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Comic Blog


Freitag, 09. Oktober 2020

BOUNCER – GESAMTAUSGABE 3

Filed under: Abenteuer — Michael um 11:49

BOUNCER - GESAMTAUSGABE 3Indianer erregen in einer Kleinstadt im WILDEN WESTEN immer Aufsehen. Obwohl sie friedlich in die Ortschaft einreiten, wird ihnen offen von einer Einheit Soldaten gedroht. Dabei haben sie ein ganz anderes Ziel: BOUNCER. Der Sohn von WEISSER ELCH soll sein Erbe antreten und den heiligen Boder des Stammes beschützen. Doch zuvor muss der einarmige Mann, der mitten unter Weißen lebt, beweisen, dass er überhaupt fähig ist, seine Aufgabe zu übernehmen. Der Beweis ist denkbar einfach zu führen. Er muss lediglich, einen anderen Mann im Zweikampf besiegen. Sein Gegner OSO LOCO, der beste Krieger des Stammes, wartet nur darauf, BOUNCER zu töten …

Aber es gibt noch mehr als Mord und Totschlag im WILDEN WESTEN, denn ewig lockt das Weib. Zumindest bei ALEJANDRO JODOROWSKY und seinen Erzählungen ist das häufig so. Männer verfallen ihnen. Manchmal glauben sie noch, die nötige Macht zu besitzen, sich jederzeit zurückzuziehen. BOUNCER ist auch so eine Figur, die sich gerne etwas vormacht. Und einmal mehr hat er nicht den Schneid zu erkennen, wenn es eine Frau tatsächlich gut mit ihm meint oder ob sie ihn nur benutzen will. Meistens ist letzteres der Fall. Mit den Waffen der FEMME FATALE, versteht sich. Manche tarnen sich zuvor, andere arbeiten sehr offen mit verführerischen Qualitäten. Manchmal ist alles ein großes Verwirrspiel. Ganz wie es der äußerst fantasievolle Erzähler ALEJANDRO JODOROWSKY mag.

ALEJANDRO JODOROWSKYs Ansichten erschöpfen sich nicht in einem Frauenbild. Es gibt die Sichtweise einer Mutter, die ihre Tochter ganz standesmäß (ihrer Ansicht nach) verheiratet sehen möchte. Es gibt die Tochter, die aus Liebe bereit wäre, jederzeit mit diesen sogenannten Traditionen zu brechen. Es gibt die Hilfe einer Indianerin, die sich über die Völkergrenzen hinweg um einen verwundeten Weißen kümmert. Liebe und Mitleid sind keine Fremdwörter hier. Aber sie gehen nur allzu oft hinter all der Gier, der Brutalität und einem sehr schlechten Bild über den amerikanischen Westen unter.

Immerhin gibt es die Freundschaft, die BOUNCER dementgegen doch immer wieder findet. Völlig begründet, denn tief in ihm steckt ein gutes Herz, das sich aber gemäß der Regeln einer Anti-Zivilisation zu wehren weiß. Und wie! Gelegenheit erhält er dazu genug. Bis eine Grenze auftaucht, an dessen Schwelle sogar er den Revolver beiseite wirft.

Auffallend sind zwei Aspekte dieser dritten GESAMTAUSGABE von BOUNCER. Erstens der vordergründige Gegner: AXE HEAD. Ohne Umschweife als Unhold präsentiert, wird hier weder von Autor ALEJANDRO JODOROWSKY etwas an dieser Figur beschönigt (oder entschuldigt), noch von Zeichner FRANCOIS BOUCQ, der aus AXE HEAD (wie in einem der guten alten Spaghetti-Western) einen widerlichen Killer macht, der schon in einer rein gezeichneten Variante Abscheu beim Leser produziert. Und weil das nicht ausreicht, werden dem Unhold noch fünf Zöglinge zur Seite gestellt, die ihrem Vater nicht nur in nichts nachstehen. Ich möchte sogar behaupten, dass sie ihn an Brutalität noch überflügeln. Ist furchtbar (gut) fantasiert und wirkt nach, Comic hin oder her.

Zweitens (schon wieder) ein anderes grauenvolles Ereignis: Während BOUNCER in einem Indianerdorf im Apachen-Reservat gepflegt wird, planen Soldaten, aus purem Menschenhass und auf der Jagd nach Skalps, für die eine Belohnung gezahlt wird, ein Massaker. Das Szenario, wenngleich in viel kleinerem Maßstab als das historisch tatsächliche Geschehen, erinnert an das MASSAKER VON WOUNDED KNEE. Gänzlich unvorbereitete Angehörige der Sioux wurden von Granaten und Kugeln der US-Soldaten hingemetztelt. Männer, Frauen und Kinder ohne Unterschied. ALEJANDRO JODOROWSKY hat dieses Ereignis ganz offensichtlich als Vorlage für diese Szene genutzt, die in der ersten Albengeschichte der dritten Gesamtausgabe von BOUNCER vorliegt. Autor und Zeichner walzen diese Szene keineswegs aus. Im Gegenteil, beim Betrachten der Bilder sieht der Leser vor dem geistigen Auge wahrscheinlich mehr, als wirklich zu erkennen ist.

Die dritte Gesamtausgabe von BOUNCER fasst den 6. Teil, DIE SCHWARZE WITWE, und den 7. Teil, DOPPELHERZ, der WESTERN-SAGA zusammen. Die beiden zusammengehörenden Teile einer Doppelfolge geben ein abgrundtief düsteres Kapitel des einstigen Rausschmeißers und jetztigen Saloon-Besitzers wider. Das lässt sich aufteilen in eine Kulissenerzählung, in der ALEJANDRO JODOROWSKY das Gesicht des WILDEN WESTENS zeigt, wie er durch Überlieferungen und sogar Fotografien dokumentiert ist. Die andere Hälfte ist fast schon eine griechische Tragödie, die im Mantel eines Westerns daherkommt. ALEJANDRO JODOROWSKY verbindet beides zu einer packenden und mitreißenden Handlung.

FRANCOIS BOUCQ illustriert auf seine gewohnt perfekte Weise. So entsteht ein lebendiges, wuchtiges Bild. Gleichzeitig ist es schauerlich, da sich Autor ALEJANDRO JODOROWSKY nicht allein auf die üblichen Wildwestthemen verlässt. Stark, kurios, kurzweilig, anders, gut. 🙂

BOUNCER, GESAMTAUSGABE 3: Bei Amazon bestellen.
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Samstag, 03. Oktober 2020

DER DETEKTIV VON HOLLYWOOD

Filed under: Klassiker — Michael um 14:23

DER DETEKTIV VON HOLLYWOODDie goldenen Tage des Hollywood-Gruselfilms. Frankensteins Monster erwacht auf der Leinwand. Ein Vampir namens Dracula verschreckt die Kinozuschauer in schönstem Schwarzweiß. Zwei Darsteller des Genres haben sich in Hollywood einen Namen gemacht und sind bekannt für ihre Rivalität. BASIL ORLOFF und VLAD BURLANDI liefern im Film professionelle Arbeit vor der Kamera. Dahinter lässt einer am anderen kein gutes Haar. Beide arbeiten an SOL WURTZELS neuestem Film, DIE RACHE DES RABEN. Leider gerät das Werk noch während der Dreharbeiten in die Schlagzeilen, als der Schriftsteller CHARLES ANDERSON, ebenfalls am Film beteiligt, ermordet wird.

Eher zufällig wird der Detektiv HIPPOLYTE FYNN in die Aufklärung des Verbrechens hineingezogen. Der private Ermittler ist in Los Angeles längst kein Unbekannter mehr. Und besonders INSPEKTOR WHILLER von der Kriminalpolizei hat HIPPOLYTE FYNN sprichwörtlich gefressen, denn überall, wo der Detektiv auftaucht, liegen plötzlich auch Leichen auf der Szene.

Vor rund zwanzig Jahren erschien eine Reihe, deren Fokus auf dem Comic-Künstler PHILIPPE BERTHET lag. Den Auftakt machte DER DETEKTIV VON HOLLYWOOD. Besagter HIPPOLYTE FYNN durfte in mehr als nur einem Fall ermitteln. Er kehrte wieder im Band AMERIKA und in DAS GEHEIMNIS VON WRIGHTSVILLE, beide in der BERTHET-Reihe erschienen. In den nachfolgenden Geschichten bleibt er weiterhin mit HOLLYWOOD verstrickt. Insgesamt schreiben wir in den Krimis das Jahr 1939. Die Amerikaner drehen sich um sich selbst. Der Krieg ist anfangs weit weg. HIPPOLYTE FYNN gleitet durch diese Welt der Eitelkeiten mit großer Selbstverständlichkeit. Nicht immer behält er die Oberhand, manchmal ist auch der Spielball.

An HIPPOLYTE FYNNs Seite ist seine getreue Sekretärin CONNIE, die ihm fast schon mütterlich menschliche Fehler durchgehen lässt, obwohl sie im gleichen Alter wie der Privatdetektiv ist. Ihr wird von den Autoren PATRICK RIVIÈRE und BOCQUET immer mehr Raum gegeben. In Band 3, DAS GEHEIMNIS VON WRIGHTSVILLE, ist sie einmal mehr ermittelnd tätig, aber ohne Rückendeckung und gerät in höchste Lebensgefahr.

Wer klassische Krimis der schwarzen Serie Hollywoods mag, vielleicht immer noch einem SAM SPADE oder PHILIP MARLOWE nachtrauert, landet mit HIPPOLYTE FYNN genau an der richtigen Adresse. Dunkler als der Auftaktkrimi gerät AMERIKA. Plötzlich zieht eine Bedrohung auf, die niemand vorher so recht bemerkt hat oder bemerken wollte. Das ist von PATRICK RIVIÈRE und BOCQUET sehr elegant geschildert und für PHILIPPE BERTHET eine perfekte Vorlage. Seine klaren Linien und präzisen Charakterzeichnungen übertragen diese unterschwellige Stimmung perfekt. Das Titelbild von AMERIKA übersetzt das Gefühl hervorragend. HIPPOLYTE FYNN steht auf einem Friedhof an einem regnerischen Tag. Soeben wurde eine wichtige Person in Hollywood beerdigt.

BERTHETS Bilder fangen eine zeitweise mehr, mal weniger dekadente Gesellschaft ein. Man könnte so manchen der gezeigten Persönlichkeiten überkandidelt nennen. Da sind die schön eingefangenen, berühmten Horrordarsteller, die natürlich stellvertretend sind für ihre echten Pendants BORIS KARLOFF und BELA LUGOSI. Es gibt den Blick hinter die Kulissen, in Hollywood wörtlich zu nehmen. Reiche Orte stehen dunklen Schauplätzen gegenüber. Das ist fehlerfrei gestaltet, erschließt sich dem Auge schnell. Experimente unternimmt PHILIPPE BERTHET keine. PATRICK RIVIÈRE und BOCQUET verlassen sich oft über längere Bilderstrecken auf BERTHETs Gestaltung und lassen der Handlung ohne Worte ihren Lauf. Und es funktioniert.

Auch schon als Klassiker zu betrachten. Dank seines historischen Settings, seiner leichten Illustrierung und der konsequent strikten Erzählweise immer noch sehr zu empfehlen. Für Comic-Krimi-Liebhaber sowieso. 🙂

Nur noch antiquarisch erhältlich. Sich danach umzuschauen, lohnt sich.

Sonntag, 27. September 2020

DIE WÜSTENSKORPIONE 1

Filed under: Abenteuer — Michael um 13:32

DIE WÜSTENSKORPIONE 1Der Wahnsinn des Krieges ist auf vielerlei Arten darstellbar. Oft sind es die Brutalitäten oder die Greueltaten, die einem das Monster Mensch verdeutlichen. Der Irrsinn kann sich aber noch andere Ventile suchen. HUGO PRATT nimmt den Leser mit in ein besonders aberwitziges Kapitel des Zweiten Weltkriegs, den WÜSTENKRIEG. Es ist Herbst 1940. Zwischen Lybien und Ägypten ist davon für die Europäer, die sich in den Sanddünen gegenseitig umbringen, nichts zu bemerken. Die Wüste kennt keine Jahreszeiten. Und sie ist unerbittlich gegen jede Seite. WLADIMIR KOÏNSKY erlebt all die Widrigkeiten von Natur und menschlicher Niedertracht am eigenen Leib. Mehr als einmal steht sein Schicksal auf des Messers Schneide. Und mehr als einmal sieht er, wie seine Wegbegleiter der Tod ereilt …

DER LANGE WEG NACH SIWA lautet der Titel der ersten der beiden hier in einem Band zuammengefassten Geschichten. Im Mittelpunkt stehen WLADIMIR KOÏNSKY, LEUTNANT KORD, HASSAN BENI MUCHTAR oder auch JUDITTAH HORA CANAAN. Jeder ist auf seine Art ein Glücksritter. Die einen schreiten mit hehren Zielen in ihrem Leben voran, die anderen trachten danach reich zu werden, der nächste ist schon glücklich, wenn er aus diesem Krieg heil mit dem Leben davonkommt. Stellenweise in DER LANGE WEG NACH SIWA, sieht man einmal von den Kampfszenen ab (mit einem tollen Zugüberfall), entsteht eine Atmosphäre wie in einem Krimi von AGATHA CHRISTIE. Zeitweise lässt sich auch von Leserseite aus nicht sagen, wer nun welches Spiel spielt. Da heißt es, immer auf der Hut zu sein, welchem Charakter man seine Sympathien schenkt.

PICCOLO CHALET nimmt den Leser mit eine außergewöhnliche Situation, die aber in den erzählenden Genres gar nicht so selten ist. Ein kleines sudanesisches Wüstenfort ist leer gefegt bis einen einzelnen letzten Mann Besatzung. LEUTNANT STELLA genießt nur eine kurze Zeit des Alleinseins. ASKARI-SOLDATEN sind weggelaufen. Die ehemals hier stationierten ITALIENER haben offiziell das Fort verlassen. Es könnte für den einsamen Mann recht langwelig werden, führe nicht unweit des Forts WLADIMIR KOÏNSKY mit seinem britischen Panzer auf eine Mine. Fortan schweißt der Krieg die beiden Feinde für einen gemeinsamen Weg aus der Misere zusammen. HUGO PRATT beweist, dass es für einen Charakter in einer Geschichte immer noch schlimmer kommen kann.

Über allem herrscht eine abenteuerliche Stimmung. CINEASTEN und Freunde von Streifen wie LAWRENCE VON ARABIEN oder DER WIND UND DER LÖWE dürften sich hier gleich heimisch fühlen. Militärisch-politische Verhandlungen, Ränkespiele und im wahrsten Sinne des Wortes Sandkastendiplomatie treffen hier aufeinander. Mittendrin, im Kern des Ganzen, WLADIMIR KOÏNSKY als Archetypus des Abenteurers, des liebenswerten Halunken mit Herz und Verstand. Man mag es eine eigene Moral, einen inneren Kompass oder einen Codex nennen, nach dem KOÏNSKY handelt, ganz gleich, was es ist, er erspielt sich jedenfalls die Sympathien des Lesers mit französischer Leichtigkeit (ja, ich weiß, in der Geschichte ist er Pole, aber ihn umgibt nun einmal das Abenteurer-Flair eines JEAN-PAUL BELMONDO).

Die Zeichnungen von HUGO PRATT bergen keine Überraschungen, hat der Leser bereits in anderen Publikationen von ihm Bekanntschaft mit seiner Technik gemacht. Gewohnt fragil, mit dem Strich fürs Wesentliche, erschließt sich die Welt der WÜSTENSKORPIONE durch die Feder eines Mannes, der diese Zeit, wenn auch noch sehr jung an Jahren, tatsächlich miterlebt hat und kurz danach sein Kunststudium begann. HUGO PRATT schafft die unterschiedlichsten Charaktere, auch solche, die nur kurz auftauchen, einzig bei Schwarzafrikanern driftet er öfters mal in Stereotype ab. Seinen Kampfszenen, mit simpler Infantrie oder mit Fahrzeugen und Flugzeugen sieht man gerne zu. Das ist überaus filmisch. Sich die Skizzen anzuschauen macht Spaß, zeigen sie doch, wie sich HUGO PRATT seine Themen erarbeitet hat, sogar über persönliche Fotos aus den Wüstenkriegen, die ihm als Vorlage dienten.

Ein starkes Stück Comic-Geschichte über ein dunkles Kapitel Menschheitsgeschichte. Trotz allem ist es mit Charme erzählt, mit einem sympathischen Tausendsassa, der sich nicht unterkriegen lässt, gewohnt lässig illustriert, dennoch eindringlich (und die kolorierten HUGO-PRATT-Zeichnungen gefallen mir außerdordentlich). Geschichten mit Tiefgang. Sehr gut! 🙂

WÜSTENSKORPIONE 1, Der lange Weg nach Siwa, Piccolo Chalet: Bei Amazon bestellen.
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Samstag, 19. September 2020

DIE KONG CREW 1 – DER DSCHUNGEL VON MANHATTAN

Filed under: Abenteuer — Michael um 17:59

DIE KONG CREW 1 - DER DSCHUNGEL VON MANHATTANKONG hat gesiegt. Es ist den amerikanischen Streitkräften nicht gelungen, ihn zu töten, geschweige denn von der Insel MANHATTAN zu vertreiben. MANHATTAN gehört nun dem riesenhaften Gorilla und alles, was den Streitkräften zu tun bleibt, ist, jegliches menschliches Betreten der Insel zu verhindern und diesen Flecken Erde vom Rest der Welt abzuschotten. Inzwischen schreiben die Vereinigten Staaten von Amerika das Jahr 1947. 14 Jahre lang veränderte sich die Insel ohne äußere Einflüsse. Inzwischen hat sich die mit baufälligen Hochhäusern übersäte Fläche in einen Dschungel verwandelt. Einen prähistorischen Dschungel …

ERIC HERENGUEL, hierzulande als Zeichner bekannt von ULYSSES 1781 oder SILBERMOND ÜBER PROVIDENCE, springt in seinen Arbeiten gerne in einer Geschichte zwischen verschiedenen Genres umher. Da wird in einer frühen nordamerikanischen Phase gegen Monster gekämpft. Oder es tauchen zur besten Wildwestzeit dämonische Kreaturen an der Ostküste der Vereinigten Staaten auf. Ist ersteres Beispiel noch in Zusammenarbeit mit XAVIER DORISON entstanden, bestritt er SILBERMOND ÜBER PROVIDENCE allein, als Autor und Illustrator. Ebenso verhält es sich mit DIE KONG-CREW, wo er die Genres noch viel heftiger mischt als zuvor in seinen Arbeiten.

Sein Zeichenstil ist sehr realistisch. Figuren, Kulissen, Fahrzeuge, Landschaften, Tiere sind perfekt an die Realität angelehnt. Wo ERIC HERENGUEL in die Karikatur abgleitet, niemals komplett, sind die Köpfe und Gesichter. Die Charaktere werden dadurch aussagekräftiger, verfestigen sich schneller. Das erinnert technisch, gerade im Zusammenhang mit der Zeitschiene, die ERIC HERENGUEL hier bearbeitet, an ROCKETEER des verstorbenen DAVE STEVENS. Das mag auch daran liegen, wie toll sich beide Zeichner das Thema FLUGZEUGE erarbeiten. Beide Zeichner geben ihren Bildern einen filmhaften Look (DAVE STEVENS war zeitweise Storyboardzeichner, u. a. für JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES.) Wer die rasanten Flugszenen von ERIC HERENGUEL in den Straßenschluchten von MANHATTAN sieht, wird das sofort unterschreiben.

Ein Wehrmutstropfen: KONG tritt nur sehr kurz in Erscheinung. Entschädigt wird der Leser dafür mit allerhand Getier, wie es jüngstens die JURASSIC-WORLD-Streifen boten (und noch ein paar Viechern mehr). Außerdem hat sich in den Ruinen dieser ehemaligen Weltstadt ein merkwürdiges Matriarchat eingerichtet. Hier fließen kuriose Gestalten ein, die durchaus auch Platz in einem MAD-MAX-Streifen finden könnten. An Einfällen hat ERIC HERENGUEL jedenfalls nicht gegeizt.

Farblich nimmt sich ERIC HERENGUEL etwas zurück. Er ist natürlich wie in seinen Zeichnungen schon an der Realität orientiert, aber er sucht sich stets einen Kerneindruck für eine Seite. Das kann eine spezielle Farbe sein oder es ist ein besonderes Licht. Der Rest wird darauf abgestimmt oder es wird eine besonders kontrastreiche Szenerie. Letzteres ist seltener. Meist schafft ERIC HERENGUEL eine dezente Farbatmosphäre. Diese farbliche Stimmung kommt dem Setting, der zweiten Hälfte der 1940er Jahre, sehr entgegen. Fast scheint es, als habe sich der Künstler an älteren Farbfilmen jener Zeit orientiert. Das passt, macht es optisch, später im DSCHUNGEL VON MANHATTAN, eine Spur gruseliger im Look.

Starker Serienauftakt, mal etwas ganz anderes. Ein verrückter Genremix, der verdammt gut illustriert ist. Wer es mag, wenn Geschichten sich wunderbar aus verschiedenen Richtungen vermischen und das Ergebnis ein sehr abwechslungsreiches und spannendes Abenteuer ist, liegt hier genau richtig. Fans von MONSTERN und von Szenarien wie DIE VERLORENE WELT von ARTHUR CONAN DOYLE (das Buch wohlgemerkt) können bedenkenlos zugreifen. 🙂

DIE KONG-CREW 1, DER DSCHUNGEL VON MANHATTAN: Bei Amazon bestellen.

Samstag, 29. August 2020

FRANKA 24 – OPERATION RAUBFLUG

Filed under: Thriller — Michael um 19:25

FRANKA 24 - OPERATION RAUBFLUGWas geschah 1948? Fest steht, dass sich zwei Männer zum Ende des Zweiten Weltkriegs zusammentaten, um ein ungeheures Husarenstück durchzuführen. Ein Raubüberfall in luftiger Höhe mittels eines technischen Wunderwerks namens GREIF. Der eine Mann ist der amerikanische General ROBERT BRIGHT, für den es bei diesem Überfall um alles geht. Er muss Geld beschaffen, ansonsten ist sein Leben keinen Pfifferling mehr wert.

Der andere Mann heißt EGON KRATZ, ein ehemaliger Ingenieur, der für das Nazi-Regime tätig war. So unauffällig seine äußere Erscheinung ist, so findig ist er in seinen Konstruktionen. Das Ergebnis ist der GREIF. Der Plan ist so einfach wie aufregend. Der GREIF ist in der Lage, in der Luft an ein Flugzeug der U.S. AIR FORCE anzudocken, das zufällig den Sold, 28 Millionen Dollar, für die amerikanischen Soldaten in EUROPA an Bord hat …

FRANKA erlebt diese Geschichte natürlich nicht direkt, sondern ist auf die Erinnerungsnotizen einer dritten Person, KAY, angewiesen, die sich vor langer Zeit mit ROBERT BRIGHT eingelassen hat. Und von ihm aus seinem Leben vertrieben wurde, als sie ihm gestand, schwanger zu sein. Diese zeitlichen Rückblicke in die 1930er, 1940er und 1950er Jahre sind richtig kleine Schmuckstücke der Comic-Kunst. Im Zusammenhang der jeweiligen Seite oder auch alleine betrachtet. HENK KUIJPERS erzählt kurz über den Werdegang von KAY, berichtet von ihren Arbeitsplätzen. Ein tolles Bild eines Burger-Drive-Ins ist das Paradebeispiel dieses Lebenszusammenschnitts. Militärische Einblicke geben eine Fabrikationshalle von Consolidated B-24 »Liberator« Bombern, Szenen von Fahrzeugaufmärschen oder heimkehrenden Soldaten. Das atmet viel Atmosphäre. Fast könnte man vergessen, um welche Geschichte es sich eigentlich handelt. Schnell kann man sich als Leser in diesen Schilderungen verlieren.

Aber FRANKA bleibt natürlich nicht außen vor. Ganz im Gegenteil. Nach ersten Recherchearbeiten wird sie sogar noch tiefer in die Handlung hineingezogen. Was eben noch Erinnerungen einer fremden Person waren, greift plötzlich in die Gegenwart. Der Sprung gelingt HENK KUIJPERS vorzüglich. Mehr noch. Die Privatdetektivin, deren Aufgabe es ist, anderen auf die Spur zu kommen, wird selbst überwacht und gerät in höchste Bedrängnis.

Der klare Strich von HENK KUIJPERS mag nicht unbedingt bei allen Fans der Ligne claire ankommen. Dafür unterscheidet er sich von den bekannten Vertretern dieser Bildrichtung. Er sieht technischer aus, kantiger. Auch verzettelt er sich mal in überflüssigen Strichen, die ein Bild abrunden, aber nicht unbedingt notwendig sind. Aber auf diese Weise entsteht auch ein unverwechselbarer Stil, der mit seinen Schnörkeln hier und dort vielleicht sogar leicht am Jugendstil angelehnt scheint. Betrachtet man nur die Rückseite, auf der sich HENK KUIJPERS in einem einzigen Bild ausbreitet, versteht man sofort, was gemeint ist.

FRANKA radelt neben einem CITROEN HY, einen uralten Kastenwagen, her, der zu einer fahrbaren Burger-Braterei umgebaut wurde (neudeutsch: Food-Truck). Das ist wieder nur ein Beispiel. Insgesamt steckt da viel Herzblut in den Bildern. HENK KUIJPERS baut, so möchte ich behaupten, baut hier eine richtige Welt um FRANKA herum. Klar, abgeleitet aus der unseren, aber er macht sie eine kleine Spur schöner und sucht sich wie ein Fotograf die besten Ecken, um seine FRANKA in Szene zu setzen.

Toller Abschluss des Zweiteilers (Vorgängerband: DAS GEHEIMNIS VON 1948). Fantastisch illustriert, sehr eigen, unverwechselbar. Ein modernes Abenteuer mit einer modernen jungen Frau (seit den 1970ern schon, HENK KUIJPERS war der aktuellen Entwicklung sogar voraus). Verlässliche Comic-Qualität. Fein. 🙂

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Freitag, 14. August 2020

FRANKA 23 – DAS GEHEIMNIS VON 1948

Filed under: Thriller — Michael um 17:25

FRANKA 23 - DAS GEHEIMNIS VON 1948Ein scheinbar leichter Auftrag für FRANKA. Die junge Privatdetektivin soll eine Museumsangestellte beschatten, die verdächtigt wird, Material unbefugt an Dritte weiterzugeben. Über diesen Umstand ist man sich ziemlich sicher. Doch, wer ist der Auftraggeber? FRANKA macht sich an die Arbeit und wird schnell fündig. Bemerkt aber ebenso schnell, dass die Verdächtige selbst übers Ohr gehauen wurde. Außerdem führt die Spur weiter. FRANKA wird neugierig. Folge dem Geld, heißt das ewige Motto. Was eben noch ein Fall in ROTTERDAM war, gerät zu einer Rätseljagd in LAS PALMAS DE GRAN CANARIA. Und neben Sommer, Spaß und Sonnenschein wird es bald höchst gefährlich…

In der 23. Ausgabe von FRANKA, natürlich komplett aus der Feder von HENK KUIJPER, mit dem Titel DAS GEHEIMNIS VON 1948, ist anfangs nichts so, wie es scheint. Jeder Schritt führt zu einem neuen Rätsel, noch geheimnisvoller, noch undurchsichtiger. HENK KUIJPER kann in Sachen Erzählen keiner mehr etwas beibringen. Das ist von Anfang bis Ende mit sehr viel Spaß, sehr viel Sympathie für die Figur FRANKA geschrieben. Es erweitert die Figur, hält hier und da eine kleine Rückschau, um Brücken aus vergangenen Geschichten zu schlagen. FRANKA ist nun einmal SINGLE, nicht direkt auf der Suche nach einer Beziehung, würde sich aber, wenn es einmal klappt, auch einer solchen nicht versperren. Diese Bereitschaft verheißt nur nicht automatisch, dass sie mit ihrer Menschenkenntnis (trotz ihres langjährig ausgeübten Berufes) immer zu einhundert Prozent richtig liegt.

HENK KUIJPERS entführt den Leser grundsätzlich gerne an penibelst gezeichnete Orte. Da werden Großstädte wie ROTTERDAM und AMSTERDAM zu HINGUCKERN, mit WIMMELBILDCHARAKTER. Und HENK KUIJPERS verschwendet keinen Platz. Da muss was drauf, aufs Papier! Feine, überaus exakt geogene Linien, fasst ein wenig wie ein moderner Jugendstil, erfassen jedes noch so unbedeutende Detail. Da fehlt keine Leine, keine Planke, kein Riss im Stein.

Darüber hinaus hat HENK KUIJPERS ordentlich Zusatzinformationen zur Geschichte für den Leser bereitgestellt. Das will, wie jedes noch so kleine Bild, gelesen, eingeordnet und verarbeitet werden. HENK KUIJPERS verlangt optisch auf einer Seite von den Lesern mehr als es so manche andere Autoren und Zeichner tun, die deutlich luftiger zur Sache gehen. Dabei gibt es für den, der sich nach leichterer Comic-Lektüre nicht abschrecken lässt, ein sehr abwechselungsreiches Abenteuer zu verfolgen, das der Hauptfigur ebenso viel Aufmerksamkeit schenkt wie dem GEHEIMNIS VON 1948.

Einen kleinen Hinweis darauf, gibt bereits Titelbild. Eigentlich spoilert HENK KUIJPERS hier höchstselbst. Im Hintergrund steht eine merkwürdige Flugapparatur mit Heckpropellern. Die Konstruktion ist nicht gerade modern zu nennen. FRANKA steht im Vordergrund und hält neben einer Truhe (mit der Aufschrift US TREASURY) einen Geldsack des us-amerikanischen Schatzamtes in die Höhe, ergänzt durch den Aufdruck 1948. Offensichtlich geht es um eine Schatzsuche. Aber das ist letztlich nur ein Bruchteil dessen, was die Handlung ausmacht. Deswegen mag dieser offensichtliche Hinweis von HENK KUIJPERS dem Autoren und Zeichner in Personalunion verziehen sein.

Stark! Und gleichzeitig der Beweis, warum diese Serie so langlebig ist, die immerhin seit 1976 (!!!) erscheint. Das müssen andere Serien FRANKA erst einmal nach machen. Hauptfigur und Handlung sind erstaunlich jung geblieben, auf der Höhe der Zeit. Mit einer modernen Frau als Hauptfigur. So soll das sein! Sehr gut. 🙂

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Mittwoch, 05. August 2020

GWENPOOL SCHLÄGT ZURÜCK

Filed under: Superhelden — Michael um 18:41

GWENPOOL SCHLÄGT ZURÜCKGWENPOOL SCHLÄGT ZURÜCK. Eigentlich, bei genauer Betrachtung, sowie in der Rückschau auf ähnliche Projekte, könnte es auch heißen: GWENPOOL DEMOLIERT DAS MARVEL-UNIVERSUM. Oder so ähnlich. Die Zahl der Gaststars in diesem unmöglichen (komischen) MARVEL-Event ist sehr hoch. Einer lässt sogar schon auf dem Cover die Hüllen, Verzeihung, die Maske fallen. Allerdings nicht aus Kooperation, wie die Fesseln beweisen. Oder – na, wer weiß das heutzutage schon.

Wer ist GWENPOOL? GWENDOLYN POOLE gehört eigentlich nicht dorthin, wo sie sich momentan aufhält, zwischen all den Superhelden und all den alternativen GWENPOOLS. Sie war mal ein ganz normaler Comic-Nerd. In das MARVEL-UNIVERSUM versetzt kommt sie optisch als Mischung aus DEADPOOL und SPIDER-GWEN daher, besitzt (eigentlich) keine nennenswerten Kräfte (sieht man einmal davon ab, dass sie die Comic-Realität nach ihren Wünschen, sagen wir mal, verbiegen kann). Sie ist ziemlich abgedreht (das hat sie mit DEADPOOL gemein, der ebenfalls mit einem Gatsauftritt aufwartet). Sie ist ziemlich frech das wird deutlich, wenn sie ungefragt und ungebeten mit REED RICHARDS alias MR FANTASTIC rumknutscht).

Das Gute an der Story: GWENPOOL darf alles, ohne Konsequenzen zu fürchten. Ebenfalls gut: Sie macht alles, ohne Konsequenzen zu fürchten. Sie ist kein Stück böse, aber total unvernünftig. Und total lustig (ohne es zu wollen). In der hier zusammengefassten Ausgabe von fünf Heften der kleinen Reihe GWENPOOL SCHLÄGT ZURÜCK aus der Feder von LEAH WILLIAMS und CHRISTOPHER HASTINGS (nur Heft 4) darf der Leser einmal staunen, was passiert, wenn nicht nur Comic-Figuren losgelassen werden, sondern auch Comic-Autoren selbst. Es gibt keine Grenzen mehr. Gibt DEADPOOL einer Figur wie GWENPOOL auch noch Ratschläge, dann ist schlicht alles zu spät.

Für den Leser bedeutet das, er darf sich mit höchstem Vergnügen auf die Bilder von DAVID BALDEÓN stürzen (Farben von JESUS ARURTOV und GURU eFX). In diesem reinen Spaßprodukt, wo dem Zeichner selbst (ja, der darf kurz mitspielen) der Kaffee über die Seite fliegt, gibt es nichts, was irgendwelche Realitäten oder Events bei MARVEL (zer)stören würde. Dafür aber nicht nur MARVEL als Comic-Beispiel aufs Korn genommen, gleichzeitig versucht sich GWENPOOL noch an anderen Genres und Medien. Bestes Beispiel ist GWENPOOL’S ISLAND. Als Gaststars treten unter anderem auf: CAPTAIN AMERICA, IRON MAN, BLACK PANTHER, SHE-HULK, SPIDER-WOMAN, BLACK WIDOW und einige mehr – allesamt dem Anlass entsprechend in Badeklamotten. Einzig die jungen Helden wie MILES MORALES alias SPIDER-MAN dürfen in ihren üblichen Aktionsklamotten auftreten. So verblüfft wie selbst diese Comicfiguren aussehen, muss DAVID BALDEÓN einen Heidenspaß gehabt haben.

GWENPOOL selbst, die sich am Strand herumtreibt wie einst eine URSULA ANDRESS oder eine HALLE BERRY (jeweils in einem JAMES-BOND-Film), hat eine Mission. Sie will gefährlich, böse sein, weil böse sich besser verkauft. Was sich verkauft, überlebt im Comic-Markt. Klar, dass da niemand der versammelten Helden vor ihr Angst hat. Da hält sich jeder natürlich zurück. Jeder? Nein nicht jeder? Der HULK ist – na, eben der HULK. Der schlägt auch kleine Mädchen. Allerdings hat GWENPOOL tatsächlich eine Chance gegen den grünen Muskelmann. Schließlich ist das ihre Geschichte…

Lässt nichts aus. GWENPOOL erzählt uns eine Geschichte (eigentlich LEAH WILLIAMS und CHRISTOPHER HASTINGS) und DAVID BALDEÓN darf sie hervorragend illustrieren (mit zusätzlichen tollen Cover-Grafiken von TERRY DODSON). Aber man sollte es weniger als Story sehen, vielmehr als SHOW und die bekommt man hier geliefert. Hier tun die bekannten Helden mal dies und das, was sie sonst nicht dürfen (zum Beispiel sich in Badenhosen prügeln) oder wie GWENPOOL im Bienenkostüm auftreten. Gefühlt eine Atmosphäre wie LITTLE NEMO IN MARVEL-LAND. Mit viel Herz und Fun. 🙂

GWENPOOL SCHLÄGT ZURÜCK: Bei Amazon bestellen.
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Dienstag, 28. Juli 2020

LADY S – GESAMTAUSGABE 2

Filed under: Thriller — Michael um 10:07

LADY S - GESAMTAUSGABE 2KADIJA, SHANIAS Freundin aus der Wohngemeinschaft, nimmt das Leben und Bekanntschaften etwas lockerer. SHANIA steht immer unter Dampf, so scheint es. Für Spaß und Männer bleibt kaum Zeit. Bis KADIJA ihre Freundin eines Tages doch noch überreden kann, abends auf ein Blind Date zu gehen. FARIK und MUHSIN, die beiden Herren des Abends, letzterer gelassener als ersterer, begeben sich mit den jungen Frauen ins Nachtleben. FARIK, Lehrer an einer Islamschule, ist deutlich ernsthafter als sein Freund MUHSIN, der sich mit KADIJA vergnügt. Und er ist aufmerksamer, vorsichtiger. Dennoch begeht er einen Fehler, der sich als sehr folgenschwer herausstellen soll …

Der Einstieg in die Geschichte zeigt dem Leser eine LADY S (oder auch SHANIA RIVKAS), die sich in ihrem Leben eingerichtet hat. Einem Leben der Normalität. Als Dolmetscherin am EUROPÄISCHEN PARLAMENT in STRASSBURG arbeitet sie keineswegs stressfrei, genießt ihren Feierabend. Leider finden die Probleme sie! Kontakte aus der Vergangenheit ruinieren ihr normales Leben. Aber es gibt ebenso eine vollkommen unerwartete Neuigkeit, die alte Schäden zu reparieren hilft. SHANIA RIVKAS kann sich an dieser Neuigkeit zunächst nicht lange erfreuen.

GEHEIMDIENSTE! Gar nicht einmal die eigenen, von vielen Seiten scheint der Glaube zu bestehen, in SHANIA RIVKAS‘ Leben hineinzupfuschen. Anfangs lässt es sich geheimnisvoll an, doch schnell, bei einer Schießerei in einem Lissaboner Ausgehviertel, bestimmt Lebensgefahr nahezu jeden weiteren Schritt von LADY S. Denn es gibt Leute, die in ihr ein ganz besonderes Talent sehen. Und diese Leute sind bereit, SHANIA RIVKAS nicht nur dazu zu zwingen, ihren Befehlen zu gehorchen, sie lassen die junge Frau zu ihren Zwecken auch gleich ganz von der Bildfläche verschwinden. Um sie in einem neuen Leben auferstehen zu lassen. Aber (und da ist es wieder das große ABER) alte Kontakte aus der Vergangenheit lassen sich nicht so leicht abschütteln. Die schlechten nicht. Die guten Gott sei Dank ebenfalls nicht.

Für SHANIA RIVKAS ist die Handlung der zweiten Gesamtausgabe eine großes Verwirrspiel. Dank der klaren Erzählstruktur von JEAN VAN HAMME behält der Leser zu jeder Zeit den Überblick. Die hier versammelten Thriller PORTUGIESISCHER SALAT (Band 6 der Reihe), EINE SEKUNDE DER EWIGKEIT (Band 7), STAATSRÄSON (Band 8) und FÜR DAS LEBEN EINER FRAU (Band 9) zeigen einmal mehr, wie gut JEAN VAN HAMME seine Charaktere aufzubauen versteht und wie gern er mit den unterschiedlichsten Handlungsorten spielt (Drehorte möchte man fast sagen). Das erwähnte LISSABON, MARSEILLE, ein FRAUENGEFÄNGNIS, FLORENZ, edle Hotels, Tagungsorte, eine düstere BURG und und und. Eine Rundreise quer durch EUROPA. Man freut sich auf jede Seite, denn Überraschungen und Einfälle geben sich hier die Klinke in die Hand.

Neben der richtigen Mischung aus fein aufgebauten Charakteren, SHANIA RIVKAS vorneweg, realistischer ACTION, intrigenreichen Geheimdienstdramen und fantastischen Standorten der Handlung ist selbstverständlich der zweite Erfolgsgarant der Zeichner PHILIPPE AYMOND. Jedes Bild ist wunderbar genau ausgeführt, detailverliebt, akurat in jeglicher Perspektive. Die für mich schönsten Bilderfolgen finden sich im letzten Viertel des Bandes. Die Handlung verlagert sich in den Osten Englands. Das beschert dem Bilderreigen wieder eine vollkommen neue Atmosphäre, etwas bodenständiger und man könnte sich vorstellen, wie PHILIPPE AYMOND auch allseits bekannte (teils moderne) englische Krimis illustriert. So gut bekommt er die Stimmung dieses Landstriches hin.

Die realistischen Zeichnungen (Farben von SÉBASTIEN GERARD) besitzen eine kühle Präzision. Blickwinkel sind stilsicher gewählt, mit einem Gespür für Postkartenmotive. Krimifans suchen manchmal nach Veröffentlichungen, die sich sehr genau in einer bestimmten Region bewegen und auf authentische Beschreibungen setzen. Ganz genau dieses Gefühl wecken die Grafiken von PHILIPPE AYMOND. Wenn er einen Verfolgungsjagd auf einer portugiesischen Küstenstraße zeigt, glaubt man sicher, dass es diese Straße tatsächlich gibt (nach allen anderen echten Örtlichkeiten wäre es ein Unding, wäre es nicht der Fall). Außerdem wirkt es wie eine kleine Hommage an den Klassiker ÜBER DEN DÄCHERN VON NIZZA, nur halten hier keine Hühner die Verfolger auf.

Ein starker zweiter Band mit vier Albenabenteuern, deren in Band PORTUGIESISCHER SALAT gestarteter Kreis sich in FÜR DAS LEBEN EINER FRAU schließt. Mit Hang zur Perfektion illustriert von PHILIPPE AYMOND, von JEAN VAN HAMME meisterlich und mit stets unerwarteten Wendungen erzählt. Top-Comic-Thriller! 🙂

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Mittwoch, 15. Juli 2020

MILES MORALES: SPIDER-MAN 2 – ULTIMATIVE GEFAHREN

Filed under: Superhelden — Michael um 14:40

MILES MORALES: SPIDER-MAN 2 - ULTIMATIVE GEFAHRENManchmal findet das Abenteuer in der Familie statt. MILES MORALES alias SPIDER-MAN hat gerade noch (mit ein wenig Hilfe) eine Drohne verdroschen, als er bei einem Treffen mit seinen Eltern eine tolle Neuigkeit erfährt: MILES wird ein großer Bruder. Oder anders herum: Seine Eltern bekommen ein weiteres Kind. Es ist eine gute Nachricht, bevor das Chaos in MILES‘ Leben wieder zuschlägt. Er mag ein Jugendlicher sein, aber er bekämpft zumeist erwachsene Halunken. Und die scheren sich einen Deut um das Alter dieses (relativ) neuen SPIDER-MAN.

Das ULTIMATIVE UNIVERSUM mochte und mag ich immer noch sehr. Damit führte MARVEL seine altge- und -verdienten Helden ins neue Jahrtausend. Alles war ein wenig ernsthafter, etwas realistischer (sofern man den Begriff auf Superheldengeschichten anwenden mag), und natürlich härter. Erst nachdem diese neuen Techniken auf das ALTE MARVEL UNIVERSUM zurückschwappte, wurde das ULTIMATIVE UNIVERSUM überflüssig. Das führte letztlich zu seiner Auflösung. Oder zu einer Art borgschen Einverleibung ins Original. Eines dieser Relikte ist MILES MORALES, ein Neustart eines SPIDER-MAN (nicht des ehemaligen ULTIMATIVEN SPIDER-MAN alias PETER PARKER).

MILES MORALES verkörpert eine modernere Variante. An der Konstellation seiner Herkunft, seiner Familie wurde gebastelt. Seine Fähigkeiten weisen neue Tricks zum Original auf. Und das macht neugierig, auch solche, die mehr über diese Fähigkeiten wissen wollen. Eine unheimliche Macht entführt MILES MORALES. Seine Familie eilt schließlich zur Rettung aus, VATER und ONKEL. Das wäre zuvor mit PETER PARKER und seiner TANTE MAY nicht möglich gewesen. MILES‘ ENTFÜHRUNG ist ein ziemlich gruseliges SUPERHELDENABENTEUER, in dem ein HELD tatsächlich zum OPFER wird. Ein HELD, der bis zur Selbstaufgabe kämpft ist nicht selten, ein derart hilfloser HELD wie hier schon.

Besser ist es schon, wenn MILES MORALES sich wehren kann. Das Titelbild des zweiten Bands seiner Serie MILES MORALES: SPIDER-MAN mit dem Untertitel ULTIMATIVE GEFAHREN gibt einen kleinen Hinweis. DER ULTIMATIVE SPIDER-MAN musste sich bereits mit diesem GREEN GOBLIN im Hintergrund herumschlagen. Ultimativ mit der Figur des Kobolds verwachsen, ganz anders als die früheren Versionen, in denen nur ein Kostüm getragen wurde, ähnelt dieser verwandelte NORMAN OSBORN mehr einer Kreuzung aus HULK und ABOMINATION. Erstaunlicherweise ist diese Kreatur bereit, sich unterzuordnen. Wer diverse Events im MARVEL-UNIVERSUM verfolgt hat, insbesondere die DARK AVENGERS, mag dieses Erstaunen teilen.

Aber gerade, weil sich die Autoren (hauptsächlich) SALADIN AHMED und TOM TAYLOR älteren Geschichten entziehen, gibt es Überraschungen. Die braucht es immer aufs Neue nach so vielen Jahrzehnten, Neuerzählungen, sehr erfolgreichen Verfilmungen, die ebenfalls anders an die allseits bekannten Figuren herangegangen sind. Die Verschmelzung des ULTIMATIVEN mit dem NORMALEN MARVEL UNIVERSUM eröffnet neue Spielarten. Grafisch, nach den sehr starken Vorbildern aus besagtem ULTIMATIVEN UNIVERSUM, halten die versammelten Zeichner, allen voran JAVIER GARRON sehr gut mit.

MILES MORALES erhält, erst recht in der sehr familiären Episode, verdammt viel Profil. Die Vorgaben einer Figur müssen natürlich stets berücksichtigt werden, sonst ginge der Widererkennungseffekt verloren. Dieser MILES ist genau richtig, jugendlich, mit sehr natürlichen, manchmal schüchternen Gesichtsausdrücken versehen, die seinem Elan während seiner Kämpfe entgegenstehen. So wie einst dem jungen PETER PARKER (damals in der megastarken Zeit von JOHN ROMITA SENIOR gezeichnet), kann auch niemand diesem MILES MORALES unterstellen, ein SUPERHELD zu sein.

Ein böser CLIFFHANGER, was meist ziemlich gute sind, da sie den Leser nach einer stark aufgebauten Geschichte gehörig zappeln lassen. Genauso verhält es sich hier! Top erzählt und filmisch fein illustriert, hat dieser SPIDER-MAN alles, was die neue freundliche SPINNE von nebenan braucht. Perfekte SPIDEY-UNTERHALTUNG! 🙂

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Mittwoch, 08. Juli 2020

ALAIN CHEVALLIER 8 – DIE RIVALEN

Filed under: Thriller — Michael um 11:56

ALAIN CHEVALLIER 8 - DIE RIVALENALAIN CHEVALLIER, ein erfolgreicher FORMEL-1-RENNFAHRER, ist nicht bei allen beliebt. Eine normale Fahrt, mit einer normalen Limousine, wird zu einem Trip auf Leben und Tod. ALAIN CHEVALLIER muss all seinen Mut und sein fahrerisches Können aufbieten, um sich und seine Schwester in Sicherheit zu bringen. Doch das ist erst der Anfang einer Reihe von Widrigkeiten, die dem jungen FORMEL-1-PILOTEN zusetzen. Auf der Piste warten harte Kämpfe. Und hinter den Kulissen muss jederzeit mit Sabotage gerechnet werden. Nicht umsonst schläft ALAINS Techniker STEAK am Vorabend eines Rennens lieber in der Box, um auf die geliebten Wagen aufzupassen. Hier kann wirklich alles im letzten Moment noch schiefgehen…

Explodieren die Boliden, ist das Publikum zufrieden. So sang es vor Jahrzehnten schon RAINHARD FENDRICH. Die FORMEL 1 bedeutet ACTION, das will nicht nur das Publikum, sondern auch der Leser. Das Titelbild des 8. Bandes von ALAILN CHEVALLIER zeigt es in aller Härte und Deutlichkeit. Die Illustration gibt einen Hinweis auf die Eingangssequenz der Geschichte. 1962, beim GROSSEN PREIS VON DEUTSCHLAND, kommt es zu einem folgenschweren Unfall infolge eines Duells zweier Fahrer, FERRARI (wie immer rot) gegen LOTUS (dunkelgrün). Das Titelbild verrät den Ausgang der Hatz. Der FERRARI verunglückt, der Fahrer, der Vater von ALAIN CHEVALLIER, stirbt in der Flammenhölle. Ein Ereignis, das ALAIN CHEVALLIER, der als Zuschauer in der FERRARI-Box zugegen ist, für den Rest seines Lebens anhängen wird.

Zwar ist es der 8. Band, mit dem bezeichnenden Untertitel DIE RIVALEN, aber es könnte ebenso gut der Einstiegsband der 17-teiligen Serie ALAIN CHEVALLIER sein. Nach der Einleitung springt die Handlung in das Berufsleben von ALAIN CHEVALLIER in die 1970er, mitten hinein in den FORMEL-1-Zirkus. Die Fahrzeuge haben sich gehörig verändert, sind futuristischer anzuschauen. Aus heutiger Sicht weisen sie auch eine größere Design-Brandbreite auf. Der Wagen von ALAIN CHEVALLIER folgt zwar den üblichen Merkmalen des Jahrzehnts, besitzt jedoch viele Eigenarten in seiner weißen Keilform. Prägnanter noch ist das himmelblaue Bolidenduo mit den Fahrzeugnummern 3 und 4. Der TYRRELL P34 ist ein echt auffallender Hingucker.

Geändert haben mögen sich die Fahrzeuge, der Ehrgeiz der Fahrer, die Spannung, die Gefahr auf der Rennstrecke haben sich nicht verändert. Jede Pilotengeneration der Formel 1 muss sich diesen Aspekten im modernen Gladiatorenwahn stellen. Und ALAIN CHEVALLIER erlebt es am eigenen Leib, wie es ist, wenn einem in dieser Situation ein persönlicher Rivale erwächst. Mehr noch: Abseits des Rennens lauern weitere Gefahren, nicht nur für ihn, sondern auch für Freunde und Familie. CHRISTIAN DENAYER, der Illustrator des vorliegenden Bandes, begeistert Comic-Freunde seit Jahrzehnten mit seinen starken Zeichnungen im Bereich Technik, von Fahrzeugen in allen Lebenslagen. Menschen sind da nur noch ein Klacks für ihn. Comic-Fans, insbesondere Thrillerfreunde kennen seine Arbeiten außerdem von der Erfolgsserie WAYNE SHELTON.

Dank der Fahrzeuge, die man nun einmal sehen will, wenn es sich um die Formel 1 dreht, ist DIE RIVALEN schon ein Fest. Auto-Enthusiasten finden ihre Sportwagen (wie den fast schon legendären OPEL GT), europäische Limousinen und Kleinwagen, amerikanische Straßenkreuzer, mustergültig in Szene gesetzt. Und wieder mehr noch: Die Fahrzeuge, vorneweg die Boliden, sind nicht nur Mittel des Wettkampfes, sie sind Mittel zur Entführung und werden letztlich auch wie Waffen eingesetzt. Kurzum, zwar angesiedelt in den 1970ern (und auch in jener Zeit entstanden), gehen ANDRE-PAUL DUCHATEU (Autor) und CHRISTIAN DENAYER modernen Franchises wie THE FAST AND THE FURIOUS mit gutem Beispiel voran.

Ein FORMEL-1-Krimi mit viel Flair der 1970er (aus den 1970ern), einer gut aufgebauten Serienfigur, ALAIN-CHEVALLIER, die den Einstieg in die Reihe selbst in Band 8 enorm leicht macht. ANDRE-PAUL DUCHATEU erzählt geradlinig und schnörkellos, nimmt den Leser mit leichter Hand mit in den FORMEL-1-ZIRKUS und seine Umtriebe, auf und neben der Rennbahn. Wegen der künstlerisch starken Umsetzung durch (aus heutiger Sicht) Comic-Veteran CHRISTIAN DENAYER war und ist der Band perfekt für alle Comic-Freunde, die Autos und Technik in Geschichten lieben, aber auch für solche, die auf Thriller stehen. 🙂

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