Mittwoch, 10. April 2013
Jonathan Cartland hat den Mann erkannt, den er für den Tod seiner Frau verantwortlich macht. Die Indianer, die einen der Ihren angeklagt sehen, beraten sich. Ein Gottesurteil soll die Wahrheit ans Tageslicht bringen. Mit Messern bewaffnet treten Ankläger und Angeklagter im Zweikampf gegeneinander an. Cartland ist siegesgewiss. Der Tod, so sagt er selbst, habe ihn noch nie gemocht. Gebannt verfolgen die Siedler, die Cartland in den Westen führen soll, den Kampf. Beide Kontrahenten bringen sich schwere Schnitte bei. Die Wunden schwächen die Kämpfer. Niemand will aufgeben. Aufgabe bedeutet den Tod. Doch Cartland hat einen Vorteil auf seiner Seite. Hass und Trauer geben ihm nötige Kraft, um gegen den wendigen Feind zu bestehen.
Alles beginnt mit dem fälschlich verurteilten Oglala-Indianer Two Guns. Es heißt, er soll wegen Gold einen Mann getötet haben. Einen Weißen noch dazu. Doch ein Indianer würde nicht für Gold morden. Davon ist Jonathan Cartland überzeugt. Aber Cartland ist auch nicht in der Lage, die Hinrichtung zu verhindern. Doch ihm wird die Gelegenheit geschenkt, zwei Stammesbrüdern von Two Guns das Leben weit draußen in der winterlichen Wildnis zu retten. Damit gerät Cartland in eine Geschichte, die er nicht vorhersehen konnte. Er lernt den Hass vieler Weißer auf die Indianer hautnah kennen. Noch größer scheint die Abneigung vielerorts vor jenen zu sein, die sich mit den Indianern abgeben. Cartland, der sie sogar vor dem örtlichen Armeekommandanten verteidigt, dazu auffordert, man solle den Verkauf von Alkohol, Feuerwasser, an sie unterbinden, wird offen angefeindet.
Laurence Harle (Autor) und Michel Blanc-Dumont haben mit Cartland einen aufrechten Waldläufer, Trapper und Abenteurer geschaffen, wie allenfalls mit einem Buddy Longway (von Derib) vergleichbar ist. Die Darstellung der amerikanischen Verhältnisse im Wilden Westen ist nicht schwarzweiß, sondern voller grauer Schattierungen. Jemand bringt einen Stein ins Rollen und zwingt andere damit zu reagieren. Die Armee geht gegen die Indianer vor, angeführt von einem Fanatiker. Indianer rächen sich, unschuldige Siedler werden zwischen den Fronten zerrieben. Ureinwohner werden vom ungewohnten Feuerwasser in den zeitweiligen Irrsinn getrieben. Und Cartland selbst wird von seinen beiden Erschaffern (wie es sich häufig für einen Helden gehört) durch eine ganz persönliche Hölle geschickt.
Mit den im ersten Sammelband vorliegenden Abenteuern Indianerfreund, Letzter Treck nach Oregon, Der Geist des Wah-Kee und Der Schatz der Spinnenfrau lässt sich auch sehr gut eine qualitativ künstlerische Entwicklung von Michel Blanc-Dumont feststellen. Seine Arbeiten sind zu Beginn noch gröber wie größer als heutzutage gewohnt. Spätestens aber in der dritten Geschichte, Der Geist des Wah-Kee, hat er zu der Qualität gefunden, jener exakten und feinen Ausdrucksweise, wie sie sich auch in seinen Arbeiten zu Blueberry finden.
Aber auch ein anderer Wandel findet statt. In den ersten beiden Abenteuern behandelt Laurence Harle noch sehr bodenständige Themen, wie sie sich tatsächlich abgespielt haben könnten. Doch mit dem Geist des Wah-Kee wie auch mit dem Schatz der Spinnenfrau hält ein leicht gruseliges, mysteriöses Element Einzug, das auf die Spiritualität der amerikanischen Ureinwohner setzt. Den Western vergisst Harle aber hierbei ebenso wenig wie den Krimi, dessen Spielregeln auch hier auftauchen. Der eigentliche Held, Cartland, wird darüber hinaus mit ganz alltäglichen Schwierigkeiten konfrontiert. Auch ein Trapper kann sein Hotelzimmer, seine Zeche manchmal nicht zahlen. Entweder hat er Glück und jemand gibt ihm einen aus. Oder es bleibt nur, auf leisen Sohlen das Weite zu suchen. Cartland ist dabei so erfolgreich wie jeder andere Halunke.
Ein eigener Weg: Cartland bedeutet für den versierten Western-Leser Spannung mit nicht absehbaren Ereignissen. Ein schöner und informativer redaktioneller Teil klärt über die comicale Western-Welt zu Beginn der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts auf. Cartland musste demzufolge eigene Akzente setzen. Aber es zeigt sich noch etwas anderes (weshalb ich schwarzweiße oder auch Konzeptzeichnungen so gerne mag), nämlich, dass Michel Blanc-Dumont bereits damals in einer rein schwarzweißen Bildsprache sehr modern war, vergleichbar mit einem späten Mike Mignola oder Moebius.
Toller erster Sammelband, für Western-Freunde uneingeschränkt zu empfehlen. Klassische Motive, frische Ideen, die bis heute wirken und jung geblieben sind, sorgen für viel Abwechslung in einem der interessantesten Genres überhaupt. 🙂
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Dienstag, 09. April 2013
Ein Festung um Urwald, so trutzig wie archaische Burgen des europäischen Festlandes. Wer sollte diese erstürmen können, ohne nicht selbst dabei zu sterben? Wer könnte ein solches Husarenstück wagen? Kapitän Town hat malaiische Krieger zu diesem waghalsigen Coup überreden können. Und Theodor Pussel muss daran teilnehmen, ob er will oder nicht. In tiefer Nacht erfolgt der Angriff, zunächst heimlich, taktisch geschickt. Die Mauer werden erklommen, die Angreifer tarnen sich, dringen ins Innere der Festung vor, damit Kapitän Town endlich ans Ziel gelangt. Doch als es schließlich so weit ist …
Auch Theodor Pussel war einst ein Kind. Und beschert dank Frank Le Gall dem Leser ein wunderbares Leseerlebnis. Aber die albenlange Geschichte Familienalbum ist nur die dritte Episode des vorliegenden 2. Bandes der Gesamtausgabe über Theodor Pussel. Die insgesamt hier abgedruckten vier Abenteuer schließen einerseits den ersten Zyklus mit den Geschichten Der Schatz des weißen Radschas und Ein Passagier verschwindet ab. Andererseits wird mit dem erwähnten Familienalbum eine Überleitung geschaffen zu einer recht surreal anmutenden Handlung: Die Nebelinsel.
Kapitän Town, ein undurchsichtige Figur, ein Verbrecher, Pirat, Mörder und Halunke überhaupt, hat Theodor Pussel in seiner Begleitung, da er ihn zur Erstellung eines Tagebuchs, einer Piratenbiographie benötigt. Denn der Kapitän kann nicht lesen und schreiben. Es ist eines von vielen Geheimnissen und Begebenheiten, die dieses Abenteuer, Der Schatz des weißen Radschas, traumgleich vorantreibt, mitten hinein in einen Überfall im tiefsten Dschungel auf der nach … Frank Le Gall steckt die Ziele, die Wegmarkierungen im Leben seines Helden hoch und zerstört diese, zeigt ihre Unwichtigkeit vor dem Tod auf, spielt mit dem Wahnsinn und bringt so nicht wenig von jener Stimmung ein, mit der schon ein Joseph Conrad in Herz der Finsternis oder Lord Jimspielte.
Literarisch ist Theodor Pussel spätestens zu diesem Zeitpunkt zu nennen. Herr November, jener teuflische Charakter in der Verkleidung eines Priesters, der stets in der Nähe von Theodor Pussel auftaucht, ist böse bis (fast) zum Schluss. Ein schlechtes Gewissen kennt er nicht. Er tötet, wenn es seinen Belangen hilft. Und er hat immer Glück mit seiner Vorgehensweise. Und Theodor Pussel, zuweilen ein Spielball des Schicksals, hat zu viele Fragen an Herrn November, um sich ohne den geheimnisvollen Fremden in seinem Leben wirklich wohl zu fühlen.
Ein Passagier verschwindet und Theodor Pussel gelangt endlich wieder auf heimischen Boden. Aber es ist ein ganz anderer Theodor als jener, der so ungestüm, so zuversichtlich in die Ferne aufbrach. Die Naivität ist verloren gegangen. Seinen Verwandten und Freunden fällt die Traurigkeit auf, die den Heimgekehrten umgibt. Es gibt ein letztes Rätsel zu lösen. Ohne die Antworten, die er benötigt, wird Theodor keinen inneren Frieden finden. Die Blumen des Bösen, ein Klassiker von Charles Baudelaire, wird zum Hinweis für Theodor und zeigt dem Leser gleichzeitig die Tiefe, die Frank Le Gall mit auf den Weg gibt.
Nach einer doch schwermütigen Stimmung ist Familienalbum schon von der Optik her betrachtet versöhnlich, heiter, wenn auch mit einem Schuss Melancholie zu nennen. Wie wurde Theodor zu dem, der er war, als er unbedingt in die Ferne aufbrechen wollte. Wie verbrachte er seine Kindheit? Wie war sein Elternhaus? Was prägte ihn? Mittels direkter Kolorierung entsteht in diesem Band direkt von der ersten Seite an eine vollkommen andere Stimmung. Im Jahre 1909 ahnt man den Ersten Weltkrieg noch nicht, obwohl die Vorboten erkennbar sind. Mit dem Krieg endet die Kindheit, das schöne und gute Leben, ein beschütztes Zuhause, das rückblickend einem wunderbaren Traum ähnelt. Frank Le Gall erzählt eine leichte Episode mit viel historischem Flair, sehr intensiv und mitfühlend.
Mit Die Nebelinsel kehrt Theodor Pussel auf sein innig geliebtes Meer zurück. Gleichzeitig aber zieht Le Gall wieder einige geheimnisvolle Register, vielleicht sogar noch mehr als zuvor, da er verschiedenste Tricks und Kniffe, die zuvor schon zur Anwendung kamen, hier konzentriert. Nach und nach enthüllt sich ein (Alp)traum.
Stärker als die Geschichten des ersten Sammelbandes, ausgereifter, intensiver, auch stellenweise berührender. Familienalbum ist eine großartige Episode, die unabhängig vom Rest der Reihe gelesen, auch bewundert werden kann. Ein Kleinod in einer ansonsten schon bemerkenswerten Reihe. 🙂
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Montag, 08. April 2013
Ein Leben in Zeitlupe. In schönen Situationen vielleicht erstrebenswert, um den Moment noch intensiver auskosten zu können. Bei einem Fall aus dem 200. Stockwerk ist eine Zeitlupe für den Stürzenden alles andere als vorteilhaft. Viel Zeit, um den Boden näher kommen zu sehen. Aber für Ma-Ma, die den mit Abertausenden Menschen bewohnten Block Peach Trees aus der obersten Etage beherrscht, bedeutet eine solche Hinrichtung nicht nur die Statuierung eines Exempels, sondern auch Amüsement. Für die Judges bedeutet der Tod dreier Menschen nach einem solchen Sturz Arbeit. Ein Verbrechen will aufgeklärt werden. Ein Verbrechen, anteilig zu den sechs Prozent aller Verbrechen der Stadt gehörend, die sie überhaupt bearbeiten können. Judge Dredd soll ausgerechnet an diesem Tag, bei diesem Fall eine Rekrutin testen. Ihre bisherigen Bewertungen zeigen nicht, dass sie die ersten 24 Stunden als Judge überhaupt überstehen wird.
Judge Dredd gehört zu jenen Comic-Figuren, die vollkommen kompromisslos mit der Anarchie der Zukunft spielen, in der Freaks an der Tagesordnung sind und der Normalbürger zu einem Kuriosum geworden ist. Die Judges, die letzte Verteidigungslinie vor dem totalen Chaos, sind Ankläger, Richter und Vollstrecker in einer Person, obwohl letztere Bezeichnung sicherlich auch als Henker treffender wäre. Denn meistens ist der Tod die einzig denkbare Strafe, die von den Judges verhängt wird. In einer Stadt, Mega-City One, in der sich 800 Millionen Menschen drängen, hat ein Gefängnis, sogar die Einzelhaft ihren Schrecken verloren.
Nach einer ersten Verfilmung des Themas mit Sylvester Stallone in der Hauptrolle, hat sich nun Karl Urban der Figur des Judge Dredd angenommen und leiht ihr seinen markanten Unterkiefer, denn viel mehr werden Fans des Schauspielers, der bald wieder in der Rolle des Pille (Star Trek) auf der Leinwand zu sehen sein wird, nicht unbedeckt zu sehen bekommen. Dredd ist gemäß seiner Comic-Vorlage kein großer Redner vor dem Herrn. Er ist das Gesetz, wie er gerne betont und er ist auch kein Mensch, dem irgendwelche außerberufliche Hobbys zugetraut werden. Dredd sorgt dafür, dass die Verbrechensrate ein wenig eingedämmt wird.
Die Verfilmung von Regisseur Pete Travis nach dem Skript von Alex Garland nimmt den Zuschauer auf einen Auftrag des Richters mit. Alex Garland, der dem Zombie-Mythos mit dem Drehbuch zu 28 Days Later einen neuen Schub gab, schickt Dredd, gerade so, wie es in einem der vielen Comics um Dredd auch ablaufen würde (und ähnlich auch abgelaufen ist), in einen einzigen Fall. Sieht man von einer kurzen Einleitung ab, wird Dredd auf Ma-Ma angesetzt, die mit einer neuartigen Droge den Markt erobern will. An Dredds Seite befindet sich die Rekrutin Anderson, die mit einer besonderen Begabung, Telepathie, gesegnet ist und sich als gute Ergänzung im Dienst der Judges erweisen könnte. Wenn sie diesen Fall überlebt.
Auch mit der Figur der Cassandra Anderson spielt der Film mit einem Charakter aus der Comic-Reihe. Insgesamt aber bleiben die Figuren, bis auf Dredd selbst, hinter der Überdrehtheit der Comic-Vorlage zurück. Die Leinwand hätte so viel futuristischen Wahnsinn, wie ihn der Comic bietet, nicht verkraftet und hätte das Publikum ähnlich ratlos zurückgelassen wie einst The Spirit bei seinem Kinoauftritt. So versucht die Verfilmung von Dredd bei tatsächlichen zukünftigen Möglichkeiten zu bleiben, sieht man einmal von einer sprachgesteuerten Pistole ab … Obwohl, wer weiß, was gerade alles ausgebrütet wird.
Wenn zwei Polizisten in ein Gebäude gehen, in dem 75000 Menschen leben und die Chefin einer Verbrecherorganisation den Laden völlig unter Kontrolle hat und befiehlt, die beiden Judges umzubringen, wie könnten es die Polizisten dennoch schaffen, den obersten Level zu erreichen und ins Allerheiligste von Ma-Ma einzudringen? Wenn der Großteil der dort lebenden Menschen einzig versucht am Leben zu bleiben, werden sie sich nicht gegen zwei schießwütige Judges stellen und noch weniger zwischen die Fronten. So bleiben die meisten Türen geschlossen. Judge Dredd hat mit Ma-Ma (herrlich eklig gespielt von Ex-Sarah-Connor Lena Headey) eine würdige Gegenspielerin, die weiß, wann es um Alles oder Nichts geht. Neben einigen ziemlich krachenden Sequenzen, die die hohe Altersfreigabe auch rechtfertigen, gibt es sehr spannende Einblicke in die Gedankenwelt eines Telepathen und seine Möglichkeiten, sich im Kampf zu bewähren. Hier gibt es Überraschungen, die Alex Garland noch mehr hätte ausbauen können.
Ganz im Sinne der Comics verfilmt, sehr hart zur Sache gehend, nicht ganz so überdreht wie es die Comic-Vorlage manchmal gewesen ist. Als Genre-Film passt er und gehört in die Riege der neueren, realistischeren Comic-Verfilmungen. Karl Urban bewährt sich auch als Dredd und könnte gerne für eine Fortsetzung zur Verfügung stehen. 🙂
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Donnerstag, 04. April 2013
Eine Flaschenpost gibt einen vagen Hinweis auf den Verbleib von Kapitän Grant. Mühsam können die Finder an Bord des Segelschiffs Duncan einzelne Passagen der darin enthaltenen Nachricht entziffern. Doch das Ergebnis ist alles andere als ermutigend. Im Jahre 1864 ist die Welt noch groß. Entfernungen werden nicht schnell überwunden. Expeditionen wollen wohl durchdacht sein. Eigentlich sollte von offizieller Seite Hilfe erfolgen, denn immerhin handelt es sich bei Kapitän Grant um den ehemaligen befehlshabenden Offizier der Britannia. Doch seitens der Admiralität hegt man Zweifel am Erfolg einer Rettungsmission, die nur auf den unleserlichen Hinweisen aus einer Flaschenpost rühren, die aus dem Magen eines gefangenen Hais gefischt wurde.
Lord und Lady Glenarvan besitzen allerdings ein Herz, das angerührt werden kann, denn als die Kinder des Kapitän Grant sich melden, Mary und ihr jüngerer Bruder Robert, nistet sich eine Idee in den Köpfen der adeligen Familie ein. Wenn die Admiralität nicht hilft, ein schottischer Edelmann kann es. So rüstet sich die Duncan zum Auslaufen. Und ein großes Abenteuer beginnt.
Märchenhafte Zeichnungen lassen aus der Vorlage von Jules Verne etwas Besonderes werden. Die Qualität des Titelbildes findet sich haargenau im Innenteil wieder. So fein können Geschichten für Kinder erzählt und gezeigt werden. Natürlich auch für Comic-Freunde, künstlerisch Interessierte oder auch für Fans des unsterblichen Jules Verne. Wie zeitlos das Abenteuer jener Handlungen ist, zeigt Alexis Nesme mit seiner Comic-Adaption auf, die menschliche Figuren des Originals in tierische Charaktere verwandelt und ihnen so ein unverwechselbares Äußeres verleiht.
Die grafische Technik könnte auch in einem Bilderbuch Anwendung finden. Jedes einzelne Bild ist auf das Feinste ausgearbeitet, ist beinahe ein Kunstwerk für sich. Es herrscht eine bildhafte Theatralik vor, die sich besonders schön in den Mimiken der Figuren findet. Überzogen sicherlich, da ein Tiergesicht nicht über die Bandbreite der Gefühlsanzeige eines menschlichen Gesichtes verfügt, dafür ist die Wirkung insgesamt umso herzlicher. Alexis Nesme verwendet als Zeichner und Kolorist auf die Haare eines Fells einen ähnlichen Aufwand wie auf die Gestaltung eines Wolkenhimmels oder einer Landkarte. Für den Leser entsteht so eine Bilderpracht, mit ausgesprochenem Gespür für Farben ausgeführt, die ihresgleichen in jüngeren Publikationen suchen muss.
Doch es sind nicht nur die Figuren, die prächtige Mode jenes 19. Jahrhunderts und die Ausstattung, die sich durch die Gestaltung eines alten, wenn auch überzeichneten Segelschiffes ergibt, die hier dem Auge etwas zu bieten haben. Die Reise der zur Rettung des Kapitän Grant Aufgebrochenen führt nach Südamerika. Im wahrsten Sinne des Wortes malerische Landschaften breiten sich aus, Naturphänomene erwecken mit ihrer sehr ursprünglichen Phantastik das Abenteuer jener Tage und gefährliches Dschungelgetier bedroht das Leben der Retter rund um Lord Glenarvan.
Will man die Atmosphäre beschreiben, die Alexis Nesme hier heraufbeschwört, so ist sie mit den Weihnachtsvierteilern gleichzusetzen, die es in vergangener Zeit gab und an die sich ältere Leser sicher noch erinnern können. Ein Abenteuer, für das man sich Zeit nehmen muss und will, weil es etwas Besonderes darstellt. Ein Abenteuer, das sich selbst die Zeit nimmt, ausführlich zu sein, ohne zu hetzen. Die Kinder des Kapitän Grant will genossen werden.
Ein großartiger erster Teil, der alles aufzeigt, was ein literarischer Comic imstande ist zu leisten. Optisch und künstlerisch auf hohem Niveau kann die Adaption des Klassikers von Jules Verne nur als malerisches Kino im Albenformat bezeichnet werden. 🙂
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Dienstag, 02. April 2013
Im Jahre 1889 sind Leichen zu einer ganz besonderen Ware geworden. Zum Zwecke anatomischer Studien lassen sich Leichen gut verkaufen. Leichendiebe sind sogar auf den Friedhöfen unterwegs und rauben Gräber aus. Malcolm Max und seine Gehilfin Charisma Myskina verfolgen eine heiße Spur. Nachts auf einem Friedhof in London versuchen sie einige dieser Ganoven bei ihrer Arbeit zu beschatten, um den Drahtzieher hinter den Leichenrauben zu fangen. Leider kommt ihnen eine übereifrige Journalistin namens Fiona Pankhurst in die Quere, die zwar mutig, aber auch sehr sorglos ein Foto der Grabschänder schießt. Kurz darauf ist sie samt ihrer sperrigen Kamera auf der Flucht. Mit wehendem Rock ist das Fliehen jedoch keine leichte Aufgabe und es wäre nicht geglückt, gäbe es nicht einen Malcolm Max, der galant und tatkräftig zur Seite seht.
Aber es ist nicht die Nacht von Fiona Pankhurst. Der langjährige Autor von Gespenstergeschichten, Peter Mennigen, stellt seine interessante Frauengestalt, emanzipiert und forsch, auf schöne Weise vor, bevor er sie nach allen Regeln gruseliger Kunst, als eher prominentes Opfer entlässt. Malcolm Max, ein Ermittler in den dunklen Gefilden des viktorianischen Zeitalters, erblickte zunächst im Hörspiel das Licht der Unterhaltungswelt und betätigt nun mit dem ersten Band einer neuen Comic-Reihe einen weiteren, sehr guten Schritt. Durch den Illustrator Ingo Römling entsteht eine modern und technisch sehr versiert gestaltete Geschichte, die Auge und lesefreudiges Hirn anspricht.
Malcolm Max will nicht nur betrachtet, sondern auch gelesen werden. Neben einigen sehr humorvollen Passagen, auch gegen den Strich eingebaut, wie gerade jene erste Kussaufforderung von Charisma Myskina zeigt, breitet sich eine Atmosphäre aus, wie sie gerade neuere Publikationen des Genres gerne verwenden. Gruselig charmant, mit spitzen Stift, zwischen kantig und weich werden Fans von Stilistiken eines Mike Mignola (Hellboy) oder eines Rob Guillory (Chew) sofort Gefallen an den Bildern von Ingo Römling finden. Allerdings stilisiert er nicht ganz so stark wie seine Kollegen und bleibt noch in der Nähe seiner Entwurfskizzen, die noch deutlich realistischer als das Endprodukt ausfallen.
Das erste Comic-Album: Angesichts der Qualität des ersten Bandes von Malcom Max stellt sich eigentlich nur eine Frage: Warum erst jetzt? Ingo Römling arbeitete schon im Gruselbereich (Die Toten), doch eine Geschichte von dieser Länge war noch nicht dabei. Malcolm Max ist als Figur ein langer Schlacks, mit ebenfalls länglichem Gesicht (und einer gewissen Ähnlichkeit zu einem in meinem Raum bekannten Schauspieler, Adrian Linke) und einer dandy-haften Gestalt. Interessant ist, wie auch die Collage von verschiedenen Personen im gesellschaftlichen Treiben am Theater oder bei Ausstellungen verwendet wird. Hier finden sich Bildaufbauten wie sie auch in der so genannten Bildenden Kunst späterer Jahrzehnte beliebt gewesen sind.
Im Sinne von Gruselgeschichten neuerer wie auch klassischer Machart gibt es allerhand Motive zu entdecken. Anspielungen auf Das Schweigen der Lämmer oder Im Auftrag des Teufels sind ebenso zu finden wie das Einschleichen so ungewöhnlicher Themengebiete wie Voodoo. Letztlich greift optisch alles sehr schön ineinander, so dass ein sehr geschlossenes und damit sehr ansprechendes Werk entsteht.
Ein Nachteil: Wie die Titelgebung des Bandes verrät, handelt es sich um Kapitel 1, nicht Buch 1 und so endet dieses Album erst einmal mit einem gemeinen Cliffhanger und einer Menge unaufgelöster Fragen. Freunde viktorianischer Geschichten, auch andere versierte Leser werden vielleicht erste Schlüsse ziehen, auflösen werden sie jedoch erst Peter Mennigen und Ingo Römling.
Toller Auftakt, aus deutschen Landen endlich einmal wieder und es zeigt sich, dass sich Produktionen hierzulande nicht hinter dem frankobelgischen Kollegium zu verstecken brauchen. Erzählung, Spannung, Bildsprache und Technik fesseln von der ersten bis zur letzten Seite. Ein fein aufbereiteter Anhang bietet einen schönen Blick in die Entstehung des vorliegenden Bandes und der Hauptfiguren. 🙂
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Donnerstag, 28. März 2013
Bilder, Visionen kündigen den Fremden an. Ein Sturm zieht auf. Blitze brechen die Dunkelheit auf. An immer anderer Stelle erscheint der Vermummte mit dem Helm und dem rötlichen Visier und immer weitere in der Macht begabte Humanoide werden von dieser Erscheinung angezogen. In der Tiefe, dorthin, wo sich nur wenige hinwagen, weil es selbst für jene, die Acht geben, gefährlich ist, gerade dorthin müssen die jungen Kämpfer, um sich dem Unbekannten zu stellen. Der Fremde beobachtet. Eine weitere Welt ist für ihn nur eine weitere Arena. Die Gegner stellen sich nicht ungeschickt an, wirklich überraschen können sie ihn nicht. Zunächst jedenfalls.
Wie alles begann: Macht, ein großes Wort im Universum der Star Wars Saga, teilte zunächst nicht auf zwischen einer dunklen und einer lichten Seite, zwischen Jedi und Sith. Orden dieser Art waren unbekannt. Die Macht war auch mehr als nur ein mythisches Energiefeld. Eine reale Begegnung sorgte für eine ungewöhnliche Zusammenkunft von Abgesandten der verschiedensten Völker. Zuerst war alles gut, vereinfacht gesagt. Das Böse kommt von außen. Durch einen Unfall. Vielleicht. In einer Welt, in der die von der Macht Beseelten einen geflügelten Rancor beherrschen können, ist das Eindringen eines Gegners, der auf den Pfaden absoluter Dunkelheit wandelt, der Stein des Anstoßes, der das gesamte Experiment Macht zum Einsturz bringen kann.
Das, man kann es durchaus anhand einer ganzen Reihe von Publikationen sagen, Star Wars Dream Team John Ostrander (Text) und Jan Duursema (Zeichnungen) nimmt sich hier einer der frühesten Phasen aus dem Star Wars Universum an. Lange bevor Republiken, alt wie neu, Imperien sich erhoben und Jedi und Sith gegeneinander in den Krieg zogen, begründeten sich Strukturen, die sehr lange Bestand haben sollten. Der Zauberbegriff lautet Tho Yor. Mystisch anmutende Gebilde, gigantisch zu nennen, wie Schiffe aus einer anderen Realität, tauchen plötzlich auf und verbreiten einen ungekannten und in dieser Form ungefühlten Frieden.
Jan Duursema hat den Star Wars Fan schon in viele Gefilde mitgenommen. Die Arbeiten zur Legacy-Reihe haben einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Doch von der Zukunft des Star Wars Universums geht es nun rund 25000 Jahre in die Vergangenheit. Die Vielfalt nimmt sich hier deutlich zurück. Weniger Völker sind auf den ersten Blick sichtbar, die Technik ist weniger stark ausgeprägt, wirkt altmodischer, aber immer noch exotisch genug. Die Tho Yor, jene pyramidenartigen Raumschiffe, die wie göttliche Fingerzeige aus dem All erscheinen, die in der Macht Starken einsammeln, bleiben ein ungelöstes Mysterium. Jan Duursema entwirft auf der Basis von Ostranders und ihre Handlungslinie eine dichte Atmosphäre, in der selbstverständlich die fremdartigen Kreaturen der Mittelpunkt sind.
Duursema besitzt einfach ein sehr großes Fingerspitzengefühl dafür, die Emotionen der Charaktere zu zeigen. Ist der Leser auf diese Art erst einmal eingefangen, entsteht in den von Duursema grandios entworfenen Aktionsszenen, die sich allein mit Zweikämpfen befassen. Die Gegner variieren sehr stark, so dass sich der Leser auf einige spektakuläre Szenen einstellen kann. Es gibt die erhofften Schwertkämpfe, allerdings fallen diese realistischer aus. Ihnen fehlt die stylische Technik, mit denen sich später einmal Jedi und Sith einander gegenüber stehen werden.
Der neuen Begegnung folgt eine gewisse Grunderkenntnis, die sich schon in Erinnerungen niederschlägt. Die Ausbildung des Machthunds, der die vormals friedliche Welt Tython durch seinen Absturz besucht, ist auf den Sieg um jeden Preis ausgelegt. Alles kann Waffe sein. Jeder Gegner kann besiegt werden. Größe ist nichts. Bereits vor 25000 Jahren, im Star Wars Universum versteht sich, sind diese Regeln für den Star Wars Fan in vielen Szenen abzulesen. Wer die dunkle Seite bevorzugt, findet eine sehr gelungene Eingangssequenz vor, die einen grafisch düsteren Einblick in das Unendliche Imperium und das Volk der Rakata gibt.
So beginnt es also. Es werden nicht die letzten Rätsel enthüllt. Diese liegen zweifellos noch weiter in der Vergangenheit, aber ein interessanter Anteil der Grundlage späterer Auseinandersetzungen und Philosophien enthüllt sich hier. Jan Duursema ist eine Spitzenzeichnerin in diesem Comic-Universum (und in anderen davor ebenfalls). Für Fans ein Muss, für Neulinge ein guter Einstieg. 🙂
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Mittwoch, 27. März 2013
Wer Slasher jagt, muss auch seine Arbeitsgeräte in Schuss halten. Ein Baseballschläger, der einem schon viele gute Dienste geleistet hat, wird sorgfältig gereinigt. So entstehen mit der Zeit Rituale. Auch Vlad hat sich ein kleines Hobby gegönnt. Cassies Jagdpartner Vlad sammelt Sprüche, die er in öffentlichen Toiletten findet. Er zählt ihre Häufigkeit und besonders eines ist klar: die Aussagen fallen nicht durch literarisches Gewicht auf. Doch in Zeiten, in denen wirklicher Spaß selten ist, heitern sie wenigstens auf, bevor der nächste Irre zur Strecke gebracht werden muss und auf Cassie und Vlad wieder der Ernst des Lebens wartet.
Superhelden sterben nicht. Bösewichte, Supergegner springen ebenso wenig über die Klinge. Meistens. Denn die Zeiten haben sich geändert. Mehr Realismus in den Comics forderte auch den Tod einiger edler Recken, zugunsten des Dramas. Die Helden mussten fallen. Eine Besonderheit der Helden sind ihre Sidekicks. Superheldenazubis, Padawane oder, wie man früher zu ritterlichen Zeiten sagte, moderne Knappen. Sie sind auch das schwächste Glied in der Kette. So ist es kein Wunder, dass Tim Seeley, der Erfinder von Cassie Hack, sich sagte, es müsse einmal so richtig mit den Mythen der unsterblichen (weil manchmal auch zurückkehrenden) Helden aufgeräumt werden.
Cassie Hack, Jägerin von Slashern an der Seite ihres Sidekicks Vlad, sieht sich nun einer Reihe von Möchtegernsuperhelden gegenüber, die den Faden längst vergangener Zeiten aufgreifen. Das erinnert ansatzweise an Watchmen von Alan Moore, aber auch sehr bösartig erzählte Geschichten wie The Boys von Garth Ennis. Tim Seeley zeigt nicht nur die Albernheit hinter den Kulissen des Superheldentums, deren Helden es schon schwer genug haben, ernst genommen zu werden, er zeigt auch die Schwierigkeit, einen neuen Superheldennamen zu finden, der ebenfalls so gerade noch ernst genommen werden kann. Zweifellos ist das Genre ein sehr inflationäres geworden. Seeley macht sich einen Spaß daraus und meuchelt diese neuen Helden, denn kein Held kann ohne Gegner bestehen. Eigentlich wird er ohne gar nicht gebraucht.
So driftet das Superhelden Sidekick Schlachtfest in der 8. Folge von Hack / Slash munter in die Richtung eines Kickass unter Verwendung extremer Splatter-Effekte. Wenn der Superheldengegner nicht nur tötet, sondern sich einen großen Spaß daraus macht, seine Feinde zu demontieren, dann ist das ein Fall für Cassie und Vlad, die selbst in Fremdidentitäten schlüpfen und als Sister Sacrilege und Altar Boy einen gleichfalls schlüpfrigen Eindruck hinterlassen. Der Fall diesmal ist haarig für Cassie und Vlad, aber Seeley vergisst auch nicht das allseits unbequeme Rätsel zu lösen, woher denn ein Held (in diesem Fall alle Helden) seine Kräfte überhaupt hat.
Die fünf Zeichner, die sich die Arbeit an diesem Abenteuer teilen, liefern eine bemerkenswerte Arbeit ab und ergänzen sich durch verschieden eingesetzte Stilistik hervorragend. Da werden die Stile längst vergangener Jahrzehnte imitiert und zwischen den Handlungsanteilen gesprungen, so dass allein die Optik die Geschichte vorantreibt, der Leser zwischen Nostalgie, Splatter und Slapstick hin und her gleitet.
Hackoween ist kein Schreibfehler, sondern der Titel der finalen Episode in diesem Band, der ein ganz anderes Phänomen der letzten Jahre in Sachen Superheldengeschichten aufgreift: Zombies. Selten zuvor waren die menschenfleischfressenden Untoten so populär wie heute. So ist der Schritt hin zu einem untoten, aber auch intelligenten Helden, der für die gerechte Sache eintritt, vielleicht nicht die Variante von Superheld, die sich Marvel oder DC einverleiben würden. Aber unter der Regie von Tim Seeley entwirft Drew Edwards einen Zombiesupermann, der mit Herz, Hunger, Humor und Hautproblemen gegen das Böse in Form einer äußerst glibberigen Lebensform antritt. Cassie Hack ist natürlich auch dabei. David Baldeon, der als Zeichner das Abenteuer allein betreut, nimmt besagte Untote der großen amerikanischen Comic-Verlage gehörig auf die Schippe.
Wenn Imitationen von Hulk, Iron Man und Konsorten einmal mehr eine weitere Erde infizieren und ihre Bewohner auffressen wollen, stoßen sie auf einen Gegner mit deutlich höherem Kraftpotential als ein vergleichbarer Ash. Das knallt von Seite zu Seite und macht auch ohne Kenntnis der Vorlage ziemlichen Spaß. Wenn Halloween Man mit einer Comic-Bombe bewaffnet in das haushohe Gehirn eines lovecraftschen Gottes eindringt, bleibt kein Auge trocken.
Sehr , sehr abwechslungsreich, völlig respektlos vor dem eigenem Genre, vor dem anderer Genres sowieso, brennen Tim Seeley und Drew Edwards einen krachenden Splatter-Humor ab, in dem Langeweile ein nicht existierendes Wort ist. Mit dem 8. Band der Reihe liegt einer der Höhepunkte im Schaffen von Cassie Hack vor und ist sicherlich auch ein guter Einstiegsband. 🙂
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Freitag, 22. März 2013
Roland macht sich auf den fernen Weg nach Santiago de Compostela, denn nur in der Tarnung als harmloser Wanderer, fromm und arm, scheint sein Leben sicher zu sein. Und tatsächlich ist das Eintauchen in diese Pilgerreise eine Ruhephase in dem ansonsten sehr aufregenden Leben des Ritters Ungestüm. Aus Mitreisenden werden Freunde. Bald weiß Roland jedoch, dass selbst ein Pilger, ob er nun als Roland erkannt wird oder nicht, nicht sicher ist vor Halsabschneidern und betrügerischer Willkür. Da kommt es gerade recht, im Kampf geschult zu sein, um es mit jenen aufzunehmen, die sich an den Pilgern bereichern wollen. Aber die Gefahren werden größer, die Feinde zahlreicher und selbst die Natur scheint sich mit Eis und Schnee gegen die Pilger verschworen zu haben.
Das Gewissen eines Königs: es regt sich ebenso wie das von gewöhnlichen Menschen. Ein König Artus, stark, unbeugsam, verherrlicht, bricht unter der Last der Vergangenheit zusammen. Betrachtet der interessierte Leser andere Geschichten um den legendären König, heißt er nun Artus oder Arthur, tummelt er sich in Romanen, Filmen oder Comics, mag er zwar menschlich sein, aber selten wurde er derart verzweifelt gezeigt. Dieser König in der Episode Blutende Mauern ist am Ende seiner Kräfte und gibt sich nicht einmal die Mühe, dies auch zu verbergen. Francois Craenhals demontiert in seiner Eigenschaft als Autor und Künstler nicht nur einen König, er stellt seinen ureigenen Helden Roland auch vor eine ungewöhnliche Aufgabe.
In Die Verlobte des König Artus soll sich Roland an die Spitze eines Verstärkungsheeres begeben und gen Kastilien aufbrechen. Roland, der den kastilischen Gesandten gezeigt hat, welch ein Hitzkopf in ihm steckt, macht sich mit seinem Auftreten sogleich neue Feinde. In der Folge geschehen seltsame Unfälle. Alsbald ist sicher: jemand trachtet Roland nach dem Leben.
Die gesammelte Reihe von Rolands Abenteuern nähert sich langsam ihrem Ende. So finden sich nur zwei albenlange Abenteuer in diesem 7. Sammelband abgedruckt. Das letzte Drittel der vorliegenden Ausgabe nimmt der erste Teil von Kurzgeschichten ein, die ein nicht weniger aufregendes Leben des Recken schildern, als es auch in den Alben bisher der Fall war. Auffällig allerdings ist das sehr starke Auftreten von übersinnlichen Aspekten, die bisweilen auch dazu gedacht sind, den Helden zu necken und zu täuschen. Oder, im dritten Fall, nutzt er die Täuschung auch für sich selbst. Roland, der auch eine Jugendmarke der belgischen Post zierte, erhält ein wohl verdientes wie auch ein offenes Ende, denn das letzte hier eingebundene Album hätte nicht das letzte sein sollen. Francois Craenhals starb 2004 zu den Vorbereitungen eines neuen langen Abenteuers.
Roland, Ritter Ungestüm, dessen Portrait hier in einer sehr schönen Abbildung von 1968 vorliegt, hat eines der längsten Comic-Heldenleben gelebt, die einer Figur überhaupt vergönnt sein können. Craenhals, der Roland quer durch die Welt schickte, konzentriert sich in den beiden letzten Alben auf den Konflikt zwischen Roland und seinem König Artus, der seine Tochter seinem wackeren Streiter immer vorenthalten hat und diese lieber für politische Zwecke genutzt sehen wollte. Aus dem strahlenden König wird hier eine gebrochene Gestalt, die selbst bei der Tochter keine Vergebung mehr findet. Liebe siegt schließlich über falschen Gehorsam. Endlich dürfen die beiden (noch) jungen Leute zueinander finden. Craenhals verstand sich ausgezeichnet auf den Mittelweg zwischen Abenteuer und ritterlicher Romantik.
Stilistisch ist sich der Künstler über die Jahrzehnte hinweg treu geblieben. In den Bildern steckt immer auch ein klein wenig naive Kunst, mit klaren Trennungen zwischen dem Bösen und dem Guten. Doch beinhalten die Bilder auch den Eindruck mittelalterlicher Bücherkunst, von Grafiken, die zur Unterstützung handgeschriebener Bücher dienten. Auch kirchliche Darstellungen werden imitiert, tatsächlich in Form von Kirchenfenstern. Schlussendlich, in Blutende Mauern, stellt sich sogar der Eindruck einer theaterreifen Inszenierung ein, beinahe wie ein Drama von Shakespeare, in dem die Gegenwart von der Vergangenheit eingeholt wird.
In den Kurzgeschichten, an letzter Stelle, findet sich die Geschichte Die Füchsin, in schwarzweiß dargestellt, unter Verzicht auf weitere Farbe. Selbst in dieser Kunstfertigkeit weiß Francois Craenhals zu überzeugen und es ist beinahe schade, dass es bisher nicht mehr künstlerische Ausflüge dieser Art gegeben hat. Der Leser erfährt hier darüber hinaus eine schöne Jugendepisode des Helden, absolut unkriegerisch, dafür sehr nostalgisch und gefühlvoll erzählt.
Ein feiner siebter Sammelband über den Ritter Ungestüm. Eine Vorkenntnis bisheriger Geschehnisse ist von Nutzen. Francois Craenhals führt die Saga um seinen Roland mit Fingerspitzengefühl fort. Leider ist sie auch bald an ihrem Ende angelangt. Doch ist ihre Langlebigkeit hoch verdient, da es nur wenige derart schöner Rittererzählungen im Comic-Bereich gibt. 🙂
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Samstag, 16. März 2013
Parker hat nichts mehr. Nur sein Leben. Aber das genügt für einen Neubeginn. Was er braucht, stiehlt er. Kleidung, eine neue Identität. Das Geld, das sie ihm gestohlen haben, holt er sich zurück. Er weiß, wo sie zu finden sind. Sie geben ihm sein Geld. Sonst bringt er sie um. Einfache Rechnung. Keine Worte. Ein Lächeln beeindruckt ihn nicht. Das Lächeln einer Frau schon gar nicht. Ein Lächeln kann falsch sein. Eine Zigarette weist er nicht zurück. Die Kellnerin hat sie bereits im Mund gehabt. Er reißt den Filter ab, bläst ihr den Rauch ins Gesicht. Ihr Lächeln verschwindet. Parker hat ein Ziel. Er lässt sich nicht ablenken.
Es gibt Männer, die sollten nicht gereizt werden. Oder besser gesagt: betrogen. Verbrecher, die einem ganz eigenen Ehrencodex folgen. Einem einfachen Codex: man betrügt mich nicht. Wer mich betrügt, zahlt. Und wer nicht zahlt, ist tot. Parker denkt in einfachen, aber für ihn effektiven Bahnen. Der amerikanische Autor Richard Stark, auch bekannt unter dem Namen Donald Westlake, schrieb mit Parker (orig. The Hunter) die Vorlage zum Film Point Blank oder lieferte zum Beispiel das Drehbuch zu The Stepfather. Mit seiner Figur Parker schuf er einen Verbrechercharakter, dessen Auftritte sich durch mehr als 20 Romane ziehen. Jüngst nahm sich sogar Action-Star Jason Statham in der gleichnamigen Verfilmung der Figur an.
Wer ist Parker? Viel erfährt der Leser über Parker in dieser Geschichte nicht. Parker ist kein Mensch, der viel quatscht. Parker handelt. Er plant sinnvoll, auch vorsichtig. Er sucht sich seine Mitstreiter für einen Job gewissenhaft aus. Einmal jedoch nicht. In diesem Fall geht sämtliche Professionalität verloren. Parker wird angeschossen, für tot gehalten. Es ist sein Glück, dass die Leute, die ihn reingelegt haben, ebenfalls nicht professionell genug waren. Jetzt ist er hinter ihnen her.
Richard Stark hat einen Gangster erschaffen, keinen Gutmenschen, auch niemanden, der gut sein will. Parker will sein Geld. Sonst nichts. Und dafür legt er sich sogar mit dem Syndikat an. Oder wie immer sich die Mafia, das organisierte Verbrechen gerade nennen will. Parker ist es gleich wie groß, wie zahlreich der Gegner ist. Darwyn Cooke, seines Zeichens ein bekannter Comic-Macher, Fans von Superhelden auch ein Begriff, nahm sich schon anderer bekannter Figuren an, holte so zum Beispiel auch den Spirit ins Comic-Leben zurück. Cooke liebt den amerikanischen Cartoon, arbeitet hier aber ein Stück gegen seinen eigenen bekannten Strich.
Für Superman und Konsorten hat er im Animationsbereich sehr saubere Vorarbeit leisten müssen. Ähnlich exakt waren die Arbeiten für den Spirit. Nun aber wird ein intuitiver Strich sichtbar. Schnell, launisch, hart. Immer noch Comic, die Härte der Geschichte abmildernd, mit blauen Farbtönen unterlegt, aber in einem gemeinen Look, der das Harmlose aus den Zeichnungen einer frühen Comic-Ära aufgreift und darüber hinwegtäuscht, wie brutal und erwachsen Parker zur Sache geht.
Die Vergangenheit wird mit grobem Raster gezeigt, die Gegenwart trägt ein harter Pinsel in unterschiedlichen Stärken auf. Schwarz teilt sich das Blatt mit einem kalten hellen Blau. Man schreibt die Frühzeit der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Autos sind breit, die Kostüme eng und die Röcke kurz. New York ist nicht nur ein Big Apple, sie ist das Städte-Model ihrer Zeit. Aus der Erinnerung springt Parker in enge Straßenschluchten, in die Büros des organisierten Verbrechens und später in die Hinterhöfe, wo alle Fragen restlos geklärt werden. Der Strich hält nicht auf, er zerrt am Leser, schneller, weiter, so wie Parker sich auch benimmt, rastlos, rächend, unaufhaltsam.
Parker ist geradlinig. Kein Gerede, keine leeren Drohungen. Wenn Parker sagt, er bringe sein Gegenüber um, falls seine Forderungen nicht erfüllt werden, kann sich der Leser darauf einstellen, dass genau das geschieht. Parker ist kein Großmaul. Parker hat nur sich, auf den kann er sich verlassen. Ein alter Krimi (1962 entstand die Romanvorlage) erlebt seine Wiedergeburt. Auch hier gilt: war gut, bleibt gut. Für Thriller-Fans. 🙂
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Donnerstag, 14. März 2013
Tahiti. Ein Traum mit wunderschönen Stränden und einem ewig blauen Himmel. Hier gibt es keine Sünde, nur das Leben, das Lachen und die Liebe. Simon Combaud trifft in den frühen Tagen des Ersten Weltkriegs auf Tahiti ein, einen Auftrag im Gepäck. Allzu schnell lässt er sich von der mehr oder minder unterschwelligen Freizügigkeit verführen. Combaud genießt das Leben an der Seite einer Einheimischen wie Mareta. So sind die deutschen Schiffe, die langsam auf dieses Paradies zupflügen, den Krieg in diese entlegene französische Bastion tragen, zunächst nur ein ferner dunkler Schatten. Doch auch im Paradies ist die Schlange daheim und sie schlägt erbarmungslos zu.
Der Krieg findet auch das Paradies. Wenn es denn eines gäbe. Denn selbst auf diesem Eiland im damaligen Nirgendwo hat das Böse seine Nische gefunden und treibt sein Unwesen in Form eines unbekannten Mörders. Doch im Jahre 1914 haben die Menschen ganz andere Sorgen. Ein Weltkrieg geht um, der erste seiner Art, ungewohnt, mit neuen Reichweiten und großer Vernichtungskraft. So ist es auch kein Wunder, dass bald zwei deutsche Kriegsschiffe in diesem Paradies namens Tahiti erscheinen und das Inselleben gründlich durcheinander bringen. Plötzlich werden aus Menschen, die über viele Jahre friedlich nebeneinander lebten, Feinde. Die Franzosen inhaftieren die deutschen Bewohner sicherheitshalber.
Didier Quella-Guyot hat sich mit seiner Geschichte ein ungewöhnliches und damit auch außergewöhnlich reizvolles Szenario vorgenommen. Basierend auf realen Ereignissen zeigt der Autor das Leben auf Tahiti im Jahre 1914. Die Insel, die von Berühmtheiten wie James Cook und Charles Darwin wurde, hat sich zu diesem Zeitpunkt der Geschichte eine träumerische Ruhe bewahrt. Schwierigkeiten gibt es irgendwo auf der Welt, aber nicht auf Tahiti.
Sebastien Morice entwirft seine Figuren direkt über das Grafikboard in den Rechner. Es sind die Gesichter, die der historisch interessierte Leser mit den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts in Verbindung bringt. Kantiger hier, runder dort, mit Bärten, die noch eine Art Statussymbol im Gesicht eines Mannes waren. Schneidige Uniformen, fast ein wenig operettenhaft, stehen im krassen Gegensatz zum Paradies der Landschaft. Morice benötigt nicht viele Striche, ist der Skizzenarbeitsgang erst einmal durchlaufen. Warme Farben, geringe Schattierungen geben nicht nur Volumen, sondern vermitteln insgesamt über die Bildaufbauten und Formen ein jugendstilartiges Flair. Man könnte auch sagen: Der Krieg naht, doch Morice behält die Postkartenidylle bei und kreiert so einen sehr feinen Subtext. Das hat textlich wie optisch Biss.
Simon Combaud, der Neuankömmling, aus dessen Sicht der Leser dieses Abenteuer vornehmlich erfahren darf, ist ein, für damalige Verhältnisse, Allerweltsmann. Er ist sieht entsprechend durchschnittlich aus, ist freundlich, auch neugierig und ein Mann, der sich plötzlich in einer recht freizügigen Welt wiederfindet. Zwar hat ein Priester, der in einem anderen Zwirn auch einen Quäker darstellen könnte, alles dafür getan, die tahitianischen Frauen unter Missionarskleidern zu verstecken, nur leider sind sie aus seiner Sicht allzu schnell bereit, dieses auch wieder fallen zu lassen.
Neben einer uniformen und glatten Eleganz, die angesichts der Kriegsvorbereitungen auf dem Eiland überwiegt, gibt es ein paar frivole Ausflüge innerhalb der Handlung. Sebastien Morice versteht diese Szenen mit Feingefühl für die Fantasie des Lesers zu gestalten. Und ehe es sich der Leser versieht, befindet er sich plötzlich noch mitten in einem Kriminalfall, wie bereits der Titel Tatort Tahiti 1914 verrät. Im Gegensatz zu den Fronten, die hier klar abgesteckt und ersichtlich sind, bleibt der unbekannte Täter im Schatten verborgen. Nur seine Taten stören mit ihrer Heimlichkeit das Paradies. Die amerikanische Nacht, die Sebastien Morice in solchen Momenten über dem Idyll ausbreitet, ist trügerisch schön.
Ein neues Szenario, frisch, sicherlich auch historisch, mit vielen kleinen Anekdoten und interessanten Figuren präsentiert dieser Zweiteiler eine Stärkung des Comics abseits der üblichen Genres und beweist wie gut eine Mischung aus Bildroman und Film funktionieren kann. Sehr gut. 🙂
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