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Comic Blog


Sonntag, 18. März 2018

WAYNE SHELTON Gesamtausgabe 1

Filed under: Thriller — Michael um 23:28

WAYNE SHELTON Gesamtausgabe 1WAYNE SHELTON ist ein Mann für besondere Fälle, für ungewöhnliche Aufgaben. Qualität und hohe Erfolgsquoten haben natürlich ihren Preis. Je gefährlicher ein Auftrag ausfällt, desto teurer wird er. Ein kleines ehemalig russisch orientiertes Ostblockland besitzt Bodenschätze, für die international agierende Konzerne im wahrsten Sinne des Wortes bereit sind zu töten. Wenn man sie ließe. WAYNE SHELTON wird für eine Rettungsaktion angeheuert, Millionenschwer bezahlt, macht er sich sogleich an die Zusammenstellung eines Teams von Spezialisten. Leider kann der WAYNE SHELTON nicht sämtliche Eventualitäten vorausberechnen …

Mit WAYNE SHELTON startete einer der versiertesten Comic-Autoren, nämlich JEAN VAN HAMME, eine weitere Thriller-Serie. Mit LARGO WINCH und XIII hatte er sich bereits langjährig mit internationalen Szenarien bejährt. Mit WAYNE SHELTON greift er auf die Erfahrung zurck, präsentiert aber einen völlig anderen Heldentypus. Action-Fans alter Schule werden in dem Auftragsszenario und der Zusammenstellung der Mitstreiter eine Mischung aus WILDGÄNSEN und BRUNO BRAZIL mit einem äußerst modernen Setting herauslesen können. In der Tat ist die Hauptfigur ein Gentleman in jeder Lebenslage, tough, ein wenig wie BOND, aber auch ein wenig wie RICHARD BURTON in den WILDGÄNSEN.

Trenchcoat, grau meliertes Haar, sportlich. Jemand, der erst denkt, sich seine Chancen ausrechnet und dann handelt. Das ist WAYNE SHELTON. Er ist schönen Frauen nicht abgeneigt, obwohl er in der Trickdiebin HONESTY GOODNESS eine Dauergeliebte hat, genauer, ein beständig neu aufgelegtes Verhältnis. Wer sich so oft in Gefahr begibt, genießt natürlich auch das Leben. Ein Auftrag in fernen Ländern? Dann bitte aber mit Stil und hinter dem Steuer eines klassischen BUICK mit Heckflügeln.

DIE MISSION bildet den Auftakt der Reihe. 2001, also ein paar Jahre bevor Knastszenarien im Sinne von PRISON BREAK populär wurden, gilt es einen Gefangenen aus einem wirklich elendigen Gefängnis zu befreien. Anschließend soll dieser auch noch über die Grenze in Sicherheit gebracht werden. Eingepfercht zwischen Armenien, Türkei, Iran und Aserbaidschan hat sich JEAN VAN HAMME ein Fantasieland ausgedacht, in dem er sich als Autor nicht um völligen Realismus scheren muss. Trotzdem ist man nach einem Blick in die Nachrichten sofort geneigt, ihm jede Seite des Abenteuers abzunehmen.

Realistisch ist das Szenario im Hinblick auf seine grafische Umsetzung, mit der Zeichner CHRISTIAN DENAYER vormacht, was ein Thriller-Comic zu leisten vermag (Auf Augenhöhe mit Künstlerkollegen wie WILLIAM VANCE oder PHILIPPE FRANCQ, um nur zwei Zeichner zu nennen, mit denen JEAN VAN HAMME ebenfalls zusammenarbeitete. Irgendwie scheint sich der Autor stets stilistisch und technisch ähnliche Künstler auszusuchen.) CHRISTIAN DENAYER ist technisch perfekt. Jeder Strich sitzt, jedes Bild wirkt wie nach einem Kinofilm oder Fernsehserie gearbeitet. Jede Sequenz, die einer bestimmten Region zugeordnet werden kann, atmet die Atmosphäre des jeweiligen Landstrichs.

Actionszenen sind dank der sehr exakten Wiedergabe von Vehikeln, toller Perspektiven und toll gewählter Schauplätze ein Hit. Trotz moderner Geschichte wurden Handlungsorte ausgesucht, die eine Spur KALTER KRIEG atmen. Ist es in der Doppelfolge DIE MISSION und DER VERRAT die untergegangene Sowjetunion, ist es in DER KONTRAKT ein typisch südamerikanisch anmutende Bananenrepublik (die später Metropolen wie New York oder London weichen muss).

So dürfen und müssen Thriller sein, ganz gleich in welchem Medium. WAYNE SHELTON hat toughe, dennoch sehr menschliche Charaktere, die mitreißen und zum Mitfiebern einladen. Comic-Künstler CHRISTIAN DENAYER liefert perfekte Bilder. Für Freunde von Krimis und Thrillern eine klare Empfehlung und erst recht für jene, die Spitzenillustratoren in Comics wollen. 🙂

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Freitag, 02. März 2018

I.R.$ 17 – LARRY’S PARADISE

Filed under: Thriller — Michael um 18:00

I.R.$ 17 – LARRYS PARADISELARRY B. MAX hat dem Beruf des Steuerfahnders viele Jahre seines Lebens geopfert. Er hat die Welt bereist, war unzähligen Lebensgefahren ausgesetzt und nun soll das plötzlich alles vorbei sein? Keine Gefahren mehr, aber auch keinerlei Privilegien? Eines ist klar: All sein Wissen für die Gegenseite, die Steuervermeider, gewinnbringend einzusetzen ist ihm verboten. Doch LARRY B. MAX war noch nie jemand, der sich von Verboten ins Bockshorn jagen ließ. Und so ist seine neue Stelle bei KYLE FINANCIAL PARTNERS eine logische Folge. Der erste Tote, der ihm auf seinem neuen Lebensweg begegnet, eigentlich auch …

LARRY’S PARADISE ist alles mögliche, nur ganz bestimmt kein Paradies. Es geht vordergründig um Geld. Viele wollen es; diejenigen, die es ohnehin schon haben, wollen noch mehr. Und andere sind gegen einen fetten Obulus nur allzu gern bereit, ihnen so viel zu beschaffen, wie nur irgend möglich. Da kommt ein LARRY B. MAX, der sich auf dem Parkett der Schwächen und Absurditäten des amerikanischen Steuerrechts auskennt (wie er sich selbst einmal ausdrückt), gerade recht.

Während jedoch jemand die Steuersünder regelrecht (über Kimme) aufs Korn nimmt, zeigt LARRY B. MAX noch eine andere Seite. Der junge Mann ist sehr einsam in einem Meer einer oberflächlichen Gesellschaft, einer giftigen Mentalität. Die einzige Frau, die sich wieder in sein Leben drängt, ist eine angeblich Tote, ein weiblicher Jugendschwarm und ehemalige Hollywood-Schauspielerin, mit der er einst häufiger (nach dem Abflauen ihrer öffentlichen Popularität) Telefonsex pflegte. Neben der realistisch angelegten Thrillergeschichte baut Autor STEPHEN DESBERG hier einen leicht surrealen Handlungsfaden auf (den sich auch ein DAVID LYNCH hätte einfallen lassen können).

BERNARD VRANCKEN, Zeichner von I.R.$ (Internal Revenue Service), betreut die Serie grafisch in der 17. Episode mit einer solchen Perfektion und Effizienz, dass Stammleser der Reihe keine bösen Überraschungen erleben werden. Im Gegenteil, wer sich auf das Szenario einlässt, im Mittel angesiedelt zwischen Finanzintrigen und handfestem Thriller, wird sich in einer Optik wiederfinden, wie sie die besseren amerikanischen Serien derzeit einsetzen oder wie es gute Kinoverfilmungen bereits früher taten.

Das Umfeld hier ist die Hochfinanz. Deshalb ist die Atmosphäre rund um LARRY B. MAX auf Hochglanz gebracht. Immobilienträume, innen wie außen, Parties auf Hollywood-Niveau, mafiös vergoldet, stählern moderne Büros oder die traditionsreiche Umgebung amerikanischer Justiz dienen hier als Kulissen. Kalifornien selbst ist jeden Tag von einem blauen Himmel gekrönt, die Straßen vielerorts staubig, reiche Anwesen werden von Palmen umrahmt. Fahrzeuge, Klassiker, schwarzweiße Polizeiwagen wie auch neueste Cabriolets runden das Flair des Küstenstaates ab.

Trotz aller Helligkeit des Szenarios eine düstere Geschichte. Hier finden STEPHEN DESBERG und BERNARD VRANCKEN den genauen Gegensatz von Handlung und Grafik. Der Besitz eines großen Vermögens führt geradewegs in die Hölle. Und mittendrin gerät LARRY B. MAX wieder einmal selbst auf die Abschussliste. Packend, schnell, spannend und durch LARRYS beruflichen Wechsel, Neustart ohne Vorkenntnisse zu genießen. Für Thriller-Fans! 🙂

I.R.$, Band 17, LARRY’S PARADISE: Bei Amazon bestellen.
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Freitag, 19. Januar 2018

WONDERBALL 4 – FOTOGRAF

Filed under: Thriller — Michael um 19:22

WONDERBALL 4 - FOTOGRAFEin Mann auf der Veranda? Mitten in der Nacht? In der amerikanischen Vorstadt, die längst keine Idylle mehr ist. ANTON SPADACCINI darf sich seiner Exfrau COOKIE eigentlich nicht mehr als auf 50 Meter nähern. Aber der von seinen eigenen Kollegen gesuchte SPADACCINI alias WONDERBALL macht sich Sorgen. Um seine Exfrau und seinen bei ihr lebenden Sohn. Ein guter Grund also, wenigstens einmal (oder einmal mehr) auf Gerichtsurteile zu pfeifen und auf COOKIES Milde zu hoffen. Oder sind seine Verfolger bereits da und haben nur auf ihn gewartet?

Will WONDERBALL überhaupt Antworten? Sollte es ihn nach all den Ereignissen überhaupt noch nach Antworten verlangen? In der vierten und vorletzten Episode von WONDERBALL, FOTOGRAF mit Namen, verdichten sich die Fährten, denen INSPEKTOR SPADACCINI bisher folgte, mehr und mehr zu einer einzigen Spur. Aber der Preis ist hoch. Der Polizist wankt auf einer Spur aus Morden und mörderischen Gesellen, die geradewegs aus einem Horrorfilm entsprungen sein könnten. Und Schuld daran hat eine geheimnisvolle Organisation namens COLLEGIUM OCCULTUM.

Während der INSPEKTOR den Spuren folgt, versorgt die Autoren FRED DUVAL und JEAN-PIERRE PECAU (zusammen mit FRED BLANCHARD) den Leser mit Hintergrundinformationen. Insbesondere der Horror, der von der titelgebenden Figur des FOTOGRAFEN ausgeht, wird ins Zentrum gerückt. ALAN SMITHEE, so der Name, sieht sich selbst als Avantgarde-Künstler und dreht gleichzeitig Filme, die den Begriff Snuff-Video auf ein völlig neues, furchtbares Level heben. Die mit äußerst abartigen Tendenzen versehenen Gegner von INSPEKTOR SPADACCINI bleiben sich also mehr als treu. Aus welchem Grund das so ist, wird in dieser Folge final gelüftet. Letzte Fragen und Antworten bleiben dem fünften Teil vorbehalten.

Horror entsteht hier im Kopf. Alleine die textlichen Regieanweisungen von ALAN SMITHEE erzeugen genügend Bilder beim Leser. Kleine Accessoires besorgen den Rest. Andere Kleinigkeiten sorgen für Atmosphäre, lassen die Zeit aufleben. Der Tod des Sängers KLAUS NOMI im Jahre 1983 wird in einem Magazin erwähnt. Eine BETAMAX-Kamera hält als Wunderwerk der Technik Einzug in den Alltag. Und der IT-Spezialist WILL WINDOW hält die ermittelnde Beamtin, INSPEKTORIN OSTERBERG, mit seinen Datenbank-Recherchen weiterhin auf dem Laufenden.

Ganz nebenbei bringt Top-Illustrator COLIN WILSON sogar noch ein Gemälde von TAMARA DE LEMPICKA (Motiv: YOUNG LADY WITH GLOVES) in der Geschichte unter. Es ist ein kleiner Ruhepunkt neben Schießereien in Los Angeles und nächtlichen Streifzügen in Wohngegenden sowie besagten Szenen rund um den FOTOGRAFEN. COLIN WILSON macht diese Zeitreise zu einem Krimischmuckstück. Ein ehemaliges Wohnhaus von JUDY GARLAND am MULHOLLAND DRIVE wird zum Spielort (ein NORMAN BATES aus PSYCHO hätte an der hölzernen Architektur des Gebäudes seine helle Freude gehabt). Nachts erstrahlen die Freeways und der Hollywood Boulevard. Und unter den Autobahnbrücken herrscht drückende Finsternis.

Auf dieser toll vermittelten Atmosphäre kommt der erzählte Thriller voll in Fahrt. Spannende Momente zieht er aus den Erlebnissen von WONDERBALL, faszinierende Momente entstehen durch die im COLLEGIUM OCCULTUM angesiedelte Handlung. Schießereien und gewalttätige Auseinandersetzungen erinnern Hollywood-Vorbilder der 1970er und natürlich 1980er (vielleicht mit einer Spur mehr Action, wie es das moderne Auge der 2010er gewöhnt ist). COLIN WILSON beschafft dem Leser kamerasprachlich klasse Totale, geht aber auch im Sinne von starker Emotion nah an die Akteure heran. Beides ist sehenswert und technisch perfekt.

Wäre WONDERBALL ein Kinofilm, würde man sich manchesmal mit den Fingernägeln in die Armstützen verkrallen. Ein echtes Comic-Thriller-Erlebnis mit toller Optik, einer guten Geschichte und harter Action. Die vorletzte Folge ist ein krasser Knaller! 🙂

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Mittwoch, 17. Januar 2018

JACKIE KOTTWITZ Gesamtausgabe – Band 7

Filed under: Thriller — Michael um 12:07

JACKIE KOTTWITZ Gesamtausgabe Band 7Falsch verbunden? So werden die meisten Menschen wahrscheinlich äußerst selten geweckt. Eine Frau ruft mitten in der Nacht an. Jackie, völlig schlaftrunken, vertröstet die Anruferin auf einen Termin am nächsten Morgen im Büro, nur um festzustellen, dass sie ihn für einen Mordauftrag anheuern will. Einem ersten Impuls nachgebend setzt Jackie die junge Frau mit dem blauen Auge vor die Tür. Als er sich eingesteht, einen Fehler begangen zu haben, ist es bereits zu spät. Die Frau ist verschwunden …

ALAIN DODIER setzt seine Kriminalfälle um den Privatdetektiven JACKIE KOTTWITZ fort. Und beginnt gleich mit einer Doppelfolge: BEI ANRUF MORDAUFTRAG und IM VISIER. JACKIE, eine Mischung aus MONSIEUR HULOT und JULES MAIGRET, bislang mehr ein heimlicher Jäger, sieht sich auf einmal selbst als Ziel eines professionell agierenden Mörders, denn natürlich hat die Verwechslung mit dem Killer ihre Folgen. Das Geheimnis von ALAIN DODIERS Kriminalgeschichten liegt nicht nur im Charme der Figuren begründet. Vielmehr ist es die Alltäglichkeit, aus der sich plötzlich eine oftmals gefährliche Situation entwickelt. Die Abgründe sind mal mehr, mal minder tief, aber hinter den bürgerlichen Fassaden sind sie stets vorhanden.

Selbst der Mörder, der JACKIE KOTTWITZ nachsteigt, versteckt sich zunächst hinter einer solchen Fassade. Und es ist nicht die einzige Tarnung, die in dem Zweiteiler auffliegt. Wie das Titelbild von IM VISIER verrät, fällt die Handlung diesmal etwas aktionslastiger aus. An einer Szene ganz besonders hätte sogar ein JAMES BOND seine helle Freude gehabt (Stichwort: LEBEN UND STERBEN LASSEN). Der Doppelhandlung angeschlossen ist ein feines Making-of. Es ist immer wieder interessant, welche Phasen alleine das Titelbild eines Bandes durchläuft, wie lange und genau ALAIN DODIER an der richtigen Optik feilt. Klar, ein Titelbild muss die Handlung auch auf den ersten Blick spannend anpreisen. Das Titelbild der vorliegenden 7. Gesamtausgabe ist gleichzeitig jenes von BEI ANRUF MORDAUFTRAG.

In einem auf den ersten Seiten abgedruckten Interview schildert ALAIN DODIER seine Arbeitsweise, gleichzeitig verschweigt er aber nicht die Schwierigkeiten, mit denen selbst ein sehr guter Illustrator wie er (meine Worte) manchmal zu kämpfen hat, wenn es um den richtigen Ausdruck, die beste Perspektive oder Haltung geht. Wie er an Lösungen herangeht, lässt sich so schön wie eindrucksvoll aus seinem Making-of ersehen. Perfekt für Comic-Fans, die den Blick hinter die Kulissen mögen.

FAHRERFLUCHT lautet der Name des dritten Albums in diesem Band und stellt gleich unter Beweis, wie JACKIE KOTTWITZ die Aufgaben oftmals geradezu vor die Füße fallen. Ein kleines Mädchen sitzt vor seinem Büro. Es stammt aus einer Nachbarwohnung. Der Vater der Kleinen ist in der Nacht einfach verschwunden. So harmlos beginnt alles und spitzt sich dann immer weiter zu. Cineasten dürfte der Wagen, ein ASTON MARTIN, auf dem Titelbild gleich bekannt vorkommen (selbst jene, die kaum mit dem Kino in Berührung gekommen sind, dürften das Fahrzeug erkennen). Aber dieses Automobil wirkt nicht wie der einzige Fingerzeig in diesem Band.

Eine von JACKIE KOTTWITZ beobachtete, wortlos geführte Auseinandersetzung schaut aus wie ein Familiendrama in einer erwachsenen Version zwischen VATER UND SOHN. Neben dem Tagesablauf eines unorthodoxen Privatdetektiven werfen wir zusammen mit JACKIE KOTTWITZ auch einen Blick in das Leben eines Bildhauers. Außerdem wird die Beziehung zwischen JACKIE und BABETTE vertieft. Eigentlich bedient sich ALAIN DODIER all jener Rezepte wie sie andere langlebige Krimiserien hierzulande nutzen (WILSBERG z.B. verwendet vergleichsweise eine ähnliche Rezeptur und strahlt gleichzeitig einen ebensolchen Charme aus).

ALAIN DODIER kennt seine Figuren perfekt und weiß eine Handlung auch über eine längere Strecke, über ein Album hinaus anzulegen. Indem er seinen Helden zur Zielscheibe macht, wird die Spannung drastisch angezogen. Ein starker Zweiteiler, eine fein beobachtete dritte Geschichte und alle drei stilistisch klar und toll illustriert. Wie man an anderer Stelle sagen würde: Prädikat wertvoll! 🙂

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Sonntag, 03. Dezember 2017

TORPEDO 1972

Filed under: Thriller — Michael um 18:36

TORPEDO 1972JAMES ist Journalist, auf der Suche nach der großen Story. Jetzt scheint er etwas gefunden zu haben. Nachdem er versucht hat, an seiner Freundin rumzufummeln, im dunklen Kinosaal, während einer Vorstellung von DER PATE, rückt er mit der Nachricht heraus. Für die Fummelei handelt er sich eine Ohrfeige ein, weil Sex vor der Ehe für WENDY nicht in Frage kommt. Die Geschichte allerdings interessiert sie als Fotografin. Keiner der beiden ahnt, wie gefährlich ihnen der aus ihrer Sicht uralte Hauptdarsteller der geplanten Story noch werden wird …

Hart. Härter. Drecksack. TORPEDO. So etwa könnte eine Steigerungsform in Form auf den gealterten Hitman ausfallen. LUCA TORELLI alias TORPEDO ist über 60, seine für ihn glorreichen 1930er Jahren liegen lange zurück. Aber nur die Knochen und Muskeln haben gelitten, Parkinson lässt die Hand zittern. Emotional hat sich nichts geändert. TORPEDO ist brutal, ohne Gewissen und ohne Mitleid. Andere Menschen bedeuten ihm nichts, nicht einmal der langjährige Sidekick RASCAL, den er immer noch mit Vorliebe drangsaliert (und der sich weiterhin alles gefallen lässt, das muss irgendwie Liebe sein).

Die äußeren Umstände, wie man so schön sagt, sind nicht nur körperlich andere geworden. Früher hat TORPEDO von seinen Aufträgen sehr gut, sehr bequem, sehr komfortabel leben können (vielleicht ein Grund, warum RASCAL es so lange neben TORPEDO ausgehalten hat). Im Jahr 1972 hat sich nicht nur eine leidlich neue Jugendkultur ihre Bahn geschlagen, TORPEDO ist auch verarmt, wohnt mit RASCAL in einer Bude, die mehr für die Abrissbirne taugt, und jagt auf seine Art Tauben für die nächste warme Mahlzeit im Stadtpark. Um das Maß voll zu machen, ist die alte Welt der Mafiosi dank des Kino-Blockbusters DER PATE zur Popkultur geworden. Verbrechen als New Yorker Lokalkolorit.

Dennoch: TORPEDO hat noch ein letztes Mittel, um Geld zu verdienen. Er verkauft seine Vergangenheit. Jeder Name, jedes Geschehen, jede Erinnerung, jedes Foto kostet und das nicht zu knapp. ENRIQUE SANCHEZ ABULI seine TORPEDO 1936-Variante neu belebt, ihn in eine Zeit geworfen, die der alten Gefahr durch Gangster rotzfrech gegenübertritt, sehr naiv sogar, zuweilen geradezu blind und blöd. Punktum: Perfekte Opfer für TORPEDO und der Grund, warum es noch niemand geschafft hat, den Alten um die Ecke zu bringen.

Die Wiederbelebung von TORPEDO durch E. S. ABULI funktioniert besonders gut durch die Gegensätze. Der Killer LUCA TORELLI steht für eine andere Zeit, die spätestens in den 1950er Jahren eine starke Veränderung erfuhr, als die ehrenwerte Gesellschaft sich noch etwas auf ihren Stellenwert einbildete, die familiäre Abgrenzung gegenüber anderen kriminellen Vereinigungen etwas bedeutete. In den 1970ern treiben sich bei E. S. ABULI die Nachfahren jener Familien in Spelunken herum und belächeln die alten Tage mit einem debilen Grinsen.

Als grafischer Nachfolger vom langjährigen Zeichner JORDI BERNET (der 1936-Variante) steht der ausgezeichnete Illustrator EDUARDO RISSO in den Startlöchern. EDUARDO RISSO hat reichlich Erfahrung in Thrillerszenarien gesammelt. Nachprüfen konnte die Leserschaft das hierzulande mit Veröffentlichungen wie JONNY DOUBLE oder 100 BULLETS. EDUARDO RISSO arbeitet mit einfachen, dünnen Strichen, er mag außerdem eine künstlerisch übertriebene Schattierung, wie er in der reinen Schwarzweißumsetzung des Comic-Dreiteilers VAMPIRE BOY unter Beweis gestellt hat.

Besonderes Markenzeichen von EDUARDO RISSOS Arbeit sind die Visagen. Schönheiten wie allgemein bei Superheldencomics auftauchend sind bei EDUARDO RISSO eher Nebendarsteller. RISSOS Charaktere können einem an der nächsten Straßenecke begegnen. So ist er für JORDI BERNET ein perfekter Nachfolger, denn auch BERNET verstand sich auf echt wirkende Figuren. Gerade das macht einen der Reize in dieser sehr ungeschminkten Gangster-Oper aus.

Neue Zeit, alter TORPEDO. Er hat nichts verlernt, aber auch nichts dazugelernt. TORPEDO bleibt TORPEDO, auch mit Parkinson. Eine dreckige Gangsterballade von E. S. ABULI, stilistisch exzellent von EDUARDO RISSO gestaltet. Wer den TORPEDO von 1936 mochte, wird den von 1972 ebenfalls ins dunkle Herz schließen. 🙂

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Freitag, 24. November 2017

SARA LONE 2 – CARCANO GIRL

Filed under: Thriller — Michael um 11:17

SARA LONE 2 - CARCANO GIRLWashington am 26. April 1961. Zwei Männer sitzen völlig unverfänglich auf einer Parkbank und unterhalten sich. Der eine isst einen Hot Dog, lässt ein paar Krümel für die Tauben auf den Boden fallen. So harmlos die Szene ist, so aufgewühlt sind beide Männer, was die politische Situation anbelangt. Kurz zuvor ist die Invasion in der Schweinebucht auf Kuba gescheitert. Aus den Gedanken der Unzufriedenheit mit dem Oberbefehlshaber der Vereinigten Staaten, dem Präsidenten, entstehen dunkle Ideen …

Im Mai 1561 wird vor langer Zeit ein Nährboden für weitere Ereignisse zu Beginn der 1960er Jahre in den Vereinigten Staaten, im Bundesstaat Texas gelegt. Die junge Frau, die beschlossen hat, unter ihrem Künstlernamen SARA LONE zu leben, befindet sich an Bord der PINKY PRINCESS, einem Krabbenkutter. Der Fang ist äußerst mager ausgefallen. Auf dem Schiff beschäftigt sie zwei Schwarze, ein Umstand, der bei der örtlichen Gewerkschaft nicht gut angesehen ist, denn in der Gegend ist nicht nur die allgemeine Stimmung gegen dieses Arrangement, sondern auch die Rassisten des Ku-Klux-Klan machen Front gegen Sara …

Ich mag die Epoche, die 1960er, aus heutiger Sicht. Es war eine hoch politische, sehr emotionale Zeitspanne, in der historisch gesehen, viel geschah. Für jene, die diese Zeit, auch und gerade in den Vereinigten Staaten von Amerika, aktiv erlebten, wird es mitunter eine Spur zu viel der Umwälzungen und der Ereignisse gewesen sein. Die kriegerische und politische Einflussnahme in anderen Ländern, wird auch im zweiten Band von SARA LONE thematisiert, ohne allerdings genau auf die diskutierten Ereignisse einzugehen. Der Untertitel, CARCANO GIRL, bezieht sich auf ein sehr spezielles Gewehr, das im November 1963 von LEE HARVEY OSWALD für das Attentat auf den amerikanischen Präsidenten JOHN F. KENNEDY benutzt worden sein soll (das Vorwort erläutert kurz den Begriff CARCANO).

Die hier geschilderte Geschichte, ein historischer Thriller von ERIK ARNOUX, ergeht sich einerseits in Andeutungen, andererseits fängt sie die Stimmung jener frühen 1960er Jahre in den USA ein, in denen mit einem sehr jungen Präsidenten Aufbruchsstimmung herrschte, allerdings Rassenunruhen und Morde zu einem fortwährend über den Köpfen baumelnden Damoklesschwert wurden. Jederzeit und überall konnte Gewalt ausbrechen. Inmitten dieser Zeit steht SARA LONE mit ganz eigenen Problemen, Geldsorgen vorneweg. Ihrer kleinen Firma geht es nicht gut. In einer von Männern dominierten Region, rassistisch, sexistisch, ungehobelt, ungebildet, brutal, ja unmenschlich, versucht sie gegen die bestehenden Verhältnisse anzukommen. Sie hat Unterstützung, aber diese ist gering. Alles in dieser Handlung ist darauf abgestimmt, sich wie eine Schlinge immer enger um die Hauptfigur zusammenzuziehen.

Der künstlerische Ausdruck von Zeichner und Kolorist DAVID MORANCHO erinnert an den ebenfalls sehr leichten Strich von MICHEL BLANC-DUMONT. Sehr auf Realismus bedacht, strichtechnisch sehr zart, zerbrechlich warten die Bilder von DAVID MORANCHO mit hauptsächlich drei Handlungskreisen auf. Die texanische Küste, das Küstenstädtchen, der Krabbenkutter bilden einen dieser Kreise. Der zweite führt weiter in die Vergangenheit an die mexikanische Küste und auf eine spanische Galeone. Der dritte Handlungsort, viel enger begrenzt, ist ein Park in Washington und bietet ein Stelldichein von menschlichen wie tierischen Begegnungen, fast so als träfe hier eine us-amerikanische heile Welt konzentriert aufeinander.

Während höchst brisante Gespräche geführt werden, gehen Familien spazieren, führen Leute ihre Hunde aus oder genehmigen sich an einem typischen Hot-Dog-Stand eine Mahlzeit. Diese Szenerie wirkt stellvertretend für den gesamten Zeitgeist, den DAVID MORANCHO durch den gesamten Band hinweg perfekt einzufangen vermag. Und es gibt nicht nur diese Heile-Welt-Seiten. Auch die sehr dunklen Kapitel jener Tage werden nicht ausgespart.

Ein gelungener Thriller, die zweite von insgesamt vier Folgen, angesiedelt zu Beginn der 1960er Jahre, mit viel feinem Zeitkolorit, gutem Gespür für jene Epoche erzählt und atmosphärisch illustriert. Für alle Thriller-Fans, Freunde verschachtelter Handlungen, geheimnisvollen Szenarien vor historischer Kulisse. Fein. 🙂

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Montag, 20. November 2017

DER JANITOR 5 – HÖLLENBRUT

Filed under: Thriller — Michael um 18:58

DER JANITOR 5 – HÖLLENBRUTIn der Erinnerung von BRUDER VINCE alias JANITOR TRIAS hat sich eine merkwürdige Episode eingebrannt. In der fernen Vergangenheit treffen zwei verfeindete Gruppen aufeinander. Beide jagen sie Teufelsanbeter und doch sind sie bei religiös verfeindet. Aber es geschieht das scheinbar Unmögliche. Die beiden Gruppen treffen eine Übereinkunft. BRUDER VINCE kann sich diese Geschehnisse nicht erklären. Noch weniger kann er ahnen, wie groß der Einfluss dieser wiederkehrenden Visionen auf sein reales Leben sein wird.

Südamerika und Mittelamerika haben mit ihren politisch und gesellschaftlich instabilen Verhältnissen schon häufiger als Zufluchtsort für flüchtige Politiker und dubiose Individualisten gedient. Nazis, ehemalige Kommunisten oder Sekten haben für reichliche Negativschlagzeilen gesorgt. Kurzum, oft dienten die weitläufigen, sehr undurchsichtigen Landstriche als perfektes Versteck für jene, denen anderswo in der westlichen Welt wenigstens ein Prozess drohte. YVES SENTE setzt mit DER JANITOR 5, Untertitel HÖLLENBRUT, nach mehreren Jahren Pause seine Thriller-Reihe um den JANITOR TRIAS, alias BRUDER VINCE, fort.

Bei den JANITOREN handelt sich um eine Gruppe von zwölf Personen, die vom VATIKAN in besonderen Fällen als, grob gesagt, spezielle Ermittler und Sicherheitsbeauftragte eingesetzt werden. Vince, der selber nicht dem Status eines Priesters unterliegt, ist als Waise in die Obhut der Kirche gelangt. Ihr dient er treu, nicht immer ohne zu fragen. Denn an seiner Herkunft gibt es ebenfalls einige Aspekte zu lüften, nicht nur in seinem aktuellen Fall, der ihn in der fünften Folge (die nahtlos an die vorherige Episode anschließt) nach CANCUN, MEXIKO führt.

Hier startet YVES SENTE mit einem Abschnitt seiner Geschichte, seltsamen Verschwörungstheorien, wahnwitzigen Ideen im Zusammenhang mit den Forschungen der Nazis, die zum Beispiel von IRA LEVIN mit THE BOYS FROM BRAZIL oder FREDERICK FORSYTH mit THE ODESSA FILE vor Jahrzehnten aufgegriffen wurden. YVES SENTE geht noch einen Schritt weiter und spannt einen weiten historischen Bogen, der bis weit ins Mittelalter reicht, als sich Tempelritter (Christen) mit muslimischen Kriegern zur Erreichung gemeinsamer Ziele verbünden.

In der Gegenwart wandelt sich das Szenario schnell von einer recht detektivischen Geschichte in einen rasanten Thriller, in dem es für den JANITOR TRIAS nur noch ums nackte Überleben geht. Inmitten eines immergrünen Dschungels, geschützt durch einen mit Alligatoren verseuchten Sumpf wartet eine modern gruselige Ruine mit vielen Antworten auf. YVES SENTE vergisst aber auch den kleinen Mystery-Abstecher in seiner Handlung nicht, denn die Herkunft des JANITORS lüftet sich ebenfalls langsam, meist in Form eines kleinen Mädchens, das einige Erklärungen parat hält und dem JANITOR seit der ersten Folge, DER ENGEL AUS VALLETTA, erscheint.

FRANCOIS BOUCQ behält seinen tollen Grafikstil bei. Dem Realismus zugewandt, auf Augenhöhe mit Kollegen wie PHILIPPE FRANCQ (LARGO WINCH) oder COLIN WILSON (WONDERBALL) entspinnt sich trotz eines sehr sonnigen Schauplatzes ein enorm düsteres Szenario. Wohl platzierte Tuschestriche vermitteln den Eindruck alter Schule, wie sie sich schon in den Zeichnungen eines JEAN GIRAUD findet. In der Farbgebung sind die beiden Koloristen ALEXANDRE BOUCQ und ebenfalls FRANCOIS BOUCQ dem Realismus verpflichtet, die alte Schule mit zuweilen psychedelischen Farbfolgen treten hier nicht auf. Die beiden BOUCQS achten darauf, dass die jeweilige Ausleuchtung der tatsächlichen Stimmung entspricht. Das wirkt immer noch gruselig, wenn sich nächtens in bester JAMES-BOND-Manier eine Notbeleuchtung einschaltet und zum Versprechen auf einen heißen Showdown wird.

Noch nicht das Ende: DER JANITOR 5, HÖLLENBRUT, setzt die Thriller-Reihe um den JANITOR TRIAS fort. Fernab seiner Auftraggeber im Vatikan, auf der anderen Seite des Erdballs in Mexiko, löst sich ein lange erwarteter erster Handlungsstrang auf, hinterlässt aber noch offene Fragen. Spannend, flott erzählt von YVES SENTE, gewohnt gut aus den ersten vier Folgen, fein illustriert von Stammzeichner FRANCOIS BOUCQ. So darf es weitergehen. Klasse! 🙂

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Weitere Infos zu bisherigen Folgen auf comicblog.de:

DER JANITOR 1 – DER ENGEL AUS VALLETTA
DER JANITOR 2 – WOCHENENDE IN DAVOS
DER JANITOR 3 – BEGEGNUNG IN PORTO CERVO
DER JANITOR 4 – SCHATTEN DER VERGANGENHEIT

Samstag, 09. September 2017

SPYNEST – MISSION 1: BIRDWATCHERS

Filed under: Thriller — Michael um 17:37

SPYNEST - MISSION 1: BIRDWATCHERSGefangen, aber auf angenehme Art. IAN FLEMING wartet auf sein Verhör. Die Agentin TERRYIONA CROW hat eher zufällig die Gelegenheit, seine Befreiung zu arrangieren. Zuvor jedoch gibt es noch eine Kleinigkeit zu erledigen. Sehr zur Freude von IAN FLEMING, der daraufhin einer ungewöhnlichen Schlägerei beiwohnt. Das aus männlicher Sicht amüsante Zwischenspiel währt nicht lange, denn die Zeit drängt und die Nacht läuft den Beteiligten, Freund wie Feind, davon. Wenn der Auftrag erfüllt werden soll, dann bald. Ansonsten wird es zu spät sein …

Bevor es den berühmten Geheimagenten seiner Majestät gab, gab es einen ehemaligen Mann des englischen Marine-Nachrichtendienstes namens IAN FLEMING. Dieser Gentleman war nicht gleich zu Beginn seines Lebens ein berühmter Schriftsteller. Zuvor hatte er eine Karriere, die ihn mit ihren Erlebnissen erst dazu befähigte, sich entsprechende geheimdienstliche Abenteuer auszudenken. JEAN-LUC SALA nimmt sich die wahre Geschichte eines der berühmtesten Autoren weltweit vor und setzt ihn in ein etwas fiktiveres und fantastischeres Szenario.

1952, der Krieg ist seit einigen Jahren vorüber und IAN FLEMING ist auf Jamaica im Ruhestand. Und es ist zu ruhig! Zwangsläufig kommen die Erinnerungen an alte Zeiten hoch, als das Leben noch aufregend war. MISSION 1: BIRDWATCHERS führt IAN FLEMING zurück ins Jahr 1940 ins von Deutschland besetzte Frankreich, genauer nach Paris. Dieses Szenario könnte einem QUENTIN TARANTINO eingefallen sein, weil er eine Mixtur aus DAS DRECKIGE DUTZEND und GOLDFINGER drehen wollte.

Der Wahnsinn auf deutscher Seite hat Methode, ist überdreht, monströs, ähnlich wie in frühen DANGER-GIRLS-Episoden oder wie in HELLBOY in Form eines KARL RUPRECHT KROENEN. Eindrücke gibt es auf dem Titelbild im Hintergrund zu sehen. Maskiert, halb Mensch, halb Maschine, außerdem optisch ungefähr zwei Meter groß, also eine typische BOND-Gegner-Figur der verrückteren BOND-Jahre mit ROGER MOORE in der Rolle des 007. Es geht um geheime Waffen. Alle wollen sie haben. Briten, Amerikaner und natürlich die Russen.

Neben IAN FLEMING agiert TERRYIONA CROW im Mittelpunkt, amerikanische Agentin und deutlich versierter als ihr britischer Kollege. Wie es sich gehört, ist Agentin CROW eine Sexbombe in bester BOND-Manier, Marke BARBARA BACH, um in den ROGER-MOORE-Jahren zu bleiben. Allerdings hat sich aus moderneren Zeiten noch eine Prise LARA CROFT beigemengt, eben als Frauen richtig zuzuschlagen lernten. CHRISTOPHE ALLIEL zeichnet mit exaktem Realismus Figuren und Technik, übertreibt hier und dort etwas bei den Gesichtern. IAN FLEMING selbst besitzt nicht das markante Äußere aus Riege der BOND-Darsteller. Hier folgt CHRISTOPHE ALLIEL dem realen Vorbild in Teilen.

JEAN-LUC SALA erzählt eine schnelle Geschichte. Eine Nacht lang macht sich ein sehr ungleiches Agententeam auf die Hatz nach WUNDERWAFFEN, jenen legendären Fantastereien, die heute noch die die Fantasie mancher Autoren beflügeln und den Alliierten im II. Weltkrieg Sorgen bereiteten. Das nächtliche Paris, im zweiten Teil eine lange finale Action-Sequenz werden von CHRISTOPHE ALLIEL und dem Koloristen SIMON CHAMPELOVIER wirklich großartig in Szene gesetzt. Hier kennt jemand sein Genrekino, seine Bildeinstellungen und Perspektiven. Das ist perfekt inszeniert und es macht Spaß, ein paar kleine, originelle Gadgets zu entdecken.

Deutlich mehr Humor, als IAN FLEMING seinem späteren Geheimagenten erlaubte, mindestens ebenso viel Action, Frauen sowieso, im II. Weltkrieg angesiedelt und wie an einer Perlenschnur rasant erzählt. Zeichner CHRISTOPHE ALLIEL arbeitet technisch perfekt und illustriert eine knallende Finalsequenz, wie sie natürlich auch dem weitaus bekannteren Agenten gut zu Gesicht stehen würde. Thriller mit Augenzwinkern! 🙂

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Donnerstag, 24. August 2017

JACKIE KOTTWITZ – Gesamtausgabe Band 6

Filed under: Thriller — Michael um 13:56

JACKIE KOTTWITZ - Gesamtausgabe Band 6Die junge Frau vermisst ihren … Verlobten. Etwas in der Art ist er für sie. Sie kennt nur seinen Vornamen. Sie kennt seinen Nachnamen nicht. Sie weiß nicht, welchen Beruf er ausübt, noch weiß sie, wo er wohnt. Die Frau, die JACKIE KOTTWITZ da so verloren gegenüber sitzt, wirkt wie aus der Welt gefallen. Immerhin kennt sie das Alter … ihres Freundes. Er reise viel, berichtet sie. Auch das ist ihr bekannt. Wohin? Diese Informationen fehlen ihr. Jackie stützt seine Ermittlungen normalerweise auf diesen oder jenen Hinweis. Hier ist er erst einmal vollkommen ratlos.

ALAIN DODIER beherrscht die harmlose Ausgangssituation meisterhaft. JACKIE KOTTWITZ will nur eben etwas aus dem kleinen Laden holen. Er will einer unbekannten jungen Frau helfen, die so verloren und unschuldig wirkt. Er will nur Urlaub machen, auf einem beschaulichen Bauernhof in der Provinz. JACKIE KOTTWITZ treibt sich mit seinen Fällen nicht in der Hochfinanz herum, nicht in der Politik, noch nicht einmal ist immer ein Auftrag vonnöten, um ihn so richtig in Schwierigkeiten zu bringen.

EIN RAUBTIER IM KÄFIG, der erste von drei hier versammelten albenlangen Kriminalfällen, lässt den jungen Privatdetektiven die Bekanntschaft einer ebenfalls jungen Frau machen, die kurz danach ihr Gedächtnis verliert und nicht mehr weiß, wer sie ist. Leider wissen andere über sie Bescheid. Hier fügen sich mehrere Bausteinchen sehr geschickt ineinander. ALAIN DODIER lässt den Leser hier etwas mehr wissen als unseren Helden. So fiebert man mit, wenn JACKIE KOTTWITZ in seinem Unwissen immer weiter auf die Gefahr zustolpert.

Ist der Beginn von DIE MARIONETTE für einen Fall schon außergewöhnlich, ist es der Einstieg in EIN KLEINES STÜCK VOM PARADIES erst recht. Von JACKIE KOTTWITZ ist zunächst keine Spur zu sehen. Und auch nachdem sich die Handlung nach vorn bewegt, der Ermittler sozusagen vor Ort angelangt ist, weiß er nichts von der dunklen Wolke, die da über ihm schwebt. Der Leser kennt diese Wolke und darf nur hoffen, dass JACKIE KOTTWITZ rechtzeitig hinter das Geheimnis kommt, denn er ist alles andere als in einem PARADIES gelandet. Ohne zu viel zu verraten, darf hier angemerkt werden, dass ihm ein verschlagener, leicht wahnsinniger und in gewisser Weise skurriler Gegner gegenüber steht.

Die Fälle von JACKIE KOTTWITZ scheuen einen Vergleich mit deutschen Gegenübern, denen in neuerer Zeit ebenso wie jenen, aus den großen TV-Krimitagen. Die Atmosphäre erinnert mehr an MAIGRET. ALAIN DODIER findet das Provinzielle, das Kleine, sogar in den Szenarien, die in der französischen Hauptstadt handeln. Obwohl die Geschichten in dieser 6. Gesamtausgabe zwischen 2000-2005 erschienen sind, leben die Menschen in den Geschichten ein Stück weit rückwärts gewandt, wie in einer konsequenten Verweigerung modernen Lebens. Neuerer Technik wird eher hinterher gerannt. JACKIE KOTTWITZ knattert auf seiner SOLEX durch die Lande, seine Freundin fährt ENTE. Nostalgie zählt zu den Kernelementen der Reihe und findet in jeder Folge eine Betonung.

ALAIN DODIER lässt Einblicke in seine Arbeitsweise zu. Im Interview berichtet er von seinem Herangehen an den Aufbau einer Seite, dem Feilen an Bildern und Bildfolgen. Deutlich einsehbar wird seine Technik in den jeweiligen Anhängen zu seinen drei Geschichten. Teils wird an einem Bild gefeilt, ein anderer Ausschnitt gewählt, Bildfolgen in einer Zeile für den dramatischen Effekt noch feiner ausgetüftelt oder ALAIN DODIER probiert zuvor aus, wie eine Nebenfigur noch aussehen kann. So verfährt er für die Geschichte DIE MARIONETTE, in der ROSELINE, der titelgebende Charakter durch sein Äußeres bestimmt einen völlig anderen, etwas unnahbareren Eindruck vermittelt hätte.

JACKIE KOTTWITZ entführt den Leser in dieser 6. Gesamtausgabe hinein in die zwischenmenschlichen Abgründe. Der Tod ereilt die jeweiligen Opfer unerwartet, nicht immer schnell. Ungewöhnlich, spannend, leichtfüßig erzählt, toll illustriert. Unvorhersehbare Krimis, sympathische Hauptfigur. 🙂

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Mittwoch, 02. August 2017

MOTOR CITY

Filed under: Thriller — Michael um 16:20

MOTORCITYLaut, schnell, dreckig, gefährlich, röhrende Motoren, konzentrierte Biker. Speedway-Rennen machen LISA FORSBERG seit ihrer Kindheit Spaß. Ihr Vater nimmt sie nach ihrer Rückkehr in die Heimatstadt zu diesem harmlosen Vergnügen mit. Dabei ist sie mit den Gedanken längst woanders. Erst seit kurzer Zeit im Dienst, hat sie der Alltag bei der Polizei komplett eingefangen. Es dauert nicht lange und schon klingelt das Mobiltelefon. Die Arbeit ruft, das Familientreffen ist vorbei. Ein Großeinsatz wartet …

Die guten alten Zeiten, die 1950er Jahre, fangen gleich hinter Linköping, in Schweden, an. SYLVAIN RUNBERG begibt sich auf skandinavische Krimispuren und bringt das Mordsland Schweden hinein ins Medium Comic. Schwedische Rocker haben Spaß am Lifestyle der 1950er mit Hillbilly und Rockabilly. Sie fahren alte amerikanische Straßenkreuzer, kopieren Südstaatenflair, trinken Bier, prügeln sich und mögen an ihren Frauen Jeans und Petticoats. SYLVAIN RUNBERG stellt sich mit dieser Nischenatmosphäre bewusst gegen das schwedische Saubermannimage und lässt in der Provinz regelrecht Welten aufeinanderprallen.

Das allein wäre schon reichlich Stoff für ein starkes Drama, aber der Leser hat es hier mit einem handfesten Krimi zu tun und so lässt sich SYLVAIN RUNBERG auch noch einen perfiden Mord einfallen, ganz im Sinne der skandinavischen Erfolgstradition der letzten Jahre. Im Mittelpunkt steht eine starke junge Frau, LISA FORSBERG, in Linköping aufgewachsen, die nun aus Stockholm zurückkehrt, um ihren Dienst bei der örtlichen Polizei anzutreten. LISA FORSBERG kann ihre Vergangenheit nicht so einfach abstreifen, deshalb ist der Kampf um Anerkennung in einem von Männern dominierten Umfeld doppelt schwer.

Es ist schön, wie SYLVAIN RUNBERG die Vorstellungen des Lesers von einem gleichgeschalteten Europa oder Skandinavien kippt, von denen man als Leser annahm, die Verhältnisse seien einander doch irgendwie recht ähnlich. Plötzlich tauchen Gestalten auf, die ebenso in einen modernen Südstaatenkrimi passen würden, Gewalt und Auftreten inklusive. Und schließlich der Mord: Hier braucht SYLVAIN RUNBERG sich nicht hinter reinen Autorenkollegen wie JOE NESBØ, JUSSI ADLER-OLSEN und anderen echten Skandinaviern zu verstecken. Wie der Mörder zu Werke geht, das kribbelt in Mark und Bein.

PHILIPPE BERTHET begeistert mich mit seiner sehr klaren Linie jedes Mal. Der Stil ist vielseitig einsetzbar, wie er hierzulande mit POISON IVY, PERICO und DEIN VERBRECHEN fabelhaft gezeigt hat. Die sehr exakte Stilistik erzeugt kühl aussehende Bilder, die das Grauen des Mordes, wie hier in diesem Fall, erträglicher macht. LISA FORSBERG wird von PHILIPPE BERTHET als Prototyp der neuen starken, modernen jungen Frau gestaltet. Groß, sportlich, schwarze Haare, praktikabel und frech kurz geschnitten. Tätowierungen aus der Jugendzeit sind bei einer späteren Karriere, nachdem genügend über die Stränge geschlagen wurde, kein Problem mehr.

Schweden ist atmosphärisch hier provinziell, sehr sauber, sogar bei den Halunken gibt es einige sehr aufgeräumte Ecken. Profit geht mit Professionalität einher. PHILIPPE BERTHET bleibt sich treu, denn die sehr feinen Linien, der klare Bildaufbau, benötigen keine tiefer führende Farbgebung. DOMINIQUE DAVID kann bei der Kolorierung weitestgehend auf Schattierungen verzichten.

Der gestandene Polizist ROBERT WETTER und LISAS Kollege ERIK sind Gegengewichte zur weiblichen Hauptfigur. ERIK ist eine Art schwedischer KEN, fast zu gut aussehend für den Job. Dafür macht ROBERT diesen kleinen Ausrutscher wieder gut, erinnert er doch an BULLOCK aus dem BATMAN-Universum, was nicht unbedingt ein Zufall sein mag, stellt es sich doch heraus, dass der maskierte Privatdetektiv zu LISAS Comic-Lieblingen zählt. Und ganz nebenbei freut es mich persönlich, das Gesicht des Bassisten Gene Simmons (von der Rockgruppe KISS) auf einem T-Shirt zu entdecken.

SYLVAIN RUNBERG transportiert den Schwedenkrimi, den skandinavischen Krimi allgemein gekonnt und mit Raffinesse in ein anderes Medium (mal eben nicht in einen Film). Der Leser begleitet die Hauptfigur in eine Nische schwedischen Miteinanders, das aus ferner Sicht so nicht zu erwarten gewesen wäre, als Subkultur hier mit dem Titel MOTOR CITY skizziert. Ist spannend, interessant, wirkt authentisch. TOP von PHILIPPE BERTHET illustriert! 🙂

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