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Comic Blog


Mittwoch, 24. Februar 2010

Carthago 1 - Die Lagune auf Fortuna

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 21:35

Carthago 1 - Die Lagune auf FortunaDie beiden Taucher freuen sich über ihre Entdeckung. Jedenfalls so lange, bis sie die Hand ihres dritten Kameraden an sich vorüber schweben sehen. Hinter ihnen wird ein riesiger schwarzer Schatten sichtbar. Kurz darauf bricht die Kommunikation mit dem Team ab. Andernorts ist die Stimmung wesentlich gelöster. Die Erkundung eines Bergsees hat erstaunliche Ergebnisse zutage gefördert. Abgeschieden von allen Einflüssen haben sich die Tiere in einer Form entwickelt, die niemand für möglich gehalten hätte. Ein Meter große Krebse, Hechte, von denen das größte Exemplar fast 3,50 Meter lang geworden ist. Wenn derlei evolutionäre Sprünge möglich sind, warum nicht noch mehr? Wo es vorwärts geht, kann auf dem Weg auch etwas stabil geblieben sein.

Etwas hat überlebt! Darf es auch ein wenig mehr sein? Christophe Bec hat die Tiefsee als Thema für sich entdeckt. Der Ozean ist nicht erst seit einem Schwarm im Mittelpunkt von Öko-Horror-Thrillern. Peter Benchley schickte den den weißen Hai auf die Jagd. Sein Beast folgte als Schrecken aus der Tiefe. Viel näher an der vorliegenden Thematik lag bereits Steve Alten mit seinen Romanen MEG und der Fortsetzung Höllenschlund. (Erschienen 1999 und 2001. Der dritte und vierte Band der MEG-Reihe liegen leider nicht auf Deutsch vor.)

MEG! Genauer gesagt: Carcharodon Megalodon. Ein Ur-Hai, neben dem sich der Große Weiße ausnimmt wie ein Schmusetier, treibt mit seinen 25 Metern Länge jedem Meeresbiologen Tränen in die Augen. Christophe Bec lässt die Entdeckung des MEG zunächst unter Verschluss halten. Ein mächtiger Konzern namens Carthago macht die Entdeckung einer bis dahin sehr abgeschlossen existierenden Unterwasserwelt. Die Betonung liegt auf sehr, denn sie ist eben nicht komplett abgeschlossen. So werden weitere Zugänge gefunden. Die Forscher, die sich einer radikalen Umweltgruppe anschließen, geraten sehr bald in Gefahr.

Christophe Bec hat einen Thriller geschrieben, der sehr geradlinig verläuft, aber auch Wendungen und Überraschungen parat hält. Der Gegner ist nicht nur menschlich, er ist tierisch und somit (auch wegen seiner Eigenschaft als Relikt einer fernen Vergangenheit) nicht berechenbar. Sicherlich hat ein MEG nur ein Ziel: Fressen. Zumindest sieht es hier danach aus. Und wenn er nicht frisst, beißt er etwas gelangweilt zu, ohne sich alles zu Gemüte zu führen. Ein Wal aus dem Prolog dieser Geschichte ist der beste Beweis für diese Verhaltensweise.

Wissenschaftler müssen forschen. Aber sie gehen dabei nicht besonders klug zu Werke. Sie mögen intelligent sein, doch die Neugier und der Forscherdrang schieben zuweilen die Vorsicht zur Seite. Selbst, wenn es darum geht, das eigene Leben zu schützen. Angesichts der Vermutungen, die zu Beginn kursieren (auch angesichts eigener Erfahrungen), agieren die Wissenschaftler zwar versiert, aber relativ unbedacht. Das darf Christophe Bec aber nicht angekreidet werden. In anderen Szenarien gibt es ähnliche Verhaltensweisen, außerdem (ein Trick, der das Vorgehen der Charaktere rechtfertigt) sind die Ressourcen der Wissenschaftler begrenzt.

Mit Eric Henninot wurde neben einem geradlinigen Erzähler ein ebensolcher Künstler gefunden, im wahrsten Sinne des Wortes. Dieser Zeichner beschränkt sich auf schlichte Linienführung, die sitzt. Es ist nicht zu wenig, detailgetreu und möglichst realistisch. Das ist stilistisch vergleichbar mit einem Thierry Labrosse (Morea), vielleicht auch mit einem Colin Wilson (Point Blank). Nur gehört Eric Henninot zur künstlerischen Sorte der Architekten, Künstler, die nichts dem Zufall überlassen und eine sehr feine Ausdrucksweise haben. So wie hier ergeben sich tolle Bilder, die wunderbar zu einem Wissenschaftsthriller wie auch zu einer Monsterhatz in der Tiefsee passen.

Aufgefallen: In einem Prolog, 2300 vor Christus, kann der Leser einen Vorzeitmenschen beobachten, der eine Art Schneebrille trägt. Jedoch nur einige Bilder lang. Es ist fraglich, ob derlei Ideenreichtum damals schon existierte. Die restliche Bekleidung des Jägers ist längst nicht so innovativ.

Ein sehr spannender Auftakt: Eine Jagd auf die überlebenden Zeugen der Vergangenheit. Ebenso gut gelungen wie MEG. Wer Thriller im Stile des angesprochenen Romans mag, oder auch Szenarien wie Jurassic Park, der liegt mit dem in schönen Bildern erzählten Auftakt genau richtig. :-)

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Donnerstag, 18. Februar 2010

100 Bullets 9

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 20:08

100 Bullets 9 - Neun Leben hat die KatzeFür den einen ist sie die Frau seines Lebens. Für den anderen ist sie nur eine Spielerei, ein Zeitvertreib. Und für die Frau bleibt nur die Antwort, dass sie einen Mann braucht, um in dieser Welt zu überleben. Will sie nicht ihr Leben verlieren. Der Mann, mit dem sie sich abgab, vielleicht für die Aussichten auf ein besseres Leben, vielleicht auch einfach für die Aussicht auf einen besseren Mann als den, der ihr mit großer Leidenschaft hinterher trauert, lässt sie ohne mit der Wimper zu zucken zurück. Der Mann, der sie liebt, kann den Vertrauensbruch nicht ertragen und droht damit, sie zu töten. Am Ende fällt ein Schuss. Wen es trifft, bleibt optisch verborgen. Schlussfolgerungen werden dem Leser überlassen.

Wo die Kleinen sich streiten, toben die Großen sich aus. In Miami Beach werden neue Pläne ausgetüftelt. Müßiggang ist rein äußerlich, stets schwingt das Geschäft mit, wenn es sich auch nicht um astreine Geschäfte handelt. Andere sinnieren über Frauen, trinken einen über den Durst. Wieder andere gehen auf einen furchtbaren Trip, essen vielleicht auch einen Hund auf. Und das sind nur die harmloseren Auswüchse in 100 Bullets.

In der 9. Runde der Gangstergeschichten im weiteren Umfeld um Agent Graves, tummeln sich bekannte und neue Gesichter zu einem schaurigen Verbrecherstelldichein. Von Autor Brian Azarello ist der Stammleser einiges gewohnt. In seinem Erfindungsreichtum, auch in der ausführlichen Darstellung von Gewalt steht er einem Frank Miller oder einem Garth Ennis in nichts nach. Neben der Verzweiflung einer Figur steht Unschlüssige einer anderen. Daneben winkt der Killer, dem es nichts ausmacht, einen anderen Mann zur Erlangung von Informationen zu foltern.

Eduardo Risso bannt diese Geschichten mit seiner gewohnt feinen, hier auch sezierenden Weise auf das Papier. Manches wird in gnädige Schatten getaucht und der Fantasie des Lesers überlassen. Scherenschnitte genügen, um zu wissen, was gerade passiert ist. Mit einem Schaudern möchte man sich vielleicht abwenden. Hier werden Szenen aus vergleichbaren Szenarien wie Der Pate locker übertroffen. Ein Pferdekopf ist hier gar nichts. Die Darstellung Rissos überträgt aber noch etwas anderes als Spannung und Gewalt: Bitterbösen und rabenschwarzen Humor.

Hier offenbart sich in der verschachtelten Handlungen ein weiteres Talent Azzarellos, nämlich auf ähnliche Weise erzählen zu können, wie es ein Quentin Tarantino seit längerer Zeit erfolgreich auf der Kinoleinwand praktiziert. Die manchmal parodierende Zeichnung eines Risso trägt zur stilistischen Ähnlichkeit mit Werken von Tarantino bei, der auch gerne eine Figur überspitzt darstellen lässt.

Spain, ein Gangster, der augenscheinlich durchdreht, weil sein Freund und Anwalt seinen kleinen Schoßhund wegen der folgen eines schlimmen Drogentrips einfach verspeist hat, ist ein gutes Beispiel für diese Technik. Mit Bosco, einem Dealer aus Miami, trifft er außerdem auf einen gleichwertigen Gegner (soll heißen: ebenso durchgeknallt). Wenn am Ende ein unschuldiges Kleinkind mit großen Augen auf das blickt, was die Erwachsenen angerichtet haben und eine Hand nach der erschossenen Mutter ausstreckt, dann blitzt das Wörtchen Zynismus mehr als deutlich auf.

Für Freunde des harten Thrillers und Krimis bestens geeignet, allerdings ist die Vorkenntnis der bisherigen Handlung erforderlich. Darüber hinaus heißt es: Am Ball bleiben. Diese Krimireihe ist nichts für den Lesegenuss zwischendurch und will ein wenig aufmerksamer gelesen werden. :-)

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Mittwoch, 27. Januar 2010

Largo Winch 13 - Der Preis des Geldes

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 20:05

Largo Winch 13 - Der Preis des GeldesDie Welt der Finanzen und der großen Konzerne sind ein hartes Umfeld für die Menschen, die sich darin bewegen. Und es ist für so manchen, der darunter zu leiden hat, ein Umfeld großer Gleichgültigkeit. Plötzlich gibt es wieder 2.500 Arbeitlose mehr. Schuld hat: Largo Winch. Leider ist die Gruppe W derart groß, dass Largo gar nicht alles im Blick haben kann. So erfährt er erst in einem Fernsehinterview von dem Vorgehen seines Konzerns. Live wird er von dem Moderator in die sprichwörtliche Ecke gedrängt und gerät in Erklärungsnot. Aber die Katastrophe ist noch nicht komplett. Der ehemalige Leiter der Firma, deren Produktion nun nach Osteuropa verlagert wird, ist eingeladen. Niemand hat sich die Mühe gemacht ihn zu kontrollieren. Als er vor laufender Kamera eine Pistole zieht, scheint das Ende von Largo besiegelt.

Largo Winch, das wissen Leser aus anderen Geschichten, ist kein Charakter, der sich mit einer unbequemen Situation zufrieden gibt. Aussitzen kennt er nicht. Nach einer Debatte mit seinen führenden Managern macht sich Largo auf in den Weg in die Berge, in jenen kleinen Ort, der von der nun schließenden Firma abhängig war. Der Empfang ist alles andere als herzlich.

Jean van Hamme versteht es mit ungeheurer Präzision aus einer Sequenz, die auch einer Serie wie Dallas oder Denver Clan entsprungen sein könnte, einen dichten Thriller zu schaffen. Die Figur des Largo Winch ist jemand, der nicht alles weiß. Ausgestattet mit einem guten Herzen, einer kleinen Portion Naivität, großem Tatendrang und Mut, macht er sich daran, Rätsel zu lösen, die zunächst erst einmal weiter ausufern, bevor eine Lösung auch nur im Ansatz zu erkennen ist. Am allerwenigsten für Largo Winch.

Durch die Gruppe W und die dahinter stehenden Finanzen ergeben sich für Largo Winch vielfältige Möglichkeiten. Ein Privatjet, eine neue Pilotin, die auch noch als Leibwächterin taugt und die gegen Largos Annäherungsversuche und seine männliche Präsenz gefeit ist. All das und noch mehr gibt Largo Werkzeuge in die Hand, die ihm bei seinen Abenteuern helfen. Wie sich im diesem Fall wieder dank Jean van Hamme zeigt, reicht das bei weitem nicht aus, um die Sache mal eben geradezubiegen. Van Hamme wirft zu Beginn die Schlinge aus. Er weiß natürlich, wie sein Held sich verhalten wird, weiß, was Largo tun wird. Nach Largos nächsten Schritten schnappt die Falle zu. Besser gesagt: Van Hamme lässt sie genüsslich zuschnappen. Aus einer Firmenpleite und Produktionsverlagerung wird ein Mordfall. Und wer steht im Zentrum der Ermittlungen: Largo Winch.

Es funktioniert. Van Hamme pendelt mit seiner vorliegenden ersten Episode Der Preis des Geldes dieses Handlungsstrangs zwischen den Straßen von New York, der verschneiten Bergwelt und den Erinnerungen von Largos Freund Freddy und ehemaligem Piloten. Das ist so geschickt verschachtelt und in so perfekt abgestimmten Längen aufgebaut, dass zu keiner Zeit Langeweile aufkommen kann. Im Gegenteil: Am Schluss fällt es sehr schwer, auf die Fortsetzung, den abschließenden zweiten Teil warten zu müssen.

Philippe Francq setzt die Handlungsvorgaben mit technischer Brillanz um. Dank Francqs Technik und Begabung sind nicht nur die Action-Szenen dicht geworden. Städte und Landschaften leben. Francq legt auf die kleinen Details wert, die es so selten in Comics zu sehen gibt. Simon und Freddy, Largos Freunde, verbringen den Abend trinken und erzählend zusammen. Der Leser sieht, wie sie sich auf dem Sofa vor dem Fernsehen lümmeln und Simon schließlich aufsteht. Der Blick auf diese Szene ist heimlich, als wäre der Leser still hinter ihnen im Raum. Es sind diese leisen Bilder, die den Leser heranziehen und auch einen Moment der Pause gönnen, bevor es rasante Verfolgungsjagden, Prügeleien und allerhand Überraschungen gibt.

Francq zeichnet sehr fein, fragil (das hört sich noch zerbrechlicher als nur zerbrechlich an). Seine Figuren kommen mit wenigen Tuschestrichen aus. Gesichter sind häufig kantig, Frauen vielleicht etwas stereotyp, solange sie jünger sind. Francqs Kulissen sind großartig, seine Perspektiven mit dem Blick eines Kameramanns gewählt. Kurzum, die vorliegende Ausgabe ist wieder ein Beweis für den Erfolg der Reihe, der neben der von Van Hamme straff erzählten Handlung auch in den tollen Bildern von Francq zu finden ist.

Ein ungewöhnlicher Auftakt wird zu einem ungewöhnlichen Thriller. Largo Winch ist wieder in Bestform. Innerhalb der USA gilt es, Intrigen und noch schlimmere kriminelle Machenschaften aufzuklären. Unvorhersehbar, voller packender Wendungen und mit tollen Bildern ist Der Preis des Geldes ein Top-Thriller. :-)

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Oder bei Schreiber und Leser.

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Mittwoch, 23. Dezember 2009

Sleeper 4 - Das lange Erwachen

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 15:24

Sleeper 4 - Das lange ErwachenGretchen hat eine merkwürdige Art und Weise, um für einen Auftrag in Schwung zu kommen. Sie prügelt sich gerne. Manchmal tötet sie auch mit einer starken Beiläufigkeit einen Menschen. Niemand sollte Miss Misery, wie ihr Unterweltsname lautet, über Gebühr reizen. Das Beste ist eigentlich, man geht ihr einfach aus dem Weg. So schnell wie möglich und so weit wie möglich. Einigen sind diese Chancen verwehrt. Ein alter Mann im Rollstuhl freut sich gerade noch über die Hilfe, die ihm durch die freundliche Dame zuteil wird. Im nächsten Augenblick … Und wäre das noch nicht genug, kann sich der Taxifahrer, der Gretchen transportieren soll, auf eine Schlittenfahrt der besonderen Art freuen. Oder doch nicht?

Die letzte Runde im Untergrundkampf von Carver Holden gegen eines der mächtigsten Verbechersyndikate der Welt. Abseits der üblichen Superhelden-Geschichten, mit deutlichen Wurzeln in der Welt der WILDC.A.T.S. konnte der Leser bis hierher einer Agentenhandlung folgen, die ihresgleichen sucht. Versorgt mit dem Besten aus mehreren Welten, hat Ed Brubaker beinahe ein neues Genre erschaffen: Ein dreckiges Geschäft namens Superkräfte.

So ungefähr jedenfalls. Ed Brubaker hat eine komplexe Handlung geschaffen, in der weder die Hauptfigur noch der Leser stets sicher sein kann, wer eigentlich die Guten sind. Am allerwenigsten weiß der Leser, ob er gerade weiß, wo der Hase lang läuft, denn hier ist der Schein alles. Nicht nur Holden, sondern auch Tao, das Ziel der gesamten Operation agiert mit schwer durchschaubaren Winkelzügen. Wenn schließlich noch Holdens eigentlicher Chef ins Spiel kommt und seine eigenen Pläne verfolgt, dann … Kurzum, hier liegt ein sehr langes Finale vor, dessen Ende bis kurz vor Schluss kaum absehbar ist.

Wie Ed Brubaker in dieser Phase den Spannungsbogen nicht nur hochhalten, sondern auch noch steigern kann, ist ein wahrhaftiges Kunststück, nicht nur für das Comic-Genre, vielmehr für eine Erzählung insgesamt. Gäbe es den Sammelbegriff Sex and Crime nicht, müsste er für dieses Szenario erfunden werden. Brubaker erspart weder seinen Figuren, noch dem Leser etwas. Wer die vierteilige Reihe bis hierher verfolgt hat, kennt die Eskapaden von Miss Misery, doch derart ausfallend ist noch nie geworden. Das geht zuerst an die Grenze der Parodie, in jene Sphären, die auch ein Garth Ennis mit The Boys erreicht. Und stürzt zum Schluss auf einen sehr harten realistischen Boden ab.

Bei aller Härte hat Brubaker einen sehr verletzlichen Helden geschaffen. Könnte es sein, dass die harten Knochen, die sich in mancherlei Agententhrillern tummeln, in Wirklichkeit ein weiches Herz haben und sich nach der Normalität eines Normalbürgers sehnen? Holden ist in Wirklichkeit ein derartiger Mensch. Je mehr er in die Ecke des Gangsters gedrängt wurde, desto mehr hat er den Wunsch entwickelt, aus allem auszubrechen und diese unselige Angelegenheit endlich hinter sich zu lassen. Einerseits kämpft er mit einer stetig wachsenden Verzweiflung, andererseits zieht er auch Kraft aus diesem Wunsch. Sonst wäre er in vielen Szenen nicht bereit, derart weit zu gehen.

Sean Phillips zeichnet die Geschichte mit einer ungeheuren düsteren Ausstrahlung. Diese Welt versinkt nicht in den Schatten, sie lebt darin. Sleeper wird zu einem Alptraum, aus dem es nur auf einigen wenigen Seiten ein Erwachen gibt. Ansonsten explodieren die Bilder in dunklen Gassen, in Kämpfen, in Mord und Totschlag, auch in Perversion. Man könnte sagen, Phillips wird zum Sargträger des Superhelden-Genres. Was einst Alan Moore und Dave Gibbons mit ihren Watchmen begannen, wird hier konsequent zu Ende geführt. Die reduzierten und leicht skizzenhaften Bilder besitzen eine Art Gerichtszeichnungscharakter. Sie dokumentieren, besonders dann, wenn es schnell gehen muss. Sicherlich gibt es Zeit zum Luftholen, doch selbst in der Ruhe scheint stets ein Countdown mitzulaufen.

Durch die Kolorierung von Carrie Strachan gibt es kein Entkommen für das Auge des Lesers. Keine wirklich helle Stelle bietet einen Anker oder Zufluchtsort. Dunkler war eine Geschichte selten und noch viel seltener ging sie optisch so stark Hand in Hand.

Eine Messlatte für Agententhriller und Superheldengeschichten. Ed Brubaker hat zusammen mit Sean Phillips (ein anderes Duo scheint hierfür kaum denkbar) einen Wahnsinnsalptraum geschaffen. Die Kenntnis der drei Vorläuferbände ist zwingend, aber es lohnt sich. :-)

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Montag, 21. Dezember 2009

100 Bullets 4 - Abservierte leben länger

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 8:17

100 Bullets 4 - Abservierte leben längerZwei Männer unterhalten sich über das ganz große Spiel. 13 Familien agieren hinter den Kulissen, beeinflussen, herrschen unbemerkt. Machtspiele, Streitigkeiten auf Leben und Tod gehören dazu. Doch darin unterscheiden sie sich nicht von den allgegenwärtigen Dealern in den Straßen von New York und im Central Park. Bei den beiden Männern steht am Ende immer nur eine Konsequenz, die es zu beachten gilt. In den Straßen von New York herrscht das gleiche Gesetz. Wenig später sehen die Straßen von New York eine weitere Schießerei, müssen sich unbescholtene Passanten flink in Sicherheit bringen.

100 Bullets, also 100 Patronen sind das Kernthema, der Aufhänger der vorliegenden Serie. Ein geheimnisvoller Mann taucht im Leben eines Unbekannten auf. Der Unbekannte hat noch eine Rechnung zu begleichen. Der geheimnisvolle Fremde bietet ihm die Möglichkeit dazu, diese Angelegenheit für immer zu bereinigen. In einem Aktenkoffer findet sich eine Pistole und 100 Schuss Munition. Beides ist nicht zurückzuverfolgen. Wenn sich der Unbekannte entscheidet, die Gelegenheit zu nutzen, wird es nie eine Strafverfolgung geben, geschweige denn ein Verfahren.

Fragt sich nur, was ist, wenn gleich mehrere Menschen für das eigene Versagen verantwortlich gemacht werden? Jack ist so ein Mensch, von Drogen abhängig, ein vollkommener und auch gemeingefährlicher Versager, der eigentlich nur auf seine Gelegenheit wartet. Mehr noch: Er hat ein ganz besonderes Ziel auserkoren. Brian Azarello lässt den roten Faden der Handlung außen vor und widmet sich den Randfiguren. Allein auf diesem Feld kann er eigentlich immer neue Geschichten entwerfen. Einzig die Fantasie setzt Grenzen. Die Gesamtdramaturgie ist nicht so wichtig, da sich beiderseitig der großkopferten Familien genügend Platz für Erzählungen findet, ohne sich um die Zusammenhänge zu sorgen. Und, falls nötig, können diese Nebenhandlungen sogar später noch eingeflochten werden.

Es besteht natürlich die Gefahr, dass sich der Autor in seinen Details verliert. Ebenso besteht die Gefahr, dass der Leser versucht einem Faden zu folgen, der keiner ist. Es ist eine Frage der Gewöhnung. Spätestens nach den ersten zwei Episoden ist ersichtlich, welche Figuren wichtig sind (also auch überleben, um weiter zu kommen) und wer nur Kanonenfutter ist. Während die Großen weiter spielen, grämen sich die Kleinen und werden auf schnellstem Wege zu Bauern in einem noch viel größeren (und gemeineren) Spiel.

Mit Eduardo Risso zeichnet ein Künstler, der einerseits Minimalist ist, andererseits aber stets das richtige Bild trifft, indem den wichtigen Teil einer Szene intuitiv zu erfassen scheint. Hat er sich schon reinen Schwarzweißoptiken hervorgetan (Vampire Boy) und dort einen sehr gotischen, aber auch blank polierten Horror einfangen können, hat man sich mit 100 Bullets für eine kolorierte Handlung entschieden.

Der einzige Unterschied für Eduardo Risso scheint in der grafischen Umsetzung darin zu liegen, dass er mehr Platz für Farbe lässt. Er arbeitet weiter gerne und oft mit Schwarzflächen, geschickt eingesetzten Schatten, die Tiefe simulieren und zugleich zu einem wichtigen dramaturgischen Gestaltungselement werden. Indem er durch sie Bereiche ausblendet, setzt er den Fokus auf den Augenausdruck einer Person, auf ein Lächeln, eine Haltung. Risso ist ein Künstler, dem es auf perfekte Art einerseits gelingt ein Film Noir Gefühl auf Comic-Seiten einzufangen, es aber andererseits in einer Art Miami Vice Optik zu präsentieren.

Als kleines Schmankerl geben sich seitenweise einige Zeichner ein Gaststelldichein. Der direkte Vergleich zu Risso ist interessant zu sehen. Der Leser kann sich so unter anderem auf die Interpretationen von Frank Miller, Jim Lee und Jordi Bernet (Torpedo) freuen.

Ein knallharter Thriller ohne Kompromisse: In 100 Bullets geht der Tod ein und aus, schwebt er wie eine unsichtbare Sense über den Akteuren, seien sie nun König, Dame oder Bauer. Eine sehr dichte Erzählung von Brian Azarello und stilistisch klaren Bildern von Eduardo Risso. :-)

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Mittwoch, 02. Dezember 2009

Der Janitor 3 - Begegnung in Porto Cervo

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 19:21

Der Janitor 3 - Begegnung in Porto CervoVince rennt dem Dieb durch die Gassen Roms hinterher. Handtaschenräuber sind hier nichts Ungewöhnliches. Ein Mann in der Kleidung eines Priesters, der einen Ganoven verfolgt, ist allerdings nicht alltäglich. Vince hat mehr als nur Glück. In einem kleinen hof kann er nicht nur den jugendlichen Gauner, sondern auch gleich die ganze Bande stellen. Die beiden Anführer, deutlich älter als ihre jugendlichen Gefolgsleute, wollen sich nicht von einem Priester einschüchtern lassen: Ihr Fehler. Vince ist weitaus mehr als ein Mann der Kirche. Diese Erfahrung machen auch die Gauner. Und wenn Vince ehrlich zu sich ist, dann sind es auch keine richtigen Gegner für ihn.

Die Vorfälle des Wochenendes in Davos haben dem Vatikan zu denken gegeben. Eigene, verstärkte Sicherheitsvorkehrungen scheinen wichtiger denn je zu sein. Bruder Vince, auch Janitor Trias genannt, verfolgt die Ereignisse aufmerksam. Pater Soffranello, der Vorgesetzte von Vince, lässt keine Zweifel aufkommen: Die Kirche befindet sich in einem spirituellen Krieg. Die Sekte vom Neuen Tempel wird ihre Fäden weiter spinnen, um an der Macht des Vatikans zu graben. Mehr noch: Es steht zu befürchten, dass die Unterwanderung der katholischen Kirche weiter fortgeschritten ist, als bisher angenommen wurde.

Die Größe des Vatikan-Staates täuscht über die Möglichkeiten seiner weltweiten Einflußnahme hinweg. Autor Yves Sente kennt sich mit dichten Verschwörungsszenarien und Thrillern aus. Er vermag es, sich in phantastischen Themen zu bewegen (Blake und Mortimer), aber ebenso weiß er sich in die Realität einzufinden. Der Janitor spielt mit den Geheimnissen, die zu allen Zeiten, auch heute noch, hinter den Mauern des Vatikans vermutet werden. Tägliche Meldungen wie auch diverse sehr erfolgreiche Thriller haben das Interesse an dieser Thematik wach gehalten.

Nach den vergleichsweise rasant erzählten Ereignissen der beiden Vorläuferbände schaltet Yves Sente hier einen Gang zurück. Bruder Vince, ein Beschützer und Agent im Dienste des Vatikans (man könnte sagen, dass er zu einer Art Inneren Abteilung gehört) ist die Kernfigur. Er ist jung, charmant, gut aussehend, sportlich, mutig, den Frauen nicht abgeneigt, kurzum: Wie kommt solch ein Mensch in den Schoß der Kirche?

Yves Sente nimmt den Leser mit in die Vergangenheit von Vince. Dieser erzählt einer an ihm (als Mann) nicht uninteressierten Journalistin, woher er kam und wie seine Verbindung zur Kirche entstanden ist. Diese Schilderungen, mit Unterbrechungen vorgetragen (und von Francois Boucq illustriert), sind mindestens ebenso spannend wie die Ereignisse in der Gegenwart. Kaltes Braun und Grau färbt die Erinnerungen und grenzt sie deutlich ab. Man könnte im Zusammenhang mit dem Aufbau der einzelnen grafischen Abschnitte von einem prachtvollen Bilderbogen sprechen.

Francois Boucq beginnt im Vatikan und kann sich anschließend der wunderbaren Kulisse Roms bedienen. Demgegenüber steht die sonnendurchflutete Küste Sardiniens und die eher triste Vergangenheit in New York. Im Krankenzimmer seiner komatösen Tante begegnet Vince einem kleinen Mädchen wieder, einem Mädchen, das nur er sehen (meistens jedenfalls) kann. Die augenscheinlich harmloseste Figur ist gleichzeitig die geheimnisvollste. Das Kind, angetan mit einem altmodischen Kleid, ist … Nun, sie hat sich noch nicht offenbart, aber Vince (und sicherlich auch der Leser) hegt einen Verdacht.

Die Gesichter der auftretenden Figuren sind filmisch, sie wirken wie gecastet, wie es auf neudeutsch heißt. Jede noch so kleine Rolle wurde mit einem Charakterkopf besetzt. Hier wird nichts mal eben über den Kamm geschert. Die entsprechenden Blickwinkel und Perspektiven sorgen für optimales Kameragefühl. Boucq zeichnet mit höchstem Sinn für Realismus, gerade so, als seien die Handlungsorte recherchiert und in jedem Detail so existent. Bilder, wie auch die Geschichte selbst, strahlen eine leise Dramatik aus, eine Dramatik, die in einem Finale gipfelt, das man so nicht hätte erwarten können.

Ein sehr guter dritter Teil der Reihe, der einerseits den bestehenden Handlungsstrang fortführt, andererseits auch eine Wende durch neue Hintergrundinformationen und neue Charaktere vorstellt. Sehr spannend, ohne die große Action-Keule zu schwingen. Ein Vorkenntnis der bisherigen Handlung ist erforderlich. :-)

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Montag, 23. November 2009

Kirihito 1

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 20:21

Kirihito 1Eine schreckliche Krankheit deformiert den Patienten. Am Ende, wenn der Körper mehr einem Hund als einem Menschen ähnelt, erlahmen sämtliche Widerstandskräfte. Der Patient stirbt. Kirihito Osanai ist ein ehrgeiziger Arzt, der sich mit dieser unheimlichen Krankheit befasst. Der Patient von Zimmer 66 ist ein Rätsel. Was die Krankheit ausgelöst hat, kann nicht bestimmt werden. Noch weniger ist über ihre Übertragbarkeit bekannt. Kurz: Die Ärzte tappen im Dunkeln. Eine Heilungsmöglichkeit ist nicht in Sicht. Auf Wunsch seines Vorgesetzten reist Kirihito in das Heimatdorf von Patient 66, um die Ursache für die Krankheit zu finden.

Die Reise verläuft jedoch alles andere als erwartet. Bei seiner Ankunft schlägt ihm pure Feindseligkeit entgegen. Tazu, eine junge Frau des Dorfes, bietet sich ihm als Frau an, weil nur so, durch eine Heirat in die Dorfgemeinschaft aufgenommen, gewährleistet ist, dass Kirihito kein Leid geschieht und er seine Forschungen fortsetzen kann. Leider bleibt das pures Wunschdenken. Denn binnen kurzer Zeit ist Kirihito selbst von der Krankheit befallen.

Der 1989 verstorbene Osamu Tezuka hat mit dieser Geschichte um den Arzt Kirihito Osanai eine Tragödie und Drama zugleich verfasst. Verschwörungen und Thrillerelemente, eine unterschwellige Weltuntergangsstimmung verstärken die düstere Atmosphäre der Geschichte, die sich nicht mit einem kleinen Dorf als Handlungsort zufrieden gibt, sondern immer größere (globale) Kreise zieht. Tezuka, der Mann, der einst mit einer Serie wie Kimba, der weiße Löwe die Kinder in Spannung versetzte, erstaunt hier mit einer Geschichte über Intrigen, Misstrauen, Missbrauch und Rassismus. Aus einer Recherche über eine Krankheit wird eine Jagd um den Erdball und das nicht nur für den Helden Kirihito.

Auch der Arzt Dr. Urabe, der später selber in die Wirrspiele um die Krankheit verwickelt wird, findet sich bald in einer Welt voller Mord und Totschlag wieder. Urabe, der selbst zum Täter wird, als er Kirihitos Verlobte vergewaltigt, landet in Südafrika zur Blütezeit des Apartheid-Regimes. Für die einen ist der Japaner ein Fastweißer, für die anderen ist er ein zu hell geratener Schwarzer. Hier, an einem völlig anderen Flecken der Welt, hat sich die Krankheit ebenfalls in einem kleinen Dorf gezeigt. Mehr noch: Eine weiße Ordensschwester wurde ebenfalls infiziert. Für Urabe, der die Kranke untersuchte, geht es fortan um Leben und Tod. Für die rassistischen Buren ist es undenkbar, dass eine schwarze Krankheit auch Weiße befällt.

Osamu Tezuko malt hier ein furchtbar dunkles Bild der Welt, in der Rassismus gerade einmal die Spitze des Eisbergs menschlicher Perversionen ist. Die Zeichnungen sind teilweise für kindliche Gemüter erstellt, so scheint es. Realistische Landschaften, Fahrzeuge und sonstige Umgebungsbilder rahmen Figuren ein, die allesamt sehr unterschiedlich sind. Die intelligenteren Akteure (wie die Ärzte) wirken allesamt wie Gauner, die Einwohner des Dorf erscheinen wie geistig umnachtet und die Schwarzen in der afrikanischen Szenerie erinnern an wenig schmeichelhafte Darstellungen aus frühen Zeichentrickfilmen oder auch an jene Abbildungen wie sie sich zuweilen in Tim und Struppi gefunden haben.

Tezuko arbeitet mit Klischees, allerdings zeigt er auch, dass es hinter dem Klischee noch viel schlimmer ausschaut. Seine Zeichnungen sind Täuschungen. Das Auge lässt sich auf ein harmloses Szenario ein, während das Drama dahinter immer bitterer wird. Das Schwarzweiß ist in gewisser Weise gnädig zum Betrachter, der sich seinen Teil ebenso in Farbe denkt, wie er auch Szenen ergänzt, die ein Tezuko taktisch klug abbricht, um sie nach vollbrachter Schreckenstat an anderer Stelle fortzuführen. Er bricht aus der Schiene aus, die er zu Beginn einschlägt. Durch die Verlagerung des Handlungsortes (eigentlich mehrerer Orte) entsteht Unvorhersehbarkeit.

Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto mehr verlässt sie den ursprünglichen Faden und fächert sich immer weiter auf. Auch hier wird die Erwartung gesprengt, bis sich alles auf einer breiten Ebene abspielt, die den Ideen eines der aktuell hoch gelobten Thrillerautoren entsprungen sein könnte. 1970 erstmals erschienen nimmt das Abenteuer um Kirihito einiges vorweg, das sich auch noch nach Jahrzehnten immer noch als Stammelemente und Stilmittel in ähnlich gelagerten Geschichten findet. Tezuko kann mit dieser Erzählung durchaus als Vorreiter betitelt werden.

Eine wachsende Spannung packt den Leser immer fester von Kapitel zu Kapitel. Seltsamerweise sind es gerade die Nebenfiguren in dieser Geschichte, die das Mitleid verdienen. Die beiden Doktoren, die immer tiefer in den Strudel der Geschehnisse gezogen werden, werden eher beobachtet als begleitet. Überraschend, voller Wendungen, fesselnd. Sehr gut. :-)

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Freitag, 25. September 2009

Die schwarze Trilogie

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 17:35

Die schwarze TrilogieDer Mann im Kittel: Eine Knollennase hält eine Brille mit kreisrunden Gläsern, hinter denen nur selten Augen zu sehen sind. Mit einer Mischung aus Argwohn und Belustigung beobachtet der ältere Mann mit dem unrasierten schmalen Kinn den viel jüngeren Paul. Aber ist der Mann auch real? Paul erblickt immer wieder ein Trugbild, eine Erscheinung, die ihn in noch in große Schwierigkeiten bringen wird. Bis dahin allerdings ist der Weg noch weit.

Das Leben ist zum Kotzen! Das ist nicht nur eine Feststellung der Hauptfigur der gleichnamigen ersten Geschichte der vorliegenden schwarzen Trilogie, man könnte es auch als generelle Überschrift aller drei Geschichten nehmen. Leo Malet (7.3.1909-3.3.1996), der Autor der Romanvorlagen dieser Comic-Adaptionen, ist kein unbeschriebenes Blatt. Mit seinen Romanen rund um den Privatdetektiven Nestor Burma hat er sich in der französischen Literatur verewigt. Über die Landesgrenzen hinaus wurde auch die Fernsehserie mit Guy Marchand in der Rolle des Titelhelden bekannt. Nestor Burma wurde bis in neue Jahrtausend hinein ausgestrahlt.

Ungleich tiefgründiger und düsterer ist die vorliegende Schwarze Trilogie, die Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter zeigt. Mal sind sie Verbrecher, mal unverschuldete Arme ohne Hoffnung, mal sind sie Wahnsinnige, die sich immer mehr in ihre Taten verstricken und letztlich jede Hoffnung verlieren. Allen drei Geschichten ist zueigen, dass Malet seinen Figuren stets einen Knochen hinwirft. Mal handelt es sich um die Liebe, die in greifbare Nähe rückt oder die Freiheit, die Wirklichkeit werden könnte. Mal hängt beides sehr stark zusammen. Bereits nach der ersten Geschichte wird deutlich, dass Malet und der hier für die Adaption verantwortliche Phillippe Bonifay diese Stilmittel nur einsetzen, um den oder dem Helden nur um so nachdrücklicher in den verlängerten Rücken treten zu können.

Oftmals haben Autoren ein bestimmtes Verhältnis zu ihren Figuren. Sie lieben sie oder sie hassen sie. Malet seziert seine Figuren, mitleidlos, unter dem Mikroskop, wie in einem Versuchsaufbau, wie die berühmten Versuchskaninchen, mit dem Ziel sie versagen zu sehen. Allerdings kann ihm nicht nachgesagt werden, er würde auch nur ein Anzeichen von Freude darüber zeigen. Eher wird zwischen den Zeilen die Resignation deutlich, die vielleicht auch ein Zeichen der Zeit sind, in der die Romanvorlagen entstanden (1948-1949).

Die Comics selber transportieren dieses Gefühl der Verzweiflung, der Ausweglosigkeit mit großer Intensität. Gleich zu Beginn begegnet der Leser Jean, einem kleinen Gangster, der Gloria liebt, die unerreichbar für ihn ist. Jean steckt voller Eifersucht. Als selbst der Bucklige, ein Mitglied seiner Bande, eine Frau findet, die ihn liebt, wird es für Jean unerträglich. Von Hass zerfressen intrigiert er, tötet er, so lange, bis sein Weg zum Ziel frei ist und er sich doch in eine Sackgasse manövriert hat. Ein Psychoanalytiker, angelehnt an Sigmund Freud versucht der schwarzen Seele Jeans auf den Grund zu gehen, kann aber auch keine Lösung liefern, allenfalls Ausflüchte und scheitert am Ende an den Umständen. Hier gestattet sich Malet ein klein wenig Humor (der dunkelsten Sorte), der aber auf die Beobachter des Ganzen abzielt und nicht auf seine Charaktere.

Mit Jean kann auch der Leser kein Mitleid haben, mit Andre in der Episode Die Sonne scheint nicht für uns schon. Zwar verkehrt er in dubiosen Kreisen, doch er bemüht sich auszubrechen, als er mit Gina zusammenkommt. Sie sind das klassische Paar, das sich gesucht und gefunden hat. Und dem nur ein kurzes Glück vergönnt ist. Hier ließe sich Malet unterstellen, dass er seine Figuren wenigstens gemocht hat. Sicher kann man sich da aber auch nicht sein.

Youssef Daoudi zeichnet die Charaktere mit Härte, aber auch einer gewissen Zärtlichkeit, selbst jene, denen man als Leser kein Fünkchen Mitgefühl gönnen mag. Da findet sich eine Spur Giraud in den Bildern, aber auch Stalner. Daoudi ist um Realismus und Wiedererkennung bemüht. Da gibt es den leichten Strich ebenso wie die absolute Präzision. In den Geschichten selbst vollzieht sich auch ein Wandel. In der ersten Episode ist der Strich etwas schmaler, vielleicht auch an anderen, an Vorbildern orientiert. Am Ende ist es etwas ganz eigenes. Mit Angst im Bauch liefert Daoudi ein Meisterstück ab. Damie Callixte Schmitz stützt die Bilder mit der nötigen Kolorierung. Es wird etwas schattiert, Hintergründe werden feiner herausgearbeitet, um die Plastizität zu verstärken. Allerdings drängt sich die Kolorierung nicht in den Vordergrund und überlässt den Zeichnungen von Daoudi die Show.

Wer nichts gegen bissige Ansichten eines Autors hat, wer Düsternis aushalten und Hallo zur Tristesse sagen kann, der sollte einen Blick in diese abgründigen Balladen wagen, die sich durch ihre Thematik sehr wohltuend aus dem Comic-Genre hervorheben. :-)

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Samstag, 12. September 2009

RG - Verdeckter Einsatz in Paris 1

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 11:44

RG - Verdeckter Einsatz in Paris 1Eine Überwachung ist eigentlich eine triste Angelegenheit. Doch manchmal zeigen sich auch in sehr kurzer Zeit Ergebnisse, die zu weiteren Spuren führen, die keiner erwartet hatte. Pierre Dragon ist Polizist in Paris. Er ist Beamter des Renseignements Generaux, dem Nachrichtendienst der französischen Polizei. Der kleine Laden, den er und seine Kollegen im Blick haben, entpuppt sich als Schieberring. Doch plötzlich steht eine Person auf dem Plan, an der auch das FBI interessiert sein könnte. Frechheit siegt: Völlig ohne Termin und sehr dreist verlangt Dragon in der Amerikanischen Botschaft zum örtlichen FBI-Chef vorgelassen zu werden. Das ist nicht unbedingt ein weiterer Beginn einer wunderbaren Freundschaft, aber immerhin ein neuer Kontakt, wie ein Polizist ihn immer brauchen kann.

Ungeschminkte Polizeiarbeit. Oder: Ein Polizist ist auch nur ein Mensch. RG oder auch Verdeckter Einsatz in Paris besitzt jene leichte Melancholie, die in so manchen französischen Filmen mitschwingt. Bereits sehr früh, in alten stimmungsvollen Leinwandromanen mit einem Jean Gabin oder einem Lino Ventura entsteht dieses ganz besondere Portrait des Polizisten schlechthin. Polizist ist nicht nur ein besonderer Beruf. Polizisten sind besondere Menschen. Zumindest in Frankreich.

Pierre Dragon, das Pseudonym des Autors, der in Wirklichkeit auch Polizist ist, und der Name der hier agierenden Hauptfigur wird sich bestimmt gegen diese Behauptung wehren. Eher wird er sagen, dass er nicht ganz normal ist, diesen Job überhaupt zu machen. Sein Beruf bringt ihn kaum den Menschen näher. Seine Ehe ist in die Brüche gegangen. Die meisten, die sich mit ihm abgeben, sind Informanten. Echte Freunde sind selten. Und irgendwie sind die Illusionen von einst abhanden gekommen.

Polizist zu sein heißt nicht nur, mit einer großen Pistole zu spielen …
Ich will nicht mit ner großen Pistole spielen. Ich will die Bösen verhaften.

Ein kindlicher Wunsch zieht sich durch das Leben des Polizisten Dragon. Als er früher dem Polizisten zuhörte, der bei seinem Vater zu Besuch war, klang dieses Leben noch abenteuerlich. Jetzt ist viel Routine darin zu finden. Selbst eine Überwachung auf einer Party für die Oberen Zehntausend, die allabendlich immer neu stattfindet, sogar mitten im Trubel selbst, mit Champagner und allem Drum und Dran, wird irgendwann eine öde Angelegenheit. Wenn dann noch die Hierarchien greifen, die anderen sich über die wohlverdienten Ergebnisse der eigenen Arbeit hermachen und den Erfolg einheimsen wollen, dann muss die Frage gestattet sein: Warum macht der das alles?

Die Antwort darauf ist leise und zwischen den Zeilen zu finden. Sie ist keine Effekthascherei, eben sehr französisch (weshalb der Comic auch in Schwarzweiß hätte abgeliefert werden können). Und es ist die Antwort, die Pierre Dragon schon als Kind gegeben hat. Rückschläge oder das Zurückstehen in der zweiten Reihe scheinen eben dazuzugehören.

Frederick Peeters, ein Schweizer Künstler, ist nicht ganz so abstrahierend wie ein Guy Davis, aber er geht stilistisch in diese leichfüßige Richtung. Ein Gesicht ist bei ihm aussagekräftig, sofern es öfter gebraucht wird. Gesichter wie die von Wachen der Amerikanischen Botschaft werden nur kurz gebraucht, entsprechend wird auch keine besondere Energie darauf verschwendet. Fast ist es ein Blick durch die Augen Dragons, der sich das merkt, was er später noch brauchen könnte. Der Blick ist sezierend. Was ist wichtig, was nicht? Peeters beobachtet und zeichnet durch die Augen seines Autors. Da fallen die Tuschelinien krumm aus, da ist die Farbe nicht superexakt aufgetragen. Der Zeichner begleitet die Geschichte und erstellt Schnappschüsse, im richtigen Moment wird auf den Auslöser gedrückt, doch es bleibt nicht viel Zeit, dann geht es schon weiter.

Riad an der Seine: Paris, die heimliche Nebendarstellerin. Die französische Hauptstadt ist mehr als nur Kulisse. Sie bietet Ambiente, Kultur, Prunk und Protz, der protzende Gäste in Prunkhotels anlockt. Sie, die Stadt, ist Nährboden für Verbrechen der besonderen Art, die andernorts nicht möglich wären. Es ist Sommer. Die Leute schwitzen, auf den Straßen, in den Cafes, den Bars. Man sucht in der Geschichte wie auch in den Bildern das Spektakuläre. Es findet sich nicht. Vielmehr fesselt einen die Normalität eines vollkommen anderen Lebensaufbaus, der einen Blick auf eine Welt gibt, den der normale Mensch so nicht hat.

Wer sich darauf einlässt, eine echte Geschichte (die nicht so passiert ist, aber passieren könnte) zu lesen, die unspektakulär und spannend gleichermaßen sein kann. Wer die Stile älterer französischer Polizeifilme mag, wie auch Geschichten, die zum Mitdenken auffordern, der sollte einen Blick riskieren. Grafisch erwartet den Leser ein journalistischer Stil, schnell ausgeführt, prägnant. Das ist gewöhnungsbedürftig, passt aber wie die berühmte Faust aufs Auge. Sehr gut. :-)

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Freitag, 14. August 2009

Sleeper 3 - Die Gretchenfrage

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 20:23

Sleeper 3 - Die GretchenfrageHolden Carver hatte sich etwas mehr von Gretchen erwartet. Nicht die große Liebe, das beileibe nicht. Aber Respekt wäre ein Anfang gewesen. Er hat nicht damit gerechnet, dass sie ihn in dieser Form bescheißt, mit einem Typen, der sich in einen Wolf verwandeln kann. Zu seiner Überraschung ist Carver von dieser kleinen Episode betroffen. Er hat gehofft, dass sich etwas mehr, etwas besseres daraus entwickelt. Er hat sich selber getäuscht. Das beschäftigt ihn am meisten. Was er nicht ahnt: Gretchen hat ähnliche Gedanken. Ihr ist die Nähe, die sie zugelassen hat, unerträglich. Nähe bedeutet Schwäche.

Es ergeben sich neue Schwierigkeiten, die zwar nichts mit Liebe zu tun haben, dafür aber mit Hass: Holdens erster Auftraggeber John Lynch ist wieder da. Seltsamerweise ist er aus dem Koma erwacht. Zur absoluten Unzeit versucht Lynch mit seinem alten Undercover-Agenten Kontakt aufzunehmen. Längst hat Holden versucht, sich mit seiner Situation zu arrangieren. Jetzt kämpft er an zwei Fronten und es gibt niemanden, dem er noch trauen kann. Vielleicht noch nicht einmal sich selbst.

Antreten zur dritten Runde bitte: Die Kontrahenten in den einzelnen Ecken sind allesamt schon ein wenig angeschlagen, sogar Tao, das Verbrechergenie ist davon nicht ausgenommen. Er ist wahrscheinlich der intelligenteste Mensch auf dem Planeten Erde, doch seine Herkunft nagt an ihm. Als Experiment entstanden zu sein, ist nicht die beste Ausgangssituation für einen gefestigten Charakter. Er will die Welt brennen sehen. Holden Carver, die Hauptfigur von Sleeper bewegt sich mitten durch die sinnbildlichen Flammen.

Ed Brubaker (Autor) schickt seinen Helden inzwischen mit einer solchen innerlichen Verzweiflung, Resignation und stoischen Professionalität in den Ring, dass man als Leser nichts anderes denken kann als: Du arme S..! Holden Carver wird nichts geschenkt. Wer nach diversen Kinoaufenthalten dachte, dass es schon ein Jason Bourne schwer hat, dann muss leider gesagt werden, dass es ein Holden Carver schwerer hat. Brubaker hat verschiedene Handlungsstränge mittlerweile derart geschickt miteinander verwoben und treibt diese voran, so dass man als Leser (ist man einmal gefangen) sich nur schwer davon lösen kann. Wer sich hin und wieder mal über Comics mit mangelnder Komplexität beschwert, wird vielleicht sogar überfordert.

In einer Welt, in der es nicht nur die üblichen Verbrechen gibt, sondern auch noch Superhelden und Supergangster ist nicht nur alles möglich, sondern auch etwas mehr. Neben der fortschreitenden Handlung wird auch die Vergangenheit beleuchtet. Eine Figur wie Tao (skrupellos bis in die Haarwurzeln und nur auf seinen Vorteil bedacht) ist nicht nur Täter sondern auch Opfer. In die Welt gesetzt von Wissenschaftlern, stellt er plötzlich in einer Toilette einer Tankstelle fest, dass der Tumor, an den er all die Jahre glaubte, gar kein Tumor ist, vielmehr ein Überwachungssender. Wie einst Arnold Schwarzenegger in Total Recall entfernt er das gute Stück durch das Nasenloch. Brubaker entwirft hinter den Kulissen nicht den üblichen Machtkampf. Es ist ein Kampf der Egos. Fehler sollen wieder gutgemacht und die eine oder andere Rechnung beglichen werden. Mit einem Wort: Rache. An diesem Punkt ist die Geschichte weit über eine Supergangsterterrorismusbekämpfung hinaus.

Ohne einen Zeichner wie Sean Philipps wäre Sleeper zwar auch machbar gewesen, aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr denkbar. Es ist sehr gut, dass Sleeper zu den Serien gehört, die einen Stammzeichner haben, der maßgeblich dazu beiträgt dieser phantastischen Agentengeschichte ein Gesicht und eine sehr tiefreichende Atmosphäre zu verschaffen. Philipps hat nicht nur einen sehr eigenen und erkennbaren grafischen Stil entwickelt. Seine Bilder wirken einfach und trotzdem gelingen ihm sehr individuelle Charaktere. Philipps lässt sich auch nicht auf einen Strich festlegen. Da steht die ultrafeine Linie neben dem fetten Tuscheklecks und erzeugt mitunter den Gerichtszeichner-Effekt, jenes Künstlers, der im Geiste dabei war, aber es musste angesichts der Handlung auch schnell gehen und deshalb wirkt manches (bei weitem nur solche, in denen es zur Sache geht) flüchtig.

Wer ein heiter helles Agentenszenario im Stile eines Bond erwartet, wird hier vollkommen enttäuscht. Sleeper ist hier noch düsterer als sonst. Das wenige gute Tageslicht in dieser Handlung lässt sich regelrecht suchen. Nicht, dass es keine Tagesszenen geben würde, aber diese sind meist diesig, neblig oder eisig. Wenn es hell wird, sind das Mündungsfeuer, mitunter sogar von sehr großkalibrigen Waffen oder elektrische Entladungen. Hell bedeutet hier fast immer den Tod. Dank der Farben gehen Erzählatmosphäre und optische Umsetzung perfekt und harmonisch ineinander über (soweit sich letzteres Wort mit einem Thriller in Verbindung setzen lässt).

Ein Kracher: Das lässt sich spätestens mit der Lektüre dieser dritten und vorletzten Ausgabe sagen. Sleeper ist nichts für zwischendurch. Ed Brubaker wächst hier zu einer Art Robert Ludlum oder Tom Clancy heran. Brubaker schafft mit dieser Arbeit eine große Neugier auf seine weiteren Veröffentlichungen. Sean Philipps passt mit seinen Bildern genial zur Serie. (Vielleicht passt die Reihe auch besonders zu ihm.) Ein Quereinstieg ist hier schlecht möglich, deshalb ist eine Lektüre der ersten beiden Bände Pflicht. :-)

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