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Comic Blog


Samstag, 24. September 2016

DAS DOPPELTE LOTTCHEN

Filed under: Klassiker — Michael um 15:14

DAS DOPPELTE LOTTCHENIn Seebühl am Bühlsee verbringen kleine Mädchen ihre Sommerferien. Die jugendlichen Gäste kommen von überall her. Luise hat sich gut eingelebt, neue Freundinnen gefunden. Eines Tages kommen mit dem Bus neue Urlaubsgäste und die Mädchen staunen nicht schlecht, als Lotte aussteigt und mit Aussehen, den blonden Haaren, Statur und Alter wie eine Kopie von Luise aussieht. Luise ist erschüttert und rennt erst einmal weg. Auch in nächster Zeit mag sie der Neuen nicht begegnen.

Der ewige Klassiker von ERICH KÄSTNER. DAS DOPPELTE LOTTCHEN ist bei weitem nicht seine einzige sehr bekannte Veröffentlichung, doch sicherlich jene, die sich am meisten ins Gedächtnis einer generationenübergreifenden Leserschaft eingeprägt hat. Die Comicumsetzung von ISABEL KREITZ greift die Originalerzählung auf und versetzt den Leser zurück in die Jahrzehntenwende der 40er hin zu den 50er Jahren, im 20. Jahrhundert. Vieles ist anders, einfacher vielleicht sogar. Vieles ist aber auch ähnlich, aus heutiger Sicht sogar modern, ja fast schon normal zu nennen.

ERICH KÄSTNER beginnt seine Geschichte mit einem Ferienerlebnis und einem gelüfteten Geheimnis. Der Titel deutet es an, das Titelbild sowieso und es ist nach so vielen Jahrzehnten und diversen Verfilmungen wohl kein Geheimnis, dass es sich bei den beiden LOTTCHENS um Zwillinge handelt. Für die Zeit damals war das Geheimnis hinter der Trennung der Zwillinge für eine Kindererzählung mutig und frisch zu nennen. Die Eltern, geschieden, haben die beiden Töchter heimlich unter sich aufgeteilt. Eines Tages landen beide zufällig in derselben Ferienfreizeit und entdecken nicht nur ihre Ähnlichkeit, sondern forschen auch nach, ob mehr hinter diesem unglaublichen Zufall steckt.

ISABELL KREITZ hat sich in den letzten Jahren nicht nur mit Kästner-Adaptionen ins Herz der deutschen Comic-Begeisterten gezeichnet, sie erregte ebenfalls mit Geschichten für ein erwachsenes Publikum, DIE SACHE MIT SORGE und DIE ENTDECKUNG DER CURRYWURST Aufsehen. Kurzum, sie gehört zu den Comiczeichnern in Deutschland, die das Medium auch in Kritikeraugen salonfähig gemacht haben. DAS DOPPELTE LOTTCHEN in ihrer Version erweckt die Vergangenheit zu neuem Leben, wie es zum Beispiel ein Schwarzweißfilm aus jener Zeit nicht könnte. Denn in den Bildern lässt sich ein anderes Fühlen, grundlegenderes Denken jener Tage sehen. Die Menschen sind enger beieinander, so scheint es. Natürlich ist das gleichfalls romantisierend, Hinweise darauf fehlen nicht, aber der Gesamteindruck ist heimeliger, als es ein vergleichsweise modernes Setting vermögen würde.

Hier wird, anders gesagt, der Charme eines grafischen Stils eingefangen, den ein Walter Trier damals in der Originalzeit kultiviert hat. Triers bekannteste, bei weitem nicht die einzige, Arbeit ist wohl das Titelbild zum Buchklassiker EMIL UND DIE DETEKTIVE, dem auch eine Briefmarke gewidmet wurde. Rundliche, etwas pausbäckige Gesichter, Knopfaugen, mit leichtem Strich erfasst, auf den Punkt gebracht sozusagen, ziehen sich als Erscheinungsbild quer durch alle Charaktere der Geschichte.

Es ist ein liebevoll gezeichneter Blick in vergangene Lebensrealitäten, in Wohnungen, Küchen, in den Straßenverkehr und auf die Alltagskleidung in München und Wien. Das Freizeitverhalten und so mancher Wunsch von Erwachsenen und Kindern wirkt aus heutiger Sicht nostalgisch verklärt, vielleicht sogar ein bisschen naiv. Die beiden Mädchen haben, auch hier erzählt man kaum ein Geheimnis, ähnlich wie der Prinz und der Bettelknabe, die Plätze getauscht und lernen so ihre bis dahin jeweils unbekannten Elternteile kennen. Da weder Mutter noch Vater mit diesem Tausch rechnen, bleibt der Plan von Luise und Lotte vorläufig unentdeckt.

In sachten, weichen Farben, einer Postkartenrührseligkeit der 50er Jahre gut nachempfunden, entspinnt sich die von Kästner geschriebene und von Kreitz fein inszenierte Kindergeschichte hin zu einem, natürlich, guten Ende. Die Erwachsenen tun schließlich, inspiriert vom Leid der Kinder, die einfach nach Gutdünken von ihren Eltern getrennt wurden, das Richtige.

Ein schöner Ausflug in die Vergangenheit, ein Ausblick, wie Kindheit einmal war, sicherlich auch etwas märchenhaft, etwas nostalgisch überzogen, aber das erhöht die Eindringlichkeit der Geschichte, die dafür geeignet ist von Kindern und Eltern zusammen gelesen zu werden. Klasse. 🙂

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Freitag, 09. Oktober 2015

CORTO MALTESE 1 – Südseeballade

Filed under: Klassiker — Michael um 19:01

COROT MALTESE 1 - SüdseeballadeLa Escondida. Diese Insel gehört dem Mönch. Das Gesicht des Verbrechers ist unbekannt, seine wahre Identität geheim. Manchen behaupten, er sei unsterblich. Seine Methoden ist grausam, aber effizient. Ist einmal eine Entscheidung gefallen, gibt es kein Zurück mehr. Eine Einstellung, die auch seine Gefolgsleute verinnerlicht haben. Als Japaner auf der Insel landen, einzig nur um ihre Vorräte etwas aufzufrischen, werden sie Zeuge eines Hilferufes. Damit ist ihr Leben, sogar das der ganzen Mannschaft verwirkt. Ein Maschinengewehr wird enttarnt, desgleichen richtet sich ein kapitales Geschütz auf das japanische Schiff in der Bucht aus. Das Überraschungsmoment lässt den Seeleuten keine Chance.

Das Meer ist in dieser Geschichte wie außerirdischer Grund und Boden. Weit und glatt lässt es einen weiten ungeschützten Blick in die Ferne zu. Die Planken eines Schiffes bedeuten hier den Unterschied zwischen Leben und Tod. Und genau hier steigt Hugo Pratt in die Geschichte ein, indem er es zwei Schiffbrüchigen gestattet, in dieser Einöde das Glück zu haben, von Piraten gerettet zu werden. So beginnt die Südseeballade und der Geburtsprozess von einer der berühmtesten Figuren des europäischen Comics, nämlich CORTO MALTESE.

Es ist der Trick der Unbestimmtheit, der dieses Südseeabenteuer so zeitlos werden lässt. Die Figuren enthüllen sich langsam durch ihre Taten, weniger durch ihre Vergangenheit. CORTO MALTESE selbst betritt die Bühne dieser Geschichte treibend auf See, auf ein Floss gekreuzigt, immerhin nicht sofort getötet. Auch jene, die ihn finden, allen voran der ebenso undurchsichtige wie brutale Rasputin, hätten nichts dagegen, wenn der ausgesetzte Pirat das Zeitliche segnen würde. Doch da gibt es noch eine geheimnisvolle Gestalt im Hintergrund, die im aufziehenden Weltkrieg, der seine Schatten selbst im Pazifik voraus wirft, ihre eigenen Fäden spinnt.

Bei der Lektüre überträgt sich eine gewisse Stille der pazifischen Welt, in der die Inseln selten sind, das Meer oft ruhig ist, aber wenn es erwacht, gnadenlos zuschlägt. Entweder sind es die Wellen, die nach dem Leben der Menschen greifen oder es sind seine Inselbewohner, die Ureinwohner oder die Eroberer. Da scheinen zwei Jugendliche, die Schiffbrüchigen Pandora und Cain, ganz von selbst wegen ihrer puren Naivität dem Untergang geweiht. Gäbe es nicht CORTO MALTESE, dem Piraten mit dem blendenden Aussehen und einer Moral, die ihn vor Übergriffen auf Hilflose zurückschrecken lässt.

In einer Skizzentechnik, mit der auch Tagebuch geführt werden könnte, reiht Hugo Pratt mit schnellen, treffsicheren Strichen Bild an Bild. Er benötigt nur wenig Ausdruck zur Charakterisierung seiner Figuren. Hier tritt ein weiterer Trick zutage, nämlich dem Auge des Lesers die Vervollständigung der äußerlichen Erscheinung zu überlassen. So mag jeder darin seine zeitgemäße Vorstellung von Menschen sehen. War es in der seiner ersten Auflage ein Marcello Mastroianni als perfekte Verkörperung von CORTO MALTESE, passt heute ein Michael Fassbender. Aber das sind nur Beispiele. Pratts Figuren ähneln Leinwänden, die er dem Leser zur Verfügung stellt.

Dampfschiffe sind klobige Schattenrisse vor dem Horizont. Sie wirken wie Fremdkörper in dieser Welt, in der sich die Ureinwohner angepasst haben, eine eigene Zivilisation, eigene Lebensweisen, eigene Boote und Bauweisen ihrer Siedlungen entwickelt haben. Selten sind Eindringlinge in Comics so auffällig dargestellt worden. Europäer und der Asiaten sind mit ihren Streitigkeiten enorme Fremdkörper, was ihren Zwist stets unwirklich erscheinen lässt. Diese Unwirklichkeit wird durch eine Figur wie den Mönch, der auch der Fantasie eines Edgar Wallace entsprungen sein könnte, noch verstärkt. Der Mönch ist eine geheimnisvolle Figur, die selbst in dem Moment, als sie sich öffnet und Teile ihrer Vergangenheit preisgibt, noch weiter verschließt. Aber da gibt es noch Corto Maltese, der … das wird nicht verraten.

Ein romantischer Blick auf die Südsee, ein ganzer Kerl, gute Freunde und eine stolze Menge von Halunken. Hugo Pratt hat eine der geradlinigsten Abenteuergeschichten der Literatur abgeliefert, die sich in die großen Seeklassiker wie Die Schatzinsel, Captain Blood oder Lord Jim einreiht. Ein Mikrokosmos in der Weite einer trügerischen See ist die Heimat eines Helden, der sich immer aufs Neue aus einer misslichen Lage zu befreien weiß. Ein optisches Piratentagebuch mit einem jener Helden, denen jugendliche Leser nacheifern möchten. Mit leisen philosophischen Komponenten erzählt, unaufdringlich eingebaut, überzeugt CORTO MALTESE zusätzlich mit Tiefe und bleibt deshalb lange im Gedächtnis. Toll! 🙂

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Freitag, 14. August 2015

SPIROU und FANTASIO Gesamtausgabe 3

Filed under: Klassiker — Michael um 9:37

SPIROU und FANTASIO Gesamtausgabe 3 - Reisen um die ganze WeltAndere Länder, andere Sitten. In Afrika liegen die Löwen mitunter auf den Schienen und blockieren den Verkehr. Da ist es dann auch die Aufgabe des Lokführers die Großkatzen mit aufgespanntem Regenschirm zu verscheuchen, damit die Fahrt fortgesetzt werden kann. Pips, das Eichhörnchen, beweist Mut, indem es einen wilden Elefanten zu Fall bringt, artistisch und flink. Auch danach ist es allzu schnell bereit, für seine beiden menschlichen Freunde in die Bresche zu springen. Doch Elefanten sind das Eine, menschliche Feinde das Andere, besonders, wenn diese in der Überzahl sind. Und so kann Pips erst wieder mit seinen Talenten punkten, als es an die Befreiung von Spirou und Fantasio geht.

Aktion Nashorn. So lautet der Titel des ersten Abenteuers der beiden Helden in dieser dritten Folge der Gesamtausgabe. Interessant ist es zu sehen, wie zunächst nichts darauf hindeutet, die Geschichte könnte jemals etwas mit einem Nashorn zu tun haben. Erst mit dem Eintreffen auf dem afrikanischen Kontinent steigt die Wahrscheinlichkeit für ein Zusammentreffen mit diesem urwüchsigen Tier. Das Geheimnis der Erzählweise, dass alles möglich ist und alles zu jeder Zeit und immer passieren kann, wird auch hier fortgesetzt. Ein einmal angelegter Handlungsort kann flugs wechseln.

In Afrika bedient sich Franquin einiger Klischees, aber darüber sollte im Sinne einer zeitlichen Einordnung innerhalb der Comic-Geschichte getrost hinweg geschaut werden. Die Handlung ist durchweg humorvoll, niemals gehässig und darin liegt auch ein weiteres Geheimnis des Erfolgs von Spirou + Fantasio verborgen. Warum Aktion Nashorn? Das soll nicht verraten werden. Nur eines: Es hat mit einem der ungewöhnlichsten Verstecke zu tun, die jemals in einer Geschichte aufgetaucht sind. Ganz gleich in welcher.

Champignons für den Diktator. Hat es irgendwann einen Comic-Titel gegeben, der mehr Neugier auf seinen Inhalt gemacht hat? Aber mehr noch: Fantasio drängt sich mehr und mehr in den Vordergrund. Spirou ist zwar der hauptsächlich namensgebende, doch scheint der Kollege durch sein humoristisches Potential mehr zum Spielen einzuladen, als es der ewige Page macht. Fantasio, sozusagen der Pierre Richard des Comics darf in Aktion Nashorn ersten Frauenkontakt haben, denn mit Steffani hält auch Frauenpower in die Serie Einzug. In Champignons für den Diktator ist Fantasios Vetter Zantafio wieder mit von der Partie und, ohne etwas zuviel zu verraten nach so langer Zeit, in der das Album auf dem Markt ist, in Der doppelte Fantasio ebenfalls.

Es lässt sich ohne Zweifel behaupten, dass Fantasio unter Andre Franquin ein wichtiger Motor der Abenteuer dieser Reihe wurde. Optisch haben die beiden Helden und ihr Umfeld das Erwachsenenalter erreicht. Sämtliche Rückstände aus frühen Comic-Tagen sind eliminiert. Obwohl es später noch deutliche Veränderungen in der Stilistik gab, existiert hier bereits eine zeitlose Form, die sich ebenfalls über die Jahrzehnte hätte retten können. Gummihafte Langmännchenfiguren, in diesen Bänden auf ein proportional schönes Maß reduziert, wandelten sich im Lauf der Zeit zu noch ausgeprägterem Gestaltendesign, das in der Bewegung mehr hippiehaft schlotternd wirkte.

Frankreich und das Radrennen: In Der doppelte Fantasio kommt auch Franquin nicht um dieses Thema herum. Natürlich nicht, ohne sich ausgiebig lustig darüber zu machen. Fantasios Anmerkung, nicht verstehen zu können, wieso ein blödes Rennen in den Bergen veranstaltet wird, ist nachvollziehbar. Gleich darauf gerät mit dem Erreichen des Gipfels alles aus dem Ruder. Am Ende ist Fantasio rückwärts fahrend sogar schneller als der Rest des Feldes im dritten hier vorliegenden Abenteuer Der doppelte Fantasio.

Automobilliebendes Land: Mit einem kurzen Abriss automobiler Geschichte kündigte der Verlag die Ausgabe von Aktion Nashorn an. Betritt hier nicht nur mit Steffani eine Frau die Bühne öfter wiederkehrend die Serie, ein Fahrzeug mit eigenwilligem Design, der Turbot, modern selbst nach heutigen Gesichtspunkten, darf den autobegeisterten Leser zu genauerem Hinsehen verführen. Der Turbot besitzt einen Hauch Futurismus, möglichst wenige äußere Elemente, besticht durch eine glatt wirkende, raketenähnlich Oberflächenstruktur. Der kreisrunde Kühlergrill ist ein Kernelement und selten, in der Realität versteht sich, wurde er so gut ins Fahrzeugdesign eingepasst wie hier. Kurzum: Hier wurde fast nebenbei ein Fahrzeugklassiker geschaffen, der nie auf der Straße fuhr, dafür aber umso denkwürdiger ist.

Abwechslungsreich: Reich an Ideen und Schwung. Unvorhersehbar und die Spannung stets haltend. Wenn eine Geschichte stets aufs Neue lesbar ist, selbst nach der x-ten Lektüre noch mitreißt, spätestens dann ist ein echter Klassiker entstanden. Franquin ist dieses Kunststück gelungen, mit charmanten Figuren und zeitlosen Plots. Toll! 🙂

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Donnerstag, 06. August 2015

MANOS KELLY

Filed under: Klassiker — Michael um 18:58

MANOS KELLYALAMO. Ein amerikanischer Albtraum. Eine kleine Bastion, bemannt mit Teaxanern, die den unbedingten Willen zur Unabhängigkeit besitzen, stellt sich der anrückenden mexikanischen Übermacht unter dem Befehl des Generals Santa Anna. Ein kleiner Junge erlebt die Schrecken dieser langen Schlacht. Die Eltern kommen im Kampf ums Leben. Das Kind versucht sie zusammen mit einem schwarzen Sklaven aus den Flammen zu befreien. Der Junge verbrennt sich fürchterlich, als er die glühenden Holzstücke mit bloßen Händen beiseite räumen will. Die Mexikaner rufen ihn nach der Schlacht Manos Quemadas, verbrannte Hände. Seinen richtigen Vornamen erwähnt der Junge niemals wieder.

Antonio Hernandez Palacios dürfte bei Lesern, die sich noch an Comic-Zeiten erinnern, in denen PRIMO eine Rolle spielte, nostalgische Gefühle auslösen. EL CID und der hier vorliegende MANOS KELLY waren Serienhöhepunkte dieses Magazins. Nun endlich liegt eine Gesamtausgabe des Westerns vor, der viele Facetten jener Region beleuchtet, die durch den Krieg der Vereinigten Staaten mit Mexiko in den Besitz der Amerikaner überging. Es beginnt mit einer Kurzgeschichte, die auf sehr aufschlussreiche Weise das Leben im Niemandsland beleuchtet. Nahe eines Brunnens, der seit jeher jedem, der an ihm vorüber zieht, zur Verfügung steht, hat sich ein Siedlerehepaar niedergelassen. Dieses Verhalten ist ein Affront gegen jeden anderen aus der Gegend. So lassen Widerstände nicht lange auf sich warten.

Ein meisterliches kleines Szenario erschließt den Charakter von MANOS KELLY. Gleichzeitig wird dem Leser ein sehr intensiver Blick auf die Lebensumstände in den Grenzländern des Westens geboten, in denen die blanke Natur zum Feind werden kann. Bisons und Indianer, authentisch dargestellt, lassen die Geschichte größer erscheinen, als sie eigentlich ist. Antonio Hernandez Palacio zeigt hier sein enormes Können als Schwarzweiß-Comic-Künstler. Feinste Striche meißeln die Landschaften und die Gesichter, geben den Figuren Konturen. Palacios spielt mit Licht und Schatten und erzeugt besonders mit den Auftritten der Indianer emotionale Momente.

Ein Spanier im Wilden Westen ist ein albenlanges Abenteuer und der eigentliche Auftakt des Western-Charakters MANOS KELLY. Wie in anderen Serien jener Tage erfolgte eine effektreiche, aber zuweilen psychedelisch wirkende Kolorierung, in der die wunderbare Tuschetechnik von Palacio leider verloren wirkt. Auch ist die Farbgebung zu diesem Zeitpunkt bei Palacio noch nicht derart technisch versiert, wie sie es ab dem dritten Abenteuer Das goldene Grab einmal sein wird. In der Gesamtausgabe lässt sich die Veränderung in der Arbeitsweise des Künstlers, der nicht nur zeichnet und malt, sondern seine Szenarien außerdem schreibt, sehr gut ablesen.

In Ein Spanier im Wilden Westen agieren Tusche und Farbe noch gegeneinander, Farbe überlagert sogar den sorgsamen Tuschestrich. Im zweiten Abenteuer, Der Goldberg, wiegen sie einander bereits auf, bevor sie im dritten Teil wirklich Hand in Hand aufgetragen werden und Palacio die bildhaften Bestandteile zu einem Ganzen verarbeitet. Durch die Strichtechnik, wie auch den Farbauftrag beginnt seine Technik der eines Paolo Serpieri zu ähneln. Im Realismus Comic-Künstlern wie Rafael Mendez (Hombre) nahestehend, werden sich bestimmt auch Fans dieses Zeichners für Palacio begeistern.

Obwohl für das zweite Abenteuer einige Farbfilme nicht vorlagen und nur der Schwarzweißstrich erhalten blieb, bietet gerade diese Geschichte eine der waghalsigsten Fluchten, die es in einem Western jemals zu bestaunen gab. Wie verberge ich meine Spur vor einer mich verfolgenden Horde indianischer Krieger? Die Antwort, die hier geboten wird, kann vor den mordernsten Erzählungen bestehen und würde, gäbe es eine entsprechende Renaissance des Westerns, auf der Kinoleinwand nachhaltig in Erinnerung bleiben. So kann man nur den Western-Freunden empfehlen, jene Sequenz zu lesen, die eine Flucht mit einem halsbrecherischem Höhepunkt beschreibt.

Der Cayuse-Krieg ist eine Arbeit von Antonio Hernandez Palacios, die die schöpferische Tätigkeit des Künstler auf einem Höchststand abbildet. Man fühlt sich optisch in eine Mischung aus Italo-Western und Jack-London-Erzählung hineinversetzt. Der Strich von Palacios ist einmal mehr gewachsen, beinhaltet nach heutigen Gesichtspunkten auch Anmutungen eines Ausdrucks von Namen Richard Corben und Enki Bilal. Die Hitze des Westens weicht einer lebensfeindlichen Winterlandschaft. Die zweite Hälfte ist ein über die Maßen spannend erzählter Akt, ein echter Pageturner.

Ein beeindruckendes Western-Epos, mit einer greifbaren Hauptfigur, ungewöhnlich dicht aufgebaut, grafisch insgesamt opulent gezeigt von einem Meister seines Fachs. Für Westernfreunde diesen spannenden Klassiker neu oder wieder zu erleben. 🙂

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Montag, 29. Juni 2015

ASTERIX 6 – Tour de France

Filed under: Klassiker — Michael um 10:47

ASTERIX - Band 6 - Tour de FranceNeue Besen kehren gut. Neue Vorgesetzte nicht immer. Weil neue Ideen auch über das Ziel hinausschießen können, falls Arroganz und mangelnder Durchblick sich die Hand geben. So macht Generalinspekteur Nichtsalsverdrus einen riesigen Fehler, als er beschließt, sich mit den unbesiegbaren Galliern anzulegen. Der obligatorische Angriff auf das Dorf, von dem ihm nur zaghaft abgeraten wird, gipfelt anfangs noch in einer Welle von Krankmeldungen, die von dem Bürokraten aus Rom, dem es nur um seine Karriere geht, schnell durchschaut wird. Die Attacke wird ausgeführt, doch selbst die bezogene Prügel führt nicht zur Besinnung. Im Gegenteil …

Eine Liebeserklärung an Frankreich mit all seinen menschlichen Eigenarten und einer reichhaltigen Küche und einer Vielzahl von Delikatessen. Gleichzeitig schufen Rene Goscinny und Albert Uderzo mit dem sechsten Band der ASTERIX-Reihe eine der schönsten Figurenpräsentationen der Comic-Geschichte. Die Römer hatten, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, eine ungeheuerliche Idee, nämlich die Gallier in ihrem Dorf einzusperren, damit der Unsinn mit der Unbesiegbarkeit langsam aber sicher der Vergessenheit anheim fällt. Nur lassen sich unbesiegbare Gallier nicht so einfach einsperren. So entsteht eine folgeschwere Wette.

Ein Jubiläum: Seit 1965 ist Idefix dabei. Obwohl Idefix im Schlussbild triumphierend einen Knochen davonträgt, sieht es zunächst nicht danach aus, als wäre hier ein dauerhafter Begleiter von Asterix und Obelix auf die Welt gekommen. Denn der kleine weiße Hund, der so ausdauernd neben den Lokalen und Geschäften, die von den beiden Galliern besucht werden, zu warten versteht, wird anfangs ziemlich von Asterix und Obelix ignoriert. Erst wieder im Dorf der unbesiegbaren Gallier angekommen, macht er mit einem Wuff-Wuff auf sich aufmerksam und erhält eine wohl verdiente Belohnung für die ganzen Mühen, die er bei der Tour de France ebenfalls auf sich genommen hat.

Der hier noch namenlose Idefix zeigt das Verhalten mancher herrenloser Hunde, die insbesondere in südlichen Touristengebieten den Menschen auf der Suche nach Nahrung hinterherlaufen. Hinter der Ausdauer des kleinen Hundes verbirgt sich, wie der Leser nach einer Vielzahl weiterer Abenteuer weiß, noch mehr. Ganz offensichtlich hatte Idefix in Obelix etwas mehr als nur einen Nahrungslieferanten erschnüffelt. Der Leser wusste es zuvor schon, schließlich war der kleine Hund für ihn bereits seit Asterix und Kleopatra hierzulande bekannt. Anzeichen von Charakter, später viel deutlicher und gerne in Sequenzen auch herausgestellt, zeigt Idefix früh. Gegen die Römer thront er nach dem Kampf auf dem Berg der Besiegten, bleibt stets an der Seite seines zukünftigen Herrchens.

Erste Annäherung im Hintergrund. Vorne hagelt es eine Backpfeife, im Bildhintergrund gibt es eine Streicheleinheit. Die Sanftheit, die Obelix hier an den Tag legt, stellt den Beginn einer wunderbaren Freundschaft dar. Idefix schaffte es schnell mit den Helden zusammen aufs Titelbild und rückte sogar stärker ins Zentrum des Interesses, etwa wenn er dem spanischen Häuptlingssohn (Asterix in Spanien) als tröstender Kamerad zur Seite steht und hilft, dessen Bockigkeit zu mildern (was nur zeitweilig gelingt, wie der Leser weiß). Vergleicht man den frühen Idefix mit seiner heutigen Variante, nach einem evolutionären Vorgang, den viele Comic-Figuren durchmachen, hat er zusammen mit Asterix und Obelix einen guten Teil seiner ursprünglichen Knuffeligkeit und Knubbeligkeit verloren. Mit mehr Kontur und mehr Gesicht kann der heutige Idefix viel besser schauspielernd ins Geschehen eingreifen.

Eines der Geheimrezepte von ASTERIX ist der Vergleich mit der Gegenwart, die für den Leser zum Zeitpunkt, als die Tour de France entstand, schon wieder Vergangenheit ist. Nichtsdestotrotz haben einige Gesetzmäßigkeiten und Lebensarten überdauert. Im redaktionellen Anhang wird auf die französischen Wirtschaftswunderjahre eingegangen, in denen sich diese Phänomene entwickelten (und die sich bis heute gehalten haben). Und die Tour de France selbst wurde zum Rezept. Reisen innerhalb und außerhalb des Landes haben sich schnell durchgesetzt, das Kennenlernen spezifischer Weggefährten ist mittlerweile fester Bestandteil. Einige der Figuren sind unvergesslich.

Uderzos Originalzeichnungen und Obelix als Marke. Nicht nur die gepriesene Umsetzung von Goscinnys Vorgaben ist bemerkenswert, sondern auch die überaus präzise Tuschearbeit Uderzos, dem es gelingt, auf einer einzigen Seite das Lebensgefühl Lutetias auf Papier zu bannen. Es wimmelt, es ärgert sich, es lebt regelrecht im gezeigten Straßenverkehr, der die Verhältnisse eines modernen Paris auf die Vergangenheit überträgt, als Pferdefuhrwerke und Ochsenkarren einander das Wegerecht in den Straßen und Gassen der antiken Großstadt streitig machen. Obelix wird darüber hinaus von vorn, hinten und seitlich präsentiert und somit als Marke amtlich vorgestellt. Für den Leser vergnüglicher ist der Stammbaum des properen Galliers, dem noch einige charakterstarke Nachfahren folgten.

Auch in der Menge der bislang erschienen Abenteuer immer noch einer der Höhepunkte der Serie, die gleichzeitig den ungeheuren Erfolg erklärt. Der feine satirische Blick auf die Menschen, Marotten und Zustände eines Landes ist stets pieksend wie liebevoll, nie streng, immer humorig und augenzwinkernd und die Einführung eine der feinsten Nebenfiguren der Comic-Geschichte dürfte zu den sinnigsten und schönsten gehören, die das Medium zu bieten hat. Ganz, ganz toll. 🙂

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Sonntag, 15. Februar 2015

SPIROU + FANTASIO Gesamtausgabe 2

Filed under: Klassiker — Michael um 21:06

SPIROU + FANTASIO  Gesamtausgabe 2 - Von Rummelsdorf zum MarsupilamiDie Pilze sind riesig. Nicht nur das! Plötzlich tauchen überall auch diese ganzen kleinen Pilze auf. Pilze! Überall Pilze! Und dann dieser Zauberer! Nachdem dieser Herumtreiber in der Nähe von Rummeldorf aufgetaucht ist, brach auch das Chaos aus. Kühe alterten in enormen Tempo. Geräusche in der Nacht beunruhigen die beiden Camper Spirou und Fantasio. Der fremde Jäger, der in der Dunkelheit einen Hasen davonträgt, ist ein Anblick, den der Beobachter so schnell nicht vergisst, denn der Hase ist riesig!

Eine Erbschaft, die ist lustig … Nachdem das Abenteuer rund um das Kennenlernen mit dem Grafen von Rummeldorf erfolgreich bestanden ist, warten drei Aufgaben auf Fantasio. Spirou steht selbstverständlich an der Seite des Freundes. Allzu leicht sind diese Aufgaben, die den Weg zu einer Erbschaft ebnen, nicht zu bewältigen. Zu ungewöhnlich sind sie abseits des normalen Alltags. Die beiden Freunde werden häufig und gern mit merkwürdigen, exotischen, aber auch Vehikeln gesehen, die in der Realität Begeisterungsstürme auslösen würden. Nun ist Fantasio als Erfinder gefragt. Eine Erfindung von allgemeinem Nutzen soll dank seines kreativen Geistes das Licht der Welt erblicken. Das ist leichter gesagt als getan.

Wurde zuvor noch mit dörflichem Lokalkolorit gespielt und die konservative Landseele durch den Kakao gezogen, wird mit dem fünften Band, Eine aufregende Erbschaft, eine der großen Stärken der Reihe bereits vage vorskizziert. Und nicht nur das. Das dreigeteilte Abenteuer ist auch die Geburtsstunde des Marsupilamis, das nicht nur zu einem der außergewöhnlichsten Comickreaturen schlechthin werden wird, sondern auch neben solchen Figuren, die sich wenigstens wörtlich äußern können, zu einer der liebenswertesten Gestalten frankobelgischer Comickunst aufsteigt.

Dabei ist seine Konstruktion denkbar einfach und folgt, bedenkt man die gummiartigen Wesen, mit den aus heutiger Sicht abnormen Bewegungsabläufen der frühen Zeichentrickfilme, damaligen Gesetzmäßigkeiten, allerdings holt es ein Optimum aus diesen ungeschriebenen Regeln heraus. Das Marsupilami ist auf seine Art ein comictechnisches Denkmal geworden. Die Mischung aus Hund, Affe und gelbschwarzen Comicwesen ist (und das haftet jedem Comicklassiker an) zeitlos. Sein HUBA-HUBA braucht keine Übersetzung. Sein Lachen, das es durch die Begegnung mit Spirou und Fantasio überhaupt erst entdeckt, ist mitreißend und in der jeweiligen Szene urkomisch. Wer wollte es nicht wieder in Freiheit sehen?

Die Entführung des Marsupilami, das dritte Abenteuer in der vorliegenden zweiten Folge der Gesamtausgabe der Reihe um Spirou, handelt denn auch folgerichtig von seiner Befreiung aus Zoo und Gefangenschaft. Es mag eine unbewusste Lehrstunde darüber sein, dass in Freiheit geborene Tiere nicht in Gefangenschaft gehören, weder in Zoo noch Zirkus. Im redaktionellen Teil wird kurz über eine Phase vor und nach Franquin mit Spirou gesprochen, prägend sei aber vor allem die Phase während Franquins Schaffenszeit gewesen. Ungezwungen, Leichtigkeit sind die Worte, die mir zu seiner Arbeit einfallen.

Franquin selbst sind die Veränderungen der Figur Spirou aufgefallen. Die anfängliche Verspieltheit, eine Orientierungsphase, ist sprichwörtliche Geschichte. Die Figur Spirou, Fantasio natürlich auch, ist einstudierter, gewissenhafter, dafür müssen sich andere Charaktere noch entwickeln. Ein Graf von Rummelsdorf zum Beispiel besitzt noch die Schlaksigkeit eines Fantasio und hat noch lange keinen Anschluss an die beiden Hauptdarsteller gefunden, wie es später der Fall sein wird.

Der verlorene Sohn … Na, ja, nicht so ganz. Zantafio, Fantasios Vetter, wird schnell geläutert und verschwindet so gleich nach seiner Einführung wieder (vorerst), aber er wirft auch ein wenig die Schatten einer anderen Figur, nämlich Zyklotrop voraus, deren Konzeption ähnlich ist. Ist Zantafio das böse Gegenstück zu Fantasio, ist es Zyklotrop zu Graf von Rummelsdorf. Im direkten Vergleich zu Zyklotrop bleibt Zantafio aber deutlich blasser. Seine Auftritte jedoch sind spektakulär. Der raketenstarke, geflügelte Motorroller weckt motorenbegeisterte Männerträume, sogar bei den Comicfiguren selbst.

Die Geschichten rund Spirou und Fantasio nehmen Fahrt auf. Erste große Höhepunkte reißen mit, die Hauptfiguren sind runder, weitere Grundzüge der Serie werden gelegt, wichtige, spätere alte Bekannte werden eingeführt. Spirou und Fantasio sind bereits in den Jahren 1950-1952 eine Comic-Spielwiese, auf der sich Macher und Leser trefflich austoben können. 🙂

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Freitag, 31. Oktober 2014

Spirou und Fantasio Gesamtausgabe 1

Filed under: Klassiker — Michael um 9:53

Spirou und Fantasio Gesamtausgabe 1Es war einmal ein Page, der zu einer herausragenden Comic-Figur wurde. An der Seite seines Freundes Fantasio erlebte dieser ganz in roten Stoff gewandete Spirou die unglaublichsten Abenteuer. Und so richtig groß begann alles mit einer Erbschaft. Doch zuvor waren die kleinen Geschichten, zu denen Jije den Grundstein legte und nachdem das Fundament stand, übergab er die Zeichenfeder an Franquin. Diesen Wechsel konnten die Leser anhand des vollendet kopierten Strichs zunächst nicht einmal bemerken. Zurück zur Erbschaft, im wahrsten Sinne des Wortes: Franquin, der am Beginn seiner Zeichnerkarriere war, machte die Figuren Spirou, Fantasio und das Eichhörnchen Pips zu den seinen.

Wie wird es enden? Die Frage lässt sich zu Beginn eines dieser alten Abenteuer nicht beantworten. Einzig lässt sich mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit vermuten, dass es gut ausgehen wird. Denn auf Fridolin, wie Spirou hierzulande auch einmal in längst vergangenen Tagen hieß, warteten noch weitere Geschichten. In der Mitte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts schwang noch ein durch schwarzweiße Slapstick-Streifen inspirierter Humor in Spirous Abenteuern mit durch. Es fällt nicht schwer, in den gummiartigen Verrenkungen der Figuren die schlaksigen Bewegungen eines Tramps mit Bowler und Spazierstock wiederzuentdecken.

Alles geht! Radar, der Roboter ist ein weiteres Beispiel für die Goldgräberstimmung jener Tage. Alles konnte ausprobiert werden, Geschichten entstanden wie aufs Geratewohl ersonnen. Ein weitaus weniger breites Spektrum, als es heutzutage vorhanden ist, ließ größere Spielräume. Die Abenteuerlichkeit, mit der Spirou und Fantasio nicht nur mit einem verrückten Wissenschaftler, sondern auch mit seiner Kreatur, Radar, konfrontiert werden ist maßgeblich für die gesamte Reihe geworden. Denn der Grundgedanke, Alles geht!, zieht sich bis heute durch Handlungen.

Aufregung, Aufregung, Aufregung! Diese ist ein besonderes Merkmal der Geschichten jener Tage. Ein wenig Ruhe, Zwischenentspannung, ist sehr selten. Bei den Abenteuern auf Albenlänge dringt der episodenhafte Charakter der einzelnen Abschnitte durch. Ein Höhepunkt jagte den nächsten. Das legte sich bereits etwas in Spirou bei den Pygmäen. Der Humor kümmerte sich damals, wie heute sicher einige bemängeln werden, nicht um Political Correctness.

Das Album Spirou im Wilden Westen konnte hingegen fröhlich mit den Vorurteilen spielen, ohne dass es jemanden stören musste. Wo im alten Europa die Kultur die Zivilisation fest im Griff hatte, herrschten in Amerika abseits der großen Städte noch die rauen Sitten des Wilden Westens. Franquin konnte auf den Spuren von Jijes Western-Erzählungen wandeln, den, aus heutiger Sicht, Western von gestern einfließen lassen. Betrachtet man sich einzelne Szenen, darf der Cineast sich fragen, ob hier nicht auch ein Robert Zemeckis für den dritten Teil der Zurück in die Zukunft Trilogie in dieses Abenteuer gespinkst hat. Oder so manches gehört vielleicht schon zu den Urtümlichkeiten eines Westerns, ist Allgemeingut geworden. Franquin hat zu seiner Verbreitung sicherlich einiges beigetragen.

Schmuggel, so der Titel der letzten in der ersten Gesamtausgabe vorliegenden Episode, zeigt eine deutliche Veränderung im Vergleich zu den ersten Schritten von Spirou unter Franquins Feder. Die Proportionen der Figuren werden noch genauer aufeinander abgestimmt, die Zeichnungen wirken weniger zappelig als in den Anfangstagen. Bis in die kleinste Nebenfigur hinein wird auf ein stimmiges Äußeres geachtet. Die Choreographie der Slapstick-Szenen wurde perfektioniert ( Stichwort: Motorrad verliert seinen Beiwagen, samt Mitfahrer).

Die Anfänge eines Zeichners, eine Entwicklungskurve, die stetig nach oben weist. Ein interessantes Werk Comic-Geschichte, schöne Comic-Abenteuer aus der Frühzeit einer Figur, die den Comic-Markt erobert hat, wie nur wenige es geschafft haben. Franquin zeigt, wie fein ein Künstler zu arbeiten versteht, wenn aus einem Lehrling langsam ein Meister wird. Toll! 🙂

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Freitag, 23. Mai 2014

80 Jahre Donald Duck

Filed under: Klassiker — Michael um 16:05

80 Jahre Donald Duck - Held in allen LebenslagenDa werden Hecken in Form geschnitten. Ach, was?! Form?! Das sind Kunstwerke! Ein Gartenzwerg auf dem Rasen ist im Vergleich wenig repräsentativ. Und Donald Duck möchte doch gerne ein wenig mithalten. In Zeiten des Internets sind schnell ein paar passende Schnitte für einen großen Busch gefunden, aber so richtig überzeugend sind die Muster noch nicht. Dann hat Donald den passenden Einfall. Ein Elefant soll es sein, hoch aufgerichtet und in Trompeterpose. Der Erpel macht sich ans Werk. Es gelingt sogar, aber leider hat er nicht lange Freude an seinem Ergebnis.

Donald Duck ist kein Verlierer. Donald Duck ist ein Kämpfer. Von einer Pechsträhne lässt er sich am Ende nie unterkriegen, steht immer wieder auf, wenn er zu Boden geht. Das Leben (oder besser seine gemeinen Autoren und Zeichner) legt ihm einen Stolperstein nach dem anderen in den Weg, aber Mut und sogar Erfindungsreichtum treiben ihn stets aufs Neue voran. Hier muss irgendwo das Geheimnis dieser Figur zu finden sein, die 1934 in dem Trickfilm The Wise Little Hen ihren ersten Auftritt hatte. 80 Jahre ist das nun her und kaum eine Comic-Figur oder Zeichentrickcharakter kann auf eine derart lange Laufbahn zurückblicken. Donald Duck muss im Leben wie im Geschäft (auch das ist Comic) ein Erfolgsmodell innewohnen.

Die Sonderausgabe zum Geburtstag des Erpels versammelt einige sehr gute Interpreten von Donald Duck. Das Grundmodell ist immer gleich, doch haben viele der Ente ihren eigenen optischen Stempel aufgedrückt, kamen die Zeichner nun aus den Vereinigten Staaten, aus den Niederlanden oder Italien. Carl Barks, Al Taliaferro und Marco Rota (meine persönlichen Favoriten) sind ebenso vertreten wie Don Rosa, Daan Jippes oder William van Horn, die sich einer großen Fangemeinde erfreuen dürfen. Doch der Zeichner steht nicht im Mittelpunkt, sondern der Jubilar.

Die Geschichten bilden einen guten Querschnitt des erpelschen Lebens, zeigen sie nicht nur die viel beschworenen Pechsträhnen, vielmehr beschäftigen sie sich auch und gerade mit den Situationen, in denen Donald Duck nicht nur über sich selbst hinauswächst und mit anderen in Konkurrenz tritt. Wenn er nicht eben Mut beweist, legt sich Donald auch gerne an. Vorzugsweise mit Onkel Dagobert, aber auch mit den Oberen Zehntausend. Auf einer Festveranstaltung, zu der er fälschlicherweise eine Einladung erhalten hat, will er beweisen, dass er mit der gleichen Lebensart ausgestattet ist, die auch die Reichen und Schönen infernalisch verbreiten. Mut zeigt sich in jenen Szenen, da er als Fensterputzer auf einem Wolkenkratzer arbeitet oder seinen Hund Bolivar über Stock und Stein trägt, damit dieser eine Arbeit macht, zu dem das Tier gar nicht in der Lage ist. Keine Frage, wer diesen Job am Ende tatsächlich bekommt.

Ob ein Verlierer ein Multitalent sein kann? Wohl kaum einer würde diese Frage mit Ja beantworten, erhöhen die Fähigkeiten doch auch die Chancen für einen oder mehrere Erfolge. So verwundert es, wenn Donald Duck auf den ewigen Loser reduziert wird, obwohl der Erpel es schafft, sich in kurzer Zeit auf immer neue Lebenslagen einzustellen. Als Jockey oder Autorennfahrer, Abenteurer sowieso oder als findiger Ideengeber in einem Unternehmen zur Herstellung von Margarine.

Ewiges Leben? Erwachsen auf die Welt kommen und nach 80 Jahren immer noch so jung aussehen wie am ersten Tag? Das kommt diesem Zustand schon recht nahe. In Für immer jung von Marco Rota geht Donald Duck auf die Suche nach der Quelle der fast ewigen Jugend und unternimmt gleichzeitig eine Art Zeitreise, da es ihn in ein Tal verschlägt, wo sich die Bewohner weder vom Fleck bewegt, noch sonderlich weiterentwickelt haben. Marco Rota hält sich stilistisch an althergebrachte Vorbilder, gerade seine Nebenfiguren haben sich eine äußere Erscheinung bewahrt, die stark an die großen Tage des Zeichentrickfilms wie auch einer Comic-Zeit erinnern, die Jahrzehnte zurückliegt. Ebenso schön, etwas moderner im Strich, akurater, aber in deutlicher Anlehnung an seine Vorgänger gerät Die Margarine-Hotline des Norwegers Arild Midthun und zeigt auch, wie gut sich der Humor von Donald Duck in die Gegenwart überträgt.

Für jeden etwas dabei: von purer Slapstick, rasant und krachend (im wahrsten Sinne des Wortes) bis fein, liebevoll, mitfühlend und intelligent. Donald Duck ist ein Tausendsassa, der für jeden eine Charaktereigenschaft bereithält und dem, keine Überraschung, man seine 80 Jahre nicht anmerkt, ganz gleich wie alt die jeweilige Geschichte ist. 🙂

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Sonntag, 01. Dezember 2013

Der Wind in den Weiden

Filed under: Klassiker — Michael um 18:41

Der Wind in den WeidenDa ging der Maulwurf spazieren. Alles stimmt. Das Wetter ist schön, die Leute sind freundlich und mit Ratte ist sogar bald ein neuer Freund gefunden. Wer hätte gedacht, dass das Leben so schön sein kann? Ein kleiner Ausflug am Fluss bringt neue Bekannte wie den Otter oder den Dachs, der allerdings ein wenig brummelig ist und gerade keine Gesellschaft will. Der Kröterich kommt vorüber und wird zum Gesprächsthema. Er hat eine neues Ruderboot, nur hat er keine Geduld. Alles muss sofort funktionieren und auch beherrscht werden, sonst kann Verzweiflung oder ein Wutanfall folgen. Beides hält jedoch nie lange an.

Eine Welt voller kleiner (und großer) Wunder: Der Wind in den Weiden. Eine Ratte, ein Maulwurf, ein Dachs und, ganz besonders wichtig, ein Frosch gehören zu der Riege der Darsteller in dem sicherlich unsterblichen Roman von Kenneth Grahame. Es ist eine Welt der Gefühle und Freundschaften, der Leidenschaften. Die Geschichte beschreibt das Leben in all seiner Fülle. Die Umsetzung durch Michel Plessix, zuerst in Einzelgeschichten zwischen 1996 und 2001 erschienen, gehört zu einem Paradebeispiel wie gelungen eine Comic-Umsetzung einer literarischen Vorlage sein kann (und sein sollte). Da er sich eng an den Roman von Kenneth Grahame hält, war ein Scheitern der Adaption nur noch rein grafisch möglich, aber Michel Plessix kann mit seinem märchenhaften Zeichenstil, einer phantastischen Kolorierung auf ganzer Linie überzeugen.

Auftritt: die Ratte und der Maulwurf. Der kleine dicke Maulwurf ist ein kleiner, dicklicher, auch etwas ängstlicher Vertreter seiner Zunft. Mit Abenteuern hat er wenig am Hut, gerne von zu Hause weg ist er auch nicht. Die Ratte hingegen verbringt gerne den Tag draußen an der frischen Luft, jahreszeitlich ungebremst und reißt den Maulwurf mit. An der Seite des neuen Freundes lernt der Maulwurf noch mehr Freunde kennen und hört, bevor er ihn überhaupt zu Gesicht bekommt, einige seltsame, wenn auch freundliche Geschichten über den Kröterich.

Der Kröterich ist der heimliche Held aus Der Wind in den Weiden. Er ist der wahrhaft abenteuerliche Charakter, oft besinnungslos mitgerissen von seinen jeweils neuen Interessen. Technik, Beweglichkeit, Innovationen, aber auch Kultur und Stil haben es ihm angetan. Die Begeisterung, die der Kröterich immer aufs Neue aufbringt, regt zum Schmunzeln an, zum Lachen, vor allem, da Michel Plessix mit dieser Figur noch ein Stück mehr gelingt, sie zu personifizieren, figürlich zu charakterisieren. Durchweg verwendet er nur feine, dünne Striche im Zusammenspiel mit einer seidenweichen, aquarellartigen Kolorierung. Details werden in der reinen Tuschearbeit ebenso beachtet wie in der Farbgebung.

Aber zurück zum Kröterich, der sehr früh vorgestellt wird, aber auch erst zur Mitte hin verstärkt in den Fokus rückt. Aus der tollen ländlichen Umgebung heraus, in der sich die Tiere hauptsächlich bewegen, bricht der Kröterich in die Welt der Menschen aus, wird sogar angeklagt und muss in einer aberwitzigen Verkleidung fliehen. Sind die meisten Tiere für eine heitere, auch irgendwie romantische Atmosphäre gut, steht der Kröterich für Klamauk und bietet die Grundlage für optische Gegensätze. Das Land könnte zu jeder Seite Ansichten von idyllisch anmutenden Postkartenmotiven entsprungen sein. Die Stadt hingegen ist zwar sauber, allerdings eng, gedrängt, überfüllt, hektisch. Und diese Hektik wird durch die Clownerie des Kröteriches noch einmal befeuert.

Sehr schön ist das warme Farbenspiel in Der Wind in den Weiden. Die putzigen Figuren werden hierdurch noch einmal putziger und es ist auch ein Zeichenstil wie auch Farbgebung, die sich amerikanischen Vorbildern verschließt, aber nicht automatisch europäisch zu nennen ist. Es ist eher eine klassische Illustration, die eigene Figuren entwirft, trefflich herausarbeitet, so dass mit den figürlichen kleine Schauspieler entstehen, die dank Michel Plessix hervorragend in der Lage sind, unterschiedlichste Emotionen zu transportieren. Nur so kann Der Wind in den Weiden optisch funktionieren. Im Comic-Bereich wollen vergleichbare Werke regelrecht gesucht werden, jedenfalls solche, die auch eine tatsächliche Erzähltiefe besitzen.

Ein Wort: fantastisch. Eine vorbildliche Comic-Adaption von einem Meister seines Fachs höchst liebevoll, illustriert. Perfekte Unterhaltung, ob nun als Roman oder Comic gelesen. 🙂

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Donnerstag, 21. Februar 2013

Benni Bärenstark 1 – Die roten Taxis

Filed under: Klassiker — Michael um 19:42

Benni Bärenstark 1 - Die roten TaxisNiemand will Benni glauben. Er ist ja noch Kind. Erwachsene glauben Kinder keine Räuberpistolen. Allerdings erzählt Benni keine Märchen. Die Taxifahrer aus den roten Taxis sind allesamt Ganoven. Aber Benni ist nicht irgendein Junge. Er hat besondere Fähigkeiten, die es ihm erlauben, die Finsterlinge an der Nase herumzuführen. Als sie ihn fangen wollen, führt er sie nach allen Regeln der Kunst an der Nase herum. Das löst aber das eigentliche Problem nicht. Denn er will ja Herrn Piepke helfen, der noch ein ganz altmodisches Taxi fährt und dessen Existenz durch die rote Konkurrenz massiv bedroht wird.

Wenn Comics wieder auftauchen, an die man sich aus seiner eigenen Kindheit erinnern kann, dann fühlt man sich nicht alt, sondern gleich viel jünger. Als Peyo den kleinen Benni Bärenstark ins Comic-Leben holte, wandelte er auf ähnlichen Spuren wie einige der bekannten Kinderautoren von einst, die in die Herzen ihrer Leser schauen und ihre Wünsche nach Abenteuern erkennen konnten. Nach Geschichten für Kinder setzte er hier eine schöne Idee Kindern um: Benni Bärenstark. Ein kleiner Junge mit schwarzer Schirmmütze, blauem Schal, weißem T-Shirt, rotem Jäckchen, kurzer schwarzer Hose und Straßentretern, da Turnschuhe sich im Straßenbild noch nicht so durchgesetzt hatten.

Benni war nicht nur Bärenstark, er war auch pfiffig. Er war schnell und geschickt. Eigentlich war er in vielerlei Hinsicht schlauer als die Erwachsenen. Als die Ganoven, die er in seinem ersten Band Die roten Taxis zur Strecke bringt, sowieso. Das sind beileibe nicht alle seine besonderen Fähigkeiten. Und einen Nachteil besitzt er auch. Ein Schnupfen beraubt ihn seiner Kräfte. Man könnte auch sagen, Bazillen sind Bennis Kryptonit. Peyo setzt diese Schwäche gezielt ein, natürlich für Benni stets im falschen oder auch schlechtesten Moment. Aber das muss auch so sein, denn ansonsten wäre es für den kleinen Helden allzu leicht.

Problematisch sind auch die kleinen Missgeschicke, die Benni geschehen, wenn er seine Kräfte einmal öfter unterschätzt. Eine Pflastersteinstraße muss darunter leiden oder auch ein Schokoladenautomat. Da geht bei aller Vorsicht etwas zu Bruch. Peyo erzählt seine Geschichte (und zeichnet sie ebenso) derart liebevoll, wie es im Vergleich von diversen Märchenverfilmungen oder auch Kinderserien jener Tage her bekannt ist. Thematisch ist es sicherlich ganz anders, doch das Einverfühlungsvermögen, auch die Begeisterung der Erzählers ist hier auf ähnliche Weise spürbar.

In den Zeichnungen wird selbstverständlich auch die Komödie sichtbar. Mit exaktem Strich eröffnet sich eine Comic-Welt, die äußerlich parallel selbstverständlich zu den Schlümpfen existieren könnte (und nachweislich im Kino die Neuzeit erreicht haben). Einfache Formen bilden die Figuren, aber ungeheuer effektiv in ihrer jeweiligen Endversion. Sie haben auch nichts von ihrer Modernität verloren. Nachdem dieser Stil zwischenzeitlich einmal aufgeplustert werden sollte, sind die Comic-Künstler wieder auf der Spur der alten Meister wie eben Peyo. Hier ist, um es einmal so zu nennen, zeitloses Design entstanden.

Wer nun glaubt, die Geschichte Dir roten Taxis bliebe auf städtisches Flair beschränkt, sieht sich durch einen kleinen Kniff Peyos getäuscht. Plötzlich sind die Charaktere reif für die Insel und für Benni beginnt eine kleine Odyssee. Das ist schön fürs Auge und für Kinder abwechslungsreich, unvorhersehbar und spannend, denn genau so funktionieren die Abenteuer für die Kids heute noch. Auch wieder: zeitlos.

Peyo hatte ein feines Händchen für Kindergeschichten, die allerdings auch von Junggebliebenen und Comic-Fans immer noch gelesen werden können. Die Aufmachung ist fein, das Leseerlebnis sehr schön. Ein Klassiker, vollkommen zu recht. 🙂

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