Freitag, 27. August 2010
Talinn, Evrane und Lorky haben ein Problem. Wie alle Heranwachsenden sind sie mit manchen (oder auch vielen) Ansichten nicht einverstanden. Besonders, wenn es ihre Zukunft betrifft. Talinn möchte Knappe werden, doch daheim hält sein Vater ihn nicht für fähig, dieses auch zu leisten. Besser wäre es, er hülfe auf dem Hof, wie es sich für einen Bauernsohn gehört. Evrane mag sich weder mit ihrer Stellung als Mädchen noch als Bauerntochter anfreunden. Sie übt den Schwertkampf. Sie will dazu gehören, obwohl ihre Mutter sie in ihre Schranken weisen will. Und Lorky? Der kleine Lorky will einfach da sein, wo etwas los ist. Eine Weissagung erklärt ihm, dass er davon bald mehr haben wird, als ihm möglicherweise lieb ist.
Jean-Charles Gaudin, Fantasy-Freunden von Marlysa her bekannt, startet mit Angor eine Reihe, die ein sehr jugendliches Abenteuer erzählt und ein wenig an Klassiker wie Taran von Lloyd Alexander erinnert. Nur hat der Leser hier die Wahl, sich seinen persönlich sympathischsten Helden herauszusuchen. Charakterlich sind die Hauptfiguren verschieden genug. Talinn, in sich gekehrt, ehrgeizig und hilfsbereit. Evrane, behutsam, bedacht, kämpferisch, auch ein wenig mütterlich zu den anderen. Lorky, die Jungenrolle in der Geschichte, der Naseweis, manchmal zu schnell mit der falschen Aktion bei der Sache. Und alle haben das Herz am rechten Fleck.
Dimitri Armand kann nicht verleugnen einen leichten Hang zu Disney-Filmen zu besitzen, insbesondere solche, die mit menschlichen Figuren arbeiten. Wer Filme wie Atlantis oder Der Schatzplanet gesehen hat, wird die Ähnlichkeit schnell feststellen. Schlanke Staturen, schmale, relativ spitz zulaufende Gesichter mit vergleichsweise großen, ausdrucksstarken Augen. Durch feinere Ausarbeitung und Kolorierung, die für Volumen sorgt, entsteht eine recht realistische Zeichnung. Mit all diesen Fertigkeiten, auch den Fähigkeiten zur Abstraktion, wie die Brakyas, eine Monstergattung, beweisen, empfiehlt sich Armand auch, in die Fußstapfen des verstorbenen Carlos Meglia treten zu können. (Canari wurde wegen des Todes des Zeichners nicht mehr vollendet.)
Bis auf die Brakyas verzichtet die Welt von Angor (weitestgehend) zunächst auf andersartige Gestalten. Vieles wirkt mittelalterlich, aber auch wie ein sehr sauberes Mittelalter. Dimitri Armand zeichnet sauber, penibel, jede Form von Perspektive beherrschend. Einige Szenen sind besonders spannend gelungen, allein durch die Wahl der Kameraführung. Die Ausstattung macht einen tollen Eindruck. Von Angor möchte man mehr sehen und es sind auch solche Einblicke wie in einen normalen Haushalt, die der Welt eine besondere Dichte geben.
Da Effekte relativ selten sind, ziehen sie umso mehr Aufmerksamkeit auf sich. Wie bereits auf dem Titelbild ersichtlich ist, spielt ein leuchtender Gegenstand eine besondere Rolle. Daraus ergeben sich, gerade zum Schluss, ein paar interessante Einblicke. Ein neuer Freund ist hier ein Stichwort, dessen Gestaltung sehr gelungen ist.
Ein gefälliger und sehr schön gestalteter Auftakt. Die Rätsel sind sparsam gesät, so behält die weitere Entwicklung der Handlung größtmöglichen Spielraum. Alles ist möglich. Für Fantasy-Freunde, die mehr an Abenteuern als an Schlachten und Kämpfen interessiert sind, könnte die Geschichte einen Blick (oder mehr) wert sein.
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Mittwoch, 25. August 2010
Die drei Drachenritterinnen haben sich noch nie zuvor gesehen. Sie erwachen in diesem finsteren Raum und wissen nicht, wie sie hierher gekommen sind. Nachdem sie einander vorgestellt und sich von ihren Fesseln befreit haben, machen sie sich an die Lösung der dringlichsten Frage: Wie kommen wir hier wieder heraus? Das gestaltet sich jedoch sehr viel schwieriger, als die drei Frauen es sich vorgestellt haben. Sobald sie eine Tür aufgebrochen haben, wartet ein gewaltiges Höhlenlabyrinth auf sie. Im nächsten Augenblick, sie haben sich noch nicht von ihrer Überraschung erholt, strömt ihnen ein Rudel vom Übel befallener Monstren entgegen. Ab jetzt bleibt nur noch der Kampf.
Andernorts versucht ein Mann die Rätsel der Drachen zu ergründen. Damit hat er sich eine gefährliche Aufgabe gestellt, sind es doch einzig Jungfrauen, die nicht vom Übel in der Nähe von Drachen befallen werden und somit auch die einzigen sind, die in den Orden zu Rittern ausgebildet werden. Pater Hassan verwahrt ein Stück eines Zehs eines Drachen in seinem Laboratorium auf. Er beobachtet das langsame Wachstum des Übels rundherum. Seine Suche ist vom Geist eines Wissenschaftlers geleitet. Ein edles Motiv, aber nicht zur Gänze das einzige.
Auf den großen Kampf gegen einen Drachen müssen die Leser in dieser Episode verzichten. Die in sich abgeschlossenen Geschichten der einzelnen Bände aus der Reihe Die Legende der Drachenritter fügen sich wie Mosaiksteine zu einem großen Bild dieser Fantasy-Welt zusammen. Auf der einen Seite steht der einzelne Ritter oder auch eine Kampfgemeinschaft im leicht überschaubaren Gefecht gegen einen Drachen. Auf der anderen Seite existieren verschiedene politische Positionen innerhalb wie außerhalb der einzelnen Drachenorden. Hier geht es um Macht. Manche wollen die Orden entmachten. Einige wollen neutral bleiben. Wieder andere wollen die weltliche Macht brechen und die Orden an die Spitze einer neuen Ordnung setzen.
Das Autorenduo AnGe setzt sich mit dieser Reihe ein eigenes kleines Denkmal. Die Vielfalt der Reihe ist vorbildlich und zeigt jüngst einmal mehr, was alles aus einer Welt im Comic herauszuholen ist. Auch ist es ihrer Erzählkunst zu verdanken, dass stetig neue Charaktere etabliert werden können, die immer neue Facetten dieses Universums zeigen. Die Wirkung wird durch den steten Wechsel der Zeichner noch verstärkt.
Francisco Ruizge pflegt einen realistischen, aber auch reduzierten Zeichenstil. Mit klaren knappen Linien, die sich bereits aus dem Titelbild ersehen lassen, entstehen Bilder, in denen eindeutig die Charaktere im Vordergrund stehen und weniger die Kulissen. Diese beherrscht er zwar, allerdings haben AnGe der Weltenzeichnung in diesem Band keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. So fällt es Ruizge zu, die kämpfenden Frauen ebenso zu begleiten wie auch den Intrigenspielen an der Oberfläche. Das ist sehr gut gelungen und die Wirkung ähnelt einem Blick durch eine Kamera, die immer den besten Winkel sucht, um die Emotionen seiner Darsteller einzufangen.
Die von Stephane Paitreau und Eiko Takayama eingesetzten Farben, geben den Zeichnungen von Ruizge die nötige Fülle. Licht ist stets in ausreichendem Maße vorhanden, auf extreme Helldunkeleffekte wird verzichtet. Weitere Effekte wie Füllmuster zur Darstellung von Gesteinsoberflächen oder ähnlichem erfolgen sparsam, ohne abzulenken.
Vorzüglich: Einerseits als ernsthafte Fantasy-Geschichte mit sehr gut geschilderten Charakteren, andererseits einer der herausragenden Bände der Reihe (die meist überdurchschnittlich ist). Mit Francisco Ruizge wurde ein Zeichner für diese Episode gefunden, der seine Bilder mit schöner Einfachheit entwirft und ein Auge für klare Linien hat. Ein im besten Sinne feiner Albenstil.
Die Legende der Drachenritter 9, Die Verblendeten: Bei Amazon bestellen
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Freitag, 20. August 2010
Huck Finn möchte seinen Bruder finden. Mehr ist ihm von seiner Familie nicht geblieben. Er und sein schwarzer Freund Charley Williams können sowieso nicht lange an einem Ort bleiben, denn Charley wird wegen Mordes an Huck gesucht. Doch das soll Charley nicht wissen. Um unterzutauchen, um sein altes Leben endgültig hinter sich zu lassen, hatte Huck eine einmalige Gelegenheit genutzt und seinen eigenen Tod inszeniert. Eine Leiche konnte nicht von der Polizei gefunden werden, aber die zahlreichen von der Polizei gefundenen Indizien sprechen für einen Mord. Da passt es sehr gut ins Konzept, dass ausgerechnet Hucks Verschwinden mit dem Verschwinden eines Schwarzen zusammenfällt, der ohnehin unbeliebt gewesen ist.
Huck und Charley leben das Leben der Hobos immer intensiver. Die Tramps, die auf der Eisenbahn reiten, teils aus der Notwendigkeit, einen Job finden zu wollen, teils als Flucht, teils, weil sie so sind und nichts anderes kennen wollen, werden zu Hucks und Charleys Begleitern. Die Reisen bergen Gefahren. Die Bremser, Bahnmitarbeiter, wollen sie verjagen, wenn nötig auch einfach vom Zug werfen. Andere Hobos können gefährlich sein. Aber in dieser Zeit, in der Jobs Mangelware sind und manche Menschen aberhunderte von Kilometern zurücklegen, nur um einem Gerücht über eine Anstellung hinterherzujagen, entsteht auch Enthusiasmus, eine Strömung, die Besseres verspricht.
Eines Tages glaubt Huck, eine Spur gefunden zu haben. Ein geheimnisvoller Snake könnte ein neuer Anführer sein, einer, der die Hobos zusammenführt, eine Einheit unter den Arbeitern herstellt. Und dieser Snake könnte sogar Hucks verschollener Bruder sein.
Zwei Katzen auf dem heien Blechdach. Sie sind Katzen, Streuner. PhilippeThirault und sein Co-Autor Steve Cuzor, der hier auch als Zeichner arbeitet, schicken ihre Helden gleich zu Beginn, geradezu titelgebend auf eine alte herrschaftliche Plantage, die in ihrer Optik an das Anwesen aus dem berühmten Drama nach der Vorlage von Tennesse Williams erinnert. Allerdings gab es dort nur eine Katze namens Elisabeth Taylor. Thirault und Cuzor gönnen den beiden Freunden lediglich einen kurzen Ausflug. Der Schwerpunkt neben der Suche nach Hucks Bruder liegt auf den Wahnvorstellungen von Charley.
Seit dieser eine Gitarre eines Fremden übernahm, dieser ihn in Drogenrausch versetzte, erkennt Charley häufig und meist vollkommen unerwartet jene dämonische Gestalt namens Lucius wieder. Zu Hucks Leidwesen wird Charley dadurch unberechenbar. Thirault und Cuzor haben sich einiges einfallen lassen, um selbst den Leser im Unklaren zu lassen, ob Charleys Visionen und Fähigkeiten nun echt sind oder nicht.
Die beiden Erzähler berichten von einem harten Los. Steve Cuzor setzt dies in mitleidlosen Bildern um. Es gibt keine Unterschichtromantik, dafür aber Andeutungen. Der Schrecken darf im Kopf entstehen. Cuzor zeigt den Weg zum Drama. Größere Katastrophen werden mitunter gezeigt. Wenn ein Lokführer seine Maschine nicht wegen eines auf den Schienen liegenden Autowracks nicht drosselt, da er es den Hobos zeigen will und der gesamte Zug in einer regelrechten Weltuntergangsstimmung entgleist, ist die Szene sinnbildlich für die gesamte Handlung. Hier bremst niemand (na, kaum jemand) für den anderen.
Optisch darf sich der Leser auf eine glatte 1 freuen. Steve Cuzor zeichnet Bilder, die an einen Entwicklungsweg des jungen Jean Giraud (Blueberry) hin zum alten Moebius erinnern. Vergleichsweise kann auch ein Colin Wilson (ebenfalls Blueberry) genannt werden. Cuzor hat einen sicheren Strich, pinselartig aufgetragen, immer nur so dick wie nötig. Die Farben, per Computer aufgetragen von ihm und Meephe Versaevel, beschränken sich auf Grundstimmungen. Allzu viele Feinheiten finden sich hier nicht, so dass es eine Konzentration auf die feinen Zeichnungen von Cuzor gibt. Der Gesamteindruck ist optimal.
Tolle Fortsetzung: Das Leben auf der Wanderschaft wird eindrucksvoll von Philippe Thirault und Steve Cuzor forterzählt. Beide Figuren wachsen einem ans Herz. Eine stimmige und technisch feine Grafik machen dieses Abenteuer zu einem Erlebnis.
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Mittwoch, 18. August 2010
Der Sumpf scheint undurchdringlich. Nicht nur die Natur birgt Gefahren. Geheimnisvolle Angreifer scheuen sich nicht, den Anführer der Expeditionsgruppe, Khelob, anzugreifen. Mehr glücklich als geplant kann er überleben. Alim, der mit der Gruppe eher ungewollt unterwegs ist, aber keine andere Wahl hat, wird inmitten einem vom Meutereigedanken aufgewühlten Soldatentruppe, auch noch zum Heiler von Khelob. Dabei sähe er diesen, nach allem was geschehen ist, lieber tot als lebendig. Langsam nähern sich die Wanderer der Propheteninsel, wo sich ihrer aller Schicksal erfüllen soll.
Viel Zeit ist vergangen. Alim kann nicht mehr damit rechnen, seine Tochter jemals wiederzusehen. Allerdings weiß Autor Wilfrid Lupano, was er seinen Lesern schuldig ist, die er auf den Leidensweg von Alim führte. Aber Alims Schicksal ist es nicht alleine, das hier seine Auflösung erfährt. Auch Khelob, fanatischer Hohepriester, und Torq Djihid, sein loyaler und brutaler Heerführer, werden an das Ende ihres Weges gelangen. Wilfrid Lupano gelingt der Trick, zeitweilige Sympathie für diese bislang als Verbrecher und menschliche Monster dargestellten Männer herauszuarbeiten.
Jesameth und Blicke, die glühen. Alles dreht sich um den Gott, von dem viele Antworten erwarten. Wilfrid Lupano gibt sie ihnen. Es sind nur nicht die, die auch der Leser vielleicht nach der bisherigen Erzählung erwartet hat. Durch den Wechsel der Geschichte in den Dschungel und später auf die paradiesische und doch ungewöhnliche Insel entstehen viele neue Aspekte, die Lupano mit den bestehenden Ereignissen verknüpft. Damit ist auch schon ein Erfolgsgeheimnis des Vierteilers gelüftet: Die zwanglose Schilderung der Länder, ihrer Kulturen und Vegetationen, all das schafft einen dichten Teppich, auf dem sich die Handlung mit der Leichtigkeit eines Flipperballs bewegt. Jeder Anstoß befördert die Geschichte weiter und vor allem: Unvorhersehbar.
Virginie Augustin, die mit diesen vier Ausgaben ihr Serien-Debüt gibt, hat eine tolle Leistung vollbracht. In der optischen Tradition neuerer Werke des Studio Ghibli ist eine grafisch pralle Geschichte entstanden. Virginie Augustin hatte mit unterschiedlichen Herausforderungen umzugehen. Besonders herrlich sind ihre Darstellungen der Stdte gelungen. Kostüme wandeln vor diesen Kulissen. Viele verschiedene Gesichtausdrücke machen aus den Figuren Schauspieler. Augustins Technik ist es zu verdanken, dass aus den Ereignissen um Alim und seine Tochter Bul mitreißende Comic-Schicksale werden.
Ähnlich wie bei einer Prinzessin Mononoke (einem Film aus dem Studio Ghibli) täuscht der grafische Stil zunächst. Manch einer der älteren Generation mag die Zeichnungen mehr in Richtung ebenfalls älterer Zeichentrickserien rücken. Letztlich kommt Alim der Gerber aber stellenweise auch mit einer optischen Härte daher, wie SciFi-Fans von Akira her kennen. Die scheinbare Einfachheit mancher Strichführung macht Augustin durch die eigene, sehr natürlich wirkende Farbgebung wieder wett. Manchmal weiß ein ausführender Künstler am besten, wie seine Bilder koloriert aussehen sollen.
Eine schöne Zuspitzung der Ereignisse, die noch allerhand Überraschungen und Wendungen bereithält. Wilfrid Lupano weiß seine Leser mit traurigen Geschehnissen zu schocken. Virginie Augustin lässt diese Fantasy-Welt durch ihre feinen Bilder zum Leben erwachen. In seiner Gesamtheit eine tolle Abenteuergeschichte.
Alim der Gerber 4, Dort, wo die Blicke glühen: Bei Amazon bestellen
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Donnerstag, 12. August 2010
Die Halunkenbande, die hier vor dem Richter erscheinen muss, wirkt nicht so, als sei sie besonders vermögend. Schlimmer noch: Eigentlich dürften sie nicht im Besitz königlicher Gegenstände sein, dennoch behaupten sie (wenigstens in diesem Fall), keine Diebe zu sein. Ein jeder erzählt seine Geschichte. Scheich Amar, der scheinbar der Anführer der Gruppe ist, berichtet, wie er einstmals den berühmten Prinzen Dastan traf, lange bevor dieser ein Prinz war. Scheich Amar saß damals hinter Gittern, wegen einer kleinen harmlosen Geschichte. Das versteht sich von selbst. Und Prinz … nun, der einmal ein Prinz sein wird. Dieser fand sich in der Zelle wieder, weil er einer Prinzessin zu nahe getreten war. Weshalb auch sonst.
Bekommen die einen Schwierigkeiten wegen einer Frau, haben die anderen Probleme weil sie eine Frau sind. Dinarzad wird noch als junge Frau verkauft und in einen Harem gebracht. Aber seltsamerweise, bei aller Pracht und sehr guter Behandlung, lässt sich kein Mann blicken. Doch schneller, als ihr lieb ist, erfährt sie, was es mit dem seltsamen Harem auf sich hat. Für sie besteht zunächst keine Gefahr. Aber die Liebe lässt sie ein Wagnis eingehen und sehr bald steht ihr Leben auf dem Spiel.
Vor dem Sandsturm: Scheich Amar, in der Verfilmung des Computerspiels Prince of Persia von Alfred Molina gespielt, führt den Reigen der Geschichtenerzähler an, für die es hier um Kopf und Kragen geht. Jordan Mechner, an der Grundgeschichte des Films wie auch an den zugrunde liegenden Computerspielen beteiligt, ist der Autor der vorliegenden Geschichtensammlung und mit seinem beruflichen Hintergrund bestens geeignet, um diese Abenteuer mit Leben zu füllen.
Es sind spannende Abenteuer, schlitzohrige und traurige Erlebnisse. Einige besitzen viel Herz, andere erzählen von Kriegern. Wer den Film nicht gesehen, die Spiele nicht gespielt hat, wird den Geschichten trotzdem folgen können. Jedes einzelne Erlebnis (ich möchte es nicht unbedingt immer als Abenteuer bezeichnen) wird von einem anderen Zeichner gestaltet. Das Titelbild wurde eigens von Todd McFarlane (Spawn) gezeichnet. Sein Bild gehört zu jenen Darstellungen, die um mehr Realismus bemüht sind.
Eine besondere Variante dieser Bilder findet sich mit der Geschichte von Sharzad, die eine Episode aus dem Leben von Prinzessin Tamina und Asoka erzählt. Zeichner Tommy Lee Edwards fertigt seine Bilder dergestalt an, als seien sie von Fotografien abgemalt, genauer gesagt, durchgepaust worden. Eine ausgefeilte Kolorierungstechnik sorgt für einen sehr plastischen Eindruck und sicherlich für die lebendigste Geschichte des vorliegenden Bandes.
Exemplarisch für einen eher manga-orientierten Zeichenstil steht die erste Handlung um Scheich Amar. Bernard Chang stilisiert und arbeitet mit sehr sauberen und klaren Linien. Eine ebenso klare Farbgebung mit scharfen Abgrenzungen bildet eine Vorstufe zur Zeichentrickatmosphäre. Diese erreicht Cameron Stewart mit seinen Bildern über einen Lebensabschnitt von Roham, einem tapferen Krieger. Seine Bilder rücken in die Nähe eines Darwyn Cooke (The Spririt). Tom Fowler hat sich der Überleitungen zwischen den einzelnen Erzählungen angenommen. Der Strich ist etwas ruppig, auch fett, er karikiert ein wenig. Fowler versteht sich auf Gestalten, die sich gut voneinander abgrenzen und eigenen Charakter besitzen.
Ein gelungener Band zum Film, vorbildlich in seiner Ausführung, unterhaltsam und spannend. Jordan Mechner füllt mit seinen Kurzgeschichten einige Hintergründe und rückt Nebenfiguren mit leichter Hand in den Vordergrund.
Prince of Persia, Vor dem Sandsturm: Bei Amazon bestellen
Links:
cameronstewart.blogspot.com (Blog von Cameron Stewart)
www.sintitulocomic.com/2007/06/17/page-01/ (SIN TITULO, Online-Comic von Cameron Stewart)
bigbugillustration.blogspot.com (Blog von Tom Fowler)
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Donnerstag, 05. August 2010
Eine Schneedecke, die für Menschen eine geringfügige Erschwernis darstellt, kann für kleinere Wesen nicht nur bei der Fortbewegung eine Katastrophe bedeuten. Leider müssen die Mäuse nach draußen in die unwirtlich gewordene Landschaft. Die Umstände zwingen sie dazu. Gelingt es ihnen nicht, benachbarte Dörfer zu erreichen, geraten ihre Angehörigen in große Not. Schnee und Kälte sind aber nicht die einzigen Gefahren. Eulen und Fledermäuse behindern sie. Daheim lauert weiterhin der Verrat. Und was ist mit diesen Wieseln? Ist die Kolonie der Mäusefeinde tatsächlich verlassen?
Zurück in den Maus-Territorien. Zeichner und Autor David Petersen setzt die einmal begonnene, im Jahr 1152 handelnde Geschichte um die Mäuse der beschaulichen Siedlung Lockhaven fort. Mit dem ersten Band, Herbst 1152, griff Petersen eine alte Idee auf. Mäuse lebten unerkannt und unbeobachtet in einer eigenen kleinen Zivilisation. Die dramatischen Ereignisse um Kämpfe und Verrat des ersten Teils münden nahtlos in den zweiten Teil Winter 1152. Aus den Auseinandersetzungen zwischen den Mäusesiedlungen wird ein Kampf gegen die Natur, als Nahrung und Arzneien sich dem Ende zuneigen und andere Siedlungen um Hilfe gebeten werden müssen.
David Petersen hat eine Welt fern unserer modernen Zeit geschaffen. Mittelalterlich anzuschauen, aber auch sehr klein, kleiner noch als zwergenhaft. Es ist eine Welt der Geheimnisse, die der Leser zusammen mit den Hauptdarstellern, den Mäusen, zusammen entdeckt. An der Seite der Lehrlinge kann diese überaus gefahrvolle Welt erkundet werden. So gelangt der Leser an ungewöhnliche Orte, von denen er niemals vermutet hätte, dass sie existieren.
Ein untergegangenes Reich: Nicht jenes der Mäuse ist gemeint, vielmehr jenes der Wiesel. Es ist eine von vielen Orten, die einen in Spannung versetzen. Rollenspieler dürfte hier ein Kribbeln packen, ist dieses Abenteuer an manchen Stellen doch wie zum Mitmachen angelegt. Das Format des Buches, quadratisch, mag an ein Bilderbuch erinnern und wurde auch 2008 mit dem Eisner Award in der Kategorie Bester Comic für Kinder ausgezeichnet, doch der zweite Teil (wie eigentlich auch der erste Teil) wirkt zu erwachsen für Kinder. Sprechende Tiere machen keine Kinder-Literatur aus. Für ältere Leser, die auch den Charme der Figuren und der Erzählung erfassen können, die ein Faible für das Phantastische haben, dürfte Mouse Guard ein kleines Fest sein.
In meist zwei bis vier Bildern pro Seite darf einerseits der Wanderung der Wache durch die verschneite Landschaft, andererseits den Geschehnissen daheim in Lockhaven gefolgt werden. David Petersen bedient sich sehr feiner Striche. Die Mäuse sind kleine gedrungene Fellknäuel, sehr umrisshaft gezeichnet. Sie leben aus ihrem Handeln und ihren Worten heraus, viel weniger aus einer Mimik, die kaum vorhanden ist. Wie Bedrohung gänzlich ohne Worte funktionieren kann, zeigt die hervorragend inszenierten Begegnungen mit einer Eule und dem anschließenden Kampf im Schnee.
David Peterson zeichnet seine Figuren nicht derart ausführlich, wie es seine Kollegen in der anhängigen Bildergalerie machen. Dafür ist der Gesamteindruck, Integration der Charaktere in die Kulisse, Seitenaufteilung und vieles mehr, derart füllig, dass es filmisch, theatralisch wirkt. Nicht zuletzt sorgt eine plastische und realistische Farbgebung wie auch ein gelungenes Spiel aus Licht und Schatten für einen satten Eindruck, der das Auge förmlich einfängt. Daürber hinaus strahlen die Bilder Ruhe aus, selbst bei packenden Szenen. Peterson nimmt sich nicht nur die Zeit, seine Geschichte zu erzählen, er lässt seinem Leser auch die Zeit, diese ausführlich zu genießen.
(Wenngleich die Spannung manchmal so groß ist, dass man einfach schneller weiterblättern muss. Jedenfalls ging es mir so. Allerdings habe ich dann hinterher wieder vor vorne begonnen. Das ist auch eine Möglichkeit.)
Wunderbar! So lässt sich das Fazit in einem Wort zusammenfassen. Mit seiner Mäusewache ist David Peterson eine rundum gelungene grafische Erzählung gelungen, an der es nichts auszusetzen gibt. Wer Fantasy mag, die trotz ihrer mausischen Hauptdarsteller überaus spannend und höchst menschlich ist, sollte unbedingt einen Blick riskieren.
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Link: www.davidpetersen.net (Homepage von David Petersen)
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Montag, 02. August 2010
Die Dämmerung ließ sich nicht aufhalten. Odin wollte noch warten, aber die Zeit wurde zu lang. Die letzte Walküre kehrte nicht heim. Tief betroffen, von großen Befürchtungen durchdrungen, schickt Odin seine Raben in die Welt hinaus, mit dem Befehl, die Vermisste zu suchen und zu finden. Siegried weiß, noch ahnt er etwas von den Schwierigkeiten in den göttlichen Sphären. Er will die Menschenwelt finden. Seine Zeit an der Seite von Mime war lang, auch glücklich, nun gilt es aber weitere Menschen zu finden und an der Seite derer zu leben, zu denen er gehört.
Das Schicksal ist vorbestimmt. Die Walküre will den Lauf der Welt nicht verändern. Sie will Gewissheit. Einzig, sollte Siegfried versagen, wird sie eingreifen. Doch dafür braucht sie einen Einblick in die Zukunft, für den sie bereit ist teuer zu bezahlen. Sehr teuer. Derweil geht Siegfried seinen Weg, der voller Gefahren ist, der ihn kämpfen lässt, bis schließlich, durch einen Zufall, Wege kreuzen und er der Zauberin Völva begegnet. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Märchenhaftigkeit und außergewöhnlich schöne Bilder sorgen für einen vollkommen neuen Blick auf den Siegfried-Mythos. Autor und Zeichner Alex Alice hat etwas Zeit für die Fortsetzung seiner Siegfried-Geschichte gebraucht. Aber das Warten hat sich gelohnt. Es ist eine Geschichte um das Unvermeidliche geworden. Und es ist eine Geschichte, die gelesen werden will. Wenn nötig, mehrmals. Am besten mehrmals. Denn Alex Alice hat die Handlung verschachtelt. Visionen geben Vorausschauen über die Zukunft, während sie geschieht oder schon geschehen ist. Das klingt merkwürdig, funktioniert aber bestens.
Grafisch variiert Alex Alice zwischen höchst realistischen Bildern und Figuren wie auch Charaktere, die geradewegs aus einem Zeichentrickfilm für Kinder entsprungen sein können. Daraus entsteht einerseits die märchenhafte Seite der Bilder, andererseits verstärkt es die Traumatmosphäre der Handlung. Die Welt der Götter, der Riesen und der Menschen ist eine grandiose Kulisse, in der es keine Ansiedlungen gibt. Hier regiert die Natur mit überschwänglicher Kraft. Die Berge ragen schroff empor, düstere Sümpfe fangen das Tageslicht ein, Wasser gräbt sich seinen Weg durch die unendlich scheinende Landschaft.
Alex Alice lässt hierbei Ausblicke entstehen, die wundersam wirken, aber nicht unecht. Es sind Ausblicke, die ein Wanderer auf den Hochalmen der Alpen haben kann. Neben der Natur wirken die Götter und die göttlichen Wesen. Beeindruckend die (wenigen) Szenen, in denen Odin vor den Leser tritt. Noch beeindruckender ist das Zusammentreffen von Odin und seiner fehlgeleiteten Walküre. Alex Alice inszeniert hier wie auf einer Theaterbühne, leise, aber kraftvoll, anrührend.
Mime: Ohne die Figur des Nibelungen-Schmiedes wäre auch der zweite Teil der Saga um Siegfried nur halb so gut. Wo er im ersten Teil ein wenig störend wirkte, sorgt er hier, dass die Theatralik nicht ins unfreiwillig Komische abdriftet. Mime ist der komische Faktor, soll auch komisch sein, nicht die anderen. Mime ist eigentlich der Mensch in dieser Handlung. Wenn er sich beschwert, Nibelungen würden nicht auf Berge klettern, kann man als Leser nur bekräftigend nicken. Nur ein Held oder ein Wahnsinniger würde auf diesen Berg klettern (der eigentlich ein schlafender Riese ist). Und Siegfried ist ersteres, während Mime eher an letzteres glaubt.
Es ist die Geschichte einer Wanderung. Sie erzählt außerdem von Wundern, von Reifung und einer inneren Dramatik. Alex Alice zeigt den Entwicklungsprozess eines Helden in tollen, sehr aufwändig gestalteten Bildern. Ein sehr schönes Epos.
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Link: alexaliceblog.blogspot.com (Blog von Alex Alice mit vielen Beispielen seines Könnens. Man beachte das Bild von Sieglinde.)
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Freitag, 30. Juli 2010
Rom ist ein Sündenpfuhl. Wir schreiben den Beginn des 16. Jahrhunderts. Das römische Reich ist untergegangen, an seiner Stelle hat sich das Christentum erhoben und ausgebreitet. Im Vatikan werden Intrigen gesponnen, es wird geschachert und massakriert. Als im Jahres des Herrn 1503 Papst Alexander VI. stirbt, herrscht in Rom kurz darauf Ausnahmezustand. Die Stadt verfällt in einen Zustand ungezügelten Hurens und Saufens. Selbst Geistliche zeigen sich mit ihren Geliebten auf den Straen. Alles ist erlaubt, bis die Morgenglocken läuten. Denn dann werden zehn Tage lang Trauer das Leben bestimmen. Wer in dieser Zeit über die Stränge schlägt, wird exkommuniziert. Die Römer mögen zügellos sein, auch gierig und maßlos, aber sie sind nicht vollends blöde.
Das Volk der Straße ist ein Amateur gegen die Kaste der Schacherer und Mörder im roten Kardinalsgewand. Der Autor, Alejandro Jodorowsky, ist für Geschichten bekannt, die eine härtere Gangart besitzen und kein Blatt vor den Mund nehmen. Mit seinen Meta-Baronen stellte er seine Fantasie im Bereich Science Fiction unter Beweis. Juan Solo entführte den Leser in die mitleidlose Welt eines Kriminellen, der am Ende zum heiligen Schweinehund wird.
Schweinehunde sind sie hier alle, heilig ist keiner von ihnen. Drastisch erzählt Jodorowsky vom Schrecklichen Papst. Giuliano della Rovere, einem Erzfeind der mächtigen Borgia-Familie, der durch seine unerbittlichen Ränkespiele, wie auch durch Mord auf den Thron Petri steigt. Der Papst, der in der wahren Historie der Begründer der berühmten Schweizer Garde war, ist ein wahrhaftiger Teufel auf Erden. Gefühle findet er allenfalls beim Sex mit seinem Geliebten oder anderen Gespielen. Andererseits, so niederträchtig dieser Charakter auch ist, so ist Giuliano della Rovere auch ein Kind seiner Zeit. Seine Feinde würden ähnlich handeln oder haben es bereits. Die Verwandten, die Giuliano della Rovere um sich schart, sind nur allzu schnell bereit, den Zielen des Papstes ebenso skrupellos zu folgen.
Theo lautet der Name des Zeichners, angesichts dieser tollen Leistung ein Name, den man sich merken muss. Seit zehn Jahren hat er sich auf historische Zeichnungen spezialisiert, ein Umstand, den man als Leser jeder Seite anmerkt. Nicht nur das alte Rom mit seinen Innenansichten und Außenfassaden ist sehenswert und atmosphärisch, auch die Gesichter, die wirken, als seien sie alten Gemälden und Skulpturen jener Zeit entsprungen, tragen zur Dichte der gesamten Handlung bei. Denn durch die von Jodorowsky entworfene Handlung stehen sich schöner Schein und charakterliche Bestialität direkt gegenüber.
Die Zeichnungen sind höchst realistisch, beschönigen nichts, lassen aber auch Raum für die Fantasie jedes einzelnen. Nicht alles muss gezeigt werden. Theo und Jodorowsky halten Grenzen ein. Sieht man einmal von Cesare Borgia ab, der durch eine Entstellung bereits als böse gekennzeichnet ist, so sind die sonstigen Charaktere von einer äußerlichen Neutralität. Ließ Jodorowsky seine Titelfigur Juan Solo noch mit einem Schwanz auf die Welt kommen, sind diese Gestalten im ersten Teil von Der schreckliche Papst geradewegs der Renaissance entsprungen, krankhaft schön, wie ein roter pausbackiger Apfel mit einem Wurm darin.
Großen Anteil am tollen Ergebnis der Bild hat sicherlich auch Sebastien Gerard. Ein milchiger Farbauftrag mildert die Tuschestriche ab. Helles römisches Licht reißt die dunklen Machenschaften der Akteure aus dem Verborgenen.
Jodorowsky erzählt von teuflischen Menschen im Herzen des Vatikans, von Gier, von Macht und Gewalt. Von Theo teuflisch gut in Szene gesetzt. Wegen Gewalt und Sex vielleicht nicht jedermanns Sache. Wer allerdings schon Werke von Jodorowsky gelesen hat, wird nicht erschrecken.
Der schreckliche Papst 1, Giuliano della Rovere: Bei Amazon bestellen
Link: www.7heo.com (Auf Theos Homepage finden sich wunderbare Zeichnungen. Allein die Illustrationen zu den Titelbildern von Der tönerne Thron sind einen sorgfältigen Blick wert.)
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Montag, 26. Juli 2010
Die Kavallerie hat sich in Stellung gebracht. Lngst überblicken die Soldaten das Versteck der Apachen, die sich ringsum einen Gefangenen versammelt haben. Reverend Younger, der Gefangene, hat mit seinem Leben abgeschlossen, als vollkommen unerwartet weitere Hilfe ins Spiel kommt. Blueberry erhofft sich durch die Gefangennahme des Häuptlings eine Pattsituation. Leider legt er sich ausgerechnet mit Geronimo an. Der Anführer der Chiricahuas hat zu viel mitgemacht, um sich durch einen hergelaufenen Taugenichts gefangen nehmen zu lassen. Gebannt verfolgen Indianer wie auch die Kavalleristen die ungewöhnliche Prügelei, die quer durch einen schmalen Fluss verläuft. Am Ende ist Geronimo der bessere Kämpfer.
Als in einem Album noch Platz übrig war, übernahm Jean-Michel Charlier die Aufgabe, diesen zu füllen. Auf mehreren Seiten stellte er den Werdegang und den Lebensweg von Mike S. Donovan, allseits bekannt als Blueberry zusammen. Diese Zusammenfassung ist hier, ergänzt durch interessantes Bildmaterial, vor Apachen nachzulesen. Es ist selten, dass eine Comic-Figur derart langlebig ist, dass sie derart viel erlebt und auch derartig in die reale Geschichte, hier des Wilden Westens, eingearbeitet worden ist.
Der vorliegende Sammelband greift mehrere Geschichten auf. Die längste unter ihnen, Apachen, ist auch als Einzelausgabe erschienen und nimmt innerhalb der gesamten Reihe eine Sonderstellung ein. Jean Giraud, der spätere Moebius, wandelt hier zwischen seinen Zeichenstilen. In jungen Jahren sehr versiert mit einem skizzenhaften Strich, in späteren Jahren sehr reduziert, dafür um ein mehrfaches exakter. Hier kommt beides zusammen und es entsteht ein Blueberry wie aus dem Lehrbuch für angehende Zeichner. Neben der Zusammenfassung der Geschichte konnte der Leser Teile der Handlung auch bereits im Zyklus um Mister Blueberry bewundern, genauer in den Episoden Geronimo, der Apache und Dust.
Das Gesamtwerk hat ein wenig vom Jugendstil, etwas Verschörkeltes, ein wenig verspielt, mit sehr gutem Blick gezeichnet, vor einer teilweise knallharten Geschichte um Blueberrys Begegnung mit Geronimo. Zwei große Kernbereiche tun sich auf: Die Befreiung des Reverends Younger aus der Hand der Apachen und die Befreiung junger Apachenkinder aus der Hand des Reverends. Während die Indianer sich schlicht rächen wollten, versucht der Reverend in einem ungewöhnlichen Waisenhausprojekt aus den für ihn Wilden zivilisierte Menschen zu machen. Wie zivilisiert der zivilisierte Mensch wirklich ist, wird von Jean Giraud eindrucksvoll und an verschiedenen Stellen gezeigt.
Farblich ist Apachen weit von den Anfängen der Reihe entfernt. Vorbei die Zeiten, als eine Szene oder ein Bild in einer Farbe daherkam oder ein Cowboy ganz in Rot vor einem blauen Hintergrund zu sehen war. Hier wird farblich ins Detail gegangen, sicherlich auch zurückhaltend, aber auch jeweils sehr kräftig. Insofern verstärkt sich der Eindruck eines Jugendstils. Girauds Frauendarstellungen könnten auch von Alfons Mucha stammen.
Apachen wird durch kleinere Geschichten und schlichte Begegnungen ergänzt, die für Comic-Fans nicht uninteressant sind. Blueberry trifft Buddy Longway (hierzulande in den 70ern durch YPS recht bekannt geworden), Red Dust (Comanche), MacCoy und Cartland. Gerade in der Begegnung mit letzteren wird deutlich, wie eindrucksvoll reine Schwarzweißzeichnungen sein können. Denn hier begegnen sich nicht nur die Figuren, sondern jeder maßgebliche Zeichner hat seine Figur in Szene gesetzt. Der Effekt ist beeindruckend. Letztlich ist dies natürlich eine Spielerei, ebenso wie die anderen kleinen Episoden (wie auch ein Schwarzweißfotoroman). Dem Fan mag es gut zur Ergänzung dienen.
Was noch fehlte: Die Spezial-Ausgabe der Blueberry-Chroniken trägt die letzten Teile der Reihe zusammen, die sich ansonsten schwer innerhalb der normalen Geschichten einordnen. Fans kommen hier auf ihre Kosten.
Die Blueberry Chroniken 0, Blueberry Spezial, Apachen und andere Geschichten: Bei Amazon bestellen
Link: www.blueberry-lesite.com/blueberry.htm (Offizielle Homepage, schön gemacht.)
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Mittwoch, 21. Juli 2010
Nummer 717! Red Dust hat seine Selbstjustiz teuer bezahlt. Das Gefängnis hat ihn verändert. Dust nimmt das Leben nicht mehr in die eigene Hand, er erduldet es nur noch. Aber es naht der Tag der Freiheit. Dust kann die harte Fronarbeit hinter sich lassen und wieder nach Hause zurückkehren. Daheim, auf der Ranch von Comanche, seiner ehemaligen und neuen Chefin, hat sich vieles geändert. Es gibt reichlich Arbeit. Toby ist zum Vormann geworden. Fünfzig Mann sind auf der Triple Six beschäftigt. Eigentlich könnte alles wunderbar sein …
Damit Red Dust in Freiheit bleiben kann, muss er einige Auflagen erfüllen. Der Besitz einer Waffe ist nicht erlaubt. Alkohol und Glücksspiel sind ebenfalls nicht gestattet. An zwei Tagen in der Woche hat sich Dust beim Sheriff zu melden. Nach sechs Monaten wird eine Kommission entscheiden, ob Dust in Freiheit bleiben darf oder nicht.
Greg verfolgt den Lebensweg von Red Dust konsequent weiter. Es wird nichts beschönigt. Dust hat einen Mann erschossen, der zwar in vielerlei Hinsicht schuldig war, aber eigentlich vor Gericht gebracht gehört hätte. Eigentlich. Da ist die Einschränkung, denn Greg hatte zu diesem Zeitpunkt einen Handlungsfaden gespannt, der es Dust unmöglich machte, den Mann am Leben zu lassen. Und jeder Leser hatte an dieser Stelle der Geschichte (vermutlich) vollstes Verständnis für Dusts Handlungsweise.
Aus dem schnellen Schützen ist ein gebrochener Mann geworden. Greg nimmt seinen Helden, lässt ihn eine Grenze überschreiten. Greg zeigt deutlich, dass Dust diese Grenze überschreiten musste, aber auch, dass dem Vorzeige-Cowboy keineswegs gefällt, was dadurch aus ihm geworden ist. So nimmt er die Strafe für seine Taten klaglos an. Aber: Ähnlich, wie es andere Western zeigten, wird der Held nicht nur durch die Umstände gezwungen, wieder aktiv zu werden. Er wird auch um Hilfe gebeten.
Ein neuer Feind: Erschuf Greg zusammen mit dem Zeichner Hermann eine Bestie von einem Menschen, die zur Strecke gebracht wurde, ist es nun eine ganze Horde, die einer kleinen Stadt gegenüber steht. Hermann entwickelt sich. Man sieht feine Unterschiede zu seinen ersten Alben. Er wird hier im 5. Band von Comanche etwas genauer. Die Striche sind nicht mehr so flüchtig. Die Gesichter sind nicht mehr so experimentell, mehr haarklein gestaltet, wenngleich immer noch mehr als deutlich ist, dass diese Gesichter von Hermann stammen: Ovale Formen, breite Münder. Allerdings sind die Augen nicht so stark zusammengekniffen und deutlicher als zuvor. Und Gesichter spielen in dieser Geschichte eine große Rolle.
Regen! Mit dem Angriff der Mörderbande auf die kleine Stadt setzen Greg und Hermann eine regelrechte Weltuntergangsstimmung in Gang. Es regnet unaufhörlich. Die Straßen sind matschig. Die Gesichter sind verzerrt. Vor Angst, vor Wut. Manchmal sind sie voller Hohn und Kälte. Aus heutiger Sicht ist dieser Western hochmodern und ein Beispiel für eine gelungene Inszenierung erster Güte.
Packend, überzeugend von der ersten bis zur letzten Seite. Ein toller Western, von einem Meister seines Fachs gezeichnet. Das ist Comic-Unterhaltung. Außerdem für Fans: Man darf Augenzeuge der Jagd auf Palomino werden.
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