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Comic Blog


Donnerstag, 22. Februar 2024

JUAN DER LANGE

Filed under: Abenteuer — Michael um 16:56

JUAN DER LANGEEin Schiff muss her! Doch woher nehmen, wenn man keines stehlen kann? Ein waghalsiger Plan führt die kleine Mannschaft erst auf eine halsbrecherische Diebestour und kurz darauf mit einer Kanone (!) auf einem Floß auf hohe See. JUAN DER LANGE hat seine Leute überredet, ihm zu vertrauen und Beute versprochen. Das verlangt viel von den Halunken (und der einzigen Frau in der Mannschaft, die letztlich auch ein Halunke ist). Am Ende blicken alle auf das Wasser hinaus, warten auf Ebbe und hoffen das Beste. Es wäre gut für JUAN DER LANGE, wenn sein Plan Früchte trüge, denn die PIRATEN werden langsam ungeduldig…

Es waren einmal: PIRATEN! Über die Jahrzehnte hinweg hatten sie ihre unterhaltenden Auftritte in Popkultur. So richtig weg waren sie nie, und sie tauchten auf sämtlichen Weltmeeren auf. Eine zentrale Umgebung, wo sie, hauptsächlich, in Literatur und Film besonders gern gesehen waren, ist die von hier aus betrachtet überseeische Karibik. Dieser Knotenpunkt auf dem Weg von Europa an die Goldküsten Südamerikas mit den Besitzungen der spanischen Krone ist der weitläufige Schauplatz von JUAN DER LANGE. Dieser junge Mann möchte ein Pirat sein. Er hat seiner kleinen Mannschaft einiges versprochen, doch bisher war keine Beute in Sicht. Obendrein fehlt ihnen zum Piratendasein das Wichtigste: Ein Schiff!

ANTONIO SEGURA, der Autor, lässt seine Charaktere sozusagen bei Null beginnen. Und es stellt sich gleich zu Beginn die Frage, wie gelangt man an ein Schiff, wenn man nicht gerade in einem Hafen eines stehlen kann? Man kauft es und das Geld dazu verdient man sich zuvor mit einem Husarenstreich. Und viel Schweiß und Anstrengung. Der Leser verfolgt diesen kuriosen Plan, der auf einen einzigen Treffer setzt. Und darüber hinaus auch keine Versuche zulässt. Das reicht, um Spannung aufzubauen. ANTONIO SEGURA lässt es darauf nicht beruhen, denn die versammelte Mannschaft um JUAN DER LANGE ist punktgenau und perfekt zusammengestellt.

Das Titelbild verrät schon einiges über die Truppe, aber insgesamt ist es in der Geschichte noch um ein Vielfaches differenzierter. Auffallend betagt ist METHUSALEM, ein altgedienter Pirat, einbeinig, einäugig, doch von seiner Erfahrung her für die Truppe absolut unverzichtbar. Es gibt den FRANZOSEN, zwei Haudraufs, von denen einer der Vater der HÜBSCHEN KLEINEN ist. Hier gibt es Konstellationen, die erinnern an einen gallischen Stamm, ebenso finden sich Anleihen (oder Verbeugungen) bei klassischen Kinoabenteuern, in denen sich berühmte Piratendarsteller einen Namen machten. Entsprechend geht es durchaus ernsthaft zu, aber auch humorvoll (öfters) und familienfreundlich (meistens). Den Schurken sieht man ihre Schurkenhaftigkeit sogleich an, erst recht den anderen Piratenkapitänen wie dem HOLLÄNDER, der bei Widerworten kurzen Prozess macht.

Aber die Halunken sehen gut aus dabei! Zu verdanken ist das dem Zeichner JOSÉ ORTIZ, der hier eine Parade von Schurken abliefert und solche Gesichter aufs Papier zaubert, wie es die goldene Ära der Piratenfilme (als die Welt meistens schwarzweiß war) dem Zuschauer darbrachte. Die Comiczeichner aus Spanien brachten einen frischen realistischen Grafikstil in das Medium ein. JOSÉ ORTIZ, hierzulande mindestens noch mit HOMBRE bekannt, könnte technisch mit JORDI BERNET (TORPEDO) verglichen werden. Beiden ist zueigen, dass sie neben dem Realismus auch eine Spur Karikatur einfließen lassen. Die Figur des METHUSALEM ist ein sehr gutes Beispiel hierfür. Nicht zu echt, aber auch nicht zu abgedreht illustriert, um nicht in der Realität existieren zu können.

Kapitelweise, jeweils schön abgeschlossen, ohne den Gesamtfluss der Geschichte stark aufzuhalten, erzählt ANTONIO SEGURA vom Leben der PIRATEN und das beinhaltet natürlich eine gehörige Portion ACTION. Zu WASSER selbstverständlich, aber eben auch zu LANDE. Da gibt es die Kämpfe gegen ihresgleichen, auf dem SCHIFF. Da müssen Stürme bestanden und Wege durch Sumpfgebiet beschritten werden. Da droht eine Begegnung mit vermeintlichen Kannibalen unschön auszugehen. Da gibt es in einer Situation höchster Not noch Zeit für eine Spur ROMANTIK (die braucht ein PIRAT auch). Und ein Kollege von ROBINSON CRUSOE sorgt für Einlagen, die für besondere Abwechslung im PIRATENLLEBEN sorgen. Daneben aber, zum Beispiel in einem Kapitel das den Sklavenhandel thematisiert, wird auch es auch mal bitterernst.

Das alles ist von JOSÉ ORTIZ mit außerordentlich leichter Hand gezeichnet. Er führt den Leser nah an die Auseinandersetzungen, auf die Decks der Schiffe, die Strände, die Hafenstädte und die Spelunken sowie in die Dschungel. Das ist sehr lebendig, wie vor Ort skizziert und mit Tusche meisterhaft leicht hingeworfen. Kein Wunder, denn JOSÉ ORTIZ war auch ein Perfektionist darin, wenn es darum reine Schwarzweißzeichnungen abzuliefern. Hier muss er sich zugunsten der Kolorierung nur etwas zurücknehmen. Nicht ein Strich zu viel, keiner zu wenig und obwohl JUAN DER LANGE erstmals vor über 30 Jahren erschien, ist der grafische Stil immer noch modern.

PIRATEN kommen heutzutage viel zu kurz, da kommt die klassisch erzählte Geschichte um JUAN DER LANGE von ANTONIO SEGURA (Autor) und JOSÉ ORTIZ (Zeichner) gerade recht mit einer Neuauflage. Das Vermächtnis der beiden Comic-Künstler kann solche Comic-Leser, die sich für PIRATEN und HISTORISCHE SZENARIEN begeistern, ganz bestimmt einfangen. Jung, frisch und in einer Erzählweise, die gerade der heutigen Zeit sehr angepasst scheint. Klasse! 🙂

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Donnerstag, 04. Januar 2024

SIGI 1 – OPERATION BRÜNNHILD

Filed under: Abenteuer — Michael um 16:48

SIGI 1 – OPERATION BRÜNNHILDWillkommen in Amerika! Der Erste Weltkrieg ist vorüber. Die Welt wankt erneut, diesmal unter der Weltwirtschaftskrise. In dieser Zeit will eine junge deutsche Rennfahrerin eine großartige Leistung vollbringen, eine WELTUMRUNDUNG mit dem AUTOMOBIL. SIGRID HASSLER hat Glück, sie findet einen Sponsor für ihre kühne Idee und ebenfalls ein Fahrzeug für die lange Reise, einen ADLER STANDARD 6. Die Fahrt beginnt in Deutschland, führt ein vergleichsweise kurzes Stück nach LE HAVRE, wo das Fahrzeug in einen Dampfer nach NEW YORK verfrachtet wird. Bereits zu diesem Zeitpunkt ist die Reise alles andere als störungsfrei und richtige Schicksalsschläge lassen nicht lange auf sich warten. Und das ist erst der Anfang…

Basierend auf den echten Leben der CLÄRENORE STINNES (1901-1990) und ihrer wahrhaftig stattgefundenen Weltumrundung per Automobil von 1927-1929 haben sich ERIK ARNOUX (Autor, Storyboard) und DAVID MORANCHO (Zeichner, Farben) daran gemacht, ein Szenario zu entwerfen, das den Leser fast 100 Jahre zurückwirft, in eine Zeit, da die Moderne bereits im folgenden düsteren Zweiten Weltkrieg durchzuschimmern beginnt. Aber vorerst ist da nur ein Schimmer. Die einen gehen in einer Aufbruchsstimmung auf, die anderen hängen einer grauenhaften Vergangenheit nach, teils aus Selbstmitleid, teils aus Hass, teils aus beidem. Wieder andere in der deutschen Heimat sehen in einer Frau, die es wagt, in einem Automobil um die Welt zu reisen, ein perfektes politisches Aushängeschild. Das ahnt SIGRID HASSLER aber nicht.

Für sie steht das ABENTEUER im Vordergrund und der Wunsch, am Steuer eines Automobils zu sitzen. Von der POLITIK merkt sie, sobald sie losgefahren ist, erst einmal nichts. ABENTEUER jedoch bekommt sie ziemlich bald, mehr als ihr lieb ist. Denn für SIGI geht es um Leben und Tod. ERIK ARNOUX praktiziert einen kleinen Serientrick zu Beginn der Geschichte. Er springt mitten hinein, in einen besonders gefährlichen Moment, bis zu einem bestimmten Punkt, an dem der Leser (oder vergleichsweise im Stream der Zuschauer) angefixt ist, und hüpft dann an den Anfang, um zu zeigen: Wie konnte es so weit kommen? Das funktioniert hier ebenfalls, denn der Kontrast zwischen der abenteuerlichen Sequenz und der Ausgangssituation ist immens. Spätestens jetzt weiß der Leser, dass für SIGRID HASSLER alias SIGI nicht nur ein Abenteuer startet, sondern dass sie ebenso einen regelrechten Weltensprung hinlegt.

Der Kontrast könnte kaum größer sein. Auf der einen Seite ein winterliches Berlin, Drama und Action auf der Rennstrecke, ein wenig Nachtclubflair und einiges mehr. Auf der anderen Seite die Vereinigten Staaten von Amerika, aufgeteilt in den modernen Osten und den Westen, der noch mit einem Bein in der wilden Ecke steht, Lynchjustiz eingeschlossen. Das ist von DAVID MORANCHO großartig in Szene gesetzt. Wer ein Comic-Freund von historischen Szenarien ist, wird sich über die optische Abwechslung freuen. Durch den Lebensweg von SIGRID HASSLER alias SIGI entsteht ein breiter Bilderbogen, der nostalgisch anmutet, aber keineswegs sentimental ist oder etwas glorifiziert.

Der Auftakt der Geschichte, in Deutschland, ist mehr ein Prolog, denn ERIK ARNOUX und DAVID MORANCHO wissen höchstwahrscheinlich, dass Vorweltkriegsszenarien in den letzten Jahren sattsam abgehandelt wurden und ein Blick über den großen Teich (und später die Weltreise) für den Leser weitaus interessanter ist. So fällt die Gewichtung eindeutig zum amerikanischen Abenteuer hin aus. Und hier findet ein weiterer Trick statt (kein neuer, der aber schon häufiger funktioniert hat und so auch jetzt): Eben befand sich SIGI noch in einer zivilisierten Umgebung, (wo eigentlich mehr die Bürokratie das Heft in die Hand genommen hatte) und plötzlich herrscht Willkür vor. Da entsteht sehr rasch Spannung, auch eine, die sich über die gesamte Länge der Geschichte hält.

DAVID MORANCHO pflegt einen grafisch federleichten Realismus, der nichts in falschen Schatten versteckt. Haltungen, Perspektiven, Gesichter, Mimik werden penibel ausgeführt, jedes Bilddetail ist erkennbar und deutlich. Auffallend ist, dass DAVID MORANCHO gerne mit Farbstimmungen zu arbeiten scheint, nicht nur, wenn es eine bestimmte Tages- oder Nachtzeit abzubilden gibt. Desweiteren verwendet er gerne sanfte Farbtöne. Hier knallt einem nichts entgegen. Das Farbenspiel versucht einen historischen Eindruck zu imitieren, wie eine verblassende Fotografie oder ein Film. Teilweise ist die Anspielung sogar klar zu sehen, zum Beispiel wenn in kurzen Abrissen die Folgen der Weltwirtschaftskrise in bräunlich kolorierten Grafiken abgehandelt wird (SIGI hat einen Fotografen dabei, der ihre Reise dokumentieren soll, demzufolge ist die optische Darstellung sehr gut eingefügt).

Für Freunde historischer Abenteuer in der Neuzeit, als die Welt auf einem Kipppunkt stand, in der westlichen Zivilisation noch nicht alles auf der gleichen Höhe rangierte. In dieser Epoche wagt sich eine junge Frau, SIGRID HASSLER alias SIGI, mit Fotografen auf die langwierige und gefährliche Reise rund um die Welt, mit dem Automobil. Abwechslungsreich und feinfühlig von ERIK ARNOUX erzählt, feingliedrig und realistisch von DAVID MORANCHO illustriert. Sehr schöner Serienauftakt! 🙂

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Montag, 30. Oktober 2023

MARC DACIER 2 – AUF DER JAGD NACH DER SONNE

Filed under: Abenteuer — Michael um 12:34

MARC DACIER 2 – AUF DER JAGD NACH DER SONNEDie Welt ohne einen FRANC in der Tasche zu umrunden, ist eine Mammutaufgabe. Diese Erfahrung macht auch MARC DACIER, als er in KARATSCHI festsitzt und nach einer Möglichkeit sucht, das Land zu verlassen. Und in der richtigen Richtung, versteht sich, schließlich soll es vorwärts gehen, nicht rückwärts. Als er endlich eine Idee hat, Geld für die Weiterreise zu verdienen, landet er am Ende im Krankenhaus. Und obwohl dies eine bittere Erfahrung für den jungen Reporter aus Frankreich ist, findet MARC DACIER ausgerechnet an diesem Ort eine Mitfahr… Mitfluggelegenheit.

Einmal um die ganze Welt, ohne Geld, dafür mit mit grenzenlosem Enthusiasmus. Heutzutage wäre MARC DACIER mit einem Smartphone unterwegs und hätte wahrscheinlich den Status eines Influencers. In den 1950er Jahren jedoch verläuft seine Reise relativ anonym, fast schon heimlich. In der zweiten Episode, AUF DER JAGD NACH DER SONNE, warten erneut allerhand Schwierigkeiten auf den Reporter, der sich entschlossen hat, auf Biegen und Brechen sein Können und seinen Einfallsreichtum zu beweisen, damit er die ersehnte Stelle bei der renomierten Zeitschrift ÉCLAIR bekommt.

JEAN-MICHEL CHARLIER hat damals (und heute immer noch) mit dieser Serie einen genialen Coup gelandet. Eine riesige Welt voller Abenteuer stand dem Weltenbummler MARC DACIER zur Verfügung. Die Schwierigkeit, nicht gerade auf das beste Fortbewegungsmittel zurückgreifen zu können, sondern sich mit dem zufrieden geben zu müssen, was sich eben bietet, sorgt nonstop für einen spannenden Durchlauf. Dabei stellt MARC DACIER nicht immer sehr verantwortungsvoll dar. Ganz im Gegenteil. Und seine Naivität (oder Gutgläubigkeit) bringt ihn sogar mehr als nur in Lebensgefahr. Das sind nicht unbedingt die besten Eigenschaften eines Mannes, der es sich zum Ziel gesetzt hat, ein guter Journalist zu werden. Was sich aber auf jeden Fall sagen lässt: MARC DACIER ist ein Stehaufmännchen.

Hier wird Humor mit Spannung vermischt. Allerdings ist mancher Aufenthalt auch skurril. Die Gefahren setzen die beiden Comic-Künstler, JEAN-MICHEL CHARLIER und EDDY PAAPE, in PAKISTAN gekonnt in Szene. Als es luftiger wird, können sie es sich nicht verkneifen und deutliche humoristische Akzente zu setzen. In CHINA wird es für MARC DACIER richtig brenzlig, aber eben auch merkwürdig (was an der Gefahr nichts mindert). Und der Einfallsreichtum der beiden Comic-Künstler zeigt sich schon am Titelbild, auf dem MARC DACIER an einem Fallschirm schwebend auf einen aktiven VULKAN zuschwebt.

EDDY PAAPE hat ein Händchen dafür, nicht nur Charaktere zu kreieren, sondern auch sich für seine Zeichnungen bestimmte landesspezifische Merkmale anzueignen. Das wird gleich zu Beginn durch einen britischen Piloten und seinen italienischen Flugmechaniker bestätigt. Gesicht, Haltung, Ausdruck bilden die Grundlagen für eine in Teilen komödiantische Umsetzung. Very britisch, very italienisch. Man fühlt sich an Figuren aus einem MISS-MARPLE-KRIMI erinnert. Irgendwoher muss auch EDDY PAAPE seine Inspiration geholt haben. Die andere Seite ist eine Darstellung fremdländischer Akteure, die bei frankobelgischen Künstlern in jenen Tagen, den 1950er und 1960er Jahren häufiger zu beobachten waren, wenn der eine oder andere Charakter in die Karikatur abzurutschen droht.

In Sachen technischer Darstellung ist EDDY PAAPE zusammen mit anderen Künstlern auf der Höhe seiner Zeit. Schwer zu sagen, wo seine Vorlieben zu finden sind. Bei anderen lässt es sich ablesen, bei EDDY PAAPE scheint es, zumindest was diesen Band betrifft, ausgewogen gewesen zu sein. Die geschaffene Atmosphäre ist in nahezu jeder Situation stimmig (obwohl es in einer Sequenz kurz vor Schluss etwas überspannt wirkt), gerade dank der (auch technischen) Details.

Starke Fortsetzung. In fremderen Ländern geht es weiter, es wird exotischer und immer noch finden die Abenteuer zu Lande, zu Wasser und in der Luft statt. Es gibt Ausflüge ins Spionagegenre, aber auch Freunde von spannenden Flugzeugabenteuern kommen auf ihre Kosten. JEAN-MICHEL CHARLIER und EDDY PAAPE setzen auf Abwechslung. Mission voll erfüllt! 🙂

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Freitag, 13. Oktober 2023

MARC DACIER 1 – ABENTEUER RUND UM DIE WELT

Filed under: Abenteuer — Michael um 11:34

MARC DACIER 1 – ABENTEUER RUND UM DIE WELTIn den 1950er Jahren steht der junge Reporter MARC DACIER in den Redaktionsräumen des ÉCLAIR und bittet um eine Anstellung. In der Direktion ist man sehr erheitert über das Anliegen des blauäugigen jungen Mannes, der offensichtlich glaubt, es genüge sich vorzustellen und könne sogleich loslegen. Da genügen auch Referenzen als Lokaljournalist nicht. MARC DACIER entwickelt einen Plan. Er will den Direktor unbedingt von seiner Findigkeit überzeugen. Und es gelingt ihm. Doch die bevorstehende Aufgabe ist gigantisch: Eine Weltumrundung in vier Monaten. Ohne einen Franc in der Tasche. Alles muss unterwegs irgendwie verdient werden. Aber MARC DACIER nimmt die Herausforderung an.

Natürlich lässt hier JULES VERNE (und seine IN 80 TAGEN UM DIE WELT) grüßen, gar keine Frage. Als JEAN-MICHEL CHARLIER sich diese Abenteuerserie ausdachte hat er zweifellos diese Grundidee übernommen. Selbst in den 1950er Jahren (und später in den 1960er Jahren, als die Serie noch erschien) war die Aufgabe einer Weltumrundung immens. Trotz all der bestehenden Technik und der fortwährenden Neuerungen. JEAN-MICHEL CHARLIER war einer der ganz großen Erzähler des Comics, Schwerpunkt war stets das Abenteuer, sei es im Wilden Westen, auf hoher See oder in der Luft. MARC DACIER erlaubte es ihm, sich buchstäblich überall in jedem Genre seine Serienzutaten zu holen. Was wie eine Komödie beginnt, wird so ratzfatz zu einem Krimi, dann zu einem Hochseeabenteuer und im weiteren Verlauf zu einem Überlebenskampf in der Wüste, bevor die Meereswellen erneut rufen.

Mit dem Illustratoren EDDY PAAPE holte sich JEAN-MICHEL CHARLIER einen Partner an die Seite, der später mit der Serie LUC ORIENT innerhalb des Mediums Comic einen hohen Bekanntheitsgrad erreichen sollte. Seine Qualitäten hier, nur wenige Jahre zuvor, sind bereits ersichtlich. Sein Blick auf die jeweilige Szene ist intensiv und von großer Genauigkeit. Die Charaktere erhalten viel Aufmerksamkeit bei der grafischen Gestaltung. Das beginnt natürlich gleich bei MARC DARCIER. Der junge Mann hat mit Haartolle, Mütze, ovalem Gesicht und einem leicht naiven Ausdruck direkten Wiedererkennungswert. Seine Jugendlichkeit ist wie eine Leinwand, in die sich ein ebenso jugendlicher (oder jüngerer) Leser hineinprojezieren kann. Hier wird sich, das steht automatisch fest, später erst eine gewisse Lebenserfahrung abzeichnen.

So wie es bei zahlreichen anderen Figuren der Fall ist. EDDY PAAPE zeichnet ihnen den Charakter ins Gesicht (wenn nicht JEAN-MICHEL CHARLIER schon eine entsprechende Beschreibung der Figur im Vorfeld hat fallen lassen). Als MARC DARCIER gleich zu Beginn in die Fänge von flüchtenden Halunken gerät, genügt ein Blick in die Visagen, dass man es hier mit Gangstern zu tun. Wo hier die Vorlagen zu finden waren, verrät ein Rundumblick in die französischen Gangsterfilme jener Jahre. CHARLIER und PAAPE wussten eben, wo ihr Publikum zu finden war.

Die Gegenden in der Welt weisen nicht nur unterschiedliche Kulturen auf (ein Umstand, den CHARLIER und PAAPE im ersten Band nur anreißen). Viel gewichtiger fallen die Widerstände der Natur aus, hinter der sich die Gemeinheiten von MARC DARCIERS Widersachern nur verstecken können. Ein Kapitän, der den jungen Mann mit falschen Versprechungen an Bord seines Schiffes holt, ist brutal. Die See hingegen ist gnadenlos und schont niemanden. Mit der Wüste verhält es sich ähnlich. Stürme, sengende Hitze, Haie. JEAN-MICHEL CHARLIER wirft seinem Helden geradezu jeden erdenklichen Knüppel zwischen die Füße. Aber: So muss Abenteuer sein. Hier darf mitgefiebert werden.

Es ist selbstverständlich auch EDDY PAAPE zu verdanken, dass derlei Szenen so bedrohlich erscheinen und sich von Bild zu Bild dramatisch steigern. Ob ein Schiff explodiert und sinkt, ob MARC DARCIER auf einem Floss in den Wellen treibt oder Fahrzeug in der Wüste in Flammen aufgeht, ein Auto über einen Abhang schießt. Der jeweilige Blickwinkel signalisiert jedes Mal: Das war’s jetzt. Da gibt’s kein Entkommen mehr. Das packt immer wieder aufs Neue!

JEAN-MICHEL CHARLIER hat einen simplen Plot für seinen Helden MARC DARCIER: Eine Reise um die Welt. Aber eben deshalb ist alles möglich. Wie in einer modernen Fernseh-/Streamingserie greift ein Rädchen ins andere und befördert die Geschichte voran, voran und voran. EDDY PAAPE erweckt als damaliger Zeitgenosse die Welt der 1950er Jahre zum Leben und so erfährt der Leser am Beispiel von MARC DARCIER, wie es mal gewesen sein mag, ohne Geld, ohne konkrete Route auf eine Reise um die Welt aufzubrechen. Hier hat mit den Jahrzehnten nichts seinen Reiz und seine Spannung verloren. Top!!! 🙂

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Freitag, 01. September 2023

FORT WHEELING – ERSTER TEIL

Filed under: Abenteuer — Michael um 13:21

FORT WHEELING - ERSTER TEILAm Anfang stehen MORDE. Indianer sind den weißen Männern, die an diesem Tag die Blockhütte von BAKER, dem Händler, betreten, verhasst. BAKER kann die Eskalation nicht verhindern. Schockiert und hilflos muss er alles mitansehen. BAKER bleibt mit den Toten allein zurück, die Nachricht über das sinnlose Massaker findet jedoch rasch seinen Weg zu HÄUPTLING LOGAN. Seine Mutter und seine Geschwister sind unter den Mordopfern. Und mehr noch. Die kleine Schwester war die Frau von CAPTAIN JOHN GIBSON, einem weiteren Händler. HÄUPTLING LOGAN will diese Tat nicht ungesühnt lassen. Viele Menschen, auf beiden Seiten, scheinen nur auf einen Anlass für einen KRIEG gewartet zu haben. Bald schon gibt es die nächsten Toten.

HUGO PRATT nimmt den Leser mit in nahezu vergessene Kriegszeiten. Vor den Ereignissen des WILDEN WESTENS, dem AMERIKANISCHEN BÜRGERKRIEG, den späteren INDIANERKRIEGEN geraten die Schlachten und Kämpfe des FRANZOSEN- UND INDIANERKRIEGES beinahe in den Hintergrund. Die vorliegende Geschichte setzt rund zehn Jahre nach diesen Auseinandersetzungen an. Viele Wunden wurden geschlagen, kaum eine scheint richtig verheilt, obwohl Übereinkünfte geschlossen worden sind. Willkommen auf dem NORDAMERIKANISCHEN KONTINENT, in VIRGINIA im Jahre 1774.

Verschiedene Stämme, SHAWNEE, DELAWARE und MENGWE, lavieren sich zwischen den Macht- und Landesansprüchen der weißen Briten hindurch und es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie aufgeben müssen. Ein Auslöser wie die Morde heizt die Gemüter an, das titelgebende FORT WHEELING wird infolge der Gefahr um 400 Soldaten verstärkt. Vor der Kühle dieser Kriegsplanungen geht HUGO PRATT ins Detail und präsentiert einfache Menschen, Charaktere, die von diesen Ereignissen mitgerissen werden, aber auch solche, die verlorene, teils hasserfüllte Seelen sind. Weiße, die Indianer hassen, des Kriegs wegen, den sie miterleben mussten. Oder Weiße, die ihre Familien verloren und nun durch die Wildnis streifen, stets auf der Suche nach Ureinwohnern, die sie töten und skalpieren können. Wie LEW WETZEL und JONATHAN ZANE ohne jegliche Gewissensbisse tun.

Auf der anderen Seite sieht es kaum anders aus. Das Eingeständnis mancher Stämme, für Franzosen oder Briten zu kämpfen, hat Fronten gezogen, die lange nachhallen, selbst als die Franzosen längst aus dem Territorium verschwunden sind. In nebligen Landstrichen lauern sie den soldatischen Patrouillen auf, erschießen, wen sie treffen können. So viele wie nur irgend möglich. Selten nur kommen traditionelle Waffen zum Einsatz. Längst haben sich auch die amerikanischen Ureinwohner an Pistolen und Gewehre gewöhnt. HUGO PRATT zeigt in dieser packenden Erzählung, wie ein fallender Dominostein eine Kette von Ereignissen in Gang setzt, sich diese Kette immer weiter verzweigt und sich niemand mehr den Fehden entziehen kann.

Dazwischen gibt es Charaktere wie den jungen CHRISS KENTON, seinen Freund PATRICK FITZGERALD und das Mädchen MOHENA, die als Weiße bei den Indianern aufgewachsen sind. Liebe macht das Geflecht dieser drei jungen Leute gerade in diesen Zeit besonders kompliziert. Darüber hinaus kündigt sich bereits der nächste Krieg an, historisch weitaus bekannter: der AMERIKANISCHE UNABHÄNGIGKEITSKRIEG. Vorher schon ist man als Leser an die Seite von CHRISS KENTON gerückt, der nichts mit diesem Krieg, mit keinem Krieg zu tun haben will, eigentlich nur Frieden möchte und sogar versucht, den Dingen einen neuen Lauf zu geben. Es will nichts helfen. Das ist die Tragödie in der Geschichte um FORT WHEELING.

Die Spannung einer dramatischen Erzählung im besten Sinne ist das zweite große Element in FORT WHEELING. HUGO PRATT wandelt auf den Spuren eines JAMES FENIMORE COOPER. Seine einfache, aber eindringliche Art des Zeichnens zieht die Erzählung voran, seine Konzentration auf wenige Eindrücke geben Raum für den Moment und die Erweiterung durch das Kopfkino des Lesers. Das setzt auf jeden Fall ein. Verschleiert HUGO PRATT auch so manche Brutalität, sie ist dennoch vorhanden, ungeachtet der Schatten, die darüber liegen oder der Entfernung, die Details unmöglich machen.

Ein Klassiker. Und gleichzeitig eine Geschichtslektion, die auf leichten erzählerischen Füßen daher kommt. HUGO PRATT behandelt ein dunkles, wenig ruhmreiches Kapitel für Amerikaner und Briten mit objektivem Blick auf das wahre Geschehen, ohne die Unterhaltung für den Leser außer Acht zu lassen. Drama, Kampf, Freundschaft, Liebe, ein wenig Coming of age in einer für heutige Verhältnisse unbekannten Welt (zumindest, was die westliche Hälfte anbelangt). HUGO PRATT schafft es, dass man als Leser einfach wissen muss, was weiter mit CHRISS KENTON geschieht. Daumen hoch! 🙂

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Dienstag, 20. Juni 2023

SCURRY 1 – DIE TODGEWEIHTE KOLONIE

Filed under: Abenteuer — Michael um 16:59

SCURRY 1 - DIE TODGEWEIHTE KOLONIEDie Menschen sind fort. Damit einher geht leider nicht nur eine geringere Gefahr im Haus, sondern auch ein Mangel an Nahrung. Für die MÄUSEKOLONIE ist der Zustand furchtbar. Seit längerem schon schicken sie Späher in die nähere und schließlich weitere Umgebung, doch viel ist nicht mehr zu finden. Nicht nur die MENSCHEN in diesem Haus sind verschwunden. Ringsherum ist ebenfalls alles wie ausgestorben. Bis auf die Tiere. Die Suche da draußen könnte leicht sein, gäbe es nicht dieses Rudel KATZEN, das ebenfalls auf der Suche nach Futter ist. Und gäbe es nicht BUSSARDE. Oder SCHLANGEN. UND EULEN. Und gäbe es nicht diese geheimnisvollen MONSTER im Wald, in den sich niemand – aus gutem Grund – hineintraut.

MAC SMITH schenkt dem Leser ein Abenteuer mit MÄUSEN. Endlich gibt es einmal mehr Kleintierabenteuernachschub. Wer (wie ich) Abenteuer wie IM REICH DER MÄUSE (von GARRY KILWORTH), REDWALL (von BRIAN JACQUES) oder (natürlich ganz besonders) MOUSE GUARD (von DAVID PETERSEN) mag, der liegt mit dieser Geschichte goldrichtig. Aus der Sicht einer MÄUSEKOLONIE erzählt, in einer Gegenwart, die der unseren entspricht, mag der Leser schon anhand des Titelbildes ahnen, dass hier etwas sehr Lebensveränderndes geschehen ist. (Eine MAUS auf einem menschlichen TOTENSCHÄDEL.) Ausgerechnet jene, die so viel schlechte Veränderungen, über die Welt der Tiere gebracht haben, sind verschwunden. Und niemand weiß warum.

Zu Beginn begegnet der Leser der rothaarigen Maus WIX und seinem Rattenkumpel UMF. Beide sind sie Späher der MÄUSEKOLONIE. Und gleich zu Beginn wird klar, wie verzweifelt die Lage und wie lebensgefährlich die Situation jederzeit ausufern kann. Ihre Klugheit, Geschwindigkeit, selbstverständlich ihre Größe, ihre Flinkheit lassen die MÄUSE oft entkommen. Aber eben nicht immer. Immer wieder kehren Späher nicht zurück. WIX und UMF gehören zu jenen, denen das Glück beschert ist, einen glücklichen Heimweg zu finden.

MAC SMITH, der sich SCURRY ausgedacht, es geschrieben, gezeichnet und koloriert hat, liefert optisch ein filmisches Abenteuer ab. Die Grafik ist (zwar eindeutig am Rechner entstanden) grandios. Das beginnt natürlich zu allererst bei den Hauptdarstellern, den MÄUSEN. MAC SMITH hat sich eindeutig an echten Tieren orientiert (oh, ein Wortspiel 🙂 ), aber er gibt ihnen auch ein wenig zeichentrickübliche Putzigkeit mit und viele, viele individuelle optische Eigenheiten, um sie so für den Leser so leicht wie möglich unterscheidbar zu gestalten.

WIX ist zum Beispiel ein Veteran unter den Spähern. Nicht nur sein rotes Fell macht ihn unverwechselbar. Es hat zudem einige Kerben in seinem rechten Ohr, die er einem Katzenangriff zu verdanken hat. PICT, seine schneeweiße Freundin, stellt den Gipfel der Putzigkeit dar. Monströser wird es bei den Feinden der Mäuse: den KATZEN. Hier fällt eine ganz besonders auf. Etwas voluminöser als die anderen, mit einem von Krallen zerfurchten Gesicht, einem blinden Auge und einem ordentlichen Überbiss (mit starken Reißzähnen). Sie ist der Paradenebencharakter, angsteinflößend, gruselig. Wer die agierenden KATZEN in SCURRY sich anschaut, wird nichts von den knuffigen echten Fellknäueln entdecken, die ihren Besitzern so viel Freude machen (obwohl diese wahrscheinlich wissen, was ein Katzenfreigänger mitunter mit Mäusen nur so zum Spaß anstellt; etwas Ähnliches muss auch MAC SMITH gewusst haben, als er diese Bande KATZEN in Bildern verewigte).

Die stillen Momente der Geschichte sind schön und dienen der Charakterentwicklung. Es sind Ruhepausen des Abenteuers, denn die Stärke von MAC SMITH liegt eindeutig im Erzählen von ACTION. Er vermag filmische Schnelligkeit zu vermitteln. Dazu nutzt er einen Seitenaufbau, der den Leser teils zeilenweise, von Breitwandbild zu Breitwandbild mitzieht. Die Bilder sind überaus plastisch und jedes Bild auf jeder Seite ist ein kleines Gemälde. Neben den sorgsam gestalteten Figuren ist ein weiteres wichtiges erzählerisches Mittel von MAC SMITH der Einsatz von LICHT.

Figuren werden hinterrücks angestrahlt, sie stehen im Lichterglanz, in einem von Licht durchfluteten Zimmer oder (auch das Titelbild als Beispiel) leuchtende Augen versprechen einer Figur oder mehreren Figuren gleichzeitig einen grauenvollen Tod. Wie etwa der Überbösewicht der Geschichte, deren einen starken Cliffhanger hinlegt und eine ebensolche Versprechung für die Fortsetzung macht. Die Eröffnungssequenz in der Küche eines verlassenen Hauses zeigt sofort, wie punktgenau MAC SMITH alle angesprochenen Stärken seines Abenteuers vom Start weg einzusetzen vermag.

Starke kleine Charaktere in einer Welt, in der es von Gefahren nur so wimmelt. Darüber hinaus finden selbst in der MÄUSEKOLONIE Intrigen ihren Platz. Nichts ist sicher, Wendungen kommen unerwartet und rasch. Sehen die Hauptfiguren auch knuffig aus, macht MAC SMITH schnell klar: in dieser Welt lauert der Tod. Gefangene gibt es nicht. Tolles Design, perfekt inszeniert, mit viel Sinn für Spannung und atemlose Unterhaltung erzählt. Top! 🙂

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Freitag, 17. Februar 2023

CÉZEMBRE 2 – FREIE LUFT

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:16

CÉZEMBRE 2 – FREIE LUFTDie Wochenschaunachrichten sind in schwarzweißen Bildern gehalten. Ton haben sie nicht. Trotzdem sind die Jungen neugierig darauf, was sie gleich sehen werden. Dezember 1939. Es ist ihnen verboten, den Projektor alleine zu benutzen. Aber sie riskieren es. Die Bilder zeigen ihnen den deutschen Überfall auf Polen. Moderne Technik trifft auf verzweifelte Gegenwehr. Doch ein altmodische Kavallerie hat gegen Sturzkampfbomber keine Chance.

SAINT-MALO, August 1944. Die deutsche Besatzung ist unter Druck. Amerikanische Streitkräfte rücken weiter vor. Ein Glück für die Bevölkerung der französischen Küstenstadt, sollte man meinen. Aber die Bombardierung der Alliierten fordert viel von der Franzosen. Persönliches Leid, persönliche Verluste. Wer sich in französischen Augen schuldig gemacht hat, muss öffentliche Demütigung fürchten. Wer sich als Frau mit Deutschen eingelassen hat, wird geschoren und zur Schau gestellt. Manche wolle lieber die Flucht ergreifen und einen Weg zur Insel Jersey suchen, wo die Wehrmacht immer noch die Stellung hält.

CÉZEMBRE hat natürlich Kampfgeschehen, aber viel mehr noch hat es Drama, Drama, Drama. Menschen sehen ihr Hab und Gut verbrennen. Deutsche Soldaten sind verblendet genug zu glauben, sie könnten die amerikanischen Streitkräfte besiegen oder immerhin zurückschlagen. Dabei sind es die immer häufigeren Angriffe amerikanischer Flugzeuge, die sie eines Besseren belehren sollten. NICOLAS MALFIN, als Autor und Zeichner gleichermaßen für CÉZEMBRE verantwortlich, beleuchtet hier die Endphase der Befreiung von SAINT-MALO, basierend auf historischen Fakten. Der redaktionelle Teil im Anhang gibt hier textliches Begleitmaterial und Originalfotografien zur Vertiefung der Geschehnisse.

Der große Kampf, Vormarsch und Schlacht um SAINT-MALO, ist der Rahmen für mehrere Einzelschicksale, die sich teils kreuzen, teils unabhängig voneinander stattfinden. Während die Hoffnung wächst, weil sogar Paris zwischenzeitlich befreit wurde, ist eine der Hauptfiguren, Francoise, noch mitten im Gefecht und in höchster Gefahr. Und ausgerechnet ein Verräter könnte zu ihrer Rettung beitragen. NICOLAS MALFIN erzählt seine Geschichte außerordentlich dicht. Hier wird kein Platz, kein Wort, kein Bild verschenkt. Die Dramaturgie lässt keine Zeit zum Luftholen. Das ist hier ist ein echter Page-Turner!

Dennoch entsteht zu keiner Zeit der Eindruck, NICOLAS MALFIN habe den historischen Ereignissen seinen eigenen Stempel aufgedrückt. Hier ist nichts drüber oder extrem actionlastig inszeniert. Wer hier eine Art Kriegsfilmästhetik vergangener Art (wie z.B. DIE BRÜCKE VON ARNHEIM, DER ADLER IST GELANDET) oder von neueren Versionen (wie z.B. DUNKIRK, IM WESTEN NICHTS NEUES) sucht, der sucht vergebens. Hier menschelt es im besten Sinne, teilweise bis zur allerletzten Sekunde. Echtes Drama kann eben nur von echten Charakteren getragen werden.

NICOLAS MALFIN ist hierzulande hauptsächlich durch GOLDEN CITY bekannt, einem Science-Fiction-Szenario, angesiedelt in nicht allzu ferner Zukunft. Seine grafischen Fähigkeiten bei der Darstellung zukünftiger Architektur und Technologie steht außer Frage. Da war es natürlich spannend zu sehen, wie er mit historischen Formen umgeht, städtischen Strukturen, Schiffen, Flugzeugen und anderem Beiwerk zu Erzählung des Dramas. Gleich die allererste Doppelseite kündet von einer intensiven Beschäftigung mit der vorliegenden Thematik. Eine weitläufige Ansicht von SAINT-MALO und seiner Hafenanlagen, der vorgelagerten Inseln zeigt, wie sehr das Gelände mit der Geschichte zwangsläufig verwoben ist. Angriffe, Verteidigung, Fluchten, Einzeldramen können keiner klaren Front folgen.

Im großen Ganzen entstehen viele kleine Schauplätze, in denen es keine Ruhe gibt. (Stichwort: Page-Turner) NICOLAS MALFIN ist prädestiniert mit seinen Gestaltungfertigkeiten, dieser Handlung eine Form zu geben. Allgemein sind seine Bilder überaus fein, zerbrechlich wirkend, angelegt. Die tatsächlichen Vorgaben, Kulissen, Technik und Gerät, Uniformen, Waffen, Landschaftszüge sind penibelst gezeichnet. Darüber hinaus ist es gespickt mit Details, seien der Flüchtlingstreck mit diversen Habseligkeiten, das Innere einer Kapelle mit der Abbildung eines Heiligen oder die deutschen Artilleriestellungen (um nur ein paar Beispiele zu nennen). Die Bilder von NICOLAS MALFIN sind ein Garant für eine fesselnde Atmosphäre, die viele Entdeckungen bietet.

Ein spannender, dramatischer und einfühlsamer Abschluss des Zweiteilers CÉZEMBRE. Perfektionistisch gestaltet, mit kinematografischem Blick. Toll. NICOLAS MALFIN darf sich gerne öfter an eigens geschriebene Projekte wagen. 🙂

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Samstag, 04. Februar 2023

DAS PIN-UP DER B-24 – Band 2 – NOSE ART

Filed under: Abenteuer — Michael um 17:11

DAS PIN-UP DER B-24 - Band 2 – NOSE ARTGLENN BAXTER musste eine Bruchlandung in der Wüste hinlegen. Kurz danach betritt er ein weiteres Flugzeugwrack: ALI-LA-CAN, den B-24-Bomber, den er seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hat. Erinnerungen werden heraufbeschworen. Und mehr noch, sie erwachen geradezu zum Leben, denn im Inneren des Wracks, von der Wüste wie konserviert, hat jemand die Kriegsgeschichte der drei Freunde, allesamt Besatzungsmitglieder von ALI-LA-CAN, aufgemalt. Bis zum heutigen Tag hat GLENN BAXTER nichts von diesen Bildern gewusst.

Man stelle sich vor: Es existieren Erinnerungen an eine Vergangenheit, die Freuden, die Leiden. Es finden sich sogar Erinnerungsstücke, die das Ganze zu zementieren scheinen. Doch plötzlich gibt es Hinweise, schließlich Beweise, dass so manches anders war, sehr bitter sogar und dass eine sehr böse Geschichte hinter allem zu finden ist. GLENN BAXTER hat im Zweiten Weltkrieg den Absturz seines B-24-Bombers überlebt. Aber ihm fehlen Details. Lange hat er nach dem Wrack des Flugzeug in der libyschen Wüste gesucht. Der Fund bringt ihm aber zunächst kein Glück, den er legt eine zweite Bruchlandung hin, 15 jahre später (siehe auch Band 1).

Die Erzählung aus Band 1, DAS PIN-UP DER B-24, ALI-LA-CAN, wird im zweiten Teil nahtlos fortgesetzt. Einmal mehr steht das Leben von GLENN BAXTER auf des Messers Schneide. JACK MANINI, verantwortlich für Text und Farben, entführt seinen Helden von Gegenwart in die Vergangenheit und verdeutlicht so, wie sehr sich die Ereignisse aus dem Krieg in GLENN BAXTER eingegraben haben. Bei aller Tragik ist sofort erkennbar, dass GLENN BAXTER offensichtlich nie wieder eine solche Freundschaft erlebt hat wie mit seinen Kameraden an Bord des Flugzeugs. Hinzu kommt die Liebesgeschichte der drei Piloten mit drei Krankenschwestern. JACK MANINI festigt diese Ereignisse auch für den Leser, nur um kurz darauf den Vorhang vor der verborgenen Wahreit zu lüften.

Die Erzählung von JACK MANINI steht insgesamt für Abwechslung und für ein dauerhaftes Anziehen der Spannungsschraube, nicht im Thriller- Sinne, sondern das Drama erfährt immer weitere Details, so dass in Kern die Figur des GLENN BAXTER immer durchsichtiger, menschlicher, greifbarer wird. Das ist bereits klasse. Grafisch verfeinert MICHEL CHEVEREAU diese Erzählung und steuert so ein wichtiges Element bei. Es ist der Wechsel der Zeiten, Vergangenheit und Gegenwart, Krieg in den 1940ern, Gegenwart zum Ende der 1950er Jahre, der einen beständigen optischen Reiz ausmacht. Dazu kommen vereinzelte grafische Brüche bei der Darstellung eines Notizbuches, Erinnerungen sowie der spätere (kurze) Sprung sogar in den Beginn der 1960er Jahre und ein völlig anderen Standort.

Das ist die Seite der Optik. Die andere Seite ist die Vielzahl der Charaktere, zu der auch das Flugzeug (Spitzname ALI-LA-CAN) gezählt werden darf. Zentriert ist natürlich GLENN BAXTER, der in gleich zwei Varianten auftritt. Einmal in der (relativ unbeschwerten, trotz Krieg) Vergangenheitsvariante, andererseits der von den Erinnerungen gezeichnete (fast schon gepeinigt) GLENN BAXTER, dessen Konstitution nach seinem zweiten Absturz in der Gegenwart immer weiter abnimmt. Die Charaktere sind allesamt höchst individuell angelegt und optisch, wie ich finde, ein wenig aus der Zeit gefallen. MICHEL CHEVEREAU bietet dem Leser keine Helden an, wie sie aktuell (häufig) die Leinwände bevölkern, sondern orientiert sich mehr an den Stars von einst. Gesichter, die auffallend einer Epoche oder einem künstlerischen Jahrzehnt zuzuordnen sind.

MICHEL CHEVEREAU arbeitet mit einer heimlichen Hauptdarstellerin. Zwar ist die B-24 namentlich genannt (im ersten Teil sogar mit Spitznamen im Untertitel), aber es leuchtet erst nach und nach ein, wie wichtig das Flugzeug ist. Es ist optischer Erinnerungsanker sowie ein zentraler Schauplatz der Geschichte. Man sieht sie zuerst als technisches Wunderwerk (ist für alles, was Menschen in die Luft befördern kann), später als zerfallenes Wrack in der Wüste. Und zu allen Gelegenheiten ist sie eine Bühne (und ein Schutzengel, der in einer Situation versagte, ein Element, das JACK MANINI genial mit seiner Geschichte verwoben hat).

Ein Drama, weniger eine Kriegsgeschichte. Es ist eher eine Geschichte über Menschen, die zufällig in den Krieg geraten und vor Herausforderungen gestellt werden, die ihnen alles abverlangen, was sie charakterlich zu bieten haben. Typische Kriegsszenen sind zu vernachlässigen. Ich mag die ruhige Erzählweise, die sich steigernde Tragik, die Spannung, die mit dem Lüften der Geheimnisse immer eine Stufe höher steigt. MICHEL CHEVEREAU trägt die von JACK MANINI erzählte Geschichte wunderbar mit seinen Bildern. Wenn den Gesichtern ihre jeweilige Emotionalität abzulesen ist, kann man nur sagen: Mission erfüllt! (In allen Belangen.) 🙂

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Montag, 07. November 2022

LUCKY LUKE 101 – RANTANPLANS ARCHE

Filed under: Abenteuer — Michael um 12:21

LUCKY LUKE 101 – RANTANPLANS ARCHECATTLE GULCH. LUCKY LUKE hat einen Auftrag. Es ist die typische Westernstadt, in die er gerade einreitet. Und man könnte sagen zu einem typischen Zeitpunkt, denn die Leute vor Ort wollen gerade jemanden lynchen. LUCKY LUKE schreitet ein, kein Problem für einen Mann, der schneller als sein Schatten schießt. Der Gerettete stellt sich als OVIDE BYRDE vor, Präsident und einziges Mitglied des örtlichen Tierschutzvereins. BYRDE steht auf nahezu verlorenem Posten. CATTLE GULCH lebt von der Rinderzucht, und die Menschen scheren sich einen Deut um die Belange von Tieren.

RANTANPLANS RACHE, der 101. Band der LUCKY-LUKE-Reihe, nimmt den Leser auf ein nahezu unmögliches Unterfangen mit in den WILDEN WESTEN: TIERSCHUTZ. JUL (Text) und ACHDÉ (Zeichnungen) haben die Reihe als Künstler beerbt und schicken den den allseits beliebten Cowboy in ein wirklich schwieriges Abenteuer. Denn die eigenen Überzeugungen werden auf den Kopf oder sogar in Frage gestellt. LUCKY LUKE kommt nicht nur so nach CATTLE GULCH. Sein Auftrag ist es, eine Rinderherde nach DODGE CITY zu treiben. Und die Rinder sind natürlich, wie könnte es in jener Zeit der großen Viehtrecks anders sein, zur Schlachtung bestimmt. Da macht der Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten, schon mal große Augen.

Ein OVIDE BYRDE steht natürlich in diesen Zeiten auf ziemlich verlorenem Posten. Angelehnt an die originale Figur des HENRY BERGH, dem Gründer des allerersten amerikanischen Tierschutzvereins (weil er von der Brutalität New Yorker Kutscher gegen ihre Pferde völlig erschüttert war), kämpft OVIDE BYRDE nicht nur gegen die Ignoranz in seiner näheren Umgebung, er muss auch schauen, wie er seinen Tierschutzverein überhaupt finanziert bekommt. Das ist wiederum eine Anlehnung an moderne Zeiten und Tierschutzorganisationen, die häufig auf Spenden angewiesen sind und sehr oft am Limit wirtschaften. Wie OVIDE BYRDE von seinen Schützlingen begrüßt wird, ist herzerwärmend (und sehr schön gezeichnet).

Aber LUCKY LUKE muss sich natürlich auch mit Schurken auseinandersetzen. Das ist der WILDE WESTEN. Es kommt GOLD ins Spiel. Und damit ein paar raffgierige Halunken. Plötzlich ändert sich manches in CATTLE GULCH. Sogar der Name. Aus CATTLE GULCH wird VEGGIE TOWN. Das ist mehr Drama, als der Leser von der ansonsten sehr humorigen Serie her gewöhnt sein mag. Da schaffen ACHDÉ und JUL mit einem kleinen Ausflug in ein Lager der INDIANER vom STAMME DER KOMANTSCHEN einen spaßigen Einschub. Aber auch ein Besuch im Gefängnis (mit allseits beliebten und bekannten Insassen) sorgt für Humor. Aus gutem Grund, denn hier ist eigentlich RANTANPLANS ZUHAUSE.

ICH LIEBE DIESEN HUND! 🙂 Sein (ungewöhnlicher) Name, RANTANPLAN, steht bereits im Titel der Episode. Er ist ein gern gesehener Gast (sogar vor Jahren mit eigenem Spin-off). Stets ist er irgendwie abwesend und interpretiert das Geschehen um sich herum völlig verkehrt. Das führt, so auch hier (mehrmals), zu kuriosen sowie knuffigen Szenen. Und nimmt den Ernst aus mancher Szene, ganz besonders gegen Ende. Wie gesagt, es geht nicht ganz ohne DRAMA. Man darf gespannt sein, was LUCKY LUKE (und die Reihe) letztlich aus den Geschehnissen dieses Abenteuers macht und ob davon etwas hängen bleibt (Raucher ist er immerhin auch schon seit geraumer Zeit nicht mehr).

Stilistisch haben sich ACHDÉ und JUL natürlich den großen Vorgängernamen der Serie angeschlossen. Selbstverständlich besonders denjenigen, die die Serie zu dem gemacht haben, was sie heute noch ist. MORRIS einerseits, aber natürlich ebenso GOSCINNY. ACHDÉ ist beinahe seit zwanzig Jahren dabei. Liebgewonnene Figuren haben ihren Charakter behalten. Neue könnten von MORRIS selbst zu Papier gebracht worden sein. Hängen bleiben hier (für mich) die Schurken, von je her ein besonderes Merkmal der Abenteuer, ob nun von leibhaftigen Vorbildern karikiert oder frei erfunden. An der Bande, die sich hier formiert, hätten noch andere Western-Erzähler ihre helle Freude.

LUCKY LUKE kommt mit einem seit Jahren stetig wachsenden und mittlerweile brandaktuellen Thema daher. Tierschutz wird immer wichtiger (!), und das ist gut so! Die Darstellung über verschiedene Kanäle kann auf unterschiedlichen Wegen zu besserem Verständnis beitragen. Das ist eine schwierige Aufgabe, die hier allerdings von ACHDÉ und JUL toll gemeistert wird. LUCKY LUKE wird selbst einmal in seinen Grundfesten erschüttert (und der Leser ein gutes Stück gleich mit). Das bleibt hängen. Bei allem Spaß, dem man bei der Lektüre des Bandes trotzdem hat. 🙂

LUCKY LUKE 101, RANTANPLANS ARCHE: Bei Amazon bestellen.
Oder im Egmont Shop.
(Lucky-Luke-Abenteuer erscheinen im deutschsprachigen Raum bei Story House Egmont, www.egmont.de.)
Cover: Lucky Comics ©2022/Egmont Ehapa Media.

Samstag, 01. Oktober 2022

DAS SCHICKSAL DER WINCZLAV 2 – TOM & LISA 1910

Filed under: Abenteuer — Michael um 16:52

DAS SCHICKSAL DER WINCZLAV 2 – TOM & LISA 1910TOM WINCZLAV erbt. Von nun an nennt er ein riesiges Grundstück sein eigen. Weiden, Wälder, Vieh, Ackerland. Es könnte dem Tunichtgut kaum besser ergehen. Auch seine Schwester, die weit weg in Europa lebt und an die er keine Erinnerung mehr hat, vergisst er nicht. Ein großer Batzen Geld bringt eine Wende in das Leben der WINCZLAV. Aber es wird auch Geheimnis gelüftet. Lange gesichert und versteckt, hält es TOM nicht zurück. Gemeinsam mit einem Angestellten macht er sich daran, in eine lange geheimgehaltene Höhle vorzudringen. Die Entdeckung ist schauerlich…

Moderne Zeiten werfen ihre dunklen Schatten voraus. Über die Jahrhundertwende hinaus marschiert die Welt in den Ersten Weltkrieg. Die Familie WINCZLAV spielt ihre Rollen dazu gleich auf zwei Kontinenten, in Nordamerika und im alten Europa, dem zentralen Kriegsschauplatz.

Diesmal stehen zwei WINCZLAV im Mittelpunkt der Familiengeschichte, die Geschwister TOM und LISA. Sie könnten kaum unterschiedlicher sein. TOM führt auf dem nordamerikanischen Kontinent ein eher nichtsnutziges Leben, verprasst sein Geld und läuft vollbusigen Frauen hinterher. LISA hingegen, von ihrer Mutter in Europa erzogen, hat einen besonderen Traum. Sie möchte unbedingt fliegen. Leider macht ihr der Krieg einen Strich durch die Rechnung. Und TOM, einige Zeit später, findet schließlich doch noch seine Profession und entwickelt sich, niemand hätte das vorhersehen können, zu einem echten Machtfaktor.

JEAN VAN HAMME verwebt das SCHICKSAL DER WINCZLAV fein mit der Historie und verknüpft wahre Ereignisse mit den fiktionalen Charakteren TOM und LISA. Der Autor sorgt allerdings dafür, dass der junge Mann deutlich weniger in die Menschheitsgeschichte involviert wird. Bei der jungen Frau sehen die Geschicke schon anders aus. Ihr Einfluss größer, dafür werden die Auswirkungen sehr gut kaschiert. (Das Titelbild gibt einen kleinen Hinweis auf LISAS Eingriff in den Ablauf des Krieges; wenn auch allein dieser Hinweis schon wieder in die Irre führen kann.) Der Kniff, der JEAN VAN HAMME hier gelingt, ist sehr schön an den beiden Hauptcharakteren ablesbar. Immerhin handelt es sich nicht nur um Geschwister, sondern sogar um Zwillinge. Jeder mag für sich selber herausfinden, wenn er/sie symphatischer findet. Feststeht, dass eine Figur kein Held sein muss, um erfahren zu wollen, wie es mit ihr weitergeht.

PHILIPPE BERTHET ist einer der Comic-Zeichner für alle Fälle. Die Striche sind in seinen Zeichnungen auf das Nötigste beschränkt. Die Bilder sind von einer strengen Exaktheit, eine moderne klare Linie, sehr realistisch, mit sehr strukturiertem Seitenaufbau. Hier findet sich keine Hektik, der Leser darf und soll sich Zeit für die Geschichte nehmen. Darüber hinaus ist PHIILIPPE BERTHET einer jener Zeichner, die nichts zu kaschieren versuchen. Ist vielleicht eine Perspektive problematisch? PHILIPPE BERTHET zieht das Bild durch, während es schon mal Kollegen gibt, die Details oder schwierige Partien hinter einem geschicktem Schatten verstecken.

Ein wichtiges Thema dieser Geschichte ist die Luftfahrt in Frankreich kurz vor und während des Ersten Weltkriegs. PHILIPPE BERTHET verarbeitet die Flugszenen über den Schlachtfeldern, ein paar kleinere Kriegsszenen mit stilistischem Abstand. Das Grauen des Krieges erreicht so nicht das volle Ausmaß seines Schreckens. Und natürlich geht es um Luftkämpfe. Der Tod am Boden in den Schützengräben wird weitestgehend außer Acht gelassen. Die Flugzeuge jener Epoche tun ihr Übriges durch ihr zerbrechliches Äußeres einen eher künstlerischen Eindruck zu erwecken. Vom martialischen Aussehen der Konstruktionen im Folgekrieg sind sie noch weit entfernt. Darüber wirkt der Rote Baron in seiner Fokker DR 1 eher wie ein Blickfang als eine echte Gefahr (was er in Wahrheit als tödlicher Pilot ist).

Die Macht der Frauen ist in jenen Tagen noch eingeschränkt. Einige kämpfen mit dem berühmten Waffen, die ihnen im Umgang mit Männern zur Verfügung stehen (und gewinnen hierdurch nicht zwangsläufig wie JEAN VAN HAMME zeigt), andere nehmen sich den Platz, von dem sie wollen, dass er ihnen zusteht, selbst wenn dieser Platz auf dem Pilotensitz in einem Jagdflugzeug über den Wolken ist. Eindrückliche Gegensätze, fein geschildert, durch den Charakter der LISA sogar nachhaltig und sehr spannend, optisch (dank PHILIPPE BERTHET) und erzählerisch.

Tolle Familiensaga, gleichzeitig eine unaufdringliche Geschichtsstunde. Zwei Hauptstränge (die der beiden Geschwister), die nur lose miteinander verknüpft sind, zeigen was zur selben Zeit auf zwei verschiedenen Kontinenten los war. Und es zeigt, stärker noch als zuvor, wie sich ein Charakterbild der WINCZLAV abzuzeichnen beginnt. Fein von einem meiner Lieblingszeichner, PHILIPPE BERTHET, in Szene gesetzt. (Eine Kenntnis der Hauptreihe LARGO WINCH ist nicht erforderlich. Aber der zweite Teil der Trilogie von DAS SCHICKSAL DER WINCZLAV könnte zur Recht Neugier wecken.) Klasse! 🙂

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