Zum Inhalt springen


Comic Blog


Samstag, 26. September 2026

BLOOD BROTHER’S MOTHER

Filed under: Western — Michael um 16:20

BLOOD BROTHERS MOTHERDANIEL, SIMON und JACK sind Brüder, Kinder und haben Dank ihrer Mutter MARY ein Zuhause bei REVEREND JON BLOOD gefunden. Das Leben ist einfach, aber es ist auch gut zu ihnen. Obwohl JON BLOOD nicht ihr Vater ist, haben sie ihn als solchen anerkannt. Eines Abends, nach einem ganz normalen Tag, nach einer Predigt, über die sich der REVEREND noch seine Gedanken macht, weil er fürchtet, die Gläubigen nicht zu erreichen, finden sich vor dem Haus der BLOODS drei fremde Reiter ein. Und allzu schnell stellt sich heraus, dass diese Fremden für jemanden im Haus alles andere als Fremde sind. Für alle Beteiligten wird sich das Leben für immer ändern. Noch bevor der Morgen graut…

BRIAN AZZARELLO, Autor, und EDUARDO RISSO, Illustrator, verbindet eine über viele Jahre sehr fruchtbare Zusammenarbeit. Die beiden haben zusammen das SUPERHELDEN-Genre bereichert, aber noch viel wichtiger ist in diesem Fall ihre gemeinsame Erfahrung auf dem Gebiet des THRILLERS. Elemente dieses Genres finden sich nicht selten auch im WESTERN, ganz besonders, wenn Autoren Halunken an den Start schicken und die Unschuldigen einen Weg finden müssen, um dem Schlamassel zu entkommen. Und was wäre unschuldiger als Kinder? BRIAN AZZARELLO hat sich drei zwar sehr junge Helden ausgesucht, diese haben jedoch bereits genügend Ecken und Kanten, damit sie die Leserschaft auf ihre Seite ziehen können.

Eben war noch alles gut, und plötzlich bricht eine Welt auseinander! Eine Seite des Szenarios ist vielen LeserInnen bestimmt nicht unbekannt. Eine Frau (meistens) lässt sich mit einem Schurken ein. Oft kann ein Außenstehender die weibliche Faszination an dieser groteskten Beziehung nicht begreifen. Manchmal ist diese Verbindung eine Falle. Und hin und wieder gibt es eine Art BONNIE-UND-CLYDE-EFFEKT. Letzteren nutzt auch BRIAN AZZARELLO. Die Kälte, die hier von MARY gegenüber den eigenen Kindern ausgelebt wird, deren ganzes Sein sich einzig auf den EX-KNACKI CARTER fixiert, ist gruselig und für den Leser wenig einnehmend. CARTER kennt MARY unter dem Namen ANNA und in fünf Jahren Aufenthalt in einem mexikanischen Gefängnis ist sie der einzige Grund für sein Überleben in dieser Hölle. BRIAN AZZARELLO macht gleich klar, dass die Beziehung dieser beiden Menschen keine Einbahnstraße ist. Hier kann tatsächlich einer nicht ohne die andere und umgekehrt.

Kinder im WILDEN WESTEN. Da versuchen doch drei kleine Jungen ihre Mutter wiederzufinden, völlig auf sich gestellt, mangelhaft ausgerüstet, aber BRIAN AZZARELLO schickt ihnen eine Art Engel: MAD OWL. In einer Schlüsselsequenz treffen diese vier verlorenen Seelen aufeinander. Diese Szenerie wird von BRIAN AZZARELLO und Illustrator EDUARDO RISSO höchst dramatisch abgehandelt. Die beiden Comic-Künstler verdeutlichen dem Leser ein düsteres Kapitel amerikanischer Geschichte. (Mehr muss dazu hier nicht verraten werden.) Dieses tragische Ereignis schweißt die KINDER und die COMANCHE vorerst zusammen. Das ist bei aller Tragik auch anrührend.

Wo BRIAN AZZARELLO viel Gefühl in die Geschichte einbringt, steht EDUARDO RISSO mit seiner Illustrationstechnik in Nichts nach. In seinen Figuren finden sich zwar viele weiche Formen, die eher zurückhaltend zu nennen sind, dafür fällt die aquarellierte Farbgebung umso drängender, knalliger aus. Der Effekt erinnert an lange vergangene Zeiten, als derlei Kolorierung gang und gäbe war, auch schon mal mit Falschfarben gearbeitet wurde. Das kommt hier ab und zu mal vor, meist aber bleibt EDUARDO RISSO mit seiner Farbgebung in der Spur, schaut jedoch, dass er intensivere Eindrücke schafft: an Lagerfeuern, in Sonnenunter- und Sonnenaufgängen, in einer Dämmerung, Waldfinsternis, in den Straßen kleiner Ortschaften, in der Hitze des Tages, wo ein wüstengelbes Licht vorherrscht.

Über diese Farbgebung kann EDUARDO RISSO auch hervorragend den Blick der Leserschaft lenken. Auf besondere Details, hier und dort auch Brutalitäten der Schurken, die dadurch noch weiter entmenschlicht werden. EDUARDO RISSO führt die Augen zu einer bestimmten Stelle im Vordergrund, einer bestimmten Figur, setzt diese ab. Das ist betrifft insbesondere CARTER, der wirklich ein zweischneidiges Schwert ist und nicht zur Gänze mies. CARTER hat einen Kodex und gleich zu Beginn darf er regelrecht strahlen, bevor deutlich wird, dass Mord für ihn nicht nur eine, sondern DIE Lösung ist.

BLUT ist eine besondere Farbe. Und an BLUT kommt in BLOOD BROTHER’S MOTHER niemand vorbei. BLUT leuchtet in so mancher Szene. Für die Jungs wird es auf ihrer Reise zu einer Selbstverständlichkeit. Meistens finden sie nur die Resultate einer Auseinandersetzung vor und müssen damit umgehen. Und manchmal sind sie auch direkt betroffen. In dieser Geschichte wollen weder BRIAN AZZARELLO noch EDUARDO RISSO der Leserschaft um den Bart gehen. Wer hier WESTERNROMANTIK erwartet, der wartet vergebens!

Und noch einmal: Kinder im WILDEN WESTEN. Die drei Jungs verlangen als Hauptfiguren natürlich ein eingängiges Design. EDUARDO RISSO zeichnet sie im Aussehen vielleicht etwas jünger, als sie in der Geschichte tatsächlich an Jahren sind. Das ist ein wenig puppenhaft und genau aus diesem Grund, wegen ihrer enormen Verletzlichkeit, ziehen diese Charaktere die Leserschaft stärker mit, ist ihr Schicksal packender, trauriger, dramatischer. Wie EDUARDO RISSO ihr Leiden einfängt, ihren empfundenen Schrecken zeigt, ihre Trauer und ihren Zusammenhalt, das nimmt einen mit (vorausgesetzt natürlich, man lässt sich darauf ein, das versteht sich).

Ein starker, moderner WESTERN, der seine Geschichte aus unterschiedlichen Quellen zieht. Da gibt es klassische Anklänge und Stimmen von heute, die das Morden, die Hoffnungslosigkeit auch die Zuversicht jener Zeit einfängt, ein wenig Menschlichkeit, aber vor allem die Härte des Lebens in einem durch und durch wilden Land, das mit einem besseren Leben lockt und doch meistens enttäuscht. BRIAN AZZARELLO und EDUARDO RISSO haben sich als GRAPHIC-NOVEL-DREAMTEAM etabliert, und hier beweisen sie einmal mehr, warum das so ist und dass sie auch dem WESTERN einige neue Facetten abringen können. Klare Empfehlung für WESTERN-FANS! 🙂

BLOOD BROTHER’S MOTHER: Bei Amazon bestellen.
Oder bei Schreiber und Leser.

Die angezeigten Links führen nach Amazon und bringen mir eine kleine Provision (abgesehen von jenen zum Verlag), wenn ihr etwas darüber erwerbt: Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.

Mittwoch, 11. März 2026

LUCKY LUKE HOMMAGE 7: DAKOTA 1880

Filed under: Abenteuer,Western — Michael um 19:20

LUCKY LUKE HOMMAGE 7: DAKOTA 1880LUCKY LUKE ist nicht immer vom Glück begünstigt. Mal befindet ersich in Lebensgefahr, mal hat es ihn schon bis nah an die Schwelle zum Tod getrieben. Mal ist er zum Glück da, wo er gebraucht wird. Mal kommt er in letzter Sekunde. Mal ist er Lehrer, Schiedsrichter und mal begegnet er tatsächlich jemandem, der ihm in Sachen Schießkunst das Wasser reichen kann. Aber leicht ist es irgendwie nie so richtig. Das ist der WILDE WESTEN, wo ein einziger Fehler den Tod bedeuten kann…

Man stelle sich vor, jemand wie LUCKY LUKE wäre eine reale Person gewesen. Ein Cowboy, im Land verwurzelt, aber nirgends richtig daheim. Immer unterwegs auf dem Bock einer Postkutsche, immer irgendwie im Niemandsland, zwischen Ansiedlungen, zwischen Ortschaften, aber auch immer irgendwie mitten im Leben, wie die Geschichten von APPOLLO (Text) und BRÜNO (Zeichner) sowie LAURENCE CROIX (Farben) zeigen.

Vorweg: LUCKY LUKE kommt in der 7. Hommage, DAKOTA 1880, erstaunlich ernst daher und ist weit entfernt von der eher lustigen Originalfassung, die zwar mit historischen Themen spielt, diese aber nicht zu sehr aufbauscht. APPOLLO und BRÜNO verfahren da völlig anders. Und sie starten mit einer Hommage in der Hommage, wenn die Postkutsche zu Beginn, mit LUCKY LUKE als Wächter obenauf, im dichten Schneestreiben in einer sehr verlassenen Gebirgsgegend eine ungeplante Begegnung hat. Mutterseelenallein in der weißen Einöde steht ein Mann und bittet um eine Mitfahrgelegenheit. Westernverliebten Lesern, die auch in anderen Medien unterwegs sind, wird das nur allzu bekannt vorkommen.

Aber das ist lediglich der Auftakt. In sieben Kapiteln, plus einem Vor- und einem Nachspiel, erzählt APPOLLO von einem WILDEN WESTEN, der seinen Bewohnern allerhand versprochen hat, wie Besitz, Glück, Freiheit und all diese erstrebenswerten Dinge, aber nur selten austeilt. Und meistens stirbt die Hoffnung irgendwann. Ein Junge namens BALDWIN, der mitansehen musste, wie der Traum seiner Großmutter, GRANDMA GUMBO, nicht erfüllt wurde, erzählt dem Leser aus LUCKY LUKES frühen Zeit, bevor MORRIS sich dieser Figur annahm.

Es sind kurze, sehr einprägsame Geschichten, in der Manier amerikanischer Kurzgeschichten, die den Leser rasch mit einbinden, starke Emotionen aufbauen und mitunter sehr aufwühlend sein können. APPOLLO gelingt das Husarenstück, diese Kunst in die Welt des Cowboys zu überführen, der schneller schießt als sein Schatten (eine Fähigkeit, die hier im Band ebenfalls thematisiert wird). Dabei lässt er auch eine dunklere, rächende Seite des COWBOYS nicht aus. (Das ist wirklich sehr düster!)

Die Ernsthaftigkeit in den Geschichten hat mich (sehr positiv) überrascht, denn es zeigt auf, was LUCKY LUKE auch hätte werden können. Und es zeigt, aus welcher Quelle die Serie ihre Ideen bezieht (bzw. bezogen hat). Und ganz ehrlich: Die Ernsthaftig der Erzählung tut dem Thema und der Figur sehr gut. In diesem Sinne dürfte es gerne einen parallelen Ableger geben, in der APPOLLO und BRÜNO ihrer Vision häufiger Futter geben dürften.

Die Zeichnungen von BRÜNO: Einfach gehalten, klare Linien, pointierte Bilder. BRÜNO schafft es, den gewollten Effekt von APPOLLO (die Geschichten lassen keine Fragen offen) zu übertragen, zu transportieren und zu stützen. Einerseits hat dieser LUCKY LUKE ein klar umrissenes Profil, andererseits bleibt genügend Leinwand für eigene, zusätzliche Interpretationen. Und teilweise mag man sich fragen: Was geht gerade hinter dieser maske vor sich? Denn dieser LUCKY LUKE ist nicht gerade ein Ausbund an optisch überbordenden Gefühlsausbrüchen (obwohl er ein durchaus freundlicher Kerl ist).

Ein Interview mit SIGISMUND FREUDENREICH, Dozent für moderne Literatur an der Abilene State University, schließt die 7. Hommage ab. Das fiktive Gespräch klärt darüber auf, inwieweit die späteren kreativen Köpfe von LUCKY LUKE vom Werk des BALDWIN CHENIER inspiriert wurden (das selbst als Grundlage der vorliegenden Hommage diente). Das ist insgesamt schön erzählt, aber letztlich, wie viele Begebenheiten aus der Originalserie selbst, ist der gesamte so genannte WILDE WESTEN mit all seinen Abenteuern und skurrilen Gestalten Inspiration für den COWBOY gewesen, der seit 80 Jahren seine Leserschaft begeistert (eine mit Fug und Recht getroffene Aussage, kaum eine Figur schafft in der Unterhaltung eine derart lange Lebensdauer!)

Die 7. Hommage weiß mit einer frischen, ganz eigenen Version von LUCKY LUKE zu überzeugen. Die Geschichten aus jener Zeit, bevor er eine WILDWEST-LEGENDE wurde, sind ernst, respektvoll vor der Figur, durchdacht, spannend, dramatisch, traurig, sogar mal düster, auch heiter, eine Reihe von tollen Kabinettstückchen von APPOLLO, auf eine träumerische Art illustriert von BRÜNO. Lesens- und sehenswert für WESTERN- und LUCKY-LUKE-FANS! (Klare Empfehlung eines Westernfans!) 🙂

LUCKY LUKE HOMMAGE 7: DAKOTA 1880: Bei Amazon bestellen.
Oder bei Ehapa Comic Collection.

Titelbild: © 2026 Lucky Comics/Egmont Ehapa Media
LUCKY LUKE erscheint im deutschsprachigen Raum bei Egmont Ehapa Media (http://www.egmont.de/).

Die angezeigten Links führen nach Amazon und bringen mir eine kleine Provision (nicht jener zum Verlag), wenn ihr etwas darüber erwerbt: Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.