Samstag, 10. Juli 2010
Joe Finn ist ein Monster. Wenn er nicht säuft, verprügelt er seine Söhne und treibt sie zum Diebstahl an. Es dauert nicht lange, da planen die Jungs zu türmen. Die Ankunft von Bart Randall und seiner Tochter ändert die Situation. Tom, der Barts Tochter zugeneigt ist, muss erleben, wie sein Vater auch noch dieses junge Leben zerstört. Tom wagt die Flucht und nimmt das Mädchen mit. Huck bleibt zurück. Und für ihn wird alles noch viel schlimmer, denn die letzten Schranken in Joes Geist fallen. Der letzte Rest Menschlichkeit wird vom Alkohol fortgespült. Joe wird zum Mörder. Fortan ist Huck allein auf sich gestellt und muss sich auf seinen Ideenreichtum verlassen.
Mark Twain gehört mit seinen Geschichten über Huckleberry Finn und Tom Sawyer in der Riege der unsterblichen Abenteuerautoren. Es gab einmal eine Zeit, als diese Geschichten um die beiden Jungen noch viel lebendiger waren, in der x-ten Auflage, in Verfilmungen und Hörspielen. Nun haben sich Philippe Thirault und Steve Cuzor der Figur des Huck Finn angenommen und erzählen seine Geschichte neu.
Die Anleihen an das Original sind sehr groß, insgesamt aber ist die Geschichte erwachsener. Aus Hucks schwarzem Begleiter Jim wurde Charles Williams, ebenfalls schwarz, allerdings von dem Traum beseelt ein Musiker zu werden. Huck, der im Original wie auch hier seinen Tod inszeniert, um seinem Vater zu entkommen, flieht schließlich an der Seite von Charles den Mississippi hinunter. Auf ihrer Reise den Old Man entlang, wird nach dem verstorbenen Huck gesucht. Es folgen die klassischen Szenen des Schiffes, das mit Kanonenschüssen nach der Wasserleiche sucht, aber ebenso finden sich die beiden Flüchtigen in einem Sturm an Bord eines herrenlosen Hausbootes wieder.
Besonders interessant ist die Figur des Charles Williams, des Mannes, der davon träumt, ein hervorragender Gitarrist zu werden. Thirault und Cuzor erinnern sich an die alte Legende um den echten Gitarristen Robert Johnson, der angeblich seine Seele dem Teufel verkaufte, um ein überragender Gitarrenspieler zu werden. Der hier vorkommende Charakter Charles, ein Träumer mit einem weichen Herzen, wird durch einen Drogentrip überzeugt, er habe wirklich den Teufel gesehen.
Neben der Handlung, die in vielen Einzelheiten immer wieder an das Original erinnert, weicht diese Geschichte doch davon ab, indem sie die vorliegenden Abenteuer rund 100 Jahre nach der Vorlage von Mark Twain spielen lässt. Die Sklaverei, die bei Twain noch ein Thema war, ist hier Vergangenheit. Rassenhass und Lohnsklaverei existieren nach wie vor. An die Stelle einer gewissen Westernromantik setzen die beiden Macher die Armut einer Weltwirtschaftskrise. Es ist ein Land, wie es ein Autor wie John Steinbeck ungeheuer düster schilderte.
Die Bilder zeigen alles andere als den amerikanischen Traum. Es ist ein Alptraum, in dem Huck Finn aufwächst, sehr schön, auch eindrucksvoll bebildert. Aber hin und wieder muss man als Leser schlucken, wenn dem Jungen enge Freunde genommen werden, wenn der saufende Vater nichts dabei zu empfinden scheint, einen Widersacher mit dem Beil zu erschlagen. Hucks neues Zuhause ist vergleichsweise schön, aber ihn zieht es dahin, wo die Schwarzen mit ihrer Musik feiern. Hier herrscht ein Gefühl von Freiheit, das er weder bei seinem brutalen Vater noch bei seinen strengen Adoptiveltern findet.
Ein sorgfältig erzählter Auftakttaktband, nah an der Vorlage, aber dennoch mit vielen eigenen Ideen. Dramatisch und abenteuerlich. Steve Cuzor liefert zu der gemeinsam mit Philippe Thirault geschriebenen Geschichte ausdrucksstarke Bilder ab. 🙂
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Freitag, 09. Juli 2010
Frozens Haut raucht noch. So harmlos war die magische Attacke, der er ausgesetzt war, nicht. Bald könnte er nicht nur der letzte Oger sein, vielmehr auch der letzte tote Oger. Laam, seine Begleiterin, hat ein starkes Interesse an seinem Überleben, denn Frozen weiß etwas, das beide zu einem wertvollen Schatz führen kann. Doch vor die Schatzsuche haben die Götter das Überleben gesetzt. In einer paradiesähnlichen Umgebung wird Frozen mit heilendem Ton behandelt. Das dauert. In der Zwischenzeit hat Laam ihre eigene, sehr nachhaltige Begegnung mit Silica, einer wahrhaftigen, aber sehr ungewöhnlichen Göttin.
Ein Kopf! Sadwin, der Zwerg, hat den ehemaligen Zauberer Aarlog nicht nur um einen Kopf kürzer gemacht, sondern gleich um einen ganzen Körper. Nun wird dieser Kopf zwar nicht auf dem Silbertablett serviert, aber immerhin auf einem solchen transportiert. Mit Deckel, versteht sich. Das erinnert an einen anderen, manchmal zickigen Kopf aus dem populären Media-Umfeld: 7-90, der Roboterkopf aus Lexx. Vorlaut sind sie beide. Allerdings gerät Aarlog hier etwas ins Hintertreffen. Er muss seine Nebenrolle zugunsten von Absynthe deutlich kleiner als im ersten Teil absolvieren.
Ein Hauch von Absynthe könnte schlimmere Folgen haben. Die junge Frau Absynthe, einarmig zwar, besitzt durch ihren ehemaligen Herrn recht große Macht. Dies macht sie für den Zwerg Sadwin nützlich. Nur deshalb ist sie noch am Leben und kann ihm im Militärlager zur Hand gehen. Jean-Luc Istin nimmt sich zu Beginn einer Geschichte häufig große Anleihen bei anderen bekannteren Handlungen. Nach einer mehr oder minder langen Einleitung liegt der Schwerpunkt auf deutlich eigenen Anteilen, bis die Hommage restlos abgeklungen ist.
Hier darf sich der Leser dennoch an ein paar Punkten der erzählerischen Vorlage erfreuen. The Good, the Bad and the Ugly. Oder auch: Zwei glorreiche Halunken. Statt eines Bürgerkriegs zwischen Nord und Süd, wie im Klassiker von Sergio Leone, herrscht hier im Lande Sienn ein Krieg des Westens gegen den Osten. Zeichner Francois Gomes erinnert mit seiner Gestaltung der Soldaten in bürgerkriegsähnlichen Uniformen an die filmische Vorlage. Auch das Gefangenenlager und der Aufstieg von Sadwin zum Obersten und zum Aufseher desselben darf als Verbeugung vor dem Original betrachtet werden. (Von der Einleitung her ebenfalls.)
Die Schlachtfelder jedoch haben so gar nichts mit dem bekannten Bürgerkrieg zu tun. Das phantastische Element wird hier für jeden Leser deutlich sichtbar. In bernsteinartigen Blasen sind so manche Kämpfer für die Ewigkeit konserviert und mitten in der Bewegung erstarrt. Andere liegen skelettiert über das Schlachtfeld verteilt. Inmitten dieses Friedhofs reisen die Halbelfe Laam und Frozen, der Oger ihrem Ziel entgegen, als sie plötzlich überrascht werden.
Es sind diese Überraschungen, mit denen das Autorenteam Jean-Luc Istin und Nicolas Pona immer wieder für Wendungen sorgt und die Handlung vorantreibt. So muss der Leser in der Folge selbst auf einen außergewöhnlichen Kampf zwischen Drachen nicht verzichten. So kann Francois Gomes seine gestalterischen Fertigkeiten erneut ausspielen und ein regelrechtes Feuerwerk veranstalten, das dank der Kolorierung von Stambecco wie der Rest des Albums ein optisches Fest geworden ist.
Eine konsequente Fortsetzung, die einige Fragen löst, aber auch neue Rätsel einfließen lässt. Dank einer sehr fantasievollen Umsetzung wirkt das Reich Sienn sehr lebendig. Istin und Pona entwerfen, abgesehen von Frozen, nicht gerade Identifikationsfiguren, das schmälert die Spannung aber keineswegs. 🙂
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Einen Zwergenkönig kann nichts aufhalten. Sadwin springt und hüpft, weicht seinen Gegnern mit einer Energie aus, die ihresgleichen sucht. Stets geht er siegreich aus einem Kampf hervor, sehr zum Leidwesen seiner Gegner. Aber Sadwin hat auch ein Ziel: Ein Königreich. Genauer gesagt: Sein ehemaliges Königreich. Im Zweikampf, oder auch Mehrkampf, mag er ein besonderer Krieger sein, zur Unterwerfung eines ganzen Reiches braucht es mehr. Angeblich gibt es ein Mittel, um die nötige Macht für dieses Ziel zu erlangen: Yarligs Erbe, die Knochen eines lang verstorbenen Zauberers.
The Good, the Bad and the Ugly. Vielleicht auch: Zwei glorreiche Halunken. Oder, wie im Original: Il buono, il brutto, il cattivo. Die Originalgeschichte des Films von Sergio Leone, die diesem Fantasy-Reißer zugrunde liegt, mag dem einen oder anderen Cineasten bereits begegnet sein. Auch hier finden sich drei Protagonisten. Ein Duo spielt Kopfgeldjäger und Gefangener, eine Halbelfe und ein Oger (der letzte seiner Art). Ein anderer ist auf der Suche nach einem ganz besonderen Schatz.
Sicherlich haben Jean-Luc Istin und Nicolas Pona einiges umgestellt und auch neu interpretiert. Istin, dessen Werke dafür bekannt sind, in gewissem Sinne eine Hommage an Klassiker zu sein und auch etwas Neues aus ihnen entstehen zu lassen, nimmt hier einen Western als Grundlage für ein Fantasy-Abenteuer. Laam, die Halbelfe, ist diejenige, die den Oger immer wieder aus der Gefangenschaft rettet, um ihn an anderer Stelle erneut anzubieten. Frozen, der Oger, ist, gemessen an Laam, lammfromm. Sadwin schließlich, der ehemalige Zwergenkönig, ist bad, eher noch schlimmer.
Es geht um Knochen und um Macht. Wer die Gebeine des einstmals mächtigen Zauberers Yarlig findet, wird auch ihre Macht erhalten. Große Macht, die Sadwin dazu gebrauchen kann, sein Königreich zurückzuerobern. Sieht man einmal von Frozen ab, der auch ein wenig wie Frankensteins Monster ist, stark und einsam, gibt es für alle Beteiligten nur eines, um an das Ziel zu gelangen: Absolute Brutalität.
Wo bei Sergio Leone nur die blauen Bohnen flogen (und auch geprügelt wurde), fliegen hier die Körperteile. Unter dem Strich ist diese Fantasy von ihrem Gewaltgehalt eher einem Blood Bowl zuzuordnen. Da die Zeichnungen von Francois Gomes oftmals eher putzig und knuffig wirken und eigentlich eine sehr heimelige Fantasy ausstrahlen, ist der Effekt etwas irritierend. Zum Vergleich: Stilistisch ist Gomes einem Jean-Pierre Danard (Marlysa) viel, viel näher als einem Philippe Xavier (Kreuzzug).
Zwar sind die Bilder stilistisch verspielt, dennoch ist die Qualität sehr gut. Zur Darstellung der verschiedenen Wesen wird ein Höchstmaß an Fantasie herangezogen. Das Umfeld besticht durch eine große Detailfülle und so manches Bild strahl eine tolle Atmosphäre aus. Ein trauriger Frozen, angekettet auf einem Scheiterhaufen sitzend, der sich mit einem kleinen Mädchen unterhält (ein wenig Frankenstein), ihm aber nichts zuleide tut (auch nie tun würde). Hier passen Optik und Erzählung wunderbar zusammen. Wenn in Sadwins Kämpfen die Köpfe fliegen, ist die Optik höchst befremdlich.
Die Kolorierung von Stambecco, mit der Assistenz von Camille Bricod, hinterlässt einen tollen Eindruck. Besonders in Landschaftsszenen oder auch groß angelegten Kämpfen wie der Schlacht der Magier entstehen auf der Grundlage der Skizzen von Gomes eindrucksvolle Endergebnisse.
Viele Zitate: Jean-Luc Istin liebt die Erzählung und die Erzählungen anderer. Wieder einmal nimmt er sich eine Vorlage ungeniert und überträgt diese auf seine eigenen Ideen. Das funktioniert mit und ohne Kenntnis der Vorlage. Gute Optik, aber auch ziemlich brutal. 😐
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Montag, 05. Juli 2010
Es ist nicht leicht. Eben noch war die Tür zu klein. Jetzt ist sie viel zu groß. Und zu weit weg. Schnell einen von den Keksen gegessen, deren Schriftzug verkündet, dass sie gegessen werden wollen. Und jetzt? Oh! Plötzlich ist Alice wieder groß, viel zu groß. Viel größer noch als zuvor. Alice greift nach dem Fächer, den das Kaninchen verloren hat. Ein Fächer, den sie so gerade mit ihren Fingerspitzen halten kann. Ein Fächer, der immer größer wird, weil Alice immer weiter schrumpft. So weit zusammenschrumpft, dass der Fächer zu schwer für sie wird. Die Tränen, die sie vor wenigen Augenblicken vergossen hat, werden zum reißenden Fluss, der Alice davonspült. Nur wohin?
Die Geschichte um Alice, das Mädchen, das ins Wunderland fiel, ist zeitlos und immer noch rätselhaft schön. Die beiden Comic-Macher David Chauvel (Autor) und Xavier Collette (Zeichner) haben den Roman von Lewis Carroll für dieses Album adaptiert.
Wenn jeder vor seiner eigenen Tür kehren würde, könnte sich die Welt bedeutend schneller drehen.
Alice versucht diese Welt mit einer gewissen Rationalität zu erfassen. Eine Welt, in der aus einem Säugling ein Ferkel wird. Eine Welt, in der die Uhr des Hutmachers die Tage misst und ein Uhrwerk aus Butter besitzt. Eine Welt, in der die Herzogin immer einen schlauen Spruch auf den Lippen hat. Eine Welt, in der man der Königin keine Widerworte geben darf, denn sonst heißt es: Schlagt ihr den Kopf ab!
Eine traumhafte Welt ohne Sinn und Verstand (nun vielleicht gibt es den einen oder anderen Sinn) benötigt ein traumhaftes Design. Mit Xavier Collette wurde ein Künstler gefunden, der bereits bei der Entwicklung der Figuren so viel Geschick beweist, dass der Anhang mit den Produktionsskizzen ruhig hätte größer ausfallen können. Die kleine Alice, mit leicht puppenhaften Äußeren ausgestattet, wirkt zerbrechlich. Collette hat ihr ein ovales Gesicht und Kulleraugen gegeben, umrahmt von schwarzen schulterlangen Haaren. Auf ihre Art gehört Alice in diese Welt, in der es von scheinbaren Verrücktheiten nur so wimmelt. Und die, trotz der gewalttätigen Königin, insgesamt einen liebevollen Eindruck hinterlässt.
Jede Figur hat ein höchst individuelles Aussehen, kann aber diverse Einflüsse nicht leugnen. Es mag sein, dass Ähnlichkeiten in der Gestaltung rein zufälliger Natur sind. Bei Figuren wie der Grinsekatz, der Raupe oder dem weißen Kaninchen mag man dies kaum glauben. Hier mag Disneys Variante noch ein wenig in den Köpfen herumgespukt haben (das ist überhaupt kein Nachteil), während andere Bilder wirken, als habe Tim Burton ein wenig mitgearbeitet.
Herausragend ist die samtweiche Kolorierung. Collette zeigt das Wunderland in wunderschönen Bildern. Die Farben sind stimmungsvoll, kräftig, aber nicht aufdringlich. Sehr weiche Übergänge sorgen für Szenen mit Tiefe. Dennoch ist Palette großteils eher kühl gewählt, endherbstlich. Der Gesamteindruck ist der eines albumweiten Gemäldes.
Wahnsinnig schöne Umsetzung, die der Vorlage von Lewis Carroll gerecht wird, fast schon mit Hochachtung begegnet. Freunde von Umsetzungen nach klassischen und literarischen Vorlagen könnten hier fündig werden. 🙂
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Sonntag, 04. Juli 2010
Das Wild steht am Ufer des Flusses. Sein Schicksal ist besiegelt, als der Jäger mit Pfeil und Bogen auf es anlegt, bevor der Hund, sein treuer Begleiter, einen Sprung macht und die Beute mit einem Biss niederringt. Tief in den Wäldern ist die Welt noch heil und in Ordnung. Die Gefahren sind bekannt. Ein Jäger kann sich auf sie einstellen. Mit dem Vordringen der Rotröcke ändert sich dies. Unnötiger Krieg hält Einzug und fesselt jene an sich, deren Charakter es verbietet, einfach wegzuschauen.
Lederstrumpf. Es gab eine Zeit, als ein Heranwachsender an verschiedenen Figuren der Literatur nicht vorbeikam: Ivanhoe, Robin Hood, Robinson Crusoe und Lederstrumpf. Ob als Roman, als Hörspiel oder als Film, die Geschichte fesselte als Kind und unterhielt Erwachsene. Auf der Basis des Romans von James Fenimore Cooper ist nun ein Comic entstanden. Allerdings ist der Begriff Comic hierfür zu kurz gefasst. Jede Seite ist ein kleines Gemälde und bündelt seine Informationen in bewegenden Bildeindrücken.
Ganz gleich welche Farbe eine Seite oder eine Szene dominiert, Licht und Schatten stehen in starkem Kontrast zueinander. Aus dem abenteuerlichen Szenario, dem Drama in den Wäldern, dem Kampf Gut gegen Böse und der literarischen Befreiungsaktion ist eine wahrhaft düstere Geschichte geworden, die gleich zu Beginn ihr bitteres Ende herausschreit: Jemand wird sterben.
Didier David alias Cromwell hat hierzulande kurz mit Anita Bomba auf sich aufmerksam gemacht. Etwas anarchisch, gegen den Strich steht es in keinem Vergleich zur Interpretation dieses Klassikers. Die vorliegende Graphic Novel holt die Geschichte aus der Ecke der Kinder-Literatur (wo sie zu Unrecht steht, da sie für jedes Alter geeignet ist) und hebt sie auf ein fast schon philosophisch angehauchtes Podest.
Der Bösewicht: Magua. Dieser Indianer, der sich den Weißen als Kundschafter und Führer anbietet, spielt ein falsches Spiel. Allein auf diese Erzählung gestützt, erfährt der Leser nicht viel über den Mann. Er ist finster, hinterlistig, besitzt aber auch einen gewissen Stolz. Weiße zählen nichts, andere Indianerstämme ebenso wenig. Magua ist stark. Der Starke tötet. Magua ist ein wenig wie die Wildnis, das Land, in dem die Weißen nichts verloren haben. Der Schluss spiegelt ein wenig die Tragik der Ureinwohner wider.
Cromell hat die Geschichte zusammen mit der Co-Autorin Catmalou erarbeitet. Den einzelnen Abschnitten werden Zitaten vorangestellt, die jeweils den Kern einer kommenden Szene, auch einer Figur erfassen. Das reduziert zwar einen Charakter oder eine Stufe innerhalb der Handlung, doch macht diese Umsetzung auch deutlich, wie wenig es eigentlich zur Erzählung einer Geschichte benötigt. Störendes Beiwerk wird hier komplett vernachlässigt. Allerdings findet auch ein Wandel statt. Nach der ersten Hälte finden sich deutlich textlastigere Stellen und es entsteht der Eindruck, als habe man sich zu Beginn zu viel Zeit gelassen, um am Ende etwas hastig werden zu müssen.
Graphic Novel mit fast fühlbarer Atmosphäre. Die mit harten Pinselstrichen gemalten Bilder wirken theatralisch, mit einer Ausleuchtung wie aus einem Stummfilm. Eine ganz eigene Erzählweise und sehr dicht angelegt. Die Lektüre ist nichts für zwischendurch, aber auch nicht für jedermann. Dennoch: Beeindruckend. 🙂
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Donnerstag, 01. Juli 2010
1969. Es sollte eine Aufklärungsmission werden. Die Blackbird mit ihrem Piloten Travis Morgan wird jedoch über russischem Territorium beschossen. Der Pilot bemerkt plötzlich, dass er Treibstoff verliert. Damit wird er das Tankflugzeug niemals rechtzeitig erreichen. Eine Rettungsmöglichkeit könnte sich in einer Nachschubbasis in Alaska finden. Morgan beeilt sich, doch der Treibstoff läuft viel zu schnell aus den Leck geschlagenen Tanks. Schließlich bleibt ihm nur der Absprung. Am Boden angekommen glaubt sich Travis Morgan in einem schlechten Traum. Alaska hat er anders in Erinnerung gehabt. Nicht so … tropisch.
Mike Grell erschuf mit Warlord einen Helden wider Willen, einen Befreier, einen Piloten, der zum archaischen Krieger wird, in einer Welt, in der immer die Sonne scheint: Skartaris. Mike Grell macht aus seinen Vorbildern kein Geheimnis. Ob sich Motive eines Edgar Rice Burrows wiederfinden, ein wenig Jules Verne, eine Spur Robert E. Howard, Mike Grell vermischt alles gut miteinander und steuert generelle Pulp-Elemente bei. Dinosaurier machen sich gut, ein Tyrann, der vorgibt ein Zauberer zu sein, Sklaverei, Aufstände, Schwertkämpfe, schöne Frauen, Echsenwesen …
Mike Grell wollte unterhalten. So verstand er den Comic. Zu Beginn der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts erschienen hierzulande einige seiner Superboy-Geschichten in den damals allseits beliebten Superbänden. Bereits vorher in den USA von Grell gezeichnet, entstand zeitgleich die Serie The Warlord, die auf der großen Welle der von Schwert und Magie-Szenarien ritt. Conan ist hier sicherlich der Vorreiter.
The Warlord, in der Figur des ehemaligen Luftwaffenpiloten Travis Morgan, ist nicht nur ein äußerst geradliniger Charakter, er sieht auch ein wenig wie Oliver Queen aus, dem anderen Ich des Green Arrow, den Mike Grell 1987 mit der Miniserie The Longbow Hunters übernahm. Grell ist grafisch ein Perfektionist, dessen Bilder bereits ohne Farbe, in einer reinen Tuscheausführung wirken. So wie hier. Zwar wurden die Bilder ursprünglich koloriert, nötig war das, wie es im vorliegenden Band wunderschön präsentiert wird, nicht.
The Warlord, ausgestattet mit dem Gesicht eines Robin Hood, der Kampfkleidung eines Galliers, inklusive Flügeln am Helm. Sein erster Hauptgegner erinnert an Ming aus Flash Gordon, seit der Fernsehserie mit Buster Crabbe sattsam bekannt. Auch im alten Flash findet sich das Grundkonzept von Warlord wieder. Mike Grell kommt im Schnitt mit drei bis vier Bildern pro Seite aus. Wenn er sich eine komplette Seite oder gar eine Doppelseite zur Darstellung einer Szene gönnt, wird seine Meisterschaft am Zeichenstift mehr als deutlich.
Mike Grell ist ein Perfektionist, der Einzelheiten liebt und keine Linien scheut. So sind seine Bilder, die darauf angelegt waren, koloriert zu werden, trotzdem überaus lebendig und kraftvoll. In Aktionsszenen kann Grell auf allen Seiten sein Können beweisen, wenn sich auch manchmal eine gewissen Stereotype einschleicht, ein kleiner Nachteil vieler Zeichner, die innerhalb kürzester Zeit Ergebnisse abzuliefern haben. Die Ähnlichkeit von Travis Morgan mit Oliver Queen wurde erwähnt. Ebenso verhält es sich mit Warlords zeitweiligem Kampfgefährten Machiste, der an Tyroc von der Legion der Superhelden erinnert. Und wer genau hinschaut, entdeckt auch noch weitere Ähnlichkeiten.
Kurze, knallige Unterhaltung: Das Erscheinungsformat bot wenig Platz zur längeren Entfaltung. Zwar existierten Handlungsbögen, dennoch blieb es stets episodenhaft. Es sind Abenteuer für zwischendurch, leichtfüßig geschrieben und dicht. Wo die Handlung einfacher gehalten ist, sorgt Grell selbst mit fast schon überbordenden Zeichnungen für den nötigen Ausgleich. Dabei wird auch mal eine Anspielung versteckt (es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn er nicht eine einem allseits beliebten Barbaren ähnliche Figur über die Klinge springen lässt).
Pralle Fantasy-Unterhaltung auf über 200 Seiten. Wer Schwerter, Magie, Roboter, Echsen, Krieger und Kriege in diesem Genre mag, Frauen, die retten und gerettet werden, Kämpfer, die Völker befreien … und vieles mehr, der ist hier goldrichtig. Spannung pur, von einem Meister seines Fachs perfekt gezeichnet. 🙂
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Links: www.mikegrell.com
Bedenkt man die Zeit, die seit der ersten Radiosendung um den geheimnisvollen Helden Green Hornet und seinen treuen Gehilfen Kato vergangen ist, verwundert es, dass es überhaupt noch zu einer Kinoumsetzung kommen wird. Dennoch: Am 14. Januar 2011 ist es soweit! Bereits in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts begeisterte die Grüne Hornisse mit Radioepisoden, bevor sie den Sprung in die Comichefte schaffte. Crossover gab es bereits im Radio an der Seite von Captain America und Shadow. Im Fernsehen schaffte sie es sogar an die Seite von Batman und Robin. Ein wenig spielte sie so in der Liga jener Helden mit, die nicht über Superkräfte verfügen.
Im Gegensatz zu manch anderem Held, der einfach nicht älter wird (bis auf wenige Ausnahmen), steckten hinter der Maske der Green Hornet unterschiedliche Männer. Allerdings war man bei den echten Männern darauf bedacht, eine Kontinuität durch verwandtschaftliche Zusammenhänge zu erhalten. Ganz ähnlich wie es der Leser auch bei dem Phantom findet.
George W. Trendle, Miterfinder der Green Hornet, ist gleichzeitig auch maßgeblich an der Entstehung des Lone Ranger beteiligt gewesen. So kommt er durch die für 2012 geplante Verfilmung auch des letzteren noch fast 40 Jahre nach seinem Tod zu späten Ehren.
Die jüngste Verfilmung der Green Hornet geht den komödiantischen Weg, heftig vermischt mit vielen Action-Elementen. Der Film kann mit Schauspielern aufwarten, die entsprechende Erfahrungen haben, so wie Cameron Diaz, Christoph Waltz (hat den Sprung nach Hollywood geschafft), Edward Furlong (recht bekannt aus T2), Edward James Olmos (Battlestar Galactica) und letztlich noch Seth Rogen. Der Komödiant Rogen fiel in den USA sehr durch seine Synchronisationen in Animationsfilmen auf. Hierzulande konnte er als Verlierertyp an der Seite von Katherine Heigl in Beim ersten Mal einige Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Hier darf er außerdem noch das Drehbuch mitschreiben.
Der Aufwand scheint groß zu sein, der Spaßfaktor scheint zu stimmen, da heißt es nur noch Geduld bis Januar nächsten Jahres zu haben.
Zum Trailer: www.sonypictures.com/movies/thegreenhornet
Mittwoch, 30. Juni 2010
Die junge Frau hält sich versteckt. Doch wie lange kann das noch gut gehen? Leise verständigt sie sich über Funk mit einem potentiellen Helfer und Retter. Doch der hat noch einen weiten Weg vor sich. Überall scheint es von Alien-Drohnen nur so zu wimmeln. Wie kann er da rechtzeitig bei ihr sein? Nicht nur Aliens sind eine Bedrohung auf dem Weg. Auch Menschen stehen ihm im Weg. Dabei sah es am Anfang nach einer einfachen Forschungsmission aus.
Der Krieg gegen die Aliens ist Vergangenheit. Dereinst wurde die Erde von den Aliens überrannt. Auch Bemühungen, die außerirdische Spezies mit eigens dressierten Aliens zu bekämpfen misslang. Nun da die Erde wieder den Menschen gehört, gibt es dennoch immer wieder Zusammentreffen von Mensch und Alien. Nekropolis handelt von einer dieser Begegnungen.
Aliens: Oder besser: Alien. Gibt es da sonst gar nichts mehr? Das ist nicht die Frage eines Mannes in seiner Lebensmitte, vielmehr die Frage der Menschheit, ob das Universum nicht doch noch etwas mit mehr Intelligenz hervorgebracht hat als die Aliens, vielleicht sogar mit mehr Intelligenz als die Menschen besitzen. Bislang war die Suche danach erfolglos. (Dem Wesen mit Elefantenrüssel geht man wohl demnächst erst auf den Grund.)
Aber endlich ist es immerhin in anderer Hinsicht soweit: Eine außerirdische Ruine wurde auf einem anderen Planeten gefunden. Leider, so hat es sich John Arcudi ausgedacht, sind die Schwingungen des Objekts alles andere als gesund für die Menschen in seiner nächsten Umgebung. Ähnlich wie die Menschen in Sphere hält der Wahnsinn Einzug. Großer Wahnsinn, denn hinter der menschlichen Maske hat sich das Böse breit gemacht, bereit, die außerirdischen Artefakte mit allen Mitteln zu verteidigen.
Die Aliens sind da! Arcudi hält sich nicht mit der Frage auf, wer die Außerirdischen waren. Eindeutig ist aber, dass sie über ihr Verschwinden hinaus noch Ärger machen. Die zweite Komponente ist das Alien. Die hoffnungslos unterlegenen menschlichen Helden sehen sich einer besonderen Spielart dieser Spezies gegenüber. Es mögen hier Ähnlichkeiten zu den königlichen Elitewachen bestehen. (Aliens 8 und 9, Reihe im Hethke Verlag). Die Zangen seitlich des Kopfes erinnern jedenfalls daran.
Grundsatz jedes Alien-Szenarios: Entkommen! Ebenfalls grundsätzlich: Die Chancen stehen schlecht. Wer wird überleben? Daraus beziehen die Geschichten um die Aliens ihre Spannung. John Arcudi dreht den Spieß herum, denn bevor es heraus geht, geht es erst einmal hinein auf eine Rettungsmission. Auch hier: Die Chancen stehen schlecht. Kurzum: Arcudi hat die Handlung fein verschachtelt und mit Hintergrundinformationen versehen, so dass die nötige Tiefe entsteht, während sich die Charaktere vordergründig um ihr Überleben bemühen.
Realistisch gezeichnet funktionieren Aliens am besten. Mit Zeichner Zach Howard ist ein Illustrator an der Arbeit, der sich mit Superhelden, Grusel, Phantastik allgemein auskennt und mit den hier abgelieferten Bildern eine sehr gute Wahl darstellt. Der grafische Stil ist kräftig, ein wenig Ed McGuinness, ein wenig Mike Wieringo und ein Schuss Berni Wrightson. Die Gestaltung erfolgt sehr offen, manchmal nur zwei bis drei Bilder auf einer Seite. Hin und wieder gibt es ein großes atmosphärisches Hintergrundbild mit einem oder zweien kleineren Handlungsbildern.
Durch die Farbgebung von Wes Dzioba besitzen die Bilder eine enorme Plastizität. Generell versucht Howard den Leser anzusehen, indem er die Protagonisten häufig herausschauen lässt. Das erinnert an Effekte von Zeichentrickfilmen, durch den ein Zuschauer ein Eckpunkt einer Szene wird, den Raum komplettiert. Dadurch kann selbst eine Dialogszene Action besitzen und wirkt sehr dynamisch.
Eine gelungene Aliens-Hatz: John Arcudi experimentiert wenig, dafür lässt er einige Fragen offen, die eine Grundlage für weitere Geschichten sein können. Spannend bis zum Schluss, mit einigen Überraschungen gespickt, hervorragend von Zach Howard gezeichnet, nicht immer blutarm. 🙂
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Dienstag, 29. Juni 2010
Im Herbst des Jahres 1865 in Baxter Spring geht alles seinen gewohnten Gang. Deshalb fällt ein junger Mann, der ein Pferd in einer Scheune zurücklässt auch sofort auf. Drustan ist dies vollkommen gleich. Für ihn zählt nur noch, mit diesem Abschnitt seines Lebens abzuschließen. Das gilt auch für Kathleen, die in ihrer Kammer auf das Unvermeidliche wartet. Den Besuch, der sie als Frau in die Gemeinschaft einführen wird. Unter feiern die Männer diesen besonderen Tag. Kathleen wartet in einer Mischung aus Angst und Enttäuschung. Obwohl so aufgewachsen, lässt auch sie dieses Leben bald hinter sich.
In der dritten Folge der vorliegenden Comic-Reihe übernimmt ein neuer Szenarist den Handlungsfaden: Philippe Bonifay. Mit ihm wird sogleich eine weitere Figur in den Reigen der Hauptcharaktere eingeführt: Kathleen. Die junge Frau steht als Hoffnungsträger für den nun flüchtigen Drustan, der versucht, sich fernab des Planwagens des Thespis eine eigene, vollkommen neue Zukunft aufzubauen.
Zu Beginn macht die junge Frau auf Drustan einen recht unbeschwerten Eindruck, ein Umstand, der für den Leser schwer zu bewerten ist, bis sich schließlich doch Narben auf der Seele von Kathleen wieder öffnen und ihr Leid offenbaren. Drustan, der um Normalität in seinem Leben kämpft, oder wenigstens in diese zu fliehen versucht, wird von Philippe Bonifay nur wenig Zeit gegönnt, um einen Vorgeschmack eines Lebens in einer Kleinstadt im Westen zu bekommen.
Denn aus dem einstigen, wenn auch wahnsinnigen Helfer Hermes, ist ein nicht minder wahnsinniger Rachedämon geworden. Bereits in den ersten beiden Episoden war erkennbar, dass Hermes jenseits einer wirklichen Welt lebt und stets eine Flucht auf die Bühne antreten will. Sein Theaterplan, der mehr ein Theaterwahn ist, entbehrt jeder vernünftigen Argumentation. Er kommt mit diesem Wahnsinn nur solange durch, wie auch der Wahnsinn des Krieges das Land regiert. Doch danach steigt die Sehnsucht nach Frieden wieder. Und Normalität. Ein Wunsch, der Drustan fliehen lässt. Den jungen Mann, den Hermes als Schützling, als Sohnersatz auserkoren hatte.
Gefährlich: Der Leser weiß mehr, als die Charaktere nur ahnen können. So sieht der Leser die Gefahr kommen, muss miterleben, wie sich der Kreis immer enger zieht, bis es zum Aufprall kommt. Ganz nebenbei lässt Bonifay eine Liebe sich entwickeln und weitere Bedrohungen wachsen.
Christian Rossi, der sich nun ganz auf das Zeichnen konzentriert, macht wieder einen Schritt hin zu seinen ganz eigenen Zeichenstil. Kein Vergleich mehr zum ersten Band und selbst gegen den direkten Vorgänger wirken die Bilder noch einmal reduziert. Weniger Striche, mehr Ausdruck. Das ist das Geheimrezept, das später auch in den Ausgaben der Reihe W.E.S.T. zum Markenzeichen werden wird. Das Titelbild steht für den grafischen Stil des gesamten Bandes. Mit erstaunlich wenig, dafür sehr sicher gesetzten Strichen entstehen Figuren und Räume. Der Gesamteindruck einer Seite wird so viel größer, weiter und auch ruhiger.
Diese Ruhe, die sich selbst in Aktionsszenen niederschlägt, wird auch durch die stille Farbgebung begünstigt. Eine Mixtur aus blassen und leuchtenden Farben kontrastiert miteinander, hilft den Blick auf das Wesentliche lenken. Neben einem guten Blick auf das Geschehen kann der Leser auch den Gastauftritt einer bekannten Persönlichkeit des Wilden Westen in kurzer Aktion sehen.
Wie der Beginn eines neuen Aktes: Die Tragödie weitet sich immer mehr aus. Während Joe Adam etwas in den Hintergrund tritt, gewinnt die Figur des Hermes ein starkes Volumen, wird wuchtig, theatralisch überbordend. Der dritte Teil der Reihe präsentiert sich eher als Thriller denn als Western. Klasse. 🙂
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Montag, 28. Juni 2010
1865. Red River Station. Dies ist einfach kein Ort für Theater. Die Männer wollen ihren Whiskey. Sie wollen ein paar Frauenbeine tanzen sehen. Vielleicht ein wenig Geklimper von einem alten Klavier. Aber Kultur? Das brauchen sie nicht wirklich. Hermes, der selbsternannte Theaterdirektor über das traurigste Häuflein Schauspieler, das jemals eine Bühne bestiegen hat, treibt den jungen Drustan und den bärbeißigen Joe Adam weiter durch das Land. Regen und Matsch begleiten sie. Jeden Augenblick müssen sie fürchten, von Indianern überfallen zu werden. Doch zuvor gilt es bei aller Vorsicht vor dem, was sie erwarten mag, noch ein viel dringenderes Problem zu lösen: Hunger.
Christian Rossi führt den Leser in die Abgründe des Wilden Westens. Von Klassikern her weiß der Leser, auch der Western-Fan, dass die Eroberung des nordamerikanischen Kontinents mit vielen Gewalttaten verbunden war. Mit der Ausbreitung der weißen Einwanderer wurden die amerikanischen Ureinwohner an den Rand der Ausrottung gedrängt. Sklaverei begünstigte die Wirtschaft, ein scheinheiliger Bürgerkrieg trieb die junge Nation ebenfalls an den Rand, an den des Wahnsinns.
Mittendrin sind die drei Hauptcharaktere immer noch unterwegs. Der Wahnsinn ist ihr Begleiter. Hier bei Rossi zentriert er sich in der Figur des Hermes, der glaubt, in dem jungen Dustran einen Schutzbefohlenen zu haben. Mit dieser Figur ist Christian Rossi ein Charakter gelungen, der faszinierend und abstoßend zugleich ist. Noch faszinierender und bezeichnend für diese verrückte Zeitspanne ist der Umstand, dass kaum einer gewillt ist, Hermes diesen Wahnsinn einmal richtig und wahrhaftig vorzuwerfen.
Der schwarze Indianer ist ein Schwarzer, den es zu einem Indianerstamm verschlagen hat, die ihn freundlicherweise aufgenommen haben. Selbst in ihrer verzweifelten Situation, ohne Land und ohne nennenswerte Nahrung, beweisen sie noch Größe und Mitleid. Mitleid, das ihnen später nicht gewährt wird. Rossis Erzählung ist überaus konsequent, auch mitleidslos gegenüber seinen Akteuren.
Grafisch hat er seine Technik verbessert. Die Hand, die vorher schon sicher war, nimmt sich nun mehr Zeit für ein ausgefeilteres Ergebnis. Manche Seiten könnten ebenso von einem Jean Giraud gezeichnet worden sein. Derart starke Ähnlichkeit zum Zeichenstil des ursprünglichen Blueberry-Zeichners gab es bisher nicht. Gleichzeitig werden die späteren Stärken von Rossi sichtbar. Großer Ausdruck in Gesichtern, schönes Spiel mit hellen und dunklen Flächen und der sparsame Einsatz von Farben, der Verbleib innerhalb eines bestimmten Spektrums, um so eine Grundstimmung zu erzeugen.
Diese Grundstimmung lautet hier: Verzweiflung. Ein jeder hadert hier mit seinem Schicksal, mancher oder manche sogar auf sehr dramatische Weise. So bleibt Rossi auf seinem Planwagen des Thespis mit theatralischer Inszenierung, griechisch tragisch, insbesondere auch durch die Szene, die sich hier bereits über das Titelbild ankündigt.
Ein etwas anderer Western: Sehr düster, tiefsinnig, sehr gut erzählt und durch das Spiel seiner drei Hauptcharaktere überaus spannend wie auch mitreißend. 🙂
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