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Comic Blog


Dienstag, 29. Mai 2018

EIN STERN AUS SCHWARZER BAUMWOLLE

Filed under: Graphic Novel — Michael um 12:23

EIN STERN AUS SCHWARZER BAUMWOLLEDie junge Studentin JOHANNA BOLTON erbt im Jahr 1944 ein Haus ihrer TANTE CAMILIA. Für die junge Frau ist es der Tod einer nahezu Unbekannten. Man stand sich nie nahe. So ist es das Beste, wenn das Haus gleich verkauft wird. Eine Besichtigung der Räume fördert kaum etwas zutage, was JOHANNA gerne behalten würde. Die Truhe macht einen teuren Eindruck, sein Inhalt gibt weniger her. So denkt es JOHANNA zunächst, wäre da nicht das Tagebuch einer gewissen ANGELA BROWN, datiert auf das Jahr 1777

Wie soll sich jemand mit einem Land identifizieren, wenn ihm nichts zugetraut wird? Wenn die Vorfahren als Sklaven ins Land kamen, sie damals wie in den 1940er Jahren noch als minderwertige Menschen betrachtet wurden? Sollte jemand, der so an den Rand gedrängt wird, überhaupt ein Interesse daran haben, für dieses Land zu kämpfen? Ein Land, das einem nicht einmal den Frontkampf zutraut? Aber was wäre, wenn jemand, um seinem Land und sich selbst den eigenen Wert zu beweisen, bereit wäre das Leben zu riskieren, nur um zu beweisen, dass man es wert ist, in dem Land der Freien, den Vereinigten Staaten von Amerika zu leben?

Dies ist eine der Grundbetrachtungen, denen Autor YVES SENTE in einer der großartigsten und mutigsten Graphic Novels seit langem nachgeht. Er beschreibt einen Lebensabschnitt zweier schwarzer Geschwister, LINCOLN und JOHANNA BOLTON, die, rein fiktional, für die schwarze Bewegung in den Vereinigten Staaten zu Schlüsselfiguren werden könnten. Ein Tagebuch einer in den Anfangstagen des Staates lebenden ANGELA BROWN lässt Hoffnungen wachsen. Möglicherweise existiert auf der allerersten amerikanischen Flagge EIN STERN AUS SCHWARZER BAUMWOLLE, unbemerkt von ANGELA BROWN angebracht unter einem der weißen Sterne. Eine Einheit der MONUMENTS MEN, Spezialisten der Alliierten, die während des 2 Weltkrieges, wertvollste und geschichtsträchtige Kunstwerke in Sicherheit finden, wird beauftragt, diese Flagge zu finden. In dieser Einheit befindet sich alsbald auch LINCOLN BOLTON

Eine Besonderheit von YVES SENTES Erzählung ist die Verzahnung der unterschiedlichen Ereignisse. Ein Fund zigtausende Kilometer entfernt auf der andere Seite des Atlantiks wird zu dem Auslöser, der LINCOLN BOLTON und seinen beiden Freunden endlich das beschafft, was sie sich wünschen, nämlich den Einsatz an der Front. Und, angesichts dieses verheerenden Krieges vorherzusehen, werden die drei Freunde diesen Einsatz auch bedauern lernen.

YVES SENTE stellt außerdem zwei verschiedene Epochen und zwei Kriege nebeneinander, zwei verschiedene Seiten und Gründe, warum Kriege überhaupt geführt werden. Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg steht neben 2. Weltkrieg und in beiden Auseinandersetzungen stehen sich Amerikaner und Deutsche, bzw. auf der Seite der Engländer im Unabhängigkeitskrieg hessische Söldner gegenüber. Seit Jahrhunderten ist die Welt alles andere als klein, auch eine Schlussfolgerung aus dieser Geschichte.

Dank des Zeichners STEVE CUZOR erwacht dieses Historiendrama zum Leben. STEVE CUZORS Name ist verknüft mit Szenarien neuerer Geschichte, vornehmlich in den USA. Wer dergleichen mag, wird in den Mehrteilern BLACK JACK und O’BOYS hierzulande schon auf ihn gestoßen sein. Sein Zeichenstil, sehr tuschelastig eingestellt, benötigt nicht viele Farbspiele, weshald die Koloration durch MEEPHE VERSAEVEL eher Stimmungen ausdrückt. MEEPHE VERSAEVEL wählt einen Grundton, der dann zur Schattierung geringfügig variiert wird. So drückt sich dann wenigstens eine Seite aus, meist aber ganze Szenen.

STEVE CUZOR arbeitet sehr exakt, höchst realistisch und er mag es, sich teilweise an Schauspielern zu orientieren (hier DENZEL WASHINGTON, SAMMY DAVIS JR. und FOREST WHITAKER). Zusammen mit der sanften Kolorierung entsteht die Wirkung alter Fotografien, als seien die Bilder tatsächlich aus der Geschichte gerissen worden. Der Gesamteindruck ist schlicht toll.

Geschichte einmal anders. Das Schicksal von Menschen und Nationen ist von YVES SENTE in ein sehr klug erzähltes Drama verpackt (eines der klügsten seit langem, alle Daumen hoch!). Überaus schöne und technisch perfekte Illustrationen von STEVE CUZOR komplettieren diesen Band. Klare Empfehlung! 🙂

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Freitag, 29. September 2017

AFFENDÄMMERUNG

Filed under: Graphic Novel — Michael um 14:49

AFFENDÄMMERUNGIn der Affenkolonie der Schneemakaken ist die Welt noch in Ordnung. Im Winter vertreibt man sich die Zeit in den heißen Quellen. So lange man nicht vom Chef, dem weißhaarigen TARO, traktiert und gemobbt wird, verläuft alles seinen ruhigen, über die Maßen gewohnten Gang. Bis eines Tages ein Affe vom Himmel fällt. Von den Menschen experimentell in die Erdumlaufbahn geschossen, ist die Kapsel mit dem Rhesusaffen ausgerechnet in den verschneiten Bergen von JIGOKUDANI gelandet. Das Äffchen hat nicht nur ein großes Abenteuer erlebt, es verfügt auch über eine ungeheure Erfindungsgabe. Und so erfindet er mal eben DIOU, einen Gott …

JEAN-PAUL KRASSINSKY hat eine Fabel über die Irrungen und Wirrungen von Religion verfasst. Im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums erschienen, lässt JEAN-PAUL KRASSINSKY einen großen Teil religiöser Entwicklungen auf eine vollkommen unbedarfte Gemeinschaft prallen. Es wird eine Leere gefüllt, die vorher, vor der Ankunft des Rhesusaffen aus dem All gar nicht bemerkt worden ist. Doch plötzlich wird Beten zum Selbstzweck. Ein Gott wird erfunden, ein Name kreiert. Es wird prophezeit, gezweifelt, gestritten, gefolgt, verfolgt, gemordet, gehasst. Der Glaube, für einige zunächst unbequem, wird vereinnahmt, instrumentalisiert zur Festigung der eigenen Macht. Wer glaubt, soll Zeichen seines Glaubens offen tragen und dafür auch leiden …

JEAN-PAUL KRASSINSKY lässt kaum etwas aus. Und es ist überaus gruselig, wie aus einer nach absoluten Macht strebenden Diktatur eine religiös fundamentalistische Diktatur wird. Wenn Herrscher und Gott aus einem Mund sprechen, wer sollte da noch aufbegehren? Mit fein aquarellierten Hintergründen und cartoony überzeichneten Makaken begibt sich der Autor, Zeichner und Kolorist in Personalunion an ein über 290seitiges Epos. Man könnte in der Affenbande kleine Clowns sehen und die Geschichte nur von ihren komischen Seiten nehmen (von denen es zahlreiche gibt), aber JEAN-PAUL KRASSINSKY stopft dem Leser ganz schnell wieder das Lachen in den Hals zurück. Komik und Tragik liegen hier verdammt eng beieinander.

Kapitel für Kapitel driftet die Ausgangsituation in eine Tragödie, von einem erzählt, der die Mär um DIOU überlebt hat. Dabei werden unterschiedlichste religiöse Aspekte angesprochen, die über die Glaubensgemeinschaft hinaus gehen. Was mag wohl passieren, wenn ein Prophet den Antrieb zu seiner Mission verliert und dem, was er dort aufgebaut (oder angerichtet) hat, den Rücken kehrt? JEAN-PAUL KRASSINSKY gelingt es, viele Antworten zu geben, indem er die Mechanismen von Gemeinschaften allgemein und Religionsgruppen im Besonderen zerpflückt und letztlich das Grauen die Oberhand gewinnen lässt. Man kann als Leser nicht anders, als in diesen Zeiten automatisch mit den Gedanken zu real existierendem Fanatismus hinüberzugleiten.

Auf den ersten Blick sind die Affengesichter einfach gehalten, die Figuren bis auf wenige Ausnahmen nicht schnell zu unterscheiden. Aus der Situation heraus gewinnen die Figuren an Tiefe, der Blick addiert Deutungen hinzu. Dies gelingt JEAN-PAUL KRASSINSKY ganz besonders, wenn die Handlung in Extreme verfällt, Mitleid oder Grauen produziert oder in Hysterie verfällt (wie sie manchen Glaubensprozessen zueigen ist).

AFFENDÄMMERUNG von JEAN-PAUL KRASSINSKY ist kein Affentheater, sondern eine bitterernste Fabel, die thematisch lange nicht so aktuell war wie heute. In Zeiten von fundamentalistischen Glaubenstendenzen zeigt AFFENDÄMMERUNG, wie schnell sich Automatismen in Gang setzen und ein Entkommen undenkbar scheint. Die fatalistische Erzählweise (durch einen Affen, der das alles erlebt hat) schürt die Düsterkeit der Handlung, eine Grundstimmung, die dem in der Folge aufkeimenden, bunteren Frühling völlig entgegensteht. Eine Graphic Novel, die zum Nachdenken anregt UND unterhält. 🙂

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