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Comic Blog


Sonntag, 28. Juni 2020

EIN AFFE AM HIMMEL 2 – HOLLYWOODLAND

Filed under: Abenteuer — Michael um 18:19

EIN AFFE AM HIMMEL 2 - HOLLYWOODLANDUND ACTION! Die Jagdflugzeuge schrauben sich in den Himmel. Jeder der beiden Piloten ist darauf aus, den anderen vor die Maschinengewehrläufe zu bekommen. Die deutsche Fokker Dr. I (Dreidecker) wird getroffen, Feuer bricht aus, und die Flugmaschine geht in den Sturzflug über… Gott sei Dank ist der Weltenkrieg vorüber und HARRY nur der Pilot in einem Hollywoodfilm. HARRY ist gut in seinem Job. Wenigstens insofern, dass es ihm gelingt, aus jeder Aufnahme, und sei sie noch so schwierig, mit dem Leben davon zu kommen. Aber HOLLYWOODLAND hat noch mehr zu bieten. Abseits der Kameras blüht das Leben. Partys werden gefeiert. Das Verbrechen spielt in TINSELTOWN ebenfalls eine Rolle. Das muss HARRY sehr bald feststellen, als er sich mit dem Starlet CLARA PALMER einlässt…

HOLLYWOOD ist sein eigener Mikrokosmos. Das alte HOLLYWOOD, sozusagen in jenen Tagen, als die Bilder noch laufen lernten, ist zu einem MYTHOS geworden. Große Namen aus jenen Tagen haben sich ins kollektive Gedächtnis der Cineasten eingebrannt. In jene Anfangstage entführt uns ETIENNE WILLEM mit seinem 2. Band von EIN AFFE AM HIMMEL mit dem bezeichnenden Untertitel HOLLYWOODLAND. Um seine Helden darzustellen, hat sich ETIENNE WILLEM für einen Weg entschieden, den schon andere, aber nicht sehr viele Künstler vor ihm genommen haben. Seine Darsteller sind Tiere.

Wenn Tiere menschliche Rollen spielen, entstehen manchmal wahnwitzige Situationen. ETIENNE WILLEM setzt natürlich seine tierischen Figuren so ein, dass bei dem Leser bei Ansicht der jeweiligen Gestalt entsprechende Assoziationen zum Charakter entstehen. Da lassen sich trefflich die Erwartungen erfüllen, aber auch täuschen. Das Spektrum in der Tierwelt ist breit gefächert, und ETIENNE WILLEM greift genüßlich an allen Ecken und Enden zu. Wer allein bei den Dreharbeiten im Filmstudio (an denen HARRY und LUMPY teilnehmen) genau hinschaut, sollte einmal versuchen zu zählen, wie viele verschiedene Tierarten er entdeckt.

ETIENNE WILLEM trifft nicht nur das Äußere der jeweiligen Art, er trifft auch den Charakter, den wir (der Mensch) ihr gerne fabelmäßig anheften. Darüber hinaus, und das hat mich überrascht, kann er einen Menschen in ein Tier übersetzen, mit sofortigem Wiedererkennungseffekt. Das funktioniert natürlich relativ leicht bei CLARA PALMER (die die HOLLYWOOD-STANDARD-BLONDINE gibt). Bei historisch interessanten Figuren wie PRÄSIDENT ROOSEVELT und dem mittlerweile fast schon mystisch geheimnisvollen schwerreichen HOWARD HUGHES funktioniert es noch besser.

Es sind sehr organisch gezeichnete Figuren, die nicht konstruiert wirken. Sie nehmen sich Raum, ETIENNE WILLEM nimmt den Leser sehr nah heran, hautnah, bis an die Nasenspitze sozusagen. Darüber hinaus ist die Atmosphäre und das Ambiente wunderbar zeitgemäß getroffen. Bei der Eingangsszene musste ich sofort an den Film TOLLKÜHNE FLIEGER mit ROBERT REDFORD denken. Die Flugszenen sind legendär und ähnlich denen, die HARRY hier absolviert. Vielleicht sind sie von ETIENNE WILLEM als wohl begründete Hommage gedacht.

Daneben gibt es die Story über… nein, wird nicht verraten. Aber es ist eine Geschichte, in der auch SAM SPADE um die Ecke kommen könnte. Ein Geheimnis soll nicht vor der Zeit in andere Hände geraten. Eine Hatz beginnt, es gibt Tote, Helden setzen ihr Leben ein, um andere Leben zu retten. Das ist schwungvoll erzählt und inszeniert, ganz so eigentlich, wie man es als Cineast aus Filmen jenes Zeitabschnitts erwarten würde. Vordergründig spannend, zur Abmilderung mit ein wenig Slapstick gewürzt. In einer Nebenrolle tritt zusätzlich ein Star jener Ära auf, ganz im Stil moderner Erzählweisen des Kintopps, wenn Überraschungsgäste dem Zuschauer (hier Leser) einen Aha-Moment entlocken. Allerdings, das muss auch festgestellt werden, dürfte es in diesen Tagen nicht mehr allzu viele Comic-Leser geben, die sich mit dem alten HOLLYWOOD auseinandergesetzt haben.

Zum guten Schluss noch einmal zu den Zeichnungen von ETIENNE WILLEM. Auffallend (und sehr schön anzuschauen) ist der leichte und dennoch sehr exakte Tuschestrich. Besser noch ist die Kolorierung, möglicherweise eine Mischtechnik, in jedem Fall aber ein toller Look, sehr weich, warm, leuchtend. Hier bleibt das Auge gerne dran.

Ein feine zweite Episode von EIN AFFE AM HIMMEL. Locker flockig erzählt, schön ausgestalteten Hauptfiguren, einer perfekten Illustrationstechnik, die mit vielen Details ein echt altes (teils romantisiertes) HOLLYWOOD-Feeling herstellt. Richtig tolle Detektiv- und Abenteuerunterhaltung von ETIENNE WILLEM. Den muss man als Comic-Fan im Blick behalten. 🙂

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Freitag, 05. Juni 2020

DER KILLER – GESAMTAUSGABE 2

Filed under: Thriller — Michael um 17:46

DER KILLER - GESAMTAUSGABE 2Mal darf es nach Mord mit anschließendem Selbstmord aussehen. Mal darf es ein Unfall mit anschließender Fahrerflucht sein. Mal darf es spektakulär sein, nachrichtentauglich, mit dem Absturz eines Hubschraubers über einer Innenstadt. DER KILLER ist vielseitig, eine Handschrift schwer erkennbar. Abseits des Berufslebens sucht er die Ruhe. Er geht mit Frau, Sohn und Schwiegervater im Dschungel auf die Jagd. Oder verbringt seine Zeit mit seinem Sohn am Strand. DER KILLER will für seinen Sohn alles das, was ihm so nie vergönnt war. Bereits jetzt, weiß der Kleine mehr, als DER KILLER in diesem Alter wusste. Und den Rest? Bringt der Vater dem Sohn bei, wenn dieser etwas älter ist. Eben alles, was nötig ist.

Ja, DER KILLER ist zweifellos ein Philosoph. Oder wenigstens jemand, der andauernd Fragen stellt und sogar Teilantworten kennt und abliefert. Aber er hat sich mit dem System abgefunden, will es zu seinen Gunsten nutzen und verbiegen, damit nicht nur er, sondern auch jene, die ihm die einzige Familie sind, die er je nach seinem Verständnis besessen hat, Schutz und Wohlstand genießen können. Allen voran sein Sohn. Ja, DER KILLER hat auch ein paar echte Werte, die mit denen der übrigen Menschheit vereinbar sind. Ob er das nun so mag oder oder nicht.

Es hat sich einiges getan in der Welt des KILLERS. In Südamerika abgetaucht, hat es ihn nicht lange im Verborgenen gehalten. Die Arbeit ruft, zwickt. Das süße Nichtstun ist nichts für den KILLER. Prompt bringt ihn seine erneut aufgenommene Tätigkeit in Bedrängnis. Denn jemand macht den KILLER zum Spielball in einem internationalen Hickhack um viel, viel Öl. Doch ehe der KILLER das merkt, steckt er bereits viel zu tief drin und er muss beweisen, ob er schlauer als die übrigen Spieler ist.

MATZ hebt den KILLER auf das nächste Level. Es ist eine Sache, ein Ziel auszubaldowern und es schließlich zu töten. Es ist eine andere Sache, wenn die Figur zu einem Pokerblatt in einem Spiel von sehr viel mächtigeren Menschen und Institutionen wird. DER KILLER ist von einer wundersamen Kaltschnäuzigkeit beseelt. Aber als Figur, fast schon der typische Bauer in einem Schachspiel, droht er fast zwischen den staatlichen Akteuren zerrieben zu werden. Bis eine Wende erfolgt, die der Leser, auch aus den bisherigen Leseerfahrungen der Serie heraus, nicht vorhersehen konnte. DER KILLER wird dadurch sichtbarer für sein Umfeld. Ein Fehler, den ein KILLER eigentlich nicht begehen sollte. Doch, wie erwähnt, wo der Wohlstand lockt, fallen alte Prinzipien mitunter schnell über Bord.

Es ist ganz gleich, in welchem der letzten Jahrzehnte oder in diesem der Politikinteressierte die Zeitungsmeldungen verfolgt, Nachrichten diverser Sender anschaut. Südamerika und seine nähere Umgebung, ganz vorne dabei KUBA, sind fast schon ein Synonym für soziale Missstände, Korruption, Rebellionen, Aufstände, Staatsstreiche, Drogenkartelle, Morde jeglicher Couleur und vielem Grauenhaften mehr. Deshalb ist die Geschichte von MATZ nicht nur enorm leicht zugänglich, sie ist wirkt auch sehr real, eher wie eine Story, die nach jahrelanger Recherche von Journalisten im Stile der PANAMA PAPERS ans Licht geraten sein könnte. Wenn Venezuela, wie so oft in den Nachrichten gepredigt, dank seiner Ölvorkommen eines der reichsten Länder der Erde sein könnte (und es trotzdem nicht ist), will man die Geschichte hier sofort glauben. Am Ende mordet der KILLER aus einem ganz einfachen, denkbar überwältigenden Grund: So reich zu sein, ohne fürchten zu müssen, dass jemand fragt, woher das Geld stammt.

Ich mag es, wie DER KILLER sich entwickelt, wie er zwischen den Welten wandelt. Einerseits Familie, andererseits eine Liebschaft. Wie er seine ätzende Kritik loswird und sich nicht zu schade ist, sich ein Riesenstück von dem Kuchen zu schnappen, den er so gerne in seine Zutaten zerteilt. Und wie er letztlich auch mal Angst zeigt. Weil eine Kugel abfeuern zu können, einen Menschen zu töten, eben nicht die absolute Macht bedeutet. Absolute Macht vernichtet ganze Länder. Und auf dieses Parkett begibt sich DER KILLER nun zum Tanz.

LUC JACOMON präsentiert uns als Comic-Künstler Szenen, die eines Leinwand-Thrillers würdig sind. Er gewährt dem Leser den selben Blick durchs Zielfernrohr, den DER KILLER hat. Fängt den Leser erst einmal atmosphärisch in der Nacht ein, versetzt ihn in die Szenerie, beobachtet mit ihm die Tötung eines Ziels. Liest nebenbei von der Kaltblütigkeit des KILLERS und erfährt auch die Menschenverachtung, mit welcher DER KILLER zu Werke geht. Die Gedanken, Abrisse des Weltgeschehens, des KILLERS werden von Bilderfolgen begleitet, die an Nachrichtenprogramme oder Wildlife-Sender erinnern. Er legt sich auf keinen Seitenaufbau fest, strukturiert mal klein, verteilt mal hektischer, je nach Actionszene zerreißt er für den Eindruck von Geschwindigkeit auch mal die eigens entworfene Struktur.

Einmal, während eines kanadischen Ausflugs, werden die Farben kälter, wintergemäß, ansonsten spiegeln die warmen Farben den südamerikanischen Kontinent wider. Eine unaufdringliche, aber stetige Hitze, elegant, fürs verwöhnte Comic-Auge hervorragend.

Nebenfiguren gibt es. Und zwei fallen besonders auf. DER KILLER hat einen Freund, kaum glaubhaft, aber wahr. MARIANO, von Hause aus einem Drogenkartell zugehörig, herzlich, großmäulig, charmant, intelligent, Frauenheld, weltmännisch und kaltblütig. MARIANO zeigt, was dem KILLER alles fehlt. Wie professionelles Morden die Menschlichkeit nicht gleich mit abtötet. Klingt seltsam, hier passt es zusammen. KATIA ist die andere Seite der Medaille. Sie ist die Frau im Geschäft. Hier eröffnet sich für den KILLER ein Blick in jenes Leben, das ihm eine Frau an die Seite gestellt hätte, die mit der alltäglichen Gefahr umgehen könnte. Ein Mischung aus BOND-GIRL und BONNIE (die ihren persönlichen CLYDE sucht). Alles in allem von MATZ perfekt auf die Geschichte und den KILLER abgestimmt.

Stark erzählt, so dass man es von der ersten bis zur letzten Seite in einer Tour durchlesen muss. Ein Thriller mit Tiefgang, realistischem Anspruch. MATZ erzählt, als wäre er ein Sohn im Geiste von HITCHCOCK und TARANTINO. Dank LUC JACAMO filmisch illustriert. Ein perfekter, mitreißender Thriller. 🙂

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Freitag, 15. Mai 2020

DER KILLER – SECRET AGENDA – 1. GEZIELTE PRÄVENTION

Filed under: Thriller — Michael um 19:15

DER_KILLER - SECRET_AGENDA - 1. GEZIELTE PRÄVENTIONDER KILLER mag alles mögliche sein, aber er ist ganz bestimmt kein Staatsdiener. Er weiß aber auch, wann es an der Zeit ist, leise zu treten und sein Fähnchen nach dem Wind zu drehen. Ganz besonders dann, wenn es heißt, einem unangenehmen Verfahren zu entgehen, dass ihn für den Rest seines Lebens ins Gefängnis bringen wird. Oder, falls die Angelegenheit seitens der Staatsmacht hinter den Kulissen geregelt wird, ihm eine Kugel in den Kopf einbringt. So nimmt er notgedrungen an, als er von französischen Auslandsgeheimdienst in Patagonien, in Südamerika, aufgespürt und somit zwangsverpflichtet wird. Ein Job zur Tarnung seiner wahren Identität bringt ihn nach LE HAVRE, Frankreich. Zusammen mit zwei Kollegen soll er sich eines Problems annehmen.

Unter dem Obertitel SECRET AGENDA startet ein neuer Zyklus um den KILLER. GEZIELTE PRÄVENTION lautet der Untertitel des ersten Bandes. Zurückgekehrt ins Heimatland verbringt DER KILLER seine Tage in einem Großraumbüro, versucht sich unauffällig zu verhalten. Allerdings verkehrt sich Unauffälligkeit mitunter ins Gegenteil. Jemand, der bewusst den Außenseiter mimt, weckt doch früher oder später das Interesse anderer. DER KILLER will (und kann) es sich nicht eingestehen, dass sein Gespür bei all seinen philosophischen Betrachtungen über die menschliche Natur nur rudimentär ausgeprägt ist und er mehr das Verhalten anderer nachahmt, als wirklich innerlich von ihm durchdrungen zu sein. Dabei ist er kein echter Soziopath (mehr), er ist allenfalls an einem einschneidenden Punkt seiner Entwicklung steckengeblieben.

MATZ, der Autor, zeigt keinen Proleten, der mit einer Knarre durch die Gegend läuft und Menschen abknallt. Das Profil hätte sich bald erschöpft. DER KILLER ist ein Philosoph, ohne es recht zu bemerken. Ein Analyst menschlicher Verhaltensweisen, gesellschaftlicher Strukturen. Wenn jemand, der darauf aus ist, einen anderen Menschen zu töten, das Ziel womöglich wochenlang observiert, um den richtigen Moment für die Tat abzupassen, hat er reichlich Gelegenheit, Studien anzustellen. Das mag bei der Vorbereitung des Mordanschlags und des reibungslosen Rückzugs hilfreich sein. Aber es führt, wie beim KILLER, zu einer sehr sezierenden Ansicht bei allem und jedem. Egal welcher Bereich des Lebens betroffen ist, kaum etwas ist dabei, was Bewunderung oder wenigstens Gnade vor dem schneidenden Intellekt des KILLERS findet. Denn dumm ist DER KILLER keinesfalls. Und so hat er auch herausgefunden, dass ein Mensch das tun sollte, in dem er (oder sie) wirklich gut ist. Bei ihm ist es das Töten.

MATZ bedient keine leichten Themen. Aber er erzählt es mit leichter Hand im Stile klassischer (französischer) Gangsterszenarien. Wer die mag, alte mit einem ALAIN DELON, einem LINO VENTURA, neuere wie DER UNBESTECHLICHE mit JEAN DUJARDIN. Serien wie MARSEILLE mit GÉRARD DEPARDIEU arbeiten mit einer ähnlichen Stimmung. Ein filmischer Vergleich ist wegen der Erzählweise passend (auch wegen der Erzählweise aus dem Off, die MATZ hier verwendet). Wer einen MAIGRET von GEORGES SIMENON sucht, wird hier nicht fündig. Was aber sicherlich beide gemeinsam haben, ist eine treffsichere Beschreibung des Milieus, in dem sich die Akteure bewegen.

Die Geschichte bewegt sich in LE HAVRE. Eine Hafenstadt folgt noch einmal ganz anderen Gesetzmäßigkeiten als eine Stadt, die kein Drehkreuz für internationalen Warenverkehr ist und so weniger Möglichkeiten für die Verschiebung illegaler Güter bietet. Ein für Außenstehende undurchsichtiges Gewimmel sorgt bei dunklen Machenschaften für eine gute Deckung. An der Seite des KILLERS erhält der erhält der Leser Einblick in diese Halbwelt und die Verstrickungen mit der örtlichen Politik. Es ist ein wenig skurril, wie hier Verbrecher auf Verbrecher gehetzt werden, sozusagen als GEZIELTE PRÄVENTION. So hat man in soldatischen Kreisen seinen eigenen, verschleiernden Beamten-Slang entworfen. Benutzerfreundlich, damit das Geschäft nicht so dreckig klingt.

LUC JACAMON zeichnet weiter an der Erfolgsgeschichte des KILLERS, weiterhin sehr realistisch. Aber auffallend ist DER KILLER selbst. Gegenüber anderen Charakteren ist er eine regelrechte blasse Fassade. Ihn ein Dutzendgesicht zu nennen, wäre noch übertrieben. DER KILLER ist die ideale Leinwand, um sich an seine Seite zu denken, eine Projektionsfläche. Die Augen gleichzeitig hinter der Brille verborgen, bleibt der nötige Abstand gewahrt. Gute Mörder funktionieren, wenn der Leser (oder Zuschauer) sich mit ihnen identifizieren kann. Das klappte sogar bei HANNIBAL LECTOR (obwohl er ein Kannibale war) und das funktioniert erst recht bei einer Figur wie dem KILLER, der sein Handeln mit einer Unmenge von Ansichten von Moral und Unmoral zwar nicht unbedingt rechtfertigt, aber immerhin untermauert.

Darüber hinaus bleibt LUC JACAMON in seinen Bildaufbauten filmisch, geradeheraus. Er experimentiert nicht und das ist gut so, denn es entsteht ein halbdokumentarischer, sehr ernsthafter Stil, der dem Leser ein wenig zurückstößt. Wer allzu große Sympathien für den KILLER entwickelt, darf wieder Abstand nehmen lernen. Auch das ist gut so.

Keine Effekthascherei, obwohl ein Leser, der noch nicht mit dem KILLER vertraut ist, dies vermuten könnte. Ein kühl erzähltes Szenario, in auf Realismus bedachten, atmosphärisch ebenso kühl gehaltetenen Bildern. Fans des KILLERs kommen sofort wieder auf ihre Kosten, Neueinsteiger werden mit diesem Zyklus ebenfalls gut bedient, sollten sich aber den bisherigen Werdegang des KILLERS trotzdem nicht entgehen lassen. 🙂

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Dienstag, 21. April 2020

SPIDER-MAN – DIE GESCHICHTE EINES LEBENS

Filed under: Superhelden — Michael um 17:40

SPIDER-MAN – DIE GESCHICHTE EINES LEBENS1984 ist das Jahr der großen Auseinandersetzungen, so scheint es. Alle gegen alle, jeder gegen jeden. Es ist außerdem das Jahrzehnt, in dem CLAIRE und BENJAMIN das Licht der Welt betreten, die KINDER von PETER und MARY JANE PARKER. Es ist das Jahrzehnt, in dem ein schwarzes, symbiotisches Kostüm PETERS Psyche angreift und den einstmaligen jugendlich enthusiastischen Helden in eine tiefe Krise stürzen. Es ist nicht erste. Und wird nicht die letzte sein.

Man stelle sich vor, Comic-Heldenwürden normal mit den echten Jahrzehnten altern. Was wäre gewesen, STAN LEE hätte SPIDER-MAN erschaffen und die Figur wäre nicht der ewige College-Student oder immerhin der junge aufstrebsame Mann geblieben? Geschichten über gealterte Helden gibt es, man betrachte nur die großartigen OLD-MAN-LOGAN-Abenteuer um WOLVERINE. SPIDER-MAN, DIE GESCHICHTE EINES LEBENS, lässt den Leser (auch den absoluten Neuling) an der steten Entwicklung über die Jahrzehnte teilhaben. Alles beginnt 1966.

Die Entstehung, der berühmte Biss einer radioaktiven SPINNE, wird beiläufig erwähnt, der HELD ist bereits geboren und am Werk. CHIP ZDARSKY, der Autor des vorliegenden Sammelbands der Miniserie, muss natürlich über die vielfältigen Freunde und Gegner der freundlichen SPINNE AUS DER NACHBARSCHAFT gewusst haben. All das in eine Miniserie zu packen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. So finden Beschränkungen statt, die der Leser hinnehmen muss, weil auch nicht der Platz vorhanden ist, um jede Figur lang und breit einzuführen. Charaktere entwickeln sich so binnen Kürze, haben aber andererseits die Möglichkeit (die auch genutzt wird), nach Jahren, oder besser Jahrzehnten, zurückzukehren.

So nutzt CHIP ZDARSKY also diese Variante weidlich aus und lässt so Begegnungen zu, die man selbst als SPIDER-MAN-Fan nie zu Gesicht bekommen hat. Den Neuleser wird es nicht stören. Der Stammleser allerdings, selbst der Gelegenheitsleser, wird sich wundern, wie viele neue Aspekte dem Superhelden SPIDER-MAN so abgerungen werden können vom Start 1966 bis zum Ende im Jahre 2019.

Natürlich kommt CHIP ZDARSKY an einigen Figuren nicht vorbei. Es gibt Charaktere, die sind untrennbar mit SPIDER-MAN verbunden. GREEN GOBLIN, DR. OCTOPUS, GWEN STACY, MARY JANE WATSON, SCARLET SPIDER, KRAVEN und ein paar mehr. Die Geschehnisse um diese Charaktere bilden Schlüsselereignisse in SPIDER-MANS Leben. Und obwohl sich Parallelen zu damals, als die Geschichten zum ersten Mal erzählt wurden, abzeichnen, ändert sich alles, sobald diese Figuren ihr Leben ebenfalls auf natürlichem Weg leben dürfen (oder müssen).

Als Zeichner konnte MARK BAGLEY rekrutiert werden. Der Comic-Künstler darf getrost als SPIDER-MAN-Veteran bezeichnet werden. Durch seine Arbeit am ULTIMATIVEN SPIDER-MAN hat er sich einen Namen in der Fangemeinde gemacht. Dadruch, dass PETER PARKER alias SPIDER-MAN erwachsener, älter wird, reifen die Bilder (und die Geschichte) fast automatisch. Es ist schon etwas anderes, ob eine Figur eine kurze Abneigung entwickelt, weil der HELD nun einmal finsteren Machenschaften im Weg steht oder ob ein Hass über Jahrzehnte hinweg genährt und aufgestaut wird und Rache zum Lebensselbstzweck wird. Man beachte hierzu ein kleines Finale (ja, es gibt ganz klar mehrere), stark, glaubhaft, echt und toll illustriert, ohne in Superheldenklopperei auszuarten.

Übehaupt muss ein Augenmerk auf den Alterungsprozess von PETER PARKER und die Menschen um in herum gelegt werden. Das erledigt MARK BAGLEY mit Bravour. Das letzte und vorletzte Kapitel, wenn so manche Fäden zueinanderfinden, sind fantastisch gelungen. Ich würde mir wünschen, dass dieses Experiment eine Fortsetzung, beziehungsweise eine Ergänzung erfährt, denn abseits des Handlungsstrangs erfährt der Leser ein ganz klein wenig über parallel laufende Ereignisse und deren Akteure (wie z. B. CAPTAIN AMERICA).

Ausgefeilt, nah an den Charakteren, respektvoll vor einer über Jahrzehnte erfolgreichen Comic-Figur und dem Fingerspitzengefühl, PETER PARKER und andere sehr lebendig zu gestalten, sentimental, manchmal romantisch, tragisch, actionreich natürlich auch. Es ist bleibt eben eine Superheldengeschichte, aber PETER PARKER ist noch viel mehr und darf das hier zeigen. Vater, Wissenschaftler, Unternehmer, sogar ein Rebell. Stark, ein Höhepunkt innerhalb des SPIDER-MAN-Universums von MARVEL. 🙂

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STAR WARS – DOKTOR APHRA 5

Filed under: SciFi — Michael um 17:27

STAR WARS – DOKTOR APHRA 5 – SCHLIMMSTE UNTER GLEICHENDOKTOR APHRA liebt keine Probleme, sie macht welche oder hat welche. Eigentlich gibt es dazwischen gar nichts anderes. In den meisten Fällen hat es etwas mit dem Leben zu tun. Ihrem oder dem von anderen. Meistens hängen sie am seidenen Faden. Wenn überhaupt. Die Zeit ist immer knapp. Und das Leben, allgemein dort, wo sie sich aufhält, ist nicht viel wert. Oder taugt gerade dazu, dass ein irrer und brutaler Droide seine Foltergelüste daran final abreagiert. Nun ist DOKTOR APHRA ausgerechnet mit einem solch irren DROIDEN namens TRIPLE-ZERO auf Gedeih und Verderb verbunden. Jemand, ein Irrer auf ähnlichem Niveau, hielt es für einen tollen Gag, ihnen kleine Sprengkörper einzupflanzen, die automatisch explodieren, sobald sich die beiden zu weit voneinander entfernen.

SIMON SPURRIER wandelt auf den Spuren von FLUCHT IN KETTEN. Frei nach dem Motto SIE KÖNNEN NICHT MITEINANDER und OHNE EINANDER ERST RECHT NICHT, müssen DOKTOR APHRA und der mitleidlose TRIPLE-ZERO sich ihren Fluchtweg erkämpfen, um am Ende vielleicht ihrem Schlamassel zu entkommen.

Abseits der großen STAR-WARS-GESCHICHTE um die JEDI-RITTER und ihre Freunde, Weggefährten und natürlich Feinde gibt es in der Schiene der Animationsreihen Abenteuer und eben ganz besonders Charaktere, die es gut und gerne auch in das hauptsächliche Kino-Universum hätten schaffen dürfen oder sogar sollen. Eine sehr (zu Recht) beliebte Figur ist sicherlich AHSOKA TANO, bekannt aus CLONE WARS, einer der Animationsreihen von STAR WARS. Eine andere, aus dem Comic-Universum ist DOKTOR APHRA, eine echte Entdeckung, die mit einer sorglosen Frische diese Welt bevölkert und gleichzeitig, dank Autor SIMON SPURRIER, auch Verbindungen zu bekannten Aspekten dieser Szenerie nicht vermissen lässt.

Ein Bösewicht, zumindest ein schlimmer Finger ist DOKTOR APHRA durchaus, mindestens vom Rang eines HAN SOLO, bevor er sich der Rebellion anschloss. Vier Bände sind bereits über DOKTOR APHRA erschienen, Zeit genug also, das Profil zu schleifen, Konturen zu gewinnen und, vor allem, den Leser zu gewinnen. Dank einer lässigen Kaltschnäuzigkeit, Gefühlen, die immer wieder hervorbrechen (die man aber beherrschen will, man ist immerhin ein Bösewicht in einer bösen, bösen Welt) und einem Feindesduo, wie es kühler und unberechenbarer kaum sein kann, klappt das hervorragend.

Nun ist aus dem Duo mittlerweile ein einzelner Erzfeind geworden: TRIPLE-ZERO. Schwarz, rotäugig, äußerlich ein Protokolldroid, ist er ein Psychopath schlechthin. Und offenbar glücklich damit und ohne jedwedes schlechtes Gewissen darüber versehen. In weiten Teilen sorgt Comic-Künstler EMILIO LAISO (bis auf einen kurzen Abschnitt, den ANDREA BROCCARDO übernimmt) für STAR-WARS-echtes Ambiente, realistisch gezeichnet, von RACHELLE ROSENBERG prächtig koloriert.

Schauplatz des hauptsächlichen Geschehens, von der Einleitung abgesehen, ist der Planet MILVAYNE, von der planeteneigenen Obrigkeit und dem Imperium bis auf die Knie unterdrückt. Über weite Strecken, im wahrsten Sinne des Wortes, müssen sich DOKTOR APHRA und TRIPLE-ZERO durch weniger begüterte Stadtteile und Straßenzüge schlagen. Das hat das Flair von der Unterstadt auf CORUSCANT, ist dicht, ist sehr lebendig, abwechslungsreich und bietet viele Einblicke in das einst von GEORGE LUCAS erdachte GEBRAUCHTE UNIVERSUM.

Bindeglied zwischen altem und neuem STAR-WARS-Szenario, in einem Zeitabschnitt, in dem das IMPERIUM auf der Höhe seiner Macht ist, ist der miese DOKTOR CORNELIUS EVAZAN (ja, genau jener, der sich in der CANTINA mit LUKE SKYWALKER anlegen wollte). Der wirkt als Drahtzieher wie ein äußerst verschlagener Pseudophilosoph, der sich einen Spaß daraus macht, Wesen jeglicher Coleur an ihre geistigen, emotionalen und körperlichen Grenzen zu treiben. Aber das Experiment, wie er es nennt, läuft unerwartet aus dem Ruder. Diesen folgenden Wettlauf mit der Zeit wird der STAR-WARS-Fan lieben. (Und ebenfalls die beiden Monsterjäger, eines der ungewöhnlichsten Pärchen in dieser Galaxis!)

DOKTOR APHRA gehört zu den besten STAR-WARS-Reihen überhaupt, frech, sehr abenteuerlich, mit teils bitterbösem schwarzen Humor ausgestattet (dank TRIPLE-ZERO), perfekt illustriert und mit hohem Tempo erzählt (dank SIMON SPURRIER). Klasse, unbedingt von Anfang lesen! 🙂

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ALIENS – DEAD ORBIT

Filed under: SciFi — Michael um 17:21

ALIENS - DEAD ORBITEine Station im Orbit eines Planeten irgendwo im All. Die Erde ist eine bloße Erinnerung in dieser ewig währenden Nacht ringsum. Routine und Langeweile beherrschen das Miteineinander und den Arbeitsalltag. Viele Besatzungsmitglieder sind es nicht, die es auf die WEYLAND YUTANI SPHACTERIA STATION verschlagen hat. Die Stimmung ist gereizt. Als ein unbekanntes Schiff im Orbit um den GASRIESEN PYLOS auftaucht, versucht CAPTAIN HASSAN Kontakt aufzunehmen, doch die Sendeanlage macht den Versuch offensichtlich zunichte. Man entschließt sich, eine kleine Mannschaft zu entsenden, um sich Klarheit über den Zustand und die Besatzung des fremden Schiffes zu verschaffen, denn einiges an diesem Frachter scheint arg merkwürdig zu sein.

Die ALIENS sind wieder da! Kein Geheimnis, der Titel verrät es. JAMES STOKOE als Künstler und Autor allein verantwortlich für die Geschichte und die Illustrationen, erschafft mit neuen Ideen und dem Flair des Originals von 1979 eine intensive, düstere, klaustrophobische Erfahrung. Wer schon dachte, bei der NOSTROMO, dem Schiff aus dem allerersten ALIEN-Erlebnis, handele es sich um einen Schrotthaufen, der wird die SPHACTERIA noch weitaus niedriger klassifizieren. JAMES STOKOE nimmt den Leser mit auf eine typische Reise, wie sie auch PEN-AND-PAPER-Rollenspieler erleben könnten. Denn er kreiert einen zusätzlichen Feind, den das ALIEN-Universum so noch nicht gesehen hat und der rein gar nichts mit der wie jüngst von RIDLEY SCOTT eingebrachten amoklaufenden KI namens DAVID gemein hat.

In manchen Passagen herrscht ziemliche Brutalität, auf der Leinwand nicht unbekannt, aber hier wie dort einigermaßen starker Tobak. Mehr soll dazu nicht gesagt sein, alles andere wäre Spoilerei. Doch eine Anmerkung sei gestattet: Der Horror der ALIENS verblasst gegen diesen Feind, den sich die Besatzung der SPHACTERIA da macht.

Im Anhang finden sich einige Arbeitsskizzen zu DEAD ORBIT, auch solche, die JAMES STOKOE für einen PITCH bei DARK HORSE benutzte. Der PITCH ist deutlich mehr vom Original-ALIENS beeinflusst, dem von JAMES CAMERON gedrehten Nachfolger, der sich von der Klaustrophobie löste und das fremdartige Wesen gleich in Scharen auf die Menschen losließ und eine KÖNIGIN schuf und so der Kreatur gleich eine Art gesellschaftliche Struktur zuwies. Aber mehr noch: JAMES CAMERON setzte ebenfalls die SPACE MARINES in Szene, die JAMES STOKOE für seine Bewerbung bei DARK HORSE in eine ähnliche Bredouille brachte. Interessanterweise ist von der Szenerie nichts übrig geblieben, weil JAMES STOKOE mit seinem Endergebnis mehr der Ideenwelt von RIDLEY SCOTT huldigt.

Allerdings lässt sich im Anhang mit den sehr ausdrucksstarken Skizzen etwas entdecken, was in den fertigen Bildern von DEAD ORBIT ein Stück weit verloren geht. Einflüsse von MANGAS sind hier unübersehbar. Die Gesichter, die Aufbauten von Geschwindigkeitsszenen erinnern stark an die japanischen Vorbilder. Das sieht sehr wild, rasant, schmissig aus. Hinzu kommt eine regelrechte kleinteilige Detailwut. Den Einzelheiten auf allen Ebenen wird ebenso viel Aufmerksamkeit geschenkt, wie der Szenerie selbst. Das fällt besonders in der Bleistiftskizze auf, ist in der Tuschefassung noch vorhanden. Aber in der späteren Fassung, jener, die für DEAD ORBIT Verwendung fand, hat er sich teilweise davon verabschiedet, vereinzelte Rückfälle ausgenommen, dann sogar gerne auf ganzseitig ausgeführten Bildern.

JAMES STOKOE, der nach eigener Aussage gerne in BONBONFARBEN arbeitet, ist in DEAD ORBIT betont düster. Es gibt vielleicht ein BONBONROTES Blut zu bestaunen, ansonsten herrschen Schattierungen von Lila und Blau vor, künstliches orangefarbenes Licht zerrt Details aus der Dunkelheit. JAMES STOKOE arbeitet penibel, aber er legt nicht jeden Strich auf die Goldwaage wie vielleicht ein ZACH HOWARD (ALIENS NEKROPOLIS). Technisch ist er eine Mischung aus GEOF DARROW (HARD BOILED) und WES CRAIG (DEADLY CLASS), modern, krass (das Wort passt hier sehr gut), flott.

Knallharter ALIEN-Horror. Eine Verbeugung vor dem Ursprung, kreiert von RIDLY SCOTT. Man muss sich erst ein wenig an die Erzählweise gewöhnen. Diese erschließt sich nicht sogleich. Kleine Zeitsprünge und ein Countdown weisen sozusagen den Weg. JAMES STOKOE mag das Genre, davon zeugen auch seine übrigen Arbeiten. Wer ALIENS Hardcore mag, sollte einen Blick riskieren. 🙂

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Mittwoch, 26. Februar 2020

COSMIC GHOST RIDER ZERSTÖRT DIE MARVEL-GESCHICHTE

Filed under: Superhelden — Michael um 19:08

COSMIC GHOST RIDER ZERSTÖRT DIE MARVEL-GESCHICHTEES WAR EINMAL ein Mann, der seine Familie verlor. FRANK CASTLE, ehemaliger Soldat in Vietnam, muss ausgerechnet in der heimat erleben, wie seine Frau und Kinder von Gangster umgebracht werden. Fortan wird er zum PUNISHER! Ohne jegliche Superkraft macht sich der in seiner Seele tief verletzte Mann daran, einen Ganoven nach dem anderen zur Strecke zu bringen. Und es geht nicht um GERECHTIGKEIT, es geht um BESTRAFUNG! Und GEWALT ist dabei das Mittel der Wahl. Und jedes MITTEL ist recht!

In der Vergangenheit hat der PUNISHER sich nicht nur mit Verbrechern angelegt. Auch Superhelden (oder Superschurken) fanden sich schon in seinem Fadenkreuz wieder. Klar, dass so jemand, gequälte Seele hin oder her, über kurz oder lang in der Hölle landet. Aber was mag einem MEPHISTO besser gefallen, als jemanden, der im Leben bereits ein Rachegeist war, zu seinem neuen GHOST RIDER zu machen. Und wie der Teufel, der Zufall (oder MARVEL) es will, begegnet dieser GHOST RIDER in seinem Rachefeldzug gegen THANOS auch noch GALACTUS. Dieser ernennt ihn zu seinem neuen HEROLD und TAADAA, der COSMIC GHOST RIDER erblickt das Licht der MARVEL-Welt.

Das eröffnet einer sehr lange eingeführten Figur viele neue Möglichkeiten. Eine liegt hier vor: COSMIC GHOST RIDER ZERSTÖRT DIE MARVEL-GESCHICHTE. Fähig, in der Zeit zu reisen, erfüllt sich FRANK CASTLE einen Wunsch. In der eigenen Vergangenheit, bevor die Familie starb, Frau und Sohn wiederzusehen. Er gibt sich in einer gealterten Erscheinung als sein eigener ONKEL aus und trifft FRANKS KLEINEN JUNGEN, dem er in einem unbeobachteten Moment sogar die ZWEITIDENTITÄT offenbart. Und er erzählt dem Kind allerlei NONSENS, so zum Beispiel, dass er einem ein MITGLIED DER FANTASTIC FIVE war (die nun die FANTASTIC FOUR sind).

Ja, FRANK CASTLE hat einen merkwürdigen, einen düster-ironischen Humor, aber er hat eindeutig Humor. Die beiden Autoren NICK GIOVANNETTI und PAUL SCHEER sorgen dafür! Denn es scheint so, als hätten die beiden gar nicht genug Platz, um den COSMIC GHOST RIDER überall an wichtigen Knotenpunkten der MARVEL-GESCHICHTE eingreifen zu lassen. Höchstwahrscheinlich hätte es noch viel öfter sein können. Packend sind auf jeden Fall die Episoden im ZWEITEN WELTKRIEG an der Seite von CAPTAIN AMERICA sowie NICK FURY UND SEINEN HOWLING COMMANDOS. Bei letzterem erinnert der Auftritt des GHOST RIDER stark an denjenigen von SGT. DONNY DONOWITZ in INGLOURIOUS BASTERDS (bei aller Gewalt in dem TARANTINO-Film sollte die Szene mit dem Baseballschläger in Gedächtnis geblieben sein). GHOST RIDER geht mit einem gefangenen deutschen Soldaten ähnlich brutal zur Sache.

Eine Spur gewichtiger innerhalb des MARVEL-UNIVERSUMS sind die Ereignisse im RAFT, dem HOCHSICHERHEITSGEFÄNGNIS auf RYKER’S ISLAND. Hierbei kam es zu einem Massenausbruch diverser SUPERSCHURKEN, hier erschienen in SPIDER-MAN UND DIE NEUEN RÄCHER. Augenzwinkernd und unter ähnlichen Vorzeichen wie einst wird der SENTRY aus der Originalgeschichte gegen den COSMIC GHOST RIDER ausgetauscht. Kennt man das Original nicht, dürfte einem die Veränderung kaum auffallen. Ganz im Gegensatz zu einer äußerst handfesten Begegnung zwischen dem alten FRANK CASTLE und UATU, dem BEOBACHTER. Diese Episode steht für sich selbst und ist konsequent durcherzählt, aus MARVEL-Sicht sogar erschütternd.

Grafisch gibt es nichts zu mäkeln an den Leistungen der drei Zeichner. GERARDO SANDOVAL und TODD NAUCK sowie NATHAN STOCKMAN sind stilistisch jeweils eigen, erkennbar. GERARDO SANDOVAL hat ein wenig den Punk in seinen Zeichnungen (ähnlich wie ein HUMBERTO RAMOS in DER SPEKTAKULÄRE SPIDER-MAN). In die dieselbe Richtung schlägt GERARDO ZAFINO, der die Einzeltitelbilder der hier versammelten Miniserie abliefert. Auf verschiedenen Zeitebenen wie auch humoristischen Einlagen wird mit verschiedenen Stilrichtungen gearbeitet. Wenn der COSMIC GHOST RIDER plötzlich, wie aus dem Nichts, in der Vergangenheit landet und den Körper der X-FRAU KITTY PRIDE okkupiert, dann herrscht Panik bei FRANK CASTLE, dem ein aufgebrachter WOLVERINE gegenübersteht, sowie ganz viel Spaß beim Leser.

Welcher MARVEL-FAN kannte ihn nicht, den PUNISHER, den wortkargen Eigenbrödler FRANK CASTLE, der seine Meinung durch die Mündung eines M16 übermittelt. Er hat das MARVEL-UNIVERSUM gekillt und mischt nun einen nicht unerheblichen Teil der MARVEL-GESCHICHTE auf. Das ist eher punkig im Sinne eines DEADPOOL, sehr markig, teils brutal, mit Klamauk (sehr oft sogar) und insbsondere für Fans von MARVEL interessant, die einigermaßen in Events und Charakteren bewandert sind. 🙂

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Samstag, 15. Februar 2020

BATGIRL – MEGABAND 3 – ZURÜCK IN GOTHAM CITY

Filed under: Superhelden — Michael um 19:29

BATGIRL - MEGABAND 3 - ZURÜCK IN GOTHAM CITYSUPERHELDEN mit Privatleben. BARBARA GORDON alias BATGIRL besitzt ein Leben außerhalb des Kostüms, bei Tag und sogar bei Nacht. Ihre Lebensgeschichte ist außerdem eine Leidensgeschichte. Lange Zeit war sie nur im Hintergrund tätig, als ORACLE, und half durch ihre enormen Fähigkeiten als Programmiererin. Schuld war ein Anschlag durch den JOKER, der sie in den Rollstuhl verbannte. Ein IMPLANTAT versetzte sie in die Lage, ihr altes Leben zurückzuerobern. Doch nun könnten all die Mühen in sich zusammenbrechen. Denn das technische Wunderwerk in ihrem Körper hat Aussetzer. Ihr Leben als BATGIRL könnte bald wieder vorbei sein.

SUPERHELDEN haben über die Jahrzehnte genügend Erinnerungen und Erfahrungen angesammelt, um häufiger mal von der Vergangenheit eingeholt zu werden. Ihr neuer Gegner GROTESQUE reißt eine Wunde auf, die sie, BATGIRL, geschlossen glaubte, nämlich ihr Leben im Rollstuhl, in den sie nie wieder zurückkehren möchte. Und so wehrt sie sich mit aller Kraft gegen das Versagen des Implantats in ihrem Körper. Doch mit dem Sieg des Willens über fehlerhafte Technik ist das so eine Sache! Charakterstärke kann viel bewirken, aber längst nicht alles. Diese Lektion lernt BATGIRL hier einmal mehr aufs Neue.

Ein paar schöne Aspekte werden aus dem Privatleben der BARBARA GORDON alias BATGIRL hervorgehoben. Das enge Verhältnis zu ihrem Vater steht im Mittelpunkt. Die beiden verbindet mehr als nur die Verwandtschaft. Die Bekämpfung von Verbrechen zum primären Lebensinhalt zu erklären, schweißt zusammen. Obwohl JIM GORDON über die zweite Identität seiner Tochter nicht Bescheib weiß. Dafür verstrickt sich BARBARA umso enger ins Leben des Vaters, allein schon wegen der Informationen aus dem Polizeialltag, die sie eher nebenbei aufschnappt. Ohne sich, wie einst, als ORACLE durch die Computernetzwerke hacken zu müssen.

Ein nicht so schöner, dafür sehr interessanter Aspekt ist BATGIRLS Zusammentreffen mit ihrem Bruder JAMES, seines Zeichens eingesperrter SERIENMÖRDER. Eine neue Mordserie, angelehnt an die Taten des verurteilten Verbrechers, zwingen BATGIRL dazu, sich mit dem ungeliebten Bruder auseinandersetzen. Dieser wird wie ein Verwandter von HANNIBAL LECTER hinter bruchsicherem Glas in einer Isolationszelle gefangen gehalten. Eine altmodische Mörderhatz mit SUPERHELD und FAMILIENDRAMA, durchweg spannend und mit gruseliger Tiefe von MAIRGHREAD SCOTT erzählt. Da ließe sich für die Zukunft noch mehr abholen, denn ein Geschwisterpaar, das auf derart weit entfernten Enden der Gerechtigkeitswaage balanciert, hält noch einige Geschichten parat.

CORMORANT ist ein typischer Killer und reiht sich in die Schlange ein mit Vorgängern wie DEADSHOT oder DEATHSTROKE. BATGIRL hat mit CORMORANT nun ihren eigenen gefährlichen und skrupellosen Gegner, für den Töten Arbeit ist und ein Job, der erldigt werden muss. Maskierte HELDEN sind dabei bloß im Weg. Entsprechend muss BATGRIL gehörig Federn lassen. Dieser Abenteuerabschnitt ist deutlich geerdeter, normaler, weniger düster und mythisch als noch der Kampf gegen einen GROTESQUE, der sein Gesicht hinter einer dämonischen Maske verbirgt.

Drei sehr gute Zeichner machen die Geschichten, geschrieben von SHAWN ALDRIDGE und MAIRGHREAD SCOTT sowie MARGUERITE BENNETT zu einem Fest für DC-Fans. SCOTT GODLEWSKI macht den Anfang, stilistisch ähnlich wie PIA GUERRA (Y – THE LAST MAN). Man könnte es einen sehr strengen, amerikanischen Manga-Style nennen. Auch mögen optische Einflüße der beiden klassischen Zeichentrickserien um BATMAN und SUPERMAN vorliegen. Aber wie auch immer man es nennen mag, es sieht einfach gut aus. DAN PANOSIAN und PAUL PELLETIER liegen mit ihren ausdrucksstarken Realismus stilistisch gleichauf, wobei mir PAUL PELLETIERS Zeichnungen noch eine Spur besser gefallen. Hier bin ich durch seine CROSSGEN-Arbeiten an NEGATION allerdings vorbelastet. Mittlerweile hat er viele Arbeiten in den beiden großen Comic-Universen DC und MARVEL abgeliefert. Beide genannten Zeichner haben eine grafische Nähe zu ALAN DAVIS, einem Urgestein des SUPERHELDEN-Comics.

Das ist Spitze. Es hat alles, Tiefe, Spannung, Drama, Haudrauf-Action, Blockbuster-Feeling. Eine charakterlich sehr gut durchdachtes BATGIRL muss ihren Weg in einem sehr harten GOTHAM CITY finden. Bösartigste Gangster haben kein Mitleid mit einer Superheldin, die sich einmal mehr ihren Weg zurück ins Leben kämpfen muss, hart an der Grenze zur neuerlichen Querschnittslähmung. Stark! Durchweg bombastisch gut gezeichnet! 🙂

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Freitag, 24. Januar 2020

BOUNCER – GESAMTAUSGABE 2

Filed under: Abenteuer — Michael um 11:49

BOUNCER – GESAMTAUSGABE 2DER HENKER IST TOT. Eine Giftschlange hat den unbeliebtesten Mann der Ortschaft BARRO CITY zur Hölle geschickt. Vielleicht auch in den Himmel. Wer kann das sagen? Die Stadtoberen hingegen stehen nicht zur Beantwortung dieser existenziellen Frage zur Verfügung, denn sie haben mit dem vakanten Posten des amtlich bestellten Hinrichters ein ganz anderes Problem. Wer will den Job haben? Weil nämlich gerade jemand ganz dringend an den Galgen gebracht werden muss! Die Einwohner des Ortes wollen BIG JIM hängen sehen! Der voluminöse Mann hat drei Kinder ermordet und aufgefressen. Dennoch will sich keiner freiwillig als Scharfrichter melden. Also soll das Los entscheiden!

BOUNCER ist zurück. Sein Leben und seine Aufgaben sind kaum einfacher geworden. Im Gegenteil, es hat den Anschein, als müsse Autor ALEJANDRO JODOROWSKY den bereits einarmigen Helden dieses Western an seine Grenzen treiben. Gleich der Beginn der Geschichte DIE GERECHTIGKEIT DER SCHLANGEN beschäftigt sich mit einem dunklen Kapitel der amerikanischen Geschichte. Nennen wir es die Imitation von Gerechtigkeit und Justiz. Nur, weil jeder Posten von Exekutive und Legislative ausgefüllt ist, kann noch lange nicht von einer korrekten Vorgehensweise die Rede sein. BOUNCER wird per Los zum HENKER bestimmt.

Obwohl es nun so aussieht, als drehe es sich in den hier versammelten Nachfolgegeschichten DIE RACHE DES EINARMIGEN, DIE BEUTE DER WÖLFINNEN nur um Verbrechen, Gewalt und vermasselte Justiz, ist ein Kernelement BOUNCERS Familiengeschichte und seine Suche nach Liebe oder einer Gefährtin. Und wie der berühmte Esel hinter der Karotte an der Angel herläuft, lässt ALEJANDRO JODOROWSKY seinen Helden BOUNCER am ausgestreckten Arm verhungern. Sicherlich hat der Rausschmeißer das eine oder andere Liebesabenteuer, durchaus auch ein solches, was in einem üblichen Western so nicht zu erwarten wäre, aber das berühmte HOLLYWOOD-HAPPY-ENDING sucht sich hier vergebens.

Aber mehr noch. FAMILIE ist letztlich das große Thema. In Deutschland ist man wahrlich mit Familiendramen in Roman, Serie und Film gesegnet, aber in dieser Form ist es doch eher selten. Zumal hier ein Vater seinen Nachwuchs fürchterlich drangsaliert, ein Indianer seinem Volk nachtrauert (ebenfalls eine Form der Familie) und Rache verlangt sowie ein BOUNCER, der einmal mehr von seiner Vergangenheit eingeholt wird und plötzlich den Resten und dem Vermächtnis seiner Familie gegenübersteht. ALEJANDRO JODOROWSKY würzt seine Helden gerne mit speziellen Abstammungslinien, Flüchen, Tragödien. Doch BOUNCER dürfte noch ein paar Extraportionen abbekommen haben.

Na, es gibt schon etwas Hoffnung. Und so ganz alleine ist BOUNCER nicht. Dem Einarmigen steht ein dreibeiniger Hund zur Seite und es gibt jemanden, der sich für ihn interessiert, ohne dass er es so richtig bemerkt. BOUNCER ist in Sachen Liebe nicht unbedingt ein Schnellmerker. Allerdings, bis Erkenntnisse in dieser Hinsicht reifen, dauert es. Zuvor hat Zeichner FRANCOIS BOUCQ viele, viele, viele starke Szenen zu Papier gebracht und einigen Figuren zu optischem Leben verholfen, die noch länger in Erinnerung bleiben.

Da gehen beide, Autor und Zeichner, nicht eben zart mit dem WILDEN WESTEN um. Von Wildwestromantik kann hier nicht die Rede sein. Der einfache Revolverheld reicht ALEJANDRO JODOROWSKY nicht. Mörder sind hier wahre Monster, degeneriert, debil. Sie kommen als simple Tagelöhner daher oder auch als Großgrundbesitzer. Die Menge verwandelt sich, sobald es jemanden zu lynchen gibt, in eine wahnsinnige Meute. Seltsamerweise, und das ist von ALEJANDRO JODOROWSKY klasse herausgearbeitet, will buchstäblich jeder gemeine Bürger einen Mörder baumeln sehen, aber selber aufhängen, wollen sie ihn auch nicht. Und derjenige, der es dann erledigt, wird beschimpft und bespuckt. Obwohl er (oder sie) nach dem Gesetz, also offiziell, handelt. ALEJANDRO JODOROWSKY lässt wahrlich kein Silberfädchen an dieser Welt.

Schönheit, vor allem in den Zeichnungen, keine Romantik, wird der Leser nur in zwei Bereichen finden. FRANCOIS BOUCQ huldigt dem amerikanischen Westen und seinen wunderbaren Felsformationen. Und er setzt eine Episode aus BOUNCERS Kindheit deutlich vom düsteren Restgeschehen ab.

Armer BOUNCER! Diesem Serienhelden wird nichts geschenkt. ALEJANDRO JODOROWSKY und FRANCOIS BOUCQ setzen die Abenteuer im Leben von BOUNCER mit einer dunklen Konsequenz fort, die es in sich hat. Dieser WILDE WESTEN ist eher dem Spaghettiwestern zugeneigt, als den Lobpreisungen aus Hollywood. Die Illustrationen sind vorbildlich. FRANCOIS BOUCQ kann als Meister seines Fachs und insbesondere als Meister dieses Genres bezeichnet werden. Empfehlenswert! 🙂

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Sonntag, 19. Januar 2020

DER KILLER – GESAMTAUSGABE 1

Filed under: Thriller — Michael um 16:44

DER KILLER – GESAMTAUSGABE 1DIE EINSAMKEIT DES KILLERS, während er auf den finalen Schuss wartet. DER KILLER hat sich von der Welt abgeschottet. Freunde, Familie sind Fremdworte. Er benutzt sie auch nicht als Tarnung. Er kommt, erledigt seinen Auftrag und verschwindet wieder. Ein Dutzendgesicht, keinerlei auffällige Verhaltensweisen. Er taucht in der Menge unter, ist einer von vielen. Er kennt sein Handwerk, besitzt außerordentliche Geduld und Planungstalent. Aber dieser Auftrag nagt an ihm. Es dauert. Und dauert. DER KILLER liegt auf der Lauer. Nur das Ziel lässt auf sich warten. Es kommt nicht dahin, wo es erwartet wird. Und mit jedem Tag sehnlicher erwartet wird. Langsam wird DER KILLER nervös.

DER KILLER begreift sich als Teil des Systems. Nicht nur eines gegenwärtigen, sondern eines über die Epochen allgemeingültigen Systems. Menschen sterben, er tötet sie. DER KILLER geht mit einer eigens, täglich eingeimpften Kaltschnäuzigkeit durchs Leben. Das hätte ganz normal sein können, bis er sein Talent freilegte und er feststellte, wie gut es ist, sein eigener Chef zu sein. Kein einfacher Charakter, keiner, den man mögen möchte, aber einer, der den Leser von Abschnitt zu Abschnitt immer näher an sich heranlässt.

MATZ, als Autor, und LUC JACAMON, als Zeichner, hatten es mit ihrem KILLER-Projekt zunächst nicht einfach. Zwei Verlage lehnten es ab, CASTERMAN forderte zunächst ein vollständig gescribbeltes Album, unentgeltlich versteht sich, bevor eine Vertragsunterzeichnung in Frage kam und das Projekt veranschaulicht vor dem Redakteur lag. Nun, es kam an, und die hier vorliegende 1. Gesamtausgabe vereint die ersten fünf Alben, also den ersten kompletten Handlungsstrang.

DER KILLER sollte anfangs ein Romanstoff werden. Das leuchtet durchaus ein. Verbrecher stehen mitunter im Mittelpunkt eines oder mehrerer Romane. Klassisches Beispiel hier ist sicher ein PARKER von RICHARD STARK (nicht die Filme, die werden der Vorlage nicht gerecht!). Ihre Coolness, ihre eiskalte Berechnung prädestiniert als Projektionsfläche. Scheinbar leer und gewissenlos marschieren sie durchs Leben und üben ihren Beruf präzise wie ein Uhrwerk aus, stets bereits professionell zu improvisieren, um den JOB auf jeden Fall zu Ende zu bringen, auch wenn es ein paar Leichen mehr erfordert (die am Ende nicht honoriert werden). Ja, wer mit Zynismus, mit charakterlich schwierigen Figuren nichts anfangen kann, die mit ziemlicher Menschenverachtung an ihr Tage- und Nachtwerk gehen, sollte sich nicht auf den KILLER einlassen.

MATZ hat den KILLER als einen halbwegs intellektuellen Philosophen angelegt. Selten ist ein Mörder so damit beschäftigt, seine Arbeit Revue passieren zu lassen. Solange es sich um Routine handelt. Zu Beginn ist dieses Mordsgeschäft noch so aufgebaut. Ein Auftrag, ein Mord, nach Möglichkeit einer, der am Ende nach einem Unfall aussieht. Es sei denn, der Auftraggeber verlangt etwas anderes, vielleicht ein deutlich leuchtendes Exempel für die Konkurrenz. Das ist allerdings schlecht für einen Menschen, der seine Arbeit lieber im Dunkeln und ohne Aufmerksamkeit zu erregen verrichtet.

MATZ traf bei seinen Planungen mit LUC JACAMON zusammen, der Zeichner hatte zuvor noch kein Album abgeliefert und arbeitet in einer Mischung aus LIGNE CLAIRE und künstlerischem Strich (nach MATZ‘ eigener Aussage und das passt). LUC JACAMON verpasst dem KILLER ein Gesicht wie eine ovale, eintönige Landschaft, die man schnell vergessen könnte, müsste sich dieser Mensch nicht zeitweise selbst aus der Menge herausheben, mit einem Stummfilmzeitbärtchen und einer kreisrunden HARRY-POTTER-Brille. Als Leser wird man dem KILLER jedweden Charme absprechen, aber sein Umfeld reagiert auf ihn mit einer gewissen Freundlichkeit. Auch scheint er Wirkung auf Frauen zu besitzen. Da man als Leser seinen düsteren Gedanken folgt, fällt es zuweilen schwer, diese Anziehungskräfte nachzuvollziehen.

Nichtsdestotrotz, sie sind da und so findet über die fünf hier zusammengefassten Alben verteilt eine Entwicklung statt, die zu Beginn nicht vorherzusehen war. Über QUERSCHLÄGER, RÄDERWERK, SCHULDEN, BLUTSBANDE und TODESSPIRALE verstrickt sich DER KILLER in Beziehungen, man könnte sagen, in einem richtigen Freundeskreis. Plötzlich gibt es nicht nur den BERUF, nein, plötzlich gibt es über das eigene Leben hinaus auch noch andere zu beschützen.

LUC JACAMON verleiht den Figuren ein Höchstmaß an Individualität. Sie schleichen sich über den sich entwickelnden Handlungsstrang an den Leser heran, dem nichts anderes übrig bleibt, als die Position des KILLERS einzunehmen. Irgendwann sind diese Charaktere zu nahe gekommen, und es ist zu spät, diese noch, besorgt um die eigenen Interessen, um die sprichwörtliche Ecke zu bringen.

Hut ab vor MATZ und LUC JACAMON, die es geschafft haben, ein dichtes Szenario mit einer zunächst sehr unsympathischen Hauptfigur zu kreieren. Man muss sich als Leser immer wieder in Erinnerung rufen, dass dieser Charakter für seinen Lebensunterhalt Menschen tötet. Ich mag den grafischen Stil, der den Leser nah an die Figuren heranführt. Als unbeteiligter Dritter spielt man bei den Zusammenkünften der Mörder und Drogendealer Mäuschen, schnuppert in das Milieu hinein, gefahrlos, bis man den KILLER, sehr zum eigenen Leidwesen, gar nicht mehr so unsympathisch findet. Ganz so, wie es MATZ beabsichtigt hat. Ein starker Thriller! 🙂

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