Samstag, 16. Januar 2010
Endlich haben die Mitglieder des Teams Zeit, sich mit ihren eigenen Problemen zu beschäftigen. Während Abe professionell zu bleiben versucht und dem Geheimnis des Wendigo nachspürt, kümmert sich Johann um die einfache Angelegenheit, wieder ein Mensch zu sein. Liz nähert sich einem weniger gefährlichen, dafür einem umso regloseren Gast: Miss Panya hat 3000 Jahre überlebt. Nun ist sie ans Bett gefesselt. Doch mit ihrer Hilfe kann sich Liz dem Mann annähern, der sie in ihren Halluzinationen besucht. Liz kann nicht sagen, ob er sie bedrohen oder beschützen will. Einen gibt es jedoch, der genau weiß, was dieses Wesen will. Völlig überraschend gibt sich ein nicht gerade unbekannter Held ein Stelldichein. Nur um gleich darauf wieder zu verschwinden.
Menschen, die vom Bösen befallen sind, haben sich zum beliebten Thema nicht auf dem Gebiet des Horrors ausgewachsen. Sei es der beliebte Werwolf, der Vampir ebenso (der es zu einem eigenen Genre geschafft hat), der Tierhorror in Form eines Reliktes oder auch der reine Menschenfresser, wie er sich in Totem findet: Der Mensch ist immer noch der beste Wolf des Menschen.
Die B.U.A.P., die Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen, hat einen Maulwurf in ihrer Mitte. Zuerst ist es sehr fragwürdig, wer der Eindringling ist und das Team folgt einer falschen Spur. Als schließlich die Antwort offen zutage tritt, sind alle schockiert. Mike Mignola und John Arcudi lassen ihr Team nicht zur Ruhe kommen. Gerade noch sind die Bedrohungen von außen nicht aktuell, da kommt die Gefahr aus dem inneren Kreis. Mignola und Arcudi geben einem der Charaktere eine Zeit des Menschseins und lockern so die Atmosphäre zunächst auf: Johann Krauss erhält einen Körper. Und was für einen!
Durch den künstlich entstandenen (und seelenlosen) Körper, den die Behörde auf einem ihrer Einsätze sichern konnte, ist Johann, der bis dahin nur als Protoplasma existierte endlich wieder ein menschliches Leben möglich. Allein der Genuss von Nahrung wird zu einem Erlebnis. Andere menschliche Belange erzeugen geradezu Höhenflüge bei Johann, der über Jahrzehnte auf jegliches körperliche Gefühl verzichten musste (sieht man von eher geborgten Momenten bei Untersuchungen ab).
Aber die Geschehnisse um die B.U.A.P. sind weniger vergnüglich als spannend. Deshalb wird es gruselig, mysteriös, auch brutal: Der Wendigo, der in den Zellen der Behörde einsitzt ist anfänglich der Kern der Fragen. Es entlädt sich eine Welle nackter Gewalt, die die Ruhe zum Einsturz bringt und noch mehr Fragen hinterlässt. Als Leser wird man von den beiden Autoren fest bei der Hand genommen. Den Charakteren wird auf den Zahn gefühlt, die Atmosphäre vertieft. Dadurch treffen die Schicksalsschläge härter. Mignola und Arcudi haben die Figuren nicht nur mit Hintergrundgeschichten versehen, die eine hohe Detaildichte aufweisen, auch ihre Gefühle lassen sich wunderbar ablesen.
Guy Davis bedient sich dieser Vorgaben vortrefflich: Sein Johann, der in einer Art aufgepumpter Arnold Schwarzenegger Version nun das Leben unsicher machen darf und mit kindlicher Freude alles neu für sich entdeckt, lässt einen unwillkürlich schmunzeln. Seiner Liz Sherman, die den Geheimnissen ihrer Halluzinationen auf der Spur ist, wünscht man endlich etwas Frieden. Aber noch besser geraten sind seine Monster: Das Jaguarwesen wie auch der Wendigo strotzen vor Kraft. Obwohl sie gestalterisch einfach wirken mögen, zeigt gerade ersteres, wie eine Figur sich entwickeln und den Leser überraschen kann.
Die seltsame Haltung, die krummen Gliedmaßen, das Maul und auch das zerrissen scheinende Becken könnten den Ideen eines H.R. Giger entsprungen sein. Sie besitzen aber nicht die Eleganz der Kreaturen des Schweizer Künstlers. Dafür entwickelt sich dieser Jaguar-Mensch. Er wächst auf noch bedrohlichere Maße an, erscheint, obwohl er auf einer Raubkatze basiert, dank des Designs wie eine Abart einer Schlange.
Eine sehr tief gehende Episode. Angesichts sonstiger weit reichender Geschichten ist dies hier fast ein Kammerspiel. Natürlich dürfen rätselhafte Ausblicke nicht fehlen. Mignola und Arcudi säen einige interessante Auftritte, die in der Zukunft noch eine Rolle spielen können. Dank der Kolorierung von Dave Stewart ist ein cineastisches Horrorabenteuer entstanden. Top. 🙂
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Freitag, 15. Januar 2010
Es soll ein schöner Einkauf werden. Das Kaufhaus ist voll, aber noch lange nicht jeder darf hinein. Die Rabaukenkids, die Straßenkinder, die Unruhestifter, solche, die kein Geld haben, müssen draußen bleiben. Wer Ärger machen will, bekommt Ärger mit dem Wachpersonal. Wenig später brennt das Kaufhaus. Eine Panik bricht aus. Ein Mädchen überlebt: Margaret. Ohne Verletzungen. Allerdings schweigt sie. Meistens. Viel wichtiger jedoch: Es besteht die Möglichkeit, dass sie telepathischen Kontakt besitzt. Aber mit wem? Einst gab es Experimente auf dem Gebiet der Telepathie. Das ist lange her. Die Ergebnisse hatten Potential, doch schnell zeigte sich, dass derlei Fähigkeiten in den falschen Händen zu einer Katastrophe führen können. Hat Margaret vielleicht Kontakt zu einer Versuchsperson von damals? Unmöglich …
Sehr rätselhaft. Obwohl die Handlung in der westlichen Welt spielt, ist die die Geschichte von einer rätselhaften Grundstimmung durchdrungen, wie sie sich in Mangas oder unheimlichen Filmen aus Japan findet. Kris kann als Autor seine Begeisterung für dieses Genre nicht leugnen. Er kennt die Regeln dieses Seitenarms der Phantastik genauestens. Alles beginnt, wie so häufig in diesen Geschichten, mit einem Unglück, das allerdings natürlichen Ursprungs ist: Ein Brand in einem Kaufhaus. Ähnlich schreckliche Ereignisse gibt es leider jeden Tag, so oft, dass die Meldungen meist wieder schnell vergessen sind.
Hier jedoch gibt es eine Überlebende. Eine einzige, der kein Haar gekrümmt wurde. Sie ist nicht in der Verfassung, um sich Gedanken über ihren Zustand zu machen. Andere sind viel mehr daran interessiert, das Geheimnis um ihre Rettung zu lüften. Kris benötigt zur Klärung dieser Frage (die hier nicht komplett aufgelöst wird) einen langen Anlauf, weshalb der Leser wirklich Geduld mitbringen muss.
Er folgt den Aufklärungsspuren der Polizisten Karakis und Roberval. In einem Institut für paranormale Forschung nimmt er an den Ermittlungen von Dr. Emma Chapman und Dr. Sascha Iablokow teil. Margaret, das überlebende Mädchen steht unter ständiger Beobachtung und liegt, bis auf gelegentliche sprachliche Ausbrüche in russischer Sprache (die sie nie gelernt hat), still. Ganz anders ist ein Duo, das ganz langsam immer mehr zusammenwächst: Soledad und Lucie. Soledad ist ein Straßenkind, ein sehr starkes Mädchen, aber zeitweilig immer noch ein Kind. Und Lucie? Die sagt nichts. Lange Zeit jedenfalls. Lucie ist nicht ein Geheimnis, sie ist das Geheimnis.
Lucie könnte eine schwächere und weibliche Version eines Akira sein. Sie ist zwar zugegen, bleibt aber eine Hülle. Ihre Existenz wird durch die Recherchen der anderen, auch durch Soledads Anlernversuche beschrieben. Lucie ist wie ein Geist und zunächst sieht es für den Leser so aus, als sei sie gar nicht da. Zuerst ist diese Situation befremdlich und schwer zugänglich. Es dauert, bis sich einem ein immer größer werdendes Rätsel erschließt, bevor die ersten Antworten hereintröpfeln. Wer Geduld aufbringt, wird angenehm überrascht. So, könnte man sagen, ist Lucie ein wenig LOST in AKIRA. Kris konzentriert sich stark auf seine Figuren, bis es einem dämmert, dass die Geschichte längst in Gang gekommen ist und man mitten drin steckt.
Guillaume Martinez kann ebenfalls nicht leugnen, den einen oder anderen Manga gelesen oder einen Anime gesehen zu haben. Seine Figuren sind in der Art gezeichnet, wie sich japanische Zeichner westliche Charaktere vorstellen. Das wirkt anfangs, hier wie dort, schlicht, skizziert. Das mag sogar stimmen, gewinnt aber durch die Kolorierung von Nadine Thomas und Kness deutlich an Volumen. Guillaume Martinez liefert sehr feine, zerbrechlich aussehende Zeichnungen, deren Strichstärken zuweilen kurz vor dem Wegbrechen stehen. Was zu Beginn eher nach wenig ausschaut, wird im Laufe der Handlung immer mehr. Mit wenigen Strichen wird eine Mimik inszeniert, ein Raum oder ein Ort illustriert. Das lässt nicht nur Luft und Platz für die Entfaltung der beiden Koloristen, das lässt auch dem Leser Platz, mit einer gewissen filmischen Geschwindigkeit durch die Handlung zu gleiten.
Farblich wird, wie meist heutzutage, der Computer eingesetzt. Die Welt von Lucie ist eine kalte Welt. Die Farben zeugen davon. Kaltes Grün, kaltes Blau, metallisches blutiges Rot, kaltes Braun und Grau. Wenige Ausflüge in die Wärme erfolgen in Ocker, Orange oder auch in ein senffarbenes Gelb. Daneben sind glasklare farbige Ausflüge selten, wie etwa im grellen Neonlicht der Klinik. Die gesamte Ausstrahlung sagt: Hier stimmt etwas nicht. Das passt hervorragend und ist darüber hinaus toll auf die jeweilige Szene abgestimmt.
Die Welt von Lucie befindet sich in bester Tradition von Klassikern wie Teufelskreis Alpha oder auch modernen Mystery-Varianten wie LOST oder Akira. Das Werk von Kris und Guillaume Martinez ist nichts für Leser, die einen Action-Kracher suchen. Die Welt von Lucie kommt mit leiser Unheimlichkeit daher, mit Feingefühl erzählt und gezeichnet. 🙂
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Mittwoch, 13. Januar 2010
Die Spione haben gute Vorarbeit geleistet. Die Doppelgänger sind perfekt ausgewählt. Leider haben sie sich nicht allzu perfekt auf ihren Einsatz vorbereitet. Selbst wenn: Niemand hätte ahnen können, dass sie auf Flieger treffen, die sich in Australien und in den USA auskennen. So wird Tanguys Vater, ohne es zu ahnen, zum Ziel. Die Spione können kein Risiko eingehen. Schnell ist das Flugzeug von Kommandant Tanguy manipuliert. Gleich nach dem Start schraubt der erfahrene Pilot die Maschine in die Lüfte, doch plötzlich …
Die Mirage III ist nicht nur etwas, auf das Frankreich in seiner Armee stolz sein kann, es ist auch etwas, auf das viele Menschen im weiten Bereich des Waffengeschäfts sehr gespannt sind. Oder interessiert. Über die Maßen neugierig, ließe sich auch sagen. Andere hingegen wollen das Flugzeug einfach nur abstürzen sehen. Ein Auftrag führt Tanguy und drei seiner Mannschaftskameraden nach Israel. Die dortige Luftwaffe möchte ihre Staffeln modernisieren. Dafür brauchen sie das Beste vom Besten. Tanguy ist überzeugt, dass ihre Vorführungen zum Verkauf des Flugzeugtyps beitragen können. Der Auftrag wird schwieriger, als er gedacht hat.
Albert Uderzo gehört, das beweist er mit dieser zweiten Ausgabe der gesammelten Abenteuer von Tanguy und Laverdure, zu den ganz Großen. Bereits mit der ersten Zusammenfassung wusste er zu überzeugen und konnte zweifelsfrei zeigen, dass er noch mehr kann, als nur Funnys zeichnen. Hier bricht die Professionalität noch mehr durch, sind die Zeichnungen noch sicherer, auf den Punkt genau realistisch, dass man es als Leser fast schade finden kann, dass Uderzo diesen Pfad einmal zugunsten von Asterix aufgegeben hat.
Ohne Frage ist er ein Meister der Karikatur, des Funny-Charakters. Wer sich die Figur des Ernest Laverdure genau betrachtet, wird stilistische Eigenarten finden, die es bei Asterix zuhauf gibt, aber auch schon beim guten alten Umpah-Pah zu sehen sind. Eigentlich, wenn man bei aller Bewunderung ganz ehrlich ist, passt Laverdure nicht so recht neben die anderen Figuren, die sehr realistisch gezeichnet sind. Aber es ist gerade dieser Ausbruch, der dieser Reihe eine gewisse Leichtigkeit verleiht, der sich französische Komödien und Abenteuerfilme in den 60er Jahren rühmen konnten.
Neben Gesichtern, die reale Vorbilder haben, wie Abbildungen im Vorwort belegen können, finden sich hier und da auch Charakterköpfe, die einem durchaus bekannt vorkommen. Ein Oberst Arf von der israelischen Luftwaffe könnte durchaus mit einem Caesar verwandt sein. Arf ist weitaus realistischer gezeichnet, doch der gesamte Entwurf der Figur (Gesichtsform, Alter, Haarfarbe, Statur usw.) erinnert stark an den späteren römischen Heerführer, der in der Asterix-Reihe eine nicht unwesentliche Nebenrolle spielt.
Nebenrollen sind hier haarklein auf das Beste besetzt. Selbst der minimalste Auftritt eines Polizisten oder eines Wirts sprüht vor Individualität und ist für jeden Comic-Schaffenden vorbildhaft (die zwar gut sind), dessen Gesichtstypen sich generell wiederholen. Das ist im übertragenen Sinne großes Kino eines Perfektionisten.
Jean-Michel Charlier ist der zweite Kopf dieses Comic-Traumduos. Hier greift Charlier tief in die Trickkiste der Fliegergeschichten. In der großen Zeit des Kalten Krieges wird die Entwicklung der Kampfflugzeuge gnadenlos vorangetrieben. Die Mirage III steht hier exemplarisch für diesen technologischen Einsatz. Trainingsflüge würden schon genügend Möglichkeiten schaffen, um dieses Prachtflugzeug in Szene zu setzen. Aber Charlier wäre nicht Charlier, würde er sich mit Standardsituationen begnügen. So kommen zu den allgegenwärtigen Gefahren des modernen Jagdfliegers noch Sabotage und Spionage, Entführungen und Anschläge hinzu.
Schlussendlich tritt noch Laverdure auf den Plan. Nicht nur, dass er allerhand Unsinn anstellt, an dem er Schuld hat und auch nicht, darüber hinaus ist er ein Tausendsassa, der mit seinem Sportwagen noch mehr Chaos anrichten kann. Eine Spinne im Pilotenhelm (der nicht geöffnet werden darf) genügt schon für einen heiteren Einschub. Laverdure ist die Figur, mit der stets zu rechnen ist, die allerdings nicht vorausberechnet werden kann. Darüber hinaus ist Charlier mit Laverdure ein sehr sympathischer (obwohl er immer ins Fettnäpfchen tritt) und lebensfroher Held gelungen.
Nicht nur ein Stück Comic-Geschichte: Beste Abenteuerunterhaltung, toll und sehr abwechslungsreich erzählt, mit absoluter Perfektion in Szene gesetzt. Wer ein vollkommen anderes Bild von Albert Uderzo gewinnen möchte, dem sei die zweite Gesamtausgabe der Reihe ans Herz gelegt. Selbst Jahrzehnte nach ihrem ersten Erscheinen setzen die hier versammelten Abenteuer immer noch Maßstäbe. 🙂
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Montag, 11. Januar 2010
Sinbad hat sich eine mächtige Feindin gemacht: Turabah, die Zauberin. Obwohl sie aussieht, als besuche sie gerade einmal die Schule (ganz gleich welche), besitzt sie doch unglaubliche Kräfte und ist grausam bis aufs Mark. Sinbad nimmt es mit Gleichmut und Leichtsinn. Und wird dafür bestraft. Der Mann, der nach seinen Eltern sucht, ist selbst skrupellos, muss aber sehr schnell lernen, dass es ohne die Hilfe und die Zuneigung anderer nicht geht. Wandelte er bisher alleine durch das Leben, hat er nun weibliche Begleitung. Beinahe jedenfalls. Azna, der weiße Panther, kann sich nach Belieben in eine Frau verwandeln. Darüber hinaus wurde ein Bann gebrochen, der Azna an die Zauberin Turabah band. Sinbad, der alte Charmeur, hat es eben immer noch drauf.
Obwohl es aussieht, als ginge nun alles gut weiter, wendet sich das Blatt gegen den Dieb und Schwerenöter. Sinbad hat keinerlei Mühe, Azna auf seine Seite zu ziehen, sie dazu zu bringen, so gut wie alles für ihn zu tun. Doch das wird bald auch bitter nötig sein, denn Sinbad ringt alsbald mit dem Tod und nur Azna kann ihn retten.
Endlich wieder Geschichten aus dem Morgenland: Die Zeiten eines Douglas Fairbanks Jr. und eines John Philip Law sind lange vorbei, daher kann man als Leser und Fan des Genres dankbar sein, dass sich Christophe Arleston dem Thema angenommen hat. Frisch, unverbraucht, mit vielen neuen Ideen steht hier ein Sinbad bereit, der zunächst ein wenig an Disneys Aladdin erinnert. Und damit gaukelt Arleston zusammen mit seiner Co-Autorin Audrey Alwett und dem Zeichner Pierre Alary dem Leser etwas vor, nur um ihn zur Gänze zu überraschen.
In den Klauen des Djinns hält keinen Dschinni (es gibt unterschiedliche Schreibweisen) bereit. Ganz im Gegenteil: Es ist auch kein Flaschengeist, mit dem sich ein Sabu in Der Dieb von Bagdad auseinandersetzen musste. Dieser war nur hinterhältig. Bei Arleston und Alary sieht der Djinn mörderisch aus, ist verschlagen, böse, gemein, findet Geschmack an Menschenfleisch … Kurz, vor diesem Flaschengeist muss sich einer in Acht nehmen. Apropos: Der Leser muss auch nicht auf Aladin verzichten. Dieser hat hier die drei Wünsche gut genutzt und ist nun der Kalif von Bagdad, der Prächtigen (allerdings ohne jemanden an seiner Seite, der Kalif anstelle des Kalifen werden will, sondern nur mit jemandem, der den Kalifen abservieren möchte).
Aladin ruft einen Wettbewerb aus. Nicht wie einst Robin Hood im Bogenschießen muss sich der Teilnehmer beweisen, sondern mit dem Messer. Jeder Wurf ein Treffer lautet die Devise. Dieser Wettkampf kann mit einigen interessanten Wendungen aufwarten. Immerhin ist ein sprechendes und halbwegs intelligentes Messer daran beteiligt. Klingt merkwürdig, funktioniert aber sehr gut und mit einem tollen, leicht anarchischem Humor.
Pierre Alary, der Zeichner, dessen Arbeit der Leser schon im Dreiteiler um Belladonna bewundern durfte, zeigt eine ungewohnte Sicht und ein ungewohntes Bild des Morgenlandes. Stilistisch fast ein wenig wie moderne Zeichentrickserien aus dem Cartoon Network mit einer Prise Guy Davis und einem Koloristen namens Jean-Paul Fernandez, der über ein ähnliches Händchen verfügt wie ein Dave Stewart. Daraus ergibt sich ein sehr dynamisches Gesamtbild mit sehr eigenem Bildempfinden. Vieles wäre ohne die Zeichnungen von Alary so nicht machbar. Es würde nicht wirken, zu albern sein oder vielleicht auch zu aufgesetzt. Wenn aber eine Turabah mit ihren Bediensteten eine Art Wasserpolo auf Flamingos reitend spielt, denkt man zuerst nicht weiter darüber nach. Bis man feststellt: Moment, die spielen eine Art Wasserpolo auf Flamingos reitend. Bei Alary sind die Bilder dergestalt, dass es so ist. Stilistisch entsteht hier keine Widerrede.
Eine der schönsten Nebenstränge der Handlung ist die Entwicklung von Azna. Klammheimlich reißt sie einen Teil der Handlung an sich und Alary das Kunststück ihr immer mehr Fülle und Charakter zu verleihen, nicht zuletzt durch eine kleine, aber sehr feine Anpassung an das menschliche Äußere.
Grafisch ist ein Pierre Alary für alle Comic-Fans empfehlenswert, die eine neue Mixtur aus Zeichentrickstil und Cartoonstil erleben wollen. Dank eines Jean-Paul Fernandez erreichen die Bilder eine tolle Tiefe und Atmosphäre. Zu Christophe Arleston muss kaum etwas gesagt werden. Er gehört nicht umsonst zu den Top-Erzählern und hat hier aus der Figur des Sinbad etwas vollkommen eigenes geschaffen. 🙂
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Montag, 04. Januar 2010
Serge soll gehen. Aber Serge geht nicht. Zwar hatten die meisten im Dorf ihm eine ganz andere Bestimmung zugedacht und bestimmt keine Rolle als Ersatzpapa im Sinn, aber eines steht fest: Serge ist aus dem Dorf nicht mehr wegzudenken. In der Zwischenzeit haben sich ungewöhnliche Freundschaften geschlossen. Mann hält zusammen. Serge hätte das nicht erwartet. In dieser kleinen Gemeinde werden plötzlich Grenzen übersprungen, sogar von Seiten her, von denen es nicht zu erwarten war. Das ist für die Menschen wünschenswert, allerdings sind es auch Erkenntnisse, die für drei kleine Beobachter immer seltsam bleiben werden. Eine Ente, ein Hund und eine Katze haben längst gegen alle Wahrscheinlichkeit nicht nur Frieden, sondern auch Freundschaft geschlossen. Wen kümmern da die Mutmaßungen darüber, wer wen warum oder ob überhaupt liebt?
Ein Mikrokosmos menschlicher Verhaltensweisen, angesiedelt zwischen Neugier, Gutmütigkeit, Neid, Angst und Liebe. Gut durchgerührt ergibt das eine herzliche Menschlichkeit, eine Normalität, die in dieser Form in Großstädten schwer zu finden ist. Regis Loisel und Jean-Louis Tripp haben mit ihrer kanadischen Dorfgeschichte aus den 20er Jahren eine faszinierende Handlung kreiert. Die hier geschilderte Menschlichkeit, die kleinen Szenen und Episoden rangieren ohne Übertreibung auf einer Stufe mit Veröffentlichungen wie Don Camillo und Peppone. Soll heißen: Wer bislang dem Comic den Wert las literarisches Werk verweigerte, wird mit dieser Reihe eines Besseren belehrt.
In einer Zeit, in der die Uhren langsamer tickten, die Welt noch viel größer war, konzentrierten sich die Menschen viel stärker auf ihr näheres Umfeld als heute. Heute mag die Welt ein Dorf sein, mancher mag den Trost im Chatten finden, aber das hält keinen Vergleich zu einer Szene stand, die Loisel und Tripp hier mit ungeheurem Fingerspitzengefühl geschaffen haben. Gut, warum jemand mitten in einem Dorf an einem Boot baut, mag sich mancher Leser schon gefragt haben. Wichtiger ist allerdings, wie dieser Bootsbau zu einem Treffpunkt wird, wie er Menschen verbindet. Zuerst wortlos im gemeinsamen Zimmern, später im Gespräch. So treffen sich ausgerechnet der Mann, der an der Seite von Marie mit Argusaugen beobachtet wird und der Pfarrer auf dem Boot. Beide sind aufgewühlt. Der eine, weil er nicht kann, wie er soll. Der andere, weil er weiß, warum ersterer nicht kann. Und niemand, so scheint es, darf auch nur ein Wort darüber verlieren. Bis …
Es ist die Zeit der Bekenntnisse. Der alte Noel und der ebenfalls alte Isaac, der eine einäugig, der andere blind sehen so viel besser als der Rest des Dorfes. Was den einen eine Schande ist, kümmert sie nicht. Sie sehen den Kern eines Menschen mit einer Selbstverständlichkeit, die einem bei der Lektüre anrührend leicht erscheint. Die mit kleinsten Dialogen erzählten, manchmal auch wortlos geschilderten Szenen, besitzen eine enorme Lebendigkeit, die in jeder Form von medialer Unterhaltung selten ist. Sei es im Comic, Roman, Film oder Hörspiel.
Das Nest lässt sich Zeit. Viel Zeit. Das ist der Grund. Die leise und langsame Erzählweise ist entgegen aller Erwartung nicht langatmig. Die Geschichte lebt nicht nur durch ihre handelnden Figuren, sondern auch durch die Umgebung, die Fremdheit des Jahrzehnts und durch die Abgeschiedenheit von allem. Nicht nur die Geschichte dauert. In diesen geschilderten Leben dauert alles. Hier muss nichts extra ausgebremst werden, mit dieser neumodischen Entschleunigung des Lebens. Hier geht es nur so schnell, wie es geht. Und das ist im Gegensatz zur heutigen Zeit und auch zu den Erwartungen, die an die zivilisierte Welt gestellt werden, Schneckentempo.
Obwohl es Probleme in diesem Dorf gibt, gibt es auch Lösungen. Die Menschen mögen mitunter verschroben sein, aber sie sind nicht dumm. Regis Loisel und Jean-Louis Tripp entwerfen eine verschworene Gemeinschaft, die auch grafisch wunderbar funktioniert. Großaufnahmen, Gesichtsausdrücke sind hier immens wichtig, da sie einen guten Teil der Handlung miterzählen. Durch seine Abstufungen in der Mimik entsteht ein starkes filmisches Erlebnis. Die Zeichnungen insgesamt sind sehr zerbrechlich wirkend ausgeführt. Regis Loisel liefert die Grundlage, bereits ausgezeichnet, die von Jean-Louis Tripp mit hoher Strichdichte in Licht und Schatten getaucht wird. Mittels Computerkolorierung (der man diesen Aspekt aber nicht ansieht) wird die übrige Arbeit durch Francois Lapierre mit sanften unaufdringlichen Farben erledigt.
Ein toller vierter Teil, der aber nicht ohne seine Vorgänger bestehen kann. Als Reihe ist Das Nest eine absolute Ausnahmeerscheinung im Bereich Comic, gleichzeitig aber auch eine kleine literarische Entdeckung, in der zwischen den Zeilen noch viel mehr zu finden ist, als vordergründig ersichtlich. Sehr gut. 🙂
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Freitag, 01. Januar 2010
Die Kuh ist nicht das größte Ärgernis, obwohl sie alles frisst, was grün und nicht angenagelt ist. Ein Geist geht um in den Ruinen, weiß, gruselig, leise. Leider auch mit einem Hang zum Schnupfen. Kein Wunder bei diesem Wetter, bei dem noch nicht einmal ein Hund vor die Tür geschickt wird. Jeff Jordan nimmt sich des ungewöhnlichen Falles an. Ausgerüstet mit einer Infrarotkamera macht er Jagd auf den Unheimlichen, nur um am Ende nicht dem Geist, sondern einem roten Mönchen gegenüberzustehen, der nicht minder geheimnisvoll, dafür aber umso schlagkräftiger ist und Jordan erst einmal bewusstlos zurücklässt.
Durch die Hölle von Massacara heißt es gleich zu Beginn der 2. Gesamtausgabe der Jeff Jordan Klassiker. Ein kleiner Staat in Südamerika, mit großen Anteilen einer riesigen Wüste und der Melone als Hauptnahrungsmittel, hat es sich vorgenommen, seine Macht zu vergrößern: Natürlich mit Waffen. Ein Erfinder wurde entführt. Jeff Jordan reist mit seinem Assistenten Teddy geradewegs in die Höhle des Löwen, um den Mann zu retten.
Maurice Tillieux hat seine Hausaufgaben gemacht. Ab einem gewissen Punkt lässt sich nicht mehr sagen, wer Vorreiter, Wegbereiter oder Nachahmer ist. Fakt ist allerdings, dass diktatorische Regime ein gern gesehenes Zielobjekt von lustigen Geschichten und Cartoons sind. Da nehmen sich Spirou und Fantasio ebenso wenig aus wie in gewisser Weise auch ein Isnogud. In diesem beschriebenen Land mit seiner leicht trotteligen Geheimpolizei mag einiges drunter und drüber gehen, in Sachen Gefängnis sind sie beinahe so professionell wie ein echtes Regime. Ein Gefängnis inmitten einer hunderte von Kilometern staubtrockenen Wüste braucht keine Zäune.
So ist nach anfänglichem Spaß, nachdem das Regime und seine Gefolgsmänner so richtig durch den Kakao gezogen worden ist, auch die Spannung Trumpf. Mit einem alten Lkw geht es tags wie nachts durch eine absolut lebensfeindliche Umgebung, während sich die Verfolger bereits an ihre Fersen geheftet haben. Das wird zeitweilig durch Humor aufgelockert, wie es einer Fantomas-Verfilmung zueigen ist. Bereits nach der Lektüre dieses Abenteuers lässt es sich nicht leugnen, dass eine kindliche Leserschaft ihren Spaß an Jeff Jordan haben kann. Tillieux erzählt und zeichnet zeitlos, vor allem zeitlos gut.
Wo es einerseits sehr französisch zugeht, dürfen Verbeugungen vor anderen Klassikern des Detektiv-Genres nicht fehlen. Der Titel Die Nacht des schwarzen Hundes deutet es fast schon zur Genüge an. Wenn ein Hausherr dann noch Barney Basker heißt, ihm ein Hund nach dem Leben trachten soll, werden Erinnerungen an den Hund von Baskerville wach. Zwar spricht Teddy hier auch Edgar Wallace an, nach dessen Motiven auch ein Hund von Blackwood Castle ins Rennen geschickt wurde, aber andere Indizien lassen eher auf eine Verbeugung vor Arthur Conan Doyle schließen. Wie in Die Liga der Rothaarigen dient eine einfallsreiche Mär nur als Ablenkungsmanöver.
Die nächste Verbeugung lässt nicht lange auf sich warten. Der rote Mönch ist fast mehr als nur eine Verbeugung vor dem Schwarzen Abt oder dem Unheimlichen Mönch eines Edgar Wallace. In anderer Hinsicht ist es aber auch ein charmanter Knicks vor dem Landleben und liebevollen Komödien, die sich mit dem doch sehr eigenen Charakter mancher Landbevölkerung beschäftigen. Mit einem feinen Blick zeigt Tillieux, was sich einer einfallen lassen kann, wenn es um die Ankurbelung des Tourismus und die Erschließung neuer Einnahmequellen geht.
Grafisch geht Maurice Tillieux etwas routinierter und kräftiger, vielleicht sogar sicherer zu Werke. Jeff Jordan ist der erzählerische und optische Leitwolf der Reihe, aber Teddy Bär hat sich zu einem heimlichen Star entwickelt. Die Figur des stets zu Späßen aufgelegten Assistenten, der am meisten über seine eigenen Scherze lachen kann, ist einfach und doch schlicht großartig. Zuerst kann man als Leser nur über diesen Charakter schmunzeln. Bis es einen packt. In stilsicheren Strichen gestaltet Tillieux seine Figuren, treffsicher und sauber wird die Realität abgebildet, eine perfekte Kulisse für die Komödie, die Tillieux hier aus Versatzstücken wie auch eigenen Ideen schafft.
Schlicht gesagt: Bestens. So machten es die Funnys einstmals vor und so funktioniert es immer noch. Humor und Spannung kennen eben kein Alter. Wer auf feinem Niveau lachen und spannend unterhalten sein will, liegt mit dem Jungspund Jeff Jordan genau richtig. 🙂
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Donnerstag, 31. Dezember 2009
Die weißen Tigerinnen haben ein Geheimnis. Es gibt einen ungewöhnlichen Weg, die Geheimagentinnen zu identifizieren. Es ist ein Erkennungszeichen, das nur Eingeweihte kennen dürfen. Leider, wie so oft in der Geheimdienstbranche, gerät das Geheimnis in die falschen Hände. Für Alix Yin Fu ist dies der Auftakt zu einem neuen Abenteuer, das sie diesmal in weite Ferne führt, ins Herz des europäischen Kolonialismus: Nach London. Ein Glück für sie ist, dass sie diese Reise nicht alleine bestreiten muss. Zwischen all jenen, deren Befehle sie bislang befolgte, gibt es nämlich einen, dem sie uneingeschränkt vertrauen kann: Maurice Rousseau, den alle nur den Dreifarbigen Drachen nennen.
Die weißen Tigerinnen müssen fliehen. Nach allem, was die Agentinnen durchgestanden haben, nach all der Treue, mit der sie ihren Dienst versehen, ist Flucht das einzige, das noch geblieben ist, um ihre Organisation zu retten. Alix Yin Fu, eine ansonsten schon sehr zurückhaltende junge Frau, hat infolge der Ereignisse noch weniger Grund zum Lächeln als gewöhnlich. Hinzu kommt, dass es eine der gefährlichsten Missionen ihres Lebens ist.
Wilbur (Autor) und Conrad (Zeichner) haben eine spannende Geschichte ausgeheckt, die ein Agentenszenario vom Feinsten ist. Im Mutterland des MI6 darf ein entsprechender Geheimagent natürlich nicht fehlen. Nach mit dem Dreifarbigen Drachen bereits in Schauspieler karikiert wurde (Jean Reno), darf sich ein Mann, dessen schmalen Augen, kantiges Kinn und leicht abstehenden Ohren dem bekanntesten Geheimagenten der Leinwandgeschichte ein neues Gesicht gegeben haben, nun auf seinen Gastauftritt freuen (Daniel Craig). Einzig mit der Haarfarbe (rot) haben sich die Macher eine deutliche Abweichung erlaubt.
Komödiantisch, aber alles andere als zum Lachen. Die vorliegende Episode einer Reihe, die bisher Humor, Action und Spannung gut in Einklang bringen konnte, setzt hier fast vollständig auf die ernsten Seiten des Geheimdienstgeschäfts. Der Auftakt zeigt sofort die Grundrichtung der Handlung auf. Diese Richtung wird nicht nur beibehalten, sondern geht steil bergauf. Mit der Flucht aus China müssen zugunsten ihrer Herrin eine Menge Tigerinnen ihr Leben lassen. An dieser wie auch vielen anderen Stellen ist keine Gelegenheit für Spaß. Ähnlich wie Daniel Craig einen Bond auf den Kopf stellte, sorgt Wilbur, der Ersatz für seinen Vorgänger Yann, für ungewohnten Wind. Im 4. Teil der Reihe war diese Wende zu mehr Realismus nicht so stark spürbar.
Grafisch bleibt Didier Conrad der bisherigen Linie treu. Wo der Humor im Szenario fehlt, kann Conrad immer noch mit seinen Bildern punkten. Es mag für einen Leser ungewohnt sein, einen wirklich handfesten Thriller in dieser Form zu lesen, aber die Härte wird auf diese Art etwas unterdrückt. In einer realistischen Darstellung könnte die vorliegende Geschichte auf Augenhöhe mit Reihen wie Largo Winch mitspielen.
Wir schreiben das Jahr 1947. Gut für Didier Conrad, denn so kann er wunderbar mit Ausstattungen der damaligen Zeit jonglieren. Die Landung eines großen Wasserflugzeugs auf der Themse (heute kaum mehr vorstellbar), alte bullige Automobile (heute sind es Autos, früher waren es Automobile, selbst das kleinste von ihnen), die sich Verfolgungsjagden liefern. Schöne Dialogszenen wechseln sich mit Aktionsansichten ab, die auch der Fantasie eines Alistair MacLean entsprungen sein könnten.
Tolle Spionagethrillerunterhaltung! Conrad und Wilbur schlagen eine noch härtere Gangart ein. Die Schule scheint für Alix Yin Fu endgültig vorüber zu sein. Wer ernsthafte Spannungsunterhaltung im Cartoon-Gewand mag, dem sei der 5. Teil der Reihe um die weiße Tigerin wärmstens ans Herz gelegt.
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Oder bei Schreiber und Leser.
Dienstag, 29. Dezember 2009
TAO ist ein gemeiner Verräter. Maxine hat seine Machenschaften entdeckt und will ihn aufhalten, nur mit seiner Brutalität hat sie nicht gerechnet. Für Maxine, den weiblichen Cyborg mit dem stählernen Unterkiefer, war TAO bisher nichts weiter als eine menschliche Denkfabrik. Zwar trieb ihn kriminelle Energie an, doch zu tatsächlicher Gewalt hielt sie ihn nicht für fähig. Aber Maxine ist nicht der Typ für tiefgehende Analysen. Vor ihrer Zugehörigkeit zum Team verübte sie Überfälle und auch jetzt noch stürmt sie lieber vor, haut drauf und fragt erst dann nach den Beweggründen des Gegners. (Leider ist das meistens auch die richtige Taktik.)
Wenn der Leser TAO hört, denkt er möglicherweise nicht an einen Superhelden. Abgesehen von der wahren Verwendung des Wortes, hat die Figur TAO auch nicht mehr viel mit einem Superhelden gemein. Leser der jüngst abgeschlossenen Reihe von Sleeper wissen, wer gemeint ist. Es gab also einmal die WILDC.A.T.S., die einen Krieg gegen ein außerirdisches Volk führten. Zurück auf ihrer Heimatwelt erkannten sie das Ende dieses Krieges. Waren sie auf der Erde schon Fremde, hatten sie sich ihrer Ursprungswelt noch mehr entfremdet. Das Team kehrte zurück, ohne zu ahnen, dass es längst ersetzt worden war.
Der Zugang ist im zweiten Teil der WILDC.A.T.S., obwohl er durchaus für sich alleine stehen kann, nicht gerade leicht. Als Leser der bekannteren Comic-Universen wie Marvel und DC findet das Auge Anhaltspunkte und Ähnlichkeiten und muss trotzdem scheitern. Statt mit einem fremden Team hat man es gleich mit zweien zu tun. In Sachen Erfindungsgeist müssen sich ein Alan Moore als Autor und auch diverse Zeichner wie Travis Charest, Jim Lee und Pat Lee nicht hinter den Vorläufern aus den goldenen und silbernen Comic-Tagen verstecken.
Die Zeichnungen lassen sich mit dem Wörtchen Elegant betiteln. Die Figuren stehen hier eindeutig im Vordergrund. Bilder eines Travis Charest wirken wie fein auf das Papier gemeißelt oder mit dem Silberstift gezeichnet. Die Linien sind ohne Überraschungen, fehlerlos und makellos. Die Zeichnungen sind überaus kühl und halten den Leser wie so oft in den Tagen der übermenschlich lang gestreckten und muskulösen Figuren auf Distanz. Neben unmenschlich erscheinenden Monstren agieren übermenschlich aussehende Helden. Selbst Deformationen wie Cyborg-Implantate können diesen Aspekt nicht überspielen.
Die anderen Zeichner kommen vielleicht mit kräftigeren Grafiken daher, insgesamt wird aber ein durchgängiger Stil bewahrt, der stets von der Technik eines Jim Lee (All Star Batman, Superman: Die Rückkehr) inspiriert zu sein scheint.
Außer dem erwähnten TAO kann sich der Leser auf Grifter, auch Cole Cash genannt im wahren Leben, freuen. In Point Blank wie auch im Schlussspurt von Sleeper hatte Cole Cash unlängst seinen Auftritt auf dem deutschen Comic-Markt. Hier lernt der Leser die Figur nicht als Geheimagent kennen, sondern als scharf schießender Superheld, verborgen hinter einer roten Maske, die so auch in einem Wildwestszenario getragen werden könnte.
Eine der schönsten Szenen, in denen die Künste eines Grifter nichts nützen, ist die Auseinandersetzung zwischen Overtkill (kann durchaus mit Overt-Kill aus Spawn verwechselt werden) und Maxine, gleichfalls ein Cyborg. Während sich die Cyborgs gegenseitig verprügeln (und schlimmeres) entwickeln sich zarte Bande zwischen dem Hünen und der im Vergleich zierlichen Maxine. Hier ist neben aller Schlägerei, Ballerei, Fliegerei und Hüpferei auch der Humor Trumpf.
Eine Superheldengeschichte von Alan Moore, die zwar rasant ist, aber keinem Vergleich mit Watchmen standhalten kann. Wer allerdings eine grafisch einwandfreie und technisch überaus vorbildhafte Heldenactiongeschichte sucht, in der es von Anfang bis Ende nur so kracht, wird hier unbedingt fündig. 🙂
Sonntag, 27. Dezember 2009
Die Menschen haben sich der Unterjochung ergeben. Widerstand existiert keiner mehr. Ohne Gegenwehr lassen sie sich von ihren Wächtern abführen. Im Augenblick der Gefahr, als die Wurzeln nach den Wanderern greifen, fliehen die Wächter, die Aquarals, und lassen die Menschen schutzlos zurück. Gefesselt sind sie der pflanzlichen Monströsität ausgeliefert. Oben, an der Spitze des Felsens, versucht Grek, der Mann aus dem All, zu retten, was zu retten ist. Er greift die riesige Pflanze an. Im letzten Augenblick, gepackt von den scharkantigen roten Blättern, hat er eine Idee. Aber wird er es rechtzeitig schaffen?
Es war einmal … die Geschichte eines Raumfahrers, der auf eine fremde Welt stürzt. Nein, nicht Trigan! Hier gibt es keine fremden Schriftzeichen zu entschlüsseln, die die Geschichte eines fernen Volkes erzählen. Hier geht es um Kommandant Grek. Die Arbeit von Vince Wernham, der hier als Autor fungiert, und Don Lawrence dem ausführenden Künstler, kann aus heutiger Sicht als Experiment bezeichnet werden: Als sehr arbeitsintensives Experiment.
Sicherlich hat Vince Wernham eine solide Handlung abgeliefert. Aber er hat noch mehr getan. Es ist die Geburtsstunde von Storm und Rothaar, obwohl ihrer beider Namen hier anders lauten und auch ihr Verhalten sich mitunter unterscheidet. Angesichts der hier vorliegenden Handlung könnte von einer Art Zusammenfassung eines Abschnitts von Storm gesprochen werden. Vince Wernham schildert einen Befreiungskampf der Menschen gegen Fischköpfe, wie Storm sie einmal selber nennt. Der Befreiungskampf, der hier geschildert wird, könnte die Grundlage der ersten Abenteuer von Storm in späteren Ausgaben sein. Nur wurden die Rätsel um die blauhäutigen Besatzer viel ausführlicher erzählt.
Es ist ein phantastisches Abenteuer, mit dem einige Ungereimtheiten einhergehen. Die Eroberung der Erde war mehrere Male Thema in der Science Fiction. Ein großer Klassiker ist der Planet der Affen. Die Herleitung zu dieser Eroberung ist vorstellbar, die Herleitung zur Vormachtstellung der Fischköpfe ist es weniger. Wasserwesen können in einer ausgedörrten und steinigen Welt mit sengender Sonne nicht nur überleben, sie scheinen auch noch die besseren Voraussetzungen dazu zu haben. Dieses Detail stört ein wenig. Das Abenteuer wirkt auch ein wenig episodenhaft angelegt, schon zusammenhängend, aber doch deutlich aufgeteilter, als es in den nachfolgenden Alben der Fall ist.
Grafisch ist Don Lawrence hier schon spitze, allerdings noch nicht am Ende seiner Möglichkeiten angelangt. Das Titelbild der vorliegenden Neuausgabe zeigt, was in späteren Veröffentlichungen von Storm einmal möglich sein wird, wenn Alben wie Vandal der Zerstörer oder Die Wendewelt entstehen. Gestrichelt, schraffiert und getupft präsentieren sich die Bilder. Im Abdruck gerät dieser Farbauftrag so fein, dass ein sehr plastischer Effekt entsteht, Oberflächen sehr organisch aussehen und die Bilder sehr gut erkennen lassen, wie viel Arbeit in ihnen steckt. Don Lawrence hat bei seinen außerirdischen und fremden Figuren stets großen Einfallsreichtum bewiesen und war doch immer auch auf ein gewisses Maß an Echtheit bedacht.
Die Fischköpfe sehen durch ihre riesigen Augen zwar auch ein bisserl knuffig aus, sind aber bestens gestaltet. Ein einfaches Fischgesicht ist immer noch zu einer großen Bandbreite von sichtbaren Emotionen fähig. Bei ihnen wie auch bei einem riesigen Leguan wird bis in die kleinste noch sichtbare Schuppe hineingearbeitet.
Einziger Wehrmutstropfen zum Schluss: Die Bilder auf den letzten vier Seiten wirken nachgeschoben, als seien sie unter Zeitdruck entstanden oder noch nicht fertig. Das trübt das Ende insgesamt.
Eine sehr gute Überleitung, ein Stück Comic-Geschichte: Nicht mehr Trigan, noch nicht ganz Storm. Vernham und Lawrence ergänzen sich, aber noch nicht auf einen Grad, auf den es Lawrence und Lodewijk später schaffen. Als Fan kommt man an Kommandant Grek trotzdem nicht vorbei. 🙂
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Mittwoch, 23. Dezember 2009
Gretchen hat eine merkwürdige Art und Weise, um für einen Auftrag in Schwung zu kommen. Sie prügelt sich gerne. Manchmal tötet sie auch mit einer starken Beiläufigkeit einen Menschen. Niemand sollte Miss Misery, wie ihr Unterweltsname lautet, über Gebühr reizen. Das Beste ist eigentlich, man geht ihr einfach aus dem Weg. So schnell wie möglich und so weit wie möglich. Einigen sind diese Chancen verwehrt. Ein alter Mann im Rollstuhl freut sich gerade noch über die Hilfe, die ihm durch die freundliche Dame zuteil wird. Im nächsten Augenblick … Und wäre das noch nicht genug, kann sich der Taxifahrer, der Gretchen transportieren soll, auf eine Schlittenfahrt der besonderen Art freuen. Oder doch nicht?
Die letzte Runde im Untergrundkampf von Carver Holden gegen eines der mächtigsten Verbechersyndikate der Welt. Abseits der üblichen Superhelden-Geschichten, mit deutlichen Wurzeln in der Welt der WILDC.A.T.S. konnte der Leser bis hierher einer Agentenhandlung folgen, die ihresgleichen sucht. Versorgt mit dem Besten aus mehreren Welten, hat Ed Brubaker beinahe ein neues Genre erschaffen: Ein dreckiges Geschäft namens Superkräfte.
So ungefähr jedenfalls. Ed Brubaker hat eine komplexe Handlung geschaffen, in der weder die Hauptfigur noch der Leser stets sicher sein kann, wer eigentlich die Guten sind. Am allerwenigsten weiß der Leser, ob er gerade weiß, wo der Hase lang läuft, denn hier ist der Schein alles. Nicht nur Holden, sondern auch Tao, das Ziel der gesamten Operation agiert mit schwer durchschaubaren Winkelzügen. Wenn schließlich noch Holdens eigentlicher Chef ins Spiel kommt und seine eigenen Pläne verfolgt, dann … Kurzum, hier liegt ein sehr langes Finale vor, dessen Ende bis kurz vor Schluss kaum absehbar ist.
Wie Ed Brubaker in dieser Phase den Spannungsbogen nicht nur hochhalten, sondern auch noch steigern kann, ist ein wahrhaftiges Kunststück, nicht nur für das Comic-Genre, vielmehr für eine Erzählung insgesamt. Gäbe es den Sammelbegriff Sex and Crime nicht, müsste er für dieses Szenario erfunden werden. Brubaker erspart weder seinen Figuren, noch dem Leser etwas. Wer die vierteilige Reihe bis hierher verfolgt hat, kennt die Eskapaden von Miss Misery, doch derart ausfallend ist noch nie geworden. Das geht zuerst an die Grenze der Parodie, in jene Sphären, die auch ein Garth Ennis mit The Boys erreicht. Und stürzt zum Schluss auf einen sehr harten realistischen Boden ab.
Bei aller Härte hat Brubaker einen sehr verletzlichen Helden geschaffen. Könnte es sein, dass die harten Knochen, die sich in mancherlei Agententhrillern tummeln, in Wirklichkeit ein weiches Herz haben und sich nach der Normalität eines Normalbürgers sehnen? Holden ist in Wirklichkeit ein derartiger Mensch. Je mehr er in die Ecke des Gangsters gedrängt wurde, desto mehr hat er den Wunsch entwickelt, aus allem auszubrechen und diese unselige Angelegenheit endlich hinter sich zu lassen. Einerseits kämpft er mit einer stetig wachsenden Verzweiflung, andererseits zieht er auch Kraft aus diesem Wunsch. Sonst wäre er in vielen Szenen nicht bereit, derart weit zu gehen.
Sean Phillips zeichnet die Geschichte mit einer ungeheuren düsteren Ausstrahlung. Diese Welt versinkt nicht in den Schatten, sie lebt darin. Sleeper wird zu einem Alptraum, aus dem es nur auf einigen wenigen Seiten ein Erwachen gibt. Ansonsten explodieren die Bilder in dunklen Gassen, in Kämpfen, in Mord und Totschlag, auch in Perversion. Man könnte sagen, Phillips wird zum Sargträger des Superhelden-Genres. Was einst Alan Moore und Dave Gibbons mit ihren Watchmen begannen, wird hier konsequent zu Ende geführt. Die reduzierten und leicht skizzenhaften Bilder besitzen eine Art Gerichtszeichnungscharakter. Sie dokumentieren, besonders dann, wenn es schnell gehen muss. Sicherlich gibt es Zeit zum Luftholen, doch selbst in der Ruhe scheint stets ein Countdown mitzulaufen.
Durch die Kolorierung von Carrie Strachan gibt es kein Entkommen für das Auge des Lesers. Keine wirklich helle Stelle bietet einen Anker oder Zufluchtsort. Dunkler war eine Geschichte selten und noch viel seltener ging sie optisch so stark Hand in Hand.
Eine Messlatte für Agententhriller und Superheldengeschichten. Ed Brubaker hat zusammen mit Sean Phillips (ein anderes Duo scheint hierfür kaum denkbar) einen Wahnsinnsalptraum geschaffen. Die Kenntnis der drei Vorläuferbände ist zwingend, aber es lohnt sich. 🙂
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