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Comic Blog


Sonntag, 11. August 2019

LADY S – GESAMTAUSGABE 1

Filed under: Thriller — Michael um 17:17

LADY S - GESAMTAUSGABE 1Bedrängt, gejagt, verfolgt durch die Zwänge und Brutalitäten einer Diktatur gerät ein junges Mädchen aus ihrer behüteten Welt geradewegs auf den Weg der Kriminalität. Ihr Name: SHANIA RIVKAS. Tochter eines akademisch ausgebildeten Elternpaares. Eines Nachts bricht der KGB, der sowjetische Geheimdienst, ins Heim der Familie ein. SHANIA kann entkommen und wird, begünstigt von einem glücklichen Zufall, von einem alleinstehenden Jugendlichen, ANTON SERGEJEWITSCH GRIWENKO, gerettet. Angeleitet von dem jungen Mann, der sich zu einem großen Bruder auswächst, lernt sie ohne Eltern auf den Straßen zu überleben. Stehlen wird essenziell. Und SHANIA gelingt es, darin eine hohe Professionalität zu erlangen. Bis sie eines Tages eine schicksalshafte Begegnung hat.

Der Belgier JEAN VAN HAMME ist einer der erfolgreichsten europäischen Comic-Autoren. Einzeltitel wie DIE BLUTHOCHZEIT, Serien wie WAYNE SHELTON, LARGO WINCH, XIII oder THORGAL haben hierzulande viele Fans gewonnen. Die Comic-Vorlagen brachten auch Verfilmungen z.B. wie von DIE BLUTHOCHZEIT hervor (dt. Kinofilm mit ARMIN RHODE, UWE OCHSENKNECHT). Eine Übersicht seiner Veröffentlichungen (hier ist nur ein kleiner Teil) macht schnell ein Hauptgenre deutlich: THRILLER. Hier macht JEAN VAN HAMME kein anderer Autor etwas vor. Er entwickelt sehr gerne ausgefeilte Hauptcharaktere, aus einem frühen, jungen Stadium an, strickt an sehr detailierten Lebensläufen und macht diese Figuren für Leser ungeheuer genau nachvollziehbar.

JEAN VAN HAMME hat innerhalb des Genres seine speziellen Felder ausgemacht. Dazu gehören die HOCHFINANZ, INTERNATIONALE POLITIK, SPIONAGE und fremde LÄNDER quer über den gesamten Erdball. Insofern passt die Figur der späteren LADY S sehr gut in die erzählerischen Interessen von JEAN VAN HAMME. SHANIA RIVKAS bewegt sich in eben jenen Gebieten, perfekt ausgestattet mit einem ADOPTIVVATER, der als BOTSCHAFTER der VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA tätig ist.

JEAN VAN HAMME versteht sich auf zweierlei. Einerseits versteht er sich darauf, eine Geschichte geradlinig voranzutreiben, andererseits verschachtelt er dicht, gerne auch mal mit Rückblicken versehen. LADY S will nicht nicht einfach so heruntergelesen werden. Hier ist auch Aufmerksamkeit gefragt. Die Spannung ist häufig psychologischer Natur im Spiel der Charaktere zu finden. Action gibt es in der ersten GESAMTAUSGABE von LADY S, aber keinesfalls als Selbstzweck und sie ist auch nicht mit jenem HOLLYWOODBLOCKBUSTER-FLAIR behaftet wie z.B. bei einem WAYNE SHELTON.

SHANIA RIVKAS bildet als Charakter ein Paradebeispiel einer modernen, toughen, jungen Frau. Bestens bewandert auf dem politischen wie auch diplomatischen Parkett kann sie sich dank ihres Hintergrundes ebenfalls ihrer Haut erwehren. Was nicht allzu oft nötig ist. Dafür ist weitaus häufiger Fingerspitzengefühl gefragt. Kein Wunder, sind doch BRÜSSEL, WASHINGTON, LANGLEY Orte des Skalpells, nicht des Hammers (was so mancher seit Januar 2017 wahrscheinlich nicht mehr so sieht). Comic-Zeichner, die mit JEAN VAN HAMME zusammenarbeiteten, stehen meist für starke realistische Bilder. Mit PHILIPPE AYMOND verhält es sich ebenso.

Als Illustrator geht er bei seinen Figuren mit der gleichen Detailverliebtheit wie sein schreibender Kollege JEAN VAN HAMME zu Werke. Jede Figur ist nach Möglichkeit ein Unikat, zumindest jene, die etwas zu sagen haben. (Bei Komparsen ist das Ganze etwas zu vernachlässigen.) Wer zum Beispiel die Arbeiten von CHRISTIAN DENAYER (WAYNE SHELTON) oder PHILIPP FRANCQ mag, kann rein optisch bedenkenlos zugreifen. LADY S bewegt sich auf jeder Seite in einer realen Welt, aber anders als in anderen Serien von JEAN VAN HAMME, bewegt sie sich nicht immer an besonders exklusiven oder exotischen Orten. An den meisten Orten könnte ebenso gut OTTO NORMALVERBRAUCHER um die Ecke kommen. Und es passt so: Wenn ein z.B. gewöhnliches BRÜSSELER HAUS zur Todesfalle werden kann, fühlt man sich als Cineast an FRANTIC erinnert. Eine Klettertour über innerstädtische Häuserdächer ist und bleibt ungewöhnlich.

Perfekt, routiniert, durchweg spannend. JEAN VAN HAMME ist einfach ein Garant für tolle Thriller-Unterhaltung. LADY S bedeutet für den Leser eine femininere Art des Spionage-Thrills, ohne oberflächliche Kloppereien (die auch bei weiblichen Actionstars zum Pflichtprogramm gehören). Hier ist eher wie in modernen dicht erzählten Serien AUFPASSEN Trumpf. Das gefällt mir sehr gut! Nicht zuletzt wegen der technisch versierten Illustrationen von PHILIPPE AYMOND. 🙂

LADY S, GESAMTAUSGABE 1: Bei Amazon bestellen.
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Montag, 01. Juli 2019

SHOOTING RAMIREZ – 1. AKT

Filed under: Thriller — Michael um 16:23

SHOOTING RAMIREZ - 1. AKTMit verbundenen Augen! JACK RAMIREZ repariert einen Staubsauger mit einer Stoffbinde vor dem Gesicht und raucht dabei auch noch eine Zigarette. Seine Kollegen können es nicht fassen, ist doch der Filter bei Modell AV 700 nur von einem Experten mit Fingerspitzengefühl zu wechseln. HENRY JACKSON ist sprachlos, aber nur kurz. Denn dann ist ein heftiges Lob an den Kollegen JACK RAMIREZ fällig. Dieser sei ein Hexer! JACK nimmt das Lob ebenso sprachlos entgegen. Er ist stumm. Später, als HENRY JACKSON von der Polizei verhört wird, kann dieser es nicht fassen, dass dieser kreuzbrave Mechaniker ein gefährlicher Mann sein soll …

Wer BREAKING BAD mochte, wird SHOOTING RAMIREZ lieben. Wer filmreife Wendungen, überraschende Kniffe, geschliffene Dialoge im TARANTINO-STIL mag, kann hier einsteigen und sich wohlfühlen. Fans der fünfteiligen Comic-Serie WONDERBALL sind hier ebenfalls goldrichtig. Wer sich für Krimis und Thriller vor dem Hintergrund der 1980er begeistern kann, ob nun original oder retrostyle, ist hier gleich zuhause. Die Figuren sind erstklassig aufgebaut, sogar jene, die keine lange Lebensdauer haben. Was in einem Krimi oder Thriller eine nicht unübliche Vorgehensweise ist. Die Optik ist State of the Art, die Titelbild-Technik zieht sich durch den gesamten Band mit seinen 144 Seiten. Die Kolorierung generiert eine FALCON CITY im Bundesstaat ARIZONA an den heißesten Tagen des Jahres. Hier brennt die Luft. Die Charaktere sind allesamt perfekt durchdesigned, in einer Mischung aus mexikanisch-südamerikanischer Abstammung und amerikanischem Durchschnittsbürger (was in den meisten Fällen einen Haufen Schnittmengen ergibt).

Also, viel Begeisterung von meiner Seite für SHOOTING RAMIREZ, der für mich ein echter Überraschungshit ist und nicht nur wegen seiner Geschichte, seiner tollen Erzähltechnik und den Illustrationen. NICOLAS PETRIMAUX (und ein Team, das im Anhang aufgeführt ist) hat hier ein echt liebevolles Gesamtpaket geschnürt. Die Hauptfigur JACK RAMIREZ arbeitet bei ROBOTOP, einem Hersteller von Staubsaugern. (Und JACK RAMIREZ dürfte eine der wenigen Comic-Figuren sein, die stumm sind.) Darüber hinaus lernt der Leser noch den Aufbau des neuen Vorzeigemodells kennen, den VACUUMIZER 2000. Fiktive Nachrichten senden Fakten zur Markteinführung des Gerätes. Werbeanzeigen von weiteren Gegenständen, Fahrzeuge, Kleidungsstücke, Bier, Banken, natürlich dem neuen Staubsauer selbst schaffen eine dichte Atmosphäre und machen wegen ihrer augenzwinkernden Gestaltung richtig Spaß.

Alles sehr amerikanisch! Wer genau hinsieht, wird einige Muscle-Cars in den Straßen entdecken, die mit überdimensionierten Außmaßen daher kommen (im Vergleich zur europäischen Enge). Gleich zu Beginn springt einem der legendäre AC COBRA Sportwagen ins Auge. NICOLAS PETRIMAUX lässt sich den Spaß nicht nehmen, seinen Helden JACK RAMIREZ in einem quietschgelben RENAULT-5-Klon durch die Gegend tuckern zu lassen. Ein Kleinwagen dieser Art fällt im Amerika der 1980er mit seinen riesigen Benzinschleudern natürlich auf wie ein bunter (winziger) Hund. Darüber hinaus hat JACKS Auto ähnliches zu erdulden wie damals der qietschgelbe 2CV (ENTE) unter den lenkenden Händen von JAMES BOND (IN TÖDLICHER MISSION). Eine Hommage? Wer weiß? Das mag natürlich nur für Automobilliebhaber interessant sein. Alle anderen können viele Details in der 1980er Jahre Actionfilmoptik entdecken, nebst ganzseitig oder doppelseitig aufgezogenen Plakaten.

Bildgewaltig im Großen wie im Kleinen! Das reißt es schon an. Ob es collageartige Bildanordnungen sind, halbseitige, ganzseitige Stimmungsbilder (z. B. JACK RAMIREZ mutterseelenallein vor seiner Erinnerungswand; man mag sich so seine eigenen Gedanken über das machen, was da so alles aufgehängt und gesammelt worden ist) oder doppelseitige Kracher, die einen nach dem Umblättern anspringen, die Rasanz einer Actionszene, über die Seite hinweg choreografiert oder in einem etwas größeren Bild konzentriert, einprägsam und mitziehend sind sie alle. NICOLAS PETRIMAUX gestaltet Typen, ein wenig überspitzt vielleicht, dafür umso eingängiger, bis hin zu einem Frauenpärchen, das sein Schicksal wie einst THELMA UND LOUISE in die eigenen gewalttätigen Hände nimmt.

Ein Comic, wo alles stimmt. NICOLAS PETRIMAUX hat sein gesammeltes Können aus vier Jahren Studium Angewandter Kunst, Konzeptdesign für Videogames und vielen künstlerischen Erfahrungen mehr gebündelt und hier konzentriert zu Papier gebracht. Hier kennt jemand sein Genre und weiß, was das Medium Comic alles zu transportieren vermag, nämlich verdammt viel. Hier werden Möglichkeiten ausgereizt, hier wird erzählt und fabuliert, mit perfektem Timing. Wer einmal bewiesen haben will, dass sich Comic hinter keinem anderen erzählerischen Medium verstecken muss, sollte sich SHOOTING RAMIREZ reinzieh’n (ein bisserl Slang passend zur Gangsterballade). TOP! 🙂

SHOOTING RAMIREZ, 1. AKT: Bei Amazon bestellen.
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LINK: http://www.shooting-ramirez.de/ (Vorstellung von Story, Figuren etc. inkl. eines bewegten Comic-Trailers.)

Mittwoch, 08. Mai 2019

THE WALKING DEAD 31

Filed under: Thriller — Michael um 8:45

Gerade noch trafen zwei neue Weltordnungen aufeinander, die einzelnen Niederlassungen, die existierten, weil der ehemalige Polizist RICK GRIMES und seine Leute in Geschehnisse verwickelt wurden, die sie bis an ihre Grenzen trieben. Und die FLÜSTERER, die sich unter die Toten mischten, eine halbwilde Zivilisation entwickelten, die sich auf das Recht des Stärkeren berief. Gerade noch wurde dieser Krieg entschieden und die Welt wieder etwas friedlicher. Die Toten sind nun lange nach Ausbruch der Seuche weniger geworden, langsamer auch, da die alten Leichen zusehends verrotten. Da bahnt sich eine neue Konfrontation an.

Eine GOUVERNEURIN, PAMELA MILTON, ordnet eine Niederlassung, die ihren EINWOHNERN ihren Platz genau zuteilt. Es geht um Nützlichkeit. Je nützlicher, je wertvoller. Unterschwellig ist der Totalitarismus an jeder Ecke zu spüren und eine kaum verhüllte Dynastie schickt sich an zu entstehen. RICK GRIMES beobachtet diese Gesellschaftsstruktur mit Vorsicht, teils Misstrauen, aber er hat auch aus der Vergangenheit gelernt. Konfrontation brachte bislang nur Krieg. Mit jenen, die mit den TOTEN lebten, mit NEGAN, mit dem GOUVERNEUR. Vielleicht gibt es einen anderen Weg. Doch nicht alle aus seiner Gemeinschaft halten ein langsames Herantasten an einen neuen Handelspartner für den richtigen Weg. Gewalt und Aufstand sind legitime Mittel der neuen Politik geworden.

Wer nicht aufpasst, kann in dieser Welt lebendig gefressen werden. Wenn er Pech hat. Es ist nicht mehr die Welt der LEBENDEN TOTEN, des WALKING DEADS. Das Blatt wendet sich langsam, aber deutlich zugunsten der LEBENDEN. In der 31. Episode, VERDORBEN BIS INS MARK, sind die Zombies nicht mehr die unaufhaltsamen Monster. Man hat gelernt, mit ihnen umzugehen. Ganz besonders die Gesellschaft unter GOUVERNEURIN hat Strukturen geschaffen, um der nach wie vor ständigen Bedrohung Herr zu werden, nämlich eine Berufsarmee (oder besonders martialisch auftretende EXEKUTIVE). ROBERT KIRKMAN, Autor von THE WALKING DEAD, schildert eine Gesellschaftsform, von der sich seitens des Lesers sagen lässt, dass ihm diese durchaus bekannt ist. Sie ist nämlich der unseren sehr ähnlich.

In der von ROBERT KIRKMAN geschilderten Siedlung werden Menschen an ihre Plätze verwiesen. Ein ehemaliger Status in der alten Welt wird zurückerstattet. Am Beispiel MICHONNE bedeutet dies, dass sie ihr japanisches Schwert beiseite legen und in ihren alten Beruf als RECHTSANWÄLTIN zurückkehren kann. Plötzlich wird diesem (von ROBERT KIRKMAN in der Vergangenheit arg gebeutelte) Charakter ermöglicht, zur Ruhe zu kommen, mit der TOCHTER wieder vereint zu sein und ein Leben unter dem Schutz eines Polizeistaates zu führen, wie es ursprünglich geplant war. Das wirft von vielerlei Seiten Fragen auf, die ROBERT KIRKMAN auch munter (in der Handlung versteckt) stellt.

Vor den politischen Ereignissen geraten die zwischenmenschlichen Befindlichkeiten fast ins Hintertreffen. PRINCESS, eine junge Frau, von ROBERT KIRKMAN außerordentlich anders konzipiert als der Rest der Figuren, hat nach lange erzwungener Einsamkeit, endlich wieder eine Beziehung. SOPHIA PELETIER hingegen, eine schwesterliche Freundin von CARL GRIMES, RICKS Sohn, leidet darunter, dass unter den Überlebenden niemand zu sein scheint, der zu ihr passt oder ihr gefallen will. MICHONNE (und ihrer Tochter) wird sogar eine Art URLAUB (in GREENVILLE) gestattet. Letztlich sind es kleine Probleme, auch glückliche Momente, die den Spannungsbogen lediglich auflockern.

Die Tuschearbeit von STEFANO GAUDIANO macht aus den Zeichnungen von CHARLIE ADLARD teils sehr feine, zerbrechlich wirkende Grafiken mit oft sehr dünnen Linien. Es wird zwar gleich zu Beginn mit einer optisch ansprechenden Zombiehorde geschockt, doch der Fokus hat sich hin zu einer Thriller-ähnlichen Atmosphäre verschoben. CHARLIE ADLARD darf viele Gesprächssituationen zeigen und diese neue Welt abbilden, die wie eine utopische Insel inmitten altbekannten Horrors existiert. Die schöne Individualität der einzelnen Figuren holt den Leser klasse ab und bietet bestimmt für jeden einen Sympathiecharakter.

Eine deutlich gewandelte Serie, aber konsequent von ROBERT KIRKMAN bis zu diesem neuen Wendepunkt entwickelt. In schöner Schwarzumsetzung dargeboten, dürften sich langjährige Serienfans über den abwechslungsreichen Fortgang freuen. Mir jedenfalls gefällt es! 🙂

THE WALKING DEAD 31, VERDORBEN BIS INS MARK: Bei Amazon bestellen.
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Mittwoch, 03. April 2019

GUERILLAS – BAND 4

Filed under: Thriller — Michael um 16:42

GUERILLAS - BAND 4Zwei deutsche Zwillingsbrüder, deren Arbeit niemals gut genug für den Vater war, der ebenfalls als Wissenschaftler tätig gewesen ist. Der allerdings, weil er im Dritten Reich auf der Seite der Deutschen forschte, sich keinerlei Restriktionen auferlegte und deshalb über Leichen ging. Für die beiden Zwillinge KURT und KLAUS HEISLER, die später für die Amerikaner im Kalten Krieg nach neuen Wegen suchen, eröffnen sich diese Möglichkeiten nicht. Beschämt verteidigen sie sich vor ihrem wütenden Vater, der ihnen außerdem vorwirft, seine Erkenntnisse für ihre Forschungen gestohlen zu haben. In ihrer Frustration gehen die beiden Wissenschaftler so weit, wie es die gesetzlichen Grenzen eines freien Landes erlauben …

BRAHM REVEL erinnert technisch ein wenig an MIKE MIGNOLA oder auch DARWYN COOKE. Ähnlich wie diese Künstler, die rein schwarzweiße Illustrationen bevorzugen (oder farblich sparsame Varianten), kann auch BRAHM REVEL mehr als nur so reduzierte Illustrationen abzuliefern. Das bezeugt allein schon das Interview im Anhang des vorliegenden Bandes mit den angegliederten Illustrationen zu GUERILLAS, in denen die Charakterzeichnungen der agierenden SCHIMPANSEN noch deutlicher ausfallen als im eigentlichen Comic.

Künstlerische Wurzeln des Comic-Autoren und Zeichners BRAHM REVEL liegen in den Bereichen ANIMATION und STORYBOARDING. Mit den beiden erwähnten Kollegen gemeinsam hat er ein ebensolchen eigenen Stil, vielleicht noch nicht ganz unverwechselbar, aber auf jeden Fall sehr eindringlich. Denn hier im vierten und letzten Band der kleinen Serie merkt man den ausgebildeten STORYBOARDER auf jeder Seite. Ihm gelingt es, mit wenigen Strichen Eindruck auf den Leser zu machen, einen filmisch schnell zu erfassenden Stoff abzubilden. Die Handlung wird eigentlich nur von den Texten heruntergebremst. Häufig genug aber lässt BRAHM REVEL die Bilder erzählen und wirken, ganz besonders, wenn es um die GUERILLAS selbst und auch den PAVIAN ADOLF geht, einem Primaten einer konkurrierenden Versuchsreihe.

Optisch wird die Geschichte nur zu Beginn verlangsamt (wenn man es so nennen will). Vielleicht das erste Sechstel ist mit Rückblicken angereichert und baut dem Schluss ein zusätzliches Fundament (zu den ersten drei Teilen). Die Motivation der Wissenschaftler wird deutlicher, die Entstehung der intelligenten Affen und ihre Vermischung mit den Ereignissen des VIETNAM-KRIEGES. Danach heißt es: Finale. Es geht Schlag auf Schlag. BRAHM REVEL hat viele Erfahrungen aus seinem STORYBOARDING eingefügt. Der szenische Wechsel, der die Handlung regelrecht voranpeitscht, ist perfekt eingesetzt, bleibt aber nicht an der Oberfläche, sondern lässt sogar noch Charakterentwicklung zu.

Die Geschichte wird rein Schwarzweiß erzählt, lediglich eine einzige Graustufe wird zur leichten Schattierung eingesetzt. Das genügt vollauf. Natürlich behält BRAHM REVEL den bisherigen grafischen Stil bei. Comic-Freunde, die lediglich auf die komplett durchgestylten Bilderlebnisse setzen, werden hier etwas verpassen, aber an denen werden die genannten Künstler vorbei gegangen sein oder auch ein FRANK MILLER. Die STORYBOARDTECHNIK, die BRAHM REVEL hier anwendet, arbeitet mit starken Kontrasten und erschafft Bilder, die es dem Auge des Lesers ermöglichen Feinheiten selbst zu komplettieren. In der (wahrscheinlich) von ihm gedachten Lesegeschwindigkeit vermisst man nichts.

Wer hätte es gedacht? GUERILLAS 4 ist auch eine Geschichte über Eifersucht, die sich zu tödlichem Hass entwickelt. In einem der Handlungsstränge, zurückgehend auf Ereignisse, die teils bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zurückreichen, treffen der PAVIAN ADOLF und der SCHIMPANSE GOLIATH aufeinander. Im Trainingsprogramm (zu äffischen Supersoldaten) messen sich die beiden Affen in Disziplinen, die eigentlich überhaupt in das Leben eines Primaten gehören, darunter auch SCHACH. Diese Szenen bilden einen tollen Gegensatz zum späteren Szenario im vietnamesischen Dschungel, in dem die taktischen Fertigkeiten der Affen zum Tragen kommen. Aber im wirklichen Leben bleiben die Figuren nicht einfach an ihrem Platz und so bricht bald das Chaos aus. Es lassen sich eben nicht alle Einflüsse kalkulieren.

Begeistert: Eine der innovativsten Comic-Erzählung der letzten Jahre. Rasant geschildert, sehr stark filmisch, skizzenhaft zu Papier gebracht, fast wie Momentaufnahmen oder ein bildhaftes Tagebuch. Das Kriegsabenteuer über eine kleine Einheit im Kampf trainierter SCHIMPANSEN ist im vierten und letzten Teil hoch spannend und von BRAHM REVEL wie ein einziges (fast zur Gänze durchgängiges) Finale erzählt und gestaltet. BRAHM REVEL hat hoffentlich schon die nächste Idee in der Schublade! 🙂

GUERILLAS, BAND 4: Bei Amazon bestellen.
Oder bei All Verlag.

Link: http://www.elrevel.com/ (Homepage von BRAHM REVEL mit vielen grafischen Mustern)

Donnerstag, 07. März 2019

I.R.$ 18 – KATE’S HELL

Filed under: Thriller — Michael um 11:31

I.R.$ 18 - KATE'S HELLWer ist die Frau, die LARRY MAX belästigt? In welchem Verhältnis stehen all die verschiedenen Frauennamen zueinander, die LARRY MAX bei seinen Recherchen ausgräbt? Was wurde aus diesen Frauen? Wichtiger noch: Wie sah das Schicksal seiner Eltern tatsächlich aus? Was geschah am Tag des Flugzeugabsturzes? LARRY MAX geht unaufhaltsam auf die Lösung eines Geheimnisses zu, mit dem Kopf durch die Wand, doch was ihn am Ende erwartet, darauf ist selbst er nicht gefasst.

LARRY MAX hat es nicht leicht gehabt in seinem Leben, noch ist er je bereit gewesen, den leichten Weg zu nehmen. Die Eltern kamen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Immerhin hat er seine Schwester, die ihm noch Famlie ist und zur Seite steht. STEPHEN DESBERG führt hier den Zweiteiler UNDERCOVER fort. Begonnen hat alles mit Band 17, LARRY’S PARADISE, nun lichten sich die Geheimnisse. Es könnte kaum schlechter für LARRY MAX kommen. Denn sein über viele Jahre aufgebautes Weltbild, die eigene Geschichte wird ziemlich auf den Kopf gestellt.

STEPHEN DESBERG überrascht den Leser nicht nur mit einer sehr dicht erzählten Handlung, er hat auch einige Wendungen parat, die den weltbesten Steuerfahnder so stark in den Mittelpunkt der Geschichte rücken wie lange nicht. Während eine geheimnisvolle Organisation Jagd auf Menschen macht, die sich der Korruption im globalen Stil schuldig gemacht und Milliarden in dunklen Kanälen beiseite geschafft haben, wird LARRY MAX mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Man gewinnt zeitweilig den Eindruck, STEPHEN DESBERG wolle seinen Helden hier demontieren oder zumindest vor einen vollkommenen Neuanfang stellen. Das ist, gemessen an der Langlebigkeit der Serie, eine Technik von STEPHEN DESBERG, die eine Figur wie LARRY MAX gar nicht erst Staub ansetzen lässt.

BERNARD VRANCKEN steht weiterhin für das an die Realität angelehnte Design. Wer die Thrillerserien im Medium Comic in den letzten Jahren (Jahrzehnten eigentlich) verfolgt hat, kann hier sogleich einsteigen (bei einem Zweiteiler, die Kenntnis des jeweils ersten Bandes vorausgesetzt). Gleichzeitig gibt es eine Film-Noir-Stimmung (man beachte das Frauenportrait im Hintergrund des Titelbildes, ein gelungener Hinweis auf dieses Genre), die durch kleine Rückblicke, Erinnerungen befeuert wird und sich farblich in einer graubraunen Tönung absetzen.

Der ernste LARRY MAX: Man sieht es gleich auf dem Titelbild, LARRY MAX ist ein gut aussehender Typ, von der knallharten Sorte und die lachen bekanntlich nicht. Fast nicht. Ein einziges Mal entgleisen LARRY MAX‘ Gesichtszüge. In einem Gespräch mit seiner Schwester kann er sich ein Lächeln nicht verkneifen. Viel öfter sieht man nachdenklich, verärgert, kalt, allenfalls freundlich aufgeschlossen, doch kaum mehr wird der Titelfigur von BERNARD VRANCKEN und STEPHEN DESBERG nicht zugestanden. Sogar optisch wird hier deutlich, dass der Leser keine Spassnummer erwarten darf.

STEPHEN DESBERG erzählt einen geradlinigen Thriller mit einem Helden, der in die 18. Runde geht. LARRY MAX hat immer noch seine Geheimnisse und gegen Ende erfährt sein Leben eine Neuausrichtung. Die Serie bleibt und gleichermaßen sich treu. Für Fans und Thriller-Freunde uneingeschränkt zu empfehlen (Band 17, der erste Teil der Doppelfolge, sollte allerdings bekannt sein). 🙂

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Donnerstag, 24. Januar 2019

JACKIE KOTTWITZ Gesamtausgabe – Band 8

Filed under: Thriller — Michael um 17:29

JACKIE KOTTWITZ Gesamtausgabe – Band 8PATER ARTHUR ist zunächst von der Großzügigkeit einzelner Gemeindemitglieder überrascht und erfreut. Ihre Emotionen hingegen, begleitend zu Präsentation der Spende, sprechen eine andere Sprache. Sie nur wütend zu nennen, wäre untertrieben. Jemand in der Gemeinde erpresst einzelne, wohlhabendere Frauen und Männer mit Geheimnissen, die in der Beichte ausgesprochen worden sind. ARTHUR zieht JACKIE KOTTWITZ zu Rate. Und nicht zu spät, denn bald schon hat PATER ARTHUR seine erste körperliche Auseinandersetzung, die mit einem blauen Auge noch glimpflich ausgeht …

Vielfältig und sehr menschlich präsentieren sich die in diesem Band versammelten drei Geschichten rund um den Pariser Privatdetektiven JACKIE KOTTWITZ. Wer den Serienhelden noch nicht kannte, wird hier keinen SAM SPADE vorfinden. Hier stolpert JACKIE KOTTWITZ regelrecht in seine Fälle hinein. Mal humoristisch angehaucht, mal sentimental, mal höchst tragisch sind die Fälle, an deren Aufklärung er mehr oder minder seinen Beitrag leistet.

Den Anfang macht die Episode MATHIAS. Hier weiß JACKIE KOTTWITZ zunächst überhaupt nicht, wie ihm geschieht. Eigentlich soll er bloß für eine Auftraggeberin nach einer alten Dame schauen, die nicht mehr zu erreichen ist. In Sorge um das Wohlergehen der Seniorin möchte MADAME ZELDA, eine Nachbarin von JACKIE, dass er dem Haus ihrer Freundin MIREILLE einen Besuch abstattet. Dieses stellt sich als verschlossen heraus. Durch ein Fenster sieht der junge Detektiv die alte Frau bewusstlos am Fuße einer Treppe liegen. Er verschafft sich Zutritt und wird, während er noch mit der Notrufzentrale telefoniert, von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei überwältigt.

MATHIAS präsentiert sich zu Beginn sehr ernst, wechselt dann aber in eine Art MONSIEUR HULOT. JACKIE KOTTWITZ ist hier ein ziemlicher Spielball der einzelnen Situationen und Kräfte. Bei der Polizei macht er sich auch nicht gerade neue Freunde. Spannungselemente und Menschlichkeit zieht Zeichner und Erzähler ALAIN DODIER aber weiterhin durch, nur die Gewichtung ist eine andere als in den beiden nachfolgenden Episoden. Denn die steigern sich deutlich, bis es richtig traurig wird.

In POST MORTEM erfahren etwas mehr aus dem Privatleben rund um JACKIE KOTTWITZ. Ins Zentrum rücken der priesterliche Freund, PATER ARTHUR, und JACKIES Freundin, die Stewardess BABETTE. Hier wird nicht nur das gespaltene Verhältnis einer Tochter zu ihrem Vater behandelt, auch die Thematik des Beichtgeheimnisses wird im Rahmen eines Falles von JACKIE beleuchtet. Weil PATER ARTHUR sich dem Vorwurf aussetzen muss, das Beichtgeheimnis verletzt zu haben und nun, um dem Gotteshaus die Renovierung der Orgel zu ermöglichen, diverse Gemeindemitglieder um höhere Geldbeträge zu erpressen. Mit BABETTES Vater hingegen rückt ALAIN DODIER das Thema Verzeihen in den Fokus. POST MORTEM funktioniert auf all diesen Ebenen, ist aber betrachtet man es von der nachfolgenden Geschichte her, eine Fingerübung von DODIER.

Denn DER EREMIT ist ein regelrechtes Gesellenstück. Es ist weniger der Inhalt selbst, als vielmehr das Konstrukt, die Erzählweise, die begeistern kann, weil ALAIN DODIER die Tragik langsam an den Leser heranführt. Eher als die Hauptfiguren selbst, JACKIE KOTTWITZ und seine BABETTE, erfährt der Leser, was sich in der Vergangenheit ereignete.

Dabei ist der Auftrag zunächst denkbar einfach. Ungewöhnlich zwar, aber einfach. Einem sehr von der Welt abgeschieden lebenden Mann soll ein Brief überbracht werden. Vor vielen Jahren wurde ein Dorf im Zuge einer Flutung für einen Staudamm aufgelöst. Nur die ehemalige Kirchturmspitze ragt noch aus dem Stausee empor. An den Hängen der Gebirgsgegend sind ein paar baufällige Häuser erhalten geblieben. Und in einem davon lebt besagter EREMIT. Keine Handyverbindung ist hier möglich. Einen Festnetzanschluß gibt es nicht. Sogar die Post hat den Verkehr in diese Region logischerweise eingestellt. So wird JACKIE kurzerhand zum Boten bestellt.

Der Inhalt des Briefes ist brisant. In Rückblicken erfährt man, was sich in der Vergangenheit zugetragen hat und wie diese sich nun im Brief enthüllen muss. Die Geschichte ist nicht unbedingt ein typischer französischer Inhalt, aber einer, von dem ich behaupten möchte, dass besonders französische Autoren derlei in Europa am besten zu erzählen vermögen. Tragisch, spannend, obwohl die Hauptfiguren der Serie hier ein wenig zu Nebenrollen degradiert werden. Dennoch eine schönsten und traurigsten Episoden der Serie.

Es ist Comic, es ist Krimi, es ist literarisch: ALAIN DODIER darf den Erzählerstuhl ruhig weiter besetzen (er war ursprünglich »nur« der Zeichner der Serie). Er trifft neben dem richtigen Strich genau den richtigen Ton. Klasse!

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Sonntag, 12. August 2018

WONDERBALL 5 – IMKER

Filed under: Thriller — Michael um 18:27

WONDERBALL 5 - IMKEREine Verschwörungstheorie: Menschen werden gezüchtet, so wie Bienen gezüchtet werden. Arbeiter, Soldaten, Drohnen, ganz gleich, wie man sie nennt, Hauptsache, sie gehorchen. Das COLLEGIUM OCCULTUM hat es sich seit Jahrzehnten zur Aufgabe gemacht, die Welt mit ihnen gehorsamen Dienern zu überschwemmen. Leider funktioniert die Konditionierung nicht korrekt, freundlich formuliert, und die Drohnen sind vielerorts zu gefährlichen Irren mutiert. Hinter allem steckt der IMKER. Der suspendierte INSPEKTOR SPADACCINI und das PHANTOM wollen ihn endgültig zur Strecke bringen …

Fünfte und letzte Runde im Verschwörungsthriller von FRED DUVAL, JEAN-PIERRE PÉCAU (und FRED BLANCHARD): 1983 erfuhren die Ermittlungsarbeiten noch keine Unterstützung durch vernetzte Überwachungskameras, schnelle Datenübermittlung oder dergleichen. In den Vereinigten Staaten findet ein Wandel statt, aber die Polizei muss am Beispiel der INSPEKTORIN OSTERBERG immer noch viel Fußarbeit leisten, zunächst in Los Angeles, um ans Ziel zu gelangen.

Konsequentes Zeitkolorit über die gesamte Strecke der fünfteiligen Serie: Durch die tolle Arbeit von Comic-Künstler COLIN WILSON stimmt das Ambiente der 1980er. Und daran wird nicht gegeizt. Exemplarisch steht hierfür der fünfte Teil, der den Leser nicht mit Texten bombardiert, sondern wie ein Regisseur vom Stile eines FRANCIS F. COPPOLA viele Bilder wortlos wirken lässt. So entsteht ein grandioser filmischer Eindruck. Das mag auch an den vielen sehr ausgesuchten Spielorten liegen. Wenn ein INSPEKTOR SPADACCINI auf einer roten Eisenbahnbrücke über einem rötlichen Abgrund aus Stein und Staub, einer regelrechten Westernkulisse, steht, ist die Wirkung nicht nur immens. Der Leser erhält gleichzeitig einen optisch deutlich markierten Startschuss hin zum lang gestreckten Showdown.

Ein konsequenter Bösewicht und seine Lakaien: Gleich das Titelbild zeigt den IMKER, den Mann hinter der groß angelegten Verschwörung, einer Unterwanderung der Gesellschaft durch ein riesiges Experiment. Für den Mann sind Menschen wie Drohnen zu behandeln. Ausgerichtet auf einen Zweck, jederzeit abrufbar für einen Krieg, den, folgt man den Theorien des COLLEGIUM OCCULTUM, es zweifelsfrei gibt. Vor dieser Thematik ist WONDERBALL, obwohl in den 1980er Jahren angelegt, geradezu modern, denn Verschwörungstheorien sind momentan wieder so In wie lange nicht.

Vordergründig haben FRED DUVAL, JEAN-PIERRE PÉCAU (und FRED BLANCHARD) einen Breitwandthriller geschrieben, der viele Elemente einsetzt, die der Leser in solch einem Szenario erwarten darf: Schießereien, Car Crashes, Verfolgungsjagden per Automobil und Motorrad, Anschläge, Explosionen (und dank COLIN WILSON immer schön spektakulär inszeniert). Die Figuren sind über die ersten vier Folgen sehr gut charakterlich umrissen worden, das Setting wurde sehr glaubwürdig umgesetzt, deshalb gliedert sich die Action wie gut geölte Bausteine über die Länge ein.

Raus aus den Straßen von San Francisco, raus aus Los Angeles: Es interessant, wie sich der Thriller entwickelt. Aus der innerstädtischen Atmosphäre verwandelt sich das Szenario in eine Art Spätwestern. Das hat durch das Auftreten mancher Figuren und die stellenweise ausgewählt gezeigte Gewalt Anklänge eines Werks wie NO COUNTRY FOR OLD MEN. Abgesehen von SPADACCINI, der nicht mehr genau weiß, ob er ferngesteuert ist oder nicht, hadert hier kaum einer mit seinem Schicksal und geht sehr zielbewusst seinen Weg.

Wow! Starker Stoff! Insgesamt ein toller in fünf Teilen abgeschlossener Thriller. Im Besonderen in dieser fünften Folge von WONDERBALL, IMKER, perfekt illustriert von COLIN WILSON (wie über die ganze Strecke der Serie), sorgfältig erzählt mit genau gesetzten Spannungsbögen von FRED DUVAL, JEAN-PIERRE PÉCAU (und FRED BLANCHARD). Klasse! Meine Empfehlung an alle Comic-Thriller-Fans (und Fans von Colin Wilson). 🙂

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Montag, 23. Juli 2018

PUNISHER PLATOON

Filed under: Thriller — Michael um 17:31

PUNISHER PLATOONSECOND LIEUTENANT CASTLE, neu im Einsatz in Vietnam. Kampferfahrung im Krieg ist keine vorhanden. Aber CASTLE verschafft sich auf andere Weise Respekt bei seinen ihm unterstellten Soldaten. Er bezieht ihre Fähigkeiten und ihre Erfahrungen seine Entscheidungen mit ein. Ihr Schutz hat bei der Erfüllung der Befehle oberste Priorität. Viele Jahre später versucht ein Journalist mehr über den Charakter von FRANK CASTLE herauszufinden. Wie hat Vietnam den Mann geformt, der nach dem Tod seiner Familie zum gefürchteten PUNISHER wurde? Im Gespräch mit vier überlebenden Soldaten von einst kommt der Reporter der Antwort ein Stück näher.

GARTH ENNIS ist über Jahrzehnte zu einem Comic-Kultautor gediehen. Er feilte und schrieb jahrelang an JUDGE DREDD (obwohl nicht von ihm erfunden). Zu seinen erfolgreichen Veröffentlichungen hierzulande gehört natürlich auch PREACHER (von ihm und STEVE DILLON erfunden). Oft ist sein schwarzer Humor ein tragendes Element in den Geschichten, so auch in THE BOYS, eine Art Abrechnung mit dem Superheldengenre. Umso erstaunlicher ist diese Geschichte, PUNISHER PLATOON. Mit dem PUNISHER hat er sich oft beschäftigt (auch mit einer enormen Steigerung seines Bekanntheitsgrades als Autor, mit Zeichner STEVE DILLON). Aber so abseits aller Superhelden, Superschurken oder mafiösen Gangstern war er selten.

VIETNAM ist hier keine Superheldenspaßkulisse. GARTH ENNIS geht das Thema hier mit ähnlicher Ernsthaftigkeit an, die der Leser und (gleichzeitiger) Kinofan von Filmen wie PLATOON oder APOCALYPSE NOW her kennen mag. Der Autor beschreibt nicht nur den Kampf, das Leid der Soldaten, amerikanisch wie vietnamesisch, er geht auch mit den abseitigen Themen um, wie z.B. dem Handel mit AK-47 als Souvenir oder dem schlechten Funktionieren der GI-Waffe M16.

GARTH ENNIS verwendet mehrere erzählerische Sichtweisen. Er lässt amerikanische Soldaten sich erinnern, er nimmt den Leser mitten ins Geschehen. Aber ebenso wenig vergisst er die vietnamesische Seite nicht. Stellvertretend für die kommunistisch gefärbte Seite steht COLONEL LETRONG GIAP, für die niederen Ränge, die Sorgen und Nöte der einfachen Soldaten steht die Viatnamesin LY, die den späteren PUNISHER andeutet. Denn wie FRANK CASTLE wird sie durch ihre Verluste in einen abgrundtiefen Hass getrieben. Ihr einziges Lebensziel besteht nur noch darin, Amerikaner zu töten, ganz gleich wie.

Mit Zeichner GORAN PARLOV hat hier ein Illustrator mit GARTH ENNIS zusammengearbeitet, der vom gleichen Format ist wie ein COLIN WILSON oder ein EDUARDO RISSO. Sein technischer Ausdruck ist optisch zwischen den besagten Künstlern angesiedelt. Skizzenhaft angelegte, trotzdem punktgenaue Strichführung in Szenen, gleichzeitig eine tolle Charakterisierung durch eine hohe individuelle Darstellung jeder einzelnen Figur. Ein herausragendes Beispiel ist die kleine Interviewrunde, die in einer Kneipe stattfindet.

Den fragenden Reporter bekommt der Leser nicht zu Gesicht, vielmehr wird die Szene aus seinem Blickwinkel erzählt, der Leser sitzt den vier ehemaligen Soldaten am Tisch gegenüber und erfährt ihre Reaktionen sehr nah, vor allem dank der Fähigkeiten von GORAN PARLOV als Illustrator. Die Rückerinnerungen an Vietnam stellen den Kneipensequenzen eine regelrechte Endzeitstimmung gegenüber. Land und Menschen sind fremd, feindlich abwehrend, einzig einmal in Imitation westlich archaischen Männerspaßes in einer Amüsiermeile von Saigon ist den Männern zum Lachen zumute.

Eines der besten PUNISHER-Szenarien (ohne den PUNISHER, nur mit FRANK CASTLE). Das amerikanische Trauma Vietnam mit dem späteren gnadenlosen Rächer in der Hauptrolle, noch hat er Frau und Kind und seine Sorgen gelten den ihm unterstellten Männern. GARTH ENNIS gelingt in seiner Erzählung ein toller Dreh, indem er FRANK CASTLE, aus einem vietnamesischen Blickwinkel, sogar zu einem verdienten Opfer macht (denn auch die andere Seite hat ihre Art von PUNISHER). Düster, erwachsen. 🙂

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Sonntag, 01. Juli 2018

REVIVAL 8 – BLEIB DOCH NOCH ETWAS

Filed under: Thriller — Michael um 18:17

REVIVAL 8 - BLEIB DOCH NOCH ETWASEs geschieht auf einer Brücke über den SILVER CREEK. Der Mörder schleicht sich aus der Deckung heran, ein Brecheisen in der Hand. Die junge Frau steht mit dem Rücken zu ihm in der Nähe ihres Autos, telefoniert, ist abgelenkt. Sie sieht den Schlag nicht kommen. Blut spritzt aus ihrem Schädel. Der Schlag ist nicht tödlich. Der Mörder weicht entsetzt zurück. Ein Fehltritt, die Frau stürzt von der Brücke in den Fluss. Der Körper treibt mit der Strömung, die Augen starr zum Nachthimmel gerichtet. Und schließlich, gegen jede Wahrscheinlichkeit, erklimmt das Mordopfer das Ufer und kehrt zu seinem Wagen zurück …

Das Finale klärt alle offenen Fragen, vor allem die wichtigste: Wieso konnten die Toten zurückkehren, nahezu menschlich wie zuvor und unsterblich? Wer sind diese gelblichen Geisterwesen? Was erhofft sich das Militär von dieser kleinen Apokalypse? Aus einem anfänglichen, sehr konzentrierten Chaos ist eine sehr große, eingekapselte Arena geworden. WAUSAU wird ein Mikrokosmos der Vereinigten Staaten und beschwört jene Horrorszenarien, vor denen sich eine amerikanische Regierung fürchten mag: eine bis an die Zähne bewaffnete Zivilbevölkerung, die dem regulär bewaffneten Arm, der Armee nicht Folge leisten mag. Und ein Sheriff, der ein paar Waffen hortet, die von diesen Rednecks eingesammelt werden wollen, gerät da samt seiner Famile schnell zwischen die Fronten.

Familie ist ein weiteres großes amerikanisches Thema. Hier wird es von TIM SEELEY am Beispiel der Familie CYPRESS abgehandelt. Der Vater ist Sheriff, die älteste Tochter DANA Polistin, die jüngste Tochter, MARTHA (kurz EM), ist sozusagen das schwarze Schaf, rebellisch und für eine Kleinstadt eigentlich nicht gemacht. DANA hat ihre Schwester mit erzogen. Ihre Diszipliniertheit eckt häufig mit der von Sturm und Drang getriebenen EM an. Allein diese Konstellation genügt anderen Serien schon als Stoff für viele, viele Folgen. TIM SEELEY fügt eine weitere Komplikation hinzu: EM war tot und ist zu Lebenden zurückgekehrt. Und nicht nur das das. Sie wurde ermordet und ist gleichzeitig schwanger.

Werden all diese Zutaten gemischt, mit noch einer ordentlichen Anzahl weiterer Nebencharaktere, vor einer apokalyptischen Kulisse, können Freunde des gepflegten Weltuntergangs mit Serienpotential frohlocken. TIM SEELEY hat über die gesamte Strecke hinweg ein Steinchen dem anderen hinzugefügt und ein großartiges Gespür dafür bewiesen, wann es am besten menschelt, wann Action eingesetzt werden muss und wie er den Leser packen kann, damit er mit einigen ausgewählten Figuren bis zum spannenden Schluss mitfiebert.

Aber da ist ja noch MIKE NORTON! Dem Zeichner und Illustrator ist der Erfolg der Serie ebenso hoch anzurechnen wie dem Autor selbst. Dank der Kolorierung von MARK ENGLERT, ALLEN PASALLAQUA und DEE CUNNIFFE gerät das von MIKE NORTON gestaltete Finale zur düstersten Episode überhaupt. BLEIB DOCH NOCH ETWAS, so der Untertitel von Folge 8, verlagert sein Geschehen weitgehend nach draußen in eine winterliche Landschaft. Kahle Bäume stehen skelettiert, es schneit unentwegt, in entsprechender Kleidung bewegen sich die Figuren durch eine von Wolken dunkel verhangene Welt. Und wenn es die Handlung einmal nach innen in die Häuser oder in Träume und Erinnerungen verschlägt, hält MIKE NORTON hier keinen Trost parat. Weder für die Charaktere noch für die Leser.

Gegensätze bilden ein tolles Panorma. Hellgelbe Seelenwesen, der blaugraue Winter und schließlich der SILVER CREEK, der örtliche Fluss, wird zu einem blutig roten Gewässer, einer regelrechten Grenze zur Unterwelt, die im Wortsinne in die Welt der Lebenden hinüber schwappt. Spätestens ab KAPITEL 45 (der Hefteinteilung dieser Episode, ab ungefähr der Mitte dieser Episode) wird es mythischer, surealer. Tanzende Geister in einem klaren Bach sind eines der vielen I-Tüpfelchen nicht nur dieser Folge, sondern der gesamten Serie.

Ein höchst dramatisches Finale wie es genreübergreifend selten eines gibt. TIM SEELEY verlangt seinen Hauptcharakteren das Letzte ab, jagt sie, quält sie, lässt sie leiden, entlockt Abgründe, treibt sie in höchste Höhen über ihre eigens gesetzten Grenzen hinaus. Das Spiel mit den Gefühlen dürfte jeden Leser packen. Ein Pageturner ist es auf jeden Fall. Illustrator MIKE NORTON hat mit der Figur der MARTHA CYPRESS eine der originellsten Comic-Figuren gestalten können, eine, die auch durch ihr Schicksal noch lange im Gedächtnis des Lesers bleibt. 🙂

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Sonntag, 18. März 2018

WAYNE SHELTON Gesamtausgabe 1

Filed under: Thriller — Michael um 23:28

WAYNE SHELTON Gesamtausgabe 1WAYNE SHELTON ist ein Mann für besondere Fälle, für ungewöhnliche Aufgaben. Qualität und hohe Erfolgsquoten haben natürlich ihren Preis. Je gefährlicher ein Auftrag ausfällt, desto teurer wird er. Ein kleines ehemalig russisch orientiertes Ostblockland besitzt Bodenschätze, für die international agierende Konzerne im wahrsten Sinne des Wortes bereit sind zu töten. Wenn man sie ließe. WAYNE SHELTON wird für eine Rettungsaktion angeheuert, Millionenschwer bezahlt, macht er sich sogleich an die Zusammenstellung eines Teams von Spezialisten. Leider kann der WAYNE SHELTON nicht sämtliche Eventualitäten vorausberechnen …

Mit WAYNE SHELTON startete einer der versiertesten Comic-Autoren, nämlich JEAN VAN HAMME, eine weitere Thriller-Serie. Mit LARGO WINCH und XIII hatte er sich bereits langjährig mit internationalen Szenarien bejährt. Mit WAYNE SHELTON greift er auf die Erfahrung zurck, präsentiert aber einen völlig anderen Heldentypus. Action-Fans alter Schule werden in dem Auftragsszenario und der Zusammenstellung der Mitstreiter eine Mischung aus WILDGÄNSEN und BRUNO BRAZIL mit einem äußerst modernen Setting herauslesen können. In der Tat ist die Hauptfigur ein Gentleman in jeder Lebenslage, tough, ein wenig wie BOND, aber auch ein wenig wie RICHARD BURTON in den WILDGÄNSEN.

Trenchcoat, grau meliertes Haar, sportlich. Jemand, der erst denkt, sich seine Chancen ausrechnet und dann handelt. Das ist WAYNE SHELTON. Er ist schönen Frauen nicht abgeneigt, obwohl er in der Trickdiebin HONESTY GOODNESS eine Dauergeliebte hat, genauer, ein beständig neu aufgelegtes Verhältnis. Wer sich so oft in Gefahr begibt, genießt natürlich auch das Leben. Ein Auftrag in fernen Ländern? Dann bitte aber mit Stil und hinter dem Steuer eines klassischen BUICK mit Heckflügeln.

DIE MISSION bildet den Auftakt der Reihe. 2001, also ein paar Jahre bevor Knastszenarien im Sinne von PRISON BREAK populär wurden, gilt es einen Gefangenen aus einem wirklich elendigen Gefängnis zu befreien. Anschließend soll dieser auch noch über die Grenze in Sicherheit gebracht werden. Eingepfercht zwischen Armenien, Türkei, Iran und Aserbaidschan hat sich JEAN VAN HAMME ein Fantasieland ausgedacht, in dem er sich als Autor nicht um völligen Realismus scheren muss. Trotzdem ist man nach einem Blick in die Nachrichten sofort geneigt, ihm jede Seite des Abenteuers abzunehmen.

Realistisch ist das Szenario im Hinblick auf seine grafische Umsetzung, mit der Zeichner CHRISTIAN DENAYER vormacht, was ein Thriller-Comic zu leisten vermag (Auf Augenhöhe mit Künstlerkollegen wie WILLIAM VANCE oder PHILIPPE FRANCQ, um nur zwei Zeichner zu nennen, mit denen JEAN VAN HAMME ebenfalls zusammenarbeitete. Irgendwie scheint sich der Autor stets stilistisch und technisch ähnliche Künstler auszusuchen.) CHRISTIAN DENAYER ist technisch perfekt. Jeder Strich sitzt, jedes Bild wirkt wie nach einem Kinofilm oder Fernsehserie gearbeitet. Jede Sequenz, die einer bestimmten Region zugeordnet werden kann, atmet die Atmosphäre des jeweiligen Landstrichs.

Actionszenen sind dank der sehr exakten Wiedergabe von Vehikeln, toller Perspektiven und toll gewählter Schauplätze ein Hit. Trotz moderner Geschichte wurden Handlungsorte ausgesucht, die eine Spur KALTER KRIEG atmen. Ist es in der Doppelfolge DIE MISSION und DER VERRAT die untergegangene Sowjetunion, ist es in DER KONTRAKT ein typisch südamerikanisch anmutende Bananenrepublik (die später Metropolen wie New York oder London weichen muss).

So dürfen und müssen Thriller sein, ganz gleich in welchem Medium. WAYNE SHELTON hat toughe, dennoch sehr menschliche Charaktere, die mitreißen und zum Mitfiebern einladen. Comic-Künstler CHRISTIAN DENAYER liefert perfekte Bilder. Für Freunde von Krimis und Thrillern eine klare Empfehlung und erst recht für jene, die Spitzenillustratoren in Comics wollen. 🙂

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