Mittwoch, 15. Januar 2014
Ein Sohn kehrt nach Hause zurück und findet nicht die Herzlichkeit vor, die er eigentlich nach langer Abwesenheit erwartet hätte. Die Stimmung in der Familie ist angespannt, der Vater Esteban will nicht einmal Geld von seinem Sohn Gaucho, einem Mitglied der Gruppe um Bruno Brazil, annehmen. Als ein alter Freund der Familie zusammengeschlagen, zerschunden und blutüberströmt, mit einer Warnung ins Haus kommt, ahnt Gaucho das Schlimmste. Das Kommando Kaiman benötigt keine offiziellen Aufträge, um sich mit Halunken anzulegen, oder, wie in diesem Fall, mit der Mafia. Die ehrenwerte Gesellschaft glaubt ihrerseits, sich nur mit einem Mann, allenfalls mit einer normalen Familie anzulegen. Aber wo Gaucho ist, sind seine Freunde nicht weit.
Im zweiten Band der Gesamtausgabe um die Abenteuer von BRUNO BRAZIL finden sich nicht nur vier spannende Alben, der Comic-Fan kann sich auch (falls er es noch nicht wusste) auf eine Überraschung gefasst machen. Seit einiger Zeit weiß der interessierte Zuschauer und Leser, dass eine einmal existente Figur, vorrangig in Serien, nicht mehr vor dem Tod gefeit ist. Charaktere, so beliebt sie sein mögen, so fest sie auch im serialen Sattel sitzen mögen, können sterben. Nicht nur, weil es der Dramaturgie dient und möglicherweise an den Grundfesten der Serie rüttelt, sondern auch, um sich ins Gespräch zu bringen.
Ähnlich gelang es Greg (Autor) und William Vance (Zeichner) mit der Geschichte Akashitos Vermächtnis einen Aufschrei zu provozieren, denn eine etablierte Figur sterben zu lassen (hier: Big Boy) war ein Novum und außergewöhnlich zu nennen. Andererseits, der Leser kann es zu Beginn noch nicht absehen, erweitern Greg und Vance die Riege und die Lebensgeschichte um BRUNO BRAZIL. Bereits im Folgeabenteuer Bewährung für das Kommando Kaiman ist BRUNO BRAZIL nicht nur verheiratet, sondern auch Adoptivvater. Die beiden hier erwähnten Comic-Thriller könnten gegensätzlicher kaum sein.
Beide warten mit exotischen Schauplätzen auf. Verschlägt es BRUNO BRAZIL in Akashitos Vermächtnis nach Bangkok in Thailand, ist der nachfolgende Handlungsort in Bewährung für das Kommando Kaiman so andersartig und so selten benutzt, dass es sich lohnt, hier genauer hinzusehen: die Aleuten. Die Inselkette im Nichts könnte als Schauplatz für alles mögliche dienen, liegt sie doch zu den USA gehörend vergleichsweise im Niemandsland. Greg nutzt die Abgeschiedenheit, indem er sich für sein Szenario über Menschenschmuggel nach Gutdünken austoben kann, aber sicherlich nicht, indem er fantastisch übers Ziel hinausschießt, sondern vielmehr, da er einen Ort auf der Weltkarte gefunden hatte, auf dem Wildwestmanieren noch möglich waren.
Auch gegensätzlich: Zeichnet William Vance im Abenteuer um eine Rakete aus dem Zweiten Weltkrieg mit einem vergleichsweise ebenfalls wilden Tuschestrich, kehrt er mit dem vierten und letzten Abenteuer in diesem Sammelband zu gewohnter Akkuratesse zurück. Welcher Stil nun besser gefällt, liegt einzig im Auge des Betrachters. Denn verschiedene Strichführungen, auch geschabte Striche in Akashitos Vermächtnis beweisen die gewollte Stilistik der Bilder, von der sich Vance aber wieder zurückzog und die bestimmt nicht weniger Zeit in Anspruch nahm als die nachfolgende Arbeit.
Die Nacht der Schakale und Höllentanz in Sacramento leiten den 2. Teil der Gesamtausgabe ein und bilden ein doppelt so lange Geschichte wie gewöhnlich. Die eingangs erwähnte Thematik rund um den Kampf gegen die Mafia und ihre Handlanger wird in zwei feinen Thrillern abgehandelt, in denen BRUNO BRAZIL mehr Strippen zieht als gewöhnlich und viel taktischer arbeitet. Was im Vergleich zu den letzten beiden Abenteuern besser gefällt, ist reine Geschmackssache.
Ein Traumduo bei der Arbeit: Greg und William Vance zeigen die Bandbreite ihrer Arbeit, erschüttern auch einmal, indem sie gegen bestehende Comic-Regeln rebellierten, ein Klassiker ist es weiterhin. Vorbildlich schön. 🙂
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Montag, 13. Januar 2014
2257. Berlin. Iranische Abgesandte befinden sich auf dem Flughafen, um einem Testflug beizuwohnen. Die Anwesenden versprechen sich von der Vorführung ein großes Geschäft. Die Testpilotin sieht plötzlich Lichter am Himmel. Sie bewegen sich, folgen ihr. Das Bodenradar kann den Kontakt mit diesen Lichtern nicht bestätigen. Nina am Himmel allerdings kämpft, so scheint es, um ihr Leben. In waghalsigen Flugmanövern versucht sie den Lichtern zu entkommen. Gegen dieses Phänomen hat sie aber keine Chance. Kurz steht der Flug auf des Messers Schneide, da die Elektronik versagt. Die folgende sichere Landung bringt keine Erleichterung. Hat Nina nun etwas gesehen oder hat sie sich alles nur eingebildet?
Wie es für einige Figuren und Strömungen begann, berichtet dieser Band außerhalb der normalen Reihe mit Kurzgeschichten und interessanten Völkerbeschreibungen. Letztere sind hervorragend von Serge Pelle illustriert. Für die Kurzgeschichten treten neue Künstler auf das Parkett, die dem Orbital-Universum neue Facetten abgewinnen. Sylvain Runberg, Autor der Reihe ORBITAL beschäftigt sich mit der Zeit vor den Ereignissen, mit denen sich die Serie beschäftigt. Ein wiederkehrendes Element ist die Strömung auf der Erde gegen einen Zusammenschluss mit einer interstellaren Gemeinschaft. Mit der Geschichte Metamorphose liefert Runberg einen Ankerpunkt für die Ablehnung Außerirdischer.
An einem normalen Tag in Tokio im Jahre 2280 besucht eine Familie, Eltern und drei Kinder, einen Zoo, der den staunenden menschlichen Besuchern außerirdische Tiere von vielen verschiedenen Welten präsentiert. Doch das Fiasko ist vorprogrammiert. Denn nicht alle Sicherheitsvorschriften passen auf außerirdische Tiere, noch sind alle Hinweise aufmerksam gelesen worden. Der Leser kann früh das Drama absehen, wegschauen kann er dennoch nicht. Der Höhepunkt, das grausige Ende wie auch der düstere Epilog, sehr kurz in nur wenige Bildern, erklärt einige Motivationen, die ein Hauptbestandteil der Serie sind.
So widmet sich Sylvain Runberg außerdem einer Figur, die auf den Leser der Hauptreihe Eindruck machte, vielleicht mehr, weil sie ein ganz besonderes Schiff steuerte und auch ein ganz besondere Beziehung zu diesem Fahrzeug entwickelte, wie es sonst für einen Piloten eher unüblich ist. Nina ist eine Testpilotin, gleichzeitig ist sie ein Mensch, der nicht nur durch seine außergewöhnlichen Beobachtungen neben der Spur steht. Sie fühlt sich immer anders, fehl am Platz und trotz guter Kollegen, einem Verlobten, vielen Menschen um sich herum auch einsam und unverstanden. Nina hat eine Begegnung der dritten Art. Doch diese schlägt ihr nicht nur aufs Gemüt, lässt sie an ihrem Verstand zweifeln, sie erhält durch diesen fremdartigen Kontakt auch eine Chance.
Miki Montllo zeichnet mit einer ähnlichen Zeichentrickoptik wie auch Marcial Toledano, der die Episode Die Extraktierte gestaltet. Extrem glatte Linien, klare Formen und Figuren. Einzig in der Kolorierung driften sie auseinander. Toledanos Bilder wirken etwas natürlicher, während Montllo den Computer im Endprodukt keineswegs zu kaschieren versucht. Die Optik passt zur ebenso geradlinigen Science Fiction, nah an einem Charakter, an Haltung und Mimik. Toledano arbeitet etwas weniger stereotyp als Montllo. Bei ersterem sind die Figuren ein Stück weit organischer, echter, während Montllo immer die Ideallinie zu finden sucht.
Nicht nur Kurzgeschichten in Comic-Form hat dieser Band zu bieten. Auch eine illustrierte Kurzgeschichte mit Bildern von Homs. Man könnte es auch einen mit Bildern dokumentierten Eintrag nennen. Am schönsten, von Hauptzeichner Serge Pelle ausgeführt, sind jedoch die Grafiken, den erklärend den lexikalischen Beiträgen der unterschiedlichen Völker in ORBITAL beigefügt sind. Die sehr weiche, dichte Farbgebung, die organischen Tuschelinien, der feine Comicstil haben maßgeblich zum Erfolg der Reihe beigetragen.
Viel Hintergrundmaterial, eine Art Bibel der Reihe, wie es auch ein Sylvain Runberg als persönliche Gedächtnisstütze benutzen kann. Sehr schön illustriert, gut erzählt, eine Ergänzung zur Hauptserie, die Fans der Reihe wahrscheinlich am meisten interessiert. 🙂
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Freitag, 10. Januar 2014
Kolumbus und seine Mannen haben viele Strapazen auf sich genommen, um den Ozean zu überqueren. Nach einer langen Reise, die jegliche Hoffnung zunichte gemacht hatte, erscheint am Horizont plötzlich Land. Endlich! Die Seeleute, ihr Kommandant vorneweg, besteigen die Beiboote und setzen an Land über. Groß ist die Freude, groß sind die Worte über diese Entdeckung, die sich Kolumbus herbeigesehnt hatte. Das folgende Erstaunen und das Entsetzen sind noch größer, denn kaum hat Kolumbus einen Fuß auf den Strand gesetzt, sich voller Ehrfurcht hingekniet, trifft ihn ein Pfeil. Und die Geschichte, wie sie die Menschheit bislang kannte, nimmt einen anderen Verlauf. Das ist ein Fall für die Zeitbrigade.
Kris, der Autor, hat sich ein Abenteuer vorgenommen, in dem er alles richtig macht. Die Zeitbrigade repariert Zeitströme, notdürftig muss man sagen, führt sie erneut auf den richtigen Weg, wenn der alte, bekannte Weg zerstört worden ist. Im Zeitstrom tummeln sich zwei Fraktionen. Die einen bewahren ihn, die anderen suchen nach immer neuen Anschlagsmöglichkeiten auf die menschliche Gesichte. Kris nimmt die Nichtentdeckung Amerikas als Grundlage, forciert durch den frühzeitigen Tod von Christoph Kolumbus, damit sich die Welt in einen Entwicklungsstillstand hineinmanövriert. Zwei Agenten der Zeitbrigade werden ausgeschickt, um die Weltgeschichte auf eine annehmbare Bahn zurückzuschaffen.
Das wird mit ähnlich schönen Humor erzählt, mit dem auch das Agentenpaar von Pierre Christin und Jean-Claude Mezieres im Comic-Genre unterwegs ist. Hier begegnen sich allerdings ein alt gedienter Haudegen und ein Frischling, der soeben seinen Abschluss gemacht hat. Die beiden Agenten müssen sich sehr zusammenraufen, denn keiner hat Lust auf die Arbeit mit dem anderen und der Auftrag ist auch in ihrem Sinne. Bruno Duhamel liegt mit seinem Strich auf einer Linie mit Comic-Größen wie Guy Davis, Conrad, Francois Walthery, Dragan De Lazare und ganz bestimmt, um bei diesem Vorbild zu bleiben, Jean-Claude Mezieres.
Die beiden Hauptfiguren, Dagobert Kallaghan (der alte und erfahrene Agent), genannt Daggy und Stuart Montcalm (der Frischling), lassen sich bereits durch ihr Äußeres ihren Aufgaben zuordnen. Kallaghan ist ein eigenbrötlerischer Schotte, zu lange im Geschäft, um noch überrascht zu werden. Montcalm ist zu kurz im Geschäft, den überrascht so gut wie alles. Von ihrem Chef, äußerlich eine Comic-Version eines gealterten Peter Cushing, erhalten sie den Auftrag, der sie von einer sehr futuristischen, aber auch optisch nostalgisch angehauchten fernen Zukunft in eine interessante Vergangenheit geschickt werden, von der für die Entwicklung des Erdballs so viel abhängt.
Ich bin der König der Welt! Vom Weltraum geht es in ein grafisch ansprechendes Seeabenteuer, ohne Kolumbus, jedoch mit dem selben Ziel, den amerikanischen Kontinent (wieder) zu finden. Eine leichte Tuschearbeit, ein treffsicherer Farbauftrag geben die richtige Stimmung für ein klassisch europäisches Comic-Abenteuer wieder, in dem sich die beiden Haudegen schließlich auf hoher See wiederfinden. Die schönen Ortswechsel machen viele der starken Momente dieses ersten Bandes des Zweiteilers von Die Zeitbrigade aus.
Eine schöne Zeitreisekomödie mit phantastischen Elementen und Abenteueranteilen. Thematisch klasse, grafisch klassisch und wird mit dem Folgeband leider schon abgeschlossen. 🙂
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Dienstag, 07. Januar 2014
In einem Wohnwagenpark lauert Derrick Storm einem Ehebrecher auf. Die Ehefrau von Jefferson Grout dachte bisher, ihr Mann sei nur verschwunden. Storm weiß es inzwischen besser. Ein paar Fotos werden die Charakterschwäche von Jefferson Grout belegen und dann geht es gleich wieder nach Hause. Wäre da nicht der Revolver, der plötzlich auf ihn gerichtet wird. Und die Schrotflinte. Und die Automatik. Und Grout benutzt sogar einen Schalldämpfer für seine Pistole. In welchen Schlamassel ist Derrick Storm da hineingestolpert?
Angesichts einer welteiten Präsenz in Roman, Fernsehserie und nun auch Comic kann man von einem fulminanten Erfolg der Autorenfigur von Richard Castle sprechen. Der Leser wird hier in diesem Band auf eine der Erfindungen von Richard Castle treffen, Derrick Storm, einem Privatdetektiven, dessen Abenteuer mit markigen Titeln daherkommen und so angelegt sind, dass es gleich von der ersten Szene an zur Sache geht. Das ist solide Thrillerkost, viel Zeit soll dem Leser nicht bleiben, er soll gefesselt werden, deshalb kommt Derrick Storm zu seinem wirklich großen Auftrag wie die berühmte Jungfrau zu Kinde. Aus einer einfachen Suchaktion und letztlichen Überwachung wird plötzlich eine Angelegenheit auf Leben und Tod.
CIA. Derrick Storm ist selbst nicht unbelastet, war sein Vater doch beim FBI und kennt sich aus. Er rät seinem Sohn von einer Zusammenarbeit mit der CIA ab, die am Ende nur jemanden braucht, den sie an der lange Leine führen kann. Aber Derrick Storm ist auch Charakter, der es immer meint besser zu wissen, deshalb macht er sich trotzdem auf den Weg ins ferne Nicaragua. Lan Medina, Zeichner der ersten Comic-Ausgabe von Derrick Storm, hatte das Glück den Charakter für diese Adaption gestalten zu können. Insgesamt der in Sachen Superhelden erfahrene Zeichner mit perfektem Strich bei der Arbeit. Die Figuren, allesamt, tragen markante, starke Züge und sind keine durchschnittlichen Figuren. Das Konzept einer Fernsehserie ist hier deutlich in den Comic übertragen worden.
Lan Medina, der die Comic-Adaption von Comic-Veteran und Autoren-As Brian Michael Bendis grafisch umsetzt, zeichnet überaus fein, wie die Dokumentation der Arbeitsprozesse im Anhang eindeutig zeigt. In der Tuscheüberarbeitung, überwiegend von Scott Hanna ausgeführt, gehen manche Feinheiten leider verloren, ein Verlust, der in diesen Arbeitsschritten allgemein häufiger auftritt. Aber es ist auch interessant zu sehen, wie sich Kleinigkeiten von der Bleistiftskizze bis zur Tuschezeichnung noch ändern können. Insgesamt ist der Arbeitsaufwand, der hier präsentiert wird, der penible Aufbau der Seiten (auch von der schriftlichen Vorlage her betrachtet), einen zweiten und dritten Blick wert.
Manche Helden werden zusammengeschlagen, damit sie derart derangiert das Herz des Lesers oder Zuschauers für sie einnehmen. Derrick Storm kommt zwar auch nicht ohne Blessuren davon, wirklich bemitleidenswert wird jedoch erst, wenn er in einem rosafarbenen Bademantel in einem Hotelzimmer warten muss, während eine emanzipierte CIA-Agentin ihrer Arbeit nachgeht. Ja, die modernen männlichen Helden haben es nicht leicht, möchte man sagen. Aber Frank Castle, Brian Michael Bendis (im Autorenverbund mit Kelly Sue Deconnick) und Lan Medina haben ein Einsehen. Körperlich durchaus wie Superman ausgestattet, kann Derrick Storm einstecken und hinlangen, ist smart und charmant wie Nathan Fillion.
Beginnt als kleiner Fall und wächst zu einer internationalen Geschichte heran, in der es um sehr viel mehr geht. Schneller Thriller mit sympathischer Hauptfigur, fein illustriert, von Comic-Profis adaptiert. 🙂
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Sonntag, 05. Januar 2014
Wenn die Zombie-Apokalypse droht und all die halb verfaulten Wiedergänger unser aller Gehirn wollen, ist es besser, ein paar Pflanzen, ganz besondere Pflanzen zum Freund zu haben. Vom Spiel zum Comic schafft es auch dieses Computerabenteuer der anderen Art. Viele sind schon gegen die Zombies angetreten, vieles wurde benutzt, um ihnen den Garaus zu machen. Pflanzen hörten bislang eher weniger dazu. Der gemeine Zombie ist, daran kann bei diesem Band, PLANTS VS. ZOMBIES, keinerlei Zweifel mehr bestehen, ist im Kinderzimmer angekommen. Als George A. Romero seine Nacht der lebenden Toten auf den Kinozuschauer hetzte, hätte er sich diese Entwicklung wohl niemals vorzustellen gewagt.
Die wollen mehr als nur spielen, denn sie wollen dein Gehirn. In lustigem Knuffellook, in I-Gitt-Grün, haarlos und mit Glubschaugen angetan, wie nahe Verwandte der von Eric Powell kreierten Untoten, hat sich ein Zombie mit Gehirn, der Zomboss, aufgemacht, die Stadt, in der die beiden Kids Patrice und Nate leben, anzugreifen. Das ist natürlich nur ganz handzahm gruselig, wenn die Zombies in ihren lustigen Verkleidungen (mit Eimer auf dem Kopf) und an Luftballons hängend angreifen.
Die erste überraschende Welle wird noch (nicht weniger überraschend) mit Rasenmähern zurückgeschlagen (als habe Autor Paul Tobin vor der Horrorkomödie Braindead von Erfolgsregisseur Peter Jackson eine Verbeugung einbauen wollen). Doch dann erschöpfen sich zunächst die Verteidigungsmöglichkeiten, gäbe es nicht einen versponnenen Erfinder, den Onkel von Patrice, der sich mit der Zucht von sehr besonderen Pflanzen abgibt. Fleischfressende Pflanzen treten neben Sonnenblumen, Kürbissen, Melonen, Walnüssen, sogar Wasserpflanzen in den Kampf ein. Das soll nur Spaß machen (tut es) und ist auf jeder Seite turbulent.
Ron Chan darf als Zeichner ein kunterbuntes Fußvolk zu Papier bringen. Bei den normalen Zombies bestechen nicht nur jene, die an Luftballons hängen. Gerade jene, die selbst im Tod nicht vom Handy lassen können und versuchen Gehirn beim Pizzalieferanten zu bestellen, sind ziemlich auffallend. Mit fettem Außenstrich, genau gesetzten Innenstrichen (wenige) zeichnet Ron Chan die Figuren, die sowohl gut auf den Papierseiten aussehen, als auch bildschirmtauglich sind. Das besitzt, auch gemäß der leichten Farbgebung mit wenigen Verläufen und allemal eine Schattierungsstufe, bewegen sich die Bilder auch nahe am Graffiti-Look.
Yetizombie und Riesenzombies greifen in diesen Kampf ein, der von einem Zomboss mit überdimensionalen Gehirn geleitet wird (und so aussieht, als handele es sich um einen wiedergängerischen Marsianer aus einem Film von Tim Burton). Es wird im Verlauf der Handlung immer größer, voller, Endgegner eingeschlossen, wie es sich für ein Computerspiel gehört, dessen Atmosphäre hier gut getroffen ist (und das auch ohne Computerspielvorlage gut funktionieren würde).
Kindgerechtes, wenn auch nicht für die ganz kleinen, meist quietschvergnügtes und klickibuntes Zombieabwehrabenteuer. 🙂
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Samstag, 04. Januar 2014
Eltern, die mit der Verbindung zum jeweiligen Partner nicht einverstanden sind, können tatsächlich das geringste Problem im Leben eines Paares sein. Wenn beide nämlich von unterschiedlichen, außerdem noch miteinander im Krieg befindlichen Völkern abstammen, ein Kind aus dieser Verbindung hervorgegangen ist und die kleine Familie durch die Galaxis gejagt wird, sind Eltern wirklich das allerletzte Problem, um das man sich Sorgen machen muss. Riesen können zum Beispiel ein Problem sein. Nackte Riesen. Oder Roboter mit homoerotischen Träumen. Ein Kopfgeldjäger, sogar einer der besten auf seinem Gebiet, darf ebenfalls nicht vergessen werden. Alana und Marko, die Eltern auf der Flucht, haben es gewiss nicht leicht. Das wissen sie spätestens, als sie eine der ungewöhnlichsten Geburten des Universums erleben. Und in diesem Universum ist schon vieles ungewöhnlich. Aber das?!
Inzwischen ist ein Punkt in der Geschichte erreicht, in der SAGA nicht mehr mit Star Wars verglichen werden kann, der Vergleich hinkt sogar. Neben ein paar tragischen Momenten setzt SAGA weitaus mehr auf Comedy, als es noch im ersten Band der Fall war. Ein szenisches Zitat erinnert an Lexx. Manches ist abgedrehter, als es ein Film wie Barbarella je war. Action wird durch nichts begrenzt. Das Markenzeichen dieser Serie, grenzenlos mögliche Kreaturen, lässt Kämpfe, Auseinandersetzungen im großen und kleinen Stil, in allerlei Wahnwitzigkeiten ausarten. Diese sind absolut sehenswert. Der Leser darf sich oft überraschen lassen, vielleicht auch schockieren (das dürfte aber bei der Zielgruppe von SAGA eher nicht der Fall sein).
Brian K. Vaughan vertieft die Hintergrundgeschichte der beiden Liebenden, erzählt über ihr Kennenlernen und jenes Ereignis, den Akt, der überhaupt erst zum Auslöser von SAGA wurde: das Kind. Letztlich bleibt es nicht bei einem Kind. Ein weiteres wird bei seiner Geburt sogleich zum Zerstörer, ein anderes erwärmt ein scheinbar kaltes Herz und wird zum Begleiter eines Kopfgeldjägers. Die Handlung teilt sich in die Sichtweisen von Gejagten und Jägern. Letztere, der Freilanzer Der Wille wie auch Prinz Robot IV, eine humanoide Kreatur mit einem 70er-Jahre-Fernseher als Kopf, agieren aus unterschiedlichen Motiven, die sich mit der Zeit sogar verschieben. Man könnte sagen, ein schlichter Jagdauftrag wird für beide persönlich.
Fiona Staples hat ihre Figuren derart gut im Griff, dass bereits wie kleine Schauspieler agieren, sich auch geradezu für eine Verfilmung empfehlen (Heath Ledger und Shannyn Sossamon wären vor einigen Jahren das Traumpaar für die Besetzung der Hauptrollen gewesen. Wer weiß, woher die optische Inspiration für die beiden Charaktere stammt.) Staples lehnt sich mit ihren Kreaturen an die Realität an, macht aus Maulwürfen Sicherheitsleute, kreiert auf einer Doppelseite eine grafisch beeindruckende Geburt und vervollkommnet die Hauptcharaktere zur lebendigen Perfektion.
Mein persönliches Sahnehäubchen dieser Ausgabe sind die Wehweiber. Selten waren Hexen gruseliger und mit einem simplen Trick einfallsreicher. Dies wird hier einzig noch durch die Auflösung der Szene überboten, in der sich jemand etwas besonderes einfallen lässt, um der gefahrvollen Situation zu entkommen. Noch schöner, am schönsten, aber natürlich auch gestalterisch aufwendiger fallen die Titelbildillustrationen von Fiona Staples aus, die den einzelnen Kapitel voran gestellt sind. Hier beeindruckt sie mit einer tollen grafischen Eleganz und dem fotografischen Blick für den richtigen Moment.
Eine Odyssee im wahrsten Sinne. Haken schlagend geht die Reise der Flüchtlinge weiter, deren Zahl nun zugenommen hat. Entsprechend sind die Verfolger auch mehr geworden und ihre Motivation hat sich deutlich verändert. Brian K. Vaughan zeigt, was passieren kann, wenn ein Erzähler seine Phantasie von der Leine lässt und eine talentierte wie auch technisch versierte Künstlerin an seiner Seite hat. Top! 🙂
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Freitag, 03. Januar 2014
Eine Leichenhalle. Eine Einäscherung gerät außer Kontrolle, als der Leichnam in der Verbrennungskammer zum Leben erwacht, ein kleines Mädchen plötzlich von den Toten aufersteht und nach seiner Mutter verlangt. Überall im kleinen Städtchen Wausau im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin melden sich bereits Verstorbene ins Leben zurück. Der Überraschung folgt die Freude, dann ein Stirnrunzeln, ein Rätselraten, landesweit mit darauffolgender Quarantäne des gesamten Bundesstaates. Tote, die ins Leben zurückkehren, können ansteckend sein. Oder zur religiösen Pilgerei einladen. Während die Bundesbehörden sich die Haare raufen, sind die Probleme in der Kleinstadt Wausau längst viel handfester.
Manchmal kommen sie wieder! Wer die Reihe Hack / Slash von Tim Seeley auch nur zeitweilig verfolgt hat, wird sehr schnell erkannt haben, wie gut der Autor sein Genre kennt. Zahlreiche Anspielungen, Verweise, sogar Auftritte von Originalhorrorfiguren (Chucky) haben einen Eindruck vermittelt, wie sehr Tim Seeley im Thema verwurzelt ist. Wer nun REVIVAL zum ersten Mal aufschlägt und zu den Lesern gehört, die ihren Stephen King öfters mal aufgeschlagen haben, wird in der Konzeption auch Parallelen zum Meister des Horrors entdecken.
Eine nordamerikanische Kleinstadt wird zum Schauplatz eines Ereignisses, das die ganze Welt interessiert. So betrachtet ist es nicht verkehrt, REVIVAL eine Art Mischung zwischen Under The Dome und Friedhof der Kuscheltiere zu nennen. Den eingangs zitierten Titel einer Kingschen Kurzgeschichte nicht zu vergessen. Aber Tim Seeley wäre nicht der Autor, zu dem er sich in der Vergangenheit gesteigert hat, würde er nicht mittels eigener wie auch ungewöhnlicher Ideen neue Akzente setzen. Die Toten kehren zurück, sie wissen, dass sie tot waren und beileibe nicht jeder kommt optimal zurecht mit diesem Zustand.
Hier beginnt das großartige Spiel von TimSeeley, einerseits mit den sich bietenden Möglichkeiten, die von den Charakteren erkannt werden, andererseits mit der Qual jener Personen, die sich trotz allem nichts sehnlicher wünschen, als dieser Welt den Rücken zu kehren und endlich an der Seite des Herrn in seinem Himmelreich zu sitzen. Dank Zeichner Mike Norton sind beide Richtungen grafisch ebenso gut abgedeckt wie das Kleinstadtgeflecht, das die Geschichte Zug um Zug aufdeckt. Gleichzeitig loten Seeley und Norton auch die Bedürfnisse moderner Menschen aus, indem sie einen selbst ernannten Teufelsaustreiber auf die Pirsch schicken und zeigen, wie im Jahre X nach Der Exorzist mit Besessenen umgegangen wird.
Optisch stehen die leisen Momente gegen die rasant dramatischen Anteile. Beide geht mit Mike Norton mit der selben sauberen, experimentfreien Technik an, ähnlich wie es auch Seeley selbst macht, wenn er zeichnet. Der Realismus stützt den Horror sehr gut, auch mal drastisch, wenn die Oma auf dem Seziertisch zum zweiten Mal von den Toten zurückkehrt oder ein besonderer Körpereinsatz schließlich zum Ziel führt. Zum Thema Tod darf der Leser auch Geister erwarten, die ihn in ihrer Schlichtheit optisch bestimmt überraschen und wie ein Fremdkörper neben den klaren Linien wirken. Hier wird das Rätsel um ihre Existenz durch die Äußerlichkeit verstärkt und auch bislang nicht gelöst.
Ein schöner dichter Auftakt, in dem Tim Seeley weiblichen Hauptfiguren einmal mehr den Vortritt lässt. Gegensätzlich positioniert raufen sie sich in einer amerikanischen Kleinstadt zusammen, weil große und kleine Rätsel sie dazu zwingen. Für eine weiterhin spannende Fortsetzung ist mit dem Ende Tür und Tor geöffnet und es wird bestimmt interessant, wie Seeley den mythischen Aspekt der Handlung verfolgen wird. Gut schaut es, auch eben dank des künstlerischen Duos Mike Norton und Mark Englert, bisher aus. 🙂
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Link: timseeleyart.blogspot.de (Blog von Tim Seeley)
Montag, 30. Dezember 2013
Das schwarze Band reicht weit in die Galaxis hinein und darüber hinaus. Seine Macht zerschneidet Sterne. Was als Krieg unter den Menschen begann, beeinflusst nun Lebewesen, die niemals ein menschliches Wesen sahen. Andernorts, weit entfernt, hadern diese Menschen immer noch miteinander. Die von Kalish begründete Zivilisation, die sich ihre eigene Legende schaffte, ihre eigene Bibel sogar, ist nicht so hoch entwickelt, wie sie es gerne hätte, obwohl ihre technischen Fähigkeiten unglaublich sind. Die menschliche Psyche indes hat den Reifeprozess nicht mitgemacht und ist sogar in einer emotionalen Kälte erstarrt, die eine Hinarbeit auf eine gemeinsame Zukunft zwischen den Sternen unmöglich macht.
Die Beendigung des Ersten Universellen Krieges hat der Menschheit keinen Frieden gebracht. Die Zerstörung der Erde, die über 20 Milliarden Leben kostete, hat eine tiefe Narbe in der Gesellschaft der Menschen hinterlassen, die sich nun über mehrere Gestirne verteilt eher depressiv zurückgezogen hat. Als Autor und Zeichner Denis Bajram den ersten Zyklus schrieb, eine verschachtelte Science-Fiction-Geschichte, die den Leser auch forderte, stand eine Rückkehr in dieses Universum in den Sternen. Es war nicht undenkbar, besaß auch schon Planungsansätze, die auch andere Zeichner bedachte, aber so recht in die Gänge schien dieses Projekt nicht kommen zu können. Dann nach vielen Jahren wagte Denis Bajram den Schritt, den sechsteiligen zweiten Zyklus komplett selbst zu gestalten.
Angesichts der nach Perfektion heischenden Entwürfe von Jean-Michel Ponzio und Arnaud Boudoiron ist es einerseits schade, dass diese Künstler nicht zum Zuge kamen, andererseits kennt wohl niemand dieses Universum, auch in seiner Optik besser als Bajram selbst. Nun ist es also mit Die Zeit der Wüste wieder so weit. Eine neue, völlig unbekannte und unberechenbare Gefahr droht und die Sonne verhüllt sich. Über die verbliebene Menschheit bricht im wahrsten Sinne des Wortes ein Zeitalter der Dunkelheit herein. Wie lange wird sie diesen Zustand überleben können? Und wer ist diesmal der Aggressor?
Zu diesem Zeitpunkt der Erzählung sind die führenden Köpfe wie auch die einfachen Menschen, die ihr Leben noch auf dem Mars verbringen, weit davon entfernt, sich diese Fragen zu stellen. Der Leser weiß zu diesem Zeitpunkt bereits mehr. Eine Antwort, wenigstens keine genaue, ist ihm auch nicht möglich. Grafisch reizvoll ist sie allerdings bereits. Denis Bajram kehrte auch deshalb als Grafiker in sein ureigenes Universum zurück, da die beiden bisherigen Zeichner seiner Stilistik zwar nahe kamen. Aber eben nur nahe. Die Entwürfe, Storyboards, die Bajram im schönen redaktionellen Teil dieses ersten Bandes der neuen Reihe zeigt, gereichten anderen Künstlern in Graphic Novels bereits zur Endversion.
Doch es gibt noch einen Sprung von der digitalen Skizze zum sehr klaren Ausdruck in den fertigen Bildern von Denis Bajram. Diese besitzen die Wirkung, als sei nicht nach Storyboards, sondern nach der Vorlage eines Films gearbeitet worden. Bajram springt zwischen den Ansichten nahe der Sonne, auf dem Mars und in den (trotz des rötlichen Lichtes) kalten Umgebungen der marsianischen Siedlung. Ein Mini-Las-Vegas sorgt für die Menschen auf dem roten Planeten für ein gruseliges Heimatgefühl. Die Kasinos, die Pyramiden, der Eiffelturm und andere Hotels erschaffen vor der brachen Kulisse des Mars eine trostlose Kulisse. Grafisch setzt Bajram die Grundstimmung der menschlichen Gesellschaft fort. Es ist also eher eine Dystopie, als eine vor Freude strahlende Utopie.
Das Rot versinkt in Dunkelheit. Aus Kanaan, dem Bibelsinne nach durchaus ein hoffnungsvoller Flecken Erde (2. Buch Mose), kommt kein Heil mehr. Die ehemaligen Erlöser, die Superkrieger, wenden sich vom Leid der eigenen Art ab, nur noch darauf bedacht, das eigene Leben zu retten. Das ist szenisch furchtbarer als die Bilder eines Bombenanschlags, der ausgerechnet auf eine Schule durchgeführt wird.
Denis Bajram kehrt zu seinem Science Fiction Epos zurück, zeigt eine Menschheit, die eigentlich bereits verloren scheint, die den Glauben an sich völlig verloren hat. Das Grauen kommt auf leisen Sohlen, die Hoffnungslosigkeit in dieser dunklen Zukunftssicht. Es ist grafisch überaus gelungen und ist für den Leser zu hoffen, dass Bajram sein selbst gestecktes Ziel für die kommenden Bände einzuhalten weiß. 🙂
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Samstag, 28. Dezember 2013
Der König ist tot. Es lebe der König. Gerade noch hat sich Elric von Melibone auf seinem Schlachtschiff bewährt, trotzte nicht nur den angreifenden Barbaren, sondern überzeugte auch durch seine magischen Fähigkeiten, als ausgerechnet ein einzelner Angreifer durch die abwehrbereiten Reihen der Melibonier schlüpfen kann. Kurz darauf fällt Elric in den sicheren Tod. Sein Cousin Yyrkoon hat nur auf diesen Moment, diesen Tag gewartet. Siegreich kehrt das Heer zurück, heuchlerisch beklagt er den Tod des Königs, nur um selbst den Thron besteigen zu wollen. Doch Yyrkoon hat sich selbst über die Einfachheit dieser kleinen Intrige hinweggetäuscht. Das Schicksal hat mit Elric noch viel vor.
Ein Volk, dem nichts heilig ist, in dem jeder sich selbst der Nächste ist. Oder noch nicht einmal das. Qual ist nichts. Die Qualen anderer erst recht nicht. Der Rubinthron, auf dem der Albino ELRIC über dieses grausame Volk regiert, schwingt sich über jedes andere, jede andere Rasse empor, wähnt sich an der Spitze aller und in Sicherheit. Autor Michael Moorcock kreierte diesen ELRIC, der an der Spitze einer pervertierten Gesellschaftsform steht, in der wie nebenbei menschliche Wesen (und andere) aus Freude oder Langeweile gequält werden, im Blut anderer gebadet wird und selbst die eigene Rasse nicht geschont wird und Verrat und Intrigen einen aus Melibone ständig auf der Hut sein lassen.
Julien Blondel hat sich der Adaption der Figur des Elric von Michael Moorcock angenommen. Zusammen mit den drei Künstlern für Zeichnung und Kolorierung, Didier Poli, Robin Recht und Jean Bastide ist ein Bilderrausch entstanden, der auch abstoßende Szenen nicht scheut, diese aber nicht in den Vordergrund stellt. Genug bleibt der Fantasie des Lesers überlassen. Zur Zeit, als der Leser in diese Geschichte springt, nach einer kurzen Einführung, ist das Reich Melibone auf dem Gipfel seiner Macht, nach einer elendig langen Periode von gewonnenen Kriegen und Unterdrückung. Wer es wagt, dieses Reich anzugreifen, ist entweder verzweifelt, wahnsinnig oder von irrsinnigem Hochmut durchdrungen. Dennoch wagt sich eine Armee von Barbaren in die Sphären dieses Volkes. Für den Leser werden die Angreifer zu einem erschreckenden Beispiel, wie sich dieses dunkelelfenartige Volk zu wehren weiß.
Das Szenario besitzt Blockbuster-Charakter. Im Stile einer Hommage vernichten die von Elric beschworenen dämonischen Truppen die menschlichen Angreifer effektvoll und mit großem Hunger. Es ist dem Künstlertrio zu verdanken, dass die einzelnen Sequenzen Blatt für Blatt so toll gelingen. ELRIC selbst, optisch durchaus ein Bruder von Nekron (Fire And Ice), ätherisch, gewissenlos, geschlechtslos mitunter anmutend, fasziniert einerseits durch seine Gewaltbereitschaft, andererseits durch die Liebe, die er seiner Gefährtin Cymoril entgegen bringt, emotional merkwürdig entstellt als Angehöriger seines Volkes, in dem Liebe noch kränker als alles andere wirkt.
Die Strichführung ist hart, teilweise auch wild zu nennen, pocht aber auf enormen Realismus, dokumentiert diese wahnsinnige Welt auf das Genaueste. Wer Reihen wie Prophet mit der künstlerischen Arbeit von Mathieu Lauffrey oder Thorgal mit den Bildern von Grzegorz Rosinski mag, wird sich auch auf diese grafischen Arbeiten stürzen, die das Bombastische jener Fantasy sehr dicht herausarbeiten. Die Schilderung der Zusammenarbeit der drei Künstler, die tatsächlich das Beste aus allen drei Stilistiken herausholt, ist außerordentlich zu nennen. Didier Poli, mit starkem Strich bei der Arbeit, erhält durch die Co-Arbeit von Robin Recht (Julius) und Jean Bastide (Der Glöckner von Notre Dame) mehr Weichheit, mehr Fluss.
Packende Inszenierung einer perversen Gesellschaft im Bereich der Phantastik, in dieser Comic-Umsetzung des Themas gleichzeitig sicherlich ein Meilenstein europäischer Comic-Kunst. Obwohl die Härte der Geschichte bestimmt nicht jedermanns Sache ist: Mehr davon! Auch gerne und besonders mehr von der Zusammenarbeit dieser drei erwähnten Künstler! 🙂
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Montag, 23. Dezember 2013
Clementine, kurz Clem genannt, ist ein ganz normales Schulmädchen mit ganz normalen Problemen, käme ihr nicht sehr bald schon das Erwachsenwerden in die Quere, die Liebe und all jene Störfaktoren, die doch bis hin zur Tragödie so anziehend sind. Ihr Störfaktor, der sie so verwirrt, ist eine junge Frau mit blauen Haaren, die sie kurz auf der Straße sieht, ihr in die Augen schaut. Es ist nur ein Moment und dennoch kann Clem diesen Augenblick nicht vergessen. Es vergeht Zeit. Clem lebt ihr Leben und zieht eines Tages mit einem Freund neugierig, ein wenig ängstlich und abenteuerlustig durch die anrüchige Homoszene. In einem Club trifft sie die Frau mit den blauen Haaren wieder. Emma, so ihr Name, hat Clem ebenfalls nicht vergessen.
In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, als sich die Homosexualität weiter in das Leben der Gesellschaften integrierte, waren dennoch viele Hürden zu nehmen. Normalisierung bedeutete in jenen Tagen noch einen langen Weg, der nicht zu Ende beschritten ist. Die Figur der Clementine macht plötzlich die Erfahrung, sich zu einem Menschen ihres eigenen Geschlechts hingezogen zu fühlen. Das hatte sie so nicht geplant, stand immerhin das nähere Kennenlernen eines Jungen, Thomas, auf dem Programm. Julie Maroh, Autorin und Künstlerin, die hier eigene Erfahrungen verarbeitet, zeigt den inneren Kampf von Clem um das Verständnis um die eigenen Wünsche, Begierden, das Leben an sich.
Und sie zeigt den äußeren Kampf gegen andere Menschen, die eigenen Eltern, wieder um Verständnis, aber sie zeigt auch die Überzeugungskraft, die nötig ist, um Emma zu beweisen, dass Clem nicht nur einer Laune folgt, die sie bei dem nächsten Kerl wieder zu den Akten ihrer Erinnerungen legt. Liebe bedeutet hier ein Risiko und Clem ist bereit, dieses Risiko einzugehen, von dem sie zunächst glaubt, sie könne es überlisten, in aller Heimlichkeit. Aber Liebe will nicht heimlich gelebt werden. So könnte die Erkenntnis lauten, die sich sehr schnell aus der Geschichte von Julie Maroh ergibt. Und so hat die Öffentlichkeit der Beziehung bald schon die erwartbaren Folgen.
In einer Liebe mit all ihren Höhen und Tiefen ist der Weg dorthin bereits hier steinig und nicht immer ist abzusehen, was einmal daraus werden wird (obwohl die Geschichte im Rückblick erzählt wird). Der Rückblick ist im Bild schwarzweiß, nur das Blau ist eine Farbe, die Clem nie vergessen hat, die das hervorstechende Merkmal jener Lebensphase gewesen ist. Blau war ein Magnet, auch ein Anker für beide Frauen. Julie Maroh verwendet die Farbe genau auf diese Weise. Eigentlich nur bei zwei Gelegenheiten drückt die Farbe auch Hoffnungslosigkeit aus: in der Farbgebung vom Clems Tagebuch, denn was hier drin geschrieben steht, kann nicht mehr geändert werden. Und in einem kleinen blau gefärbten Jungen, einem Kleinkind, das Clem in ihren Träumen sieht und ihre Beziehung zu Emma zur Familie machen würde.
Julie Maroh zeichnet eine Graphic Novel. In diesem Bereich herrschen ganz eigene Regeln, Zeichenkunst ist meist stilisierter, auch reduzierter, Inhalt geht oft vor Bild. Szenen und Sequenzen nehmen sich mehr Zeit, als ihnen sonst üblicherweise eingeräumt werden. Marohs Stilistik findet ein Menschenbild, das sich in den Charakteren wiederholt. Unterscheidungen finden sich in Frisuren und Kleidung. Alterserscheinungen werden zur Verkleidung, Menschen sind sich optisch ähnlich, Abgrenzungen finden durch Mentalitäten statt. Das Blau durchbricht die Stereotype. Die Titeloptik findet sich auf dem selben Niveau auch auf den einzelnen, über 150 Seiten wieder.
Anrührend, liebevoll erzählt, auch mit einiger Traurigkeit beschreibt Julie Maroh die Liebesbeziehung zweier Menschen, die zufällig Frauen sind, Höhen und Tiefen eingeschlossen, eine Geschichte ohne Happy End, aber mit einer Menge Glück auf dem Weg. 🙂
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