Donnerstag, 17. August 2006
Heftige Erschütterungen lassen das alte Farmhaus von Martha Kent (Eva Marie Saint) erbeben. Eine Raumschiffkonstruktion geht auf ihrem Grund und Boden nieder. – Ihr Sohn Clark (Brandon Routh) ist zurückgekehrt.
Voller Hoffnung war Superman aufgebrochen, um vielleicht doch noch ein größeres Relikt von Krypton zu entdecken, nachdem irdische Wissenschaftler den früheren Standort von Kal-Els Heimatwelt ausmachten. Aber seine Suche war erfolglos. Ein Blick in den Fernseher reißt ihn auch nicht aus seiner Resignation. Immer noch gehen sich die Menschen gegenseitig an die Kehle. Zum guten Schluss soll seine alte Freundin (und heimliche Liebe) Lois Lane (Kate Bosworth) auch noch den Pulitzer-Preis erhalten: Für einen Artikel, der beschreibt, dass es die Welt auch ohne Superman geben kann. Zusätzlich hat Lois einen Mann, Richard White (James Marsden), und einen Sohn!
Und als würde das noch nicht ausreichen, muss Clark noch erfahren, dass sein alter Feind Lex Luthor (Kevin Spacey) wieder auf freiem Fuß ist, weil Superman während seiner Abwesenheit nicht zu einer Zeugenaussage erschienen ist.
Es ist wirklich nicht die Zeit für einen Neustart, wie es scheint.
Zuerst verhält er sich ruhig, schafft es sogar, seinen alten Job als Reporter beim Daily Planet zurück zu bekommen. Als ein Testflug eines neuen Shuttles zu einem Fiasko gerät, hält es ihn jedoch nicht mehr auf dem Barhocker. Superman macht sich auf den Weg. Die Rettungsaktion könnte dramatischer nicht sein – fulminant meldet sich Superman im Licht der Öffentlichkeit zurück und wird sogleich jubelnd empfangen.
Luthor teilt diese Begeisterung nicht. Er hat sich uralte Krypton-Technologie angeeignet. Damit möchte er einmal mehr seine Land-Pläne in die Tat umsetzen und gleichzeitig den Mythos Superman beenden. Dafür will Lex sogar Milliarden Menschenleben auslöschen.
Und Superman geht dem Verbrechergenie in die Falle.
Superman Returns – Und wie! Gleich zu Beginn darf der Zuschauer die Zerstörung Kryptons miterleben. Gleich darauf erfolgt ein musikalischer Auftakt, wie Fans es dank John Williams von den alten Filmen her kennen. Selbst die Schriftzüge tauchen fliegend wie dereinst in den Filmen mit Christoper Reeve auf – (Film-Nostalgiker dürfen ein kleines Tränchen verdrücken.). Regisseur Bryan Singer gab zugunsten von Superman den dritten Teil von X-Men ab. (Was erklärt, warum James Marsden alias Cyclops so schnell das Zeitliche segnete, denn er musste auch noch zum Set von Superman – ein Scherz, aber weiß man’s?)
Der neue Superman-Film besticht durch ausgefeilte Optik, Ton und eine Geschichte, die sich viel Zeit nimmt, um die Leinwand-Rückkehr von Superman regelrecht zu zelebrieren. Als Luthor mit seinen Kumpanen in die Festung der Einsamkeit eindringt, kann der Zuschauer noch einmal Marlon Brando als Jor-El auf der Leinwand sehen (Film-Nostalgiker dürfen noch einmal ein Tränchen verdrücken.).
Spacey hat nicht so ganz den Charme seiner Vorgängers Gene Hackman, aber den Wahnsinn der Figur bringt er ausgezeichnet auf die Leinwand. Eva Marie Saint hat eine kleine Rolle als Martha Kent (Cineasten dürften sie aus dem großartigen Hitchcock-Film Der unsichtbare Dritte kennen.) James Marsden liefert einen passablen Richard White ab, Lois’ Mann, bleibt jedoch austauschbar. Frank Langella, der schon als Dracula auf der Leinwand zu sehen war, besticht nicht zuletzt dank seiner imposanten Größe und des markanten Gesichts. Er verleiht der Figur des Perry White weitaus mehr Würde, als es sein Vorgänger Jackie Cooper tat.
Bleiben Brandon Routh als Superman und Kate Bosworth als Lois Lane: Beide sind sie relative Newcomer und trotzdem gelingt es insbesondere Routh den Part von Superman alias Clark Kent erstaunlich gut einzufangen.
Singer ist es auch wegen Routh’ Fähigkeiten gelungen, an die alten Filme (Superman 1 + 2) anzuknüpfen. Routh agiert als Kent mit einer ähnlichen Tapsigkeit, wie es schon Christopher Reeve gelang. Etwas mehr als 150 Minuten lang werden die Comic-Fans (und hoffentlich auch normale Zuschauer) in das DC-Universum entführt. Und doch gibt es keine Längen, steht die Unterhaltung und Spannung immer vorne an.
Es verwundert nur, dass Superman so jung ist: 5 Jahre war er verschwunden. Zur Zeit seines Verschwindens muss er eher Superboy gewesen sein. Mit Lois Lane verhält es sich ebenso. Aber das lässt sich wegen des filmischen Feuerwerks insgesamt verschmerzen.
Die Ausstattung, die sich bereits in kleinsten Details wie der Oberfläche von Supermans Dress äußert (was wegen seiner gedeckten Farben sehr gefällt), ist zur Gänze perfekt. Die Tricktechnik bietet alles auf, was möglich ist, weshalb aus Superman Returns ein halber Katastrophenfilm geworden ist, von dem sich sogar Poseidon noch eine Scheibe abschneiden kann. Dabei drängt sich die Technik nicht in den Vordergrund, sondern stützt die Geschichte.
Ich halte die Rückkehr von Superman auf die Leinwand für sehr gelungen. Hollywood nimmt seine Comic-Helden inzwischen sehr ernst. Das haben die Fans immer gewollt. Besser geht es kaum noch, oder? 😀
Mittwoch, 16. August 2006
Rick Master ist tot! Gerade noch hatte seine Freundin Nadine einen schlimmen Alptraum, aus dem sie bleich, aber doch erleichtert erwacht, weil sie weiß, dass es nicht echt ist. Nur ein Geheimnis ist immer noch offen, der geheimnisvolle 666 geht um und niemand ist vor ihm sicher – auch Rick Master nicht. Wenig später wird er von einem Unbekannten auf offener Straße zusammen mit seiner Freundin erschossen.
So geschehen in der wirklich gelungenen Doppelfolge Die Nummer des Teufels und Gesammelte Verbrechen.
Allerdings wird diese kleine Episode schnell aufgeklärt. Auf sehr gelungene Art werden das Krimi- und das Comic-Genre auf die Schippe genommen. Aus der Figur Rick Master wird die Comic-Figur Rick Master, ein Comic wird zur Drohung eines gemeingefährlichen Verbrechers auf der Basis einer uralten Jack London-Geschichte: Das Mordbüro (Wurde von Jack London nicht vollendet.).
Superman ist tot – na, mittlerweile nicht mehr. Doomsday erledigte ihn einstmals in einem ziemlich tollen Verlagscoup, anders lässt sich das wohl nicht sagen. Wenn ein ur-amerikanisches Sinnbild stirbt, leidet die ganze Nation. Der Tag, an dem Superman starb ist eigentlich nichts anderes als ein einziger Kampf von vorne bis hinten. Die JLA, eine Form von B-Movie-Besetzung, Heldennamen, die der Leser schnell ad acta legt, wird derart flott weggeputzt, dass der Leser selbst ohne Medienkampagne ahnen kann, wo der Hase die Ohren anlegt. – Obwohl es einen solch starken Einschnitt im Comic-Universum von DC bedeutete, läuft Dan Jurgens hier nicht zu seiner Hochform auf.
Übrigens – Spider-Man ist auch tot – nun, auch nicht mehr. Unser guter alter Peter Parker besiegte Morlun zwar mit allerletzter Kraft, nur, verließ ihn dieselbe dann auch. Was zurück blieb, war Peters leere Hülle und ein neuer Spidey – der noch viele Fragen offen lässt.
Die Geschichte war nicht übel, teilweise szenisch beeindruckend (Die grafisch schwächeren Episoden dürften wohl von Pat Lee sein, ich habe ihn eigentlich in vielen Produktionen immer sehr gern gesehen, aber hier bleibt er hinter seinen eigenen Fähigkeiten zurück. Ob er keine rechte Lust mehr hat? Wie klasse war doch sein Projekt Warlands!). Aber zurück zu Spidey: Er dürfte wohl der erste Superheld sein, der von sich sagen kann, dass sein erster Körper aufgefressen wurde.
Hawkeye ist ebenfalls tot – und ich vermute, er bleibt es auch. Denn das Ultimative Universum ist doch ziemlich rabiat und konsequent. Andererseits: Colossus war tot. Und ist wieder da. 😀 Aber das geschah im normalen Marvel-Universum. (Langsam kann der Leser schon durcheinander kommen, oder?)
Mr. Hyde ist auch tot. Der Unsichtbare auch. Ich hoffe, sie bleiben es. Die Fortsetzung der Liga der außergewöhnlichen Gentlemen in einem Szenario von H. G. Wells hatte außer der Einleitung nichts Gutes zu bieten. Wer es drastisch mag, wird sich vielleicht das eine oder andere Mal gruseln, wer eine wirklich außergewöhnliche Art sehen will, wie ein Außerirdischer das Zeitliche segnet, entdeckt dank Mr. Hyde auch etwas Neues – darüber hinaus kann ich nachträglich auf diesen merkwürdigen Storymix verzichten. Es wirkt auf der Basis eines tollen ersten Teils nur nachgeschoben.
Batman auch tot? Na, offiziell nicht, natürlich nicht, aber wer sich den tollen Fanfilm Grayson anschaut, kann vielleicht auch auf Batman in dieser Geschichte verzichten. In dieser kleinen Handlungsvorschau wird vieles gekippt, was bisher in Stein gemeißelt war (und Supie stirbt hier auch). Dieses kleine Comic-Film-Juwel (man muss auch immer die Möglichkeiten der Macher in Betracht ziehen) sollte niemand verpassen.
Links: Jack London, Dan Jurgens, Superman vs. Aliens von Dan Jurgens, H. G. Wells, Grayson, Untamed Cinema (Macher von Grayson)
Samstag, 12. August 2006
Seit vielen Jahren gehört Martin Frei zu den bekannten deutschen Comiczeichnern mit einer großen Bandbreite an Comic-Geschichten. Zum Erscheinen seines neuen Werkes Asanghia – Der Vorleser der Vam-Pyräi beantwortete Herr Frei dem Comicblog ein paar Fragen.
CB: Superbabe, Tatort, Gregor Ka, Kurzer Prozess, MAD und nun Asanghia. Sie decken Genres wie Satire, Komik, Krimi, Science Fiction, Grusel und Fantasy ab, manchmal gibt es auch thematische Überschneidungen. Mit Asanghia findet sich ein eindeutiger Schwerpunkt, der Fantasy lautet. In Ihrem Schaffenswerk ist Fantasy eher eine Ausnahme. Wie entstand bei Ihnen der Wunsch, Asanghia ins Leben zu rufen?
Martin Frei: In meinen letzten Arbeiten hatte ich viele externe Bildquellen wie Fotos etc. zu verarbeiten, so dass der Wunsch entstand, mal etwas zu machen, dessen Formensprache komplett aus mir heraus geboren wurde. Eine fremde Fantasywelt kommt da gerade recht. Und ich wollte eine abgeschlossene Geschichte auf 46 Seiten erzählen, ohne zu textlastig zu werden. Von der Seite her kann man sagen, dass das Fantasy-Genre sehr gut für dramaturgische Verkürzungen geeignet ist, die es erlauben die Handlung schneller voranzubringen und dennoch eine interessante Story zu erzählen.
CB: Die wilden Vam-Pyräi, oder besser Vampire, sind hier die Feinde der Menschen, während Asanghia eine friedliche Angehörige dieses Volkes ist und sogar mit Menschen zusammenlebt. Das Auftreten des Fürstenhauses der Vam-Pyräi ist recht klassisch. Warum wählten Sie Vampire als Gegenpart zu den Menschen in dieser Geschichte?
Martin Frei: Das hat mit der Zugänglichkeit der Geschichte zu tun. Der Comic sollte nicht nur für Fantasyfreaks verständlich sein, sondern für jeden interessierten Leser. Unter einem Vampir kann man sich was vorstellen, der Leser hat im Verlauf der Handlung immer noch genug damit zu tun, dass bei diesem Völkchen nicht alle über einen Kamm zu scheren sind. Es gibt da genauso normale Typen, böse herrschsüchtige oder Querdenker wie unter den Menschen. Übrigens war in einer meiner ersten Kurzgeschichten („Ihre Tochter“) eine Vampirin eine Adlige aus dem französischen Rokoko.
CB: Humor ist ein wichtiger Baustein Ihrer Arbeiten. Auch in Asanghia wird so manches gewohnte Element eher auf den Kopf gestellt behandelt – der Kommandant der Sicherheitsgarde eher ein Feigling, eine der drei weisen Frauen ein wenig senil, die Menschen sind diejenigen mit den spitzen Ohren etc. Angesichts vorheriger Veröffentlichungen von Ihnen, hätten Sie gerne noch mehr Humor einfließen lassen, oder haben Sie sich eher gebremst?
Martin Frei: Asanghia sollte tatsächlich im Gegensatz zu meinem anderen realistischen Comic Gregor Ka um einiges leichter und lockerer rüberkommen, deshalb gibt es einige eher humoristisch oder schräg angelegte Charaktere. Ohne dabei in Funnywelten ala Superbabe abzutauchen. Vieles wird aber auch durch die Handlung vorgegeben. Dass eine der weisen Frauen angesichts der Situation Angstzustände bekommt, verdeutlicht ja nur, welche gefährliche Aufgabe Asanghia und ihre Gefährten zu bewältigen haben.
CB: Verschiedene Zeichentechniken ziehen sich durch Ihre Arbeit. Auf welche Art arbeiten Sie am liebsten und – ein Lieblingskind hat meist jeder – welche Veröffentlichung hat Ihnen bisher am meisten Spaß gemacht?
Martin Frei: Mein Lieblingskind ist immer das, an dem ich gerade arbeite. Abwechslung ist das Stichwort. So zieht es mich nach der Oppulenz eines 4-Farb-Fantasycomics jetzt wieder hin zum schwarzweiß. Mein nächstes Projekt wird ein Krimi sein. Aber der Spass wird hier nicht zu kurz kommen. Und ich finde dass dieses Genre- und Artworkhopping einen künstlerischen Stillstand verhindert.
CB: Mit Asanghia entstand eine völlig neue Fantasy-Welt. Das Album kann bisher nur einen kleinen Teil abbilden. Haben Sie bereits Ideen für Fortsetzungen? Wird der Leser Asanghia, Fadelloe und den kleinen Zebus wieder sehen?
Martin Frei: Asanghia ist ein abgeschlossenes Album. Den Leser erwartet also eine runde Sache, ohne auf Fortsetzungen warten zu müssen. Ein Band 2 wird es erst geben, wenn die Verkäufe und die Lizenzen ins Ausland dies nahelegen.
CB: Dann bleibt zu hoffen, dass Asanghia ein Erfolg wird. Darüber hinaus freue ich mich auf Ihr nächstes Projekt. Ich bedanke mich für dieses Interview und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und Freude an Ihrer Arbeit.
Bereits im Comicblog besprochen: Asanghia – Der Vorleser der Vam-Pyräi
Freitag, 11. August 2006
London, The Big Smoke im Volksmund, ist ein Moloch geworden. Terror von oben, Armut von unten, Irre aus der Mitte, nichts stimmt mehr im bekanntesten Königreich der Welt.
Rupert Cain war einmal ein respektables Mitglied der englischen Gesellschaft. Bis zu seinem Geburtstag, als eine Bombe sein Leben zerstörte. Wir schreiben die Zukunft. London erfüllt seine Vorurteile. Walled City, auch Soho genannt, ist endgültig ein Auffangbecken für den Bodensatz der Gesellschaft geworden. Hier ist Cain zu Hause. Für Menschen wie ihn ist es der sicherste Platz der Welt, denn der Teufel verunreinigt nicht das eigene Heim. – Außerdem ist es der einzige Flecken Erde, auf dem ein Albino wie Cain nicht schräg von der Seite gestarrt wird.
Nicht mehr viele Verbindungen existieren zu Cains altem Leben. Aber eben jene Verbindungen sind Cain heilig. Als eines Tages ein Freund aus jener Zeit umgebracht wird, die ihm aus heutiger Sicht die schönste scheint, zerbricht etwas in ihm. Cain beginnt damit, Nachforschungen anzustellen.
Der Ausblick in die Vergangenheit wird für ihn äußerst schmerzhaft. Alte Wunden werden aufgerissen.
Unabhängig von Cain nimmt das Chaos seinen Lauf. Der Vorsitzende der OPEC, Morales, ist zu Gast in Großbritannien. Das Königreich bettelt um mehr Öl, während das englische Königshaus seinen Rausch im eigenen Erbrochenen und inmitten von Huren ausschläft. Und da der Teufel Soho in Ruhe lässt, wählt er den Rest von London für seine Zwecke aus. Eine terroristische Vereinigung, die für sich das Recht in Anspruch nehmen möchte, auch schön zu sein, entführt den OPEC-Vorsitzenden. Spätestens jetzt wird aus London ein Irrenhaus.
Smoke – Good Boys Grow Up To Be Soldiers ist ein Blick in eine Zukunft, die so abwegig bei genauerer Betrachtung nicht erscheint. Die Trennung zwischen Arm und Reich ist stärker denn je. Maßstäbe von Reichtum, Macht und Schönheit bestimmen das tägliche Leben und die Schicksale der Menschen.
Die Autorin Alex de Campi nimmt in dieser Geschichte kein Blatt vor den Mund. Dieses London scheint in naher Zukunft erkennbar. Slums, wie mit Soho beschrieben, sind nicht abwegig. Der englische Königsspross ist dekadenter als alles, was sich derzeit in den europäischen Königshäusern tummelt. Butler sind englischer, als es die Queen erlauben würde – wie ein Hof-Butler einen unanständigen Antrag in vornehmes Amtsenglisch übersetzt, ist ein echter Brüller.
Damit nicht genug. De Campi setzt die Bilder einer Fasanenjagd denen eines Attentats gegenüber. Vielleicht ungewollt, vermitteln die Bilder der Jagd das Gefühl des Attentats. Der Jäger ist zuerst skeptisch, macht sich Gedanken, ob das Gewehr vielleicht sogar zu laut sei, schließlich spricht sein Gesicht Bände: Es macht ihm höllischen Spaß, als die Fasane ringsum ihn zu Boden prasseln.
Cain, der Attentäter, der diese Gefühle möglicherweise auch hegt, entschuldigt sich nach der Tat bei seinem Opfer.
London ist ein wichtiger Protagonist in diesem Szenario. Better Living Through Chemicals verspricht ein Werbeplakat. Oder Mrs. Beaton’s Ready Meals – Because Fresh Food Has Germs! – verkehrte Welt. Wo es an Öl zur Energiegewinnung fehlt, dominieren künstliche Nahrung und Chemikalien aus dem Land des größeren Verwandten USA.
Schlank- und Schönheitswahn sind schuldig daran, dass sich eine terroristische Vereinigung gebildet hat, die ihre Schönheit(schirurgie) mit Gewalt erzwingen will, da sie sich die Kosten nicht leisten können.
Ausgerechnet ein Auftragsmörder ist in dieser Geschichte die normalste und ehrlichste Figur – und bringt dies auch durch das Weiß seines Äußeren zum Ausdruck.
Für die zeichnerische Umsetzung ist Igor Kordey verantwortlich. Er war bereits in den verschiedensten erzählerischen Universen unterwegs: Star Trek, Batman/Tarzan oder X-Men. Kordey verschafft der Geschichte ein beinahe dokumentarisches Leben, arbeitet ein wenig wie ein Zeichner, der Momentaufnahmen dieser Welt abliefern musste. Sein Zeichenstil ist schnell, skizzenhaft, immer auf dem Punkt.
Das verstärkt den Blick auf dieses äußerst pessimistische Zukunftsbild.
Interessant wie unterschiedlich Kordey die beiden Hauptkiller dieser Geschichte gestaltet. Während Cain eher ein Todesengel ist, irgendwie rein in dem, was er macht, ist die Anführerin der Terroristen eine Art überzüchteter Sinéad O’Connor, ohne gesangliches Talent, dafür mit einer gehörigen Portion brutalem Durchsetzungsvermögen ausgestattet.
Persönliches Fazit: Ein sehr durchdachter, sehr gut konstruierter Thriller mit Science Fiction- und einer Menge Satire-Elementen, die eine verdammt spannende Handlung ummanteln und in perfektem Artwork präsentiert werden. 😀
Links: Alex de Campi Homepage
Donnerstag, 10. August 2006
Saindoux hat ein Problem. Die Schussverletzung in seinem Bauch wird wahrscheinlich seinen Tod bedeuten. Der gepanzerte Raum der Matroschka, der den eigentlichen Tresor enthält, weist in seiner Tür ein riesiges Loch auf. Saindoux’ Kumpane sind tot, niedergeschossen. Saindoux selbst erwartet mit einer gehörigen Portion Galgenhumor das Ende – und die Polizei. Der Kosak, ermittelnder Polizist, sterbenskrank, kennt kein Erbarmen, aber das kurze Verhör ergibt nichts.
Der als absolut einbruchssicher bekannte Tresor Matroschka wurde geplündert.
Dabei hatte es für William Saindoux doch einigermaßen gut begonnen. Gerade war er im Gefängnis, wurde entlassen, beschloss den Freitod, da erhält er einen Tritt zwischen die Beine und findet sich auf einem Treffen für heruntergekommene Verbrecher wieder. Gorgo, ein bekannter und berüchtigter Einbrecher, plant, sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen.
Dem äußerst radikalen Verbrecher scheint es daher angebracht, einige Loser anzuheuern und mit der Aussicht auf etwas Glück zu ködern. Anders gesagt, Gorgo macht ihnen ein Angebot, das sie nicht ablehnen können. William lässt sich als Hacker anwerben, er macht sich nicht einmal richtig Gedanken darüber, ob er will oder nicht, plötzlich hat er lediglich den Wunsch weiterzuleben.
Aus Angst. Und auf einmal findet er einen richtigen Freund.
Break Point 1 – Die Matroschka bildet in bester Thriller-Manier den Auftakt zu einer Geschichte, der neuere Erzähltechniken verwendet, wie der Leser sie vielleicht von Filmen wie Die üblichen Verdächtigen kennt.
Wie geschah es? so lautet die Frage. William weckt zu Beginn sicherlich keine Sympathien. Er liegt im Sterben, verflucht eigentlich alles, was geschehen ist, bis auf Alex, den er als Freund schätzen gelernt hat. Fragen durchziehen die Geschichte von Anfang bis Ende, denn die Geschichte schlüsselt sich auf in die Rahmenhandlung und die Erlebnisse, die die Charaktere in diese auswegslose Situation gebracht haben.
Die Brutalitäten, der William und die anderen Gang-Mitglieder begegnen, sind nichts Besonderes, sie sind ein Teil ihrer Welt. Wie man ihnen begegnet, so begegnen sie anderen. Beim Anblick von Toten bleiben ihre Gesichter absolut ausdruckslos.
Erfahrungen, wie sie Alex macht, sind kurzzeitige Ausreißer, die sogleich in einer Katastrophe münden. Menschen wie Alex, so die Theorie des Thrillers mit Underground-Protagonisten, verdienen keine Hoffnung und besitzen schon gar kein Recht auf etwas Liebe in ihrem Leben. Auch William stolperte über diese Erkenntnis. Was sich mit grundsätzlicher Sicherheit sagen lässt, ist, dass diese menschlichen Wesen sich im besten Fall das Leben untereinander so schwer wie möglich machen werden.
Aber trotzdem lernt der Leser, die verschiedenen Gangster, die in eine Falle Gorgos tappen, zu mögen oder wenigstens zu bemitleiden. Autor P. Saimbert außerordentlich spannend und greift die neue Krimikultur auf, die den Verbrecher wieder vermehrt in das Zentrum des Interesses rückt, setzt jedoch auch viele eigene Akzente.
Es ist bitterböser Humor, wenn ausgerechnet eine festungsähnliche Anlage zum Schutze von millionenschweren Diamanten den Namen einer putzigen kleinen, in sich verschachtelten Puppe (Matroschka) erhält. Es ist eine Tragödie, wenn eine Gruppe von Menschen einen Coup in Angriff nimmt, der zum Scheitern verurteilt ist – zumal sie allenfalls eine 50prozentige Chance vorausgesagt bekommen. Selbst Gorgo, der ihnen diese Chance wie einen Knochen vor die Nase hält, glaubt nicht an ihren Erfolg.
Die Welt im Untergrund ist tot. Die, die in ihr leben, sind nichts als lebende Leichnahme – diesen Eindruck vermittelt der Aufbau der Seiten wie auch die Farbgebung durch Busachini. Einige wenige schöne Erinnerungen bringen realistische, von der Sonne beschienene Farben in die Geschichte, oder auch eine Katze, der William ein klein wenig Liebe schenken kann, weil sie ähnlich wie er auf der Seite der Verlierer beheimatet ist.
Die Individuen, die Saimbert entwirft, werden von Zeichner Andrea Mutti sehr schön in allen Einzelheiten entworfen. Der gruseligste von ihnen, Karl, erinnert durch sein Verhalten und Aussehen an eine Art Monster von Frankenstein, schweigsam, stark, übergroß, ein Mensch, der sich durch Schweißen ablenkt.
Die Farbgebung hat diese wunderbaren milchig ausgeführten Farbtöne. Solche mit dem Pinsel ausgeführten Bilder haben inzwischen einen feinen authentischen Charakter. Das funktioniert und passt nicht immer zur Geschichte – hier allerdings, in Verbindung mit einer knallharten Gangsterstory, passt es ganz hervorragend.
Daumen rauf für eine moderne Verbrecherballade, die spannend von Anfang bis Ende ist. 😀
Wer eine Online-Version von Der Killer lesen möchte, findet mit dieser Flash-Variante eine nette Unterhaltung, spannend wie das gedruckte Original.
Weniger erwachsen, dafür mit viel, viel mehr Humor, geht es bei den mittlerweile 19 Epsioden der Webcomics von King Of Queens zu. Macher Fabian Ulrich fängt den Ulk der Reihe sehr schön in einer Art South Park trifft Doug and Carrie ein. Wem Fernseh-Wiederholungen und neue Folgen nicht genügen, findet hier etwas für die Werbepausen.
Links: Der Killer – Online-Version (in engl.), Webcomics von King Of Queens 😀
Mittwoch, 09. August 2006
Mike Donovan hat den Sklaven Long Sam wieder eingefangen. Diesen will er nun zurückbringen und an ihm ein Exempel statuieren lassen. Sein Plan stößt bei Tucker, dem Vater seiner angebeteten Harriet, auf keine Zustimmung. Tucker gefallen die Ideen des Nordens, die Abschaffung der Sklaverei nicht, doch er meint die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Diese Idee wird sich nicht aufhalten lassen. Er möchte Mike Donovan den Sklaven abkaufen, um dessen Auspeitschung zu verhindern. Mike weigert sich, und es kommt zu einem erbitterten Streit.
Die Umstände sind gegen Mike. Den wertvollen Säbel lehnt er im Tausch gegen Long Sam ab. Leider wird der Säbel zur Mordwaffe und Mike ist gezwungen, ein Leben zu führen, das er nie vorher geahnt hätte.
Mike flieht. Eben noch ein Südstaatler wird aus ihm auf der Seite der Yankees Mike Steve Blueberry. Der Krieg ist für Blueberry etwas völlig anderes als sein bisheriges Leben. Aber er ist bereit alles zu riskieren und setzt ständig alles auf eine Karte. Zwar kann Blueberry sein Leben aus den bedrohlichsten Situationen retten, doch das bedeutet nicht, dass er ein Glückskind ist.
Den Dank für die Zerstörung einer Brücke erntet ein anderer. Hinter den feindlichen Linien entgeht er zwar den Kugeln der Nordstaatler, für die er kämpft, dafür wollen ihm die Konförderierten ans Leben – eine ironische Situation, da er bei seinem Eintritt in die Nordarmee betonte, er werde nicht auf Südstaatler schießen. Sein häufiges Tauschen der Uniformen lässt ihn zwar nicht seine Loyalität vergessen, aber es wird von denjenigen, denen er Treue geschworen hat, falsch gedeutet. Eine Anklage gibt dem Verdacht zusätzliche Nahrung: Blueberry wird als Doppelagent zum Tode verurteilt.
Wieder überlebt er durch Glück und muss feststellen, dass nur der Hass auf seine Person der Auslöser für seine Befreiung war. Bis er seinen Namen endgültig – wenn auch nur teilweise – reinwaschen kann, vergeht noch einige Zeit.
Endlich erscheinen die Anfänge von Blueberry mit diesem ersten Band der Blueberry Chroniken – Die Jugend von Blueberry in einer gesammelten Ausgabe.
(Ich habe mich besonders über diese Ausgabe gefreut, da es auch ein Ausflug in vergangene Comic-Tage ist, als Blueberry hierzulande noch in Schwarzweiß Seite an Seite mit vielen anderen Helden erschien. Siehe: Mit Vollgas ins Abenteuer.)
Als Western und als Comic ist der Name Blueberry legendär. Er steht für Spannung, Abenteuer und einen außergewöhnlichen Helden, nicht immer sympathisch, nicht immer erfolgreich, sehr realistisch angelegt und im Laufe seines Comic-Lebens mit vielen aufregenden Episoden seitens seiner Macher Jean-Michel Charlier und Jean Giraud gesegnet. Charlier ist ein Comic-Autor, der sehr viel bewegt hat und an so manchem Klassiker beteiligt war, die heute immer noch Vorbildfunktion haben (Buck Danny, Mick Tangy, Der Rote Korsar). Giraud hat sich unter den Comic-Zeichnern zu einer lebenden Legende entwickelt. Als Moebius setzte er neue Maßstäbe, als Giraud zeigt er mit Blueberrys Jugendtagen noch einen anderen Zeichenstil, bodenständiger, nicht so experimentierfreudig, wie man es als Leser später von ihm geradezu gewohnt ist.
Interessant ist es, wie eine Figur, die dem Leser zuerst als gemeiner Schnösel nahe gebracht wird, einem mehr und mehr ans Herz wächst. Blueberry, oder besser Mike Donovan, entwickelt sich, nicht zuletzt, da sich in all den Miseren, die er durchlebt, plötzlich Menschen für ihn einsetzen, von denen er das nie angenommen hätte. Diesen Überraschungen stehen ebenso viele Enttäuschungen gegenüber (wenn nicht sogar mehr). Es lässt sich mit Fug und Recht behaupten, dass Charlier seinen Helden regelrecht durch die Hölle schickt und ihm nur selten eine Verschnaufpause gönnt. (Außerdem erfährt der Leser, woher Blueberry seine Boxernase hat.)
Die Kolorierung der Episoden ist mit gleich lockerem Strich geführt wie die Tuschestriche. (Es ist immer wieder faszinierend, wie einige wirklich simple Striche von Giraud umfassende Bilder ergeben.) Die Farben sind eindringlich gewählt, mal erdig, mal grell, immer der jeweiligen Stimmung angepasst und treffend.
Was eigentlich ein Ausflug in die Comic-Geschichte ist, kann sich mit aktuellen Produktionen jederzeit messen – man könnte auch sagen, aktuelle Produktionen müssen sich immer noch an diesen Werken messen lassen. Wer Western zugeneigt ist (oder wenigstens starkes Interesse an Comics hat), kommt an dieser Werkausgabe, die mit gut aufbereiteten zusätzlichen Informationen über Charlier, Giraud und den amerikanischen Bürgerkrieg angereichert ist, nicht vorbei. 😀
Bereits berichtet: Blueberry 42 – Der Schlächter von Cincinnati
Samstag, 05. August 2006
Kim harrt seit zwei Monaten mit ihren neuen Weggefährten Inge, Mai Lan und Hector in einem kleinen Versteck aus. Bisher haben sie den Aufbruch nicht gewagt, da Hectors Bein noch nicht verheilt war. Doch inzwischen plagt alle die Ungeduld, besonders Hector hält es nicht mehr länger aus. Er will seine alte Bewegungsfreiheit wieder haben. Zu den Wünschen nach ein wenig Zivilisation kommen die Eifersüchteleien einer heranwachsenden Mai Lan.
In der Nacht wird Kim gerufen. Die Fluss-Mantrisse, jene merkwürdige Intelligenz, die für alle Beteiligten ein riesiges Rätsel darstellt, zieht Kim beinahe magisch an. Doch entgegen sonstigen Erfahrungen reagiert diese Mantrisse plötzlich sehr ungewohnt. Und es ist nicht das einzige Ungewöhnliche, was Kim geschieht. Sie macht eine Begegnung, wie sie noch niemals zuvor ein Mensch gemacht hat. Wieder lüften sich weitere Geheimnisse um die Mantrisse.
Die Überraschungen reißen nicht ab. Nach langer Zeit begegnet Kim Alexa wieder, der Frau, die Kims Schicksal in der Kindheit eine völlig neue Richtung gab.
Viele Fragen werden beantwortet und ein großer Kreis schließt sich.
Betelgeuze 5 – Der Andere schließt einen großen Kreis, der mit der fünfteiligen Reihe Aldebaran begann. Die Geschichte ist auf leise Art phantastisch, sie benötigt keine großen Knalleffekte oder wahnsinnige Action. Aldebaran und Betelgeuze bestechen durch ihre tolle Weltenbeschreibung, die zuerst der Erde nicht unähnlich ist. Je mehr der Leser allerdings in diese Welten eindringt, umso mehr Details von Fauna und Flora zeigen sich, die so gar nichts mit der Erde gemein haben. Der Trick: Was zuerst so einfach wirkt, entpuppt sich als komplexes Konstrukt mit einem lange vorher gesponnenen Faden. (Einen ähnlich dichten Faden kenne ich nur von Serien wie Babylon 5.)
Autor und Zeichner Leo hat sich mit dieser insgesamt zehnbändigen Saga um die Kolonisierung des Weltraums durch die Menschheit bereits einen sehr guten Namen gemacht im literarischen Bereich der Comics.
Leo ist hierzulande außerdem noch bekannt durch die Reihe Kenya, einem Ausflug in Lovecraftsche Welten auf der guten alten Erde der 40er Jahre.
Eine weitere Zusammenarbeit mit dem Autor Rodolphe findet sich mit der kleinen Western-Reihe Trent. In gewohnt zerbrechlich wirkendem Stil wird hier ein Abschnitt aus dem Leben eines kanadischen Mounties erzählt. Wildnis, Western, Abenteuer, Krimi und Romantik, all das findet sich in dieser Erzählung und Leo stellt hier unter Beweis, dass er auch reale Themen hervorragend umzusetzen weiß.
Betelgeuze beschreibt das Erwachsenwerden von einigen wenigen Charakteren im Einzelnen und von der Menschheit in seiner Gesamtheit. Es verfolgt eine gewisse Philosophie, die in der Science Fiction nicht selten ist, aber zu der sich immer wieder neue Ansätze finden. (Einer der bekanntesten Ansätze dürfte wohl 2001: Odyssee im Weltraum von Arthur. C. Clarke sein.)
Kim geht einen ähnlichen Weg, wie es bereits Alexa tat, deren Leben sich durch den Kontakt mit der außerirdischen Lebensform Mantrisse weit über das normale Maß hinaus verlängerte. Kim empfängt ebenfalls die Kapseln der Mantrisse, kommuniziert mit ihr, erfährt neue Blickwinkel und durch ihre geistige Reife erlangt sie eigentlich, bei genauerer Betrachtung, eine neue evolutionäre Stufe. Ein Zustand, der ohne den Aufbruch zu den Sternen nie erreicht worden wäre.
Die ruhige Erzählweise von Betelgeuze, die Neugier der Hauptpersonen, die sich auf den Leser überträgt, daraus entsteht eine unwiderstehliche Spannung.
Leo setzt nicht auf Effekte, er setzt auf Größe und auf Rätsel. Die Größe zeigt sich einerseits in Form der Mantrisse, die in Betelgeuze in zwei verschiedenen Erscheinungsformen auftritt. Einerseits ist es die Optik, wie die Lebensformen sich zeigen, andererseits ist es das Erscheinen der Mantrissen, mal zart, mal gigantisch, zuweilen auch gewalttätig, primitiv, dann intellektuell haushoch überlegen.
Betelgeuze 5 – Der Andere löst sehr viele Rätsel auf, zur Zufriedenheit des Lesers natürlich, aber es verbleiben auch noch Fragen – weshalb eine Folgereihe namens Antares bereits angekündigt ist.
Für den Leser bedeutet dies keinen Nachteil, denn jede Reihe ist in sich abgeschlossen. Allerdings gehört diese Form der Science Fiction für mich zur süchtig machenden Variante, bei der ich einfach immer wissen möchte, wie es weitergeht.
Beide Daumen rauf für ein echtes Juwel in Sachen Comic und SciFi. 😀
Freitag, 04. August 2006
Blue Eyes. Blaue Augen, sie wecken Vertrauen, sie wecken Begehrlichkeiten. Ein Mann begegnet einer alten Liebe. Aufs Neue verfällt er der Frau, die er nie vergessen konnte. Es wird die letzte Begegnung seines Lebens.
Auch Marv ist wieder zurück. Rächend, teilweise sehr schweigsam, immer dem Alkohol zugeneigt, brutal und doch mit einem Herz aus Gold versehen. Wie in der Vergangenheit scheint er weiterhin nahezu schmerzempfindlich zu sein. Er fliegt durch Scheiben und steckt Fleischwunden so einfach weg wie einen Mückenstich.
Dwight ist im Gegensatz zu Marv ein Mann, auf den die Frauen fliegen. Als ein Freund anruft, ist Dwight sofort zur Stelle. Allerdings sind auch Killer zugegen – und eine Frau befindet sich in Not. Dieser Mischung kann Dwight nicht widerstehen. Leider finden sich Gelegenheiten zu einem Stelldichein recht selten, wenn Killer hartnäckig hinter einem her sind.
Sin City 6 – Bräute, Bier und blaue Bohnen ist ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Zu meiner Freude (und hoffentlich auch der anderer Leser) ist Marv wieder dabei, die Figur, die Sin City wohl am besten verkörpert. Er ist ein einsamer Charakter, respektiert von denen, die ihn etwas kennen, ohne wirkliche Freunde, mit Nerven aus Stahl und irgendwie stets auf der Suche nach ein wenig Liebe. Er kann es nicht leiden, wenn Schwächere leiden, solche, die sich wehren können. Als er miterleben muss, wie ein Obdachloser von Jugendlichen zum Spaß gequält wird, gibt Marv ihnen ihre eigene Medizin zu schlucken.
Zwar ist es ein Konzept von Auge um Auge, Zahn um Zahn, aber Miller wendet es wegen des zwielichtigen Charakters von Marv mit großem Geschick an. Herausragend ist eine Geschichte, die beinahe vollkommen ohne Text auskommt: Stille Nacht. Miller nutzt hier (fast nur) ganzseitige Bilder, um diese Kurzgeschichte zu erzählen. Eindrucksvoll schaut es aus, wenn Marv durch das Schneetreiben stapft, sein Gesicht in einer Nahansicht gezeigt wird. Diese Bilder sind kleine, handwerklich sehr gut ausgeführte, Kunstwerke, die durch ihre Schattierungen eine tolle Wirkung erzielen. – Aber Marv gehört wahrscheinlich mit seinen markigen und leicht erkennbaren Gesichtszügen zweifellos zu Millers Lieblingsfiguren. (Reine Spekulation. Sollte es nicht so sein, wäre es schwer begreifbar, warum er der Figur soviel Aufmerksamkeit geschenkt hat.)
Nicht weniger gelungen sind die Geschichten um Blue Eyes. Eine Frau, die tötet (oder auch mordet), kennen die Leser bereits mit den Mädchen, die ihren Stadtteil selber schützen, insbesondere Miho, die dafür ein großes Talent entwickelt hat. Blue Eyes ist anders. Sie mordet für Geld, im Auftrag. Der Leser begegnet der jungen Frau, als sie ihre Abschlussprüfung ablegt.
Im Gegensatz zu Marv, der immer ein bißchen brummelig an solche Angelegenheiten herangeht (und auch ohne Geld derlei Aufgaben erledigt), zieht Blue Eyes ein gewisses sexuelles Verlangen aus ihrer Arbeit. Sex and Crime liegen im Auftritt von Blue Eyes wirklich eng beieinander. Erfreulicherweise hat Miller für einen ihrer Auftritte wieder einmal die gruselige Sammlung von Dinosaurier-Statuen gewählt. Daraus hat Miller für den Betrachter einige sehr schöne stimmungsvolle Bilder gezaubert.
Wer die Bösen mag, kann sich auf den Auftritt von Mr. Klump und Mr. Shlubb freuen. Die in Sin City mit den Spitznamen behafteten Killer namens Fat Man und Little Boy gehen hier einmal mehr auf gewohnt geschwätzige Art ihrer Arbeit nach. Die Episode ist zwar recht kurz – aber Miller zeigt hier mit seinem Talent, dass sie nicht länger sein muss. Hinzu kommt, dass sie die einzige Episode ist, die als Komödie angelegt ist.
Zu einer scherzhaften Pointe ist Miller noch bei anderen Geschichten aufgelegt. Nicht zuletzt, wenn er dem Leser die wahre Liebe von Dwights Unbekannter mit dem roten Lippenstift zeigt.
Der Leser wird mit einer der Geschichten auch eine Mini-Episode aus der ersten Verfilmung entdecken. Der Kunde hat immer Recht hat Dank seines Szenarios etwas von einem Bond-Film. Eine einsame Frau auf einer Terrasse, ein elegant gekleideter Mann, der nicht umhin kann, die Frau im Abendkleid auf direkte und trotzdem charmante Art anzuflirten. Der breitschultrige Mann mit der Zigarette könnte wirklich die Doppelnull zum Vorbild gehabt haben. Leider hat er nicht Art des britischen Agenten, mit Frauen umzugehen: Auch eine Form von Miller, mit Humor umzugehen.
Die Kurzgeschichten schließen Lücken im bisherigen Lebenslauf manches Sin City Charakters, aber sie bieten auch neue Sichtwinkel und nicht weniger Spannung als die langen Erzählungen, die Miller mit den Vorläuferbänden schrieb. Eine Cover-Galerie rundet den Band im Anschluss ab, der den Endspurt von Millers Sin City Saga einleitet: Wer einen Miller mag, der auf hemingwayschen Krimispuren wandelt, wird mit dieser prallen Sammlung von Kurzgeschichten bestens unterhalten. 😀
Harrison Banks erreicht sein neues Zuhause, ein Hochsicherheitsgefängnis in der Polarregion. Niemand entkommt aus dem steinernen Würfel. Sollte es doch jemandem gelingen, erwarten ihn draußen die tödliche Kälte und gewaltige Jäger in Form von Eisbären. Banks fügt sich in sein Schicksal, eine andere Wahl bleibt ihm nicht. Entrechtet und namenlos, mit einer Nummer versehen, auf die er zu hören hat und wie alle anderen mit einem Sprechverbot belegt, übernimmt er die Aufgaben, die ihm zugeteilt werden, ohne zu murren.
Banks erträgt sein Schicksal mit einer stoischen Gelassenheit. – Sein Verhalten wäre anders, wüsste er, wie sein Doppelgänger in der Zwischenzeit sein Leben auf Golden City genießt. Allerdings weiß er auch nicht, dass seine ihm unbekannten Widersacher ihn immer noch umbringen wollen. Bald findet der erste Anschlag auf sein Leben statt, den er noch als Unfall interpretiert.
Banks hat eigentlich keine Chance. Das weiß er auch, und er steht kurz davor diese Tatsache zu akzeptieren und folgenschwer zu resignieren. Da erhält das Gefängnis keinen ungewohnten, so doch ungewöhnlichen Besuch: Schwester Lea. Die Frau ist stets im Einsatz für die Benachteiligten, die Armen und Kranken. Sie ist die Frau, die Banks möglicherweise glauben könnte, da sie und er gemeinsame Erinnerungen haben, die Banks’ Doppelgänger unmöglich wissen kann. Banks setzt alles auf eine Karte, die letzte, die er noch hat. – Aber, wird das ausreichen?
Golden City 3 – Polarnacht bietet dem Leser einen neuen geografischen Schwerpunkt. Diesmal geht die erzählerische Reise in die Arktis. Alle Beteiligten geben die Unwirtlichkeit dieses Fleckens Erde mit stimmungsvoller Handlung und entsprechend atmosphärischen Bildern wieder.
Autor Daniel Pecqueur treibt die Spannung auf verschiedenen Ebenen voran. Im Vordergrund steht das Gefängnis, welches es mit seiner Tristesse mit ähnlichen Schilderungen der jüngeren Vergangenheit aufnehmen kann (z. B. Fortress – Die Festung, Homero). Pecqueurs Gefängnis ist ein sauberer und doch grausam unmenschlicher Ort. Häftlinge werden zu Nummern, zu Arbeitssklaven ohne das Recht zu sprechen. Ihr Arbeitsumfeld, die Tiefen der arktischen See, könnte gefährlicher und lebensfeindlicher kaum sein.
Für die Fortsetzung von Golden City haben sich Pecqueur und Zeichner Nicolas Malfin ein außerirdisches Ambiente gewählt. Anders lässt sich diese Region der Erde nicht beschreiben, denn dieser Ort bietet dem Menschen keine Gelegenheit, ohne Hilfsmittel zu überleben. Das Besondere sind die Aussichten für den Leser. Malfin fängt die Weite und Leere der Arktis, die erdrückende Schwere der Tiefsee mit scheinbar leichter Hand ein. Selten war eine Science Fiction Episode allein durch ihr Umfeld so düster.
Die Technik, die einen Menschen an diesem Ort am Leben erhält, muss sehr ausgereift sein. Malfin stellt diese Maschinen und Anzüge sehr anschaulich und realistisch dar. Neben den technischen Aspekten legt diese Comic-Produktion auch sehr viel wert auf eine aussagekräftige Architektur. Diese Sammlung von Einzelheiten schafft so unter dem Strich ein vielschichtiges Bild einer nicht unmöglichen Zukunft der Erde.
In diesem Band setzen sich zwei kleine Ausflüge in die Vergangenheit deutlich von der normalen Erzählweise ab. Malfin und seine Kollegen Pierre Schelle und Stéphane Rosa, die für die Farbgebung zuständig sind, haben dafür eine rotgoldene Grundstimmung gewählt. Während die erste geschilderte Erinnerung tatsächlich ein goldenes Zeitalter einleitete (nämlich den Bau von Golden City selbst), entführt die zweite Erinnerung in die Kindheit von Banks. Die gezeigten, geradezu verträumten, Landschaften stehen in starkem Kontrast zu jeglichem sonstigen Szenario in Golden City. Hier findet sich der erste Moment, dem keine Künstlichkeit anhaftet – und in dem Banks in Kindertagen eine Bekanntschaft machte, der es später auch tatsächlich an jedweder Habsucht fehlt.
Der vorliegende Band endet mit einem wirklich gemein spannenden Cliffhanger. Insgesamt hält der dritte Band von Golden City seinen Spannungsbogen aufrecht und das Schicksal von Harrison Banks ist so ungewiss wie nie zuvor. Auch dank ihrer Atmosphäre ist die Reihe für mich eine der besten Science Fiction Serien der letzten Zeit. 😀