Dienstag, 19. Juni 2012
Die Macht. Die Suprahierophantin will sie und mit List und Tücke gelingt ihr der Aufstieg an die Spitze. Ist das Feld erst geräumt, lässt sie keinen Zweifel mehr an ihren Ambitionen. Nur einer ist ihr noch im Weg: Showman Killer. Dieser ist als Aufpasser eines Säuglings in eine ungewöhnliche Rolle geschlüpft, die er selbst nicht so recht begreifen mag. Seltsamerweise wird der übermächtige Auftragsmörder gerade durch die selbst auferlegte Fürsorge für ein Kleinkind an den Rand seiner Fähigkeiten getrieben. Verletzungen nimmt er in Kauf, doch ist er nun seinerseits verstärkt auf Hilfe angewiesen. Unbemerkt verändert sich der Charakter des Showman Killers. Aus dem Mörder ohne Gnade wird mehr und mehr ein Beschützer, dessen Mitgefühl immer weiter wächst.
Alejandro Jodorowsky parodiert sich selbst. Gerade im Bereich der märchenhaften Geschichten und SciFi-Abenteuer geht Jodorowsky mit einer unglaublichen Fantasieexplosion zu Werke. Der Incal ist da nur ein kleines Beispiel dieser scheinbar grenzenlosen Kreativität. Wer diese oder andere Erzählungen von ihm kennt, auch jenen Meta-Baron, bisher die Inkarnation des perfekten Killers schlechthin, wird sich fragen, wie Jodorowsky diesen (seinen eigenen) Helden noch übertreffen will. Er versucht es gar nicht erst. Dafür übersteigert er sich ins Absurde, lässt jegliche erzählerische Grenze fallen und vermischt am Ende sogar Traum und Realität.
Der Mörder und das Baby. Diese Konstellation ist so ungewöhnlich nicht. Schon häufiger musste ein grantiger Mann ein Kind beschützen, mal als Cop, aber auch als Killer. Auch dieses Kind, auf das der Showman Killer aufzupassen gezwungen ist, rührt eine Seite in dem Mörder an, die er vorher nicht kannte. So weit, so normal. Nur ist der Showman Killer kein normaler Mörder, geschweige denn ein normaler Mann. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten, die ihn insbesondere im Kampf unbezwingbar machen, kommen auch bei der Aufzucht des ihm anvertrauten Jungen ins Spiel, wenn er für die Ernährung des Kindes sorgen soll.
Daraus entstehen aberwitzige Situationen, die für einen Mann, der sich den Ruhm eines der besten Auftragsmörder des Universums auf die Fahne geschrieben hat, geradezu abgrundtief erniedrigend sind. Und für den Leser werden aus derlei Situationen dank der Fertigkeiten eines Künstlers wie Fructus witzige Bilder, die zum Schmunzeln oder auch Lachen anregen. Der Zeichner, der mit starker Schwermetalloptik arbeitet, nicht kleckert, sondern klotzt und die Möglichkeiten der digitalen Malerei konsequent nutzt und ausschöpft, kann sich auch in der zweiten Folge in Breitwandbildern ebenso wie in Detailaufnahmen austoben.
Details finden sich wie bereits durch das Titelbild ausdrucksstark angekündigt in den Figuren wie der Suprahierophantin oder auch dem kleinen Wesen an der Seite des Herrschers, der eines der unschuldigsten Wesen der Welt zur Vorlage aufgreift: das weiße Robbenbaby. Daneben hat Fructus alle Hände voll zu tun. Seien es die Anspielungen auf einen Todesstern und eine Dyson-Sphäre, die Parodien auf Auseinandersetzungen eines Meta-Barons (obwohl dies nicht einfach zu übertreffen ist) oder Bildwelten, die von einem H.R. Giger erdacht worden sein könnten. Stets sind die Bilder durch ihren kräftigen Malstrich wuchtig, prall zu nennen.
Die Farbpalette bleibt eher kühl mit blauen, braunen, grünlichen Tönen. Rosa strahlt manchmal die Haut, rot und gelb blitzen Explosionen und Geschützfeuer hervor. Manchen Bildern von Fructus haftet eine leichte Unschärfe an, die gerade in Massenszenen oder bombastisch anmutenden, sehr großen Bildern nicht auftritt. Charakteristisch hierfür sind die Biorobopter (kein Schreibfehler), die optisch an einen gigantischen Mechanofloh erinnern.
Alejandro Jodorowsky und Fructus lassen es weiterhin krachen. Doch die Verwicklungen von Showman Killer in eine intergalaktische Krise, in der zum Beschützer des goldenen Kindes wird, sorgen für mehr Tiefe, viel Spannung und kaum weniger Humor. Allerdings dies nicht selten pechschwarz. 🙂
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Eine alte, auch verseuchte Welt. Die ersten Eindrücke des Fotografen schwanken zwischen Faszination und Ekel. Die Gläubigen baden im Ganges, einem Fluss, in dem Wasser noch das geringste Element zu sein scheint. Aus England kommend, der ehemaligen Kolonialmacht, schießt Mircea seine ersten Fotos, deren Motive wie eine Aussicht in lebendige Vergangenheit anmuten. Aber auch hier ist die Moderne angekommen. Rinder lassen sich kostenlos fotografieren, jede Aufnahme eines meditierenden Yogis ist für ein paar Rupien zu haben. Fotos sind nicht der eigentliche Grund für Mirceas Aufenthalt in Indien. Er ist hier verabredet, doch bevor er sein Ziel an der Seite eines der vielen Stadtführer erreichen kann, ereilt ihn mit einem terroristischen Anschlag die brutale Realität.
Die Bestien in der Nacht: Benares, am Ufer des mächtigen Ganges gelegen, ist eine Stadt, die selbst in dieser Neuzeit Legenden nährt. Eine Stadt, die anders ist, geheimnisvoller, alt, verwittert. Eine Stadt, die sich der Neuzeit unterschwellig verweigert. Auch eine Stadt, die mit der Zeit gehen will und ihre Geheimnisse, so sie denn der Wahrheit entsprechen, lieber für sich behält und der Öffentlichkeit das erzählt, was sie hören will. Was möglicherweise das Beste ist. Georges Bess taucht mit Der Vampir von Benares in das Indien ein, das auf westliche Beobachter bei aller Problematik immer noch exotisch wirkt. Bess hat sich durch eine Vielzahl von Zusammenarbeiten mit Alejandro Jodorowsky auch mit dem Phantastischen befassen können. In dieser Geschichte beweist er, dass er keinen Szenaristen benötigt, um den Leser zu fesseln.
Es beginnt realistisch. Ein Mann gerät wegen seiner kriminellen Machenschaften in Schwierigkeiten, wird zusammengeschlagen und wie Abfall entsorgt. Seiner Kleidung beraubt erwacht er, umringt von einer Horde aggressiver Affen. Der Mann will leben. Das erste angreifende Tier tötet er und trinkt das Blut des Affenmännchen in einem wahnhaften Anfall. Würde die Geschichte in dieser Weise weiterverfolgt, bliebe es ein solider Thriller. In der Vorgehensweise von Georges Bess wird eine vielschichtige Geschichte daraus, die sich mit dem Land und seinen Eigenheiten beschäftigt, sorgsam mit mysteriösen Elementen gewürzt ist (deren Gewichtung immer mehr steigt) und grafisch mit einer tollen Bildkomposition überzeugt.
Georges Bess ist ein realistischer Zeichner, gleichzeitig aber auch dem Minimalismus zugeneigt. Kleinste Striche, auch starke Schattenflächen sorgen in einer skizzenhaften Technik für Ausdruck und Form. Bess trifft die Gesichter seiner Figuren auf das Feinste und scheut auch nicht Ansätze der Karikatur. Wer die Handlung verfolgt, wird auf einen Charakter stoßen, dessen Äußeres dem Autor Salman Rushdie entlehnt ist. (Und Rushdie dürfte nicht der einzige sein, der hier ein reales Vorbild hat.) Bess reist mit dem Auftakt der kleinen Reihe in eine vergangene, nicht nur geografisch betrachtet ferne Welt. Apparaturen wie moderne Kameras, Mobiltelefone oder Laptops sind vor der Kulisse eines verfallenen Benares Fremdkörper.
In diese Wildheit hinein entsteht Der Vampir von Benares, eigentlich ein Mensch, innerlich jedoch ein wildes Tier, unmenschlich und doch bei aller Gewalt in seiner Gestalt auch etwas lächerlich. Denn der Vampir ist nicht nur nackt unterwegs, seine Statur, mager, ausgezehrt, ist alles andere als bedrohlich wirkend. Bess spielt mit der Erwartungshaltung des Lesers, auch der Mythen und modernen Erzählungen zum Thema, in denen die Vampire immer schöner, ätherischer anzuschauen wurden. Georges Bess, der künstlerisch bei den Traditionalisten einzuordnen ist, einem frühen Jean Giraud, einem Christian Rossi oder auch einem Derib, bildet mit dem Blick eines Dokumentarzeichners ab.
Mit diesem Blick erfasst er die Menschen ebenso scharf wie die Kulissen, die angesichts alter Tempelanlagen, dem leicht verruchten Ambiente, über das ein Indiana Jones sich gefreut hätte. Sobald das Phantastische in der Geschichte immer mehr die Oberhand gewinnt, wird es so wie jedes andere Element der Handlung angenommen.
Eine meisterliche Erzählung aus der Feder eines Comic-Veteranen. Eine gelungene Ortswahl, exotisches Flair, eine mystische und abenteuerliche Atmosphäre, Grusel und sogar blanker Horror machen aus der Geschichte von Georges Bess einen ungewöhnlichen Thriller. Nicht nur für Fans unheimlicher Comics. 🙂
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Freitag, 15. Juni 2012
Superman war nicht da. Er war weg, bei seiner neuen alten Heimat. Davor vielleicht rettete er eine Stadt, ein Land, eine Welt, welche auch immer, doch als diese eine Frau nach ihm rief, weil sie dachte, er sei der einzige, der ihren Mann retten könne, da war Superman nicht da. Dieser Vorwurf, vorgebracht während eines Interviews, gibt dem Stählernen zu denken und zwar mehr, als ihm lieb ist. Ein kleines Foto eines Mannes, den er nie gekannt hat und für den er der Lebensretter hätte sein können, bewegt den Sohn Kryptons zu einer Wanderung durch die Vereinigten Staaten. Superman geht mit offenen Augen und offenem Supergehör und erfährt das Volk, das ihn einst aufgenommen hat, völlig neu.
J. Michael Straczynski, ein Medienautor aus Film, Fernsehen und Comic, hat sein Handwerk sozusagen von der Pike auf gelernt. Im Bereich Comic ist der Autor, der SciFi-Fans insbesondere durch Babylon 5 bekannt wurde und Comic-Fans durch Spider-Man, nun bei einer weiteren Ikone des Comic-Universums angelangt. Superman kümmert sich. Nachdem der Leser das sehr schöne Titelbild des ersten Bands von Auf Erden bewundern konnte (Christopher Reeve wird immer der beste Superman bleiben), steigt er in eine ungewöhnliche Handlung ein, die genau das vermissen lässt (weitgehend jedenfalls), was die Normalsterblichen ihrem Superman vorwerfen. Nicht mehr Supergangster sind es, mit denen sich Supie beschäftigt, sondern der normale amerikanische Bürger rückt ins Zentrum des Geschehens.
Zwar gehend und konsequent zu Fuß, durchstreift Superman sein Amerika, nicht ganz so wie ein Forrest Gump, doch schaut er hinter die Fassaden, lässt sich auf Gefühle ein und gerät doch in alte Fahrwasser. J. Michael Straczynski beschreibt einen Helden, der nicht gerade von seinen alten Fehler, so doch von alten Vorwürfen eingeholt. Ähnlich ist er als Autor mit seinen Superhelden in Rising Stars verfahren. Im Kampf mächtig und unverdrossen wird der Held bei J. Michael Straczynski machtlos gegen Intrigen, die Medien, vor allem, da kleinste bis riesengroße Desaster die Vorurteile schnell zu Gewissheiten werden lassen. Superman ist zeitweise eine traurige Figur, die stets das Gute will und doch auch Böses hinterlässt.
Das Konzept hat diverse Comic-Figuren, auch ganze Universen ergriffen, ist fast schon ein moderner Umgang mit jenen Kreaturen, die immer menschlicher wurden. Heldentum beförderte den Zwiespalt zwischen Bewunderung, Neid und Anfeindung. Eddy Barrows, Hauptzeichner der hier abgebildeten Episoden, gestaltet einen sehr jung wirkenden Superman, jugendlich, der gegenüber dem ernsten Auftreten eines Batman fast schon wie ein Superboy wirkt. Neben einer sportlichen Gestalt ist das Gesicht des Stählernen ein starker Anziehungspunkt in diesem Band.
Selten sah Superman so traurig aus, spiegelt er derart viel Verzweiflung, Machtlosigkeit, weniger Zorn (den es jedoch auch gibt), dafür mehr Erkenntnis, die äußerst bitter ausfällt. Auf phantastische Eindrücke muss der Comic-Fan bei aller Menschlichkeit Supermans nicht verzichten. Im Gegenteil, auch J. Michael Straczynski muss klar gewesen sein, dass ohne eine Spur von Supergegnern eine Superman-Geschichte nicht auskommen kann. Entsprechend knallend und krachend fallen diese Begegnungen aus. Neben einer sehr feinen Tuschearbeit ist hierbei vor allem die intensive Kolorierung hervorzuheben.
Eine schöne Neubegegnung oder auch Wiederentdeckung einer Comic-Figur, die sich darauf vorbereitet, die Leinwand ebenfalls neu zu erobern. Ein sehr einfühlsamer Superman, der einsehen muss, dass bei all dem großen Ganzen auch einmal die Einzelheiten ins Auge gefasst und beachtet werden müssen. 🙂
Mittwoch, 13. Juni 2012
Wer hätte gedacht, dass ein Schlächter wie Rasputin einst unter die Knute einer Menschenfrau geraten würde, unnachgiebiger und gnadenloser als er selbst. Emily mag keine Menschen. Sie hasst sie. In Rasputin, dem wieder unter die Lebenden Zurückgekehrten, findet sie ein perfektes Werkzeug für ihren Rachefeldzug, der sich einfach ohne Unterschied gegen jeden richtet. Canardo, der sich soeben noch als harter Brocken aufspielte, wird plötzlich ganz klein mit Hut. Bis er seine Angst im Griff hat, die völlig berechtigt ist, sieht er dem Tod noch auf andere Art ins Auge. Als er dann seiner persönlichen Schreckenskreatur, Rasputin, gegenüber tritt, stehen sich zwei ebenbürtige Feinde gegenüber.
Traurig und böse. Lässt Sokal mit Saat des Schreckens, der ersten Geschichte in diesem Sammelband, noch einen traurigen Unterton mitschwingen, sind die beiden folgenden Abenteuer von Canardo, betitelt mit Weiße Vögel sterben leise und Der weiße Cadillac, mit schwärzestem Humor erzählt.
Rasputin ist wieder da. Aber er wirkt auch weniger aggressiv, zurückhaltender. Seine Gehemmtheit ist angesichts der Wendungen der Geschichte, einer neuen Gefährtin, gar nicht einmal ungewöhnlich. Denn Emily ist eine Besonderheit. Ihre Fähigkeiten ermöglichen es ihr, andere Menschen zu beeinflussen. Diese Stärke lässt selbst einen Rasputin zurückschrecken und Angst empfinden, aber auch Zuneigung und Liebe, denn Emily ist zugleich eine höchst verletzliche Person, die unter ihren Fähigkeiten leidet, die sie Zeit ihres Lebens zur Außenseiterin verurteilt haben.
In Saat des Schreckens stellt Sokal Frauen in eine wichtige Rolle. Nicht immer sind sie im Zentrum des Geschehens, aber ihre Taten besitzen an wichtigen Punkten eine bestimmte Aussagekraft. Ob es nun Emily ist oder die junge Frau, die an der Grenze zurückbleiben muss. Oder jene Carmen, die einfach nur auf die Silhouette eines Mannes schießt, weil Krieg ist und er einfach da stand. Sokal lässt sich ohne Wenn und Aber auf schwarze Gedanken ein. Über eine Hommage an die Schwarze Serie Hollywoods ist er hier weit hinaus, denn gerade in der zweiten und dritten Episode des vorliegenden Sammelbandes werden der Wahnsinn totalitärer Regime und Krieg zu beherrschenden Themen.
Weiße Vögel sterben leise. Allein der Titel, sicherlich auch mit unterschwelligem Humor formuliert, ist rätselhaft, aber auch im Rückblick auf die Geschichte traurig. Ein Staat, unter der Knute von wer weiß wem (in einem im Bürgerkrieg versunkenen Land, in dem es müßig ist, sich den Namen des jeweiligen Präsidenten zu merken), wird zum Schauplatz einer Exkursion zu einer legendären Stätte, wo es die weißen Vögel geben soll. Jene Tiere, die niemals landen, immer in den Aufwinden treiben, sind eine Legende und wahrscheinlich die einzige gute Legende, die dieses Land noch zu bieten hat. Canardo gerät in Situationen, in dem ihm seine Sprüche manchesmal im Halse stecken bleiben.
Sokal zeichnet in diesen drei Abenteuern bereits wesentlich genauer, geradliniger, kaum noch skizzenhaft präsentiert er seine tierischen Figuren mit spitzer Feder und gibt insbesondere tragischen Gestalten ein besonderes Format und optische Schwere. Das Spiel mit den Anspielungen, den Symbolen liegt Sokal ganz einfach. So wirkt zum Beispiel Der weiße Cadillac wie ein außerirdisches Fahrzeug, pompös, immer fehl am Platz, ein Stück fahrende Zivilisation und Kultur, die dem vom Krieg erschütterten Land in jeder Sekunde mehr abgeht.
Diesem titelgebenden Fahrzeug widmet Sokal eine spezielle Aufmerksamkeit, stellt er es doch gerne kontrastreich in Positur, vor einen kahlen Wohnblock oder einen uralten Traktor. Und er lässt Canardo schließlich auch merken, welches Zeichen er damit in seiner Umgebung setzt. Vielleicht kleben ihm am Ende auch zu viele schlechte Erinnerungen an diesem Wagen.
Drei sehr feine Erzählungen, insbesondere mit den beiden letzten Episoden des vorliegenden Sammelbandes, immer noch mit schwarzem Humor, aber auch sehr melancholisch und einem Canardo, der (man muss ihn nicht in jeder Situation mögen) auch hinter das Geschehen zurücktreten kann. Intensiv, manchmal bedrückend. 🙂
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Montag, 11. Juni 2012
Serge Lapointe war mal wer. Zumindest hatte er sich einen Namen in Horrorfilmen gemacht, doch selbst diese für ihn große Zeit dämmert nun dahin. Das Selbstbewusstsein hat sich verabschiedet, Zigaretten und Alkohol, gekaufter Sex und die letzten russischen Fans halten Serge ein wenig aufrecht. Die Horrorfilm-Convention geht langsam vorüber und als Serge erwacht, aus dem Fenster sieht, dem Alptraum ins Auge blickt, dem er mit auf die Kinoleinwand verhalf, hilft zuerst nur der Griff zum Mobiltelefon. Doch sein Agent ist weit weg in den USA. Das Leben, eben noch kaum etwas mehr wert, erscheint nun doch erhaltenswürdig. Die Vorstellung, lebendig gefressen zu werden, ist nicht verlockend. Selbst für einen Horrorfilmdarsteller, der gerade noch an Lebensverdruss krankte, nicht.
Wie alles begann. Mit Zombiefilmen. Jemand drehte Horrorfilme über menschenfressende Untote. Da sollte es doch nur eine Frage der Zeit sein, bis die Wirklichkeit das Kintopp einholt. Olivier Peru beschreibt hier die Vorgeschichte der Reihe Zombies. Im Gegensatz zu anderen Horrorgestalten waren die Untoten dieser besonderen Art stets mehr im Hier und Jetzt, war der Horror eher blank und ohne Zauber. Seit einiger Zeit findet auch eine kleine Vermischung von Fiktion und Realität statt. In Tagebuchform oder einem dokumentarischen Stil wird von der Apokalypse erzählt. Hier ist es ein Schauspieler, der sich ausgerechnet zu einer Horror-Convention in Sankt Petersburg befindet und dort den Beginn der Seuche erleben muss.
Es ist ein Zusammenbruch, wie ihn der Genre-Fan kennt, aber Olivier Peru hat sich als Autor herausgestellt, der seine Genres nicht nur kennt, sondern auch mit ihnen zu spielen versteht. So ist es nicht nur ein Schauspieler, der sich mit dieser Katastrophe auseinandersetzt. Auch ein junger Filmemacher sinniert im Vorfeld über das Thema und wie er es angehen würde. Radikal sind die Maßnahmen der Behörden und der Armee gegen diesen untoten Feind. Radikal sind auch die Ansichten, die es dank Lucio Alberto Leoni zu sehen gibt.
Vollkommen in ABC-Schutzkleidung verpackt, rücken die Soldaten gegen die Zombies und solche, die kurz davor stehen, welche zu werden, vor. Es ufert zu einer mitleidlosen Vernichtung aus. Gegen Ende steht der Run auf das letzte zur Verfügung stehende Flugzeug für jene Überlebenden, die sich gegen ihre Mitmenschen durchsetzen können. Das ist optisch wie erzählerisch ein Blick in den absoluten Zusammenbruch, wie ihn der Film so noch nicht gezeigt hat (es wäre zu aufwendig für derlei Genreproduktionen) und bislang nur der Roman ähnliches zu Papier brachte.
Die Flucht: Kein Vertrauen auf irgendwen, einzig das eigene Leben zählt noch. Kurzfristige Allianzen werden früh beendet. Untote oder Militärs, manchmal auch schlicht Unglücke setzen einer Flucht ein schnelles Ende. In der einen oder anderen Szene wird der Genre-Fan vielleicht auch eine Ähnlichkeit zu Werken von Romero erkennen (was sicherlich auf die gesamte Geschichte zutrifft, gemeint sind hier jedoch Details). Lucio Alberto Leoni zeichnet mit sehr sauberen Linien. Der notwendige Realismus trifft auf jeder Seite ins Schwarze. Rund zehn, manchmal zwölf Bilder auf einer Seite schaffen ein dichtes Szenario, filmisch arrangiert, zuweilen mit harter Optik und völlig ohne Humor gezeigt und erzählt (nicht einmal schwarzer Humor ist hier zu finden).
Dunkel, dunkler, abgrundtief finster: Das Ende, die Vorgeschichte zur Zombies-Reihe gerät fast noch ausdrucksstärker als die eigentliche Serie. Für Horror-Fans im Medium Comic genau die richtige Lektüre, eindringlich illustriert von Lucio Alberto Leoni. 🙂
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Mittwoch, 06. Juni 2012
Die Pikten wirken wie einfache wilde Krieger, die nichts von Taktik verstehen. In Wahrheit wissen sie sich sehr gut gegen ihre Feinde, die Wikinger zu erwehren. Bald schon, nach einem ersten Geplänkel, schlagen sie los. Der Angriff ist schnell und forsch. In der Überraschung liegt ihr erster Vorteil, in ihrer Gnadenlosigkeit und ihrem Todesmut findet sich schließlich ihr Garant zum Sieg. Gwenc’hlan und sein Schüler Taran finden sich alsbald in Freiheit wieder. Ihre Aufgabe indes ist noch lange nicht erfüllt. In Wahrheit wird es für die beiden Druiden noch viel gefährlicher werden als jemals zuvor.
Druiden in der neuen Welt? Autor Thierry Jigourel geht dieser Frage gleich im Vorwort auf den Grund. Schließlich handelt es sich doch um eine realistische (wenn auch phantastische) Geschichte und nicht um Asterix (dessen Amerika-Aufenthalt er scherzhaft ins Felde führt). Moderne Feldarchäologie hat mit den Mitteln der Fortbewegung jener Zeit bestätigt, dass eine Reise über das Meer mit dem Ziel, wie es hier gezeigt wird, möglich gewesen wäre. Und was möglich ist …
Der sechste Band der Reihe schließt den ersten Zyklus ab. Der Titel Dämmerung bildet den Abschluss einer Auseinandersetzung zwischen dem alten und neuen Glauben, zwischen Druiden und Kirche. Feuer und Schwert sind die Mittel der Auseinandersetzung. Gnadenlos geht die Kirche mit ihren römischen Soldaten gegen die Druiden vor. Verhandlungen, friedliche Koexistenz sind keine Optionen mehr. Sehr drastisch schildern Jean-Luc Istin und Thierry Jigourel die Kämpfe, an deren Ende nur die Ausrottung einer Partei stehen kann.
Wikinger gegen Pikten. Beide sind durch Unterhaltungsromane und Filme mit historischen Themen reichlich bekannt und für ihre Gnadenlosigkeit berüchtigt. Istin und Jigourel lassen diese beiden Volksstämme aufeinander prallen und enthüllen damit einen weiteren Abschnitt in der bisher langen Reise des Druiden Gwenc’hlan und seines Schülers Taran. Sind dies zu Beginn von Dämmerung eher gewaltreiche Abschnitte, erhält die Reise durch die Sequenz auf dem Schiff und die Passage durch das Nordmeer ein viel höheres und auch faszinierendes Gewicht.
Denn Jacques Lamontagne, der sich bislang in diesem Zyklus als Zauberer in Sachen Form und Farbe herausgestellt hat, kreiert neben der übrigen Begebenheiten dieses Abenteuers aus den Szenen im ewigen Eis etwas ganz Besonderes. Das Titelbild, Tarans Auseinandersetzung mit einem gewaltigen Eisbären, gibt schon einen Hinweis auf diese zentrale Szene der Eismeerreise. Leider fällt die Szene auch kurz aus, da Istin und Jigourel nicht nur den Standort des Szenarios wechseln, sondern auch die losen Enden der Handlungen zusammenführen. Schließlich muss noch der Intrigant hinter den Geschehnissen vor den Vorhang treten.
Ein besonderes Finale erfordert einen besonderen Ort. Optisch in das wilde Land von Jacques Lamontagne entführt, findet der Showdown an einem heiligen Ort statt, der einer natürlichen Kathedrale ähnelt, aber in seiner Gestaltung an eine kultische Totenstätte erinnert. Regen und Nässe sind in dieser Szenerie, die von weiteren, auch gruselig anmutenden Abschlüssen durchbrochen wird, fast spürbar. Dank Jacques Lamontagnes Gespür für Atmosphäre und großartiger Illustrationsfähigkeit gerät das Ende des Abenteuers überaus düster und schickt gleichzeitig noch eine Ankündigung auf den neuen Zyklus voraus.
Ein selbst für diese bemerkenswerte Reihe weiterer Höhepunkt. Dicht erzählt, grandios, fast filmisch illustriert von Jacques Lamontagne, bildet der sechste Teil die bisherige Spitze der Reihe aus Abenteuer und Historienkrimi. Für Fans von Abenteuern mit historischem Ambiente ein absoluter Tipp. Die Kenntnis der ersten Bände ist allerdings ein Muss. 🙂
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Sonntag, 03. Juni 2012
Ein Comic über Krebs? Geht das? Darf man das? Der Comic als Ausdrucksform zu diesem sehr ernsten, schweren Thema funktioniert aus dem Erfahrungsschatz der Autorin und Zeichnerin Marisa Acocella Marchetto sehr gut. Plötzlich ist da ein Schmerz im Arm, wird ein Knoten in der Brust ertastet. Stoßgebete helfen nichts. Der Knoten verschwindet nicht von selbst. Marisa Acocella Marchetto nimmt die Leserin, den Leser von Anfang an bei der Hand, beantwortet Fragen, die sie selbst hatte. Wie ist der Ablauf der Diagnose, der Behandlung, der Heilung? Eine emotionale Achterbahnfahrt durch Marchettos Leben, die mitnimmt, auch zwischendurch aufmuntert, sogar Mut macht. Denn wie Marchetto ihr Comic-Ich dem Tod ins Gesicht schnauzen lässt: Ich tret dir in den Arsch …
Ein ganz normales Leben bis zur Diagnose. Plötzlich und auch langsam nehmen die Veränderungen immer mehr Platz ein. Wirre und klare Gedanken wechseln einander ab. Die junge Frau dieser wahren Geschichte gerät vom Leben einer Frau auf der Suche nach einem Platz, Jobs, einer Partnerschaft, Freundschaften plötzlich in eine Enge, die aus der Diagnose heraus entsteht. Gerade noch dachte sie, sie habe alles im Griff. Dann verändert sie sich, wird ängstlicher, forscht nach, holt weitere Ärztemeinungen ein. Was kann getan werden? Die Freunde wissen etwas. Sie wissen viel und nichts. Sie kennen jemanden mit Erfahrung. Die Mutter greift wieder in das Leben ein, nervt mit Ratschlägen und wird doch dankbar gebraucht.
Brustkrebs. Die Diagnose bedeutet nicht gleich das Ende des Lebens. Es gibt Chancen, auch das Leben will weitergelebt werden und es will auch, dass darum gekämpft wird. Marisa Acocella Marchetto lässt die Tücken in der Behandlung, im eigenen Umfeld außen vor und vergisst auch nicht das mangelhafte Versicherungssystem in den USA, in dem eine Krankenversicherung für den Einzelnen beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Marchetto beschreibt auch eine Frau voller Fragen, die nur natürlich sind in dieser Situation. Sie beschreibt aber auch ein Umfeld voller kurioser, wie auch naheliegender Vermutungen.
Woher kommt der Krebs? Liegt es an den ganzen Hühnern, die man sein Leben lang isst? Samt der ganzen Hormone, die man mit zu sich nimmt? Was ist mit der Hormonbelastung durch die Pille? Wie schädlich ist Mammographie? Chemotherapien und Bestrahlungen sollen den Krebs bekämpfen, schädigen aber auch den Rest des Körpers. Was sich hier durchweg ernst, auch düster liest, wird von Marisa Acocella Marchetto zeitweilig auch mit Humor berichtet. Galgenhumor, schwarzer Humor, auch solcher, den der Leser vielleicht eher in einer Sitcom vermuten würde und leichter, sehr menschlicher Humor, mit dem nicht nur erzählt wird, die Erzählerin auch ein Stück Sicherheit für sich selbst in ihrer Situation schafft.
Leichte Grafik. Dem sehr ernsten Thema setzt Marisa Acocella Marchetto leicht skizzierte, auch bonbonbunte Bilder gegenüber, deren Seitenaufbau stets variiert. Marchetto arbeitet manchmal sehr klein, stilisiert, abstrakt, in gewissem Sinne in Popart. Sie zeichnet das Leben, die Träume und Alpträume, dringt mit ihren Zeichnungen in Gedanken vor, entblößt die Bedeutungen hinter Gesprächen und entblättert Wunschvorstellungen. Da sind die Linien etwas krumm, krakelig, locker flockig dahin gezeichnet. Zeitweilig fühlte ich mich an die alte Zeichentrickserie Es war einmal der Mensch erinnert. Nicht ganz so rund sind Marchettos Figuren, aber sicherlich auch mit einer gewissen Knuffigkeit, die das Thema mit dem gleichen Humor der Erzählung etwas enternsten.
Marisa Acocella Marchetto weiß, wovon sie spricht und zeichnet. Sie selbst stellte sich in den Mittelpunkt des Comics und all den Erlebnissen und zeichnete ihren Krankheitsverlauf auf. Sie konnte den Kampf gegen den Krebs gewinnen (keine überraschende Neuigkeit, da sie schließlich diesen Comic über ihre Erfahrungen gemacht) und gibt so ihre Erfahrungen weiter. Außerdem fließt ein Teil der Einnahmen, die über den Verkauf von Cancer Woman zustande kommen, in einen Fond, der Mammographien zur Früherkennung von Brustkrebs finanziert.
Nah dran am Leben, warmherzig beschrieben, heiter, mitunter eindringlich im Cartoonstil gezeichnet, ohne dem Thema den nötigen Ernst zu entziehen. Sehr informativ, ohne plakativ oder respektlos zu sein, kein Wunder, da die Autorin über sich selbst schreibt, nichts beschönigt und anscheinend wenig verschweigt. Sehr gut. 🙂
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Freitag, 01. Juni 2012
Dara Brighton hat den Kampf gegen den Beherrscher der Erde für sich entschieden. Ein Triumph bleibt ihr trotzdem verwehrt. Denn Malia, die letzte, noch verbliebene Göttin und Beherrscherin der Luft, zieht mit einem Trick ins Feld. Während Malia in Manhattan vor die Weltöffentlichkeit tritt und Spekulationen über die wahnwitzigen Aufnahmen, die in den letzten Tagen über die Kanäle gingen, ein Ende bereitet, müssen Dara und ihre Freunde einen Weg finden, um aus Mexiko in die USA zu kommen. In höchster Not gelingt ihnen die Kaperung eines kleinen Flugzeugs. Aber die amerikanische Luftwaffe ist nicht gewillt, die Frau mit dem Schwert einfach so gewähren zu lassen.
Luft. Eine überaus starke Macht, nicht weniger beeindruckend als die vorherigen Naturgewalten, die von den vier Göttergeschwistern beherrscht wurden. In der Gestalt einer attraktiven jungen Frau schwingt sich der letzte Feind von Dara Brighton in die Lüfte, bereit zum finalen Kampf, nachdem sie sich nun in der Position wähnt, das Duell für sich zu entscheiden.
Finale. Bei der vierten und abschließenden Folge von Das Schwert dürfte es sich um eine der spannendsten Finalfolgen handeln, die ich bislang lesen durfte. Schrieben und zeichneten die Gebrüder Luna mit den bisherigen drei Folgen schon Geschichten, die nur mit den Worten drastisch und dramatisch tituliert werden konnten, ist der letzte Kampf der Hauptfigur Dara Brighton mit der über die Luft gebietenden Malia nicht nur ein Höhepunkt des Fantasy-Comics, vielmehr des gesamten Genres. Man gewinnt den Eindruck, dass die Gebrüder Luna sich selbst keine Grenzen auferlegt haben. Ein Paradebeispiel hierfür ist der wirklich spektakuläre Ritt auf einem Harrier-Jagdflugzeug (den nicht einmal Eliza Dushku in True Lies hinbekommen hat).
Das Schwert ist häufiger eine zentrale Waffe in Mythen, in Comics, Filmen oder Romanen. Abgesehen vom sehr bekannten Excalibur ist das Schwert, eine spezielle Waffe, wie in diesem Fall, aber selten von solcher Bedeutung. Die Gebrüder Luna haben keine Schmuckwaffe entworfen, sondern in der Tat ein Werkzeug, das nur für den Zweck des Tötens geschaffen worden ist. Ein stabiler Griff, ein breiter Klingeneinsatz, eine lange Klinge mit leicht geschwungenem Blatt. Optisch ist es keine Waffe, die man in der Hand einer jungen Frau vermuten würde. Als Nahkampfwaffe und Instrument für grauenhafte Wunden wird es hier auch für Schockeffekte verwendet, die selbst in der sehr klaren, fast kühlen Optik treffen.
Aber diese Effekte stehen hinter der sehr abwechslungsreichen und voller Wendungen steckenden Handlung zurück. Allein die Findigkeit der Beteiligten, von A nach B zu kommen, obwohl ihnen die Mittel fehlen, ist für Überraschungen gut. Die Art und Weise, die Vergangenheit aller Hauptfiguren zu beleuchten, schafft die nötige Tiefe, bietet Erklärungen und sorgt in der letzten Folge für einen sehr großen Aha-Effekt. Dieser wird jedoch durch den Abschluss der Handlung übertroffen. Selten gingen Comic-Macher so gnadenlos mit ihrer Hauptfigur um und folgen doch der bisher aufgebauten Logik mit aller Konsequenz.
Ein Spiel mit den Medien. Falls ein Gott (auch ein Superheld oder eben ein Bösewicht, der einen Guten nur mimt) vorhaben sollte, eine wie auch immer geartete Machtergreifung (weltweit natürlich) durchzuführen, muss er vor allem eines hinter sich wissen, nämlich die Medien. Jedem scheint die Macht der verschiedenen Medientypen bewusst zu sein (insbesondere immer noch dem Fernsehen), aber in den seltensten Fällen gibt es eine sympathische Sicht auf die Medien, die in solchen Geschichten meist nur sensationslüsternen Journalismus abliefern. Hier wird diese gängige Darstellung noch durch den Live-Auftritt von Malia übertroffen. Sie bietet sich als rettender Engel an.
Ein wenig wie Schach. Mit Gewalt allein, auch nicht nur mit Mut ist der Gegner diesmal nicht zu besiegen. Aus einem leibhaftigen Duell wird so zeitweise ein Machtspiel, ein Psychoduell, bis die vierte Folge in einen wuchtigen Abschluss übergeht.
Ein im wahrsten Sinne des Wortes gigantisches Finale, ohne Übertreibung furios inszeniert, mit ungeheuer viel Gefühl, Respekt und Mitleid vor der Hauptfigur, aber letztlich auch ohne Gnade. Ein echter Hammer. 🙂
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Montag, 28. Mai 2012
Der Pfeil trifft. Lupine beweist ihre Fertigkeiten mit Pfeil und Bogen, doch messen will sich mit ihr trotzdem keiner. Die Jungen lassen das Mädchen reden und ziehen von dannen. Im Sieg über ein Mädchen liegt keine Ehre, in der Niederlage erst recht nicht. Warum also ein Risiko eingehen? Allein streift Lupine über den Strand, so wie sie oft alleine umher wandert, seit ihr Vater Thorgal auf der Suche nach dem Bruder aufgebrochen ist. Am Strand findet sie ein Stück ungewöhnliches Metall und gerät sogleich in Streit mit einem Jungen aus dem Dorf, Mischa, der sie nicht leiden kann. Zu seinem Unglück hat Mischa nicht mit Lupines Drang gerechnet, sich nicht bestehlen lassen zu wollen.
Die Tochter von Thorgal ist nicht nur ein Wildfang. Sie vermisst ihren Vater. Die Mutter kann die Kleine nicht bändigen und eckt einmal mehr im Dorf an, wo sie ohne die Verteidigung Thorgals mehr geduldet als wirklich gemocht sind. Neugier und Tatendrang treiben Lupine an. Sie will ebenso gut mit Pfeil und Bogen umgehen wie die Jungen, vielleicht sogar besser. Sie vertritt ihre Meinung und legt sich auch mit jedem an, der ihre Ansichten von Anstand und Ehre nicht teilt, mit Kindern und Erwachsenen. Als Mischa, ein Junge aus dem Dorf, der ihr sowieso nicht wohl gesonnen ist, zusammen mit anderen eine Wölfin in einer Grube zu Tode quälen will, greift Lupine ein und gerät dabei selbst in Lebensgefahr.
Ein weiteres Kapitel aus der Welt von Thorgal. An der Seite Lupines werden neue Kapitel aufgeschlagen und eine mystische Welt aufgebaut. Autor Yann legt die Geschichte so an, dass selbst Leser ohne Vorkenntnisse der langen Serie mit Leichtigkeit in dieses Comic-Universum einsteigen können. Lupine ist auf ihre Art sehr emanzipiert, fast schon ein kleiner weiblicher Mowgli mit ihrer Fähigkeit, die Wölfe verstehen zu können. Aus dieser Fähigkeit entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft, die allein schon tragend genug gewesen wäre, aber überleitet in einen noch phantastischeren Teil der Handlung.
Roman Surzhenko, Zeichner, arbeitet stilistisch klassisch realistisch, wie ein später Jean Giraud in seinen letzten Arbeiten zu Blueberry oder ein Derib (Buddy Longway), der aber kräftiger, intuitiver arbeitet. Surzhenkos Arbeiten sind zerbrechlicher und erzielen durch ihre viel kräftigere Kolorierung eine stärkere Wirkung, ein größeres Volumen und mehr Tiefe. Die genaue Planung der Seiten, die anhand der vielen Fertigungsskizzen im Anhang sehr schön veranschaulicht wird, mündet in eine Fantasy-Geschichte, in der besonders die titelgebende Figur der Lupine durch ihren besonders sorgsamen Entwurf begeistert.
Optisch, von der Handlung natürlich festgelegt, lässt sich der erste Band des Ablegerabenteuers in zwei Bereiche teilen. Die eigentliche Heimat Lupines, die Gegend um das Dorf, ist der erste Teil, die mythische Umgebung, eine Art Paradies ist der andere. Sind die Wälder und Landschaften in Lupines Zuhause möglichst naturgetreu gestaltet, wird der zweite Teil glorifiziert, göttlich strahlend gezeigt. Ist der erste Bereich schmutzig, kalt, auch düster, ist das Licht auf der anderen Seite am Tage golden und selbst die Nächte besitzen eine andere Dunkelheit, eher phosphoreszierend als von einem Mond erhellt.
Stimmungsvoll, märchenhaft erzählt und gestaltet, steht schließlich auch ein Kind im Mittelpunkt der Handlung. Yann, der sich besonders in lustigen Szenarien hervortat, beweist seine erzählerische Bandbreite und sein Einfühlungsvermögen in ein nicht von ihm geschaffenes Comic-Universum. Roman Surzhenko gibt als Zeichner einen stilsicheren und technisch einwandfreien Einstand. Schön. 🙂
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Donnerstag, 24. Mai 2012
Das Leben im Luxus ist für Cixi eine Selbstverständlichkeit. Jemand wie sie darf gar nicht anders leben. Jedenfalls ist sie der Überzeugung, wie geschaffen für die Frau an der Seite von Thanos zu sein. Dieses Leben hat jedoch auch seine Schattenseiten. Denn für Thanos ist sie nur eine von vielen. Wenn sie seine Charakterzüge nicht teilt, ist sie verloren. Wenn sie das Leben anderer nicht ebenso gering schätzt wie er, ist ihres verwirkt. Den ersten Beweis, den sie für ihre Treue erbringen muss, die Tötung eines Menschen, liefert sie an der Seite von Thanos ab, gleichzeitig zerbricht etwas in ihr. Obwohl sie es sich zunächst nicht eingestehen will.
Ein Trost ist ihr die Stadt zu Füßen des Palastes. Immerhin kann sie wieder in der Umgebung sein, die sie liebte. Nur ist diese Stadt nicht mehr so, wie sie die Straßen, Gassen und Geschäfte wie auch die Bevölkerung in Erinnerung behalten hat. Langsam reift in Cixi ein Entschluss, etwas zu unternehmen. Doch wie geht man gegen einen Feind vor, dem Allmacht gegeben zu sein scheint?
Christophe Arleston lüftet im zweiten Teil um das Geheimnis von Cixi, wie die junge Frau nicht nur einen Sinneswandel durchlebt, sondern auch, wie sie ihren ganz eigenen Weg findet (wie sie das immer macht), um die Situation (halbwegs) unter Kontrolle zu bekommen. Die Dichte dieser Geschichte, die Verwebung von Action-Elementen mit der charakterlichen Entwicklung von Cixi (die Arleston später wieder etwas zurückdrängt), macht richtig Spaß. Denn gleichzeitig gibt Arleston dem Leser neue Seiten der Welt Troy zur Entdeckung preis, Kleinigkeiten, aber auch solche, den Gesamtrahmen beleuchten.
Spieglein, Spieglein an der Wand. Ein Spiegel weist Cixi den Weg. Das andere Ich dort auf der glänzenden Fläche nimmt kein Blatt vor den Mund, kennt das Innerste des sich spiegelnden Originals und, ob es Cixi schmeckt oder nicht, im Zwiegespräch entstehen Ideen zu einer, wenn auch kleinen Rebellion. Natürlich nimmt Arleston auch wieder kleine Anleihen bei anderen Genre-Publikationen vor. Wer die Gladiatorenszene im Verlauf der Handlung entdeckt und mit entsprechenden Interesse an SciFi und Fantasy ausgestattet ist, wird die Vorlage sogleich erkennen.
Olivier Vatine schafft mit seinen Bildern eine Mischung aus römischer Dekadenz, Weltuntergangsstimmung, Magie und Monstern. Zwischendurch gestaltet er aberwitzige Szenen, die von sehr feinem Humor sind. Der Leser darf sich einmal mehr auf die Trolle von Troy freuen, immer für Überraschungen gut, immer unberechenbar, selbst in Szenen, wie sie hier gezeigt werden. Mit seinen exakten, klaren Linien, die stets so ausschauen, als zeichnete ein anderer Künstler das jeweilige Bild mit mehr Strichen, beweist Olivier Vatine seine großartige Abstraktionsfähigkeit.
Mehr noch. Einfallsreich erschafft er neue Wesen (wie Cixis Römp, das der Leser schon in der ersten Folge von Cixis Geheimnis bestaunen durfte). Manchmal verniedlicht er seine Figuren, um kurz darauf mit sehr realistischen Außenszenen zu überraschen, Landschaftsansichten, die asiatisch inspiriert sind oder Stadtansichten, bei denen das Herz von Fantasy-Rollenspielern aufgehen muss.
Nach einem sehr schönen Finale, auch Dank der Kolorierung von Fred Besson, heißt es für den Leser wieder Warten. Doch zuvor kann noch einmal auf Entdeckungsreise gegangen werden, denn dank der durch die Bilder entstandenen starken Atmosphäre verliert diese (wie auch die vorherige) Episode nach der Lektüre nichts von ihrer Anziehungskraft.
Ein sehr feines Fantasy-Spektakel, nicht ganz ernst, aber immer spannend. Sehr schön von Olivier Vatine und Fred Besson gestaltet. Die Vorkenntnis von Teil 1 (Band 9 der Reihe) ist wünschenswert. 🙂
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