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Comic Blog


Mittwoch, 19. Juli 2017

YIYA 2 – DER ALCHIMIST

Filed under: Mystery — Michael um 17:44

YIYA 2 – DER ALCHIMISTYIYA hat ihren treuen Ziehvater verloren. ROGO, ein junger Mann mit Herz, nahm die kleine Waise einst auf, gab ihr Obdach, Nahrung und schuf so eine, wenn auch sehr kleine Familie. Als ROGO, den Worten des merkwürdigen SHUN folgend, in einem Taucheranzug in die Tiefe der See gleitet, um dort einen Schatz zu suchen, gerät er in Gefangenschaft. Man bietet YIYA die Freilassung des Ziehvaters an. Sie muss nur den mysteriösen SHUN aufspüren und gegen den Ziehvater eintauschen. YIYA ist bereit, SHUN durch Raum und Zeit zu verfolgen, damit sie ihre Aufgabe erfüllen kann. Und genau das geschieht. Kaum aus der seltsamen Parallelwelt zurückgekehrt, lässt sie ihre Zeit, das Jahr 2020, hinter sich und landet alsbald im Jahr 2100

Mit DER ALCHMIST schließen DANIEL PECQUEUR und VUKASIN GAJIC das Zeitreiseabenteuer um YIYA ab. Vorab lässt sich bereits an dieser Stelle sagen, dass es sich um eine Geschichte handelt, die YIYA erwartet hat. Es gab eine Aufgabe, einen Weg zu gehen und den beschreitet YIYA mit aller zur Verfügung stehenden Hartnäckigkeit. Gab es im ersten Teil, DER SORGENFRESSER, des Zweiteilers die Einleitung, die Verzweiflungstat und die Aufgabe, geht es nun an die Erfüllung derselben. DANIEL PECQUEUR legt seiner Heldin YIYA dazu reichlich Steine in den Weg, lässt viele Fragen im Geiste des Lesers entstehen, beantwortet aber bei weitem nicht jede.

Die Handlung um YIYA springt bewusst aus einem starren Regelwerk, einem Skelett, (manche mögen es auch ein einengendes Korsett nennen) das einem häufig, mehr oder minder deutlich erkennbar, aus Geschichten entgegenspringt. Hier ist einfach alles möglich und dies Dank einer Serie von multifunktionalen Portalen, die einen nicht nur in die Vergangenheit oder Zukunft verfrachten können, sondern auch in parallele Dimensionen. Die Portale selbst sind nicht grundsätzlich als solche erkennbar. So kann der Leser auch nicht vorhersagen, wann der nächste Sprung eingeleitet wird, geschweige denn, wohin er YIYA führen mag. YIYA, das zeigt sich schnell, hat weitaus mehr Potential, als hier ausgeschöpft wird, weil DANIEL PECQUEUR ganz nebenbei einen Kosmos erschafft, der sich ewig drehen kann.

Viele Fragen entstehen aus Figuren, die sich nicht ausführlich vorstellen und die schon gar nicht ihre Motivationen erläutern (wie bei einer Figur wie dem geheimnisvollen SHUN, von der sich nicht sagen lässt, woher sie kommt und was sie vorhat). Selbst ROGO gibt noch Rätsel auf, betrachtet man das Sorgenfresserarmband, dem eine wichtige Rolle zufällt und dessen wahre Herkunft ungeklärt bleibt. Einzig YIYAS Geschichte ist weitestgehend bekannt. Sie will einfach nur in den Normalzustand zurück. Und verändert doch schließlich alles.

DANIEL PECQUEUR ist ein alter Autorenhase im Comic-Geschäft, VUKASIN GAJIC, Zeichner und Kolorist in einem, ist eine echte Entdeckung. Durch die Zeitsprünge wird er grafisch vor unterschiedlichste Aufgaben gestellt, anhand derer sich der Comic-Fan ein tolles Bild seiner Fähigkeiten machen kann. Der zweite Teil von YIYA führt das Mädchen, der Untertitel DER ALCHIMIST deutet es vage an, in die Vergangenheit, genauer ins 18. Jahrhundert nach Venedig. Demgegenüber steht ein Szenario des Jahres 2100. Beide sind perfekt illustriert und schöpfen die Möglichkeiten der heutigen Comic-Kolorierung über die gängigen Programme aus. Mag besagtes Venedig jeden JULES-VERNE-Fan und Steampunk-Freund hüpfen lassen, dürfen sich Anhänger von LUC BESSON im Jahre 2100 gleich zuhause fühlen.

VUKASIN GAJIC schafft eine Bilderpracht und arbeitet mit einem Figurenstyling, das den Sci-Fi-Fan sofort an moderne Animes wie APPLESEED und ähnliche denken lässt, eben Filme, in denen der CGI-Look den Gesamteindruck bestimmt. Gerade Objekte, im futuristischen 2100 ganz besonders, könnten in 3D-Programmen entstanden sein, um sie später exakt in die jeweilige Kulisse einzubauen. Aber ganz gleich, wie VUKASIN GAJIC es angestellt hat, entstanden sind Bilder von großer Plastizität, feinen Oberflächenstrukturen, schönen Details und filmischem Eindruck.

Der Abschluss des Zweiteilers lässt durchaus Fragen offen, aber seltsamerweise stört der Handlungsaufbau nicht. Es entsteht ein leichter mystischer Hintergrundfaden, der die Fantasie des Lesers anregt. Fragt sich, ob DANIEL PECQUEUR das Szenario noch einmal aufgreift. Aus Lesersicht und als Comic-Fan darf man hoffen, dass er wenigstens noch einmal mit VUKASIN GAJIC zusammenarbeitet, denn das Endergebnis ist nahezu perfekt. 🙂

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Sonntag, 11. Juni 2017

YIYA 1 – DER SORGENFRESSER

Filed under: Mystery — Michael um 21:36

YIYA 1 - DER SORGENFRESSERDas Mädchen und der junge Mann waren ein gutes Team. Es schien, als habe die kleine Waise vor Jahren den Schiffer und Taucher Rogo selbst ausgewählt. Zuerst fand er sie, dann lief sie ihm nach. ROGO, der selbst keine Familie besaß, sich gelegentliche Zuneigung bei Prostituierten holte, wenn das Geld reichte, nahm das Mädchen und zog sie wie eine Tochter auf. YIYA, so der Name des Mädchens, und Rogo wurden unzertrennlich. Trotz des harten Lebens, immer am Existenzminimum, ging es immer irgendwie vorwärts. Bis eines Tages, während eines Schneesturms, der alte Mann namens SHUN auftauchte und ihr beider Leben eine ungeahnte und unerwartete Wendung nahm.

DANIEL PECQEUR, der Comic-Spezialist für verschiedenste Science-Fiction-Szenarien, tritt dem Leser hier zuerst mit einer teils fast gegenwärtigen (2020), teils dystopischen Sequenz entgegen. Eine Küstenstadt wird von einem Schneesturm heimgesucht. Die Welt erstickt in Schneeflocken, das Meer tost, dennoch haben sich die Menschen mit dem Wetter arrangiert. Das ist wie alles andere, um es gleich vorweg zu nehmen, von VUKASIN GAJIC fantastisch illustriert.

ROGOS Aufgabe besteht im weiteren Verlauf darin, genau bei diesen gezeigten eisigen Temperaturen zu tauchen. Bis dahin wird der Leser von der Atmosphäre derart eingefangen, dass es einen unwillkürlich fröstelt, wenn ROGO in einem klassischen Helmtauchgerät in die immer dunkler werdende Tiefe gleitet. Und dieses finstere Meer ist der Vorbote dessen, was da bald auf YIYA und ROGO zukommt. Dies ist sozusagen der Moment, in dem DANIEL PECQEUR mit seiner Fantasie zuschlägt und der Geschichte einen völlig neuen Dreh gibt. Mehr soll dazu nicht gesagt werden, einzig eine Empfehlung an interessierte Leser, sich das Titelbild genauer anzuschauen.

DER SORGENFRESSER, so der Untertitel des ersten Bands von YIYA, bezeichnet ein Armband, das von dem Mädchen getragen wird. Sieben Figürchen, eines für jeden Tag der Woche, wachen darüber, dass die Sorgen von YIYA über Nacht verschwinden. ROGO hat es ihr geschenkt. Inwieweit dieses Schmuckstück noch eine Rolle spielt, wird der Leser im Verlauf der Handlung entdecken. VUKASIN GAJIC illustriert bis in solche kleinen Kleinigkeiten einen wunderbaren Realismus. Er schafft tolle Individuen. YIYA, ROGO und SHUN besitzen eine schöne Leinwandpräsenz, sofern man in einem Comic von derlei Attributen sprechen kann.

VUKASIN GAJIC übernimmt neben der reinen Zeichnung auch die Kolorierung. Die Farbgebung ist butterweich geraten und findet gerade in nicht alltäglichen Comicszenen ihre Höhepunkte. Die Unterwasserwelt wie auch die Meeresoberfläche bieten eine tolle Stimmung. Die Eindrücke des Winters zur ohnehin schäumenden Oberfläche, später unter Wasser mit einem nahebei kreuzenden Wal vermitteln neben all der Lebensfeindlichkeit auch bedrückende Momente. Das Händchen, das VUKASIN GAJIC hier beweist, findet auch im Verlauf der zunehmend fantastischer werdenden Atmosphäre immer den richtigen Blick, das passende Licht, Farbgebungen und Oberflächen, die von ihm sehr gern sehr fein aufgelöst werden.

Toller Auftakt. Selbst, wenn das Eingangsszenario weiterverfolgt worden wäre und DANIEL PECQUEUR und VUKASIN GAJIC es bei einem herkömmlichen Abenteuer oder auch Drama belassen hätten, stäche es aus der Vielfalt der Comicserien heraus. So kommt mit der weiteren Erzählung, dem mysteriösen Einschlag, noch ein I-Tüpfelchen hinzu. 🙂

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Dienstag, 24. Januar 2017

HELLBOY 15 – DIE TODESKARTE

Filed under: Mystery — Michael um 18:36

HELLBOY 15 - DIE TODESKARTEEtwas Böses kommt. Es wahr so groß wie HELLBOY, aber sein Hass hat es wachsen lassen. Ein vom Zorn aufgeblähter Riese walzt durch die Hölle. HELLBOY soll dabei helfen, dem Monster eine Falle zu stellen. Um sie herum bricht die Welt in Stücke, dennoch pirscht sich das Monster heran, während HELLBOY auf es einprügelt, aber keinen nennenswerten Erfolg damit erzielt. Kacke! So lautet HELLBOYS Fluch, wenn es mal wieder nicht so läuft, wie er sich das vorgestellt hat. Nun könnte es sogar seine letzte Aussage werden … die allerletzte.

HELLBOY ist tot und in der Hölle. Das bedeutet aber nicht, dass er untätig ist. Keineswegs, denn einige haben mit HELLBOY noch eine Rechnung offen und da gerade in der Hölle alles drunter und drüber geht, scheint die Gelegenheit für Rache günstig zu sein. Was ist die Hölle? Mike Mignola hat auch in BALTIMORE mit diesem Thema gespielt, aber extremer ist es noch in HELLBOY, denn mittlerweile ist der Höllenjunge vor Ort angelangt. Die Hölle ist anscheinend zu einem guten Teil das, was man mit sich nimmt. Seltsamerweise oder auch glücklicherweise, das ist sicherlich Ansichtssache, findet der knallrote Krieger in dieser Endstation ebenfalls ein paar Freunde.

Kann man in der Hölle noch einmal sterben? Leiden ist auf jeden Fall eine Option. Auch HELLBOY bleibt davon nicht ausgenommen. Er hat vieles bewerkstelligt, was so mancher Dämon für unmöglich hielt, aber auch HELLBOY hat seine körperlichen Grenzen. Mike Mignola, HELLBOYS Erfinder, führt die lange Saga zu einem rauschhaften Ende. Schon lange versteht sich Mignola auf eine verwunschene Fantastik, die abseits des Mystery-Mainstreams verl?uft. Grafisch und atmosphärisch verfährt er dabei in einer Mischung aus gewucherten und nun in sich zusammenbrechenden Städten, verschwommenen Küstenlinien, einer Nacht, die nicht so recht dunkel werden mag und einem Winter, der sich nicht herantraut.

Mike Mignola gehört zu den den Zeichnern, die, nachdem sie einmal ihre Stilistik gefunden haben, sich über die Jahre hinweg treu geblieben sind. Da hat sicherlich da eine oder andere Feilen stattgefunden, insgesamt aber stehen optisch frühe HELLBOYS gleichberechtigt neben den späteren Ausgaben. Aufgrund des grafischen Erfolges haben sich auch andere Comic-Künstler in diese Richtung gewagt. Und sind gescheitert. Nur Mignola ist das Original. Warum das so ist, zeigt er hier eindrucksvoll. Denn Mignolas Welten würden nicht so in der Erinnerung haften bleiben, wären sie realistischer gezeigt. Die Grafik verlangt vom Leser ein Eintauchen in eine hart linierte Traumwelt.

Abstraktion wird hier groß geschrieben, sehr groß sogar, derart groß, dass abstrakt malende Künstler sich hier eine Scheibe abschneiden können. Früh hat Mike Mignola die Reduzierung perfektioniert und zu einem wichtigen Teil der Erzählung gemacht. Es ist vergleichbar mit manchem Puppentheater. Niemand mag die Mimik einer Marionette sehen können, aber jeder wird sich hinterher erinnern können, dass es eine gab.

So entstehen in dieser Welt Sequenzen, wie sie träumerischer kaum sein könnten, einem Blick mit nach innen gerichteten Augen nachempfunden. Es ist eine Art Odysee, die HELLBOY hier durchmacht. Kraftlos, verbraucht, mit grauer Haut, später wieder rötlich, allein im finsteren Wald, im Kampf gegen Dämonen, teil gigantischen Mutationen oder bei der Begegnung mit seiner Ex.

Ein echter HELLBOY. Mit einer ganz eigenen Mythologie aufgebaut, düster lässig erzählt, kantig minimalisiert abgebildet und insgesamt einzigartig in seiner Machart. Mike Mignola hat das Comic-Mystery-Genre mit HELLBOY geprägt und nun grandios (einen Teil der Saga) zum Abschluss gebracht. 🙂

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Freitag, 16. Dezember 2016

RACHEL RISING 7 – STAUB ZU STAUB

Filed under: Mystery — Michael um 17:47

RACHEL RISING 7 - STAUB ZU STAUBWer aufwacht, sicher ist, umgebracht worden zu sein und nicht weiß, ob sich der Mörder noch in der Gegend herumtreibt, hat ein Problem. Rachel hat dieses Problem. Doch mit ihrer Unsterblichkeit gehen auch Fähigkeiten einher, die es ihr ermöglichen könnten, eine Spur des Unholds zu finden. Im kleinen Städtchen reihen sich seltsame Vorkommnisse aneinander. Malus, der die Hölle auf Erden bereiten will und neben Lilith sein Unwesen treibt, versucht einen gehorsamen Nachkommen heranzuzüchten. Lilith hadert mit sich, zieht sich zurück und wird trotzdem von den Menschen eingeholt, von der alten Feindschaft mit Malus und einer ebenso uralten Freundschaft mit Rachel. Jeder scheint eine letzte, alles entscheidende Konfrontation zu suchen.

Terry Moore löst die einzelnen Knäuel auf. Er macht es weiterhin in Schwarzweiß, so dass allzu blutige Passagen dem Leser immer noch genug Vorstellungskraft abverlangen. Aber Blut ist nicht alles. Terry Moore versteht sich auf Mystery. Das hat er bisher weidlich bewiesen. Aber er versteht sich ebenso auf absurd überdrehten Splatter. Lilith hat hier ihre Momente, aber auch die menschlichen Charaktere können locker mithalten. Terry Moore schafft es hier mit Bravour eine typische CSI-Szene auf die Spitze zu treiben. Mehr Autopsie geht nicht!

Ein Meister der Momentaufnahme. Terry Moore stellt die Beziehungen der Charaktere zueinander hervorragend dar. Ihm gelingen die kleinen Dialoge, die mehr aussagen als bloße Worte, aber er versteht sich auch auf die beinahe wortlosen Szenen. Bestes Beispiel hier ist das noch junge Pärchen Earl und Jet. So zufrieden kann Zweisamkeit aussehen. Und so fein kann sie dargestellt werden. Aber Zweisamkeit bleibt hier die große Ausnahme, denn das Hauptthema dieser 7. Ausgabe mit dem Untertitel STAUB ZU STAUB ist eindeutig Rache. Mittlerweile ist genug geschehen, um (fast) jeder Figur genug Motivation für einen brutalen Akt gegen alles und jedermann mitzugeben.

Lilith ist so eine Figur. Sie besitzt einen Groll gegen den Menschen und alles, wofür diese Art steht. Mitleid ist ihr nahezu fremd geworden. Mitgefühl besaß sie einmal. Das zeigen Rückblicke. Inzwischen ist davon selbst der kleinste Funke erloschen. Gewalt macht den Figuren keinen Spaß. Oft ist es ein Ventil. Wo andere schreien, massakrieren sie. Es ist zu ihrer Natur geworden und geschieht mehr nebenbei. Terry Moore inszeniert derartige Szenen mit voyeuristischer Kälte. Seine Figur Lilith ist ein guter Träger für derlei Szenen, stets zwischen roboterartigen Vorgehen, Selbstkontrolle und einer jahrhundertealten Depression schwankend.

Ein schwarzweißes infernalisches Finale. Irgendwann überspannen selbst die Bösen den Bogen. Dann kracht es. Terry Moore hat seinen Figuren viel Geduld abverlangt. Schließlich präsentiert er das auslösende Ereignis für das Ende und die letzten Auseinandersetzungen. Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird. Genauso hält es Terry Moore. Und gerade die unterdrückte Wut, die Moore Lilith und letztlich auch der Titelfigur Rachel mit auf den Weg gibt, treibt die Spannung im letzten Viertel der Geschichte auf die Spitze. Klasse!

Terry Moore, durchweg ein Meister einer klaren Linie und eines perfekten Tuschestrichs, bringt hier seinen Mystery-Thriller um Rachel und ihre Freunde mit Paukenschlag zum Abschluss. Wer das Genre mag, neue Ideen abseits des Mainstreams sucht, kommt hier auf seine Kosten. Übersetzt gesprochen: RACHEL RISING lechzt geradezu nach einer Serienverfilmung. Gesamtnote: Sehr gut! 🙂

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Donnerstag, 24. November 2016

REVIVAL 6

Filed under: Mystery — Michael um 19:26

REVIVAL 6 - Deine treuen Söhne und TöchterEs waren einmal zwei Schwestern, die hatten einander sehr gern und dennoch gab es Differenzen. War die eine zum Erwachsensein gezwungen, da die Mutter viel zu früh verstorben war, war die andere unausgeglichen und rebellisch. Das Erwachen der Toten im kleinen Städtchen Wausau im ansonsten malerischen US-Bundesstaat Wisconsin verdrängt die privaten Unstimmigkeiten nur kurz. Die Probleme der beiden jungen Frauen sind sinnbildlich für das strukturelle und emotionale Chaos in Wausau. Es sind keine Zombies, die ihr Unwesen treiben, vielmehr kehren geliebte Menschen zurück und können einfach nicht mehr sterben, ganz gleich, was ansonsten mit ihnen geschieht. Das weckt Begehrlichkeiten religiöser Fanatiker und ruft gleichzeitig die nationale Sicherheit auf den Plan, denn so lange nicht geklärt ist, was es mit diesen Vorgängen auf sich hat, bleibt Wausau von der Außenwelt abgeriegelt und die Wiedergänger interniert.

Ein Blick auf das große Ganze: Wer oder was sind die hellgelben Geistwesen, die flüsternd umherziehen? Welche Erkenntnisse zieht das Militär aus seinen Bemühungen? Und zu welchem Zweck? Und zu guter Letzt stellt sich die Rätselfrage, wer hinter diesem unglaublichen Mysterium steckt? Gelöst wird sie hier noch nicht. Aber Autor Tim Seeley macht hier einen ordentlichen Schritt in die entsprechende Richtung, der vor allem durch das Verhältnis und die Ereignisse rund um die beiden Schwestern Dana und Martha, kurz EM, getragen wird.

EM, eine wunderbar widerborstige und energische Frauenfigur, angesiedelt zwischen Verzweiflung und unbändiger Wut, ist der große Wurf dieser Geschichte. Das Titelbild der aktuellen 6. Folge mit dem Untertitel DEINE TREUEN SÖHNE UND TÖCHTER zeigt sie in einer äußerst bedrohlichen Situation. Dank ihres toten Zustandes wirft sie sich oft regelrecht in Gefahren und überschätzt ihre Fähigkeiten nicht selten. Aber sie steckt auch wahnsinnig viel ein, mit fast zu viel Freude beinahe, als sehe sie sich längst in einer Art Überwesenform gefangen. Mike Norton, der Zeichner der Serie, bringt EM sehr stark zu Papier, mit einer für eine Comicfigur tollen Präsenz.

Einige Charaktere innerhalb der Serie entwickeln selbstzerstörerische Tendenzen und das im wahrsten Sinne des Wortes. Nur die Motivationen sind sehr unterschiedlich. Wahnsinn, Neugier, Verzweiflung, Zorn, aber auch, wie bei EM, Starrsinn, Gerechtigkeitssinn und Einsamkeit sind die Antriebe. Tim Seeley zeigt, wie isoliert die Wiederbelebten sind, entweder aktiv durch die Regierungsstellen oder, wieder wie in EMs Fall, durch den eigenen Rückzug. EM fühlt sich als ein Mensch, der seit dem Tod der Mutter weggestoßen wird, anscheinend im Weg steht. Obwohl das nicht der Wahrheit entspricht. Ihr Zustand gibt ihr die Möglichkeit zu einem Rundumschlag ohne Rücksicht auf Leib und Leben, schon gar nicht ihr eigenes.

Drama wird in dieser Folge sehr hoch gehalten und ist wichtiger als der Gruselfaktor, der von Tim Seeley beileibe nicht vernachlässigt wird. Aber wie in derzeit sehr erfolgreichen Filmserien bewirkt gerade die charakterliche Zeichnung der Figuren, ihre emotionale Tiefe, die von Mike Norton toll in die Gesichter geschrieben wird. Sein Zeichenstil ist von einem feinen Realismus getragen. Man folgt als Leser gerne EM, die auch die oder andere Einzelseite zur Präsentation bekommt.

Klasse Mystery-Horror mit hervorragenden Akteuren, bei denen Spaß macht zuzuschauen. Ein toller roter Faden verbindet die einzelnen Kapitel. Tim Seeley, inzwischen Horrorexperte im Medium Comic, versteht es wie Altmeister Stephen King seine Charaktere innerhalb einer packenden Handlung herauszuarbeiten. 🙂

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Montag, 03. Oktober 2016

DICK HERRISON 10 – DIE SCHUBKARRE DES TODES

Filed under: Mystery — Michael um 18:41

DICK HERRISON 10 - DIE SCHUBKARRE DES TODESIst der Mann nun wahnsinnig und zu recht in eine Nervenheilanstalt eingeliefert worden? Oder ist er das Opfer eines üblen Komplotts geworden? Will ihm jemand brutale Morde anhängen? Und wenn ja, warum? Die Tatsachen bleiben, so oder so. Die Toten wurden allesamt geköpft. Dick Herrison wird beauftragt, Licht ins Dunkel zu bringen und den Mordverdächtigen zu entlasten. Clarence Beaufix wurde mittels einer Fotografie zum Schauplatz des zweiten Mordes gelockt, einem alten, sehr heruntergekommenen Herrensitz. Dort setzt der private Ermittler Herrison an. Erste Spuren sind vielversprechend. Doch mit ihnen wächst ganz offensichtlich die Gefahr, denn bald findet Herrison einen weiteren Toten ohne Kopf …

DIDIER SAVARD bittet zur Ermittlung in einem haarsträubenden Mordfall. Mit Grusel, leisem Humor und einer Prise Spannung entwickelt er ein Szenario, das nur haarscharf eine Parodie auf die großen französischen Detektive wie Maigret, Nestor Burma und Konsorten ist. DIDIER SAVARD, der leider in diesem Jahr verstarb, lieferte mit DIE SCHUBKARRE DES TODES das zehnte Abenteuer seines Ermittlers DICK HERRISON ab. Das Titelbild verrät etwas früh einen Teil der Auflösung und die Schubkarre kommt auch relativ spät zum Einsatz.

Parodiert wird hier in jedem Fall die berühmte klare Linie, denn DIDIER SAVARD verwackelt, zerknittert, strichelt, kreiselt und liebt das Detail, die kleinste Einzelheit. Letzteres erweckt die französischen 30er Jahre des letzten Jahrhunderts zum Leben, in einer skizzierten Rücksicht und einem Blick, der scheinbar nichts von der Zukunft weiß. DICK HERRISON ist schön nostalgisch geraten, mit einem Lächeln gezeichnet und könnte als satirische Sicht auf jene Zeit tatsächlich in jenem Jahrzehnt entstanden sein. Besonders gestützt wird diese These von den Ansichten DICK HERRISONS, wie er ein Restaurant, ein Antiquitätengeschäft oder eine Brasserie besucht.

Die Zurückhaltung der Hauptfigur ist bezeichnend. DICK HERRISON verliert nur selten die Contenance. Es nur Zurückhaltung zu nennen, wäre zu wenig. Das Auftreten ist stets korrekt, eine Pfeife darf auch nicht fehlen, das Zeichen von Ruhe und Genuss in jeder Lebenslage. Sein Freund Jerome ist weitaus moderner in Kleidung und Haarschnitt, flapsiger im Auftritt, unkontrollierter insgesamt. Aber DIDIER SAVARD lässt seine Figuren nicht ausbrechen, lässt sie nicht zu überdrehten Puppen werden. In diesem bizarren Mordfall bleiben sie ernst, wahrhaftig.

Es sind gezähmte Ermittlungen, die sich nicht in Actionszenen ergehen, sondern die einzelnen Ergebnisse, den Lösungsweg in den Vordergrund stellen. Da werden sich nicht nur Freunde französischer Detektive wohlfühlen. Auch wer Stücke von Agatha Christie mag, liegt mit DICK HERRISON richtig. Die Figuren allerdings besitzen äußerlich etwas von der Bissigkeit eines Künstlers wie George Grosz, der in seinen Zeitgenossen den seelischen, geistigen Kern nach Außen holte. Die Inszenierung in der Nervenheilanstalt ist hierfür bezeichnend. DICK HERRISONS Ankunft auf dem Gelände, mit all den Insassen, die er passieren muss, könnte thematisch dieser damals geprägten Neuen Sachlichkeit entsprungen sein.

Comic mit leisem Humor und Köpfchen (für den Leser, in der Handlung eher ohne, so deutet es das Titelbild aussagekräftig an). Ungewöhnlich dicht erzählt und gezeichnet, orientiert sich an Klassikern von Literatur und Kunst. Schön, unterhaltsam, aber nicht für jedermann. 🙂

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Samstag, 06. August 2016

DER GROSSE TOTE 6 – BRESCHE

Filed under: Mystery — Michael um 10:28

DER GROSSE TOTE 6 - BRESCHEPauline und Gaelle wollen ihren Freund Erwan und die kleine Blanche finden. Während die beiden jungen Frauen die Katastrophe in der Stadt erleben mussten, haben Erwan und Blanche, Paulines Tochter, auf dem Land Zuflucht gefunden. Dort herrscht weniger Chaos, die Notlage ist aber kaum geringer. Strom fehlt, Nachrichten kommen nur über die alten Wege, von Mund zu Mund, Treibstoff ist fast nicht mehr vorhanden. Die Menschen, die unterwegs sind, verlassen sich auf ihre Füße. Wer Glück hat, fährt mit dem Fahrrad. So wie Pauline und Gaelle, die sich einem Männertrio anschließen, eine Entscheidung, die sie schon bald bereuen werden …

Zurück in Frankreich pünktlich zum Weltuntergang. Die Menschen hat die Katastrophe völlig unerwartet getroffen und nur ein Mensch weiß, was tatsächlich hinter den Vorkommnissen steckt. Die Menschen sind nicht allein … Die beiden bekannten Comic-Macher Regis Loisel und JB Djian haben ein reales Endzeitszenario gekonnt mit einer fantastischen Hintergrundgeschichte vermischt.

Der Leser darf keinen großen Weltuntergang im Stile eines Masters Of Desaster erwarten. Die Zerstörung findet hier im Kleinen statt, mit der sich jeder arrangieren muss. Die Erde, so scheint es, habe es sich zur Aufgabe gemacht, moderne Technik abzuschütteln und den Menschen auf alte Wege zurückzuzwingen. So ist das Ambiente vornehmlich ländlich. Dort halten sich die Zerstörungen in Grenzen. Die Menschen auf dem Land haben seit jeher eine andere Lebensgeschwindigkeit an den Tag gelegt und sich mehr auf die Gegebenheiten eingelassen, die von Mutter Natur beschert wurden. Hier beschreiben Loisel und Djian die Szenerie mit einer traurig, nostalgischen Ruhe.

Dieses Grundgefühl ändert sich in der anderen Welt. Es ist eine kleine Welt, von der die Kleinen auf die Welt der Großen schauen. Darauf ist auch der Titel der Reihe zurückzuführen. Ein einzelnes Individuum hatte den Plan, beide Welten durch zwei Kinder miteinander zu verbinden. Dadurch entstand ein schauriges Band, denn die Kinder hier bringen kein Heil, sondern besitzen eine Macht, gegen die ein Mensch kein Mittel besitzt. Blanche, das seltsame Mädchen mit der Taucherbrille auf der Nase und der hellen Haut, der ruhigen Art, die viel zu erwachsen ist für ein Kind ihres Alters, ist eine beeindruckende Bedrohung. Sie könnte auch aus den Gedankenspielen eines Stephen King erwachsen sein, der Carrie und den Feuerteufel mit ähnlichen Kräften wüten ließ.

Mallie zeichnet eine Welt, die ohne den Pomp sonstiger fantastischer Welten daher kommt. Man gewinnt den Eindruck einer übergreifenden Ordenstruktur, bäuerlich, sehr der Natur zugewandt, einfach, mit einer flachen Hierarchie. Gehüllt in schlichte Gewänder unterscheiden sie sich wenig voneinander. Die Gesichter sind menschenähnlich, aber weniger unterschiedlich. Es gibt mehr Hautfarben und der Wunsch, in der Menge äußerlich aufzugehen, scheinoffensichtlich. Da kann die Eigenmächtigkeit eines Einzelnen nur großen Zorn hervorrufen. All das versteht Mallie mit einem leichten Strich umzusetzen, leichter noch, als es Loisel selbst mit Peter Pan auf dem Papier gelang.

Mit dem Untertitel BRESCHE beschreibt die 6. Folge von DER GROSSE TOTE die Folgen des Zusammenbruchs der Zivilisation. Hervorzuheben sind die Konflikte in der kleinen Welt wie auch zwischen Erwan und Blanche. Jede Situation zwischen den beiden ist wie ein Baustein in einem sehr wackeligen Turm, der irgendwann einstürzen muss. Dank der Zeichenkünste von Mallie und der Komplexität der Handlung bleibt der Spannungsbogen weiterhin stark gespannt und die Neugier auf eine neuerliche Zuspitzung der Ereignisse hoch. Klasse! 🙂

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Donnerstag, 26. Mai 2016

MANIFEST DESTINY 2 – INSECTA & AMPHIBIA

Filed under: Mystery — Michael um 18:24

MANIFEST DESTINY - Band 2 - INSECTA & AMPHIBIAMarienkäfer sollen für den Menschen keine Gefahr darstellen. Eigentlich … Aber gegen Marienkäfer, gleich welcher Form, kann sich der Trupp um Meritwether Lewis und William Clark durchaus wehren. Gegen die Gefahren, die innerhalb der Gruppe lauern, durch die verschiedenen Verbrecher, die dazu bestimmt sind, die Expedition zwangsweise zu begleiten, ist eine Gegenwehr nicht so einfach. Denn die Gefahr ist nicht einschätzbar. Es sind tickende Zeitbomben, deren Explosionszeit nicht festgestellt werden kann. Dem zweiten Offizier Lieutenant William Clark ist sich der Bedrohung sehr bewusst und übersieht darüber das Offensichtliche …

Eine neue Folge, neue Monster! Nordamerika ist in den Tagen, als die große Expedition von Lewis und Clark über den Kontinent wandert, weitaus gefährlicher als zu jeder Zeit danach. Basierend auf der tatsächlich, historisch verbürgten Expedition von Captain Meriwether Lewis und Lieutenant William Clark, auf Befehl des damaligen Präsidenten Thomas Jefferson, haben Autor Chris Dingees, Zeichner Matthew Roberts und Kolorist Owen Gieni ein Horrorabenteuer zu Papier gebracht, das der Strömung folgt, bekannte Figuren in einen Horrorkontext zu setzen, sei es fiktional oder historisch real. Nach Charakteren wie Abraham Lincoln, Sherlock Holmes oder Elizabeth Bennet (aus Stolz und Vorurteil).

Chris Dingees mischt allerdings nicht einfach Vampire oder Zombies bei, sondern denkt sich ein regelrechtes Monsteruniversum aus, wie man es allenfalls bei Mike Mignola ähnlich mutig erzählt vorfindet. Waren es in der ersten Folge Kreaturen, die sogar einen leicht griechisch mythologischen Einschlag besaßen, obwohl zur Gänze auf die nordamerikanische Fauna zurückgegriffen wurde, geht Dingees hier verstärkt auf Kreaturen ein, die weitaus größer als gewohnt daher kommen. Sehr viel größer.

Interessant ist der Umstand, dass es sich bei den beiden führenden Männern um Charaktere handelt, die Fehler gemacht haben, die außerhalb einer Mission nichts rechtes mit sich anzufangen wussten und innerhalb ihrer Aufgabe einen enormen Ehrgeiz entwickeln. Einer Aufgabe, die sie das Leben kosten kann, während der Müßiggang zuvor zwar friedlich war, aber sie letztlich nur langsamer zugrunde richtete. Matthew Roberts zeichnet Meriwether Lewis als mageren Hallodri, der überaus intelligent ist, ein etwas überkandidelter Wissenschaftler, der optisch den Eindruck eines abenteuerlustigen Stan Laurel hinterlässt.

Mit William Clark fährt Matthew Roberts eher die Schiene eine Raimund Harmstorf, einen Seewolf, einen ganzen Kerl im besten Sinne. Neben der äußerlichen Erscheinung besitzt Clark Ehrgefühl und Disziplin und fordert letztere ein, auch mit ungewöhnlichen Methoden. Drakonische Strafen bei Zuwiderhandlung, sehr plastisch vor Augen geführt, scheut er nicht. Ob es für kommende Ereignisse abschreckend genug sein wird, muss abgewartet werden, denn die Härte der Ereignisse hat auch dieses Mal nicht zum nötigen Gehorsam geführt.

MONSTER, MONSTER, MONSTER! Gigantomanie lautet das Zauberwort. Die Rückseite des vorliegenden Bandes verrät schon Lebewesen, das eine etwas größere Rolle in der Geschichte spielt: ein Frosch. Über den Rest sei erst einmal nichts verraten, allerdings ist der Ekelfaktor bei den anderen Kreaturen um ein Vielfaches größer und nimmt ein paar Fortpflanzungseigenschaften aufs Korn, wie sie schon bemüht wurden, aber in der Natur tatsächlich vorkommen. Besondere Feinde erfordern nicht nur besondere Lösungen, sie stellen das Grafikteam auch vor besondere Herausforderungen. Matthew Roberts und Kolorist Owen Gieni klotzen in Großaufnahmen im Stile alter Monsterfilme der 1950er Jahre und zaubern einen Mix aus Nostalgie und modernem Splatter auf das Papier.

Innovativer Monsterhorror, verquickt mit historischem Hintergrund, gruseligen, unvorhersehbaren Wendungen und zwei nicht ganz so auf Hochglanz polierten Hauptcharakteren. Chris Dingees, Matthew Roberts und Owen Gieni ist hier ein klasse Wurf gelungen! 🙂

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Freitag, 13. Mai 2016

RACHEL RISING 6 – Was du nicht weißt

Filed under: Mystery — Michael um 19:21

RACHEL RISING 6 - Was du nicht weißtRachel hat ihre besonderen Erfahrungen mit dem Tod gemacht. Aber einfach nur lange zu schlafen, ist nun doch merkwürdig. Zwei Wochen lang. Die Träume sind verwirrend, das Aufwachen wird misstrauisch beäugt. Da macht doch tatsächlich jemand Rachels Füße nass! Zoe, die kleine Serienmörderin, ist sonst nicht so leicht zu erschrecken. Als sich Rachel unerwartet nach ihrem langen Schlaf regt, ihre unterbewussten Erlebnisse mit dem Mädchen teilt, reagiert das Mädchen sogar mit Verzweiflung, noch ein emotionaler Zustand, der Zoe relativ fremd ist. Der Traum von Rachel ist, nach kurzer Diskussion, eher eine Vision der Zukunft und keinesfalls eine wünschenswerte, nicht nur für Zoe, sondern für die ganze Welt.

Böse zu sein, ist ganz normal und eigentlich nicht der Rede wert. Wer nicht nur tötet, sondern auch gleich mehrmals gestorben ist, meist unter ominösen Umständen, der läuft ein wenig neben den gängigen Definitionen von Gut und Böse. Rachel, Zoe und Lilith werden zu einem nicht ganz gewollten, nicht so recht gewünschten Trio, allesamt mit einem gesunden Misstrauen dem anderen gegenüber ausgestattet und dennoch sind sie scheinbar an einen Punkt ihrer gemeinsamen Geschichte gelangt, an dem sie aufeinander angewiesen sind. Terry Moore stellt auf seine bekannt mysteriöse Art ein paar Weichen neu. Die Rückkehr Liliths bietet schwarzen Humor in bester David-Lynch-Manier mit einer kuriosen Pointe. Und immer schwingt im Hintergrund die leise Frage: Darf ich darüber eigentlich lachen? Und gleich darauf: Oder wäre Mitleid angebrachter?

Terry Moore überrascht mit seiner Erzählweise. Selten haben Selbstmorde in einer Geschichte (ganz gleich welchem Mediums) derart an den Nerven gezerrt. Besonders eine Inszenierung ist so angelegt, dass sie einfach mehrmals hintereinander gelesen, angeschaut werden muss, allein weil sie so einzigartig ist. Natürlich wird hier nichts darüber verraten, aber wer Terry Moore nicht kannte, könnte als Mystery-Freund durch die Einstiegssequenz zum Fan des Comic-Autors und Künstlers werden. Terry Moore kann sich gleich zu Beginn ein Augenzwinkern nicht verkneifen, beginnt doch diesmal alles wie in einer Folge der vielen CSI-Serien. Eine Frau wurde durch einen Autounfall auf der Landstraße geköpft. Das ist bereits selten genug. Die Begleitumstände würden jeden TV-Ermittler neugierig machen. Und den Leser erst recht.

Wer ist eigentlich Rachel? Die Figur, mit der alles begann, hat dem Leser mittlerweile viel von sich preisgegeben. Vieles liegt aber noch im Dunkeln, von Terry Moore bewusst geheim gehalten, aber jetzt hat sich der Autor entschlossen, den Schleier an einigen Enden anzuheben und den Blick auf ein paar Vergangenheiten freizugeben. Wie das gemeint ist? Das wird hier auch nicht verraten. Sagen wir einfach, Rachel ist eine sehr vielschichtige Persönlichkeit, die von ihrem Werdegang nach einigen Überredungen selbst sehr überrascht, dann sogar tief erschüttert ist. So manche Autoren haben ihren Charakteren ähnliche Attribute verliehen, doch wird ihnen dadurch eine schöne Tiefe verliehen, was nicht zuletzt der einfühlsamen Erzählweise von Terry Moore geschuldet ist.

Und ganz nebenbei ein wenig Liebe und die Aussicht auf das Ende der Welt. Oder man könnte auch sagen: Terry Moore, ein Mann erzählt über Frauen. Schon diese Konstellation ist ungewöhnlich. Ungewöhnlicher noch ist einerseits ihre Ungewöhnlichkeit, anderseits ihre Gewöhnlichkeit. Moores Frauen sind keine alles überragenden Superhelden wie bei anderen Autoren. Trotzdem sind es keine Damen, die man im nächsten Supermarkt treffen würde. Die tief reichenden Geheimnisse dieser Frauen machen die Faszination aus. Und jede unterscheidet sich deutlich von den anderen. Am meisten Spaß macht sicherlich Zoe, mehr Mädchen als Frau, aber eigentlich uralt und mit einer teuflischen Vorhersage versehen.

Ach, ja, die Liebe! Jet und Earl sollen nicht vergessen werden. In zwei feinen Szenen beschäftigt sich Terry Moore mit den beiden und führt endlich das zusammen, von dem der Leser nicht sicher sein konnte, ob es auch zusammen passt. Denn Frauen zeichnen sich in RACHEL RISING nicht gerade für ihre Zuneigung zu Männern aus. Gründe dafür findet Terry Moore in der Entstehungsgeschichte von Lilith und Rachel, einem mystischen Abschnitt der Erzählung, der noch viele weitere Fragen auf einmal klärt.

Der sechste Band lüftet eine Reihe von Geheimnissen, vertieft die Hauptfiguren und deutet ein paar Entwicklungen an, die zwangsläufig für Dramatik sorgen werden. Darüber hinaus gönnt Terry Moore seinen Charakteren eher eine Verschnaufpause. Zusammengefasst wirkt diese Folge wie die berühmte Ruhe vor dem Sturm. Was letzteres bedeutet, hat Terry Moore zuvor schon unter Beweis gestellt. Wie immer sehr gut! Etwas für Serienjunkies. 🙂

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Donnerstag, 14. April 2016

BÄRENKÖNIG

Filed under: Mystery — Michael um 10:00

BÄRENKÖNIGXipil soll der Kaimangöttin geopfert werden. Die junge Frau, deren Opfer einen fürchterlichen Fluch abwenden soll, nimmt ihre Aufgabe ernst, trotz ihrer Angst. Aber sie hat nicht mit dem Eintreffen des Bärenk?nigs gerechnet, der von Menschenopfern rein gar nichts hält und ihr begreiflich macht, dass ihr Volk von der Kaimangöttin hereingelegt wird. Der Bärenkönig befreit Xipil, wohl meinend, das Richtige zu tun. Und auch Xipil ist zunächst voller Freude darüber, zu ihrem Volk und ihrer Familie zurückkehren zu können. Der erste, den sie auf dem Heimweg im Wald trifft, ist der Jäger Antli, ihr Mann. Doch statt sich über ihre Heimkehr zu freuen, fällt er voller Zorn über ihre Feigheit über sie her und prügelt sie fast zu Tode …

MOBIDIC, ein Pseudonym, für eine junge Comic-Zeichnerin aus Brüssel, legt mit BÄRENKÖNIG ihr europäisches Comic-Debüt vor. Auf den Leser wartet eine indianisch märchenhafte Erzählung in der Welt der Menschen und Götter der Natur. Für die Menschen sind die Götter keine Fiktion, obwohl sie ihnen so nah nie begegnet sind. Als es dann doch geschieht, bahnt sich eine ungewöhnliche Liebesgeschichte an. Die Comic-Künstlerin MOBIDIC hat mit einer Mischung aus klaren Linien, Kamerablick, etwas Bilderbuch, genau ausgewählten Details und lasierend, texturartig aufgetragenen Farben eine ganz eigene Bildsprache gefunden, die dieser indianischen Legende eine treffende Atmosphäre gibt.

Das Aufeinandertreffen eines Menschen mit einer tierischen Kultur hier legt automatisch einen Vergleich mit ähnlich gelagerten Geschichten nahe, allen voran Das Dschungelbuch. Aber bei einer ähnlichen Grundkonstellation überwiegen die Unterschiede. Xipil, die junge Frau, ist erwachsen, als sie den Tiergöttern begegnet. Diese können sprechen, sind unglaublich alt, nicht unsterblich. Im Tross der jeweiligen Götter leben die jeweiligen Gefolgstiere. Der BÄRENKÖNIG hat eine kleine Rotte Bären bei sich. Es mag hier auch japanische Einflüsse geben. Anime-Fans könnten hierbei an Prinzessin Mononoke denken. Die Tiergötter sind hier nicht nur größer als ihre Gefolgschaft, sie zeichnen sich auch durch leicht veränderte Körpereigenschaften aus, wie etwa der weiße Fuchsgott mit drei Schwänzen.

Hass zwischen Göttern und Menschen definiert das Verhältnis zwischen den Spezies. Als Xipil von ihrem Stamm getrennt wird, erkennt sie aus der Entfernung erst den wahren Charakter der Menschen. Der Mensch breitet sich aus und versucht der sich wehrenden Natur mit Menschenopfern Herr zu werden. Die Kaimangöttin bringt ihre Wut über die Menschen auf den Punkt und sie hat nur einen Wunsch. Aber leider kann sie ihn nicht erfüllen. Und so gibt es einmal mehr eine unheilige Allianz. MOBIDIC geizt in ihrer Erzählung nicht mit Hoffnung, Liebe und Freundschaft. Doch Hass, Verzweiflung und Feindschaft füllen mindestens ebenso stark die andere Waagschale.

Zwar ist Xipil die menschliche Hauptfigur, aber der BÄRENKÖNIG ist nicht nur der Titelheld. Mit weißem dichten Fell, riesig, freundlich, weise, stark und kuschelig ist er der lebendig gewordene Teddybär. Für Xipil wird er nicht nur zum tröstenden Freund, sondern gar zum Ehemann. Automatisch verknüpft man als Leser mit den Tieren bestimmte Charaktereigenschaften, die sich durch Äußerlichkeiten ableiten lassen, aber genauso von Erinnerungen an diverse Fabeln. MOBIDIC stützt diese Assoziationen, indem sie einige Merkmale besonders herausstellt (auch körperlich). Auffallend ist, dass zu keiner Zeit eine tierische Figur unsympathisch wirkt, selbst die Kaimangöttin nicht, obwohl sie die Trägerin von List und Heimtücke ist.

Eine sehr eindrücklich erzählte, frei erfundene Legende der jungen Comic-Künstlerin MOBIDIC. Außerordentlich schön gestaltet, in sehr eigenem Stil. Die Figuren laden zum Mitfühlen ein. Rundum gelungen. Für Freunde von indianischen Sagen und Märchen, aber auch solche, die sich asiatischen Mythen zugeneigt fühlen. Sehr gut. 🙂

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