Dienstag, 09. September 2008
Der Weihnachtsaffe und das Wunder auf dem Eis haben Homer so lange wach gehalten. Die Eishockeyspieler bejubeln ihr mitspielendes Maskottchen nach dem Spiel, ganz besonders, weil sie es den Kommies gezeigt haben. Homers Freude währt nicht lange. Denn plötzlich ist Rainier Wolfcastle auf dem Bildschirm. Dazu ist es auch noch 3 Uhr morgens. Und eigentlich müsste Homer morgen früh arbeiten. Eigentlich. Aber Homer müsste so vieles und macht es trotzdem nicht. Nur dieser eine verhängnisvolle Telefonanruf, der gelingt ihm noch.
Der Mensch ist zum Allesfresser geworden. Einer davon ist Homer Simpson. Aber er ist auch leichtgläubig geworden. Als eines Nachts die psychologische Kriegsführung des Werbefernsehens zuschlägt, als die Falle der Marketingstrategen zuschnappt und sie einen weiteren minderbemittelten Mitmenschen hereingelegt haben, nur um sich an seiner Dummheit zu bereichern, ist dieser Mitmensch namens Homer Simpson plötzlich im Besitz einer Straußenfarm.
In einer Zeit, in der selbst in unseren Breiten Strauße, Kängurus, Krokodile, Yaks, Erdmännchen und anderes Getier gezüchtet und teilweise – sowieso immer nur teilweise – verspeist werden, mag es tatsächlich nur ein kurzer Schritt dahin sein, dass der Erwerb einer Zuchtfarm über das Werbefernsehen möglich sein wird.
James W. Bates spinnt hier den Faden derer weiter, die nächtens einerseits vor dem Fernseher hocken und andererseits jener, die sich mit den unmöglichsten Verlockungen einen Platz (einen der hinteren) in der Popkultur gesichert haben.
Ein Mann, der aussieht wie eine blonde Simpsons-Schwarzenegger-Variante (und auch so spricht) wirbt für Straußen-Burger und indirekt auch für Riesenomeletts, schafft es also, Homer diese Farm anzudrehen. Jetzt greift der Slapstick-Humor an. Wenn Old McHomer sich um die Tiere kümmert, Brandzeichen setzen will und mit dem Lasso herumspielt, den Kopf in den Sand steckt und sich schließlich eine Lehr-DVD zum Thema Straußenzucht anschaut, ist alles dabei, was eine gute Simpsons-Komödie ausmacht.
Dabei ist die Geschichte noch gar nicht am Ende. Denn kann sich auch nur ein Fan Homer als Schlachter vorstellen? – Nein. Bestimmt nicht. Tief unter dem gelben Übergewicht schlägt ein weiches Herz. Außerdem ist da noch Lisa, die wieder einmal die Welt (diesmal in Form von Straußen) retten will.
Auf einmal wird aus dieser einfachen Straußenfarm mitten in der Stadt etwas anderes. Klar, es bleibt beim Fiasko und es kommt wieder einmal noch dicker (nein, nicht Homer), als man anfangs gedacht hat.
Der Fan darf sich auf schöne Auftritte von Rainier Wolfcastle (der Schwarzenegger-Kopie), Kent Brockman und Cookie Kwan freuen. Letztere tritt zwar als Maklerin auf, ist jedoch eine ähnlich Nervensäge wie Lucy Liu in Ally McBeal, nur mit schlechter Frisur. Phil Ortiz zeichnet gemäß den Vorgaben aus dem Hause Groening absolut exakt – wie auch jeder andere Handgriff im vorliegenden Abenteuer mit dem Namen Ein Strauß Ideen sitzt. Wie immer gibt es hier keinerlei böse Überraschungen – nur gute, denn mit den doch etwas blöd glotzenden Straußen und ihrem Uut-Uut ist ein sehr knuffiges Detail gelungen.
Gelber Spaß mit erhobenem kleinen Finger. Spiel nicht mit deinem Essen, wenn du es selber nicht schlachten kannst. Wer Homers Versagen als Unternehmer wie auch als Tierfreund miterleben möchte, liegt hier richtig. Spaß in Serie mit einigen interessanten Infos zur amerikanischen Popkultur. 🙂
Montag, 08. September 2008
Eben noch lebendig und nun bereits ein Knochengerippe. Victor Tourterelle, von Beruf Kartograph, stolpert über ein Spielzeugauto und bricht sich das Genick. Eben war alles noch wundervoll bunt, plötzlich ist alles nur noch grau und staubig. Eben hatte Victor noch Gesellschaft, plötzlich sind alle verschwunden. Ganz allein findet er sich auf einer weiten unwirtlichen Ebene wieder, an deren pechschwarzem Himmel ein unheimlich leuchtendes Licht prangt. Victor rätselt. Ganz offensichtlich ist er tot. Das kann aber nicht das Paradies sein. Und für eine Hölle ist es irgendwie zu harmlos. Wo sind die Flammen und all das? Auf jeden Fall ist es in dieser Einöde furchtbar langweilig.
Manchmal gibt es Überraschungen. Eine neue Idee wird einfach umgesetzt, mutig, weil sie nicht vergleichbar ist, weil sie auch abgedreht ist, weil sie nicht weichgespült es jedem recht machen will. Die Geschichte von Éric Liberge ist solch eine Idee.
Sie ruft höchstens die Erinnerung an eine ziemlich alte Gruselgeschichte wach, in der ein junger Mann, von Liebeskummer getrieben, nächtens auf den Friedhof geht. Dort leben nachts die Skelette, die Toten, fort. Als er sich in das Skelett einer jungen Frau verliebt, beschließt er dort zu bleiben. – Die Franzosen sind eben fürchterliche Romantiker.
Victor, der skelettierte Held, erfährt hier alles andere als Romantik. Für ihn ist es erst einmal wichtig, sich zu beschäftigen. Wie er so an seiner Sandburg baut, steht plötzlich ein Postbote neben ihm, gleichfalls skelettiert, aber immerhin mit einem individuellen Schnauzbärtchen im Totenschädelgesicht.
Und jetzt geht die Geschichte erst richtig los.
Unbewusst hat Victor, dessen Name nun Mardi-Gras Aschermittwoch lauten soll, ein Abbild der Oberstadt gebaut, ein Konstrukt, in dem sich sehr viele skelettierte Tote herumtreiben und ihre Zeit hauptsächlich mit Herumvegetieren verbringen. Inmitten all dieser Herumsteher und Blödindiegegendglotzer ist Victor ein Quertreiber, einer, der Fragen stellt, der laut ist, unbequem. Diese Gesellschaft, um Normalität bemüht, hat noch nicht all das zu bieten, was der lebende Mensch noch kennt. Eine Tasse Kaffee kann hier zu einem enormen Zankapfel werden.
Und so kommt es, wie es kommen muss. Victor bekommt es mit der Justiz – oder etwas ähnlichem – zu tun, die es auch hier unten gibt – oder wo auch immer sich Victor gerade befindet.
Man will Victor an den mitgebrachten Kaffee, denn etwas bringt jeder noch mit ins Jenseits. In einer alptraumhaften Sequenz, einen merkwürdigen Prediger mit eingeschlossen, explodiert die Szenerie plötzlich. Für den Leser mag hier auf einmal der vollkommene Wahnsinn ausbrechen – aber immer noch mit Methode – der mit im wahrsten Sinne des Wortes pechschwarzem Humor daher kommt. Es ist sehr göttlich komödiantisch, man möchte sagen französisch, fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass ein Pierre Richard der perfekte Darsteller für Victor gewesen wäre – in der Umsetzung etwas schwierig, aber als Synchronstimme und mit neuer Bildtechnik sicherlich machbar.
Hör auf mit deinem Schwachsinn und gib dem Priester sofort seinen Kopf zurück!!
Die Skelette und die Eintönigkeit sind optisch sehr schön adaptiert. Einzelheiten und Kleinarbeit an der Oberstadt im Königreich der Tränen, die zahlreichen Skelettanbauten sorgen für Flair und nötigen etwas Bewunderung für all die Knochen ab, die hier gezeichnet werden mussten. Das ist eine ziemliche Fleißaufgabe, die hier von Bild zu Bild, von Seite zu Seite bewältigt werden musste.
Vielleicht sind die Anbauten eine aus der Not geborene Idee gewesen, um etwas mehr Fülle in die Optik hineinzubringen.
Wie auch immer diese Idee entstanden sein mag, so helfen die kleinen Variationen bei der Identifikation der Akteure und sind neben dem Wortwitz auch Garant für den Bilderwitz. Wenn ein Kellner sich zwei Wasserhähne wie kleine Teufelshörner an die Stirne geschraubt hat, sorgt das zuerst nur für Verwirrung. Aber dann? Sehr schnell entwickelt man einen Sucherblick, um herauszufinden, was Éric Liberge noch so alles eingefallen ist.
Eine tolle Inszenierung mit einer frischen unverbrauchten Idee. Das ist Phantastik und Humor in einer wunderbaren Mischung, die bestens unterhält – sofern man sich auf ein Szenario des Chaos einzulassen vermag und auch Geschichten jenseits der üblichen Welten eine Chance geben möchte. Aber wer das macht, der wird eine schöne Überraschung erleben. 🙂
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Freitag, 05. September 2008
Matty Roth recherchiert weiter in der DMZ, in Manhattan. Dafür muss er schon mal nach unten, dorthin, wo sonst keiner hinschaut. Er muss dahin, wo verschiedenste Interessen zusammenlaufen. Die der Armee zum Beispiel. Und der UN. Oder die einer privaten Sicherheitsfirma, die sich aufführt, als stände sie abseits aller Gesetze und könne schalten und walten, wie es ihr beliebt. Um mehr zu erfahren, muss Matty in den Dreck, zu den Tagelöhnern. Bereits nach kurzer Zeit steckt er tief in der Scheiße – im wahrsten Sinne des Wortes.
Denn Matty sieht etwas bei seiner Arbeit, was er nicht sehen dürfte. Aber er sagt nichts, mischt sich nicht ein. Wenig später explodiert in einem Gebäude eine Sprengladung. Matty weiß, wer sie gelegt hat, er weiß, wer sie gezündet hat. Er schweigt trotzdem. Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Männer, die das Maul halten können, wecken immer das Interesse derer, die im Verborgenen agieren. Matty bekommt Besuch und man macht ihm ein Angebot. Doch noch ahnt er nicht, dass er nur auf Probe dabei ist.
Nirgendwo ist mehr ersichtlich, wer eigentlich die Kontrolle hat. Die UN hat unbestritten keine Kontrolle. Auch die Trustwell Security, eine private, aber weltweit arbeitende Sicherheitsfirma besitzt keine Kontrolle. Die armen Schweine, die für den Wiederaufbau im Dreck wühlen, haben auch keine Kontrolle. Die Attentäter, die Anschläge ausführen oder sich sogar selbst mit in die Luft sprengen, tun alles, um jeglichen Forschritt der Kontrolle und der Normalität zu torpedieren.
Willkommen in New York. Matty, vor geraumer Zeit noch ein ganz normaler Amerikaner gewesen, ist nicht nur ein Journalist, der im Untergrund arbeitet. Brian Wood macht aus ihm einen Mann, dem es binnen kurzer Zeit gelingt, Mitglied einer Terrorzelle zu werden. Alles geht derart schnell, dass es Matty kaum glauben kann – der Leser eigentlich auch nicht.
Aber es geht um Geld. Geld, das niemand, der so weit unten auf der Lohnliste steht, hat. Für Geld halten die Leute die Klappe. Brian Wood muss seinen Helden also einer ganz besonderen Prüfung unterziehen, eine, die ihn glauben lässt, er müsse bald sterben.
Die Räumlichkeiten, eine Mischung aus Duschen und Schlachthof, mögen beim Genre-interessierten Leser Erinnerungen an Saw wecken. Die folgenden Szenen haben sich ähnlich in neueren Thrillern abgespielt, nur in dieser Härte sind sie im Comic nicht so oft anzutreffen. Im Schnelldurchlauf erlebt der Leser die Torturen, die Matty mitmachen muss. Für ihn dauert es erheblich länger, wie sich an seinem Bartwuchs ablesen lässt.
So einfach, wie es zu Beginn ist, bleibt es nicht. Das Aufatmen dauert für Matty nicht allzu lang. Es genügt nicht, die Klappe zu halten. Einer aus der Zelle muss sich auch mit Taten beweisen. Brian Wood führt Matty diesmal in die tiefsten Niederungen und lotet den Charakter seines Helden wirklich bis zuletzt aus. Die Story, für die Matty recherchiert, wird zur Nebensache. Von Mal zu Mal wird so für den Leser eine Frage immer quälender: Wie weit wird Matty gehen?
Riccardo Burchielli gibt Matty ein Gesicht. Das gelingt ihm auf wunderbare Weise. Die ganze Aufmachung zeigt einen jungen Mann, aber Burchielli legt auch ein gewisses Alter hinein, Erfahrung, die immer dann aus dem Gesicht verfliegt und der Jugend Platz macht, wenn etwas geschieht, das nicht vorhersehbar war und den Reporter dann doch erschüttert.
Solche Szenen gibt es im vorliegenden dritten Teil von DMZ einige. Manchmal sind es Überraschungen für den Leser, manchmal für Matty. Burchielli nimmt den Leser auf eine möglichst realistische Ansicht nach New York mit. Hier sehr passend, denn es entsteht ein halbdokumentarischer Charakter, der auch szenisch durch diverse Berichterstattungen gestützt wird.
Menschen, Material und Fahrzeuge sind aus der Gegenwart abgegriffen. Schlüsselfiguren sind manchmal überzeichnet. Beispiele sind die etwas zu schurkischen Männer an der Führungsspitze der Terrorzelle, aber auch bei den UN-Funktionären.
Am Ende hat Matty wieder ein jugendliches Gesicht. Obwohl er viel erlebt hat, hat er die Hoffnung nicht aufgegeben. Wie trügerisch diese Hoffnung ist, sieht der Leser wieder an seiner Mimik. Doch um wieviel erschreckender ist diese doch nach dieser Handlung, die ein unglaublich finsteres Bild von Amerika malt. Auf dem Cover steht: Und DMZ ist eine Liebeserklärung an die Stadt (New York) und ihre Bewohner. – Niemals, eher ein Abgesang, bedrückend, packend. 🙂
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Donnerstag, 04. September 2008
Rio flieht. Doch wie so oft, ist die Absicht leichter in Gedanken gefasst, als in der Realität umgesetzt. Das Paradies ist in höchstem Maße gefährlich. Von der berühmten Schlange gibt es derer viele und hinter den grünen Auen wartet ein Reich, gruselig und grausam, mit furchtbaren Kreaturen, die mit Engeln gar nichts mehr gemein haben. Ihre Flucht dauert nicht lange. Nicht Engel sind es, die sie aufspüren, sondern eine Kreatur namens Freiaon. Da Rio über keinerlei Besitzzeichen verfügt, kommt sie ihm gerade recht. Das Wesen nimmt sie mit, denn für sie ist bestimmt ein guter Preis zu erzielen.
Jezephar wartet auf Rio bedrohlich auf dem Plateau. Die Stadt mit dem fremdartigen Namen ist eine verschachtelte Trutzburg, monströs in ihrer Architektur, verwinkelt, alt, ungastlich. Gewalt und das Recht des Stärkeren herrschen vor. Rio erweckt Aufmerksamkeit und wechselt bald den Besitzer. Doch Lamia, die neue Besitzerin, ist nicht weniger harmlos als der ruppige Freiaon. Sehr bald schon sinnt Rio wieder über Flucht nach, aber in Jezephar ist das viel schwieriger.
Neben dem allgegenwärtigen Verlangen nach Seelen ist Leidenschaft einer der wichtigsten Antriebe in dieser merkwürdigen Welt, die sich Engel und Dämonen teilen. Rio, nun in dieser Welt auf der Flucht, muss endgültig am eigenen Leib erfahren, dass nichts, was sie sich jemals unter Titel wie Paradies oder Hölle vorstellte, irgendeinen Wert besitzt. Stephen Desberg lässt das Szenario immer apokalyptischer werden. Rio wird zum Stolperstein einer uralten Ordnung, die für die Sterblichen nicht rechtens ist, so doch wenigstens eine gewisse Funktionalität gezeigt hat. Diese Stabilität, so zerbrechlich und falsch sie ist, kippt nun aus verschiedenen Beweggründen.
Mein Gott! Wie konntest du uns das nur antun?
So lautet die Frage von Rios Vater an den Herrn, von dem nicht einmal mehr sicher ist, ob er existiert. Zwar ist die Existenz der Engel bewiesen, aber warum lässt der Herr der Heerscharen diese unmögliche Entführung zu? Dabei weiß Rios Vater nicht, was der Leser weiß. In Wirklichkeit steht es noch viel schlimmer um seine Tochter. Als Leser gibt man sehr bald keinen Pfifferling mehr für Rios Leben, da auch sie selbst bereit scheint, in dieser unwirklichen Umgebung einen Schlussstrich darunter zu ziehen.
Dramatik bestimmt einen großen Teil der Handlung. Sehr viel weniger als bisher bleibt den auftretenden Charakteren – wie auch dem Leser – Zeit zum innehalten. Der Wechsel des Handlungsortes, besser die Erweiterung desselben, sorgt für weitere Abwechslung. Rio, obwohl die schwächste Figur in diesem Spiel, ist die wahrhaft aktive Person, während viele andere ihre Rolle spielen oder sich in ihr Schicksal fügen. Rio hat eigentlich keine Chance, aber sie rennt.
Der Wechsel des Schauplatzes scheint auch Henri Reculé gefallen zu haben. Bilder und Farben sind intensiver, besonders letztere leuchten regelrecht. In den finsteren Gassen, den Gladiatorenarenen reißen Lichter Gesichter und Körper aus der Dunkelheit hervor. Die Wärme der Laternen und Kerzen steht im vollkommenen Gegensatz zu den Szenen. Frauen bekämpfen sich bis aufs Blut, um nur etwas länger zu überleben, damit nicht sie es sind, die als Seelenspender ihr Leben aushauchen – im wahrsten Sinne des Wortes. Rio durchlebt eine richtige Nacht in Jezephar, doch mit Sonnenaufgang, dem Wechsel in die hellere paradiesischere Umgebung wird es keineswegs besser für sie.
Reculé spielt mit optischen Eindrücken, kann phantastische Figuren erfinden und diese echten Lebewesen der Erde gegenüberstellen. In der Gestaltung tobt er sich richtiggehend aus und reiht eine Idee an die nächste. Das Szenario gewinnt dadurch enorm an Lebendigkeit.
Fernab der christlichen Mythologie gibt sich die dritte Episode als ein handfestes Fantasy-Abenteuer ohne Wenn und Aber. Gestalterisch ist es einer der Höhepunkte der Reihe und absolut spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Da es sich um eine permanente Flucht handelt, ist eine Vorkenntnis der bisherigen Geschehnisse zwar wünschenswert, aber nicht unbedingt erforderlich. 🙂
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Wes hat den kleinen Ort Blackwater noch nicht ganz erreicht, da gibt es bereits Ärger. Aus der Schießerei geht er als Sieger hervor, aber es ist nur ein Vorgeschmack auf weitere Ereignisse. Die Heimkehr ruft Erinnerungen wach. Brutale Szenen werden an die Oberfläche gespült. Die Zeit für die Rache ist gekommen, doch sie muss langsam erfolgen, heimlich, niemand darf wissen, aus welcher Richtung der Schuss kommen kann. – Willkommen in Shitwater!
Der Western lebt. Die Folgen des amerikanischen Bürgerkriegs sind der Ausgangspunkt für diese Geschichte von Brian Azzarello, der beweist, dass diese halbwilde Zeit in den Vereinigten Staaten viel Platz für spannende Geschichten lässt. Vagabunden, entwurzelt durch den Krieg, ziehen umher, auf der Suche nach einem neuen Platz. Einige hatten nie einen, so wie die ehemaligen Sklaven, andere haben alles verloren und für sie wird es auch nie so sein, wie es einmal war.
Der Norden will die Ordnung im Süden wieder herstellen, obwohl für so manchen Südstaatler der Krieg noch gar nicht vorbei ist. Einige haben noch eigene Rechnungen zu begleichen. Washington, die Hauptstadt, ist weit weg und erfährt nicht alles. Zum Ende des Krieges gründet sich der Ku-Klux-Klan, bestehend aus Männern, die den nun freien Schwarzen das Leben zur Hölle machen wollen. Mit roten Masken angetan verbreiten sie Terror in der Nacht.
Im Süden sind die Menschen zwei Jahre nach dem Krieg durchweg mürrisch. Alle geschlagenen Wunden sind noch zu frisch. Der Anblick von Blauröcken schmerzt weiterhin.
In diese Atmosphäre hinein kommt einer der vielen Heimkehrer, einer der Entwurzelten, einer, der im Krieg auf der falschen Seite stand. Sein Land gehört nun der Union, seine Frau ist verschwunden. Keiner weiß, was von diesem Mann, Wes Cutter zu halten ist. Der Krieg hat aus ihm einen einzelgängerischen Zyniker gemacht. Gekleidet wie ein Gesetzloser, mit einem zerlumpten Poncho, grinst er dieser neuen Gesellschaft frech ins Gesicht, fest entschlossen, ihre Schwächen zu seinem Vorteil auszunutzen. Brian Azzarello, der schon mit Johnny Double, 100 Bullets, Hellblazer, Batman/Deathblow: Nach dem Feuer und Die Rückkehr von Superman auf sich aufmerksam machte, schafft hier einen Helden, der in den Fußstapfen bekannter Outlaws daher kommt, aber nicht so auf den Mund gefallen ist.
Marcelo Frusin frönt dem neuen Minimalismus, mit dem auch Mike Mignola, Peter Bergting, Scott Kolins oder Sean Philips arbeiten. Die Strichführung ist höchst einfach gewählt und es entsteht eine Darstellung, die ausschaut, als habe der Künstler Fotografien auf möglichst simple Weise nachgezeichnet. Anhand der erwähnten Zeichner ist ersichtlich, dass dieser Zeichenstil in vielen Genres Anwendung findet, vom Horror über Fantasy weiter zu Superhelden und hin zu Krimis. Zum Western passt er auch. Sicher gibt es Abwandlungen. Die Handschrift der einzelnen Zeichner lässt sich nicht über einen Kamm scheren.
Die einen bevorzugen noch diverse Schattierungen, andere arbeiten besonders gerne mit ausdrucksstarken Schwarzflächen, der nächste bedient sich nur der wichtigsten Linien, die alles zusammenhalten. Die Strichführung bleibt immer dünn, wie mit dem Tuschestift gezogen, sogar ein wenig krakelig.
Retter in dieser minimalistischen Not sind häufig die Koloristen, denen in solchen Bildern eine wichtige Rolle zukommt. Ihre Farbgebung erzeugt weitere Stimmung, nur etwas Tiefe und auch sie kommt zumeist ohne aufwändige Schattierungen aus. Das Erschreckende mag für so manch anderen Künstler darin liegen, dass es funktioniert. Als Leser vermisst man nichts. Der Aufwand, den Leute wie Jim Lee, Cary Nord oder John Romita Jr. betreiben, fehlt hier vollkommen. Daraus entsteht eine neue Sehgewohnheit, die einen als Leser schneller lesen lässt, filmischer, da auch Texte auf ein Minimum beschränkt werden.
Der gelungenste Kniff im vorliegenden Band dürfte die Zusammenfassung von zwei Szenen in einem Bild oder einer Seite sein. Gegenwart und Erinnerungen überschneiden sich in einem sehr gut konstruierten Aufbau. Unterschiedliche Farbschemata helfen bei der Erkennung der einzelnen Begebenheiten oder verhelfen zu einer Verschmelzung, wenn die Erinnerungen zu übermächtig werden und die Gegenwart zu verdrängen drohen.
Western trifft Thriller. Hier ist fast jeder ein Halunke. Die meisten haben sich im Krieg etwas zuschulden kommen lassen. Brian Azzarello fädelt die vielen Facetten der amerikanischen Nachbürgerkriegszeit auf eine Schnur auf und reißt den Leser daran mit. Die Erzählung ist hart und kompromisslos, ebenso wie die grafische Darstellung der Ereignisse. Wer einen Western im neuen Gewand erleben will, einen, der dem Italo-Western nacheifert, ihn aber nicht kopiert, sollte einen Blick riskieren.
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Dienstag, 02. September 2008
Kim Nelson will das Geheimnis um ihre Vergangenheit weiterhin ergründen. Doch dazu muss sie sich mit einem gefährlichen Mann einlassen, Ebu Sarki. Ein gefürchteter Name im Orient, der Name eines Mannes, der mit Vorsicht zu Werke geht und seinen Besuchern einiges abverlangt, bevor sie ihn treffen dürfen – und mit Frauen geht er noch härter ins Gericht. Ohne Prüfung kann Kim ihm nicht gegenüber treten. Nach einer langen Wartezeit in der Wüste, allein und ohne Wasser, einen Sandsturm überstehend, kommt endlich ein Mann, der sie zu Ebu Sarki bringen soll. Aber die Zeit der Prüfungen ist noch lange nicht vorüber.
In der Vergangenheit geht es nicht um Wissen. Es geht einzig um Macht und Kontrolle. Wer behält seine Macht oder wer gewinnt sie? Jade, die Favoritin des Sultans, ist auf ihrem Weg, Macht über Lord Nelson zu gewinnen. Seine Frau ist ihr hörig. Die Schmach und die Schande, seine Frau in den Fängen dieser Barbaren zu wissen – vor allem mit dem Hintergedanken, dass sich seine Frau freiwillig in diese Knechtschaft begeben hat – ist zuviel für den vornehmen Engländer.
Die feinen Bemerkungen, die Anspielungen behagen ihm nicht. Sie widersprechen seinem Weltbild, seiner Würde, sie bringen alles ins Wanken, an das er geglaubt hat. Auch das Verhalten seines Vorgesetzten, der bereit ist, diese Denkweise zu akzeptieren.
Aber ein englischer Gentleman lässt sich keine Spielregeln vorschreiben. Als Vertreter des britischen Königreichs gibt man die Regeln vor.
Dreißig Glocken markieren den Weg von einem Leben in das nächste. Erniedrigung folgt auf Erniedrigung. Erst wenn das eigene Wesen vollkommen zurückgestellt worden ist, ist auch der Weg geschafft. Lord Nelsons Frau ist bereit, diesen Weg zu gehen, weil sie in Jade verliebt ist, von ihr berauscht ist, ihr hörig ist. Mitunter fällt der Weg ihr leicht. Jede Glocke bedeutet nicht nur eine Erniedrigung, sondern auch einen neuen Meister oder eine Meisterin. Nur wenn Lady Nelson ihre Aufgabe zufrieden stellend erfüllt, wird eine Glocke entfernt, mit etwas Glück sogar zwei.
Jean Dufaux, der Autor, stellt Lady Nelson in der Neuzeit eine Frau gegenüber, die einen ähnlichen Weg wählt, auch aus freien Stücken, aber dennoch aus der Not geboren, weil sie nur auf diesem Wege glaubt in den Besitz von Informationen zu kommen. Für Kim Nelson, die moderne Frau, ist dieser Glockenweg zwar auch eine Erniedrigung, aber sie beschreitet ihn wie einen marternden Marathonlauf. Von einer sportlichen Grimmigkeit beseelt, rennt sie von einem Mann zum nächsten, bestimmt die Kandidaten sogar selbst, wenn ihr danach ist.
In einer ähnlichen Atmosphäre, wie es einst Ashanti entwarf (1979, mit Michael Caine), entsteht auch hier das Bild einer ungewöhnlichen, beinahe unglaublichen Sklaverei. Machtspielchen ohne Lack und Leder, dafür mit tödlichen Konsequenzen bilden ein regelrechtes Horrorszenario, das hinter den Kulissen, abseits einer westlichen Zivilisation überlebt hat. Aus Sex wird hier in Windeseile Folter und nicht selten auch Tod.
Die Erzählung erfolgt sehr intensiv, besonders da so mancher Charakter in diesem Band mit einer großen Kühle an sein jeweiliges Werk geht. Der Körper wird aus reiner Notwendigkeit ausgeblendet, wird zum Instrument für das Erreichen eines Ziels, das immer eng umrissen ist. Für nahezu jeden geht es hier um alles oder nichts.
Ana Miralles gestaltet nicht nur schöne, sondern man könnte sagen, diplomatische Bilder. Die Technik ihrer Illustration ist wirklich hinreißend. Manche könnte sagen, die Form sei nicht modern, ich finde sie klassisch und zeitlos. Diplomatisch sind die Bilder insofern, dass jeder Leser es für sich entscheiden mag, ob er die Schönheit annimmt, nur diese sieht, oder ob er auch den Schrecken zulässt, den die Grafiken transportieren.
Wenn Kim Nelson bei ihrer Ankunft in der Bergfestung die verwesenden abgetrennten Köpfe auf den Stufen liegen sieht, stehen Darstellung und Aussage des Bildes einander vollkommen gegensätzlich gegenüber.
Miralles ist eine jener Künstler, von denen man sich großformatige Bilder wünscht, am besten aus anderen Zeiten. Ähnlich wie die Illustratoren, die vor Jahrhunderten ihre Studien in Ägypten, in der Türkei oder anderen geschichtsträchtigen Orten machten, schaffte auch Miralles es, eine alte Zeit zum Leben zu erwecken und dem Leser oder Zuschauer einen Ausschnitt einer Welt nahe zu bringen. Wenn sie einmal aus den eher engen Kästchen ausbrechen könnte, müsste das Ergebnis bestimmt großartig ausfallen.
Ein grafisches Erlebnis, wunderbar inszeniert. Die Wärme der Bilder und die Kühle der Geschichte schaffen ein sehr eindringliches Leseerlebnis. Wer Historie, Abenteuer, wackere Helden und Heldinnen mit starren Zielen, gemeinste Verbrecher und Intriganten mit einer Prise Erotik in einer Geschichte vereint sehen mag, liegt hier richtig. 🙂
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In Benton, am Hafen, gibt es eine dieser alltäglichen Tragödien unter Liebenden – oder besser nicht mehr Liebenden. Der junge Mann macht Schluss. Zornig entfernt er sich, setzt sich in seinen eigenen Wagen und fährt fort. Einige Tage später steigt die junge Frau zum Dach eines Hochhauses in Chicago hinauf und stürzt sich in die Tiefe. Rubine, die mit ihrer Kollegin eigentlich nur einen kleinen außerberuflichen Bummel einlegen wollte, wird Zeuge dieses Selbstmords. Ein Cop wie Rubine ist immer im Dienst. Gedanken lassen sich nicht ausschalten und so grübelt sie über ein Merkmal des Sturzes der jungen Frau, das ihr nicht gefallen hat.
Ein Mensch, der aus großer Höhe fällt, bewegt sich auf irgendeine Art. Keiner, auch ein Selbstmörder nicht, springt wie ein Skydiver vom Dach eines Hochhauses. Ihre Kollegin Shirley hält Rubines Interesse eher für übertrieben, aber vertraut auch auf die Intuition ihrer Freundin. Die beiden gehen zusammen zur Beerdigung der jungen Frau. Plötzlich, beim Anblick der illustren Trauergäste, gewinnt die Tragödie eine ganz andere Bedeutung. Einige der hochrangigsten Gangster Chicagos sind hier versammelt, um ihrem Buchhalter ihre Anteilnahme am Verlust seiner Tochter zu erweisen.
Zunächst scheint es sich um einen Zufall zu handeln. Als jedoch auch der Sohn des Buchhalters in Schwierigkeiten kommt, sind es ein paar Merkwürdigkeiten zu viel.
Schwarze Serie lautet der Titel des 10. Abenteuers von Rubine, deren Comic-Form weiterhin sehr cartoony ist, deren Handlung es aber in sich hat und in der besten Tradition von Kriminalserien wie Die Straßen von San Francisco oder Kojak daher kommt.
Das bewährte Rubine-Team F. Walthéry, Mythic und Boyan (Farben) versetzt die zeitlose Krimidramatik der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts in die Neuzeit. Obwohl – und das ist wirklich etwas besonderes – die Action im vorliegenden Band kaum vorhanden ist, entsteht nach und nach immer größer werdende Spannung durch ein Rätsel, das nicht durchschaubar ist. Eine Haudrauf-Methode führt hier nicht zum Ziel, nur eine haarkleine kriminalistische Arbeit kann hier Erfolg haben.
Nachdem in Modellstadt, dem Vorgängerband, noch ein wenig Bond-Thematik oder auch ein gewisses Outer Limits-Flair vorherrschte, läuft hier geradezu alles über die Charaktere. Jeder von ihnen will entschlüsselt werden. Einige verbreiten Rätsel, andere sorgen für Humor. Bei letzterem sind die Gangster vorne mit dabei. Eher parodistisch ist das Auftreten dieser ehrenwerten Gesellschaft, die allerdings im Zweifelsfall mordet wie jeder andere gemeine Bandit auch. Wer sich diese Gauner näher betrachtet, mag sich an die meist seltsam komischen Fieslinge eines Bud Spencer-Films erinnert fühlen.
Der Tollpatschigkeit dieser Ganoven steht die Schwarze Serie, eine Reihe von Todesfällen, gegenüber, alle in ihrer Konsequenz erschütternd. Rubine forscht nach, aber letztlich kann sie nur zusehen. Bevor das Geheimnis gelüftet wird, erfährt der Leser viele Details – er wird sehr zum Lesen animiert, was ungewöhnlich ist, aber auch erfrischend, da es sich die Macher so nicht leicht machen und auch der Leser sich Zeit nehmen muss.
Francois Walthéry liebt schlanke, hoch aufgeschossene Figuren, die wegen der Überlänge ihrer Beine sehr zerbrechlich aussehen. Die Frauen haben etwas von einer Barbie. Männer, die etwas fülliger sind, wirken dank der lockeren Strichführung noch immer etwas schlaksig. So ähnlich sich die Körperlichkeiten sein mögen, so unterschiedlich sind die Gesichter. Ein jedes ist ein Charakterkopf und unverwechselbar. Selbst ein Polizist, der gerade mal einen einseitigen Auftritt hat, wird mit der gleichen Liebe zum Detail gezeichnet wie Rubine selbst.
Die übrige Optik ist stärker an die Realität angelehnt. Seien es die Straßen, Fahrzeuge oder auch Tiere, in der Bühnengestaltung für seine Geschichte geht Walthéry kaum Kompromisse ein. Eine Vereinfachung liegt zwar vor, doch ist Walthéry bemüht, lebensnah zu bleiben. Ein Blick auf das Cover zeigt das sehr schön – hier hat er allerdings etwas gemogelt, denn die Motorräder der gezeigten Szene im Album sind weitaus weniger PS-stark.
Einfach nur gute Krimi-Unterhaltung! Eine wohl durchdachte Geschichte punktet weiter mit schönen Figuren und sorgfältig gestalteten Hintergründen. Rubine hat sich zu einem Rundumsorgloskrimipaket entwickelt, wie der 10. Band anschaulich beweist. 🙂
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Montag, 01. September 2008
Juan führt ein gutes Leben. Draußen auf dem Landsitz soll er die Herrin beschützen und so nebenher besorgt er es ihr. Ihr Sohn schaut voller Respekt zu ihm auf. Juan bringt ihm sogar das Schießen bei. Laura, so der Name der Herrin, wird sogar süchtig nach Juan, begehrt ihn so oft es geht, an den unmöglichsten und möglichen Orten, immer und wahrhaft überall. Juan führt ein gutes Leben – so glaubt er eine Weile. Eines Tages geschieht das, was ein aufmerksamer Juan viel früher bemerkt hätte. Aber Juan befindet sich im Rausch und so entgeht ihm, dass sein wahrer Chef plötzlich mit seinen Leibwächtern am Schwimmbecken steht.
Plötzlich zählt für Juan wieder einmal mehr, ob er leben wird oder diesmal stirbt.
Heiliger Schweinehund – diese Überschrift des zweiten Teils der Thriller-Saga um Juan Solo trifft den Kern der Handlung. Ob der Leser das Heiliger unterschreibt ist nicht gewiss, der Schweinehund hingegen dürfte jedem einleuchten.
Alexandro Jodorowsky hat seinem Helden im ersten Teil viel zugemutet. Bei aller Gewalt, die von Juan Solo ausgeht, bei allem, was er anstellt, hat er doch auch viel erlitten, ist seine Natur erklärbar. Das, was Jodorowsky seiner Hauptfigur im zweiten Teil zumutet, ist noch eine Spur ausgefallener, schlimmer, aber auch sehr konstruiert – es ist unwahrscheinlich, wie man so schön sagt, aber nicht unmöglich. Zunächst jedenfalls.
Es folgt eine systematische Demontage von Juan Solo. Der Gangster, der sich schon im Begriff sah, ein – für seine Begriffe – wunderbares Leben zu führen, erfährt eine selbst für ihn erschreckende Wahrheit. Eines führt zum anderen, es folgt der totale Niedergang. Letztlich landet er in einer gesellschaftlichen Position, die sein Ziehvater innehatte. Zwar gibt es noch eine Grenze dessen hin zu dem, was er bereit ist zu tun, doch diese verschwimmt auch durch den Alkohol beständig.
Schließlich ist Juan wieder solo und auf der Flucht, ohne Sinn und Verstand. Die Möglichkeit zu einem neuen Leben befindet sich in seinem Besitz, aber die Flucht ist kopflos. Endlich – und der Weg ist noch nicht beendet – hat Juan eine Begegnung, die sein ganzes bisheriges Leben untergräbt. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich in seiner derzeitigen Situation nichts von Wert in seinem Besitz. Die letzte Kugel ist verschossen, er hat kein Fortbewegungsmittel mehr, Wasser hat er keines und letzteres bedeutet in einer Wüstenei den sicheren Tod.
Ausgerechnet ein indianischer Bauer auf einem Maultier luchst Juan sämtliche Habseligkeiten ab. Und Juan ist an einem Punkt angelangt, an dem ihm alles egal ist. Er nutzt diese letzte Chance nicht, reitet sich im wahrsten Sinne des Wortes immer tiefer in das Schlamassel. An dieser Stelle begeht Jodorowsky einen Stilbruch, indem er aus dem Gangster – jeder Leser hätte ihn wohl relativ mitleidlos in der Wüste sterben sehen – eine Art Paulus macht. Das, was ihn zeitlebens verfolgte, gereicht ihm nun zum Vorteil. Juan wird zum Heiligen, zuerst aus der Notwendigkeit, seines Charakters wegen, dann aus Frustration. Juan erfindet sein ganz persönliches Golgatha, aus freien Stücken.
Das letzte Drittel könnte man fast eine Art Autorenkino nennen. Es ist schwer verdaulich, ungewöhnlich, aber auch nie unmöglich. Es passt zum Wahnsinn, den der Leser an der Seite von Juan Solo miterleben durfte, setzt ihm aber auch die (Dornen)krone auf. – Und geht auch über den ganz normalen Wahnsinn eines Tarantino hinaus, der sich als Paradepferd des Wahnsinns mit Methode etabliert hat.
Grafisch ist die Geschichte sehr gut umgesetzt. Der Realismus, mit dem er zu Werke geht, macht es manchmal sehr gruselig, zuweilen auch unerträglich. Die Stimmung wird, filmisch gesprochen, stark über die Beleuchtung angeregt. Rot, Orange und Gelb herrschen vor, signalisieren Hitze, brütende Hitze, die die Gemüter verwirrt und das Leben sogar bedroht. Die Hölle des ersten Teils setzt sich hier unvermindert fort.
Georges Bess’ Arbeit ist alte Schule. Beste Technik mit geringen Mitteln, ganz so, wie es in der Zeit vor dem Einsatz von Computern war. Vergleiche zur Technik früher Geschichten von Giraud oder Hermann sind treffend. Ganz bestimmt befindet sich Bess technisch mit ihnen auf dem gleichen Level.
Eine furchtbar düstere Geschichte. Kein Mitleid mit Juan Solo! Trotz aller Enthüllungen. Spannend, hoch spannend sogar, aber mit keinerlei Identifikationsmöglichkeiten. Jodorowsky und Bess servieren Schwerverdauliches, aber als Achtgängemenü. Wer ein grafisches Topalbum lesen möchte, mit einem Thriller, der fernab jeglicher heilen Welt angesiedelt ist, ist hier genau richtig. 🙂
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Samstag, 30. August 2008
Blueberry und seine Freunde, Red Neck und Mac Clure reiten am späten Abend in die Stadt ein. Allen ist nicht so recht wohl, aber in diesem Gewühl werden sie, so glaubt Blueberry, nicht weiter auffallen. Während er ein Bad im Sinn hat, da er schon nicht mehr weiß, wie sich so etwas anfühlt, wollen Red Neck und Mac Clure lieber ihre Kehlen befeuchten. – Blueberry lässt sie gehen, wider besseres Wissen. Und tatsächlich, Red und Jimmy werden erkannt, der Alkohol tut sein Übriges, um die Häscher auf die Spur von Blueberry zu bringen. So war das nicht gedacht!
Vom Bad führt der Weg direkt ins Gefängnis. Jimmy schwört wieder einmal, dass er nie wieder einen Tropfen Alkohol anrühren werde. – Der Leser weiß, dass dieser Schwur nicht gehalten werden wird, denn das wurde er noch nie. – Der Schreiner kommt und nimmt bei den Gefangenen die Maße für die Särge. Am nächsten Tag sollen die Hinrichtungen sein. Es sieht so aus, als habe Blueberrys letztes Stündlein geschlagen, doch da …
Am Ende des Weges beschreibt einen Abschluss, eine Abrechnung und eine fehlgeschlagene Zusammenführung. Vor langer Zeit wurde Blueberry auf eine Mission geschickt, die sein Leben radikal veränderte. Als Dieb und Verräter, später sogar als Attentäter gebrandmarkt stand er lange Zeit auf der falschen Seite des Gesetzes. Nur seine engsten Freunde – Red Neck und Jimmy Mac Clure – halten während des gesamten Zeitraums zu ihm.
Nun wird abgerechnet. Endlich bekommt Blueberry die Chance dazu. Allerdings ist auch dieses Unterfangen halsbrecherisch und risikoreich wie jedes andere Unternehmen, das der Leser in einer langen Reihe begleiten durfte.
1983 begab sich Blueberry in Die letzte Karte auf die Suche nach dem Mann, der ihn entlasten konnte – nur um eine Gefangenenbefreiung in Gang zu setzen. Denn ausgerechnet der Mann, der ihn außerdem abgrundtief hasst, wird bei einem Regimewechsel in Mexiko festgesetzt und soll am nächsten Tag erschossen werden.
Jean Giraud begegnet dem Leser mit sehr glatten, moebius-artigen Linien, stark vereinfacht im Vergleich zu älteren Bluberry-Zeichnungen, aber immer noch zu komplex im Vergleich zu echten Moebius-Arbeiten. In Bonbon-Farben entsteht ein leicht entrückter Eindruck des Wilden Westens. Diese Trickfilm-Eleganz – und elegant sind die Zeichnungen zweifellos – stört ein wenig die Spannung, die ansonsten durch den erhöhten Realismus der Bilder aufkam. Mit einem Spaghetti-Western hat das optisch nicht mehr sehr viel zu tun. – Und mehr auf der letzten Seite genau hinschaut, mag in dem halb ertrinkenden Blueberry ein wenig von John Difool entdecken. Darüber hinaus sollte man aber auch als Leser nicht zu streng richten, denn ein Giraud, der sich selbst nicht so recht treu ist, ist immer noch ein begnadeter Künstler.
1986, als die Fortsetzung Der Weg in die Freiheit erschien, machte Giraud wieder einen Schritt zurück, gönnte seinem Blueberry wieder dicke kraftvolle Striche, weg von der architektonisch sterilen Art der vorherigen Bilder. Hier ist Blueberry wieder so, wie man(n) ihn kennt. Die Details sind wieder zahlreicher, die Tiefe der Bilder gerät wieder größer. Die Farben sind viel erdiger gestaltet als zuvor.
Die Schurken sind in diesem Band noch schurkischer, denn endlich enthüllt sich der Macher hinter den Anschlagsversuchen auf den Präsidenten. Blueberry hätte vieles vermutet, aber das nicht – und der Leser hätte es auch nicht vermutet. Die Auflösung ist jedoch nicht übel, denn es macht Sinn. Wesentlich interessanter ist das Auftauchen eines Handlangers, der Blueberry seine fürchterliche Entstellung anlastet. Hier findet sich alles. Das große Finale, die Rache aus niederen Motiven, eine lückenlose Aufklärung der Ereignisse.
1991 gibt es in Arizona Love noch ein weiteres Hühnchen zu rupfen. Mike Blueberry hat Chihuahua Pearl nicht vergessen. Wie einst in der Reifeprüfung platzt Blueberry in eine Hochzeit und entführt die Braut, bevor sie verheiratet werden kann. Die Optik ist wieder etwas exakter, gestriegelter, aber auch der Humor ist stärker vertreten. Mit dem Titelbild der Geschichte hält auch eine Mischung aus Postkartenkitsch, Jugendstil und Westernromantik in Blueberry Einzug – etwas, was sich immer auf einschlägigen Romanen findet, in denen ein Pirat oder Highlander eine wilde Braut entführt.
Ein langer Abschluss einer langen Handlungslinie, die einen großen Teil von Blueberrys Leben bestimmt hat. Am Ende ist unser Held wieder bereit für neue Abenteuer, nachdem alle Fäden zusammengeführt wurden. Jene, die mit den Vorgängerabenteuern vertraut sind, werden ihre Freude haben. Jene, die darüber nicht so viel wissen, werden zumindest – ein grundsätzliches Geheimnis der gesamten Reihe – spannend unterhalten. 🙂
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Tracy Lawless ist zurück. Sein Leben bei der Armee ist vorüber. Zurück in der Stadt will er nur noch eines wissen. Wer hat seinen Bruder Ricky umgelegt? Seine Rückkehr weckt keine guten Erinnerungen. Nach und nach wird immer deutlicher, warum er dieses Kaff hinter sich gelassen hat. Andererseits hatte Tracy auch beim Militär kein besonders tolles Leben. Nur die Erfüllung seiner Aufgabe hat er dort gelernt und die nötige Disziplin. Tracy ist gelassen, kühl, sichert sich ab. Er kann die Menschen einschätzen, weil er Disziplin hat und sie nicht – so glaubt er jedenfalls.
Die alte Gang seines Bruders hat nicht die äußerliche Professionalität, die er von der Army her gewöhnt ist. Ohne ihr Gehirn, Simon, sind sie nur die Hälfte wert. Sie sind gut in der Ausführung, das Planen und Ausbaldowern liegt ihnen keineswegs. Simon sitzt leider im Gefängnis und sogar der Plan für seine Befreiung stammt von ihm selbst. Und bevor es an den eigentlichen Job gehen kann, muss Simon erst einmal aus dem Kittchen geholt werden.
Ed Brubaker schickt seine Leser zurück in diese verkommene Stadt. Dort begegnet man nicht nur Tracy als neuem Gesicht, sondern auch alten Bekannten in Nebenrollen wie auch als Auslöser für die gesamte Geschichte. Wer gut aufgepasst hat – oder den ersten Band noch einmal hervorholt – wird feststellen, dass Tracys Bruder Ricky, der hier die Wurzel der Geschichte ist, einst mit Leo zusammenarbeitete, dem Hauptcharakter der ersten Handlungslinie. Aus diesem Grund begegnen wir Leo auch kurz im Gefängnis wieder, genau an jenem Ort, wo Leo niemals hinwollte. Diese Art des Verwebens bringt Criminal natürlich in die Nähe eines Thriller-Werkes wie Sin City – kein Wunder also, dass Frank Miller, Autor von besagtem Thriller-Werk, hier das Vorwort geschrieben hat.
Manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss.
Wie in ersten Handlungslinie stimmt auch hier dieses allseits bekannte Zitat, mit dem sich schon Woody Harrelson in Doc Hollywood zum Narren machte. Tracy hat sich selbst eine Aufgabe gestellt, ohne alle Fakten zu kennen. Er wusste rein gar nichts über die Gang, mit der sein Bruder auf Tour war. Außerdem wusste er so gut wie nichts darüber, was in den letzten 20 Jahren aus seinem Bruder geworden war. Letzteres ist der Knochen, den Ed Brubaker seiner Hauptfigur hinwirft und an dem Tracy am meisten zu knabbern hat.
Der Knacks, den Tracy durch seinen Vater erhielt und der durch die Armee auch nicht geheilt werden konnte, steht ihm immer noch im Weg. Freunde hat er so gut wie keine. Eine Beziehung zu einer Frau scheint eine Sache der Unmöglichkeit zu sein. So steuert denn auch die Beziehung zur einzigen Frau in der Gang geradewegs in eine Katastrophe hinein. Brubaker bringt auf sehr geschickte Weise Charaktere zueinander, die zusammengehören, ohne es zu wissen. Da ist ein Gespür, eine Ahnung, wie bei Geschwistern, die einander bislang nicht kannten und sich dann ineinander verlieben – nein, hier sind es keine Geschwister, aber der Drang ist ähnlich.
Nach und nach werden zwei Coups und ein paar Nebenhandlung miteinander verwoben. Tracy, eine vollkommen anders gelagerte Figur als Leo in der vorherigen Handlungslinie, wird dabei Stück für Stück von seinem hohen Ross geholt. Schließlich steht auch eine Begegnung mit dem heimlichen König der Stadt an, Sebastian Hyde. Schlussendlich bestätigt Brubaker, den Leitfaden, den er für seine Geschichte vorangestellt hat: Familie ist eine Falle. – Wenigstens für amerikanische Gangster mag das zutreffen.
Sean Phillips wirft die Bilder in diesem Band viel stärker hin als in der ersten Ausgabe. Insgesamt ist die Umsetzung düsterer – obwohl es in der Handlung auf Weihnachten zugeht und der Weihnachtsmann eine wichtige Rolle spielt. Schatten sind fette schwarze Pinselstriche, leicht ausgefranst. Wie es sich für eine Gangstergeschichte gehört, in der einer den Fluchtfahrer mimt, nimmt auch ein entsprechendes Fahrzeug, ein Dodge Charger teil.
Rasanz auf der Straße, Action in dunklen Ecken, ein wenig Liebe und nur ein einziges Mal kann sich Tracy ein Lächeln – kein besonders echtes – abringen.
Darüber hinaus gibt Val Staples den Bildern ein derart düsteres und dunkles Farbspiel mit, dass die Vorgängerausgabe wie der reinste Sonnenaufgang im Vergleich wirkt. Dunkles und kaltes Grau, Blau, verwaschenes Lila, es schneit einen Schnee, der an Ascheflocken erinnert und wenn ein knalliges Rot ins Spiel kommt, handelt es sich nicht um Blut, sondern um die Signallichter der Cops.
Realistisch, besser noch als die Vorgänger-Geschichte. Rache und Familie sind das zentrale Thema. No way out – eine klassische Konstellation vieler amerikanischer Krimikracher wird hier von Brubaker auf das Feinste neu arrangiert. Phillips-Fans werden diesen Knaller mögen, Thriller-Fans sollten einen Blick riskieren. 🙂
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