Donnerstag, 24. Juni 2010
Ein Mensch kann in dieser Welt nur überleben, wenn er kämpfen kann. Sonst stirbt er. Oder endet als Mahlzeit. Siamh ist eine tapfere Kriegerin, doch Firbolg ist ein Gigant. Vielleicht war er einst ein Mensch. Über dieses Dasein hat er sich längst erhoben. Er ist nun nur noch eine Urgewalt, eine hungrige Urgewalt. Zunächst schlägt Siamh sich tapfer. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Riese seine Gelegenheit gegen die wendige junge Frau erhält. Da schlägt unerwartete Hilfe zu: Dag. Der Krieger mit der magischen Axt eilt der Kriegerin zu Hilfe, die sie, wie sie betont, eigentlich nicht nötig hatte. Eine Gefährte, ein starker noch dazu, kommt wie gerufen. Aus dem Paar wird eine Familie. Aus ihrer Geschichte entsteht eine Legende.
Denn es können die Guten nicht in Frieden leben, wenn es den Bösen nicht gefällt. So erscheint eines Tages ein Besucher, der um Obdach bittet. Obwohl Siamh misstrauisch ist, gewährt Dag dem Fremden Einlass.
Legenden, Mythen, Sagen. Wer einige davon aus dem nordischen Raum kennt, wird so manches wiedererkennen, in der Mixtur jedoch überrascht werden. Vier Nachkommen sind es schließlich, die von Autor Roman Le Breton in den Wettstreit um die Erfüllung einer Prophezeiung geschickt werden. Jeder hat eine ihm gemäße Aufgabe zu erfüllen. Hier wurden schöne Einfälle verarbeitet, die auch an andere mythologische Welten erinnern. So könnten auch Anleihen bei Sindbad und seinen Kollegen geholt worden sein.
Bran der Verdammte wirkt auf den ersten Blick wie eine Fantasy-Version von Lobo. Diese Figur bringt die Wende. Ihr Eingreifen ist kurz und entscheidend. Siamh agiert in bester Cimmerier-Tradition. Schwache Kinder können nicht zum Clan gehören, noch weniger können sie eine Prophezeiung erfüllen. Allerdings wird die Aussonderung für eines des Kinder zur Chance, denn eine Wölfin nimmt sich seiner an. Siamh ist nicht versöhnt mit den Umständen, verstößt den Jungen Arawn aber nicht völlig.
Man merkt, dass selbst in einem kurzen Eintauchen in die Geschichte eine Reihe von bekannten Elementen sichtbar wird. Der Grund, warum es zu keiner Zeit langweilig wird, liegt in der grafischen Umsetzung, die exzellent ist. Sebastien Grenier macht kein langes Federlesen. Die Zeichnungen und die Kolorierungen kommen bei ihm aus einer Hand. Ob im Gebirge, in dichten Wäldern, in den Höhen und den tiefen Wassern, phantastische Handlungsorte gibt es genug. Krieger und Monster sind ebenso reichlich vertreten. Grenier malt epische Bilder, sehr ausgefeilt, sehr fein, manchmal auch sehr klein auf das Blatt gebannt.
Diese zeitweise auch sehr kleinen Bilder verwundern einerseits, andererseits nötigen sie auch Respekt ab, denn andere Zeichner hätten aus so mancher Szene ein Bombastbild über eine Doppelseite gemacht. Für Grenier sind sie gerade einmal eine Fußnote. Dank der Geschichte hat er viel zu zeigen und pickt sich die Rosinen für die größeren und umso beeindruckenderen Bilder heraus.
Ein sehr geradliniger Fantasy-Knaller, mit allem, was das Herz eines Fans von Schwertern und Phantastik begehrt: Mutige Krieger, furchtbare Kreaturen, wilde Länder, unheimliche Magie. Und ebenso phantastisch gemalt. 🙂
Arawn 1, Bran der Verdammte: Bei Amazon bestellen
Mittwoch, 23. Juni 2010
Eigentlich wollte Luke keinen Anhalter mitnehmen. Aber der Mann im Rollstuhl weckt etwas Mitleid. Er hat keine Beine mehr. Eine Nickelbrille verbirgt häufig seine Augen. Eine Baseballmütze mit kleinen Flügeln lässt ihn manchmal ein wenig absurd aussehen. Absurd findet Luke auch so manche Ideen des Mannes, der mit Namen Bill heißt. Bill möchte seine Beine wieder haben, genauer, er möchte neue Beine haben. Angeblich gibt es einen Mann, der ihm diese zurückgeben kann. Das weiß er. Irgendwo gibt es ihn. Doch zuvor heißt es die Zeichen zu deuten und den Weg zu finden. Das ist alles andere als leicht, denn Zeichen gibt es genug, aber sind es auch Zeichen, die wichtig sind. Luke glaubt nicht an Zeichen. Tweety, seine kleine Tochter, glaubt an Bill. Und irgendwo sind beide froh, dass er die Reise mit ihnen macht, weil ssie so endlich auch ein Ziel haben.
Reisen haben einen besonderen Stellenwert im Leben des Menschen. Luke und seine Tochter Tweety sind auf einer Reise. Er nimmt sie mit. Luke weiß einmal nicht so recht wohin eigentlich die Reise gehen soll. Die Straße entlang. So wie das Leben eben ist. Meistens. Die Straße entlang. Ziellos. Bis sie Bill treffen, den Mann ohne Beine. Der Mann, der seine Beine im Krieg durch einen Hubschrauberabsturz verlor und nun nur noch einen Wunsch hat: Den Schamanen finden, der ihm diese wieder zurückgeben kann.
Der Beginn der Geschichte mutet noch realistisch an. Drei Menschen ohne echtes Ziel, genauer gesagt zwei, denn Tweety ist darauf angewiesen, dorthin zu gehen, wohin auch ihr Vater geht, weil sie noch zu jung ist. Es entsteht ein Dreiergespann. Luke, der Pessimist, der Verneiner, der Sucher, der nur nicht weiß, wonach er sucht. Bill, der Optimist ohne Beine, der genau weiß, was er sucht, etwas, von dem Luke glaubt, dass es sowieso nicht existiert. Und Tweety, die als Kind den größten Glauben von allen hat, das meiste Vertrauen und die mit ihren Fragen, ihrem ganzen Wesen ein Lebensantrieb für die beiden Männer ist.
Ein Roadmovie: Menschen begegnen sich für eine Weile. Matthias Schultheiss, der nach vielen Jahren einen neuen Comic hierzulande veröffentlicht, wieder mit einem Umweg über Frankreich mit Erstveröffentlichung, lässt sich mit seiner Erzählung über diese drei normalen Menschen Zeit: 288 Seiten lang.
Zuerst ist es der allseits bekannte mittlere Westen der USA mit seinen langen staubigen Straßen. Das ist normaler als normal. Später ist es der Süden, heiß, immer noch rassistisch, zurückgeblieben, aber auch mit den ersten Spuren des Geheimnisvollen. Es folgt der noch heißere, aber bunte Westen, am Meer, das dreckig ist. Im einem leerstehenden Hotel wird es gruselig. Im Norden schließlich, in der eisigen Kälte, wird das Ziel erreicht. Poetisch erzählt, phantastisch beschrieben.
Worte und Bilder ergänzen sich. Beides wird mit leichter Hand zu Papier gebracht, ungezwungen, wie es scheint. Manchmal ein wenig zufällig, wie das Leben selbst. Matthias Schultheiss skizziert das Leben zuerst blass, später mit immer kräftiger werdenden Farben. Je weiter es nach Norden geht, desto eindrucksvoller wird das Szenario, desto ausschweifender werden die optischen Eindrücke. Die Natur steht sehr stark im Vordergrund. Die Landschaft im Süden, eine üppige Natur mit mächtigen Gewittern. Die brandende See im Westen, die Schneestürme, das Treibeis, das Meer mit seinen unendlichen Tiefen und gigantische Wale. Schultheiss versteht es, mit optischen Eindrücken zu spielen und Gefühle im Leser hervorzurufen.
Ein grafische Novelle im besten Sinne. Realität und Fiktion vermischen sich, nicht nur für den Leser, auch für die Hauptfiguren. Das ist eine durch und durch erwachsene Geschichte, die auch als reiner Roman funktioniert hätte, aber als Comic umso beeindruckender geworden ist. Menschlich. Magisch. Einfach toll! 🙂
Die Reise mit Bill: Bei Amazon bestellen
Dienstag, 22. Juni 2010
In den Tiefen, jenseits von Midgard und Asgard, leben die Nibelungen. Zwist und Bruderkrieg ist Alltag. Eines Tages flieht Alberich, ein Nibelung, vor seinen Verfolgern nach Midgard und bricht damit ein strenges Tabu. Lange irrt er umher, bis er die Hüterinnen des Himmlischen Goldes trifft. Alberich ist zunächst von ihnen verzaubert. Als sie sich jedoch über ihn lustig machen, über seine so andersartige Gestalt, ihn hässlich nennen, nimmt der Wunsch nach dem Gold ihn in Besitz. Nur noch dieses Gold, dieses mächtige Metall will er haben. Und eines Nachts, als die Hüterinnen schlafen, taucht er hinab zum Versteck des Goldes und stiehlt es.
Mit diesem Diebstahl nimmt ein Verhängnis seinen Lauf, das sehr viel Unglück mit sich bringen wird, selbst für jene, die es zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ahnen. In Deutschland kommt ein Heranwachsender kaum an den Sagen um Siegfried vor bei. Ob in älteren Erzählungen, in Neuauflagen oder auch in Fernsehserien lässt sich das Wissen um den blonden Recken, den Drachentöter mehr oder weniger erwerben. Götterdämmerung beschäftigt sich mit seiner Ausgabe 0, Der Fluch des Rings, mit der Vorgeschichte.
Der erste Eindruck erinnert an den Herrn der Ringe. Das ist so falsch nicht, denn J.R.R. Tolkien bediente sich auch großzügig in Sagen und Legenden, um seine eigene Geschichte zu entwerfen. Optisch ist der erste Eindruck grandios. Auch mag hier eine Ähnlichkeit zur Verfilmung diverser Szenen von HdR kein Zufall sein. Damit begnügt sich Gwendal Lemercier allerdings auch schon. Der weitere Fortgang ist ebenso opulent, sehr naturalistisch gezeichnet. Einige Höhepunkte sind die Eingangsszene, Alberichs Rückkehr und Machtergreifung, Alberichs Kampf gegen Wotan, aber auch die Entstehung des Fafnir.
Farblich nutzt Mouclier die technischen Möglichkeiten des Rechners zur natürlich aussehenden Kolorierung. Sicherlich ist erkennbar, dass hier der Computer im Einsatz war, doch soll es möglichst nach einem natürlichen Farbauftrag ausschauen. Das geschieht mit der gleichen Ausführlichkeit, die auch bei echter Kolorierung geschehen kann, allein durch das zufällige Zusammenfließen oder Durchscheinen von Farben. Der Eindruck ist plastisch, aber zurückgenommen, mit gedeckten Farben. Lichter und Schatten werden sorgsam arrangiert. Goldglanz, Feuerschein und auch das Blond von Wotan reißen helle Flecke in dieses Arrangement.
Jean-Luc Istin, ein Autor, der sich bereits durch phantastische Szenarien wie Herr der Finsternis und Das fünfte Evangelium hervortat, kann nicht verhehlen, dass er klassische Stoffe mag. Merlin und Lancelot sind nur zwei weitere Beispiele hierfür. Fast musste es auch zu dieser Arbeit am Nibelungenlied kommen. Szene für Szene wird gut aufeinander aufgebaut, so dass die Überraschung nicht in der Erzählung, sondern in der Optik zu suchen ist. Istin sorgt dafür, dass sich hierfür die besten Szenen finden. Groß soll es sein, eine Oper für das Auge.
Ein optischer Gaumenschmaus: Abgesehen von Siegfried wurden Abschnitte von Heldensagen und Göttererzählungen selten so schön und aufwändig zelebriert. Ein sorgfältiger Anhang verdeutlicht Zeichentechniken und stellt Details aus der nordischen Sagenwelt vor. 🙂
Götterdämmerung 0, Der Fluch des Rings: Bei Amazon bestellen
Montag, 21. Juni 2010
Marcus Valerius Falco ist ein gestandener Soldat geworden. Kaum einer hätte diese Entwicklung für möglich gehalten. Am allerwenigsten hätte der alte Vater von Marcus dies einmal von seinen Sohn erwartet. Gewünscht sicherlich. Aber erwartet? Nein. Stehen die soldatischen Fähigkeiten, auch der Mut von Marcus außer Frage, gibt es doch Aspekte in seiner Kampfeswut, die zu denken geben. Marcus stürzt sich todesmutig ins Getümmel, als habe er keinerlei Angst, nicht zurückzukehren. Fakt ist: Marcus ist kein glücklicher Mensch. Die Liebe seines Lebens blieb ihm versagt. Wegen römischer Politik. Wegen Intrigen. Aus dem einstigen lebensfrohen Jungen ist ein verbitterter Mann geworden.
Arminius, der germanische Freund aus Jugendtagen, kann diese romantische Gefühlsduselei um eine einzige Frau nicht verstehen. Warum sich derart viel Ärger wegen einer Frau einhandeln wollen? Denn in Rom ist Liebe, wenigstens unter den Patriziern, den Politikern, den Rittern, eigentlich allen, die etwas zu sagen haben, nichts, dem man einen Wert beimisst. Allianzen werden unter Familien geschmiedet, auch unter Verbündeten. In solchen Fällen steht die Liebe nur im Weg. Marcus und Arminius, die beiden unterschiedlichen Kerle, die sich bei ihrer ersten Begegnung nicht leiden konnten und später enge Freunde wurden, droht der Streit um eine Frau nun zu entzweien. Oder ist es vielleicht schon geschehen?
Großes Kino! Der Film Gladiator machte das alte Rom in der Unterhaltung wieder interessant. Die Fernsehserie Rom, aufwändig produziert, nutzte die neue Popularität des Themas. Zeitlich betrachtet ist Die Adler Roms nach der Fernsehserie einzuordnen, als Kaiser Augustus all seine Widersacher beseitigt und seine Macht in Rom seit Jahrzehnten gefestigt hat. Es ist keine friedliche, so doch für das römische Reich immerhin eine relativ stabile Zeitspanne.
Enrico Marini schickt seine beiden Helden, Marcus und Arminius, in eine Zeit, in der Augustus alle seine Feinde zwar mundtot gemacht hat, aber nicht alle haben seine Säuberungen vergessen. So brodelt es regelrecht hinter den Kulissen. Augustus persönlich zeigt auch, dass er nicht bereit ist, von alten Methoden zu lassen. Ein Umstand, der die beiden Freunde auch persönlich betrifft. Enrico Marini, der hier nicht nur erzählt und zeichnet, sondern auch noch koloriert, schafft ein aus heutiger Sicht modernes Rom-Bild.
Marini ist ein Perfektionist. Optisch zeichnet er mit höchstmöglichem Realismus. Es gibt zwar einige Stereotypen in seinen Bilder, das ist jedoch wegen der Fülle der Figuren, der reichen Detailfreude und der vielen liebevoll gezeichneten Handlungsorte absolut vernachlässigbar. In seinem Realismus spart Marini nichts aus. Sex und Gewalt gehören zu Rom. Brutalität auf dem Schlachtfeld, Orgien hinter den Kulissen der Macht. Manchmal genügt die Andeutung, zeitweilig muss die Phantasie nicht mehr herangezogen werden.
Feine Linien und plastische Kolorierung zeigen ein Rom bei Tag und Nacht, Paläste, innen wie außen, die verkommenen Gassen. Der Wechsel zwischen den Gärten am Tiber, den Wagenrennen im Zirkus, den Schlachtengemälden, den Anschlägen und vielen anderen dargebotenen Szenarien wird für historisch Interessierte oder auch für Fans von Historien-Comics packend präsentiert. Auch in der zweiten Ausgabe der Reihe nimmt Marini den Leser auf eine spannende Reise und erzählt derart geschickt, dass das Ende überaus gemein ist und die Frage, wie es letztlich für die Freunde weitergehen wird, einfach beantwortet werden muss.
Freunde, Römer, Landsleute: Ein tolles Drama um zwei Jugendfreunde im alten Rom zur Zeit von Kaiser Augustus. Ein Rom, von der Welt gefürchtet. Ein degeneriertes Rom, ein dekadentes Rom. Aber auch ein starkes Rom. Vor allem eines, das ein Enrico Marini wunderbar aus den Geschichtsbüchern in den Comic holt. Authentisch. Düster. Spektakulär. 🙂
Die Adler Roms, Buch 2: Bei Amazon bestellen
Freitag, 18. Juni 2010
Als auf dem nordamerikanischen Kontinent noch die Konflikte zwischen Engländern und Franzosen ausgetragen wurden, stellten sich auch verschiedene Indianerstämme auf die Seiten der Weißen. Aber es gab auch Fremde in diesem Land, die sich keiner Seite zugehörig fühlten. Einer dieser Männer ist Constant, ein Akadier, Nachkomme französischer Siedler. Constant hat nicht allein durch seine Abstammung Schwierigkeiten. Als Schwerenöter, ein französisches Erbe, das er nicht leugnen kann, musste er ein Verhältnis mit der Tochter eines englischen Colonels beginnen. Der hochrangige Offizier ist alles andere als begeistert über diese Liaison und hetzt seine Soldaten auf Constant. Kurz darauf ist der junge Mann auf der Flucht und noch ein wenig später hat sich sein Leben vollkommen auf den Kopf gestellt.
Als Späher einer Armeeeinheit geht er zusammen mit einem Huronen der Truppe voraus. Die beiden ungleichen Männer freunden sich an. Gegenseitiges Vertrauen werden sie auch bald nötig haben, denn aus einer einfachen Reise zu einem neuen Truppenquartier wird eine Begegnung mit Wesen, die direkt aus der Hölle zu kommen scheinen.
Jene, die keine Weißen auf ihrem Land dulden, haben einen Weg gefunden, den Eindringlingen zu widerstehen. Mit purem Schrecken. Aus einer Situation, die Freunde der klassischen Erzählung aus dem amerikanischen Osten her kennen, siehe Der letzte Mohikaner, wird eine spannungsgeladene Handlung, die Einflüsse des 13. Kriegers nicht leugnen kann. Das Autorenduo Fabrice David und Gregory Lassabliere wechseln von der Abenteuerhandlung hin zu einem Szenario mit Horrorelementen. Infolge der überraschenden Wendungen auch im ersten Teil der Geschichte entsteht eine sehr ungewöhnliche Handlung aus den Anfangstagen der Besiedlung des nordamerikanischen Kontinents.
Constant ist eine klassische Abenteuerfigur. Sie hat alles verloren und kann eigentlich nur gewinnen: Falsch gedacht. Bevor es für Constant besser werden kann, muss es erst noch schlimmer werden. Viel schlimmer. In Boston, im Jahre 1756, versuchen diejenigen, die sich in Nordamerika eingerichtet haben, ein europäisches Leben auf dem neuen Kontinent zu führen. Das ist nicht einfach, denn hinter den zivilisierten Behausungen ist das Land wild. Außerdem haben auch Gauner ihren Weg in dieses Land gefunden, auch solche, die sich hinter ehrbaren Masken verstecken.
Durch die hervorragenden Bilder von Federico Carlo Ferniani erwacht diese vergangene Zeit zum Leben. Angesichts der Qualität der Bilder muss sich die Frage gestellt werden, warum man nicht schon eher von Ferniani gehört hat. Dies ist seine erste Serie. Ferniani arbeitet naturalistisch und verleiht der Zeit ein authentisches Abbild. Manche Szenen könnten als Illustrationen zu historischen Dokumentationen herhalten. Ferniani zeichnet mit sehr feinen schmalen Strichen und erschafft viele Figuren mit starkem äußerlichem Charakter.
Constants Wandel vom Tunichtgut zum verzweifelten Soldaten ist gut getroffen. Die Orte in den Wäldern, die Indianer, die alles andere als edle Wilde sind, wie auch die überfallene kleine Siedlung erhöhen die stimmige und zunehmend gruselige Atmosphäre der Geschichte.
Hat man die Lektüre beendet, empfiehlt es sich, noch einen Blick auf den Anfang zu werfen, denn einiges wird dann klarer, vielleicht sogar unheimlicher.
Ein starkes Debüt eines sehr talentierten und technisch versierten Zeichners. Der Auftakt baut eine sehr hohe Spannung auf und endet mit einem sehr gemeinen Cliffhanger. Die Autoren vermischen geschickt Abenteuer und Horrorgeschichte. 🙂
Bravesland 1, Constant: Bei Amazon bestellen
Hellboy mag es nicht, wenn Kindern ein Leid geschieht. Die Legende um die Baba Jaga, die Hexe, die nächtens über die Friedhöfe streift und die Ruhe verstorbener Kinder stört, passt nicht in sein Konzept eines friedlichen Miteinanders. Sein Eingreifen zieht aber nicht nur Gutes nach sich. Anders in Japan: Hellboy hörte von Dämonen, die in einem finsteren und einsam gelegenen Haus ihr Unwesen treiben. Als sich der Welt bester paranormaler Ermittler auf den Weg macht, um diesem Spuk eine Ende zu bereiten, findet er allerdings nur ein Gasthaus vor, dessen Wirt ihn mit der üblichen japanischen Höflichkeit empfängt. Auch die anderen Gäste freuen sich über seine Ankunft. Vielleicht sogar ein wenig zu sehr …
Auf den Hellboy-Fan warten gleich drei Kurzgeschichten, gewohnt gut umgesetzt. Hellboy, der weltbeste paranormale Ermittler hat wieder alle Hände, auch die steinerne, voll zu tun. Die Geschichten um Hellboy haben den Charme der Unterschiedlichkeit. Mike Mignola macht immer wieder Ausflüge in mystische Gefilde, die von anderen Gruselautoren vernachlässigt oder komplett übergangen wurden. Russland, Japan, England. Länder, deren Mystik verschiedener nicht sein könnte. Ein anderer Autor hätte von der Baba Jaga die Finger gelassen, jener Hexengestalt, die in einem überdimensionalen Mörser durch die Luft reitet und sich mit einem Stößel abstößt.
Dergleichen könnte sich nicht nur völlig verrückt lesen, sondern auch anhören. Das geschieht jedoch in beiden Fällen nicht, denn die Inszenierung um die Baba Jaga besitzt einerseits das wunderbar Skurrile, andererseits besitzt es auch genug Action und das besondere Unheimliche, das der Welt von Hellboy anhaftet. Tilo Schmitz, Sprecher des Hellboy, hat die nötige Tiefe in seiner Stimme, um einen 2,13 Meter großen paranormalen Ermittler zu sprechen. Er kann aber auch das ebenso große Herz, den Übermut, die ebenso große Klappe und den noch viel größeren Humor von Hellboy ausgezeichnet spielen.
Das beweist er mit der Folge um die japanischen Dämonen. Seltsamer könnte ein Fall kaum sein (und Hellboy hat viele seltsame Fälle erlebt): Köpfe. Das ist eigentlich unmissverständlich und trotzdem eine Überraschung. Da die einzelnen Episoden relativ kurz sind in diesem Hörspiel, eine Umsetzung eines Teils einer hierzulande erschienenen Comic-Ausgabe, soll hier nicht zu viel verraten werden. Wichtig allerdings zu erwähnen, ist die Spiellaune der japanischen Dämonen. John Ment, Bernd Hölscher, Philipp Otto und Uwe Hügle können hier so richtig über die Stränge schlagen. Es ist herrlich zu hören, wenn Schauspieler einmal abseits aller Realität in Figuren eintauchen dürfen.
Bernd Hölscher und Uwe Hügle dürften Fantasy-Fans als Wulfgar und Bruenor aus Drizzt bekannt sein, entsprechend dürfte der Unterschied in den Stimmen auffallen.
Abschließend heißt es: Sarg in Ketten. In England ist es eindeutig gruseliger als anderswo. Das liegt nicht nur am Land selbst, sondern auch an Hellboys Vergangenheit. Ganz in der Nähe kam er auf die Welt, aber die letzten Geheimnisse um seine Herkunft sind immer noch nicht geklärt. Diese Episode von der Gruselstimmung her die stärkste, für einen nichteingeweihten Neuhörer aber auch bestimmt die unverständlichste. Sarg in Ketten beweist, dass Hellboy eine Serie zum Dranbleiben ist, egal ob als Comic oder Hörspiel.
Ein schönes Zwischenspiel für Gruselfreunde, insbesondere aber für Fans von Hellboy, der es hier wieder einmal krachen lässt. Wie in den bisherigen Folgen auch stimmt wieder das Kino-im-Kopf-Gefühl, eine Vorkenntnis vorheriger Ereignisse und Charaktere ist jedoch wichtig, um das richtige Hellboy-Gefühl zu bekommen. 🙂
Hellboy, Baba Jaga | Sarg in Ketten | Köpfe: Bei Amazon bestellen
Donnerstag, 17. Juni 2010
Mit einem Friedensvertrag ist ein Krieg noch lange nicht vorbei. Viele Veteranen werden immer noch von ihren Erinnerungen verfolgt. Ehemalige Soldaten machten Fehler, töteten Menschen, verliebten sich sogar. Ihr Glück fanden sie dennoch nicht. Archie verlor ein Bein. Den Krieg wollte er trotzdem nicht aufgeben. So wurde er so etwas wie ein Geheimagent. Was sollte ein Einbeiniger in den Augen der Feinde schon noch ausrichten können? Doch auch im Geheimen fallen Entscheidungen, die das Leben von Menschen beeinflussen können. Die Menschen das Leben kosten können. Andere Soldaten wie Joe sehen den großen Spaß. Krauts töten. Das macht Spaß. Solange das Glück einem hold ist. Und Joe hat Glück für zehn.
Erwin verliebt sich an der Atlantikküste in die junge Opal. Es ist eine Liebe ohne Zukunft. Alsbald überschlagen sich die Ereignisse. Die Alliierten landen in der Normandie und beginnen ihren unaufhaltsamen Siegeszug bis nach Berlin. Julien, Franzose und ehemaliger Zwangsarbeiter, glaubte auch an die Liebe und musste auf seine Art die Erfahrung machen, dass der Krieg Liebe nicht nur zerstört, sondern auch auf Wege schickt, die einer in Friedenszeiten niemals beschreiten würde.
Maryse und J.F. Charles vereinen in ihrer Geschichte War And Dreams verschiedene Einzelschicksale unterschiedlicher Nationalitäten und Menschenschläge. Ein deutscher Romantiker, ein Maler, verliebt sich in eine junge Frau, wunderschön und mit dem Verstand eines kleinen Kindes behaftet. Der amerikanische Cowboy vertauscht im Krieg seinen bisherigen Job eines Motorradartisten mit dem eines MG-Schützen in einem Bomber. Der Engländer kämpft im nahen Osten gegen die Deutschen, die Wüste und später mit den Widrigkeiten der Liebe. Während der Franzose, aktiv im Widerstand tätig, an dem Verlust seiner Liebe zerbricht.
Sie werden zum Mörder und zum Verräter. Sie suchen nach Vergebung, fragen sich, was eigentlich passiert ist, erkennen auch ihre Schuld, vergraben sich in der Erinnerung. In verschachtelten Episoden, Leben, die getrennt voneinander verlaufen und doch durch bestimmte Ereignisse zusammenhängen, verfolgt der Leser die anfangs leisen Erlebnisse, deren Dramatik immer mehr zunimmt.
Maryse Charles hat einen Comic-Roman über vier Männer geschrieben, deren Lebensabschnitt in einen furchtbaren Krieg fiel. Sie weist keine Schuld aus Erzählersicht zu. Vielmehr leidet jeder einzelne unter seiner Schuld. Jeder für sich versucht die Vergangenheit abzuschütteln. Aber es gelingt keinem. Erst wenn die Vergangenheit als Teil des Lebens angenommen wird, indem auch akzeptiert wird, dass eine Flucht vor derselben nicht möglich ist, kehrt wieder etwas Ruhe ein. Maryse Charles arbeitet allerdings nicht derart theoretisch, sondern erzählt mit sanfter Stimme, zielbewusst, Sprosse für Sprosse.
Abschließend wechselt die Form vom Comic in die illustrierte Kurzgeschichte. Einige Lücken werden beseitigt. Man könnte es einen ausführlichen Epilog nennen, der auch den Leser milde stimmt, sollte er ein Urteil über die einzelnen Charaktere gefällt haben. J.F. Charles malt in feinen und sehr schönen Bildern, die den Effekt alter Postkarten haben und wie Fenster in die Vergangenheit wirken. Die Grafiken, aquarelliert, vielleicht mit Goache oder auch Mischtechniken ausgeführt, sehen allesamt liebevoll und zeitintensiv auf das Papier aufgebracht aus. Jede Seite ist für sich sehenswert durch vorbildliche Illustrationen.
Ein tolles Beiblatt im Stile alter Zeitungen wie LIVE oder Signal runden dieses faszinierende und auf seine Art außergewöhnliche Comic-Projekt ab.
Eine Entführung in die Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs. Liebe in der Zeit des Schreckens. Die Unmöglichkeit der Liebe in diesen Zeiten, aber auch die Möglichkeit von Menschlichkeit. Eine ruhige Erzählung, zunehmend dramatischer von Episode zu Episode, ohne reißerisch zu sein. Optisch sehenswert. Insgesamt ein toller Comic-Roman. 🙂
War And Dreams: Bei Amazon bestellen
Dienstag, 15. Juni 2010
Das hatte Nugua weder erwartet noch gesucht: Einen Drachenfriedhof. Seit die Drachen verschwanden und sie alleine zurückließen, hat Nugua keinen größeren Wunsch, als ihre einstigen Beschützer wiederzufinden. Doch selbst mit der Hilfe eines Unsterblichen ist dieses Unterfangen sehr schwierig. Vielleicht sogar unmöglich? Nioccolo, der Junge aus dem Wolkenvolk, braucht die Drachen ebenfalls. Ohne den Äther, den Atem der Drachen, wird seine Welt unweigerlich dem Boden immer näher kommen. Das hätte das Ende ihrer Zivilisation zur Folge. Seine Bemühungen haben noch keine Früchte getragen. Er wurde sogar in den Kampf von Unsterblichen verwickelt und ist nun emotional eine Frau gekettet, die allen Unsterblichen den Kampf angesagt hat.
Niccolo und Nugua machen beide ihre ungewöhnlichen Erfahrungen mit den Unsterblichen, mit den wenigen, die es noch gibt. Nugua gerät in einen Abschnitt ihrer Suche, der zwar Fragen beantwortet, ihr aber auch neuen Mut abverlangt. Niccolo hingegen erhält rätselhafte Antworten, derer er nicht bedarf und die seine Geduld auf eine harte Probe stellen. Viel handfester geht es für Whisperwind und Feiquing zu. Der falsche Drache Feiquing, Mensch in einem Kostüm, ist im Kampf leider keine Hilfe, doch Whisperwind bewährt sich mit Routine und Akrobatik und scheinbar mühelos.
Am Ende ist es ein Glück, dass Niccolo von all dem nichts weiß, denn es würde ihn in noch tiefere Verzweiflung auf seinem Weg stürzen.
Die Gefährten marschieren getrennt. Obwohl Marschieren nicht so ganz richtig ist. Auf ihren Wegen legen sie Pausen ein, freiwillig ebenso wie zwangsweise. Nach der Vorlage Kai Meyer verfasste Yann Krehl dieser dritten Episode der Saga über das Wolkenvolk. Die einzelnen Handlungsstränge, zuerst zusammengeführt, führen nun wieder auseinander. Die ehemaligen Gefährten geraten in große Gefahren, größer noch als zu Beginn des Abenteuers.
Wunderbare Handlungsorte wechseln einander ab. Ein mystischer Drachenfriedhof, ein geheimnisvoller Wald, die Heimat eines Unsterblichen. Aber der Leser kehrt auch zu bekannten Stätten zurück wie der Heimat des Wolkenvolks. Hinzu kommen ungewöhnliche Charaktere wie der Seelenschlund und die Rückkehr von Mondkind. Lanze und Licht präsentiert sich mit all seinen Zutaten als zauberhafter Griff hinein in das pralle Gericht aus Mythen und Märchen. Die Geschichte vermeidet Schwarzweißmalerei. Der Seelenschlund, ein Seelenfresser, vereinnahmt seine Opfer zwar, aber sie verschwinden nicht. All ihr Wissen, ihre Persönlichkeiten bleiben erhalten und dürfen sich sogar äußern.
Wieder sind die einzelnen Handlungsabschnitte wieder Bausteine zusammengefügt, nahtlos, mit großem Geschick. Das ist sehr versiert und arbeitet mit Überraschungen einerseits, indem das Vorausschauen des Lesers überlistet wird, andererseits mit vollkommen unvorhergesehenen Ereignissen, mit denen niemand rechnen konnte.
Ralf Schlüter arbeitet wie in den bisherigen beiden Bänden gekonnt, fast schon lässig. Dennoch hat sich die Optik gewandelt, denn die Kolorierung wurde von Digikore Design übernommen. Der Farbauftrag wurde auf künstliche Echtheit, einer Imitation von natürlichen Farbauftragen per Computer umgestellt. Die Farben wirken weich, in der Art, wenn ansonsten durchscheinende Farben mit deckenden Anteilen angedickt werden. Mittels Wischtechnik, Unschärfen und auch Lichteffekten ergibt das häufig einen sehr plastischen Eindruck. Das ist nicht besser als zuvor, doch anders, in jedem Fall aber schlichtweg schön anzuschauen.
Eine vorbildlich aufgebaute Geschichte, in der alles vorhanden ist, was ein mystisch spannendes Abenteuer benötigt: Freunde, unheimliche Begegnungen, auch Hoffnungslosigkeit, Liebe, Tatendrang, Kämpfe, Siege und Niederlagen. Und nichts weist darauf hin, wie es weitergehen könnte (jene, die die Romanvorlage gelesen haben, wissen es natürlich, aber das darf nicht vorausgesetzt werden). Klasse. 🙂
Das Wolkenvolk 3, Lanze und Licht 1, Drachenfriedhof: Bei Amazon bestellen
Montag, 14. Juni 2010
Ein Mörder treibt in Paris sein Unwesen. Er raubt die Herzen von Prostituierten. Bisher hat die Polizei noch keine heiße Spur und steht der Angelegenheit eher ratlos gegenüber. Die Presse nennt den Mörder den Herzensbrecher. Thomas sind diese Schauergeschichten gleichgültig. Sein Leben ist merkwürdig genug. Er lebt im Haus seines Onkels, während im Keller, angeschlossen an komplizierte Apparaturen, seine Mutter konserviert aufbewahrt liegt. Sein Onkel treibt nichts sehnlicher an, als der Wunsch, die Mutter seines Neffen, die seine Schwester Freeda ist, wieder zum Leben zu erwecken. Er will dieses Leben von Gott zurückholen, doch bislang ist es ihm noch nicht gelungen, Gott in diese Richtung zu erpressen und auf andere Art einen Handel abzuringen.
Thomas, der diese vergeblichen Versuche seit zwanzig Jahren verfolgt, hat die Flucht angetreten. Weg von den Gefühlen und Gedanken, die ihn verwirren, hin zum Absinth und zum Opium, hin zum Voyeurismus. Im Bordell schaut er durch ein Guckloch dem Treiben von Freiern und Prostituierten zu und betrinkt sich dabei bis zur Besinnungslosigkeit. Unterdessen führt Kommissar Nimber seine Untersuchungen fort. Zuerst scheint es, als habe der Mörder seine Werk nicht beenden können. Aber dann ist es sicher, dass der Herzensbrecher seine Methode geändert hat. Nun hat er kein Herz, sondern einen Fötus geraubt.
Die Zeit der Verkommenheit und Trostlosigkeit. In Frankreich, genauer Paris, und vielen anderen Orten Europas hat ein Niedergang eingesetzt. Die Welt ist grau geworden oder wenigstens kalt. Man gibt sich zugeknöpft, aber unter der Oberfläche geht es alles andere als kühl zu. Thierry Gloris entwirft ein Szenario, das sich in Grundzügen der Stimmung einer Zeit im Umbruch bedient, wie sie auch sattsam aus einem viktorianischen England her bekannt ist. Oder wie sie aufgekommen sein mag, als der Erste Weltkrieg kurz vor Ausbruch stand.
Einige Charaktere kreisen um den Fall und um sich selbst. Sie laufen zusammen und nebeneinander her, es gibt Berührungspunkte, aber vielmehr noch sind sie mutterseelenallein. Der Kommissar, der sich in seinem Fall verliert. Thomas, der durch seine Emotionen verschüttet ist. Der Onkel, der es schließlich wagt, einem Engel eine Falle zu stellen. Und einige mehr. In drei Kapiteln, Izael, Lisa und Thomas, durchlaufen die Figuren Wandlungen. Die Handlung wird erst undurchsichtiger, bevor sich der Schleier lüftet und mit der Preisgabe der Geheimnisse eigentlich alles noch schlimmer macht.
Thierry Gloris lässt seine Figuren leiden. Mit einigen mag man nicht sympathisieren, andere tun einem Leid. Die Geschichte, deren Atmosphäre an Geschichten des düsteren Meisters Edgar Allen Poe erinnert, funktioniert auch und wegen einer hervorragenden grafischen Umsetzung durch Mikael Bourgouin. Das ist optisch ein wenig Heavy Metal, ein wenig stilisiert und in starken, schweren Farben ausgeführt.
Bourgouin reduziert die Gesichter seiner Figuren gerne, gibt insbesondere den Männern etwas Vogelhaftes. Sehr schmal oder sehr eckig, in jedem Fall sehr intensiv präsentieren sich die Charaktere dem Leser. Es ist Bourgouin zu verdanken, dass jeder noch so kleine Nebenfigur ein individuelles Gesicht erhält und der gesamten Handlung eine enorme Fülle verleiht. Doch wo es bei den Männern sehr gut funktioniert, hapert es ein wenig bei den Frauen. Die übliche Berufskrankheit. Im Gegenzug jedoch ist die Atmosphäre fühlbar, ganz besonders im zweiten und dritten Kapitel. In meist sehr fein aufgetragenen Farben, tollen Lichteffekten und abgestuften Schatten entstehen für das Auge Bilder mit schöner Tiefe.
Kleine mehr oder minder starke Anleihen aus Literatur und Unterhaltung, Anspielungen auf reale Personen laden zum Suchen und Finden ein.
Unheimlich, auch unheimlich spannend: Mit einer Atmosphäre, die an Erzählungen von Poe oder alte Schwarzweiß-Kinoklassiker erinnert. Sehr theatralisch inszeniert, mitunter auch brutal. Mitreißend bis zum Schluss. 🙂
Codex Angelique, Kompendium der Engel: Bei Amazon bestellen
Samstag, 12. Juni 2010
Eine Mutter stirbt. Ein Junge bleibt allein zurück. Niemand interessiert sich mehr für das Kind. Es bleibt allein. Jakob, so der Name des kleinen Jungen, vermisst die Mutter sehr. So sehr, dass er ihr auf diesem unbekannten Weg folgen möchte, den sie gegangen ist. Nicht wissend, dass er ihr früher oder später sowieso folgen wird. Ob er sie nun sucht oder nicht. Jakob macht sich auf die Suche. Er fragt herum. Wer könnte den Weg kennen, den seine Mutter gegangen ist? Die Raben, so heißt es schließlich. Doch der erste Rabe, den er fragt, den, der auf einer Vogelscheuche sitzt und diese fortwährend mit Nadel und Faden flickt, der weiß gar nichts.
Auf seiner Reise trifft Jakob auf allerhand seltsame Gestalten. Die einen sind freundlich, andere rätselhaft, wieder andere verzweifelt, ebenso einsam wie Jakob. Jakob geht seinen Weg weiter, fragend, offenen Auges. Uneigennützige Hilfe erfährt er nirgends so recht. Aber er bewahrt sich seine Freundlichkeit, auch nach der x-ten Enttäuschung. Und am Ende …
Benjamin Schreuder und Felix Mertikat legen hier ein Comic-Debut vor, das wie ein Märchen anmutet, zum Mitdenken und Nachdenken anregt und alles andere als gewöhnliche Comic-Kost ist.
Kind und Tod. Eine thematische Mischung, die allzu häufig im Leben vorkommt. Kinder, so glauben Erwachsene, können den Tod nicht begreifen, verschleiern seine Existenz als Weg, der woanders hinführt. Aber die Mutter liebt das Kind trotzdem. Das Kind bleibt zurück, unbeachtet zunächst, nur erkannt, wenn es den Erwachsenen oder Gleichaltrigen in die Quere kommt. Ein schweres Thema, unbequem erzählt.
Der Verlorene, der nicht begreifen kann, begegnet anderen Verlorenen. So auch einer Mutter, deren Kind fort ist. Zueinander finden, können die beiden trotzdem nicht. Wo der Geist der einen verwirrt ist, ist der des Jungen zu klar. Die Geschichte bleibt bei allen Details nebulös, märchenhaft, in kleinen Episoden erzählt. Und sie ist traurig. Das Schicksal des kleinen Jakob rührt ans Gemüt, so sich der Leser denn auf die Geschichte einzulassen mag und will. Ob er die Fragen, die durch die Handlung aufgeworfen werden, auch beantworten kann, ob er all die Gefühle, die hier geschildert werden, auch versteht, das ist wieder eine ganz andere Frage.
In einer Mischung aus Bleistiftvorzeichnungen und Aquarellkolorierung stellt sich die langsame Handlung großzügig vor den Augen des Lesers dar. Hier gibt es keine Eile. Die Bilder wollen sorgfältig betrachtet werden. Ein szenischer Schwenk erfolgt unmerklich, traumhaft wie die Handlung. Eben noch findet Jakob den Kutscher, sachte erscheint der Rabe, der kurz darauf durch den Fuchs abgelöst wird. Erzählung wie Bilder gleiten ineinander über. Das mag auch verwirren, da Zeit hier nicht die Rolle spielt, wie es in anderen Geschichten der Fall ist.
Die Umsetzung durch altbewährte Handarbeit per Stift und Pinsel (der Rechner mag bei dem Zusammensetzen geholfen haben) gibt der Geschichte einen Hauch Nostalgie. Die Mischung aus gegenwärtigen und mittelalterlichen Dekorationen trägt viel zur geheimnisvollen Atmosphäre des vorliegenden Bandes bei.
Rätselhaft und gefühlvoll erzählt, in der Tradition von Märchen und noch tiefer gehend. Nichts für Kinder, eher für Erwachsene, die sich ein wenig Kind bewahrt haben. Wunderschön gezeichnet und gemalt. Wichtig: Nicht alles verstehen wollen, einfach wirken lassen. 🙂
Jakob: Bei Amazon bestellen