Zum Inhalt springen


Comic Blog


Sonntag, 23. August 2009

Franka 7 – Die Zähne des Drachen

Filed under: Abenteuer — Michael um 14:36

Franka 7 - Die Zähne des DrachenLord Huttingdon hat so ziemlich alles gejagt, was auf Gottes weiter Erde einem Menschen gefährlich werden und durch eine Kugel aufgehalten werden kann. Doch nun gibt es keine Tiere mehr, die für den Lord noch irgendeinen Reiz darstellen. Ein Kieferfund eines italienischen Wissenschaftlers ändert die Langeweile von Huttingdon. Denn dieser Kiefer verspricht ein neues Jagdziel. Allerdings liegt dieses Jagdziel sehr weit entfernt und scheint auf herkömmliche Weise kaum erreichbar zu sein. Da findet sich plötzlich das für diese Jagdexpedition perfekte Reisegefährt: Ein Wasserflugzeug. Am 8. Dezember 1936 macht sich die Gruppe auf den Weg.

Von der Normalität ins Ungewisse: Franka ist eine Abenteurerin, das ist gar keine Frage, aber hier geht das Abenteuer noch einen Schritt weiter. Durch einen Zufall entdeckt sie in der Fundgrube eines Trödelhändlers einen Kieferknochen, der sie in enorme Schwierigkeiten bringt: Die Zähne des Drachen. Der Titel ist also nicht nur dramaturgisch gewählt, sondern im übertragenen Sinn auch vollkommen richtig (wie sich noch herausstellen wird). Henk Kuijpers erzählt seine Geschichte um Franka auf gleich mehreren Ebenen. In der Gegenwart darf der Leser an ihrer Spurensuche teilhaben, die alles andere als einfach ist, da ihr Leben öfters bedroht wird. In der Vergangenheit warten verschiedene Ereignisse auf ihre Lüftung und in Zukunft wird, das deutet sich hier schon an, etwas geschehen, mit dem niemand gerechnet hat.

Kuijpers hat hier ein leichtfüßiges Abenteuer geschrieben. Er will unterhalten. Aber er fordert seinen Leser auch. Hier muss der Leser am Ball bleiben, denn viele, viele Fakten warten auf. Es geschieht sehr viel an allen Ecken und Enden. Die Rückblicke in die Vergangenheit bewerkstelligen diesen Kniff ohne aufdringlich zu sein. Vielmehr liest man weiter, blättert man weiter, bis irgendwann … leider schon alles vorbei ist. Denn ohne es zu merken, hat der Leser dieses Abenteuer, das auch eine Art Wettrennen ist, atemlos mitverfolgt. Kuijpers hat eine regelrechte Lehrgeschichte für Comic-Autoren geschrieben: Wie ziehe ich meine Leser in den Bann meiner Geschichte? Das ist ihm mit bestmöglicher Perfektion gelungen. Eine Gemeinheit erwartet den Leser nur am Schluss: Dieser ist nämlich keiner. Für das wahre Ende muss der Leser auf den 8. Band, Im Reich des Donnerdrachen zurückgreifen.

Vorher gibt es jedoch allerhand Schauplätze zu bestaunen, die Kuijpers auf seine gewohnt akribische Art umgesetzt hat. Vom Hafen in die Großstadt, ins Hotel und ab zu einer Verfolgungsjagd über die nächtlichen Dächer der Stadt. Wilde Prügeleien unter Frauen folgen, geradewegs ins Kino, wo einer jener Klassiker läuft, in dem sich eine Zeichentrickkatze und eine Zeichentrickmaus bekriegen. Frankas Gegenspielerin erinnert an eine böse Yoko. Kuijpers Mädels sind meist schlanke heiße Bräute. Der Kopf ist hier austauschbar. Das kann Kuijpers nicht angekreidet werden, denn die wenigsten Künstler im Comicfach leisten sich hier die Mühe für eine besondere Differenzierung.

Es ist auch deshalb nicht schlimm, da Kuijpers Qualitäten anderswo zu finden sind. Er ist ein Künstler, der sich nicht scheut, jeden noch so kleinen Platz für seine Darstellungen auszunutzen, aber zeigt doch immer nur das, was gerade benötigt wird. Da kann es schon einmal auf bis zu 15 Bilder pro Seite kommen, von denen manche Briefmarkenformat haben. Diese Technik funktioniert jedoch phantastisch, da Kuijpers mit filmischem Blick arbeitet, kleine Momentaufnahmen zeigt. Nur der Text bremst die raschen Aufnahmefähigkeit des Auges hier aus. Text gibt es reichlich. Kuijpers ist ein optischer Konstrukteur. Er schafft es gerade in Aktionsszenen weitestgehend ohne Text auszukommen, aber er ist auch ein Erzähler, der, wie es sich besonders in den Rückblicken in dieser Ausgabe zeigt, sehr weitschweifig und ausführlich sein kann. So pendelt das vorliegende Abenteuer zwischen kurzweiligen Sequenzen, in denen richtig was los ist und solchen, in denen man als Leser geduldig verweilen muss, um nichts zu verpassen.

Ein handlungsreiches und hintergrundvolles Szenario, wie es mancher abenteuerbegeisterte Leser von der Konzeption her aus Fernsehserien oder Romanen kennt. Hier ist es besser als erstere und mindestens ebenso gut wie zweitere. Hier warten Überraschungen und Wendungen auf jeder Seite, hier lässt Henrik Kuijpers seine Franka eine wahre Hindernisstrecke absolvieren. Von Europa nach Asien, Diebe, Verfolgungsjagden, Rätsel und mörderische Gegner inklusive. Klasse. 🙂

Franka 7, Die Zähne des Drachen: Bei Amazon bestellen

Freitag, 21. August 2009

Yoko Tsuno – Vinea in Gefahr

Filed under: Abenteuer — Michael um 17:00

Yoko Tsuno - Vinea in GefahrTiphanol. Im gefrorenen Zustand sieht es auf diesem gammeligen Schrottplatz aus wie eine arg beschädigte Ansammlung von Kugeln. Doch sobald sie auftauen verwandelt sich Tiphanol in eine ungeheuer gefährliche und effiziente Säure. Yoko, Vic und Khany, die in dieser Umgebung auf ihre Raumanzüge angewiesen sind, halten sich an einem Ort auf, in dem scheinbar alles zur tödlichen Falle werden kann. Kurz darauf spürt ein robotischer Arbeiter die Eindringlinge in seinem Reich auf. Wieder einmal muss Yoko Reaktionsstärke beweisen. Unter erschwerten Bedingungen können sich die Freunde gegen den mechanischen Feind verteidigen, doch das ist erst der Anfang.

Vinea, genauer die Vineaner dürften zu den besten Einfällen im Comic-Genre, aber auch im Bereich Abenteuer und Science Fiction gehören. Mehrmals beweist Roger Leloup, der Vater von Yoko Tsuno, dass eine Erzählung, in der Yokos außerirdische Freundin Khany mitspielt, alle Möglichkeiten zulässt. Leloup hat sich selbst ein Fass der Ideen ohne Boden geschaffen, aus dem er eigentlich bis in alle Zeiten schöpfen kann, denn die Grenze ist das Weltall und das ist groß …

Waren bereits die ersten Episoden mit den Vineanern phantastisch genug, kann Leloup in den vorliegenden Geschichten ohne die störende Umgebung des Planeten Erde einmal mehr auftrumpfen. Die Technik der Außerirdischen ermöglicht es dem Autor und Zeichner seine Helden stets beweglich zu halten und mit immer neuen Spielzeugen auszustatten, ein Konzept, das auch in anderen Veröffentlichungen für Überraschungen sorgt (z.B. James Bond Gadges). In den hier drei vorliegenden Episoden kann er dazu aus dem Vollen schöpfen. Als Schauplätze dienen ein sumpfiges Land mit titanischen Bewohnern (Die Titanen), eine Art intergalaktischer Schrottplatz (Der vergessene Planet) sowie eine fremdartige Unterwasserumgebung (Die Stadt des Abgrunds).

Das Design der Vineaner ist meist sehr spitz, flach, rund mit Kanten, ein Stück Zukunftssicht der 70er Jahre ist darin zu finden. Leloup ist immer um Funktionalität bemüht und versucht seinen Konstruktionen einen Sinn zu geben. Er spielt damit und hat sich ihre Funktionalitäten sehr genau ausgedacht. Man mag dieses Design mögen oder nicht, ihre optische Funktionalität rückt so in den Bereich des Möglichen und stützt so die Glaubwürdigkeit der Geschichte. So sind die Abenteuer von Yoko Tsuno, so wie diese hier auch, keine 08/15 Space Opera Märchen im Sinne eines Star Crash, sondern mit viel Herzblut gestaltete Science Fiction Märchen. Derartige Komplexität findet sich im Comic-Genre nicht oft.

Technik ist eine Sache, das Abenteuer eine ganz andere. Das Design stimmt also. Leloup ruht sich allerdings nicht darauf aus. Für ihn ist die Umgebung (die ganzen Fahrzeuge, Gebäude usw. eingeschlossen) nur eine Plattform. Hier menschelt es auf erfrischende Weise. Yokos Freunde halten zueinander, Außerirdische wie Menschen. Yoko besitzt einen verbindenden Charakter, der fast an Winnetou erinnert. Sie ist edel im Gemüt, was sogar von fremden Kreaturen wie den Titanen, die alles andere als menschlich sind, erkannt wird. Auch Roboter lassen sich von Yokos Edelmut begeistern und überzeugen. Yokos Mut grenzt manchmal allerdings auch an Übermut oder auch Wagemut. Nicht jede Aktion ist gut durchdacht. Spontanität ist eines von Yokos Markenzeichen, aber auch eine ihrer Schwächen.

Die Gefahren, denen Yoko ausgesetzt wird, sind besonders in der letzten Geschichte Die vergessene Stadt sehr groß. Hier zieht Leloup alle Register. Unterseeische angriffslustige Tiere, angriffslustige Roboter, humanoide Feinde, ein sorgfältiges Rätsel und eine untergegangene und vergessene Kultur, die der Entdeckung harrt. Auch hierin, in der Ausarbeitung des gesamten Szenarios, liegen Leloups Qualitäten als Erzähler verborgen. Manchmal beweisen Yokos Feinde (in einem Spiel würde man sie Endgegner nennen) ein gewisses Einsehen. In den beiden ersten Episoden des vorliegenden Bandes ist das der Fall. Hier allerdings geht es schlussendlich um Kopf und Kragen. Leloup verpflichtet sich keiner erzählerischen Linie, erst recht keiner, die er selbst geschaffen hat. Dazu reicht seine Phantasie viel zu weit.

Eine wunderbare Arbeit Leloups in fremden Welten. Auf jeder Seite sind die Abenteuer faszinierend. Dank eines sehr durchdachten Aufbaus, der so viele Feinheiten der Geschichte wie möglich berücksichtigt, schafft Roger Leloup eine greifbare und packende Atmosphäre. Perfekt. 🙂

Yoko Tsuno Gesamtausgabe 4, Vinea in Gefahr: Bei Amazon bestellen

Dienstag, 18. August 2009

Die Gifticks – Gesamtausgabe 1

Filed under: Cartoon — Michael um 19:43

Die Gifticks - Gesamtausgabe 1Ein Zeichner ohne Ideen? Ein Graus. Max Ariane (der hier erzählt und dessen Name vom Magazin Spirou geändert worden ist) befindet sich zwar an keinem künstlerischen Tiefpunkt, allerdings gibt es seitens des Verlages Forderungen, für die er gerade keine richtige Lösung parat hat. Er benötigt neue Figuren, frische Figuren, richtig gute Gegner für seine eigens ausgedachten Helden Pim und Puppi. Plötzlich, mittlerweile in höchster Verlegenheit angelangt, bringt sein Sohn ein Blatt mit nach Hause. Darauf sind drei kleine identisch aussehende Gestalten zu sehen. Die Gifticks steht zu den Figuren auf das Papier geschrieben. Und nicht nur das: Ihr unbekannter Künstler hat ihnen auch noch drei kleine Bomben dazu gezeichnet.

Max freut sich ganz einfach. Das Papier ist alt. Die Figuren werden es ebenfalls sein. Niemand wird es wohl aufregen, wenn er sie abzeichnet und für sein Projekt verwendet. Doch, wird es! Nämlich ihn selber! Kurz vor der Schlafenszeit schaut Max noch einmal nach seiner Kreation, aber das Papier ist leer. Dort, wo die Gifticks und ihre kleinen Bomben waren, sind die Figuren fein säuberlich entlang ihrer Konturen ausgeschnitten worden. Fortan häufen sich die unheimlichen Vorkommnisse und bald muss Max feststellen, dass es für ihn und seine Familie sogar um Leib und Leben geht.

Die Gifticks. Diesen Titel und Namen muss sich der Comic-Fan, der an komisch bösen Cartoons seine Freude hat, auf der Zunge zergehen lassen. Drei kleine Wesen haben nichts anderes im Sinn, als dem, der sie erweckt (und anderen), das Leben zur Hölle zu machen oder ihn gleich ganz um die Ecke zu bringen. Paul Deliege hatte die Idee zu diesen Gifticks. Ihre (genaue) Herkunft bleibt zunächst im Dunkeln. Mehr braucht es auch zu Anfang nicht. Sie sind da, sie machen Ärger und wie es sich bald herausstellt: Sie sind gemeingefährlich.

1976 erschienen ihre ersten Geschichten hierzulande auf Deutsch in Fix und Foxi. (Da werden ein wenig nostalgische Erinnerungen wach.) Besagtes deutsches Comic-Magazin war zwar nicht das einzige am Markt, aber sicherlich auf Augenhöhe mit seinem amerikanischen Konkurrenzprodukt. Und etwas wie die Gifticks gab es dort nicht. Diese drei kleinen Kerle, die von Deliege gezeichnet wurden und anfangs noch mit einer gewöhnlichen Metallschnalle am Hutband auftraten (erst später wurde daraus der signifikante Totenkopf) verbreiten nicht einfach nur das Chaos. Voller Überraschung konnte der jugendliche Leser hier miterleben, dass die kleinen Giftzwerge mit Pistolen umgingen.

Arthur Piroton übernimmt im ersten Abenteuer mit dem Titel Geheimnisvolle Bedrohung in diesem Sammelband die Zeichnungen der echten Menschen. Seine Arbeit ist auch gerade für diese Zeit (Entstehungsjahr: 1968) untadelig, aber das Gesamtergebnis ist hier noch nicht so rund, wie es eine Ausgabe später ist, nämlich mit Gefahr aus der Druckerpresse. Hier übernimmt Deliege die komplette Gestaltung und die Wirkung ist wie aus einem Guss. Die echten Menschen sind hier unwesentlich überzeichnet (man hätte annehmen können, Deliege kann das gar nicht). Gerade Jonas und sein Onkel, die sich hier hauptsächlich mit dem Gifticks auseinandersetzen müssen, bieten sehr schöne Identifikationen (gerade damals aus der Sicht von Kindern).

Drei Gifticks mit Getöse sind echt listick und auch böse …

Der Humor wird im zweiten Abenteuer auch deutlich größer geschrieben. Zuvor, im Auftakt, liegt der Schwerpunkt wirklich mehr auf der geheimnisvollen Bedrohung, während die Gifticks im zweiten Teil viel mehr zeigen dürfen, was sie drauf haben. Aus der all der Turnerei der Kleinen, ihren Ideen (wie sie zum Beispiel die Weltherrschaft erlangen wollen) und all den Anstrengungen, die sie in der Welt der Großen leisten müssen, um etwas zu bewegen (im wahrsten Sinne des Wortes), entsteht viel Situationskomik. (Man könnte meinen, es mit den Urahnen der Gremlins zu tun zu haben.) Spätestens, wenn die Gifticks mit Messer und Gabel angreifen, gibt es kein Halten mehr. Das hat ein wenig Peyo-Optik (Schlümpfe), wirkt aber fetter getuscht, ohne dass die Feinheiten vergessen werden.

Ein Klassiker des Humors, eine Komödie aus einer Hochzeit des Comics, die viele zeitlose Schöpfungen mit sich brachte. Die Gifticks: Man muss sie für das, was sie tun, hassen, aber andererseits sind sie furchtbar knuffick. Egal, ob man sie kennt oder nicht: Wer es humorick im Comic mag, sollte einen Blick riskieren. Comic-Nostalgiker sind hier sowieso absolut richtick. 🙂

Die Gifticks Gesamtausgabe 1: Bei Amazon bestellen

Montag, 17. August 2009

Der große Tote 2 – Pauline

Filed under: Mystery — Michael um 14:33

Der große Tote 2 - PaulinePauline ist weg. Kaum sind die anderen von der Zeremonie im Kopf des großen Toten zurückgekehrt, ist sie verschwunden. Kurz zuvor ging es ihr nicht gut. Andauernd musste sie sich übergeben. Pauline sagt selbst, dass diese Übelkeit erst nach dem Trunk des letzten Absud vorkomme.

Aus einer Geschichte, die zu einem Fantasy-Abenteuer wurde, wird nun ein gesellschaftskritischer Abriss, der nicht sehr weit von der Realität entfernt scheint und deshalb umso erschreckender ist. Erwan ist zurück aus dem Land des kleinen Volkes. Letztlich hat er diese Welt nie verlassen, er wurde nur geschrumpft. Wer der große Tote ist (oder besser: war), erfährt der Leser zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht, nur dass er eine Wende in die Zwistigkeiten des kleinen Volkes brachte und durch sein Auftauchen Frieden herbeiführte. Dieser Frieden ist nun in Gefahr.

Und mehr als das. In der eigenen Welt, der Welt der Großen, hat sich inzwischen das Chaos eingeschlichen. Arbeitslosigkeit, Armut und Obdachlosigkeit sind über ein Randthema weit hinausgewachsen. Die unterschiedlich schnell ablaufende Zeit hat Erwan und Pauline einen Teil der Entwicklung überspringen lassen. An manchen Orten ist es noch besser, wie auf dem Lande, doch in der Stadt ist das Elend an jeder Ecke deutlich sichtbar. Die Hiobsbotschaften, die täglich zu hören und zu lesen sind, tragen nicht dazu bei, Hoffnung aufkeimen zu lassen.

Aber die Bedürftigen werden immer zahlreicher. Und die, die was geben, werden immer weniger. Das geht so nicht weiter, glauben Sie mir!

Regis Loisel und JB Djian, die beiden für das Szenario verantwortlichen Autoren, beschreiben ein schleichendes Chaos, einen langsam, aber stetig ablaufenden Strudel der Ereignisse, dessen Langsamkeit scheinbar niemand etwas entgegenzusetzen hat. Mit der Verarmung greift die Verwahrlosung der Straßen um sich, Paris wird stellenweise zum Zeltplatz für Obdachlose. Sieht man von der Darstellung einer Demonstration ab, begehrt niemand auf. Die gesellschaftliche Situation ist zu einer erschreckenden Selbstverständlichkeit verkommen. Vor dieser Kulisse forscht Erwan nach Pauline, die kurz vor ihm zurückgekommen ist und durch die Zeitverschiebung einen enormen Vorsprung hat.

Die Vermischung von Fantasy und überspitzter gesellschaftlicher Realität in dieser Form ist fremd, neuartig, aber auch faszinierend. Nach dem Blick auf die Probleme mit einer elfengleichen Kultur bildet unsere Kultur einen absoluten Gegensatz. Letztlich stellt sich nur die Frage, welche Kultur die wildere, ursprünglichere der beiden ist. Loisel und Djian streuen ein Rätsel aus, zu dem der Leser sich seine eigenen Gedanken machen mag, denn selbst Erwan findet die Lösung in dieser Ausgabe nicht. Und so ganz nebenbei, ohne dass Erwan (obwohl er maßgeblich daran beteiligt ist) darauf eingeht, wird die Saat für eine weitere Handlung, ein weiteres Problem gelegt.

Während Loisel und Djian ausgetretene Erzählpfade verlassen, beschreitet Zeichner Vincent Mallie erprobte, aber auch sehr gute Wege. Er arbeitet mit leichter Hand. Gerade mit Erwan und Pauline, den beiden Hauptfiguren, sind ihm exzellente Charaktere gelungen, die eine schöne Lebendigkeit ausstrahlen. Ein wenig lässt sich Mallies Stirch mit dem von Angel Medina und Greg Capullo (Spawn) vergleichen. Der Aufbau insgesamt ist zart zu nennen, wenngleich Mallie deutlich weniger Striche ansetzt und der Bildaufbau dadurch insgesamt sehr ruhig wirkt und zum Hinschauen einlädt. Es gibt nichts, was das Auge ausblenden muss, um den Kern des Bildes einzufangen (wie das bei anderen Zeichnern manchmal der Fall ist, wie sie es zu gut meinen).

Die feine Strichführung wird durch eine ebenso feine Kolorierung von Lapierre gestützt. Die Farben sind kräftig, aber nicht übertrieben. Lapierre ist um echt wirkende Farben und Lichter bemüht. Das entspricht den Grafiken von Mallie, der nur bei seinen Figuren einen zeitweiligen satirischen Strich anwendet, ansonsten aber am Realismus zu bleiben versucht.

Ein sehr mysteriöses Abenteuer, das auf eine neue Handlungsebene wechselt: Von der Phantastik in die harte Realität, das war angesichts üblicher magischer Geschichten nicht zu erwarten und ist deshalb umso spannender. Loisel und Djian haben hier eine tolle Idee umgesetzt, von der sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen lässt, wie es weitergehen, geschweige denn ausgehen wird. Erste Klasse. 🙂

Der große Tote 2, Pauline: Bei Amazon bestellen

Samstag, 15. August 2009

Die weiße Tigerin 4 – Raubkatze auf dem Dach

Filed under: Cartoon — Michael um 20:15

Die weiße Tigerin 4 - Raubkatze auf dem DachFür Alix Yin Fu, die einiges durchmachen musste, um eine weiße Tigerin zu werden, eine Agentin im Dienste ihres Volkes, hat sich so manches verändert. Kurz zuvor waren die Einteilungen noch völlig klar. Nun stehen sich im Reich der Mitte zwei rivalisierende Gruppen gegenüber. Auch Alix muss sich nun entscheiden. Folgt sie dem Weg von Mao oder reiht sie sich hinter Chiang Kai-chek ein. Der chinesische General Tai Li nimmt Alix mehr oder minder die Entscheidung ab. Sein Flugzeug fällt hoch über Shanghai einem Attentat zum Opfer. Aber ist der General wirklich tot?

An der Seite ihres Mentors fällt die Seitenwahl nicht schwer. Ihr Auftrag in Shanghai fällt unter jene Kategorie, in der sich Alix immer ein wenig sträubt: Eine andere weiße Tigerin hat versagt. Und für Versangen gibt es nur eine Strafe, nämlich den Tod. Alix macht sich auf zur Erfüllung ihres Auftrages. Plötzlich – es war nur eine Frage der Zeit, da einige Protagonisten zwar kaltschnäuzig sind, aber auch eine große Klappe haben – begegnet sie einem bereits tot geglaubten General.

Der Tiger aus dem fernen Land kann den heimischen Wurm nicht besiegen.

China, das Land der Sprücheklopfer, im positiven Sinn gesagt, dort, wo die Weisheit ihre Geburtsstätte hat, ist hinter den Kulissen zu einem Kampfplatz geworden. Nationalisten unter Chiang Kai-chek ringen mit den Kommunisten unter Mao Zedong um die Macht. Inmitten dieser Auseinandersetzungen geht Alix Yin Fu weiter ihrer Tätigkeit nach: Sie ist eine weiße Tigerin, eine Agentin und nur der Tigerin Oberin verpflichtet. Alix, eine Perle ihres Landes, führt außerdem ihre Ausbildung fort. An der Seite ihres Mentors, Ji Hui lernt sie den Einsatz der 99 erlesenen Druckpunkte.

Alix, deren Abenteuer hier von Wilbur getextet wird, schaut immer ein wenig neugierig in die Welt. Alles ist stets neu. Sie saugt die Erfahrungen auf, ist wissbegierig, aber nimmt sich auch zurück, besitzt trotzdem Stolz, Energie und Tatkraft. Sie ist, wenn man dieses und die bisherigen Abenteuer genau betrachtet, ein Werkzeug mit eigenem Willen. Bereits von Anfang an ist Alix als sehr ernste (und ernsthaft handelnde) junge Frau konzipiert. Diese Geschichte weicht nicht von diesem Pfad der Ernsthaftigkeit ab. Alix gestattet (das absolut passende Wort dafür) sich nur ein einziges Mal ein kleines Lächeln.

Wenn der Finger auf den Mond zeigt, betrachtet der Narr den Finger.

Wenn Alix die Vernünftige ist, dann ist die Welt um sie herum wahnsinnig. Wilbur setzt diesen Grundgedanken fort. Wirre Ränkespiele, Eifersüchteleien um die Macht, Morde aus Spaß oder Irrsinn oder beides, eine Tigerin Oberin, die … Sind diese Ränkespiele eher ein wenig ernst, bietet chinesische Weisheit und auch Kampfkunst einen Teil des Spaßes für den Leser. Wenn Alix den ersten Druckpunkt, den Punkt des Lotus bei Sturm aus allen Himmelsrichtungen, mag man sich alles nur Erdenkbare darunter vorstellen, jedenfalls alles, was Lust und Qual gleichermaßen sein kann, wie der Schrei des unglücklichen Übungsobjektes vermuten lässt. (Immerhin hat sich die nichtasiatische Langnase freiwillig für diese Lektionen zur Verfügung gestellt. Wenn auch unter der Annahme, Alix werde ihm auf etwas andere Art zu Diensten sein. Das Mitleid des Lesers darf sich also in Grenzen halten.)

Conrad zeichnet mit einem leichten satirischen Strich. Weniger ist mehr und so schafft er es mit besonderer Kunstfertigkeit den einzelnen (wichtigen) Charakteren ein individuelles Aussehen zu verschaffen. Ganz nebenbei, so entsteht der Eindruck erschafft er die Welt von einst wieder auf Papier, eine Art Bruchstelle zwischen Vergangenheit und Moderne. Die wohl schönste Szene, die Conrad zu zeichnen hat, ist die Heimsuchung von Kang Sheng durch all die armen (oder auch weniger bemitleidenswerten) Seelen. Es dürfte sich dabei um die coolste Reaktion handeln, die ein Böesewicht je in einer solchen Situation von sich gegeben hat.

Ein feines komödiantisches Agentenabenteuer mit einer Alix, der es gelingt, nicht zwischen die Fronten zu geraten. Das neue Duo, Conrad und Wilbur, macht nahtlos dort weiter, wo Conrad noch im Alleingang zuletzt aufhörte. Weiterhin beste Unterhaltung, ein Einstieg sollte jedoch von Anfang an erfolgen, ansonsten bleiben für den Leser ein paar Fragen offen. 🙂

Die weiße Tigerin 4, Raubkatze auf dem Dach: Bei Amazon bestellen
Oder bei Schreiber und Leser.

Freitag, 14. August 2009

Sleeper 3 – Die Gretchenfrage

Filed under: Thriller — Michael um 20:23

Sleeper 3 - Die GretchenfrageHolden Carver hatte sich etwas mehr von Gretchen erwartet. Nicht die große Liebe, das beileibe nicht. Aber Respekt wäre ein Anfang gewesen. Er hat nicht damit gerechnet, dass sie ihn in dieser Form bescheißt, mit einem Typen, der sich in einen Wolf verwandeln kann. Zu seiner Überraschung ist Carver von dieser kleinen Episode betroffen. Er hat gehofft, dass sich etwas mehr, etwas besseres daraus entwickelt. Er hat sich selber getäuscht. Das beschäftigt ihn am meisten. Was er nicht ahnt: Gretchen hat ähnliche Gedanken. Ihr ist die Nähe, die sie zugelassen hat, unerträglich. Nähe bedeutet Schwäche.

Es ergeben sich neue Schwierigkeiten, die zwar nichts mit Liebe zu tun haben, dafür aber mit Hass: Holdens erster Auftraggeber John Lynch ist wieder da. Seltsamerweise ist er aus dem Koma erwacht. Zur absoluten Unzeit versucht Lynch mit seinem alten Undercover-Agenten Kontakt aufzunehmen. Längst hat Holden versucht, sich mit seiner Situation zu arrangieren. Jetzt kämpft er an zwei Fronten und es gibt niemanden, dem er noch trauen kann. Vielleicht noch nicht einmal sich selbst.

Antreten zur dritten Runde bitte: Die Kontrahenten in den einzelnen Ecken sind allesamt schon ein wenig angeschlagen, sogar Tao, das Verbrechergenie ist davon nicht ausgenommen. Er ist wahrscheinlich der intelligenteste Mensch auf dem Planeten Erde, doch seine Herkunft nagt an ihm. Als Experiment entstanden zu sein, ist nicht die beste Ausgangssituation für einen gefestigten Charakter. Er will die Welt brennen sehen. Holden Carver, die Hauptfigur von Sleeper bewegt sich mitten durch die sinnbildlichen Flammen.

Ed Brubaker (Autor) schickt seinen Helden inzwischen mit einer solchen innerlichen Verzweiflung, Resignation und stoischen Professionalität in den Ring, dass man als Leser nichts anderes denken kann als: Du arme S..! Holden Carver wird nichts geschenkt. Wer nach diversen Kinoaufenthalten dachte, dass es schon ein Jason Bourne schwer hat, dann muss leider gesagt werden, dass es ein Holden Carver schwerer hat. Brubaker hat verschiedene Handlungsstränge mittlerweile derart geschickt miteinander verwoben und treibt diese voran, so dass man als Leser (ist man einmal gefangen) sich nur schwer davon lösen kann. Wer sich hin und wieder mal über Comics mit mangelnder Komplexität beschwert, wird vielleicht sogar überfordert.

In einer Welt, in der es nicht nur die üblichen Verbrechen gibt, sondern auch noch Superhelden und Supergangster ist nicht nur alles möglich, sondern auch etwas mehr. Neben der fortschreitenden Handlung wird auch die Vergangenheit beleuchtet. Eine Figur wie Tao (skrupellos bis in die Haarwurzeln und nur auf seinen Vorteil bedacht) ist nicht nur Täter sondern auch Opfer. In die Welt gesetzt von Wissenschaftlern, stellt er plötzlich in einer Toilette einer Tankstelle fest, dass der Tumor, an den er all die Jahre glaubte, gar kein Tumor ist, vielmehr ein Überwachungssender. Wie einst Arnold Schwarzenegger in Total Recall entfernt er das gute Stück durch das Nasenloch. Brubaker entwirft hinter den Kulissen nicht den üblichen Machtkampf. Es ist ein Kampf der Egos. Fehler sollen wieder gutgemacht und die eine oder andere Rechnung beglichen werden. Mit einem Wort: Rache. An diesem Punkt ist die Geschichte weit über eine Supergangsterterrorismusbekämpfung hinaus.

Ohne einen Zeichner wie Sean Philipps wäre Sleeper zwar auch machbar gewesen, aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr denkbar. Es ist sehr gut, dass Sleeper zu den Serien gehört, die einen Stammzeichner haben, der maßgeblich dazu beiträgt dieser phantastischen Agentengeschichte ein Gesicht und eine sehr tiefreichende Atmosphäre zu verschaffen. Philipps hat nicht nur einen sehr eigenen und erkennbaren grafischen Stil entwickelt. Seine Bilder wirken einfach und trotzdem gelingen ihm sehr individuelle Charaktere. Philipps lässt sich auch nicht auf einen Strich festlegen. Da steht die ultrafeine Linie neben dem fetten Tuscheklecks und erzeugt mitunter den Gerichtszeichner-Effekt, jenes Künstlers, der im Geiste dabei war, aber es musste angesichts der Handlung auch schnell gehen und deshalb wirkt manches (bei weitem nur solche, in denen es zur Sache geht) flüchtig.

Wer ein heiter helles Agentenszenario im Stile eines Bond erwartet, wird hier vollkommen enttäuscht. Sleeper ist hier noch düsterer als sonst. Das wenige gute Tageslicht in dieser Handlung lässt sich regelrecht suchen. Nicht, dass es keine Tagesszenen geben würde, aber diese sind meist diesig, neblig oder eisig. Wenn es hell wird, sind das Mündungsfeuer, mitunter sogar von sehr großkalibrigen Waffen oder elektrische Entladungen. Hell bedeutet hier fast immer den Tod. Dank der Farben gehen Erzählatmosphäre und optische Umsetzung perfekt und harmonisch ineinander über (soweit sich letzteres Wort mit einem Thriller in Verbindung setzen lässt).

Ein Kracher: Das lässt sich spätestens mit der Lektüre dieser dritten und vorletzten Ausgabe sagen. Sleeper ist nichts für zwischendurch. Ed Brubaker wächst hier zu einer Art Robert Ludlum oder Tom Clancy heran. Brubaker schafft mit dieser Arbeit eine große Neugier auf seine weiteren Veröffentlichungen. Sean Philipps passt mit seinen Bildern genial zur Serie. (Vielleicht passt die Reihe auch besonders zu ihm.) Ein Quereinstieg ist hier schlecht möglich, deshalb ist eine Lektüre der ersten beiden Bände Pflicht. 🙂

Sleeper 3, Die Gretchenfrage: Bei Amazon bestellen

Donnerstag, 13. August 2009

Das goldene Jahrhundert 1 – Alphonse

Filed under: Abenteuer — Michael um 11:45

Das goldene Jahrhundert 1 - AlphonseAlphonse hat echte Probleme, weil sein Leben ein ziemlicher Trümmerhaufen ist. Er nimmt sich die Freiheit, keine Freiheit zu haben. Seine Frau ist ein Hausdrachen und seine einzige Freude findet er im Alkohol. An diesem Morgen, der ebenso grauenhaft für Alphonse ist wie alle anderen auch, macht er sich wieder auf seinen gewohnten Weg, hinaus zum Gut des Ritters und seiner Familie. Alphonse beneidet sie alle. Vor allem ist er an der Tochter des Ritters interessiert. Bislang dachte Alphonse immer, das Leben eines Ritters bedeute das höchste Glück (jedenfalls im Vergleich zu seinem Leben). Das ändert sich nun schlagartig.

Als Alphonse das Anwesen des Ritters erreicht, stellt er nach einem kurzen Blick fest, dass sich drei Halsabschneider im Haus befinden und den Ritter und seine Familie bedrohen. Leider (das kann angesichts der Wendungen gar nicht oft genug gesagt werden) nimmt es weder für den Ritter noch für Alphonse eine gute Wendung, denn kurz darauf befindet er sich auf der Flucht und nichts wird für ihn jemals wieder so sein, wie es war. Aber vielleicht ist das auch ganz gut so.

Simon Andriveau, Erzähler und Zeichner in Personalunion, beginnt mit einem klassischen Auftakt im wahrsten Sinne des Wortes. Klassisch ist die Epoche, beginnend im Jahre 1666, als der Sonnenkönig Ludwig XIV. an der Macht war. Man könnte auch sagen: An der Macht spielte. Alphonse befindet sich in einem Lebensabschnitt, in dem er sein Leben auswändig kennt. Da gibt es kaum etwas, das die Monotonie durchbricht. Und plötzlich, bevor der Leser sich überhaupt an diese Monotonie gewöhnen kann, er sie nur aus der Einstellung von Alphonse heraus glauben muss, passiert der große Knall. Von Jetzt auf Gleich beweist Alphonse, dass nicht nur ein gutes Herz in ihm steckt, sondern auch ein mutiger Kerl.

Sobald das Adrenalin allerdings nachlässt, wird ihm die Gefährlichkeit seiner Situation drastisch vor Augen geführt. Er kommt bei der Flucht beinahe ums Leben und steht an einem vollkommenen Neubeginn. Simon Andriveau hat einen Helden, eine Hauptfigur ins Leben gerufen, die keinerlei Grund hat, dorthin zurückzuwollen, wo sie war. Fast ist er ein einzelner Stadtmusikant: Etwas Besseres als den Tod wird Alphonse überall finden. Und so sind ausgerechnet jene, die von der sogenannten Gesellschaft verachtet werden und ausgestoßen sind, zunächst eine neue Familie.

Abseits des offensichtlichen Abenteuers, mehr am Rande, aber nicht unwichtig, da hier die Ursachen für das neue Leben von Alphonse zu finden sind, wird eine Intrige gesponnen. Diese Art der Geheimnisse wird jenen vertraut sein, die sich mit den Geschichten von Alexandre Dumas (dem Älteren) einen schönen Leseabend gemacht haben. So zitiert Simon Andriveau hier ein wenig den Mann mit der eisernen Maske. Ein von Geheimnissen umgebener Mann darf sein Gesicht nicht zeigen, wird versteckt und bewacht, aber nicht grundsätzlich beschützt. Wie so oft in solchen Fällen (Geschichten) reichen die Geheimnisse bis in die höchsten Höhen der Monarchie und können eben diese bei einer Veröffentlichung stürzen.

Das ist auf jeder Ebene äußerst spannend, auch, da Andriveau einen sehr lebendigen Zeichenstil pflegt, seinen Protagonisten jeweils ein charakterstarkes Gesicht mit auf den Weg gibt. Charakterstark bedeutet aber auch, dass er Charaktere auf den ersten Blick erkennbar macht. Der Anführer der Halsabschneider, die durch ihr dilettantisches Vorgehen den Stein erst ins Rollen bringen, ist durch eine riesige Narbe quer durch das Gesicht gezeichnet. Paulo, einer der Roma, ist ein Baum von einem Mann, ein dunkelhaariger Gerard Depardieu. Nuzi ist gleich als Querulant erkennbar. Nicht nur seine Aussagen lassen darauf hindeuten, dass von ihm noch einmal Ärger ausgehen wird.

Andriveau zeichnet fett und fein. Er beherrscht den klobigen, bedeutsamen Strich in der Nahaufnahme ebenso wie die feine (bis sehr feine) Ausarbeitung in der Totalen. Der Künstler ist kein Mann der glatten Form. Da gleitet die Tusche schon ruppig über das Papier. Er ist kein Disneyist wie es ein Carlos Meglia war, eher arbeitet er im Stile eines Serge Pelle (Orbital) oder noch mehr wie eines Vincent (Albatros), ohne aber seine Figuren satirisch zu überspitzen.

Die Bilder leben von ihrer wunderbaren Ausarbeitung. Wer die Grafiken betrachtet, erkennt schnell, dass Andriveau nichts dem Zufall überlässt und auch keine Arbeit scheut. Durch das Beiwerk, vordergründige Beigaben und hintergründige Kulissen entstehen sehr tiefe Bilder. Besonders gelungen (also meistens, da hier viele Szenen spielen) sind die Begebenheiten in den Wälder und im Lager der Roma. Andriveau setzt auf matte Farben, um die wirklich leuchtenden Bestandteile wie ein kräftiges Grün der Bäume oder die knallige Mode noch besser herauszustellen.

Aufwändig und detailgetreu gestaltet, einfühlsam und mit Sinn für genau gesetzte Spannungspunkte erzählt entsteht durch Künstler und Autor Simon Andriveau ein sehr lebendiges Abenteuer in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Comic-Fans, denen es nach klassischen Erzählungen mit gut gestalteten Charakteren und einer ordentlichen Portion Action verlangt, werden hier sicher fündig. 🙂

Das goldene Jahrhundert 1, Alphonse: Bei Amazon bestellen

Space Craft – Episode 1 – Der erste Kontakt

Filed under: SciFi — Michael um 11:42

Space Craft – Episode 1 – Der erste KontaktFressen! Mehr will der gigantische Tausendfüßler nicht. Nur Fressen! Die monströse Kreatur schießt aus dem Boden vor den beiden Angliferianerinnen, die mit allem gerechnet haben, nur damit nicht. Die beiden Frauen, die sich eigentlich nur auf einer Rettungsmission befinden, sind ohne Vorwarnung in höchster Lebensgefahr. Sie müssen all ihr Können und Waffengeschick einsetzen, um lebend aus dieser Situation zu kommen. Doch das ist erst der Anfang.

Yukuleelee und Angela (Spitznamen: Yuka und Angy), elfengleich, schlank, weiblich, beruflich und privat ein Paar gehören zu einer Gruppe im endlosen All, die für Ordnung sorgt. Sie gehören keiner offiziell bestätigten Eingreiftruppe an. Ihr Volk, die Angliferianer, mischen sich ungefragt ein. Halboffiziell wird es allerdings, wenn sie wie in diesem Fall einen Notruf auffangen. Dann versteht sich Hilfe von selbst.

In bonbonbunten Bildern und einem knalligen Design schickt Konstantin Meyer seine Leser auf eine animeangehauchte Reise ins All. Alles ist irgendwie aerodynamisch, etwas vereinfacht und optisch von einer gewissen Leichtbauweise. Das Schillern einer Technisierung wie in Star Wars Episode I wurde hier noch einmal getoppt. Hier schillert alles. Meyer kann nicht verhehlen, dass er sich einer Flut von Farben und Formen in dicht gedrängter Ansammlung verschrieben hat. Meyer kleckert nicht, er klotzt. Das ist kein Nachteil, denn so ergibt sich ein regelrechtes Feuerwerk, das mit Bildern erzählen, das den (bestimmt recht jugendlichen) Leser hereinziehen will, der genauso etwas gewöhnt ist und auch erwartet.

Nach einer relativ kurzen Einführung geht es gleich zur Sache. Die beiden Heldinnen haben sich in ihre Arbeitskluft geworfen und jagen ihrem Ziel entgegen. Das hat nicht den Charme eines Captain Future, da leider die Figuren nicht ausreichend entwickelt werden (und einander auch äußerlich zu ähnlich sind), besitzt aber eine sehr aktionsgelandene Atmosphäre und steigert sich in Bahnen, die an ein Computerspiel erinnern. Aktion wird abgewechselt durch Rätsel und Hinweise, bis es schließlich wieder richtig kracht.

Nach einer kurzweiligen, weil sehr schnell ablaufenden (man könnte auch sagen: rasant) Suche im All, ist der Zielort erreicht und für die beiden Space-Elfen wird es noch gefährlicher. Eine fremde Vegetation wird zur hautnahen Bedrohung. Leider gibt es auf diesem Planeten Lebewesen, für die eine Angliferianerin nur eine kleine Zwischenmahlzeit ist.

Was ist machbar? Antwort: Alles. Die Formen, derer sich Konstantin Meyer bedient sind sehr einfach. Das zeigen die Körper, die Gesichter und sonstige Attribute. Würden Leute wie Spielberg oder Emmerich auf die Idee verfallen eine leichte SciFi-Serie für Kinder zu produzieren, könnte eine Geschichte und Optik wie Space Craft dabei herauskommen. Meyer arbeitet mit vielen Elementen und Funktionen, die der Rechner hergibt. Neben den leicht und beinahe zerbrechlich gestalteten Hauptfiguren sind andere Figuren zwar voluminöser, wirken aber wie in einem 3D-Programm zusammengesetzt. Weiche Farbverläufe und schattierte Texturen sorgen für ein sehr plastisches Empfinden beim Betrachten der Bilder.

Ein knuffig putziges, knallbuntes Pocporn-Zeichentrick-Abenteuer auf Papier. Wer sich in japanisch anmutenden Grafiken zu Hause fühlt (oder Kinder hat, die Spaß daran haben), der wird hier ein quietschvergnügtes Lesevergnügen vorfinden. 🙂

Samstag, 08. August 2009

Skydoll Spaceship Collection 1

Filed under: SciFi — Michael um 12:05

Skydoll Spaceship Collection 1Voodoo Zauber für jedermann. Oder besser: Jederfrau. Oder noch besser: Jederdoll. Das gibt es heutzutage zu kaufen. Eine Anleitung liegt bei. Das ist einfacher als kochen. Allerdings sind die Zutaten nicht ganz so einfach aufzutreiben. Und manchmal ist es sogar ein Ding der Unmöglichkeit. Aber warum soll es nicht trotzdem funktionieren? Ja, warum eigentlich? Also, frisch ans Werk und losgelegt! Bald zeigt sich: Die komplette Verwendung der Zutaten wäre doch sinnvoll gewesen.

Skydoll entführt in eine kalte, technisierte Welt, weitläufig angelegt, spaßiger und etwas spaciger als Blade Runner. Eine Skydoll ist ein Roboter, der mitunter sehr unterschiedlich agiert, fühlt und denkt. In der ersten Geschichte von Barbara Canepa übernimmt Matteo de Longis den Zeichenstift und kommt damit der Originalkonzeption von Alessandro Barbucci recht nahe.

De Longis’ Zeichnungen sind zuckersüß (ebenso wie Barbuccis), ein beinahe futuristischer Jugendstil, gepaart mit einer ordentlichen Portion halbpubertärer Erotik. Im Mittelpunkt der Handlung steht das Erwachen einer Gothloli, einer (wie sie selber glaubt) Puppe für den erotischen Heimbedarf. Die ersten Lebensabschnitte dieser Figur werden von einer sehr großen Naivität begleitet. Als Leser freut man sich fast mit diesem Charakter, der sein Schicksal in bestem Wollen annimmt, nur um …
Der Clou zum Schluss soll nicht verraten werden, aber er schildert in aller Kürze den Zwiespalt in dieser scheinbar sehr extrem angelegten Kultur.

De Longis versteht sich außerordentlich auf das Zeichnen von Girlies, aber er ist ebenfalls auf dem Gebiet der technischen Darstellung überaus versiert und peinlich genau. Eine grafische Verwandtschaft zum Manga lässt sich nicht leugnen, allerdings treibt de Longis die Grunddarstellung mangaesker Figuren in weitaus höhere Höhen, mit ein wenig Technik eines Terry Dodson darin und ein wenig Punk ist auch noch zu finden. Das hat insgesamt eine hundertprozentige Hochglanztrickfilmästhetik und besitzt (um auf Blade Runner zurückzukommen) den traurigen Charme einer Geschichte von Philip K. Dick.

Insgesamt sechs Geschichten und sechs Künstler begleiten den Lebensweg von Noa, einer Puppe. Noa bereitete die Gothloli auf ihre Zukunft vor (wenn man es so nennen mag). Es ist neoklassisch futuristisch, fast ein wenig übertrieben plastikähnlich wie Barbarella. Es besitzt Charme, aber auch viel Humor. Der Kampf gegen milchsaugende Kröten könnte auch der Ideenwerkstatt der Macher von Scooby Doo entschlüpft sein. Der grafische Stil dazu von Claudio Acciari ist gar nicht so weit davon entfernt.

Pierre-Mony Chan, der die Geschichte Voodoo Child illustriert, gehört zu den Künstlern, die nicht nur im Comic-Bereich ihren Einsatz finden können, sondern ebenso in der Entwicklung von Computerspielen und Trickfilmen. Er ist einer jener Grafiker, die sehr schlanke und drahtige Figuren zeichnen, sicherlich auch eine Anlehnung an Mangas. Seine Technik rangiert auf Augenhöhe mit einem de Lonigs, aber bestimmt auch neben einem Samwise Didier (Warcraft) oder einer Jan Duursema (Star Wars). Enstprechende Entwicklungszeichnungen aus letzterem Themenkomplex zeigen, dass er sofort in besagtem Universum mit der Arbeit anfangen könnte.

Mit Smoke on the water greift Alessandro Barbucci, der ursprüngliche Zeichner der Reihe, wieder zum Stift. Der Leser (also ich) hat zunächst ein wenig Schwierigkeiten, den Einstieg in diese zunächst etwas esoterisch anmutende Geschichte zu finden. Die grafische Umsetzung indes ist weitaus interessanter und auch aufwändiger, vielleicht auch ein wenig anzüglich zu nennen. (Das ist bestimmt eine der Grundstimmungen, doch hier und da ist diese Stimmung ein wenig ausgeprägter.) Rosa, Cyan und Gelb sorgen für eine klebrig süße Atmosphäre, die umso heftiger durch die Ansicht eines ausgetrockneten Leichnams durchbrochen wird. Die Überraschung ist ein erzählerisches Mittel, das von den beiden Autoren Barbucci (schreibt hier auch) und Canepa auf den Punkt genau eingesetzt wird.

SciFi, Erotik, Spannung, Spaß, prickelnder Humor, auf unterschiedlichste Weise von sehr guten, auch ungewöhnlich arbeitenden Zeichnern umgesetzt: Das ist Sky Doll. Das Konzept lässt ungeahnte Möglichkeiten zur Erzählung offen. Wer sich unter einer moderneren Barbarella-Variante oder einer Cool World in der Zukunft etwas vorstellen kann, sollte einen Blick riskieren.

Skydoll Spaceship Collection 1: Bei Amazon bestellen

Links:
www.kamenstudio.com/wordpress (Matteo de Longis Blog)
canepabarbara.blogspot.com (Barbara Canepa Blog)
alessandrobarbucci.blogspot.com (Alessandro Barbucci Blog)
pmchan.free.fr (Pierre-Mony Chan Homepage)

Freitag, 07. August 2009

Perry 136

Filed under: SciFi — Michael um 18:48

Perry 136Als die CREST II mit der Besatzung um Perry Rhodan an Bord auf Camelot landet, ist die Begrüßung herzlich und sehr zeremoniell. Die Menschen, Überlebende der Verfolgungen auf Terra, beginnen zu hoffen, dass sich auch auf dem Heimatplaneten etwas ändern wird. Aber Hoffnung ist wie immer trügerisch. Sobald Reginald Bull, der Großadministrator erfährt, welchen Passagier die CREST II noch transportiert, ist es vorbei mit herzlichen Wiedersehen unter Freunden.

Masken haben es schon immer in sich gehabt. Der Mann mit der eisernen Maske, Superhelden und Bösewichter, Zorro, Jason Vorhees und nun auch Alaska Saedelaere. Die Maske des einstigen Sicherheitschefs der Erde verbirgt ein Cappin-Fragment. Dieser Energierest entstammt einem Transmitter-Unfall und verunstaltete das Gesicht Alaskas nicht nur, es machte ihn auch zur Gefahr für alle anderen um ihn herum. Jeder, der das Capping-Fragment erblickt, wird in den Wahnsinn getrieben. Eine solche Figur hat es schwer, Freunde zu finden, zumal Alaska als früherer Sicherheitschef nicht gerade zimperlich mit Verfolgten umgegangen ist.

Camelot, der Planet, der zur neuen Heimat für flüchtige Terraner geworden ist, erwartet Perry Rhodan, der sich hier mit seiner Mannschaft endlich in Sicherheit wähnen kann. Nur hat er einen ungebetenen Gast mitgebracht …

Entscheidung auf Camelot erzählt in einer kleinen und auch feinen Geschichte das Schicksals eines millionenfachen Massenmörders, der zum Zeitpunkt seiner Taten ausnahmsweise wirklich nicht wusste, was er anrichtete. Mit der Herstellung eines normalen Gemütszustandes bricht Alaska unter seinen Erinnerungen und seinem schlechten Gewissen zusammen. Die Geschichte gibt sich ungewöhnlich ernst, so ernst, dass sogar die Freundschaft zwischen Perry Rhodan und Reginald Bull arg strapaziert wird. Im Sinne eines kurzen Abenteuers aus dem Rhodan-Universum gibt es nichts zu meckern. Kai Hirdt und Christian Hillmann drehen kontinuierlich an der Spannungsschraube. Angesichts der persönlichen Hintergründe der einzelnen Figuren hätte die Geschichte auch noch viel länger ausfallen können.

Das grafische Team mit Frank Freund (Vorzeichnungen), Rudi Martens (Tusche), Maikel Das, Holger Bommer (beide Vorkolorierung) und Carsten Dörr (Endkolorierung) liefert saubere Arbeit ab. Allein diese kleine Geschichte zeigt, was innerhalb des Comics in Deutschland möglich sein kann. Allerdings wird auf Experimente innerhalb der Bilder verzichtet. Es herrscht eine durchgehende gleichbleibende Beleuchtung. Eine besondere Effekthascherei wird vergebens gesucht, ist aber auch nicht nötig, dafür treiben die Ereignisse die Handlung zu schnell voran.

Wenn es um die Handlung in Exodus geht, bleibt es ernsthaft. Perry, durch seine Langlebigkeit schon gottgleich, muss sich zu einer Maskerade hinreißen lassen, um ein Volk zu retten. Leider …
Ein wenig erinnert das Thema an Es ist nicht leicht ein Gott zu sein und hier wie dort kann es nicht gut ausgehen. Die Bilder von Philip Schaufelberger sind mit ähnlichem Können gezeichnet wie jene von Freund. Eine dritte Geschichte, Gerettet, zeigt den Perry-Humor, ein wenig albern, das Genre auf den Arm nehmend. Ein gelungener kleiner Spaß auf nur wenigen Seiten.

Einige Erläuterungen, gesonderte Illustrationen (ich wusste gar nicht, dass Perry Rhodan aussieht wie James Brolin), weitere Geschichten (sehr gut: Gucky: Unser Biber im Hort) machen aus der vorliegenden Ausgabe eine runde Sache.

Ein sehr schönes Projekt mit vielen guten und (noch viel wichtiger) unterhaltsamen Ideen. Besonders die ernsthaften Geschichten sind rundum gelungen. In Sachen Humor dürfte für jeden (besonders natürlich für Perry-Rhodan-Fans) etwas dabei sein. 🙂

Perry 136, Entscheidung auf Camelot: Bei Amazon bestellen