Mittwoch, 14. Juli 2010
Gruagach von Lough Leane ist eine gebrochene Kreatur. Seit langer Zeit wartet er nun auf eine Gelegenheit, sein altes Leben zurückzubekommen. Jetzt ist er nur ein Wesen in der Form eines Keilers. Aber er war einst ein mächtiger Krieger, ein Gestaltwandler, der es vermochte gegen Riesen zu kämpfen. Gruagach hat eine Hoffnung. Sollte die rote Königin wieder erwachen, könnte sie die Macht besitzen, ihn zu heilen. Es ist ein alter Mann, ein Unbekannter zudem, der Gruagach einen Kelch mit Blut überreicht. Gruagach leert das Gefäß in die Truhe mit den Überresten der Königin. Das Unfassbare geschieht …
Hellboy hatte sich auf einen ruhigen Aufenthalt gefreut. In Italien, in der Obhut zweier netter alter verstorbener Damen, Geister, fühlte er sich wohl. Doch die Post findet ihn auch dort. Das Siegel auf dem Umschlag spricht eine deutliche Sprache. Ob er will oder nicht: Hellboy ist einen knappen Tag später in England, um dem Osiris Club seine widerwillige Aufwartung zu machen.
Lücken schließen. Unglaublich, aber wahr, Hellboy bereichert die Comics bereits seit 20 Jahren. In all der Zeit kamen und gingen Figuren wie auch Verlage. Hellboy ist einer der wenigen Comic-Charaktere, die auf eine beispielhafte Erfolgsgeschichte zurückblicken können. Zuerst nur ein schwarzweißer Charakter, erreichte auch ihn die Farbe. Mehr noch: Mike Mignola, der mit Hellboy auch einen unverwechselbaren reduzierten Zeichenstil kreierte, legte mittlerweile den Zeichenstift beiseite und konzentrierte sich auf das Schreiben.
Im Laufe der Zeit wurden viele Rätsel gelüftet, doch fast noch mehr angerissen. Charaktere wurden vorgestellt, aber mehr oder minder ohne Hintergrund in das Umfeld von Hellboy geschickt. Und besonders wichtig: Wird Hellboy tatsächlich einmal für die Vernichtung der Welt verantwortlich sein?
Mike Mignola lässt diese Frage weiterhin offen. Immerhin weigert sich Hellboy beharrlich, sich auf diese Prophezeiung einzulassen. Er ist lieber der Held, der gegen das Böse antritt. Wie bei der Wilden Jagd, bei der gegen einen Trupp von Riesen aufmarschiert werden soll. Mignola nutzt diese Episode, um Hellboy an sich selber zweifeln zu lassen. In einer wunderbar parallel laufenden Erzählung, nach der alle Stränge perfekt zueinander finden, warten Selbstzweifel, Wunder, Kämpfe, Erstaunliches und eine überbordende Fantasie auf den Leser.
Duncan Fegredo hat den Zeichenstift übernommen, muss sich aber stets mit Mignola über Details abstimmen. Mignola gesteht in einem Interview, ein Kontrollfreak zu sein, der jedoch inzwischen gelernt hat Fegredo mehr Freiraum zu lassen. Stilistisch sind Fegredos Zeichnungen zwischen der Technik eines Mignola wie auch eines Sean Phillips (Sleeper) anzusiedeln. Die Kolorierung der Hellboy-Geschichten hat nichts daran geändert, dass die Abenteuer ebenso gut in Schwarzweiß funktionieren würden. Kantig, auf den ersten Blick grob getuscht, mit starken Schattenflächen versehen haben die Geschichten optisch ihre Grundausrichtung beibehalten.
Allerdings wirkten Mignolas Bilder leichter, detailärmer, während Fegredo ausgreifender malt und mit seinem Bildern einen höheren Wiedererkennungswert bietet. Eine gedeckte, fast schon kühl zu nennende Farbgebung durch Dave Stewart, einem altgedienten Mitstreiter am Hellboy-Universum, sorgt für das nötige Hellboy-Flair, nicht knallig pompös, dafür mystisch-düster.
Eine vollkommen in sich geschlossene Angelegenheit. Viele Fragen werden beantwortet, manche Türen geschlossen. Dafür öffnet Mike Mignola neue und ebnet den Weg für weitere mysteriöse Entwicklungen. Szenisch bestens bearbeitet durch Duncan Fegredo und Dave Stewart. Für Fans ein Muss, andere Leser sollten sich zuvor über vergangene Episoden einlesen.
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Sonntag, 11. Juli 2010
Richard Drake, der Abenteurer, ist zurück in London. Doch eigentlich will er gleich wieder weg. Irgendwie sagen ihm die Salons und Festlichkeiten, die Riten der oberen Klasse nicht so recht zu. Aber was soll er machen? Denn hier findet er das Geld, um seine nächste Expedition zu finanzieren. Eher nebenbei findet der bärbeißige Mann auch noch die Liebe. Diese will jedoch erkämpft sein. Seine Auserwählte, die junge Catherine Lacombe, kann er zunächst nicht beeindrucken. Ihr Verhältnis ändert sich schlagartig, als ein Unbekannter in der Verkleidung eines Dieners Catherine pfählen will.
Die Geschichte des mit Hammer und Pfahl bewaffneten Mannes hört sich hanebüchen an: Er behauptet von sich, ein Vampirjäger zu sein. Eigentlich war Miss Lacombe nur nebensächlich. Das eigentliche Ziel war ein gewisser Lord Faureston, ein langhaariger blonder Dandy, der plötzlich in der Gesellschaft auftauchte und seither für allerhand Gesprächsstoff sorgt. Drake, der vieles von der Welt gesehen hat, aber noch nie einen leibhaftigen Vampir, hält den dürren Mann, der so kleinlaut ein Geständnis ablegt, für einen harmlosen Irren.
Das ist er natürlich nicht! Die beiden Macher von Garulfo, der Autor Alain Ayroles und der Zeichner Bruno Maiorana, sind zurück. Sie haben sich von den Märchen abgewandt und nehmen sich nun des Vampirthemas an. Es beginnt klassisch, viktorianisch, es wirkt vertraut und doch erkennt der Leser niemanden aus der originalen D-Geschichte wieder.
Wer Garulfo gelesen hat und auf den gleichen Humor hofft, wird leider enttäuscht. Natürlich gibt es auch humorvolle Stellen, nicht zuletzt durch einen verhinderten Vampirjäger, dessen bestechendes Charaktermerkmal eine ausgeprägte Schüchternheit ist. Man könnte sagen, dass Ayroles und Maiorana auf ihre Art Dracula neu erzählen.
Der Vampir, der ungebetene Gast. Lord Faureston, ein Mann, der auffällt und auch während des Tages gesichtet wird. Bruno Maiorana macht aus dem Vampir (leider ist es für den Leser kein Geheimnis, dass er einer ist) eine schmale, fast schon modellhafte Kreatur. Es ist eine sexuelle Figur, wenigstens für seine Opfer, und wird auch nur sehr behutsam eingesetzt. Lord Faureston ist die Bedrohung und bleibt, auch für den Leser, undurchsichtig. Der Gesamteindruck eines schleichenden Jägers ist sehr gelungen.
Sein Gegenspieler, Richard Drake, ist ein Held im Stile eines Sean Connery in seinen besten Jahren. Wo Faureston mit toter Leidenschaft lockt, ist Drake Leidenschaft in allem, was er macht. Ob er selber jagt, ob er liebt oder ganz einfach lebt. Maiorana und Ayroles schaffen einen Helden, der in der feinen Gesellschaft eingeht, der aus den Nähten platzen möchte, wenn er nur einatmet.
Für den Leser bedeuten die Figuren wie auch die gesamte Inszenierung eine hohe atmosphärische Dichte. Maioranas Bilder besitzen ihren ganz eigenen Stil aus Eckigkeit und Zerbrechlichkeit. Maiorana ist ein Charakterzeichner. Individuelles Aussehen seiner Figuren erhht den Reiz der Handlung, äußerliche Gegensätze, wie hier der beiden Jäger und des späteren Sidekicks heben D aus der Masse anderer Vampir-Geschichten, ganz gleich aus welchem Medium, hervor.
Spannend, anders, wie zuletzt bei Garulfo, jenem Hauptwerk des Künstlerteams, allerdings müssen die Leser auf den Humor verzichten, dafür wurde der gruselige Kern der Handlung sehr gut herausgearbeitet.
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Montag, 14. Juni 2010
Ein Mörder treibt in Paris sein Unwesen. Er raubt die Herzen von Prostituierten. Bisher hat die Polizei noch keine heiße Spur und steht der Angelegenheit eher ratlos gegenüber. Die Presse nennt den Mörder den Herzensbrecher. Thomas sind diese Schauergeschichten gleichgültig. Sein Leben ist merkwürdig genug. Er lebt im Haus seines Onkels, während im Keller, angeschlossen an komplizierte Apparaturen, seine Mutter konserviert aufbewahrt liegt. Sein Onkel treibt nichts sehnlicher an, als der Wunsch, die Mutter seines Neffen, die seine Schwester Freeda ist, wieder zum Leben zu erwecken. Er will dieses Leben von Gott zurückholen, doch bislang ist es ihm noch nicht gelungen, Gott in diese Richtung zu erpressen und auf andere Art einen Handel abzuringen.
Thomas, der diese vergeblichen Versuche seit zwanzig Jahren verfolgt, hat die Flucht angetreten. Weg von den Gefühlen und Gedanken, die ihn verwirren, hin zum Absinth und zum Opium, hin zum Voyeurismus. Im Bordell schaut er durch ein Guckloch dem Treiben von Freiern und Prostituierten zu und betrinkt sich dabei bis zur Besinnungslosigkeit. Unterdessen führt Kommissar Nimber seine Untersuchungen fort. Zuerst scheint es, als habe der Mörder seine Werk nicht beenden können. Aber dann ist es sicher, dass der Herzensbrecher seine Methode geändert hat. Nun hat er kein Herz, sondern einen Fötus geraubt.
Die Zeit der Verkommenheit und Trostlosigkeit. In Frankreich, genauer Paris, und vielen anderen Orten Europas hat ein Niedergang eingesetzt. Die Welt ist grau geworden oder wenigstens kalt. Man gibt sich zugeknöpft, aber unter der Oberfläche geht es alles andere als kühl zu. Thierry Gloris entwirft ein Szenario, das sich in Grundzügen der Stimmung einer Zeit im Umbruch bedient, wie sie auch sattsam aus einem viktorianischen England her bekannt ist. Oder wie sie aufgekommen sein mag, als der Erste Weltkrieg kurz vor Ausbruch stand.
Einige Charaktere kreisen um den Fall und um sich selbst. Sie laufen zusammen und nebeneinander her, es gibt Berührungspunkte, aber vielmehr noch sind sie mutterseelenallein. Der Kommissar, der sich in seinem Fall verliert. Thomas, der durch seine Emotionen verschüttet ist. Der Onkel, der es schließlich wagt, einem Engel eine Falle zu stellen. Und einige mehr. In drei Kapiteln, Izael, Lisa und Thomas, durchlaufen die Figuren Wandlungen. Die Handlung wird erst undurchsichtiger, bevor sich der Schleier lftet und mit der Preisgabe der Geheimnisse eigentlich alles noch schlimmer macht.
Thierry Gloris lässt seine Figuren leiden. Mit einigen mag man nicht sympathisieren, andere tun einem Leid. Die Geschichte, deren Atmosphäre an Geschichten des düsteren Meisters Edgar Allen Poe erinnert, funktioniert auch und wegen einer hervorragenden grafischen Umsetzung durch Mikael Bourgouin. Das ist optisch ein wenig Heavy Metal, ein wenig stilisiert und in starken, schweren Farben ausgeführt.
Bourgouin reduziert die Gesichter seiner Figuren gerne, gibt insbesondere den Männern etwas Vogelhaftes. Sehr schmal oder sehr eckig, in jedem Fall sehr intensiv präsentieren sich die Charaktere dem Leser. Es ist Bourgouin zu verdanken, dass jeder noch so kleine Nebenfigur ein individuelles Gesicht erhält und der gesamten Handlung eine enorme Fülle verleiht. Doch wo es bei den Männern sehr gut funktioniert, hapert es ein wenig bei den Frauen. Die übliche Berufskrankheit. Im Gegenzug jedoch ist die Atmosphäre fühlbar, ganz besonders im zweiten und dritten Kapitel. In meist sehr fein aufgetragenen Farben, tollen Lichteffekten und abgestuften Schatten entstehen für das Auge Bilder mit schöner Tiefe.
Kleine mehr oder minder starke Anleihen aus Literatur und Unterhaltung, Anspielungen auf reale Personen laden zum Suchen und Finden ein.
Unheimlich, auch unheimlich spannend: Mit einer Atmosphäre, die an Erzählungen von Poe oder alte Schwarzweiß-Kinoklassiker erinnert. Sehr theatralisch inszeniert, mitunter auch brutal. Mitreißend bis zum Schluss.
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Samstag, 12. Juni 2010
Eine Mutter stirbt. Ein Junge bleibt allein zurück. Niemand interessiert sich mehr für das Kind. Es bleibt allein. Jakob, so der Name des kleinen Jungen, vermisst die Mutter sehr. So sehr, dass er ihr auf diesem unbekannten Weg folgen möchte, den sie gegangen ist. Nicht wissend, dass er ihr früher oder später sowieso folgen wird. Ob er sie nun sucht oder nicht. Jakob macht sich auf die Suche. Er fragt herum. Wer könnte den Weg kennen, den seine Mutter gegangen ist? Die Raben, so heißt es schließlich. Doch der erste Rabe, den er fragt, den, der auf einer Vogelscheuche sitzt und diese fortwährend mit Nadel und Faden flickt, der weiß gar nichts.
Auf seiner Reise trifft Jakob auf allerhand seltsame Gestalten. Die einen sind freundlich, andere rätselhaft, wieder andere verzweifelt, ebenso einsam wie Jakob. Jakob geht seinen Weg weiter, fragend, offenen Auges. Uneigennützige Hilfe erfährt er nirgends so recht. Aber er bewahrt sich seine Freundlichkeit, auch nach der x-ten Enttäuschung. Und am Ende …
Benjamin Schreuder und Felix Mertikat legen hier ein Comic-Debut vor, das wie ein Märchen anmutet, zum Mitdenken und Nachdenken anregt und alles andere als gewöhnliche Comic-Kost ist.
Kind und Tod. Eine thematische Mischung, die allzu häufig im Leben vorkommt. Kinder, so glauben Erwachsene, können den Tod nicht begreifen, verschleiern seine Existenz als Weg, der woanders hinführt. Aber die Mutter liebt das Kind trotzdem. Das Kind bleibt zurück, unbeachtet zunächst, nur erkannt, wenn es den Erwachsenen oder Gleichaltrigen in die Quere kommt. Ein schweres Thema, unbequem erzählt.
Der Verlorene, der nicht begreifen kann, begegnet anderen Verlorenen. So auch einer Mutter, deren Kind fort ist. Zueinander finden, können die beiden trotzdem nicht. Wo der Geist der einen verwirrt ist, ist der des Jungen zu klar. Die Geschichte bleibt bei allen Details nebulös, märchenhaft, in kleinen Episoden erzählt. Und sie ist traurig. Das Schicksal des kleinen Jakob rührt ans Gemüt, so sich der Leser denn auf die Geschichte einzulassen mag und will. Ob er die Fragen, die durch die Handlung aufgeworfen werden, auch beantworten kann, ob er all die Gefühle, die hier geschildert werden, auch versteht, das ist wieder eine ganz andere Frage.
In einer Mischung aus Bleistiftvorzeichnungen und Aquarellkolorierung stellt sich die langsame Handlung großzügig vor den Augen des Lesers dar. Hier gibt es keine Eile. Die Bilder wollen sorgfältig betrachtet werden. Ein szenischer Schwenk erfolgt unmerklich, traumhaft wie die Handlung. Eben noch findet Jakob den Kutscher, sachte erscheint der Rabe, der kurz darauf durch den Fuchs abgelöst wird. Erzählung wie Bilder gleiten ineinander über. Das mag auch verwirren, da Zeit hier nicht die Rolle spielt, wie es in anderen Geschichten der Fall ist.
Die Umsetzung durch altbewährte Handarbeit per Stift und Pinsel (der Rechner mag bei dem Zusammensetzen geholfen haben) gibt der Geschichte einen Hauch Nostalgie. Die Mischung aus gegenwärtigen und mittelalterlichen Dekorationen trägt viel zur geheimnisvollen Atmosphäre des vorliegenden Bandes bei.
Rätselhaft und gefühlvoll erzählt, in der Tradition von Märchen und noch tiefer gehend. Nichts für Kinder, eher für Erwachsene, die sich ein wenig Kind bewahrt haben. Wunderschön gezeichnet und gemalt. Wichtig: Nicht alles verstehen wollen, einfach wirken lassen.
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Samstag, 22. Mai 2010
Rapid City. Der Zug hält. Jonny Hamilton hat sein vorläufiges Ziel erreicht. Weiter geht es per Postkutsche. Gerade angekommen hält sich Jonny nicht lange mit den Befindlichkeiten am Ort auf. Geradewegs marschiert er zum Friedhof, wo er sich am Grab seines Vaters endgültig verabschiedet. Eine Verkettung für den Wilden Westen nicht gerade seltener Umstände führt zur Bekanntschaft mit einem Mann, der seinen Vater kannte. Nach dem Grab erhält Jonny so auch die Gelegenheit, einen Blick auf die Hütte seines Vaters zu werfen. Dieser Besuch bringt eine Wende in Jonnys Leben, denn es offenbaren sich Fähigkeiten, die er von seinem Vater geerbt hat und die alten Herren nur Unglück einbrachten.
In dieser Einzelausgabe, obwohl im Wilden Westen angesiedelt, findet der Leser nicht die übliche Handlung eines Westerns. Angesichts der vielen Mythen und Rituale der amerikanischen Ureinwohner ist es eher ungewöhnlich, dass Mystery noch nicht häufiger auf den Wilden Westen traf. Ganz im Stile eines Romans von Jack London verirrt sich ein junger Mann in die Einöde: Deadwood. Eine Endstation im Nirgendwo mit gestrandeten Seelen. Eigentlich will niemand hier sein. Es gibt einen Friedhof, die Endstation der Endstation. Der Vater des jungen Mannes lebte etwas außerhalb des Ortes. Seine Hütte ist heruntergekommen, ein Erbe gibt es nicht. Oder doch?
Ein Buch, belegt mit einem Fluch. Der junge Mann will das Buch unbedingt behalten, obwohl es seinem Vater nichts Gutes einbrachte. Aber es auch das einzige Hab und Gut, das von seinem Vater übrig geblieben ist. Sentimentalität geht vor Selbsterhaltungstrieb. Axel Gonzalbo schreibt erfreulicherweise eine einzelne Geschichte. Eine Fortsetzung ist nicht vorgesehen. Gonzalbo besinnt sich auf die gute alte Tradition, einen guten und fundierten Einstieg in die Handlung zu finden und dann geht es auch schon los.
Jonny Hamilton in Schwierigkeiten: Ein Buch bringt seinem Besitzer den Tod. Und nicht nur das. Rachegeister machen sich auf, um den Besitzer des Buches zu finden. Wer dabei im Weg steht, muss sterben. In einer Mischung aus FOG (ohne Nebel) und Necronomicon, ein paar Einflüsse aus Poltergeist 2 entsteht eine spannende Verfolgungsjagd auf Leben und Tod. Gonzalbo fackelt nicht lange. Die Hintergründe der einzelnen Charaktere enthüllen sich Stück für Stück, werden eingeflochten, sofern Zeit bleibt. Hier bedeutet das: Wenn sich die Flüchtenden Zwangspausen gönnen, gelangen weitere Einzelheiten ans Licht.
Mit Jean-Claude Cassini tat sich schon mit Western-Themen hervor. Seminole, Tequila Desperados zeigten seine Fertigkeiten neben dem Piraten-Szenario Bouffe-Doublon. Mit Badlands liegen nun auch Bilder von ihm hierzulande vor. Schade, dass dies nicht früher der Fall war, denn Cassini hat einen sehr schönen Stil, eine Mischung aus einem späteren Jean Giraud, einem Mike Wieringo (manchmal Ähnlichkeiten bei Jonny), etwas John Romita Jr. (insbesondere bei der Darstellung der Indianer ersichtlich) und ein wenig John Buscema, was die Rasanz und die Tuscheführung anbelangt. (Aber bei aller Finesse geht ihm auch ein Fehler durch. Wer genau hinschaut, entdeckt ihn.)
Farblich greift Axel Gonzalbo wieder ein. In gedeckten Tönen wie Braun, Beige, Ocker, Meerblau und Meergrün, eher kalten als warmen Farben zeigt Gonzalbo ein South Dakota, das an Alaska erinnert. In jedem Fall findet sich der Leser in kälteren Regionen wieder, nicht in westerntypischen staubigen Ebenen und kargen Felsen. Hier gibt es dichte grüne Wälder, viel Schatten, Regen und Schlamm. Die Rachegeister kündigen sich mit kleinen Blitzen an, überspringen mitunter sehr modern einige Meter und machen sich für die Verfolgten unberechenbar. Alles in allem ist die Atmosphäre optimal eingefangen.
Eine schöne Einzelgeschichte: Western trifft Mystery. Mit Badlands beweisen die Macher Axel Gonzalbo und Jean-Claude Cassini, dass dies keine schlechte Mischung ist. Prima. Mehr von diesem Team.
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Montag, 17. Mai 2010
Was für eine Stadt, die am Boden liegt? Was braucht eine Stadt, die keine Identität mehr besitzt? Keinen Stolz? Keinen Mumm? Sie braucht ein Monument für ihr Ego. Und wenn es nur so etwas Banales wie Football ist. Aber was hat der Goon mit Football an der Schiebermütze? Eigentlich nichts. Doch in gewissem Sinn hat der Goon unter seiner meterdicken rauen Schale einen weichen Kern. Also hilft er bei der Aufstellung einer Football-Mannschaft, die, das weiß wohl jeder, nicht unbedingt gut spielen, dafür aber noch viel besser den Gegner verkloppen können muss. Das ist ein Talent des Goon. Und der Männer, die er kennt. Schnell ist die Mannschaft beisammen. Und tatsächlich schneit nun nichts mehr schief gehen zu können.
Die Dimension des fleischfressenden Auges ist nicht etwa der Name einer neuen Fastfood-Kette, nein, es ist wirklich eine Dimension, in der fleischfressende Augen ihr Unwesen treiben. Als wäre die Dimension des Goon nicht schon schrecklich genug, so müssen er und sein Freund Franky auf eine Rettungsmission der besonderen Art. Sollten sie versagen, steht das Schicksal der Welt auf tönernen Füßen. Oder auf der Kippe. Auf jeden Fall kann da einiges den Bach runtergehen, wenn die beiden diesen verdammten Augen nicht ordentlich in den Hintern treten. So merkwürdig sich das auch anhören mag. Leider ist es damit noch lange nicht getan, denn wieder daheim geht es erst so richtig los!
The Goon, Klappe, die 5. Ja, ist es wieder so weit? Ja! Dank Eric Powell, Autor, Zeichner und Erfinder dieser wunderbaren Figur, darf der Leser sich wieder einer haarsträubenden Phantasie erfreuen, die zwar seltsame, aber auch wahnsinnig unterhaltsame Blüten treibt. The Goon nimmt sich weder selbst besonders ernst noch wichtig. The Goon will nicht politisch korrekt sein. Hier wird eine dicke Lippe riskiert und wer sie gegenüber dem Goon riskiert, der bekommt Haue. Wenn die Autoren von MAD sich mit den Autoren der Bud Spencer und Terence Hill Filme zusammengetan hätten, vielleicht bei einem kurzen LSD-Trip, könnte ein ähnliches Ergebnis entstanden sein.
Dabei ist der Goon keinesfalls eine platte Angelegenheit. Eric Powell lässt es sich nicht nehmen und kreiert eine außerordentlich spaßige Version der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Leg dich nicht mit den Geistern der Weihnacht an! In feiner Bleistift-Sepia-Buntkreide-Optik findet sich eine Kurzgeschichte, die bisherige Goon-Charaktere toll einbindet und gleichzeitig den Grundgedanken der Dickensschen Handlung wiedergibt. Powell ist zwar nicht der erste Autor, der Scrooge eine gehörige Tracht Prügel zukommen lsst (siehe: Scrooged, letztlich aber macht er genau das, was der Leser mit Scrooge, dem bösen alten Mann, der geläutert werden soll, gerne machen würden.
Dr. Hieronymous Alloy war ein Böser, wurde ein Guter und droht nun wieder auf die dunkle Seite abzugleiten, wenn der Goon nichts unternimmt. Eric Powell (mit Roben Powell) arbeitet grafisch in einer tollen Mischtechnik. Einerseits schimmert Bleistift durch und sorgt für butterweiche Schattierungen, andererseits sorgt eine fett getuschte Außenlinie für den nötigen Kontrast zu Hintergrund. In der mehrteiligen Geschichte um den guten/bösen Doktor lässt sich diese Arbeitsweise sehr gut bestaunen. Ab und zu wird auch mal ganz rabiat auf verschiedene Filter eines Grafikprogramms zurückgegriffen. Mal ist der Farbauftrag milchig, mal wirkt er wie mit Aquarellfarben realisiert. Meistens entsteht so ein sehr plastischer Effekt, manchmal sogar ein wenig dreidimensional.
Hinreißend anders, auch mutig, ein wenig Anarchie hinzugerührt: Eric Powell zeigt, was Comic kann, was Comic anderen Medien voraus hat. Weiterhin Wahnsinn mit Methode, mit viel Humor erzählt und toll gezeichnet, handwerklich top.
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Samstag, 15. Mai 2010
Benjamin Tartouche hat Glück. Er wohnt allein in einem großen Haus. Seine Zukunft … nun, die könnte besser aussehen. Aber noch ist nicht alle Tage Abend. Sein einziger Freund wohnt zwar weit weg. Eine Freundin hat er auch nicht. Aber immerhin hat er ein großes Haus ganz für sich allein. Da muss eine Versicherung her. Man kann nie wissen. Benjamin weiß vieles nicht. Auch nicht, dass er einem miesen Schwein von Versicherungsmakler aufsitzen wird. Dass seine gesamtes Leben den Bach runtergehen wird. Dass er sterben wird. Und damit nicht genug.
Mit einem Schlag kann sich alles ändern. Nicht zum Besseren. Autor und Zeichner Christophe Chaboute entwirft ein Szenario über ein Leben, das, nimmt man die bestehenden Sicherheitsnetze wie Versicherungen und anderes von der Gesellschaft verlangte heraus, auf einer Klippe balanciert und schließlich ohne Netz und doppelten Boden herunterfällt. Schlimmer noch: Die viel beschworenen und allseits beworbenen Netze funktionieren nicht. Noch schlimmer: Am Grunde des Abgrunds geht es noch tiefer hinab.
Nur diese Ausgangssituation und das Danach genügen vielfach schon für eine Geschichte. Chaboute schickt seinen Helden, einen Jedermann, in ein Zwischenreich, ins Fegefeuer. Chaboute entwirft eine Zwischenstation. Hier wird sich entscheiden, welche Aufzugkabine Benjamin Tartouche betreten darf. Die nach oben oder jene nach unten. Tartouche ist ein Jedermann. Andere würden sagen, er sei ein Niemand. Was soll so einer schon verbrochen haben, um das Fegefeuer zu verdienen? Ja, was? Christophe Chaboute fragt letztlich anders herum: Was hat so einer getan, um das Leben verdient gehabt zu haben?
Nichts. Aber auch im Jenseits gibt es eine zweite Chance. Benjamin Tartouche muss einen Menschen finden und diesem ins Gewissen reden, so sehr, dass eine vollkommene Richtungsänderung eintritt. Kleine Wunder geschehen sofort. Große brauchen etwas länger. Eine kleine Aufforderung wirkt recht schnell. Die Änderung eines Charakterzuges ist Arbeit. Verzweifelte Arbeit, wie Christophe Chaboute sehr schön zeigt.
Das Besondere an der vorliegenden Geschichte ist nicht, was Christophe Chaboute alles erzählt. Interessant ist, was zwischen den Zeilen liegt und wie der Autor den Leser in die Handlung einbezieht. Wie er die alltäglichen kleinen Sünden zeigt, die sich aufsummieren, selbst in einem kurzen Leben. Wie er die Hoffnungen zeigt, die Ängste, die Verzweiflung, eigentlich ein allzu echtes Leben, wie es im Comic nicht eben oft vorkommt. Als Schutzpuffer lässt Christophe Chaboute mittels des Fegefeuers wieder etwas Abstand entstehen. Trotzdem greifen die Emotionen zu. Man muss mit Benajmin Tartouche hoffen und bangen.
Die Zeichnungen sind einfach gehalten, auf den ersten Blick überraschend, später aber genau richtig, da sie Luft zur Entfaltung der eigenen Gedanken lassen. Man erkennt Leidensgenossen von Tartouche wieder. Frank Zappa, Van Gogh, Napoleon oder sogar Einstein. Niemand war genial oder mächtig genug, um dem Vorhof zur Endstation zu entgehen. Chaboute arbeitet mit harten Linien, mit einem Strich, der zu Karikaturen passt. Die Kolorierung ist auf das Nötigste beschränkt. Teilweise fällt sie sogar ganz beiseite, denn die Geister haben selbst ihre Farben verloren. Sie sind weiß.
Eine feine Geschichte. Ein wenig philosophisch, mit leichter Hand gezeichnet. Eine kleine Reise, die den Leser bei der Hand nimmt. Ein Comic mit Botschaft? Ja, auch das. Aber Christophe Chaboute erzählt nur über die Wahrheiten, die sowieso schon jeder kennt. Ungewöhnlich. Gut. Und auch ungewöhnlich gut.
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Dienstag, 13. April 2010
Die Hexen haben wieder zugeschlagen. Die Leiche, die an einen Pfahl gefesselt im Wasser hängt, schaut aus toten Augen gequält zu den Rittern, die sie gefunden haben, auf. Aber die Männer rühren sich noch nicht, um den Leichnam zu bergen, denn sie sind alles andere als überzeugt, dass die Missetäterin schon das Weite gesucht hat. Mit einem bewährten Trick wollen sie ein dafür verantwortliches Untier anlocken. Alle verhalten sich ruhig und warten. Plötzlich geschieht ein Missgeschick. Einem der Männer fällt ein Dolch ins Wasser. Das sich unter der Wasseroberfläche zum Köder hin schlängelnde Monster ändert sogleich die Richtung und greift an.
Hexen hexen nicht nur. Wenn es nach Philippe Delaby und Jean Dufaux geht, sind Hexen gewalttätige, mordlustige, hinterhältige und menschenfressende Monster, die sich mit einer großen Disziplin verstellen können. Autor Jean Dufaux beginnt mit Ritter des verlorenen Landes den zweiten Zyklus um Das verlorene Land. Dieser Umstand fällt allerdings nicht auf. Die Geschichte zieht einen Neueinsteiger sogleich mit hinein. Wer die eine oder andere Ritter-Saga gelesen hat, mag sich vielleicht schneller mitreißen lassen, bei anderen, die sich Mystery in einer handfesten Ritterwelt vorstellen können, sollte sich der Punkt, an dem sie von der Geschichte eingefangen werden, nach wenigen Seiten einstellen.
Hexenjäger! Tapfere Männer sind den dämonischen Frauen auf der Spur, bei denen es sich um alles andere als kräuterkundige Alte handelt. In einer Szene darf der Leser die Helden an einen tiefen Schacht begleiten, der an das unterirdische Gefängnis aus Armee der Finsternis erinnert. Doch: Hier gibt es nichts zu lachen! Gäbe es nicht den sehr starken phantastischen Aspekt in der Geschichte, würden die Bilder einen hervorragenden Ausblick auf das Mittelalter bilden. In einem Land, optisch dem welligen Land Schottlands angenähert, ist das Leben karg. Die Himmel sind häufig verhangen und das Land selbst eher braun als grün.
Die Bilder von Philippe Delaby strahlen eine ähnlich realistische Atmosphäre aus wie die Bilder von Jacques Lamontagne (Die Druiden). Die Qualität des Titelbildes ist hier stellvertretend für den Rest des Albums. (Wenngleich das Titelbild wie in den meisten Fällen noch eine Spur aufwendiger gemalt ist.) Die Gestaltung ist mit einem immensen Aufwand betrieben worden. Körper wie Menschen, Gebäude, Landschaften, Tiere und vieles mehr werden mit extrem feine Außenlinien gezeichnet und mit lasierenden Farbaufträgen mit Volumen gefüllt. Als Ergebnis entstehen sehr leicht anmutende Bilder. Ein jeder Körper ist optimal im Raum platziert und ausgeleuchtet.
Obwohl die Farben so leicht sind, ist der Gesamteindruck der Szenen kräftig. Männer und Frauen sind überaus realistisch gezeichnet und mit ausreichenden Variationen, so dass die einzelnen Charaktere unverwechselbar sind. Hier wurde von Philippe Delaby, Zeichner und Kolorist in einer Person, viel Wert auf Eindeutigkeit der Personen gelegt. Die Männer sind kernig, aber nicht übertrieben im Sinne eines Barbaren-Epos, die Frauen sind hübsch, aber mit Fehlern. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn schließlich handelt es sich hier um Hexen. Gewalttätige und gut aussehende Frauen sind zwar keine Erfindung dieser Geschichte, dafür haben die Ritter des verlorenen Landes mit einigen Überraschungen aufzuwarten, die dieses erzählerische Werkzeug ganz besonders optisch neu einsetzen.
Eine tolle Mischung aus Historiengeschichte und Fantasy-Handlung: Hexenjäger im Mittelalter. Fernab der wahren Begebenheiten um dieses Thema breiten Jean Dufaux und Philippe Delaby ein filmtaugliches Comic-Album vor dem Leser aus. Mysteriös und überaus spannend: Sehr gut.
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Donnerstag, 08. April 2010
Athenais geht es nicht sehr gut. Das Mädchen scheint sich zu verwandeln. Bisher war sie nur mächtig, jetzt wird sie … Keiner weiß es. Es wird machtvoll sein. So viel steht fest. Wer sie jetzt berührt, verbrennt sich. Vielleicht, nach der Verwandlung, wird jener, der sich in ihre Nähe wagt, sterben. Aber, macht das noch einen Unterschied? Die Welt steht nicht am Abgrund. Sie hat bereits mehrere sehr weite Sätze darüber hinaus gemacht. Die Welt befindet sich im Sturzflug, im freien Fall, hin zum endgültigen Aus. Allerdings ist da noch ein Mann, der das Blatt wenden könnte. So unwahrscheinlich diese Annahme auch klingen mag. Der Name dieses Mannes lautet Jack Stanton. Und er kann diese Annahme selbst nicht glauben.
New York ist die Hölle! Einige mögen das heutige New York oder wenigstens das New York der 70er dafür halten, hier allerdings ist es das apokalyptische New York von Mathieu Lauffray, der seinen ungewollten Helden Jack Stanton quer durch die zerstörte Stadt schickt. Wir erinnern uns: Stanton fand etwas sehr altes, das er nicht hätte finden sollen, schrieb darüber und öffnete mit seinem Verhalten der Hölle auf Erden Tür und Tor. Und so ganz langsam dämmert es Jack, dass er die Schuld an diesem unsäglichen Leid trägt.
Aber Jack ist noch etwas anderes: Ein Prophet. Jedenfalls halten ihn die wenigen Überlebenden, auf die Jack traf, dafür. Jack selbst glaubt nicht daran. Er lässt sich treiben, versinkt in Selbstmitleid. Doch Mathieu Lauffray, der das Szenario nicht nur geschrieben, sondern auch gezeichnet hat, lässt Jack keine Zeit dafür. Lauffray hat sich einige Besonderheiten für diese Postapokalypse einfallen lassen.
Ghosts! Geisterhaft ja, aber beileibe nicht so wohl gesonnenen wie es ein Patrick Swayze seinerzeit war. Und nicht nur das: Mit dem Heuler hat Mathieu Lauffray ein unheimliches Wesen hinzu erfunden, das den Unheimlichkeitsfaktor um noch einige Stufen in die Höhe schraubt. Insgesamt schafft Lauffray mit seinem Design der Dämonen und Titanen, Dämonen, größer als Wolkenkratzer, eine Umgebung, die ein starkes Leinwandgefühl besitzt. Wer schon einmal Designvorlagen für phantastische Kinostreifen gesehen hat, wird hier einen ähnlichen Effekt erleben. Auch lassen sich leicht Parallelen zur Optik eines Storyboards herstellen.
Aus diesem Grund, der absolut filmischen Erzählweise, jagt die Handlung voran. Der Blick rast auf die fremden Geschöpfe zu oder sieht sich einem Überblick gegenüber, den sich ein Roland Emmerich für einen seiner Katastrophenfilme ausgedacht haben könnte. Bei allen technischen Parallelen hat Mathieu Lauffray hier aber seine ganz eigene Geschichte kreiert. Denn der Einfallsreichtum, der als Basis der Handlung zugrunde liegt und für ständig neue Überraschungen sorgt, ist sehr gut. Der Heuler, ein Wesen, das zwar optisch einzuordnen ist, dem aber ansonsten sämtliche Vergleichsmöglichkeiten fehlen, besticht durch seine Präsenz, sein langsames und unaufhaltsames Vorwärtsschreiten. Das ist, neben vielen anderen Geschehnissen, perfekter Grusel.
Die Strichtechnik ist weiterhin klassisch, mit feinen bis groben Tuschestrichen ausgeführt. Schwarz wird großzügig eingesetzt, Farben werden verhalten aufgetragen und dienen eher einer atmosphärischen Stütze als zur genauen Wiedergabe der Wirklichkeit. Auch diese Technik ist filmisch. Es reduziert, bringt auf den Punkt und wird, vergleicht man die einzelnen Seiten, sehr sorgfältig auf jede Szene abgestimmt.
Für Freunde des Phantastischen und des Horrors eine große Empfehlung. Hier findet Action wohl dosiert statt, eine Handlung steht im Vordergrund. Es ist mysteriös, überraschend und spannend. Kommende Publikationen in diesem Genre haben sich an dieser Geschichte zu messen.
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Donnerstag, 01. April 2010
Einkaufen ist nach dem Fall der Welt etwas anders aus. Leise sein, schnell sein, den Weg frei schießen. Das ist Einkaufen. Und natürlich muss das Glück einem hold sein: Die gefundene Nahrung muss auch noch genießbar sein. Es ist Routine in die täglichen Verrichtungen auf der langen und beschwerlichen Reise eingekehrt. Sergeant Abraham Ford hat das Kommando übernommen. Zu gehorchen ist wichtig, niemand darf aus der Reihe tanzen. Der Sergeant liegt nicht so falsch mit seiner Taktik. Aber es kommt der Tag, da er beinahe einen großen Fehler begeht.
Etwas Hoffnung, aber kein Glück. Dafür eine Menge Schwierigkeiten. Nun hat in einer Welt, in der die Toten auf Erden wandeln, das Wort Schwierigkeiten eine vollkommen neue Bedeutung. Hat das Leben in dieser Welt überhaupt noch einen Sinn? Zwar haben sich einige Überlebende zusammengefunden, um einen neuen Weg aus dieser Misere zu finden, doch dieser Weg wird kein leichter sein (kleiner Scherz). Möglicherweise gibt es eine Art Gegenmittel, wenigstens eine Theorie über den Ursprung der Epidemie, doch darüber lässt uns der maßgebliche Charakter der Geschichte bislang im Dunkeln. Und Robert Kirkman, der Autor, auch.
Robert Kirkman, der Erzähler und Erfinder der Geschichte, darf sich, glaubt man den Meldungen, in diesen Tagen freuen. The Walking Dead findet nämlich auch einen Weg und zwar ins Fernsehen. Mit der 10. Folge verfolgt Kirkman im Comic den neu eingeschlagenen Weg nach dem Niedergang der kleinen Siedlung in einem ehemaligen Gefängnis weiter. An diesem Punkt existiert die Möglichkeit eines Neueinstiegs. Da viele Brücken sprichwörtlich hinter den Protagonisten abgebrochen sind, sind Vorkenntnisse nur noch begrenzt erforderlich. Wer sich allerdings von der hier vorherrschenden Spannung einfangen lässt, wird höchstwahrscheinlich auf die ersten neun Folgen nicht mehr verzichten wollen.
In The Walking Dead wird der Überlebenskampf einiger weniger Menschen in einer von Zombies überrannten Welt beschrieben. Zuerst gab es einen gewissen Enthusiasmus. Jetzt wendet sich das Blatt. Kirkman lässt seine Helden müde werden, auch lebensmüde. Inmitten ständiger Bedrohung und fortwährenden Leides geht einigen jeder Mut und jede Hoffnung verloren. Einige werden von ihren inneren Dämonen heimgesucht, bei anderen offenbaren sich Charakterzüge, die besser im Verborgenen bleiben. Das Dunkle in der Geschichte gewinnt mit dem zehnten Band eine neue Qualität.
Charlie Adlard, Nachfolgezeichner von Tony Moore, ist mit der Serie und an ihr gewachsen. Seine Bilder wirken gereifter, lebendiger, vielleicht auch, weil er die einzelnen Figuren bestimmt schon im Schlaf zeichnen kann. Dabei sind inzwischen mehr Charaktere wieder verschwunden, als überlebt haben. Rick Grimes ist optisch immer mehr zerfallen. In einigen Großaufnahmen nähert sich der Leser ihm an, beobachtet ihn und rückt doch von ihm ab, denn es fällt schwer Grimes als Sympathiefigur zu begreifen. In langen und vielen Kämpfen ist den Menschen ihre Menschlichkeit abhanden gekommen, ist das endgültige Vernichten zur Fingerübung geworden. Deshalb ist das vorliegende Titelbild mit einem blutverschmierten Grimes, einhändig angreifend, mit von Wut verzerrtem Gesicht die heimliche (optische) Überschrift der neuen Handlung.
Neben Angriffen von Untoten gestaltet Adlard auch den Angriff menschlicher Ungeheuer, der weitaus grausamer wirkt als eine spätere Überraschung, die Kirkman eingebaut hat, um zu verdeutlichen, woher die Reihe ihren Namen hat. Weiterhin ist die Serie in Graustufen koloriert. Das nimmt ein wenig den Schock aus den Bildern, aber eben nicht sehr, denn ebenso wie bei Frank Millers Sin City das Blut in Wei daherkommt, so ist auch hier jedem bewusst, welche Farbe dieser oder jene Blutstoß, jene Wunde oder Fontäne wirklich haben.
Spannung und Hoffnungslosigkeit. Zwar gibt es eine neue Spur, doch mittlerweile sind die Figuren an einem Punkt angelangt, an dem ihnen das egal geworden zu sein scheint. Kirkman erzählt wie gewohnt gut, konsequent und zügig. Adlard ist aus der Reihe nicht mehr wegzudenken.
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