Samstag, 26. September 2026
DANIEL, SIMON und JACK sind Brüder, Kinder und haben Dank ihrer Mutter MARY ein Zuhause bei REVEREND JON BLOOD gefunden. Das Leben ist einfach, aber es ist auch gut zu ihnen. Obwohl JON BLOOD nicht ihr Vater ist, haben sie ihn als solchen anerkannt. Eines Abends, nach einem ganz normalen Tag, nach einer Predigt, über die sich der REVEREND noch seine Gedanken macht, weil er fürchtet, die Gläubigen nicht zu erreichen, finden sich vor dem Haus der BLOODS drei fremde Reiter ein. Und allzu schnell stellt sich heraus, dass diese Fremden für jemanden im Haus alles andere als Fremde sind. Für alle Beteiligten wird sich das Leben für immer ändern. Noch bevor der Morgen graut…
BRIAN AZZARELLO, Autor, und EDUARDO RISSO, Illustrator, verbindet eine über viele Jahre sehr fruchtbare Zusammenarbeit. Die beiden haben zusammen das SUPERHELDEN-Genre bereichert, aber noch viel wichtiger ist in diesem Fall ihre gemeinsame Erfahrung auf dem Gebiet des THRILLERS. Elemente dieses Genres finden sich nicht selten auch im WESTERN, ganz besonders, wenn Autoren Halunken an den Start schicken und die Unschuldigen einen Weg finden müssen, um dem Schlamassel zu entkommen. Und was wäre unschuldiger als Kinder? BRIAN AZZARELLO hat sich drei zwar sehr junge Helden ausgesucht, diese haben jedoch bereits genügend Ecken und Kanten, damit sie die Leserschaft auf ihre Seite ziehen können.
Eben war noch alles gut, und plötzlich bricht eine Welt auseinander! Eine Seite des Szenarios ist vielen LeserInnen bestimmt nicht unbekannt. Eine Frau (meistens) lässt sich mit einem Schurken ein. Oft kann ein Außenstehender die weibliche Faszination an dieser groteskten Beziehung nicht begreifen. Manchmal ist diese Verbindung eine Falle. Und hin und wieder gibt es eine Art BONNIE-UND-CLYDE-EFFEKT. Letzteren nutzt auch BRIAN AZZARELLO. Die Kälte, die hier von MARY gegenüber den eigenen Kindern ausgelebt wird, deren ganzes Sein sich einzig auf den EX-KNACKI CARTER fixiert, ist gruselig und für den Leser wenig einnehmend. CARTER kennt MARY unter dem Namen ANNA und in fünf Jahren Aufenthalt in einem mexikanischen Gefängnis ist sie der einzige Grund für sein Überleben in dieser Hölle. BRIAN AZZARELLO macht gleich klar, dass die Beziehung dieser beiden Menschen keine Einbahnstraße ist. Hier kann tatsächlich einer nicht ohne die andere und umgekehrt.
Kinder im WILDEN WESTEN. Da versuchen doch drei kleine Jungen ihre Mutter wiederzufinden, völlig auf sich gestellt, mangelhaft ausgerüstet, aber BRIAN AZZARELLO schickt ihnen eine Art Engel: MAD OWL. In einer Schlüsselsequenz treffen diese vier verlorenen Seelen aufeinander. Diese Szenerie wird von BRIAN AZZARELLO und Illustrator EDUARDO RISSO höchst dramatisch abgehandelt. Die beiden Comic-Künstler verdeutlichen dem Leser ein düsteres Kapitel amerikanischer Geschichte. (Mehr muss dazu hier nicht verraten werden.) Dieses tragische Ereignis schweißt die KINDER und die COMANCHE vorerst zusammen. Das ist bei aller Tragik auch anrührend.
Wo BRIAN AZZARELLO viel Gefühl in die Geschichte einbringt, steht EDUARDO RISSO mit seiner Illustrationstechnik in Nichts nach. In seinen Figuren finden sich zwar viele weiche Formen, die eher zurückhaltend zu nennen sind, dafür fällt die aquarellierte Farbgebung umso drängender, knalliger aus. Der Effekt erinnert an lange vergangene Zeiten, als derlei Kolorierung gang und gäbe war, auch schon mal mit Falschfarben gearbeitet wurde. Das kommt hier ab und zu mal vor, meist aber bleibt EDUARDO RISSO mit seiner Farbgebung in der Spur, schaut jedoch, dass er intensivere Eindrücke schafft: an Lagerfeuern, in Sonnenunter- und Sonnenaufgängen, in einer Dämmerung, Waldfinsternis, in den Straßen kleiner Ortschaften, in der Hitze des Tages, wo ein wüstengelbes Licht vorherrscht.
Über diese Farbgebung kann EDUARDO RISSO auch hervorragend den Blick der Leserschaft lenken. Auf besondere Details, hier und dort auch Brutalitäten der Schurken, die dadurch noch weiter entmenschlicht werden. EDUARDO RISSO führt die Augen zu einer bestimmten Stelle im Vordergrund, einer bestimmten Figur, setzt diese ab. Das ist betrifft insbesondere CARTER, der wirklich ein zweischneidiges Schwert ist und nicht zur Gänze mies. CARTER hat einen Kodex und gleich zu Beginn darf er regelrecht strahlen, bevor deutlich wird, dass Mord für ihn nicht nur eine, sondern DIE Lösung ist.
BLUT ist eine besondere Farbe. Und an BLUT kommt in BLOOD BROTHERS MOTHER niemand vorbei. BLUT leuchtet in so mancher Szene. Für die Jungs wird es auf ihrer Reise zu einer Selbstverständlichkeit. Meistens finden sie nur die Resultate einer Auseinandersetzung vor und müssen damit umgehen. Und manchmal sind sie auch direkt betroffen. In dieser Geschichte wollen weder BRIAN AZZARELLO noch EDUARDO RISSO der Leserschaft um den Bart gehen. Wer hier WESTERNROMANTIK erwartet, der wartet vergebens!
Und noch einmal: Kinder im WILDEN WESTEN. Die drei Jungs verlangen als Hauptfiguren natürlich ein eingängiges Design. EDUARDO RISSO zeichnet sie im Aussehen vielleicht etwas jünger, als sie in der Geschichte tatsächlich an Jahren sind. Das ist ein wenig puppenhaft und genau aus diesem Grund, wegen ihrer enormen Verletzlichkeit, ziehen diese Charaktere die Leserschaft stärker mit, ist ihr Schicksal packender, trauriger, dramatischer. Wie EDUARDO RISSO ihr Leiden einfängt, ihren empfundenen Schrecken zeigt, ihre Trauer und ihren Zusammenhalt, das nimmt einen mit (vorausgesetzt natürlich, man lässt sich darauf ein, das versteht sich).
Ein starker, moderner WESTERN, der seine Geschichte aus unterschiedlichen Quellen zieht. Da gibt es klassische Anklänge und Stimmen von heute, die das Morden, die Hoffnungslosigkeit auch die Zuversicht jener Zeit einfängt, ein wenig Menschlichkeit, aber vor allem die Härte des Lebens in einem durch und durch wilden Land, das mit einem besseren Leben lockt und doch meistens enttäuscht. BRIAN AZZARELLO und EDUARDO RISSO haben sich als GRAPHIC-NOVEL-DREAMTEAM etabliert, und hier beweisen sie einmal mehr, warum das so ist und dass sie auch dem WESTERN einige neue Facetten abringen können. Klare Empfehlung für WESTERN-FANS! 🙂
BLOOD BROTHERS MOTHER: Bei Amazon bestellen.
Oder bei Schreiber und Leser.
Die angezeigten Links führen nach Amazon und bringen mir eine kleine Provision (abgesehen von jenen zum Verlag), wenn ihr etwas darüber erwerbt: Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.
Mittwoch, 11. März 2026
LUCKY LUKE ist nicht immer vom Glück begünstigt. Mal befindet ersich in Lebensgefahr, mal hat es ihn schon bis nah an die Schwelle zum Tod getrieben. Mal ist er zum Glück da, wo er gebraucht wird. Mal kommt er in letzter Sekunde. Mal ist er Lehrer, Schiedsrichter und mal begegnet er tatsächlich jemandem, der ihm in Sachen Schießkunst das Wasser reichen kann. Aber leicht ist es irgendwie nie so richtig. Das ist der WILDE WESTEN, wo ein einziger Fehler den Tod bedeuten kann…
Man stelle sich vor, jemand wie LUCKY LUKE wäre eine reale Person gewesen. Ein Cowboy, im Land verwurzelt, aber nirgends richtig daheim. Immer unterwegs auf dem Bock einer Postkutsche, immer irgendwie im Niemandsland, zwischen Ansiedlungen, zwischen Ortschaften, aber auch immer irgendwie mitten im Leben, wie die Geschichten von APPOLLO (Text) und BRÜNO (Zeichner) sowie LAURENCE CROIX (Farben) zeigen.
Vorweg: LUCKY LUKE kommt in der 7. Hommage, DAKOTA 1880, erstaunlich ernst daher und ist weit entfernt von der eher lustigen Originalfassung, die zwar mit historischen Themen spielt, diese aber nicht zu sehr aufbauscht. APPOLLO und BRÜNO verfahren da völlig anders. Und sie starten mit einer Hommage in der Hommage, wenn die Postkutsche zu Beginn, mit LUCKY LUKE als Wächter obenauf, im dichten Schneestreiben in einer sehr verlassenen Gebirgsgegend eine ungeplante Begegnung hat. Mutterseelenallein in der weißen Einöde steht ein Mann und bittet um eine Mitfahrgelegenheit. Westernverliebten Lesern, die auch in anderen Medien unterwegs sind, wird das nur allzu bekannt vorkommen.
Aber das ist lediglich der Auftakt. In sieben Kapiteln, plus einem Vor- und einem Nachspiel, erzählt APPOLLO von einem WILDEN WESTEN, der seinen Bewohnern allerhand versprochen hat, wie Besitz, Glück, Freiheit und all diese erstrebenswerten Dinge, aber nur selten austeilt. Und meistens stirbt die Hoffnung irgendwann. Ein Junge namens BALDWIN, der mitansehen musste, wie der Traum seiner Großmutter, GRANDMA GUMBO, nicht erfüllt wurde, erzählt dem Leser aus LUCKY LUKES frühen Zeit, bevor MORRIS sich dieser Figur annahm.
Es sind kurze, sehr einprägsame Geschichten, in der Manier amerikanischer Kurzgeschichten, die den Leser rasch mit einbinden, starke Emotionen aufbauen und mitunter sehr aufwühlend sein können. APPOLLO gelingt das Husarenstück, diese Kunst in die Welt des Cowboys zu überführen, der schneller schießt als sein Schatten (eine Fähigkeit, die hier im Band ebenfalls thematisiert wird). Dabei lässt er auch eine dunklere, rächende Seite des COWBOYS nicht aus. (Das ist wirklich sehr düster!)
Die Ernsthaftigkeit in den Geschichten hat mich (sehr positiv) überrascht, denn es zeigt auf, was LUCKY LUKE auch hätte werden können. Und es zeigt, aus welcher Quelle die Serie ihre Ideen bezieht (bzw. bezogen hat). Und ganz ehrlich: Die Ernsthaftig der Erzählung tut dem Thema und der Figur sehr gut. In diesem Sinne dürfte es gerne einen parallelen Ableger geben, in der APPOLLO und BRÜNO ihrer Vision häufiger Futter geben dürften.
Die Zeichnungen von BRÜNO: Einfach gehalten, klare Linien, pointierte Bilder. BRÜNO schafft es, den gewollten Effekt von APPOLLO (die Geschichten lassen keine Fragen offen) zu übertragen, zu transportieren und zu stützen. Einerseits hat dieser LUCKY LUKE ein klar umrissenes Profil, andererseits bleibt genügend Leinwand für eigene, zusätzliche Interpretationen. Und teilweise mag man sich fragen: Was geht gerade hinter dieser maske vor sich? Denn dieser LUCKY LUKE ist nicht gerade ein Ausbund an optisch überbordenden Gefühlsausbrüchen (obwohl er ein durchaus freundlicher Kerl ist).
Ein Interview mit SIGISMUND FREUDENREICH, Dozent für moderne Literatur an der Abilene State University, schließt die 7. Hommage ab. Das fiktive Gespräch klärt darüber auf, inwieweit die späteren kreativen Köpfe von LUCKY LUKE vom Werk des BALDWIN CHENIER inspiriert wurden (das selbst als Grundlage der vorliegenden Hommage diente). Das ist insgesamt schön erzählt, aber letztlich, wie viele Begebenheiten aus der Originalserie selbst, ist der gesamte so genannte WILDE WESTEN mit all seinen Abenteuern und skurrilen Gestalten Inspiration für den COWBOY gewesen, der seit 80 Jahren seine Leserschaft begeistert (eine mit Fug und Recht getroffene Aussage, kaum eine Figur schafft in der Unterhaltung eine derart lange Lebensdauer!)
Die 7. Hommage weiß mit einer frischen, ganz eigenen Version von LUCKY LUKE zu überzeugen. Die Geschichten aus jener Zeit, bevor er eine WILDWEST-LEGENDE wurde, sind ernst, respektvoll vor der Figur, durchdacht, spannend, dramatisch, traurig, sogar mal düster, auch heiter, eine Reihe von tollen Kabinettstückchen von APPOLLO, auf eine träumerische Art illustriert von BRÜNO. Lesens- und sehenswert für WESTERN- und LUCKY-LUKE-FANS! (Klare Empfehlung eines Westernfans!) 🙂
LUCKY LUKE HOMMAGE 7: DAKOTA 1880: Bei Amazon bestellen.
Oder bei Ehapa Comic Collection.
Titelbild: © 2026 Lucky Comics/Egmont Ehapa Media
LUCKY LUKE erscheint im deutschsprachigen Raum bei Egmont Ehapa Media (http://www.egmont.de/).
Die angezeigten Links führen nach Amazon und bringen mir eine kleine Provision (nicht jener zum Verlag), wenn ihr etwas darüber erwerbt: Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.
Kommentare deaktiviert für LUCKY LUKE HOMMAGE 7: DAKOTA 1880
Donnerstag, 22. September 2016
BUDDY LONGWAY hat einmal mehr Glück gehabt und seine Frau Chinook und seine Tochter Kathleen wiedergefunden. Aber der Weg war lang für alle Beteiligten. Der Wunsch nach Ruhe ist berechtigt und so verbringt die kleine Familie eine friedvolle Zeit im Indianerreservat. Schließlich kommt der Frühling und die Unruhe wächst. Jeremiah, Buddys und Chinooks Sohn sollte längst zu ihnen gefunden haben. Die Suche nach dem inzwischen erwachsenen Jungen ist beschlossene Sache. Doch zuvor gibt es noch eine Aufgabe zu erfüllen. Das Militär bittet BUDDY LONGWAY Mustangs für die Armee zu fangen. Unter der Anleitung von SIEHT ÜBER DIE WOLKEN macht BUDDY LONGWAY eine der wichtigsten Erfahrungen seines Lebens.
15 Jahre hatte sich DERIB Zeit gelassen, ehe er sich wieder seinem Westernepos um den Trapper BUDDY LONGWAY zuwandte und dieses mit weiteren vier Alben zu einem Abschluss brachte. Diese Ausgaben sind nun im letzten Band der Gesamtausgabenreihe versammelt. Von der Jugend bis zum gereiften Mann hat der Leser den Trapper über die Jahre begleitet. Einige der Wegbegleiter von BUDDY LONGWAY haben hier ihren neuerlichen, nostalgisch anmutenden Auftritt. Manches ist rührend, einiges dramatisch, wichtige Abschnitte auch tieftraurig. Doch zuvor zeigt DERIB einen Wilden Westen mit einer unglaublich schönen Natur und all den Facetten, die damit einher gehen.
Die Mustangjagd in der ersten Episode, die auch so heißt wie einer ihrer Figuren, SIEHT ÜBER DIE WOLKEN, besitzt nicht nur die Dramatik, wie der Leser sie von BUDDY-LONGWAY-Geschichten her gewohnt ist, sie besitzt auch diesen liebevollen Blick auf die grandiose Natur Nordamerikas und auf die wohl schönsten Einwanderer des Kontinents, die Mustangs. DERIB sind in dieser Szenerie wunderbar lebendig wirkende Bilder gelungen. Außerdem ist es interessant mit anzusehen, wie der sehr erfahrene Trapper auf seine alten Tage doch noch mit Staunen und Lernbereitschaft auf dieses urige Land schauen kann. Und auch bereit ist, diese Lektionen anzunehmen.
Nicht nur Lektionen, sondern auch Leid hält dieses Land für BUDDY LONGWAY und seine Liebsten bereit. DERIB war noch nie bereit, seine Helden zu verschonen. Schon häufiger hat er dem Trapper und seiner Familie vieles abverlangt, vor allem vielen Gefahren ausgesetzt. Was wurde aus Jeremiah? Diese Frage wird in DIE VERIRRTE KUGEL endlich beantwortet. DERIB vertieft hier die Indianerthematik, die Auseinandersetzungen zwischen Armee und Ureinwohnern, die Kluft zwischen angeblicher Zivilisation und Wilden, die gleichzeitig einen Keil in die Familie von BUDDY LONGWAY treibt. Das wird von DERIB allzu verständlich und nachvollziehbar erzählt. Und verstärkt die ebenso nachfühlbare Tragödie umso mehr.
KATHLEENS ZORN, die dritte Episode und gleichzeitig vorletzte der gesamten Serie, setzt fünf Jahre später nach der vorherigen Geschichte ein und zeigt, wie aus dem Mädchen Kathleen eine beinahe erwachsene Frau geworden ist. Die Handlung ist bei Kenntnis moderner Erzähltechniken höchst aktuell zu nennen, wagt sie sich nicht nur besonders eng an die Hauptpersonen heran, sondern demontiert sie auch noch mit chirurgischer Präzision. KATHLEENS ZORN ist emotional packend und beschreibt ein Szenario, in dem viele Charaktere sehenden Auges in ihr Verderben unterwegs sind.
Mit der Geschichte DIE QUELLE endet die Serie. DERIB lässt damit auch keinen Zweifel daran, dass eine Fortsetzung für immer ausgeschlossen war und ist, fremde Erzähler sich niemals dieser Figur annehmen können, wie es zeitweilig bei anderen Serien der Fall gewesen ist. Ich glaube, selten wurden Seriencharaktere derart final beschrieben. Einerseits muss man den Hut vor diesen letzten Episoden ziehen, die den Realismus von Beginn der Serie an bis zum wirklich bitteren Ende durchhalten. Andererseits fällt es die Akzeptanz des Endes schwer, da man als Leser besonders bei diesen Charakteren auf ein friedvolles Ende hoffte. Selten schaffen es Comic-Figuren derart viel echte Sympathie anzuhäufen.
Und selten war es stimmiger zu sagen, dass man sich hier als LEser mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiedet. DERIB hat sich darum bemüht, Kreise zu schließen und offene Enden miteinander zu verknüpfen. Weiterhin auf hohem Niveau illustriert, beendet DERIB hier seine Saga um BUDDY LONGWAY für immer und meißelt sie regelrecht ins Gedächtnis. Toll gemacht! 🙂
BUDDY LONGWAY, Gesamtausgabe 5, Für immer: Bei Amazon bestellen
Oder im Ehapa Online-Shop.
Samstag, 02. Juli 2016
Chinook. Ein ganz besonderer Wind, dicht und dunkel, geheimnisvoll, beinahe wütend. Nicht nur Buddy Longway gerät in diesen seltsamen Sturm. Auch ein Auswandererehepaar verschlägt es mit ihrem Planwagen in dieses merkwürdige Naturereignis und macht prompt eine mysteriöse Entdeckung. Die Entdeckung bildet den Auftakt weitreichender Ereignisse, während derer nicht nur die Bekanntschaft neuer Freunde macht, sondern sich auch einstige Freundschaften umkehren, freilich nicht durch Buddys Schuld. Die Zustände haben sich arg geändert. Die Armee nimmt sich, was sie will, die indianischen Ureinwohner verlieren immer mehr. Konflikte sind unausweichlich und keine Alternative mehr. In die Ecke gedrängt wird Verzweiflung der Antrieb, der die Sioux in den Aufstand zwingt.
Ein langer, spannender Wegesabschnitt, der zu einem lange ersehnten Ziel führt. Die hier abgedruckten vier ehemaligen Einzelabenteuer sind vielmehr Akte eines großen Handlungsbogens, der von Autor, Zeichner und Kolorist DERIB geschickt miteinander verwoben werden. Der wilde Wind, Der Schwarzrock, Hooka-Hey und Die letzte Prüfung bieten nicht nur ein starkes Stück Gegenwart des BUDDY LONGWAY, sie führen den Leser auch in dessen Vergangenheit, in die nahegelegene einer wunderbaren Ehe und Familie wie auch einer längst fernen Kindheit an die Seite des Vaters und die Hoffnung auf ein besseres Leben in einem unbekannten Land.
Und mehr noch: BUDDY LONGWAY erfährt von seiner Herkunft und bemerkt erst jetzt, wie tief die Verbundenheit mit diesem Land reicht, dass Wurzeln existierten, von denen er nicht einmal eine Ahnung hatte. EIN BESCHWERLICHER WEG lautet der zusammenfassende Titel der vierten Gesamtausgabe und hätte kaum treffender formuliert sein können. Denn BUDDY LONGWAY befindet sich auf zweierlei Spuren. Einerseits ist er weiterhin auf der Suche nach seiner Frau und seiner Tochter, andererseits beschreitet er auch einen Weg tief ins Innere seiner Selbst. Die Verbundenheit, die er mit Natur, Land und Menschen entwickelt hat, wurde von DERIB selten eindringlicher gezeigt.
Diese Verbundenheit kehrt DERIB aber auch noch an anderen Stellen heraus, weshalb gerade diese Lehre für den Comic-Künstler sehr wichtig gewesen sein muss. Aber er zeigt auch die Grenzen dieser Lehre auf. Weil manche Menschen wollen einfach nicht lernen. Auf beiden Seiten. Zuerst sind es ein Siedlerehepaar, das Missverständnisse über die amerikanischen Ureinwohner auszuräumen lernt. Im Verlauf kommt ein Schwarzrock hinzu. Der Priester sieht, dass sein christlicher Glaube ihm nicht jede Frage beantwortet und im Zusammenleben der Indianer und ihrer Spiritualit?t weitere Antworten verborgen sein können.
Grafisch ist DERIB hier auf dem Höhepunkt seines Könnens. Er beherrscht die individuellen Charaktere, die er gerne auch der Realität entnimmt. Er zeichnet ein Land und seine Menschen mit Bravour, wie ein Gerichtszeichner, der sieht, was er malt. Vielleicht mag BUDDY LONGWAY mittlerweile vor dem inneren Auge agieren sehen. Vielleicht ist diese Theorie richtig, denn er lässt für den Leser sogar einen Erinnerungsfaden vor einem inneren Auge, BUDDY LONGWAYS nämlich, auferstehen und er macht dies in einer äußerst liebevollen, sehr verdichteten Weise, so dass eine schöne Kurzgeschichte in einem Abenteuer entsteht. In beidem, in der langen wie auch der kurzen Erzählung, kann er den großen amerikanischen Erzählern auf Augenhöhe begegnen.
Durchaus könnte ein Leser hier in die Geschichte einsteigen, da BUDDY LONGWAY sehr viel aus seiner Familiengeschichte preisgibt, andererseits findet sich auch ein vorläufiges Etappenziel, das noch einmal mehr Freude beim Lesen bereitet, wenn die bisherige Strecke hierhin bekannt ist. DERIB zeigt, wie stark er in der ernsthaften Comic-Erzählung ist und gleichzeitig, was Comic für erwachsene Leser wie auch für Heranwachsende zu leisten vermag. Melancholisch, nostalgisch, einfühlsam, geheimnisvoll und spannend, dramatisch allemal, präsentiert sich hier einer der besten Comic-Western überhaupt. Ganz, ganz toll! 🙂
BUDDY LONGWAY, Gesamtausgabe 4, Ein beschwerlicher Weg: Bei Amazon bestellen
Montag, 02. Mai 2016
Warum sollte man als junger Mensch einem Erwachsenen Glauben schenken? Oder warum sollte die Erfahrung eines anderen zählen? Buddy Longway möchte seine Tochter Kathleen gerne davon abhalten, zu früh mit ihrem Pferd zu reiten. Es könnte weder für sie, noch für das Tier gut sein. Buddy Longway hätte seine Tochter besser kennen sollen, schließlich hat sie so manche Charaktereigenschaft von ihm geerbt. Dazu gehört auch, immerhin in dieser Altersphase, ein gewisses Ungestüm. Buddy kannte dieses Gefühl. Auch er hat seine Fehler gemacht. Fehler, die vielleicht sogar gefährlicher waren, als sie Kathleen nun unterlaufen.
DERIB erzählt mit BUDDY LONGWAY über mehrere Leben im Wilden Westen vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Buddys Familie beläuft sich inzwischen auf vier Personen. Neben den Problemen, die mit Heranwachsenden auftreten können, sind die Schwierigkeiten im urwüchsigen Land weit im Westen des nordamerikanischen Kontinents noch weitaus größer. Das Titelbild und die Überschrift des dritten Bandes der Gesamtausgabe über den Trapper BUDDY LONGWAY bringen es auf den Punkt. DER WAHN DES MENSCHEN teilt sich in verschiedene Aspekte auf. Ein Kern hier ist der Hass auf alles Fremde und der daraus resultierende Vernichtungswille alles Andersartigem.
DERIB vermischt eine straffe und spannende Handlung mit großen Themen. Für Jeremiah steht das Erwachsenwerden im Vordergrund. Ein Ziel zu finden, eine Vision sogar, wie es auch Heranwachsende seines Volkes, die Indianer, tun. Denn obwohl sein Vater ein Weißer ist, ist die Verbindung zur Linie der Mutter viel stärker ausgeprägt. Das Leben in und mit der Natur hat seinen Charakter geformt. Die Begegnung mit der Zivilisation, in Form von Auswirkungen des Goldrauschs und des Hasses auf die Indianer, schreckt ihn und lässt ihn sich noch mehr auf vertrautes Territorium, völlig zu Recht, zurückziehen.
Der weiße Dämon lautet der zweite Titel der hier vereinten vier Alben. Und Dämonisch ist das Stichwort für eine Reihe von Ereignissen, die DERIB seinen vier Helden, der Familie um BUDDY LONGWAY, zumutet. Ihm gelingt es einerseits, eine Art von Paradies zu zeigen, die Schönheit von Leben, wie es sein könnte. Andererseits stellt DERIB das Dämönische gegenüber, als eine Art Brunnenvergifter, das sich hinter Täuschung verbirgt, großen Worten und häufig überfallartig über die Protagonisten hinweg rollt. Der ebenfalls titelgebende Captain Ryan stellt eines dieser bösartigen Elemente in den Geschichten dar. DERIB schildert, wie sehr der Mann von seinem Hass zerfressen wird und gleichzeitig seine Soldaten in seinen ganz persönlichen Rachefeldzug hineinzieht und bis dahin unbescholtene Männer instrumentalisiert.
Aber auch das scheinbar Natürliche kann sich der Kritik nicht entziehen. Die Mannesproben der Indianer, die, einer Vision folgend, an der Schwelle zum Erwachsenen abgelegt werden, um endgültig zu reifen, stellen hier einen Eingriff in das natürliche Gefüge dar, obwohl sie seit Menschengedenken zum natürlichen Kreislauf gehören. Jeremiah, der Sohn von BUDDY LONGWAY, gelangt zu einer anderen Erkenntnis als jener, die er ursprünglich erwartet hat. DERIB ist nicht nur ein schlauer Erzähler, ihm gelingt es auch auf einfache Weise, eine leichte Form der Philosophie, ein wenig Ethik zu vermitteln. Gerade so, wie BUDDY LONGWAY seinen Kindern Geschichten erzählt, um diesen einen Rat oder eine Weisheit zu veranschaulichen, verhält sich auch DERIB gegenüber seinen Lesern. DERIB überschreitet damit leichtfüßig und ohne Druck auf den Leser die Trennlinie vom Comic zur Literatur.
Zeichenstil: gestern und heute. In der ersten Geschichte im vorliegenden Sammelband gestattet sich DERIB einen nostalgischen Rückblick. Er lässt BUDDY LONGWAY nicht nur aus dessen Anfangstagen als Trapper erzählen, er zeichnet ihn auch wieder mehr cartoony, wie er es zu Beginn der Serie getan hat. So grenzen sich die Erinnerungen deutlich zur familiären Gegenwart ab, die DERIB mit seinem wunderbaren Realismus zu Papier bringt. Auf diese Art wird auch der Humor seiner Erzählung deutlicher, ohne wörtlich in einen Witz abzugleiten, der sich schlecht übersetzen lässt. Die Situationskomik versteht jeder.
DERIB versteht es einfach mit seiner Figur BUDDY LONGWAY Geschichten zu erzählen. Sie wirken nicht nur echt, sondern auch wahrhaftig, als wäre diesen Menschen heimlich über die Schulter geschaut worden. Eine große Geschichte, die mehr als nur ein Western ist. Erste Klasse! 🙂
BUDDY LONGWAY, Gesamtausgabe 3, Der Wahn des Menschen: Bei Amazon bestellen
Dienstag, 09. Februar 2016
Blackfeet sollten friedlich sein. Die zwei Krieger hingegen greifen ohne Vorwarnung an. Buddy Longway bleibt keine Wahl. Will er das Leben seines Sohnes Jeremiah retten, muss er schießen. Der Trapper zielt auf das Pferd des zuvorderst reitenden Indianers. Der Schuss fällt das Tier. Die feindlichen Krieger fliehen auf dem verbliebenen Pferd. Ratlos bleiben Buddy Longway und sein Sohn zurück. Ein Zusammentreffen mit weiteren Trappern gibt keinen Aufschluss über diesen sinnlosen Angriff. Einen vagen Hinweis überhört Buddy Longway. Wäre er nur hellhörig geworden …
Das Besondere an BUDDY LONGWAY wird spätestens in der zweiten Gesamtausgabe mit weiteren vier Abenteuern deutlich. Es ist ein Western, der keine Showdowns benötigt. In dieser wilden Welt wartet das Abenteuer bei der nächsten Jagd, dem Schritt vor die Tür im tief verschneiten Winter. Indianer werden zu Freunden und zu Feinden. Liebe und Hass zwingen zu Taten. Scheitern können beide Motive. Die Zivilisation hält langsam Einzug und schickt ihre schlechtesten Sendboten voraus: das Feuerwasser. Kurzum, wer in Leinwandwestern die Bodenständigkeit vermisst, die andauernde Spannung, geboren durch eine Umgebung, die den Menschen nicht grundsätzlich willkommen heißt, wird in DERIBS Serie BUDDY LONGWAY ebenfalls ein Meisterwerk sehen.
Die Abenteuer Das Geheimnis, Der Elch, Pferde im Winter und Feuerwasser bündeln intensive Erfahrungen von Buddy Longway und seiner kleinen Familie, die hier Zuwachs erhält. DERIB, Autor und Zeichner der Reihe, setzt in Das Geheimnis und Der Elch den Fokus auf den kleinen Jeremiah, Buddy Longways Sohn. Zwei Entwicklungsstufen werden hier beleuchtet. Erfahrungen sehr menschlicher Natur bilden den Mittelpunkt. Und es werden zwei Seiten beleuchtet. Mit Jeremiah wächst auch Buddy Longway in seiner Funktion als Vater. Immer darauf bedacht, Jeremiah das Rüstzeug für die Wildnis, in der sie leben, mitzugeben, versucht er Gefahren vom Sohn fernzuhalten und erkennt schnell, dass der Junge das Herz am rechten Fleck hat und deshalb bereit ist, Risiken einzugehen.
Der Elch, das zweite Abenteuer in dieser Gesamtausgabe, ist für mich das Beste der vier Dramen, ohne DERIBs Leistung bei den anderen drei Geschichten schmälern zu wollen, die allesamt gut, spannend und sehr gelungen sind. Der Elch zeigt nicht nur auf höchst eindrucksvolle Weise die Macht der Natur, es vermittelt auch den Respekt vor ihr, wenn der Mensch, hier in Form von Buddy Longway und seinem Sohn, trotz höchster Gefahr darauf verzichtet, ein Tier einfach zu töten, um das eigene Leben zu retten. Mehr noch: Plötzlich wird das gegen die zivilisierten Schusswaffen scheinbar hilflose Tier zum tödlichen Gegner.
Die Macht der Natur und der Wildnis, jene Kräfte, die in einem REVENANT als dramaturgischer Faktor derzeit das Kinopublikum begeistern, werden von DERIB auch in der nächsten Folge zu weiteren Blüten geführt. Ein Pferd, so alt es sein mag, ist in der Abgeschiedenheit fern der nächsten Siedlung überlebenswichtig. Im dritten Abenteuer, Pferde im Winter, nimmt sich DERIB jenes Phänomens an, das einen Beobachter nicht selten erschauern lässt. Mustangs, amerikanische Wildpferde, von enormem Freiheitsdrang beseelt, angeführt von einem Hengst, der alles unternehmen würde, um seine Herde zu schützen, sind ein stetig ziehendes Element der Geschichte.
Buddy und seine Tochter Kathleen, noch sehr klein, bleibt nichts anderes übrig, als der Herde zu folgen, denn diese hat im wahrsten Sinne des Wortes ihr gutes Pferd Fellow entführt. DERIB zeigt, wie sehr auch Comics, Graphic Novels, berühren können. Erneut gelingt ihm hier das Kunststück Spannung mit Tiefgang und einfühlsam geschilderten Charakteren zu verbinden. Die weitere Entwicklung der Figuren im vierten Abenteuer, wenn Anklänge einer veränderten Lebensweise ins Spiel kommen, beweist den weiten Bogen, den DERIB bereit ist, für seine Charaktere zu spannen. Und es ist Kathleen, die in ihrer kindlichen Unschuld zum Stein des Anstoßes wird. Trapper zu sein, bedeutet nicht zwangsläufig, auch auf immer und ewig Trapper zu bleiben.
Mehr Familie im Leben von Buddy Longway führt zu weitaus intensiveren Leseerlebnissen als bisher. Eine wunderbare Westernreihe abseits der üblichen Cowboys und Pistoleros. Hier ist der Wilde Westen noch viel ursprünglicher. DERIB hat die Messlatte solcher Geschichten sehr, sehr hoch gehängt, herangekommen ist seither niemand mehr. 🙂
BUDDY LONGWAY Gesamtausgabe 2, Kathleen und Jeremiah: Bei Amazon bestellen
Donnerstag, 05. November 2015
Die Jagd war gut. Buddy Longway hat eine Menge Felle gesammelt und kann sich getrost auf dem Weg zurück in die Zivilisation machen. Und damit fängt der Ärger auch schon an. Als er das Fort erreicht, wird er Zeuge, wie mehrere Männer eine Frau verprügeln. Buddy Longway schreitet ein und entreißt sie ihren Peinigern. Erst nach einer kurzen Flucht stellt er fest, dass es sich bei der Geretteten um eine Indianerin handelt. Chinook, wie die junge Frau mit Namen heißt, hat nur einen Wunsch. Sie möchte zurück zu ihrem Volk, den Sioux. Buddy Longway ist noch nicht lange genug in der Wildnis, um zu wissen, dass Indianer nicht gleich Indianer ist. So hält er es zunächst für eine gute Idee, sie zu einem Dorf der Crow zu bringen. Wie falsch er damit liegt, soll er allzu schnell merken.
Ein Klassiker ist zurück, im neuen Gewand, mit redaktionellem Teil versehen, entführt die erste Gesamtausgabe von BUDDY LONGWAY zurück in jene Tage, als Publikationen wie YPS einen gehörigen Anteil des Wegs für den Trapper ebneten und ihn einer großen Leserschaft bekannt machten. Der schweizerische Comic-Künstler Claude de Ribaupierre, Künstlername DERIB schuf diesen geradlinigen Trapper 1973. Der Wilde Westen ist eine unberührte Natur, weit und schön. BUDDY LONGWAY ist ein Mann, der diese Welt bestaunt, ihre Ureinwohner genauso wie die Schönheit der Landschaft. Aber er besitzt auch die nötige Ehrfurcht, um sich nicht allzu leichtsinnig in dieser Umgebung zu bewegen. Darüber hinaus hat er das Herz am rechten Fleck, eine echte Sympathiefigur also.
Von Anfang an verfolgt DERIB einen realistischen Strich, der jedoch bei den Augen seiner Figuren endet. Hier wird immer noch mit dem klassischen Augenoval gearbeitet, wie sie sogar ein Asterix besitzt. DERIB verzichtet aber auf das Weiße im Auge. So abstrahiert er sein Westernabenteuer zunächst minimal. Das Kennenlernen von CHINOOK, letztlich der Beginn einer der schönsten und längsten Liebesgeschichten der Comic-Historie (durchaus einer Reihe mit Prinz Eisenherz und Aleta). Nach wie vor ist es selten, dass das Leben einer für eine Comic-Reihe erfundenen Figur derart lang beschrieben und entwickelt wird. Entstanden ist ein Familienleben, das einen Anteil nehmen lässt an den schönen Momenten, den Erlebnissen, den Gefahren.
Und davon gibt es reichlich. Indianer sind in dieser Hinsicht nur ein Beispiel und diese sind für BUDDY LONGWAY wenigstens berechenbar. Wenn weiße Ganoven ins Spiel kommen, packt einen der Nervenkitzel. In typischer 70er-Jahre-Manier, wie sie auch der Thriller jener Zeit kannte, halten mit dem Auftreten der jeweiligen Outlaws Brutalität und nicht selten auch Wahnsinn Einzug. Das dritte Abenteuer in diesem Band, Gefährlicher Besuch beginnt vergleichsweise heiter. Die Familie gedeiht. Buddy geht in seinem Leben mit Chinook und seinem Sohn Jeremiah auf, zu den Sioux bestehen gute Beziehungen. Das Glück ist ihnen hold, bis die Fremden auftauchen und sich eine Situation entspinnt, wie sie bedrohlicher kaum sein könnte und den vorherigen Sequenzen völlig entgegen steht.
Allein. Sind die ersten beiden Abenteuer, Chinook und Der Feind noch im Stile eines Mark Twain sehr gut für jugendliche Leser geeignet, auch vor dem Hintergrund der zeitlichen Einordnung betrachtet, ändert sich mit der dritten Geschichte und ihrer Ernsthaftigkeit in Erzählung und Grafik auch ein Stück weit die Zielgruppe. Sie wird größer, ein All-Ager. Mit der vierten Geschichte, Allein, festigt DERIB diesen Status. Der Beginn ist klassisch zu verstehen. BUDDY LONGWAY wandelt hier auf den Spuren eines Robinson Crusoe und eines Jeremiah Johnson (was er von der Handlung bereits vorher tat).
Grafisch ist DERIB auf der jeweiligen Höhe seiner Zeit. Ob er mit seinem gekonnten Tuschestrich und der leichten Kolorierung nun anfänglich noch GREG näher ist oder im weiteren Verlauf einem JEAN GIRAUD und was einem besser gefällt, muss am Ende jeder Leser selbst entscheiden. Fakt ist, dass DERIB seiner Westernserie mit einem vollkommen realistischen Strich langfristig wohl eine größere Erfolgschance eingeräumt hat. Er hat recht behalten. Allein könnte kaum näher an der Hauptfigur sein und eindringlicher auf die Gefühle von BUDDY LONGWAY eingehen.
Ein wunderbares Westernepos erlebt hier seinen Neubeginn, das lässt sich nicht anders sagen. BUDDY LONGWAY ist ein Comic-Held, der die Leser sehr nahe an sich und seine Familie, sein Leben heran lässt, man könnte sagen, die besondere Welt der Trapper erlebbar macht. DERIB ist mit BUDDY LONGWAY etwas ganz besonderes gelungen. Für Western-Freunde neben anderen großen Namen wie BLUEBERRY oder JERRY SPRING ein absolutes Muss.
BUDDY LONGWAY, Gesamtausgabe 1, Chinook: Bei Amazon bestellen
Mittwoch, 10. April 2013
Jonathan Cartland hat den Mann erkannt, den er für den Tod seiner Frau verantwortlich macht. Die Indianer, die einen der Ihren angeklagt sehen, beraten sich. Ein Gottesurteil soll die Wahrheit ans Tageslicht bringen. Mit Messern bewaffnet treten Ankläger und Angeklagter im Zweikampf gegeneinander an. Cartland ist siegesgewiss. Der Tod, so sagt er selbst, habe ihn noch nie gemocht. Gebannt verfolgen die Siedler, die Cartland in den Westen führen soll, den Kampf. Beide Kontrahenten bringen sich schwere Schnitte bei. Die Wunden schwächen die Kämpfer. Niemand will aufgeben. Aufgabe bedeutet den Tod. Doch Cartland hat einen Vorteil auf seiner Seite. Hass und Trauer geben ihm nötige Kraft, um gegen den wendigen Feind zu bestehen.
Alles beginnt mit dem fälschlich verurteilten Oglala-Indianer Two Guns. Es heißt, er soll wegen Gold einen Mann getötet haben. Einen Weißen noch dazu. Doch ein Indianer würde nicht für Gold morden. Davon ist Jonathan Cartland überzeugt. Aber Cartland ist auch nicht in der Lage, die Hinrichtung zu verhindern. Doch ihm wird die Gelegenheit geschenkt, zwei Stammesbrüdern von Two Guns das Leben weit draußen in der winterlichen Wildnis zu retten. Damit gerät Cartland in eine Geschichte, die er nicht vorhersehen konnte. Er lernt den Hass vieler Weißer auf die Indianer hautnah kennen. Noch größer scheint die Abneigung vielerorts vor jenen zu sein, die sich mit den Indianern abgeben. Cartland, der sie sogar vor dem örtlichen Armeekommandanten verteidigt, dazu auffordert, man solle den Verkauf von Alkohol, Feuerwasser, an sie unterbinden, wird offen angefeindet.
Laurence Harle (Autor) und Michel Blanc-Dumont haben mit Cartland einen aufrechten Waldläufer, Trapper und Abenteurer geschaffen, wie allenfalls mit einem Buddy Longway (von Derib) vergleichbar ist. Die Darstellung der amerikanischen Verhältnisse im Wilden Westen ist nicht schwarzweiß, sondern voller grauer Schattierungen. Jemand bringt einen Stein ins Rollen und zwingt andere damit zu reagieren. Die Armee geht gegen die Indianer vor, angeführt von einem Fanatiker. Indianer rächen sich, unschuldige Siedler werden zwischen den Fronten zerrieben. Ureinwohner werden vom ungewohnten Feuerwasser in den zeitweiligen Irrsinn getrieben. Und Cartland selbst wird von seinen beiden Erschaffern (wie es sich häufig für einen Helden gehört) durch eine ganz persönliche Hölle geschickt.
Mit den im ersten Sammelband vorliegenden Abenteuern Indianerfreund, Letzter Treck nach Oregon, Der Geist des Wah-Kee und Der Schatz der Spinnenfrau lässt sich auch sehr gut eine qualitativ künstlerische Entwicklung von Michel Blanc-Dumont feststellen. Seine Arbeiten sind zu Beginn noch gröber wie größer als heutzutage gewohnt. Spätestens aber in der dritten Geschichte, Der Geist des Wah-Kee, hat er zu der Qualität gefunden, jener exakten und feinen Ausdrucksweise, wie sie sich auch in seinen Arbeiten zu Blueberry finden.
Aber auch ein anderer Wandel findet statt. In den ersten beiden Abenteuern behandelt Laurence Harle noch sehr bodenständige Themen, wie sie sich tatsächlich abgespielt haben könnten. Doch mit dem Geist des Wah-Kee wie auch mit dem Schatz der Spinnenfrau hält ein leicht gruseliges, mysteriöses Element Einzug, das auf die Spiritualität der amerikanischen Ureinwohner setzt. Den Western vergisst Harle aber hierbei ebenso wenig wie den Krimi, dessen Spielregeln auch hier auftauchen. Der eigentliche Held, Cartland, wird darüber hinaus mit ganz alltäglichen Schwierigkeiten konfrontiert. Auch ein Trapper kann sein Hotelzimmer, seine Zeche manchmal nicht zahlen. Entweder hat er Glück und jemand gibt ihm einen aus. Oder es bleibt nur, auf leisen Sohlen das Weite zu suchen. Cartland ist dabei so erfolgreich wie jeder andere Halunke.
Ein eigener Weg: Cartland bedeutet für den versierten Western-Leser Spannung mit nicht absehbaren Ereignissen. Ein schöner und informativer redaktioneller Teil klärt über die comicale Western-Welt zu Beginn der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts auf. Cartland musste demzufolge eigene Akzente setzen. Aber es zeigt sich noch etwas anderes (weshalb ich schwarzweiße oder auch Konzeptzeichnungen so gerne mag), nämlich, dass Michel Blanc-Dumont bereits damals in einer rein schwarzweißen Bildsprache sehr modern war, vergleichbar mit einem späten Mike Mignola oder Moebius.
Toller erster Sammelband, für Western-Freunde uneingeschränkt zu empfehlen. Klassische Motive, frische Ideen, die bis heute wirken und jung geblieben sind, sorgen für viel Abwechslung in einem der interessantesten Genres überhaupt. 🙂
CARTLAND, Integral 1: Bei Amazon bestellen
Samstag, 21. Juli 2012
Mit Rattle-Snake-Annie sollte sich niemand anlegen. Ten Gallons ist wahrlich kein Greenhorn, aber gegen die beiläufige Brutalität der Frau vermag er sich nicht zur Wehr zu setzen. Außerdem muss er an den ihm anvertrauten Jungen denken, der mit ihm zusammen in Lebensgefahr schwebt. Denn Rattle-Snake-Annie sind Kinder vollkommen egal. Kurz darauf sind Ten und der Junge gefesselt auf einem rasenden Pferd unterwegs Richtung Ranch. Sie sollen eine Botschaft an Comanche überbringen. Das wäre nicht das größte Problem, hätte Annie nicht eine Ladung Dynamit am Sattel befestigt. Und die Lunte brennt.
Der Abschlussband der Reihe erinnert an die Zeiten, als alles begann. Einmal mehr gibt es bei der Entstehung der Eisenbahnlinie Probleme. Und mittendrin müssen die Arbeiter auf der Triple-Six-Ranch um ihr Leben bangen. Aber noch einmal können Comanche und Red Dust zeigen, was sie können. Natürlich kann sich der Leser auch gebührend von den anderen Charakteren verabschieden, so auch insbesondere von Ten Gallons, den wohl besten Oldtimer, den der Wilde Westen jemals gesehen hat.
Aber Ten Gallons hat sich durch die Zeichnung von Michel Rouge auch ein wenig verjüngt. Obwohl die Figur sehr nah am Original von Hermann ist, der die ursprünglichen Figuren einst gestaltete, ist der neue Ten weniger klapprig, die Knollennase weniger knollig. Insgesamt jedoch passt sich der etwas genauere, vielleicht weniger intuitiv wirkende Zeichenstil von Michel Rouge sehr gut in die Serie ein. Zwar verkündet das Titelbild schon eine explosive Handlung, die erste Seite des vorliegenden Bandes greift diese Thematik nahtlos auf. Der Leser sieht die Lunte brennen, der Zug nähert sich und schnell ist klar, hier läuft kein einfacher Bandenkrieg ab, als die Lokomotive in einem Feuerball von den Schienen katapultiert wird.
Zum guten Schluss versammeln sich die Helden zu einem Abenteuer, in dem auf jeden von ihnen ein ganz persönlicher Gegner wartet. Für die Gesetzlosen wurde ein, wie es so schön heißt, illustrer Haufen zusammengestellt. Brutal, gewissenlos, aber auch schlitzohrig, waghalsig, hinterhältig. Die Bande, die zur Unterstützung des gegnerischen Bahnchefs, aufgeboten wurde, vereint Bekanntes, Einfallreiches und vor allem für den Leser höchst Unterhaltsames. Hervorzuheben ist Lobster, ein Gangster, dessen linke Hand durch eine Metallklaue ersetzt wurde. Außerdem hat mit Rattle-Snake-Annie eine verteufelt gemeine Pistolenbraut einen Auftritt, der die Mannschaft der Triple-Six-Ranch ganz schön in Schwierigkeiten bringt.
Rodolphe, der den Abschluss der Reihe als Texter übernimmt, nachdem der ursprüngliche Autor und Ideengeber Greg seine Arbeit am vorliegenden Album nicht mehr vollenden konnte. Greg (genauer: Michel Regnier) verstarb 1999. In einer Mischung aus Italo-Western und Hollywood-Inszenierung (die sich beizeiten auch den italienischen Varianten annäherte) werden Fallen gestellt, setzen sich die Bösewichte manchmal kurios in Szene und präsentieren sich so, dass ein Tarantino mit seinem neuen Streifen Django Unchained eigentlich genau in diese Kerbe schlägt.
Die Zeichnungen von Rouge bestechen in Aktionsszenen durch ihre präzise Ausführung und eine Bilderfolge, die den Leser mitten ins Geschehen hinein nimmt. Mal steht er an der Seite der Bösewichte oder erlebt das Geschehen in der Totalen, wenn Rouge die komplette Seitenbreite für seine Bilder in Anspruch nimmt und Westernkino auf Comic-Seiten zelebriert. Abgesehen von einem kleinen Epilog, einer Einleitung am späten Nachmittag, einem Schluss am frühen Morgen, spielt sich das Abenteuer während einer einzigen Nacht ab. Entsprechend dunkler ist die Farbgebung, aber auch mit jener Experimentierfreudigkeit, die schon früh in der Serie vorherrschte.
Selbst nach so langer Zeit der Fertigstellung des vorliegenden Bandes ist die Serie nach wie vor jung und haben Rodolphe und Rouge die Arbeit von Greg (natürlich auch von Hermann) zu einem würdigen und knallenden Abschluss gebracht. Ein modernes Westernabenteuer, aus dem Stand leinwandtauglich. 🙂
Comanche 15, Red Dust Express: Bei Amazon bestellen
Sonntag, 06. Mai 2012
Wo ist der blaue Stein versteckt? Für den Hütchenspieler sind die zumeist betrunkenen Mitspieler keine große Herausforderung. Mit Bee Bee Gun, seinem indianischen Gegenspieler, hat er nicht gerechnet. Bee Bee Gun mag vielleicht nicht der Klügste sein, einen Falschspieler erkennt er jedoch schnell. Als er alle drei Hütchen umdreht und dort nirgends einen blauen Stein findet, sondern nur weiße Kiesel, weiß Bee Bee Gun genau, was er mit einem solchen Betrüger anstellen muss. Zum Glück für den Falschspieler sind Bee Bee Guns Freunde in der Nähe, um schlimmeres zu verhindern.
Ersel, der sich, man könnte sagen, mit dem letzten Mohikaner die Eintrittskarte in diese Serie verdiente, zeigt dem Leser eine schnörkellos schöne und mitunter auch sehr lebensfeindliche Welt. Hatte Ersel (der Künstlername von Erwin Sels) schon den Klassiker von James Fenimore Cooper illustriert, stieg er mit Band 7 in die Reihe Die Pioniere der neuen Welt ein. Wildwest-Freunde, die sich nicht nur für Lederstrumpf begeistern konnten, sondern auch für einen Buddy Longway, finden in dieser mit einem hohen Maß an menschlichem Einfühlungsvermögen erzählten Geschichte sehr schönes Lesefutter.
Jeder Tag ist ein Abenteuer. Die Waldläufer oder Trapper, die sich in die unwegsamen Landschaften hineinwagen, wo Menschen nur selten zu finden sind, stehen jeden Tag vor neuen Herausforderungen. Wer alleine reist, riskiert alles. Doch selbst in kleinen Gruppen ist die Wanderung, der Ritt oder die Flussfahrt tiefer hinein nach Westen stets ein Wagnis. Das Ehepaar Maryse und Jean-Francois Charles, die sich viel mit historischen Szenarien insgesamt beschäftigt haben, erzählen mit Gespür für Authentizität und Fingerspitzengefühl für die richtige Balance zwischen abenteuerlicher Handlung und feiner Charakterbeschreibung.
Das große Treffen: In der 18. Folge dieser langlebigen Serie gelingt der Einstieg immer noch recht schnell. Zwar gibt eine kurze Einleitung einen Überblick über die bisherigen Geschehnisse, doch ist die Rückschau gar nicht einmal nötig, da das Kennenlernen der einzelnen Charaktere ungeheuer gut vonstatten geht und sich das Szenario mit sehr leichter Hand selbst vorstellt. Kleine Blicke auf die Figuren skizzieren die Charaktere, kurze Dialoge geben schnellen Aufschluss auf die jeweiligen Lebenssituationen. Und ehe man sich versieht, befindet man sich auch schon Seite an Seite der Abenteurer in der Weite der Wildnis.
Der Winter hält das Land in seinem Griff und erschwert das Vorwärtskommen. Nachdem der Leser sich schnell mit den unkomplizierten Figuren angefreundet hat, wird auch noch ein neues Gesicht in die Handlung eingeführt. Wind, der über den Fluss weht, ein kleines Indianermädchen, ist die einzige Überlebende eines Kanuunfalls. Ersel kann nicht nur im Miteinander der Alten und der Neuen die heiteren, spannenden, auch melancholischen Seiten dieser Pionierzeit zeigen. Neben der Wanderschaft, den Jagdgründen hinterher, wird auch das Leben von Siedlern am Beispiel von Louise beleuchtet. Ersel kann hier mit seinem sehr genauen und auch leicht romantischem Strich überzeugen.
Wenn sich Trapper treffen, ist dies beinahe eine große Familienfeier. In der Wildnis, zwischen vereinzelten Siedlungen und Handelsstationen, werden Treffen wie diese zu außergewöhnlichen Begegnungen. Ersel illustriert beides griffig, mit erzählerischem Blick. Durch Arhab erhält es eine natürliche, sich selbst zurücknehmende Kolorierung. Kräftigere Farben finden sich den Brauntönen der Landschaft, dem Rot in Kleidungsstücken und dem Strahlen von Feuern und Sonnenuntergängen. Die Farbgebung unterstreicht so die ruhigen Bilder, die den Leser das Szenario ohne überflüssige Hektik genießen lassen.
Eine sehr schöne Episode aus der langen Reihe dieses Abenteuerszenarios in der neuen Welt, die auch ohne jegliche Vorkenntnisse gelesen werden kann. Allerdings, auch das sei gesagt, macht die Geschichte hier Lust auf mehr. Besonders Freunde des guten Abenteuer(roman)s dürften sich hier angesprochen fühlen. Maryse Charles und ihr Mann Jean-Francois sind seit langem Garanten für feinfühlig erzählte Comics. 🙂
Die Pioniere der neuen Welt 18, Das große Treffen: Bei Amazon betreffen
Oder bei Finix Comics.