Dienstag, 06. Mai 2008
Der junge Ritter ist verliebt. Und stolz. Stolz und Ehre gehen vor Liebe. So glaubt es Prinz Eisenherz jedenfalls. Er hat geschworen, Aleta, die er versucht zu hassen, in Ketten an alle Fürstenhöfe der Welt zu führen. Aber die selbst gestellte Aufgabe ist äußerst schwierig.
Denn Aleta ist eine sehr energische junge Frau. Sie lässt sich nichts gefallen, hat Ideen und setzt mitunter auch die Waffen einer Frau ein. Und sie ist klüger als Eisenherz, weil sie viel schneller erkennt, wie sehr er sie liebt! Männer sind halt etwas schwerer von Begriff.
Prinz Eisenherz ist und bleibt etwas ganz Besonderes auf dem Gebiet der Comics. Wie eine wunderbar ausgestattete Theaterinszenierung präsentiert sich der Ritter mit dem singenden Schwert in dieser Neubearbeitung.
Wir begegnen Prinz Eisenherz und Aleta zunächst in der Wüste. Der Prinz ist auf Rache aus. Allerdings ist seine Rache sehr beherzt und nachsichtig, obwohl er sich das zuerst nicht eingestehen will.
Und das ist ein Zauber, den jede Frau benutzen kann.
Aleta kennt ihre Ausstrahlung und sie hat bereits nach kurzer Zeit ihre Wirkung auf Eisenherz erkannt. Ein Glück für den Prinzen, dass Aleta auch in diesen stattlichen Ritter verliebt ist, sonst stünde es ziemlich schlecht um ihn.
Prinz Eisenherz wird ohne Sprechblasen erzählt. Die begleitenden Texte, der gesprochene Text, erscheint in einer Fußzeile. Als Leser, der einen manchmal wilden Wust von Erzählkästen und Sprechblasen gewöhnt in den Panels ist, kann diese Form der Darstellung sehr beruhigend wirken. Die Form ist hier auf die ursprüngliche Erscheinungsweise als Zeitungsstrip zurückzuführen – damit erfahren Fans des Prinzen wie auch die Generation meiner Eltern, die schon den Prinzen kannte, nichts Neues. Die Szenen wirken ein wenig wie in einem Stummfilm – dieser Eindruck entsteht bestimmt durch die sprechblasenlosen Bilder – wer sich diese Bilder in aller Ruhe zu Gemüte führt, wird vielleicht beizeiten in seinem Kopf dramatische oder liebevolle Klaviermelodien hören, wie sie auch in Stummfilmen zum Einsatz kamen.
Abenteuer, Liebe, Kämpfe, Kostüme, wallende Gewänder, kecke Frauen, finstere Fürsten und natürlich ein wagemutiger junger Ritter, der seine Feinde das Fürchten lehrt, jedoch nicht ohne Fehl und Tadel ist. Hal Foster gelang mit Prinz Eisenherz eine Figur, die nicht nur vorbildlich für spätere Veröffentlichungen war, sondern bis heute nachwirkt. Seine Ritterlichkeit im Kampf, seine Hartnäckigkeit und sein Mut stehen der Unerfahrenheit in der Liebe gegenüber, ein Konzept, das heute wieder erfrischend ist und gar nicht so altmodisch erscheint, wie es auf den ersten Blick auf so manchen Comic-Leser wirken mag.
Eine bezeichnende Episode ist die Auseinandersetzung zwischen Eisenherz und dem Fürsten Donardo. Der Prinz nimmt es um Aletas Willen mit einer ganzen Stadt auf – und sie erwartet auch nicht weniger! Eisenherz’ Ritterlichkeit bringt ihn in immer größere Schwierigkeiten. Dafür wird er auch noch von seinen Feinden verhöhnt. Aber er gibt nicht auf. Am Ende … Das soll nicht verraten werden.
In einem guten ersten Drittel der vorliegenden Ausgabe ist das Format der Episoden noch zweidrittelseitig, zumeist in zwei Zeilen angelegt. Den unteren Teil der jeweiligen Seite füllt eine weitere Geschichte aus Fosters Werkstatt: The Medieval Castle.
Wie war das Leben im Mittelalter auf einer Burg? Der Leser fühlt sich fast in eine Art Dokumentation versetzt, indem er einigen Menschen aus jenen Tagen bei ihrem Alltag über die Schulter schaut. Wie wurde um eine Frau geworben? Welcher Art war die Bildung, die Erziehung? Hierzu folgt der Leser dem kleinen Arn, der den Stall ausmisten muss, bevor er in den wirklich wichtigen Fächern unterrichtet wird. Den romantischen Charakter dieser Episoden muss man als Leser verzeihen, sollte man sich doch vor Augen halten, dass es zuallerst unterhaltenden Charakter hat und nicht für sich in Anspruch nimmt, historisch korrekt zu sein.
Sobald die Handlung von Foster ganzseitig erzählt werden kann, findet sich der Leser auch in einem neuen Handlungsabschnitt wieder. Es wird wilder. Die Wandalen ziehen gegen Rom. Neben zahlreichen ausgefeilten Kampfszenen, real wie auch übender Weise, ist der Sog dieser Handlung größer, weil vielfältiger angelegt. Die Liebe wird wieder thematisiert, tragisch, besonders in einer Szene, als Cidi sich umbringt, weil sie erkannt hat, dass ihre Liebe zu Prinz Eisenherz sich nie erfüllen wird. Ein dem Wahnsinn naher Amurath hält den Leichnam mit verzweifelter Miene in seinen Armen.
Und wenn Aleta als Ritter verkleidet durch ihre Haare die Sicht verliert und einen Angriff gegen ein Dorngebüsch reitet, wird dieser Humor ebenso schwer wie so mancher tragisch oder spannende Augenblick.
Foster war auch ein Erzähler, der stets versucht war, seine Geschichte im Gleichgewicht zu halten.
Ein Klassiker im schön restaurierten Gewand, wunderbar zu lesen, wunderbar anzuschauen. Für Fans von Rittergeschichten, die viel zu selten geworden sind, ist und bleibt Prinz Eisenherz ein Muss.
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Stichwörter: hal foster
Samstag, 02. Februar 2008
Sie waren zu jung, ein Auto zu fahren, aber alt genug, einen Bomber zu fliegen. – Wer glaubt, in den Bombern beiderseitig des Kanals saßen immer nur alte erfahrene Piloten, der sieht sich gewaltig getäuscht. Marvano hat sich des Themas angenommen und eine Geschichte rund um ein solches Bomber-Team geschrieben und gezeichnet.
Marvano, mit bürgerlichem Namen Mark van Oppen, bewies bereits mit der Science Fiction Roman-Umsetzung von Joe Haldeman, dass er das Zeug für realistisch anmutende Szenarien hat. Nach einem zukünftigen Krieg setzt er sich nun mit der Vergangenheit auseinander.
Die sieben Zwerge sind die Flugzeugmannschaft eines Bombers, dem sie selber den Namen S-Snowwhite (Schneewittchen) gegeben haben. Die Geschichte beginnt mit einem Angriffsflug über Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Das Ziel ist das Ruhrgebiet. Die Szene ist für die jungen Männer an Bord unwirklich. Die Nacht wird von der deutschen Flugabwehr sporadisch erleuchtet, als der Lancaster-Bomber acht Tonnen seiner tödlichen Fracht aus seinen Abwurfschächten entlässt. Sie wissen nicht, was sie da unten töten oder zerstören, sie sehen lediglich das Flammenmeer nach dem Aufprall ihrer Bomben. Ein Cowboy-Schrei der Freude überlagert die Szene und entlädt die Erleichterung darüber, dass dieser Angriff vorüber ist. Nun kann der Heimflug angetreten werden.
Doch vor einer glücklichen Landung muss das englische Geschwader erst an den deutschen Nachtjägern vorbei.
Man fühlt sich als Leser ein wenig an den Film Memphis Belle erinnert, der ebenfalls die Geschichte einer, allerdings amerikanischen, Bomber-Crew beschreibt. Hier wie dort ist es der Wahnsinn über den Wolken, der sich mit rein menschlichen Aspekten ablöst. Hier ist die Freiheit über den Wolken nicht grenzenlos, sondern ihr wurde die Freiheit genommen, das Wahrhaftige, das Besondere, kurz, sie wurde missbraucht.
Für diese Männer spielt der Krieg eine Rolle, weil sie sich in ihm befinden, nicht, weil sie ihn gewollt haben. Sie zählen die Einsätze, die hinter ihnen liegen und fürchten die, die vor ihnen liegen. 17 haben sie absolviert, 30 müssen sie fliegen. Der Durchschnitt liegt bei 11. Und ein jeder fürchtet ein Ziel: Berlin. Der Anflugkorridor ist eng. Eine Kollision mit einer befreundeten Maschine ist wahrscheinlicher, als von der gegnerischen Flugabwehr oder einer Abfangmaschine getroffen zu werden.
Kein einziges Mal geht es um Politik, oder darum, den Feind zu vernichten. Es geht nur darum, zu gewinnen, damit man nach Hause kann.
Was hast du gegen Idealismus, Aubie? Zum Teufel, ich sterbe lieber für die gute Sache, für ein Ideal.
Ich ziehe es vor, überhaupt nicht zu sterben.
Wie dieses Ideal aussehen mag, bleibt offen. Ideale taugen aber auch nicht dazu, einen Zauber auszuüben, den Mut und die Hoffnung zu schüren. Rituale sind da schon geeigneter. Die Mannschaft der Snowwhite hat es sich angewöhnt, vor jedem Flug gemeinsam auf das Hinterrad ihres Bombers zu urinieren. Wenn man schon angepisst ist, dann kann man es auch selber machen.
Nicht zu früh die Bomben ausklinken, sonst treffen sie Brüssel und nicht Berlin. Und aufpassen, wohin man wirft. Am Ende fliegt die eigenen Leute unter einem und man trifft sie mit den Bomben, die eigentlich für die Deutschen gedacht waren.
Marvano trifft auf jeder Seite mit seinen nüchternen Zeichnungen und seinen Texten die Atmosphäre der Szenerie. Er lässt aus der Sicht eines Piloten erzählen, der um Kühle und Sachlichkeit bemüht ist, aber den Schrecken aus seiner Stimme nicht ganz verbannen kann.
Schließlich lässt Marvano alte Musik spielen, verzichtet auf Erzählung, lässt nur die Bilder sprechen. Mehr braucht es auch nicht. Um Haaresbreite dem Tod entgangen, steigen sie bald wieder auf.
Das Ende muss nicht gezeigt werden. Nach all den Erlebnissen kann sich der Leser ausmalen, dass in einer dieser Situationen das Glück einen anderen Bomber auswählte. Die sieben Zwerge kommen nicht mehr zurück.
Ohne Pathos, beinahe sachlich, berichtet Marvano über das Schicksal dieser Bomber-Crew, die nicht richtig gelebt hatten, als Beispiel für viele andere, die nicht überlebten. Es ist ein Blickwinkel der Sinnlosigkeit all dessen, was sich in einem Krieg abspielt, ohne Tränen erzählt, dafür aber umso trauriger.
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Stichwörter: marvano, mark van oppen
Sonntag, 27. Januar 2008
Ein Mann lebt unter Maries Dach, ein fremder Mann! In der kleinen Ortschaft Notre-Dame, wo jeder jeden kennt, ist dieser ungewöhnliche Gast das Gesprächsthema. Bei den Damen des Ortes, besonders bei den tugendhaften Damen, erzeugt dieser Fremde allerhand Gift und Galle. Da muss der Pfarrer her!
Der gute Pfarrer kann sich sehr bald schon vom guten Geist des Neuankömmlings überzeugen. Serge, so sein Name, ist ein weit gereister Mann, der einen Hauch von Welt in die Wälder Kanadas bringt – aber auch viel Wärme und Menschlichkeit.
Serge hat viel gesehen von der Welt. Europa, den großen Krieg, das zivilisierte Kanada, aber eine solche Idylle ist ihm noch nie begegnet. In einer solch eingeschworenen Gemeinschaft jedoch hat es ein Neuling schwer. Seine große Stunde naht, als es ein Schwein zu schlachten gibt und der verantwortliche Metzger die Arbeit nicht erledigen kann. Serge, von Beruf her Tierarzt, bietet sich an, die Lücke kurzzeitig zu schließen.
Das Schlachten des Schweins wird seine erste Bewährungsprobe, denn ein derartiges Ereignis lockt das gesamte Dorf an. Und wie es sich herausstellt, ist die Schlachtung eines solchen Kolosses nicht leicht. Spätestens als die Sau mit dem Pfarrer auf dem Rücken durchgeht, wird allen Beteiligten klar, dass die Prozedur alles andere als einfach wird.
Weihnachten naht. Marie und Serge laden zum gemeinsamen Weihnachtsschmaus ein. Nicht nur Liebe geht durch den Magen, sondern auch Nächstenliebe. Serge beweist, dass er von seinem Aufenthalt in Paris sehr viel Wissen um eine gute Küche mitgebracht hat. Sehr bald ist es dann so weit. Das erste Restaurant eröffnet in kleinem Rahmen in Notre-Dame. Serge kocht sich regelrecht in die Herzen der Menschen.
Das Nest von Regis Loisel und Jean-Louis Tripp geht in die zweite Runde. Nachdem die Charaktere vorgestellt wurden und der Alltag im Nest bekannt ist, bringen Loisel und Tripp einen Unruheherd in das kleine Dörfchen Notre-Dame – und dieser Begriff passt gar nicht einmal schlecht als Umschreibung von Serge, dem Neuen.
Marie, die Witwe und Betreiberin des einzigen Ladens im Ort, steht natürlich auch im Mittelpunkt eines gewissen Interesses. Zuerst ist es Mitleid mit der noch recht jungen Frau, die nun allein ihr Leben fristen muss. Im Ort selber sollte es für jedermann einsichtig sein, dass aus dem Dorf selbst kein neuer Gefährte kommen kann. Ausgerechnet ein Mann, der eigentlich auf der Durchreise war, beginnt in Notre-Dame Wurzeln zu schlagen – wegen Marie einerseits, wegen der Menschen im Dorf andererseits.
Sehr liebevoll lernt der Leser diese kleine Welt durch die Augen von Serge kennen. Dabei schadet es nicht, den ersten Teil nicht gelesen zu haben. Durch Serge ist alles neu. Für den Leser, der bereits eingeweiht ist, tun sich viele neue Aspekte auf.
Es ist tiefer Winter. Der Schnee liegt knöcheltief, nächtens fallen weitere Flocken zur Erde. Der Winter lässt die Menschen noch enger zusammenrücken. Neben dem Schnee gibt es noch einen Grund zum Zusammenrücken: Neugier. Da kommt ein Fremder gerade recht. Serge jedoch gibt zwar Anlass zu Spekulationen, aber er gibt (eigentlich) keinen Anlass zum Unmut. – Sieht man einmal von den zornigen Blicken der tugendhaften Drei ab, die nur einem männlichen Wesen Respekt zollen: Dem Pfarrer.
Die Beziehungen in dieser Gemeinschaft sind fein ausgearbeitet. Langsam werden die unsichtbaren Geflechte und Grenzen abgesteckt, wird sichtbar, wer welche Rolle im Dorf spielt. Aber die Beziehungen sind locker. Jeder lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, lässt Freiraum, kurzum ein einigendes Element fehlt. Maries Laden im Zentrum ist ein Treffpunkt, den alle brauchen, doch ein Kern lässt sich nicht ausmachen. Mit Serge ändert sich das.
Wirklich, Serge, das war … Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass man so gut essen kann.
Der Genuss hält Einzug in Notre-Dame und mit ihm werden gepflegte kleine Einladungen ausgesprochen, bei denen der Reihe nach alle Einwohner zum Essen zu Marie und ihrem Gast kommen, der sich zunehmend heimischer fühlt. Es ist den beiden Autoren und Zeichnern in Personalunion zu verdanken, dass sich dieses zelebrierte Kennenlernen beinahe greifen lässt. In jeden Fall greift die Stimmung auf den Leser über. Es ist warm, beschaulich und jene, die schon seit einer halben Ewigkeit in Notre-Dame zu leben scheinen, kommen sich noch einmal näher.
Die Bilder von Loisel und Tripp geben diese Stimmungen perfekt wieder, erinnern ein wenig an naive Kunst, Alltagsstillleben, Szenen des Miteinanders in einer anderen Zeit, weitab von stetig wachsender Zivilisation. Wie gut die beiden aufeinander abgestimmt sind, zeigt sich gleich im Vorfeld der Geschichte. Die Arbeitsphasen der beiden werden einander gegenüber gestellt, zuerst Loisel, dann Tripp, der die Feinarbeit übernimmt. Für die Kolorierung ist Francois Lapierre zuständig. So ergeben sich spannende Mixturen aus Bleistiftvorzeichnung und schönen Farben, in denen die Lichter diesmal eine große Rolle spielen.
Lichter auf den Gesichtern, in der Dunkelheit, zu Weihnachten Wärme ausstrahlend. So entsteht eine perfekte Inszenierung dieser kleinen Welt.
Am Ende, nach einer trefflichen Episode über menschliches Zueinanderfinden, steht der Ausblick auf die weitere Entwicklung. Wenn die Katzen aus dem Haus sind, tanzt die Maus auf dem Tisch. Was mag sein, wenn die Katzen zurückkehren? So liegt über einer heiteren Geschichte auch ein Spannungselement. Erzählungen der Einwohner deuten an, was alles in Notre-Dame passieren kann. Wunderbar gezeichnet und geschrieben, so erzählen sich Loisel und Tripp direkt in das Herz des Lesers. Toll.
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Stichwörter: regis loisel, jean-louis tripp, francois lapierre
Mittwoch, 28. November 2007
Und Gott sagte: „Es werde Licht.“ Mit ganz einfachen Worten und Sätzen beginnt das Buch der Bücher, wie es auch manchmal genannt wird. Fest steht, dass dieses Buch einen gigantischen Einfluss auf die Geschichte der Menschheit gehabt hat. Aber dieses Buch ist mit Altem und Neuem Testament auch sehr dick. Der Zugang ist dank einer zuweilen rätselhaften Sprache ist nicht unbedingt leicht. Wenigstens Jugendliche werden eher mit Desinteresse auf diese Texte reagieren. Diese Comic-Adaption soll einen leichteren Zugang bieten.
In verkürzten und aussagekräftigen Szenen findet der Leser alles vor, was in der Bibel Rang und Namen hat. Zu jeder Szene gibt es Verweise zur entsprechenden Bibelstelle, wo der Inhalt anschließend vertieft werden kann.
Lassen wir einmal den religiösen Aspekt beiseite und konzentrieren uns nur auf die Handlung. So gesehen, kann sich jeder Genre-Fan nur die Hände reiben, denn die Bibel ist Fantasy pur.
Die Welt wird von einer göttlichen Macht erschaffen. So erzählt Moses seinen jungen Zuhörern. Doch das erste Paar der Menschheitsgeschichte, ebenfalls von Gott geschaffen, fällt auf die Einflüsterungen einer Schlange herein, die fortan ohne Gliedmaßen ihre Zukunft fristen muss. Adam und Eva verlassen den Garten Eden, und damit erwartet den Menschen auch viel Unheil.
Das Alte Testament schlüsselt die Menschheitsgeschichte auf seine ganz eigene Art auf. Die Stammbäume lesen sich manchmal abenteuerlich, die Altersgrenzen der auserwählten Menschen, auf die Gott immer noch ein Auge hat, haben heestersche Dimensionen. Kain und Abel, der Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft, die Zehn Gebote, die Geschichte von Josua und in vielen Beispielen mehr – Gott hat es den Menschen nicht leicht gemacht. Hier und da zeigt er sich, belohnt, aber er bestraft auch. Der Gott des Alten Testaments ist ein knurriger alter Mann, der seine Kinder mit fester Hand führen will – man kann schwerlich behaupten, dass es ihm immer gelingt.
Auch ist er ein exklusiver Gott, der Gott eines Volkes, einiger Auserwählter. Den Redlichen steht er zur Seite, belohnt sie manchmal, wenngleich diese Belohnung auch auf sich warten lassen kann und der Weg zum Ziel steinig und voller Entbehrungen bleibt.
Wer die entsprechenden Passagen in der vorliegenden bearbeiteten Ausgabe liest, entdeckt diesen Umstand sehr schnell.
Aber es ist auch eine Geschichte der Hoffnung.
Ebenso deutlich bei der Auswahl der Geschichten um Simson und David und vieler anderer ist die Lebendigkeit. Künstler Siku, in seiner Form als Zeichner und Konzepter, setzt diese Lebendigkeit in Rasanz um. Fluchten und Kämpfe, Schlachten und einstürzende Tempel wechseln sich ab mit der Ruhe glücklicher Zeiten, in denen die Stammbäume fortgeschrieben werden. Der adaptierende Erzähler Akinsiku würzt diese Erzählung hier und da mit dem einen oder anderen sehr fortschrittlichen Satz.
Der Geschichte des Volkes von Israel mit all seinen Höhen und Tiefen folgt eine wirkliche Hoffnungsgeschichte, abgebildet im Evangelium. Entgegen der langen Herkunftsgeschichte geht es hier nur um einen besonderen Menschen und sein Schicksal.
Der Beginn allerdings hält schon ähnlichen Horror bereit, dem sich schon die Israeliten gegenüber sahen. Jedes Kind unter zwei Jahren soll wegen einer Weissagung getötet werden. Aber Josef und Maria, die Eltern eines kleinen Jungen, fliehen. Viele Jahre später begegnet ein junger Mann an einer Wasserstelle Johannes dem Täufer. Der Täufer ist schockiert. Er hat den Sohn Gottes gesehen, jenen Mann, auf den er sein Leben lang gewartet hat.
Die Umsetzung von Jesu Leben ist mangaesk gelöst. Schön ist die räumliche Enge so mancher Informationen, die man als Leser so auf einen Blick präsentiert bekommt. So finden sich die Apostel alle beieinander, aber auch die Gleichnisse werden einfacher gezeichnet, kindlich, denn sie sollen auch in aller Einfachheit eine Wahrheit vermitteln. – Das gelingt auch wunderbar.
Nach der Apostel-Geschichte folgt die Offenbarung des Johannes, die Apokalypse. Letztere wird in aller Kurzform abgehandelt, obwohl sie einen wichtigen Teil der Bibel darstellt. Man kann hier auch von einer dramaturgischen Überarbeitung sprechen, denn nach dem Heil, was Jesus brachte, ist die Düsternis der Offenbarung eigentlich ein Rückschritt in die Düsternis des Alten Testaments.
Die Umsetzung findet in Schwarzweiß statt, skizzenhaften Außenlinien und hellen bis dunklen Rasterflächen. Die Figuren sind sehr schlank, drahtig zu nennen. Fast fühlt man sich an eine Mischung aus der berühmten Es war einmal …-Zeichentrickserie und einer handelsüblichen Animeserie erinnert. Auf eine übermäßige Charakterisierung wird verzichtet. Die Figuren und ihre Gesichter bleiben eher gleichförmig.
Es geht hier um einen Abriss, eine Zusammenfassung eines umfangreichen Buches, der alleine stehen kann, aber nicht sollte. Diese Intention der Macher ist eindeutig und sehr lobenswert. Teile der Bibel wurden auf die unterschiedlichste Weise erzählt, gerade, um die jüngeren Leser an diese Geschichte heranzuführen. Dieser neue Ansatz ist gelungen und überaus modern, vergisst aber auch nie, wo die Wurzeln dieser Geschichte liegen, denn der Respekt vor der Materie ist immer spürbar.
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Stichwörter: siku, akinsiku
Mittwoch, 15. August 2007
Einer lebt, einer stirbt. Doch wenn ein Zwilling stirbt, hat der Überlebende die Kraft von Zweien! Wer vermag zu sagen, ob Elvis tatsächlich als kleiner Junge zusammengeschlagen wurde und danach die Worte ausrief: Eines Tages werdet ihr euch dafür schämen!
Elvis fand schnell den Weg zur Musik. Es begann mit dem Gospel, der schwarzen Kirchenmusik und Lobpreisung Gottes, die so ganz anders war als der übliche Kirchengesang. Es war diese Musik, die Elvis einen Weg eröffnete, wie ihn nur wenige Menschen finden. Wenig später, noch ein Kind, wagt sich Elvis an seinen allerersten Auftritt. Der zweite Platz eines Gesangswettbewerbs, fünf Dollar und freie Fahrt auf allen Karussells sind der Lohn für seine Mühen. Zu seinem elften Geburtstag bekommt der Junge seine erste Gitarre geschenkt.
Elvis hat sich den Traum vom Glanz eines Sängers in den Kopf gesetzt. Ein Sänger braucht das richtige Outfit. Aber ein ansprechendes Erscheinungsbild hat seinen Preis – den Elvis nicht bezahlen kann. Es trifft sich, dass so mancher in Elvis etwas entdeckt. So auch Mr Lansky, der Elvis mit einigen guten Kleidungsstücken weiterhilft: Der Junge hat was. Von dem werden wir noch ne Menge hören oder er fällt gewaltig auf die Schnauze.
Mr Lansky hatte mit beidem Recht.
Anders als die anderen! In einer Zeit der Vorurteile war es für Elvis ein Glück, dass es einen Plattenproduzenten gab, der einen Weißen suchte, der klang wie ein Schwarzer. Bald ist es soweit. Die erste Single sitzt. Mr Lansky, der Herrenausstatter, bekommt alle Hände voll zu tun, diesmal auch gegen sofortige Bezahlung. Elvis’ Aufstieg beginnt. Der Colonel tritt in Elvis’ Leben. Der Mann hinter dem zukünftigen King legt einen Grundstein, aber auch einen Stein, der alles andere ins Rollen bringt. Elvis wird Schauspieler. Elvis kauft Graceland. Elvis kauft und verschenkt Caddys. Als die Army ruft, hat Elvis einen der Höhepunkte seines Lebens erreicht. 1958 wird er einberufen, er ist 23 Jahre alt. Die Folgezeit seines Armeedienstes ist tragisch und glücklich zugleich. Seine von ihm sehr geliebte Mutter stirbt. Aber er lernt in Deutschland auch seine spätere Frau Priscilla kennen.
Schließlich wird es immer kälter um Elvis. Seine spendable Art lässt nicht mehr erkennen, wer sein wahrer Freund ist und wer nicht. Mit dem Zusammenbruch seiner kleinen Familie beginnt ein unaufhaltsamer Abstieg, der nur durch einige wunderbare Glanzlichter unterbrochen wird. Am 16. August 1977 stirbt Elvis Presley, der King, doch er stirbt nicht wirklich, denn seine Musik macht ihn unsterblich.
30 Jahre nach seinem Tod erscheint nun die Die illustrierte Biografie von Elvis, die einige wichtige Episoden seines Lebens zusammenstellt. Unter der Federführung von Reinhard Kleist und Titus Ackermann haben verschiedenste Zeichner ihren Beitrag geleistet, um einen Teil von Elvis’ Leben zu Papier zu bringen. Bela B., Ärzte-Rocker mit langjährigem Hang zum Comic, schrieb das Vorwort zu diesem Projekt.
Die gestalterische Auswahl, die sich dem Leser hier präsentiert, wird wahrscheinlich nicht jedem gefallen. Zu unterschiedlich fallen die Ergebnisse der einzelnen Episoden aus. Einige haben einen schon kindlichen Zeichencharakter, andere sind in höchstem Maße ausgefeilt und können entweder als Comic oder als professionelle Illustration bestehen. Als Leser ist es ratsam, die Bilder stets mit dem jeweiligen Alter von Elvis in Verbindung zu bringen. Nimmt man sich vor, die Bilderwelt mit dem Zusammenhang in Beziehung zu setzen, lernt man außerdem ein Gefühl für Elvis’ Welt und Zeit kennen.
So gestaltet sich Elvis’ Kindheit eher simpel. Die Erinnerungen sind schlicht und entsprechen dem Gemüt eines Kindes, wie auch seinen Fähigkeiten, sich auszudrücken. Es ist eine eher graue Welt mit nur wenigen Farbtupfern, aus der Elvis spätestens mit einer knallroten Jacke ausbricht – in Farbe und Schnitt ein Kleidungsstück, das auch dem Rebell James Dean zum zeitweiligen Idol-Status verhalf.
Holzschnittartig, eher düster, eine Zeit der Plackerei, so zeigt sich der Weg bis zu Elvis’ Durchbruch, bevor seine wahrscheinlich beste Zeit anbricht.
Reinhard Kleist gestaltet die gelungenen Abschnitte um den G.I. Blues und Das Elvis-Produkt. Grafisch in höchstem Maße perfekt ausgeführt und mit außerordentlicher Wärme gezeichnet ist die Episode Der Colonel von Thomas von Kummant. Es ist die Zeit, in der Elvis strahlt und sein Lächeln die Menschen in seiner Nähe schlicht umhaut. Es ist die Zeit des Aufbruchs, eines grenzenlosen Tatendrangs, eine Zeit, von der Elvis immer geträumt hat. Kummant trifft den Ton dieser Zeit absolut.
Isabel Kreitz widmet ihre Episode der Zeit nach Elvis’ Militärdienst. Seine ersten Auftritte, seine Zweifel, ob das Publikum ihn noch will – in einer Art Stil, der an Bernie Wrightson erinnert, ihn aber nicht erreicht.
Schließlich geht Elvis’ Leben in eine Art Schussfahrt über. Die Episoden werden brutaler. Elvis ist Emotionalität pur, aber so überschäumend, dass er die kleinen, die wichtigen Gefühle übersieht. Glaubt man der Biografie, so bringt er auf diesem Weg seine Ehe zu Fall, die ihm doch den wichtigsten Halt nach dem Tode seiner Mutter gegeben hat.
Je näher Elvis dem kommt, was er sich immer gewünscht hat, umso abstrakter wird sein Leben – auch optisch. Am Ende bleibt nur ein Zerrbild. Da ist nichts Schönes mehr, nicht in seiner Musik, nicht in seinen Auftritten. Elvis ist zur Maschine geworden, die als Treibstoff Tabletten einwirft. Uli Oesterle und Frank Schmolke karikieren und demontieren den King, der sich selbst nicht mehr im Griff hatte und die Realitäten nicht sehen konnte. Selbst als der Colonel ihm die Pleite vor Augen hält, will der King sich der Realität nicht stellen.
Es stellt sich der Eindruck ein, dass diese Biografie auch ein Urteil fällt. Man mag einige Bilder nicht mögen, andere lieben, im Kontext jedenfalls sind sie passend und aussagekräftig. Ein aufregendes und tragisches Leben in Episoden, die es in sich haben.
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Stichwörter: reinhard kleist, titus ackermann, thomas von kummant, isabel kreitz, elvis
Donnerstag, 02. August 2007
Was ist nur aus dem guten alten Wilden Westen geworden? Spirou und sein Freund Fantasio sollen genau das in Erfahrung bringen. Doch in den Vereinigten Staaten angekommen scheint es von der Wildwest-Romantik keine Spur mehr zu geben.
Ein findiger Mann, der die enttäuschten Gespräche der beiden belauscht, fasst einen Plan. Die beiden jungen Männer wollen den Wilden Westen kennen lernen? Sie sollen ihn bekommen! Gleich am nächsten Tag bringt eine althergebrachte Postkutsche die beiden Freunde in die Prärie. Nicht lange danach wartet schon der erste Überfallversuch auf sie. Ehe sich die beiden versehen, haben sie mehr vom Wilden Westen, als ihnen lieb ist.
Wie bringt man einen Leser dazu, sich zu bewegen? Eines Abends kommt Spirou nach getaner Arbeit nach Hause. Er sehnt sich nur nach Gemütlichkeit, doch wenig später hängt er schwebend unter der Decke seines Wohnzimmers. Fantasio, wütend darüber, an diesem Abend gestört zu werden (weil eine Halskrause seinen schmerzenden Hals nur ungenügend schützt), macht sich auf den Weg, um Spirou zu helfen. Bei diesem Problem ist er allerdings auch machtlos.
Kurzzeitig scheint wenig später alles wieder in Ordnung zu sein, doch mitten in der Nacht geschieht es: Spirou schwebt schlafend an die Decke.
Spirou und die Froschmänner ist ein Abenteuer, das die beiden Freunde an die Küste führt. Fantasio gibt den forschen Kapitän und Steuermann. Ihre erste Küstenrundfahrt bringt sie prompt in Schwierigkeiten. In einer abgelegenen Bucht versagt plötzlich der Motor. Die Lady, die ihnen als Fahrgast vertraute, ist maßlos von den Fertigkeiten der beiden Freunde enttäuscht. Auch Fantasios loses Mundwerk stößt bei ihr auf keinerlei Begeisterung. Mit ihrer Schlagfertigkeit hat Fantasio nicht gerechnet.
Schmuggel beschäftigt die beiden Freunde im Rahmen einer Reportage über Rauschgifttransporte, die regelmäßig von dubiosen Figuren über die Grenze vorgenommen werden. Spirou und Fantasio machen sich ans Werk. Aber bei der Polizei ist man überhaupt nicht begeistert von ihrer Tatkraft. In zwei Tagen wollen die beiden den Fall gelöst haben, an dem die Polizei sich die Zähne ausgebissen hat? Das kann nicht sein!
Spirou im Wilden Westen ist eine Reise zurück in der Zeit, als eines der bekanntesten Duos – nein, Trios, denn Pips war auch schon dabei – also, Trios noch in den Anfängen steckte, aber nicht weniger aufregende Abenteuer erlebte als heutzutage. In frischer Farboptik darf der Leser die Anfänge von Fantasio miterleben, der von Zeichner Joseph Gillain aus der Taufe gehoben wurde. Zwischen 1940 und 1946 betreute er die Reihe um die beiden ungleichen Helden (um die drei natürlich). Die Bilder wurden erneut mit dem Computer bearbeitet, so dass die Farben frisch und extrabunt erstrahlen.
Wer sich ein wenig in den Zeichnungen der 40er Jahre auskennt, kann sich ein sehr gutes Bild davon machen, wie die Bilder von Spirou und Fantasio zu jener Zeit aussahen. Das Grundkonzept ist heute noch erkennbar, natürlich auch durch die spätere Betreuung durch Franquin. Gillain oder auch Jijé, wie der Zeichner in Kurzform genannt wird, gibt den beiden Helden eine deutlich kompaktere, massigere Form. Ihre Gliedmaßen sind nicht derartig spindeldürr, wie es von Franquin bekannt ist. Hals und Kopf machen bei Gillain manchmal den Eindruck, als gingen sie nahtlos ineinander über. Diese Unausgewogenheit wurde in späteren Jahren komplett entfernt. Aber vor den Zeichnungen der Zeit treffen die Bilder von Gillain voll ins Schwarze.
Der Aufbau der Seiten ist häufig klassisch durchstrukturiert mit drei oder vier Bilder pro Zeile und fünf Zeilen pro Seite. Das Format ist dem der üblichen Zeitungsstrips sehr ähnlich. Wer es einmal genau beobachtet, wird sehen, dass es am Ende jeder Zeilenfolge einen kleinen Clou, einen kleinen logischen oder witzigen Schluss. So erzählen zu können, ist eine kleine Kunst, weil es stets eine hohe Aufmerksamkeit des Autors erfordert. So betrachtet, ist Spirou im Wilden Westen nicht nur die Neuauflage eines Klassikers, sondern auch ein Lehrstück über die Grundlagen der (französisch-belgischen) Komödie.
Dieser Humor findet sich später nicht nur in den guten alten Louis de Funès-Filmen, sondern scheint immer noch die Vorgabe der Abenteuer von Spirou + Fantasio zu sein. – Vielleicht es sogar das Geheimnis ihres Erfolgs. Humor ist manchmal gleichbedeutend mit Slapstick. Wenn sich der Beiwagen des Motorrades löst, der Kommissar wild protestierend mit dem Helm auf dem Kopf in die Büsche schießt, dann ist das immer für ein Schmunzeln gut.
(Der Angler, dem hier ein Modellflugzeug an den Haken gerät, könnte ein Vorläufer von Rummelsdorf gewesen sein.)
Neben dem Humor finden sich natürlich auch Spannung und Rätsel. Besonders in den Folgen über den Wilden Westen, in den Abenteuern um die Froschmänner und den Schmuggel wird dies deutlich. Der Aufbau, der sich später auf Albenlänge findet, ist hier bereits in allen Einzelheiten vorhanden.
Spaß und Spannung am laufenden Band in diesen vier Episoden des vorliegenden Bandes. Spirou im Wilden Westen, das ist Cartoon-Unterhaltung in Reinkultur. Es hat den Anschein, als hätten alle die danach kamen, nur von den beiden Helden abgeschaut und Variationen abgeliefert. Fans kommen an den Urvätern der Cartoon-Abenteuer-Comedy nicht vorbei.
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Stichwörter: jije, franquin
Dienstag, 31. Juli 2007
Blueberry hat sich mit seiner Arbeit als Sheriff vorübergehend abgefunden. Gemeinsam mit seinem Freund Jimmy vertreibt er sich die Zeit mit Poker. Doch Ruhe währt nicht lange in Blueberrys Leben. Plötzlich fällt ein Schuss. Ein Anschlag auf das Leben des Sheriffs?
Blueberry geht in Ausübung seines Amtes in den gegenüber liegenden Saloon. Von dort kam der Schuss. Nur eine kleine Kneipenauseinandersetzung, kein Anschlag, war der Auslöser der Kugel, die versehentlich im Sheriffbüro einschlug. Bei dieser Gelegenheit lernt Mike S. Blueberry einen der schlimmsten Betrüger seines Lebens kennen: Baron Werner Amadeus von Luckner. Rein äußerlich ist von Adel bei dieser zerlumpten Gestalt nichts mehr zu erkennen. In Wahrheit unterscheidet er sich nur durch sein beständiges Gebrabbel über eine Goldmine von den anderen Säufern, die sich im Saloon herumtreiben.
Blueberry nimmt den unsympathischen Kerl sicherheitshalber in Schutzhaft. Der Sheriff kann nicht ahnen, wie groß der Ärger, den er mit diesem Prosit Luckner bereits hat, einmal werden wird.
Prosit scheint noch viel mehr auf dem Kerbholz zu haben, als nur sein loses Mundwerk. In seinem Gepäck findet sich ein alter Revolver, der jemand anderem gehört hat und der vor gar nicht langer Zeit mit einer Kugel im Rücken aufgefunden wurde. Gaunern wird im Wilden Westen schnell der Prozess gemacht. So machen sich die versammelten Menschen aus dem Saloon auf den Weg, um den alten Luckner aufzuhängen. Blueberry locken sie unter einem Vorwand weg.
Eigentlich sollte Jimmy auf Prosit aufpassen. Aber Jimmy trinkt nicht nur gerne einen Schluck zu viel, er ist auch viel zu vertrauensselig. Die Aussicht auf die Hälfte einer Goldmine und das Auftauchen zweier seltsamer Kopfgeldjäger lassen ihn mit Prosit einen Handel abschließen. Jimmy verhilft dem Gauner zur Flucht. Blueberry bleibt nichts anderes übrig, als die beiden zu verfolgen und zu hoffen, dass er sie vor den beiden professionellen Pistoleros findet.
Mit der 6. Folge der Blueberry Chroniken wird eine der spannendsten Doppelfolgen aus den Blueberry-Erzählungen neu aufgelegt. Prosit Luckner und die vergessene Goldmine fasst Die vergessene Goldmine und Das Gespenst mit den goldenen Kugeln zusammen. Obendrein findet der Leser die etwas kürzere Episode Donner über der Sierra, in der sich Blueberry gegen einen gemeinen Überfall zur Wehr setzen muss.
In der ersten Geschichte, in der Blueberry sich plötzlich in einem unerwarteten Kugelhagel wieder findet, stößt der Leser auf Zeichnungen, in denen Giraud einen weitaus leichteren Strich als sonst führt. In der Ausführung ist Giraud erkennbar, aber auf den ersten Blick könnte auch Hugo Pratt den Zeichenstift geschwungen haben. Der Blueberry-Fan, der skeptisch sein mag, ob ihm die Geschichte gefällt, kann ganz beruhigt sein. Die Handlung ist straff durcherzählt, sie hat Action und sie mündet in einer gelungenen Pointe.
Weitaus aufwendiger ist das Abenteuer, für das Prosit Luckner der Auslöser ist. Aus einer völligen Routineszene entwickelt sich ein handfestes Abenteuer. Erzähler Jean-Michel Charlier belässt es nicht bei der Jagd, bei der Blueberry, aber auch sein Freund Jimmy, an seine Grenzen gehen muss. Ein Prise Grusel durch das Gespenst mit den goldenen Kugeln, indianische Verfolger und Auseinandersetzungen unter Gangstern machen aus der Titelgebenden Doppelfolge ein Western-Ereignis, das sich mit den ganz großen Western, die der Fan von der Leinwand her kennen mag, messen kann. Spätestens in der Abgeschiedenheit der Mesa, einem Felslabyrinth, das von den Apachen gemieden wird, herrschen eine fesselnde Spannung und eine unheimliche Stimmung vor, die jeden Leser an die Geschichte bannen wird.
Der Tausendsassa Blueberry ist ganz bestimmt ein sympathischer Held. Aber es ist sehr erfreulich, dass sein Sidekick Jimmy McClure eine größere Rolle in dieser Geschichte inne hat, sogar maßgeblich daran beteiligt ist. Es zeigt auch ein besonders enges Verhältnis zwischen Blueberry und Jimmy. Anders lässt sich Blueberrys verzeihendes Verhalten nicht erklären. Dank Jimmy hat er nicht nur seine Arbeit als Sheriff nicht zur vollsten Zufriedenheit ausführen können, ihm fällt auch noch ein halber Berg auf den Kopf, unter dem er sich erst einmal frei graben muss. Von seinen Problemen, die sich ergeben, als die beiden Freunde wieder zusammen agieren können, soll gar nicht gesprochen werden.
Was die Strapazen anbelangt, die Blueberry zu überstehen hat, gehört diese Geschichte sicher zu den besonders schwierigen Abenteuern.
Das mag daher kommen, dass Prosit Luckner zwar auf den ersten Blick nicht zu den furchtbarsten Verbrechern gehört, aber letztlich zu denen zählt, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit über Leichen gehen. Trotzdem gelingt es Charlier und Giraud aus ihm einen Charakter zu formen, dessen eigene Erfahrungen während der Handlung mitfiebern lassen. Nicht selten wird aus der Sicht Prosits erzählt. Besonders in den Momenten, wenn er sich gegen das Gespenst behaupten muss, ist der Leser gezwungen, weiter zu blättern. Das abschließende Kapitel in der alten Pueblo-Höhle, in der es von Gängen und Kammern nur so wimmelt, in der jederzeit etwas aus den Schatten kommen kann, gehört ganz bestimmt zu den ungewöhnlichsten, aber auch zu den präzisesten Showdowns im Western.
Eine Hommage von Giraud an Morris (Lucky Luke auf Gir-Art) und eine Gegenhommage im Vorwort der Geschichten bieten hervorragend zeichnerisches Anschauungsmaterial und sind für mehr als einen Lacher gut.
Western pur und konzentriert: Prosit Luckner und die vergessene Goldmine gehört zu einer der besonders guten Abschnitte innerhalb einer bereits herausragenden Comic-Reihe. Besser geht’s kaum!
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Stichwörter: jean-michel charlier, jean giraud, blueberry
Freitag, 22. Juni 2007
Felix Ducharme ist tot. Er führte den Laden in der kleinen Ortschaft Notre-Dame. Für die Menschen des Ortes in der kanadischen Wildnis ist der Laden stets ein Lebensmittelpunkt gewesen, wo sie alles für den täglichen Bedarf bekamen. Doch was wird jetzt werden, wo Felix tot ist?
Seine Witwe Marie versucht nicht nur, den Tod ihres Mannes zu verarbeiten. Außerdem fühlt sie sich von allen Seiten unter Druck gesetzt. Jeder erwartet von ihr, dass sie dort weitermacht, wo Felix aufgehört hat. Das scheint das einzige Anliegen der Gemeinschaft zu sein. Hätte es Felix nicht gegeben, wäre Marie niemals auf die Idee gekommen, sich in Notre-Dame anzusiedeln. Warum sollte sie also jetzt noch bleiben?
Maries erste Bewährungsprobe erfolgt wegen eines Unfalls. Der kleine Jean-Baptiste bricht sich ein Bein. Eigentlich soll sie nur den Arzt anrufen. Dieser will jedoch nicht kommen. Marie muss Jean-Baptiste zum Arzt hinfahren. Ihr Engagement wird auf eine zusätzliche Probe gestellt, denn ihre Fähigkeiten als Autofahrerin sind sehr beschränkt. Meistens ist Felix mit dem Wagen gefahren. Auf der Ladefläche des Wagens muss Jean-Baptiste feststellen, dass Marie mit Schlaglöchern nicht sehr elegant umzugehen weiß.
Der Tod von Felix ist ein kleines Rädchen im Leben der Menschen in Notre-Dame. Schnell ist klar, dass das Leben weitergeht. Der neue Pfarrer muss sich einleben und eckt dabei schon einmal an. Wer hätte gedacht, dass sich auch mit dem Bau eines Schiffes Schäfchen sammeln lassen?
Gaetan ist ein Kind im Körper eines Erwachsenen. Bisher wusste niemand mit ihm etwas anzufangen. Gaetan lebte in den Tag hinein, bis er bei Marie eine Anstellung erhält.
Ist Marie zu gutmütig? Vielleicht, denn irgendwie vermag sie sich nie so recht durchzusetzen. Die Pelzjäger, die von ihr in die Stadt gefahren werden, strapazieren ihre Geduld auf das Äußerste, als sie sich stundenlang in einer Kneipe betrinken und sie draußen warten lassen.
Das Leben geht weiter in Notre-Dame. Mal langsam, mal zügig und immer sehr menschlich.
Das Nest zeigt eine wunderbar einfühlsame Seite in der Welt der Graphic Novels. Régis Loisel und Jean-Louis Tripp, zwei Comic-Veteranen, versetzen den Leser nach Kanada in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Wer Geschichten gewöhnt ist, die sich mit der heutigen Zeit beschäftigen oder wenigstens unsere kulturellen Errungenschaften als Grundlage haben, wird die Ruhe, die dieser vorzüglichen Erzählung innewohnt, umso stärker erfahren.
Ein Todesfall ist der Einstieg in die Welt des kleinen Ortes Notre-Dame, der nach außen so gut wie unberührt bleibt. Felix, der Tote, war ein Tor zur Welt, indem er die dringend benötigten Gegenstände von außen hereinbrachte. Der Postbote, geduldet, aber nicht unbedingt gelitten, der mit dem Postfahrzeug in den kleinen Ort einbricht, ist ein deutlicher Eindringling. Als Gaetan seinen Wagensitz berührt, ist seine Reaktion so rüde, dass er sich den offenen Unmut der anderen Ortsbewohner zuzieht.
Simonac! Mach das nie wieder, du Postschnecke!
Die Gemüter in Notre-Dame haben ein starkes Gefühlsleben. Man beobachtet die anderen – aber es ist nicht nur Neugier, man achtet auch aufeinander. In dem Wissen, voneinander abhängig zu sein, in einer Gemeinschaft, wo ein Rädchen in das andere greift, kochen die Emotionen zwar auch hoch, aber sie senken sich auch wieder auf ein verträgliches Maß herunter. Ein gutes Beispiel sind Real und sein bester Freund, die sich während eines Dorffestes prügeln.
Die Szene ist von Loisel und Tripp sehr gut aufgebaut. Sie kommt gänzlich ohne Text aus – sieht man von den Gesangstexten ab. Zuerst herrscht noch eine Atmosphäre voller guter Stimmung in der Festscheune. Plötzlich kippt das Geschehen in einen riesigen Tumult. Ein besseres Beispiel für eine Erzählung ohne Worte kann es kaum geben. Eine kurze Versöhnung der beiden Streithähne ist nur die Einleitung für einen schockierenden Epilog dieses Handlungsabschnitts.
Loisel und Tripp wissen sehr genau, wie sie ihre Leser berühren und erschüttern können.
Weniger tragisch, dafür mit viel mehr Humor erzählt, ist die Beziehung des neuen Pastors zum alten Schreiner Noel. Der alte Mann hat nichts für Religion und Pastoren übrig und macht das dem Neuen auch direkt unmissverständlich begreiflich. Über den Schiffsbau finden die ungleichen Männer zueinander und werden Freunde.
Dieser zentrale Kern, wie Menschen entgegen aller Unterschiedlichkeiten zueinander finden können, findet sich immer in die einzelnen Episoden eingewoben.
Das Nest zeigt eine Welt, wie sie einmal war, kurz bevor sehr große Umbrüche sie veränderten. In dieser kleinen Ortschaft, in der die Straßen eher an eine Westernstadt erinnern, leben die Menschen sehr intensiv. Es gibt ohne ein Höchstmaß ein Technik, wie wir es kennen, mehr zu tun. Jeder ist bereit, seine Fähigkeiten in den Dienst des anderen zu stellen. Die Ankunft eines Menschen, eine Heimkehr, ein Brief aus der fernen Stadt, ist noch ein Ereignis. Die Bindungen sind noch viel enger. Betrachtet man die Welle künstlich nachgestellten Lebensumständen, wenn z.B. Menschen in einem Segelschiff den Atlantik überqueren, bietet Das Nest auf seine Art ein gelungenes Zeitzeugnis, das auf gleicher Augenhöhe wie so mancher gute Roman gelesen werden kann.
Die Zeichnungen zeigen ein skurriles Völkchen – auf den ersten Blick jedenfalls. In Wahrheit finden Loisel und Tripp das zentrale Thema eines Gesichtes. Das mag sich seltsam anhören, trifft es aber. In den Gesichtern gibt es ein Stück Geschichte abzulesen. Diese Fähigkeit der beiden ist auch notwendig in den Szenen, in denen ohne Worte erzählt wird. Obwohl Szenen ohne Dialoge ablaufen, fehlt es ihnen nicht an Dramatik. Dank der lebendigen Farben von Francois Lapierre wird der Leser bereits nach wenigen Seiten von Notre-Dame eingefangen.
Eine stimmungsvolle Reise in der Zeit, eine gelungene Reportage und dramatische Erzählung, eine Soap und ein einfühlsamer Roman – Loisel und Tripp erzählen so, wie das Leben schreibt. Wer bisher Vorbehalte vor Comics hatte, wird durch das Nest eines Besseren belehrt.
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Stichwörter: regis loisel, jean-louis tripp, francois lapierre
Mittwoch, 13. Juni 2007
Ein neuer Auftrag für Lucky Luke: Wieder einmal muss er einen Treck in den Westen führen. Der einsame Cowboy hat viel Erfahrung darin, die ihm Anvertrauten durch die Prärie zu leiten, doch einen solchen Treck hat er noch nie geführt: Heiratswillige Frauen.
Im Osten gibt es nicht genügend Männer, in den Westen haben sich bisher nicht genügend Frauen gewagt. So sieht es im Westen besonders unordentlich aus. Männer, die sich in der Gegenwart von Frauen nicht benehmen müssen, schlagen häufiger über die Stränge. Was schert es einen Mann, der geteert und gefedert wurde, wenn er sich nach ein paar Tagen immer noch nicht von seinem schmutzigen Äußeren befreit hat – oder den lieben langen Tag nur in langen Unterhosen herumläuft. Wo keine Frau, da kein Richter in Sachen Körperpflege.
Das kann so nicht weitergehen, denkt sich der Bürgermeister von Purgatory und organisiert einen Transport mit Frauen an den kleinen (sehr kleinen) beschaulichen Ort. Gesagt, getan: Jede der Frauen, die sich einen Mann angeln möchte, sucht sich ein Exemplar nach einem Foto aus.
Lucky Luke lässt sich nach anfänglichem Zögern überreden, den Treck zu geleiten. Alles Nötige ist im Gepäck, sogar ein Coiffeur und Damenausstatter ist mit von der Partie. Luckys Bedenken zerstreuen sich zu seiner Freude bald. Selbst eine Begegnung mit feindlich gesinnten Indianern, verläuft zu seiner Überraschung sehr friedlich. Die Indianer lassen sich mit einer kleinen Modenschau milde stimmen. Doch schließlich geschieht etwas, was Lucky Luke immer und zu allen Zeiten abgelehnt hat: Eine Frau wirft sich ihm an den Hals. Sie wird Die Verlobte von Lucky Luke.
Gerade hat er noch diesen Schrecken in den Gliedern, da wird es für Lucky Luke erst richtig gruselig: Die Geisterranch ist ein düsterer Flecken Erde. Aber eine resolute alte Dame will sich nicht von dem Ruf der Ranch abschrecken lassen. Zusammen mit ihren Lieblingen, Bisons, zieht sie auf der Ranch ein. Als es ihr zu unheimlich wird, ist Lucky schnell zur Stelle.
In der Folge muss er sich noch in anderen kleineren Abenteuern behaupten, bis es wieder ein sehr gefährliches Abenteuer zu bestehen gibt. Nitroglyzerin heißt das furchtbare Wort, das gestandenen Kerlen den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Die Voraussetzung ist natürlich, dass dieser Kerl auch tatsächlich weiß, was Nitro. Leider besitzen die Daltons dieses Wissen leider nicht. Nitro muss der Ort, wo die Kiste hin soll. Da sie so schwer bewacht ist, kann es sich dabei nur um Gold halten. Fortan muss Lucky nicht nur dafür sorgen, dass das Nitro sein Ziel erreicht, er muss außerdem die Daltons davon abhalten, sich selbst und andere in die Luft zu jagen.
Aus heutiger Sicht sind die Abenteuer-Bände Die Verlobte von Lucky Luke, Die Geisterranch und andere Geschichten und Nitroglyzerin schon klassisch zu nennen. Lucky-Fans finden diese drei Bände in der Gesamtausgabe 1985 – 1987 zusammengefasst. Obwohl über 20 Jahre alt, zieht der Humor aus jenen Tagen immer noch. Angelehnt an die letzte der drei Bände, könnte man sogar sagen, er explodiert immer noch so gut wie eh und je.
Die Thematik der Emanzipation war in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts noch ein viel größeres Thema als es heute noch der Fall ist, wo vieles, was damals noch gefordert wurde, selbstverständlich ist. Autor Guy Vidal nutzt die alten Vorurteile und all die Vorlagen in Western, die das Frauenbild im Wilden Westen geprägt haben. Doch das Vergnügen ist nicht einseitig. Die Männer werden hier ebenso durch den Kakao gezogen. Ein Westmann ist gut als Cowboy, ansonsten ist er nur ein großes Kind geblieben, für das Körperpflege nur ein Thema ist, wenn sich jemand in der Nähe befindet, der sich an mangelnder Pflege stören könnte. – Entsprechend sieht es in einem reinen von Männern bewohnten Ort aus.
Vidal peppt die Geschichte außerdem durch sehr schöne Running Gags auf. Das Irish-Stew, das nach einem langen Tag serviert wird, schmeckt niemandem, schreckt sogar die Indianer ab. Luckys Alpträume sind Verwandlungen unterworfen. Aus springenden Schafen werden Schafe mit Frauenköpfen. Und nicht nur Jolly Jumper muss wiehern, wenn aus dem einsamen Cowboy dank seiner Verlobten ein geschniegelter Städter wird. (In einem rosaroten Anzug und gestreiften Hosen. Zu Hause wird sogar der Stiefel mit dem Pantoffel gewechselt.) Die Verlobte von Lucky Luke ist liebenswerter Ausflug in die kleinen Bissigkeiten, mit denen Mann und Frau sich ein bißchen das Leben schwer machen – natürlich nur in der Komödie, nicht im realen Leben.
Lucky Luke und Asterix waren schon immer für kleine Cameo-Auftritte von Stars gut. – Gezeichnet, versteht sich. In der längeren der Kurzgeschichten mit dem Titel Die Geisterranch finden sich passenderweise Alfred Hitchcock und Christopher Lee. Die Geisterranch selbst erinnert an das finstere Haus von Norman Bates. Hier wird auch deutlich, wo das Publikum von Lucky Luke zu finden ist: Cineasten werden an den kleinen Seitenhieben und Andeutungen ihre helle Freude haben. Die Verfolgungsjagden auf die Bisons besitzen Parallelen zur guten alten Slapstick-Zeit, der sich die Geschichten immer besonders annähern. Diese Spaßtechnik findet sich sehr gut umgesetzt auch in der Geschichte Die Rutsche. Ein Paradebeispiel ist die Hütte des Oldtimers, die solange zur Zielscheibe der Baumstämme wird, bis die Rutsche perfekt eingerichtet ist.
Das Highlight der kleinen Sammlung ist Nitroglyzerin. Es ist herrlich, wie zwei Seeleute zum Landtransport einer Fuhre Nitroglyzerin abgestellt werden. Neben den Daltons, deren Sprüche und Situationskomiken gewohnt gut sind, folgt auch ein Leichenbestatter der Ladung, immer auf der Suche nach neuen Kunden.
Morris ist der Zeichner dieser drei gesammelten Ausgaben. Es ist sehr schön, wie er es schafft, französischen Humor, der universeller nicht sein könnte, zu Papier zu bringen. Es zeigt sich wieder einmal, dass Lucky eine Leitfigur der Serie ist. Der besondere Humor entsteht wie so oft durch die tollen Nebenfiguren, die stets auf besonders feine Art etabliert werden und einem bereits nach wenigen Seiten ans vor Lachen geschüttelte Herz wachsen.
Perfekter Humor aus der Lucky Luke Reihe mit einer guten Mischung aus intelligentem und action-reichen Humor. Eine gute Mischung, die durch die Ansätze verschiedener Autoren in diesem Band entsteht.
Lucky Luke – Die Gesamtausgabe 1985 – 1987: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: guy vidal, x. fauche, j. leturgie, lo hartog van banda, morris
Dienstag, 29. Mai 2007
Die Indianer verbreiten Terror unter den weißen Siedlern. Die Übergriffe gefährden den dünn besiegelten Frieden. Blueberry gelingt es dank seiner guten Kontakte zu den Indianern, den Anführer der Aufrührer gefangen zu nehmen.
Aber es formieren sich auch Stimmen in den Reihen der Soldaten und der Siedler, die Blueberry wegen seiner Kontakte als Verräter bezeichnen. Die Tatsache, dass sich Blueberrys Rückkehr in der winterlich verschneiten Steppe verzögert, verschlimmern diese Mutmaßungen zusätzlich. Außerdem verhärten sich die Ahnungen über die Herkunft der Waffen, die von den Indianern bei ihren Überfällen benutzt wurden.
Die Waffen müssen aus Fort Navajo stammen.
Blueberry hat in der Zwischenzeit ganz andere Probleme. Er birgt den Überlebenden eines Postkutschenüberfalls, der ihn dringend sucht. Blueberrys Fähigkeiten als Problemlöser sind gefragt. Von höchster Stelle erhält er den Auftrag einer Bande von Waffenschiebern auf die Spur zu kommen.
Die Spur führt weg von Fort Navajo, nachdem Blueberry bei der Klärung einer gefährlichen Situation geholfen hat. Die Indianer, die ihm freundschaftlich verbunden sind, tun ihr Übriges, um die Bedrohung durch ihr Volk abzuwenden. Bisher konnte Blueberry den Waffenschieberring nicht ausheben. Einer der Verantwortlichen ist flüchtig. Blueberry hängt sich an seine Fersen.
Blueberry wird der neue Polizist im Himmel, der Marshal von Heaven. Begeistert ist er von dieser Aufgabe nicht, aber der Befehl kommt von ganz oben, geradewegs aus Washington.
Diese Stadt ist auf dem besten Weg, eine Kloake zu werden.
Dieser Meinung ist nicht nur die junge Tess Bonaventura, die auf ihrer Ranch andere Frauen aufgenommen hat, um sie aus der Prostitution und der täglichen Erniedrigung zu befreien. Auch an anderer Stelle macht die städtische Obrigkeit sich Sorgen. Allerdings denkt sie dabei auch an die Horde von Sünderinnen, die gemeinsam auf einer Ranch lebt. Blueberry versucht, sich aus all dem herauszuhalten und einzig seinen Auftrag zu verfolgen. Das fällt ihm jedoch zunehmend schwerer.
Bald gibt es noch einige Rechnungen zu begleichen. Doch zuvor muss Blueberry wieder auf die Beine kommen. Da trifft es sich, dass er die Herzen einiger Menschen erwärmt hat, die sich nun fürsorglich um ihn kümmern.
Hinter jedem mutigen oder mächtigen Mann, steht eine Frau, für die es sich lohnt, mutig zu sein oder für die es sich lohnt, die Spitze zu kommen. Blueberry kann sich der Liebe seiner neuen Freundin gewiss sein. Ebenso kann auch sein Gegenspieler auf die Unterstützung seiner Frau zählen. Die Tragödie nimmt ihren Lauf.
In den Geschichten Auf Befehl Washingtons, Mission Sherman und Blutige Grenze hat Jean Giraud den Zeichenstift mit der Schreibmaschine vertauscht. An seiner Stelle zeichnen William Vance (Episode 1 + 2) und Michel Rouge, der die dritte abschließende Geschichte zeichnet.
Wer sich ein wenig mit Comic-Thrillern beschäftigt hat, wird vielleicht Vance’ Arbeiten von Bob Morane, Bruno Brazil und der Langzeitserie XIII her kennen. Von jemandem, der 1964 seinen Einstieg ins Comicgeschäft schaffte, kann man mit Fug und Recht behaupten, ein Comic-Veteran zu sein. Seine Männer sind harte und toughe Kerle, seine Fieslinge sind finstere Burschen mit zerfurchten Gesichtern. Seine Frauen sind jung und schlank, verführerisch und mutig. Vance’ Figuren sind stets wieder erkennbar. Seine Frauen sind stets identisch anzuschauen, sieht man einmal von Haar- und Hautfarben ab. Ähnlich wie bei Zeichnern vom Kaliber eines Hermann oder Romero ist das aber egal. Hier geht es nicht um Realismus, sondern um Unterhaltung. Wie in einem guten Thriller oder wie hier in einem guten Western sollen die Frauen schön sein.
Der genaue Gegensatz zur Weiblichkeit ist die knallharte Action, die auch vor den Frauen keinen Halt macht. Direkt in der Eingangsszene zeigt sich, was Vance unter Western versteht. Beim Betrachten der Bilder drängt sich einem weniger der Eindruck eines amerikanischen Westerns auf, sondern vielmehr der eines Spaghetti-Westerns, der unter den Fittichen eines Sergie Leone entstanden ist. Sehr oft blicken die Akteure den Leser direkt an und beziehen ihn scheinbar in die Handlung mit ein. Es ist viel Wut, mitunter auch Verzweiflung in diesen Gesichtern. Bei den Männern findet sich außerdem die Entschlossenheit, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen – so, wie es Blueberrys Art im Besonderen und die des Westmannes im Allgemeinen ist.
Ähnlich und doch weicher ist der Zeichenstil von Michel Rouge. Er tendiert mehr zur Visualisierung seines Vorgängers Jean Giraud. Blueberry sieht hier wieder mehr nach Belmondo aus. Schatten und Strichführung erinnern in weiten Teilen an Giraud.
Beeindruckend an der letzten Episode ist der Showdown, an dem Blueberry überhaupt nicht beteiligt ist. Mag der eine oder andere Leser kritisieren, dass Girauds Erzählweise nicht so komplex wie die eines Charlier ist, weiß er doch mit diesem Abschnitt sehr zu überraschen. Es ist schlüssig, wie der Wahnsinn und die Gier um sich greifen. Am Ende lässt dieser Schluss sogar Mitleid zu, denn irgendwie waren die Akteure gezwungen, so zu handeln.
Der tolle Eindruck dieses Abschnitts ist natürlich auch Rouge zu verdanken, dem es durch ein einzelnes Bild gelingt, den Irrsinn dieser Menschen auf den Punkt zu bringen. Vor der Kulisse einer grandiosen und scheinbar ewigen Landschaft ist es gleichgültig, wie sich der Mensch benimmt.
Abseits von Jean-Michel Charlier weiß auch Jean Giraud als Erzähler dieser in sich geschlossenen drei Episoden zu überzeugen. Vance und Rouge vermitteln als Zeichner einen deutlich härteren Eindruck als in bisherigen Geschichten. Ein knallhartes Western-Erlebnis in bester Italo-Tradition.
Die Bluberry-Chroniken 5 – Marshal Blueberry: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: jean giraud, william vance, michel rouge, marshal blueberry