Donnerstag, 17. Juli 2008
Bisher gibt es zwei ermordete Mönche. Bruder Budog sieht infolge der Hinweise keine andere Möglichkeit, als einen alten Freund hinzuzuziehen. Gwenc’hlan und sein Novize Taran machen sich gleich nach Erhalt der Botschaft auf den Weg. In der Abtei angekommen verdichten sich die Zeichen. Jemand scheint Mönche zu töten, die mit einem geheimnisvollen Manuskript in Berührung kamen. Ein blinder Mönch gibt den entscheidenden Hinweis und Gwen’hlan, dessen detektivischer Spürsinn geweckt ist, erhält langsam eine Ahnung, was der Hintergrund dieser Vorkommnisse sein könnte.
Kommt einem ein wenig bekannt vor? Es hat jedenfalls den Anschein, dass die Macher Jean-Luc Istin, Thierry Jigourel und Jacques Lamontagne den Historienkrimi von Umberto Eco namens Der Name der Rose nicht nur sehr gut gelesen haben, sondern auch noch mit der erfolgreichen Verfilmung mit Ex-Bond Sean Connery sehr vertraut sind.
Nicht nur das Verhältnis von Gwen’hlan und Taran, Lehrmeister und Schüler, ähnelt dem von William von Baskerville und Adson von Melk. Der Aufbau des Falles ist höchst ähnlich, die Ankunft in der Abtei, der Blick auf die junge Frau, das spätere Gespräch in der gemeinsamen Kammer, das Gespräch mit dem Blinden, das Manuskript, all dies sind bekannte Elemente des besagten Kriminalgeschichtenklassikers aus den 80er Jahren.
Doch damit nicht genug. Wer genau hinschaut, wird in Gwen’hlan auch Sean Connery optisch wieder erkennen, so wie er noch jugendlicher in Zardoz ausschaute, mit langer Haartracht und Schnauzbart.
Bruder Iltud ähnelt Volker Prechtel, der den Bruder Malachias in Der Name der Rose spielte. Wenn dann noch sieben schwarze Reiter in Kapuzenumhänge gehüllt auf schwarzen Pferden auftauchen, dann hat das nichts mehr mit letztgenanntem Buch und Film zu tun, sondern mag eine weitere Anspielung auf andere berühmte literarische Figuren sein. Dabei handelt es sich nicht um das letzte Beispiel von kleinen Ähnlichkeiten, die in dieser Konzentration unmöglich Zufall sein können.
Vor all diesen Anspielungen und Ähnlichkeiten der Handlung stellt sich die Frage, ob der Auftakt von Die Druiden mit dem Untertitel Das Geheimnis der Oghams genügend Eigenständigkeit bewahrt. Der Niedergang der alten Religion, dem die Druiden angehören, war immer wieder Thema von so manchem Film und Roman. Herausragend und mit Vorbildcharakter behaftet ist hier natürlich Die Nebel von Avalon von Marion Zimmer Bradley.
Auch Gwen’hlan macht seine Erfahrungen mit der Anderswelt, der Insel hinter dem Nebel, bei einem seiner Besuche dort und erzählt eine alte Legende, in der ein Kind, aufgezogen in der Anderswelt, beinahe zum Erlöser der Kelten wird. In diesen Kleinigkeiten wird natürlich auch der Artus-Mythos angedeutet.
Die Eigenständigkeit entsteht durch die Optik, die grafische Genauigkeit und der Unverwechselbarkeit der Figuren, von denen man einigen lieber nicht im Dunkeln begegnen möchte. Bruder Gwenole sieht aus wie der leibhaftige Tod, Bruder Ronan kann man fast flüstern hören, da er derart unheimlich wirkt.
Die Präzision und Vollkommenheit der Bilder findet sich nicht nur in den glasklar gestalteten Figuren, vielmehr auch in der Landschaft. Urwüchsig, rau und schön präsentieren sich die Küsten, das Meer, die Wälder, nicht wie auf einer Postkarte, eher ungestüm, mit eigenem Charakter versehen. Die Bauwerke sind einfach. Die Abtei ist nur eine kleine Niederlassung und eher schwach, weshalb die Angst vor Übergriffen bei den Mönchen verständlich ist. Von einer Trutzburg ist hier nichts zu sehen.
Fast im Sinne alter Historiengemälde, die Schlachtenszenen aus alter Zeit thematisieren, zeigt sich die Auseinandersetzung zwischen Kelten und Römern, zwar nicht mit der Dichte von Gemäldedarstellungen, aber für einen Comic schon außergewöhnlich. Die grafische Opulenz schwingt durch jeden Bereich des Bandes und macht ihn zu einem Fest.
Der Schluss kommt übergangslos und etwas abrupt, hinterlässt zugleich viele offene Fragen – so wie es sich gehört – aber auch Neugier auf die Auflösung auf diese sehr weitreichend angelegte Geschichte.
Spannend, mit ungewöhnlich vielen Verweisen auf andere Literatur und Filme, wunderbar gestaltet, komplex, aber sehr abgerundet erzählt. Eine vergangene Zeit wird hier trefflich wiedererweckt und es wäre im Sinne des an Historien interessierten Comic-Lesers, wenn dieses Künstler-Team sich an weitere geschichtsträchtige Epochen heranwagen würde.
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Stichwörter: jean-luc istin, thierry jigourel, jacques lamontagne
Donnerstag, 10. Juli 2008
Zhong Xiaoyin ist verzweifelt. Es könnte eine Behandlungsmethode für ihre Mutter geben, aber diese ist sehr teuer und für Xiaoyin unbezahlbar. Da trifft sie auf Lan Dongcheng, einen sehr arroganten, aber vermögenden jungen Mann, der sein Geld nicht nur als Direktor des Krankenhauses verdient, in dem Xiaoyins Mutter behandelt wird. Er schlägt ihr einen Handel vor. Sie arbeitet in seinem Hotel Binfen für vier Jahre und sieben Monate, dafür wird er dafür sorgen, dass ihre Mutter versorgt wird und sie die beste Behandlung bekommt, die möglich ist. Xiaoyin hat keine andere Wahl und nimmt das Angebot an.
Ihre neue Arbeit startet mit einem Fehltritt. Gleich am ersten Tag kommt sie zu spät zur Arbeit. Ihre direkte Vorgesetzte der Verkaufsabteilung hat nicht viel für Xiaoyin übrig. Schikane und Mobbing machen der jungen Frau sehr zu schaffen. Eines Tages wird sie zum Flughafen geschickt, um eine wichtige Person abzuholen. Absichtlich wird sie spät losgeschickt, damit sie ihre Aufgabe verpatzt. Aber Xiaoyin hat Glück im Unglück und lernt so die Mutter des Direktors kennen.
Doch es bleibt schwer. Ihre Verehrer im Hotel sind Legion und Xiaoyins Gefühle für den Direktor reißen die junge Frau beständig mit sich fort. Außerdem geht Dongcheng bereits seit langem mit einer anderen jungen Frau aus. Welche Chancen sollte sie da noch haben?
Die Autoren und Zeichner Pocket Chocolate, LI Ming und Kermes etablieren eine chinesische Soap Opera im Comic. Aus einer einfachen Ausgangssituation entwickelt sich eine Handlung um Liebe, Verzweiflung und neue Freunde. – Und da ist noch ein kleines mysteriöses Element: ein Schmetterling am Knöchel von Xiaoyin.
Der Leser lernt Zhong Xiaoyin als typische moderne junge Frau kennen. Gerade hat sie ihren Universitätsabschluss geschafft, als eine schlimme Nachricht ihr Leben erschüttert und in komplett andere Bahnen lenkt, als es vorhergesehen war.
Der Auftakt zeigt eine bläulich kalte Großstadt, in der eine gute wie auch eine schlechte Nachricht aufeinander folgen. In kurzen Szenen wird der Leser mit den beiden Hauptcharakteren bekannt gemacht und gleich so instruiert, dass klar ist: Dieser Schnösel, in den die traurige Xiaoyin im Krankenhaus hineinläuft, den kann man einfach nicht leiden.
Wie kann man sich wegen eines kleinen Flecks auf dem Schuh nur so aufregen? Weiß dieser Kerl nicht, wo er ist? Dass in einem Krankenhaus, besonders in einem Krankenhaus, Gefühle eine große Rolle spielen, scheint diesem Kerl durch die Gerüche der Desinfektionsmittel entgangen zu sein?
Im wohl größten Land des Lächelns hält man sich mit der Zurschaustellung von Gefühlen zurück. Dieser Umstand zieht sich durch den gesamten ersten Band des Vierteilers und mag so manchen Europäer vielleicht hin und wieder mal den Kopf schütteln lassen. Allerdings brodelt es hinter so mancher Fassade sehr menschlich und hier gehen sämtliche kulturellen Unterschiede verloren. Ja, in Sachen Liebe vergisst so mancher mal seinen Kopf.
In Sachen Arbeitsrecht dürften einige Unterschiede deutlich werden. Wer sich Verfehlungen zu schulden kommen lässt, kann mit einer sofortigen Gehaltskürzung rechnen. Außerdem hängen hier alle am gleichen Strang und so wird der verantwortliche Abteilungsleiter gleich mit zur Rechenschaft gezogen. In diesem Fall ist Xiaoyin die Verantwortliche und ihre Vorgesetzte erhält ebenfalls eine Strafe. Es versteht sich, dass derlei nicht zu einem besseren Verhältnis zwischen den beiden beiträgt.
Derlei Verwicklungen werden in Pastelltönen und eher sanften, aber auch von innen heraus leuchtenden Farben abgebildet. So steht die Farbe oft dem Drama der jeweiligen Situation entgegen. Skizzenhafte Linien werden durch eine milchige, einen Pinselstrich nachahmende Kolorierung sehr schön übermalt.
Die Komplexität der Bilder ist von unterschiedlicher Stärke. Mal sind es eher Momentaufnahmen, dann sind es wunderbare Charakterzeichnungen von Xiaoyin, die ihren Gemütszustand wiedergeben.
Aber auch Lan Dongcheng, den Direktor, findet der Leser in einer ganzen Reihe toller Portraitzeichnungen wieder, schön wie ein Model und rein äußerlich für eine derartige Machtposition eigentlich viel zu jung.
Hintergründe werden oft nur angedeutet, meist zur Einstimmung einer Szene. Sobald der Leser weiß, dass es sich um die Straße, das Büro oder einen Flur handelt, konzentriert sich die Szene auf die Figuren und ihre Aktion im Raum und Interaktion mit den anderen. Besonders durch viele Nahaufnahmen entsteht so der Eindruck einer TV-Serie, eben einer Soap Opera im besten Sinne.
Wenn dann noch Effekte hinzukommen, wie der Leser sie aus asiatischen Comics her kennt, wie überzogene Gesichtsausdrücke mit Traurigkeit oder Freude und der Leser nicht mehr anders kann, als zusammen mit Xiaoyin auf der Achterbahn der Gefühle zu rasen, dann passt alles.
Sehr schöne Bilder, eine leichte Geschichte über Liebe, darüber, was richtig und falsch ist, den Alltag im modernen China und einer sympathischen Xiaoyin, an deren Seite der Leser dieses neue Leben erkunden kann.
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Stichwörter: pocket chocolate, li ming, kermes
Montag, 07. Juli 2008
Es soll eine ganz normale Jagd sein. Der Hirsch ist auf der Flucht. Er kennt den Wald, aber Moskip ist ein erfahrener Jäger, der zielgenau zu Werke geht. Am Fuße eines halb verbannten Baumes findet Moskip kurz darauf eine tote Mutter mit ihrem Neugeborenen.
Von den Umständen ihres Todes nimmt er nicht so recht Notiz. Ihren einzigen Besitz, einen Beutel mit blutroten und federleichten Steinen begräbt er nahe des Baumes zusammen mit dem Leichnam. Den kleinen Jungen aber nimmt er aus Mitleid mit.
Gladhin, Moskips Frau, kann keine Kinder gebären und so ist dieses Kind ein Geschenk des Himmels. Mahnende Stimmen aus seinem Clan ignoriert Moskip bewusst. Es ist ein Kind. Was soll an einem Kleinkind ohne Eltern bedrohliches sein?
In den folgenden Jahren, in denen der Kleine, den seine Zieheltern Laith nennen, aufwächst, entwickelt er sich zunächst wie ein ganz normales Kind. Bis auf eine Kleinigkeit. Regen macht Laith Angst. Sobald die ersten Tropfen fallen, flieht der Junge in die Unterkunft seiner Eltern. Eines Tages geschieht das Unfassbare. Im Augenblick größten Leids offenbart Laith seine geheime Kraft, die alsbald für andere Grund genug ist, um des Kindes habhaft zu werden.
Mit der ersten Episode von Kind des Blitzes mit dem Zusatztitel Blutsteine startet ein neuer Dreiteiler der Newcomer Manuel Bichebois (Text) und Didier Poli (Zeichnungen) im Fantasy-Genre.
Obwohl sich der Leser in einem phantastischen Land mit einer katzenähnlichen Rasse wieder findet, wird das Phantastische der Szenerie in einem sehr begrenzten Rahmen verwendet. Das Überbordende anderer Schwert- und Magieszenarien sucht man hier vergebens und gerade dieses behutsame Herangehen an das Genre ist irgendwie erfrischend.
Laith ist ein liebenswerter kleiner Kerl, der ganz normal im Umfeld seiner gleichaltrigen Freunde groß wird. Was die Ängste Laiths anbelangt, kann der Leser dank der Bilder schon ahnen, was auf den Jungen zukommen wird. Dennoch bleiben die Geheimnisse um seine Abstammung offen. Ein wenig erinnert Laith mit seinen Kräften und dem Interesse, das er hervorruft an Slhoka, eine andere phantastische Serie. Thematisch zwar völlig anders, steht dort allerdings ein junger Mann im Zentrum des Geschehens, der durch seine anormalen Kräfte, die er hinzugewonnen hat, interessant für diverse Mächtige wird.
Will man das Flair von Kind des Blitzes eingrenzen, ließe sich der Begriff einer Charles Dickens-Fantasy verwenden.
Die Beziehung des Ziehvaters zu seinem Sohn ist ein Kern der Geschichte, die gleich von zwei Bösewichten und den düsteren Vorahnungen des eigenen Clans überschattet wird. Eine Geschichte kann den Leser über viele Wege fesseln. Hier wird die Liebenswürdigkeit gewählt. Laith und sein Ziehvater Moskip sind außerordentlich sympathisch, was die Ereignisse noch dramatischer werden lässt, nachdem einem die beiden so ans Herz gewachsen sind.
Die Bilder von Didier Poli und dem im Bereich Farbe unterstützenden Tariq Bellaoui tun ihr Übriges, um diesen Eindruck noch zu verstärken.
Die humanoiden Wesen mit Katzenohren und –nasen sind niedlich zu nennen, aber nicht zu sehr. In gewissem Sinne offenbart Poli hier ein Talent, wie es auch den Charakterdesignern eines Star Wars-Universums zueigen ist. Verfremdung ja, aber nur so weit wie es dienlich ist. Am Beispiel der Reittiere wird dieses Talent noch deutlicher. Einiges – für den Leser schade – wird nur angerissen. Kriegsgerätschaften, Rüstungen, die große Stadt Onfidhen, technische und medizinische Apparaturen, all die Kleinigkeiten und Großigkeiten, die zur fühlbaren Echtheit eines gelungenen Szenarios beitragen, sind hier derart reichlich vorhanden, dass ein Quellenband zu dieser Trilogie sicherlich bequem und sehr informativ einen weiteren Band fühlen könnte. – Und er wäre bestimmt sehr interessant.
Eine sehr gedeckte, herbstlich winterliche Farbgebung gibt den Bildern eine warme, einem Gemälde nicht unähnliche Atmosphäre. Der Farbauftrag simuliert eine natürliche, am Zeichenbrett entstandene Kolorierung und gibt den Bildern obendrein eine schöne Unregelmäßigkeit. Zusammen mit sehr sorgsam gewählten Ansichten und einem schönen Bildaufbau fällt die Konzentration auf einzelne Seitenbereiche leicht.
Wie aus dem Lehrbuch für angehende Comic-Künstler. Nicht umsonst wurden die beiden Macher Bichebois und Poli (hoffentlich auch Bellaoui) mit dem Albert Uderzo Award (Sanglier de Bronze) als beste Newcomer ausgezeichnet. Wer eine etwas getragene, gefühlvolle Fantasy mag, mit einer hohen Konzentration auf die Charaktere und sehr schönen Bildern, liegt hier genau richtig.
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Stichwörter: manuel bichebois, didier poli, tariq bellaoui
Das ist Latein! – So viel wissen die Besitzer der kleinen Glaskugel bereits. Aber was bedeutet der Spruch: Refer aliquem oculum in orbem meum sine lacrima manus tua a daemonio devorabitur.
Konan, Soizik und Gwémon bemühen sich nach Kräften, die Haushälterin der Pfarrers zu einer Übersetzung zu bewegen. Beschimpfungen nutzen nichts. Und die Bestechung mit einem Hammelkopf, damit der Pfarrer auch einmal Fleisch ist statt immer nur Fisch, geht auch nach hinten los. Ein Tier, dessen Kopf an den Teufel erinnert, ist in einem Pfarrhaus nicht gerne gesehen. Aber da ist noch die Kette, die Soizik dem Meer, oder besser einer Ertrunkenen abgenommen hat. Das wäre ein Anreiz für Rozenn, die Haushälterin.
Im Dorf unterdessen ist jemand auf der Suche genau nach der Kette, die Soizik soeben gegen eine Information eingetauscht hat. Die junge Frau, in Männerkleidung gehüllt, verleiht ihrer Frage nach der Kette ebenfalls mit einem Tauschobjekt Ausdruck. Einen ganzen Louis d’or, eine Goldmünze, kann sich der Finder der Kette verdienen. Aber niemand weiß etwas. Daran ändert auch die Entrüstung nichts, als die junge Frau die Münze im vor Leiden geöffneten Mund einer Christusfigur platziert.
Konan, die namensgebende Figur des Untertitels des zweiten Bandes von Das Geschlecht derer von Porphyre, hat eine furchtbare Vergangenheit. Im Alter von sieben Jahren wurde er als Kind verurteilt und ins Gefängnis geworfen. Völlig allein gelassen muss er sich den Schrecken des Gefängnisses stellen und durchlebt ein Martyrium ohnegleichen. Konan ist nun zurück in seiner Heimat, mit verhärtetem Herz und auf der Suche nach einem Schatz.
Balac (Yann) erzählt eine todernste Geschichte über Leid und Hoffnungslosigkeit und dem Wunsch, dieser Mausefalle namens Leben zu entfliehen. Ein Schatz bietet genau die Grundlage dafür. Der Schatz der Porphyre, ein Schatz der Strandräuber, ist eine Legende, weshalb der Glaube daran nur sehr vorsichtig geschürt wird. Konan ist misstrauisch – eigentlich wie jeder im Dorf und der Umgebung – aber er ist bemüht, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Wie das Geheimnis an ihm nagt, frisst das Nichterkennen seiner Mutter in Auge und Stimme an ihm und ihr Wahnsinn setzt ihm außerdem zu.
Balac schafft ein historisches Strandräuberdrama, in dem die Protagonisten immer nur bis Strand kommen, aus den Trümmern der Schiffe ernten und nie auf das verheißungsvolle Meer hinaus und von hier weg kommen.
Eifersucht, Brutalität, Arroganz treffen hier aufeinander. Die Handlung gipfelt in einem Unwetter. Der Leser findet sich zusammen mit den Hauptfiguren in einem Loch an der Küste wieder. Dort haust ein Krake, bereit seine unwillkommenen Gäste zu empfangen, zu umarmen und nie mehr gehen zu lassen.
So realistisch das historische Szenario auch ist, so verwunschen ist der optische Effekt der Landschaft, die von Joel Parnotte gestaltet wurde. Gesichter, in den Fels gehauen, schreien lautlos aus dem Gestein. Höhlenartige Gewölbe mit Schiffsunrat oder ein zerstörtes Schloss zeigen, wie sehr die Atmosphäre groß geschrieben wird in dieser Geschichte und wie wichtig sie auch für die Erzählung ist. Denn diese unausgesprochen gruselige, düstere und verlorene Umgebung wirken wie ein weiteres Gefängnis, dem Konan nicht entrinnen kann.
Joel Parnottes Zeichenstil könnte man als Mixtur aus Disney und Hermann beschreiben. Da die Handlung während einer einzigen Nacht spielt, ist die Farbgebung beinahe in so etwas wie eine amerikanische Nacht getaucht. (Ein alter Filmtrick, bei dem Tagaufnahmen mit einem Blaufilter überlagert werden, um einen nächtlichen Eindruck zu erzielen.) Hier treffen mannigfaltige Blautöne auf das Orange, Rot oder Gelb von Laternen oder des Mondes. Die Farbkontraste sind reizvoll, knallig, intensiv. Durch den Einsatz von brauner Strichführung verschmelzen die Figuren stärker mit der Umgebung, als dass es bei einer reinschwarzen Linienführung der Fall wäre. Dank dieser farblichen Technik entsteht auch hier ein Trickfilm auf Papier-Effekt.
Und gerade, als die Spannung am größten ist, endet diese Episode. Balac beendet die Handlung mit einem tragischen Cliffhanger und vielen offenen Fragen. Ein sehr eindringlich gemaltes Historienabenteuer, das den mysteriösen Aspekt der Handlung farblich treffend unterstützt. Sehr gut.
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Stichwörter: parnotte, balac
Donnerstag, 03. Juli 2008
Krieg! Menschen und Zwerge stemmen sich gegen die Horden des Chaos. Von einem Augenblick zum nächsten verwandelt sich der Boden in ein Schlachtfeld aus Tod und Blut. Und langsam steigert sich die Angst, denn die Allianz aus Menschen und Zwergen kann den Ansturm der Monster nicht standhalten.
Tapferkeit und Heldenmut ist nicht alles. Auch Kriegswaffen wie Kanonen sind nicht dazu in der Lage, das Kriegsglück lange auf der Seite der Allianz zu halten. Dabei hatte alles so zuversichtlich begonnen. Die Verteidigung schien möglich, ein Zurückwerfen der Horde machbar. Aber das war vor wenigen Minuten, jetzt gewinnt der Feind die Oberhand.
Der Kampf tobt heftig und kurz. Am Ende heißt es nicht Rückzug, sondern Flucht. Sammeln für einen neuen Angriff, so denn jemals die Hoffnung auf einen Sieg besteht. Franz läuft durch den Wald, das dichte Gehölz, gejagt von seinen eigenen inneren Dämonen, die ihm diese Flucht drastisch vorwerfen. Als er erwacht, findet er in einem Spital verletzte Kameraden um sich herum versammelt.
Zunächst scheinen die Männer die Sicherheit dieser Zuflucht für eine gute Genesung nutzen zu können. Aber warum verabreicht man ihnen nächtens ein Betäubungsmittel? Was ist das überhaupt für ein Spital?
Franz kommt vom Regen in die Traufe.
In einem Szenario der finstersten Vergangenheit schicken die beiden Autoren Dan Abnett und Ian Edginton die Allianz gegen die Chaos-Horden. Gerade als der Leser glauben kann, er kann mit dem Gesehenen dieser Schlachtenschrecken umgehen, zeigt sich, dass noch schlimmere Feinde und Gräuel in dieser Fantasy-Welt gibt.
Kampf und Horror stehen im Zentrum dieses Szenarios, gerade so, wie es der Spieler auch von dem beliebten Tabletop-Spiel Warhammer her kennt. Mit Franz folgt der Leser einem menschlichen Kämpfer der Allianz geradewegs in die nächste Falle, wo nicht der Krieg, aber das Grauen wartet. Neben den Chaos-Horden warten Vampire und untote Skelette auf die erschöpften Krieger.
Abnett und Edginton gestalten eine höllische Achterbahnfahrt. Die Pausen zwischen den einzelnen Abschnitten sind kurz. Schnell fährt die Erzählung fort, nimmt andere Blickwinkel auf und wechselt auch die Hauptfigur. Nachdem ein menschliches Schicksal nach der Schlacht näher beleuchtet wurde, ist es kurz darauf ein Zwerg, der in der Arena zur Belustigung des Feindes kämpfen muss.
Die Brutalität spiegelt nur das Aussehen der Horden-Mitglieder wider, die weitaus furchtbarer wirken als die eher glatt gebügelten Monster aus dem allseits beliebten Herrn der Ringe.
Optisch machen all die Kämpfe einiges her und scheuen sich auch nicht in den Auswirkungen der Gewalt ins Detail zu gehen. Rahsan Ekedal zeichnet mit der Freude am Detail, wirft seine Figuren gerade in Kampfszenen in dynamisch aussehende Posen, gerade so, als seien Momentaufnahmen einer Kampfszene überzeichnet worden.
Schließlich, nachdem die Gewalt etwas ruht (aber nur etwas), wird es nicht nur gruselig. Wie es sich für ein Rollenspiel gehört, finden sich verschiedene Streiter zusammen. Menschen, Zwerge, ein Magier nebst Greif gehören dazu.
Die Phantastik der Erzählung wie auch der Bilder reißt mit. Das Weiterblättern wird zu einem Muss. Das offene Ende zwingt zum Weiterdenken, obwohl bei der Übermacht des Feindes es keine Frage ist, was nun weiter geschehen wird.
Ein Kriegsepos in Fantasy-Gefilden, gewaltig, gewalttätig, düster. Das ist Warhammer, wie es die Spieler selber erleben können, vielleicht ein wenig tiefer gehend, aber letztlich ohne Wenn und Aber erzählt. Abnett und Edginton kennen sich aus. Mit Ekedal wurde ein perfekter Zeichner gefunden. Nichts für schwache Nerven.
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Stichwörter: dan abnett, ian edginton
Donnerstag, 19. Juni 2008
Istanbul. Das Juwel am Bosporus. Eine junge Frau ist auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, ihrer Herkunft, aber es ist die Jagd auf einen Djinn, einen bösen Geist. Diese Vergangenheit entzieht sich ihr, ist stets etwas diffus. Noch immer scheint es Kräfte zu geben, die eine bestimmte Zeitperiode lieber verschleiern wollen.
Vor vielen Jahren, vor dem Ersten Weltkrieg, kamen die Vorboten einer Veränderung auch in der Türkei an. Veränderungen, die es so nicht geben sollte. In jenen Tagen war man an Veränderungen nicht interessiert. Man glaubte noch an die Macht der Intrige und der Verführung. Und manchmal geht beides Hand in Hand.
Jade, sie wird die neue Favoritin des Sultans. Sie weiß, dass sie ein Werkzeug ist, aber sie weiß auch, dass an sie an ihrer Position Macht ausüben kann, Macht, die nicht einmal der Sultan selbst besitzt. Macht, mit der sie selbst den Sultan beherrschen kann – wenigstens für eine Weile.
Jade erhält einen Auftrag. Ein Feind wird den Sultan besuchen. Ein Feind, über den der Sultan Macht erlangen will. Der Feind soll sich in Jade verlieben. Und Jade macht sich ans Werk. Auf ihre sehr effiziente Art.
Von all diesen Vorkommnissen weiß Kim Nelson nichts, als sie Istanbul besucht, um mehr über ihre Wurzeln zu erfahren. Aber schnell wird klar, dass ihre Neugier und ihre Suche einen Stein ins Rollen gebracht haben, dessen Auswirkungen sie nicht einmal erahnen konnte.
An der Grenze zum Orient ist alles anders. Dort, wo sich die Neuzeit mit den alten Traditionen trifft, wo Fortschritt und Geheimnisse regelrecht aufeinanderprallen, ist viel Platz für Geschichte und Geschichten.
Dieses Umfeld, Istanbul, machen sich Jean Dufaux und Ana Miralles zunutze, um eine düstere Handlung vor dem Leser zu entfalten, in der heutigen Zeit, wie auch damals vor beinahe 100 Jahren.
Der Leser – Kim Nelson, die junge Frau und Hauptfigur weiß es noch nicht – bemerkt, wie sehr sich beide Epochen in ihrer Gefährlichkeit ähneln. Teilweise wird noch auf ähnliche Methoden zurückgegriffen – Gewalt ist und bleibt Gewalt zu jeder Zeit – aber dennoch lässt sich eine gewisse Eleganz an den Machenschaften von Jade und dem Sultan nicht abstreiten. Wer in ihre Fänge gerät, fällt mit Leidenschaft herein, stürzt in einen wahrhaftigen Abgrund der Gefühle.
Wo einst die Verlockungen des Harems blühten und eine verheiratete Engländerin in die Umarmung von Jade trieb, sind es heutzutage die Bordelle, die, eine verblasste Tradition vortäuschend, die letzte Bastion für den Mann sind, der die Frauen im besten Fall als Spielzeug betrachtet.
Jean Dufaux fasziniert den Leser mit kleinen erotischen Netzen, die auch die Jahrzehnte überdauert haben, nur um ihm am Ende zu zeigen, dass es bei all den Machtspielchen und Erniedrigungen nur wieder um die größte aller Verlockungen geht: Geld.
Keine rasante Aktion – bis auf wenige Ausnahmen – stößt die Handlung, sondern es sind die Verwirrspiele, die jedoch für den Leser stets durchschaubar sind und ihn so in eine übergeordnete Rolle versetzen. Einen Beobachter, der es vor lauter Spannung nicht wagen wird, diesen Prozess zu stoppen. Ana Miralles malt in warmen Farben eine gefühlskalte Welt und stellt so wunderbar Aussage und Optik gegeneinander. Sexualität sollte heißblütig, wenigstens gewollt leidenschaftlich sein, aber selten blieb sie so kühl wie hier, wo das Bett nur ein vorgezogenes Schlachtfeld ist, in dem es den anderen zu besiegen gilt. Sehr einfühlsam in Bild und Wort entsteht so ein Rückblick, in dem Dekadenz ein Lebenswert ist und somit zum Stolperstein wird – für die Engländer wie auch für die Türken.
Manchmal könnte man als Leser die Bedrohung vergessen. Jean Dufaux schafft es hier den Leser ebenso einzulullen wie Jade ihr Opfer Lady Nelson. Die Bilder von Ana Miralles fangen die Atmosphäre gekonnt ein – endlich einmal eine Grafikerin in dieser ansonsten doch sehr von Männern dominierten Domäne. Aber vielleicht gelingt es dank einer Künstlerin erst richtig den Gegensatz von Erotik und Gefahr einzufangen. Wer weiß, ob ein Mann dazu in der Lage wäre?
Eine faszinierende Geschichte auf zwei Zeitebenen, in der Vergangenheit eindeutig leiser, ein wenig gruseliger, aber auch erotischer, in der Gegenwart lauter, kühler, beinahe auf den Ruinen der Vergangenheit tanzend, sehr schön erzählt und noch schöner gemalt.
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Stichwörter: jean dufaux, ana miralles
Montag, 16. Juni 2008
Die drei Brüder haben die Angriffsziele abgesteckt. Jetzt ist Mobilmachung angesagt. Das Trio braucht Waffen. Das Waffengeschäft bietet genau das, was sie suchen. Na, nicht alles. – Bomben gibt es hier nicht zu kaufen.
Die dreitägige Wartefrist, die der Waffenhändler gemäß des Gesetzes gerne einhalten möchte, erbost die drei merkwürdigen Käufer zusätzlich. Ein Fleischmännchen wagt es, ihnen Anweisungen geben zu wollen? Das geht nicht!
Sie hinterlassen den Fleischklopsen eine eindeutige Nachricht. Niemand, der nur aus Fleisch besteht, darf höher stehenden Kreaturen wie ihnen Befehle erteilen oder Vorschriften machen.
Unterdessen geht Blue Boy seinen Kameraden und Bekannten mit seinen traurigen Melodien völlig auf die Nerven. Wie Pinocchio treffend bemerkt, sind die meisten Zuhörer bereits im Keller und dabei, sich Löcher zu graben. Aber nicht alle denken so. Red Riding Hood möchte gerne etwas Zeit mit Blue Boy verbringen, da sie seine Traurigkeit sehr gut begreifen kann, denn ihr ergeht es ähnlich. – Wie sehr sich Blue Boy doch irrt.
Nach einem kleinen Techtelmechtel erkennt er, dass sie nicht die ist, die sie vorgibt zu sein. Aber wer ist sie? Blue Boy hätte ihr seine Erkenntnisse nicht direkt ins Gesicht sagen sollen.
Die Vorbereitungen für einen neuen Krieg laufen. Der Feind hat den Übergang geschafft und steht nun an den Grenzen zu Fabletown. Alle werden zur Verteidigung herangezogen und nicht nur die, die menschlich sind – oder wenigstens zeitweilig so aussehen können.
Der Aufmarsch der Holzsoldaten macht den Fables im Exil deutlich, welche Bedrohung sie hinter sich gelassen haben – nun, nicht ganz, denn daheim ist man nicht bereit ihre Flucht hinzunehmen. Bill Willingham nimmt den Leser mit in einen Krieg, einen besonderen Krieg. Soldaten, Holzfiguren, die sich vor dem Kampf erst einmal zusammensetzen, greifen in breiter Front ein Sammelsurium unterschiedlichster Kämpfer an. Hier kämpft ein jeder gemäß seiner legendären Fähigkeiten.
Menschen, Trolle, Kobolde, Bären, Frösche und und und …
Die gradlinige, beinahe knuffig zu nennende Darstellung von Mark Buckingham macht auch aus der 5. Episode von Fables eine märchenhafte Unterhaltung. – Eine märchenhafte Unterhaltung, die hier richtig zur Sache geht, denn wie jeder Krieg ist auch dieser kein Zuckerschlecken, ob mit Fables angereichert oder nicht. Es scheint Buckingham großen Spaß gemacht zu haben, mit den Holzsoldaten zu arbeiten. Einerseits sehen sie alle gleich aus, was natürlich eine Arbeitserleichterung ist, andererseits schickt er diese Soldaten, die keinen Schmerz verspüren, mit einem Grinsen auf den hölzernen Lippen in den Kampf, was die Angelegenheit besonders gruselig für den Betrachter macht.
Beide Macher, Willingham und Buckingham, packen eine ausgewogene Mischung diverser Elemente in diese phantastische Geschichte. Spannung, Drama, Horror, Tragik, ein wenig Liebe, ein wenig Rache, eine Spur Sadismus, eine Prise Humor, Action, Verlust und vieles andere.
Dazu gehören auch die Überraschungen, die es immer wieder gibt, wenn ein bekannter Charakter aus einer Serie das Zeitliche segnet – aber, hier handelt es sich um Fables, deshalb ist es nicht klar, wie lange der Aufenthalt im Jenseits andauern wird.
Wie schon eine Hexe in dieser Geschichte sagt: Selbst als man mich im Backofen zu Asche verbrannte, war ich nach einer Weile wieder da. Nicht schlecht für eine gebrechliche Alte, was?
Das lässt sich nach der Lektüre nur unterstreichen. Zwar gibt Bill Willingham die Figuren vor, definiert vor den Augen des Lesers die Marschrichtung, dennoch ist der Ausgang des Krieges unvorhersehbar. Ein glänzend aufgelegter Mark Buckingham liefert zu diesem Kabinettstückchen klasse Bilder. (Und Mike Mignola hätte an dem Bösewicht, der nun endlich seine Maske fallen lässt, seine helle Freude.)
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Stichwörter: bill willingham, mark buckingham
Samstag, 14. Juni 2008
Kaum in Venedig eingetroffen, hat Largo schon mit der Polizei zu tun – die ihm, wie so oft, nicht so richtig helfen kann oder will. Was bleibt ihm anderes übrig, als auf die Hilfe von Domenica Leone zu setzen, die sich in der Stadt bestens auskennt.
Largo kann indessen nicht ermessen, wer seine wahren Gegner sind. Ebenso wenig ahnt er, wer ihm noch zur Seite steht. Schließlich sind Tricks und Schläue gefragt, bevor es für Largo wieder zu einer lebensgefährlichen Situation nach der anderen kommt.
… die Schönheit deiner Stadt hast du mir dargetan, bis ihre Lieblichkeit mir in Tränen gerann. – Das kleine Zitat von Ezra Pound vorweg beschreibt die Grundstimmung der Geschichte sehr schön, wie auch sehr rätselhaft.
Und so ist in der abschließenden Episode dieses Abenteuers nach Venedig sehen … nun … und sterben angesagt. Auch Venedig ist eine Stadt der Liebe, ein Aspekt, der neben den Wirren aus Intrigen, Tragik, Dramatik und Action nicht ausgelassen wird.
In Venedig ist alles etwas anders. Die Mühlen der Justiz mahlen anders. Die Liebe flammt schnell und mit heftiger Leidenschaft auf. Ehre wird hier immer noch groß geschrieben und ein Maskenball kann in einem Kampf auf Leben und Tod enden.
Mehr noch als in der ersten Episode schöpft Philippe Francq aus den tiefsten Tiefen der Mythen Venedigs und macht die gesamte Stadt zu einer perfekten Bühne für diesen Abenteuer-Thriller (der noch neugieriger auf die anstehende Kino-Verfilmung der Figur Largo Winch macht).
Eine Verfolgungsjagd ist eine Sache, wenn diese jedoch mit Motorbooten in der Lagune von Venedig stattfindet, erhält die Szene ein ganz besonderes Flair. Was bei James Bond und Indiana Jones funktionierte, gelingt hier noch mal so gut.
Hier geht es noch einen Schritt weiter. Ein besonderer Kern der Geschichte dürfte die Auseinandersetzung mit der Stadt Venedig sein. Hier ticken die Uhren anders, wie man so schön sagt. Der Bösewicht (genauer, einer der Bösewichte) verfolgt ein hehres Ziel, wählt nur leider die falschen Mittel. Ein wenig in alten Denkweisen gefangen, gerät ein Maskenball zu einem Schlüsselerlebnis dieser spannenden Handlung, inklusive eines altmodischen Schwert- und Messerkampfes in venezianischen Kostümen.
Philippe Francq hat seine Hausaufgaben gemacht. Italienische Lebensart, wie sie auch andere Autoren zu nutzen wussten, und die grandiose Kulisse machen dieses Abenteuer innerhalb der Reihe – wie auch die asiatischen Abenteuer – zu einem Höhepunkt.
Die Auflösung zahlreicher Rätselknoten, das Spiel mit den Figuren ist hervorragend. Eine der besten Figuren in diesem Spiel, leider auch eine tragische, ist Cedric Haynes, der in Butler-Verkleidung und unter falschem Namen eine Weile für Largo Winch arbeitet. Mit dem Benimm einer Butler-Schule und der Wehrhaftigkeit eines soldatischen Veteranen ist dieser Charakter immer für eine Überraschung gut, die Francq perfekt zu platzieren versteht.
Als Zeichner kann Jean van Hamme natürlich tolles Vorlagenmaterial in Venedig finden. Wie von Francq geschrieben, nutzt er die Kulisse der alten Stadt. Ihre Fassaden, Kanäle, die Touristenattraktionen, aber auch Innenräume, Hotelzimmer, Paläste, alte Kirchen – alles ist etwas feiner, exquisiter, zerbrechlicher, auch romantischer. Ganz zwangsläufig stellt sich hier eine völlig andere Atmosphäre her als im modernen New York mit seinen Wolkenkratzern.
Van Hamme darf außerdem einen etwas reiferen Largo Winch zeichnen. Diesem Largo wird die Versuchung zwar ebenso häufig wie sonst auch wie eine überreife Karotte vor die Nase gehalten, aber er schnappt nicht danach, wenn die Pflicht ruft. So kommt auch optisch die erotische Seite der Serie nicht zu kurz, aber Largo gestattet sich nicht immer, ihr auch zu erliegen.
Mit Domenica Leone haben beide Macher, Francq wie auch van Hamme, eine Prachtitalienerin geschaffen, die mit einer frühen Sophia Loren perfekt besetzt gewesen wäre. Sexappeal, Temperament, Aussehen, Wandlungsfähigkeit sowie ein künstlerischer, draufgängerischer Touch machen aus der Frau einen herausragenden Charakter innerhalb der Serie. Außerdem harmoniert Domenica durch ihre zur Schau gestellte Stärke sehr gut mit dem verspielten, aber durchsetzungsfreudigen Winch, so dass es für den Leser wünschenswert wäre, käme diese Figur noch einmal zum Einsatz.
Dank toller Kulisse in Venedig und eines überaus ausgefeilten Plots eines der besten Abenteuer der Reihe. Am Schluss kann man nach einem atemlosen Endspurt nur sagen: Schade, dass es schon vorbei ist.
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Stichwörter: jean van hamme, philippe francq
Donnerstag, 12. Juni 2008
Wie kam es, dass Mike Blueberry ein Herz für die Indianer entwickelte? Die Antwort auf diese Frage liegt in der Vergangenheit begraben, in einer Zeit, als der Name Geronimo die Armee das Fürchten lehrte. Blueberry muss erleben, welche Menschenverachtung den stolzen Kriegern entgegenschlägt, die nichts weiter wollen, als in Frieden zu leben.
Leider halten viele die Indianer für Wilde. Da sind einmal jene, die nichts weiter sind als Barbaren in Uniform. Und da sind jene, die sich zur Missionierung und Erziehung dieser Wilden berufen fühlen. Und jene, die ihre Arbeit machen, Soldat sind und dieser Aufgabe in der gnadenlosen Vernichtung der Apachen nachkommen.
Es ist ein regnerischer kalter Tag, als die Kavalleristen den völlig betrunkenen Blueberry absolut verdreckt in einem Schweinegatter auffinden und auf die Kutsche verfrachten, um ihn zu seinem neuen Arbeitsort zu bringen. Es ist eine Zeit in Blueberrys Leben, in der ihm alles egal ist. Die einzige Frage, die es zu klären gilt, ist: Wo bekomme ich den nächsten Schluck Alkohol her?
Die anderen Passagiere, allen voran Reverend Younger, selbst ernannter Indianermissionar und –erzieher, vereinfachen die Beantwortung dieser Frage überhaupt nicht. Wenig später stellt sich eine ganz andere Frage, nämlich die des Überlebens.
Blueberry versucht sein Bestes zu geben. In einer Prügelei mit Geronimo ist das aber nicht gerade ausreichend.
Apachen lautet der schlichte Titel des 44. Bandes der Blueberry-Reihe. Hierbei handelt es sich um eine Überarbeitung mit zahlreichen, bisher unveröffentlichten Seiten, Texten und Bildern.
Dieser Band gehört, um es gleich vorweg zu nehmen, zu den Ausgaben von Jean Giraud, die sich mit dem Wörtchen Perfekt umschreiben lassen. – Und wie bei jeder Perfektion gibt es auch kleine Abstriche. Diese verstärken aber den Wert des übrigen Werks.
Zu Beginn scheint es, als sei hier ein älterer Giraud am Werk gewesen, der auch das Szenario dieses Bandes verfasst hat. Da gibt es noch diese Skizziertechnik aus ganz alten Tagen, aber auch eine außerordentliche Feinarbeit, wie sie bei Massenszenen und Landschaften besonders zum Tragen kommt. Da ist der Giraud, der eine Skizze wie ein charakterliches Darstellungsmerkmal benutzt und seine eigenen Schauspieler kreiert, die er nach seiner Regie agieren lässt.
Aus diesem Giraud wird später eine glattere Version, der seine Figuren eher wie ein Architekt gestaltet. Dieser Giraud kommt mit weniger Strichen aus, aber er versucht sich auch immer wieder seinem alten Ego anzunähern, um die Linie der Geschichte zu wahren, optisch wie auch erzählerisch.
Textlich gelingt ihm das, optisch nicht immer.
Der Reverend ist zu Beginn ein wahrer Knochen, hager, widerborstig, so dass ein Peter Cushing ihn hätte spielen können. Obwohl die Geschichte nur über einen engen Zeitraum geht, wird aus diesem Reverend ein wohl genährter Gottesmann. Auch mit Blueberry geht eine leichte Verwandlung vor, die sich mit einer Kurvenbewegung über die Handlung hinweg verteilt beschreiben lässt. Zu Beginn hat er ein eher schwammig breites Gesicht. Dann ist er mal jugendlich schmal, wieder außerordentlich männlich, einem Belmondo sehr ähnlich, bevor er gegen Ende wieder jugendlicher wirkt.
Diese Anmerkungen mögen der Einleitung zuwider laufen, aber dennoch lässt sich nur sagen, dass die Bilder letztlich perfekt sind, jedes einzelne, nur an der Feinabstimmung der Bilder zueinander, die Abstimmung von Alt und Neu, hapert es mitunter.
Ansonsten kann jedes einzelne Bild (oder besser eine Szene) als Basis eines Lehrstoffes für angehende Comic-Zeichner herangezogen werden.
Herausragend sind hier zu nennen der Kampf von Blueberry und Geronimo, Blueberrys Prügelei im Saloon, die abendliche Tischrunde von Captain Noonan und auch der erzwungene Unterricht der Indianer.
Es ist eine traurige Geschichte, die auch von Giraud sehr gut erzählt wird – hier muss er sich nicht hinter Jean-Michel Charlier verstecken. Die Traurigkeit, die Hoffnungslosigkeit all der Bemühungen äußert sich durch die Wahl der einzelnen Schauplätze wie auch der Tageszeiten. Regen, Nacht, Schnee, Matsch, verrauchte Saloons, Gefängniszellen, ein ehemaliges Kloster, das ein Internat sein soll und wie ein Gefängnis aussieht und schließlich ganz zum Schluss der Friedhof.
Drama, Tragik, aber auch der Western sind hier nicht nur in der Erzählung zu finden, sondern auch optisch fühlbar.
Ein grafischer Höhepunkt der Blueberry-Reihe, der auch seinen ganz eigenen Western-Weg geht, in dem am Ende eigentlich alle die Verlierer sind, jeder auf seine Art. Eine tolle eigenständige Episode, die ohne sonstiges Blueberry-Vorwissen genossen werden kann.
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Stichwörter: jean giraud
Donnerstag, 05. Juni 2008
Eine Jugend mit Träumen, mit der Verweigerung der bestehenden Werte. Etwas tun wollen, was andere nicht mögen. Einen Weg gehen, der anderen zu steinig ist. Ein Mensch kann sich als Ausgestoßener fühlen, wenn er sich und seine Kunst unverstanden glaubt, wenn er nicht zu Kompromissen bereit ist. Auf einem Comic-Festival begegnet die junge Yu Xin einem Comiczeichner, der ein beeindruckendes Talent besitzt. Aber nicht veröffentlicht. So oft er mit seiner Kunst Geld verdienen wollte, so oft wurde er für seine Arbeit zurechtgewiesen.
Yu Xin arbeitete einst erfolgreich als Comiczeichnerin, doch im Sinne der Gesellschaft war dies eine Aktivität ohne Zukunft. Yu Xin fügte sich und suchte sich nach dem Studium eine Stelle als Sekretärin. Die Begegnung mit diesem rebellischen Künstler reißt alten Wunden bei ihr auf. Wenig später gibt sie ihr bisheriges Leben auf, nur um zu ihren alten Träumen zurückzukehren.
Was heißt: „Sie küssen sich.“?! Der Leser könnte das unüberlegt nachmachen. Außerdem hat das Mädchen einen zu kurzen Rock.
Das Verständnis einer biederen und überaus konservativen älteren Generation steht im vollkommenen Gegensatz zu den Wünschen der jungen Menschen. Comics sind nicht schlecht, aber sie gehören auf Linie gebracht – und die jungen Menschen gleich mit.
Ständig hinterfragen sich diese jungen Menschen, ständig rechtfertigen sie sich, ständig wehren sie sich, ständig unterschätzen sie sich, aber – wie jeder junge Mensch – sie überschätzen sich und ihre Erkenntnisse auch.
Glaub mir, so ändert sich nichts. In dieser Welt kannst du nur dich selbst ändern.
Selbstzerstörung alleine genügt nicht. Alles um den jungen Comiczeichner herum wird abgelehnt, sogar die Zuneigung von Yu Xin, die er so dringend nötig hat – was er natürlich erst so richtig bemerkt, als sie ihm den Rücken kehrt.
Die erste Geschichte Niemand kann fliegen – Niemand kann sich erinnern ist ungewöhnlich für einen Comic. Sie ist ungewöhnlich ernst und einfühlsam. Und sie ist ungewöhnlich schön gemalt. Da Benjamin in Personalunion schreibt und malt, ist diese, wie auch die nachfolgende Geschichte aus einem Guss. Neonfarbene Grün- und Blautöne bieten ein kaltes Bild dieser Welt um die beiden Liebenden herum. Vereinzelt wird die Kälte durchbrochen, zumeist mit Pastelltönen, ganz selten von einem knalligen Rot. Im Grundsatz ist die Atmosphäre eisig.
Bemerkenswert ist die Traurigkeit dieser jungen Menschen. Die Grundhaltung erinnert an die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts in Europa und auf dem nordamerikanischen Kontinent. Sie sind auf ihre Art rebellisch wie James Dean und Natalie Wood, desorientiert, angewidert, auf der Flucht. Selten waren optisch derart schöne Menschen so traurig.
Interessanterweise erkennt Benjamin in einem Nachwort zur Geschichte vieles, was auch der Leser sieht, aber er redet sich auch in dem Maße klein, wie sein Protagonist sich groß redet.
Die nächste Geschichte, Der Sommer in jenem Jahr, beginnt sehr bunt, wieder in diesem beinahe märchenhaft zu nennenden skizzenhaften Zeichenstil, bevor sie in einem graugrünen Alptraum eines jugendlichen Alltags versinkt, der so in einer westlichen Kultur nicht denkbar erscheint. Die Trennung zwischen Stadt- und Landleben, in der von Benjamin beschriebenen Welt, ist auch noch eine Trennung von Kultur und Zeit in einem Land.
Unter Eine Welt der Farben wartet Benjamin mit einer ganzen Reihe von Portraitzeichnungen auf. Sicherlich ist es jeweils nur ein Bild, doch es ist spürbar – wie in jedem guten Portrait – dass sich eine Geschichte dahinter verbirgt, oder wenigstens verbergen kann. Benjamin erläutert diese Bilder anhängig. Man mag diese Erläuterungen annehmen, seinen eigenen Ansichten beifügen oder auch abschütteln.
Die Bilder zeigen natürliche Situationen wie auch solche, die einem Computerspiel entstammen könnten. Gelacht wird in den Portraits nur in Ausnahmefällen.
In einem anhängigen Portraitfoto von Benjamin selbst sieht der Künstler auch nicht sehr glücklich aus – aber es ist auch eine durchgängig kühle Traurigkeit, die ein Mitgefühl schwierig macht.
Und wenn ich die diversen Texte von Benjamin lese, die begleitend vorhanden sind, weiß er das auch.
Schöne Comic-Kunst, gefühlvoll inszenierte Momentaufnahmen, keine leichte eingängige Kost, ein Kulturbild, wie es der Künstler in China sieht, ein kulturelles Gefühl, wie es für Außenstehende heute nur schwer zu begreifen ist. Wer sich mit ernsthaften, echten Themen im Comic auseinandersetzen will, sollte zugreifen.
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Stichwörter: benjamin