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Comic Blog


Montag, 25. Juli 2016

GIL ST. ANDRE – Gesamtausgabe – Zyklus 1

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 17:30

GIL ST. ANDRE - Gesamtausgabe - Zyklus 1In einer Villengegend in Lyon bereitet sich eine junge Familie, ein Ehepaar und die kleine Tochter, auf einen gemütlichen Abend vor. Gäste werden erwartet. Leider sind für das geplante Abendessen noch nicht sämtliche Zutaten vorhanden. Sylvia St. Andre macht sich auf den kurzen Weg, um schnell das Benötigte einzukaufen. Der Abend schreitet voran, doch die Frau kehrt nicht zurück. Gil St. Andre denkt sich zunächst nichts dabei. Eine schlichte Verzögerung, nichts weiter. Aber je später es wird, desto mehr macht er sich Sorgen, fragt beim Lebensmittelhändler nach. Dieser hat Gils Ehefrau nicht gesehen. Am nächsten Tag ist Sylvia immer noch nicht wieder da. Gil wendet sich notgedrungen an die Polizei. Dort nimmt man seine Anzeige nicht allzu ernst …

Eine Dame verschwindet. Die Ausgangssituation dieses Thrillers ist denkbar einfach. Die Lösung für den titelgebenden Gil St. Andre ist weitaus schwieriger, nervenaufreibender und brandgefährlich. Der in dieser Gesamtausgabe 1. Zyklus des Titelhelden versammelt fünf Einzelbände, während derer der Entführungsfall, so viel darf verraten sein, abgehandelt wird. Den Auftakt der Geschichte schreibt und zeichnet Jean-Charles Kraehn fast allein, bei den Hintergrundzeichnungen holt er sich anfangs noch Unterstützung. Der Beginn ist klassisch und birgt stets ein gutes Ausgangsszenario, dessen weitere Entwicklung völlig offen ist. Jean-Charles Kraehn, da zeigt sich schnell, schöpft die Möglichkeiten einer Entführungsgeschichte voll aus.

Die Spur muss erst einmal gefunden werden und lässt, auch seitens des Lesers, der mehr als GIL ST. ANDRE weiß, was sich im Hintergrund abspielt, Schlimmstes für Sylvia befürchten. Jean-Charles Kraehn lässt seinen Helden, einen erfolgreichen jungen Mann, anfangs ziemlich allein auf die Jagd gehen. Mit Arroganz und Zynismus hält sich Gil St. Andre andere Menschen vom Leib, außer seine engste Familie, der er liebevoll begegnet und für die er alles zu geben bereit ist. So gibt er auch nach diversen Rückschlägen, auch Anschlägen auf sein Leben, die Suche nicht auf. Wie St. Andre anfänglich sich hauptsächlich durch seine große Klappe auszeichnet und später über sich hinaus wächst, ist anschaulich, nachvollziehbar und von einer französischen Thrillerspannung, die auch hier ohne Übertreibungen, höchst realistisch aufgebaut wird.

In der Haken schlagenden Handlung, die später in eine völlig andere Richtung steuert, als anfangs durch den Leser anzunehmen, wird Realismus groß geschrieben, genauer gesagt, gezeichnet. Erhält Jean-Charles Kraehn anfangs noch bei den Hintergründen Verstärkung (Dominique Drillet), greift im zweiten der hier versammelten Alben bereits Sylvain Vallee auf zehn Seiten ein, bevor er in der Folge die grafische Arbeit vollends übernimmt und die von Kraehn vorgegebene Stilistik beibehält. Freunde von Comic-Künstlern wie einem späten Hermann, Philippe Francq oder Marc Bourgne werden an den Zeichnungen ihre Freude haben.

Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Akte (bzw. Alben) macht auch den Reiz dieses Thrillers aus. Es beginnt in der Beschaulichkeit von Lyon, in der heilen Welt, wechselt in einen Kriminalfall, hinein ins Milieu, die Welt der erfahrenen und deshalb reichlich zynischen Kriminalistik. Die Schweiz, mit einem internationalen Saubermann-Image versehen, wird hier zum Gipfelpunkt der Thrillerhandlung, zu Lande, in der Luft und sogar im Wasser. GIL ST. ANDRE findet sich wenig gewollt und wenig erfahren in einer brutalen Action wieder, die seinen Tod zur Folge haben könnte. Das ist virtuos inszeniert, im geringsten Falle im Sinne einer starken Fernsehserienoptik.

Das Titelbild verrät es. Gil St. Andre macht sich allein auf den Weg, bestreitet den Fall aber auf Dauer nicht solo. An seiner Seite agieren die junge Polizisten Djida (die eine Schwäche für Gil entwickelt) und später der gestandene Polizist Fourrier, der wie eine Comicversion des kantigen Schauspielers Lino Ventura daher kommt. Gerade letzterer bringt einen bärbeißigen Humor in die Geschichte ein, etwas altmodisch, sehr hartnäckig und sofort eine Paradefigur für einen neuen Tatort-Ableger.

GIL ST. ANDRE hat alles, was ein guter Comic-Thriller – oder auch medienübergreifend Thriller überhaupt – braucht. Eine greifbare, stark skizzierte Hauptfigur, gelungene Mitstreiter und Nebenfiguren, knackige Rätsel, auf der prima Action aufsetzt, Fieslinge jedweder Couleur, auch jene Sorte, die nicht direkt als Halunke erkennbar sind. Die mehrheitliche Übergabe des Zeichenstifts von Jean-Charles Kraehn an Sylvain Vallee stellt einen Glücksgriff für das Gesamtwerk dar. Krimifans und Thrillerfreunde können bedenkenlos zugreifen. :-)

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Mittwoch, 20. Juli 2016

DRIFTER 2 – DIE WACHE

Abgelegt unter: SciFi — Michael um 10:46

DRIFTER - Band 2 - DIE WACHEGrößer als Pferde sind diese geflügelten Lebewesen. Auf der dunklen Seite des Planeten hat sich das Leben anders entwickelt und andere Nischen erobert. Schneeweiße Flugechsen fliegen in dichten Schwärmen durch diese dunkle, mit Leuchtpunkten durchsäte Welt. Für die kleine Mannschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Ersatzteile für ihre Kolonie in dieser schaurigen Umgebung zu besorgen, entwickelt sich die Mission langsam aber sicher zu einem lebendig gewordenen Alptraum. Selbst das abgestürzte Raumschiff, das Ziel ihrer Bemühungen, vermag an einer vage hoffnungslosen Stimmung kaum etwas zu ändern.

Ouro ist ein Planet, auf dem man überlebt. Sonst nichts. Ein schlechtes Gewissen um vielleicht zu Unrecht vergossenes Blut, fälschlich getötete Menschen nagt auch hier an den, genauer, an der Gesetzeshüterin. In ihrer Ohnmacht über das Geschehene ist sie allzu gern zur Buße bereit, nur sind die Gelegenheiten für derlei Wünsche selten. Wo man überlebt und eben sonst nichts, ist das Mitgefühl eine teure Angelegenheit. Aber, wie es sich zeigt, können Gelegenheiten auch erzwungen werden. Ivan Brandon, der Autor, lässt den weiblichen Sheriff den Wunsch nach Buße auf zweierlei Weise ausleben. Das ist gleichermaßen verständlich wie auch dramatisch und sorgt für eine Menge Schmerzen.

Ivan Brandon erzählt eine Science Fiction Geschichte über ausgebrannte Typen auf einem Planeten im hintersten Winkel der Galaxis. Wenn es irgendwo ein helles Zentrum des Universums gibt, dann sind die Leute, die auf Ouro leben, am weitesten davon entfernt. Vermittelte bereits der erste Teil diesen Eindruck, wird diese Atmosphäre der Verlorenheit, der Sackgasse, der total depressiven Stimmung noch einmal um ein Vielfaches verstärkt. Auf einfache Fragen gibt es keine einfachen Antworten, meist nur unbeantwortbare Rätsel. Abram Pollux, der Hauptdarsteller dieses Dramas, der sowieso nicht genau weiß, warum er ausgerechnet auf diesen Planeten gestürzt ist, vermehrt auf diese Weise seine Frustration.

Nicht frustriert sein, muss der Leser, der hier eine SciFi-Story in die Finger bekommt, die so wirkt, als hätten ein David Lynch und ein früher Steven Spielberg Hand in Hand gearbeitet. Ivan Brandon und Grafiker Nic Klein sind wie ein comicales Gegenstück dieser beiden Kinogrößen. In zwei gegensätzlichen Schauplätzen inszenieren die beiden Comic-Macher ihre Geschichte. Die kleine Stadt, das Schicksal des weiblichen Sheriffs ist eher konventioneller Natur. Angesiedelt zwischen Mos Eisley und Tombstone ist diese Ortschaft eine Wüstenei, in der man in einer Spelunke besser aufgehoben ist, als draußen auf den staubigen Straßen, denn hier hat man wenigstens beim Warten Gesellschaft. Warten worauf? Eigentlich auf nichts. Und so stauen sich die Emotionen auf, die sich in Schlägereien entladen, für die wiederum ein Sheriff gebraucht wird.

Ivan Brandon zeigt, wie nötig einerseits die körperliche Auseinandersetzung ist (die selbst derjenige, der den Streit vom Zaun bricht, nicht so recht will), andererseits, wie das darauf folgende Prozedere die Akteure wieder zusammenschweißt. Ob sie wollen oder nicht. Denn auch das ist klar: Man kann sich in dieser Ortschaft unmöglich aus dem Weg gehen. Nic Klein verleiht den beiden Streithähnen durch seine Charakterzeichnungen große Authentizität. Man will dem Sheriff gerne die innere Zerrissenheit glauben. Hier ist auch das Western-Feeling am häufigsten zu spüren.

Die sehr individuellen Figuren und die gemäldeartige Kolorierung sind in diesem Teil der Erzählung bereits stark, entfalten aber erst auf der dunklen Seite des Planeten ihre wirklich außergewöhnliche Wirkung, für die Nic Klein alle Register ziehen kann. Hier ist atmosphärisch nicht nur Lynch-Zeit, hier werden sich auch alle wiederfinden, die den Düster-Look von ALIENS mochten, vielleicht noch gepaart mit der greifbaren Bedrohlichkeit der aktuellen Gruselfilmwelle.

Ein sehr dichtes, sehr starkes Stück Science-Fiction-Western-Au?erirdischen-Drama, das sich dank einer herausragenden grafischen Gestaltung nicht nur mit SciFi-Stories innerhalb seines Mediums messen kann. Top-Arbeit von Comic-Künstler Nic Klein! :-)

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Dienstag, 19. Juli 2016

Dein Verbrechen

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 11:00

Dein VerbrechenEin Besuch bringt das geordnete Leben des Thomas Wentworth durcheinander. Wentworth hatte sich mit der Einsamkeit im australischen Outback arrangiert. Schafe zu züchten und den Zug der Wolken zu beobachten, schienen die wichtigsten Beschäftigungen in diesem Landstrich geworden zu sein und würde es auch auf lange Sicht bleiben. Alte Zeitungsartikel ändern diese Vorausschau. Denn plötzlich wird aus Thomas Wentworth wieder Greg Hopper, jener Mann, der vor zig Jahren beschuldigt wurde, ein Frauenmörder zu sein. Aber war er es wirklich? Oder wusste er sich nicht anders zu helfen, als zu fliehen, weil alle Hinweise und Indizien gegen ihn sprachen? Jemand anderes hat nun den Mord gestanden und Greg Hopper kann endlich die Wildnis verlassen.

Die 1970er Jahre stehen noch an ihrem Anfang, die 1960er klingen aus. Hippies sind noch kein Thema. Und in Dubbo City, einer sehr kleinen Stadt auf dem australischen Kontinent – wer weiß, ob sie da jemals ankommen werden. In dieser verschlafenen Stimmung breitet sich eine Nachricht aus. Jemand gesteht einen Mord. Allerdings wird in diesem Fall bereits seit 27 Jahren nach einem ganz anderen Mann gefahndet. Autor Zidrou beleuchtet einen Kriminalfall einmal aus einem anderen Blickwinkel. Und der Leser muss sich einer fortwährenden Frage stellen: Ist der Mann, der seit 27 Jahren auf der Flucht war nun ein Mörder oder nicht? Ist er allenfalls eine gequälte Seele, jemand mit einem sehr schlechten Gewissen? Keine Fragen, die hier beantwortet werden sollen. Aber Zidrou stellt noch weitere Fragen. Zum Beispiel: Was macht ein prominenter Mordfall aus einer Kleinstadt?

Wut kann, über einen längeren Zeitraum genährt, zu einem starken Antrieb werden. Eine kühle Zurückhaltung entlädt sich plötzlich auf die eine oder andere Art und verändert Leben. Und beendet sie. Autor Zidrou beschreibt hier eine Art Ästhetik des Verbrechens, nicht im Sinne von Schönheit, sondern von Strukturen, die bei Menschen auftreten, die ihre Verrohung angesichts einer Tat erkennen, sich ihr stellen, dagegen auftreten oder sie als Teil akzeptieren. Das Titelbild von Philippe Berthet spricht Bände. Ein weißes Lamm leckt Blut aus der Wunde einer jungen, optisch attraktiven Frau.

Greg Hopper kehrt in seine Heimatstadt zurück. Nachdem sein Bruder die Tat gestanden hat, für die er verfolgt worden ist, kann er unbehelligt auf den Straßen flanieren. In den Kinos läuft gerade Love Story mit Ryan O’Neal und Ali MacGraw, eine Liebesgeschichte, so grundverschieden von der, die hier immer noch im Hintergrund wirkt. Solche Bilder, kleine Vergleiche, sind wie Stiche in die Aufmerksamkeit des Lesers. Zidrou mag dergleichen Hinweise und streut sie, mal offen, mal verdeckt oder am Rand, in die Handlung ein. Man kann sich auf diese Anspielungen einlassen, muss es aber nicht. Wer es macht, hat definitiv mehr Spaß an der Geschichte.

Philippe Berthet zeichnet mit seinem sehr klaren und kühlen Strich die Fassade der Menschen aus Dubbo City. Philippe Berthet ist einer jener Comic-Künstler, die genau am rechten Fleck sind, wenn es darum geht, eine bedrohlich kalte Atmosphäre zu schaffen. Das gelang ihm bereits im Thriller PERICO, aber auch im humoristisch angehauchten Kriegsabenteuer POISON IVY. Gerade im Thriller gelingt die Optik einer vergangenen Hollywood-Zeit, herausgerissen aus dem Schwarzweißen in das Bunte. Schöne Menschen wie die beiden Hauptdarsteller, der Vielleicht-Mörder und die Zweifellos-Tote, stehen im Mittelpunkt und werden gerade deshalb zum Ziel. Schönheit wird gerne auf die eine oder andere Art zerstört, so auch hier.

Eine sehr schöne Einleitung. Vom Paradies in die Kleinstadthölle. Im Outback herrscht Einsamkeit, nicht unbedingt Gewaltlosigkeit. Aber ohne weitere Menschen vor Ort gibt es immerhin eine Art Frieden, der nur durch Dingos und die Auseinandersetzungen von Schafsböcke untereinander durchbrochen wird. Wolken zu beobachten sorgt für Kurzweil, richtige Abwechslung bringt nur der monatliche Besuch eines Lieferanten mit den erkalteten Nachrichten der letzten Wochen. Wen kümmert es, dass zwei Menschen auf dem Mond gelaufen sind? Im klaren Ausdruck zeigt Philippe Berthet die Ursprünglichkeit und die Schönheit dieses Einsiedlerlebens. Gerade hier finden sich tolle Bildsubtexte, die das grundlegende Gefühl für den Einstieg in die Handlung vermitteln.

Ein Mordfall einmal in einer seltenen Erzählweise, atmosphärisch wie ein 1950er-Krimi, keine Stadt in Angst, aber eine Stadt im Widerstreit der Gefühle, so präsentiert Szenarist Zidrou sein Verbrechen mit Hilfe der präzisen Zeichenfeder von Philippe Berthet. Sehr gut. :-)

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Donnerstag, 07. Juli 2016

HAUTEVILLE HOUSE 13 – DER OBSIDIANISCHE ORDEN

Abgelegt unter: SciFi — Michael um 10:00

HAUTEVILLE HOUSE 13 - DER OBSIDIANISCHE ORDENÜber dem Rio Grande, an der Grenze von Texas und Mexiko befinden sich die Agentin Zelda und ihre Gefährten alles andere als in einer sicheren Situation. Das Luftschiff gehört Piraten. Zeldas Charme, sparsam eingesetzt, aber doch sehr überzeugend, bringt den Kapitän dazu, sich auf ein Geschäft einzulassen. Die Agenten Zelda und Gavroche erfahren kurz darauf von ihrem Freund, dem Archäologen Charnay, wie sich die Pest innerhalb der Nordstaaten ausbreiten und den Südstaaten während des Bürgerkriegs einen fürchterlichen Vorteil verschaffen konnte. Das Wissen indes um diesen geheimen Plan lässt die Katastrophe nicht ungeschehen machen. Es verbreitet allerdings Unbehagen, denn es scheint nur der erste Stein in einer Kette von umwälzenden Plänen gewesen zu sein …

Inzwischen lässt sich bei HAUTEVILLE HOUSE mit Fug und Recht von einer Saga sprechen. Eigentlich hätte diese von Fred Duval entworfene Welt längst ein kleines Lexikon, eine Übersicht von Personen und Orten verdient. Darauf muss der Leser leider verzichten, dafür präsentiert Autor Fred Duval eine kleine Rückschau, die sehr schön die Hintergründe dieser Serie beleuchtet. In der Mischung aus Steampunk, Science Fiction, Alternativweltgeschichte, Thriller und Horrorszenario haben sich ein paar zentrale Handlungsfäden ergeben, die zum Verständnis der Reihe unabdingbar geworden sind und ruhig einer Zusammenfassung bedürfen und die auch für den Stammleser nicht verschwendet ist.

DER OBSIDIANISCHE ORDEN, eine Geheimorganisation, die zurückreicht bis in die Zeit vor Christi Geburt, wird für die Helden von HAUTEVILLE HOUSE zu einem neu gelüfteten Mysterium. Mehr soll nicht verraten werden, jegliche Phantastik-Freunde haben bestimmt ihre helle Freude an diesen Enthüllungen, die mit einer tollen Fantasie erzählt werden. Das Titelbild gibt darüber Auskunft, was der Orden über die Jahrhunderte hinweg bewacht hat. Das mag ein wenig an Stargate erinnern, aber Portale sind keine Erfindung von Roland Emmerich. Weiterhin geht es im Gesamtzusammenhang der Serie um Werkzeuge, die ihren Besitzern zu mehr Macht verhelfen und die Portale sind nur eines der Mittel dazu.

Luftschiff-Action: Was den Piraten und Seeleuten früherer Zeiten die großen Segelschiffe waren, sind in dieser Serie die Luftschiffe als Herrscher über die Weiten des Himmels. Der Zeichner der Serie, Thierry Gioux, gestaltet in seinem zerbrechlich wirkenden Zeichenstil Schlachten, die so in anderen Comics nicht zu finden sind. Kanonen donnern, Flugmanöver imitieren Seeschlachten, Truppen werden abgesetzt. Ein Treffer mündet schnell in einer Katastrophe, hier nicht einfach nur gesunken, hier wird abgestürzt.

Steampunk muss hier etwas kürzer treten. Der Stammleser wird Material wiedererkennen, aber es wird sparsam eingesetzt. Fred Duval setzt sehr viel mehr auf Aufklärung, zusätzliche Informationen und Intrigen. Das ist mit dem langen Atem angelegt, den Serienfans in den letzten Jahren lieben gelernt haben. Ein verschlungener roter Faden, mit sehr viel Weitblick gesponnen, schlägt hier neuerliche Haken und richtet sich gegen Ende sogar komplett neu aus.

Die Überraschung in Serie geht weiter. Fred Duval und Zhierry Gioux lassen keiner Langeweile aufkommen. Erzählerische Finessen und grafische Leckerbissen sind hier etabliert und liefern beste Abenteuerunterhaltung mit diversen Genreeinsprengseln. Das ist weiterhin rundum gelungen. :-)

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Samstag, 02. Juli 2016

BUDDY LONGWAY – Gesamtausgabe 4

Abgelegt unter: Abenteuer — Michael um 17:44

BUDDY LONGWAY - Gesamtausgabe 4 - Ein beschwerlicher WegChinook. Ein ganz besonderer Wind, dicht und dunkel, geheimnisvoll, beinahe wütend. Nicht nur Buddy Longway gerät in diesen seltsamen Sturm. Auch ein Auswandererehepaar verschlägt es mit ihrem Planwagen in dieses merkwürdige Naturereignis und macht prompt eine mysteriöse Entdeckung. Die Entdeckung bildet den Auftakt weitreichender Ereignisse, während derer nicht nur die Bekanntschaft neuer Freunde macht, sondern sich auch einstige Freundschaften umkehren, freilich nicht durch Buddys Schuld. Die Zustände haben sich arg geändert. Die Armee nimmt sich, was sie will, die indianischen Ureinwohner verlieren immer mehr. Konflikte sind unausweichlich und keine Alternative mehr. In die Ecke gedrängt wird Verzweiflung der Antrieb, der die Sioux in den Aufstand zwingt.

Ein langer, spannender Wegesabschnitt, der zu einem lange ersehnten Ziel führt. Die hier abgedruckten vier ehemaligen Einzelabenteuer sind vielmehr Akte eines großen Handlungsbogens, der von Autor, Zeichner und Kolorist DERIB geschickt miteinander verwoben werden. Der wilde Wind, Der Schwarzrock, Hooka-Hey und Die letzte Prüfung bieten nicht nur ein starkes Stück Gegenwart des BUDDY LONGWAY, sie führen den Leser auch in dessen Vergangenheit, in die nahegelegene einer wunderbaren Ehe und Familie wie auch einer längst fernen Kindheit an die Seite des Vaters und die Hoffnung auf ein besseres Leben in einem unbekannten Land.

Und mehr noch: BUDDY LONGWAY erfährt von seiner Herkunft und bemerkt erst jetzt, wie tief die Verbundenheit mit diesem Land reicht, dass Wurzeln existierten, von denen er nicht einmal eine Ahnung hatte. EIN BESCHWERLICHER WEG lautet der zusammenfassende Titel der vierten Gesamtausgabe und hätte kaum treffender formuliert sein können. Denn BUDDY LONGWAY befindet sich auf zweierlei Spuren. Einerseits ist er weiterhin auf der Suche nach seiner Frau und seiner Tochter, andererseits beschreitet er auch einen Weg tief ins Innere seiner Selbst. Die Verbundenheit, die er mit Natur, Land und Menschen entwickelt hat, wurde von DERIB selten eindringlicher gezeigt.

Diese Verbundenheit kehrt DERIB aber auch noch an anderen Stellen heraus, weshalb gerade diese Lehre für den Comic-Künstler sehr wichtig gewesen sein muss. Aber er zeigt auch die Grenzen dieser Lehre auf. Weil manche Menschen wollen einfach nicht lernen. Auf beiden Seiten. Zuerst sind es ein Siedlerehepaar, das Missverständnisse über die amerikanischen Ureinwohner auszuräumen lernt. Im Verlauf kommt ein Schwarzrock hinzu. Der Priester sieht, dass sein christlicher Glaube ihm nicht jede Frage beantwortet und im Zusammenleben der Indianer und ihrer Spiritualit?t weitere Antworten verborgen sein können.

Grafisch ist DERIB hier auf dem Höhepunkt seines Könnens. Er beherrscht die individuellen Charaktere, die er gerne auch der Realität entnimmt. Er zeichnet ein Land und seine Menschen mit Bravour, wie ein Gerichtszeichner, der sieht, was er malt. Vielleicht mag BUDDY LONGWAY mittlerweile vor dem inneren Auge agieren sehen. Vielleicht ist diese Theorie richtig, denn er lässt für den Leser sogar einen Erinnerungsfaden vor einem inneren Auge, BUDDY LONGWAYS nämlich, auferstehen und er macht dies in einer äußerst liebevollen, sehr verdichteten Weise, so dass eine schöne Kurzgeschichte in einem Abenteuer entsteht. In beidem, in der langen wie auch der kurzen Erzählung, kann er den großen amerikanischen Erzählern auf Augenhöhe begegnen.

Durchaus könnte ein Leser hier in die Geschichte einsteigen, da BUDDY LONGWAY sehr viel aus seiner Familiengeschichte preisgibt, andererseits findet sich auch ein vorläufiges Etappenziel, das noch einmal mehr Freude beim Lesen bereitet, wenn die bisherige Strecke hierhin bekannt ist. DERIB zeigt, wie stark er in der ernsthaften Comic-Erzählung ist und gleichzeitig, was Comic für erwachsene Leser wie auch für Heranwachsende zu leisten vermag. Melancholisch, nostalgisch, einfühlsam, geheimnisvoll und spannend, dramatisch allemal, präsentiert sich hier einer der besten Comic-Western überhaupt. Ganz, ganz toll! :-)

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Dienstag, 28. Juni 2016

WE STAND ON GUARD

Abgelegt unter: SciFi — Michael um 16:58

WE STAND ON GUARDDie Vereinigten Staaten von Amerika verfügen über keine Wasservorräte mehr. Kurzerhand wird das Nachbarland Kanada überfallen. Dort ist das so wichtige Grundnahrungsmittel noch in Hülle und Fülle vorhanden. Kanada, das den technisch hoch gezüchteten Truppen der USA nichts entgegenzusetzen hat, flüchtet sich mit einigen wenigen Kämpfern in einen Guerillakrieg. Eine junge Frau, Amber, hat bei dem Angriff der Vereinigten Staaten vor Jahren ihre Eltern verloren. Nun findet sie durch den Anschluss an eine Guerillaeinheit endlich die Möglichkeit, sich zu rächen. Wer nichts mehr zu verlieren hat, wer instinktiv weiß, dass der Kampf sowieso verloren ist, ganz gleich, wie sehr er sich anstrengen wird, wird am Ende ohne zu zögern sein Leben in die Waagschale werfen.

Brian K. Vaughan zieht als Grundlage seines SciFi-Thrillers einen uralten Plan der amerikanischen Streitkräfte heran, der tatsächlich mit den Möglichkeiten einer Invasion in Kanada spielte. Damals gedacht als Präventivmaßnahme gegen Angriffe von Großbritannien, ist die Invasion Kanadas hier eine Notwendigkeit für die US-Amerikaner, um die eigenen Ländereien zu schützen. Um den Kriegsplänen Vorschub zu leisten, hat sich Brian K. Vaughan einen fingierten Überfall Kanadas auf das Weiße Haus ausgedacht, um so einen Gegenschlag der Vereinigten Staaten zu rechtfertigen. Dergleichen Finten sind aus dem Zweiten Weltkrieg durchaus bekannt.

Das große Ganze wird in der Handlung von WE STAND ON GUARD eher am Rande gestreift. Brian K. Vaughan konzentriert sich auf eine kanadische Widerstandseinheit und die Bemühungen des amerikanischen Militärs ihrer habhaft zu werden. Der Titel ist einer Zeile der kanadischen Nationalhymne entnommen. Eine Handvoll Leute unterschiedlicher Herkunft steht Wache und vergeltet nach biblischem Maß, nachdem zuvor im Jahre 2112 amerikanische Raketen über Ontario niedergegangen sind und die Stadt in die Steinzeit zurückgebombt haben. 2124 schlägt sich eine Überlebende dieses Bombardements im verschneiten Yellowknife-Gebiet durch und wird von Widerständlern entdeckt.

Technisch perfekte Zeichnungen von Steven Skroce erschaffen eine Welt, die bekannt wirkt und durch ihre Eigenarten dennoch abrückt. Steven Skroce zeigt einen gut durchdachten Hundertjahressprung, ähnlich wie sich unser Jahrzehnt von dem vor einhundert Jahren abhebt. Der Comic-Künstler an der Seite von Brian K. Vaughan war an den Storyboards so bekannter Filmproduktionen wie The Matrix, V wie Vendetta oder I, Robot beteiligt. Die dort zelebrierte Exaktheit überträgt er nahtlos in das Comic-Medium. Körper, Haltungen sind beinahe als Skulpturenvorlagen verwendbar und mit feinem Auge auf die jeweilige Szene abgestimmt. Das Design der einzelnen Figuren passt wunderbar zur Funktion der Charaktere in der Handlung.

Zukunft bedeutet auch eine besondere Sicht auf die Technik. Was könnte in einhundert Jahren möglich sein? Natürlich hat sich die Kriegsmaschinerie weiterentwickelt. Größer, gewaltiger, effektiver ist sie geworden. Menschen werden eingesetzt, aber sie sitzen zuweilen hinter dem Steuer solcher Giganten, dass ein Mechwarrior blass vor Neid werden würde. Die Folter hat sich essentiell verändert, denn der Gefolterte kann unter seinen Qualen kaum noch sterben. Gedankenmanipulation lautet das Zauberwort. Jedwede geistige Vorstellung ist möglich. Ärzte kontrollieren außerhalb, in der Realität, den Gesundheitszustand des Gefangenen. Steven Skroce erhält viele Gelegenheiten insbesondere Militärtechnik zu zeichnen. Faszinierend allerdings sind auch die eher am Rande gezeigten zivilen Hightech-Spielereien.

Ein durchdachter SciFi-Thriller, stark gestaltet, thematisch sicherlich kontrovers, optisch mitunter hart, brutal, abgeschlossen erzählt. Auch Fans von Military-SF kommen hier auf ihre Kosten. Brian K. Vaughan und Steven Skroce bilden ein gutes Team. :-)

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Sonntag, 26. Juni 2016

PUNISHER – DAS ERSTE JAHR

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 20:32

PUNISHER - DAS ERSTE JAHREin Massaker. Ein Mann hängt kopfüber an einen Baumstamm gefesselt in einem öffentlichen Park. Die kleine Familie, Vater, Mutter und zwei Töchter, nahebei im Gras liegend, wollte anscheinend picknicken. Eine Thermoskanne liegt umgestoßen auf dem Boden. Ein kleiner Flugdrachen liegt abgestürzt auf Mutter und Kind. Für die Polizisten, die am Tatort ermitteln ist es ein grauenhafter Anblick, dennoch einer, der zu ihrem Alltag gehört. Tote sind in New York keine Seltenheit. Die Leichen werden zum Abtransport vorbereitet und in schwarze Säcke verpackt. In diese furchtbare Routine hinein erwacht einer der vermeintlich Toten plötzlich wieder zum Leben …

MARVEL ist ein Comic-Universum mit einer sehr umfangreichen Sammlung von Helden und Ganoven. Der PUNISHER hat so gut wie jede Figur eine Ursprungsgeschichte, aber seine sollte (neben Spider-Man) zu den bekanntesten gehören. Gangster löschen die gesamte Familie von Frank Castle, einem Armee-Veteranen, aus. Kein gezielter Anschlag steckt dahinter, sondern es geht lediglich um die Beseitigung von Zeugen einer Mafia-Hinrichtung. Castle überlebt mehr zufällig und verletzt. Castle erhält von der Polizei das Versprechen, man werde die Mörder seiner Frau und seiner Kinder aufgrund seiner Zeugenaussage fassen. Dazu kommt es nicht.

Frank Castle wird hier nicht einfach zum PUNISHER, weil er Rache will. Das ist und bleibt sicherlich ein Teil seiner Motivation, aber zuerst lassen ihn die beiden Autoren Dan Abnett und Andy Lanning in dieser 1994 neu erzählten Ursprungsgeschichte einen absolut hoffnungslosen Tiefpunkt erleiden. Völlig verlassen, mutlos und einzig noch vom Schmerz erfüllt, verliert er auch noch das letzte Stück Vertrauen in die Gerechtigkeit. Eben wollte sich Frank Castle noch selber töten, dann begreift er, dass Verzweiflung und eine letzte Konsequenz die falschen Wege sind. Der Kriegsveteran macht das, was er gelernt hat und erklärt dem organisierten Verbrechen den Krieg. Dan Abnett und Andy Lanning erzählen schnörkellos, aber es gibt eine Besonderheit.

Der spätere PUNISHER verweigert sich ausgesprochen lange seinem aufzunehmenden Weg. Zeichner Dale Eaglesham präsentiert der selbst ernannten Rächer als überaus Muskelberg, sportlich durch militärischen Drill. Cover-Künstler Ariel Olivetti hat diesen Style für das Titelbild übernommen. Die übrigen Titelbilder der hier zusammengefassten Miniserie haben einen weniger martialischen Einschlag, als vielmehr deutlich religiöse Anleihen. Frank Castle muss erst leiden, bevor er zum PUNISHER wird. Dale Eaglesham übernimmt zur Darstellung dieses Leidensweges solch monumental überzeichneten Haltungen wie sie zum Beispiel von klassischen Künstlern wie Michelangelo oder Raffael her bekannt sind.

Die Zeichnungen von Dale Eaglesham innerhalb der Handlung verströmen ein wenig 1970er-Jahre-Flair. Das liegt auf einer stilistischen Linie mit Gene Colan (Die Gruft von Dracula), Jack Kirby oder auch, jüngeren Datums, eines Todd McFarlane. Die kraftvolle Figur des Frank Castle bzw. PUNISHER ist nach heutiger Definition ein Wrestler mit Gefühl, weshalb in einer modernen Variante für eine Verfilmung ein David Batista eine gute Wahl wäre, denn die Figur sieht im Comic so aus, als habe Dan Eaglesham 1994 einmal die Existenz eines derart populären Schauspielers mit Wrestling-Wurzeln vorausgeahnt.

Ein ernsthafter PUNISHER in bester Thriller-Manier. PUNISHER ist Krimi, Drama und meilenweit entfernt von irgendwelchen komischen Elementen. Seine Ansiedlung im Marvel-Universum wird einzig durch eine sehr kurze Anwesenheit von Peter Parker dokumentiert. Kein Superheld eilt dem Mann, der seine Familie verloren hat zur Hilfe. Aber auch kein Superheld stellt sich ihm in den Weg, als er seinen Rachefeldzug beginnt. Diese Version weiß zu gefallen, da die Figur sich hier selbst treu bleibt, ohne mit dem Rest des Marvel-Universums großartig in Berührung zu kommen.

Ein ungewöhnlicher Marvel-Held wird geboren. Ohne Superkräfte, allein vom Rachewunsch erfüllt, stellt sich Frank Castle alias PUNISHER der New Yorker Unterwelt und räumt dort auf, wo die gesetzestreuen Polizisten an ihre Grenzen stoßen. Geradlinig erzählt von Dan Abnett und Andy Lanning, mit Blick für ein hartes Szenario gekonnt in Szene gesetzt von Dale Eaglesham. :-)

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Montag, 20. Juni 2016

STAR WARS – LANDO

Abgelegt unter: SciFi — Michael um 9:26

STAR WARS - LANDOWarum die Waffe ziehen, um etwas zu bekommen? Warum stehlen, wenn allein das Charisma ausreicht, um die Frau zu becircen, es einfach herzugeben. Aus Zuneigung, Liebe vielleicht. LANDO ist stolz auf seine Vorgehensweise, die ganz bestimmt keine schlimmen Konsequenzen nach sich zieht. Denn mit Konsequenzen kennt er sich aus. Wo LANDO CALRISSIAN Geschäfte machte, blieben oft verärgerte Geschäftspartner oder auch Bestohlene auf der Strecke, die sich nichts sehnlicher wünschten, als es diesem Halunken eines Tages heimzuzahlen. Und wie es aussieht, können all jene sich bald die Hände vor Freude reiben, weil LANDO diesmal alles andere als einen Glücksgriff getan hat …

Seit der schon recht alten Trilogie (Roman) über LANDO CALRISSIAN von L. Neil Smith ist dieser Glücksspieler und Gauner nicht so oft Held einer Geschichte wie der Reigen um einen Han Solo. Selbst ein Bösewicht wie Boba Fett hatte mehr Auftritte. Welch gutes Potential für ein gelungene Space-Opera LANDO CALRISSIAN auch solo hat, darf er dank des Autoren Charles Soule in der hier zusammengefassten Miniserie beweisen. LANDO CALRISSIAN ist hier noch nicht der Besitzer einer Gasmine auf Bespin und er fliegt den Millennium Falcon ebenfalls nicht. Aber an seiner Seite ist bereits der gute Lobot, jener Freund mit den Computerimplantaten anstelle der Ohren.

Ein sympathischer Krimineller in einem Universum, in dem eine Diktatur herrscht und Gauner und Kopfgeldjäger sich ein regelmäßiges Stelldichein geben. Hier werden einem Gesetzlosen häufig Gelegenheiten geboten, solche allerdings, die einen wirklichen Wendepunkt im Leben eines Gauner darstellen, sind eher selten. Autor Charles Soule hat einen solchen Wendepunkt kreiert, indem er LANDO CALRISSIAN nichts weniger als die Privatraumjacht des Imperators stehlen lässt.

LANDO CALRISSIAN darf hier sozusagen mit einer eigenen Vergangenheit protzen. Da gab es Frauen, geprellte Geschäftspartner, aber auch Halunken finsterer Natur. Aber er ist ein äußerst findiger Ganove, ein Trickdieb, der hier weitaus mehr Charakterzüge zeigen darf, als im in Das Imperium schlägt zurück und Die Rückkehr der Jedi-Ritter vergönnt gewesen ist. Letztere sind ein gutes Stichwort. Denn durch den Imperator bekommt der einfache Diebstahl einer Raumjacht eine ganz andere Dimension durch die dunkle Seite der Macht, die hier einmal eine völlig andere, weitaus mystischere Bedrohungslage auslöst. Und LANDO CALRISSIAN muss feststellen, dass aus Partnern ganz besondere Feinde werden können, wenn die dunkle Seite der Macht ruft.

Alex Maleev, Zeichner, hält sich genau an das Erscheinungsbild von Billy Dee Williams (der Schauspieler von Lando Calrissian in Star Wars Episode V und VI) und dessen Kollegen John Hollis (als Lobot, eine Rolle, die nur in Episode V vorkam). Es ist bekannt, dass in den Star Wars Comics öfter mal Charaktere in den Mittelpunkt gestellt werden, die ansonsten Randfiguren in den großen Filmhöhepunkten waren. So ist es andererseits immer schon zu sehen, dass auch solche Charaktere Potential haben, das sich allein aus den wenigen Vorgaben bildet, die in der Filmhandlung zu sehen waren.

LANDO CALRISSIAN ist ein Abenteurer, der den Kampf scheut, der einen Umweg, einen Ausweg sucht, Tricks einsetzt, Schläue und Charme aufbietet, um an sein Ziel zu gelangen. Alex Maleev transportiert das freche Grinsen von LANDO auf die Comic-Seiten, als habe es eine Minifernsehserie als Vorbild gegeben. Der Strich ist präzise, ein wenig auf den Spuren von Cam Kennedy (Das dunkle Imperium), bewusst kantig gehalten, immer etwas von düsterer Atmosphäre getragen. Diese verdichtet sich besonders in zwei Figuren, von LANDO zum Schutz beauftragt. Die Zwillinge von der Art humanoider Dobermänner sind ein hervorragender Alienentwurf abseits der aus den Kinofilmen bekannten Exemplaren.

Mehr von diesem Charakter: LANDO legt den Grundstein für weitere Abenteuer des Trickdiebs. In allen Belangen überzeugend mit weiteren Hintergrundinformationen, schönem Plot, dunkler Action und feinen Zeichnungen sollte die hier zusammengefasste Miniserie jeden Star Wars Fan begeistern. :-)

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Freitag, 17. Juni 2016

DIE PIONIERE DER NEUEN WELT 20

Abgelegt unter: Abenteuer — Michael um 17:57

DIE PIONIERE DER NEUEN WELT 20 - DIE NACHT DER WÖLFEMai 1780. In der neuen Welt ist die Landschaft paradiesisch und wild. Viele Neuankömmlinge haben eine Heimat gefunden. Viele haben sich mit den Ureinwohnern des Landes angefreundet und halten Frieden. Aber längst nicht alle, denn die Zwiste aus der alten Welt sind mit über den Atlantik gebracht worden und die Sklavenhaltung hat eine Bewegung von Menschen in Gang gesetzt, die unter persönlichen Gefahren Schwarzen zur Freiheit verhelfen. Einer dieser Menschen ist der junge Mann Eichhörnchen, der mit seiner Frau Rebecca ein Holzhaus in der Wildnis bewohnt. Eines Nachts färbt sich der Mond rot. Eines der ersten Vorzeichen auf das kommende Ungemach …

Der wilde Osten des nordamerikanischen Kontinents wird in Literatur, Comic und Film sehr vernachlässigt. Oft hört man in diesem Zusammenhang nur die Schlagworte Lederstrumpf, Wildtöter oder Chingachgook. Wie vielschichtiger eine Beschreibung dieses Zeitabschnitts sein kann, zeigt die (zu Recht) langlebige Serie DIE PIONIERE DER NEUEN WELT. In der 20. Episode mit dem Titel DIE NACHT DER WÖLFE teilt sich die Handlung in zwei sehr unterschiedliche, aber nicht minder spannende Stränge auf.

Bevor die Sklaverei im amerikanischen Bürgerkrieg zum großen Thema wird, haben sich bereits in dieser hier geschilderten Epoche ein paar tapfere Menschen dazu entschlossen, schwarze Sklaven aus dem Joch zu befreien und in Sicherheit zu bringen. Die Lebensbedingungen dieser ausgebeuteten Menschen sind sehr schlecht und schon die Kleinsten müssen für ihre weißen Herren schuften. Die Bewegung zur Befreiung dieser armen Seelen arbeitet im Verborgenen, zellenartig, nicht jeder weiß von jedem, Tarnnamen schützen und Geheimparolen sollen die einzelnen Anlaufstationen vor Entdeckung bewahren. Die Vorgehensweise von Eichhörnchen und einem Priester mutet vergleichsweise modern an und wie es sich zeigt, haben sie allen Grund sehr vorsichtig zu Werke zu gehen.

Handelskriege. Dieses Wort zeugt vor den hier erzählten Ereignissen von der ursprünglichen Bedeutung. Ist das eine Szenario trotz seiner Gefahr, die ständig mitschwingt, auch ein Hort der Ruhe, vor allem, da seine Akteure sich heimlich, still und leise verhalten müssen, ist das andere Szenario ein offener Krieg der Hudson’s Bay Company gegen die North West Company. Beide haben sich Verstärkung bei den Ureinwohnern gesucht, eine Art von Partnerschaft in beiderseitigem Interesse. Cree bei der North West, Irokesen bei der Bay. Hier geht es niemandem mehr darum, den Feind zurückweichen zu sehen. Hier geht es einzig noch um pure Vernichtung.

Auf der einen Seite bietet sich dem Leser eine eindringliche Handlung, spannend, anrührend, dramatisch. Auf der anderen Seite geht es zur Sache. Barbarisch, hart, grausam. In beiden Fällen zeigt ein wichtiger Erfolgsgarant der Reihe, Comic-Künstler Ersel, wie realistische Zeichnungen diese Zeitperiode transportieren und gut recherchierte Kulissen und Ausstattungen zu einer tollen Atmosphäre beitragen. Die Bilder treffen stets den richtigen Ton, tasten sich fein an die Figuren heran und überreizen die unumgängliche Gewaltdarstellung zu keinem Zeitpunkt.

Auch in der 20. Folge eine junge Serie, die immer neue Themen aus der frühen Phase der nordamerikanischen Besiedlung findet, leicht erzählt wirkt, durch die schönen Zeichnungen beeindruckt und mit jedem neuen Band einen Höhepunkt dieser spannenden Ära setzt. Für Freunde historischer Szenarien uneingeschränkt zu empfehlen. :-)

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Sonntag, 12. Juni 2016

BIZU Gesamtausgabe 1

Abgelegt unter: Comics für Kinder — Michael um 20:51

BIZU Gesamtausgabe 1Wie alles begann: Ein Postbote sucht Bizu im Wald. Bis dahin war ihm dieser Postempfänger unbekannt, ansonsten wäre er vorgewarnt gewesen, dass ihm in nächster Zeit ein paar seltsame Begegnungen bevorstehen. Vorläufig, durch einen Unfall, in die Bewusstlosigkeit befördert, wacht der Postbote, von Bizu freundlich verarztet (naja, auch etwas rüpelhaft), wieder im Zuhause des Postempfängers auf und staunt bald ziemlich, als ihm die ersten Pflanzen begegnen, die über einen eigenen Willen verfügen …

BIZU von Comic-Künstler Jean-Claude Fournier ist eine sehr kinderfreundliche Sammlung kleiner Erzählungen aus einer märchenhaften Welt, die dank des neuen Postboten, der sich nach Frotteelande hineinwagt, Anschluss an die Welt da draußen erhält. Der kleine BIZU lebt nicht allein in diesem Land. Sein engster Begleiter ist ein kleiner hüpfender Pilz mit Röckchen, Mukes mit Namen. Ein weiterer Freund, das pelzige Monster Schnockbüll, will zunächst so tun, als sei es sehr böse. Dumm nur, dass es eine Spur aus Blumen hinterlässt, was, will man bedrohlich erscheinen, nicht gerade förderlich ist.

Von Format zu Format. Nicht jede Figur ist geeignet unterschiedliche erzählerische Formate zu bedienen. BIZU ist von Jean-Claude Fournier dazu geschaffen, in der Kurzgeschichte zu funktionieren und selbstverständlich albenlang. Darüber hinaus wartet er im evolutionären Verlauf der Figur mit feinen neuen Nebencharakteren auf, ausgefeilter als noch zu Beginn der Serie.

Im kleinen Format gehört die Geschichte um Schnockbülls kleine Flamme zu den schönsten. Eine Flöte hat die Macht, Flammen aus einem Feuer zu lösen. BIZU probiert die Flöte, die ihm leihweise von Schnockbüll übergeben wurde, aus und wird Zeuge, wie das Flämmchen die Gelegenheit nutz, um in die Freiheit zu entschlüpfen. Das ist ein wenig Zauberlehrling, ein wenig Slapstick, in jedem Fall herzlich komisch.

Im großen Format ist Die Leier, die Tilt macht wunderbar gelungen. BIZU hat sich, kurz nach seinem ersten Auftritt, bereits optisch weiterentwickelt. Er wirkt weniger hölzern und hat mit dem Postboten eine cholerische Figur, eine Art Comic-Louis-de-Funes, an seiner Seite. Man könnte auch sagen, er ist die Frotteelande-Version von Gastons Chef, Demel. Immer aufgeregt, immer eine Spur übers Ziel hinaus. Apropos Gaston: BIZU wird dem berühmten Comic-Chaoten von Andre Franquin im Laufe der Jahre immer ähnlicher. In gewissem Sinne hat sein Gesicht etwas von einer Kinderversion von Gaston und in Sachen Liebenswürdigkeit haben sie durchaus Charakterüberschneidungen.

Wilde Kreaturen sehr putziger Natur. Die beiden hauptsächlichen Begleiter, der kleine Pilz und das haarige Monsterchen Schnockbüll, wurden bereits genannt. Aber damit endet die Liste der Kuriositäten noch nicht. Der wilde Dudelsack ist ein weiteres Beispiel und er hat nur eine Aufgabe, nämlich in der freien Natur andere mit seinem Gedudel zu nerven, was ihm auch hervorragend gelingt. Richtig interessant ist die Kreation des Lomig. Dieses Wesen mit vier Beinen und zwei Armen, ein paar wackelnden Kugeln auf dem Kopf, hat die Angewohnheit, sich auf ihm unbekannte Gegenstände zu setzen und zu versuchen, diese auszubrüten!

Der musikalische Köder ist eine Geschichte, in der ein typisches Element innerhalb frankobelgischer Comics zum Tragen kommt. Das Kleinstadtflair wurde schon in verschiedensten Serien immer wieder zur Plattform oder auch zum Mittelpunkt des Geschehens. Skurrile Charaktere, manchmal etwas behäbig, tollpatschig, dem Gruppenzwang unterworfen, tauchen hier in einem Küstenstädtchen auf, in dem auch ein Cruchot oder ein Minimensch um die Ecke kommen könnten (oder kleine Flugzeuge um die Ecke fliegen). Der Einsatz dieser Atmosphäre funktioniert bei Jean-Claude Fournier auch mit BIZU.

Ein kindgerechter Klassiker für die Kleinen (natürlich auch wie immer für die Junggebliebenen). Jean-Claude Fournier hat ein zeitloses, sehr fantasievolles, märchenhaftes Szenario geschaffen, in dem Humor groß geschrieben wird und so manche Figur mit einem Augenzwinkern entworfen wurde. Sehr, sehr schön! :-)

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