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Comic Blog


Dienstag, 07. September 2021

DAS PIN-UP DER B-24 – Band 1 – ALI-LA-CAN

Filed under: Abenteuer — Michael um 10:29

DAS PIN-UP DER B-24 - Band 1 - ALI-LA-CANFreundschaft im Krieg. Liebe im Krieg. Starke Gefühle in einer Welt am Abgrund. An jedem Tag kann jeder neue Einsatz den Tod mit sich bringen. JOHNNY BUTCHER, FRED OGLALA und GLENN BAXTER gehören zur Besatzung einer B-24, eines Bombers der Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg. Es sind junge Männer mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen, mit verschiedenen gesellschaftlichen Hintergründen. Einer ist der Farmesjunge, ein anderer indianischer Abstammung und mit dem großen Wunsch einmal für eine Zeichentrickfilmfirma zu arbeiten. Der dritte ist Pilot und Geologiestudent. Kurz vor der Abkommandierung nach Italien treffen sie auf die Armeekrankenschwestern ALICE MORALES, CANDY GLOVER und die von vielen Männern umworbene LANA.

Die Männer werden sich einig, ihr Flugzeug mit einem PIN-UP zu verzieren, eine gängige Praxis jener Tage. Teils ein Wunschtraum, die an Bord ihren Dienst versehen, teils aber auch ein Maskottchen, als Glücksbringer. Das Äußere der Krankenschwestern verschmilzt grafisch zur Traumfrau ALI-LA-CAN und ziert fortan den Bug der B-24. Und das Bild scheint zu hilfen. Eine geradezu magisch anmutende Glücksserie entfaltet sich für die Besatzung des Flugzeug. Langsam entstehen Gerüchte. Anfeindungen. Andere Besatzungen weigern sich, im selben Verband wie die ALI-LA-CAN zu fliegen. Denn die kehrt immer zurück. Andere nicht …

Bomben können regnen. Technik mag den Verstand der Menschen beflügeln. Aber ein Funken Aberglaube verbleibt immer. JOHNNY, FRED und GLENN haben zwar Glück. Ihnen begegnet die Liebe mitten im Krieg, doch leider ist ihre Glückssträhne nicht von jedem Kameraden akzeptiert. Während die ALI-LA-CAN durch Flagfeuer und die Geschosse von gegnerischen Jagdflugzeugen steuert, explodieren die Maschinen neben ihnen, verlieren ihre Tragflächen und stürzen ab. JACK MANINI, seines Zeichens AUTOR und Verwantwortlicher für die FARBGEBUNG des vorliegenden ersten Bandes des Zweiteilers DAS PIN-UP DER B-24, führt den Leser mit seiner Erzählung tief in die Dramatik des Fliegeralltags in den luftigen Fronten in den Mittelmeerraum unweit der italienischen Küste.

Als Leser weiß man bereits von Beginn an, was mit der ALI-LA-CAN geschehen wird (das soll auch gar kein Geheimnis sein). Wie es geschieht, erfährt der Leser später. Tatsächlich ist es nachher nur ein Detail, denn die Vorgeschichte, zu einem Teil Kriegsabenteuer, zu einem anderen Teil Buddy-Geschichte, zu einem weiteren Teil romantisches Drama, nimmt einen so weit gefangen und ist so gut gut und flüssig erzählt, dass es sehr schade ist, wenn der Rückblick endet und der Sprung zurück in die Gegenwart des Jahres 1959 erfolgt, dem Jahr, in dem sich GLENN BAXTER fragt, was aus seinen Kameraden geworden ist.

Ich muss sagen, dass einen diese Frage wirklich beschäftigt, als habe man soeben einen sehr intensiven Roman oder einen ziemlich dramatischen Film (oder eine Serie) gesehen. JACK MANINI ist hier eine schöne Geschichte gelungen, von der sich nicht sagen lässt, wohin sie im zweiten Band führen wird.

Maßgeblich am tollen Ergebnis von DAS PIN-UP DER B-24 beteiligt ist Zeichner MICHEL CHEVEREAU, der den Figuren ein höchst individuelles Aussehen verschafft und so die Buddys und ihre Freundinnen regelrecht zum Leben erweckt. Bereits die sehr kurzen Einführungen der drei Figuren, gerade einmal eineinhalb Seiten lang, finde ich so gelungen, dass ich mir gewünscht hätte, JACK MANINI und MICHEL CHEVEREAU hätten der Zeitspanne vor dem Kriegseinsatz noch mehr Raum gegönnt (oder gönnen können).

Eine abwechslungsreiche Atmosphäre bestimmt den kompletten Band. Ob es nun die Kriegseinsätze sind, das soldatische Miteinander, die friedlichen Pausen, die Paare, die einfach nur das Leben genießen wollen und doch immer wieder auch von ihren Vergangenheiten und Erinnerungen vereinnahmt werden. Es entsteht sogar der Eindruck von zeitbezogenen Gesichtern. Wer zum Beispiel Filme der 1940er Jahre mit denen des 21. Jahrhunderts vergleicht, wird sofort einen Unterschied finden, der sich aber nicht recht benennen lässt.

Aber MICHEL CHEVEREAU hat diese Unterschiede bemerkt und verarbeitet. So finden sich in der Figur des GLENN BAXTER Anleihen eines ELVIS PRESLEY oder eines ROCK HUDSON. In JOHNNY BUTCHER lassen sich Ähnlichkeiten zu einem jungen JAMES CAGNEY herstellen. Insgesamt sind es nie Stereotypen, sondern stets Charaktergesichter. Es braucht zu dieser Feststellung nicht einmal erhöhte Aufmerksamkeit, betrachtet man die Besatzungsmitglieder der B-24.

Eine Geschichte über Menschen im Krieg, in der Krieg aber nicht das zentrale Thema ist. Drei Freunde finden drei Frauen. Es finden sich drei Liebespaare. Amerikaner planen in Italien unter ständiger Lebensgefahr eine Zukunft. JACK MANINI erzählt vorbildlich, sehr gut, schafft Charaktere, die den Leser schlicht mitziehen. MICHEL CHEVEREAU gibt den Figuren Gesichter, die echt, aus dem Leben gegriffen wirken. Durchweg klasse. Wer im Comic fein erzähltes Drama mag, sollte sich von der Kriegsthematik nicht täuschen lassen. Die ist nur sekundär. 🙂

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Montag, 19. Juli 2021

DAS SCHICKSAL DER WINCZLAV 1 – VANKO 1848

Filed under: Abenteuer — Michael um 17:37

DAS SCHICKSAL DER WINCZLAV 1 – VANKO 1848MONTENEGRO im Jahre 1848. VANKO WINCZLAV hat sich in einem kleinen Dorf versteckt, wo er Verletzte versorgte. Solche, die Widerstand gegen die türkischen Besatzer geleistet haben. VANKO wird verraten. Die Häscher sind bereits vor Ort und gefährlich. Doch das Blatt wendet sich. Die Dorfbewohner wehren sich. Eine Tragödie folgt, und Flucht bleibt weiterhin der einzige Ausweg. Mit einer neuen Reisebegleiterin kommt die Gefahr plötzlich von einer anderen Seite, überraschend und ungeplant …

Eine der erfolgreichsten und langlebigsten Comic-Serien im Genre THRILLER der letzten Jahre ist sicherlich LARGO WINCH. Jener junge Mann, der zum Erbe eines Milliardenimperiums wird und fortan auf der großen Bühne der Hochfinanz mitspielt. LARGO WINCH hat seine ganz eigene Vorgeschichte. Seine Familienchronik war bislang ein Geheimnis. Dieses wird nun von JEAN VAN HAMME und PHILIPPE BERTHET gelüftet. Alles beginnt im Jahre 1848 und mit einer Flucht in die Vereinigten Staaten von Amerika. Zu jener Zeit nannte sich der Osten der USA zivilisiert, und der Westen war noch wild.

VANKO WINCZLAV, seines Zeichens ausgebildeter Arzt, kommt mit Nichts in dieses Land. Selbst sein Studium der Medizin wird dort nicht anerkannt. JEAN VAN HAMME beginnt seine SAGA um die Familie WINCZLAV am Nullpunkt einer Existenz. Er nimmt den Leser mit auf die Reise und begleitet ihn bis in die nächste Generation, in der ein VANKO WINCZLAV fast schon wieder in Vergessenheit gerät. Die Familienchronik ist reich an Begebenheiten und Begegnungen. Das liegt allein schon an den vielen Gegensätzen, die in diese Lebensgeschichten einfließen.

Die Geschichte beginnt 1848. In Europa sind bedeutende Umwälzungen im Gange. Im kleinen Montenegro, auf dem Balkan, haben die türkischen Besatzer das Heft in der Hand. Der Titelheld macht sich auf in das, in jenen Tagen, für viele Menschen gelobte Land. Ohne zu ahnen, dass selbst diesem Staat noch ein Bürgerkrieg bevorsteht. Zu Beginn lässt sich JEAN VAN HAMME mit der Erzählung noch Zeit, springt ins Leben seiner Figuren, mitten hinein in einen wichtigen Wendepunkt. Bald wird es etwas sprunghafter, nachdem die Charakterzeichnung sich gefestigt haben. Andernfalls wäre dieser Lebensabschnitt von VANKO WINCZLAV, seinen Söhnen SANDY und MILAN , seiner Frau JENNY und seiner anfänglichen Reisebegleiterin VESKA STOJANOVA in einem (ersten) Band nicht zu erzählen.

Nicht alle Figuren sind die großen strahlenden Helden. Nicht jeder ist mit Stärke und Optimismus bedacht wie vielleicht ein LARGO WINCH. Manche stehen nach Schicksalsschlägen wieder auf (wie ein VANKO WINCZLAV), andere haben Glück und lernen im richtigen Moment die richtigen Leute kennen (wie eine VESKA STOJANOVA). JEAN VAN HAMME verbindet das Schicksal oder den Lebensweg dieser Menschen mit dem Schicksal und dem Weg der Vereinigten Staaten. Namentlich bekannte Unternehmer freuen sich auf den Bürgerkrieg, weil zu diesem Zweck viele Uniformen verkauft werden können. Geld ist der Motor. Nicht nur, aber die stärkste Antriebsfeder der Entwicklung.

Während jedoch später im Osten schon der WILDE WESTEN von gestern ist und ein WILLIAM F. CODY alias BUFFALO BILL mit seiner legendären SHOW tourt und das ÖL im Süden zu enormem Reichtum verhilft, sind den Regierenden und Gierigen im Westen die Indianerstämme immer noch ein Dorn im Auge. Es läuft eine (tiefe) Spaltung durch das Land, ebenso wie durch die Familie WINCZLAV ein Spalt läuft. JEAN VAN HAMME pickt sich anschauliche Stationen aus den diversen Leben heraus. Das ist durchweg spannend, dramatisch, teilweise drastisch. An manchen Stellen anrührend, immer wieder interessant und gut in den historischen Zusammenhang eingebettet, darüber hinaus sehr oft (hat man seine Lieblingsfigur für sich entdeckt) mitreißend.

GRAFIK: Da darf einer nicht vergessen werden (der zu meinen Lieblings-Comiczeichnern gehört, zugegeben)! PHILIPPE BERTHET liefert klare Linien, klare Charakterzeichnungen. Thriller, Krimis und historischen Abenteuergeschichten (2. Weltkrieg) von ihm gab es hierzulande bereits zu lesen. Die Zeichnungen unterstützen den Lesefluss und besitzen eine gewisse Eleganz. Klare Linie ist nicht klare Linie, und PHILIPPE BERTHET ist stilistisch durchaus eigen, sein Wiedererkennungswert eindeutig. Seine Figuren sind etwas verspielt, vielleicht auch leicht lieblich zu nennen. Das Häßliche (sogar wenn es das optisch und charakterlich ist) wird man hier nicht wirklich finden. Besonders wichtig: Seine Bilder ermöglichen einen schnellen Zugang zur Geschichte. JEAN VAN HAMME hat einen tollen Illustratoren für seine Erzählung gefunden.

Der Auftakt einer tollen Familiensaga. DAS SCHICKSAL DER WINCZLAV ist hier eng mit der Geschichte der Vereinigten Staaten verbunden. 13 Jahre vor dem BÜRGERKRIEG erreicht VANK WINCZLAV die USA. Er, seine Familie, ein paar Weggefährten werden dem Land Impulse geben. Besonders in der zweiten Generation. Das ist von JEAN VAN HAMME gut mit den wahren Geschehnissen (und historischen Figuren) in den USA vermischt. Gewohnt fein von PHILIPPE BERTHET illustriert (der hierzulande bereits mit MOTOR CITY, PERICO oder POISON IVY aufgefallen ist). Ein abwechslungsreicher Ritt durch die Jahrzehnte. Filmreif. Klasse! 🙂

DAS SCHICKSAL DER WINCZLAV 1, VANKO 1848: Bei Amazon bestellen.
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Donnerstag, 01. Juli 2021

WÜSTENSKORPIONE 2

Filed under: Abenteuer — Michael um 10:16

WÜSTENSKORPIONE 2Lufthoheit bedeutet, die Macht am Himmel zu besitzen. Ein großes Flugzeug ist noch lange kein Garant für das Überleben, denn grundsätzlich sind viele Jäger des Hasen Tod. In diesem Fall sind es gleich drei Doppeldeckerjagdflugzeuge, die CAPTAIN KOINSKY und seinen Kameraden in ihrer behäbigen Maschine das Leben schwer machen. Ohne Möglichkeit einer realistischen Gegenwehr – einer mit Aussicht auf Erfolg – werden sie zur Landung und in Gefangenschaft gezwungen.

DIE WÜSTE: Diese unwirkliche Landschaft, deren Horizont sich immer weiter zurückzuziehen scheint, je energischer man darauf zuhält, spielt mit ihren Figuren. Sie hält sie gefangen. Sie reduziert sie auf das Wesentliche. Sie legt den Charakter frei. Sie zwingt ihn geradezu, sich zu stellen. DAS FORT IN DANAKIL fordert zum Abenteuer heraus. Waghalsig muss man sein, will man seinen Feinden entkommen, um dann doch am Ende zu realisieren, dass die WÜSTE nur ihre Spielchen mit einem treibt. HUGO PRATT zeigt, wie Männer den letzten Ausweg nutzen. Er zeigt, wie der Wahnsinn umgeht, die einen packt, die anderen zwangsläufig mit sich zieht.

DAS FORT IN DANAKIL ist beinahe eine philosophische Geschichte. Man könnte es leichten Tiefsinn nennen, den HUGO PRATT hier anwendet. Lebenserfahrung, Mitgefühl mit seinen Charakteren, das Wissen um KRIEG und WÜSTE vermengt sich zu einer kuriosen Handlung, die einen CAPTAIN KOINSKY (vormals LEUTNANT) mal zu einem Akteur, mal zu einem wissenden Beobachter macht. Wer die klare Front in diesem KRIEG vermisst, wird als Leser sehr schnell feststellen (ebenso wie CAPTAIN KOINSKY), dass es innerhalb der geschilderten Gemeinschaft des Forts von Minifronten nur so wimmelt. Der KRIEG tobt und fordert auch hier seine Opfer.

DRY MARTIN PARLOR, ein Kammerspiel. HUGO PRATT verengt die Räume und lässt dort die Maskerade seiner Figuren fallen. In diesem Fall ist das sogar wörtlich zu verstehen, denn der spätere GASTGEBER von CAPTAIN KOINSKY, KOMMANDANT FANFULLA, ist an LEPRA erkrankt. Als Charakter ist FANFULLA von einem verzweifelten Humor umgeben, eine traurige Gestalt, die den Leser mitnimmt – immer vorausgesetzt, man lässt sich als Leser auf die Geschichte ein. Und wie so oft bei den WÜSTENSKORPIONEN ist der Tod von KOMMANDANT FANFULLA nur eine der traurigen Absurditäten.

Eine andere, außerordentliche Kuriosität betrifft die Darstellung des KRIEGSGERÄTS. HUGO PRATT orientiert sich hier selbstverständlich ebenfalls an der Realität und präsentiert einen ANSALDO-Panzer. CAPTAIN KOINSKYS Begleiter DE LA MOTTE nennt es einen lustigen Panzer. Als sich das Feuer eines im Fahrzeug installierten FLAMMENWERFERS über ihnen zu ergießen droht, ist das Fahrzeug alles andere als komisch anzuschauen. Und szenisch bekommt es die besondere erzählerische Note, wenn HUGO PRATT andere Figuren sich an der Zerstörungskraft des Feuers ergötzen lässt.

FRAUENGESCHICHTEN. Männer in KRIEGEN haben so etwas. In der Literatur und im Film vermischen sich Romanzen und die Auswüchse des Krieges häufiger mal. Mehrere dieser Geschichten hier drehen sich um ADRIENNE. Der Leser sieht sie nicht, dennoch ist sie ein Angelpunkt der Handlung. Sie verkörpert Sehnsüchte, eine glücklichere Vergangenheit, auch Kriegsmüdigkeit. ADRIENNE hat sich mehreren Männern ins Herz und Hirn gebrannt. Nach einer Weile kommt man als Leser nicht umhin, sich seine eigenen Gedanken um ADRIENNE zu machen. Ein schöner erzählerischer Effekt, den HUGO PRATT hier einsetzt.

Wendungen machen die WÜSTENSKORPIONE interessant und abwechslungsreich. Andere Autoren würden sich mit einer erzwungenen Landung und einer Gefangennahme, dem sich daraus entwickelnden Fluchtwunsch begnügen. Bei HUGO PRATT mündet das Szenario in eine Handlung, die unvorhersehbar abläuft, sich an menschlichen Abgründen und Wahnsinn entlanghangelt. Der Krieg, der schlussendlich doch noch ins Spiel zurückkehrt, reißt DAS FORT IN DANAKIL in die Realität zurück. Träumerischer ist DRY MARTINI PARLOR. Wann wurde zuletzt ein Panzer erschossen? Hier geschieht es und als Leser wundert man sich nicht einmal darüber. Hier lässt es sich mehr als nur zwischen den Zeilen lesen. HUGO PRATTs Geschichten, so auch diese beiden hier, inspirieren, unterhalten, machen nachdenklich. War gut, ist gut! 🙂

WÜSTENSKORPIONE 2, Das Fort in Danakil, Dry Martini Parlor: Bei Amazon bestellen.
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Montag, 03. Mai 2021

ISOLA – BAND 2

Filed under: Abenteuer — Michael um 17:04

ISOLA - BAND 2Die magische Reise von KÖNIGIN OLWYN und CAPTAIN ROOK geht weiter. ROOK betrachtet es weiterhin als ihre Aufgabe, die verzauberte KÖNIGON OLWYN zu beschützen. OLWYN hat sich in einen dunklen TIGER mit leuchtend blauen Streifen verwandelt. So weit, so verwunschen. Die Welt von ISOLA meint es nicht gut mit seinen Bewohnern, am wenigsten mit solchen, die heimatlos und besitzlos umherstreifen. OLWYN und ROOK finden kurzzeitig freundliche Aufnahme, machen sich jedoch bald wieder auf die Reise.

So ließe sich annehmen, dass den beiden ungleichen Gefährten auch ein weiteres Mal Glück beschieden ist. Weit gefehlt. Damit ist die Strähne vorüber. OLWYN und ROOK (insbesondere sie) machen einen großen Schritt Richtung Verderben. Denn sie haben eine Begegnung mit einer Frau, die nur vordergründig helfen will. Zu diesem Zeitpunkt verändert sich der Lauf der Handlung völlig. Aus einer furchtsamen Reise voller Entbehrungen wird ein Psychodrama, Magie inklusive, aber teilweise aus einer Perspektive, die zumindest für CAPTAIN ROOK ein wenig Sicherheit verspricht.

BRENDEN FLETCHER und KARL KERSCHL, die beiden Autoren von ISOLA, wandeln auf den Spuren von HÄNSEL UND GRETEL (Märchen allgemein) sowie CONAN. Im Kern geht es um die Hexenbegegnungen der Geschwister sowie des Barbaren. Beides wirkt zunächst einladend, friedlich und ist doch nichts anderes als eine geschickt eingefädelte Falle von jemandem, der sein einmal eingewickeltes Opfer nicht mehr ziehen lassen will. Aus unterschiedlichsten Gründen. Hier kommt das Psychodrama ins Spiel. Denn nicht jede HEXE hat schlichte Motive wie einen abartigen Hunger am Start. BRENDEN FLETCHER und KARL KERSCHL haben das Grundthema für ihre Zwecke konsequent weiterentwickelt, es dichter gesponnen, noch packender und, aus Sicht der Akteure, auswegloser.

In der ersten Hälfte, die übrigens auch den Neueinsteiger in die Geschichte mitnimmt, lernt man als Leser die Welt von ISOLA etwas besser kennen. Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung sind verbreitete Gefühle und werden nicht nur von KÖNIGIN OLWYN und CAPTAIN ROOK verinnerlicht. Verwandlungen sorgen für Leid (somit ist die KÖNIGIN als verzauberter TIGER nicht alleine mit ihrem Schicksal). Lebensfreundliche Gefilde sind schwer zu finden in einem Umfeld aus Halluzinationen und Lügen.

KARL KERSCHL ist nicht nur Autor, er ist auch als Zeichner an Bord. Im Verbund mit MSASSYK ist außerdem die Kolorierung entstanden. Neben einer ungewöhnlich aufgebauten Fantasy-Geschichte, die sich zwar einiger gängiger Bruchstücke des Genres bedient, darüber hinaus andere Wege beschreitet, ist der andere herausragende Aspekt die grafische Gestaltung von ISOLA.

Die Optik bietet Stimmungen, die sich toll auf den Leser übertragen und so wortlos Teile der Geschichte beisteuern. Dazu gehören selbstverständlich die Gefühle der beiden HELDINNEN, die Einsamkeit verschiedener Gegenden, sogar der Wahnsinn der GEGENSPIELERIN. Stilistisch ist KARL KERSCHLS Strich zwischen Anime und Disney-Look einzuordnen. Er beherrscht den Trick, etwas putzig aussehen zu lassen, ebenso wie einen starken Realismus mit höchst individuellen Zügen seiner Charaktere. All das lässt er in CAPTAIN ROOK wirken. Eine junge Frau, die tough und verletzlich gleichermaßen über die gesamte Länge daher kommt. Situationen für unterschiedlichste Gefühle gibt es reichlich.

Eine überaus plastische Kolorierung macht aus ISOLA ein regelrechtes Kinoerlebnis. Outlines werden weitestgehend vorne klassisch in schwarz gesetzt. In den Hintergründen sind sie meist Ton in Ton ausgeführt. So entsteht ein Kulisseneindruck. Unschärfe hier und dort, natürlich eine deutliche Reduzierung von Details verstärken die Plastizität. ROOK und OLWYN bewegen sich hauptsächlich durch die Natur: Felsenkulissen, Wald, einfache Landschaften, eine Hütte, ein Schuppen. Sonstige Umgebungen, wie sie aus der klassischen High-Fantasy her bekannt sein mögen, gibt es hier nicht. (Und man vermisst sie auch nicht.) Die Blickführung des Lesers ist ruhig und konzentriert auf ein jeweils bestimmtes Bild. Je gewichtiger eine Szene, umso größer das Bild, manchmal sogar eine komplette Seite.

Frauen haben hier das Sagen. Männer sind in dieser Geschichte nebensächlich, austauschbar. Man vermisst in dieser Fantasy den typischen Haudrauf oder Zauberer nicht. Gewalt existiert, wird aber nicht ausgewalzt. Nicht selten wird es der Fantasie des Lesers überlassen, darüber, was geschehen könnte (oder geschehen wird). Statt es zu sehen, erlebt der Leser, wie ROOK oder OLWYN darauf regieren.

Starke Fortsetzung. Ein Fantasy-Abenteuer mit Fokus auf zwei Frauen in einer Fluchtsituation. Immer nah dran, gefühlvoll und gleichzeitig spannend erzählt. Überragend illustriert von KARL KERSCHL und MSASSYK, ein Fest fürs Auge! Sahne! 🙂

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Dienstag, 30. März 2021

BOUNCER – GESAMTAUSGABE 4

Filed under: Abenteuer — Michael um 12:04

BOUNCER GESAMTAUSGABE 4Rache und Gerechtigkeit sind schwierige Geschäfte. BOUNCER hat allen Grund, beides zu wollen. Aber er lässt seine dunklere Seite nicht übernehmen und setzt auf Gerechtigkeit. Er muss einen Mörder festnehmen. SAKAJAWEA wurde umgebracht. PRETTY JOHN tötete sie vor Zeugen. Aus reiner Wut über ihre Worte zog er einen Degen und stach sie nieder. BOUNCER, ein guter Freund, war nicht zur Stelle, um SAKAJAWEA zu beschützen. Der einarmige Mann saß stockbesoffen bei einem Pokerspiel, als ihn die Nachricht vom Tod SAKAJAWEAS erreichte. Und er war immer noch stockbesoffen, als er es schließlich zum Tatort, im ehemals belebten Saloon, schaffte. Dann entschied er sich dazu, den Mörder dingfest zu machen. Diese Entscheidung führt BOUNCER einmal mehr TO HELL … AND BACK!

Die 4. GESAMTAUSGABE von BOUNCER hat es in sich. Die hier vereinten beiden Alben, TO HELL… und …AND BACK (so die Titel), führen BOUNCER tatsächlich in einen Höllenpfuhl und, zur Freude der Fans der Reihe, auch wieder zurück. Doch dazwischen hat Erzähler ALEJANDRO JODOROWSKY ein Szenario kreiert, das wieder (muss man sagen) in die finstersten menschlichen Abgründe hinab rutscht. ALEJANDRO JODOROWSKY hat sich mit vielen Abgründen beschäftigt. Darin hat er, was den Einfallseichtum solcher Szenarien angeht, sogar eine gewisse Meisterschaft entwickelt. Geschichten von ihm gibt es reichlich und so ist es nicht gerade leicht, die eigenen Schauermärchen noch zu toppen. Aber es gelingt ihm.

Darüber hinaus existieren kleine Nebenhandlungen. Diese sind nicht kaum weniger beeindruckend. ALEJANDRO JODOROWSKY beginnt die Handlung mit einem Nebenstrang, der, zuerst fast nicht erkennbar, eine ansonsten im wahrsten Sinne mitlaufende Figur in den verdienten Mittelpunkt rückt. MOCHO, BOUNCERS dreibeiniger Hund, rettet seinem Herrchen das Leben. Die ausgezehrte Figur des Hundes tauchte bereits öfter in den WESTERNABENTEUERN auf und erinnert manchmal an ALEJANDRO JOROWSKYS Realversion eines RANTANPLAN. MOCHO wird zum Helden eines Abenteuers im Gebirgsschnee. Höchst spannend und könnte auch so von einem klassischen WESTERNAUTOREN (wie LOUIS L’AMOUR oder ZANE GREY) erzählt worden sein. Angesichts von MOCHOS Konstitution fehlt auch hier der satirische Biss von ALEJANDRO JODOROWSKY nicht.

Diese Episode ist allenfalls eine VORHÖLLE, bevor der eigentliche Trip beginnt. Das eigentliche Ziel ist ein GEFÄNGNIS im Nirgendwo. Längst haben Finsterlinge die Regie über die Haftanstalt übernommen. Längst ist dies ein Platz, der die Bezeichnung HÖLLE AUF ERDEN redlich verdient hat. Und genau aus diesem Pfuhl will BOUNCER einen Mörder abholen und seiner gerechten Strafe zuführen. Aber die Geschichten von ALEJANDRO JODOROWSKY und FRANCOIS BOUCQ sind nicht dafür bekannt, dass sie es ihrem HELDEN leicht machen. Und diesmal erst recht nicht.

Gewalt zum Vergnügen, sexuelle Ausschweifungen (manchmal geht beides Hand in Hand) gehören nicht selten zum Repertoire von ALEJANDRO JODOROWSKY. Wer das vom Autor kennt, erlebt keine Überraschungen. Allerdings variiert die Form, die Art und Weise, wie damit umgegangen wird. PRETTY JOHN, derjenige, der einer gerechten Strafe zugeführt werden soll, ist ein Vertreter der Sorte, in der sich solche Kernthemen ALEJANDRO JODOROWSKYS vereinen. Obwohl er gefährlich ist, hat er nicht die erforderliche Macht, sich selbst zu schützen. Die eigentlich Mächtigen sind ganz woanders zu finden. ALEJANDRO JODOROWSKY baut dieses Hindernis für BOUNCER besonders in der zweiten Hälfte des vorliegenden Abenteuers stark aus.

Verschiedene Settings geben FRANCOIS BOUCQ allerhand zu tun. Ist es in der ersten Hälfte die typische Westernstadt mit ihrem Saloon und ein verschneites Gebirge, dominiert in der zweiten Hälfte das Gefängnis wie eine mittelalterliche Trutzburg (Kerker inklusive) und eine von der glühenden Sonne überflutete Steinwüste. Das Licht ist so grell, dass BOUNCER und Konsorten mit einem Lichtschutz agieren müssen, ehe mit nächtlichen Szenen sich die Augen der Protagonisten entspannen und die Spannung einer Fluchtsequenz für den Leser noch weiter getrieben wird.

ALEJANDRO JODOROWSKY und FRANCOIS BOUCQ beherrschen ihr Metier einfach. Mit ihnen kann der WILDE WESTEN absurd sein oder total ernsthaft das wahre Leben jener entbehrungsreichen Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Ein Funken Wahnsinn (oder mehr) beherrscht die Feinde von BOUNCER auch in diesem Band. Bei allem Widerstand finden sich Freunde in einer grausamen Auseinandersetzung, die im Ergebnis nur eines kennt: den Tod der einen oder anderen Seite. In bester Westernmanier erzählt, wie stets genial von FRANCOIS BOUCQ illustriert! Klasse! 🙂

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Dienstag, 09. März 2021

FIRE POWER 1

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:26

FIRE POWER 1Ein junger Mann steigt in den verschneiten Bergen immer höher. Irgendwo muss sein Ziel zu finden sein, ein verstecktes Gelände, eine ganz besondere Schule, der TEMPEL DER FLAMMENDEN FAUST. Es wird Zeit. In seinem Gepäck ist nur eine begrenzte Menge Nahrung. Die Kälte zehrt an seinen Kräften. In höchster Not erscheint ihm ein Schmetterling und geleitet ihn auf dem Rest seines Weges. Als es schließlich geschafft ist, fällt der Empfang für den erschöpften jungen Mann alles andere als herzlich aus …

OWEN JOHNSON wird noch von den Strapazen des Aufstiegs in die Knie gezwungen, da fordert ihn sein zukünftiger Lehrmeister bereits zu einem Probekampf heraus. OWEN JOHNSON ist nicht unbedarft. Er hat die Welt bereist und verschiedene Lehrmeister gehabt, die ihm ihre Techniken beigebracht haben. Er versteht es, sich zu wehren. Und es gelingt ihm sogar, seinen überragenden Gegner zu überraschen. Vorerst darf OWEN JOHNSON bleiben …

ROBERT KIRKMAN taucht gerne in verschiedene Genres ein. Im HORROR fand er THE WALKING DEAD und OUTCAST. Gerade ersteres begann einen wahnsinnigen Siegeszug, indem er dem ZOMBIE-HORROR eine neue tiefere Geschichte verlieh. Im SUPERHELDEN-GENRE schickte er erfolgreich INVINCIBLE auf die Reise. Nun hat er sich mit FIRE POWER einer besonderen ACTION-Nische zugewandt. In den allseits so verehrten 1980er Jahren boomten Filme rund um Themen wie KUNG-FU, KARATE, SHAOLIN-KÄMPFER oder NINJAS. Asiatische MARTIAL ARTS waren auf der Höhe der POPULÄRKULTUR. Weißer US-Amerikaner trifft auf fremde Kultur und lernt asiatischen Kampfsport. So ähnlich gab es mehrere und gern von der Filmindustrie bediente Abenteuer.

ROBERT KIRKMAN greift eben jenes Grundgerüst auf und transportiert es in unser Jahrzehnt. Zusätzlich fügt er eine mystische Komponente hinzu. Gerade im Bereich der NINJA wurden übermenschliche Fähigkeiten häufig hinzugedichtet. FIRE POWER lautet der Titel der neuen Serie. Der ORDEN DER FLAMMENDEN FAUST fusst auf der Legende, dass die besten Kämpfer es schaffen können, die Luft um sich herum nach ihren Wünschen zu entflammen. Nur ist es eben bislang eine Legende, denn abgesehen vom lange verstorbenen Gründer des Ordens ist es niemandem gelungen.

ROBERT KIRKMAN beschreibt den Alltag im Tempel, das Training, zeigt einen ehrgeizigen Schüler, den besagten Amerikaner OWEN JOHNSON. Wir sehen eifersüchtige Mitschüler. Ein junge Frau, ebenfalls im Training, findet Gefallen an OWEN. Und wir erleben einen verschrobenen MEISTER, der auf seine Art einen MR MIJAGI (aus KARATE KID) locker in den Schatten stellt. Zumal ROBERT KIRKMAN ihn undurchsichtig beschreibt, ein wenig wie einen CLOWN und als jemanden, der nicht sofort preisgibt, was er alles weiß, vor allem von der Welt da draußen, jenseits des Gebirges.

CHRIS SAMNEE zeichnet den ersten Band, MATT WILSON hat die Kolorierung übernommen. CHRIS SAMNEE verfolgt stilistisch einen reduzierten Realismus. Was der Comic-Fan auf dem Cover sieht, erwartet ihn auch im Innenteil. Tuschelinien werden sparsam gesetzt, Schatten manchmal äußerst fett platziert. Das passt in ruhigen Momenten, aber auch in schnellen Action-Schnitten. Es gibt reichlich ruhige Momente, auch solche, die so nicht zu erwarten gewesen wären. Dazu gehören auch Strafmaßnahmen. Nennen wir diese einmal ERZWUNGENE MEDITATION UNTER ERSCHWERTEN BEDINGUNGEN. Gleichzeitig ist es ein Training in Geduld und Stärke, unter dem Strich Disziplin.

Wenn es dann optisch zur Sache geht, geschieht es urplötzlich, dafür langanhaltend. Ein Gegner, gänzlich anders als die Krieger des Klosters, bricht über die Szenerie herein. Das ist beste SHAOLIN-NINJA-ACTION. Spätestens jetzt werden für alle Leser ROBERT KIRKMANS Vorbilder sichtbar und ganz bestimmt hat auch Zeichner CHRIS SAMNEE den einen oder anderen Blick in eine Kinovorlage riskiert. Der Zeichenstil ist für diese rasanten Sequenzen gemacht und erinnert, zumindest was den Strich angeht, zeitweilig an DARWYN COOKE.

DAS COMEBACK DER MARTIAL ARTS IM COMIC. ROBERT KIRKMAN hatte einmal mehr den richtigen Riecher. Das Thema packt, die Geschichte ist spannend und macht Spaß (auch dank dieser besonderen Figur des MEISTERS). CHRIS SAMNEE erschafft über die gesamte Länge des Abenteuers optisch schöne (und dramatische) Szenen. Da bleibt man von der ersten bis zur letzten Seite gerne dran! Sahnehäubchen! 🙂

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Freitag, 09. Oktober 2020

BOUNCER – GESAMTAUSGABE 3

Filed under: Abenteuer — Michael um 11:49

BOUNCER - GESAMTAUSGABE 3Indianer erregen in einer Kleinstadt im WILDEN WESTEN immer Aufsehen. Obwohl sie friedlich in die Ortschaft einreiten, wird ihnen offen von einer Einheit Soldaten gedroht. Dabei haben sie ein ganz anderes Ziel: BOUNCER. Der Sohn von WEISSER ELCH soll sein Erbe antreten und den heiligen Boder des Stammes beschützen. Doch zuvor muss der einarmige Mann, der mitten unter Weißen lebt, beweisen, dass er überhaupt fähig ist, seine Aufgabe zu übernehmen. Der Beweis ist denkbar einfach zu führen. Er muss lediglich, einen anderen Mann im Zweikampf besiegen. Sein Gegner OSO LOCO, der beste Krieger des Stammes, wartet nur darauf, BOUNCER zu töten …

Aber es gibt noch mehr als Mord und Totschlag im WILDEN WESTEN, denn ewig lockt das Weib. Zumindest bei ALEJANDRO JODOROWSKY und seinen Erzählungen ist das häufig so. Männer verfallen ihnen. Manchmal glauben sie noch, die nötige Macht zu besitzen, sich jederzeit zurückzuziehen. BOUNCER ist auch so eine Figur, die sich gerne etwas vormacht. Und einmal mehr hat er nicht den Schneid zu erkennen, wenn es eine Frau tatsächlich gut mit ihm meint oder ob sie ihn nur benutzen will. Meistens ist letzteres der Fall. Mit den Waffen der FEMME FATALE, versteht sich. Manche tarnen sich zuvor, andere arbeiten sehr offen mit verführerischen Qualitäten. Manchmal ist alles ein großes Verwirrspiel. Ganz wie es der äußerst fantasievolle Erzähler ALEJANDRO JODOROWSKY mag.

ALEJANDRO JODOROWSKYs Ansichten erschöpfen sich nicht in einem Frauenbild. Es gibt die Sichtweise einer Mutter, die ihre Tochter ganz standesmäß (ihrer Ansicht nach) verheiratet sehen möchte. Es gibt die Tochter, die aus Liebe bereit wäre, jederzeit mit diesen sogenannten Traditionen zu brechen. Es gibt die Hilfe einer Indianerin, die sich über die Völkergrenzen hinweg um einen verwundeten Weißen kümmert. Liebe und Mitleid sind keine Fremdwörter hier. Aber sie gehen nur allzu oft hinter all der Gier, der Brutalität und einem sehr schlechten Bild über den amerikanischen Westen unter.

Immerhin gibt es die Freundschaft, die BOUNCER dementgegen doch immer wieder findet. Völlig begründet, denn tief in ihm steckt ein gutes Herz, das sich aber gemäß der Regeln einer Anti-Zivilisation zu wehren weiß. Und wie! Gelegenheit erhält er dazu genug. Bis eine Grenze auftaucht, an dessen Schwelle sogar er den Revolver beiseite wirft.

Auffallend sind zwei Aspekte dieser dritten GESAMTAUSGABE von BOUNCER. Erstens der vordergründige Gegner: AXE HEAD. Ohne Umschweife als Unhold präsentiert, wird hier weder von Autor ALEJANDRO JODOROWSKY etwas an dieser Figur beschönigt (oder entschuldigt), noch von Zeichner FRANCOIS BOUCQ, der aus AXE HEAD (wie in einem der guten alten Spaghetti-Western) einen widerlichen Killer macht, der schon in einer rein gezeichneten Variante Abscheu beim Leser produziert. Und weil das nicht ausreicht, werden dem Unhold noch fünf Zöglinge zur Seite gestellt, die ihrem Vater nicht nur in nichts nachstehen. Ich möchte sogar behaupten, dass sie ihn an Brutalität noch überflügeln. Ist furchtbar (gut) fantasiert und wirkt nach, Comic hin oder her.

Zweitens (schon wieder) ein anderes grauenvolles Ereignis: Während BOUNCER in einem Indianerdorf im Apachen-Reservat gepflegt wird, planen Soldaten, aus purem Menschenhass und auf der Jagd nach Skalps, für die eine Belohnung gezahlt wird, ein Massaker. Das Szenario, wenngleich in viel kleinerem Maßstab als das historisch tatsächliche Geschehen, erinnert an das MASSAKER VON WOUNDED KNEE. Gänzlich unvorbereitete Angehörige der Sioux wurden von Granaten und Kugeln der US-Soldaten hingemetztelt. Männer, Frauen und Kinder ohne Unterschied. ALEJANDRO JODOROWSKY hat dieses Ereignis ganz offensichtlich als Vorlage für diese Szene genutzt, die in der ersten Albengeschichte der dritten Gesamtausgabe von BOUNCER vorliegt. Autor und Zeichner walzen diese Szene keineswegs aus. Im Gegenteil, beim Betrachten der Bilder sieht der Leser vor dem geistigen Auge wahrscheinlich mehr, als wirklich zu erkennen ist.

Die dritte Gesamtausgabe von BOUNCER fasst den 6. Teil, DIE SCHWARZE WITWE, und den 7. Teil, DOPPELHERZ, der WESTERN-SAGA zusammen. Die beiden zusammengehörenden Teile einer Doppelfolge geben ein abgrundtief düsteres Kapitel des einstigen Rausschmeißers und jetztigen Saloon-Besitzers wider. Das lässt sich aufteilen in eine Kulissenerzählung, in der ALEJANDRO JODOROWSKY das Gesicht des WILDEN WESTENS zeigt, wie er durch Überlieferungen und sogar Fotografien dokumentiert ist. Die andere Hälfte ist fast schon eine griechische Tragödie, die im Mantel eines Westerns daherkommt. ALEJANDRO JODOROWSKY verbindet beides zu einer packenden und mitreißenden Handlung.

FRANCOIS BOUCQ illustriert auf seine gewohnt perfekte Weise. So entsteht ein lebendiges, wuchtiges Bild. Gleichzeitig ist es schauerlich, da sich Autor ALEJANDRO JODOROWSKY nicht allein auf die üblichen Wildwestthemen verlässt. Stark, kurios, kurzweilig, anders, gut. 🙂

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Sonntag, 27. September 2020

WÜSTENSKORPIONE 1

Filed under: Abenteuer — Michael um 13:32

WÜSTENSKORPIONE 1Der Wahnsinn des Krieges ist auf vielerlei Arten darstellbar. Oft sind es die Brutalitäten oder die Greueltaten, die einem das Monster Mensch verdeutlichen. Der Irrsinn kann sich aber noch andere Ventile suchen. HUGO PRATT nimmt den Leser mit in ein besonders aberwitziges Kapitel des Zweiten Weltkriegs, den WÜSTENKRIEG. Es ist Herbst 1940. Zwischen Lybien und Ägypten ist davon für die Europäer, die sich in den Sanddünen gegenseitig umbringen, nichts zu bemerken. Die Wüste kennt keine Jahreszeiten. Und sie ist unerbittlich gegen jede Seite. WLADIMIR KOÏNSKY erlebt all die Widrigkeiten von Natur und menschlicher Niedertracht am eigenen Leib. Mehr als einmal steht sein Schicksal auf des Messers Schneide. Und mehr als einmal sieht er, wie seine Wegbegleiter der Tod ereilt …

DER LANGE WEG NACH SIWA lautet der Titel der ersten der beiden hier in einem Band zuammengefassten Geschichten. Im Mittelpunkt stehen WLADIMIR KOÏNSKY, LEUTNANT KORD, HASSAN BENI MUCHTAR oder auch JUDITTAH HORA CANAAN. Jeder ist auf seine Art ein Glücksritter. Die einen schreiten mit hehren Zielen in ihrem Leben voran, die anderen trachten danach reich zu werden, der nächste ist schon glücklich, wenn er aus diesem Krieg heil mit dem Leben davonkommt. Stellenweise in DER LANGE WEG NACH SIWA, sieht man einmal von den Kampfszenen ab (mit einem tollen Zugüberfall), entsteht eine Atmosphäre wie in einem Krimi von AGATHA CHRISTIE. Zeitweise lässt sich auch von Leserseite aus nicht sagen, wer nun welches Spiel spielt. Da heißt es, immer auf der Hut zu sein, welchem Charakter man seine Sympathien schenkt.

PICCOLO CHALET nimmt den Leser mit eine außergewöhnliche Situation, die aber in den erzählenden Genres gar nicht so selten ist. Ein kleines sudanesisches Wüstenfort ist leer gefegt bis einen einzelnen letzten Mann Besatzung. LEUTNANT STELLA genießt nur eine kurze Zeit des Alleinseins. ASKARI-SOLDATEN sind weggelaufen. Die ehemals hier stationierten ITALIENER haben offiziell das Fort verlassen. Es könnte für den einsamen Mann recht langwelig werden, führe nicht unweit des Forts WLADIMIR KOÏNSKY mit seinem britischen Panzer auf eine Mine. Fortan schweißt der Krieg die beiden Feinde für einen gemeinsamen Weg aus der Misere zusammen. HUGO PRATT beweist, dass es für einen Charakter in einer Geschichte immer noch schlimmer kommen kann.

Über allem herrscht eine abenteuerliche Stimmung. CINEASTEN und Freunde von Streifen wie LAWRENCE VON ARABIEN oder DER WIND UND DER LÖWE dürften sich hier gleich heimisch fühlen. Militärisch-politische Verhandlungen, Ränkespiele und im wahrsten Sinne des Wortes Sandkastendiplomatie treffen hier aufeinander. Mittendrin, im Kern des Ganzen, WLADIMIR KOÏNSKY als Archetypus des Abenteurers, des liebenswerten Halunken mit Herz und Verstand. Man mag es eine eigene Moral, einen inneren Kompass oder einen Codex nennen, nach dem KOÏNSKY handelt, ganz gleich, was es ist, er erspielt sich jedenfalls die Sympathien des Lesers mit französischer Leichtigkeit (ja, ich weiß, in der Geschichte ist er Pole, aber ihn umgibt nun einmal das Abenteurer-Flair eines JEAN-PAUL BELMONDO).

Die Zeichnungen von HUGO PRATT bergen keine Überraschungen, hat der Leser bereits in anderen Publikationen von ihm Bekanntschaft mit seiner Technik gemacht. Gewohnt fragil, mit dem Strich fürs Wesentliche, erschließt sich die Welt der WÜSTENSKORPIONE durch die Feder eines Mannes, der diese Zeit, wenn auch noch sehr jung an Jahren, tatsächlich miterlebt hat und kurz danach sein Kunststudium begann. HUGO PRATT schafft die unterschiedlichsten Charaktere, auch solche, die nur kurz auftauchen, einzig bei Schwarzafrikanern driftet er öfters mal in Stereotype ab. Seinen Kampfszenen, mit simpler Infantrie oder mit Fahrzeugen und Flugzeugen sieht man gerne zu. Das ist überaus filmisch. Sich die Skizzen anzuschauen macht Spaß, zeigen sie doch, wie sich HUGO PRATT seine Themen erarbeitet hat, sogar über persönliche Fotos aus den Wüstenkriegen, die ihm als Vorlage dienten.

Ein starkes Stück Comic-Geschichte über ein dunkles Kapitel Menschheitsgeschichte. Trotz allem ist es mit Charme erzählt, mit einem sympathischen Tausendsassa, der sich nicht unterkriegen lässt, gewohnt lässig illustriert, dennoch eindringlich (und die kolorierten HUGO-PRATT-Zeichnungen gefallen mir außerdordentlich). Geschichten mit Tiefgang. Sehr gut! 🙂

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Samstag, 19. September 2020

DIE KONG CREW 1 – DER DSCHUNGEL VON MANHATTAN

Filed under: Abenteuer — Michael um 17:59

DIE KONG CREW 1 - DER DSCHUNGEL VON MANHATTANKONG hat gesiegt. Es ist den amerikanischen Streitkräften nicht gelungen, ihn zu töten, geschweige denn von der Insel MANHATTAN zu vertreiben. MANHATTAN gehört nun dem riesenhaften Gorilla und alles, was den Streitkräften zu tun bleibt, ist, jegliches menschliches Betreten der Insel zu verhindern und diesen Flecken Erde vom Rest der Welt abzuschotten. Inzwischen schreiben die Vereinigten Staaten von Amerika das Jahr 1947. 14 Jahre lang veränderte sich die Insel ohne äußere Einflüsse. Inzwischen hat sich die mit baufälligen Hochhäusern übersäte Fläche in einen Dschungel verwandelt. Einen prähistorischen Dschungel …

ERIC HERENGUEL, hierzulande als Zeichner bekannt von ULYSSES 1781 oder SILBERMOND ÜBER PROVIDENCE, springt in seinen Arbeiten gerne in einer Geschichte zwischen verschiedenen Genres umher. Da wird in einer frühen nordamerikanischen Phase gegen Monster gekämpft. Oder es tauchen zur besten Wildwestzeit dämonische Kreaturen an der Ostküste der Vereinigten Staaten auf. Ist ersteres Beispiel noch in Zusammenarbeit mit XAVIER DORISON entstanden, bestritt er SILBERMOND ÜBER PROVIDENCE allein, als Autor und Illustrator. Ebenso verhält es sich mit DIE KONG-CREW, wo er die Genres noch viel heftiger mischt als zuvor in seinen Arbeiten.

Sein Zeichenstil ist sehr realistisch. Figuren, Kulissen, Fahrzeuge, Landschaften, Tiere sind perfekt an die Realität angelehnt. Wo ERIC HERENGUEL in die Karikatur abgleitet, niemals komplett, sind die Köpfe und Gesichter. Die Charaktere werden dadurch aussagekräftiger, verfestigen sich schneller. Das erinnert technisch, gerade im Zusammenhang mit der Zeitschiene, die ERIC HERENGUEL hier bearbeitet, an ROCKETEER des verstorbenen DAVE STEVENS. Das mag auch daran liegen, wie toll sich beide Zeichner das Thema FLUGZEUGE erarbeiten. Beide Zeichner geben ihren Bildern einen filmhaften Look (DAVE STEVENS war zeitweise Storyboardzeichner, u. a. für JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES.) Wer die rasanten Flugszenen von ERIC HERENGUEL in den Straßenschluchten von MANHATTAN sieht, wird das sofort unterschreiben.

Ein Wehrmutstropfen: KONG tritt nur sehr kurz in Erscheinung. Entschädigt wird der Leser dafür mit allerhand Getier, wie es jüngstens die JURASSIC-WORLD-Streifen boten (und noch ein paar Viechern mehr). Außerdem hat sich in den Ruinen dieser ehemaligen Weltstadt ein merkwürdiges Matriarchat eingerichtet. Hier fließen kuriose Gestalten ein, die durchaus auch Platz in einem MAD-MAX-Streifen finden könnten. An Einfällen hat ERIC HERENGUEL jedenfalls nicht gegeizt.

Farblich nimmt sich ERIC HERENGUEL etwas zurück. Er ist natürlich wie in seinen Zeichnungen schon an der Realität orientiert, aber er sucht sich stets einen Kerneindruck für eine Seite. Das kann eine spezielle Farbe sein oder es ist ein besonderes Licht. Der Rest wird darauf abgestimmt oder es wird eine besonders kontrastreiche Szenerie. Letzteres ist seltener. Meist schafft ERIC HERENGUEL eine dezente Farbatmosphäre. Diese farbliche Stimmung kommt dem Setting, der zweiten Hälfte der 1940er Jahre, sehr entgegen. Fast scheint es, als habe sich der Künstler an älteren Farbfilmen jener Zeit orientiert. Das passt, macht es optisch, später im DSCHUNGEL VON MANHATTAN, eine Spur gruseliger im Look.

Starker Serienauftakt, mal etwas ganz anderes. Ein verrückter Genremix, der verdammt gut illustriert ist. Wer es mag, wenn Geschichten sich wunderbar aus verschiedenen Richtungen vermischen und das Ergebnis ein sehr abwechslungsreiches und spannendes Abenteuer ist, liegt hier genau richtig. Fans von MONSTERN und von Szenarien wie DIE VERLORENE WELT von ARTHUR CONAN DOYLE (das Buch wohlgemerkt) können bedenkenlos zugreifen. 🙂

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Sonntag, 28. Juni 2020

EIN AFFE AM HIMMEL 2 – HOLLYWOODLAND

Filed under: Abenteuer — Michael um 18:19

EIN AFFE AM HIMMEL 2 - HOLLYWOODLANDUND ACTION! Die Jagdflugzeuge schrauben sich in den Himmel. Jeder der beiden Piloten ist darauf aus, den anderen vor die Maschinengewehrläufe zu bekommen. Die deutsche Fokker Dr. I (Dreidecker) wird getroffen, Feuer bricht aus, und die Flugmaschine geht in den Sturzflug über… Gott sei Dank ist der Weltenkrieg vorüber und HARRY nur der Pilot in einem Hollywoodfilm. HARRY ist gut in seinem Job. Wenigstens insofern, dass es ihm gelingt, aus jeder Aufnahme, und sei sie noch so schwierig, mit dem Leben davon zu kommen. Aber HOLLYWOODLAND hat noch mehr zu bieten. Abseits der Kameras blüht das Leben. Partys werden gefeiert. Das Verbrechen spielt in TINSELTOWN ebenfalls eine Rolle. Das muss HARRY sehr bald feststellen, als er sich mit dem Starlet CLARA PALMER einlässt…

HOLLYWOOD ist sein eigener Mikrokosmos. Das alte HOLLYWOOD, sozusagen in jenen Tagen, als die Bilder noch laufen lernten, ist zu einem MYTHOS geworden. Große Namen aus jenen Tagen haben sich ins kollektive Gedächtnis der Cineasten eingebrannt. In jene Anfangstage entführt uns ETIENNE WILLEM mit seinem 2. Band von EIN AFFE AM HIMMEL mit dem bezeichnenden Untertitel HOLLYWOODLAND. Um seine Helden darzustellen, hat sich ETIENNE WILLEM für einen Weg entschieden, den schon andere, aber nicht sehr viele Künstler vor ihm genommen haben. Seine Darsteller sind Tiere.

Wenn Tiere menschliche Rollen spielen, entstehen manchmal wahnwitzige Situationen. ETIENNE WILLEM setzt natürlich seine tierischen Figuren so ein, dass bei dem Leser bei Ansicht der jeweiligen Gestalt entsprechende Assoziationen zum Charakter entstehen. Da lassen sich trefflich die Erwartungen erfüllen, aber auch täuschen. Das Spektrum in der Tierwelt ist breit gefächert, und ETIENNE WILLEM greift genüßlich an allen Ecken und Enden zu. Wer allein bei den Dreharbeiten im Filmstudio (an denen HARRY und LUMPY teilnehmen) genau hinschaut, sollte einmal versuchen zu zählen, wie viele verschiedene Tierarten er entdeckt.

ETIENNE WILLEM trifft nicht nur das Äußere der jeweiligen Art, er trifft auch den Charakter, den wir (der Mensch) ihr gerne fabelmäßig anheften. Darüber hinaus, und das hat mich überrascht, kann er einen Menschen in ein Tier übersetzen, mit sofortigem Wiedererkennungseffekt. Das funktioniert natürlich relativ leicht bei CLARA PALMER (die die HOLLYWOOD-STANDARD-BLONDINE gibt). Bei historisch interessanten Figuren wie PRÄSIDENT ROOSEVELT und dem mittlerweile fast schon mystisch geheimnisvollen schwerreichen HOWARD HUGHES funktioniert es noch besser.

Es sind sehr organisch gezeichnete Figuren, die nicht konstruiert wirken. Sie nehmen sich Raum, ETIENNE WILLEM nimmt den Leser sehr nah heran, hautnah, bis an die Nasenspitze sozusagen. Darüber hinaus ist die Atmosphäre und das Ambiente wunderbar zeitgemäß getroffen. Bei der Eingangsszene musste ich sofort an den Film TOLLKÜHNE FLIEGER mit ROBERT REDFORD denken. Die Flugszenen sind legendär und ähnlich denen, die HARRY hier absolviert. Vielleicht sind sie von ETIENNE WILLEM als wohl begründete Hommage gedacht.

Daneben gibt es die Story über… nein, wird nicht verraten. Aber es ist eine Geschichte, in der auch SAM SPADE um die Ecke kommen könnte. Ein Geheimnis soll nicht vor der Zeit in andere Hände geraten. Eine Hatz beginnt, es gibt Tote, Helden setzen ihr Leben ein, um andere Leben zu retten. Das ist schwungvoll erzählt und inszeniert, ganz so eigentlich, wie man es als Cineast aus Filmen jenes Zeitabschnitts erwarten würde. Vordergründig spannend, zur Abmilderung mit ein wenig Slapstick gewürzt. In einer Nebenrolle tritt zusätzlich ein Star jener Ära auf, ganz im Stil moderner Erzählweisen des Kintopps, wenn Überraschungsgäste dem Zuschauer (hier Leser) einen Aha-Moment entlocken. Allerdings, das muss auch festgestellt werden, dürfte es in diesen Tagen nicht mehr allzu viele Comic-Leser geben, die sich mit dem alten HOLLYWOOD auseinandergesetzt haben.

Zum guten Schluss noch einmal zu den Zeichnungen von ETIENNE WILLEM. Auffallend (und sehr schön anzuschauen) ist der leichte und dennoch sehr exakte Tuschestrich. Besser noch ist die Kolorierung, möglicherweise eine Mischtechnik, in jedem Fall aber ein toller Look, sehr weich, warm, leuchtend. Hier bleibt das Auge gerne dran.

Ein feine zweite Episode von EIN AFFE AM HIMMEL. Locker flockig erzählt, schön ausgestalteten Hauptfiguren, einer perfekten Illustrationstechnik, die mit vielen Details ein echt altes (teils romantisiertes) HOLLYWOOD-Feeling herstellt. Richtig tolle Detektiv- und Abenteuerunterhaltung von ETIENNE WILLEM. Den muss man als Comic-Fan im Blick behalten. 🙂

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