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Comic Blog


Montag, 07. September 2009

Fables – 1001 schneeweiße Nächte

Filed under: Abenteuer — Michael um 18:48

Fables - 1001 schneeweiße NächteAlle haben sie sich in der Höhle versteckt: Mama Bär und Papa Bär. Die drei blinden Mäuse ebenso wie der gestiefelte Kater. Der Dachs, der Maulwurf und der Kröterich. Eines Tages gehen ihnen die Vorräte aus. Was sollen sie machen? Draußen mag es vielleicht noch Nahrung geben, aber dort treiben sich auch die Patrouillen des Feindes herum, Kobolde, die jeden Flüchtling töten. Die Tiere haben keine Wahl. Still und heimlich machen sie sich an ihre lebensgefährliche Aufgabe.

Der große böse Wolf soll ein Schwächling gewesen sein? Autor Bill Willingham macht sich so seine Gedanken darüber, was hinter den Kulissen der Fables-Welt vor sich gegangen sein könnte. Warum verhalten sich manche so und nicht anders? Warum ist zum Beispiel Bigby, der Wolf, tatsächlich (wirklich) groß und mehr als nur böse? Willingham lüftet viele Geheimnisse der Fables, eingebunden in eine Rahmenhandlung aus 1001 Nacht, die wir so noch nicht kannten.

Snow White, oder wie wir sagen würden: Schneewittchen, logiert als Gast eines Sultans, der allerdings keinerlei Wert auf seinen Gast zu legen scheint. Snow White wird nicht empfangen, auch nicht, nachdem sie sich sehr über dieses Verhalten beschwert hat. Selbst ihr Status als offizielle Abgesandte von Fabletown hilft ihr nicht weiter. Das Gegenteil ist der Fall: Frauen als Gesandte auszuwählen ist am Ort ihres Besuches nicht nur unschicklich, sondern wird vielmehr als Beleidigung aufgefasst.

Kann ein kopfloser Körper sprechen?

Snow White gerät in eine Geschichte hinein, die aus 1001 Nacht hinlänglich bekannt ist. Es geht fortan um Schneewittchens Kopf. Nach einer rundum bezaubernd illustrierten Einleitung geht es an die erste Kurzgeschichte mit dem Titel Fechtstunden. In einer von John Bolton ungewöhnlich schön und im wahrsten Sinne des Wortes märchenhaft gestalteten Episode, erhält eine junge Braut von ihrem Prinzgemahl Fechtstunden. Ausdrucksstark und kräftig koloriert haben die Bilder von Bolton auch etwas reliefartiges. Die Ausstattung der einzelnen Figuren, ihre Bekleidung und ihre jeweilige Haltung wirken wie alte Gemälde, die ein Stück natürlichen Lebens der damaligen Zeit zeigen. Aber sie bilden auch die Pracht jener Tage ab, die rein gar nichts mit dem Leben der gewöhnlichen Bürger zu tun hatte.

In weiteren Abenteuern und hintergründigen Episoden erfährt nicht nur der Sultan nach und nach mehr aus der Vergangenheit der Fables. Auch der Leser lernt mehr über die skurrilen Begebenheiten, die den Charme dieser Reihe ausmachen und einen schier unergründlichen Topf für Ideen bieten. Willingham weiß die Möglichkeiten nicht nur für lange heftübergreifende Spannungsbögen zu nutzen, er schafft auch den Trick, auf vier Seiten eine pointierte Handlung zu erzielen, die einerseits Fürchterliches beschreibt, andererseits mit einem Augenzwinkern endet.

Beispielhaft hierfür ist die Geschichte über den Kampf der Kaninchen gegen einen Kobold. Willingham überlässt hier vieles der Phantasie des Lesers, nur den Witz zum Schluss, den lässt er sich nicht nehmen. Einiges zündet erst auf den zweiten Blick so richtig (so wie dieser Witz). Manches wie die Geschichte um den bösen Wolf, der schließlich sogar seinen Vater verschlingen will, ist wie das Anrennen gegen Windmühlen. Willingham macht keinen Hehl aus dem kommenden Ende, nur der Weg hält Überraschungen bereit.

Die grafische Umsetzung, für die eine Vielzahl von Künstlern gewonnen werden konnte, schwankt zwischen fein und knuffig, ein wenig Jugendstil, Pastellmalerei, Kreidetechnik, Öl und Aquarell. Insgesamt findet sich hier eine Bandbreite von Techniken, die eher selten im herkömmlichen Comicgeschehen sind und daher schon einen Blick wert sind. Wer Märchen mag und einige besondere Maltechniken zu schätzen weiß, die der Fan eher im Albenformat vorzufinden wähnt, wird hier sehr positiv überrascht werden, zumal die Qualität der Bilder sehr gut ist.

Wunderbar kurzweilig, toll erzählt auch für jene, die mit den Fables bislang noch nichts anfangen konnten. Die Illustrationen sind über das Normalmaß hinaus gelungen und ein echter Blickfang. Klasse. 🙂

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Link: www.johnbolton.com

Freitag, 04. September 2009

Reisende im Wind 1 – Blinde Passagiere

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:27

Reisende im Wind 1 - Blinde PassagiereEin Blick nur war es, den der Matrose Hoel sich erlaubt hat. Doch es war ein Blick zuviel. Matrosen, die einen Blick in Offizierskajüten werfen wollen und ein Übermaß an Neugier an den Tag legen, sind nicht gut angesehen auf einem Schiff mit 800 Mann Besatzung. Nun harrt er seiner Strafe. Auspeitschen. Das Fahren von der Rah, von hoch oben ins Wasser. Nur das berüchtigte Kielholen wird es nicht sein, denn das ist verboten worden. Aber werden sich die Schiffsoffiziere auch an dieses Verbot halten?

Mit zwei Serien hat Francois Bourgeon hierzulande besonders auf sich aufmerksam gemacht. Dazu gehören Die Gefährten der Dämmerung und Reisende im Wind. Während ersterer Mehrteiler im finsteren Mittelalter angesiedelt ist und nicht wenige phantastische Elemente aufzuweisen hat, findet sich der Leser in Bourgeons anderem Klassiker gegen Ende des 18. Jahrhunderts wieder, einer Hochzeit der Sklaverei.

Viele werden von der Geschichte des Prinzen und des Bettelknaben (Mark Twain) gehört oder gelesen haben. Die Ausgangssituation hier ist ähnlich. Zwei Mädchen von unterschiedlichem sozialen Stand, aber ähnlich in ihrem Äußeren tauschen die Rollen. Doch nach dem Tausch legt das nun höher gestellte Mädchen keinen Wert mehr darauf, den Schwindel zu beenden und lebt das Leben der einstigen Freundin weiter. Zwar kommt es später wieder zu einer Annäherung und das verratene Mädchen gewinnt mittels sexueller Fertigkeiten sogar die Kontrolle über ihre Freundin, doch ein Rücktausch der Identitäten ist durch die physische Veränderung infolge vieler Jahre nicht mehr rückgängig zu machen.

Anziehung und Hass machen das Zusammenleben von Agnes de Roselande und Isabeau de Marnaye aus. Isabeau ist die unzweifelhaft stärkere der beiden, jene, die zu jedem Trick und jeder Maßnahme greifen würde, um einen Vorteil zu erlangen oder wenigstens mit dem Leben davon zu kommen. Nach langen Jahren, in denen Isabeau unter der Verwechslung gelitten hat, will sie nun ein neues Leben fern der Heimat beginnen. Die Reise wird zu einer Tortur. Auf einem Schiff mit 800 Männern Besatzung können zwei junge Frauen nur zu Unruhestiftern werden, weshalb Isabeau und Agnes ihren Aufenthalt unter Deck verbringen. Beinahe jedenfalls, denn mit Isabeau hat Bourgeon eine faszinierende Frauenfigur entworfen, der ihre Überlebensfähigkeit und Zähigkeit nicht anzusehen ist, die aber berechnender, klüger und geduldiger ist, als so manches Mannsbild, das sich gemäß der Epoche als die Krone der Schöpfung wähnt.

– Man sollte diese dreckigen Biester verjagen, bevor sie die Fantasie unserer Matrosen erregen. – Ich verstehe Ihre Befürchtungen, Herr Kaplan! Immerhin sind Sie hier der einzige, der ein Kleid trägt.

Es sind solche kleine Auseinandersetzungen zwischen dem Schiffskaplan und dem Schiffsarzt, die für eine große Dichte der Geschichte sorgen. Abgesehen von den Rückblicken auf die Vergangenheit der beiden jungen Frauen ist die Handlung an Bord des Schiffes mit einer Prise Liebe, sogar ein wenig Erotik versehen, bevor Bourgeon die Wirklichkeit zuschlagen lässt und der zu dieser Zeit ewige Kampf zwischen Frankreich und England um die Vorherrschaft auf See in ein dramatisches Finale mündet.

Als zeichnender Künstler verfügt Bougeon über ein paar charakteristische Merkmale, die er auch in seiner neuesten Produktion, der Fortsetzung zu Reisende im Wind nicht verloren hat. Die Gesichter sind allesamt Charakterköpfe, stets erkennbar, aber sie besitzen auch einen Anklang von Konstruiertheit. Auf den ersten Blick wirkt das störend, doch da sich Bourgeon auf jeder Seite an seine sorgfältig entworfenen Figuren hält, lernt man diesen Aspekt sehr zu schätzen. Seine Art einen Faltenwurf zu zeichnen, Kleidung beinahe wie ein Gelände wirken zu lassen, findet man als Leser nicht häufig im Comic-Genre. Wie sehr Bourgeon ein Konstrukteur unter den Zeichnern ist, zeigt sich an Schiffen und Uniformen, an Einzelheiten von Takelage und Kajüten, wo er nicht das Geringste dem Zufall überlasst.

Bei Bourgeon stehen Tod und Sexualität dicht beieinander. Der Künstler und Autor beschönigt nichts, bildet drastisch ab, zeigt das nackte Leben jener Zeit so wahrheitsgetreu wie möglich und so notwendig es die Geschichte verlangt.

Eine extrem spannende und durchdachte Geschichte in einer außergewöhnlichen Zeit des Umbruchs. Intrigen, Hass und Liebe, Seeschlachten inklusive: Francois Bourgeon hat hier den ersten Teil eines Klassikers der Comic-Unterhaltung vorgelegt, die perfekt zeigt, wie sehr das Genre auch der Literatur zuzuordnen ist. 🙂

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Die Legende der Drachenritter 7

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:24

Die Legende der Drachenritter 7 - Die Sonne wiedersehenEben noch hat Ritter Vaune ein Machtwort gesprochen. Eben noch war sie von der Nichteinmischungspolitik in die inneren Angelegenheiten der Herrscherhäuser überzeugt: All das ändert sich mit dem Anblick eines Platzes, auf dem sich in langen Reihen, dicht an dicht, minderjährige Sklaven beiderlei Geschlechts aufgestellt haben. Dort warten sie wie Vieh, bis man sich ihrer bemächtigt, ihnen eine Aufgabe zuteilt, die nichts anderes beinhaltet, als in irgendeinem Harem Dienst zu tun. Solange, bis man ihrer überdrüssig geworden ist, weil sie zu alt sind. Die Drachenritter dürfen nichts tun. Aber die Saat des Aufstands kann ohne Taten gesät werden, nur mit Worten.

Die Drachenritter sollen sich nicht in die Belange von Königen oder Fürsten einmischen. Ihr Kampf ist der gegen Drachen und sonst nichts. So lautet die Anweisung, so ist die Theorie. In der Praxis sieht die Umsetzung manchmal ganz anders aus. So mancher Fürst denkt, er könne sich der Drachenritter bedienen, um seine eigenen Interessen zu schützen. Oder die Drachenritter sieht von den Gegebenheiten vor Ort so schockiert, dass sie es kaum vermögen, sich nicht einzumischen. Drachenritter sind ausnahmslos Frauen und als solche müssen sie außerdem Jungfrauen sein, wollen sie nicht von dem großen Übel befallen werden, das um sich greift, wenn ein Drache ein Gebiet in seinen Besitz nimmt. Obwohl sie so wichtig sind und ihren Wert im Kampf gegen die Bestien bewiesen haben, ist doch jedes Mal eine neue Zurschaustellung ihrer Qualitäten nötig. Andernfalls werden sie von männlichen Kriegern kaum ernst genommen. Eine eigentliche unerträgliche Situation, die nur Drachenritter mit großer Selbstdisziplin meistern können. Nicht umsonst ist der Bund als Orden organisiert und streng strukturiert.

Vor Ort allerdings, im Einsatz sind die Drachenritter allenfalls in der Stärke kleiner Gruppen auf sich selbst gestellt. Und da fangen die Schwierigkeiten an: So wie in der vorliegenden 7. Folge der Saga. Da die Geschichten generell für sich alleine stehen und keine Fortsetzungen darstellen, ist ein Quereinstieg jederzeit möglich. In der Stadt, die das Autorenduo AnGE als Handlungsort ausgesucht hat, ist das Übel allgegenwärtig.

Dieses Übel kann verschiedene Ausprägungen haben. Es verändert die Gestalt von Tieren und Menschen, treibt in den Wahnsinn, kann aber auch nur psychische Auswirkungen haben, die nicht sofort als Zeichen der Anwesenheit eines Drachen erkennbar sind. Was die Herrschenden nicht sehen, wollen sie nicht begreifen. So fallen die warnenden Worten der Drachenritter, die für eine Evakuierung der Menschen sind, auf unfruchtbaren Boden. AnGe spielen mit einer typischen Situation: Der Leser weiß es hier besser und möchte den verneinenden Verantwortlichen am liebsten in den … treten, weil sich diese so stur zeigen. Das Konzept ist nicht neu, aber es funktioniert, vor allem, da es erst den Auftakt zu einer dramatischen Reihe von Vorfällen bildet, die geradewegs in die Katastrophe führen.

Thierry Demarez zeichnet skizzenhaft, aber auch sehr zart und spart keine Details aus. Er bildet eine starke, fassbare und urige Welt ab, in der gelebt werden kann. Es ist eine Welt, in der geraucht wird. (Zigaretten! Ungewöhnlich, aber es wirkt nicht aufgesetzt.) Weitere Ansichten dieser Zivilisation werden zum Zankapfel unter den Drachenrittern. Ein junges Leben ist hier nicht viel wert. Kinder, Mädchen und Jungen, nicht älter als dreizehn, werden zur Paarung geführt, ein Aufmarsch, der wahrlich, wie sich ein Drachenritter ausdrückt, an eine Viehschau erinnert und die Unmenschlichkeit dieser Kultur auf den Punkt bringt. Der Drache, riesenhaft gezeichnet von Demarez, ist hier ein Übel, aber er ist bei weitem nicht das größte Übel.

Die Zeichnungen von Thierry Demarez sind um Realismus bemüht, doch auch immer etwas reduziert. Der Eindruck, den die Grafiken hinterlassen, auch durch die Farbgebung von Stephane Paitreau, ist nachhaltig, nicht zuletzt durch die ungeschminkte Darstellung der Gewalt, von der nicht ersichtlich ist, ob sie ein Ausdruck des Übels ist oder ein verzweifelter Aufstand gegen das Schicksal (höchstwahrscheinlich ist es letzteres). Und tatsächlich sind es nicht die Sklaven, gegen die gekämpft werden muss. In einem Akt, der an eine Szene aus Van Helsing erinnert, stellen sich die Drachenritter zwangsläufig gegen die herrschende Klasse der Stadt. Hier ist der optische Horror viel größer als jener des eher abstrakten Grauens eines Kampfes gegen einen Drachen.

Eine Folge wie ein Inferno: Der Kampf gegen den Drachen ist ein Thema, aber zweifellos eher Symptom als Kern des Ganzen. AnGe beweist wieder, auf welch elegante Weise sie ihre Welt bereichern können und wie leicht sie ernste Themen einbringen, ohne aufdringlich zu sein. 🙂

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Donnerstag, 03. September 2009

Söldner 2 – Drekkars

Filed under: Abenteuer — Michael um 20:14

Söldner 2 - DrekkarsDer Akt des Tätowierens wirkt wie ein Vorwand, um hinter dem Rücken des Herrschers über die Ereignisse zu diskutieren, die das Leben der Drekkars aus dem Ruder laufen lassen. Das Gespräch währt nicht lange. Die beiden Anwesenden hören Schritte auf dem Holzdach. Jemand kommt und macht sich nicht die Mühe, sich zu verbergen. Zum Glück für die beiden Menschen ist der Attentäter schnell. Der Mann stirbt zuerst. Ehe er zu Boden gefallen ist, stirbt bereits die Frau. Dabei geht es nur um ein kleines Fläschchen mit einem merkwürdigen Inhalt.

Der zweite Band der fünfteiligen Saga beleuchtet die andere Seite der kriegerischen Parteien. Waren es in der ersten Ausgabe die Menschen und ihre Kultur, die im Mittelpunkt stand, sind es nun die Drekkars, die sich vom Rest der Welt vollkommen abgeschirmt haben.

Es ist eine merkwürdige Zivilisation, die Fabrice David hier schildert. Nur auf den ersten Blick hat sie japanische Aspekte, was an den Rüstungen liegen, der Kleidung allgemein, vielleicht auch am Gebaren untereinander. Alles beginnt mit der Geburt eines Drachenweibs, einem Rückblick auf längst vergangene Ereignisse, die allerdings bis in die Gegenwart nachwirken. Die Geburt dieses Drachenweibs ist verhaltene Fantasy, wenn man es so nennen kann. Diese Art Fantasy kommt nicht opulent oder besonders drastisch daher. Sie wird vielmehr mit einer großen Selbstverständlichkeit erzählt. Als Leser mag man das Gefühl gewinnen, in eine Dokumentation einer fremden (und vergangenen) Zivilisation zu schauen. Es entsteht der Eindruck einer eher ägyptischen oder auch südamerikanischen Zivilisation (obwohl es keinerlei Pyramiden zu bestaunen gibt).

Aber David lässt für den Leser binnen kurzem auch keinen Zweifel daran, dass dieses altehrwürdige System nicht nur von Intrigen zerfressen ist, sondern auch in hohem Maße korrupt und fremdgesteuert. Das Reich der Drekkars, aufgebaut auf der fremdarbeit von Sklaven, balanciert im Laufe der Handlung zunehmend auf dem Rand eines Pulverfasses. Die höhlenähnliche Welt ist karg. Die Krieger sind von ihrer Lebensart überzeugt, der Herrscher jedoch ist längst nur noch eine Farce. Weder sein Gebaren noch seine äußere Erscheinung sind dazu angetan den Schein von Göttlichkeit zu vermitteln, den sie eigentlich zeigen sollten. Es herrscht eine postapokalyptische Stimmung, die umso deutlicher wird, liest man sich die Hintergrundinformationen im Anhang durch (was aber zum Verständnis der Geschichte nicht erforderlich ist).

Die intensive Studie eines Zivilisationsniedergangs, die David hier entwirft, ist in dieser Form sehr außergewöhnlich für ein Fantasy-Epos. Allerdings passen die zwischen kalten und warmen Brauntönen pendelnden Bilder von Eric Bourgier sehr gut zur Geschichte. Die Menschen, die hier gezeigt werden, sind optisch schwer einzuordnen. Obwohl es kulturelle Anleihen gibt, lässt sich vom Erscheinungsbild schwer auf einen bestimmten Menschenschlag schließen, der hier Pate gestanden haben könnte. Dass es sich bei den Sklaven um Afrikaner handelt, ist unschwer zu erkennen, doch bei den Drekkars selbst schwingen von asiatischen bis hin zu indianischen Zügen viele Merkmale mit. So entsteht etwas sehr eigenes, fast schon etwas neues.

Es ist keine überschwängliche Fantasy-Umgebung. Die Kargheit bildet einen vollkommenen Gegensatz zu sonstigen Szenarien. Dennoch sollte man nicht voreingenommen sein. Bourgier orientiert sich ein wenig an alten architektonischen Leistungen von Völkern, denen es gelungen ist, ihre Tempel direkt in die Felsen zu schlagen. Bedingt durch den feinen Farbauftrag wie auch die sehr gelungene Anwendung von Licht und Schatten entstehen nicht nur sehr authentisch anmutende Bilder, sondern auch Grafiken, die durch ihre wunderbar leichte Plastizität bestechen.

Sehr dunkel, sehr mysteriös: Fabrice David beschreitet seinen eigenen phantastischen Wege. Hier ist er stärker an realistischen Vorlagen der irdischen Vergangenheit (was im ersten Teil noch durchaus phantastischer war), doch die Handlung kündigt einen Umschwung an. Grafisch ist der Band toll von Eric Bourgier umgesetzt. Er spielt mit dem Realismus und reizt ihn aus. Betrachtet man den kurzen Epilog, wartet in den drei Fortsetzungen bestimmt noch großartiges auf den Leser. 🙂

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Samstag, 29. August 2009

Okko 2 – Das Buch der Erde

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:26

Okko 2 - Das Buch der ErdeDie Frau, die in dem kleinen natürlichen Tümpel ein Bad nimmt, sieht wunderschön aus. Obwohl ein Makel diese Schönheit stört, ihr fehlt ein Arm, können die Männer nicht den Blick abwenden. Setzuka bemerkt die versteckten Männer bald. Sie erwidert die Blicke der ungebetenen Besucher stoisch. Nichts scheint ihre beherrschung durchbrechen zu können. Kurz darauf, Okko und seine kleine Gruppe wurden unter Setzukas Dach eingeladen, erfolgen wenig freundschaftliche Gespräche. Aber das alles spielt bald auch keine Rolle mehr. Das Lager wird angegriffen. Aus den Kriegern, die offensichtlich nicht viel füreinander erübrigen können, werden zwangsweise Verbündete: Die Toten greifen an!

Wer die opulenten chinesischen Kinoepen mag, wird Okko lieben. Autor und Zeichner Hub hat hier eine Geschichte geschaffen, die nicht nur von ihrer Andersartigkeit und Abenteuerlichkeit lebt. Sie dreht sich auch wie eine Spirale in immer größere Höhen, mit immer neuen Überraschungen, mit fein gesponnen phantastischen Elementen und einer Gruppe, die sich aus gut aufeinander abgestimmten Charakteren zusammensetzt.

Wer hier genauer hinsieht, wird natürlich gleich Parallelen zu Rollenspielen gleich welcher Art herstellen. Aber auch zu Ur-Gruppen wie den Mannen um einen Robin Hood lassen sich Verbindungen herstellen. Ein Anführer, ein riesenhafter Kämpfer, ein Mönch und sein Lehrling und brandneu dabei: Eine schlagfertige Frau, die sich in der unwirtlichen Gegend, der Kulisse dieses Abenteuers, auskennt. Die Aufgabe, die sich Okko, der herrenlose Samurai und Anführer, selbst gestellt hat, ist das Auffinden und Bestrafen zweier seltsamer Mönche, die das Zeichen des Raben benutzen.

Leider scheint niemand einen Orden mit diesem Zeichen zu kennen. In den Bergen existieren sieben Klöster. Trotz der widrigen Wetterumstände will Okko alle Klöster besuchen, um den Orden zu finden. Hub, der das Szenario alleine geschrieben hat und nur bei dem Storyboard mit Emmanuel Michalak zusammenarbeitete, schafft nicht nur ein sehr düsteres Abenteuer, sondern auch eine sehr lebensfeindliche Welt, die den Protagonisten alles (wirklich alles) abverlangt. Hier entsteht sehr schnell eine endzeitliche Stimmung. Die Wege, die gezeigt werden, sind lang, schmal, zerklüftet. An jeder Ecke atmet es Beschwerlichkeit.

Die Landschaft stellt sich gegen die Helden, aber auch andere Schwierigkeiten warten. Hier wird es weitaus phantastischer und gruseliger. Dämonen und lebende Tote greifen die Helden an, wunderbar phantasievoll gestaltet. Sie sind das Gegenstück zum riesigen Noburo, dessen Gesicht immer von einer dämonischen Maske verdeckt wird. Hub umgibt seine Helden mit Rätseln, er hält sie undurchsichtig, obwohl sie zu den Guten gehören. So sind die Fähigkeiten von Noburo faszinierend. Im Kampf ist er ein Gigant. Er steckt Verletzungen weg. Hinter der Maske kann sich der Leser regelrecht eine brummige, fast schon leidenschaftslose Stimme vorstellen.

Eine schöne Idee ist Nuuk, ein Nezumi (eine Ratte, die durch jahrelange Dressur sogar leidliches Sprechen gelernt hat). Nuuk ist eines jener Elemente in einer Handlung, die zunächst nettes Beiwerk sind, sich aber als I-Tüpfelchen entpuppen, indem sie zur rechten Zeit am rechten Ort zur Warnung oder als Triebfeder dienen.

Stephane Pelayo unterstützt Hub bei der Kolorierung. Die Farben sind um Düsternis bemüht. Lila, dunkles Blau, Ocker, dunkles Türkis und kaltes Braun stehen allenfalls einem dunklen Rot und einem mehr oder minder leuchtenden Orange gegenüber. Zuerst werden Kämpfe, kleine Auseinandersetzungen gestaltet, später sind es Scharmützel, bis im Finale eine ausgewachsene Schlacht daraus, die wider Erwarten am Tage stattfindet und trotzdem einen düsteren Eindruck hinterlässt. Denn der Feind greift in der gleichen Farbe wie der staubige, unfruchtbare Boden an. Diese Bilder reichert Hub mit kleinen Details an. Massenszenen und Breitwandbilder liegen ihm. Hier agiert er wie ein Regisseur, der nicht kleckern, sondern klotzen will.

In allen Belangen, auf der Erzählebene wie auch auf der grafischen Ebene, wunderbar gemacht, für Fans chinesischer Fantasy perfekt. Spannend von der ersten bis zur letzten Seite (eher lässt es sich nicht weglegen), mit einem sehr dunklen Flair umgesetzt. Noch besser als der erste Teil (dessen Lektüre nicht Pflicht ist, aber es steigert den Lesegenuss). 🙂

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Fables 8 – Arabische Nächte (und Tage)

Filed under: Mystery — Michael um 15:25

Fables 8 - Arabische Nächte (und Tage)Ein Dschinn ist etwas ganz besonderes, selbst für die Begriffe eines Fables. Die alte Dame beschreibt die Fähigkeiten dieser Flaschengeister in den dunkelsten Farben. Keinen Sinn für Moral oder den Unterschied zwischen Gut und Böse besäßen sie, dafür eine Allmacht ohnegleichen. Einstmals wurden sie ausgetrickst und in kleine Flaschen verbannt. Wer sie befreite, dem sollten drei Wünsche erfüllt werden. Solange der dritte Wunsch dazu benutzt wird, den Geist wieder in die Flasche zu befördern, kann niemals ein Unglück geschehen. Aber werden alle Nutzer der Flaschengeister auch so klug sein? Fest steht: Ein Dschinn besitzt uneingeschränkte Macht, mit der es ein Leichtes wäre, ein ganzes Land in Nullkommanichts auszulöschen.

Eine Lösung zur Bekämpfung eines Dschinns gibt es: Einen anderen Dschinn. Dieser könnte einen anderen Geist besiegen, doch nur um den Preis seiner eigenen Existenz. So ein Geist wird nichts zu finden sein. Sinbad, der Anführer der arabischen Fables-Delegation weiß von den Machenschaften seines Ratgebers nichts. So müssen sich die Einwohner von Fabletown etwas anderes einfallen lassen.

Bill Willingham würzt die bekannten Handlungsstränge mit neuen Nebenschauplätzen und Bedrohungen. Im Verlauf der Geschichte um Fabletown hat sich einiges verändert. Wahlen haben die Machtverhältnisse verschoben. Ein Krieg und ein Überfall mussten überstanden werden. Blue Boy absolvierte einen privaten Rachefeldzug. Daneben gab es die kleinen und großen Tragödien, Herzschmerz und Trennungen. Auf diesem Feld stehen die Fables den Menschen in nichts nach, ganz besonders dann nicht, wenn Figuren wie Prince Charming hinter jedem Frauenrock her sind, die es nicht bei Drei auf die Bäume schaffen.

Nun also geben sich arabische Fables ein Stelldichein. Während in Bagdad noch amerikanische Soldaten patrouillieren macht sich ein Dschinn daran seinen Auftrag auszuführen und verwirrt die ausländischen Soldaten mit einem irritierenden Äußeren einer Schönheit aus Tausendundeiner Nacht. Willingham vermengt spannende Ereignisse mit dem Zusammenprall zweier vollkommen unterschiedlicher Zivilisationen und kultureller Eigenschaften. Daraus entstehen wieder humorvolle Situationen, die so ungewöhnlich sind, dass sie sich nicht mit anderen Publikationen vergleichen lassen. Mit den Fables geht Willingham jeder Vergleichsmöglichkeit aus dem Weg, so frisch und neu (und gut) ist da gesamte Szenario.

Gleich zu Beginn wird die mangelhafte Umgangsform der Fables aus Fabletown einerseits und die ebenso mangelhafte Flexibilität der arabischen Fables andererseits einander gegenüber gestellt. Die einen vergessen, ihre arabischen Gäste angemessen zu empfangen, die anderen wollen nicht eher aus ihrer Limousine steigen, ehe sie nicht angemessen empfangen werden. So wissen die drinnen im Haus nichts von ihren Gästen und die in der Limousine werden langsam sehr wütend. Am Ende ist es ausgerechnet Flycatcher, der als Hausmeister arbeitet, derjenige, der die Gäste durch sein Verhalten zum Aussteigen zwingt. Es ist nur eine ganz kleine Episode aus sehr vielen, die hier sinnbildlich für den sehr verschachtelten und sehr durchdachten Aufbau des ganzen vorliegenden Bandes steht.

Fabletown besticht durch gezügelte Fantasie. Hier leben diejenigen, die inmitten normaler Menschen nicht auffallen und sich durch das Stadtbild bewegen können, ohne angestarrt zu werden. Weitaus interessanter (auch optisch) ist die Farm außerhalb der Stadt. Mark Buckingham, der hier grafisch mit den arabischen Fables eine schöne neue Aufgabe hat, geht in der Optik der Farm viel stärker auf. Allein die Kinder von Snow White sind wohl der fantasievollste Nachwuchs der letzten Jahre. Buckingham zeichnet mit einem zarten Realismus an der Grenze zum Bilderbuch. Die Bilder wirken zerbrechlich und sind stets nur mit dem nötigen Strich versehen. Gleichzeitig sind die einzelnen Charaktere sehr ausdrucksstark geworden. Buckingham beherrscht tolle Gesichtsausdrücke und auch die leichten Veränderungen. So entsteht abseits der Erzählung viel Atmosphäre und Tiefe.

Eine äußerst gelungene Begegnung unterschiedlicher Fable-Kulturen. Willingham setzt wieder einige punktgenaue Clous und treibt die Handlung unangestrengt wie auch an jeder Stellen abwechslungsreich voran. Prima. 🙂

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Donnerstag, 27. August 2009

Die Maxiausgabe der Minimenschen 4

Filed under: Cartoon — Michael um 18:34

Die Maxiausgabe der Minimenschen 4Es war im Dezember 1941, als der britische Angriff auf ein deutsches Tankschiff stattfand. Leider verschwand dabei auch das britische Jagdflugzeug mit der Kennung Moskito 417. An Bord befand sich der Vater von Andreas, eines der Minimenschen. So lange hat Andreas schon in der Umgebung des Angriffs nach seinem Vater gesucht und nichts gefunden. Doch heute hat er dazu einen neuen Verbündeten: Renaud. Und Renaud liebt scheinbar aussichtslose Aufgaben. Eine weitere Suche beginnt.

Piraten! Seron ist mit diesem Thema aktueller denn je. Ein großer weißer Zweimaster zieht seine Bahn über das Meer und taucht dort auf, wo etwas zu holen ist: Er überfällt moderne Kreuzfahrtschiffe. Pierre Seron und Hao nehmen ihre damals wahrscheinlich meist jugendlichen Leser mit auf eine Schauermähr Reise, auf der ihr kleiner Held Renaud eine weitere seiner unheimlichen Begegnungen hat. Diesmal allerdings handelt es sich wieder um ein Sahnehäubchen.

Alles beginnt, wie stets bei Seron und seinen kreativen Mitstreitern, ziemlich normal. Hier ist es ein kleines Walfangboot, das den Blick des Betrachters auf sich zieht. Aber es ist auch ein sehr kleines Walfangboot, so klein, wie es eben bei Minimenschen aus Eslapion (der kleinen Stadt der Minimenschen) der Fall ist. In einem solchen Fall wird ein Thunfisch zum Wal. Und wie einst der weiße Wal geht auch dieser Thunfisch mehr als nur rabiat mit dem Schiff und seiner Besatzung um. Alleine daraus ließe sich schon eine Geschichte entwerfen. Aber Seron und Hao ist das alles noch zu normal. Wenig später wandelt sich der Auftakt in eine Suchaktion, die so auch aus dem Nebel des Grauens entliehen sein könnte.

Im Zuge der Erarbeitung des Rätsels Lösung kommen selbstverständlich wieder eine ganze Reihe von Fluggeräten zum Einsatz. Außerdem ist eine ausgefeilte Technik letztlich der Kern des Geheimnisses. Weniger gruselig (und in gewisser Weise mit dem Abenteuer um das Geisterschiff verbunden) verläuft das Abenteuer Das Auge des Zyklopen. Dafür ist es technisch aufwändiger (für jene, die mitspielen) und auch grafisch etwas darstellungsfreudiger. Eine Illusionsmaschine sorgt für falsche Einsichten wie Häuser, Straßenzüge, Fahrzeuge und Menschen. Ausgerechnet ein Großer bildet mit seinen Erlebnissen den Auftakt der Handlung. Hier könnten die Einfälle eines Fantomas in der Komödientrilogie mit Louis de Funes Pate gestanden haben. Wenn den eigenen Augen nicht mehr zu trauen ist und plötzlich eine Freiheitsstatue auf der grünen Wiese steht, dann haben Seron und Hao wieder zugeschlagen und treiben einen blendenden Schabernack mit ihren Lesern.

Nicht nur die technischen Zeichnungen, die Kulissen aus Landschaft, Fahrzeugen, Städten und anderem haben es Seron angetan. Zwischendurch menschelt es ordentlich. So oft auch diverse Luftflitzer zum Einsatz kommen (besonders gerne Jagdflieger aus dem Zweiten Weltkrieg oder auch die heißgeliebte Mirage), so gut arbeitet Seron auch mit seinen Charakteren. Neben wiederkehrenden Figuren, allen voran natürlich Renaud, bemüht sich Seron auch um die Nebenrollen. Gleich mit der Kurzgeschichte Das Haus zum grünen Zahn werden alle Beteiligten sorgsam etabliert. Die Geschichte um einen entführten Jungen ist so aufgebaut, dass der Leser zu jeder Zeit den Fieslingen ihr Schicksal so richtig gönnt.

Aber der Spaß steht bei aller Ernsthaftigkeit manches Themas natürlich im Vordergrund. Dies betrifft die kleinen Geschichten Keine Violine für den Geiger, Das Haus der Stahls und erst recht Eine schlumpfige Reise, in der die kleinen Menschen auf die kleinen Schlümpfe treffen. Hier holen Seron und Hao einiges aus dem Crossover heraus, aber bestimmt nicht alles. Es muss ihnen zugute gehalten werden, dass ihnen auch schlicht der Platz fehlt. Beide Seiten hier zusammengebracht hätten eine bombastische Geschichte ergeben können. So liegt der Schwerpunkt auf Klamauk, der jedoch vorzüglich gelingt.

Kleine Klassiker, so steht es auf der Rückseite des vorliegenden Bandes. Treffender ließe es sich nicht sagen. Die Minimenschen sind zeitlose Klassiker und längst den Kinderschuhen entwachsen, für die sie einmal gedacht waren. Diese Komik funktioniert in allen Altersstufen. Ein schöner frankobelgischer Humor, uneingeschränkt empfehlenswert. 🙂

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Dienstag, 25. August 2009

Inspektor Canardo 11 – Sterbenswörtchen

Filed under: Cartoon — Michael um 18:06

Ein Fall für Inspektor 11 - SterbenswörtchenEugen liegt im Sterben. Kein Wörtchen dringt mehr über seine Lippen, nur noch einige sinnlose Laute. Eugens Geist scheint längst weggedriftet zu sein. Dieser Zustand setzt seine Tochter und ihren Mann in höchste Alarmbereitschaft, denn der alte Mann hat noch nicht alle nötigen Informationen preisgegeben. Ein Detektiv muss her. Die Aufgabestellung ist recht einfach. Eugen war ein Kriegsheld, kämpfte im französischen Widerstand des Zweiten Weltkriegs und jagte den Nazis eine ordentliche Ladung Goldbarren ab. Und von diesen fällt bis zum jetzigen Tag jede Spur. Canardo kann die Sorge der Familie verstehen. Aber was kann er da tun?

Eine Menge! Doch das kann das Ehepaar für einhundert Dollar Kosten am Tag kaum ahnen. Seit kurzem ist Canardo im Besitz eines Prototypen, der Zeitsprünge ermöglicht. Was wäre besser, als ihn gerade jetzt einzusetzen, bei einer Spur, die geradewegs in die Vergangenheit, genauer in die letzte Etappe des Zweiten Weltkriegs führt. Canardo sucht das Haus des alten Eugen auf und sieht sich um. Kurz darauf stellt er das Zieldatum seines Zeitsprunggerätes auf den 1. Juni 1944. Nach dem Bestätigen der Sicherheitsabfrage ertönt ein Psch, es macht mehrere Male Bzzz und schließlich (Canardo mag es kaum glauben, ist aber erleichtert) landet der Detektiv mit dem gewohnt gelangweilten Blick pünktlich am Ziel.

Name: Eugen Molard. Vergangenheit: Kriegsheld. Völlig unbeeindruckt, selbst durch die Möglichkeiten der Aufklärung des vor ihm liegenden Rätsels, macht sich Canardo ans Werk. Und gerade diese Schnoddrigkeit ist es, die den Begegnungen von Canardo und Molard in den folgenden Jahrzehnten ihre ganz besondere Würze gibt. Nach und nach entschlüsselt Autor und Zeichner Benoit Sokal das Leben eines Franzosen, der zeitweise gefeiert wurde und schließlich ein ganz normales französisches Leben führte, einen eigenen Weinkeller inklusive.

Sokal, der sich für seine Krimireihe der Tiermenschen bedient und damit die Klassiker des Cartoons karikiert, hat bereits in der Vergangenheit bewiesen, dass er einen scharfen Blick auf das gesellschaftliche Leben hat. Ob es um das übliche Miteinander geht, Politik oder Terrorismus, manchmal ganz einfach nur Mord, stets blickt Sokal mit scharfen Auge hinter die bürgerlichen und gesellschaftlichen Fassaden und erzählt darüber mit scharfer Zunge und süffisantem Ton. Immer schwingt eines mit: Man kann diese Welt nicht ernst nehmen.

Wenn es mal wirklich lebensbedrohlich wird, läuft Canardos Selbstbeherrschung schon mal aus dem Ruder. Ansonsten ist er die Ruhe selbst. Sicherlich sind Canardos Auftraggeber die Initiatoren der Geschichte, das Gegengewicht zu Canardo ist jedoch der alte Eugen, den der Leser von Zeitsprung zu Zeitsprung durch die Jahrhunderte begleitet. Interessant ist, wie Eugen mit dem Gold umgeht, dass er den Nazis abgenommen hat: Nämlich gar nicht. Anstatt mit Fug und Recht ein schlechtes Gewissen zu haben, nutzt er das Gold, das ihm ein völlig anderes Leben beschert hätte, überhaupt nicht. Lieber verbleibt er in der Spur seines gewöhnlichen Lebens, nach dem Krieg nicht weiter beachtet und ansonsten auch nicht weiter respektiert, nicht einmal von seiner eigenen Familie.

Was sich hier als Kritik einer ernsten Geschichte lesen mag, ist in der Handlung selber stets mit einem kleinen gemeinen Humor durchsetzt. Gerade das macht diese (wie auch die anderen) Handlung so gut. Das leise Kratzen an der Fassade, unterstützt durch den Einsatz einer brandneuen Technik, die in ihrem ersten Test ausgerechnet einen Nationalhelden, einen ehemaligen Widerständler entlarvt. Sokal setzt die Geschichte wie gewohnt in fetten und ausdrucksstarken Strichen um. Seine Tiermenschen sind extra überzogen dargestellt, immer ist ihr Charakter ihnen ins Gesicht gebrannt. Tränen fließen hier schnell (sie hüpfen optisch geradezu davon). Stellvertretend für den Leser glaubt Canardo diesen Trauerbekundungen nicht. Eugens Leben hinterlässt einen grauen optischen Gesamteindruck. Nur ab und zu blitzt etwas Leben durch, wie in jener Szene, als das Versteck des Goldes gelüftet wird und sein Strahlen verheißt, was alles sein könnte, aber nicht ist.

Beinahe ein dunkles Märchen, weiterhin brillant von Sokal erzählt und illustriert, mit vielen Nuancen fast schon sezierend, aber immer unterhaltend und stets für ein Schmunzeln gut. So kennt der Leser seinen Canardo und nicht anders sollte er sein. Kult. 🙂

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Montag, 24. August 2009

Die Legende von Malemort 2

Filed under: Mystery — Michael um 13:47

Die Legende von Malemort 2 - Das Tor des VergessensDer Scheiterhaufen von Malemort ist mehr als eine Erinnerung. Allein das Bild weckt das Grauen in jenen, die diesen Tag überlebten und der Heiligen Inquisition und ihren Häschern entgingen. An der Vorgehensweise der Inquisition hat sich seither nicht viel geändert. Sie ist ebenso unnachgiebig und grausam. Mit Aymon de Montgarac steht ihr ein Mann vor, der unerbittlich jene jagt, die er im Bunde mit dem Teufel wähnt. Ritter Malperthuis hatte das Pech in seine Fänge zu geraten. Angeschlagen wie der Ritter ist, ohne Waffen und gegen eine Übermacht stehend, müssen er und die ebenfalls gefangene Agnes, Antheas Mutter, ihrem Schicksal harren.

Ein alter hohler Berg dient als Verlies und Folterkammer zugleich. Immer und immer tiefer geht es hinein und hinab. Je weiter die Gefangenen in diesen Schlund geführt werden, desto mehr schwindet ihre Hoffnung, jemals wieder an die Erdoberfläche zu gelangen. Oben sind Anthea und Arnulf weiter auf der Suche nach den beiden Entführten. Anthea wird von ihrer Sorge übermannt und gerät mit ihrem Begleiter, der besonnen vorgehen möchte, in Streit. Es ist keine glückliche Zeit. Und in der Tat: Wenig später stecken Anthea und Arnulf wieder bis zum Hals in Ärger, ohne zu ahnen, dass sie dadurch ihrem Ziel etwas näher kommen.

Aymon de Montgarac und Graf Colbus de Malemort sind die Drahtzieher hinter den Kulissen dieser Geschichte. Montgaracs unversöhnlicher Hass auf Malemort zieht jene, die sich für den Grafen einsetzen in einen Strudel hinab. Die Ursachen für den Zwist reichen Jahrzehnte zurück, wie es sich hier in einer kurzen Begegnung zeigt. Eric Stalner, Autor und Zeichner, lüftet einen Moment lang den Schleier und gibt dem Leser Einblicke in die Gründe für die unglückseligen Umstände, in denen sich Anthea, Arnulf, Agnes und Malerthuis befinden.

Der Kerker wird hier zum zentralen Handlungsort. Wer annehmen mag, dass ein Kerker nicht viel zu bieten habe, täuscht sich in den Ausmaßen. Der Wer hinein ist lang, die Wege drinnen noch länger und es scheint unzählige Zellen und Winkel zu geben. In der Dunkelheit schafft Stalner plötzlich Bedrohungen, die rein gar nichts mit Vampiren zu tun haben. In der Zelle, in die Anthea und Arnulf geworfen werden, gibt es bereits Bewohner. Für diese sind neue Zellenbewohner vor allem eines: Nahrung. Und hier wirft Stalner einmal mehr das alte Konzept des blutsaugenden Vampirs über den Haufen, indem er ihn nicht als Monster, sondern als Retter verwendet.

Das Monster hat seine dunklen Seiten, Stalner kann dies nicht ausblenden. Aber Malemort, der einen schwarzen Umhang über einer weißen Tunika trägt, ist auch jemand, der sich für seine Wesensart schämt. Allerdings lässt diese ihm auch zuweilen keine Wahl. Hier kann der Vampir erstmals so richtig mit aller Macht seine Fähigkeiten unter Beweis stellen, die sich nicht nur im brutalen Angriff erschöpfen. Malemort ist ein Rhetoriker, eine Respektsperson. Für jemanden, der es nicht besser weiß, wie den kleinen Arvid, der im Kerker aufgewachsen ist, ist Malemort noch etwas anderes: Ein Vogelmensch und somit ein Sinnbild der Hoffnung.

Optisch schafft Stalner einen Ort der Verzweiflung und einen Vorhof zur Hölle. Nach einem kurzen Intermezzo in einer kleinen Ortschaft, deren Tageslicht und Farbenpracht über ihre Gefährlichkeit hinwegtäuscht, gehen die Befürchtungen der Helden (und des Lesers) und die Atmosphäre Seite an Seite. Stalner weiß jedoch die Befürchtungen seiner ihm Anvertrauten zu unterlaufen: Sie sind nämlich noch viel schlimmer. Cineasten mögen vielleicht Vergleiche zu den labyrinthartigen Gewölben aus Der Name der Rose ziehen, vielleicht auch zur Unterwelt unter dem russischen Friedhof in Hellboy. Das grob behauene Gestein wird durch Mauerwerk und Deckenbögen gestützt. Überall warten stählerne Gittertüren auf die Verzweifelten. An den Decken hängen eiserne eierförmige Körbe, wie sie auch in der Realität zur Folter und Gefangenschaft verwendet wurden.

Neben der Kulisse vergisst Stalner keinesfalls die Schergen und Folterknechte, die aus dieser Hölle einen noch unliebsameren Ort machen. Visagen und Fratzen machen aus diesem Ort zusätzlich eine Geisterbahn. Die Farben von Jean-Jacques Chagnaud können hier ihre volle Wirkung entfalten. Magisches Blitzen der Tricks von Malemort erhellen die Dunkelheit, Kerzenschein und Fackelfeuer machen aus dem Kerker einen Glutofen.

Ein sehr guter und hoch spannender zweiter Teil. Anthea und ihre Gefährten können eine Teilaufgabe der Handlung erfüllen, allerdings um einen hohen Preis. Der Gruselfaktor wurde hier deutlich angehoben, dennoch vergisst Stalner die Handlungstiefe nicht und wartet mit so manchen Details auf. Eine tolle Gruselmähr. 🙂

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Simpsons Comics 150

Filed under: Cartoon — Michael um 10:59

Simpsons Comics 150Däumelinchen erträgt es nicht mehr in ihrer Familie. Keiner bemerkt sie. Wenn sie bei Tisch etwas haben will, hört sie niemand. (Obwohl das eine von Homers Grundeigenschaften bei Tisch ist, denn da hat er immer nur das eine zu tun: Essen.) Das klitzekleine Mädchen verlässt das Elternhaus, nur um kurz darauf schon von einem Frosch gefressen zu werden. Und die Moral von der Geschichte … Nein, so schnell geht es dann doch nicht. Däumelinchen ist noch nicht tot. Sie darf zwar nicht spazieren gehen (Anspielung), aber soll verheiratet werden. Und so nimmt doch noch alles eine glückliche Wendung. So sind Märchen eben.

Bleibt alles andersen! Der Märchenman hätte seine helle Freude an der vorliegenden Sammlung umgestrickter Märchen. Die Simpsons räumen immer wieder mal mit Genres oder Persönlichkeiten auf. Mr. Flanders wollte eigentlich nur ein paar christliche Märchen haben und was bekam er vom Internetversandhaus geschickt: Märchen von Hans Christian Andersen. Flander kennt nur eine Lösung:

Das wird eine gute altmodische Bücherverbrennung.

Wie gut, dass sich Lisa Simpson zwischen den Barbecuegrill und die Kleinode der Kinderliteratur stellt. So wird Lisa zur Geschichtenerzählerin. Keine Frage, dass fortan sämtliche Märchencharaktere mit Simpsonsfiguren bestückt sind. Das hat dann sehr merkwürdige Auswüchse zur Folge. Ein nackter Homer geht über Bord und wird von einer Meerjungfrau mit dem Aussehen einer Marge Simpson gerettet. Letztlich frönt dieser Homer dann doch nur einer Leidenschaft: Bier. Die Verhohnepipelung einer kleinen Meerjungfrau ist nur der Auftakt.

Bei den folgenden kleinen Märchen ist die Kenntnis der einzelnen Simpsons-Charaktere kein Muss, aber es hilft doch ein wenig. Denn Ian Boothby (mit Linda Medley) kann sich in dieser Ausgabe nicht davon freisprechen, dass er dieses Blatt ordentlich ins Spiel gebracht hat. Das jeweilige Märchen gibt nur die Rahmenbedingungen vor. Der Prinz auf der Erbse, Das hässliche Entlein, Der Schatten, Däumelinchen und Die gute Mutter bieten darüber hinaus reichlich Platz für Situationskomik. Letztere Geschichte ist ein schönes Beispiel. Weint sich die gute Mutter auch die Augen aus (so dass sie in den Fluss fallen), der Fluss ist, wie er selber sagt, nicht an weiteren Organen interessiert und gibt nicht nur die Augen zurück, sondern lässt die Mutter auch trockenen Fußes passieren (wie einstmals Moses).

Zum Schluss, in der Rahmenhandlung, sobald Lisa den Nachbarsjungen alles erzählt hat, holt auch sie der Alltag wieder ein. Längst haben aktuelle Neuerscheinungen die Märchen von einst eingeholt. Die alten Andersen-Märchen sind viel zu brutal und ängstigend, deshalb sind die Jungen längst in etwas ganz anderes vertieft, sozusagen in etwas biologisch Abbaubares.

Ein mit einem Poster versehener sehr abwechslungsreicher Knaller. Die erste, auch umfangreichste Geschichte dürfte auch die beste sein. Gelacht werden darf wie immer reichlich. Die Kenntnis der einzelnen Figuren wie auch der originalen Märchen selbst kann dabei hilfreich sein. 🙂