Montag, 21. Dezember 2009
Zwei Männer unterhalten sich über das ganz große Spiel. 13 Familien agieren hinter den Kulissen, beeinflussen, herrschen unbemerkt. Machtspiele, Streitigkeiten auf Leben und Tod gehören dazu. Doch darin unterscheiden sie sich nicht von den allgegenwärtigen Dealern in den Straßen von New York und im Central Park. Bei den beiden Männern steht am Ende immer nur eine Konsequenz, die es zu beachten gilt. In den Straßen von New York herrscht das gleiche Gesetz. Wenig später sehen die Straßen von New York eine weitere Schießerei, müssen sich unbescholtene Passanten flink in Sicherheit bringen.
100 Bullets, also 100 Patronen sind das Kernthema, der Aufhänger der vorliegenden Serie. Ein geheimnisvoller Mann taucht im Leben eines Unbekannten auf. Der Unbekannte hat noch eine Rechnung zu begleichen. Der geheimnisvolle Fremde bietet ihm die Möglichkeit dazu, diese Angelegenheit für immer zu bereinigen. In einem Aktenkoffer findet sich eine Pistole und 100 Schuss Munition. Beides ist nicht zurückzuverfolgen. Wenn sich der Unbekannte entscheidet, die Gelegenheit zu nutzen, wird es nie eine Strafverfolgung geben, geschweige denn ein Verfahren.
Fragt sich nur, was ist, wenn gleich mehrere Menschen für das eigene Versagen verantwortlich gemacht werden? Jack ist so ein Mensch, von Drogen abhängig, ein vollkommener und auch gemeingefährlicher Versager, der eigentlich nur auf seine Gelegenheit wartet. Mehr noch: Er hat ein ganz besonderes Ziel auserkoren. Brian Azarello lässt den roten Faden der Handlung außen vor und widmet sich den Randfiguren. Allein auf diesem Feld kann er eigentlich immer neue Geschichten entwerfen. Einzig die Fantasie setzt Grenzen. Die Gesamtdramaturgie ist nicht so wichtig, da sich beiderseitig der großkopferten Familien genügend Platz für Erzählungen findet, ohne sich um die Zusammenhänge zu sorgen. Und, falls nötig, können diese Nebenhandlungen sogar später noch eingeflochten werden.
Es besteht natürlich die Gefahr, dass sich der Autor in seinen Details verliert. Ebenso besteht die Gefahr, dass der Leser versucht einem Faden zu folgen, der keiner ist. Es ist eine Frage der Gewöhnung. Spätestens nach den ersten zwei Episoden ist ersichtlich, welche Figuren wichtig sind (also auch überleben, um weiter zu kommen) und wer nur Kanonenfutter ist. Während die Großen weiter spielen, grämen sich die Kleinen und werden auf schnellstem Wege zu Bauern in einem noch viel größeren (und gemeineren) Spiel.
Mit Eduardo Risso zeichnet ein Künstler, der einerseits Minimalist ist, andererseits aber stets das richtige Bild trifft, indem den wichtigen Teil einer Szene intuitiv zu erfassen scheint. Hat er sich schon reinen Schwarzweißoptiken hervorgetan (Vampire Boy) und dort einen sehr gotischen, aber auch blank polierten Horror einfangen können, hat man sich mit 100 Bullets für eine kolorierte Handlung entschieden.
Der einzige Unterschied für Eduardo Risso scheint in der grafischen Umsetzung darin zu liegen, dass er mehr Platz für Farbe lässt. Er arbeitet weiter gerne und oft mit Schwarzflächen, geschickt eingesetzten Schatten, die Tiefe simulieren und zugleich zu einem wichtigen dramaturgischen Gestaltungselement werden. Indem er durch sie Bereiche ausblendet, setzt er den Fokus auf den Augenausdruck einer Person, auf ein Lächeln, eine Haltung. Risso ist ein Künstler, dem es auf perfekte Art einerseits gelingt ein Film Noir Gefühl auf Comic-Seiten einzufangen, es aber andererseits in einer Art Miami Vice Optik zu präsentieren.
Als kleines Schmankerl geben sich seitenweise einige Zeichner ein Gaststelldichein. Der direkte Vergleich zu Risso ist interessant zu sehen. Der Leser kann sich so unter anderem auf die Interpretationen von Frank Miller, Jim Lee und Jordi Bernet (Torpedo) freuen.
Ein knallharter Thriller ohne Kompromisse: In 100 Bullets geht der Tod ein und aus, schwebt er wie eine unsichtbare Sense über den Akteuren, seien sie nun König, Dame oder Bauer. Eine sehr dichte Erzählung von Brian Azarello und stilistisch klaren Bildern von Eduardo Risso. 🙂
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Samstag, 19. Dezember 2009
Lucky Roberts versteht keinen Spaß. Nach außen, gegenüber seinen Freunden ist er generös, auch freundlich, doch er weiß, was er will. Einen einmal eingeschlagenen Kurs behält er bei, Verräter sind des Todes. Lucky Roberts ist tief in seinem Herzen mehr als nur ein Seemann, er ist ein Pirat. Sein Herz rät ihm allerdings auch, keine Sklaverei zu unterstützen. Sein Instinkt sagt ihm ebenfalls, dass es ratsam ist, ein Kind als Geisel zu nehmen. Er ist ein sehr zwiespältiger Charakter, der für jedermann undurchsichtig und unberechenbar ist. Der Junge Jack hat keine Wahl. Er muss diesem Mann folgen. Außerdem: Das Ziel ist ein Schatz. Zwar muss dieser bereits durch viele geteilt werden. Doch sollte dieser Reichtum gefunden werden, kann so mancher von ihnen ruhiger in die Zukunft schauen.
In der Mitte des 18. Jahrhunderts lag England auf dem nordamerikanischen Kontinent mit Frankreich im Krieg. Aus heutiger Sicht gehört diese Auseinandersetzung neben dem Vernichtungskampf gegen die amerikanischen Ureinwohner und dem amerikanischen Bürgerkrieg zu zentralen Eckpunkten der nordamerikanischen Geschichte. Es ist aber auch, neben aller Tragik, eine jener Epochen, in der sich einige Abenteuergeschichten finden, die unsterblich geworden sind. Zu den bekanntesten Vertretern gehören sicherlich Der Wildtöter und Der letzte Mohikaner aus der Lederstrumpf-Reihe. In jene Tage verschlägt es den Leser mit Canoe Bay.
Ein Junge wird geboren. Doch bereits bei seiner Geburt gerät sein Leben aus der Bahn. Der Vater ist tot, die Mutter stirbt noch im Kindbett. Das einzige Erbe, eine Kette mit einem Medaillon daran, wird den Jungen eine lange Zeit begleiten und schließlich eine Wende herbeiführen. Tiburce Oger erzählt die Geschichte von Jack, dessen Leben erst auf See so richtig Fahrt aufnimmt, als er seinen Freund Andrew und den geheimnisvollen Seemann Lucky Roberts kennen lernt. Es ist eine klassische Geschichte eines Kindes, die vom Abenteuer jener Zeit lebt. Sie lässt die Gräuel in diesen Tagen nicht aus: Sklaverei, Vergewaltigung, Krieg gegen Indianer, Entführung, Mord und Totschlag, Piraterie.
Aber Tiburce Oger legt sich auch selbst Beschränkungen auf. Beschreibungen und Szenen, die Gewalt benötigen, sind auf Mindestmaß beschränkt. Jack ist ein Teil dieser Welt, all das Grausame gehört zur Normalität. Überleben ist schwer, der Kampf um das eigene Dasein gehört dazu. Weniger in der Erzählung, als vielmehr in der Darstellung von Künstler Patrick Prugne findet sich die Abenteuerromantik. Zuerst an Bord, später in der neue Welt schimmert ein Paradies durch, eine wunderbare Fremde, dem etwas Verwunschenes anhaftet. Begünstigt wird dieser Eindruck durch die Indianer, die anders sind, weniger aufgeräumt als die uniformierten weißen Eindringlinge. Allerdings sind sie nicht weniger brutal.
Prugne und Oger werfen den Leser mit Schwung in die Geschichte. Jack wird gleich zu Beginn von einem Indianer verfolgt. Dieser trachtet Jack nach dem Leben. Die natürliche Feindschaft unter den Stämmen haben sich die Engländer wie auch die Franzosen zu Nutze gemacht, um jeweils weitere Kämpfer zu rekrutieren. Jack droht genau in diesem Moment, ein Opfer einer solchen Allianz zu werden. Eine Geschichte mit Kind, aber keine Kindergeschichte.
Patrick Prugne malt seine Bilder. In einer ausgefeilten Aquarelltechnik bannt er die Welt von einst auf die Seiten. Dabei entpuppt er sich als Meister der Atmosphäre und des Breitwandeindrucks. Szenen aus der Natur, der Landschaft, der Umgebung der handelnden Personen sind von außerordentlicher Schönheit. Prugne versteht es, seine Bilder zu arrangieren. Seine Skizzen im Anhang, Entwurfsbilder zur Gestaltungslinie des Albums zeigen technische Raffinesse und routinierten Umgang mit Pinsel und Farbe in Perfektion. Wo sich Prugnes Stärken zeigen, offenbaren sich auch seine Schwächen. Dies ist allerdings unter Vorbehalt zu verstehen.
Die von ihm gestalteten Gesichter sind oft zu starr, einander zu ähnlich, um Vielfalt zu zeigen. Es mag an der Aquarelltechnik liegen, die in diesem Bereich Grenzen auferlegt. Im Kleinen, in Massenszenen wie bei Kampfgetümmeln oder Stadtansichten funktioniert es tadellos. Bei Gesichtsausdrücken, bei Individualität klemmt es. Das schmälert das Vergnügen etwas, je nachdem, wie viel Wert auf derlei Details gelegt wird.
Ein klassisches Abenteuer: Wer alten Piratenfilmen hinterher trauert, sich noch an die Geschichten von Cooper und Stevenson erinnern kann, Mantel und Degen mag, sich von einer feinen Erzählung entführen lassen möchte und sehr schöne Aquarellbilder auch im Comic zu schätzen weiß, der liegt mit diesem Abenteuer genau richtig. 🙂
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Donnerstag, 17. Dezember 2009
1276 Seelen sind tot. Getötet in einem Krieg, in dem Bruder gegen Bruder kämpft. Die Armee der Nordstaaten richtet mit ihren Kanonen ein Massaker an Männern, Frauen und Kindern an. Als Jim Thompson nichtsahnend auf seinem Pferd zurückkehrt, findet er alle seine ehemaligen Nachbarn in Blutlachen liegend vor. Die Raben tun sich bereits an den Leichnamen gütlich. Zuerst rebelliert Thompsons Magen, dann verliert er den Verstand. Thompson, ein Mann Gottes, beginnt im blinden Wahn einen Rachefeldzug. Der Mann des Friedens wird ohne zu zögern zu einem Mörder.
Verrückte jagt man mit einem Verrückten. So denken sich es zumindest jene, die mit Mike Blueberry zu tun hatten. Der Pinkerton-Agent Baumhoffer trifft Blueberry in einer sehr misslichen Situation. Der junge Mann wurde um all sein Geld betrogen und macht in seinem betrunkenen Zustand nicht den Anschein, als wäre er Herr der Lage. Ein Bad in der Pferdetränke stellt wenigstens den Verstand wieder her. Für Baumhoffer kann sich Blueberry trotzdem nicht erwärmen. Für den Auftrag ebenso wenig. Aber wie gesagt: Verrückte jagt man mit einem Verrückten. Am besten mit einem, der das Herz am rechten Fleck hat.
Der Cineast unter den Blueberry-Lesern wird sich angesichts des merkwürdigen Gottesmannes vielleicht an den ebenso seltsamen wie wahnsinnigen Gottesmann aus Poltergeist 2 erinnert fühlen. Ihre Motivation ist zwar eher unterschiedlich, doch sind sie auf ähnliche Weise von sich eingenommen und von der Weisung des Herrn überzeugt. Francois Corteggiani hat den Wahn dieser Figur sehr schön eingefangen. Jim Thompson, der Name der Figur, die Blueberry jagt, tötet mit einem Lächeln und einem zynischen Satz auf den Lippen.
Der jugendliche Blueberry besitzt bereits viel seines gealterten Ichs, allerdings fehlt die Kaltschnäuzigkeit noch. Corteggiani zeigt in der Tat einen jungen Mann, der noch Erfahrungen sammelt und nicht jede Konsequenz einschätzen kann. Andere Männer in seiner Situation würden nicht so reagieren wie er, wenn sie von einem Kind in einem Feindeslager erwischt würden. In späteren Bürgerkriegsszenarien wird er sehr viel planvoller zu Werke gehen, ganz besonders dann, wenn ihm die Verantwortung für weitere Menschenleben unter seiner Führung anvertraut wird.
Mit Michel Blanc-Dumont ist ein Zeichner an der Arbeit, der auch respektvoll mit dem Spitznamen Architekt belegt werden könnte. Unzweifelhaft liegt den Bildern aus seiner Feder auch eine große Natürlichkeit inne, aber sie wirken nie hingeworfen oder flüchtig. Bei Blanc-Dumont ist nichts dem Zufall überlassen. Die winzigen Striche wirken wie bei einer penibel angelegten Radierung. Man könnte auch sagen, Blanc-Dumonts Zeichnungen sehen aus wie die Planung zu einer dreidimensionalen Umsetzung. Schwächen lassen sich nicht finden. Seine jugendlichen Gesichter sind ebenso toll anzuschauen wie die harten Burschen und die klapprigen Außenseiter.
Die Farbgebung von Claudine Blanc-Dumont ist innerhalb des Albums bei weitem nicht so farbenfroh wie das Titelbild vielleicht vermuten lässt. Diese Kriegswelt kommt äußerst gedeckt, vielleicht in manchen Teilen sogar fahl daher. Das ist allerdings stimmig, denn eine farblich zur Schau gestellte Heiterkeit würde der Geschichte vollkommen zuwider laufen.
Ein in sich geschlossener Handlungsteil um die Jagd auf einen verbrecherischen Fanatiker. Aber auf das Ende der gesamten Geschichte muss der Leser in der Fortsetzung warten. Corteggiani entwirft ein düsteres Kriegsgeschehen, in dem sich hinter den Kulissen ebenso viel abspielt, wie offiziell bekannt wird. Bestens von Blanc-Dumont umgesetzt. 🙂
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Dienstag, 15. Dezember 2009
Garulfo, der kleine Frosch hat es gut. Er hat seine Erlebnisse als Mensch hinter sich gebracht und lebt nun glücklich und zufrieden mit seiner Froschdame zusammen. Was soll schon noch passieren? Ja, was? Es war einmal ein Prinz, der war ein ziemlich mieser Kerl. Er war über alle Maßen arrogant. Seine Nase trug er so hoch, dass sie schon an den Wolken kratzte. Jegliche Anstrengung war ihm verpönt. Ritterspiele? Also, bitte! So einen Unsinn hat ein moderner Prinz doch nicht nötig! Warum auf solche Art um eine Jungfrau freien, wenn es auch so geht. Dann ist sie zwar keine … Ja, dieser Prinz hat seine ganz eigene Moral entwickelt, aber kommt er damit auch durch? Nee!
Bereits bei seiner Geburt wurde der Grundstein für die späteren Verwicklungen gelegt. Und alles nur weil eine Fee fehlte. In der Tat waren und sind diese zauberfertigen Wesen Mangelware, auch im Reich der Märchen. Es wird gesucht und gesucht … Nur leider ist die einzige Fee, die sich finden lässt, alles andere als eine dieser wunderbar feinen und adretten Feen, sondern sitzt vor sich hin schmollend im Kerker. Sie ist schmuddelig, schmutzig, alt und verknittert und nicht gerade gut auf den König zu sprechen. Gleichwohl erklärt sie sich bereit, ein gutes Wort zur Geburt des Prinzen einzulegen. Aber … Ist am Ende das, was sie dem Prinzen mitgegeben hat, gar kein guter Wunsch? Vielmehr ein Fluch? Nun, manche Wünsche sind einfach das, was einer daraus macht.
Garulfo geht in die zweite Runde! Gerade noch hatte der Leser gedacht: Ende gut, alles gut. Und schon macht der sprichwörtliche Mai wieder alles neu. Garulfo geht es wirklich gut, immer noch. Doch da, wie kann es anders sein, beginnt der Spruch der dritten Fee zu wirken. Garulfo wird wieder zum Menschen (einen Ausgleich muss es anscheinend geben), der Prinz mit Namen Ronaldo wird zum Frosch.
Alain Ayroles ist, das bewies er bereits mit dem Vorgängerband dieser neu aufgelegten Abenteuer, ein Meister darin, Pointen zu setzen und Wendungen, zumeist unerwartete, herbeizuführen und den Leser so richtig am Schlafittchen zu packen und herumzuwirbeln. Die Erwartungen des Lesers an eine Fortsetzung werden kurzerhand auf den Kopf gestellt, indem ein Mensch zum Frosch gemacht wird. Gesegnet wird einer enormen Überheblichkeit, kann sich der Prinz plötzlich im Leiden üben. (Und, so viel sei verraten, damit hat er eine ganze Menge zu tun.)
Plötzlich kann Prinz Ronaldo nicht nur die Tiere verstehen, er muss auch noch miterleben, dass er für viele dieser Katzen, Frettchen, Raubvögel nur ein netter Happen nebenbei geworden ist. Auf einmal ist er auf die Hilfe eines Menschen angewiesen, der einmal ein Frosch war und noch immer nicht begriffen zu haben scheint, wo bei den Menschen der Hase lang läuft. Daraus entwirft Ayroles urkomische Szenen, die ganz von allein zu entstehen scheinen, da beide, Garulfo und Ronaldo, zwar nicht mehr in ihrer eigenen Haut stecken, aber trotzdem nicht aus derselben herauskönnen.
Bruno Maiorana, der Zeichner, garniert diese Szenen mit Bildern, die teilweise schon ohne Worte Wirkung zeigen. Die von ihm gestalteten Gesichtsausdrücke sind göttlich: Ronaldo als Frosch ist eine Offenbarung. Der Oger in der zweiten Hälfte der Geschichte ist perfekt. (Wer genau hinschaut, vermag sogar in der Glasmenagerie des Ogers eine kleine Hommage an ein Werk aus der Literatur zu entdecken. Aber das nur nebenbei. Vielleicht fällt es ja jemandem auf.) In einer Nebenrolle entwirft Bruno Maiorana den Gestiefelten Kater als eine Art Katzenversion von Rett Butler. Kurzum, es gibt wahnsinnig viel zu entdecken, aber auch beständig zurückzublättern, ganz einfach, weil die Bilder so gut sind und genossen werden wollen.
Ein absolut witziger zweiter Teil, dem Auftakt der Reihe ebenbürtig. Es gibt keine Längen, auf jeder Seite gibt es Lacher, Schmunzler und Kracher, die nur darauf warten, vom Leser in Empfang genommen zu werden. Wer einen heiteren Umgang mit Märchen nicht scheut, einen intelligenteren Umgang als es so manche TV-Verballhornung vermochte, der sollte einen Blick in Garulfo werfen. 🙂
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Montag, 14. Dezember 2009
Hombre ist weiterhin in der Wildnis unterwegs. Bislang hat er seinem Verfolger, dem Pinkerton-Agenten Ronegall Dawson, immer wieder entwischen können. Doch Hombre muss feststellen, dass der Kopfjäger immer näher kommt. Und manchmal ist dies sogar sein Glück. Im bitterkalten amerikanischen Winter hat Hombre sein Pferd verloren. Die nächstgelegene Behausung ist weit weg. Ansiedlungen sind noch viel spärlicher gesät. Hombre ist allein auf weiter Flur. Beinahe jedenfalls: Wölfe, unterkühlt und ausgehungert, sind Hombre bereits auf den Fersen. Wird er eine Chance gegen die wilde Meute haben?
Ist die bisher gezeigte Welt von Hombre überwiegend lebensfeindlich, entsteht durch den Winter eine weiße Hölle. Der Leser trifft Hombre gleich zu Beginn bei einem liegengebliebenen Treck. Ein Scout hat seine Auftraggeber, die Siedler, in die Irre geführt. Hombre lässt niemandem im Stich. Für ihn gibt es nur eine Lösung: Die Flucht nach vorn. In einer halsbrecherischen Reise machen sich die Männer und Frauen daran, den Pass durch das Gebirge zu überqueren.
Auf nur wenigen Seiten erzählen Peter Wiechmann und Rafael Mendez eine Geschichte, die bei anderen abendfüllend wäre. Ein Treck muss auf einer scheinbar unmöglich zu bezwingenden Strecke und unter unwirtlichen Bedingungen durch das Gebirge gebracht werden. Das ist ungeheuer spannend, aber leider wie immer viel zu kurz. Das liegt jedoch am Konzept. In diesen beiden Sammelausgaben wurden sämtliche Geschichten um Hombre zusammengetragen, die im Comic-Magazin YPS erschienen sind. Die Episoden um Hombre haben einen gewissen Fortsetzungscharakter, einen roten Faden (die beständige Flucht). Hombre erwirbt sich nicht zuletzt durch seine Hilfsbereitschaft einen Namen unter den Westmännern wie auch bei den Indianern.
Ein wenig können sich Nostalgiker durch Hombre an Serien wie Western von gestern erinnert fühlen: Das kleine spannende Westernhäppchen für zwischendurch, das durch einen gelungenen Aufbau, geschicktes Erzählen die Kürze oft vergessen lässt. In diesem zweiten Sammelband fällt besonders die erste Erzählstrecke aus drei Geschichten im Winter auf, die einen sehr zusammenhängenden Charakter haben, obwohl sie die übliche Aufteilung von 8-9 Seiten pro Episode besitzen. Die winterliche Zeit der Wölfe wird von Zwischen Freund und Feind abgelöst.
Hier entwirft Peter Wiechmann eine verkehrte Welt. Der Kavallerist, häufig der Held im Western und natürlich nie zu spät kommend, wird hier zum Feindbild, zum Mörder an den Indianern. Unter der Führung eines Lieutenant Buster wird gnadenlos Jagd auf die amerikanischen Ureinwohner gemacht, die sich verständlicherweise wehren, als widerrechtlich eine Eisanbahnlinie durch ihr Reservat geführt werden soll. Hombre, der wieder einmal Partei für die Schwächeren ergreift, wird sogleich als Indianerfreund in Haft genommen. Peter Wiechmann fackelt nicht lange. Hombre erlebt Abenteuer. Dialoge leiten zur nächsten Aktion über und sieht meistens nur Verschnaufpausen für den Leser.
Aber gerade das macht Hombre aus. Mehr Text ist nicht nötig und will man auch nicht angesichts der großartigen Bilder von Rafael Mendez, der einen Wilden Westen zeichnet, der so schön und wild ist, wie er aus der Feder eines Zeichners nur sein kann. Mendez besticht durch seine Naturdarstellungen, mehr noch durch seine Art Tiere zu zeichnen. Wölfe, Hunde, Bären, Bisons, Pferde und Esel sind wunderbar lebendig getroffen. Leben ist ein gutes Stichwort. Gerade im Anhang wird deutlich, wie sehr Mendez auf Augenhöhe mit den ganz Großen gearbeitet hat. Seine Bilder eines Dietrich von Bern besitzen die gleiche Ausstrahlung wie die Bilder eines Hal Foster, wirken allerdings dynamischer, kraftvoller. Die Vergrößerungsansichten der Arbeiten von Mendez vorne und hinten im Sammelband zeigen auf bemerkenswerte Weise mit welcher Leichtigkeit zu zeichnen vermochte.
Ende: Leider. Mit zwei Sammelbänden ist das Werk um den Westernhelden Hombre abgeschlossen. Es ist eine schöne Erinnerung, die aber immer noch vorbildlich ist. Die hier vorliegenden Episoden sind zwar in sich geschlossen und kurz, bilden aber deutlicher als im ersten Band einen größeren Rahmen. Am Ende ist Hombre rehabilitiert (das dürfte kein Geheimnis sein) und für den Leser kann nur feststehen: Selten war der Western so gut. 🙂
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Das Mädchen sieht Schatten und verhält sich auffällig. Ein Kinderpsychologe untersucht das Kind im Auftrag der Mutter. Das erste Ergebnis beunruhigt ihn. Er möchte einen weiteren Spezialisten hinzuziehen. Dr. Frey nimmt sich Zeit für das kleine Mädchen. Aus dem Kopf der Puppe auf dem Schoß des Kindes ragen Drähte. Das Mädchen hat sie hineingesteckt. Irgendetwas in ihr hat ihr gesagt, dass es so richtig ist. Neuerdings will sie auch nicht mehr baden. Die Badewanne macht ihr Angst. Greg Ruth, ein Meister des realistischen wie auch unheimlich anmutenden Strichs, erzählt hier eine Geschichte aus der Matrix, wie sie so abseits der Abenteuer von Neo und seinen Freunden hätte stattfinden können.
Keiner der hier in diesem Band auftretenden Künstler ist wie der andere. Jede der einzelnen Kurzgeschichten ist in höchstem Maße individuell gestaltet, einzig die Geschichten selber könnten etwas vielfältigere Themen besitzen. Das Bemerken der Matrix, der Ausbruch aus ihr oder auch die Konfrontation mit den Agenten sind die Kerne dieser Handlungen. Selten nur bricht eine Geschichte aus diesem Muster aus. Wenn sie es doch wagt, wie im Beispiel von Peter Bagge erhält sie sogleich einen leicht verrückten Rahmen. Man könnte auch sagen: Mad.
Man stelle sich vor, Morpheus, der sagenhafte Rekrutierer von Neo, wäre auf Geheiß des Orakels losgezogen, hätte bei einem Mann geklingelt und sich dann fragen müssen, ob das Orakel nicht etwas neben der Spur gewesen sei, als es ausgerechnet diesen seltsamen Kerl auswählte. Peter Bagge erschüttert die Matrix durch eine absolut ignorante Person, die durch ihre Penetranz sogar den Architekten der Matrix ins Schleudern bringt. Das hat albernen, aber auch bösen Witz, denn es stürzt die auf den Hollywood-Thron gesetzte innovative Matrix sehr süffisant wieder auf den Boden der Tatsachen.
Bodenständiger geben sich die Geschichten wie Falsch verbunden oder Ein Gewinn für das System. Diese behandeln jene, die sonst ihren Kopf für die eine oder andere Seite hinhalten müssen. Entweder tauschen sie ihren Platz mit Agenten in der Rasanz der Verfolgung oder sie werden von den Matrix-Hackern gnadenlos verprügelt, erschossen oder sonstwie um die Ecke gebracht. Beide Geschichten entlarven sehr schön, dass bei allem Zerstörungswahn, den Neo und seine Kumpane an den Tag legen, hinter jeder menschlichen Identität in der Matrix auch meist ein Mensch steckt, also jene, die doch eigentlich befreit werden sollen. Die Geschichten von Vince Evans und Troy Nixey zeigen, wie doppelbödig auch die Matrix-Befreier zu Werke gehen.
Troy Nixey könnte mit seinem Zeichenstil ein Doppelgänger von Paul Pope sein. Ihrer beider Strichführung ist einander sehr ähnlich. Einerseits zeichnen beide recht genau und penibel. Andererseits sind sie sehr eigen und kultivieren eine leichte Abstraktion, die ein wenig brutal, hart, sezierend wirkt. Demgegenüber stehen Vince Evans, der ein Verfechter des Realismus ist. Das wird durch seinen Koloristen Jason Keith noch verstärkt. Keith holt für sich so viel wie möglich aus der Computerkolorierung heraus. Das unterstreicht die Echtheit der Matrix, aber auch das kompromisslose Ende der Geschichte.
12 Geschichten, die nur schwer gegeneinander abzuwägen sind, von denen jedoch die einer oder andere herausragt. So auch Ich, Kant. Es ist die Geburt eines neuen Matrix-Helden. Neo und Trinity sind Vergangenheit, doch Kant, ein Junge, hadert noch mit seinem Mut. Kare Andrews, Ron Turner und Dave McCaig punkten sich zur Gänze mit der Handlung, können aber durch ihre grafische Umsetzung überzeugen, die stilistisch an Zeichentrickserien wie Superman The Animated Series oder auch Batman Animated erinnert. Dank eines 3D-modullierten Hintergrunds kommt tatsächlich eine sehr starke Zeichentrickatmosphäre auf.
Ein toller Querschnitt: Hier dürfte für jeden Matrix-Fan etwas dabei sein. Grafisch zeigt die zweite Ausgabe hervorragend, was ihm Comic gefallen kann, was machbar ist und welche Möglichkeiten sich durch eine grafische Erzählung ergeben können. Top. 🙂
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Donnerstag, 10. Dezember 2009
Canardo lässt es sich gut ergehen. Leben und leben lassen, so könnte sein Motto lauten. Deshalb kann er auch nicht nein sagen, als Galinka, eine Vertreterin des horizontalen Gewerbes ihn bittet, sie nach Hause zu fahren. Natürlich versucht sie beiläufig Canardo herumzubekommen, doch der Detektiv kann sich einen derart teuren Abendabschluss nicht leisten. Die Fahrt geht heimwärts in Canardos altem Cadillac Eldorado Biarritz. Leider wissen nicht alle Verkehrsteilnehmer Canardos klassisches Automobil zu würdigen. Ein brutaler Zusammenstoß bringt den amerikanischen Straßenkreuzer samt Insassen von der Straße ab, geradewegs hinein ins Hafenbecken.
Der Verkehrsrowdy, der sie mit seinem Porsche regelrecht von der Straße geschossen hat, besitzt immerhin ein schlechtes Gewissen. Ein Trost ist das nicht. Nicht für Canardo, dessen Fuß eine längere Genesungsphase benötigt. Nicht für Galinka, die nun eine Frau ohne Gesicht ist und eine noch viel längere Behandlung über sich ergehen lassen muss. Gott sei Dank sind die Möglichkeiten der Gesichtschirurgie weit gediehen. Fragt sich nur, wie hat Galinka vor dem Unfall eigentlich ausgesehen? Aber dafür gibt es schließlich Fotos …
Inspektor Canardo, der Mann, dem keine Gefühlsregung zu schwer ist, der sich aber nicht besonders bemüht, diese darzustellen, gerät nach diversen Ausflügen in das bürgerliche Leben, nach Auseinandersetzungen mit Terroristen und Geiselnehmern, sogar nach Zeitreisen nun in Adelskreise. Gleichwohl gehen ihm auch diese Kreise mit seiner gewohnt schnoddrigen Art an seinen Hinterbacken vorbei. Die Herzogin des Kleinherzogtums Belgamburg sieht die Angelegenheit weitaus weniger lässig. Sokal beschreibt eine Adelssippe mit einem Problem. Dieses Problem heißt: Nachwuchs.
Den gibt es zwar, doch der ist alles andere als für diesen Posten geboren, ein Problem, das Sokal nicht aus der Luft gegriffen hat, wenn man den einschlägigen Klatschmeldungen glauben darf. Allerdings geht Sokal im Stile einer Kriminalgeschichte noch einen Schritt weiter. Frau Herzogin hat nur das Ansehen des Herzogtums im Blick. Die Eskapaden ihres Sohnes Nono jedoch sind ein beständiges Ärgernis. Wenn eine Mutter den Wunsch äußert, ihrem Sohn den Testikel zu entfernen (höflich ausgedrückt), dann ist etwas faul im Kleinherzogtum Belgamburg.
Sokal entwirft ein kleines, aber feines Ränkespiel wie auch Verwirrspiel um die Vorlieben des Thronfolgers von Belgamburg. Mit einer gewissen Süffisanz, den Canardo mit seinem Spötteln transportiert, schildert Autor und Zeichner Sokal das ziemlich unspektakuläre Leben bei Hofe, zeigt dem Leser ein Paar (wirklich nur zwei) auf der Lauer liegende Paparazzi und die Gespräche hinter den verschlossenen der (sehr kleinen) Macht. Sokal zeigt jedoch auch, dass auch eine kleine Macht eine Macht ist, die mit ihren Werkzeugen zu hantieren weiß. Ganz nebenbei bringt er den altbekannten (und einigermaßen unverständlichen) Streit der belgischen Ureinwohner zur Sprache, indem er die Wallonen einen sehr großen Traum eines noch größeren wallonischen unabhängigen Staates träumen lässt.
Die Frau ohne Gesicht wird zum Bindeglied der einzelnen Bestandteile der Handlung. Keine Brücke, eher eine Kette, an der unterschiedliche Fraktionen aus unterschiedlichen Gründen zerren. Eine der besten Szenen findet sich in einer Begegnung zwischen der Herzogin und Galinkas ehemaligem Zuhälter. Der Mann vom Kiez wundert sich sehr, dass eine Herzogin in Sachen Unterweltsprache ebenso viel zu bieten hat wie er. Überhaupt hat Sokal mit der Herzogin einen Drachen erschaffen, der irgendwie an die eiserne Lady erinnert. In einer Verfilmung hätte man hier eine Anwärterin auf den Oscar für die beste weibliche Nebenrolle.
Durchgehend im bekannten Sokal-Stil gezeichnet, entführt die Frau ohne Gesicht den Leser in die Abgründe der Adelskreise und der niederen Politik. Gewohnt bissig, mit pechschwarzem Humor ausgestattet, bietet auch die 18. Folge von Inspektor Canardo beste Krimiunterhaltung. 🙂
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Es war einmal ein Kalif namens Harun al Pussah, der war nicht nur sehr ruhigen Gemüts, sondern auch sehr großmütig. Der Dieb, der seine Hand auf den Richtblock gelegt hat, kann seine Hoffnung auf Begnadigung gleich wieder begraben. Statt der rechten wird nun die linke Hand durch den Henker abgehackt. Was für die einen ganz finsterer Humor ist, ist für den Kalifen schlichter Alltag und nicht viel mehr der Rede wert. So hallt bald wieder ein altbekannter Schrei durch den Palast (Ich will Kalif werden anstelle des Kalifen!). Aber wird dieser Wunsch auch in Erfüllung gehen? Die Leser von Isnogud wissen ganz genau, dass dem Großwesir damit noch nie Glück beschieden war. Doch heute könnte sich das Blatt vielleicht wenden …
Na, Spaß beiseite! War nur ein Scherz, obwohl … Die Vorzeichen für einen tatsächlichen Erfolg stehen gar nicht so schlecht. Es ist Zauberei im Spiel. Plötzlich geben sich einige Kinder im Palast ihr Stelldichein, die allesamt die jugendlichen Egos unserer sehr bekannten Charaktere aus Bagdad, der Prächtigen, sind. Es beginnt mit einer Märchenerzählerin, die eine ganz besondere Gabe besitzt. Sicherlich versetzt sie auch den Kalifen besonders schnell in Schlaf, aber sie beherrscht noch etwas anderes: Ein Schlag auf den Kopf mit ihrem Märchenbuch bewirkt ein kleines Wunder. Plötzlich ist der Getroffene nicht nur als Erwachsener unter den Lebenden, sondern gleichzeitig auch als Kind. Das sorgt, wie kann es anders sein, für allerhand Durcheinander.
Auf die Erzählung von Rene Goscinny muss hier weitestgehend verzichtet werden. Die beiden Künstler, Goscinny als Texter einerseits, Tabary als Zeichner andererseits, bildeten eines der Traumpaare des Comics. Tabary allein erreicht die Messlatte der vorhergehenden Geschichten an diesem Punkt problemlos. Sein Humor ist zuweilen äußerst albern und hartnäckig (fast meint man im Hintergrund ein sinnierendes Nein! Doch! Nein! Doch! Oh! zu hören). Das ist ein wenig very französisch, aber auch ein ganz klein wenig montypythonesk (mir gefällt das Wort).
In der ersten albenlangen Geschichte Isnoguds Kindheit beginnt es harmlos und weitet sich zu einer Handlung aus, die immer weitere Akteure ins Spiel wirft. Da geht es nicht nur drunter, sondern auch drüber. Wenn Isnogud seinem kindlichen Ich gegenübersteht und nicht begreifen kann, dass er als Kind niemals den Wunsch verspürte, Kalif zu werden und im jungen Großwesir einen guten Freund sah … Verkehrte Welt! Die Auseinandersetzung zwischen einem jugendlichen und erwachsenen Ich war schon in Hollywood ein Thema. Tabary greift dem hier auf vergnügliche Art voraus und sorgt mit gleich mehreren Kindern für ein kunterbuntes Durcheinander.
Nicht weniger vergnüglich wendet sich Jean Tabary dem Thema Frauen zu. Das Thema wurde bereits im ersten Album dieses Sammelbands angeschnitten, als sich eine Frau bei einem Steinzeitmenschen wohler fühlt als bei ihrem angetrauten Ehemann. In Isnogud und die Frauen lernt der Leser den Harem des Kalifen kennen. Besser gesagt, den Rest davon, denn Harun al Pussah hat den Harem von seinem Vater geerbt und anscheinend keinen Gebrauch davon gemacht (wie könnte er auch sonst die ganze Zeit über so ruhig sein), denn die verbliebene Dame ist schon recht alt.
Und wie alles in Harun al Pussahs Leben ermüdet ihn allein der Anblick der Haremsdame. Also ist es wieder Zeit für ein kleines Schläfchen. Das weiß Isnogud natürlich zu verhindern. Tabary bringt hier Zutaten und Abläufe zusammen, die wie ein krummes Zahnrädchen in ein anderes greifen. Eigentlich machen die einzelnen Figuren und Handlungsstränge nicht den Eindruck, als könnten sie zusammengebracht werden. Aber auf wundersame Weise passt es. Das wird zu einer haarsträubenden Komik. Tabary hat für sich (und damit auch zur Freude des Lesers ähnlich wie es Goscinny tat) Grenzen und Vorgaben der Komik eingerissen und erzählt, dass es nur so kracht im Zwerchfell.
Zwei rasend schnell erzählte albenlange Geschichten. Da bleibt kein Auge trocken. Schmunzeln, Augenzwinkern und Brüller sind die Ergebnisse dieses Humorangriffs. Zum Abschluss werden wieder Einseiter präsentiert, unter denen auch noch Ideen von Goscinny zu finden sind. Bestens. 🙂
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Sonntag, 06. Dezember 2009
Im September 1513 streifen Soldaten durch das südliche Darien. Die Spanier, die sich von ihrem Zug durch die Wildnis Gold und Reichtümer versprochen haben, sind frustriert und entmutigt. Hier im panamaischen Grenzgebiet zu Kolumbien regiert die Natur. Die Wilden jagen sie. Die Natur peinigt sie. Doch dann scheint die liebe Frau von Antigua tatsächlich ein Einsehen mit dieser rohen Bande zu haben. Vor ihnen ragt aus dem Gipfel eines Berges etwas in die Höhe. Es glänzt metallisch im Licht der goldenen Sonne. Seine Ausmaße sind gigantisch. Nie hat einer der Männer dieser Epoche etwas ähnliches gesehen. Und nie hat ein Mensch des 21. Jahrhunderts etwas ähnliches zu Gesicht bekommen.
In der Gegenwart läuft alles seinen ganz normalen Gang. Das Space Shuttle fliegt selbst im Jahre 2019 noch ins All. Die Atlantis absolviert an diesem Tag ihren letzten Flug. Damit hat sie rund zwei Jahrzehnte Dienstzeit mehr auf dem Buckel, als ursprünglich vorgesehen war. In der Bodenstation beobachtet man den Start konzentriert, aber ohne Befürchtungen. Da verschwindet die Atlantis von den Schirmen. Die Wanduhr zeigt 13.13 Uhr UTC, Universal Time Coordinated (Koordinierte Weltzeit). Das Shuttle ist nicht explodiert. Es ist einfach verschwunden.
Die Vorzeichen stehen sehr schlecht für die Welt. Oder doch nicht? Weltweit bleiben die Uhren um 13.13 Uhr stehen. Ein Shuttle verschwindet, eine Statue wird gefunden. Verloren geglaubte Schiffe erscheinen wieder: ein deutsches U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg, sogar die Titanic läuft munter und unbeschädigt über den Ozean. Christophe Bec greift sehr, sehr tief in die Sammelkiste der Mysterien, der Vorzeichen, der unheimlichen Begegnungen und zieht sogar (der Titel spricht für sich) die griechische Mythologie hinzu. Das Ergebnis ist wohl der geheimnisvollste Auftakt eines Dreiteilers, den es je im Comic-Bereich gegeben hat.
Selbst vergleichbare Produktionen wie Universal War One (UW1) oder Der Schimpansenkomplex können nicht diese seltsame und scheinbar nur sehr lose verknüpften Szenen aufweisen. Nach Ende der Lektüre wurde der Leser sehr spannend unterhalten (mindestens auf einem Spannungslevel wie LOST), aber er kann überhaupt nicht, nicht einmal ansatzweise sagen, wohin die Reise gehen mag.
So weit, so spannend. Dem Leser werden nach und nach die Hauptcharaktere vorgestellt. Hierbei wird grafisch auf ähnliche Effekte zurückgegriffen, wie es auch bei UW1 und Schimpansenkomplex der Fall war. Die Bilder der menschlichen Protagonisten wirken ein wenig konstruiert, in jedem Fall aber der Realität nachempfunden, denn in der Figur des Jeff Spaulding ist eindeutig der Schauspieler Fred Ward nachempfunden ist. (Genre-Fans kennen ihn vielleicht aus den ersten beiden Raketenwürmer-Verfilmungen.) Auch andere Figuren besitzen diesen Anschein der Ähnlichkeit zu Schauspielern. (Vielleicht: Lucy Lawless, Scott Glenn u.a.)
Das funktioniert in Perspektiven, zu denen die nötigen Vorlagen vorhanden waren, wirkt aber auch manchmal etwas verwackelt. Das ist an der grafischen Umsetzung, die ansonsten sehr schön und atmosphärisch geworden ist. Die Intention der Inszenierung geht klar in Richtung von Techno-Thrillern, Serien wie 24 und anderen bekannten Reißern dieser Art. Dafür spricht auch die Erzählweise. Der Leser wird frontal in Form von Fernsehberichterstattungen angesprochen oder er schaut den Protagonisten über die Schulter, darf Mäuschen spielen. Enge der Bilder (Fernsehen) wechselt sich mit weiten Einstellungen wie auf dem Meer ab. Die Darstellungen technischer Formen hat es Christophe Bec zweifelsfrei angetan. Aber Bec mag auch die Ausreißer-Bilder, das Ausbrechen aus dem eigens aufgestellten Reglement. So steht zum Beispiel das Eindringen eines SWAT-Teams in ein gelandetes Space Shuttle im vollkommenen Gegensatz zu den Bildern der griechischen Mythologie.
Ein ungewöhnlicher Auftakt eines Dreiteilers: In dieser sehr langen Einleitung wird dem Leser viel Geduld abverlangt. Wer die mysteriösen Szenarien eines Charles Berlitz mag, der wird sich hier sofort zu Hause fühlen. Autor und Zeichner Christophe Bec legt hier zum Start ein Knäuel vor, das mit allergrößter Präzision entwirrt werden muss, wenn es Sinn ergeben soll. Spannend ist es bisher allemal. 🙂
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Samstag, 05. Dezember 2009
Rocco ist ein kleiner gemeiner Mann. Wenn man ihn lässt. Er hat keinerlei Probleme damit, unliebsame Zeugen aus dem Weg zu schaffen und Menschen zu ermorden. Nur Kevin, den darf er nicht töten. Der Meister hat ausdrücklich befohlen, nicht Hand an den Jungen zu legen. Aber das Verbot galt nicht für Miss Endicott. Die Schlichterin ist zu einem Ärgernis geworden. Sie soll aufgehalten werden, damit der große Plan nicht gefährdet wird. Doch die kleinen Männer ringsherum, mit Rocco an der Spitze, haben die Rechnung ohne die schlagfertige junge Frau gemacht, die es locker mit einem Dutzend von ihnen aufnehmen kann. Was anfangs nach einer Rauferei aussieht, wird sehr bald schon zu einem Kampf auf Leben und Tod.
Mit dem vorliegenden 2. Band ist die Geschichte um Miss Endicott abgeschlossen. Das ist einerseits sehr schade, da einem als Leser die Figur jetzt so richtig ans Herz gewachsen ist. Andererseits muss man den Machern aber ein Lob aussprechen, da sie sich nicht zu einer mehrbändigen Reihe haben hinreißen lassen. Am Ende steht ein zweibändiges Abenteuer, das in sich geschlossen und rundum gelungen ist.
Es gibt eine Welt neben der bekannten Welt. Diese Ausgangssituation ist nicht neu. Im Augenblick lebt eine breite Palette von Neuerscheinungen von dieser Idee. (Meist beschäftigen sie sich mit Vampiren.) Jean-Christophe Derrien nimmt den Leser, nachdem er im ersten Band Die Vergessenen vorstellte, den Leser mit in den Untergrund und von dort mitten hinein in einen Aufstand. Allerdings ist es kein direkter Aufstand der Vergessenen.
In einer viktorianisch anmutenden Zeit hat die junge Miss Endicott die Aufgabe ihrer Mutter übernommen: Im Zwielicht der Stadt, unter rechtschaffenen Bürgern, Tagelöhnern, Gesindel und den Titel gebenden Vergessenen dient sie nun als Schlichterin. Miss Endicott, eine junge Frau, gebildet und durchsetzungsfreudig, hat sich direkt zwei Aufgaben vorgenommen. Die Erziehung eines kleinen Jungen erledigt sie am Tage im Dienste ihrer Herren, in der Nacht geht sie den weniger öffentlichen Tätigkeiten nach. Vor allem nicht solchen, die allerorts an die große Glocke gehängt werden, noch besonderen Rum bringen. Miss Endicott gibt sich alle Mühe und gerät zusehends in Schwierigkeiten: Genau zu dem Zeitpunkt, als der Junge entführt und als Druckmittel gegen sie eingesetzt wird.
Jean-Christophe Derrien hat die erste Ausgabe mit einer Überraschung beendet, die nun hier gelüftet werden kann (wer die erste Ausgabe gelesen hat, hat es sich ohnehin gedacht): Miss Endicotts Mutter ist wieder da. Die Beerdigung war nur ein Ablenkungsmanöver. Sofort merkt man, dass diese beiden Frauen so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht. Wo die junge Miss Endicott nur mit zwei Stricknadeln bewaffnet unter Gaunern aufräumen kann, nimmt sich die Mutter ihre Gegner mit einer großkalibrigen Waffe vor, die so bombastisch ist, dass sie mit zwei Händen gehalten werden muss.
Xavier Fourquemin, der Zeichner, hierzulande auch durch seine Arbeiten zu The Changeling bei Comic-Fans bekannt, kann es in der ersten Hälfte der Fortsetzung noch ruhig angehen lassen. Die Handlung führt einige Stränge zusammen und bereitet alles für ein ausgedehntes Finale vor. Aber dann: Dann geht es rund! Die Maschine aus dem ersten Teil findet ihren Weg an die Oberfläche und beginnt ihr Zerstörungswerk. Dieser Abschnitt läuft geschwind ab. Er hat die allseits bekannte Action, Humor, Überraschungen und Wendungen. Optisch ist es ein wenig so, als habe ein Tim Burton den Weg ins Comic-Fach gefunden. (Was angesichts seiner Vergangenheit nicht abwegig ist. Außerdem fühlt man sich als Leser bei derart großen, von einer Person gesteuerten Maschinen an ein marsianischen Riesenroboter erinnert.)
Fourquemin gehört zu den Zeichnern, die mit ihrem ganz eigenen Stil punkten können. Er liebt lange Gesichter, Rundungen und große Augen. Insgesamt arbeitet er mit zerbrechlich wirkenden Zeichnungen, kontrastiert durchbrochen von manchmal großen schwarzen Flächen wie Höhleneingängen oder schattenhaften Baumgruppen. Diese Schwere wirkt stets bedrohlich, herausragend atmosphärisch, den insgesamt bringt Fourquemin eine sehr dichte Inszenierung zu Papier, die durch die kräftige, aber niemals strahlende Farbgebung von Scarlett Smulkowski noch unterstrichen wird.
Ein toller Abschluss, ein besserer zweiter Teil eines guten ersten Bandes. Eine andere, sehr eigenständige Geschichte in einer Welt neben der Welt, mit allem Ernst erzählt, sehr individuell gestaltet, ohne sich anderen Stilen zu verpflichten. Eine tolle Comic-Überraschung. 🙂
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