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Comic Blog


Mittwoch, 11. Juli 2012

Driver For The Dead

Filed under: Horror — Michael um 19:43

Driver For The DeadDas Kind ist besessen. Die Eltern hätten das Kindermädchen nicht entlassen dürfen. Im tiefen Süden kann die Rache fürchterlich sein. Meist steht sie in keinem Verhältnis zur begangenen Tat. Hier ist es letztlich nur eine Kränkung. Der Junge weiß von alldem nichts. Er siecht in seinem Bett vor sich hin, während seine Eltern krank vor Sorge sind und einen Heiler rufen, ihre letzte Hoffnung, nachdem alles andere nichts geholfen hat. Moses Freeman ist ein über die Jahrzehnte erfahrener Mann. Er hat vieles gesehen, kaum etwas kann ihm noch etwas vormachen. Für den simplen Zauber hat er das passende Gegenmittel parat. Aber auch Meister ihres Fachs sind nicht vor Selbstüberschätzung gefeit und so läuft etwas gewaltig schief.

Der Süden der USA, voller Geheimnisse, Sümpfe und Alligatoren, teuflischer Rituale und Hinterwäldler. Einige Autoren haben diesen verwunschenen Süden für sich entdeckt. True Blood, die Fernsehserie, lebt von diesen Grundgedanken, Angel Heart ebenso, Comics wie Poison Ivy starten in dieser scheinbar von Gott verlassenen Gegend. Hier begegnet der Leser Moses Freeman, der optisch an Morgan Freeman erinnert, einem Heiler, der gleichzeitig eine Szene heraufbeschwört, die einem Szenario wie Der Exorzist alle Ehre machen würde. Leider ist dies auch zugleich das Ende von Moses Freeman. Wo der Heiler sein Ende findet, startet Alabaster Graves, der Driver For The Dead.

Die Geschichte verbindet nicht nur die allzeit sehr beliebten Horrorfiguren und Mythen: Vampire, Zombies, Werwölfe, Voodoo, schwarze Magie und Exorzismus. Sie fügt auch noch den Mythos des Drivers hinzu, des Alleingängers, der auch auf einem PS-starken Muscle-Car sitzt und seine Probleme regelt. Alabaster Graves ist der Fahrer der Toten, bringt sie zu ihrer letzten Ruhestätte und sorgt dafür, dass sie heil dort ankommen. In einer hinter der Oberfläche magischen Welt ist ein Leichnam wie Moses Freeman ein gefundenes Fressen für jene, die ihre Macht vergrößern wollen. Und das ist nicht einmal so dahin gesagt.

John Heffernan ist dem Interview im Anhang des Comics zufolge dem Zeichner Leonardo Manco nie begegnet. Erst ein Online-Chat brachte die beiden kurz virtuell zusammen. Obwohl keine enge Zusammenarbeit stattfand, Heffernan seine Arbeit ablieferte und Manco seine aufsetzte, die Koloristen Kinson Loh und Jerry Choo das Projekt vollendeten, ist ein dreiteiliger, hier in einem Band zusammengefasster, Horrorthriller entstanden, der aus einem Guss erstellt wirkt. Darüber hinaus ist die Umsetzung insgesamt filmisch, von Kino und Fernsehen inspiriert und von einer optischen Brillanz, die selbst grafikverwöhnte Comic-Leser umhauen kann.

Heffernan und Manco schicken einen Helden ins Rennen, äußerlich eine Mischung aus Bruce Willis und Arnie, in einem schwarzen Leichenwagen mit dem Namen Black Betty. Hier wird optisch wie erzählerisch mit Klischees gespielt, sie werden bestätigt, aber auch umgekrempelt. Mal verläuft es für Graves allzu leicht, dann wieder beißt er sich die Zähne aus. Sein Gegner, eine untote Version eines Outlaws, aus verschiedenen Leichenteilen zusammengesetzt, ist wie alles andere auch realistisch gezeichnet und fast schon fotografisch koloriert. Hier wurde aus entsprechenden Programmen viel herausgeholt, aber auch nur gerade so viel, dass weiterhin ein gemäldeartiger Charakter der Bilder vorhanden bleibt.

So dürften die Horrorkreaturen in ihrer jeweiligen gestalterischen Ausführung zu den schönsten gehören, die der Horrorcomic zu bieten hat. Wer als Horrorfan diverse Entstehungsdokumentationen zu Publikationen solcher Art verfolgt hat, weiß wie viel Arbeit darin stecken kann. Hier ist jede einzelne Arbeitsstunde zu sehen. Dabei wird nie über das Ziel hinausgeschossen. Die Vampire sind eher klassisch geraten, der Werwolf schließt sich Kreationen an, wie sie aus Underworld her bekannt sind, nur die Untoten könnten zuvor einen Abstecher in die Sadomaso-Szene unternommen haben. In ihrer Gefräßigkeit stehen sie ihren weniger gestylten Kollegen aber in nichts nach. Styling findet sich besonders im Leichenwagen wieder, ein böses Geschoss, wie es seit Death Proof so nicht mehr zu sehen war.

Über fehlende Action kann sich der Genre-Fan nicht beklagen. John Heffernan schaukelt die Handlung immer weiter nach oben und findet stets noch ein Spannungssteinchen, das er obenauf setzen kann. Als Kenner der Materie spielt er sogar mit den allseits beliebten Sith-Blitzen, hier in magischer und vergleichsweise zerstörerischerer Form.

Ein Horrorknaller, das lässt sich kaum anders sagen. Grafisch wurde herausragend gearbeitet und Gruselkino im Comicformat geschaffen. John Heffernan lässt dem Leser kaum Zeit zum Luftholen, die grafischen Künstler, die Koloristen insbesondere, liefern einen Comic mit Vorbildcharakter für das Genre ab. Top! 🙂

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Dienstag, 10. Juli 2012

The Walking Dead 15

Filed under: Horror — Michael um 10:49

The Walking Dead 15 - Dein Wille gescheheDein Wille geschehe. Was nun? Wohin geht es? Nach den Ereignissen der letzten Zeit, interner Streitigkeiten, Kämpfe gegen Untote, Schwierigkeiten beider Gruppen, die nur sehr verhalten zusammenwachsen, ist es für alle Beteiligten schwer, neuen Halt und eine Richtung für das Leben zu finden. Normalität ist schon lange kein Ziel mehr. Sicherheit hat oberste Priorität. Die Sicherheit der Siedlung muss gewährleistet sein. In dieser Sicherheit jedoch, auf die bislang alles ausgerichtet war, stellt sich die Frage, was es da noch gibt. Kann der einzige Zeitvertreib darin bestehen, zu trainieren, wie man am besten einen Zombie endgültig erledigt?

Und was ist mit all den Sünden, die fast jeder auf sein Gewissen geladen hat auf dieser langen Reise bis in diese kleine Siedlung, die wie die letzte Bastion der Menschheit erscheint? Mit all den Dingen, die man tat, den Menschen, die man verlor? Mit den Menschen, um die man bangt? So wie Rick Grimes, der ehemalige Polizist, dass sein Sohn die Schussverletzung am Kopf überlebt und aus dem Koma erwacht. Rick grämt sich so sehr und wähnt sich so allein in seinen Ängsten, Sorgen und Zweifeln, dass er am Telefon, das schon lange nicht mehr funktioniert, mit seiner verstorbenen Frau spricht. Der Wahnsinn klopft an die Tür. Er meldet sich in dieser von den Untoten regierten Welt nicht zum ersten Mal. Und bestimmt nicht zum letzten Mal.

Robert Kirkman lässt eine trügerische Ruhe einkehren. Die Untoten sind zu einer standardisierten Bedrohung geworden, einschätzbar wie Raubtiere. Die Menschen verabschieden sich von ihren Lieben und begraben ihre Toten. Und plötzlich gibt es viel mehr Zeit zum Nachdenken als sonst. Horror gibt es in der 15. Episode der Erfolgsserie The Walking Dead, die es mit ähnlichem Erfolg sogar auf den Fernsehschirm geschafft hat. Die Ernsthaftigkeit, mit der das Thema von Robert Kirkman angegangen wurde und immer noch wird, der Einsatz von realen Problemen vor dem völligen Niedergang der Zivilisation, macht den Reiz dieser Geschichte aus. In dieser Ruhephase, die allerdings für alle Charaktere nur eine mäßige Erholung bringt, erkennen die Figuren ihre eigene, innere Zerstörung.

Die psychische Aushöhlung, weitaus mehr als nur ein Burnout, lässt sich nicht therapieren, reparieren, zukleistern oder sonstwie wieder herrichten. Rick Grimes, die Hauptfigur, die stets aufs Neue zum Anführer wurde (obwohl sie nicht danach verlangte), stellt fest, dass sie bereits vor langem selbst gestorben ist. Gäbe es nicht den Sohn, für den der Vater weiterleben muss, hätte er sich längst verabschiedet. Diese Schlussfolgerung legt Kirkman dem Leser nahe und vor den neuen Problemen, die so langsam offen und versteckt aus den seelischen Abgründen an die Oberfläche gelangen, ist Rick Grimes nur allzu gut zu verstehen.

So ist die vorliegende Episode mehr ein inneres Drama, mit gewalttätigen Auswüchsen gegen Untote, aber auch zwischenmenschlich. Der Druck, die Belastung, zu einer aussterbenden Spezies zu gehören, walzt einfach viele zivilisatorische Bedenken nieder. Von Charlie Adlard, dem Zeichner, der sich nicht in vielen Action-Szenen äußern kann, hängt bei der Darstellung der gezeigten Gefühle viel ab. Da die Serie weiterhin in Grautönen präsentiert wird, ist auch ein Rückzug auf farbliche Mittel und Eindrücke nicht möglich. Der Fall von Schatten, die Haltung eines Kopfes, der Ausdruck von Augen und Mündern gibt sehr guten Aufschluss über das, was Kirkman zwischen den Zeilen erzählen will.

Der Niedergang der Zivilisation am Tiefpunkt. War Überleben das oberste Ziel, stellt sich nun die Frage, was nun weiterhin geschehen soll. Welchen Sinn das Überleben überhaupt noch macht. Man darf gespannt sein, wie Kirkman und Adlard ihre Helden aus diesem tiefen Tal herausführen werden. 🙂

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Montag, 09. Juli 2012

Der rote Falke 9 – Die schwarze Witwe

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:40

Der rote Falke 9 - Die schwarze WitweHaltet die Diebe! Der Ruf verhallt in der Nacht. Ariane de Troil, soeben Mutter geworden, kann sich, kraftlos wie sie ist, nicht mehr auf den Beinen halten. Von ihrer Hebamme gestützt muss sie den entfliehenden Ganoven, die ihren neugeborenen Sohn stahlen, machtlos hinterherschauen. Aus der Verzweiflung wächst Entschlossenheit. Ariane will nicht aufgeben. Ihr ist durchaus bewusst, wie schwierig sie es haben wird, ihren Sohn wiederzufinden. Einigen in den Reihen der Mächtigen ist das Geheimnis der Vaterschaft des Kindes bekannt und diese Personen werden alles daran setzen, Ariane das Kind auf immer zu entziehen.

Hass, Intrigen und Hochmut, Gier nach der absoluten Macht treiben die Drahtzieher im Hintergrund an. Selten halten sie selbst den Kopf hin. Falls doch, sind sie entweder zu jung oder zu dumm, um es besser zu wissen. Ariane trifft auch auf Gegner, die mit ihr die Klinge kreuzen wollen, im Glauben, Ariane verstünde nicht mit dem Degen umzugehen. Ein törichter Fehler, wie es sich bald erweisen wird. Leider ist es auch einer der wenigen Fehler, die der scheinbar allmächtige Feind im Hintergrund begeht.

Patrick Cothias beschreibt das Leid einer Mutter, die kaum eine Möglichkeit hat, sich gegen ihre Feinde durchzusetzen. Ariane de Troil gibt nicht auf, doch gewinnen kann sie wahrscheinlich nicht. Wer kann das sagen? Schließlich ist die Serie noch nicht an ihrem Ende angelangt. Andererseits beschreibt Cothias die Feinde Arianes von unglaublicher Selbstsicherheit durchdrungen, einem Gefühl, das weit über die normale Arroganz jener adeligen Kaste hinausgeht. Marco Venanzi zeichnet diesen Hofadel mit allen nur denkbaren Nuancen in den Gesichtern. Durch ihn gewinnen die einzelnen Figuren, selbst jene, die nur einen Auftritt haben, an Volumen und verleihen dem gesamten Szenario eine enorme Lebendigkeit.

Die schwarze Witwe, der 9. Band der Reihe Der rote Falke, reißt das Seelenleben, auch das jener Bösewichter, aus den Figuren an die Oberfläche. Cothias und Venanzi entlocken ihren Figuren alle Schwächen und Begierden, Ängste und auch den Mut. Neben Ariane de Troil und dem König höchstselbst sticht hierbei besonders die Baronin de Rohan-Montbazon hervor, die dem Leser auch gleich bei der Ansicht des Titelbildes (ganz in schwarz gekleidet) ins Auge fällt, ist doch sie es, die mit Ariane die Klinge kreuzt.

Und es sind nicht nur Frauen, die von Cothias und Venanzi ins Gefecht geschickt werden. Arianes getreuer Aufpasser Germain (nicht immer zur Stelle, wenn er gebraucht wird, aber immerhin) stellt sich einer Horde von Meuchelmördern entgegen und kämpft in bester Manier einer romantischen Abenteuergeschichte gegen die Ganoven. Hier findet sich in der Erzählung wie auch optisch jenes Augenzwinkern wieder, das Filme wie Cartouche oder auch Scaramouche ausmachte. Bei aller Tragik darf der Schelm nicht fehlen.

Gleichzeitig ist dank Marco Venanzi dieses Abenteuer auch ein schöner Zeitreiseblick in ein historisches Paris, ein wahrer Kostümaufmarsch und farblich einhergehender bunter Reigen. Vermischt mit historischen Fakten ergibt sich so ein perfekter Unterhaltungscomic, wie er (anscheinend) nur aus dem frankobelgischen Raum kommen kann.

Theatralisches Drama, opulentes Abenteuer mit Mantel und Degen, mit Intrigen und Verzweiflung, sehr schön illustriert, einer der besten Bände der erfolgreichen Reihe. 🙂

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Donnerstag, 05. Juli 2012

Der rote Falke 2 – Friedhof der Unschuldigen

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:25

Der rote Falke 2 - Friedhof der UnschuldigenDezember 1624. Paris ist ein gefährliches Pflaster. Für eine junge Frau kann die winterlich verschneite Stadt schnell das Ende bedeuten. Aber Ariane de Troil ist keine normale junge Frau. Bestens ausgebildet im Umgang mit dem Degen weiß sie sich besonders in der Gestalt ihres anderen Ichs zu wehren: als roter Falke. Während sie Paris auf den Weihnachtsabend vorbereitet, hat eine Geheimgesellschaft es sich zur Aufgabe gemacht, Paris dem Untergang zu weihen. Einem durchtriebenen Plan folgend agiert die Gauner im Untergrund und kommen ihrem Ziel tatsächlich sehr nahe. Der rote Falke ist den Männern des Geheimbundes auf der Spur, die Tragweite der Verschwörung überrascht aber selbst sie. Ob der rote Falke dieses Mal mit dem Leben davonkommt? Immerhin ist er schon einmal gestorben.

In kleinen Episoden, mit hoher Spannungsdichte, lässt Patrick Cothias seine Heldin dem Geheimnis Stück für Stück näher kommen. Paris wird, wie in klassischen Romanen und Filmen, zum Abenteuerspielplatz für Helden und Ganoven mit Mantel und Degen. Die Katakomben von Paris, bereits auf dem Titelbild der zweiten Ausgabe des roten Falken mit Friedhof der Unschuldigen bezeichnet, werden zum Spielort einer Jagd auf Zeit, die neben klassischer Spannung auch entsprechenden Humor aufweist, wie ihn der Genre-Freund aus Die drei Musketiere mit Gene Kelly her kennen mag.

Für den Humor ist der stämmige Begleiter von Ariane, Germain, ein Trunkenbold, aber auch ein guter Fechter, der nicht mit Nachdruck, dafür jedoch mit wenig Fingerspitzengefühl in die Handlung hineinstolpert und dem roten Falken eher zufällig behilflich ist. Cothias nimmt den Leser nicht nur mit in die Straßen und Katakomben der französischen Hauptstadt. Auch in den Kerker wie in das winterliche Umland, in die freie Natur führt der Weg des roten Falken. Bei letzterem Erlebnis ist das große Abenteuer bereits zu Ende, doch die Abwechslung in den Ideen von Cothias macht auch aus der abschließenden Episode, nicht näher betitelten Handlung, einen Epilog und ein Zuckerstückchen abenteuerlicher Unterhaltung.

Andre Juillard zeichnet mit zielsicherem, aber auch ungeheuer zartem Strich. Seine Charakterköpfe, in ihrer Wirkung noch einmal gereifter als im ersten Band, machen auch vor Experimenten nicht Halt, betrachtet man Kopf und Gestalt des Kerkermeisters, der fast eine Karikatur ist, aber durch seine Bedrohlichkeit ernst genommen wird. Die Kampfszenen und Bildeinstellungen, kameragetreu, machen Spaß und entfalten eine schöne filmische Rasanz, in denen Juillard den Humor dieser Abenteuer auch wortlos weitergibt. Diverse Szenen in den Katakomben sind perfekte Beispiele wie auch der Ritt auf dem Hirsch, der eine der schönsten Szenen einläutet.

Farblich ist Der rote Falke auf Atmosphäre ausgerichtet und folgt damit den Techniken, die sich in den 60ern und 70ern etabliert haben. Schatten werden über Tuscheflächen geschaffen. Farben schaffen Lichtverhältnisse wie für das Zwielicht der Nacht, dem Fackelschein in Gewölben. Auf Verläufe wird im Sinne von schlicht ausgefüllten Flächen meist verzichtet. Die Optik leidet darunter nicht, im Gegenteil lässt die klare, oft strahlende Farbgebung die Zeichnungen erst so richtig zur Geltung kommen.

Der rote Falke macht sich noch mehr Feinde: beste Abenteuerunterhaltung mit Mantel und Degen. Durchdacht, witzig und spannend, ein junger Klassiker. 🙂

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Montag, 02. Juli 2012

Adler ohne Krallen

Filed under: Biographie — Michael um 21:14

Adler ohne KrallenEin knallhartes Rennen: die Tour de France. 4500 Kilometer durch Frankreich, über normale Straßen, aber auch solche Wege, die durch ihre Buckelpisten, Schlaglöcher, Schotter und Geröll den Namen Straße nicht einmal verdienen. Die Teilnahme an diesem Rennen kann sogar lebensgefährlich sein. Als das Rennen im Jahr 1903 ins Leben gerufen wird, ahnt noch niemand den Erfolgskurs, den die Tour im Laufe der Jahre nehmen wird. Antoine Fario ist im Juli 1907 bei der Armee. Der Befehl lautet, das Observatorium auf dem Berg mit Baumaterial zu versorgen. Der Aufstieg ist beschwerlich, schult Antoine aber zeitig für seine kommende Aufgabe.

Diese, der des Lastenträgers, übernimmt der vom Radsport infizierte Antoine nur aus einem Grund: genügend Geld zu sparen, um sich ein eigenes Rennrad kaufen zu können, um damit an der Tour de France teilzunehmen. Die Beschwerlichkeiten, die Antoine für dieses Ziel in Kauf nimmt, stellen seine Beharrlichkeit auf die Probe. Selbst als es ihn das Leben kosten könnte, gönnt er sich keine Pause. Im tiefsten Winter, am verschneiten Berg, in dunkler Nacht rettet Antoine sich in höchster Not in eine Hütte. Am nächsten Tag, von Bekannten und Freunden in Sicherheit gebracht, scheint sein Traum niemals mehr in Erfüllung gehen zu können. Doch Antoine kämpft und gibt nicht auf.

LAX ist ein Erzähler, der sich hier mit einem zunächst unscheinbaren Thema befasst, in dem sich jedoch eine immer stärker werdende Dramatik ausbreitet. Ein Mann setzt alles (wirklich alles) daran, seinen Traum wahr zu machen. In einer Zeit, in der sich Ruhm noch über Zeitungen verbreitete, erkämpft sich ein Mann sein Ziel und wird zum Adler ohne Krallen. Bei Betrachtung der Geschichte, der herrlich nostalgischen Bilder, versucht man als Leser natürlich Vergleiche anzustellen. Wie sehr haben Technik, Trainingsmethoden und Sportmedizin eine Sparte des Rennsports nach vorn gebracht und wie groß muss angesichts dieser Verbesserungen (vom Doping einmal abgesehen) die Leistung der Pioniere jenes weltberühmten Rennens geachtet werden?

Es ist eine zunächst einfache Welt, die LAX beschreibt. Im Gebirge sind die Träume klein, sie gipfeln in einer guten Familie, einem beruflichen Auskommen und selten in sportlichen Höchstleistungen. So ist zu Beginn weder für den Leser noch für die Hauptfigur absehbar, wie dieser Antoine Fario einmal über sich hinauswachsen und den Respekt von Radrennkollegen und Franzosen auf sich lenken wird. LAX beschreibt anfangs die Freundschaft zwischen Antoine und dem Astronomen Camille. Camille wird schließlich die brüderliche Stütze sein, die Antoine wieder Mut macht.

So gelingt es LAX eine zutiefst menschliche Geschichte zu erzählen, bis er zu den Leidenschaften und der Mühsal eines Sportlers gelangt, der die Leistung über das leibliche Wohl stellt. Doch ist es gerade diese Einstellung, die die Presse schließlich nach Antoines ersten größeren Erfolgen dazu veranlasst, Antoine den Beinamen Adler von Esponne zu geben, werbewirksam und voller Hochachtung. LAX skizziert die Handlung wie ein beobachtender Zeichner. Er legt Charakter in die Gesichter, Ausdruck in die Haltungen. Distanz gibt es nicht. Der Zeichner nimmt den Leser hautnah ins Geschehen, über die Schulter von Antoine blickend, an die Rennstrecke.

Die Linien sind dünn, die Figuren zerbrechlich, die Farben stützen den Blick in eine Vergangenheit, wie sie der Leser von alten Fotografien, vielleicht Gemälden her kennt. Aber auch der Strich erinnert an diese Zeit, passt hier besonders gut mit seiner zurückhaltenden Wildheit, der Schnelligkeit, auch der Freundlichkeit, mit der LAX seine Figuren findet.

Eine Geschichte, die mit großem Fingerspitzengefühl für den Zeitgeist und die vorkommenden Charakteren erzählt wird. Antoine Fario, der alles für seinen Traum bereit ist zu geben, wird sehr einfühlsam geschildert und (wie alles um ihn herum) gezeichnet. Für Freunde historischer und zutiefst menschlicher Szenarien eine sehr schöne und anrührende Geschichte. Bemerkenswert schön. 🙂

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Der Spieler

Filed under: Biographie — Michael um 16:03

Der SpielerAlexej Iwanowitsch liebt Polina. Polina aber, die Stieftochter des Generals, ist berechnend. In ihrer Welt ist Liebe eine Illusion, auch eine Währung, aber Liebe, so hat sie es gelernt, ist niemals einfach nur Liebe. So steht denn bei der Wahl des Verehrers, des Siegers um das Wettrennen mit dem Ziel Ehe, auch nicht nur Stattlichkeit im Vordergrund. Geld ist der Antrieb. Für den General, der bereits alles verpfändet hat, was er nur zu verpfänden hatte, ist Polina eines der letzten Tauschobjekte. Und die junge Frau selbst ist längst in dieser Welt aus Taktiererei und Gier gefangen. Die ehrliche Liebe, mit der sich Iwanowitsch zum Narren macht, ist für sie ein Störenfried, eine Ablenkung, eine Puppe, die unter den ungeschickten Händen eines Kindes ihren Kopf verliert.

Die russische Seele ist voller Schwermut und Weltschmerz. Sie giert nach Liebe und Leben und verliert sich in den Sehnsüchten, während das Leben an ihr vorüber zieht. Dies wäre ein Fazit der vorliegenden Geschichte nach der Vorlage eines Romans von Fjodor Dostojewski mit dem Titel Der Spieler. Alexej Iwanowitsch ist ein Hauslehrer, der aus Liebe zum Spieler wird, vielleicht die Sucht schon in sich trug, vielleicht angesteckt wurde. Am Ende, einem sehr bitteren Ende, mit einem boshaften, auch sezierenden Blick auf die menschliche Seele, nicht ausschließlich die russische, spielt all das keine Rolle mehr. Autor Stephane Miquel adaptiert den berühmten Roman Dostojewskis für das Medium Comic. Loic Godart vermittelt Zeitgeist und Atmosphäre mit einer Optik, die aus der Schule eine Otto Dix entstammen könnte.

Als Leser, der nach Identifikationsfiguren sucht, hat man es sehr schwer in dieser Geschichte. Vielleicht entdeckt man Ähnlichkeiten in diesen Figuren, zu sich selbst oder zu anderen. Es ist, möchte man behaupten, eine Gesellschaft voller Lebensüberdruss, in der das Risiko im Spiel gesucht wird. Das eigene Schicksal wird vom Verlauf der Kugel (auch im doppelten Sinne) abhängig gemacht. Alels wird auf eine Zahl, eine Farbe oder die Null gesetzt. Für jene Spieler steht am Ende der Verlust des Vermögens, des Selbstwerts, des Lebenssinns. Gewinner sind die Zuschauer am Rande, die sich nicht weiter einmischen, die ein bürgerliches Leben führen, das den Spielern zu schnöde ist.

Alle warten auf den Tod. Eigentlich auf den Tod einer Erbtante, denn ihr Vermögen soll der Retter in der Not sein. Doch die Tante stirbt nicht (zunächst), kommt vielmehr nachsehen, wo denn ihre Verwandten ihr Leben fristen und verfällt selbst der Spielsucht, die den Einstieg wie jede Sucht allzu leicht macht. Die Verfremdung in Form und Farbe, die Dank der Kunst von Loic Godart das Seelenleben der verschiedenen Charaktere gnadenlos enthüllt, lässt einen Alptraum entstehen. Die Menschen sind hier eher Zerrbilder, wie in einem Spiegelkabinett. Sie sind einfach, tragen ihren Charakter im Gesicht, in der Haltung, im irren Blick oder in ihrer Verlorenheit. Nicht viele gehen stark durchs Leben. Die meisten sind im dünnen Strich, der kargen, stets atmosphärischen Farbgebung der Schwäche und der Depression preisgegeben.

Vielleicht (ein sehr großes Vielleicht) möchte der Leser Mitleid mit den Figuren haben, doch sie sind alle zu große Egoisten, Egomanen, als dass einem dies gelingen könnte. Selbst der Hauslehrer Iwanowitsch, der das Treiben durchschaut, spielt seine Rolle weiter und weiter bis zum Untergang. Obwohl es sich um das Roulettespiel dreht, ist es eher russisches Roulette, bei dem der Hauptspieler ein seltsames Glück hat, am Ende noch auf den Beinen zu sein.

Das Schlimmste aber, oder das Wundersamste, ist dies: Bis heute kann ich mir mein Verhalten nicht erklären. So berichtet es Alexej Iwanowitsch gleich zu Beginn. Nach der Lektüre kann der Leser dieser Aussage nur folgen. Mag er seine Ideen haben, so bleibt es doch beim Kopfschütteln über diese Menschen, die wie Kaninchen angesichts von aufblendenden Scheinwerfern auf der Straße verharren und sich überfahren lassen. Neben all Lupenblicken auf die Charaktere ist es auch eine Schau einer Epoche, einer besonderen Schicht, gesellschaftlicher Aspekte und kultureller Eigenschaften, die von Godart in unbequemen Bildern gezeigt werden.

Eine hoch depressive Gesellschaft, gefangen in der eigens konstruierten Tragik: Stephane Miquel und Loic Godart transportieren den Roman Der Spieler von Dostojewski ins Medium Comic mit einer ungewöhnlich ernsthaften und enorm tragischen Handlung. Ambitioniert, dicht. 🙂

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Montag, 25. Juni 2012

Das Einhorn 4 – Der Tag der Taufe

Filed under: Mystery — Michael um 21:52

Das Einhorn 4 - Der Tag der TaufeDer Kampf hat den Untergrund verlassen. Die Gegner treten ans Licht, verschleiert zwar, aber sichtbar für jedermann. Eine Seuche ist ausgebrochen. Die einzige Seite, die ein Heilmittel nicht nur verspricht, sondern auch tatsächlich ein wirkungsvolles Gegenmittel besitzt, ist die Kirche. Die Menschen strömen in Scharen in die Kirche und empfangen das als Heilung gepriesene Mittel. Die Wirkung setzt ein. Noch nie zuvor konnte die Kirche mit Beweisen, ja Wundern in dieser Form aufwarten. Und doch gibt es einige Eingeweihte, die es besser wissen. Ein wichtiger Zeitpunkt zum Gegenschlag ist nicht mehr fern, nur noch Tage und der Kampf wird sich zwischen den beiden Seiten endgültig entscheiden.

Eine sehr dichte Erzählung, ein großer Einfallsreichtum und die Fähigkeit viele lose Enden zusammenzuführen und die Grundlage etwas Bekanntes zu schaffen, ohne dass der Leser vorher ahnen konnte, wie das Ende der Geschichte aussehen würde. Das ist hier in der Optik einerseits großes Kino, Breitwand und mit einer Vielzahl an Special Effects. Anders gesagt, wäre die Handlung ohne Spezialeffekte, Masken und brillante Kamerafahrten gar nicht möglich. Um in der Sprache des Films zu bleiben, muss die Ausleuchtung, die Ausstattung und die Kulisse gelobt werden. Mathieu Gabella beschreibt den Beinaheweltuntergang, Anthony Jean setzt ihn als Zeichner und Kolorist in Szene.

Will man einen Vergleich beim derzeitigen Kenntnisstand, bei Abschluss der Reihe mit dem vierten Band Der Tag der Taufe, wählen, ließe sich ganz vorsichtig eine Parallele zu Resident Evil ziehen. Keine Untoten stehen im Mittelpunkt, dafür jedoch eine groß angelegte Verschwörung, ein gigantisches Experiment, Kreaturen, die Ausgeburten von Legenden, die doch im Kleinsten gestoppt werden können. Das Böse trifft die Renaissance, sogar mit einer Alice als Clou und mehr noch. Aus dem Dunkel tritt eine Gestalt ans Licht, namentlich nicht in bekannter Form benannt und doch bei näherer Betrachtung eindeutig identifizierbar.

Aber bevor der Leser diese alles auflösende Stelle erreicht, ist die Handlung einerseits sehr detektivisch, kriminalistisch angelegt und mündet schließlich in einen formvollendeten (kleinen) Weltuntergang, der es optisch in sich hat. Wer bisher sich noch gar nicht mit der Reihe befasst hat, muss sich Wesenheiten vorstellen, echten Wesen durchaus ähnelnd, aber ohne Haut, eher wie plastinierte Geschöpfe ausschauend, mit den blanken Muskeln über die Knochen gespannt und manchmal mythischen Quellen entstammend. Einen Namen besitzen sie auch: Primordiale.

Menschen und Primordiale sind einen Bund eingegangen, andere wenden sich gerade gegen diese Kreaturen und versuchen sie auszurotten. Primodiale sind dank ihres Aussehens, auch wegen ihrer Fähigkeiten, für vielerlei Legenden verantwortlich, so auch für den Leviathan, jenem Seeungeheuer, das durch den Menschen nicht besiegt werden kann. Ist die atmosphärische Stimmung der Renaissance mit einem bräunlichrötlich farblichen Unterton eingefangen, läutet das Erscheinen des Leviathans optisch etwas ein, das mehr als nur ein Ende beschreibt. Anthony Jean gelingt es ein biblisch, mythologisches Untergangsgefühl (eigentlich mit allen zur Verfügung stehenden Apokalypsenbeschreibungen) auf das Papier zu bringen.

Durch die geschickte Vermischung aus nahen und fernen Einstellungen, Schnelligkeit, und explodierenden Farbeindrücken entsteht eine finale Achterbahnfahrt, die es in sich hat und die bisherige Optik noch einmal toppen kann. Allein dieses war nach der bislang herausragenden Arbeit durch Anthony Jean kaum möglich zu nennen. Sicherlich verwendet er die beliebt gewordene Computerkolorierung, verfremdet sie jedoch durch Unreinheiten und arbeitet andererseits so butterweich, dass gemäldeartige Effekte entstehen. Jeans Bilder belegen auch die Bezeichnung 9. Kunst als besonderes Beispiel.

Fantasy-Fans, die eine besondere Vermischung von Einfällen, Anatomie, Mythologie und Renaissance vor grandioser Kulisse und feinster Farbgebung erleben mögen (mit einer gut erzählten wie auch gut konstruierten Geschichte), sollten einen Blick riskieren. Ein ungewöhnliches Abenteuer mit Charakteren, die den Leser überraschen. 🙂

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Touna Mara 2 – Das Gold der Skythen

Filed under: Mystery — Michael um 18:18

Touna Mara 2 - Das Gold der SkythenIn der Vergangenheit sucht Touna nach einem Weg, um sich zu rächen. Ihr Gegner besitzt große Macht, ist brutal, geht wortwörtlich über Leichen und treibt sie an den Rand der Verzweiflung. Fast ist sie bereit, den selben Weg wie ihr Feind einzuschlagen, nur um ein Gleichgewicht der Kräfte zu erreichen. Im letzten Augenblick widersteht sie der Versuchung. Es muss eine andere Möglichkeit geben. Touna erkennt nicht, wie sehr sie aus Rache ihr Schicksal an jenes von Tar-Khan knüpft. Der Wolfsmensch fordert sie stets aufs Neue heraus, überfällt ihr Volk, plündert, entführt und mordet. Es kann nur einen Entscheidungskampf geben. Oder die Flucht. Diese kommt für Touna jedoch nicht in Frage.

Patrick Galliano, der Autor dieses Zweiteilers, der diese Geschichte mit der Fortsetzung Das Gold der Skythen abschließt, sorgt in beiden Zeitschienen, in der die Handlung voran schreitet, für gleich mehrere Zuspitzungen. Nicht nur die Hauptfiguren sind betroffen, auch einige Nebencharaktere müssen unter den Folgen der Entscheidungen im Kampf Gut gegen Böse leiden. Aber es ist nicht so durchsichtig, wie es klingt. Touna, die in der Steinzeit lebt, ist nicht gut im Sinne von uneigennützig, friedfertig oder edelmütig. Ebenso wenig ist Tar-Khan, ihr Gegner, das absolut Böse und Dunkle. In der Durchsetzung ihrer Ziele sind beide unnachgiebig. Galliano lässt seine Helden in diese sorgsam bereitete Falle aus Hochmut tappen.

Mario Milano könnte bei Betrachtung der Bilder aus der gleichen Schule wie ein Michael Blanc-Dumont, Marc Bourgne, Philippe Francq oder Colin Wilson stammen. Klare, deutliche Umrisse, immer goldrichtig platziert. Die Figuren, Landschaften, Ausstattung und jeder andere Gegenstand in den Grafiken sieht schön aus, lässt das Auge ruhen und ermöglicht die Konzentration auf die Geschichte. Haben sich in den letzten Jahren im Comic-Bereich auch Geschwindigkeiten eingeschlichen, versuchte man bisweilen schnelle Schnitte auch in dieses Medium zu übertragen, ist diese Aufbereitung hier nicht zu finden. Die komplexe Geschichte, die auch optische Kämpfe aufzuweisen, zwingt das Auge zur Betrachtung.

Galliano und Milano lassen einen erotischen Aspekt einfließen. Liebe, Fortpflanzung, Begierde, Eifersucht, nackte Frauen (für den männlichen Leser) in asiatisch anmutender Optik lassen im Vergangenheitsszenario wie auch in den gegenwärtigen Abschnitten des Abenteuers die Spannung in anderer Manier weiterknistern, bevor es wieder handfester wird und die Mystery die Oberhand gewinnt. Diese wird in Form der Wolfsmenschen gezeigt, von Milano als äußerst dürre Gestalten skizziert.

Die Wolfsmenschen, deren stärkerer Vorfahr in der Vergangenheitshandlung eine eher unbesiegbar wirkende Variante darstellt, sind junge Ausgestoßene. Sie haben sich in ihrem gemeinsamem Schicksal zusammengefunden, in einem wahren Überlebenskampf, den sie einerseits mit ihrer tierischen Natur führen, andererseits scheuen sie auch den Einsatz von modernen Waffen nicht. Von Galliano beschrieben, von Milano gezeichnet entsteht das Bild von Verlorenen, Mischwesen, die allenfalls unter den strengen und mitleidslosen Blicken von Wissenschaftlern, abgeschirmt im Laboren, eine kurze Zeitspanne überleben werden.

Dunkel, tragisch, dramatisch, spannend und sehr realistisch gestaltet. Für Mystery-Fans, die einen sehr weit gespannten Bogen in Geschichten mögen, eine gelungene Mischung aus Gegenwartsthriller und Steinzeitabenteuer, genau die richtige Comic-Lektüre. Dieser Band schließt das zweiteilige Abenteuer ab. 🙂

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Freitag, 22. Juni 2012

El Mercenario 1 – Der Söldner

Filed under: Abenteuer — Michael um 10:58

El Mercenario 1 - Der SöldnerEin scheinbar leichter Auftrag: Rette das Mädchen und bringe es zurück. Der Söldner ist kein Neuling in diesem Geschäft. So ganz ohne Gefahr wird es nicht abgehen. Leider setzen sich kurz nach der Befreiung schon fremde Krieger auf seine Spur. Der Söldner wehrt sich, doch seine Fertigkeiten allein genügen nicht. Aus der Befreiungsaktion wird eine Verfolgsjagd und eine verzweifelte Flucht. Bald schon muss El Mercenario erfahren, dass er mit seinem Wagemut vom Regen in die Traufe kommt. Wieder bleibt ihm nur die Flucht, da sein Auftraggeber ihm nicht mehr wohl gesonnen ist. Bei allem Kampfesmut ist er doch vor Arglist nicht gefeit.

Jede Seite ein Gemälde. Comic-Fans werden an den Beginn der 80er Jahre zurückdenken, als Vicente Segrelles seinen El Mercenario entwarf und dieser auch schnell hierzulande veröffentlicht wurde. Mit seinem Barbaren traf Segrelles den Nerv der Zeit. Fantasy erlebte eine kleine Hochphase. Seine Bilder schufen eine leicht verträumte, etwas märchenhafte, auch gewalttätige (Märchen kommen nicht ohne aus), ebenfalls erotische Welt. Ein starker und gewandter Krieger, leicht bekleidete Mädchen, gemeine Schurken, Zinnen in luftigen Höhen und fliegende Drachen. Nicht Text sollte dominieren, die Bilder sollten den Leser begeistern. Die eigens gestellte Aufgabe wird nach drei Jahrzehnten immer noch perfekt erfüllt.

In ihrer Natürlichkeit wird der Comic-Fan die Bilder von Vicente Segrelles vielleicht mit Don Lawrence oder Frank Frazetta vergleichen, obwohl beide eine andere Strichtechnik haben. Ähnlichkeiten gibt es jedoch in der Gestaltung der Figuren, auch die Darstellung der Natur, wie sie in den phantastischen Geschöpfen zu finden ist, ähnelt sich. El Mercenario selbst, der optisch an eine Mischung aus Rock Hudson und Ron Ely erinnert, ist muskulös entworfen, aber nicht mit der Übertriebenheit, die im Laufe der Jahre teilweise groteske Spitzen entwickelt hat.

Vicente Segrelles entwirft im ersten Band, dessen Probeseiten ein enthusiastisches Echo bei den Verlagen hervorriefen, eine Welt über den Wolken, in der die vereinzelten Felsformationen wie Inseln hervorstechen. Der Flugdrache ist das Pferd dieser Welt, die Wolkendecke eine unergründliche See. Diese Welt wirkt, wie auch die gesamte Handlung, einfach, leicht zu begreifen. Vicente Segrelles sieht den Comic als filmisches Medium. Die dreigeteilte Handlung schreitet voran, mit sorgfältig gesetzten Cliffhangern (angesichts der Höhe, in der das Abenteuer spielt, fast schon im wahrsten Sinne des Wortes).

Die dritte und längste Episode, oder auch der dritte Akt, dürfte abseits aller Phantastik mit Drachen und Schwertern mit dem größten Einfallsreichtum aufwarten. Auch mag man bei der Auflösung an Jules Verne denken, ist doch das Design passend für verschiedene Szenarien, die gerade mit den Verfilmungen so populär wurden. Es glänzt golden und bronzefarben, wirkt hell und luftig und Vicente Segrelles gelingt es sogar einen dunstigen Effekt in dieser Welt zu erzielen. Segrelles, der sich bereits früh mit Technik auseinandersetzte und auch zeichnete, gelingt eine Gebrauchswelt, die nicht übertreibt, in der man scheinbar im Rahmen der Gegebenheiten leben könnte.

Aber Vicente Segrelles malt auch mit einem Augenzwinkern, wie sich an einigen Szenen und Figuren feststellen lässt (warum erinnert mich der erste Auftraggeber des Söldners an Harry Mudd?). Ebenfalls ist die Auflösung des Rätsels mit einem gewissen Humor erzählt. Worte bedarf es bei dieser Illustrationssequenz wirklich nicht.

Im Sinne künstlerischer Comics, auch im Sinne klassischer Fantasy ist El Mercenario ein Höhepunkt zu nennen. In der Tat wunderschön und filmisch anzuschauen. 🙂

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Donnerstag, 21. Juni 2012

Reise zum Kerguelen-Archipel

Filed under: Biographie — Michael um 17:03

Reise zum Kerguelen-ArchipelEin Zeichner kommt ins Gespräch. Ein Fotograf, so scheint es, drückt nur auf den Auslöser. Ein Zeichner nähert sich seinen Bildern, den Menschen, die darauf sind, an. Emmanuel Lepage ging auf eine Reise ans gefühlte Ende der Welt. Seine Mitreisenden wundern sich über ihr Aussehen, wenn etwas ihrer Meinung nach nicht richtig ist. Die See bleibt unbeteiligt von dem Maler, der ihre Macht einzufangen gedenkt. Und die Seevögel, in deren Mitte sich der Maler setzt, um sie zu portraitieren, klauen ihm kurzerhand seinen Wasserbehälter. Ganz nebenbei berichtet Lepage von diesem Teil der Welt, der so wenig in der Aufmerksamkeit der Weltnachrichten vorkommt und der doch Geschichte und Dramen vorzuweisen hat. Am Ende stehen viele Bekanntschaften, auch Freunde und Erlebnisse, die sich Emmanuel Lepage so vorher bestimmt nicht ausgemalt hat.

Eine Reise zu einem Flecken auf diesem Planeten und doch so weit weg. Die Terres Australes Et Antarctiques Francaises, kurz TAAF, sind ein französischer Außenposten, ferne Südgebiete und kleinste Inseln in der Nähe der Antarktis. Die TAAF bestehen aus den Inseln Amsterdam, Saint Paul, dem Crozet-Archipel sowie dem Kerguelen-Archipel, auch die Insel der Trostlosigkeit genannt. Nur wenige Menschen verschlägt es freiwillig in diese von Gott verlassene Weltecke, die Seevögeln und Pinguinen zu gehören scheint.

So ist es denn auch ein ganz besonderer Menschenschlag, der in der Abgeschiedenheit Monate verbringt, Forschungen betreibt und sich mit der Kargheit dieser winzigen Flecken im Ozean begnügt. Nicht weniger besonders sind jene, die sich auf dem Versorgungsschiff Marion Dufresne auf die weite Reise begeben und auch enthusiastische Touristen und andere Mitstreiter an Bord nehmen. Einer dieser Touristen war Emmanuel Lepage, der mit seiner Bildtechnik und leisen wie auch eindringlichen Erzählweise schon mehrfach überzeugte (Oh, diese Mädchen!, Muchacho).

Die Reise an Bord der Marion Dufresne inspirierte ihn zu einem Reisebericht, der eine Mischung aus biografischen Eindrücken, vielen Menschen, einzigartigen Orten und einer faszinierenden Natur ist. Trotz modernster Technik spielt der Mensch in diesem Teil der Welt eine untergeordnete Rolle. Wer sich hierhin begibt, muss diesen Umstand akzeptieren. Die meisten gehen noch einen Schritt weiter und suchen gerade diese ganz besondere Situation, wo sie sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren können. Auf dieser Reise, auf der unnötige Ablenkungen ungeheuer selten sind, gelingen nicht nur für unseren Teil der westlichen Welt ungewöhnliche Eindrücke, auch gelingt es, sich in sich selbst zu versenken, auf einer der nahezu menschenleeren Inseln unbewusst einen meditativen Zustand zu erreichen.

Emmanuel Lepage zeichnet mit schnellem Bleistift und hält den Augenblick fest. Er malt mit Aquarell eine Reihe von Charakterdarstellungen beteiligter Besatzungsmitglieder und Mitreisender. Und er malt sehr fein und fast schon ehrfürchtig die Schönheit des Meeres, die Abgeschiedenheit der Tierwelt, Überreste von Zivilisation und Industrialisierung (Stichwort Walfang) und nähert sich in den 30 Reisetagen einer unglaublichen bildhaften Ruhe an. Zeichnen beim grellen Licht der Sonne, bei bewegter See, bei Wind und Regen, fast schon Sturm. Stets dokumentiert Lepage auch, wie etwas entsteht. Während andere fotografieren, ihre Studien betreiben, wird die gesamte Umgebung, ihn selbst eingeschlossen, zum Studienobjekt.

Bemerkenswert ist Lepages genaues Auge, das die Unterschiede seiner Mitmenschen erfasst. Kleine Szenen an Bord, Rückblicke auch in ferne Vergangenheit, hin zur Entdeckung der Inselwelt, Szenen auf den Inseln mit den Tieren, die arglos auf Menschen zugehen, komplettieren mitsamt ihren Beschreibungen das Szenario, in dem so wenig zu geschehen scheint und doch von so großer Intensität ist. Ein optischer Wechsel zwischen Bleistiftskizze, Tuschezeichnung und Aquarell (auch Mischgrafiken) bietet dem Auge abwechslungsreiche und spannende Anreize.

Ein Reisebericht, ja, ist es auch ein Comic? In jedem Fall eine Bestätigung der Kunst im Comic. Technisch sehr sorgfältig, liebevoll gestaltet, intensiv von der ersten bis zur letzten Seite, optisch beinahe lyrisch. Eine Reise abseits aller Hektik, auch mühevoll. Im Bereich Comic sicherlich ein Experiment, aber ein toll geglücktes. 🙂

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