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Comic Blog


Samstag, 16. November 2019

ISOLA – BAND 1

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:58

ISOLA - BAND 1CAPTAIN ROOK treibt eine schier unmöglich scheinende Mission voran. Sie will einen TIGER zur geheimnisvollen ISOLA bringen. Doch der Weg führt ausschließlich durch gefährliche Gebiete. Jäger wollen den TIGER zur Strecke bringen. Monster, Kreaturen halb Mensch, halb Tier können das Ende bedeuten. Nahrung und Wasser sind knapp. Visionen täuschen die Reisenden. Und darüber hinaus birgt der TIGER ein Geheimnis, denn die Großkatze ist alles andere als ein Tier. In Wahrheit ist ihr Name OLWYN, und sie ist eine KÖNIGIN.

Zwei sehr unterschiedliche Reisegefährten auf der Flucht in einer Welt, in der sich ein Krieg ankündigt. BRENDEN FLETCHER und KARL KERSCHL haben ihr eigenes FANTASY-Reich erschaffen. Diese neue Welt erschließt sich dem Leser nur langsam. Einerseits scheinen sich hier Geheimnisse zu bündeln, andererseits schleppen beide Reisegefährten, CAPTAIN ROOK wie auch KÖNIGIN OLWYN, ihre unausgesprochenen Sünden mit sich herum. Rückblenden und Visionen künden davon, wie das Gewissen der beiden ungleichen Charaktere arbeitet. Die Reise von CAPTAIN ROOK und OLWYN wird jäh unterbrochen, als sich MORO, ein wunderlicher Greis, einmischt und OLWYN auf einen neuen Pfad führt.

Grafisch großes KINO, die Erzählung von asiatischer Rätselhaftigkeit. Wer als Comic-Leser sich ein wenig in Animes umgeschaut hat, wird vielleicht einmal auf PRINZESSIN MONONOKE gestoßen sein. Hier wird der Leser eine der Natur auf ähnliche Weise verbundene Kultur vorfinden. Denn die Natur mit ihren Lichtern, den mystisch zu nennenden Farben, die über den kompletten Handlungsstrang hinweg ein Flair eines durch bunte Fenster erleuchteten Tempels ist ein wichtiger Akteur in ISOLA.

Figürlich finden sich Parallelen zu weiteren Klassikern wie FEUER UND EIS sowie DER HERR DER RINGE von RALPH BAKSHI. Damals wurden die Szenen mit Schauspielern gestellt und später wurden diese für einen vollkommen naturalistischen Effekt überzeichnet. Mit den von KARL KERSCHL gestalteten Charakteren könnte es sich optisch ähnlich verhalten (was aber nicht die Arbeitsweise war). Darüber hinaus ergibt sich durch manche Schattierung nicht nur ein schöner räumlicher Effekt, sondern auch Eindruck, die Bilder entstammten einem Zeichentrickfilm der neueren Generation. Hart am Realismus, ein paar Prozentpunkte weniger, werden sich hier Leser wiederfinden können, die COMICS wie das Steinzeitabenteuer MEZOLITH von ADAM BROCKBANK und BEN HAGGARTY mochten.

KARL KERSCHL hat sich bislang auf dem Gebiet der Superhelden-Comics einen Namen gemacht (SUPERMAN, FLASH, TEEN TITANS). Wer sich dortige Bilder anschaut, findet eine leichte Verwandtschaft zu CORY WALKER (INVINCIBLE). In diesem Band, ISOLA, hat sich KARL KERSCHL grafisch gesteigert, hinzu kommt, dass in der Kolorationszusammenarbeit mit MSASSYK farbliche Meisterwerke entstanden sind. Jede Seite hat Titelbildqualität, ohne Abstriche. Jeder Seitenaufbau (hier und da auch eine Doppelseite) ist auf den Punkt genau nach Stimmung und Dramaturgie durchkomponiert. Die Wirkung wird selbstverständlich immer größer, je mehr uns die von BRENDEN FLETCHER und KARL KERSCHL erfundenen Charaktere an sich heranlassen.

Die Verbindung zwischen CAPTAIN ROOK und OLWYN ist zu Beginn seltsam. Auf die üblichen einleitenden Erläuterungen wird verzichtet. Der Leser soll und muss sich vertrauensvoll auf das Geschehen einlassen. In Zeiten, in denen Trailer schon die Handlung ganzer Filme vorweg nehmen, ein Spoiler-Alarm den nächsten ablöst, ist das ungewohnt und verlangt Geduld. Aber, das sei verraten, der Leser sollte diese Geduld aufbringen, denn es lohnt sich. So wartet zum Schluss eine ungewöhnliche Belohnung (die einige Fragen zusätzlich klärt). Zunächst setzen die beiden Erfinder von ISOLA auf Effekte, die den Leser zur Aufmerksamkeit erziehen sollen. CAPTAIN ROOK und OLWYN stoßen auf einen toten Körper (es einfach nur Leiche zu nennen, wäre untertrieben). Das geschieht nach einem recht kurzen, märchenhaften Beginn. Spätestens hier sollte die Faszination für ISOLA beginnen, denn man ahnt nun, dass in ISOLA etwas gewaltig anders ist als in sonstiger MAGIE-UND-SCHWERT-FANTASY.

Mystisch, asiatisch, märchenhaft. Das ist ISOLA. Einflüsse sind sicherlich erkennbar, darüber hinaus begibt sich ISOLA von BRENDEN FLETCHER und KARL KERSCHL auf einen sehr eigenständigen Pfad. ISOLA konzentriert sich sehr auf seine beiden Hauptfiguren und erzählt nur wenig vom großen Ganzen der hier vorliegenden Welt. Es wird also sehr emotional, zwischen Freund und Freund, außerdem zwischen Freund und Feind. Auf geopolitische Eigenarten dieses Fantasy-Universums wird weitestgehend verzichtet. Nur das in dieser Hinsicht für die Handlung absolut Nötigste wird dem Leser mitgeteilt. Genial und technisch perfekt illustriert. Klasse. 🙂

ISOLA, BAND 1: Bei Amazon bestellen.
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Links:

THE ABOMINABLE CHARLES CHRISTOPHER
KARLKERSCHL.COM

Montag, 10. Juni 2019

MIT MANTEL UND DEGEN – AKT III & IV

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:01

MIT MANTEL UND DEGEN – AKT III & IVEine geheimnisvolle Insel. Die beiden Abenteurer, der Fuchs ARMAND RAYNAL DE MAUPERTUIS und der Wolf DON LOPE DE VILLALOBOS Y SANGRÍN, sind nach turbulenten Ereignissen auf ihr gestrandet. Auf einem Piratenschiff auf der Suche nach den TANGERINENINSELN brachte ein Sturm und das unerwartete Auftauchen eines mysteriösen anderen Schiffes die Mannschaft derart in Gefahr, so dass die beiden sonst so standhaften Helden über Bord gingen. Zunächst scheint es sich um ein von Menschen verlassenes Eiland zu handeln. Aber bald schon machen sie die Bekanntschaft eines Einsiedlers, erzwungenermaßen ebenfalls durch Schiffbruch. Und ebenso bald, als sie die findige Experimentierfreude des alten Mannes kennenlernen, wünschen sie sich, sie hätten ihn nie getroffen …

Weiter geht es mit AKT III und AKT IV des groß angelegten, klassischen, romantischen Abenteuers im Stile einer längst vergangenen Ära. So dürfen auch die beiden Helden verstanden werden, die sich hier den Widrigkeiten des Lebens stellen. In einer Welt, in der ein Mann ein Mann zu sein hat, was auch kämpferische Fertigkeiten anbelangt, sind diese beiden noch Besonderheiten, denn Ehre steht weit vorne in der Liste der charakterlichen Grundfesten. Tapferkeit folgt gleich hinterher, selbst angesichts der Aussicht von Kannibalen in den Kochtopf geworfen zu werden.

MIT MANTEL UND DEGEN folgt hier gleich zwei Handlungssträngen, einmal jenen der beiden erwähnten Abenteurer, kurz ARMAND und DON LOPE, zum anderen den Spuren der Piraten und einer starken Frau, Doña HERMINE, deren Stolz einem verliebten DON LOPE schwer zu schaffen macht. Und diese starke Frau zeigt den Piraten später, wo der Hase langläuft. Apropos Hase! EUSEBIUS, das weiße Kaninchen, ist die knuffigste Heldenfigur, die jemals das Licht einer Comicseite erblickte! Punkt!

Spaß beiseite. Was macht die besondere Qualität dieser Comicserie aus? Hier gibt es nicht nur ein Feuerwerk der Schauplätze, darüber hinaus ist auch keine Wendung vorhersehbar. Nicht einmal der in Comics am besten bewanderte (oder überhaupt in Geschichten aller Art und Medien), wird zu Beginn eines Abenteuers vorhersehen können, wohin die Reise geht. JEAN-LUC MASBOU versteht es, den Lesern mit diesen Schauplätzen zu überraschen. Hauptfiguren und Nebencharaktere spielen einander die Bälle zu.

Und von neuen Figuren wie dem Gelehrten BOMBASTUS JOHANNES THEOPHRASTUS ALMAGESTUS WERNHER VON ULM ist man als Leser gleich fasziniert, weil das Spektrum sogleich um ein Vielfaches erweitert wird. Jede Figur bringt neue Energie, neue Fertigkeiten. Mit BOMBASTUS, wie er kurz genannt werden will, gar jemand, dem es in seiner Einsamkeit nach jemandem verlangt hat, dessen Fähigkeiten anerkannt und gewürdigt werden wollen. Deshalb geht kurz darauf schon zu einem Testflug in die Luft.

Bislang bin ich nur auf den AKT III eingegangen. In AKT IV tun sich wieder komplett neue Möglichkeiten auf. Die Theatralik des Abenteuers, so fantastisch wie das wunderbare Buch DIE BRAUTPRINZESSIN von WILLIAM GOLDMAN oder WILLIAM SHAKESPEARES SOMMERNACHTSTRAUM, eine regelrechte Sammlung von Anekdoten, muss letztlich in ein richtiges Theaterstück münden. Dann wird es erst richtig turbulent. Oder wie HERMINE sagt: Meine Herren, wir müssen nur eines sein: Komisch!

Das gelingt sowieso durchweg. Getragen von den tollen Illustrationen, weiterhin märchenhaft bunt und detailverliebt, die sich einem gängigen Strich verweigern, ist auch die vorliegende Zusammenfassung von AKT III und AKT IV ein Abenteuer, das optisch genossen werden will. Die Bilder wollen einzeln erfasst werden, mit aufmerksamem Auge. Es gibt viel zu entdecken, sozusagen ein grafischer Blockbuster.

Kann man ein Werk zu viel loben? Falls ja, dann hat es die zweite Gesamtausgabe von MANTEL UND DEGEN mehr als verdient. Für alle Freunde des überbordend Abenteuerlichen, des Märchenhaften und der grenzenlosen Einfälle ist MANTEL UND DEGEN genau das richtige Lesevergnügen. Top! 🙂

MIT MANTEL UND DEGEN, AKT III & IV: Bei Amazon bestellen.
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Samstag, 16. März 2019

BOUNCER Gesamtausgabe 1

Filed under: Abenteuer — Michael um 11:43

BOUNCER Gesamtausgabe 1Im Nachtlager der Konföderierten begegnet man dem Ende des Krieges gegen die Union mit Unverständnis, Unglauben. Einer, der nur darauf gewartet hat, dass der Krieg endlich zu Ende ist und er nach Hause gehen kann, wird als Deserteur gefangen genommen und zurückgebracht. CAPTAIN RALTON hat kein Mitleid mit dem Mann, der sich in seiner Verzweiflung immer wieder auf das Ende des Krieges beruft. Seiner Meinung nach gab es nichts mehr zu desertieren, wo sich keine Armeen mehr gegenüber stehen. CAPTAIN RALTON sieht das anders. In einem ungleichen Säbelduell tötet er den Mann ohne einen Funken Gnade …

Eine düstere Familiengeschichte, erdacht von einem Autor, der sich mit bitterbösen, bitterkomischen Geschichten einen Namen gemacht hat: ALEJANDRO JODOROWSKY. Eine Mutter, drei Brüder und ein dunkles Vermächtnis stehen im Kern der beiden hier in der ersten Gesamtausgabe von BOUNCER zusammengefassten Westernabenteuer: EIN DIAMANT FÜRS JENSEITS und DIE GNADE DER HENKER. Auf der anderen Seite steht Comic-Künstler FRANCOIS BOUCQ, hierzulande durch seine Illustrationen zur Thriller-Reihe DER JANITOR bekannt; einige Jahre vorher schon startete BOUNCER (zu Deutsch: Rausschmeißer), den FRANCOIS BOUCQ in bester Westernmanier im Stile eines JEAN GIRAUD oder COLIN WILSON illustrierte.

Den Leser erwartet ein moderner, harter, nach allen Seiten mitleidloser Western im Stile neuerer Serien wie DEADWOOD oder HELL ON WHEELS. Hier wird nichts romantisiert. Ein Haufen der Leute, die den Wilden Westen unsicher machen, sind raue Gesellen. Zynismus, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Gewaltorgien sind an der Tagesordnung. Nur ein toter Feind ist ein guter Feind. Der amerikanische Bürgerkrieg ist gerade erst zu Ende und hat das Land für viele weitere Jahrzehnte abgrundtief geprägt. Eine Horde ehemaliger Soldaten der Konföderation bahnt sich ihren Weg durch das Land mit Mord, Raub und Vergewaltigung. Da erwacht in ihrem Anführer RALTON der alte Hass auf seinen Bruder BLAKE.

Vor Jahren entzweiten sich drei Brüder in Habgier über einen ganz besonderen Diamanten, das KAINSAUGE. HABGIER offenbart sich in diesem Stein als eines der beiden Hauptmotive der beiden Geschichten, die man getrost auch als Doppelfolge bezeichnen kann. RACHE ist das zweite Motiv. Denn ein Junge musste den Mord an seinen Eltern beobachten. Nach einer ungewöhnlichen Lehrzeit sinnt er darauf, die Killer zur Strecke zu bringen. BOUNCER, so viel sei verraten, ist der Lehrmeister des Jungen. Einarmig zwar (wie auch auf dem Titelbild zu erkennen), schleppt er dennoch gleich drei Knarren mit sich herum. BOUNCER ist ein Mann, der alles andere als aufgegeben hat. Und genau diese Lektion erteilt er dem Jungen.

Großartige Szenen: Ich habe in keinem anderen Western-Comic noch keinen besser inszenierten Postkutschenüberfall gesehen als hier (in der Episode DIE GNADE DER HENKER). Einerseits ist es schon schwierig genug, auf vernünftige Weise Rasanz, Geschwindigkeit in Comics darzustellen. Dies mit einer Kutsche und rennenden Pferden zu schaffen, gleichzeitig die Dramatik der Verfolgungsjagd und des kommenden Überfalls einzufangen, ist eine wirkliche Kunst. Kurz darauf, in einer regnerischen Szene eingefangen, wird es schmutzig wie in einem Italowestern.

FRANCOIS BOUCQ hat die Atmosphäre eines Westerns toll eingefangen. Auf der Basis der von ALEJANDRO JODOROWSKY erzählten Geschichte (man glaubt fast, der Autor habe nie etwas anderes gemacht), entfaltet sich stellenweise ein echtes Spektakel. Ein Überfall auf einen Eisenbahnzug und die erwähnten Lehrstunden in Sachen WIE WERDE ICH EIN KILLER sind kinoreif. Die Szenen in Räumen, einer Schule, im Saloon sowie auf den Straßen einer Westernstadt bestechen durch die detailverliebte Gestaltung und, das muss ganz dringend hervorgehoben werden, eine sehr intensive Farbgebung.

BEN DIMAGMALIV und NICOLAS FRUCTUS sind die beiden Spezialisten, die BOUNCER ins beste Licht tauchen. Hier werden nicht nur tageszeitspezifische Farben aufgetragen, oder solche Szenen gestaltet, die sich in der Dämmerung oder bei der Beleuchtung von Petroleumlampen abspielen, hier wird auch bewusst Stimmung erzeugt. Wenn der Junge seine ermordeten Eltern im Licht der untergehenden Sonne findet oder eine Schießerei mit einer geradezu blendend strahlenden Farbgebung untermalt wird, damit eine heldenhafte Tat (aus der Sicht des agierenden Helden) noch hervorgekehrt wird, haben die beiden Koloristen mehr als alles richtig gemacht.

Ein harter WESTERN von ALEJANDRO JODOROWSKY und FRANCOIS BOUCQ. JODOROWSKY ist über das Medium Comic hinaus als Autor bekannt und hat, meiner Meinung nach, hier eine seiner besten Geschichten abgeliefert. Eng mit dem Genre verflochten, extrem nah an den Charakteren, dem historischen Hintergrund und dem Land, was diese Menschen prägt, ist ein fühlbar plastischer WESTERN entstanden, der dank eines herausragenden Illustrationsteams von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. 🙂

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Mittwoch, 06. März 2019

MONDO REVERSO 1 – CORNELIA & LINDBERGH

Filed under: Abenteuer — Michael um 12:03

MONDO REVERSO 1 - CORNELIA & LINDBERGHDie Sheriffa wollte die Halunkin CORNELIA aus der Stadt heraushaben. Stattdessen wird sie zum Opfer einer Indianerüberfalls. Ein Skalp geht verloren, Männer werden geraubt, CORNELIA kann vorerst entkommen. Aus den Schwierigkeiten ist sie noch lange nicht heraus. Denn wer ein großes Kopfgeld wert ist, sollte Städte meiden. Ein Besuch eines Bordells bringt zeitweilige Freude, endet für CORNELIA aber leider in einer ungeplanten Flucht …

Verdrehte Welt. Die Frauen sind das starke Geschlecht. Die Männer sind das schwache Geschlecht. Jedenfalls nach den Massstäben jener Tage, als der Wilde Westen noch von harten Kerlen erobert wurde, Revolverhelden, Trappern und toughen Siedlern. ARNAUD LE GOUËFFLEC kippt diese Historie. Hier tragen Frauen die Knarren und Männer hübschen sich mit Kleider auf. Männer geraten in Weinkrämpfe angesichts von Indianerüberfällen (Obwohl das sicherlich einige auch damals getan haben; wer kann es ihnen verdenken?). Frauen besuchen männliche Huren. Und es gibt den Trend, dass Frauen sich mitunter als Männer verkleiden, einen Schnurrbart aufmalen und diesen Zustand genießen. Schlussendlich warten noch die Gefühle auf ihren Einsatz, denn ganz gleich welches Geschlecht hier vorneweg marschiert, die Liebe präsentiert eine eigene Rechnung.

In mehreren Kapiteln, ein typischer Serienaufbau des 21. Jahrhunderts, glänzend neu eingebauten MONDO-REVERSO-Schriftzügen (ich liebe diese Spielerei), entsteht für die Figuren in dieser Geschlechterfarce ein recht besonderes Problem. Das ist der Wilde Westen, da gab es Indianer und diese hier leben in derselben archaischen Geschlechterhierarchie wie die Weißen. Aber sie haben ein Mittel gefunden, um die Welt der Weißen gehörig auf den Kopf zu stellen.

ARNAUD LE GOUËFFLEC erzählt nicht nur eine vollkommen verrückte Geschichte (Hätte sich die MONTY PYTHONS noch eine Spur mehr getraut, hätte so etwas dabei herauskommen können.). Er triezt seinen Heldinnen und Helden zudem mit einer unfreiwilligen Geschlechterumwandlung. Da wird es schon mal derb, vulgär, eine Spur MAD. Es scheint, als würde die Geschichte, nachdem sie ARNAUD LE GOUËFFLEC erst einmal ins Rollen gebracht hat, einfach ganz alleine voranlaufen. Denn die beiden Verfolgten, CORNELIA und LINDBERGH, benötigen nur eine Verfolgerin, die Pastorin und Kopfgeldjägerin EMITT HATCHET. Die ist nicht nur sehr gläubig, nie zu Scherzen aufgelegt, sie hasst auch den Rollentausch der Geschlechter, wie sie gleich bei einem Besuch des Saloons DRAG KINGS deutlich macht.

DOMINIQUE BERTAIL verleiht seinen Grafiken mittels Brauntönung einen altmodischen Look, wie von Fotografien jener original historischen Tage her bekannt. Das verleiht den Bilder einen grundsätzlichen Charme, mildert aber kaum die Bissigkeit, das Rotzfreche und die absolut nicht vorhandene politische Korrektheit. Letztlich macht das nichts, denn hier wird nach buchstäblich allen Seiten hin ausgeteilt. Die Figuren bewegen sich auf dem optischen Grad zwischen Realismus und Karikatur. CORNELIA und LINDBERGH mögen die HeldenInnen dieses Bandes sein, der optische Schwerpunkt und augenscheinlich das, was beim Zeichnen den meisten Spaß gemacht hat, sind die Halunkinnen wie EMITT HACHET oder MUMU.

Stilvolle und sehr atmosphärische Hintergründe geben der Geschichte einen schönen Theatereffekt und unterstreichen den Charakter einer bitterbösen Komödie. Im besten Fall gelingt das im Schlupfwinkel von MUMUS Bande, die sich in einer ehemaligen Kirche verschanzt hat. Vom Altar fressen die Schweine, der Beichtstuhl ist verfallen, der Christusfigur am Kreuz wurde ein knochiger Rinderschädel über den Kopf gestülpt. Darüber hinaus lassen die vorzüglich gestalteten Landschaften nichts von den Gegenden vermissen, in denen sich nicht auch alle berühmten Wild-West-Größen wie JOHN WAYNE, JAMES STEWART oder RANDOLPH SCOTT (schöne Karikaturen im Anhang) herumgetrieben haben.

Wer bitterbösen schwarzen Humor mag, der nach allen Seiten hin austeilt, es mag, wenn Klischees völlig durch den Kakao gezogen werden, dem ein paar Anzüglichkeiten nicht peinlich sind und erleben will, wie der bekannte Western gründlich auf den Kopf gestellt wird, ist hier goldrichtig. Mit spitzer Zunge erzählt, klasse illustriert! 🙂

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Samstag, 22. Dezember 2018

WAYNE SHELTON Gesamtausgabe 2

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:13

WAYNE SHELTON Gesamtausgabe 2Vater werden ist nicht schwer. Vater sein dagegen sehr. Bislang war WAYNE SHELTON davon ausgegangen, kinderlos zu sein. Aus einer dubiosen Quelle allerdings erfährt er nicht nur von einem alten Feind, der wieder aufgetaucht sein soll, sondern darüber hinaus von einem jungen Mann namens TRAN, der behauptet, WAYNE SHELTON sei sein Vater. SHELTON ist immerhin auf diesen angeblichen Sohn neugierig. Doch in SHELTONS Leben geht es alles andere als leicht zu. Das ist der Sicherheitsfachmann gewöhnt. Einen Häftling aus einem Gefängnis in Indonesien ist dennoch kein alltäglicher Job. Zumindest kann TRAN, der dort in einer Zelle in der Nähe von Jakarta hockt, erst einmal nicht weglaufen …

WAYNE SHELTON bedeutet gut gestylten Thriller im Medium Comic. Autor THIERRY CAILLETEAU lüftet ein paar Geheimnisse aus der Vergangenheit des charmanten Serienhelden. Der Mann, eine Kreuzung aus TOM CRUISE und DAVID NIVEN, weltweit tätig in Sachen Personenschutz, Spionage und anderen Sonderfällen, war als Soldat in VIETNAM und erlebte dort den ganzen Alptraum vieler junger amerikanischer Truppenangehöriger. Eine Aufklärungsmission läuft aus dem Ruder. Und WAYNE SHELTON macht die bittere Erfahrung, dass Feinde nicht nur unter den VIETCONG zu finden sind. Allein dieser Abschnitt des zweiteiligen Thrillers, der in der Vergangenheit in VIETNAM, in der Gegenwart in INDONESIEN spielt, macht das Abenteuer lesenswert. Der Brückenschlag in unsere Zeit über den angeblichen Sohn lässt den Gentleman SHELTON menschlicher, nahbarer werden.

Diese emotionale Tiefe war im Zusammenhang mit Freunden oder seiner (partiell) langjährigen Lebensgefährtin HONESTY GOODNESS spürbar. Aber zwischen Vater und Sohn fallen die Bande auf die eine oder andere Art nun einmal stärker aus. THIERRY CAILLETEAU nutzt dieses neue Gespann, um diese Form der Verbindung herauszuarbeiten, Rückblicke inklusive (damit der Leser auch erfährt, wie es zu diesen Vaterfreuden letztlich kam und wie stets ist es bei WAYNE SHELTON ein alles andere als gewöhnlicher Vorgang). Der Sohn, TRAN, geleitet von einem fernöstlichen Ehrbegriff, ist seinem Vater zwar äußerlich nicht ähnlich, sein Gemüt und sein Mut hingegen stehen der Leitfigur in Nichts nach.

CHRISTIAN DENAYER arbeitet seit den 1960ern im Comic-Geschäft. Sein Talent führte ihn schnell zu eigenen Projekten und in die Zusammenarbeit mit bekannten Autoren des Mediums. Comic-Fans für die Bereiche Thriller oder Fahrzeug-Action werden ganz bestimmt einmal auf Arbeiten von ihm gestoßen sein. Hier ist, das lässt sich guten Gewissens und voll des Lobes behaupten, alte Schule am Werk und CHRISTIAN DENAYER darf getrost mit ähnlichen Talenten wie ROGER LELOUP, PHILIPPE FRANCQ und ähnlich technisch versierten Künstlern auf eine Stufe gestellt werden. Der Strich ist klar, jede Perspektive perfekt eingefangen, jedes Fahrzeug, jede Figur, jede Kulisse vom Möbelstück bis zur Gebäudefassade. CHRISTIAN DENAYER bietet seinen Lesern eine filmreife Leistung.

Und würde es sich um einen Film handeln, würde an Schauplätzen nicht gegeizt. VIETNAM und INDONESIEN, Piraterie auf hoher See (inklusive der Kaperung eines Containerschiffes), spektakuläre Hubschrauberabstürze, indonesische und afrikanische Exotik, japanische Gangster und afrikanische Warlords, menschliches Drama und Vietnamkrieg, kurzum: das Spektrum in dieser Ausgabe ist weit gefächert und wäre als Film eine vielfach millionenschwere Investition. Und es passt: Das Indonesien-Abenteuer baut seine Charaktere optisch toll auf, präsentiert einen souverän agierenden WAYNE SHELTON, der im Smoking, im Trechcoat wie im Dschungel-Look immer gleichermaßen starke Auftritte hinlegt.

Echte Kerle paradieren auf den Seiten der Helden, wenngleich WAYNE SHELTON derjenige mit dem besten Stil ist und seine Kollegen, meist Haudegen ähnlichen Alters, etwas bequemer geworden und weniger fit sind. Als Erzfeind ist HOOKER gut herausgearbeitet, dicklich, aber nicht unsportlich, von hohem Wiedererkennungswert, ähnlich wie die Figuren CHULEPAS und MADAM YOON, die eine sehr besondere Episode verbindet. Als exemplarisches Rasseweib, ein Augenstern, auf den auch die großen Blockbuster nicht verzichten, steht HONESTY GOODNESS vorne an. Weit und breit spielt ihr niemand die Show.

Die Mechanismen eines guten Thrillers und einer tollen, international handelnden Abenteuergeschichte funktionieren hier auf jeder Seite. WAYNE SHELTON ist nicht rundum gut, seine Aktionen aber stets nachvollziehbar. Er ist kein englischer Geheimagent, dafür steht er zu oft auf der falschen Seite des Gesetzes. Ein Gentleman-Verbrecher eben und von THIERRY CAILLETEAU schön entworfen und lesenswert erzählt. Sehenswert dank CHRISTIAN DENAYER. 🙂

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Mittwoch, 19. Dezember 2018

MIT MANTEL UND DEGEN – Akt I & II

Filed under: Abenteuer — Michael um 18:53

MIT MANTEL UND DEGEN - Akt I & IIVENEDIG in den Zeiten des klassischen BAROCKS: In den Nächten pulsiert das Leben auf den Straßen zwischen den Kanälen, Theater und Tanz, heißblütige Frauen, Halunken auf der Suche nach leichter Beute. Inmitten des Trubels suchen die Abenteurer ARMAND RAYNAL DE MAUPERTUIS, ein fuchsig listiger GASCOGNER, und DON LOPE DE VILLALOBOS Y SANGRÍN, ein wölfischer Duellant und HIDALGO, ihr Glück und stehen den Hilflosen bei. Ein solcher Hilfloser begegnet ihnen in Form eines verzweifelten Vaters, dessen Sohn gegen Lösegeld entführt wurde. ARMAND und DON LOPE wären nicht die Haudegen, die sie nun einmal sind, würden sie der Angelegenheit einfach aus dem Weg gehen. Kaum angesprochen schwimmen sie auch schon in dunkler Nacht auf eine Schebecke, ein Segelschiff, im Hafen zu, um den in Not geratenen Sprößling zu befreien …

Autor ALIAN AYROLES und Illustrator JEAN-LUC MASBOU schicken den Leser auf eine farbenfrohe, märchenhafte, klassische Reise, in ein fröhliches Abenteuer, in dem sich die Helden stets aufs Neue bewähren. 1995 und 1997 entstanden die vorliegenden Geschichten in diesem Doppelband: DAS GEHEIMNIS DES JANITSCHAREN und UNTER SCHWARZER FLAGGE. Tierische Darsteller mischen sich unter Menschen in einem Mantel- und Degen-Szenario, wie es eigentlich nur aus der guten alten Hollywood-Zeit her bekannt ist, als Schauspieler wie ERROL FLYNN, DOUGLAS FAIRBANKS JR., TYRONE POWER, GENE KELLY und andere in Strumpf- und Pluderhosen über die Leinwände turnten, sprangen und fechteten. Der Erzfeind von DON LOPE und ARMAND in diesen beiden Abenteuern, ein CAPITAN MENDOZA, steht den Helden schmierig und brutal gegenüber wie einst ein BASIL RATHBONE einem ERROL FLYNN in CAPTAIN BLOOD (UNTER PIRATENFLAGGE, 1935), dem Piratenklassiker schlechthin.

Grafisch und optisch herausragend: JEAN-LUC MASBOU entfaltet ein großes Bilderbuch, in dem jede Farbnuance verwendet worden zu sein scheint. Die Farbvielfalt verwöhnt das Auge über die Maßen. Alles hier, jede einzelne Seite ist farbenprächtig, ob sie nun Tagesszenen oder nächtliche Sequenzen vorführt. Es wird gefeiert, gefochten und geraubt, in den alten Gassen, auf hoher See, auf Schiffen, die prall leuchten, während die Besatzungen einander in wilder Feindschaft gegenüber stehen. Selten war eine Seeschlacht so bunt und so schön anzuschauen! Aber mehr noch: Neben dieser Farbenpracht wird von JEAN-LUC MASBOU auch nicht an Einzelheiten gespart. So schafft es der Illustrator mitunter sogar einen Wimmelbildeffekt auf den Seiten zu platzieren.

ALAIN AYROLES (und natürlich auch sein Zeichnerkollege) kennt die Vorlagen der Piratengeschichten ebenso gut, wie es die Macher der PIRATES OF THE CARIBBEAN Reihe ein paar Jahre später taten. Wenige dürften an diesen Filmen mit JOHNNY DEPP in den letzten Jahren vorbei gekommen sein (wenn man den Besucherzahlen glauben darf). Und wer die Filme auf der Leinwand sah, hat direkt einen großen Teil des Humors der vorliegenden Comic-Abenteuer vor Augen. ALAIN AYROLES hat sich mit überdrehtem Spaß einen Namen im MEDIUM Comic gemacht. Das schamlos komische Märchen GARULFO aus seiner Feder, parallel zu dieser Serie damals erschienen, arbeitet mit ähnlicher Groteske. Spätestens wenn EUSEBIUS, ein kleines weißes Kaninchen, zur Mannschaft stößt, sollte jedem Leser aufgehen, dass hier ein sehr freundlicher Wahnsinn Methode hat.

MIT MANTEL UND DEGEN bedeutet hier pralle Erzähllust, ein grafisches Spektakel, höchst liebevoll gestaltet, mit allem, was eine Piratengeschichte benötigt (und selbstverständlich sogar mit untoten Piraten). Ein eigentlich unmögliches Trio sorgt mit bestem Willen für ein lustiges Chaos. ALAIN AYROLES und JEAN-LUC MASBOU nutzen MIT MANTEL UND DEGEN als Bühne für Abenteuer, denen keine Grenzen gesetzt sind. Toll! 🙂

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Freitag, 02. November 2018

JUGURTHA Gesamtausgabe 4

Filed under: Abenteuer — Michael um 18:15

JUGURTHA Gesamtausgabe 4Das römische Joch in der kleinen Exklave wurde abgeschüttelt. Der kleine Tyrann ist tot. Die wenigen verbliebenen Römer, die selbst unter der Schreckensherrschaft litten, wollen bleiben. Keinen zieht es in den römischen Einflussbereich zurück, wo sie wieder versklavt werden, als Gladiatoren leben müssen und zurück in den Soldatendienst gezwungen werden. Lieber sind sie fernab von Rom frei. Allerdings haben die afrikanischen Einheimischen keineswegs vergessen, was ihnen alles unter der römischen Knute angetan wurde. Und so lange ein Römer in ihrer Nähe lebt, wird es niemals richtigen Frieden geben …

In der 4. Gesamtausgabe von JUGURTHA sind drei Alben versammelt, die nahtlos an das vorherige Geschehen anschließen. Im 13. Abenteuer, DER GROSSE VORFAHR, verlässt JUGURTHA zusammen mit seiner Begleiterin VANIA das Dorf, in dem er jüngst gefangen gehalten wurde und glaubt nun all das erlebte Elend hinter sich lassen zu können. Das ist ein fataler Irrtum. Aus dem Duo wird mit der jungen AICHA sehr bald ein Trio und aus einer einfachen Reise eine Flucht durch das Land der HUTU, TUTSI und BATWA. Die kleinwüchsigen BATWA sind das geringste Problem für JUGURTHA und die beiden Frauen. Denn kurz darauf finden sie sich in der Gewalt der TUTSI und werden mit der Legende des GROSSEN VORFAHREN kontrontiert.

VERNAL, Autor von JUGURTHA, hat seine Hauptfigur längst im Bereich der FANTASY ankommen lassen. ROM ist ein Thema, aber das geheimnisvolle Afrika muss um ein Vielfaches verführerischer gewesen sein. Dieser in jenen antiken Tagen rätselhafte Kontinent, der ROM als Sklaven- und Kornspeicher diente, war in seinem Landesinneren nahezu unbekannt und hält heute noch Legenden und Märchen parat, die so ganz anders sind als im Rest der Welt. So tobt sich VERNAL in diesen drei Abenteuern ähnlich aus, wie es ein Kollege, der CONAN-Erfinder ROBERT E. HOWARD, einst tat. Alles ist möglich, wirklich alles, wie der Leser zum Schluss dieses Bandes feststellen wird. So viel sei versprochen.

Viele Völker haben eine Legende, die ihre Herkunft erklärt (oder auch verklärt). VERNAL spielt in diesem Band mit diesem mythischen Konstrukt. Das 14. Abenteuer, DIE MONDBERGE, bildet den Mittelteil einer Trilogie oder eines thematischen Zyklusses. Das 15. Abenteuer, DER SCHWARZE STEIN, bildet einen vermutlich vorübergehenden Abschluss, denn für den Leser wie auch für das Duo JUGURHTA und VANIA bleiben noch reichlich Fragen offen.

FRANZ ist zum Stand dieses Bandes ein vorbildlicher Comic-Künstler. Stilistisch auf höchstem Niveau, mit dem Tuschestrich gleichauf mit anderen (Alt-)Meistern seines Fachs (angesiedelt zwischen einem COLIN WILSON und einem JEAN GIRAUD). Wie er das afrikanische Flair einfängt, hat richtig Klasse (und ich hätte es gerne gesehen, dass er diese Befähigung nutzt, um den afrikanischen Kontinent einer vergangenen Ära illustratorisch in weiteren Szenarien einzufangen). Oder … leider darf ich darauf nicht allzu sehr eingehen, ohne zu spoilern. Sagen wir einfach, FRANZ würde sich sicherlich auch in einem Szenario rund um INDIANA JONES grafisch zurecht finden.

Farblich orientiert sich FRANZ an Techniken, wie sie die beiden erwähnten Kollegen ebenfalls sattsam angewendet haben (und viele andere jener alten Schule), nämlich, indem neben einer realistischen Farbgebung gerne verfremdet wird, damit eine Stimmung deutlicher wird und eine bestimmte Farbausrichtung die Oberhand gewinnt. Zugegebenermaßen findet dies hier in den Abenteuern 13 und 14 weniger Anwendung. Viele helle, bei Tageslicht stattfindende Sequenzen zeigen ein farbenfrohes Savannen-Afrika. Erst in DER SCHWARZE STEIN kippt die Stimmung häufiger. Dem Szenario angepasst werden die Bilder düsterer. Nachtszenen und Erzählstränge, die in eine Art steinerne, fast natürliche Festung (mit anschließender Überraschung) führen, verdeutlichen den Stimmungswechsel und eine völlig andere Richtung des Abenteuers (die VERNAL sehr klug, sehr geschickt einführt).

VERNAL liebt das Unvorhersehbare, entsprechend spannend sind JUGURTHAS Abenteuer in dieser 4. Gesamtausgabe angelegt. Niemand wird den Verlauf dieser Geschichten vorherahnen können. Erstklassige Abenteuererzählkunst. FRANZ zeichnet technisch perfekt, toller Strich, hervorragende Farbgebung. Das passt alles hundertprozentig von Anfang bis Ende. Wer historische Szenarien mit einem Schuss Fantasy mag, wird hier goldrichtig aufgehoben sein! 🙂

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Dienstag, 29. Mai 2018

JUGURTHA Gesamtausgabe 3

Filed under: Abenteuer — Michael um 12:12

JUGURTHA Gesamtausgabe 3Auf afrikanischem Boden fernab des großen Herrscherhauses, dem Konflikt mit dem römischen Imperium und dem späteren weitaus glücklicheren Exil befindet sich JUGURTHA nun in einer lebensbedrohlicheren Lage auf dem Meer. Das Land wirkt zunächst wie eine Zuflucht. Doch weit gefehlt. Denn gleich nachdem JUGURTHA und seine Begleiterin VANIA das Ufer erreichen, werden sie gefangen genommen.

Autor JEAN-LUC VERNAL nutzt den afrikanischen Kontinent für eine fühlbar andere Richtung der Abenteuer rund um JUGHURTA. Es wird geheimnisvoller, mysteriöser. Die Menschen gehen alles andere als zimperlich miteinander um. Im Umfeld von Stammesfehden, Kämpfen um die Vormachtstellung, auch in der Liebe ist alles erlaubt. Das weiße Paar fällt ziemlich inmitten der Schwarzafrikaner auf, obwohl Weiße hier nicht unbekannt sind, denn hier dreht sich der Spieß jener Tage um. Wer hier als Schiffbrüchiger an Land gespült wird, endet dort als Sklave.

Die Magie, besonders eindrucksvoll in Szene gesetzt durch einen Zauberer mit der Maske eines Zebras, ist stark in diesem Landstrich. Die Menschen glauben daran. Das macht es anderen es noch einfacher, sich ihrer als Machtinstrument zu bedienen. Wenig später wird Magie sogar zum Hilfsmittel im Kampf um JUGURTHA selbst. Hier ist alles zunächst weit weg von römischer oder zumindest antiker höfischer Lebensart. Erst gegen Ende, im letzten Abenteuer der hier vier versammelten Alben, kommen in MARSIAS GLADIATOREN wieder die Römer ins Spiel. In den Wirren römischer Geschichte ist eine Gruppe abtrünniger Legionäre, die andernorts ihr eigenes Königreich aus der Taufe heben, gar nicht einmal so unwahrscheinlich.

Es ist sehr gut zu beobachten, dass JUGURTHA ein stilistisch ganz eigener Held geworden ist. Obwohl das Szenario durchaus mit dem von CONAN und anderen Barbaren vergleichbar ist (die Antike ist das Vorzeigezeitalter (neben dem Mittelalter) für Fantasy-Epen), bleibt JUGURTHA in jeder Situation menschlich. Er kann schon einmal richtig zusammenbrechen und seiner Gefährtin VANIA den Erzählstrang überlassen. Er kann gewalttätig sein, ist aber meist sehr überlegt, emotional verletzbar und über allen Eigenschaften hat JEAN-LUC VERNAL nie vergessen, dass der Held einmal aus einem Fürstenhaus kam, Menschen anführte und einen Ehrbegriff besaß. Selbst in der auswegslosesten Situation kann JUGURTHA diese grundlegenden Eigenschaften nicht mehr abschütteln.

DAS FEUER DER ERINNERUNG, das dritte Abenteuer in der vorliegenden 3. Gesamtausgabe, stellt auch das Titelbild des Sammelbandes. Innerhalb der vier Geschichten dürfte es das Abenteuer mit der menschlichsten Thematik sein. Wie weit geht ein Mensch, um den geliebten und über die Maßen angebetenen Menschen auf seine Seite zu ziehen und Rivalen auszuschalten? Gleichzeitig kann sich JUGURTHA sich hier am schlechtesten aus der sprichwörtlichen Affäre ziehen.

Die Kunst von FRANZ, dem Zeichner dieser Serie (Nachfolger von HERMANN), funktioniert auch in Schwarzweiß (nicht missverstehen, die Serie ist in Farbe). Damit sehen seine Arbeiten aus wie aus der alten Schule stammend (was gut ist!), qualitativ Seite an Seite mit Künstler wie HAL FOSTER, CULLEN MURPHY (beide bekannt von PRINZ EISENHERZ) oder immer noch sehr aktiven Illustratoren wie COLIN WILSON. Künstler also, die mit ihrem Strich Verantwortung am Gesamtergebnis an Koloristen abgeben können, aber nicht müssen.

Hier herrscht höchste Präzision körperlicher Darstellung, von Muskelspiel, Mimik und Perspektive. Der Strich ist zart bis ruppig, je nach Szenerie. Der Bildaufbau ist filmisch bis theatralisch und unvorhersehbar. FRANZ sucht immer einen neuen Seitenaufbau, von klein gestaffelt bis monumental und detailreich.

Zwei Könner auf der Höhe ihres Schaffens. Packend erzählte Historie, sehr ernst, sehr authentisch wirkend. Ein sympathischer, aufrechter Held, mit Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen, vollendet ausgedacht, nimmt den Leser, Erwachsene sicherlich mehr als Jugendliche auf die Reise mit. Tolle Afrika-Abenteuer! 🙂

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Dienstag, 01. Mai 2018

MISTY MISSION 1

Filed under: Abenteuer — Michael um 9:28

MISTY MISSION 1 – WIE IM HIMMEL SO AUF ERDEN1967 in Danville, Alabama, hat JOSHUA LACOUR ein großes Problem in Form des Sheriffs. Wenn der Ruf in einer kleinen Gemeinde sowieso beschädigt ist, gerät einer wie JOSH schnell auf die Liste der schwarzen Schafe. Als er eines Tages wegen Trunkenheit am Steuer eines Motorrads festgenommen wird, wil der zuständige Richter ein Exzempel statuieren. Aber JOSH sieht einen Ausweg. Statt der angedrohten sechs Monate Gefängnis, will er lieber ehrenvoll für sein Land in den Krieg nach Vietnam ziehen. So tönt er es jedenfalls und hält den Krieg für das kleinere Übel. Kaum zwei Monate später weiß er, wie sehr er sich getäuscht hat …

MISTY MISSION von MICHEL KŒNIGUER behandelt das große amerikanische Kriegstrauma und zeigt die Sinnlosigkeit des Unterfangens in und über den Dschungeln dieses von den Vereinigten Staaten von Amerika so fernen Landes. Als Autor und Zeichner in Personalunion behandelt MICHEL KŒNIGUER dieses Trauma anhand der Schicksale zweier unterschiedlicher Freunde. NICHOLAS BEAULIEU und JOSHUA LACOUR, namentlich mit französischen Wurzeln, aus dem tiefsten amerikanischen Süden stammend, treten als Soldaten in den Krieg ein. Der eine wird Kampfpilot, der andere Infanterist in der 1. Kavallerie-Division, einer Einheit, die nicht mehr zu Pferd, sondern per Hubschrauber ans Einsatzziel gebracht wird.

NICHOLAS BEAULIEU und sein Flugzeug sind zeitweiligen Luftabwehrgeschossen ausgesetzt, darüber hinaus setzen seine Angriffe auf den Boden aus relativer Sicherheit an, denn Abschüsse durch Feindeshand sind selten. Noch viel wichtiger allerdings ist die Tatsache, dass er meist nicht erfährt, was er unten mit Menschen anrichtet. Bei JOSHUA LACOUR sieht die Angelegenheit schon ganz anders aus. An seinem Beispiel gerät der Leser mit in die nächste Nähe zum Vietcong. JOSHUA LACOUR sieht seine Kameraden durch den Gegner sterben. Und er sieht sie durch seine Hand sterben. Über jemandem, der den Krieg wählte, um dem Gefängnis zu entgehen, weil er den Dienst für das Vaterland für die leichtere Alternative hielt, bricht die Hölle auf Erden herein.

Dabei beginnt es so harmlos mit einem typischen amerikanischen Kleinstadtflair der 1960er Jahre. Auf einer weißen Hochzeit haben die Weißen das Sagen und feiern, Schwarze dürfen in Alabama die Band stellen und für das leibliche Wohl sorgen. Von Bürgerrechtsbewegungen ist hier noch nichts zu spüren, Willkür indes existiert, Reich duckt Arm gänzlich farbenblind. In Vietnam erfolgt für JOSHUA LACOUR ein Kulturschock. Hier kehrt sich alles um, sein Sergeant ist sogar ein Abkömmling amerikanischer Ureinwohner, kurz ein Indianer hat das Sagen und kommandiert den kleinen Trupp, der immer wieder durch Neuankömmlinge aus der Heimat zwangsläufig aufgeforstet wird (wegen der Gefallenen, die die Heimreise antreten).

MICHEL KŒNIGUER verzichtet auf die Darstellung von Auswirkungen der allgegenwärtigen Gewalt und bricht, nähme man einen Film zum Vorbild, eine Kamerafahrt rechtzeitig ab. In den Scharmützeln, die mit aller Härte und ohne Mitleid geführt werden, in den Explosionen durch Raketenbeschuss, Gunships, Handgranaten und den Einschlägen von Kugeln aus automatischen Gewehren bedarf es kaum großer Fantasie darüber, was denjenigen geschehen mag, die sich im Zentrum der Feuersbrünste befinden. Aus dem kleinen Ganoven mit Herz, JOSHUA LACOUR, wird allmählich etwas anderes.

MICHEL KŒNIGUER erzählt eindringlich, ohne Pathos von einem Krieg, der sich ins Weltgedächtnis eingebrannt hat. Der Schwerpunkt der Handlung liegt eindeutig auf der Figur des JOSHUA LACOUR, zu dem man als Leser schnell Sympathie fassen kann, denn seine Ängste sind allzu begreiflich. Die technischen Darstellungen von MICHEL KŒNIGUER sind präzise, bei Figuren greift er auch mal auf eine schauspielerische Vorlage zurück. So hat für den Richter, der JOSHUA LACOUR vor die Wahl stellt, Knast oder Krieg, JAMES CROMWELL Pate gestanden. 🙂

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Mittwoch, 14. Februar 2018

MOSES ROSE 1 – Die Ballade von Alamo

Filed under: Abenteuer — Michael um 18:00

MOSES ROSE 1 - Die Ballade von AlamoDas improvisierte Fort ALAMO ist unter dem Ansturm der Mexikaner unter GENERAL SANTA ANNA gefallen. Die Leichen der Verteidiger wie auch der Angreifer teilen sich einen verwüsteten Boden, brennende Trümmer und bieten sich gleichermaßen den Krähen zum Fraß an. Ein einzelner Überlebender, einer, der für die Freiheit von Texas kämpfte, hat sich in Sicherheit gebracht und betrachtet die Ruinen aus der Ferne. Demütig den Hut gezogen und Tränen vergießen, mehr kann er nicht tun …

ALAMO war lange ein amerikanisches Trauma und wurde natürlich in Kinowestern verarbeitet. Nicht zuletzt geschah das in ALAMO von und mit JOHN WAYNE, aber, auch näher an der Hauptfigur dieser Geschichte, in DER MANN VON ALAMO mit GLENN FORD (der hier den einzigen Überlebenden der Schlacht spielt). Mit MOSES ROSE verhält es sich ganz genauso. In DIE BALLADE VON ALAMO, wie der erste Teil der Westernreihe MOSES ROSE heißt, will die Öffentlichkeit selbst 16 Jahre nach dem Fall des Forts dem einzigen Überlebenden und wahrscheinlichen Deserteur LOUIS MOSES ROSE nicht verzeihen und ihn lieber sofort vor ein Kriegsgericht wegen dieses Vergehens stellen. Immer noch möchte MOSES ROSE seine Unschuld beweisen. Aber … eine Möglichkeit gäbe es dazu. Aber diese ist lebensgefährlich.

Mit PATRICE ORDAS und PATRICK COTHIAS haben sich ein Experte für historische Szenarien und Romanautor gleichermaßen und ein erfolgreicher Comic-Autor zusammengetan. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Mann, der sich mit Kriegen auskennt, der unter NAPOLEON in der Schweren Kavallerie diente und das Drama und die Tragödie von ALAMO miterleben musste. Sein Überleben wurde ihm Jahre später immer noch nicht verziehen. Der mexikanische GENERAL SANTA ANNA hatte zuvor jeden männlichen Gefangenen hinrichten lassen. Nun aber soll der Weg zurück zum Ort der Tragödie führen. In den vergangenen 16 Jahren jedoch hat der WILDE WESTEN nichts von seiner Wildheit verloren.

Es ist interessant und gut, dass PATRICE ORDAS UND PATRICK COTHIAS einmal eine völlig andere Seite dieses WILDEN WESTENS aufschlagen. In den Bayous treffen die Abenteurer auf die CADIENS, Abkömmlinge von Indianern, Schwarzen, weißen Spaniern und Franzosen, die ihr Auskommen als Flusspiraten fristen. Dieser Abschnitt innerhalb der Geschichte ist ein erneutes Abtauchen in eine noch viel andere Welt, martialisch, barbarischer noch, als es der WILDE WESTEN selber war.

Anderes wird dem Leser bekannt vorkommen, nur vielleicht nicht aus dieser Epoche. Der nordamerikanische Kontinent war und ist Einwanderungsland, im 19. Jahrhundert eine Art gelobtes Land. Neben den Hoffnungsvollen kamen auch die Ganoven und so ist auch ein Vorläufer der sizilianischen Mafia nicht weit. Neben klassischen Westernelementen fügen die Autoren Passagen ein, die ein weiteres Licht auf diese frühen Einwanderer werfen, andererseits die Gräueltaten an den Ureinwohnern einmal mehr thematisieren.

Zeichnerin CHRISTELLE GALLAND gibt dieser Welt in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein sehr urwüchsiges Gesicht. In dieser Welt offensichtlich noch auf Waffen und Schifffahrt beschränkt. Der Sheriff, der an der Seite von MOSES ROSE agiert, hantiert noch mit einem Bündelrevolver, während Attentäter schon moderner bewaffnet auftreten. Die berühmten Mississipidampfer gibt es bereits, qualmend und wassertretend. Sehr schön sind die Sequenzen, die den Leser an das Leben (und Überleben) der indianischen Ureinwohner heranführen, einer Kultur, die deutlich höher stehender ist, als jene der räuberisch lebenden CADIENS.

Die Striche und die Tuscheführung von CHRISTELLE GALLAND sind außerdentlich fein, sehr auf Accessoires bedacht, wenn es zum Beispiel daran geht, die gemischten Kleidungsstücke aus Alltagsbekleidung und ehemaligen Militäruniformen zu zeigen und so das Szenario in vielen Details zu beleben. So darf sich der Leser auch auf eine tolle Reise durch eine wilde, reich inszenierte Landschaft freuen. Aus einer typischen Westerstadt, einer nachgeahmten Zivilisation, den Fluss hinunter, durch das weit verzweigte Bayou-Netz, über das Meer, immer Richtung Texas.

Sehr schöner Westernauftakt, einmal aus einer etwas früheren Zeitspanne, noch vor der Hochzeit der Cowboys, Viehtrecks und der sattsam bekannten Outlaws. MOSES ROSE schlägt dennoch ein finsteres Kapitel amerikanischer Geschichte auf, spannend, nicht zimperlich, schön illustriert. Für Western-Fans uneingeschränkt empfehlenswert. 🙂

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