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Comic Blog


Mittwoch, 08. Juli 2020

ALAIN CHEVALLIER 8 – DIE RIVALEN

Filed under: Thriller — Michael um 11:56

ALAIN CHEVALLIER 8 - DIE RIVALENALAIN CHEVALLIER, ein erfolgreicher FORMEL-1-RENNFAHRER, ist nicht bei allen beliebt. Eine normale Fahrt, mit einer normalen Limousine, wird zu einem Trip auf Leben und Tod. ALAIN CHEVALLIER muss all seinen Mut und sein fahrerisches Können aufbieten, um sich und seine Schwester in Sicherheit zu bringen. Doch das ist erst der Anfang einer Reihe von Widrigkeiten, die dem jungen FORMEL-1-PILOTEN zusetzen. Auf der Piste warten harte Kämpfe. Und hinter den Kulissen muss jederzeit mit Sabotage gerechnet werden. Nicht umsonst schläft ALAINS Techniker STEAK am Vorabend eines Rennens lieber in der Box, um auf die geliebten Wagen aufzupassen. Hier kann wirklich alles im letzten Moment noch schiefgehen…

Explodieren die Boliden, ist das Publikum zufrieden. So sang es vor Jahrzehnten schon RAINHARD FENDRICH. Die FORMEL 1 bedeutet ACTION, das will nicht nur das Publikum, sondern auch der Leser. Das Titelbild des 8. Bandes von ALAILN CHEVALLIER zeigt es in aller Härte und Deutlichkeit. Die Illustration gibt einen Hinweis auf die Eingangssequenz der Geschichte. 1962, beim GROSSEN PREIS VON DEUTSCHLAND, kommt es zu einem folgenschweren Unfall infolge eines Duells zweier Fahrer, FERRARI (wie immer rot) gegen LOTUS (dunkelgrün). Das Titelbild verrät den Ausgang der Hatz. Der FERRARI verunglückt, der Fahrer, der Vater von ALAIN CHEVALLIER, stirbt in der Flammenhölle. Ein Ereignis, das ALAIN CHEVALLIER, der als Zuschauer in der FERRARI-Box zugegen ist, für den Rest seines Lebens anhängen wird.

Zwar ist es der 8. Band, mit dem bezeichnenden Untertitel DIE RIVALEN, aber es könnte ebenso gut der Einstiegsband der 17-teiligen Serie ALAIN CHEVALLIER sein. Nach der Einleitung springt die Handlung in das Berufsleben von ALAIN CHEVALLIER in die 1970er, mitten hinein in den FORMEL-1-Zirkus. Die Fahrzeuge haben sich gehörig verändert, sind futuristischer anzuschauen. Aus heutiger Sicht weisen sie auch eine größere Design-Brandbreite auf. Der Wagen von ALAIN CHEVALLIER folgt zwar den üblichen Merkmalen des Jahrzehnts, besitzt jedoch viele Eigenarten in seiner weißen Keilform. Prägnanter noch ist das himmelblaue Bolidenduo mit den Fahrzeugnummern 3 und 4. Der TYRRELL P34 ist ein echt auffallender Hingucker.

Geändert haben mögen sich die Fahrzeuge, der Ehrgeiz der Fahrer, die Spannung, die Gefahr auf der Rennstrecke haben sich nicht verändert. Jede Pilotengeneration der Formel 1 muss sich diesen Aspekten im modernen Gladiatorenwahn stellen. Und ALAIN CHEVALLIER erlebt es am eigenen Leib, wie es ist, wenn einem in dieser Situation ein persönlicher Rivale erwächst. Mehr noch: Abseits des Rennens lauern weitere Gefahren, nicht nur für ihn, sondern auch für Freunde und Familie. CHRISTIAN DENAYER, der Illustrator des vorliegenden Bandes, begeistert Comic-Freunde seit Jahrzehnten mit seinen starken Zeichnungen im Bereich Technik, von Fahrzeugen in allen Lebenslagen. Menschen sind da nur noch ein Klacks für ihn. Comic-Fans, insbesondere Thrillerfreunde kennen seine Arbeiten außerdem von der Erfolgsserie WAYNE SHELTON.

Dank der Fahrzeuge, die man nun einmal sehen will, wenn es sich um die Formel 1 dreht, ist DIE RIVALEN schon ein Fest. Auto-Enthusiasten finden ihre Sportwagen (wie den fast schon legendären OPEL GT), europäische Limousinen und Kleinwagen, amerikanische Straßenkreuzer, mustergültig in Szene gesetzt. Und wieder mehr noch: Die Fahrzeuge, vorneweg die Boliden, sind nicht nur Mittel des Wettkampfes, sie sind Mittel zur Entführung und werden letztlich auch wie Waffen eingesetzt. Kurzum, zwar angesiedelt in den 1970ern (und auch in jener Zeit entstanden), gehen ANDRE-PAUL DUCHATEU (Autor) und CHRISTIAN DENAYER modernen Franchises wie THE FAST AND THE FURIOUS mit gutem Beispiel voran.

Ein FORMEL-1-Krimi mit viel Flair der 1970er (aus den 1970ern), einer gut aufgebauten Serienfigur, ALAIN-CHEVALLIER, die den Einstieg in die Reihe selbst in Band 8 enorm leicht macht. ANDRE-PAUL DUCHATEU erzählt geradlinig und schnörkellos, nimmt den Leser mit leichter Hand mit in den FORMEL-1-ZIRKUS und seine Umtriebe, auf und neben der Rennbahn. Wegen der künstlerisch starken Umsetzung durch (aus heutiger Sicht) Comic-Veteran CHRISTIAN DENAYER war und ist der Band perfekt für alle Comic-Freunde, die Autos und Technik in Geschichten lieben, aber auch für solche, die auf Thriller stehen. 🙂

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Freitag, 05. Juni 2020

DER KILLER – GESAMTAUSGABE 2

Filed under: Thriller — Michael um 17:46

DER KILLER - GESAMTAUSGABE 2Mal darf es nach Mord mit anschließendem Selbstmord aussehen. Mal darf es ein Unfall mit anschließender Fahrerflucht sein. Mal darf es spektakulär sein, nachrichtentauglich, mit dem Absturz eines Hubschraubers über einer Innenstadt. DER KILLER ist vielseitig, eine Handschrift schwer erkennbar. Abseits des Berufslebens sucht er die Ruhe. Er geht mit Frau, Sohn und Schwiegervater im Dschungel auf die Jagd. Oder verbringt seine Zeit mit seinem Sohn am Strand. DER KILLER will für seinen Sohn alles das, was ihm so nie vergönnt war. Bereits jetzt, weiß der Kleine mehr, als DER KILLER in diesem Alter wusste. Und den Rest? Bringt der Vater dem Sohn bei, wenn dieser etwas älter ist. Eben alles, was nötig ist.

Ja, DER KILLER ist zweifellos ein Philosoph. Oder wenigstens jemand, der andauernd Fragen stellt und sogar Teilantworten kennt und abliefert. Aber er hat sich mit dem System abgefunden, will es zu seinen Gunsten nutzen und verbiegen, damit nicht nur er, sondern auch jene, die ihm die einzige Familie sind, die er je nach seinem Verständnis besessen hat, Schutz und Wohlstand genießen können. Allen voran sein Sohn. Ja, DER KILLER hat auch ein paar echte Werte, die mit denen der übrigen Menschheit vereinbar sind. Ob er das nun so mag oder oder nicht.

Es hat sich einiges getan in der Welt des KILLERS. In Südamerika abgetaucht, hat es ihn nicht lange im Verborgenen gehalten. Die Arbeit ruft, zwickt. Das süße Nichtstun ist nichts für den KILLER. Prompt bringt ihn seine erneut aufgenommene Tätigkeit in Bedrängnis. Denn jemand macht den KILLER zum Spielball in einem internationalen Hickhack um viel, viel Öl. Doch ehe der KILLER das merkt, steckt er bereits viel zu tief drin und er muss beweisen, ob er schlauer als die übrigen Spieler ist.

MATZ hebt den KILLER auf das nächste Level. Es ist eine Sache, ein Ziel auszubaldowern und es schließlich zu töten. Es ist eine andere Sache, wenn die Figur zu einem Pokerblatt in einem Spiel von sehr viel mächtigeren Menschen und Institutionen wird. DER KILLER ist von einer wundersamen Kaltschnäuzigkeit beseelt. Aber als Figur, fast schon der typische Bauer in einem Schachspiel, droht er fast zwischen den staatlichen Akteuren zerrieben zu werden. Bis eine Wende erfolgt, die der Leser, auch aus den bisherigen Leseerfahrungen der Serie heraus, nicht vorhersehen konnte. DER KILLER wird dadurch sichtbarer für sein Umfeld. Ein Fehler, den ein KILLER eigentlich nicht begehen sollte. Doch, wie erwähnt, wo der Wohlstand lockt, fallen alte Prinzipien mitunter schnell über Bord.

Es ist ganz gleich, in welchem der letzten Jahrzehnte oder in diesem der Politikinteressierte die Zeitungsmeldungen verfolgt, Nachrichten diverser Sender anschaut. Südamerika und seine nähere Umgebung, ganz vorne dabei KUBA, sind fast schon ein Synonym für soziale Missstände, Korruption, Rebellionen, Aufstände, Staatsstreiche, Drogenkartelle, Morde jeglicher Couleur und vielem Grauenhaften mehr. Deshalb ist die Geschichte von MATZ nicht nur enorm leicht zugänglich, sie ist wirkt auch sehr real, eher wie eine Story, die nach jahrelanger Recherche von Journalisten im Stile der PANAMA PAPERS ans Licht geraten sein könnte. Wenn Venezuela, wie so oft in den Nachrichten gepredigt, dank seiner Ölvorkommen eines der reichsten Länder der Erde sein könnte (und es trotzdem nicht ist), will man die Geschichte hier sofort glauben. Am Ende mordet der KILLER aus einem ganz einfachen, denkbar überwältigenden Grund: So reich zu sein, ohne fürchten zu müssen, dass jemand fragt, woher das Geld stammt.

Ich mag es, wie DER KILLER sich entwickelt, wie er zwischen den Welten wandelt. Einerseits Familie, andererseits eine Liebschaft. Wie er seine ätzende Kritik loswird und sich nicht zu schade ist, sich ein Riesenstück von dem Kuchen zu schnappen, den er so gerne in seine Zutaten zerteilt. Und wie er letztlich auch mal Angst zeigt. Weil eine Kugel abfeuern zu können, einen Menschen zu töten, eben nicht die absolute Macht bedeutet. Absolute Macht vernichtet ganze Länder. Und auf dieses Parkett begibt sich DER KILLER nun zum Tanz.

LUC JACOMON präsentiert uns als Comic-Künstler Szenen, die eines Leinwand-Thrillers würdig sind. Er gewährt dem Leser den selben Blick durchs Zielfernrohr, den DER KILLER hat. Fängt den Leser erst einmal atmosphärisch in der Nacht ein, versetzt ihn in die Szenerie, beobachtet mit ihm die Tötung eines Ziels. Liest nebenbei von der Kaltblütigkeit des KILLERS und erfährt auch die Menschenverachtung, mit welcher DER KILLER zu Werke geht. Die Gedanken, Abrisse des Weltgeschehens, des KILLERS werden von Bilderfolgen begleitet, die an Nachrichtenprogramme oder Wildlife-Sender erinnern. Er legt sich auf keinen Seitenaufbau fest, strukturiert mal klein, verteilt mal hektischer, je nach Actionszene zerreißt er für den Eindruck von Geschwindigkeit auch mal die eigens entworfene Struktur.

Einmal, während eines kanadischen Ausflugs, werden die Farben kälter, wintergemäß, ansonsten spiegeln die warmen Farben den südamerikanischen Kontinent wider. Eine unaufdringliche, aber stetige Hitze, elegant, fürs verwöhnte Comic-Auge hervorragend.

Nebenfiguren gibt es. Und zwei fallen besonders auf. DER KILLER hat einen Freund, kaum glaubhaft, aber wahr. MARIANO, von Hause aus einem Drogenkartell zugehörig, herzlich, großmäulig, charmant, intelligent, Frauenheld, weltmännisch und kaltblütig. MARIANO zeigt, was dem KILLER alles fehlt. Wie professionelles Morden die Menschlichkeit nicht gleich mit abtötet. Klingt seltsam, hier passt es zusammen. KATIA ist die andere Seite der Medaille. Sie ist die Frau im Geschäft. Hier eröffnet sich für den KILLER ein Blick in jenes Leben, das ihm eine Frau an die Seite gestellt hätte, die mit der alltäglichen Gefahr umgehen könnte. Ein Mischung aus BOND-GIRL und BONNIE (die ihren persönlichen CLYDE sucht). Alles in allem von MATZ perfekt auf die Geschichte und den KILLER abgestimmt.

Stark erzählt, so dass man es von der ersten bis zur letzten Seite in einer Tour durchlesen muss. Ein Thriller mit Tiefgang, realistischem Anspruch. MATZ erzählt, als wäre er ein Sohn im Geiste von HITCHCOCK und TARANTINO. Dank LUC JACAMO filmisch illustriert. Ein perfekter, mitreißender Thriller. 🙂

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Freitag, 15. Mai 2020

DER KILLER – SECRET AGENDA – 1. GEZIELTE PRÄVENTION

Filed under: Thriller — Michael um 19:15

DER_KILLER - SECRET_AGENDA - 1. GEZIELTE PRÄVENTIONDER KILLER mag alles mögliche sein, aber er ist ganz bestimmt kein Staatsdiener. Er weiß aber auch, wann es an der Zeit ist, leise zu treten und sein Fähnchen nach dem Wind zu drehen. Ganz besonders dann, wenn es heißt, einem unangenehmen Verfahren zu entgehen, dass ihn für den Rest seines Lebens ins Gefängnis bringen wird. Oder, falls die Angelegenheit seitens der Staatsmacht hinter den Kulissen geregelt wird, ihm eine Kugel in den Kopf einbringt. So nimmt er notgedrungen an, als er von französischen Auslandsgeheimdienst in Patagonien, in Südamerika, aufgespürt und somit zwangsverpflichtet wird. Ein Job zur Tarnung seiner wahren Identität bringt ihn nach LE HAVRE, Frankreich. Zusammen mit zwei Kollegen soll er sich eines Problems annehmen.

Unter dem Obertitel SECRET AGENDA startet ein neuer Zyklus um den KILLER. GEZIELTE PRÄVENTION lautet der Untertitel des ersten Bandes. Zurückgekehrt ins Heimatland verbringt DER KILLER seine Tage in einem Großraumbüro, versucht sich unauffällig zu verhalten. Allerdings verkehrt sich Unauffälligkeit mitunter ins Gegenteil. Jemand, der bewusst den Außenseiter mimt, weckt doch früher oder später das Interesse anderer. DER KILLER will (und kann) es sich nicht eingestehen, dass sein Gespür bei all seinen philosophischen Betrachtungen über die menschliche Natur nur rudimentär ausgeprägt ist und er mehr das Verhalten anderer nachahmt, als wirklich innerlich von ihm durchdrungen zu sein. Dabei ist er kein echter Soziopath (mehr), er ist allenfalls an einem einschneidenden Punkt seiner Entwicklung steckengeblieben.

MATZ, der Autor, zeigt keinen Proleten, der mit einer Knarre durch die Gegend läuft und Menschen abknallt. Das Profil hätte sich bald erschöpft. DER KILLER ist ein Philosoph, ohne es recht zu bemerken. Ein Analyst menschlicher Verhaltensweisen, gesellschaftlicher Strukturen. Wenn jemand, der darauf aus ist, einen anderen Menschen zu töten, das Ziel womöglich wochenlang observiert, um den richtigen Moment für die Tat abzupassen, hat er reichlich Gelegenheit, Studien anzustellen. Das mag bei der Vorbereitung des Mordanschlags und des reibungslosen Rückzugs hilfreich sein. Aber es führt, wie beim KILLER, zu einer sehr sezierenden Ansicht bei allem und jedem. Egal welcher Bereich des Lebens betroffen ist, kaum etwas ist dabei, was Bewunderung oder wenigstens Gnade vor dem schneidenden Intellekt des KILLERS findet. Denn dumm ist DER KILLER keinesfalls. Und so hat er auch herausgefunden, dass ein Mensch das tun sollte, in dem er (oder sie) wirklich gut ist. Bei ihm ist es das Töten.

MATZ bedient keine leichten Themen. Aber er erzählt es mit leichter Hand im Stile klassischer (französischer) Gangsterszenarien. Wer die mag, alte mit einem ALAIN DELON, einem LINO VENTURA, neuere wie DER UNBESTECHLICHE mit JEAN DUJARDIN. Serien wie MARSEILLE mit GÉRARD DEPARDIEU arbeiten mit einer ähnlichen Stimmung. Ein filmischer Vergleich ist wegen der Erzählweise passend (auch wegen der Erzählweise aus dem Off, die MATZ hier verwendet). Wer einen MAIGRET von GEORGES SIMENON sucht, wird hier nicht fündig. Was aber sicherlich beide gemeinsam haben, ist eine treffsichere Beschreibung des Milieus, in dem sich die Akteure bewegen.

Die Geschichte bewegt sich in LE HAVRE. Eine Hafenstadt folgt noch einmal ganz anderen Gesetzmäßigkeiten als eine Stadt, die kein Drehkreuz für internationalen Warenverkehr ist und so weniger Möglichkeiten für die Verschiebung illegaler Güter bietet. Ein für Außenstehende undurchsichtiges Gewimmel sorgt bei dunklen Machenschaften für eine gute Deckung. An der Seite des KILLERS erhält der erhält der Leser Einblick in diese Halbwelt und die Verstrickungen mit der örtlichen Politik. Es ist ein wenig skurril, wie hier Verbrecher auf Verbrecher gehetzt werden, sozusagen als GEZIELTE PRÄVENTION. So hat man in soldatischen Kreisen seinen eigenen, verschleiernden Beamten-Slang entworfen. Benutzerfreundlich, damit das Geschäft nicht so dreckig klingt.

LUC JACAMON zeichnet weiter an der Erfolgsgeschichte des KILLERS, weiterhin sehr realistisch. Aber auffallend ist DER KILLER selbst. Gegenüber anderen Charakteren ist er eine regelrechte blasse Fassade. Ihn ein Dutzendgesicht zu nennen, wäre noch übertrieben. DER KILLER ist die ideale Leinwand, um sich an seine Seite zu denken, eine Projektionsfläche. Die Augen gleichzeitig hinter der Brille verborgen, bleibt der nötige Abstand gewahrt. Gute Mörder funktionieren, wenn der Leser (oder Zuschauer) sich mit ihnen identifizieren kann. Das klappte sogar bei HANNIBAL LECTOR (obwohl er ein Kannibale war) und das funktioniert erst recht bei einer Figur wie dem KILLER, der sein Handeln mit einer Unmenge von Ansichten von Moral und Unmoral zwar nicht unbedingt rechtfertigt, aber immerhin untermauert.

Darüber hinaus bleibt LUC JACAMON in seinen Bildaufbauten filmisch, geradeheraus. Er experimentiert nicht und das ist gut so, denn es entsteht ein halbdokumentarischer, sehr ernsthafter Stil, der dem Leser ein wenig zurückstößt. Wer allzu große Sympathien für den KILLER entwickelt, darf wieder Abstand nehmen lernen. Auch das ist gut so.

Keine Effekthascherei, obwohl ein Leser, der noch nicht mit dem KILLER vertraut ist, dies vermuten könnte. Ein kühl erzähltes Szenario, in auf Realismus bedachten, atmosphärisch ebenso kühl gehaltetenen Bildern. Fans des KILLERs kommen sofort wieder auf ihre Kosten, Neueinsteiger werden mit diesem Zyklus ebenfalls gut bedient, sollten sich aber den bisherigen Werdegang des KILLERS trotzdem nicht entgehen lassen. 🙂

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Sonntag, 19. Januar 2020

DER KILLER – GESAMTAUSGABE 1

Filed under: Thriller — Michael um 16:44

DER KILLER – GESAMTAUSGABE 1DIE EINSAMKEIT DES KILLERS, während er auf den finalen Schuss wartet. DER KILLER hat sich von der Welt abgeschottet. Freunde, Familie sind Fremdworte. Er benutzt sie auch nicht als Tarnung. Er kommt, erledigt seinen Auftrag und verschwindet wieder. Ein Dutzendgesicht, keinerlei auffällige Verhaltensweisen. Er taucht in der Menge unter, ist einer von vielen. Er kennt sein Handwerk, besitzt außerordentliche Geduld und Planungstalent. Aber dieser Auftrag nagt an ihm. Es dauert. Und dauert. DER KILLER liegt auf der Lauer. Nur das Ziel lässt auf sich warten. Es kommt nicht dahin, wo es erwartet wird. Und mit jedem Tag sehnlicher erwartet wird. Langsam wird DER KILLER nervös.

DER KILLER begreift sich als Teil des Systems. Nicht nur eines gegenwärtigen, sondern eines über die Epochen allgemeingültigen Systems. Menschen sterben, er tötet sie. DER KILLER geht mit einer eigens, täglich eingeimpften Kaltschnäuzigkeit durchs Leben. Das hätte ganz normal sein können, bis er sein Talent freilegte und er feststellte, wie gut es ist, sein eigener Chef zu sein. Kein einfacher Charakter, keiner, den man mögen möchte, aber einer, der den Leser von Abschnitt zu Abschnitt immer näher an sich heranlässt.

MATZ, als Autor, und LUC JACAMON, als Zeichner, hatten es mit ihrem KILLER-Projekt zunächst nicht einfach. Zwei Verlage lehnten es ab, CASTERMAN forderte zunächst ein vollständig gescribbeltes Album, unentgeltlich versteht sich, bevor eine Vertragsunterzeichnung in Frage kam und das Projekt veranschaulicht vor dem Redakteur lag. Nun, es kam an, und die hier vorliegende 1. Gesamtausgabe vereint die ersten fünf Alben, also den ersten kompletten Handlungsstrang.

DER KILLER sollte anfangs ein Romanstoff werden. Das leuchtet durchaus ein. Verbrecher stehen mitunter im Mittelpunkt eines oder mehrerer Romane. Klassisches Beispiel hier ist sicher ein PARKER von RICHARD STARK (nicht die Filme, die werden der Vorlage nicht gerecht!). Ihre Coolness, ihre eiskalte Berechnung prädestiniert als Projektionsfläche. Scheinbar leer und gewissenlos marschieren sie durchs Leben und üben ihren Beruf präzise wie ein Uhrwerk aus, stets bereits professionell zu improvisieren, um den JOB auf jeden Fall zu Ende zu bringen, auch wenn es ein paar Leichen mehr erfordert (die am Ende nicht honoriert werden). Ja, wer mit Zynismus, mit charakterlich schwierigen Figuren nichts anfangen kann, die mit ziemlicher Menschenverachtung an ihr Tage- und Nachtwerk gehen, sollte sich nicht auf den KILLER einlassen.

MATZ hat den KILLER als einen halbwegs intellektuellen Philosophen angelegt. Selten ist ein Mörder so damit beschäftigt, seine Arbeit Revue passieren zu lassen. Solange es sich um Routine handelt. Zu Beginn ist dieses Mordsgeschäft noch so aufgebaut. Ein Auftrag, ein Mord, nach Möglichkeit einer, der am Ende nach einem Unfall aussieht. Es sei denn, der Auftraggeber verlangt etwas anderes, vielleicht ein deutlich leuchtendes Exempel für die Konkurrenz. Das ist allerdings schlecht für einen Menschen, der seine Arbeit lieber im Dunkeln und ohne Aufmerksamkeit zu erregen verrichtet.

MATZ traf bei seinen Planungen mit LUC JACAMON zusammen, der Zeichner hatte zuvor noch kein Album abgeliefert und arbeitet in einer Mischung aus LIGNE CLAIRE und künstlerischem Strich (nach MATZ‘ eigener Aussage und das passt). LUC JACAMON verpasst dem KILLER ein Gesicht wie eine ovale, eintönige Landschaft, die man schnell vergessen könnte, müsste sich dieser Mensch nicht zeitweise selbst aus der Menge herausheben, mit einem Stummfilmzeitbärtchen und einer kreisrunden HARRY-POTTER-Brille. Als Leser wird man dem KILLER jedweden Charme absprechen, aber sein Umfeld reagiert auf ihn mit einer gewissen Freundlichkeit. Auch scheint er Wirkung auf Frauen zu besitzen. Da man als Leser seinen düsteren Gedanken folgt, fällt es zuweilen schwer, diese Anziehungskräfte nachzuvollziehen.

Nichtsdestotrotz, sie sind da und so findet über die fünf hier zusammengefassten Alben verteilt eine Entwicklung statt, die zu Beginn nicht vorherzusehen war. Über QUERSCHLÄGER, RÄDERWERK, SCHULDEN, BLUTSBANDE und TODESSPIRALE verstrickt sich DER KILLER in Beziehungen, man könnte sagen, in einem richtigen Freundeskreis. Plötzlich gibt es nicht nur den BERUF, nein, plötzlich gibt es über das eigene Leben hinaus auch noch andere zu beschützen.

LUC JACAMON verleiht den Figuren ein Höchstmaß an Individualität. Sie schleichen sich über den sich entwickelnden Handlungsstrang an den Leser heran, dem nichts anderes übrig bleibt, als die Position des KILLERS einzunehmen. Irgendwann sind diese Charaktere zu nahe gekommen, und es ist zu spät, diese noch, besorgt um die eigenen Interessen, um die sprichwörtliche Ecke zu bringen.

Hut ab vor MATZ und LUC JACAMON, die es geschafft haben, ein dichtes Szenario mit einer zunächst sehr unsympathischen Hauptfigur zu kreieren. Man muss sich als Leser immer wieder in Erinnerung rufen, dass dieser Charakter für seinen Lebensunterhalt Menschen tötet. Ich mag den grafischen Stil, der den Leser nah an die Figuren heranführt. Als unbeteiligter Dritter spielt man bei den Zusammenkünften der Mörder und Drogendealer Mäuschen, schnuppert in das Milieu hinein, gefahrlos, bis man den KILLER, sehr zum eigenen Leidwesen, gar nicht mehr so unsympathisch findet. Ganz so, wie es MATZ beabsichtigt hat. Ein starker Thriller! 🙂

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Montag, 13. Januar 2020

I.R.$. 19 – DIE HERREN DER FINANZWELT

Filed under: Thriller — Michael um 18:57

I.R.$. 19 – DIE HERREN DER FINANZWELTLARRY B. MAX auf ungewohnten Pfaden. Gerade hat der Steuerfahnder die Oberhand über die CHANNING CORPORATION gewonnen, da stellt sich sein Arbeitgeber die berechtigte Frage, auf welcher Seite der staatliche Angestellte eigentlich noch steht. LARRY B. MAX bedient sich eines Genies auf dem Gebiet der globalen Finanzwelt, JAKOFF, Milliardär. Allerdings ist JAKOFF nicht zimperlich in der Wahl seiner Mittel, noch weniger in der Wahl seiner Mitstreiter. Doch selbst ein JAKOFF ist nicht allmächtig, sondern hat potente Gegenspieler, ausgerechnet aus dem reich der Mitte, CHINA. Schnell wird klar, hier stehen sich nicht nur Akteure mit großem finanziellen Hintergrund gegenüber. Unter dem wirtschaftlichen Deckmäntelchen tobt ein Krieg der Systeme. Und LARRY B. MAX könnte mittendrin zerrieben werden …

Frischer Wind bei I.R. $. Selten war die Geschichte aktueller. Wer in den vergangenen Wochen und Monaten die Wirtschaftsnachrichten über Strafzölle zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und China auch nur ansatzweise verfolgt hat, wird sofort Parallelen entdecken. Und nicht nur dabei. STEPHEN DESBERG bedient sich ebenfalls bei den inneren Verhältnissen der USA. Das ist teils gruselig im Vergleich zur Realität, ein großzügiges Spiel mit Verschwörungstheorien und über die gesamte Strecke eine der spannendsten Folgen der ganzen Reihe.

LARRY B. MAX hat sich von einer Menge Ballast befreit. Die Dämonen der Vergangenheit, familiäre Plagegeister, stehen der Figur nicht mehr im Weg und bremsen sie aus. LARRY B. MAX ist sehr fokussiert, hat starke Auftritte und stellt nach außen den harten Knochen dar, den TOUGH GUY, der nur angesichts einer neuen Bekannten es sich gestattet, ein wenig schwach zu werden. Weil, da lockt Autor STEPHEN DESBERG seinen Hauptcharakter, die junge Frau, SUNSET mit Künstlernamen, für ein stinknormales Leben steht, in dem man nicht hin und wieder einer Kugel ausweichen muss.

Die Handlung ist nicht sehr verzwickt, aber der Leser sollte schon aufpassen. Denn die Handlung ist sehr dicht, Bild und Text gehen sehr schön Hand in Hand, ergänzen sich zeitweilig sogar hervorragend. Man kann es ein grundsätzliches Prickeln der Gefahr nennen. Oder, dass STEPHEN DESBERG für seine Figur die Bedrohung immer weiter heraufbeschwört. Es ist toll, wie packend STEPHEN DESBERG die Geschichte schreibt und fast wie nebenbei frühere Bedrohungen (aus dem alten Leben von LARRY B. MAX) beinahe zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen lässt.

BERNARD VRANCKEN sucht im Gegensatz zu STEPHEN DESBERG keine Anlehnungen an der Realität, sondern kreiert eigene Figuren. Optische Ähnlichkeiten sind hier fehl am Platz. BERNARD VRANCKEN zeichnet einen Gentleman, der aber mit schmutzigen Tricks arbeitet. Die traut man ihm wegen seines Model-Aussehens aber nicht zu. Auch seine Gegner lassen sich dadurch täuschen. Optisch könnte er ein Actionheld sein, tatsächlich ist er ein Taktierer, ein Schachspieler, ein Dandy, der manchmal von der Schusswaffe Gebrauch macht.

Klare Linien, dem Realismus sehr zugetan, manchmal vielleicht etwas stereotypisch, aber nicht oft. Als Leser sieht man den Figuren gerne bei der Arbeit zu. Auch das gehört dazu. Selbst der fieseste Charakter sollte nicht allzu abstoßend sein. Davon gibt es hier jedoch gar keine Figur. In den Hierarchien der OBEREN ZEHNTAUSEND achtet man auf das Erscheinungsbild. Wer Geld verdient, muss dieses entsprechend bei Konferenzen und Pressemitteilungen vertreten können. STEPHEN DESBERG schreibt BERNARD VRANCKEN eine Szene, die genau diese Muster zeigt. Dann sind Verluste oder Hiobsbotschaften besser für Anleger zu verdauen.

Ein Top-Thriller. Einziges Manko, es ist der erste Teil eines Zweiteilers. Wie sich LARRY B. MAX aus dieser Bredouille herauswindet, welche Schachzüge folgen, erfährt der Leser erst in Band 20, DIE DÄMONEN DER BÖRSE. Zuvor aber ist DIE HERREN DER FINANZWELT ein starker Kracher mit spannenden Wendungen und einer tollen Hauptfigur, die sich von ihrer eigenen Vergangenheit emanzipiert. Weiter so! 🙂

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Donnerstag, 05. Dezember 2019

WAYNE SHELTON Gesamtausgabe 3

Filed under: Thriller — Michael um 18:20

WAYNE SHLETON Gesamtausgabe 3HONESTY GOODNESS erhält einen ungewöhnlichen Auftrag. Zwei Gesandte des GROSSHERZOGTUMS WÜRTENHEIM stellen sich ihr kurz nach einem ihrer Bühnenauftritte vor. Ihr Anliegen ist einfach, aber nicht alltäglich. HONESTY will diese Aufgabe nicht ohne Rückversicherung bewältigen und kontaktiert ihren alten Freund WAYNE SHELTON in NEW YORK. Der ist knapp bei Kasse und, ganz ehrlich, wenn HONESTY ruft, ist er immer zur Stelle. Kurz darauf sitzt er im Flieger nach BRÜSSEL, mitten hinein in ein intrigenreiches Abenteuer.

Aber zuvor: WAYNE SHELTON auf den Spuren von INDIANA JONES. Letzterer jagte die BUNDESLADE und den HEILIGEN GRAL. Ersterer wird zum Beschützer der HEILIGEN LANZE. Drei Abenteuer sind in der 3 Gesamtausgabe der Reihe vertreten. Die Doppelfolge zu Beginn, geschrieben von THIERRY CAILLETEAU, betitelt mit DIE HEILIGE LANZE und DIE NACHT DER ADLER lässt den Mystik-Fan schon erahnen, wohin die Reise geht. Neben der BUNDESLADE, dem HEILIGEN GRAL und dem TURINER GRABTUCH gehört die HEILIGE LANZE wohl zu DEN christlichen Artefakten, um die gehörig Wind veranstaltet wird.

Kurz zur Erläuterung: Gemäß der biblischen Legende soll die HEILIGE LANZE JESUS CHRISTUS am KREUZ von einem RÖMER in den Körper gebohrt worden sein. Auf diese Weise, und durch das an der Lanze befindliche Blut des ERLÖSERS, werden der antiken Waffe nun Kräfte nachgesagt, die, im günstigsten Fall, dazu verwendet werden können, die Auferstehung eines Normalsterblichen auf den Weg zu bringen.

So weit, so magisch, so wundertätig. WAYNE SHELTON kommt eher zufällig mit dieser Materie in Berührung. Ein alter Freund, ROCH, ein ehemaliger Frauenheld, meldet sich und benötigt die Hilfe des immer noch als Söldner arbeitenden WAYNE SHELTON. Aber ROCH ist nicht mehr der alte, denn er hat seinem früheren Leben abgeschworen und ist Mönch geworden. Sein Orden hat sich dem Schutz des Artefakts, der HEILIGEN LANZE, verschrieben, jedenfalls bis zu jenem Tag, als eine faschistische Gruppe die Klinge in ihren Besitz bringen will.

WAYNE SHELTON bedeutet ACTION und einen interessanten, spannenden, teils amüsanten Umgang mit seinen Figuren. THIERRY CAILLETEAU legt großen Wert auf die Spannung, kann aber auch ein paar kleine Witze einstreuen. Ein amerikanischer Soldat, der wegen einer Detonation nicht mehr richtig hören kann. Ein WAYNE SHELTON, der in einer Standardsituation plötzlich eine Absage erhält und daraus mit leicht angeknackstem Ego hervorgeht. Wer hätte das gedacht? Am allerwenigsten jedenfalls der Held selbst. ARGENTINIEN wird zum Schauplatz eines Showdowns, der sich gewaschen hat und, wie WAYNE SHELTON selbst feststellt, an einem Ort stattfindet, der in dieser Umgebung höchst seltsam anmutet.

Wer Comic-Thriller mag, kennt die gängigen Serienhelden und WAYNE SHELTON reserviert sich hiermit einmal mehr einen Platz auf dem Dreiertreppchen. THIERRY CAILLETEAU hat sich für seine Doppelfolge einiges einfallen lassen. Für den Leser bedeutet das eine schöne Zahl toller wie auch skurriler Kulissen, ein paar Rückblenden in die historische Vergangenheit (rein fiktiv selbstverständlich) und einer klasse durchgeplanten Handlung, die in eine Jagd von der einen Seite des Globus auf die andere mündet.

Illustrator CHRISTIAN DENAYER steht mit seiner Technik für puren Realismus. Schöne Blickwinkel sorgen für ein feines Kintopperlebnis. Bezeichnend hierfür sind nicht unbedingt die Actionmassenszenen, sondern auch die kleineren Ereignisse wie die Eingangssequenz in BUENOS AIRES. Zuerst herrscht noch Urlaubsatmosphäre vor, dann wird daraus ein klassisches Agentenszenario. Darüber hinaus gewinnt man den Eindruck, dass die Schauplätze besonders kontrastreich aufeinander abgestimmt wurden. Hilfreich hierbei sind nicht nur die Illustrationen, sondern ganz ausdrücklich die Kolorierung von BERTRAND DENOULET. Düsternis und feuerrotes Ambiente stehen für Chaos-Action und Weltuntergangsstimmung. Und das ist im Finale der Doppelfolge durchaus wörtlich zu nehmen. Wer allerdings nun annehmen mag, dass blauer Himmel für friedliche Sequenzen steht, wird eines Besseren belehrt. In paradiesischem Licht fliegen die Kugeln genauso gut.

Im Abenteuer IHRE HOHEIT HONESTY kehrt JEAN VAN HAMME als Szenarist zurück. Eine kleine Abkehr von den Weltumrundungen findet statt, denn als Ausgangspunkt des Geschehens wählt JEAN VAN HAMME die Weltstadt des europäischen Comics: BRÜSSEL. Da hat freilich auch das MANNEKEN PIS seinen Auftritt. Die Geschichte ist eindeutig mehr auf die üblichen WAYNE SHELTON Abenteuer zugeschnitten, aber am Ende fast eine kleine Hommage auf DER GEFANGENE VON ZENDA oder eine Passage in DAS GROSSE RENNEN RUND UM DIE WELT. Alles endet schließlich in einem Land von der Größe Liechtensteins. JEAN VAN HAMME führt WAYNE SHELTON nicht in die Weite, eher in einen Trichter, aus dem es kein Entkommen mehr gibt.

Zwei Autoren, ein Held, WAYNE SHELTON. Ein alternder Held außerdem. Nicht nur einmal muss der Söldner sich Kommentare zu seinem Alter gefallen lassen, höchst ungern noch dazu. Dank der Autoren, THIERRY CAILLETEAU und JEAN VAN HAMME, kommt das Abenteuer recht unterschiedlich, sehr spannend, mit einer Reihe von Anspielungen daher. Und durchweg erste Sahne illustriert von CHRISTIAN DENAYER, der es versteht, mit seinem Realismus Thrillerszenen geradezu filmisch zu präsentieren. Ein guter Band auch für Neueinsteiger, denn Vorwissen von vorangegangenen Abenteuern ist nicht erforderlich. 🙂

WAYNE SHELTON, GESAMTAUSGABE 3: Bei Amazon bestellen.
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Samstag, 23. November 2019

BRUNO BRAZIL – DIE NEUEN ABENTEUER 1

Filed under: Thriller — Michael um 18:12

BRUNO BRAZIL – DIE NEUEN ABENTEUER – BLACK PROGRAM – TEIL 1BRUNO BRAZIL hat es nicht leicht gehabt. Der Agent des KOMMANDO KAIMAN, einer Spezialeinheit, hat eine Reihe von Kollegen im Einsatz verloren, darunter seinen kleinen Bruder Billy. Kein Wunder also, dass sich unter seiner kühlen Miene einiges angestaut hat. Aber die zur Trauerbewältigung begonnene Therapie will keine Abhilfe schaffen. Zu nah ist BRUNO BRAZIL an seinem bisherigen Geschäft, zu sehr zwingen die neuen Ereignisse die alten Erinnerungen und den Schmerz zurück ins Bewusstsein. Denn Menschen aus BRUNO BRAZILS Vergangenheit werden von unidentifizierten Angreifern getötet. BRUNO BRAZIL besinnt sich auf alte Freunde und stellt ein neues Team zusammen.

DIE NEUEN ABENTEUER von BRUNO BRAZIL. GREG als Autor und WILLIAM VANCE als Zeichner waren die Macher der ursprünglichen Serie um den Agenten, der nicht der ganz so glanzvolle und fehlerfreie Agent war wie sein berühmtes britisches Pendant. In der zweiten Hälfte der 1970er endeten bislang die Abenteuer, nicht zuletzt durch die starken Verluste des ersten KOMMANDO KAIMAN bedingt. Nun aber, im Jahre 2019, haben Szenarist LAURENT-FRÉDÉRIC BOLLÉE und Zeichner PHILIPPE AYMOND sich des Kult-Agenten angenommen und die Geschichte fortgeführt. Es wurde nicht modernisiert, sondern wir befinden uns an der Seite von BRUNO BRAZIL weiterhin in den 1970er Jahren.

Gleich das Titelbild gibt uns den Hinweis auf die zeitliche Einordnung. BRUNO BRAZIL steht vor einem MATRA SIMCA BAGHEERA – das ist ein Automobil. Heutzutage muss man diese Zusatzbemerkung bei dieser Marke und diesem besonderen Modell hinzufügen. Damals schon selten, dürfte es heute eine BEGEGNUNG DER DRITTEN ART sein, diesen Sportwagen noch einmal auf der Straße zu sehen. Im Hintergrund findet sich BRUNOS Agentenkollege und Kumpel GAUCHO. Und noch weiter im Hintergrund, groß am nächtlichen Himmel angelegt, der große Unbekannte, der Drahtzieher hinter MORD und ENTFÜHRUNG des vorliegenden ersten Teils des Thrillers BLACK PROGRAM.

Neben den Spannungselementen wird BRUNO BRAZIL zutiefst menschlich von LAURENT-FRÉDÉRIC BOLLÉE präsentiert. Ein Mann, der eben nicht nur ein Agent ist, der sich mit internationalen Verwicklungen und Brutalitäten herumschlägt. Sondern auch ein Ehemann und Familienvater eines Sohnes, der sich in, wie es oft so schön heißt, einem schwierigen Alter befindet. BRUNO BRAZILS familiäre Abwesenheit sorgt kaum für eine Lösung. Aber es bleibt keine Wahl. In den VEREINIGTEN STAATEN und in NEUSEELAND wollen Rätsel gelöst und Helfer rekrutiert werden. LAURENT-FRÉDÉRIC BOLLÉE stellt neben BRUNO BRAZIL ein Team zusammen, das sein eigenes Päckchen zu tragen hat. Körperliche Verstümmelungen sind äußerliche Kennzeichen von im Kern angeknacksten Charakteren.

PHILIPPE AYMOND hat den Zeichenstift in die Hand und das Erbe von WILLIAM VANCE übernommen. Selbstverständlich war WILLIAM VANCE ein Meister seines Fachs und er hat in verschiedenen Genres brilliert. Aber der 2019er Neustart von PHILIPPE AYMOND gefällt mir besser als das Original. Die Zeichnungen sind differenzierter, Charaktere deutlich unterschiedlicher, trotzdem, im direkten Vergleich, kann PHILIPPE AYMOND kaum leugnen einen Blick auf das Original geworfen zu haben. Die Verwandschaft in der Stilistik ist vorhanden, aber PHILIPPE AYMOND ist weit davon entfernt, WILLIAM VANCE nachahmen zu wollen.

Es ist spannend, wie BRUNO BRAZIL seine Team-Mitglieder findet. Als Leser vermisst man die mehrere Alben umfassende Vorgeschichte der Charaktere nicht. Hier werden allesamt gut vorgestellt, sehr unterschiedlich, aber jeder auf seine Art tough. Gefühle werden gern maskiert, Verletzungen gerne versteckt, was nicht immer möglich ist, wie bei WHIP RAFALE, die querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt. Nur gegenüber BRUNO BRAZIL wird der Schmerz rausgelassen, sozusagen auf Augenhöhe mit jemandem, der mitreden kann. Über ACTION braucht sich der Leser neben der sorgfältigen Charakterskizzierung nicht zu beklagen. Die Anschläge und Katastrophen wachsen stetig und hält sich der GEGENSPIELER auch verborgen, lässt seine Kaltblütigkeit keinen Zweifel an seiner Gefährlichkeit. Diesem Feind ist es gleich, über wie viele Leichen er gehen muss.

BRUNO BRAZIL ist wieder da. Er hat seinen Neustart bravorös geschafft. Die Atmosphäre passt zu den 1970ern. Die Erzählweise greift das Gefühl der originalen Vorlage aus eben jenem Jahrzehnt auf. Aber sie webt geschickt neuere Erzähltechniken und Lesegewohnheiten ein. Unteschiedlichste Schauplätze sorgen für Überraschungen und treiben die Spannung in schönen Bögen stets aufs Neue auf die Spitze. Wer klassische Agententhriller mag, technisch perfekt illustriert, ist bei dem neuen BRUNO BRAZIL bestens aufgehoben. 🙂

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Montag, 23. September 2019

ALPHATIERE – DER MINISTER UND DER SPION

Filed under: Thriller — Michael um 9:31

ALPHATIERE - DER MINISTER UND DER SPIONJACQUES DUFELL war vor 20 Jahren jemand, der sich noch keinen Namen gemacht hatte und sein Leben riskierte, um seine Karriere voranzutreiben. Inmitten der Wirren eines gerade für Europäer höchst gefährlichen BEIRUT würde der EHRGEIZ den noch jungen Abgeordneten JACQUES DUFELL beinahe in den Tod dirigiert haben. Ein weiterer junger Mann, Angehöriger des FRANZÖSISCHEN GEHEIMDIENSTES, CHARLES WEBER, erhält die Gelegenheit, diesem Politiker das Leben zu retten. Und damit nicht genug. Die Wege der beiden Männer werden sich noch öfter kreuzen. Nicht unbedingt zur Freude von CHARLES WEBER.

Es heißt ALPHATIERE und nicht, wie sich angesichts des Titelbildes annehmen ließe, ALPHAMÄNNCHEN, denn ersteres gibt das Tierreich schon lange her. Außerdem hat sich diese Spezies auch bei den Menschen in beiden Geschlechtern weit verbreitet. Deshalb sind die beiden besonders gezeigten Männer auf dem Titelbild des Bandes ALPHATIERE (mit dem Untertitel DER MINISTER UND SEIN SPION) nur zwei eines Trios um nichts weniger als im Ringen um die französische Präsidentschaft.

Zuerst zum Thema: HOCHPOLITIK und INTRIGEN. STEPHEN DESBERG und CLAUDE MONIQUET nehmen sich hier eines Themengebietes an, das seit Jahrzehnten immer so schön aus FRANKREICH hier nach DEUTSCHLAND herüberschwappt. Man hat die Skandale und Skandälchen aus der Ferne mit gewisser Häme beobachten könnten. Deshalb ist man sofort bei den beiden AUTOREN, die hier hinter den KULISSEN DER MACHT einsteigen und sozusagen einen ERMITTLER mitten zwischen die Fronten katapultieren.

In der Politik, besonders im Wahlkampf, geht es um VERNICHTUNG DES GEGNERS. STEPHEN DESBERG und CLAUDE MONIQUET bringen es klar auf den Punkt. Unverschlüsselt äußern sich die Feinde auf dem politischen Parkett. Der Kontrahent darf und soll nie wieder einen Fuß auf den Boden der politischen Bühne bringen. Jemand wie CHARLES WEBER bewegt sich mitten durch diesen Dschungel und droht aufgerieben zu werden. Jede Schwäche wird ausgenutzt, jeder Schritt beobachtet. Selbst vor MORD wird nicht zurückgeschreckt.

Da STEPHEN DESBERG und CLAUDE MONIQUET sehr auf ihre Charaktere eingehen, ihnen Tiefe geben, sie mit einer Vielzahl von Stärken und Schwächen ausstatten, eröffnet sich bald ein dichter Reigen. Und Beziehungen sind der Hauptbestandteil dieser gesammelten Schwächen. Die beiden Autoren haben einen packenden Thriller geschrieben, bei dem es schwer fällt, sich auf eine Seite zu schlagen. Allenfalls begreift man die Notwendigkeiten, die alle antreiben. Wie in moderneren (oder der schmutzigen Sorte und mit zwielichtigen Helden ausgestattet) Thrillern neuerdings gerne gesehen, hat einfach jeder DRECK AM STECKEN.

Der Comic-Künstler JEF, verantwortlich für Zeichnungen und Kolorierung, hat sein Talent in verschiedenen Genres bewiesen (wie z.B. WESTERN oder BIOGRAPHIE), farbig oder rein schwarzweiß. Ein politischer THRILLER ist für seinen akribischen Zeichenstil wie geschaffen. In der französischen Unterhaltung, auf der großen Kinoleinwand tauchen öfters gegen den Strich gebürstete TYPEN auf. JEF gelingt es, solchen TYPEN unverwechselbare Gesichter zu geben. Ist die Figur des CHARLES WEBER noch etwas heldisch glatt, ist der Politiker JACQUES DUFELL (im Zentrum des Titelbildes zu sehen) eine kantige Gestalt, mit einem gelebten Gesicht ausgestattet.

Und GELEBT ist das Stichwort, um JEFs Bilder zu umschreiben. Lebensechte Gesichter werden von ihm mit einer fast dokumentarisch düsteren Farbgebung vermischt. Sonnenlicht, sofern es eine Rolle spielt, ist hier eher fahl zu nennen. Oftmals drängt sich ein grau getöntes Grün in den Vordergrund oder ein aggressiv dunkles Rot unterstreicht die kommende Bedrohung.

ALPHATIERE vereint die beiden Teile DER MINISTER UND DER SPION sowie HOCHVERRAT in einem Band. Der THRILLER, geschrieben von STEPHEN DESBERG und CLAUDE MONIQUET, gezeichnet und koloriert von JEF, zeigt keine auf Hochglanz gestriegelte Geschichte, sondern malt POLITIK und seine Macher als die überaus schmutzige Seite der Gesellschaft. Wer hier das GUTE sucht, ist auf dem völlig falschen Dampfer und als Gewinner kann sich letztlich niemand bezeichnen. Dunkel, realistisch, gemein, Top illustriert. Freunde des modernen THRILLERS: zugreifen! 🙂

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Donnerstag, 12. September 2019

DEIN TOD MEIN KUNSTWERK

Filed under: Thriller — Michael um 10:04

DEIN TOD MEIN KUNSTWERKPHILIPP MARTIN, ein Polizist aus PARIS kehrt einmal mehr nach BARCELONA zurück, in jene Stadt, die ihn einfach nicht loslassen will. Mit ihr verbindet er die Liebe seines Lebens. Die ihn so viel gekostet hat. Sein neuerlicher Besuch verbindet sich nun mit einem Mordfall. Je mehr er sich darin verwickeln lässt, umso persönlicher wird die Angelegenheit. Denn sein Gegner ist einer der gefährlichsten Kriminellen von BARCELONA. Unter der Beobachtung der örtlichen Polizei begibt sich MARTIN an seine eigenen Nachforschungen und erfährt mehr, als ihm eigentlich lieb ist.

PHILIPPE BERTHET ist zurück. In den letzten Jahren hat sich der Comic-Künstler mit der sehr klaren Linie hierzulande mit diversen Veröffentlichungen bekannt gemacht. Vorneweg die Kriegsabenteuer um POISON IVY, später vermehrt mit Einzeltiteln wie PERICO, DEIN VERBRECHEN oder MOTOR CITY, allesamt Geschichten, die in den Genres Krimi und Thriller anzusiedeln sind. So verhält es sich auch mit dem aktuellen Band, DEIN TOD MEIN KUNSTWERK, dessen Format nach den drei genannten Titeln nicht mehr als Buchformat daher kommt, sondern als großformatiges Album.

BARCELONA ist die heimliche Nebendarstellerin der Handlung. Die stark bevölkerte Stadt, die es tatsächlich schafft, immer noch kleine einsame Winkel zu besitzen, während einen Straßenzug weiter schon das Leben mit voller Lautsärke brummt. Autor RAULE thematisiert dieses für diese Großstadt äußerst wichtige Detail in einer schönen Szene, als sich die Hauptfigur PHILIPP MARTIN bereits tief in die Geschichte verstrickt hat. PHILIPPE BERTHET erhält als Zeichner die Gelegenheit, sich einige Standorte innerhalb BARCELONAS stellvertretend als Handlungsschauplätze herauspicken zu können. So auch die SEILBAHN, über die Thrillerfreunde natürlich spätestens seit ALISTAIR MACLEAN (AGENTEN STERBEN EINSAM) und JAMES BOND (MOONRAKER) wissen, dass sich hieraus schöne Action-Szenarien ergeben können.

Gleich das erste Bild zeigt, wie die Geschichte sich dem Leser (wie auch der Hauptfigur) präsentieren wird, nämlich als LABYRINTH. Stellvertretend für das Gesamtwerk haben RAULE und PHILIPPE BERTHET das LABYRINTH VON HORTA als einen der zentralen Plätze der Handlung auserkoren. Die Rätselhaftigkeit wird natürlich noch vom Titelbild gesteigert. Hier finden sich gleich zwei treibende Kräfte der Handlung. Der Bösewicht, über und über tätowiert, und das Opfer, über das es zwar eine Menge Enthüllungen gibt, aber trotzdem bleiben ein paar Rätsel übrig.

Ich behaupte gerne, Geschichten dieser Art seien nur den Franzosen zu eigen. Hier stimmt es nicht, denn Autor RAULE ist Spanier und entstammt aus BARCELONA (damit eigentlich genauer gesagt Katalane). Im Vorwort bekundet er seiner Heimatstadt seine Liebe (die ist im vorliegenden Band unübersehbar) und seinen Respekt vor einem Comic-Altmeister wie PHILIPPE BERTHET. Diesem schreibt er ein BARCELONA, wie es der Tourist nicht kennt (aber in der Handlung einige KOMPARSEN stellvertretend für alle anderen Toruisten kennenlernen) und wie es der Tourist kennen kann, wenn er nur aufmerksam genug ist. Dazu gehören natürlich auch all die kleinen Balkone, die in den Seitenstraßen in den Luftraum über den Spaziergängern hineinragen.

Kunst spielt eine Rolle in dieser Handlung. Sie ist sogar eine treibende Kraft. Sie trägt Kunst im Titel. Das Opfer beschäftigte sich mit Kunst. Und kann auch Anstöße geben, einmal in Kunstgeschichte hineinzuschnuppern, denn die Tote beschäftigte sich mit CARLOS CASAGEMAS, dessen Leben fast wie eine von ERNEST HEMINGWAY erdachte Nebenfigur aus FIESTA daher kommt. Ohne CASAGEMAS, eine tragische Figur, malender Künstler und Freund von PICASSO, würde es die Handlung so nicht geben.

Wer Thriller im Medium Comic mag, liegt bei PHILIPPE BERTHET kaum falsch. Dieser Comiczeichner beschäftigt sich mit feineren Stoffen, gut herausgearbeiteten Charakteren vor interessanten Schauplätzen. So verhält es sich auch hier, mit einer der spannendsten Großstädte Europas als Hintergrund. RAULE entspinnt die Geschichte mit Bedacht, legt großen Wert auf echte Figuren und nachvollziehbare Motive, die den Leser mit Leichtigkeit auf Entdeckungstour durch die Handlung mitnehmen. Ein Thriller, der gleichzeitig Drama und Tragödie ist (aber welcher gute Thriller ist das nicht?). Sehr gut! 🙂

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Bisherige Rezensionen im Comicblog zu Arbeiten von PHILIPPE BERTHET:

MOTOR CITY
DEIN VERBRECHEN
PERICO

Sonntag, 11. August 2019

LADY S – GESAMTAUSGABE 1

Filed under: Thriller — Michael um 17:17

LADY S - GESAMTAUSGABE 1Bedrängt, gejagt, verfolgt durch die Zwänge und Brutalitäten einer Diktatur gerät ein junges Mädchen aus ihrer behüteten Welt geradewegs auf den Weg der Kriminalität. Ihr Name: SHANIA RIVKAS. Tochter eines akademisch ausgebildeten Elternpaares. Eines Nachts bricht der KGB, der sowjetische Geheimdienst, ins Heim der Familie ein. SHANIA kann entkommen und wird, begünstigt von einem glücklichen Zufall, von einem alleinstehenden Jugendlichen, ANTON SERGEJEWITSCH GRIWENKO, gerettet. Angeleitet von dem jungen Mann, der sich zu einem großen Bruder auswächst, lernt sie ohne Eltern auf den Straßen zu überleben. Stehlen wird essenziell. Und SHANIA gelingt es, darin eine hohe Professionalität zu erlangen. Bis sie eines Tages eine schicksalshafte Begegnung hat.

Der Belgier JEAN VAN HAMME ist einer der erfolgreichsten europäischen Comic-Autoren. Einzeltitel wie DIE BLUTHOCHZEIT, Serien wie WAYNE SHELTON, LARGO WINCH, XIII oder THORGAL haben hierzulande viele Fans gewonnen. Die Comic-Vorlagen brachten auch Verfilmungen z.B. wie von DIE BLUTHOCHZEIT hervor (dt. Kinofilm mit ARMIN RHODE, UWE OCHSENKNECHT). Eine Übersicht seiner Veröffentlichungen (hier ist nur ein kleiner Teil) macht schnell ein Hauptgenre deutlich: THRILLER. Hier macht JEAN VAN HAMME kein anderer Autor etwas vor. Er entwickelt sehr gerne ausgefeilte Hauptcharaktere, aus einem frühen, jungen Stadium an, strickt an sehr detailierten Lebensläufen und macht diese Figuren für Leser ungeheuer genau nachvollziehbar.

JEAN VAN HAMME hat innerhalb des Genres seine speziellen Felder ausgemacht. Dazu gehören die HOCHFINANZ, INTERNATIONALE POLITIK, SPIONAGE und fremde LÄNDER quer über den gesamten Erdball. Insofern passt die Figur der späteren LADY S sehr gut in die erzählerischen Interessen von JEAN VAN HAMME. SHANIA RIVKAS bewegt sich in eben jenen Gebieten, perfekt ausgestattet mit einem ADOPTIVVATER, der als BOTSCHAFTER der VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA tätig ist.

JEAN VAN HAMME versteht sich auf zweierlei. Einerseits versteht er sich darauf, eine Geschichte geradlinig voranzutreiben, andererseits verschachtelt er dicht, gerne auch mal mit Rückblicken versehen. LADY S will nicht nicht einfach so heruntergelesen werden. Hier ist auch Aufmerksamkeit gefragt. Die Spannung ist häufig psychologischer Natur im Spiel der Charaktere zu finden. Action gibt es in der ersten GESAMTAUSGABE von LADY S, aber keinesfalls als Selbstzweck und sie ist auch nicht mit jenem HOLLYWOODBLOCKBUSTER-FLAIR behaftet wie z.B. bei einem WAYNE SHELTON.

SHANIA RIVKAS bildet als Charakter ein Paradebeispiel einer modernen, toughen, jungen Frau. Bestens bewandert auf dem politischen wie auch diplomatischen Parkett kann sie sich dank ihres Hintergrundes ebenfalls ihrer Haut erwehren. Was nicht allzu oft nötig ist. Dafür ist weitaus häufiger Fingerspitzengefühl gefragt. Kein Wunder, sind doch BRÜSSEL, WASHINGTON, LANGLEY Orte des Skalpells, nicht des Hammers (was so mancher seit Januar 2017 wahrscheinlich nicht mehr so sieht). Comic-Zeichner, die mit JEAN VAN HAMME zusammenarbeiteten, stehen meist für starke realistische Bilder. Mit PHILIPPE AYMOND verhält es sich ebenso.

Als Illustrator geht er bei seinen Figuren mit der gleichen Detailverliebtheit wie sein schreibender Kollege JEAN VAN HAMME zu Werke. Jede Figur ist nach Möglichkeit ein Unikat, zumindest jene, die etwas zu sagen haben. (Bei Komparsen ist das Ganze etwas zu vernachlässigen.) Wer zum Beispiel die Arbeiten von CHRISTIAN DENAYER (WAYNE SHELTON) oder PHILIPP FRANCQ mag, kann rein optisch bedenkenlos zugreifen. LADY S bewegt sich auf jeder Seite in einer realen Welt, aber anders als in anderen Serien von JEAN VAN HAMME, bewegt sie sich nicht immer an besonders exklusiven oder exotischen Orten. An den meisten Orten könnte ebenso gut OTTO NORMALVERBRAUCHER um die Ecke kommen. Und es passt so: Wenn ein z.B. gewöhnliches BRÜSSELER HAUS zur Todesfalle werden kann, fühlt man sich als Cineast an FRANTIC erinnert. Eine Klettertour über innerstädtische Häuserdächer ist und bleibt ungewöhnlich.

Perfekt, routiniert, durchweg spannend. JEAN VAN HAMME ist einfach ein Garant für tolle Thriller-Unterhaltung. LADY S bedeutet für den Leser eine femininere Art des Spionage-Thrills, ohne oberflächliche Kloppereien (die auch bei weiblichen Actionstars zum Pflichtprogramm gehören). Hier ist eher wie in modernen dicht erzählten Serien AUFPASSEN Trumpf. Das gefällt mir sehr gut! Nicht zuletzt wegen der technisch versierten Illustrationen von PHILIPPE AYMOND. 🙂

LADY S, GESAMTAUSGABE 1: Bei Amazon bestellen.
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