenen, dass ein Charakter, von dem man es nicht erwartet, den bekannten „Sprung-Kick“ aus Matrix ausführt. In meinen Stories versuche ich, auf solche „billigen Lacher“ weitestgehend zu verzichten, aber um das eine oder andere Zitat kommt wohl keiner herum.
Welche Geschichte eines anderen Autors (egal ob Buch, Film, TV, etc.) hat Dich in jüngster Zeit beeindruckt bzw. besonders berührt und warum?
Ich habe mich letztens wieder einmal durch die Stanley-Kubrick-DVD-Box geschaut und musste einmal mehr feststellen, dass es kaum einen Künstler gab und gibt, der in so vieler Hinsicht mit mir auf einer Wellenlänge zu liegen scheint. „A Clockwork Orange“ und „Barry Lyndon“ zählen nicht nur zum Besten, was dem Kino in seiner bisherigen Geschichte zugestoßen ist, sondern auch zu den gelungensten Literaturadaptionen, die man finden kann. Darüber hinaus noch „Die Nibelungen“ – Ich wünschte, der Charakter Hagen von Tronje wäre mir eingefallen.
Gibt es für Dich einen Unterschied zwischen den Geschichten, die Du für Dich schreibst und denen, die Auftragsarbeit sind (also Arbeiten, bei denen ein Thema vorgegeben ist)? Wenn ja, wie lässt sich dieser Unterschied beschreiben?
Der wichtigste Unterschied liegt nicht nur im vorgegebenen Thema – das ist ja klar – sondern auch darin, dass man für jemanden schreibt, der auch „nein“ sagen kann. Wenn ich eine Kurzgeschichte schreibe, dann schreibe ich sie primär so, wie mir sie gefällt, und muss keine Kompromisse eingehen. Bei einer Auftragsarbeit sieht das natürlich anders aus – was das Ergebnis aber nicht zwingend schlechter macht. Der 30minütige Film „Staub zu Staub“, für den ich zusammen mit dem Regisseur das Drehbuch verfasst habe, ist auch nicht in allen Punkten 1:1 umgesetzt worden – aber angesichts des fertigen Ergebnisses kann ich die Änderungen nachvollziehen, da nicht alles, was auf dem Papier funktioniert, auch auf der Leinwand hinhaut. Dieser Prozess der Zusammenarbeit ist spannend – nicht nur beim Film, sondern auch in anderen Bereichen.
Welche Charakterzüge sollte man haben, um ein guter Geschichtenerzähler zu werden?
Ein Charakterzug, der mir gefällt, wäre beispielsweise, die eigene Person nicht allzu offensichtlich in die Werke einzuflechten, sondern als Autor hinter die Werke zurücktreten zu können. Zu viele Autoren betreiben eine Art Personenkult um sich selbst, was einerseits oft bedeutet, dass sie nicht genügend abstrahieren können, andererseits auch ein wenig kläglich wirkt, wenn es sich dabei um völlig unbekannte Nischenautoren handelt, die ihre Texte ausschließlich auf ihren eigenen Websites veröffentlichen. Und im Internet gibt es genug davon. Viele Autoren betreiben eine Art aggressiver Eigenwerbung nach dem Motto: „Je durchgeknallter ich mich gebärde, desto glaubwürdiger werde ich als Autor und desto interessanter werden meine Geschichten“ – weil ja ein echtes Genie bekanntlich immer auch verrückt ist. Viele fangen leider mit dem Part des Verrücktseins an und wissen dann nicht mehr weiter.
Quelle: Pau Pau Productions
Interview-Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung
Sonntag, 15. Januar 2006
Die Superhelden fristen schon lange kein bewegungsloses Dasein mehr. Batman machte bereits in recht simplen Zeichentrickfolgen auf sich aufmerksam, bevor mit der Serie im Art Deco Look ein Batman den Fernsehschirm betrat, der die Geschichten wunderbar erzählte und seine Charaktere sehr ernst nahm.
Sogar ganze Filme folgten. Batman gegen das Phantom oder Mr. Freeze sind nur Beispiele.
Die X-Men traten bereits vor langer Zeit gegen Magnetos böse Mutanten im TV an und gingen von dort mit einer Comic-Album-Version den umgekehrten Weg hin zum Papier. (Eine Version, die optisch sogar recht gelungen war, meiner Meinung nach.)
Hierzulande haben die X-Men mit einer Trickserie den Fernsehschirm erreicht, Spidey ist hier auch unterwegs.
DC zog nach den Erfolgen um Batman mit Superman nach. Batman Beyond folgte (der unlängst einen Gastauftritt in Batman/Superman 11 hatte), ja es erschien sogar noch ein weiterer (The) Batman, der einen etwas düsteren Anstrich erhielt. Damit nicht genug. Ein Team um Robin ging an den Start. Die Justice League nahm den Kampf auf und sogar Krypto bellt nun im Fernsehen.
Ich liebe Zeichentrickfilme, nicht zuletzt, weil die Qualität der Serien ziemlich gestiegen ist. Die Autoren bedienen sich an Originalgeschichten, deren Modernisierung angebracht ist, aber nie in einer übertriebenen Abwandlung geschieht.
Aber ich warte momentan darauf, dass noch eine weitere Serie das Licht des deutschen Fernsehschirms erblickt: Ultimate Avengers
Diese Truppe, die einen derart gelungenen Auftritt in den Comics hingelegt hat, in einen Zeichentrickfilm zu bringen, könnte ein anspruchsvolles Ergebnis bringen. (Außerdem könnte es bis zu einer Realfilmumsetzung eine gute Überbrückung sein. 😀 )
Aber weltweit muss der Fan sich dazu auch noch bis Februar gedulden.
Seufz, so vieles, was gelesen und geschaut werden muss und so wenig Zeit. 😀
Apropos: Hier gibt es Bilder zu den Ultimate Avengers im Zeichentrickformat.
Samstag, 14. Januar 2006
Batman musste versagen, aber dies will er sich nicht eingestehen. In der Welt von Batman und auch in der von Bruce Wayne muss immer alles perfekt zugehen. Geschäfte werden gemacht, Verbrechen werden aufgeklärt, beides mit größtmöglicher Effizienz.
Doch Batman kam zu spät. Das Mädchen ertrank, und Batman brach sein Versprechen, mit dem er gelobt hatte, die Kleine zu retten. Für Batman bricht eine Welt zusammen. Wäre er stärker gewesen, hätte er den gewaltigen Felsblock heben können und das Mädchen hätte nicht ertrinken müssen.
Er trainiert hart, doch das gewünschte Ergebnis will sich nicht einstellen. Da bietet sich ihm eine Alternative. Der Vater des toten Mädchens forschte an Stärkungs- und Aufputschmitteln und gibt Batman eine Probe davon. Die Wirkung ist erstaunlich. Batsie ist ausdauernder, schneller und stärker als jemals zuvor. Schneller als sich der dunkle Ritter versieht, ist er auch süchtig danach. Binnen kurzem ist er bereit für die Droge alles zu tun. So fällt er einer Intrige zum Opfer, die von langer Hand geplant war.
Ohne Alfreds Hilfe kann Batman diesen Kampf nicht gewinnen. Viel Zeit vergeht, bis Batman wieder für den Kampf bereit und eins mit sich ist.
Auf einer paradiesischen Insel wartet eine Horde Supersoldaten, das Endresultat einer den Menschen verachtenden Forschungsreihe. Schließlich steht er wieder vor der Wahl: Erneut süchtig werden oder sterben.
Die sehr ernsthaft erzählte Geschichte Batman – Wahre Freunde zeigt den Mitternachtsdetektiven in einem Kampf, den er von Zeit zu Zeit immer wieder einmal ausfechten muss: Batman muss sich selbst besiegen. Genauer gesagt, er muss einsehen, dass er nicht so perfekt ist, wie er es gerne hätte.
Autor Denny O’Neil hat hier eine sehr erwachsene Geschichte um Batman geschrieben. Sie kommt ohne Superbösewichter aus, überspitzt einzig das Soldatenprogramm etwas, aber bleibt immerhin noch im Rahmen des Möglichen. Die Bösewichter, ein wahnsinniger Wissenschaftler und ein irrer Militär, sind auf ihre Art noch schlimmer als bisherige Gegner, da sie ohne Zögern bereit waren, ihre eigenen Kinder für ihre wahnwitzigen Pläne zu opfern.
Die Erzählweise der Geschichte gehört zu den ruhigeren. Sie nimmt sich Zeit, zu keiner Zeit wirkt eine Folgerung überstürzt oder aufgesetzt. Denny O’Neil baut seine Handlung exemplarisch auf und steigert Schritt für Schritt die Spannung. Das ist solides Handwerk und würde auch als Roman funktionieren.
Brutalität wird nicht vermieden, aber sie geschieht am Rande, so zu sagen zwischen den Bildern, so dass der Leser sich seinen Teil denkt.
Die Zeichnungen von Russell Braun (getuscht von Jose Luiz Garcia Lopez, koloriert von Steve Oliff) sind geradlinig, kernig, Experimente finden keine statt. Layout, Perspektiven und Panels sind klassisch einfach, aber auch einfach gut. Im Sinne der möglichst realistischen Geschichte (na, ein bißchen mehr als andere kann Batsie schon), bleiben auch die Körperbauten der verschiedenen Charaktere im Rahmen des Wahrscheinlichen.
Ein ganzseitiges Portrait von Batsie ist sehr gut gelungen und verdeutlicht, warum der dunkle Held der Schrecken der Unterwelt von Gotham ist. Ein paar kleine Szenen erinnern an ganz frühe Auftritte Batmans, als die Zeichnungen noch geradezu simpel waren.
Batmans Kampf gegen den Hai ist eine der außergewöhnlichsten Aktionen in der vorliegenden Geschichte (in einer Art, wie ich sie bis dato auch nirgends sonst gesehen habe).
Wahre Freunde ist ein Krimi, ein Thriller und eine Superheldengeschichte. Ich würde sagen, in ihrer gesamten Machart gehört sie zu den Geschichten, die Batman zu etwas Besonderem im DC Universum machen. 🙂
Freitag, 13. Januar 2006
Mit bürgerlichem Namen heißt Du Christian Schmiedbauer. Wie entstand Dein Künstlername „Landrömer“?
Vor 10 Jahren hatte ich einen schönen Traum: Es war ein lauer Spätsommertag und ich wanderte durch eine weite Wiesenlandschaft mit sanften Hügeln. Der Himmel war tiefblau und es war nichts weiter zu hören als der Wind, der über die langen, trockenen Grashalme streifte. In einiger Entfernung entdeckte ich eine silberglänzende Person und ich beschloss zu ihr zu gehen. Vor mir stand ein stolzer Legionär mit Helm, Schild und Speer. Als ich ihn fragte, was er hier mache, antwortete er mit sanfter Stimme „Ich bin Landrömer und passe auf dieses Feld auf“.
Neben Deiner Tätigkeit als Zeichner und Designer machst Du noch die Zeitung „Logi-Fox – Augsburger Kinderpost“. Das ist eine Zeitung von Kindern für Kinder. Was ist das genau für ein Projekt und was bewegt Dich, dort mitzumachen?
Vor einigen Jahren kam ein Mitarbeiter des Augsburger Jugendamtes auf mich zu und fragte mich, ob ich eine Zeitung ins Leben rufen möchte, bei der sich Kinder aktiv beteiligen können. Zusammen mit einer jungen Redakteurin entstand dann das Konzept, dass pro Ausgabe jeweils 15 Kinder zwischen 8 und 12 Jahren selber eine Zeitung für alle Augsburger Kinder im gleichen Alter machen dürfen (Auflage: jeweils 15.000 Exemplare). Grundidee des Projekts ist, dass die Kinder alles in Ihre Zeitung hineingeben dürfen, was ihnen wichtig erscheint: Reportagen, Interviews, Fantasiegeschichten, Comics, Witze, Rätsel und vieles mehr. Meine Kollegin und ich helfen ihnen dabei und organisieren darüber hinaus Redaktionsausflüge und Interviewtermine, z. B. mit dem Augsburger Oberbürgermeister.
Eines Deiner Lieblingsprojekte ist derzeit Dein Comic Kauboi und Kaktus. Wie ist dieses Projekt entstanden?
Wer wie ich in Niederbayern aufgewachsen ist, ist ohnehin Nachkomme von echten Cowboys, also Kuhlandwirten. Charakterlich entsprechen viele Leute aus meiner Heimat Helden aus Spaghettiwestern: Angenehme Beschränkung der Konversation auf das Wesentliche und lässiger, eigenartiger Wortwitz. Das hat mich beim Comiczeichnen inspiriert, und so entstanden die beiden Westerncharaktere Kauboi und Kaktus – der eine kühl, hart und furchtlos, der andere stachelig aber lieb.
Seit mittlerweile drei Jahren zeichne ich Shortstories mit Kauboi und Kaktus. Die Beiden waren schon auf zwei Ausstellungen in Berlin vertreten und mittlerweile gibt es ein Heft, die Internetseite www.kauboiundkaktus.de und T-Shirts. Über die Homepage, den Berliner Verlag „Das Sortiment“ und ausgewählte Comicläden kann man meine Sachen erwerben. Momentan arbeite ich an einem neuen, umfangreichen Comicbüchlein.
Was bedeutet für Dich Qualität im Bezug auf Deine Arbeit?
Ich fühle mich nicht gut, wenn ich selber mit einer Arbeit nicht absolut zufrieden bin. Da bin ich ziemlich streng mit mir und normalerweise verlässt auch nichts meinen Schreibtisch, was nicht meinen Anforderungen entspricht.
Hast Du Vorbilder? Wenn ja, welche?
Von den Comiczeichnern bewundere ich den Zeichenstil von Max Anderson (Pixy) und seine Gabe, skurrile Geschichten zu erfinden. Bei den Comics und Cartoons des Berliners Fil (Didi und Stulle) mag ich den schrägen Humor und den anarchischen Witz. Wirklich beeinflusst haben mich die Geschichten von „Vater und Sohn“ des Zeichners E. O. Plauen.
Quelle: Pau Pau Productions
Interview-Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung
Donnerstag, 12. Januar 2006
Berlin 2323: Die Stadt ist wieder geteilt. Eine Mauer mit lauter Transferfenstern durchzieht die gesamte Stadt. Im Gegensatz zur Vergangenheit leidet die Stadt jedoch nicht darunter, denn Berlin bedeutet Party pur. Und wo die Party-People feiern, ist es mit der Kultur, der Ordnung und der Sauberkeit nicht weit her. Kurzum, aus Berlin ist ein richtiger Sündenpfuhl geworden.
Inmitten dieser chaotischen Zustände erreichen Scilla und Indigo Berlin. Selber häufig am Rande der Legalität unterwegs kommt Scilla über ihren Freund Ratte an einen neuen Auftrag. Ihr Ziel: die Ausschaltung des Doppelgängers des regierenden Bürgermeisters, der in Wahrheit nur die Marionette eines Magiers ist. Der echte Bürgermeister hat ein verschärftes Interesse daran, seine Position wieder einnehmen zu können.
In der Organisation der Anti-Stasi nimmt Scilla ihre Rolle ein und nimmt Kontakt zum Restaurator Orlando auf. Da er Zugang zu den Räumen des regierenden Bürgermeisters hat, erhofft sie sich über ihn wichtige Informationen für die nächste Aktion der Anti-Stasi. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Scilla verliebt sich in Orlando und beendet ihre Beziehung zu Ratte.
Aber einen Killer sollte man besser nicht zum Feind haben.
Zwischenzeitlich rüstet Okinawa zum Krieg. Mago-Schützen und Schlacht-Girossen marschieren auf. Indigo erhält die Aufgabe, den Magier aufzuspüren und schließlich außer Gefecht zu setzen.
Die Uhr tickt.
Einen derart phantastischen und humorvollen SciFi-Comic gibt es nur selten.
Die Atmosphäre des neuen Sündenbabels Berlin ist hervorragend umgesetzt. Der Leser wird, ob Berliner oder nicht, die diversen Orte wieder erkennen. Ein Schild über dem Reichstag verkündet: Hier könnte Ihre Werbung stehen. Im Funkturm ist inzwischen ein Puff ansässig und trotzdem glänzt auf ihm immer noch die Rache des Papstes. Eine scheinbar ewige Love-Parade tobt in Berlin, über allem schweben Pseudorauscheengel, mit Maschinenpistole, mal mit dem obligatorischen Rosenstrauß und dem Spruch auf den Lippen, dem in dieser Zeit niemand mehr entkommen kann: Wolle Rose kaufe? Natürlich bezahlt man neuerdings wieder mit Ostmark.
Die Geschichte, die mit ihren Überraschungen und Details mit ihrer Spannung dem Humor in nichts nachsteht, ist eher für ein erwachseneres Publikum gedacht. Wenn der eigentliche regierende Bürgermeister in der Maske auftritt, die Mr. Bill Clinton erstaunlich ähnlich sieht, und dieser Bürgermeister trotzdem homosexuell ist, dann glaube ich nicht, dass diese Details bei Jugendlichen ankommen.
Andererseits dürfte die Vorstellung, dass Hertha BSC 27 Meisterschaften einfahren könnte, selbst für eingefleischte jugendliche Hertha-Fans ziemlich lustig sein.
Eine Szene fällt gehörig aus dem Rahmen. Die Eskapaden des Bürgermeister-Doppelgängers, zum vierten Male wiederbelebt, werden ziemlich drastisch gezeigt. Für mich eine Darstellung, die nicht so recht in das Gesamtbild der Geschichte passt.
Scilla, Indigo und Orlando sind gelungen sympathische Figuren in diesem Chaos. Aber es ist auch klar, dass diese Sympathie am Ende mit etwas Wehmut bezahlt werden muss. (Ein gängiges Rezept, dass vielleicht einmal hätte anders verlaufen können.)
Hund Robbie wirkt wie eine Hommage an Idefix. Ganz gleich, ob diese Idee hinter Robbies Entstehung steht, Robbie ist die knuffigste Figur in Berlin 2323.
Angepasst an den hintergründigen, teils auch gemeinen Humor, die Atmosphäre und die Spannung finden sich ein Bilderstrich und eine allgemeine Darstellung, die eine Heidenarbeit gewesen sein müssen. Im Anhang wird noch einmal kurz auf die bisherige Arbeitsweise hingewiesen. Vorzeichnungen, Tuschen, Kolorierung am Rechner. In Berlin 2323 geht es von der Skizze in den Rechner. Outlines finden sich kaum noch, die Bilder wirken letztlich wie (von Hand) gemalt. Auf diese Weise auf 90 Seiten die Qualität zu halten, die perfektes Handwerk zeigt, ist schon bewundernswert. Immer gibt es natürlich auch bei gemalten Comic-Bildern unterschiedliche Stilrichtungen. Hier findet sich in den Gesichtern ein leicht manga-eskes Aussehen. Es finden sich Szenen, die außerordentlich rasant angelegt sind und oft den Eindruck vermitteln, man habe Standbilder eines Zeichentrickfilms verwendet. Besser geht es kaum noch und alleine dieser Aspekt räumt dem vorliegenden Band einen für meine Begriffe ziemlich hohen Stellenwert bei Comics aus deutschen Landen ein.
Andere Bilder fangen sehr schöne Panoramen ein und verstärken den Zeichentrickcharakter noch.
Bisherige Geschichten um Indigo mögen ein qualitativ hochwertiger Anlauf gewesen sein, Berlin 2323 ist ein Stabhochsprung. Und um bei diesem Bild zu bleiben: Das Team Feldhoff / Schulz hat die Messlatte in Sachen Geschichte und Optik damit sehr hoch gehängt.
Ein rundum gelungenes Lesevergnügen für alle, die eine etwas ungewöhnlichere und auch humorvolle SciFi bevorzugen und einen echten Augenschmaus lesen wollen.
Dienstag, 10. Januar 2006
Es gibt Comic-Serien, da stimmt es mich richtig traurig, wenn sie ihr Ende finden. Mystic ist eine solche Serie.
Der Planet Ciress. Magie ist hier nichts, was irgendjemanden aufregen würde, denn Magie gehört zum Alltag. Zauberer, Dämonen und Geister bevölkern die Länder inmitten all der Menschen, die einigermaßen normalen Berufen nachgehen.
In dieser Welt haben die Zauberergilden einen sehr hohen Stellenwert. Genevieve soll neue Gildemeisterin werden. Es steht außer Frage, dass ein Gildemeister auf sein Ansehen achten muss. Hat, wie in diesem Fall, die Gildemeisterin eine Schwester, die als Partygirl verschrien ist, dann ergeben sich daraus zwangsläufig Familienprobleme.
Diese Probleme werden noch viel größer, wenn dieses Partygirl Giselle heißt, eine atemberaubende Frau ist und durch einen merkwürdigen Zwischenfall am Ende mehr magische Macht besitzt als ihre ältere Schwester.
Und die Probleme werden noch viel größer, als sich herausstellt, dass Giselle diese Macht überhaupt nicht will.
Die Ausgangssituation erinnert an eine Komödie und in der Tat hat Autor Ron Marz nicht mit Humor, witzigen Einlagen und Slapstick nicht gespart. Magie wird hier nicht so ernst genommen, andererseits ist es aber vom Witz einer Scheibenwelt auch wieder weit entfernt. Sagen wir, der Witz ist in Mystic eher skurril.
Inmitten dieses Szenarios stellt Ron Marz mit Giselle die wohl schönste Zauberin aller Zeiten in den Mittelpunkt der Geschichte. Dank des ersten und maßgeblichen Zeichners Brandon Peterson ist Giselle eine Sexbombe geworden. Vergiss Gandalf, kann ich da nur sagen.
Spaß beiseite, Brandon Peterson versteht sein Handwerk auf das trefflichste und für Comic-Freunde ist solch ein Augenschmaus ein Fest.
Andere Zeichner wie Kevin Sharpe, Fabrizio Fiorentino, Al Rio, Paul Ryan, Paul Pelletier und Aaron Lopresti sind gut, aber nicht so gut wie Peterson. Einzig Lopresti schafft einen ähnlich feinen Zeichenstil. Muster seiner Arbeiten finden sich unter http://www.aaronlopresti.com/. Leider ist die Homepage nicht besonders aktuell.
Tony Bedard übernahm die Serie als Autor von Ron Marz. Das Konzept des Humors wurde mit ihm noch verstärkt, wie ich finde. Giselles Erlebnisse in einer Art Uhrzeit (wie z. B. einen T-Rex mit einem vernuftbegabten Drachen verwechselt), ihre Begegnung mit einer Art Yeti, die Entwicklung der Figur des kleinen Skitter, einem mit Intelligenz und Zauberkraft gesegneten hundeähnlichen Lebewesen, erfolgt mit Bedard noch ein bißchen besser.
Alles in allem hatte die Serie keine Durchhänger, sondern variierte ihre Themen sehr schön und flechtete die Welt Ciress auf sehr feine Weise in die Geschichte ein.
Als Giselle im ersten Abschnitt ihre Erzfeindin Animora besiegt, bleibt fortan Zeit, um das außergewöhnliche Setting mit ihren Augen zu erkunden. So fremd es ihr ist, so sehr machte es mir als Leser Spaß, ihrer Erkundungsreise zu folgen.
Sehr gelungen waren die jeweiligen Kulturen der Gilden angelegt, die sich ganz besonders auch in ihren Ländern niederschlagen. Um den Leser nicht völlig vor den Kopf zu schlagen, entlieh man irdische Begebenheiten nach Ciress. Seien es die Gilden, die in enger Verbindung zu Naturgeistern oder Dschinns stehen, aber auch jene, die eine Art Kamasutra-Kultur zugrunde legt, was eine gewisse erotische Komponente in sich birgt und Giselles so aufgebautem Charakter auch Rechnung trägt.
Wer Gelegenheit hat, Bände dieser Serie zu ergattern, und Spaß an komischer wie auch spannender Fantasy hat, sollte unbedingt einen Blick wagen. (Auf den ersten Sammelband achten, der die ersten 5 Bände zusammenfasst.) 😀
Dienstag, 03. Januar 2006
Ein kleines Büro. Hier wird der Alltag zum täglichen Wahnsinn. Fantasio, ein dünner Mann, um Ruhe bemüht und doch in Hektik verfallend, mit gelben Haaren, versucht seine Arbeit zu bewältigen. Das wäre eine Leichtigkeit, gäbe es da nicht einen anderen dünnen Mann, vielleicht etwas jünger, aber in jedem Fall nicht so verantwortungsbewusst wie sein Vorgesetzter Fantasio.
Der Name dieses jungen Mannes, der immer einen grünen Rollkragenpullover, eine Jeans und ausgelatschte Schuhe trägt, lautet: Gaston.
Gaston könnte übersetzt heißen: Nervensäge, nutzloser Unhold oder der helle Wahnsinn. Ähnlich lautende Antworten sollte der Leser von Fantasio erhalten – wenn Fantasio leben würde und antworten könnte.
Was Fantasio so alles mitmacht, ist auch kaum zu ertragen. Eine Arbeit ist verrichtet: Gaston wird sie zunichte machen. Fantasio ist ausgeglichen und heiter: Gaston wird ihn zu Tode erschrecken. Ein Geschäft befindet sich endlich vor dem Abschluss: Gaston sei Dank, es wird nicht vollendet werden. Und sollte das alles noch nicht genug Chaos verursacht haben, bringt Gaston eben eine Kuh oder einen Igel ins Büro.
Nebenrollen wie Spirou und Herr Bruchmüller sorgen für zusätzliche Erheiterung oder auch Running Gags. (Im Falle von Spirou ist es eigentlich jemand, bei dem sich Fantasio endlich einmal über Gaston ausweinen kann.)
Umgesetzt hat Gaston der legendäre Zeichner André Franquin, der sich auch für die Serie Spirou und Fantasio verantwortlich zeichnet.
Die Zusammenstellung in der vorliegenden 18. Ausgabe ist fast schon ein kleines Denkmal für Franquin, dessen Ende eher tragisch und weit vom Humor dieses Mannes entfernt war. Die Episoden mögen einzeln betrachtet nicht so viel hergeben. Ihr Humor ist nett, spaßig mit ein wenig Slapstick. Doch zusammengenommen, in dieser Fülle, ergibt sich daraus ein Feuerwerk.
Eine einzelne Episode ist ein Witz, aber in dieser Sammlung ergibt sich sogar eine Art Handlung. Ob dieses Gesamtbild beabsichtigt war, lässt sich nicht sagen. Höchstwahrscheinlich hat es sich wohl eher zufällig ergeben.
Gaston, der hier in Deutschland auch in alter Zeit als Jojo unterwegs war, ist in bester frankobelgischer Cartoon-Manier gezeichnet, in jener klassischen Form, die diese Art von Humor berühmt gemacht hat.
Sehr schön zu sehen an dieser Sammlung ist auch die Veränderung, die mit Gaston vor sich geht. Lange Zeit ist die Darstellung einheitlich, später kommt es zu minimalen Veränderungen am Kopf und an den Haaren. Gegen Ende sind die Veränderungen und der viel schneller ausgeführte Zeichenstil deutlicher. In dieser Phase erhält das Büro Verstärkung und Gaston bekommt neue Zielscheiben, denen er das Leben schwer machen kann.
Franquins Einfallsreichtum bleibt während jeder Phase seines Schaffens ungeheuer gut. (Mag es durch seine gesundheitliche Angeschlagenheit auch zu Einbrüchen gekommen sein, in der Gesamtheit ist dies nicht zu erkennen. Ich glaube nicht, dass jemand Unterschiede in der Humorqualität erkennt, denn jeder fasst Spaß sowieso anders auf.)
In dieser ausgewählten Reihe der FAZ Klassiker der Comic-Literatur ist Gaston für mich ein absolutes Highlight. (Vor allem, weil hier ein Lacher auf den nächsten folgt, fast ein bißchen wie eine persönliche Sitcom. 😀 )
Freitag, 30. Dezember 2005
Der Schmerz ist ihr ständiger Begleiter. Oder: Die Geschichte der Bandagen ist voller Missverständnisse. Man könnte auch rufen: Ist es eine Mumie? Eine Werbung für extraweiches Toilettenpapier? Nein, es ist nur Painkiller Jane!
Jane Vasko war ein junger Cop. Ihrem guten Aussehen war es zu verdanken, dass sie einen gefährlichen Undercovereinsatz zugeteilt bekam. Zusammen mit einer Kollegin schlich sie sich in den engsten Kreis eines Drogenrings ein. Schneller als sie sich versahen, wurden sie zu Gespielinnen der Gangster und hingen selber an der Nadel. Eines Tages verliert ein anderer Cop sein Leben. Ginger, Janes Kollegin, erfährt über die Nachrichten, dass ihr Mann im Sterben liegt. Sie lässt Jane im Stich. Jane hat keine Chance. Vollkommen mit Drogen vollgepumpt verfällt sie in ein tiefes Koma.
Ein Jahr später zu Halloween erwacht Jane. Sie erfährt, dass sie für tot erklärt wurde. Und noch etwas hat sich vollkommen verändert: Janes Verletzungen, so schwerwiegend sie in der Folge auch immer wieder durch ihren Job auftreten, heilen wieder. Die Nebenwirkung: Die Heilung ist nicht gleichbedeutend mit Schmerzlosigkeit. Jede Verletzung schmerzt so sehr wie bei jedem anderen Menschen auch, doch Jane nutzt ihre Gabe vehement.
Beinahe gewinnt der Leser den Eindruck, dass Jane ihre Schmerzen ebenso sehr genießt wie die Drogen während ihres Undercovereinsatzes. Andererseits ist ihr Leben sehr ungewöhnlich und möglicherweise ist es das einzige Gefühl, was für sie noch Leben bedeutet.
Nun, lassen wir die Klauberei nach einer tieferen Bedeutung einmal beiseite. Keine Geringeren als Joe Quesada und Jimmy Palmiotti haben sich Painkiller Jane ausgedacht.
Joe Quesada, inzwischen eine nicht wegzudenkende Größe bei Marvel, beschreibt Painkiller Jane (PKJ) als das Ergebnis einer langen durchzechten Nacht. Die Grundidee ist nett, aber bei weitem nicht so innovativ, wie sie vielleicht sein könnte. Interessanter sind stets kleine Nebenideen. Darunter fallen die 22 Brides, eine Frauengang, oder im dritten Teil die Geschichte um einen Verbrecher, der Kinder für sich stehlen lässt (Oliver Twist lässt grüßen.). Leider kann ich nur sagen, dass die Qualität der Zeichnungen nach dem ersten Teil drastisch in den Keller ging. Auf seine abgelieferte Arbeit als Inker muss sich Palmiotti hier wahrscheinlich nichts einbilden. Schade, dass er seinem Ziehkind nicht mehr Sorgfalt angedeihen lässt.
Sehr schnell schaffte es PKJ in Crossover. An der Seite von Größen wie Hellboy und The Darkness schwächelte sie aber wieder. Einzig die Episode mit Darkchylde, alleine eine eher dubiose Gestalt, kann mich von der Erzählung und der grafischen Gestaltung her überzeugen.
Kann PKJ auch nicht mit einem ebensolch langen Lebenslauf wie Witchblade aufwarten, so schaffte sie es jüngst auch auf den TV-Bildschirm. Aus Jane wurde ein Soldat einer Spezialeinheit, die in einem ehemals russischen Staat in einen Zwischenfall gerät. Während ihrer Genesung steigt nicht nur ihre Heilungskraft um das 20zigfache, sondern ihre Reflexe werden auch unmenschlich schnell. Variety umschreibt das Konzept als eine Art Wolverine ohne Klauen. Gleichzeitig erinnert das Konzept auch an die bionische Frau, die ebenfalls nur ein Abklatsch des bionischen Mannes (Six Million Dollar Man) mit Lee Majors war.
(Bild: Jane gespielt von Emmanuelle Vaugier, Colonell Watts gespielt von Richard Roundtree)
Mittwoch, 28. Dezember 2005
Ein Friedhof im Winter, Weihnachten. Peter Parker besucht das Grab seines Onkels Ben. Aber obwohl Peters Ersatzvater und Freund seit vielen Jahren tot ist, bleibt es kein stiller Besuch. Peter hält Zwiesprache mit dem Verstorbenen, der ihm immer ein guter Ratgeber war. Sie schwelgen in Erinnerungen an schöne Tage. Sie sehen die kleinen Eigenarten des anderen, erwärmen sich an der Liebe von Tante May, die immer wusste, dass sie zwei Kinder zu Hause hat: Peter und Ben.
Es ist ein Rückblick in Peters Kindheit, als er der einzige Ameisensoldat mit acht Beinen während einer Schulaufführung war.
Es ist ein Blick auf die Zeit als Spider-Man, die verlorenen Lieben, die Freunde, die Feinde, die vielen Kämpfe, die kein Ende zu nehmen scheinen.
Diese Geschichte zeigt, was Superheldencomics alles zustande bringen können. Die Kurzgeschichte Der letzte Vorhang steht völlig für sich alleine. Natürlich dreht es sich um Peter Parker und um sein Alter Ego Spider-Man, aber das ist hier vergleichsweise nebensächlich. Ebenso gut könnte er ein Cop sein, oder ein Feuerwehrmann, ein Arzt vielleicht, in der Hauptsache jemand, der sich tagtäglich für andere einsetzt.
Das ist die eine Seite. Die Last der Verantwortung, die Verluste, die er zu beklagen hat. Ob diese durch seinen Nebenjob herrühren oder nicht, ist auch eher nebensächlich.
Die andere Seite ist eine sehr schön menschlich dargestellte Geschichte. Zeitweilig gewann ich sogar den Eindruck, es mit einer weihnachtlichen Gespenstergeschichte zu tun zu haben. Peter und Ben erzählen sich ihre Erinnerungen und bilden Engelsfiguren im tiefen Schnee ab. Auffallend dabei ist die Tatsache, dass es zwei Figuren sind und diese auch im Schnee erhalten bleiben.
Die Erzählweise, der Wechsel in den verschiedenen Zeitebenen und der damit einhergehende wechselnde Zeichenstil hebt die Geschichte zusätzlich hervor. Die Kindheit ist eher eine cartoonhafte Erinnerung, die Gegenwart realistisch, das Leben als Spider-Man ist verklärt und merkwürdig. Am Ende fließen die Zeichenstile ineinander und formen ein Abschlussbild, in dem einfach alles zusammenpasst und –gehört.
Hört sich sehr tiefsinnig an?
Wer Superheldengeschichten heute noch Geistlosigkeit unterstellt, liegt sowieso total falsch. Klar, nobelpreisverdächtig sind sie auch nicht, aber inzwischen sind derart viele versierte und gute Autoren hier am Werk, dass es beinahe unheimlich ist. Superhelden gehören zum Lebenslauf eines Schriftstellers, der es in der Unterhaltung zu etwas gebracht hat.
Der letzte Vorhang ist recht universell und im Gegensatz zum Einsatz gegen üble Halunken wird der eine oder andere Leser Parallelen zu eigenen Erlebnissen finden können. Unter dem Strich lässt sich nur sagen: Klasse!
Am Ende der Geschichte steht die Hoffnung.
Ähnlich nachhaltig blieb mir bisher nur die Geschichte um den 11. September in Erinnerung, die aktuell in der FAZ Ausgabe Spider-Man abgedruckt ist.
Die zweite Episode des vorliegenden Bandes ist vielleicht nicht ganz so schön umgesetzt, aber immer noch hübsch anzuschauen. Die kleine Geschichte schildert, wie Spidey sich für die Schulaufgaben seiner Schüler einsetzt (natürlich für Parkers Schüler). Spider-Man, der, an einer Hauswand hängend, Schulaufgaben Korrektur liest, ist ein Anblick für sich.
Diese letzte Ausgabe von Der spektakuläre Spider-Man ist ein schönes Beispiel dafür, dass Superhelden auch nur Menschen sind (sein sollen). 🙂
Dienstag, 20. Dezember 2005
Es gibt Zeichner, die liefern eine hervorragende Arbeit ab und trotzdem macht es stets den Eindruck von Trash. Alfonso Azpiri ist solch ein Illustrator. Der Eindruck, den seine Arbeiten bei mir hervorrufen, mag daher stammen, dass ich mich dabei unwillkürlich an das Universum von Barbarella erinnert fühle.
Wallende Haarprachten, gewaltige Brüste, schmale Taillen und knappe Bekleidung, das sind die Markenzeichen seiner von ihm gezeichneten Frauen. Zumeist sind sie stark, heftigst bewaffnet mit riesigen Kanonen, manchmal sind sie auch in einer recht erotischen Situation, zuweilen auch erzwungenermaßen.
Azpiri hatte seine Hochzeit in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Grafiken zu Computerspielen machten ihn bekannt. Seine Arbeiten sind per purer Handarbeit entstanden:
Vorzeichnungen, Tuschen, Malen, Airbrush.
Im Band The Art Of Azpiri – Sensations (erschienen bei Kult Editionen, vergriffen) finden sich viele schöne Beispiele seiner Arbeiten und seiner Herangehensweise.
Viele Bilder stellen eine überirdisch ausschauende menschliche Figur in den Mittelpunkt. Bei Frauenkörpern sind stets die geschlechtsspezifischen Merkmale überbetont – diese Darstellungsweise teilt Azpiri mit Künstlern in diesen Tagen. (Was mich zur Vermutung bringt, dass Comiczeichner ein ziemlich notgeiler Haufen sind.)
Das Schöne an seinen Bildern ist, dass sie etwas Leichtes haben. In den SciFi- und Fantasy-lastigen Bildern sind Spuren von Jugendstil zu finden. Diese Muster in den Haaren seiner Frauen(bilder) können einfach kein Zufall sein. Fast könnte der Betrachter glauben, Azpiri habe Anleihen bei Alfons Mucha genommen und diese auf moderne Zeiten portiert.
Farblich sind die Bilder ungeheuer kraftvoll ausgeführt. Ich mag den Einsatz von stark kontrastierenden Farbeindrücken. Im Bild Pesadillas imitiert Azpiri auf seine Art den Giger-Stil, grau-braun Töne, organische Strukturen, eine nackte Frauengestalt. Aber irgendwie schaut es gezwungen aus. Schöner sind die Bilder, in denen Azpiri loslassen kann und Bewegungen mit einfließen lässt wie zum Computerspiel Rocky.
Azpiris Phantasie und Zeichenstil sind angesichts neuerer Darstellungen von außergewöhnlichen Figuren moderner denn je. Neben den Frauengestalten, die auch in Männermagazine Einzug hielten, sind seine Monster beinahe etwas, was als Vorlage zu Monster AG gedient haben könnte.
Wer sich einen Eindruck über seine Arbeiten verschaffen möchte, schaue im Google-Suchergebnis zu Alfonso Azpiri.
Einen guten Eindruck vermittelt auch die kleine Galerie unter fictionalworlds.
Wer etwas über den erwähnten Alfons Mucha wissen möchte, schaut am besten auf der offiziellen Homepage nach, die es auch in einer deutschsprachigen Variante gibt. 🙂