Montag, 14. Januar 2013
Nahrungsketten sind in der Welt von Troy nicht ganz so einfach zu bestimmen, denn Trolle fressen einfach überall. Auch solches Getier, das viel größer als sie selber ist. Und sie fressen nicht nur alles, sie überfressen sich auch. Da muss schon einmal ein Bauer mehr über die Klinge oder Keule springen. Daraus kann die Idee entspringen, sich doch auch einen lebendigen Vorrat anzulegen, etwas, das man füttert, um es sich später gemütlich, ohne die Mühsal der Jagd, mit einem Griff und ganz nebenbei zu Gemüte zu führen. Die kleine Waha ist für dieses trollische Experiment auserkoren. Doch es soll ganz anders kommen.
Ein Mensch inmitten von Trollen? Kann das funktionieren? Ja, schon, wenn der kleine Mensch nicht nur äußerst frech ist, sondern auch noch einen Troll Papa nennt. Aber einfach ist das Miteinander dennoch nicht. Der 14. Band der Reihe Troll von Troy beleuchtet Wahas Geschichte etwas genauer. Christophe Arleston erzählt dem Leser, was einen Troll ausmacht und wie ein Mensch in diese sehr verfressene Gemeinschaft hineinwachsen kann. Das kleinen Menschenmädchen Waha, schlicht benannt nach ihrem Schreilaut, wickelt nach und nach die Trollfamilie um den kleinen Finger. Teträm, der Troll und das Familienoberhaupt, hegt längere Zeit hauptsächlich Appetit für die Kleine, bevor daraus Zuneigung wird.
In unterschiedlich langen Episoden zeigt Christophe Arleston den Prozess des Erwachsenwerdens anhand von Waha, blickt zurück in die Kindheit von Teträm, der seine ganz eigenen Probleme mit einer artfremden Mutter hatte und schaut in die Welt der Menschen, wo man bemüht ist, das kleine verloren gegangene Menschenkind zu finden. Auf beiden Seiten der jeweiligen Welten bleibt kein Auge trocken. Sind die Trolle allein durch ihre Verfressenheit ein brutal komischer Haufen, sind die Menschen durch ihre kleinen Geheimnisse eine stetige Quelle des Spaßes.
Jean-Louis Mourier zeichnet Charaktere, denen der frankophile Humor ins Gesicht geschrieben scheint. Ein obelixhaftes, ein funessches Missverständnis-Arrangement und eine Spur amerikanische Slapstick wirbelt die Welt der Trolle von Troy durcheinander. Motive aus dem Fantasy-Genre stehen vorne an, werden aber auch begleitet von einer Menge Anspielungen aus der realen Welt. Letztere bieten die Funken, die den Band eigentlich zum Zünden bringen. Herzallerliebst sind die Baby-Episoden, wenn sich die kleine Waha in Troll-Manier durchs Leben hangelt und beißt.
Zeichnet Mourier jede Seite mit dem selben Können, einem leichten Strich, geradezu zerbrechlich und einem sehr humorigen Ausdruck, sind besonders die Kleinkindszenen den Episoden mit den Erwachsenen überlegen. Da spielt es keine Rolle, ob es menschliche oder trollische Kinder sind. Teträms Abenteuer, wie eine Drachenmutter versuchte ihn aufzuziehen, sind Seite an Seite mit den Kindheitserinnerungen Wahas ein guter Beweis für die Komik, die automatisch aus Kindergeschichten erwachsen kann.
Fuquatou, ein leicht phonetisch zu deutender Name, seines Zeichens auf der Spur von Waha und von hohen Würden am Konservatorium von Eckmül, könnte mit seinen Episoden abseits des Haupthandlungsstranges bestehen, würden Waha und der kleine Teträm ihm nicht die Schau stehlen. So dienen diese Episoden eher der Überleitung und zur Verdeutlichung einiger Informationen. Die Hauptlacher fangen die Kleinen ein.
Der Erfolg der Reihe spricht für sich selbst. Wahas Geschichte in der 14. Ausgabe erzählt mit viel Witz in kleinen Episoden vom Werden Wahas, den Schwierigkeiten Teträms mit einem Menschenkind klarzukommen und dem Aufwachsen in einer Trollgemeinschaft. In dieser Form sicher auch als Einsteigerband geeignet. 🙂
Troll von Troy 14, Wahas Geschichte: Bei Amazon bestellen
Sonntag, 13. Januar 2013
Das Wettrennen durch die Lüfte ist in vollem Gange. Doch es ist nicht nur ein Test der Geschicklichkeiten von Tier und Mensch. Lanfeust, einer der Luftjockeys sieht sich auch noch mit einer Denksportaufgabe konfrontiert, die alleine schon eine Herausforderung wäre. In der Luft, attackiert von den anderen Rennteilnehmern, ist es nahezu unmöglich zu lösen. Atemlos verfolgen die Zuschauer am Boden das Rennen in der Luft und machen sich ihre eigenen Gedanken über die irrwitzigen Geschehnisse. Während Hebus, der Troll, seinen Freund Lanfeust anfeuert, murrt Cixi wie gewöhnlich über den Helden, der einmal vor langer Zeit mit ihrer Mutter verbandelt war.
Lanfeust ein Mörder? Christophe Arleston hat die entsprechende Beweislage geschaffen und nun befindet sich der Held auf der Flucht. Wäre nicht Hebus, der Troll, sähe es sogar verdammt schlecht für ihn aus. In Der Verbannte von Eckmül erlebt der Leser den altbekannten Recken aus Troy von einer ungewohnten Seite. Lanfeust kann nicht so aktiv sein, wie er gerne möchte. Seine Feinde sind zunächst stärker, Beweise für seine Unschuld sind schwierig zu finden und der Gegner setzt alles daran, um Lanfeust aufzuhalten.
Dabei beginnt alles höchst sportlich und mit kleinen Anspielungen. Da mag sich der Fantasy-begeisterte Leser an Quidditch erinnert fühlen. Freunde des Denksports finden sogar den nicht minder berühmten Zauberwürfel, den Lanfeust auf seine ganz eigene Art zu lösen versteht. Aus einem soliden sportlichen Spaß wird sehr bald bitterer Ernst. Den Umschwung fügt Christophe Arleston unerwartet ein und entzieht seinem Helden jede Chance. Fast. Ein Beweis muss gefunden werden, doch der versteht es, sich zu verstecken.
Rypläh, eher einem gewissen Zauberlehrling ähnelnd als der SciFi-Ikone, ist irgendwo in Troy untergetaucht. Sobald Lanfeust wieder auf den Füßen steht, die Kontrolle übernimmt, nimmt die Geschichte gehörig Fahrt auf, im wahrsten Sinne des Wortes. Das Ziel ist ein Schiffskonvoi, der das Meer befahrend, seinerseits ein eigenständiges Reich kontrolliert. Lanfeust kommt einen Schritt weiter, der ewige Junggeselle gerät aber auch ein wenig vom Regen in die Traufe. Jedenfalls hat er sich die Suche nach dem Beweis für seine Unschuld ganz anders vorgestellt. Dem Leser kann es nur gefallen, da Arleston ordentlich Humor versprüht, mit Action würzt und keinerlei Längen zulässt.
Wie in den ersten beiden Bänden aus der Lanfeust Odysee Reihe zeigt sich Didier Tarquin für die Bilder verantwortlich. Seinem Federstrich ist es zu verdanken, wenn schon Figuren allein zu einem Schmunzeln beitragen. Hebus, der hier Verstärkung durch andere Trolle erhält, ist ein Beispiel. Wenn Trolle sich in freudiger Erwartung eines Festmahls zusammenrotten, dann funktioniert die gesamte Sequenz beinahe komplett ohne Worte. Diesen hinzugenommen, wird die kleine Szene, in der Hebus seinen Freund Lanfeust auf den Arm nimmt zu einem feinen Kabinettstückchen.
Halb zog sie ihn, halb sank er hin. Oder besser gesagt, flog er. Auch wurde er nicht gezogen. Er wurde geworfen. Neben der Action, gehören die lustigen Szenen zu Didier Tarquins großen Stärken. Zweifellos ist er sehr guter Gestalter von Kulissen, auch folgt die Kamera den Action-Szenen mit filmisch verwöhntem Auge. Doch mit den Charakteren hat er auch offensichtlich als Zeichner seinen größten Spaß. Lanfeust selbst mag gar nicht einmal im Zentrum stehen. Figuren wie der erwähnte Hebus, Cixi, diverse Trolle, die Zukünftigen laden zu viel größerem Klamauk ein. Ein gestandener Held wie Lanfeust darf nun einmal nicht durch den Kakao gezogen werden.
Großes kündigt sich an, doch zuvor muss Lanfeust seine eigene Haut retten. Angesichts der Tatsache, dass eine Mordanklage auf ihm lastet, ist das keine leichte Aufgabe. Christophe Arlestons Einfallsreichtum ist der Erfolg der Reihe ebenso geschuldet wie den zeichnerischen Fertigkeiten eines Didier Tarquin, der seine inzwischen aus dem FF zu gestalten vermag. 🙂
Lanfeust Odysee 3, Der Verbannte von Eckmül: Bei Amazon bestellen
Donnerstag, 10. Januar 2013
Loki ist gefangen. Odin will den Kampf nicht und sucht das Gespräch, eine Abmachung, doch der verlorene Sohn will keinen Frieden. Er wütet umso stärker und speit Odin seinen gesamten Hass entgegen. Uns es scheint dieser Hass zu sein, der das Gift in die Welten hinausträgt. Die Menschen führen bereits Krieg, Armeen prallen aufeinander. Lokis Befreiung naht. Odin wagt den Versuch. Er will Hilfe finden, er bittet seine Brüder, die nicht alle vergeben wollen. Odin soll am Ende alleine stehen. So wie er regierte, so soll er auch fallen. Und Odin, selbstgerecht und zornig, nimmt diese letzte Aufgabe an.
Das Ende ist nah, aber mit einher geht nicht die Erlösung. Zuvor stehen Gewalt und Leid. Tod. Dunkelheit. Qual. Der Zorn, das Selbstmitleid über den Tod den Geliebten und Schwester, folgt der erste Schritt in den Untergang. Selbsthass. Nichts soll an sie erinnern, nichts soll übrig bleiben. Doch schlimmer noch. Ein folgenschwerer Selbstmord, die eigene Opferung vor den Hauern des gigantischen Fenriswolfes (Fenrir), eines der Kinder des mächtigen Loki, setzt die Lawine in die Götterdämmerung endgültig in Gang.
Nicolas Jarry beendet mit diesem zweiten Teil seine Neuerzählung der Mythologie der germanischen Götterwelt, mit Odin an der Spitze. Der allgewaltige Vater wird dazu gezwungen, sich gegen den kommenden Krieg zu wappnen, dessen Kräfte sich langsam sammeln. Loki erklimmt die Spitze der Armeen aus Jotunheim nicht widerstandslos. Allerdings schickt sein flammengeschmückter Kopf stets ein Lächeln voraus. An seinem Sieg hat er keinen Zweifel. Und auch Odin, der bemüht ist, sich Verbündete zu suchen, scheint das Ende nicht bloß zu erahnen.
Das Besondere ist nicht die Neuerzählung dieser Weltuntergangsmythologie. Die berühmte Götterdämmerung wurde oft erzählt, sogar von Nicolas Jarry in der gleichnamigen Comic-Reihe. Erwan Seure-Le Bihan vermischt Farbtafeln in nostalgischer Illustrationstechnik mit gemäldeartigen Bildseiten und bietet dem Leser darüber hinaus eher realistisch comic-artig gezeichnete Szenen. So entsteht ein Kaleidoskop verschiedener Ansichten, technisch immer auf Perfektion bedacht. Nicolas Jarry, der die Endzeit auf punktuell herausgesuchte Szenen eingrenzt, gibt Erwan Seure-Le Bihan zu illustrierende Schlüsselszenen an die Hand.
Die Hingabe als Opfer vor Fenrir gehört sicherlich zu den grafisch eindrucksvollen Bildern, genauer gesagt Seiten, denn meistens baut Erwan Seure-Le Bihan ein Gesamtbild auf, in sich stimmig komponiert. Dem tragischdramatischen Auftakt folgen sehr schöne wie auch furchtbare Ansichten (aber wahnsinnig gut illustriert). Eine milchige Farbgebung, auch lasierend ausgeführt, füllt sehr genau ausgeführte Bleistiftskizzen, die offensichtlich am Computer, wo es nötig schien, nachgetuscht waren. Jede Szene besitzt ihre ganz eigene Theatralik.
Baldurs Auftritt in diesem Drama könnte einem Shakespeare zum Vorbild gedient haben. Der Einsatz von farblichen Schwerpunkten und Lichtspielen ist beinahe wegweisend für tatsächliche Theaterinszenierungen. Der verzweifelte Kampf auf der hohen Mauer mag auch einen Tolkien inspiriert haben. Uns es wäre nicht die Götterdämmerung, wenn nicht eine gewisse Gigantomanie vorherrschte. Wenn die Götter sterben, dann bitte mit Tosen und Bersten, berghohen Monstern und grauenhaften Riesen, untoten Kriegern und Schlachtfeldern voller Blut.
Dazwischen treten die Götter auf, im Todeskampf den Menschen und allen anderen gleichgestellt. Allen voran Odin, der seinen letzten Kampf bestreitet und sehen muss, wie seine Söhne durch Lokis Hand fallen, bevor er selbst den fremden Sohn mit seiner Lanze fällt. Die Geschichte kann hier nur in Kurzform erfolgen, abrisshaft und so erscheinen die Bilder dem Schlag einer schnellen Trommel folgend, bis ein Bild von Odins Tod seitenfüllend den Epilog einleitet.
Grafisch sicherlich wegweisend, nicht grundsätzlich ein Comic für jedermann, da er ganz eigene Erzählstrukturen verfolgt, mit Bruchstücken und Ausschnitten spielt und ein wenig Kenntnis der Göttersage bestimmt nicht fehlen sollte. Ein Höhepunkt im Bereich von Fantasy-Comics ist dieser nun abgeschlossene Zweiteiler auf jeden Fall. 🙂
ODIN 2: Bei Amazon bestellen
Mittwoch, 09. Januar 2013
Die kriegerische Bande, die über die Tierherde herfällt, tötet die Wollnashörner nur, um an die Hörner zu gelangen. Das für die Menschen kostbare Stück wird abgesägt. Die Kadaver lassen sie in der glühenden Hitze in der Wüste zurück. Noah ist von diesen Menschen angewidert, glaubt nicht mehr an ihre Vernunft. Ein Jungtier ist verletzt zurückgeblieben. Seine Kinder und er bringen es nach Hause. Dort versuchen sie das kleine Nashorn aufzupäppeln. Die Ereignisse des Tages drücken die Stimmung weiter auf einen Tiefpunkt. Nachts träumt Noah davon, wie er in grünen Fluten versinkt und ertrinkt.
Noah wurde von Gott berufen. Eine Arche sollte er bauen. Zur Rettung seiner Familie und der Vielzahl der Tierarten. Denn eine große Flut sollte kommen und die Menschen von der Erde tilgen. Als der liebe Gott noch ein strenger Gott war, die Menschen allzu furchtbar auf der Erde wüteten, erkannte der Weltenschöpfer, wie wenig diese Menschen noch mit dem gemein hatten, was ursprünglich von ihm beabsichtigt worden war. Der freie Wille des Menschen hatte ins unbarmherzige Chaos geführt.
Darren Aronofsky hat zusammen mit Ari Handel eine Comic-Umsetzung dieser biblischen Legende auf den Weg gebracht. Aronofsky, bekannt geworden als Regisseur der Filme Black Swan und The Wrestler wird in der filmischen Umsetzung der Geschichte von NOAH wieder Regie führen. Russell Crowe übernimmt die Titelrolle. Außerdem treten illustre Schauspieler wie Anthony Hopkins, Emma Watson und Jennifer Connelly an seiner Seite auf. Wer nun erwartet, eine sehr bibelfeste Umsetzung des Stoffes allein in der Comic-Umsetzung zu sehen, wird gewaltig getäuscht.
Fast allein gegen alle. Gegen andere Menschen, die eine andere Mentalität besitzen. Gegen die Natur, die nur noch Trockenheit zu bieten hat. Gegen die Hoffnungslosigkeit und das Gefühl der Einsamkeit. Visionen von Regen schüren den befürchteten Wahnsinn. Niko Henrichon, der hierzulande sehr positiv mit dem Comic Die Löwen von Bagdad aufgefallen ist, gestaltet Noah als Raubein und Familienvater. Er sieht aus wie Kämpfer, hält sich aber aus den Kriegen und dem Verderben heraus. Der Strich ist kräftig, mehr Bleistift als Tusche. Die Kolorierung, auch von Niko Henrichon übernommen, ist stets atmosphärisch, einem Thema folgend und mit einer Grundtönung versehen.
So steht das trockene, gleißende Rot der unbarmherzigen Sonne gegen das Grünblau aus Noahs Visionen, in denen sich alles umzukehren scheint. Zunächst sind es nur kurze Augenblicke, die immer länger andauern, immer offensichtlicher auf ein Ziel weisen. Doch verheißen die Bilder keinen Trost, nur das absolute Ende. Unter der Sonne töten die Menschen, schlachten, verbrennen, wo es nur möglich ist. Niemand stellt sich ihnen entgegen. Nicht mehr. Im Umschwung der Geschichte keimt weniger die Hoffnung. Nur eine Flucht verspricht das Heil und neue Freunde sind schwer zu gewinnen.
Darren Aronofsky und Ari Handel wagen den Rückblick, hin zum Paradies, als die Unschuld verloren ging und Adam und Eva der Heimat den Rücken kehren mussten. Mitleid brachte Unheil. Denn nicht Gott hatte Mitleid, sondern einige Engel, die beschlossen, dem Menschengeschlecht zu helfen. Von Gottes Geschöpf zu Gottes Geschöpf. Aber der Mensch nutzte die Lehre der im Himmel geschaffenen und nun auf der Erde gestrandeten Engel zum Bösen. Schließlich wendete er sich sogar gegen seine Lehrer. Niko Henrichon zeichnet immer apokalyptischere Bilder.
Die Vergangenheit hat sich in die Gegenwart hinübergerettet und hält sich nun versteckt, hat jedoch ihren Hass bewahrt. Hier findet eine Wende zur Fantasy statt, die in biblischen Beschreibungen sicherlich zu finden ist. Allerdings gehen die beiden Autoren noch einen Schritt weiter, fertigen einen eigenen Teil an, der begründet, wie Noah seine Mammutaufgabe überhaupt bewältigen konnte.
Tolle Bilder eines vorzeitlichen Weltuntergangs, spannend erzählt, obwohl der grundsätzliche Inhalt bekannt ist. Die Autoren wie auch der sehr versierte Niko Henrichon, Zeichner und Kolorist, gewinnen dem Thema viele neue Seiten ab, spannende und auch erschütternde Seiten. Ein düsterer Auftakt. 🙂
NOAH 1, Wegen der Bosheit der Menschen: Bei Amazon bestellen
Link: Homepage von Niko Henrichon
Dienstag, 08. Januar 2013
Herr November, äußerlich ein Geistlicher, ist mit allen Wassern gewaschen und Theodor Pussel keinesfalls wohlgesinnt. Allerdings vermeidet er es auch, allzu aktiv einzugreifen. Er taktiert, intrigiert hinter den Kulissen, tötet auch, schiebt diese Leichen aber gerne anderen in die Schuhe. Theodor Pussel ist diesem Gegner zuerst nicht gewachsen. Einschätzen kann er diesen merkwürdigen Mann ebenfalls lange Zeit nicht. Doch es kommt die Zeit, da Pussel derart mit Überleben beschäftigt sein wird, so dass der geheimnisvolle Herr November noch das kleinste Problem ist.
Einmal um die ganze Welt: Theodor Pussel träumt vom Reisen, den Weltmeeren, den damit verbundenen Abenteuern. Schnee, Sturm und Regen verabschieden Theodor an den alten Gestaden. Die künftige Aufregung ist ernüchternd. Eine unheimliche Bedrohung reist bereits sehr früh mit, doch Theodor Pussel kann den Grund dafür nicht erkennen. In vier Abenteuern, die sich qualitativ kontinuierlich steigern, erobert die Comic-Figur von Frank Le Gall ihre neue Welt.
Der erste Band, Das Geheimnis des Kapitän Stien, wirkt noch sehr intutiv, auch, als beobachte der Autor und Zeichner in Personalunion seine Figur dabei, wie sie den Auftakt ihres Comic-Lebens meistert. Und so zeichnet Theodor Pussel sogleich eine gewisse behütete Naivität aus. Er tritt der Gefahr, die am anderen Ende der Welt droht, mit jungenhaftem Lächeln entgegen, harmlos ausschauend wie ein Buchhalter, wenigen Haaren und großer runder Brille. Bedrohlich scheint auch die Neuzeit hier zu sein, die in der alten Welt schon stattfindet, Asien aber noch nicht richtig erreicht hat. Ein Leben gilt hier nicht viel, Piraten machen der Seefahrt furchtbare Schwierigkeiten.
In Band 2, Mission Aru-el-Kader, besitzen die Zeichnungen noch einen nostalgischen Schmiss, aber auch eine Strichführung, die nie unmodern wird, wie andere Comic-Künstler wie Didier Conrad (Die weiße Tigerin) gerne beweisen. Dennoch sind hier bereits Veränderungen zu beobachten. Stilistisch sind die Grafiken gefestigter, die jeweiligen Figuren, die dem Leser häufiger begegnen werden, haben zunächst zu ihrer Form gefunden. Vollständig stellt sich diese aber erst in den folgenden beiden Bänden, Das Schicksal der Maria Verita und George Towns Geheimnis, ein.
Die Strichführung wird schlussendlich exakter, Theodor Pussel wird rundlicher, so wie die gesamte Handlung deutlich an Format und Richtung gewinnt. An Band 3 ist Yann am Szenario beteiligt. Es wird ernsthafter, dunkler und eilt in die Richtung anderer Erzähler, eines Jack London (Ein Sohn derSonne) etwa, oder eines Hugo Pratt. Aber Theodor Pussel ist auch abgeklärter, er ist kein grüner Junge mehr. Das Schicksal der Maria Verita spielt nicht nur mit den Gefahren jener Gewässer, mit Banditen und Gaunern, es bringt auch den Wahnsinn mit ein, der so abgelegen vom Rest der Welt wunderbar gedeihen kann.
Mit George Towns Geheimnis ist Theodor Pussel in seiner Geschichte endgültig erwachsen geworden. Er prügelt sich mit Piraten und begegnet aufrecht, Auge in Auge und wird schließlich der Sekretär eines Piratenkapitäns. Theodor Pussel ist nun ein waschechter Abenteurer und will eigentlich doch nur nach Hause, nach Dünkirchen. Von 1927 bis 1930 erstreckt sich der Zeitrahmen, den Frank Le Gall mit seinen vier erzählten Abenteuern abdeckt. Das Traumwandlerische, das leicht Märchenhafte, setzt sich Theodor Pussel (im Original: Theodore Pussin) deutlich von anderen, auch aktuellen Abenteuerreihen mit sehr origeneller Eigenständigkeit ab.
Die Abenteuer von einem, der auszog nicht nur das Fürchten zu lernen. Theodor Pussel reist um den halben Globus, weit entfernt von zu Hause wird er erwachsen, gerät unter die Wölfe der Meere, in beinahe literarische Sphären, von eigenständigem Zeichenstil geprägt. Das ist abseits der gängigen Kost, spannend, aber auch bedächtig erzählt. Gut. 🙂
Theodor Pussel Gesamtausgabe 1: Bei Amazon bestellen
Sonntag, 06. Januar 2013
Seamus steht vor seiner letzten Prüfung, die ihn endgültig zu einem Ritter der Vergebung machen wird. Falls er die Prüfung besteht. Falls er sie nämlich nicht besteht, wird er sich über sein künftiges Leben keinerlei Gedanken mehr machen müssen. Nur eine bestandene Prüfung wird ihn überleben lassen. Drei Kelche warten auf den Novizen. Nur einer verspricht die richtige Wahl zu sein. Diejenigen, die bereits erfolgreich die Prüfung abgelegt haben, können wie der Novize auch nicht vorhersagen, wie das Ergebnis aussehen wird. Seamus wählt einen Becher und trinkt. Die Hoffnung eines Ritters begleitet ihn. Ein anderer wiederum zeigt sich mehr über den Schreckensschrei des Novizen erfreut. Doch Seamus überlebt.
Es ist eine Zeit der Prüfungen und Begegnungen. Nicht nur die Guten haben ihre Aufgaben zu bestreiten, auch die Bösen werden gestestet. Der Guinea Lord, Werkzeug der Morrigans, der Hexen dieser Welt, sieht sich mit seiner Meisterin einer Macht gegenüber, der selbst er sich beugen muss. Jean Dufaux greift als Autor tief in die Kiste der Mythen und Legenden, länderspezifischer Eigenarten und zitiert auch mitunter, vergleicht und nutzt als Erzähler schlicht jeden Kniff zur Spannungssteigerung und Beschleunigung des Leseflusses. Der wird allerdings durch die hohe Kunstfertigkeit von Philippe Delaby gebremst, denn seine Bilder wollen einfach länger betrachtet werden. Spannung hin oder her.
Philippe Delaby kann mit einigen großartigen Kulissen aufwarten. Theatralisch wirken sie alle, aber nicht unecht. Vom Sturm umtoste Küsten, mit wildem Wellengang und Klippen, die wie Zähne aus dem Strand ragen. Blitze, bei deren Anblick sich sogleich der Donner im Ohr einstellt. Eine wunderbar stimmige Naturdarstellung wechselt sich mit feiner mittelalterlicher Architektur ab, wie es der Leser einer Fantasy-Handlung erwarten darf. Auffälliger sind natürlich immer noch die Charaktere, die Delaby teils sehr menschlich und menschenähnlich gestaltet, sowie die Monstren, die mit sehr schönem grauenhaften Aussehen die jeweilige Szene an sich reißen.
Die Mater Obscura, Herrin über den Guinea Lord, ist zu vielerlei Gestalt fähig. Eine davon darf der Leser gleich auf einem der schönsten Titelbilder der letzten Jahre bestaunen. Eine realistische Malefiz-Variante wechselt sich ab mit einem schlangenartigen Wesen, eindeutig weiblich, vielfüßig schlängelnd und wie eine Götzengestalt anmutend. Eindeutig mehr an klassischen Rollenspielen orientiert ist der Braghen. Hier fließen Orks, Trolle und Oger in einer übermächtigen Gestalt zusammen. Nackt, nur aus Muskeln bestehend, mit einem abstoßenden Kopf und mit einer Keule bewehrt, offenbart seine ungebremste Attacke die ganze menschliche Hilflosigkeit angesichts einer solchen Urgewalt.
Philippe Delaby zeichnet seine Menschen, als seien Gemälde alter Meister Vorbild gewesen. Sicherlich gibt es solche Menschen, wie sie der Museumsbesucher auf großformatigen Leinwänden bestaunen kann, doch sind es gerade künstlerisch herbeigeführte Lichter und Schatten, eine besondere Ausleuchtung, ein Arrangement, träumerischer Glanz, der diese Bilder der Wirklichkeit ein Stück entrückt. Ähnlich verhält es sich mit den Zeichnungen von Delaby. Er gibt die Haltung vor, den Ausdruck, für das im wahrsten Sinne des Wortes bezaubernde Licht sorgt Berengere Marquebreucq eindrucksvoll und (kino)leinwandtauglich.
Ein grafisch eindrucksvoller dritter Band des Vierteilers, eine starke Fantasy-Geschichte, mit deutlichem Ausschlag hin zum (düsteren) Märchen, packend von Anfang bis Ende. Die Kenntnis der bisherigen Handlung ist allerdings Pflicht. 🙂
Ritter des verlorenen Landes 3, Die Fee Sanctus: Bei Amazon bestellen
Donnerstag, 03. Januar 2013
Die Liebe kann einem Menschen gefährlich werden. Ein Mann lernt eine Frau kennen, viel jünger als er selbst und er verliebt sich Hals über Kopf in sie. Sie ist jung, intelligent, berechnend, aber vielleicht hätte alles gut ausgehen können. Vielleicht. Jahre später, der Mann ist ergraut, beleibter als früher, mit lichtem Haar, wartet ein Tribunal aus Wirtschaftsmanagern. Es wurden Gelder veruntreut, Reichtümer im Geheimen angehäuft. Der Mann war zu schwach. Er sieht sich vor den Scherben, nein, dem Trümmerhaufen seines Lebens. Einen Ausweg gibt es nicht mehr. Keinen Ausweg? Doch, einen gibt es noch.
Es wäre zu leicht zu behaupten, Frauen würden Largo Winch nur Freude oder Schwierigkeiten bereiten, Fakt ist jedoch, dass der Held aus der Feder von Jean Van Hamme es in dieser Ausgabe mit einer wahrhaft gemeingefährlichen Feindin zu tun hat, die über die Möglichkeiten verfügt, Largo Winch endgültig zu vernichten. Autor Jean Van Hamme wäre nicht derartig erfolgreich, schickte er seinen Hauptdarsteller nicht beständig in schier aussichtslose Situationen. Aus Largos Gegnerin hat er einen fast bond-typischen Feind kreiert, eine verschmähte Frau, die einen lang gehegten Plan über Jahrzehnte bis zu einem furchtbaren Finale verfolgt.
In der Vergangenheit erfährt der langjährige Larga-Winch-Fan Neuigkeiten aus dem Privatleben von Nerio Winch, jenem nicht minder geheimnisvollen Mann, der aus Largo einen der reichsten Männer der Welt schuf. Jean Van Hamme berichtet aus einer zuweilen gruseligen Welt der Megareichen, in der sich nicht nur für Geld alles kaufen lässt, sondern beinahe jeder sich auch für Geld verkauft. So beginnt das Drama, die Tragödie, an deren Anfang eine junge Frau steht, die große Augen für ihr Umfeld hat und mit ihrem Körper eine Chance zu ergreifen glaubt. Aus der Enttäuschung erwächst ein schier bodenloser Hass und damit: WEISSGLUT.
Jean Van Hamme ist ein Vergleich mit der Welt eines der bekanntesten Geheimagenten wohl bewusst, setzt er doch in einer Schlüsselszene, die auch optisch daran erinnert, selbst entsprechende Anspielungen ein. Gleichzeitig aber ist dieser Largo Winch schon lange einer, in dessen Richtung sich der aktuelle Bond entwickelt hat: menschlich. Diesem Largo Winch kann etwas passieren, persönlich wie auch durch Verluste. Das Titelbild gibt einen Hinweis.
Neben der Beschäftigung mit der Auflösung des Gesamträtsels, einer kleiner, sehr humorigen Nebenhandlung, in der das schlimmste Schicksal darin besteht, geheiratet zu werden, wartet die Geschichte, deren Auftakt in Schwarzmeer, Band 17, zu finden war, mit einem großartigen Showdown auf. Philippe Francq war bisher oft vor die Aufgabe gestellt, leinwandwürdige Szenen zu Papier zu bringen. Akribisch geht er auch diesmal zu Werke und kann mit einer ganz besonderen, besser gesagt, ganz besonders großen Kulisse umgehen. Das besitzt in den ruhigeren Momenten vernsche Augenblicke, sehr maritim. Als es schließlich kracht ist das schlichtweg Action-Kino im besten Sinne.
In weiteren Sequenzen, eigentlich nicht weniger gefährlichen, zumindest sind tödliche Konsequenzen denkbar, wächst Silky, Largos Pilotin, kurz über sich hinaus. Diese Situation ist selbst für einen Largo Winch absolut außergewöhnlich, dabei hat er während seiner Abenteuer wahrlich einiges erlebt. Aber es ist auch eine Situation, die bei aller optischen Dramatik, mit einem Augenzwinkern erzählt wird. In weiteren Seitenarmen der Handlung fehlt jegliche Komik. Einzig steht das menschliche Drama im Vordergrund, auch theatralisch vorgetragen, bühnenartig, dafür aber nicht weniger erschütternd.
Darüber hinaus darf der Leser auch neue Seiten an Figuren entdecken. Miss Pennywinkle sei hier genannt, ohne damit zu viel zu verraten. Doch ist ihr Einsatz wieder für ein Schmunzeln gut, denn man darf ihre Szene selbst neben den abenteuerlichen Verhältnissen im vorliegenden Band als sehr bondoesk bezeichnen.
Was soll man sagen? Jean Van Hamme kann es einfach. Zusammen mit seinem Zeichner Philippe Francq wird die Qualität, die Spannung der Abenteuer und Thriller nahtlos hoch gehalten. Dank eines weltweiten Schauplatzes und Charakterweiterentwicklungen sind immer wieder Überraschungen garantiert. Ein sehr guter Handlungsabschluss mit fesselndem Finale. 🙂
LARGO WINCH 18, WEISSGLUT: Bei Amazon bestellen
Oder bei Schreiber und Leser.
Dienstag, 01. Januar 2013
Nicht nur pure Kleidung, auch Verkleidung ist in dieser Mode angesagt. Jedes kleine Detail zählt, jeder Stoff, jede Farbe, zuunterst wie auch an der Oberfläche. Reize werden wie ein buntes Bonbon anschaulich verpackt. Verspielt anziehend. Bertille hat schnell gelernt, wie sie ihren Stan verführen kann. Obwohl Stan auch abgelenkt ist und sich ein anderes Gesicht zuweilen vor das ihre legt. Ebenfalls verführerisch, weitaus geheimnisvoller: Sasmira. So lange Stan noch rätselt entgeht ihm die Gefahr, die gleichfalls in der Gegenwart dieser undurchschaubaren jungen Frau lauert.
Eine Zeitenwende, zwischen Klassik und Moderne, zwischen Romantik und technischem Aufbruch. Noch ist die Mode verspielt, sind die Kleider eng, doch fahren bereits die Automobile und fliegen die ersten Flugzeuge. Die Welt verändert sich. Auch die für die beiden Zeitreisenden des ersten Teils. Ausblicke in eine ferne Zukunft, selbst mit der Euphorie dieser Tage sind immer noch Science Fiction und werden belächelt und bespöttelt. Stanislas, Stan, entzieht sich diesen gesellschaftlichen Themen. Für ihn steht immer noch Sasmira im Mittelpunkt, die junge Frau, deren Geheimnis er noch nicht ergründen konnte. Noch nicht.
Laurent Vicomte setzt seine mysteriöse Geschichte mit großer Finesse und Einfühlungsvermögen fort. Gegensätze und Übereinstimmungen der beiden hauptsächlich handelnden Frauen werden herausgestellt. Die Titel gebende Sasmira ist voller Neugier, begeistert ihr Umfeld, auch mit einer gewissen Erotik, streckt die Arme geradezu nach der Zukunft aus. Mit Bertille, der jungen Frau aus eben dieser Zukunft, gibt es Überschneidungen in der Art das Leben zu genießen, anzunehmen, zu erforschen, aber während Sasmira sich nach vor treiben lässt, blickt Bertille gerne zurück in diese Vergangenheit, die Langsamkeit, Lebensfreude und sicherlich einer Spur bourgeoiser Lebensfremdheit. Hier gibt es mehr Traum als Realität.
Stan zerschlägt gleich zu Beginn alle Spiegel und somit auch die Eitelkeit dieser um sich selbst drehenden Gesellschaft irgendwo auf dem französischem Land. Schließlich wird auch das Gift dieser scheinbar isolierten Gruppe sichtbar. Auch Eifersucht gehört dazu, aber die Liebe stellt sich ihr entgegen. Sasmira wird enttarnt, charakterlich, ihre Herkunft ans Licht gezogen. Diese ist weitaus fantastischer, als man es sich auszumalen wagte.
Grafisch schöpft Laurent Vicomte weiterhin aus der Schönheit dieser Zeitspanne. Unterstützt wird er hierbei diesmal von Claude Pelet. Nachdem die Fortsetzung viele Jahre auf sich warten ließ, treibt ein zweiter Künstler die Fertigstellung entsprechend zügiger voran. Farblich hat Patricia Faucon den Pinsel übernommen. Vergleicht man die einzelnen Seiten, die Bilder miteinander, auch gegenüber dem ersten Band, sind Ähnlichkeiten in der Machart der Bilder sicherlich deutlich, aber auch Abweichungen in der Stilistik der beiden Künstler können nicht übersehen werden. Durchgängig sind die Grafiken sehr leicht, fast zart aufgebaut und passend zur Zeitperiode.
Das Farbspektrum ist erdig, natürlich, durchscheinend aufgetragen. Auf Perfektion wurde bewusst verzichtet, kein technisch wirkender Farbauftrag, sondern sehr manuell, nah an Aquarell und Gouache, nah an den Wurzeln der großen Zeit französischer Comic-Alben. Das besitzt einerseits Stil, befördert den romantischen Grundeindruck der Geschichte und hat einen warmen, einladenden Grundton.
Laurent Vicomte entzaubert seine Sasmira ein wenig, lässt sie fordernder, fast aggressiver auftreten. Hinter dem Geheimnis brodelt es. Die männliche Hauptfigur, Stan, sitzt beinahe wie eine Fliege in einem Spinnennetz, halb ohnmächtig, bis zu einem Wendepunkt, der Licht ins Dunkel bringt. Für Freunde von Mystery-Geschichten und romantischer Abenteuer. 🙂
Sasmira 2, Der falsche Ton: Bei Amazon bestellen
Freitag, 28. Dezember 2012
Einen Platz in der französischen Armee zu erhalten, kann ein wahres Glücksspiel sein. Im Angesicht des Rekrutierungsoffiziers wird eine Nummer gezogen. Ein Blick auf eine lange Liste von Zahlen und einen entsprechenden Vermerk entscheidet über die nahe Zukunft der Männer einer Ortschaft. Für den jungen Alban Labiche ist die 222 eine Glückszahl. Zuerst. Seine Schwester Angele, mit dem weniger glücklichen Louis verbandelt, freut sich selbstverständlich über diesen Umstand. Dafür ist ihr Geliebter unter den eingezogenen Soldaten. Wenig später ändert sich das Blatt. Vollkommen überraschend finden sich Soldaten bei Alban ein und nehmen ihn als Deserteur fest.
Patrick Prugne zeigte dem historisch interessierten Leser bereits mit Canoe Bay die etwas vernachlässigte frühe Epoche der Besiedelung Nordamerikas und hierzulande mit James Fenimore Cooper (Lederstrumpf) in Verbindung gebracht wird. Gleichzeitig zeigt er den französischen Einfluss auf die nordamerikanische Geschichte, der heutzutage gerne etwas in den Hintergrund gedrängt scheint. Seine Hauptfigur Alban Labiche muss die Heimat zwar unter Zwang verlassen, dafür werden die Möglichkeiten zur Verteidigung in der Neuen Welt strikter, einfacher. Der Tod wird im Indianerland zum ständigen Begleiter.
Steht zu Beginn noch eine Familiengeschichte, ein wenig Liebe, ist das erklärte Ziel im weiteren Verlauf das pure Überleben. An der Seite Albans lernt der Leser eine raue, unberührte, wunderschöne und unerbittliche Natur kennen. Geier und Krähen warten schon, Indianer haben ihre eigenen Gesetze, die nicht nur Auge um Auge kennen. Patrick Prugne erzählt ohne falsche Nostalgie ein nicht seltenes Schicksal jener Tage, aus dem letztlich ein lebenslanges Abenteuer wird. Melancholie schwingt sehr oft mit, Heiterkeit findet sich so gut wie nicht, allenfalls darf man sich über eine gewisse lebensnotwendige Frechheit mancher Figur freuen.
Das besondere Merkmal von Patrick Prugnes Arbeiten ist die Aquarelltechnik, der es gelingt, ein Gefühl für die Natur einzufangen. In einem sehr umfangreichen Anhang mit Bleistiftskizzen und Aquarellentwürfen beweist Prugne einmal mehr seinen Sinn für Farbe, die atmosphärische Bildeinstellung und den romantischen und lebensnahen Blick auf das Leben der Indianer, der Pawnees. Der Blick hinter die Kulissen zeigt die Entwicklungsarbeit, auch nichtverwendete Szenen, die ein Ausblick auf künftige Geschichten sein können, denn das Basismaterial, Recherchearbeit und Entwürfe reichen mit Blick auch auf Canoe Bay bestimmt für weitere Comic-Romane.
Vor den schönen Eindrücken der Neuen Welt verblassen die Szenen in der Alten Heimat deutlich, vielleicht weil ihnen das Geheimnisvolle fehlt, die Urwüchsigkeit, obwohl selbst durch den neuzeitlichen Blick auf das Geschehen, diese Form der Zivilisation im Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts nicht einmal auf einem guten Weg in die Moderne zu sein scheint. Wenige Außenlinien, leichte bis sehr kräftige Farben lassen eine langsam endende Epoche neu erstehen, ein kleiner Kostümfilm im Comic-Gewand.
Drama, Abenteuer, historische Erzählung, prachtvoll illustriert von Patrick Prugne, der sich mit dieser grafischen Gestaltung und Thematik eine Nische erarbeitet, die aber nicht nur für Freunde der Besiedelung Nordamerikas sehenswert ist. 🙂
Frenchman: Bei Amazon bestellen
Donnerstag, 27. Dezember 2012
Man lege sich nicht mit Robotern an, deren Namen einem unbekannt sind. Coraline will der Name des stählernen Giganten, der sie mit beiden Händen umschlossen hält, partout nicht einfallen. Doch mit der Erinnerung des Namens folgt auch eine Spur, die sie der Lösung des Rätsels näherbringt. Coraline ist nicht die erste, die sich in der Traumwelt verloren hat. Auch ihre Schwester Celia hat es getroffen. Schlafend findet sie die Vermisste vor. Coraline bleibt keine Wahl. Sie muss tiefer in die traumhafte Märchenwelt vordringen als bisher, will sie ihre Schwester und all die anderen retten.
Terry Dodson gehört unter den Comic-Künstlern zu den Pin-Up-Königen. Seine Frauen sind der Kategorie wahr gewordener Männerträume zuzuordnen und in ihrer Erscheinung durchaus überirdisch zu nennen. Als Superheldin oder auch Gaunerin (zum Beispiel Harley Quinn, Black Cat, Emma Frost) sind sie dem Fan von DC Marvel längere Zeit bekannt, im Bereich des Verträumten, Fantastischen war der amerikanische Zeichner Dodson bisher eher selten zu finden, obwohl seine Grafiken hier und dort einen märchenhaften Strich durchscheinen ließen.
TRÄUME. Sie können sehr fantasievoll sein. Gefährlich. Erotisch. Oder alles auf einmal. Bereits mit dem ersten Teil haben Denis-Pierre Filippi, Autor, und Terry Dodson, Zeichner, gezeigt, wie eine Vermischung von viktorianischer Atmosphäre, einer Spur Fables und auch Steampunk plus einer Prise Erotik aussehen kann. Letztere bricht kaum richtig aus, ist zumeist unterschwellig vorhanden und befeuert letztlich mehr die Fantasie des Lesers. Dieser zweite, abschließende Band von TRÄUME beginnt mit einer Sequenz, die geradwegs ins Herz der Märchenwelt zu führen scheint.
Im Schloss von Dornröschen scheint plötzlich ein jedes Märchenwesen eingeschlummert. Schneewittchen samt der sieben Zwerge, Jack und seine Bohnenranke, Rotkäppchen neben einer merkwürdigen Wolfskonstruktion und einigen mehr. Diese Einführung ist derart schön gestaltet, dass es ein grafisches Fest werden würde, zeichnete Terry Dodson auch komplette Interpretationen jener Märchen.
Dodsons Figuren, die aus den gerade nötigsten Strichen entstehen, skizzenhaft aufgetragen, ohne nachträglich real oder digital getuscht worden zu sein, warten hier einmal mehr mit dieser Jugendstil-Optik auf, die den ohnehin verträumten Gesamteindruck verstärkt. Szenen im Harem, samt eines obligatorischen Scheichs, der sie zu sich in den Thronsaal holt, um Coraline (die Schwester der untertitelgebenden Celia) vor 1001 Nacht für sich tanzen zu lassen, besitzen beinahe eine Opulenz sehr früher Hollywood-Filme oder alter Operrettenstreifen deutschsprachiger Machart.
Die Geschichte, die hier von Denis-Pierre Filippi entworfen wurde, ist bei aller Gefahr für Coraline und ihre Schwester eher heiter zu nennen. Filippi sucht die optisch schönen Momente für seinen Co-Künstler. Neben den eigentlichen Figuren schult sich Terry Dodson an feiner ländlicher Architektur, Natur sowie an raffinierten Konstruktionen, die auch einer Ideenwelt eines Jules Verne entsprungen sein könnten. Die Vielfalt der Szenen und gegensätzlichen Epochen, die in einer Märchenwelt gerade so schnell auftauchen und wieder verschwinden, wie es dem Autor beliebt, machen den zusätzlichen, sehr charmanten Reiz der Handlung aus.
Ein feiner Abschluss eines nostalgischen wie auch durchaus romantischen Comic-Abenteuers, sehr fantasievoll, erstklassig illustriert von Terry Dodson. 🙂
Träume 2, Celia: Bei Amazon bestellen
Link: Homepage von Terry Dodson