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Comic Blog


Montag, 15. August 2016

DER ROTE KORSAR – Gesamtausgabe 7

Abgelegt unter: Abenteuer — Michael um 20:43

DER ROTE KORSAR - Gesamtausgabe 7 - Schachmatt den SklavenhändlernDas Schiff des Roten Korsaren ankert vor der afrikanischen Küste. Die Mannschaft benötigt Wasser und vielleicht noch dringender frisches Obst, denn Skorbut greift unter den Matrosen um sich. Immer mehr Männer werden krank. Jedermann an Bord weiß, wie gefährlich eine Landung an der Küste ist. Baba erinnert sich daran, wie er hier von Sklavenhändlern verschleppt wurde. Und jedermann hat eine Vorstellung davon, wie die Einheimischen auf Weiße reagieren, die es wagen, einen Fuß auf den Strand zu setzen. Rick, der Sohn des Roten Korsaren will es dennoch riskieren. Eine Wahl bleibt ihnen nicht. Alle Vorsicht und Vorausschau nützt nicht. Rick und sein Landungstrupp laufen im dichten Dschungel in eine Falle …

Nachdem dem Tod der beiden Ausnahmekünstler Victor Hubinon und Jije stand Autor Jean-Michel Charlier vor der Wahl, die Serie enden zu lassen oder nicht, denn ein Nachfolgezeichner war über zwei Jahre hinweg nicht zu finden. Dann stieß Charlier auf den jungen Illustrator Patrice Pellerin. Zu Beginn der 1980er Jahre fand sich so ein Zeichner, der dem ROTEN KORSAREN noch eine Spur mehr Realismus gab, als es Hubinon und Jije bislang getan hatten. Diese Figuren, die sich fraglos stark an den bisherigen Vorgaben orientierten, bringen ein wenig mehr Kino mit. Sie wirken allesamt härter, der ROTE KORSAR gemeiner, durchtriebener und, betrachtet man die beiden Szenarien, die hier in der 7. Gesamtausgabe abgehandelt werden, das hat er auch bitter nötig.

Seeschlachten, Entführungen, Geiselnahmen, Zweikämpfe, zu Land und zu Wasser, zwischen Halunken und Seestreitkräften aus England und Spanien. Die Welt des ROTEN KORSAREN ist kein Kaffeekränzchen für Matrosen. Dennoch gab es oft eine gewisse Zurückhaltung der Erzählung. Gewalt gab es, sie blieb aber vage. In den beiden Geschichten Die goldene Flotte und Revolte auf Jamaica ändert sich das. Unter dem Gesamttitel Schachmatt den Sklavenhändlern greifen Jean-Michel Charlier und Patrice Pellerin ein sehr düsteres Kapitel der Menschheitsgeschichte auf. Sklavenhandel wird häufig historisch nur mit den Vereinigten Staaten assoziiert. Hier wird deutlich, wie weit die Kreise des Sklavenhandels reichten, wie groß das Drama und die Tragödien dieser Ära waren.

Ein konkreter wie auch ungewöhnlicher Anlass katapultiert die Piraten geradewegs ins Zentrum eines Krieges zwischen Unterdrücker und Sklaven. Das Besondere an den Figuren von Patrice Pellerin ist das gelebte Aussehen. Dieser ROTE KORSAR hat ein raues Leben im Gesicht stehen. Sein Lachen mag noch so herzlich gemeint sein, es schaut aus, als plane er im nächsten Augenblick sein Gegenüber zu verspeisen. Patrice Pellerin ähnelt in seinen Arbeiten stilistisch Jean Giraud, den er noch vor Jean-Michel Charlier kennen lernte.

Bemerkenswert schön anzuschauen sind Massenszenen und weite Blicke, die den beiden Abenteuern eine großartige Atmosphäre verleihen, was aber auch ein Verdienst (im ersten Teil) der Koloristin Claudine Giraud ist. Sie setzt ein beinahe romantisch zu nennendes Licht in Szene. Amerikanische Nächte, Sonnenuntergänge, brennende Wolken verklären die Abenteuer der Piraten und schaffen gleichzeitig eine einzigartige Atmosphäre, die in der Tat an Western wie Blueberry erinnert.

Einen harten Abschluss der Handlung bietet das abschließende Abenteuer REVOLTE AUF JAMAIKA. Das ist nach heutigen Begriffen starkes Action-Kino auf Comic-Seiten, ernsthafter als entsprechendes Blockbuster-Material. Um die Kampfszenen, auch die Spannung etwas aufzuwiegen, folgt noch eine kleine Parodie auf den ROTEN KORSAREN, die bekannte Szenen aufgreift und zudem auf andere bekannte Piraten verweist. Das ist mit großem Augenzwinkern verfasst und gezeichnet.

Prachtvoll! Ein neuer Zeichner reiht sich in den Reigen der Comic-Künstler rund um den ROTEN KORSAREN ein. Patrice Pellerin macht seine Sache ausgezeichnet, gerade mit höchst realistischem Ausdruck bei den Figuren, denen er zusätzliche Tiefe verleiht. Sehr schön! :-)

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Mittwoch, 10. August 2016

BILLY THE CAT – Gesamtausgabe 2

Abgelegt unter: Cartoon — Michael um 10:37

BILLY THE CAT - Gesamtausgabe 2Würstchen könnte vor Eifersucht platzen! Da gelingt es doch tatsächlich dieser kleinen Katze, die sozusagen aus dem Nichts aufgetaucht ist und von Marina aus dem Urlaub mit zurückgebracht wurde, die Herzen der Menschen in der Familie im Sturm zu erobern. Und er, der Bassett, der sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich Zugang zum Kühlschrank zu bekommen, muss vor kleineren Hunden aus der Nachbarschaft den Tyrannen geben, damit sein Magen ausreichend gefüllt wird. Es kommt sogar noch dicker (ein gutes Wortspiel, da Würstchen mit seiner Fülle die Waage derart in Beschlag nimmt, so dass die Gewichtsanzeige gar nicht mehr zu sehen ist). Würstchen erkennt in BILLY den kleinen Jungen wieder, der ihn einst piesackte und dem er diesen grauenhaften Hundenamen zu verdanken hat …

Es war einmal ein böser Junge, der starb und nicht in den Himmel kam. Er wurde auf die Erde in Gestalt einer kleinen Katze zurückgeschickt und erlebte dort eine für ihn merkwürdig veränderte Welt. Plötzlich verstand er die Sprache der Tiere und war gezwungen, nett zu anderen Lebewesen zu sein, wollte er in dieser neuen Gestalt überleben. Zu seinem wichtigsten Freund wurde ein weißer Kater, den der kleine BILLY Onkel Hubert nannte. Dieser Kater wurde zu einem Wegweiser in dieser Katzenexistenz, bevor es BILLY gelang zumindest als kleine gelbschwarz getigerte Katze zu seiner Familie zurückzukehren.

War die erste Hälfte der Erzählungen kindgerecht, aber auch mit einem ernsten Unterton behaftet, verschiebt sich die zweite Hälfte mit den abschließenden drei Alben der zweiten Gesamtausgabe deutlich mehr zur Unterhaltung hin, obwohl es auch kritische Anmerkungen gibt, die von einer Figur wie Sanktifer ausgestoßen werden. Die Geschichten Ein Hund namens Würstchen, Onkel Hubert in Gefahr und Billys Wahl sind aber in erster Linie Abenteuer. Einzig zum guten Schluss wird es noch einmal wirklich mysteriös.

Stephen Desberg behandelt in EIN HUND NAMENS WÜRSTCHEN eher weltliche Themen. Ein Hund tyrannisiert kleinere Tiere, damit sie ihm Futter bringen. Dieses Würstchen ist ein Bassett mit Beinen so kurz, dass der Bauch fast auf dem Boden schleift, und Ohren so lang, dass Würstchen häufig auf sie tritt. Ihm steht ein Spatz als Sprachrohr und Gehilfe zur Seite. Nachdem sich Desberg und Zeichner Stephan Colman entschlossen hatten, mehr auf den tierischen Pfaden disneyscher Handlungen zu wandeln, wirkt dieses Bösewicht-Duo wie eine Persiflage auf solche amerikanischen Konstrukte.

Nichtsdestotrotz ist es ein komisches Duo, welches, insbesondere als es den beiden Kumpanen gelingt, in das Haus aufgenommen zu werden und dort zu bleiben, zur Hochform aufläuft und man sich ein wenig an Sylvester und Tweety erinnert fühlt. Zu BILLY, der auch im Trickfilm angekommen ist, schließt sich mit diesem Vergleich der Kreis. Im ausführlichen 50seitigen redaktionellen Teil in der zweiten Gesamtausgabe wird dieser neue Wirkungskreis von BILLY beschrieben, auch wie es mit ihm zeitweilig im Comic weiterging, aber schließlich ohne Desberg und Colman.

Eine Hauptfigur ist immer nur so gut, wie die Nebenfiguren es ihr erlauben. BILLY, eine putzige, vorwitzige Katze, die ihr Leben lieben lernt, hat mit WÜRSTCHEN, SANKTIFER und ONKEL HUBERT, um nur eine Auswahl zu nennen, sehr ausgewogene Nebencharaktere, denen es zeitweilig sogar gelingt, ihm die Show zu stehlen. Ein jeder vermag sogar, oder Schurke oder guter Kumpel, Sympathie zu wecken. Einzig die Ratten verweigern sich einem positiv emotionalen Zugang (siehe auch Titelbild), allenfalls mag man Mitleid mit ihnen haben. Beim Design ist Colman deutlich gruseliger in der Präsentation der üblen Gesellen, als es zum Beispiel es die Disney-Produktion in Basil der große Mäusedetektiv betrieben hat.

Gelungenes entgegengesetztes Flair: Das Heim, in dem BILLY aufwuchs, ist sehr heimelig, die Stadt, in die es ihn immer wieder verschlägt, ist oft abweisend, überfrachtet mit Verkehr und Reklame und Colman gelingt es sogar, sie laut aussehen zu lassen. Woran liegt es, dass die Stadt plötzlich diesen Eindruck macht? Nun, ONKEL HUBERT IST IN GEFAHR. Die positive Weltsicht des weißen Katers, der die Frauen liebt und einen schrottreifen Cadillac sein Zuhause nennt, ein wichtiger Faktor der ersten Geschichten, geht hier ein Stück weit verloren.

Die Geschichten um BILLY THE CAT von Stephen Desberg und Stephan Colman sind Abenteuer eines in einer Katze wiedergeborenen kleinen Jungen, die mehr Tiefe besitzen als die üblichen cartoony gezeichneten Handlungen. Liebenswert, tragisch und komisch, spannend, mit tollen Kulissen angereichert, sind sie tolle Unterhaltung für alle Freunde des Genres. :-)

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Samstag, 06. August 2016

DER GROSSE TOTE 6 – BRESCHE

Abgelegt unter: Mystery — Michael um 10:28

DER GROSSE TOTE 6 - BRESCHEPauline und Gaelle wollen ihren Freund Erwan und die kleine Blanche finden. Während die beiden jungen Frauen die Katastrophe in der Stadt erleben mussten, haben Erwan und Blanche, Paulines Tochter, auf dem Land Zuflucht gefunden. Dort herrscht weniger Chaos, die Notlage ist aber kaum geringer. Strom fehlt, Nachrichten kommen nur über die alten Wege, von Mund zu Mund, Treibstoff ist fast nicht mehr vorhanden. Die Menschen, die unterwegs sind, verlassen sich auf ihre Füße. Wer Glück hat, fährt mit dem Fahrrad. So wie Pauline und Gaelle, die sich einem Männertrio anschließen, eine Entscheidung, die sie schon bald bereuen werden …

Zurück in Frankreich pünktlich zum Weltuntergang. Die Menschen hat die Katastrophe völlig unerwartet getroffen und nur ein Mensch weiß, was tatsächlich hinter den Vorkommnissen steckt. Die Menschen sind nicht allein … Die beiden bekannten Comic-Macher Regis Loisel und JB Djian haben ein reales Endzeitszenario gekonnt mit einer fantastischen Hintergrundgeschichte vermischt.

Der Leser darf keinen großen Weltuntergang im Stile eines Masters Of Desaster erwarten. Die Zerstörung findet hier im Kleinen statt, mit der sich jeder arrangieren muss. Die Erde, so scheint es, habe es sich zur Aufgabe gemacht, moderne Technik abzuschütteln und den Menschen auf alte Wege zurückzuzwingen. So ist das Ambiente vornehmlich ländlich. Dort halten sich die Zerstörungen in Grenzen. Die Menschen auf dem Land haben seit jeher eine andere Lebensgeschwindigkeit an den Tag gelegt und sich mehr auf die Gegebenheiten eingelassen, die von Mutter Natur beschert wurden. Hier beschreiben Loisel und Djian die Szenerie mit einer traurig, nostalgischen Ruhe.

Dieses Grundgefühl ändert sich in der anderen Welt. Es ist eine kleine Welt, von der die Kleinen auf die Welt der Großen schauen. Darauf ist auch der Titel der Reihe zurückzuführen. Ein einzelnes Individuum hatte den Plan, beide Welten durch zwei Kinder miteinander zu verbinden. Dadurch entstand ein schauriges Band, denn die Kinder hier bringen kein Heil, sondern besitzen eine Macht, gegen die ein Mensch kein Mittel besitzt. Blanche, das seltsame Mädchen mit der Taucherbrille auf der Nase und der hellen Haut, der ruhigen Art, die viel zu erwachsen ist für ein Kind ihres Alters, ist eine beeindruckende Bedrohung. Sie könnte auch aus den Gedankenspielen eines Stephen King erwachsen sein, der Carrie und den Feuerteufel mit ähnlichen Kräften wüten ließ.

Mallie zeichnet eine Welt, die ohne den Pomp sonstiger fantastischer Welten daher kommt. Man gewinnt den Eindruck einer übergreifenden Ordenstruktur, bäuerlich, sehr der Natur zugewandt, einfach, mit einer flachen Hierarchie. Gehüllt in schlichte Gewänder unterscheiden sie sich wenig voneinander. Die Gesichter sind menschenähnlich, aber weniger unterschiedlich. Es gibt mehr Hautfarben und der Wunsch, in der Menge äußerlich aufzugehen, scheinoffensichtlich. Da kann die Eigenmächtigkeit eines Einzelnen nur großen Zorn hervorrufen. All das versteht Mallie mit einem leichten Strich umzusetzen, leichter noch, als es Loisel selbst mit Peter Pan auf dem Papier gelang.

Mit dem Untertitel BRESCHE beschreibt die 6. Folge von DER GROSSE TOTE die Folgen des Zusammenbruchs der Zivilisation. Hervorzuheben sind die Konflikte in der kleinen Welt wie auch zwischen Erwan und Blanche. Jede Situation zwischen den beiden ist wie ein Baustein in einem sehr wackeligen Turm, der irgendwann einstürzen muss. Dank der Zeichenkünste von Mallie und der Komplexität der Handlung bleibt der Spannungsbogen weiterhin stark gespannt und die Neugier auf eine neuerliche Zuspitzung der Ereignisse hoch. Klasse! :-)

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Montag, 01. August 2016

KING UND KONG – Gesamtausgabe 1

Abgelegt unter: Cartoon — Michael um 9:54

KING UND KONG - Gesamtausgabe 1Da sind sie wieder! Der kleine Junge KING und sein Gorillafreund KONG hatten unmissverständlich klar gemacht, dass sie keine fiesen Wilderer im Urwald wollen. Da genügt es nicht, die Gewehre zu zerbrechen. Harry und Joe, die beiden Gauner, wollen einfach nicht aufgeben und finden immer einen neuen Weg, um zurückzukommen. Zu KING und KONGS großem Glück wissen sich die Tiere im Urwald auch selbst zu helfen. Doch sollte das wirklich der Grund sein, weshalb die beiden Wilderer auch vorgeben, neuerdings mit Fotosafaris ihr Geld verdienen zu wollen? KING UND KONG haben allen Grund skeptisch zu sein!

Satte fünf Alben sind in dieser ersten Gesamtausgabe versammelt. Die Abenteuer von KING UND KONG, einem Gorilla und seinem Schützling. Gemeinsam leben sie im Dschungel, im beständigen Clinch mit zwei Halunken, die immer zur Bereicherung in die Wildnis einbrechen, meist durch das Mittel der Wilderei. Flusspferde, Elefanten, Nashörner, Krokodile, kaum eine Kreatur ist vor den beiden Ganoven Harry und Joe sicher. Manchmal locken auch andere Reichtümer, wie zum Beispiel Diamanten, so dass sich sogar noch weitere dunkle Gestalten beteiligen und Eingeborene zu Mitwissern, Helfern, im besten Fall zu Führern durch den Busch werden. Nebenfiguren wie der deutsche Kurt, ein Flussschiffer, komplettieren das Arsenal der Charaktere.

KING, der kleine Junge, ist natürlich eine Verbeugung vor dem großen Affenmenschen Tarzan, aber ebenso vor Korak, Tarzans Sohn, ebenfalls einer Comicfigur, die vor Jahrzehnten der Dschungel durchstreifte. Und KONG? Gar keine Frage eigentlich, wer hier das Vorbild war. Aber eigentlich gehen die Anklänge noch weiter. Panik um King Kong darf hier ebenso als Grundidee dieser Figur herangezogen werden, später treffender unter dem Titel Mein großer Freund Joe neu verfilmt, in dem ein riesiger Gorilla zum Freund einer jungen Frau wird, die ihn von Kindesbeinen an kennt. Auch KONG ist hier ein sprachloser Beschützer, sehr mutig, seinem Freund KING treu ergeben. Eine Treue, die auf Gegenseitigkeit beruht, denn KING setzt ebenfalls seinem Freund zu helfen. Was ihm an Kraft fehlt, macht er durch Finesse wett.

Harry und Joe sind ein klassisches Klamaukduo. Harry ist von kleinem Wuchs, gierig, findig zwar, aber auch jähzornig von der Sorte, die gerne regelrecht in die Luft geht. Joe ist groß, leicht übergewichtig, nicht so dumm, wie Harry gerne hätte, umsichtiger sogar, was angesichts der stets wiederkehrenden Gefahren kein Wunder ist, denn Harry ist zudem noch lernfähig. Die beiden sind in ihrer Konstellation, auch wegen ihres Runnig-Gag-Verhaltens, eine Art fieses Gegenstück zum Inspektor und Sergeant Dudu (bei uns innerhalb der Rosaroten-Panther-Reihe ausgestrahlt. Wer es bekannter mag, darf Dick und Doof zum Vergleich heranziehen. Auch hier gibt es den eher schlaueren, mehr von sich eingenommenen Part und den etwas weniger klugen, etwas nachlässigeren Teil eines Duos, die sich ebenfalls gerne selbst in die Quere kommen.

Die beiden Comic-Macher Cauvin (Szenario) und Mazel (Zeichner), bei uns in den 1970ern durch Kaline und Kalebasse bereits bekannt geworden, schrieben und zeichneten die hier versammelten Abenteuer zwischen 1975 und 1981. Sehr gut zusammengetragenes Sekundärmaterial, eine grafische Einleitung, acht Kurzgeschichten werden dem Leser vorweg geboten, bevor es mit den fünf ersten Alben (die hier so noch nie erschienen sind) losgeht. Grafisch darf sich der Leser auf einer Stilistik aus der goldenen Zeit der Comics hierzulande freuen, als frankobelgische Figuren hier Erfolge feierten. So arbeitet Mazel optisch wie ein künstlerischer Bruder von Morris und Franquin.

Die ersten veröffentlichten Zeichnungen zeigen wieder einmal sehr schön, wie Figuren langsam aus den Kinderschuhen entschlüpfen, Mazel sich ganz offensichtlich enger herangetastet hat und die Figuren runder, griffiger wurden und die einzelnen Perspektiven immer besser saßen. Der Knuddelfaktor wurde erhöht. Das ist besonders deutlich bei Joe, der zu Beginn viel mehr von einem Gauner hatte, schlanker war und, auch Szenarist Cauvin fand erst ach ein paar Schritten den richtigen Dreh, sich stärker gegen Harry auflehnte.

Wenn die Liebe Einzug hält … Die Freundschaften unter den Menschen, na, ja, auch Menschenaffen halten sich hier schön die Waage, als Cauvin und Mazel beschließen, hier ein bisschen zu spielen. Harry findet wahre Tierliebe und KONG findet jemanden zum Anhimmeln, aber noch interessanter und spaßiger ist das Aufeinandertreffen zweier im Dschungel aufgewachsener Kinder. Cauvin und Mazel brechen hier einerseits aus den gewohnten Strukturen aus, indem sie mit ihren Figuren wunderbar spielen, andererseits schaffen sie neue Running-Gags und treiben diese perfekt auf die Spitze.

Erste Klasse in Sachen Humor, Inszenierung und Spaß. KING UND KONG sind einfach Gute-Laune-Geschichten mit kleinen, mal größeren Anspielungen, immer straff erzählt, mit schönen Einfällen gespickt. Für Fans von Funnies unbedingt empfehlenswert. Darüber hinaus: Tolle Aufmachung und liebevoll produzierte Ausgabe. :-)

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Montag, 25. Juli 2016

GIL ST. ANDRE – Gesamtausgabe – Zyklus 1

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 17:30

GIL ST. ANDRE - Gesamtausgabe - Zyklus 1In einer Villengegend in Lyon bereitet sich eine junge Familie, ein Ehepaar und die kleine Tochter, auf einen gemütlichen Abend vor. Gäste werden erwartet. Leider sind für das geplante Abendessen noch nicht sämtliche Zutaten vorhanden. Sylvia St. Andre macht sich auf den kurzen Weg, um schnell das Benötigte einzukaufen. Der Abend schreitet voran, doch die Frau kehrt nicht zurück. Gil St. Andre denkt sich zunächst nichts dabei. Eine schlichte Verzögerung, nichts weiter. Aber je später es wird, desto mehr macht er sich Sorgen, fragt beim Lebensmittelhändler nach. Dieser hat Gils Ehefrau nicht gesehen. Am nächsten Tag ist Sylvia immer noch nicht wieder da. Gil wendet sich notgedrungen an die Polizei. Dort nimmt man seine Anzeige nicht allzu ernst …

Eine Dame verschwindet. Die Ausgangssituation dieses Thrillers ist denkbar einfach. Die Lösung für den titelgebenden Gil St. Andre ist weitaus schwieriger, nervenaufreibender und brandgefährlich. Der in dieser Gesamtausgabe 1. Zyklus des Titelhelden versammelt fünf Einzelbände, während derer der Entführungsfall, so viel darf verraten sein, abgehandelt wird. Den Auftakt der Geschichte schreibt und zeichnet Jean-Charles Kraehn fast allein, bei den Hintergrundzeichnungen holt er sich anfangs noch Unterstützung. Der Beginn ist klassisch und birgt stets ein gutes Ausgangsszenario, dessen weitere Entwicklung völlig offen ist. Jean-Charles Kraehn, da zeigt sich schnell, schöpft die Möglichkeiten einer Entführungsgeschichte voll aus.

Die Spur muss erst einmal gefunden werden und lässt, auch seitens des Lesers, der mehr als GIL ST. ANDRE weiß, was sich im Hintergrund abspielt, Schlimmstes für Sylvia befürchten. Jean-Charles Kraehn lässt seinen Helden, einen erfolgreichen jungen Mann, anfangs ziemlich allein auf die Jagd gehen. Mit Arroganz und Zynismus hält sich Gil St. Andre andere Menschen vom Leib, außer seine engste Familie, der er liebevoll begegnet und für die er alles zu geben bereit ist. So gibt er auch nach diversen Rückschlägen, auch Anschlägen auf sein Leben, die Suche nicht auf. Wie St. Andre anfänglich sich hauptsächlich durch seine große Klappe auszeichnet und später über sich hinaus wächst, ist anschaulich, nachvollziehbar und von einer französischen Thrillerspannung, die auch hier ohne Übertreibungen, höchst realistisch aufgebaut wird.

In der Haken schlagenden Handlung, die später in eine völlig andere Richtung steuert, als anfangs durch den Leser anzunehmen, wird Realismus groß geschrieben, genauer gesagt, gezeichnet. Erhält Jean-Charles Kraehn anfangs noch bei den Hintergründen Verstärkung (Dominique Drillet), greift im zweiten der hier versammelten Alben bereits Sylvain Vallee auf zehn Seiten ein, bevor er in der Folge die grafische Arbeit vollends übernimmt und die von Kraehn vorgegebene Stilistik beibehält. Freunde von Comic-Künstlern wie einem späten Hermann, Philippe Francq oder Marc Bourgne werden an den Zeichnungen ihre Freude haben.

Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Akte (bzw. Alben) macht auch den Reiz dieses Thrillers aus. Es beginnt in der Beschaulichkeit von Lyon, in der heilen Welt, wechselt in einen Kriminalfall, hinein ins Milieu, die Welt der erfahrenen und deshalb reichlich zynischen Kriminalistik. Die Schweiz, mit einem internationalen Saubermann-Image versehen, wird hier zum Gipfelpunkt der Thrillerhandlung, zu Lande, in der Luft und sogar im Wasser. GIL ST. ANDRE findet sich wenig gewollt und wenig erfahren in einer brutalen Action wieder, die seinen Tod zur Folge haben könnte. Das ist virtuos inszeniert, im geringsten Falle im Sinne einer starken Fernsehserienoptik.

Das Titelbild verrät es. Gil St. Andre macht sich allein auf den Weg, bestreitet den Fall aber auf Dauer nicht solo. An seiner Seite agieren die junge Polizisten Djida (die eine Schwäche für Gil entwickelt) und später der gestandene Polizist Fourrier, der wie eine Comicversion des kantigen Schauspielers Lino Ventura daher kommt. Gerade letzterer bringt einen bärbeißigen Humor in die Geschichte ein, etwas altmodisch, sehr hartnäckig und sofort eine Paradefigur für einen neuen Tatort-Ableger.

GIL ST. ANDRE hat alles, was ein guter Comic-Thriller – oder auch medienübergreifend Thriller überhaupt – braucht. Eine greifbare, stark skizzierte Hauptfigur, gelungene Mitstreiter und Nebenfiguren, knackige Rätsel, auf der prima Action aufsetzt, Fieslinge jedweder Couleur, auch jene Sorte, die nicht direkt als Halunke erkennbar sind. Die mehrheitliche Übergabe des Zeichenstifts von Jean-Charles Kraehn an Sylvain Vallee stellt einen Glücksgriff für das Gesamtwerk dar. Krimifans und Thrillerfreunde können bedenkenlos zugreifen. :-)

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Mittwoch, 20. Juli 2016

DRIFTER 2 – DIE WACHE

Abgelegt unter: SciFi — Michael um 10:46

DRIFTER - Band 2 - DIE WACHEGrößer als Pferde sind diese geflügelten Lebewesen. Auf der dunklen Seite des Planeten hat sich das Leben anders entwickelt und andere Nischen erobert. Schneeweiße Flugechsen fliegen in dichten Schwärmen durch diese dunkle, mit Leuchtpunkten durchsäte Welt. Für die kleine Mannschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Ersatzteile für ihre Kolonie in dieser schaurigen Umgebung zu besorgen, entwickelt sich die Mission langsam aber sicher zu einem lebendig gewordenen Alptraum. Selbst das abgestürzte Raumschiff, das Ziel ihrer Bemühungen, vermag an einer vage hoffnungslosen Stimmung kaum etwas zu ändern.

Ouro ist ein Planet, auf dem man überlebt. Sonst nichts. Ein schlechtes Gewissen um vielleicht zu Unrecht vergossenes Blut, fälschlich getötete Menschen nagt auch hier an den, genauer, an der Gesetzeshüterin. In ihrer Ohnmacht über das Geschehene ist sie allzu gern zur Buße bereit, nur sind die Gelegenheiten für derlei Wünsche selten. Wo man überlebt und eben sonst nichts, ist das Mitgefühl eine teure Angelegenheit. Aber, wie es sich zeigt, können Gelegenheiten auch erzwungen werden. Ivan Brandon, der Autor, lässt den weiblichen Sheriff den Wunsch nach Buße auf zweierlei Weise ausleben. Das ist gleichermaßen verständlich wie auch dramatisch und sorgt für eine Menge Schmerzen.

Ivan Brandon erzählt eine Science Fiction Geschichte über ausgebrannte Typen auf einem Planeten im hintersten Winkel der Galaxis. Wenn es irgendwo ein helles Zentrum des Universums gibt, dann sind die Leute, die auf Ouro leben, am weitesten davon entfernt. Vermittelte bereits der erste Teil diesen Eindruck, wird diese Atmosphäre der Verlorenheit, der Sackgasse, der total depressiven Stimmung noch einmal um ein Vielfaches verstärkt. Auf einfache Fragen gibt es keine einfachen Antworten, meist nur unbeantwortbare Rätsel. Abram Pollux, der Hauptdarsteller dieses Dramas, der sowieso nicht genau weiß, warum er ausgerechnet auf diesen Planeten gestürzt ist, vermehrt auf diese Weise seine Frustration.

Nicht frustriert sein, muss der Leser, der hier eine SciFi-Story in die Finger bekommt, die so wirkt, als hätten ein David Lynch und ein früher Steven Spielberg Hand in Hand gearbeitet. Ivan Brandon und Grafiker Nic Klein sind wie ein comicales Gegenstück dieser beiden Kinogrößen. In zwei gegensätzlichen Schauplätzen inszenieren die beiden Comic-Macher ihre Geschichte. Die kleine Stadt, das Schicksal des weiblichen Sheriffs ist eher konventioneller Natur. Angesiedelt zwischen Mos Eisley und Tombstone ist diese Ortschaft eine Wüstenei, in der man in einer Spelunke besser aufgehoben ist, als draußen auf den staubigen Straßen, denn hier hat man wenigstens beim Warten Gesellschaft. Warten worauf? Eigentlich auf nichts. Und so stauen sich die Emotionen auf, die sich in Schlägereien entladen, für die wiederum ein Sheriff gebraucht wird.

Ivan Brandon zeigt, wie nötig einerseits die körperliche Auseinandersetzung ist (die selbst derjenige, der den Streit vom Zaun bricht, nicht so recht will), andererseits, wie das darauf folgende Prozedere die Akteure wieder zusammenschweißt. Ob sie wollen oder nicht. Denn auch das ist klar: Man kann sich in dieser Ortschaft unmöglich aus dem Weg gehen. Nic Klein verleiht den beiden Streithähnen durch seine Charakterzeichnungen große Authentizität. Man will dem Sheriff gerne die innere Zerrissenheit glauben. Hier ist auch das Western-Feeling am häufigsten zu spüren.

Die sehr individuellen Figuren und die gemäldeartige Kolorierung sind in diesem Teil der Erzählung bereits stark, entfalten aber erst auf der dunklen Seite des Planeten ihre wirklich außergewöhnliche Wirkung, für die Nic Klein alle Register ziehen kann. Hier ist atmosphärisch nicht nur Lynch-Zeit, hier werden sich auch alle wiederfinden, die den Düster-Look von ALIENS mochten, vielleicht noch gepaart mit der greifbaren Bedrohlichkeit der aktuellen Gruselfilmwelle.

Ein sehr dichtes, sehr starkes Stück Science-Fiction-Western-Au?erirdischen-Drama, das sich dank einer herausragenden grafischen Gestaltung nicht nur mit SciFi-Stories innerhalb seines Mediums messen kann. Top-Arbeit von Comic-Künstler Nic Klein! :-)

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Dienstag, 19. Juli 2016

Dein Verbrechen

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 11:00

Dein VerbrechenEin Besuch bringt das geordnete Leben des Thomas Wentworth durcheinander. Wentworth hatte sich mit der Einsamkeit im australischen Outback arrangiert. Schafe zu züchten und den Zug der Wolken zu beobachten, schienen die wichtigsten Beschäftigungen in diesem Landstrich geworden zu sein und würde es auch auf lange Sicht bleiben. Alte Zeitungsartikel ändern diese Vorausschau. Denn plötzlich wird aus Thomas Wentworth wieder Greg Hopper, jener Mann, der vor zig Jahren beschuldigt wurde, ein Frauenmörder zu sein. Aber war er es wirklich? Oder wusste er sich nicht anders zu helfen, als zu fliehen, weil alle Hinweise und Indizien gegen ihn sprachen? Jemand anderes hat nun den Mord gestanden und Greg Hopper kann endlich die Wildnis verlassen.

Die 1970er Jahre stehen noch an ihrem Anfang, die 1960er klingen aus. Hippies sind noch kein Thema. Und in Dubbo City, einer sehr kleinen Stadt auf dem australischen Kontinent – wer weiß, ob sie da jemals ankommen werden. In dieser verschlafenen Stimmung breitet sich eine Nachricht aus. Jemand gesteht einen Mord. Allerdings wird in diesem Fall bereits seit 27 Jahren nach einem ganz anderen Mann gefahndet. Autor Zidrou beleuchtet einen Kriminalfall einmal aus einem anderen Blickwinkel. Und der Leser muss sich einer fortwährenden Frage stellen: Ist der Mann, der seit 27 Jahren auf der Flucht war nun ein Mörder oder nicht? Ist er allenfalls eine gequälte Seele, jemand mit einem sehr schlechten Gewissen? Keine Fragen, die hier beantwortet werden sollen. Aber Zidrou stellt noch weitere Fragen. Zum Beispiel: Was macht ein prominenter Mordfall aus einer Kleinstadt?

Wut kann, über einen längeren Zeitraum genährt, zu einem starken Antrieb werden. Eine kühle Zurückhaltung entlädt sich plötzlich auf die eine oder andere Art und verändert Leben. Und beendet sie. Autor Zidrou beschreibt hier eine Art Ästhetik des Verbrechens, nicht im Sinne von Schönheit, sondern von Strukturen, die bei Menschen auftreten, die ihre Verrohung angesichts einer Tat erkennen, sich ihr stellen, dagegen auftreten oder sie als Teil akzeptieren. Das Titelbild von Philippe Berthet spricht Bände. Ein weißes Lamm leckt Blut aus der Wunde einer jungen, optisch attraktiven Frau.

Greg Hopper kehrt in seine Heimatstadt zurück. Nachdem sein Bruder die Tat gestanden hat, für die er verfolgt worden ist, kann er unbehelligt auf den Straßen flanieren. In den Kinos läuft gerade Love Story mit Ryan O’Neal und Ali MacGraw, eine Liebesgeschichte, so grundverschieden von der, die hier immer noch im Hintergrund wirkt. Solche Bilder, kleine Vergleiche, sind wie Stiche in die Aufmerksamkeit des Lesers. Zidrou mag dergleichen Hinweise und streut sie, mal offen, mal verdeckt oder am Rand, in die Handlung ein. Man kann sich auf diese Anspielungen einlassen, muss es aber nicht. Wer es macht, hat definitiv mehr Spaß an der Geschichte.

Philippe Berthet zeichnet mit seinem sehr klaren und kühlen Strich die Fassade der Menschen aus Dubbo City. Philippe Berthet ist einer jener Comic-Künstler, die genau am rechten Fleck sind, wenn es darum geht, eine bedrohlich kalte Atmosphäre zu schaffen. Das gelang ihm bereits im Thriller PERICO, aber auch im humoristisch angehauchten Kriegsabenteuer POISON IVY. Gerade im Thriller gelingt die Optik einer vergangenen Hollywood-Zeit, herausgerissen aus dem Schwarzweißen in das Bunte. Schöne Menschen wie die beiden Hauptdarsteller, der Vielleicht-Mörder und die Zweifellos-Tote, stehen im Mittelpunkt und werden gerade deshalb zum Ziel. Schönheit wird gerne auf die eine oder andere Art zerstört, so auch hier.

Eine sehr schöne Einleitung. Vom Paradies in die Kleinstadthölle. Im Outback herrscht Einsamkeit, nicht unbedingt Gewaltlosigkeit. Aber ohne weitere Menschen vor Ort gibt es immerhin eine Art Frieden, der nur durch Dingos und die Auseinandersetzungen von Schafsböcke untereinander durchbrochen wird. Wolken zu beobachten sorgt für Kurzweil, richtige Abwechslung bringt nur der monatliche Besuch eines Lieferanten mit den erkalteten Nachrichten der letzten Wochen. Wen kümmert es, dass zwei Menschen auf dem Mond gelaufen sind? Im klaren Ausdruck zeigt Philippe Berthet die Ursprünglichkeit und die Schönheit dieses Einsiedlerlebens. Gerade hier finden sich tolle Bildsubtexte, die das grundlegende Gefühl für den Einstieg in die Handlung vermitteln.

Ein Mordfall einmal in einer seltenen Erzählweise, atmosphärisch wie ein 1950er-Krimi, keine Stadt in Angst, aber eine Stadt im Widerstreit der Gefühle, so präsentiert Szenarist Zidrou sein Verbrechen mit Hilfe der präzisen Zeichenfeder von Philippe Berthet. Sehr gut. :-)

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Donnerstag, 07. Juli 2016

HAUTEVILLE HOUSE 13 – DER OBSIDIANISCHE ORDEN

Abgelegt unter: SciFi — Michael um 10:00

HAUTEVILLE HOUSE 13 - DER OBSIDIANISCHE ORDENÜber dem Rio Grande, an der Grenze von Texas und Mexiko befinden sich die Agentin Zelda und ihre Gefährten alles andere als in einer sicheren Situation. Das Luftschiff gehört Piraten. Zeldas Charme, sparsam eingesetzt, aber doch sehr überzeugend, bringt den Kapitän dazu, sich auf ein Geschäft einzulassen. Die Agenten Zelda und Gavroche erfahren kurz darauf von ihrem Freund, dem Archäologen Charnay, wie sich die Pest innerhalb der Nordstaaten ausbreiten und den Südstaaten während des Bürgerkriegs einen fürchterlichen Vorteil verschaffen konnte. Das Wissen indes um diesen geheimen Plan lässt die Katastrophe nicht ungeschehen machen. Es verbreitet allerdings Unbehagen, denn es scheint nur der erste Stein in einer Kette von umwälzenden Plänen gewesen zu sein …

Inzwischen lässt sich bei HAUTEVILLE HOUSE mit Fug und Recht von einer Saga sprechen. Eigentlich hätte diese von Fred Duval entworfene Welt längst ein kleines Lexikon, eine Übersicht von Personen und Orten verdient. Darauf muss der Leser leider verzichten, dafür präsentiert Autor Fred Duval eine kleine Rückschau, die sehr schön die Hintergründe dieser Serie beleuchtet. In der Mischung aus Steampunk, Science Fiction, Alternativweltgeschichte, Thriller und Horrorszenario haben sich ein paar zentrale Handlungsfäden ergeben, die zum Verständnis der Reihe unabdingbar geworden sind und ruhig einer Zusammenfassung bedürfen und die auch für den Stammleser nicht verschwendet ist.

DER OBSIDIANISCHE ORDEN, eine Geheimorganisation, die zurückreicht bis in die Zeit vor Christi Geburt, wird für die Helden von HAUTEVILLE HOUSE zu einem neu gelüfteten Mysterium. Mehr soll nicht verraten werden, jegliche Phantastik-Freunde haben bestimmt ihre helle Freude an diesen Enthüllungen, die mit einer tollen Fantasie erzählt werden. Das Titelbild gibt darüber Auskunft, was der Orden über die Jahrhunderte hinweg bewacht hat. Das mag ein wenig an Stargate erinnern, aber Portale sind keine Erfindung von Roland Emmerich. Weiterhin geht es im Gesamtzusammenhang der Serie um Werkzeuge, die ihren Besitzern zu mehr Macht verhelfen und die Portale sind nur eines der Mittel dazu.

Luftschiff-Action: Was den Piraten und Seeleuten früherer Zeiten die großen Segelschiffe waren, sind in dieser Serie die Luftschiffe als Herrscher über die Weiten des Himmels. Der Zeichner der Serie, Thierry Gioux, gestaltet in seinem zerbrechlich wirkenden Zeichenstil Schlachten, die so in anderen Comics nicht zu finden sind. Kanonen donnern, Flugmanöver imitieren Seeschlachten, Truppen werden abgesetzt. Ein Treffer mündet schnell in einer Katastrophe, hier nicht einfach nur gesunken, hier wird abgestürzt.

Steampunk muss hier etwas kürzer treten. Der Stammleser wird Material wiedererkennen, aber es wird sparsam eingesetzt. Fred Duval setzt sehr viel mehr auf Aufklärung, zusätzliche Informationen und Intrigen. Das ist mit dem langen Atem angelegt, den Serienfans in den letzten Jahren lieben gelernt haben. Ein verschlungener roter Faden, mit sehr viel Weitblick gesponnen, schlägt hier neuerliche Haken und richtet sich gegen Ende sogar komplett neu aus.

Die Überraschung in Serie geht weiter. Fred Duval und Zhierry Gioux lassen keiner Langeweile aufkommen. Erzählerische Finessen und grafische Leckerbissen sind hier etabliert und liefern beste Abenteuerunterhaltung mit diversen Genreeinsprengseln. Das ist weiterhin rundum gelungen. :-)

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Samstag, 02. Juli 2016

BUDDY LONGWAY – Gesamtausgabe 4

Abgelegt unter: Abenteuer — Michael um 17:44

BUDDY LONGWAY - Gesamtausgabe 4 - Ein beschwerlicher WegChinook. Ein ganz besonderer Wind, dicht und dunkel, geheimnisvoll, beinahe wütend. Nicht nur Buddy Longway gerät in diesen seltsamen Sturm. Auch ein Auswandererehepaar verschlägt es mit ihrem Planwagen in dieses merkwürdige Naturereignis und macht prompt eine mysteriöse Entdeckung. Die Entdeckung bildet den Auftakt weitreichender Ereignisse, während derer nicht nur die Bekanntschaft neuer Freunde macht, sondern sich auch einstige Freundschaften umkehren, freilich nicht durch Buddys Schuld. Die Zustände haben sich arg geändert. Die Armee nimmt sich, was sie will, die indianischen Ureinwohner verlieren immer mehr. Konflikte sind unausweichlich und keine Alternative mehr. In die Ecke gedrängt wird Verzweiflung der Antrieb, der die Sioux in den Aufstand zwingt.

Ein langer, spannender Wegesabschnitt, der zu einem lange ersehnten Ziel führt. Die hier abgedruckten vier ehemaligen Einzelabenteuer sind vielmehr Akte eines großen Handlungsbogens, der von Autor, Zeichner und Kolorist DERIB geschickt miteinander verwoben werden. Der wilde Wind, Der Schwarzrock, Hooka-Hey und Die letzte Prüfung bieten nicht nur ein starkes Stück Gegenwart des BUDDY LONGWAY, sie führen den Leser auch in dessen Vergangenheit, in die nahegelegene einer wunderbaren Ehe und Familie wie auch einer längst fernen Kindheit an die Seite des Vaters und die Hoffnung auf ein besseres Leben in einem unbekannten Land.

Und mehr noch: BUDDY LONGWAY erfährt von seiner Herkunft und bemerkt erst jetzt, wie tief die Verbundenheit mit diesem Land reicht, dass Wurzeln existierten, von denen er nicht einmal eine Ahnung hatte. EIN BESCHWERLICHER WEG lautet der zusammenfassende Titel der vierten Gesamtausgabe und hätte kaum treffender formuliert sein können. Denn BUDDY LONGWAY befindet sich auf zweierlei Spuren. Einerseits ist er weiterhin auf der Suche nach seiner Frau und seiner Tochter, andererseits beschreitet er auch einen Weg tief ins Innere seiner Selbst. Die Verbundenheit, die er mit Natur, Land und Menschen entwickelt hat, wurde von DERIB selten eindringlicher gezeigt.

Diese Verbundenheit kehrt DERIB aber auch noch an anderen Stellen heraus, weshalb gerade diese Lehre für den Comic-Künstler sehr wichtig gewesen sein muss. Aber er zeigt auch die Grenzen dieser Lehre auf. Weil manche Menschen wollen einfach nicht lernen. Auf beiden Seiten. Zuerst sind es ein Siedlerehepaar, das Missverständnisse über die amerikanischen Ureinwohner auszuräumen lernt. Im Verlauf kommt ein Schwarzrock hinzu. Der Priester sieht, dass sein christlicher Glaube ihm nicht jede Frage beantwortet und im Zusammenleben der Indianer und ihrer Spiritualit?t weitere Antworten verborgen sein können.

Grafisch ist DERIB hier auf dem Höhepunkt seines Könnens. Er beherrscht die individuellen Charaktere, die er gerne auch der Realität entnimmt. Er zeichnet ein Land und seine Menschen mit Bravour, wie ein Gerichtszeichner, der sieht, was er malt. Vielleicht mag BUDDY LONGWAY mittlerweile vor dem inneren Auge agieren sehen. Vielleicht ist diese Theorie richtig, denn er lässt für den Leser sogar einen Erinnerungsfaden vor einem inneren Auge, BUDDY LONGWAYS nämlich, auferstehen und er macht dies in einer äußerst liebevollen, sehr verdichteten Weise, so dass eine schöne Kurzgeschichte in einem Abenteuer entsteht. In beidem, in der langen wie auch der kurzen Erzählung, kann er den großen amerikanischen Erzählern auf Augenhöhe begegnen.

Durchaus könnte ein Leser hier in die Geschichte einsteigen, da BUDDY LONGWAY sehr viel aus seiner Familiengeschichte preisgibt, andererseits findet sich auch ein vorläufiges Etappenziel, das noch einmal mehr Freude beim Lesen bereitet, wenn die bisherige Strecke hierhin bekannt ist. DERIB zeigt, wie stark er in der ernsthaften Comic-Erzählung ist und gleichzeitig, was Comic für erwachsene Leser wie auch für Heranwachsende zu leisten vermag. Melancholisch, nostalgisch, einfühlsam, geheimnisvoll und spannend, dramatisch allemal, präsentiert sich hier einer der besten Comic-Western überhaupt. Ganz, ganz toll! :-)

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Dienstag, 28. Juni 2016

WE STAND ON GUARD

Abgelegt unter: SciFi — Michael um 16:58

WE STAND ON GUARDDie Vereinigten Staaten von Amerika verfügen über keine Wasservorräte mehr. Kurzerhand wird das Nachbarland Kanada überfallen. Dort ist das so wichtige Grundnahrungsmittel noch in Hülle und Fülle vorhanden. Kanada, das den technisch hoch gezüchteten Truppen der USA nichts entgegenzusetzen hat, flüchtet sich mit einigen wenigen Kämpfern in einen Guerillakrieg. Eine junge Frau, Amber, hat bei dem Angriff der Vereinigten Staaten vor Jahren ihre Eltern verloren. Nun findet sie durch den Anschluss an eine Guerillaeinheit endlich die Möglichkeit, sich zu rächen. Wer nichts mehr zu verlieren hat, wer instinktiv weiß, dass der Kampf sowieso verloren ist, ganz gleich, wie sehr er sich anstrengen wird, wird am Ende ohne zu zögern sein Leben in die Waagschale werfen.

Brian K. Vaughan zieht als Grundlage seines SciFi-Thrillers einen uralten Plan der amerikanischen Streitkräfte heran, der tatsächlich mit den Möglichkeiten einer Invasion in Kanada spielte. Damals gedacht als Präventivmaßnahme gegen Angriffe von Großbritannien, ist die Invasion Kanadas hier eine Notwendigkeit für die US-Amerikaner, um die eigenen Ländereien zu schützen. Um den Kriegsplänen Vorschub zu leisten, hat sich Brian K. Vaughan einen fingierten Überfall Kanadas auf das Weiße Haus ausgedacht, um so einen Gegenschlag der Vereinigten Staaten zu rechtfertigen. Dergleichen Finten sind aus dem Zweiten Weltkrieg durchaus bekannt.

Das große Ganze wird in der Handlung von WE STAND ON GUARD eher am Rande gestreift. Brian K. Vaughan konzentriert sich auf eine kanadische Widerstandseinheit und die Bemühungen des amerikanischen Militärs ihrer habhaft zu werden. Der Titel ist einer Zeile der kanadischen Nationalhymne entnommen. Eine Handvoll Leute unterschiedlicher Herkunft steht Wache und vergeltet nach biblischem Maß, nachdem zuvor im Jahre 2112 amerikanische Raketen über Ontario niedergegangen sind und die Stadt in die Steinzeit zurückgebombt haben. 2124 schlägt sich eine Überlebende dieses Bombardements im verschneiten Yellowknife-Gebiet durch und wird von Widerständlern entdeckt.

Technisch perfekte Zeichnungen von Steven Skroce erschaffen eine Welt, die bekannt wirkt und durch ihre Eigenarten dennoch abrückt. Steven Skroce zeigt einen gut durchdachten Hundertjahressprung, ähnlich wie sich unser Jahrzehnt von dem vor einhundert Jahren abhebt. Der Comic-Künstler an der Seite von Brian K. Vaughan war an den Storyboards so bekannter Filmproduktionen wie The Matrix, V wie Vendetta oder I, Robot beteiligt. Die dort zelebrierte Exaktheit überträgt er nahtlos in das Comic-Medium. Körper, Haltungen sind beinahe als Skulpturenvorlagen verwendbar und mit feinem Auge auf die jeweilige Szene abgestimmt. Das Design der einzelnen Figuren passt wunderbar zur Funktion der Charaktere in der Handlung.

Zukunft bedeutet auch eine besondere Sicht auf die Technik. Was könnte in einhundert Jahren möglich sein? Natürlich hat sich die Kriegsmaschinerie weiterentwickelt. Größer, gewaltiger, effektiver ist sie geworden. Menschen werden eingesetzt, aber sie sitzen zuweilen hinter dem Steuer solcher Giganten, dass ein Mechwarrior blass vor Neid werden würde. Die Folter hat sich essentiell verändert, denn der Gefolterte kann unter seinen Qualen kaum noch sterben. Gedankenmanipulation lautet das Zauberwort. Jedwede geistige Vorstellung ist möglich. Ärzte kontrollieren außerhalb, in der Realität, den Gesundheitszustand des Gefangenen. Steven Skroce erhält viele Gelegenheiten insbesondere Militärtechnik zu zeichnen. Faszinierend allerdings sind auch die eher am Rande gezeigten zivilen Hightech-Spielereien.

Ein durchdachter SciFi-Thriller, stark gestaltet, thematisch sicherlich kontrovers, optisch mitunter hart, brutal, abgeschlossen erzählt. Auch Fans von Military-SF kommen hier auf ihre Kosten. Brian K. Vaughan und Steven Skroce bilden ein gutes Team. :-)

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