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Comic Blog


Mittwoch, 02. August 2017

MOTOR CITY

Filed under: Thriller — Michael um 16:20

MOTORCITYLaut, schnell, dreckig, gefährlich, röhrende Motoren, konzentrierte Biker. Speedway-Rennen machen LISA FORSBERG seit ihrer Kindheit Spaß. Ihr Vater nimmt sie nach ihrer Rückkehr in die Heimatstadt zu diesem harmlosen Vergnügen mit. Dabei ist sie mit den Gedanken längst woanders. Erst seit kurzer Zeit im Dienst, hat sie der Alltag bei der Polizei komplett eingefangen. Es dauert nicht lange und schon klingelt das Mobiltelefon. Die Arbeit ruft, das Familientreffen ist vorbei. Ein Großeinsatz wartet …

Die guten alten Zeiten, die 1950er Jahre, fangen gleich hinter Linköping, in Schweden, an. SYLVAIN RUNBERG begibt sich auf skandinavische Krimispuren und bringt das Mordsland Schweden hinein ins Medium Comic. Schwedische Rocker haben Spaß am Lifestyle der 1950er mit Hillbilly und Rockabilly. Sie fahren alte amerikanische Straßenkreuzer, kopieren Südstaatenflair, trinken Bier, prügeln sich und mögen an ihren Frauen Jeans und Petticoats. SYLVAIN RUNBERG stellt sich mit dieser Nischenatmosphäre bewusst gegen das schwedische Saubermannimage und lässt in der Provinz regelrecht Welten aufeinanderprallen.

Das allein wäre schon reichlich Stoff für ein starkes Drama, aber der Leser hat es hier mit einem handfesten Krimi zu tun und so lässt sich SYLVAIN RUNBERG auch noch einen perfiden Mord einfallen, ganz im Sinne der skandinavischen Erfolgstradition der letzten Jahre. Im Mittelpunkt steht eine starke junge Frau, LISA FORSBERG, in Linköping aufgewachsen, die nun aus Stockholm zurückkehrt, um ihren Dienst bei der örtlichen Polizei anzutreten. LISA FORSBERG kann ihre Vergangenheit nicht so einfach abstreifen, deshalb ist der Kampf um Anerkennung in einem von Männern dominierten Umfeld doppelt schwer.

Es ist schön, wie SYLVAIN RUNBERG die Vorstellungen des Lesers von einem gleichgeschalteten Europa oder Skandinavien kippt, von denen man als Leser annahm, die Verhältnisse seien einander doch irgendwie recht ähnlich. Plötzlich tauchen Gestalten auf, die ebenso in einen modernen Südstaatenkrimi passen würden, Gewalt und Auftreten inklusive. Und schließlich der Mord: Hier braucht SYLVAIN RUNBERG sich nicht hinter reinen Autorenkollegen wie JOE NESBØ, JUSSI ADLER-OLSEN und anderen echten Skandinaviern zu verstecken. Wie der Mörder zu Werke geht, das kribbelt in Mark und Bein.

PHILIPPE BERTHET begeistert mich mit seiner sehr klaren Linie jedes Mal. Der Stil ist vielseitig einsetzbar, wie er hierzulande mit POISON IVY, PERICO und DEIN VERBRECHEN fabelhaft gezeigt hat. Die sehr exakte Stilistik erzeugt kühl aussehende Bilder, die das Grauen des Mordes, wie hier in diesem Fall, erträglicher macht. LISA FORSBERG wird von PHILIPPE BERTHET als Prototyp der neuen starken, modernen jungen Frau gestaltet. Groß, sportlich, schwarze Haare, praktikabel und frech kurz geschnitten. Tätowierungen aus der Jugendzeit sind bei einer späteren Karriere, nachdem genügend über die Stränge geschlagen wurde, kein Problem mehr.

Schweden ist atmosphärisch hier provinziell, sehr sauber, sogar bei den Halunken gibt es einige sehr aufgeräumte Ecken. Profit geht mit Professionalität einher. PHILIPPE BERTHET bleibt sich treu, denn die sehr feinen Linien, der klare Bildaufbau, benötigen keine tiefer führende Farbgebung. DOMINIQUE DAVID kann bei der Kolorierung weitestgehend auf Schattierungen verzichten.

Der gestandene Polizist ROBERT WETTER und LISAS Kollege ERIK sind Gegengewichte zur weiblichen Hauptfigur. ERIK ist eine Art schwedischer KEN, fast zu gut aussehend für den Job. Dafür macht ROBERT diesen kleinen Ausrutscher wieder gut, erinnert er doch an BULLOCK aus dem BATMAN-Universum, was nicht unbedingt ein Zufall sein mag, stellt es sich doch heraus, dass der maskierte Privatdetektiv zu LISAS Comic-Lieblingen zählt. Und ganz nebenbei freut es mich persönlich, das Gesicht des Bassisten Gene Simmons (von der Rockgruppe KISS) auf einem T-Shirt zu entdecken.

SYLVAIN RUNBERG transportiert den Schwedenkrimi, den skandinavischen Krimi allgemein gekonnt und mit Raffinesse in ein anderes Medium (mal eben nicht in einen Film). Der Leser begleitet die Hauptfigur in eine Nische schwedischen Miteinanders, das aus ferner Sicht so nicht zu erwarten gewesen wäre, als Subkultur hier mit dem Titel MOTOR CITY skizziert. Ist spannend, interessant, wirkt authentisch. TOP von PHILIPPE BERTHET illustriert! 🙂

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Montag, 17. Juli 2017

GUERILLAS – Band 3

Filed under: Thriller — Michael um 22:07

GUERILLAS – Band 3Die Verluste an amerikanischen Menschenleben im Vietnamkrieg sind zu hoch geworden. Verzweifelt wird überlegt, welchen neuen Weg die Kriegsführung nehmen könnte, um diesen Umstand zu ändern. Erste Versuche mit Affen als Soldaten sind vielversprechend. Ein Team von Schimpansen, geführt von GOLIATH, aus der Ferne von Menschen kontrolliert, soll in einem Feldversuch den Beweis für die Tauglichkeit dieser neuen Strategie erbringen. Aber das Experiment schlägt fehl, die Schimpansen machen sich selbstständig. Ein weiterer Trupp, diesmal mit menschlichen Soldaten, verfolgt die Affen in den Dschungel …

BRAHM REVEL entpuppt sich auch in BAND 3 des Vierteilers GUERILLAS nicht nur ein weiteres Mal als ein Meister der schwarzweißen Graphic Novel, er versteht es darüber hinaus hervorragend, wichtige Informationen und Emotionen ohne ein einziges Wort rein über eingeschobene Bilder zu transportieren. Die Einführung mag nach einem einfachen Szenario klingen, aber weit gefehlt. Ähnlich wie es der Film EROBERUNG VOM PLANETEN DER AFFEN im Jahre 1971 bereits zeigte, müssen Schimpansen (und ein Pavian) eine Reihe von Trainingseinheiten über mehrere Jahre hinweg durchlaufen.

In weiten Teilen artet dieses Training in ein unglaubliches Martyrium aus. Besagter GOLIATH ist der erste Schimpanse, der zur Ausbildung gezwungen wird. Doch zuallererst wird sein Widerstand gebrochen und ein menschlicher Wissenschaftler als Retter präsentiert. BRAHM REVEL stellt sich konsequent auf die Seite der Affen, von denen nur Erfolg im Sinne des Experiments erwartet wird. Mitleid gibt es nicht, allenfalls Zigaretten als Belohnung, mit zusätzlichen extra süchtig machenden Stoffen.

Man könnte BRAHM REVELS Plot als Farce oder Posse bezeichnen, wäre seine Kriegs- und Science-Fiction-Handlung nicht abgrundtief finster angelegt. Komische Elemente fehlen in BAND 3 völlig, dafür sind Wut, Trauer, Verzweiflung enorm treibende Emotionen in dieser Dschungelachterbahnfahrt. Neben der Haupthandlung hat BRAHM REVEL viele Rückblicke und Seitenarme angelegt. CLAYTON ist der einzige menschliche Sympathieträger. Abgeschnitten von seiner ursprünglichen Einheit, hat es ihn zu den Schimpansen verschlagen. Voller Naivität und Ängste ist er nach Vietnam gekommen, obwohl er als Kind erlebt hat, was der Zweite Weltkrieg aus seinem Großvater gemacht hat. Aber inmitten der Schimpansen wird ihm Mitgefühl zuteil. Dabei ist die Situation für den kleinen Affentrupp gerade besonders erschütternd, denn einer von ihnen, GOBLIN, ist gestorben.

Ausgerechnet den Kleinsten der Schimpanseneinheit hat es erwischt. Das ist die Ausgangssituation, die alle weiteren Ereignisse, erinnert oder innerhalb der Zeitlinie, untermauert. Allen voran ist GOLIATH ins Mark getroffen. Seine Erinnerungen sind stellvertretend für jegliche Härten, die Versuchstiere weltweit erleiden. Hier werden sie regelrecht in Form gepresst, um letztendlich Menschen zu töten. Erzählerisch ist dies ein genialer Schachzug des Autoren BRAHM REVEL. Grafisch vermag der Zeichner (und Storyboard-Artist) BRAHM REVEL ebenso aufzutrumpfen.

Er verwendet zur Darstellung seiner Geschichte nur schwarz, weiß und einen Grauton. Das genügt ihm für eine ungeheure Dramatik und eine außerordentliche Tiefe. Als Storyboard-Zeichner hat er genügend Erfahrung mit dem Einfangen von Kameraeinstellungen und nutzt diese Kenntnis weidlich aus. Er zeigt das Geschehen aus der Sicht von Opfern und Tätern, wechselt hinter die Beteiligten in eine Art Voyeur-Sicht, um anschließend zu Totalen, Ausschnitten und Großaufnahmen zu wechseln. BRAHM REVEL zwingt den Leser, seine Sicht auf das Geschehen immer wieder neu einzustellen.

Fette, schnelle, aber sehr präzis gesetzte Pinselstriche bannen den Blick auf jeden Spannungsmoment sowie die Absurditäten des Krieges und die grauenhaften Methoden der Konditionierung, mit denen die Schimpansen unter der Fuchtel der beiden Wissenschaftler traktiert werden. Es ist ein modernes Frankenstein-Szenario, klinisch, brutal, das im wahnsinnigen Gekicher einer alten Vietnamesin ihren besten Ausdruck findet, ein Moment, in dem BRAHM REVEL die Handlung nicht der Interpretation seiner Leser überlässt. Und Spielraum für eigene Gedanken gibt es gerade im letzten Drittel der Geschichte zuhauf. Es beherrscht nicht nur der Vietnamkrieg jene Zeit, auch Drogenexzesse, ein gesellschaftlicher Wechsel stehen im Vordergrund dieser Jahre. Am Ende nämlich spielt der Geist geradezu verrückt oder steht ein geistiger Sprung bevor? Vielleicht noch etwas ganz anderes? BRAHM REVEL jedenfalls lässt den Leser seine ganz persönliche Antwort in den rasant gestaffelten Bilderfolgen finden.

Es ist wichtig, nicht den Beginn dieses vierteiligen Kriegsdramas zu verpassen, damit auch die Tiefe dieser für Comics und Graphic Novels außergewöhnlichen Geschichte den Leser richtig trifft. Auch in anderen Medien gibt es im Augenblick kaum etwas Vergleichbares (das momentan sehr erfolgreiche Affenkinoepos eingeschlossen). Mit einer harten, eindringlichen Optik zu Papier gebracht vermittelt BRAHM REVEL den Wahnsinn des Krieges auf eindringliche Weise und verzichtet völlig auf tierische Verniedlichungen. Für Leser, die sich abseits des Mainstreams für ungewohnte Themen begeistern können, mit einer Spur Gesellschaftskritik und Satire. Stark! 🙂

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Montag, 03. Juli 2017

WONDERBALL 3 – SHERIFF

Filed under: Thriller — Michael um 10:57

WONDERBALL 3 - SHERIFFAuf der Flucht. Inspektor Spadaccini, Spitzname WONDERBALL, hat sich seine Zukunft bei der Polizei auch anders vorgestellt. Er ist ein Mordverdächtiger. Aber immerhin verfolgt er eine Spur. Vieles an dem Fall war bislang merkwürdig. Erklärungen mussten seinen Kollegen unweigerlich Spanisch vorkommen, doch die Zeichen, denen auch sie nach und nach über den Weg laufen, können sie nicht ignorieren. Etwas sehr Krankes ist in den letzten Jahrzehnten geschehen? Jemand hat einen ungeheuerlichen Plan gesponnen, der nun nach so langer Zeit in sich zusammenzubrechen droht und eine Vielzahl von Leuten mit in die Tiefe reißt …

Zitat: Warum sollte jemand im Gehen Kassetten hören?

Zurück in die Vergangenheit. Wir befinden uns in den 1980er Jahren. Der Walkman ist auf dem Markt und beunruhigt, die Kassettenrekorder kennen, denen das Konzept, seine Musik nach draußen mitzunehmen, unsinnig erscheint. Ein Gerät, das außerdem nicht in der Lage ist, aufzunehmen und nur abspielen kann, ergibt noch weniger Sinn. Es ist eine Anekdote am Rande, die von den beiden Autoren, FRED DUVAL und JEAN-PIERRE PECAU, hier eingeflochten wird. Aus einer Zeit stammend, in der noch Begriffe wie Telex verwendet wurden und Filmarchive der besseren Witterung wegen in der Wüste gebaut wurden.

Darüber hinaus vermischen FRED DUVAL und JEAN-PIERRE PECAU geschickt verschiedene Genres: Thriller (getragen durch die Handlung mit der Hauptfigur WONDERBALL), Splatterhorror (ein Blick auf die Figur auf dem Titelbild genügt, um zu sehen, wer hier federführend ist), CSI (Tatort-Investigation und neuartige Ermittlungstechniken geben Anlass zu weiteren Anekdoten). Maggie Osterberg, eine FBI-Agentin, bildet das weibliche Gegengewicht zu WONDERBALL. Die Puzzleteile des Falls, die sie zutage fördert, lassen den Leser letztendlich mehr Hintergrundwissen ansammeln, als den einzelnen Beteiligten jeweils zur Verfügung steht.

COLIN WILSON, Zeichner von WONDERBALL, darf sich mit seiner Paradedisziplin, dem Western, in einem Bild selbst zitieren, als ein kleiner Trupp indianischer Ureinwohner seitlich vorüber reitet und doch noch ein wenig mehr ausdrückt als das. In der Ferne fährt die Hauptfigur vorbei, vor der Kulisse orangeroter Felsengebilde, die so oft den amerikanischen Heimatfilmen als Hintergrund dienten, auf der Suche nach dem Ursprung eines seltsamen Kults. An vielen Stellen der Handlung wird eine Zeitenwende zelebriert, nicht selten mit einem Augenzwinkern, wie oben beschriebene Szene andeutet.

Der Zeichner wird in der dritten Folge von WONDERBALL gefordert, denn viele Szenen kommen ohne Text aus und selbst in Dialogen dürfen Gesichtsausdrücke ihren eigenen Subtext erzählen. Wenn sich Gäste eines Diners darüber beschweren, dass durch das häufige Auftreten von Serienmördern die Anzahl weiblicher Anhalterinnen abgenommen hat, stellt man sich unwillkürlich die Frage, ob es selbst ohne die angesprochene Dezimierung angeraten wäre, zu diesen wenig vertrauenswürdig aussehenden Gestalten in einen Lastwagen zu steigen.

SHERIFF lautet der Untertitel dieser Episode. Diese Figur ist selbstverständlich zur absoluten Spannungssteigerung angetreten. Aber so merkwürdig es auch klingen mag, haben er und WONDERBALL eine wichtige Gemeinsamkeit, über die sich der Leser einmal Gedanken machen sollte. Mehr soll dazu nicht gesagt sein, nur, dass es sich um einen schönen Trick handelt, den sich FRED DUVAL und JEAN-PIERRE PECAU hier haben einfallen lassen, um ein wichtiges Merkmal von WONDERBALL zu entzaubern.

Eine toller, verschachtelt erzählter, sehr mysteriöser Fall, der in Teilen auch in Serien wie AKTE X hätte funktionieren können – wäre nicht MULDER, sondern DIRTY HARRY der Partner von SCULLY gewesen. Die Autoren FRED DUVAL und JEAN-PIERRE PECAU haben ihre Genrehausaufgaben gemacht: Cop der alten Schule muss sich seiner fast vergessenen Vergangenheit und seiner Herkunft stellen. Die Bilder von COLIN WILSON machen in dieser Perfektion den vorliegenden Band zu einem Comic-Thriller-Fest. Sehr gut! 🙂

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Sonntag, 28. Mai 2017

DANGER GIRL – MAYDAY

Filed under: Thriller — Michael um 11:55

DANGER GIRL - MAYDAYEs war einmal ein Team von Geheimagentinnen namens DANGER GIRL. Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft, in der sich jede auf jede verlassen konnte. Bis eines Tages eine die anderen verriet! NATALIA KASSLE arbeitete in Wahrheit für eine Militärorganisation, die sich DER HAMMER nannte. Diese Organisation, die an nichts Geringerem als der Weltherrschaft arbeitete, bekam die ganze Wut der DANGER GIRLS zu spüren. Dem Tode näher als dem Leben wird NATALIA KASSLE nun aufgespürt von einer anderen kleinen Organisation unter der Leitung von APRIL MAYDAY. Der Fund der gefährlichen Frau ist ein Glücksfall für MAYDAY, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgt.

Mit NATALIA KASSLE erschuf ANDY HARTNELL eine knallharte Doppelagentin in einem Szenario, das einen Agenten wie JAMES BOND alt und blass aussehen ließ. Aber KASSLE wurde besiegt und die DANGER GIRLS gingen ihrer Wege. Im Comic wie auch in der erwähnten Serie um einen britischen Geheimagentin lässt man einen verdienten Feind nicht so leicht untergehen. BLOFELD war ein Stehaufmännchen. Warum sollte es nicht auch einer NATALIA KASSLE gelingen, von den Toten aufzuerstehen?

Eine Auferstehung mit Gedächtnisverlust. Die Rückkehr dieser brandgefährlichen Amazone wäre zu zielbewusst, wüsste die Killerin gleich, wem sie ihr Vertrauen schenken kann und wem nicht. Ihre Rückkehr ins Leben ist von einer langen Genesung begleitet. Körperlich wieder bei voller Leistungsfähigkeit angelangt, folgen die Erinnerungen noch lange nicht, einzig ihre Kampferfahrung ist ihr geblieben. ANDY HARTNELL lässt seiner Killerikone genügend Anlaufzeit, um wieder in die Action zurückzukehren.

J. SCOTT CAMPBELL war der DANGER-GIRL-Zeichner der ersten Stunde. Seine ausdrucksstarken Bilder haben die Serie sehr geprägt. Zwischenzeitlich haben sich verschiedene Comic-Künstler an dem schnellen Thrillerszenario versucht. Mit JOHN ROYLE ist ein würdiger Nachfolger auf der Bildfläche erschienen. ROYLE ist es hervorragend gelungen, die Stilistik von CAMPBELL aufzugreifen. Die Frauen in DANGER GIRL sind allesamt, so das Konzept der Serie, körperliche Pin-up-Models, sehr athletisch gebaut. Und das müssen sie sein, denn JOHN ROYLE hat sie, und nahezu jeden anderen Charakter in dieser Geschichte außerdem, in Situationen zu zeichnen, die jedem MI-Kinostreifen gut zu Gesicht stehen würden. Wer Action sucht, ist hier weiterhin goldrichtig.

Großformatig, teils ganzseitig, in besonderen Fällen doppelseitig, entfaltet sich ein rasantes Blockbusterfeeling. Da werden Menschen von Explosionen durch die Luft gewirbelt und Fahrzeuge liefern sich wilde Verfolgungsjagden. Zweikämpfe sind halsbrecherisch auf wackeligem Untergrund, Frauen agieren verführerisch und tödlich und eine Menge Filmzitate geben sich die Klinke in die Hand. Wer sie erkennt, darf sich ein wenig mehr freuen, wer nicht, hat dennoch eine Menge Spaß an diesem Actionthriller. Zwar gibt es Humor, aber längst ist die Parodie im Kino von Knallern wie den FAST-AND-FURIOUS-Streifen eingeholt worden.

Wer schon Fan der Serie ist, kommt hier voll auf seine Kosten. ABBEY CHASE und ihre Freundinnen müssen hier zugunsten einer Rückkehrerin, nämlich NATALIA KASSLE, zurückstecken. ANDY HARTNELL und JOHN ROYLE lassen sich Zeit, die ehemalige Agentin und Verräterin mit Karacho zurückzuholen. Ist sie aber erst einmal auf dem Schirm, wird auf Höchstgeschwindigkeit geschaltet. Toll illustriert von JOHN ROYLE, der dem Szenario hoffentlich erhalten bleibt! 🙂

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Dienstag, 14. Februar 2017

I.R.$. 16 – KRIEGS-OPTIONEN

Filed under: Thriller — Michael um 11:01

I.R.S. 16 - KRIEGS-OPTIONENEin vom Krieg gebeuteltes Land. Das einstige Zaire, heute Kongo genannt, hat Völkermord und unvorstellbare Gräueltaten erlebt. Darüber haben sich Waffenhändler als Kriegsgewinnler eine goldene Nase verdient und Waffen an buchstäblich jede Seite in diesen Konflikten verkauft. Und jeder Seite ist es gleich, ob ihr Lieferant auch die anderen aufrüstet, Hauptsache, ihre Mordwerkzeuge funktionieren. Larry B. Max ist in die Höhle des Löwen zur Lösung seines Falls vorgedrungen. Seine Feinde allerdings erwarten ihn bereits.

Es dürfte einer der gefährlichsten Fälle sein, die sich Autor Stephen Desberg da für seinen Helden Larry B. Max vom amerikanischen Finanzamt ausgedacht hat. Hier werden große Geschäfte gemacht. Hintermänner dirigieren Auseinandersetzungen und Kriegsparteien in Gebieten, die scheinbar regierungslos dahin treiben. Warlords bekämpfen sich gegenseitig und massakrieren die Zivilbevölkerung, die es nicht schaffen kann, unbehelligt aus Mord und Totschlag hervorzugehen. Bezahlt wird mit Bodenschätzen: Kupfer, Gold, Kobalt. Der Kongo verzeichnet an der Spitze der langjährigen Kämpfe mehrere Millionen Tote.

Stephen Desberg wandelt mit seinem Thriller KRIEGS-OPTIONEN, dem abschließenden zweiten Teil nach der ersten Hälfte DAS GESCHÄFT MIT DEM TOD, weniger auf den Spuren eines Bond-Abenteuers, als vielmehr auf Kinoreißern wie LORDS OF WAR, der sich thematisch ähnlich bewegt. Stephen Desberg beschreibt ein System, gegen das sein Held nicht gewinnen kann, er kann allenfalls eine Figur aus dem Spiel nehmen. Doch so, wie der Leser die Geschichte verfolgen kann, ist es keine Frage, ob diese Figur ersetzt werden wird, allenfalls lautet die Frage, wann es geschehen wird.

Die Handlung ist hart und kompromisslos. Hier wird niemand in letzter Sekunde gerettet. Wer hier mit einem Fuß im Grab steht, wird mit dem Rest bald folgen. Deshalb findet sich auch hier kein Bond, sondern ein bitterer Realismus, mit dem moderne Thriller heutzutage gerne auftrumpfen. Zweite Chancen gibt es nicht. Die Zeichnungen von Bernard Vrancken stützen die Geschichte nahtlos, sie sind jedoch etwas gnädiger, denn einen Teil des Grauens überlässt Vrancken den fortführenden Gedanken des Lesers. Man weiß zweifellos, was geschehen wird, wird es aber nicht wirklich sehen.

Bernard Vrancken muss nicht sehr viel Action zu Papier bringen, da die Handlung sich in der amerikanischen Politik bewegt, an öffentlichen Orten, wo Intrigen ihren Lauf nehmen oder auf eleganten Empfängen, die als Kulisse für zwielichtige Geschäfte dienen. Das bedeutet, Bernard Vrancken setzt menschliches Miteinander in den Vordergrund. Emotionen, Konstellationen, Atmosphäre erschaffen eine packende Abfolge von Bildern, an denen sich Fans stilistisch ähnlicher Künstler wie Philippe Francq, Colin Wilson oder Marc Bourgne erfreuen können. Durch die erzählerische Dichte Desbergs, fein gewählten Bildausschnitten und Perspektiven erhält der Comic-Fan eine sehr flüssig konstruierte Seitenfolge, die hervorragend zu lesen ist.

Der 16. Band der Reihe I.R.$. ist ein harter Reißer, der an der Charakterstärke der Hauptfigur Larry B. Max rüttelt und ihr einmal mehr einen Schicksalsschlag versetzt. KRIEGS-OPTIONEN, so der Titel der Folge, lebt von einer durchgehenden Bedrohung, die jederzeit zuschlagen kann, und Wendungen, die Larry durch die Handlung hetzen und den Leser demzufolge toll mitziehen. Mit dieser Episode gelingt Autor Stephen Desberg ein echtes Bravourstück in Sachen Comic-Thriller. 🙂

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Freitag, 20. Januar 2017

WONDERBALL – 2. PHANTOM

Filed under: Thriller — Michael um 16:51

WONDERBALL - 2. PHANTOMBei der Beerdigung eines guten Freundes zugegen sein und gleichzeitig verdächtigt zu werden, diesen umgebracht zu haben. Inspektor Spadaccini, genannt WONDERBALL, hat es im Augenblick nicht leicht. Vor seinen Augen wurde ein Serienkiller im Vernehmungszimmer ermordet. Und er möchte gerade nichts lieber, als die Brocken einfach hinzuschmeißen. Andererseits lassen ihm die Umstände keine andere Wahl, als sich gegen seine Verfolger zu wehren, denn nicht nur die Polizei hat ein Interesse daran, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Völlig unerwartet schlägt sich ein Unbekannter auf WONDERBALLS Seite. Das Phantom.

Zurück auf den Straßen von San Francisco. Ein Bogen deutet in die weite Welt, hin zu einer riesigen Verschwörung. Aber die Puzzleteile sind noch weit verstreut. Die Autoren Fred Duval und Jean-Pierre Pecau (sowie Fred Blanchard) nutzen die kontinentale Weite eines Staates und schicken WONDERBALL von der ehemalig vergleichsweise beschaulichen Flower-Power-Hauptstadt ins rötlich staubige Nevada, mitten hinein in eine lebensfeindliche Wüste. Abseits von Las Vegas warten Antworten und noch viel mehr Fragen.

Die Autoren bleiben nicht grundsätzlich neben WONDERBALL, sondern sie eröffnen Nebenstränge, wo sich vielleicht neue Freunde für den Cop finden werden. Allerdings vergessen sie auch seine Feinde nicht und so dar beobachtet werden, wie sich die Schlinge um den Inspektor langsam schließt. Ein perfekter Thriller, denn bis vor kurz bleibt offen, ob WONDERBALL es schaffen wird, der Fall zu entgehen, oder eben nicht. Die Erzählung bietet die Grundlage für das Flair der frühen 1980er und einen jener Kriminalfälle, als Ermittlungen noch viel Lauferei bedeuteten und Technik nur eine vage Rolle spielte. Das Silicon Valley ist für Spadaccini eine Heimstatt für schraubende Hippies und keine Brutstätte der Zukunft.

Comic-Künstler und Westernexperte Colin Wilson ist zurück in der Wüste. Superlative und Leere liegen nah beieinander. Das vergangene San Francisco, überhaupt die Vergänglichkeit bietet Colin Wilson schöne Gestaltungsmöglichkeiten (Stichworte: Friedhof, Abbruchhalde), aber so richtig ins Element kommt er in der Wüste und später in einem von Gott verlassenen Örtchen namens Sunlake City. Colin Wilson macht das daraus ein fein gestaltetes Relikt, eine moderne Geisterstadt, manchmal überlagert von Rückblicken einer lebenswerten Umgebung.

Rückblickend hin zu den Klassikern. SciFi-Fans entdecken Anklänge von Clockwork Orange ebenso wie das heiter unbeschwerte Lebensgefühl der Eloi aus Die Zeitmaschine (natürlich dem Original) und ein ruinöses Danach. Colin Wilson ist ein höchst akkurat arbeitender Zeichner, dessen hart wirkenden Figuren für harte Szenarien wie dieses bestens geeignet sind. Denn hart war es bereits im ersten Teil und auch der zweite Teil setzt entsprechende Spitzen. Darüber hinaus wird nichts abstrahiert. Die Ausarbeitung der Bilder bis in die Hintergründe hinein ist extrem ausgesucht. Es soll amerikanisch aussehen. Harley Davidson, Bibliothek, Trucks, Diner … es fehlt an nichts für die perfekte Atmosphäre.

Von einem Perfektionisten illustriert, von Kennern des amerikanischen Krimigenres erzählt. Der zweite Band von WONDERBALL lässt einen stimmungsvollen Zeitabschnitt aufleben. Ein Thriller, der dank seiner klassischen Hauptfigur sehr gut zum Mitfiebern geeignet ist. 🙂

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Freitag, 07. Oktober 2016

WONDERBALL – 1. SHOOTER

Filed under: Thriller — Michael um 16:40

WONDERBALL - 1. SHOOTERInspektor Spadaccini wird zu einem außergewöhnlichen Mord gerufen. Neun Menschen wurden in neun Sekunden von einem einzigen Schützen ermordet. Die Tatwaffe weckt Erinnerungen. Die Präzision und die Kaltblütigkeit kamen Spadaccini bereits in einem anderen Mordfall unter. Vor vielen Jahren gehörte er zur Schutztruppe des amerikanischen Präsidenten Kennedy, als dieser in Dallas einem Anschlag zum Opfer fiel. Und jetzt das! Wonderball, so nennen ihn Bekannte, viel weniger die Freunde, denn die sind ohnehin rar gesät. Spadaccini ist versessen auf diese Süßigkeit, in der für Kinder eine Überraschung versteckt ist. Wonderball braucht sie nicht. Er setzt sie zusammen und schmeißt sie weg …

San Francisco im August 1983. Die Uhren ticken noch anders. Die 70er sind noch in guter Erinnerung. Amerikanische Traumata wie der Vietnamkrieg, auch der heute fast vergessene Einsatz in Korea, die Ermordung John F. Kennedys sind in den Köpfen weiterhin umtriebig. Im letzten echten Jahrzehnt lassen die Autoren einen Massenmörder in einer der tolerantesten amerikanischen Gemeinden umgehen. Es wird ein weiter Bogen über die Jahrzehnte geschlagen. Das Geheimnis sitzt tief. Die Hauptfigur ist alles andere als der Liebling seiner Kollegen. Das Privatleben liegt so ziemlich in Trümmern. Spadaccini versteht sich jedoch auf seinen Beruf, für den er offensichtlich eine Art Hassliebe empfindet. Der Leser mag ihm schnell folgen, denn das Pech, das Spadaccini in seinem Leben hatte, lässt hierfür Türen offen.

Die Autoren Fred Duval, Jean-Pierre Pecau, Fred Blanchard und natürlich Comic-Künstler Colin Wilson kennen ihre Straßen von San Francisco. Man könnte auch sagen: Wie ein grüner VW Käfer zur Legende wurde. Wer die berühmte Verfolgungsszene aus dem Film BULLIT kennt, dem ist es vielleicht aufgefallen. Egal, wie schnell die beiden Muscle-Cars um die Blocks rasen, irgendwie ist ein grüner VW Käfer immer vor ihnen schon da, obwohl er ganz gemächlich dahintuckert. Colin Wilson zeichnet ausgerechnet einen grünen VW Käfer, den die Schurken in der Geschichte zur Beschattung benutzen.

Nash Bridges, Massenmord in San Francisco, besagter Bullit, der Einsatz von Karl Malden und Michael Douglas, Dirty Harry, für Freunde des amerikanischen Krimis hat die Stadt eine Menge zu bieten. Das hat seine Gründe, die von Colin Wilson eingangs sofort exemplarisch vorgeführt werden. Die Transamerica Pyramid und die Golden Gate Bridge sind die Erkennungsmerkmale der Stadt, von Alcatraz einmal abgesehen, das hier in einer Fernansicht auftaucht. Die Höhenunterschiede der Stadt, ihre verschiedenen architektonischen Stile machen die ehemalige Hippiehochburg zu einer idealen Spielwiese für Krimis und Thriller. Kleinstädtisch angehaucht mit alten Häusern, Wolkenkratzern, Hafengegend, Strand, finsteren und wohlhabenden Ecken, jeder Ortsteil sorgt für einen tollen Szenenwechsel.

Colin Wilson ist hierzulande ein bekannter Comic-Zeichner. Ob SciFi, Western, Superheldengenre oder Mystery, er ist so ziemlich überall zuhause und meistert seine Arbeiten mit jener Eleganz, wie sie auch Kollegen wie Hermann, Philippe Francq oder Jean Giraud an den Tag legen. Colin Wilson legt seinen Helden, den Polizisten Spadaccini optisch als Mischung aus Don Johnson und Clint Eastwood an. Hätten die beiden einen Sohn gehabt, sähe dieser genau so aus. Es gibt einige Frontalansichten, die darüber keinen Zweifel lassen.

In Sachen Anatomie, Perspektive und Inszenierung ist Colin Wilson technisch unter den ersten Plätzen. Seinen Wiedererkennungswert erfährt er durch die Gesichtszüge, mit denen er seine Figuren bedenkt. Colin Wilson liebt eine eckig gesetzte Linie und er lässt seine Charaktere gerne durch verkniffene Augen schauen. So setzt der Eastwoodsche Effekt schnell bei nahezu jeder Figur ein. Und darüber hinaus legt Colin Wilson seine Schatten gerne auffällig überbetont an. Das Titelbild ist hierfür exemplarisch.

Fred Duval und Jean-Pierre Pecau erzählen einen Thriller, der noch nicht mit 300 km/h daher kommt. Sie heften sich ein wenig an die Spuren eines Jean van Hamme oder eines Oliver Stone. Hier ist neben Spannung auch Aufmerksamkeit gefragt. Wer mag, wird sogar angeregt, den realen Hintergründen dieser Geschichte nachzugehen, wie dem Warren-Report, der mysteriösen magischen Kugel, der Geschichte des LSDs, dem angeblich schlechtesten Gewehr der Welt und vielem mehr. Das ist in wohl sortierten Dosen erzählt, und zieht den Leser, so gehört es sich für eine detailreiche Geschichte, wie ein Puzzlespiel, dessen fehlenden Teile immer weniger werden, immer weiter mit sich.

Ein richtig guter, sehr durchdachter klassischer Thriller, mit dem sich Fred Duval und Jean-Pierre Pecau auf eine Stufe mit Jean van Hamme (Largo Winch) heben. Colin Wilson gehört zu den Spitzencomiczeichnern weltweit, allein deshalb ist von dieser Seite schon ein Blick für Fans empfehlenswert. Insgesamt ein Top-Auftakt! 🙂

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Montag, 25. Juli 2016

GIL ST. ANDRE – Gesamtausgabe – Zyklus 1

Filed under: Thriller — Michael um 17:30

GIL ST. ANDRE - Gesamtausgabe - Zyklus 1In einer Villengegend in Lyon bereitet sich eine junge Familie, ein Ehepaar und die kleine Tochter, auf einen gemütlichen Abend vor. Gäste werden erwartet. Leider sind für das geplante Abendessen noch nicht sämtliche Zutaten vorhanden. Sylvia St. Andre macht sich auf den kurzen Weg, um schnell das Benötigte einzukaufen. Der Abend schreitet voran, doch die Frau kehrt nicht zurück. Gil St. Andre denkt sich zunächst nichts dabei. Eine schlichte Verzögerung, nichts weiter. Aber je später es wird, desto mehr macht er sich Sorgen, fragt beim Lebensmittelhändler nach. Dieser hat Gils Ehefrau nicht gesehen. Am nächsten Tag ist Sylvia immer noch nicht wieder da. Gil wendet sich notgedrungen an die Polizei. Dort nimmt man seine Anzeige nicht allzu ernst …

Eine Dame verschwindet. Die Ausgangssituation dieses Thrillers ist denkbar einfach. Die Lösung für den titelgebenden Gil St. Andre ist weitaus schwieriger, nervenaufreibender und brandgefährlich. Der in dieser Gesamtausgabe 1. Zyklus des Titelhelden versammelt fünf Einzelbände, während derer der Entführungsfall, so viel darf verraten sein, abgehandelt wird. Den Auftakt der Geschichte schreibt und zeichnet Jean-Charles Kraehn fast allein, bei den Hintergrundzeichnungen holt er sich anfangs noch Unterstützung. Der Beginn ist klassisch und birgt stets ein gutes Ausgangsszenario, dessen weitere Entwicklung völlig offen ist. Jean-Charles Kraehn, da zeigt sich schnell, schöpft die Möglichkeiten einer Entführungsgeschichte voll aus.

Die Spur muss erst einmal gefunden werden und lässt, auch seitens des Lesers, der mehr als GIL ST. ANDRE weiß, was sich im Hintergrund abspielt, Schlimmstes für Sylvia befürchten. Jean-Charles Kraehn lässt seinen Helden, einen erfolgreichen jungen Mann, anfangs ziemlich allein auf die Jagd gehen. Mit Arroganz und Zynismus hält sich Gil St. Andre andere Menschen vom Leib, außer seine engste Familie, der er liebevoll begegnet und für die er alles zu geben bereit ist. So gibt er auch nach diversen Rückschlägen, auch Anschlägen auf sein Leben, die Suche nicht auf. Wie St. Andre anfänglich sich hauptsächlich durch seine große Klappe auszeichnet und später über sich hinaus wächst, ist anschaulich, nachvollziehbar und von einer französischen Thrillerspannung, die auch hier ohne Übertreibungen, höchst realistisch aufgebaut wird.

In der Haken schlagenden Handlung, die später in eine völlig andere Richtung steuert, als anfangs durch den Leser anzunehmen, wird Realismus groß geschrieben, genauer gesagt, gezeichnet. Erhält Jean-Charles Kraehn anfangs noch bei den Hintergründen Verstärkung (Dominique Drillet), greift im zweiten der hier versammelten Alben bereits Sylvain Vallee auf zehn Seiten ein, bevor er in der Folge die grafische Arbeit vollends übernimmt und die von Kraehn vorgegebene Stilistik beibehält. Freunde von Comic-Künstlern wie einem späten Hermann, Philippe Francq oder Marc Bourgne werden an den Zeichnungen ihre Freude haben.

Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Akte (bzw. Alben) macht auch den Reiz dieses Thrillers aus. Es beginnt in der Beschaulichkeit von Lyon, in der heilen Welt, wechselt in einen Kriminalfall, hinein ins Milieu, die Welt der erfahrenen und deshalb reichlich zynischen Kriminalistik. Die Schweiz, mit einem internationalen Saubermann-Image versehen, wird hier zum Gipfelpunkt der Thrillerhandlung, zu Lande, in der Luft und sogar im Wasser. GIL ST. ANDRE findet sich wenig gewollt und wenig erfahren in einer brutalen Action wieder, die seinen Tod zur Folge haben könnte. Das ist virtuos inszeniert, im geringsten Falle im Sinne einer starken Fernsehserienoptik.

Das Titelbild verrät es. Gil St. Andre macht sich allein auf den Weg, bestreitet den Fall aber auf Dauer nicht solo. An seiner Seite agieren die junge Polizisten Djida (die eine Schwäche für Gil entwickelt) und später der gestandene Polizist Fourrier, der wie eine Comicversion des kantigen Schauspielers Lino Ventura daher kommt. Gerade letzterer bringt einen bärbeißigen Humor in die Geschichte ein, etwas altmodisch, sehr hartnäckig und sofort eine Paradefigur für einen neuen Tatort-Ableger.

GIL ST. ANDRE hat alles, was ein guter Comic-Thriller – oder auch medienübergreifend Thriller überhaupt – braucht. Eine greifbare, stark skizzierte Hauptfigur, gelungene Mitstreiter und Nebenfiguren, knackige Rätsel, auf der prima Action aufsetzt, Fieslinge jedweder Couleur, auch jene Sorte, die nicht direkt als Halunke erkennbar sind. Die mehrheitliche Übergabe des Zeichenstifts von Jean-Charles Kraehn an Sylvain Vallee stellt einen Glücksgriff für das Gesamtwerk dar. Krimifans und Thrillerfreunde können bedenkenlos zugreifen. 🙂

GIL ST. ANDRE, Gesamtausgabe, Zyklus 1: Bei Amazon bestellen

Dienstag, 19. Juli 2016

Dein Verbrechen

Filed under: Thriller — Michael um 11:00

Dein VerbrechenEin Besuch bringt das geordnete Leben des Thomas Wentworth durcheinander. Wentworth hatte sich mit der Einsamkeit im australischen Outback arrangiert. Schafe zu züchten und den Zug der Wolken zu beobachten, schienen die wichtigsten Beschäftigungen in diesem Landstrich geworden zu sein und würde es auch auf lange Sicht bleiben. Alte Zeitungsartikel ändern diese Vorausschau. Denn plötzlich wird aus Thomas Wentworth wieder Greg Hopper, jener Mann, der vor zig Jahren beschuldigt wurde, ein Frauenmörder zu sein. Aber war er es wirklich? Oder wusste er sich nicht anders zu helfen, als zu fliehen, weil alle Hinweise und Indizien gegen ihn sprachen? Jemand anderes hat nun den Mord gestanden und Greg Hopper kann endlich die Wildnis verlassen.

Die 1970er Jahre stehen noch an ihrem Anfang, die 1960er klingen aus. Hippies sind noch kein Thema. Und in Dubbo City, einer sehr kleinen Stadt auf dem australischen Kontinent – wer weiß, ob sie da jemals ankommen werden. In dieser verschlafenen Stimmung breitet sich eine Nachricht aus. Jemand gesteht einen Mord. Allerdings wird in diesem Fall bereits seit 27 Jahren nach einem ganz anderen Mann gefahndet. Autor Zidrou beleuchtet einen Kriminalfall einmal aus einem anderen Blickwinkel. Und der Leser muss sich einer fortwährenden Frage stellen: Ist der Mann, der seit 27 Jahren auf der Flucht war nun ein Mörder oder nicht? Ist er allenfalls eine gequälte Seele, jemand mit einem sehr schlechten Gewissen? Keine Fragen, die hier beantwortet werden sollen. Aber Zidrou stellt noch weitere Fragen. Zum Beispiel: Was macht ein prominenter Mordfall aus einer Kleinstadt?

Wut kann, über einen längeren Zeitraum genährt, zu einem starken Antrieb werden. Eine kühle Zurückhaltung entlädt sich plötzlich auf die eine oder andere Art und verändert Leben. Und beendet sie. Autor Zidrou beschreibt hier eine Art Ästhetik des Verbrechens, nicht im Sinne von Schönheit, sondern von Strukturen, die bei Menschen auftreten, die ihre Verrohung angesichts einer Tat erkennen, sich ihr stellen, dagegen auftreten oder sie als Teil akzeptieren. Das Titelbild von Philippe Berthet spricht Bände. Ein weißes Lamm leckt Blut aus der Wunde einer jungen, optisch attraktiven Frau.

Greg Hopper kehrt in seine Heimatstadt zurück. Nachdem sein Bruder die Tat gestanden hat, für die er verfolgt worden ist, kann er unbehelligt auf den Straßen flanieren. In den Kinos läuft gerade Love Story mit Ryan O’Neal und Ali MacGraw, eine Liebesgeschichte, so grundverschieden von der, die hier immer noch im Hintergrund wirkt. Solche Bilder, kleine Vergleiche, sind wie Stiche in die Aufmerksamkeit des Lesers. Zidrou mag dergleichen Hinweise und streut sie, mal offen, mal verdeckt oder am Rand, in die Handlung ein. Man kann sich auf diese Anspielungen einlassen, muss es aber nicht. Wer es macht, hat definitiv mehr Spaß an der Geschichte.

Philippe Berthet zeichnet mit seinem sehr klaren und kühlen Strich die Fassade der Menschen aus Dubbo City. Philippe Berthet ist einer jener Comic-Künstler, die genau am rechten Fleck sind, wenn es darum geht, eine bedrohlich kalte Atmosphäre zu schaffen. Das gelang ihm bereits im Thriller PERICO, aber auch im humoristisch angehauchten Kriegsabenteuer POISON IVY. Gerade im Thriller gelingt die Optik einer vergangenen Hollywood-Zeit, herausgerissen aus dem Schwarzweißen in das Bunte. Schöne Menschen wie die beiden Hauptdarsteller, der Vielleicht-Mörder und die Zweifellos-Tote, stehen im Mittelpunkt und werden gerade deshalb zum Ziel. Schönheit wird gerne auf die eine oder andere Art zerstört, so auch hier.

Eine sehr schöne Einleitung. Vom Paradies in die Kleinstadthölle. Im Outback herrscht Einsamkeit, nicht unbedingt Gewaltlosigkeit. Aber ohne weitere Menschen vor Ort gibt es immerhin eine Art Frieden, der nur durch Dingos und die Auseinandersetzungen von Schafsböcke untereinander durchbrochen wird. Wolken zu beobachten sorgt für Kurzweil, richtige Abwechslung bringt nur der monatliche Besuch eines Lieferanten mit den erkalteten Nachrichten der letzten Wochen. Wen kümmert es, dass zwei Menschen auf dem Mond gelaufen sind? Im klaren Ausdruck zeigt Philippe Berthet die Ursprünglichkeit und die Schönheit dieses Einsiedlerlebens. Gerade hier finden sich tolle Bildsubtexte, die das grundlegende Gefühl für den Einstieg in die Handlung vermitteln.

Ein Mordfall einmal in einer seltenen Erzählweise, atmosphärisch wie ein 1950er-Krimi, keine Stadt in Angst, aber eine Stadt im Widerstreit der Gefühle, so präsentiert Szenarist Zidrou sein Verbrechen mit Hilfe der präzisen Zeichenfeder von Philippe Berthet. Sehr gut. 🙂

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Sonntag, 26. Juni 2016

PUNISHER – DAS ERSTE JAHR

Filed under: Thriller — Michael um 20:32

PUNISHER - DAS ERSTE JAHREin Massaker. Ein Mann hängt kopfüber an einen Baumstamm gefesselt in einem öffentlichen Park. Die kleine Familie, Vater, Mutter und zwei Töchter, nahebei im Gras liegend, wollte anscheinend picknicken. Eine Thermoskanne liegt umgestoßen auf dem Boden. Ein kleiner Flugdrachen liegt abgestürzt auf Mutter und Kind. Für die Polizisten, die am Tatort ermitteln ist es ein grauenhafter Anblick, dennoch einer, der zu ihrem Alltag gehört. Tote sind in New York keine Seltenheit. Die Leichen werden zum Abtransport vorbereitet und in schwarze Säcke verpackt. In diese furchtbare Routine hinein erwacht einer der vermeintlich Toten plötzlich wieder zum Leben …

MARVEL ist ein Comic-Universum mit einer sehr umfangreichen Sammlung von Helden und Ganoven. Der PUNISHER hat so gut wie jede Figur eine Ursprungsgeschichte, aber seine sollte (neben Spider-Man) zu den bekanntesten gehören. Gangster löschen die gesamte Familie von Frank Castle, einem Armee-Veteranen, aus. Kein gezielter Anschlag steckt dahinter, sondern es geht lediglich um die Beseitigung von Zeugen einer Mafia-Hinrichtung. Castle überlebt mehr zufällig und verletzt. Castle erhält von der Polizei das Versprechen, man werde die Mörder seiner Frau und seiner Kinder aufgrund seiner Zeugenaussage fassen. Dazu kommt es nicht.

Frank Castle wird hier nicht einfach zum PUNISHER, weil er Rache will. Das ist und bleibt sicherlich ein Teil seiner Motivation, aber zuerst lassen ihn die beiden Autoren Dan Abnett und Andy Lanning in dieser 1994 neu erzählten Ursprungsgeschichte einen absolut hoffnungslosen Tiefpunkt erleiden. Völlig verlassen, mutlos und einzig noch vom Schmerz erfüllt, verliert er auch noch das letzte Stück Vertrauen in die Gerechtigkeit. Eben wollte sich Frank Castle noch selber töten, dann begreift er, dass Verzweiflung und eine letzte Konsequenz die falschen Wege sind. Der Kriegsveteran macht das, was er gelernt hat und erklärt dem organisierten Verbrechen den Krieg. Dan Abnett und Andy Lanning erzählen schnörkellos, aber es gibt eine Besonderheit.

Der spätere PUNISHER verweigert sich ausgesprochen lange seinem aufzunehmenden Weg. Zeichner Dale Eaglesham präsentiert der selbst ernannten Rächer als überaus Muskelberg, sportlich durch militärischen Drill. Cover-Künstler Ariel Olivetti hat diesen Style für das Titelbild übernommen. Die übrigen Titelbilder der hier zusammengefassten Miniserie haben einen weniger martialischen Einschlag, als vielmehr deutlich religiöse Anleihen. Frank Castle muss erst leiden, bevor er zum PUNISHER wird. Dale Eaglesham übernimmt zur Darstellung dieses Leidensweges solch monumental überzeichneten Haltungen wie sie zum Beispiel von klassischen Künstlern wie Michelangelo oder Raffael her bekannt sind.

Die Zeichnungen von Dale Eaglesham innerhalb der Handlung verströmen ein wenig 1970er-Jahre-Flair. Das liegt auf einer stilistischen Linie mit Gene Colan (Die Gruft von Dracula), Jack Kirby oder auch, jüngeren Datums, eines Todd McFarlane. Die kraftvolle Figur des Frank Castle bzw. PUNISHER ist nach heutiger Definition ein Wrestler mit Gefühl, weshalb in einer modernen Variante für eine Verfilmung ein David Batista eine gute Wahl wäre, denn die Figur sieht im Comic so aus, als habe Dan Eaglesham 1994 einmal die Existenz eines derart populären Schauspielers mit Wrestling-Wurzeln vorausgeahnt.

Ein ernsthafter PUNISHER in bester Thriller-Manier. PUNISHER ist Krimi, Drama und meilenweit entfernt von irgendwelchen komischen Elementen. Seine Ansiedlung im Marvel-Universum wird einzig durch eine sehr kurze Anwesenheit von Peter Parker dokumentiert. Kein Superheld eilt dem Mann, der seine Familie verloren hat zur Hilfe. Aber auch kein Superheld stellt sich ihm in den Weg, als er seinen Rachefeldzug beginnt. Diese Version weiß zu gefallen, da die Figur sich hier selbst treu bleibt, ohne mit dem Rest des Marvel-Universums großartig in Berührung zu kommen.

Ein ungewöhnlicher Marvel-Held wird geboren. Ohne Superkräfte, allein vom Rachewunsch erfüllt, stellt sich Frank Castle alias PUNISHER der New Yorker Unterwelt und räumt dort auf, wo die gesetzestreuen Polizisten an ihre Grenzen stoßen. Geradlinig erzählt von Dan Abnett und Andy Lanning, mit Blick für ein hartes Szenario gekonnt in Szene gesetzt von Dale Eaglesham. 🙂

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