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Comic Blog


Sonntag, 12. August 2018

WONDERBALL 5 – IMKER

Filed under: Thriller — Michael um 18:27

WONDERBALL 5 - IMKEREine Verschwörungstheorie: Menschen werden gezüchtet, so wie Bienen gezüchtet werden. Arbeiter, Soldaten, Drohnen, ganz gleich, wie man sie nennt, Hauptsache, sie gehorchen. Das COLLEGIUM OCCULTUM hat es sich seit Jahrzehnten zur Aufgabe gemacht, die Welt mit ihnen gehorsamen Dienern zu überschwemmen. Leider funktioniert die Konditionierung nicht korrekt, freundlich formuliert, und die Drohnen sind vielerorts zu gefährlichen Irren mutiert. Hinter allem steckt der IMKER. Der suspendierte INSPEKTOR SPADACCINI und das PHANTOM wollen ihn endgültig zur Strecke bringen …

Fünfte und letzte Runde im Verschwörungsthriller von FRED DUVAL, JEAN-PIERRE PÉCAU (und FRED BLANCHARD): 1983 erfuhren die Ermittlungsarbeiten noch keine Unterstützung durch vernetzte Überwachungskameras, schnelle Datenübermittlung oder dergleichen. In den Vereinigten Staaten findet ein Wandel statt, aber die Polizei muss am Beispiel der INSPEKTORIN OSTERBERG immer noch viel Fußarbeit leisten, zunächst in Los Angeles, um ans Ziel zu gelangen.

Konsequentes Zeitkolorit über die gesamte Strecke der fünfteiligen Serie: Durch die tolle Arbeit von Comic-Künstler COLIN WILSON stimmt das Ambiente der 1980er. Und daran wird nicht gegeizt. Exemplarisch steht hierfür der fünfte Teil, der den Leser nicht mit Texten bombardiert, sondern wie ein Regisseur vom Stile eines FRANCIS F. COPPOLA viele Bilder wortlos wirken lässt. So entsteht ein grandioser filmischer Eindruck. Das mag auch an den vielen sehr ausgesuchten Spielorten liegen. Wenn ein INSPEKTOR SPADACCINI auf einer roten Eisenbahnbrücke über einem rötlichen Abgrund aus Stein und Staub, einer regelrechten Westernkulisse, steht, ist die Wirkung nicht nur immens. Der Leser erhält gleichzeitig einen optisch deutlich markierten Startschuss hin zum lang gestreckten Showdown.

Ein konsequenter Bösewicht und seine Lakaien: Gleich das Titelbild zeigt den IMKER, den Mann hinter der groß angelegten Verschwörung, einer Unterwanderung der Gesellschaft durch ein riesiges Experiment. Für den Mann sind Menschen wie Drohnen zu behandeln. Ausgerichtet auf einen Zweck, jederzeit abrufbar für einen Krieg, den, folgt man den Theorien des COLLEGIUM OCCULTUM, es zweifelsfrei gibt. Vor dieser Thematik ist WONDERBALL, obwohl in den 1980er Jahren angelegt, geradezu modern, denn Verschwörungstheorien sind momentan wieder so In wie lange nicht.

Vordergründig haben FRED DUVAL, JEAN-PIERRE PÉCAU (und FRED BLANCHARD) einen Breitwandthriller geschrieben, der viele Elemente einsetzt, die der Leser in solch einem Szenario erwarten darf: Schießereien, Car Crashes, Verfolgungsjagden per Automobil und Motorrad, Anschläge, Explosionen (und dank COLIN WILSON immer schön spektakulär inszeniert). Die Figuren sind über die ersten vier Folgen sehr gut charakterlich umrissen worden, das Setting wurde sehr glaubwürdig umgesetzt, deshalb gliedert sich die Action wie gut geölte Bausteine über die Länge ein.

Raus aus den Straßen von San Francisco, raus aus Los Angeles: Es interessant, wie sich der Thriller entwickelt. Aus der innerstädtischen Atmosphäre verwandelt sich das Szenario in eine Art Spätwestern. Das hat durch das Auftreten mancher Figuren und die stellenweise ausgewählt gezeigte Gewalt Anklänge eines Werks wie NO COUNTRY FOR OLD MEN. Abgesehen von SPADACCINI, der nicht mehr genau weiß, ob er ferngesteuert ist oder nicht, hadert hier kaum einer mit seinem Schicksal und geht sehr zielbewusst seinen Weg.

Wow! Starker Stoff! Insgesamt ein toller in fünf Teilen abgeschlossener Thriller. Im Besonderen in dieser fünften Folge von WONDERBALL, IMKER, perfekt illustriert von COLIN WILSON (wie über die ganze Strecke der Serie), sorgfältig erzählt mit genau gesetzten Spannungsbögen von FRED DUVAL, JEAN-PIERRE PÉCAU (und FRED BLANCHARD). Klasse! Meine Empfehlung an alle Comic-Thriller-Fans (und Fans von Colin Wilson). 🙂

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Montag, 23. Juli 2018

PUNISHER PLATOON

Filed under: Thriller — Michael um 17:31

PUNISHER PLATOONSECOND LIEUTENANT CASTLE, neu im Einsatz in Vietnam. Kampferfahrung im Krieg ist keine vorhanden. Aber CASTLE verschafft sich auf andere Weise Respekt bei seinen ihm unterstellten Soldaten. Er bezieht ihre Fähigkeiten und ihre Erfahrungen seine Entscheidungen mit ein. Ihr Schutz hat bei der Erfüllung der Befehle oberste Priorität. Viele Jahre später versucht ein Journalist mehr über den Charakter von FRANK CASTLE herauszufinden. Wie hat Vietnam den Mann geformt, der nach dem Tod seiner Familie zum gefürchteten PUNISHER wurde? Im Gespräch mit vier überlebenden Soldaten von einst kommt der Reporter der Antwort ein Stück näher.

GARTH ENNIS ist über Jahrzehnte zu einem Comic-Kultautor gediehen. Er feilte und schrieb jahrelang an JUDGE DREDD (obwohl nicht von ihm erfunden). Zu seinen erfolgreichen Veröffentlichungen hierzulande gehört natürlich auch PREACHER (von ihm und STEVE DILLON erfunden). Oft ist sein schwarzer Humor ein tragendes Element in den Geschichten, so auch in THE BOYS, eine Art Abrechnung mit dem Superheldengenre. Umso erstaunlicher ist diese Geschichte, PUNISHER PLATOON. Mit dem PUNISHER hat er sich oft beschäftigt (auch mit einer enormen Steigerung seines Bekanntheitsgrades als Autor, mit Zeichner STEVE DILLON). Aber so abseits aller Superhelden, Superschurken oder mafiösen Gangstern war er selten.

VIETNAM ist hier keine Superheldenspaßkulisse. GARTH ENNIS geht das Thema hier mit ähnlicher Ernsthaftigkeit an, die der Leser und (gleichzeitiger) Kinofan von Filmen wie PLATOON oder APOCALYPSE NOW her kennen mag. Der Autor beschreibt nicht nur den Kampf, das Leid der Soldaten, amerikanisch wie vietnamesisch, er geht auch mit den abseitigen Themen um, wie z.B. dem Handel mit AK-47 als Souvenir oder dem schlechten Funktionieren der GI-Waffe M16.

GARTH ENNIS verwendet mehrere erzählerische Sichtweisen. Er lässt amerikanische Soldaten sich erinnern, er nimmt den Leser mitten ins Geschehen. Aber ebenso wenig vergisst er die vietnamesische Seite nicht. Stellvertretend für die kommunistisch gefärbte Seite steht COLONEL LETRONG GIAP, für die niederen Ränge, die Sorgen und Nöte der einfachen Soldaten steht die Viatnamesin LY, die den späteren PUNISHER andeutet. Denn wie FRANK CASTLE wird sie durch ihre Verluste in einen abgrundtiefen Hass getrieben. Ihr einziges Lebensziel besteht nur noch darin, Amerikaner zu töten, ganz gleich wie.

Mit Zeichner GORAN PARLOV hat hier ein Illustrator mit GARTH ENNIS zusammengearbeitet, der vom gleichen Format ist wie ein COLIN WILSON oder ein EDUARDO RISSO. Sein technischer Ausdruck ist optisch zwischen den besagten Künstlern angesiedelt. Skizzenhaft angelegte, trotzdem punktgenaue Strichführung in Szenen, gleichzeitig eine tolle Charakterisierung durch eine hohe individuelle Darstellung jeder einzelnen Figur. Ein herausragendes Beispiel ist die kleine Interviewrunde, die in einer Kneipe stattfindet.

Den fragenden Reporter bekommt der Leser nicht zu Gesicht, vielmehr wird die Szene aus seinem Blickwinkel erzählt, der Leser sitzt den vier ehemaligen Soldaten am Tisch gegenüber und erfährt ihre Reaktionen sehr nah, vor allem dank der Fähigkeiten von GORAN PARLOV als Illustrator. Die Rückerinnerungen an Vietnam stellen den Kneipensequenzen eine regelrechte Endzeitstimmung gegenüber. Land und Menschen sind fremd, feindlich abwehrend, einzig einmal in Imitation westlich archaischen Männerspaßes in einer Amüsiermeile von Saigon ist den Männern zum Lachen zumute.

Eines der besten PUNISHER-Szenarien (ohne den PUNISHER, nur mit FRANK CASTLE). Das amerikanische Trauma Vietnam mit dem späteren gnadenlosen Rächer in der Hauptrolle, noch hat er Frau und Kind und seine Sorgen gelten den ihm unterstellten Männern. GARTH ENNIS gelingt in seiner Erzählung ein toller Dreh, indem er FRANK CASTLE, aus einem vietnamesischen Blickwinkel, sogar zu einem verdienten Opfer macht (denn auch die andere Seite hat ihre Art von PUNISHER). Düster, erwachsen. 🙂

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Sonntag, 01. Juli 2018

REVIVAL 8 – BLEIB DOCH NOCH ETWAS

Filed under: Thriller — Michael um 18:17

REVIVAL 8 - BLEIB DOCH NOCH ETWASEs geschieht auf einer Brücke über den SILVER CREEK. Der Mörder schleicht sich aus der Deckung heran, ein Brecheisen in der Hand. Die junge Frau steht mit dem Rücken zu ihm in der Nähe ihres Autos, telefoniert, ist abgelenkt. Sie sieht den Schlag nicht kommen. Blut spritzt aus ihrem Schädel. Der Schlag ist nicht tödlich. Der Mörder weicht entsetzt zurück. Ein Fehltritt, die Frau stürzt von der Brücke in den Fluss. Der Körper treibt mit der Strömung, die Augen starr zum Nachthimmel gerichtet. Und schließlich, gegen jede Wahrscheinlichkeit, erklimmt das Mordopfer das Ufer und kehrt zu seinem Wagen zurück …

Das Finale klärt alle offenen Fragen, vor allem die wichtigste: Wieso konnten die Toten zurückkehren, nahezu menschlich wie zuvor und unsterblich? Wer sind diese gelblichen Geisterwesen? Was erhofft sich das Militär von dieser kleinen Apokalypse? Aus einem anfänglichen, sehr konzentrierten Chaos ist eine sehr große, eingekapselte Arena geworden. WAUSAU wird ein Mikrokosmos der Vereinigten Staaten und beschwört jene Horrorszenarien, vor denen sich eine amerikanische Regierung fürchten mag: eine bis an die Zähne bewaffnete Zivilbevölkerung, die dem regulär bewaffneten Arm, der Armee nicht Folge leisten mag. Und ein Sheriff, der ein paar Waffen hortet, die von diesen Rednecks eingesammelt werden wollen, gerät da samt seiner Famile schnell zwischen die Fronten.

Familie ist ein weiteres großes amerikanisches Thema. Hier wird es von TIM SEELEY am Beispiel der Familie CYPRESS abgehandelt. Der Vater ist Sheriff, die älteste Tochter DANA Polistin, die jüngste Tochter, MARTHA (kurz EM), ist sozusagen das schwarze Schaf, rebellisch und für eine Kleinstadt eigentlich nicht gemacht. DANA hat ihre Schwester mit erzogen. Ihre Diszipliniertheit eckt häufig mit der von Sturm und Drang getriebenen EM an. Allein diese Konstellation genügt anderen Serien schon als Stoff für viele, viele Folgen. TIM SEELEY fügt eine weitere Komplikation hinzu: EM war tot und ist zu Lebenden zurückgekehrt. Und nicht nur das das. Sie wurde ermordet und ist gleichzeitig schwanger.

Werden all diese Zutaten gemischt, mit noch einer ordentlichen Anzahl weiterer Nebencharaktere, vor einer apokalyptischen Kulisse, können Freunde des gepflegten Weltuntergangs mit Serienpotential frohlocken. TIM SEELEY hat über die gesamte Strecke hinweg ein Steinchen dem anderen hinzugefügt und ein großartiges Gespür dafür bewiesen, wann es am besten menschelt, wann Action eingesetzt werden muss und wie er den Leser packen kann, damit er mit einigen ausgewählten Figuren bis zum spannenden Schluss mitfiebert.

Aber da ist ja noch MIKE NORTON! Dem Zeichner und Illustrator ist der Erfolg der Serie ebenso hoch anzurechnen wie dem Autor selbst. Dank der Kolorierung von MARK ENGLERT, ALLEN PASALLAQUA und DEE CUNNIFFE gerät das von MIKE NORTON gestaltete Finale zur düstersten Episode überhaupt. BLEIB DOCH NOCH ETWAS, so der Untertitel von Folge 8, verlagert sein Geschehen weitgehend nach draußen in eine winterliche Landschaft. Kahle Bäume stehen skelettiert, es schneit unentwegt, in entsprechender Kleidung bewegen sich die Figuren durch eine von Wolken dunkel verhangene Welt. Und wenn es die Handlung einmal nach innen in die Häuser oder in Träume und Erinnerungen verschlägt, hält MIKE NORTON hier keinen Trost parat. Weder für die Charaktere noch für die Leser.

Gegensätze bilden ein tolles Panorma. Hellgelbe Seelenwesen, der blaugraue Winter und schließlich der SILVER CREEK, der örtliche Fluss, wird zu einem blutig roten Gewässer, einer regelrechten Grenze zur Unterwelt, die im Wortsinne in die Welt der Lebenden hinüber schwappt. Spätestens ab KAPITEL 45 (der Hefteinteilung dieser Episode, ab ungefähr der Mitte dieser Episode) wird es mythischer, surealer. Tanzende Geister in einem klaren Bach sind eines der vielen I-Tüpfelchen nicht nur dieser Folge, sondern der gesamten Serie.

Ein höchst dramatisches Finale wie es genreübergreifend selten eines gibt. TIM SEELEY verlangt seinen Hauptcharakteren das Letzte ab, jagt sie, quält sie, lässt sie leiden, entlockt Abgründe, treibt sie in höchste Höhen über ihre eigens gesetzten Grenzen hinaus. Das Spiel mit den Gefühlen dürfte jeden Leser packen. Ein Pageturner ist es auf jeden Fall. Illustrator MIKE NORTON hat mit der Figur der MARTHA CYPRESS eine der originellsten Comic-Figuren gestalten können, eine, die auch durch ihr Schicksal noch lange im Gedächtnis des Lesers bleibt. 🙂

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Sonntag, 18. März 2018

WAYNE SHELTON Gesamtausgabe 1

Filed under: Thriller — Michael um 23:28

WAYNE SHELTON Gesamtausgabe 1WAYNE SHELTON ist ein Mann für besondere Fälle, für ungewöhnliche Aufgaben. Qualität und hohe Erfolgsquoten haben natürlich ihren Preis. Je gefährlicher ein Auftrag ausfällt, desto teurer wird er. Ein kleines ehemalig russisch orientiertes Ostblockland besitzt Bodenschätze, für die international agierende Konzerne im wahrsten Sinne des Wortes bereit sind zu töten. Wenn man sie ließe. WAYNE SHELTON wird für eine Rettungsaktion angeheuert, Millionenschwer bezahlt, macht er sich sogleich an die Zusammenstellung eines Teams von Spezialisten. Leider kann der WAYNE SHELTON nicht sämtliche Eventualitäten vorausberechnen …

Mit WAYNE SHELTON startete einer der versiertesten Comic-Autoren, nämlich JEAN VAN HAMME, eine weitere Thriller-Serie. Mit LARGO WINCH und XIII hatte er sich bereits langjährig mit internationalen Szenarien bejährt. Mit WAYNE SHELTON greift er auf die Erfahrung zurck, präsentiert aber einen völlig anderen Heldentypus. Action-Fans alter Schule werden in dem Auftragsszenario und der Zusammenstellung der Mitstreiter eine Mischung aus WILDGÄNSEN und BRUNO BRAZIL mit einem äußerst modernen Setting herauslesen können. In der Tat ist die Hauptfigur ein Gentleman in jeder Lebenslage, tough, ein wenig wie BOND, aber auch ein wenig wie RICHARD BURTON in den WILDGÄNSEN.

Trenchcoat, grau meliertes Haar, sportlich. Jemand, der erst denkt, sich seine Chancen ausrechnet und dann handelt. Das ist WAYNE SHELTON. Er ist schönen Frauen nicht abgeneigt, obwohl er in der Trickdiebin HONESTY GOODNESS eine Dauergeliebte hat, genauer, ein beständig neu aufgelegtes Verhältnis. Wer sich so oft in Gefahr begibt, genießt natürlich auch das Leben. Ein Auftrag in fernen Ländern? Dann bitte aber mit Stil und hinter dem Steuer eines klassischen BUICK mit Heckflügeln.

DIE MISSION bildet den Auftakt der Reihe. 2001, also ein paar Jahre bevor Knastszenarien im Sinne von PRISON BREAK populär wurden, gilt es einen Gefangenen aus einem wirklich elendigen Gefängnis zu befreien. Anschließend soll dieser auch noch über die Grenze in Sicherheit gebracht werden. Eingepfercht zwischen Armenien, Türkei, Iran und Aserbaidschan hat sich JEAN VAN HAMME ein Fantasieland ausgedacht, in dem er sich als Autor nicht um völligen Realismus scheren muss. Trotzdem ist man nach einem Blick in die Nachrichten sofort geneigt, ihm jede Seite des Abenteuers abzunehmen.

Realistisch ist das Szenario im Hinblick auf seine grafische Umsetzung, mit der Zeichner CHRISTIAN DENAYER vormacht, was ein Thriller-Comic zu leisten vermag (Auf Augenhöhe mit Künstlerkollegen wie WILLIAM VANCE oder PHILIPPE FRANCQ, um nur zwei Zeichner zu nennen, mit denen JEAN VAN HAMME ebenfalls zusammenarbeitete. Irgendwie scheint sich der Autor stets stilistisch und technisch ähnliche Künstler auszusuchen.) CHRISTIAN DENAYER ist technisch perfekt. Jeder Strich sitzt, jedes Bild wirkt wie nach einem Kinofilm oder Fernsehserie gearbeitet. Jede Sequenz, die einer bestimmten Region zugeordnet werden kann, atmet die Atmosphäre des jeweiligen Landstrichs.

Actionszenen sind dank der sehr exakten Wiedergabe von Vehikeln, toller Perspektiven und toll gewählter Schauplätze ein Hit. Trotz moderner Geschichte wurden Handlungsorte ausgesucht, die eine Spur KALTER KRIEG atmen. Ist es in der Doppelfolge DIE MISSION und DER VERRAT die untergegangene Sowjetunion, ist es in DER KONTRAKT ein typisch südamerikanisch anmutende Bananenrepublik (die später Metropolen wie New York oder London weichen muss).

So dürfen und müssen Thriller sein, ganz gleich in welchem Medium. WAYNE SHELTON hat toughe, dennoch sehr menschliche Charaktere, die mitreißen und zum Mitfiebern einladen. Comic-Künstler CHRISTIAN DENAYER liefert perfekte Bilder. Für Freunde von Krimis und Thrillern eine klare Empfehlung und erst recht für jene, die Spitzenillustratoren in Comics wollen. 🙂

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Freitag, 02. März 2018

I.R.$ 17 – LARRY’S PARADISE

Filed under: Thriller — Michael um 18:00

I.R.$ 17 – LARRYS PARADISELARRY B. MAX hat dem Beruf des Steuerfahnders viele Jahre seines Lebens geopfert. Er hat die Welt bereist, war unzähligen Lebensgefahren ausgesetzt und nun soll das plötzlich alles vorbei sein? Keine Gefahren mehr, aber auch keinerlei Privilegien? Eines ist klar: All sein Wissen für die Gegenseite, die Steuervermeider, gewinnbringend einzusetzen ist ihm verboten. Doch LARRY B. MAX war noch nie jemand, der sich von Verboten ins Bockshorn jagen ließ. Und so ist seine neue Stelle bei KYLE FINANCIAL PARTNERS eine logische Folge. Der erste Tote, der ihm auf seinem neuen Lebensweg begegnet, eigentlich auch …

LARRY’S PARADISE ist alles mögliche, nur ganz bestimmt kein Paradies. Es geht vordergründig um Geld. Viele wollen es; diejenigen, die es ohnehin schon haben, wollen noch mehr. Und andere sind gegen einen fetten Obulus nur allzu gern bereit, ihnen so viel zu beschaffen, wie nur irgend möglich. Da kommt ein LARRY B. MAX, der sich auf dem Parkett der Schwächen und Absurditäten des amerikanischen Steuerrechts auskennt (wie er sich selbst einmal ausdrückt), gerade recht.

Während jedoch jemand die Steuersünder regelrecht (über Kimme) aufs Korn nimmt, zeigt LARRY B. MAX noch eine andere Seite. Der junge Mann ist sehr einsam in einem Meer einer oberflächlichen Gesellschaft, einer giftigen Mentalität. Die einzige Frau, die sich wieder in sein Leben drängt, ist eine angeblich Tote, ein weiblicher Jugendschwarm und ehemalige Hollywood-Schauspielerin, mit der er einst häufiger (nach dem Abflauen ihrer öffentlichen Popularität) Telefonsex pflegte. Neben der realistisch angelegten Thrillergeschichte baut Autor STEPHEN DESBERG hier einen leicht surrealen Handlungsfaden auf (den sich auch ein DAVID LYNCH hätte einfallen lassen können).

BERNARD VRANCKEN, Zeichner von I.R.$ (Internal Revenue Service), betreut die Serie grafisch in der 17. Episode mit einer solchen Perfektion und Effizienz, dass Stammleser der Reihe keine bösen Überraschungen erleben werden. Im Gegenteil, wer sich auf das Szenario einlässt, im Mittel angesiedelt zwischen Finanzintrigen und handfestem Thriller, wird sich in einer Optik wiederfinden, wie sie die besseren amerikanischen Serien derzeit einsetzen oder wie es gute Kinoverfilmungen bereits früher taten.

Das Umfeld hier ist die Hochfinanz. Deshalb ist die Atmosphäre rund um LARRY B. MAX auf Hochglanz gebracht. Immobilienträume, innen wie außen, Parties auf Hollywood-Niveau, mafiös vergoldet, stählern moderne Büros oder die traditionsreiche Umgebung amerikanischer Justiz dienen hier als Kulissen. Kalifornien selbst ist jeden Tag von einem blauen Himmel gekrönt, die Straßen vielerorts staubig, reiche Anwesen werden von Palmen umrahmt. Fahrzeuge, Klassiker, schwarzweiße Polizeiwagen wie auch neueste Cabriolets runden das Flair des Küstenstaates ab.

Trotz aller Helligkeit des Szenarios eine düstere Geschichte. Hier finden STEPHEN DESBERG und BERNARD VRANCKEN den genauen Gegensatz von Handlung und Grafik. Der Besitz eines großen Vermögens führt geradewegs in die Hölle. Und mittendrin gerät LARRY B. MAX wieder einmal selbst auf die Abschussliste. Packend, schnell, spannend und durch LARRYS beruflichen Wechsel, Neustart ohne Vorkenntnisse zu genießen. Für Thriller-Fans! 🙂

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Freitag, 19. Januar 2018

WONDERBALL 4 – FOTOGRAF

Filed under: Thriller — Michael um 19:22

WONDERBALL 4 - FOTOGRAFEin Mann auf der Veranda? Mitten in der Nacht? In der amerikanischen Vorstadt, die längst keine Idylle mehr ist. ANTON SPADACCINI darf sich seiner Exfrau COOKIE eigentlich nicht mehr als auf 50 Meter nähern. Aber der von seinen eigenen Kollegen gesuchte SPADACCINI alias WONDERBALL macht sich Sorgen. Um seine Exfrau und seinen bei ihr lebenden Sohn. Ein guter Grund also, wenigstens einmal (oder einmal mehr) auf Gerichtsurteile zu pfeifen und auf COOKIES Milde zu hoffen. Oder sind seine Verfolger bereits da und haben nur auf ihn gewartet?

Will WONDERBALL überhaupt Antworten? Sollte es ihn nach all den Ereignissen überhaupt noch nach Antworten verlangen? In der vierten und vorletzten Episode von WONDERBALL, FOTOGRAF mit Namen, verdichten sich die Fährten, denen INSPEKTOR SPADACCINI bisher folgte, mehr und mehr zu einer einzigen Spur. Aber der Preis ist hoch. Der Polizist wankt auf einer Spur aus Morden und mörderischen Gesellen, die geradewegs aus einem Horrorfilm entsprungen sein könnten. Und Schuld daran hat eine geheimnisvolle Organisation namens COLLEGIUM OCCULTUM.

Während der INSPEKTOR den Spuren folgt, versorgt die Autoren FRED DUVAL und JEAN-PIERRE PECAU (zusammen mit FRED BLANCHARD) den Leser mit Hintergrundinformationen. Insbesondere der Horror, der von der titelgebenden Figur des FOTOGRAFEN ausgeht, wird ins Zentrum gerückt. ALAN SMITHEE, so der Name, sieht sich selbst als Avantgarde-Künstler und dreht gleichzeitig Filme, die den Begriff Snuff-Video auf ein völlig neues, furchtbares Level heben. Die mit äußerst abartigen Tendenzen versehenen Gegner von INSPEKTOR SPADACCINI bleiben sich also mehr als treu. Aus welchem Grund das so ist, wird in dieser Folge final gelüftet. Letzte Fragen und Antworten bleiben dem fünften Teil vorbehalten.

Horror entsteht hier im Kopf. Alleine die textlichen Regieanweisungen von ALAN SMITHEE erzeugen genügend Bilder beim Leser. Kleine Accessoires besorgen den Rest. Andere Kleinigkeiten sorgen für Atmosphäre, lassen die Zeit aufleben. Der Tod des Sängers KLAUS NOMI im Jahre 1983 wird in einem Magazin erwähnt. Eine BETAMAX-Kamera hält als Wunderwerk der Technik Einzug in den Alltag. Und der IT-Spezialist WILL WINDOW hält die ermittelnde Beamtin, INSPEKTORIN OSTERBERG, mit seinen Datenbank-Recherchen weiterhin auf dem Laufenden.

Ganz nebenbei bringt Top-Illustrator COLIN WILSON sogar noch ein Gemälde von TAMARA DE LEMPICKA (Motiv: YOUNG LADY WITH GLOVES) in der Geschichte unter. Es ist ein kleiner Ruhepunkt neben Schießereien in Los Angeles und nächtlichen Streifzügen in Wohngegenden sowie besagten Szenen rund um den FOTOGRAFEN. COLIN WILSON macht diese Zeitreise zu einem Krimischmuckstück. Ein ehemaliges Wohnhaus von JUDY GARLAND am MULHOLLAND DRIVE wird zum Spielort (ein NORMAN BATES aus PSYCHO hätte an der hölzernen Architektur des Gebäudes seine helle Freude gehabt). Nachts erstrahlen die Freeways und der Hollywood Boulevard. Und unter den Autobahnbrücken herrscht drückende Finsternis.

Auf dieser toll vermittelten Atmosphäre kommt der erzählte Thriller voll in Fahrt. Spannende Momente zieht er aus den Erlebnissen von WONDERBALL, faszinierende Momente entstehen durch die im COLLEGIUM OCCULTUM angesiedelte Handlung. Schießereien und gewalttätige Auseinandersetzungen erinnern Hollywood-Vorbilder der 1970er und natürlich 1980er (vielleicht mit einer Spur mehr Action, wie es das moderne Auge der 2010er gewöhnt ist). COLIN WILSON beschafft dem Leser kamerasprachlich klasse Totale, geht aber auch im Sinne von starker Emotion nah an die Akteure heran. Beides ist sehenswert und technisch perfekt.

Wäre WONDERBALL ein Kinofilm, würde man sich manchesmal mit den Fingernägeln in die Armstützen verkrallen. Ein echtes Comic-Thriller-Erlebnis mit toller Optik, einer guten Geschichte und harter Action. Die vorletzte Folge ist ein krasser Knaller! 🙂

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Mittwoch, 17. Januar 2018

JACKIE KOTTWITZ Gesamtausgabe – Band 7

Filed under: Thriller — Michael um 12:07

JACKIE KOTTWITZ Gesamtausgabe Band 7Falsch verbunden? So werden die meisten Menschen wahrscheinlich äußerst selten geweckt. Eine Frau ruft mitten in der Nacht an. Jackie, völlig schlaftrunken, vertröstet die Anruferin auf einen Termin am nächsten Morgen im Büro, nur um festzustellen, dass sie ihn für einen Mordauftrag anheuern will. Einem ersten Impuls nachgebend setzt Jackie die junge Frau mit dem blauen Auge vor die Tür. Als er sich eingesteht, einen Fehler begangen zu haben, ist es bereits zu spät. Die Frau ist verschwunden …

ALAIN DODIER setzt seine Kriminalfälle um den Privatdetektiven JACKIE KOTTWITZ fort. Und beginnt gleich mit einer Doppelfolge: BEI ANRUF MORDAUFTRAG und IM VISIER. JACKIE, eine Mischung aus MONSIEUR HULOT und JULES MAIGRET, bislang mehr ein heimlicher Jäger, sieht sich auf einmal selbst als Ziel eines professionell agierenden Mörders, denn natürlich hat die Verwechslung mit dem Killer ihre Folgen. Das Geheimnis von ALAIN DODIERS Kriminalgeschichten liegt nicht nur im Charme der Figuren begründet. Vielmehr ist es die Alltäglichkeit, aus der sich plötzlich eine oftmals gefährliche Situation entwickelt. Die Abgründe sind mal mehr, mal minder tief, aber hinter den bürgerlichen Fassaden sind sie stets vorhanden.

Selbst der Mörder, der JACKIE KOTTWITZ nachsteigt, versteckt sich zunächst hinter einer solchen Fassade. Und es ist nicht die einzige Tarnung, die in dem Zweiteiler auffliegt. Wie das Titelbild von IM VISIER verrät, fällt die Handlung diesmal etwas aktionslastiger aus. An einer Szene ganz besonders hätte sogar ein JAMES BOND seine helle Freude gehabt (Stichwort: LEBEN UND STERBEN LASSEN). Der Doppelhandlung angeschlossen ist ein feines Making-of. Es ist immer wieder interessant, welche Phasen alleine das Titelbild eines Bandes durchläuft, wie lange und genau ALAIN DODIER an der richtigen Optik feilt. Klar, ein Titelbild muss die Handlung auch auf den ersten Blick spannend anpreisen. Das Titelbild der vorliegenden 7. Gesamtausgabe ist gleichzeitig jenes von BEI ANRUF MORDAUFTRAG.

In einem auf den ersten Seiten abgedruckten Interview schildert ALAIN DODIER seine Arbeitsweise, gleichzeitig verschweigt er aber nicht die Schwierigkeiten, mit denen selbst ein sehr guter Illustrator wie er (meine Worte) manchmal zu kämpfen hat, wenn es um den richtigen Ausdruck, die beste Perspektive oder Haltung geht. Wie er an Lösungen herangeht, lässt sich so schön wie eindrucksvoll aus seinem Making-of ersehen. Perfekt für Comic-Fans, die den Blick hinter die Kulissen mögen.

FAHRERFLUCHT lautet der Name des dritten Albums in diesem Band und stellt gleich unter Beweis, wie JACKIE KOTTWITZ die Aufgaben oftmals geradezu vor die Füße fallen. Ein kleines Mädchen sitzt vor seinem Büro. Es stammt aus einer Nachbarwohnung. Der Vater der Kleinen ist in der Nacht einfach verschwunden. So harmlos beginnt alles und spitzt sich dann immer weiter zu. Cineasten dürfte der Wagen, ein ASTON MARTIN, auf dem Titelbild gleich bekannt vorkommen (selbst jene, die kaum mit dem Kino in Berührung gekommen sind, dürften das Fahrzeug erkennen). Aber dieses Automobil wirkt nicht wie der einzige Fingerzeig in diesem Band.

Eine von JACKIE KOTTWITZ beobachtete, wortlos geführte Auseinandersetzung schaut aus wie ein Familiendrama in einer erwachsenen Version zwischen VATER UND SOHN. Neben dem Tagesablauf eines unorthodoxen Privatdetektiven werfen wir zusammen mit JACKIE KOTTWITZ auch einen Blick in das Leben eines Bildhauers. Außerdem wird die Beziehung zwischen JACKIE und BABETTE vertieft. Eigentlich bedient sich ALAIN DODIER all jener Rezepte wie sie andere langlebige Krimiserien hierzulande nutzen (WILSBERG z.B. verwendet vergleichsweise eine ähnliche Rezeptur und strahlt gleichzeitig einen ebensolchen Charme aus).

ALAIN DODIER kennt seine Figuren perfekt und weiß eine Handlung auch über eine längere Strecke, über ein Album hinaus anzulegen. Indem er seinen Helden zur Zielscheibe macht, wird die Spannung drastisch angezogen. Ein starker Zweiteiler, eine fein beobachtete dritte Geschichte und alle drei stilistisch klar und toll illustriert. Wie man an anderer Stelle sagen würde: Prädikat wertvoll! 🙂

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Sonntag, 03. Dezember 2017

TORPEDO 1972

Filed under: Thriller — Michael um 18:36

TORPEDO 1972JAMES ist Journalist, auf der Suche nach der großen Story. Jetzt scheint er etwas gefunden zu haben. Nachdem er versucht hat, an seiner Freundin rumzufummeln, im dunklen Kinosaal, während einer Vorstellung von DER PATE, rückt er mit der Nachricht heraus. Für die Fummelei handelt er sich eine Ohrfeige ein, weil Sex vor der Ehe für WENDY nicht in Frage kommt. Die Geschichte allerdings interessiert sie als Fotografin. Keiner der beiden ahnt, wie gefährlich ihnen der aus ihrer Sicht uralte Hauptdarsteller der geplanten Story noch werden wird …

Hart. Härter. Drecksack. TORPEDO. So etwa könnte eine Steigerungsform in Form auf den gealterten Hitman ausfallen. LUCA TORELLI alias TORPEDO ist über 60, seine für ihn glorreichen 1930er Jahren liegen lange zurück. Aber nur die Knochen und Muskeln haben gelitten, Parkinson lässt die Hand zittern. Emotional hat sich nichts geändert. TORPEDO ist brutal, ohne Gewissen und ohne Mitleid. Andere Menschen bedeuten ihm nichts, nicht einmal der langjährige Sidekick RASCAL, den er immer noch mit Vorliebe drangsaliert (und der sich weiterhin alles gefallen lässt, das muss irgendwie Liebe sein).

Die äußeren Umstände, wie man so schön sagt, sind nicht nur körperlich andere geworden. Früher hat TORPEDO von seinen Aufträgen sehr gut, sehr bequem, sehr komfortabel leben können (vielleicht ein Grund, warum RASCAL es so lange neben TORPEDO ausgehalten hat). Im Jahr 1972 hat sich nicht nur eine leidlich neue Jugendkultur ihre Bahn geschlagen, TORPEDO ist auch verarmt, wohnt mit RASCAL in einer Bude, die mehr für die Abrissbirne taugt, und jagt auf seine Art Tauben für die nächste warme Mahlzeit im Stadtpark. Um das Maß voll zu machen, ist die alte Welt der Mafiosi dank des Kino-Blockbusters DER PATE zur Popkultur geworden. Verbrechen als New Yorker Lokalkolorit.

Dennoch: TORPEDO hat noch ein letztes Mittel, um Geld zu verdienen. Er verkauft seine Vergangenheit. Jeder Name, jedes Geschehen, jede Erinnerung, jedes Foto kostet und das nicht zu knapp. ENRIQUE SANCHEZ ABULI seine TORPEDO 1936-Variante neu belebt, ihn in eine Zeit geworfen, die der alten Gefahr durch Gangster rotzfrech gegenübertritt, sehr naiv sogar, zuweilen geradezu blind und blöd. Punktum: Perfekte Opfer für TORPEDO und der Grund, warum es noch niemand geschafft hat, den Alten um die Ecke zu bringen.

Die Wiederbelebung von TORPEDO durch E. S. ABULI funktioniert besonders gut durch die Gegensätze. Der Killer LUCA TORELLI steht für eine andere Zeit, die spätestens in den 1950er Jahren eine starke Veränderung erfuhr, als die ehrenwerte Gesellschaft sich noch etwas auf ihren Stellenwert einbildete, die familiäre Abgrenzung gegenüber anderen kriminellen Vereinigungen etwas bedeutete. In den 1970ern treiben sich bei E. S. ABULI die Nachfahren jener Familien in Spelunken herum und belächeln die alten Tage mit einem debilen Grinsen.

Als grafischer Nachfolger vom langjährigen Zeichner JORDI BERNET (der 1936-Variante) steht der ausgezeichnete Illustrator EDUARDO RISSO in den Startlöchern. EDUARDO RISSO hat reichlich Erfahrung in Thrillerszenarien gesammelt. Nachprüfen konnte die Leserschaft das hierzulande mit Veröffentlichungen wie JONNY DOUBLE oder 100 BULLETS. EDUARDO RISSO arbeitet mit einfachen, dünnen Strichen, er mag außerdem eine künstlerisch übertriebene Schattierung, wie er in der reinen Schwarzweißumsetzung des Comic-Dreiteilers VAMPIRE BOY unter Beweis gestellt hat.

Besonderes Markenzeichen von EDUARDO RISSOS Arbeit sind die Visagen. Schönheiten wie allgemein bei Superheldencomics auftauchend sind bei EDUARDO RISSO eher Nebendarsteller. RISSOS Charaktere können einem an der nächsten Straßenecke begegnen. So ist er für JORDI BERNET ein perfekter Nachfolger, denn auch BERNET verstand sich auf echt wirkende Figuren. Gerade das macht einen der Reize in dieser sehr ungeschminkten Gangster-Oper aus.

Neue Zeit, alter TORPEDO. Er hat nichts verlernt, aber auch nichts dazugelernt. TORPEDO bleibt TORPEDO, auch mit Parkinson. Eine dreckige Gangsterballade von E. S. ABULI, stilistisch exzellent von EDUARDO RISSO gestaltet. Wer den TORPEDO von 1936 mochte, wird den von 1972 ebenfalls ins dunkle Herz schließen. 🙂

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Freitag, 24. November 2017

SARA LONE 2 – CARCANO GIRL

Filed under: Thriller — Michael um 11:17

SARA LONE 2 - CARCANO GIRLWashington am 26. April 1961. Zwei Männer sitzen völlig unverfänglich auf einer Parkbank und unterhalten sich. Der eine isst einen Hot Dog, lässt ein paar Krümel für die Tauben auf den Boden fallen. So harmlos die Szene ist, so aufgewühlt sind beide Männer, was die politische Situation anbelangt. Kurz zuvor ist die Invasion in der Schweinebucht auf Kuba gescheitert. Aus den Gedanken der Unzufriedenheit mit dem Oberbefehlshaber der Vereinigten Staaten, dem Präsidenten, entstehen dunkle Ideen …

Im Mai 1561 wird vor langer Zeit ein Nährboden für weitere Ereignisse zu Beginn der 1960er Jahre in den Vereinigten Staaten, im Bundesstaat Texas gelegt. Die junge Frau, die beschlossen hat, unter ihrem Künstlernamen SARA LONE zu leben, befindet sich an Bord der PINKY PRINCESS, einem Krabbenkutter. Der Fang ist äußerst mager ausgefallen. Auf dem Schiff beschäftigt sie zwei Schwarze, ein Umstand, der bei der örtlichen Gewerkschaft nicht gut angesehen ist, denn in der Gegend ist nicht nur die allgemeine Stimmung gegen dieses Arrangement, sondern auch die Rassisten des Ku-Klux-Klan machen Front gegen Sara …

Ich mag die Epoche, die 1960er, aus heutiger Sicht. Es war eine hoch politische, sehr emotionale Zeitspanne, in der historisch gesehen, viel geschah. Für jene, die diese Zeit, auch und gerade in den Vereinigten Staaten von Amerika, aktiv erlebten, wird es mitunter eine Spur zu viel der Umwälzungen und der Ereignisse gewesen sein. Die kriegerische und politische Einflussnahme in anderen Ländern, wird auch im zweiten Band von SARA LONE thematisiert, ohne allerdings genau auf die diskutierten Ereignisse einzugehen. Der Untertitel, CARCANO GIRL, bezieht sich auf ein sehr spezielles Gewehr, das im November 1963 von LEE HARVEY OSWALD für das Attentat auf den amerikanischen Präsidenten JOHN F. KENNEDY benutzt worden sein soll (das Vorwort erläutert kurz den Begriff CARCANO).

Die hier geschilderte Geschichte, ein historischer Thriller von ERIK ARNOUX, ergeht sich einerseits in Andeutungen, andererseits fängt sie die Stimmung jener frühen 1960er Jahre in den USA ein, in denen mit einem sehr jungen Präsidenten Aufbruchsstimmung herrschte, allerdings Rassenunruhen und Morde zu einem fortwährend über den Köpfen baumelnden Damoklesschwert wurden. Jederzeit und überall konnte Gewalt ausbrechen. Inmitten dieser Zeit steht SARA LONE mit ganz eigenen Problemen, Geldsorgen vorneweg. Ihrer kleinen Firma geht es nicht gut. In einer von Männern dominierten Region, rassistisch, sexistisch, ungehobelt, ungebildet, brutal, ja unmenschlich, versucht sie gegen die bestehenden Verhältnisse anzukommen. Sie hat Unterstützung, aber diese ist gering. Alles in dieser Handlung ist darauf abgestimmt, sich wie eine Schlinge immer enger um die Hauptfigur zusammenzuziehen.

Der künstlerische Ausdruck von Zeichner und Kolorist DAVID MORANCHO erinnert an den ebenfalls sehr leichten Strich von MICHEL BLANC-DUMONT. Sehr auf Realismus bedacht, strichtechnisch sehr zart, zerbrechlich warten die Bilder von DAVID MORANCHO mit hauptsächlich drei Handlungskreisen auf. Die texanische Küste, das Küstenstädtchen, der Krabbenkutter bilden einen dieser Kreise. Der zweite führt weiter in die Vergangenheit an die mexikanische Küste und auf eine spanische Galeone. Der dritte Handlungsort, viel enger begrenzt, ist ein Park in Washington und bietet ein Stelldichein von menschlichen wie tierischen Begegnungen, fast so als träfe hier eine us-amerikanische heile Welt konzentriert aufeinander.

Während höchst brisante Gespräche geführt werden, gehen Familien spazieren, führen Leute ihre Hunde aus oder genehmigen sich an einem typischen Hot-Dog-Stand eine Mahlzeit. Diese Szenerie wirkt stellvertretend für den gesamten Zeitgeist, den DAVID MORANCHO durch den gesamten Band hinweg perfekt einzufangen vermag. Und es gibt nicht nur diese Heile-Welt-Seiten. Auch die sehr dunklen Kapitel jener Tage werden nicht ausgespart.

Ein gelungener Thriller, die zweite von insgesamt vier Folgen, angesiedelt zu Beginn der 1960er Jahre, mit viel feinem Zeitkolorit, gutem Gespür für jene Epoche erzählt und atmosphärisch illustriert. Für alle Thriller-Fans, Freunde verschachtelter Handlungen, geheimnisvollen Szenarien vor historischer Kulisse. Fein. 🙂

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Montag, 20. November 2017

DER JANITOR 5 – HÖLLENBRUT

Filed under: Thriller — Michael um 18:58

DER JANITOR 5 – HÖLLENBRUTIn der Erinnerung von BRUDER VINCE alias JANITOR TRIAS hat sich eine merkwürdige Episode eingebrannt. In der fernen Vergangenheit treffen zwei verfeindete Gruppen aufeinander. Beide jagen sie Teufelsanbeter und doch sind sie bei religiös verfeindet. Aber es geschieht das scheinbar Unmögliche. Die beiden Gruppen treffen eine Übereinkunft. BRUDER VINCE kann sich diese Geschehnisse nicht erklären. Noch weniger kann er ahnen, wie groß der Einfluss dieser wiederkehrenden Visionen auf sein reales Leben sein wird.

Südamerika und Mittelamerika haben mit ihren politisch und gesellschaftlich instabilen Verhältnissen schon häufiger als Zufluchtsort für flüchtige Politiker und dubiose Individualisten gedient. Nazis, ehemalige Kommunisten oder Sekten haben für reichliche Negativschlagzeilen gesorgt. Kurzum, oft dienten die weitläufigen, sehr undurchsichtigen Landstriche als perfektes Versteck für jene, denen anderswo in der westlichen Welt wenigstens ein Prozess drohte. YVES SENTE setzt mit DER JANITOR 5, Untertitel HÖLLENBRUT, nach mehreren Jahren Pause seine Thriller-Reihe um den JANITOR TRIAS, alias BRUDER VINCE, fort.

Bei den JANITOREN handelt sich um eine Gruppe von zwölf Personen, die vom VATIKAN in besonderen Fällen als, grob gesagt, spezielle Ermittler und Sicherheitsbeauftragte eingesetzt werden. Vince, der selber nicht dem Status eines Priesters unterliegt, ist als Waise in die Obhut der Kirche gelangt. Ihr dient er treu, nicht immer ohne zu fragen. Denn an seiner Herkunft gibt es ebenfalls einige Aspekte zu lüften, nicht nur in seinem aktuellen Fall, der ihn in der fünften Folge (die nahtlos an die vorherige Episode anschließt) nach CANCUN, MEXIKO führt.

Hier startet YVES SENTE mit einem Abschnitt seiner Geschichte, seltsamen Verschwörungstheorien, wahnwitzigen Ideen im Zusammenhang mit den Forschungen der Nazis, die zum Beispiel von IRA LEVIN mit THE BOYS FROM BRAZIL oder FREDERICK FORSYTH mit THE ODESSA FILE vor Jahrzehnten aufgegriffen wurden. YVES SENTE geht noch einen Schritt weiter und spannt einen weiten historischen Bogen, der bis weit ins Mittelalter reicht, als sich Tempelritter (Christen) mit muslimischen Kriegern zur Erreichung gemeinsamer Ziele verbünden.

In der Gegenwart wandelt sich das Szenario schnell von einer recht detektivischen Geschichte in einen rasanten Thriller, in dem es für den JANITOR TRIAS nur noch ums nackte Überleben geht. Inmitten eines immergrünen Dschungels, geschützt durch einen mit Alligatoren verseuchten Sumpf wartet eine modern gruselige Ruine mit vielen Antworten auf. YVES SENTE vergisst aber auch den kleinen Mystery-Abstecher in seiner Handlung nicht, denn die Herkunft des JANITORS lüftet sich ebenfalls langsam, meist in Form eines kleinen Mädchens, das einige Erklärungen parat hält und dem JANITOR seit der ersten Folge, DER ENGEL AUS VALLETTA, erscheint.

FRANCOIS BOUCQ behält seinen tollen Grafikstil bei. Dem Realismus zugewandt, auf Augenhöhe mit Kollegen wie PHILIPPE FRANCQ (LARGO WINCH) oder COLIN WILSON (WONDERBALL) entspinnt sich trotz eines sehr sonnigen Schauplatzes ein enorm düsteres Szenario. Wohl platzierte Tuschestriche vermitteln den Eindruck alter Schule, wie sie sich schon in den Zeichnungen eines JEAN GIRAUD findet. In der Farbgebung sind die beiden Koloristen ALEXANDRE BOUCQ und ebenfalls FRANCOIS BOUCQ dem Realismus verpflichtet, die alte Schule mit zuweilen psychedelischen Farbfolgen treten hier nicht auf. Die beiden BOUCQS achten darauf, dass die jeweilige Ausleuchtung der tatsächlichen Stimmung entspricht. Das wirkt immer noch gruselig, wenn sich nächtens in bester JAMES-BOND-Manier eine Notbeleuchtung einschaltet und zum Versprechen auf einen heißen Showdown wird.

Noch nicht das Ende: DER JANITOR 5, HÖLLENBRUT, setzt die Thriller-Reihe um den JANITOR TRIAS fort. Fernab seiner Auftraggeber im Vatikan, auf der anderen Seite des Erdballs in Mexiko, löst sich ein lange erwarteter erster Handlungsstrang auf, hinterlässt aber noch offene Fragen. Spannend, flott erzählt von YVES SENTE, gewohnt gut aus den ersten vier Folgen, fein illustriert von Stammzeichner FRANCOIS BOUCQ. So darf es weitergehen. Klasse! 🙂

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Oder bei Schreiber und Leser.

Weitere Infos zu bisherigen Folgen auf comicblog.de:

DER JANITOR 1 – DER ENGEL AUS VALLETTA
DER JANITOR 2 – WOCHENENDE IN DAVOS
DER JANITOR 3 – BEGEGNUNG IN PORTO CERVO
DER JANITOR 4 – SCHATTEN DER VERGANGENHEIT