Donnerstag, 19. März 2009
Elektra war ein Skrull. Wie lange schon? Tony Stark, Reed Richards und Henry Pym, die ungewöhnliche Erfahrungen gewöhnt sind, können ihr Erstaunen nicht verbergen. Das ist erst der Anfang. Diese Erkenntnis hängt wie ein Damokles-Schwert über den Helden. Und richtig: Genau zu diesem Zeitpunkt bricht ein Raumschiff in die Atmosphäre der Erde ein. Es stürzt unkontrolliert ab. Sein Ziel: Das wilde Land. Die Rächer machen sich sogleich auf den Weg. Und auch jene, die den neuen Regeln für Superhelden entsagt haben, machen sich auf den Weg.
Die beiden Spitzen des Teams für Secret Invasion sind im Marvel-Universum allseits bekannt. Der Autor, Brian Michael Bendis, konnte durch diverse Veröffentlichungen im Ultimativen Marvel-Universum auf sich aufmerksam machen. Besonders ragen hier Spider-Man und X-Men heraus. Im normalen Marvel-Universum bestachen besonders Moon Knight und das House of M. Leinil Francis Yu hingegen hat sich als Zeichner für Events in den letzten Jahren etablieren können. Superman: Birthright wie auch einige gewichtige Ausgaben der X-Men hat der Comic-Fan Yu zu verdanken.
Yu arbeitet sehr exakt. Seine Kompositionen sind stets sehr eckig, kantig, aber in ihrem Gesamteindruck auch zerbrechlich. Er zeichnet gerne komplexe Strukturen mit einer Kombination aus vielen kleinen Strichen. So wirken seine Zeichnungen stets sehr konstruiert, wenig spontan. Aber Yu ist auch immer auf Übersichtlichkeit bedacht. Er begeht nicht den Fehler, sich in Details zu verirren. So entsteht für den Leser eine äußerst leicht zu lesende, fast filmisch zu absolvierende Seitenaufteilung.
Bendis beschert seinem Zeichner entsprechend filmreife Ideen. Die Secret Invasion bezeichnet die schleichende Machtübernahme durch das Volk der Skrulls. Dieses Volk mit seinen gestaltwandlerischen Fähigkeiten hat sich viele Positionen und Identitäten erobert, die der Leser nicht vorhersehen konnte. Für Marvel bietet sich so die Gelegenheit, eine ganze Reihe von Ereignissen zu erklären, nicht zuletzt den vermeintlichen Tod von Captain America. (Verbunden mit der Gelegenheit, den Captain wieder ins Leben zurückzurufen.) Doch vorher stehen die Überraschungen. Alleine in dieser Ausgabe werden einige Skrulls ihre Undercover-Tätigkeit auf- und sich zu erkennen geben.
Es stellt sich natürlich die Frage, wie es den Skrulls gelingen konnte in einige Schlüsselpositionen zu gelangen, ohne dass es von ihrem Umfeld bemerkt werden konnte. Diese Frage stellen sich alsbald auch die Helden. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist hierbei, dass sie nicht mehr auf herkömmliche Weise enttarnt werden können. Ein Thema, das in dieser Ausgabe noch für ziemlichen Schrecken sorgt. Und nicht nur das. Eine Begegnung sorgt für derart viel Verwirrung, so dass nicht nur den Helden sehr bald der Durchblick fehlt.
Bendis erzählt mit Genuss. Man kann sich förmlich vorstellen, wie er am Schreibtisch saß und mit Spaß und Grimm die Einzelteile der Handlung verschachtelte und jeden einzelnen Wende- und Höhepunkt sorgfältig einsetzte. Yu seinerseits erhält dadurch einzigartige Szenen, die es vorher nicht zu bestaunen gab.
Ein geheimer Kampf gegen Außerirdische geht in seine finale Runde. Die Skrulls machen den Helden wieder einmal das Leben schwer, aber anscheinend war es bisher nicht schwer genug. Denn Brian Michael Bendis hat sich viele fiese Szenen einfallen lassen, die selbst den belesenen Marvel-Veteranen das Staunen lehren. Ein spannender Auftakt, der nach mehr verlangt. 🙂
Links:
www.jinxworld.com (Brian Michael Bendis)
kwanchang.com (Leinil Francis Yu)
Es hat schon viele Zombie-Jäger gegeben. Der Goon ist einer davon. Und er ist kein schlechter. Doch es gibt immer welche, die den Job besser machen. Vielleicht machen sie es, weil sie mehr Leidenschaft für ihre Arbeit an den tag legen. Vielleicht haben sie ganz einfach Hunger: So wie der Bussard. Während eines Gefechtes mit einer Horde Untoter ist er plötzlich da. Seine Waffen vernichten die monsterhaften Quälgeister gleich reihenweise. Lazlo, einer der Untoten, erkennt den Angreifer wieder. Für ihn bedeutet das nur noch eines: Flucht.
Die ersten Geschichten um den Goon waren anders, sie waren gut, sie strahlten erzählerische Anarchie aus. Der zweite Band ist besser. Wer den ersten Band kennt, dem wird sofort auffallen, dass Autor und Zeichner Eric Powell immer noch unangepasst ist, aber seine zeichnerischen Qualitäten gesteigert hat.
Stirb, Fisch, stirb!
Fishy Pete hat dem Goon eine Falle gestellt. Das mag für den Leser, der keine Ahnung hat, was für Geschichten über den Goon existieren, sich vielleicht wie ein Einleitungssatz eines kleinen Gangsterdramas anhören. Fishy Pete, vielleicht ein Typ, der am Hafen sein Revier hat. Vielleicht ist es auch jemand, der Triefaugen und Hängebacken hat. Und der Goon? Das kann alles mögliche sein. Vielleicht ist er besonders stark? Das Problem ist (gut, es gibt keine Probleme, nur Lösungen), also, das Problem ist, dass niemand, der keine Ahnung von dem Goon hat, auch nur ansatzweise etwas von der Welt des Goon erraten könnte. Selbst wenn ihm gesagt würde, dass Zombies und ein Zombiepriester vorkommen, ja, selbst dann würden Mutmaßungen nicht an das herankommen, was Eric Powell sich hier ausgedacht hat.
Und das ist das Gute! Wer würde, ohne es zu wissen, hinter Fishy Pete einen überdimensionalen humanoiden Fisch vermuten, dessen Arme in Haken und Oberschenkel in Holzbeinen enden? Wohl niemand. Die Hand, die in der Tat aufs Stichwort aus dem Nichts erscheint und Fishy Pete eine … Nun, ihn unsanft an etwas erinnert, ist nur eine weitere Überraschung, die sich den gewöhnlichen Erzählregeln entzieht.
Sei es eine handfeste Geistergeschichte oder eine sehr überdrehte Rächergeschichte, Powell, Powell besticht durch ungewöhnliche Einfälle. Mitten in der Handlung wird dem Leser ein Werbespot serviert, nicht irgendeiner natürlich. Man könnte es als eine Humor im Stile eines Kentucky Fried Movie bezeichnen, sehr albern, absolut nicht massentauglich und politisch dermaßen unkorrekt, dass es nur so kracht. Da Powell schon einmal am Werk ist, darf auch der Weihnachtsmann nicht fehlen. Wurde der in Rot gekleidete Polbewohner seinerzeit von Judge Dredd noch als unerwünschter Eindringling vom Himmel geholt, entpuppt sich der Weihnachtsmann hier als echter Retter in der Not.
Seien wir ehrlich: Die Figur des Goon ist toll, aber … sein Sidekick Franky ist besser.
Nun, vielleicht nicht besser … Franky ist der kleine schmächtige Typ. Er ist drahtig, hat Muskeln, große Augen (wie eine Zeichentrickfigur aus den guten alten Tagen) und läuft meistens in einem Unterhemd durch die Gegend (wie die Gangster in den guten alten Tagen). Und viele Haare hat er auch nicht mehr. Aber er hat eine verdammt große Klappe und ist bis in die Haarwurzeln ein kleiner gemeiner Fiesling, wenn es darum geht Monster und anderes Geschmeiß zu vermöbeln (oder schlimmeres zu tun). Während der Goon eine Mischung aus Bud Spencer, dem Seewolf und Sylvester Stallone ist (dem hier die Gesichtszüge vollkommen entglitten sind), ist Franky eher eine Mischung aus Donald Duck, Kater Karlo und einem der kleinen Strolche (klingt merkwürdig, ist aber so).
Optisch hat sich Eric Powell seine Eigenständigkeit erarbeitet, er lässt sich aber dennoch vergleichen. Er hat stilistische Anteile eines Bernie Wrightson und Guy Davis, aber auch ein wenig Mike Mignola. In seinen rein farbigen Bildern, bei denen er auf Außenlinien verzichtet, kommt er durch seine Mischtechnik einem Simon Bisley nahe. Allgemein ist Powells grafische Arbeit recht schwermetallig.
Werwölfe als Reittiere, durchgedrehte Geister, natürlich Zombies, ein Wesen, das den Monty Pythons eingefallen sein könnte und ein autoritärer Weihnachtsmann: Das ist nur ein Ausschnitt aus Eric Powells anarchischem Humor. Powell kann mit dem zweiten Band auftrumpfen. Wer von pechschwarzem bis schwarzeslochschwarzem Spaß begeistert ist, der wird hier genau den richtigen Lesestoff finden. 🙂
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Dienstag, 17. März 2009
Los Angeles ist zur Hölle gefahren. Gut, werden einige sagen, denn da gehörte es schon seit langem hin. Leider ist es für die Bewohner der Stadt, die sich den Boden nun mit Dämonen aller Art teilen müssen, alles andere als gut. Inzwischen haben verschiedene Dämonen-Lords die Stadt unter sich aufgeteilt. Sie dachten, sie könnten nun schalten und walten, wie es ihnen beliebt. Aber sie haben sich getäuscht. Angel, sein Drache und einige seiner Freunde haben den Dimensionssprung ebenfalls geschafft. Und Angel macht, was er immer macht: Aufräumen! Er vernichtet die Bösen (und davon gibt es nun noch mehr als früher) und sammelt die Guten (die normalen Menschen) und schickt sie zu einer Stelle, wo sie in Sicherheit sind: Zu seinem Sohn.
Angel schaffte leider keine sieben Staffeln wie Buffy. An Dramatik brauchte sich die Ablegerserie um den Vampir mit Seele nicht hinter dem Original Buffy zu verstecken, dennoch war nach Ablauf der fünften Staffel Schluss. Joss Whedon konnte nach dem Erfolg der Fortsetzung von Buffy im Medium Comic auch eine Plattform für Angel finden. Gemeinsam mit Co-Autor Brian Lynch setzt Angel seine Serie im Comic mit der sechsten Staffel fort. Jegliche Grenzen können, wie auch bei Buffy, nun gesprengt werden. Ob Großaufnahmen von Gesichtern oder hammerharte Spezialeffekte mit Drachen, es ändert nichts an den Produktionskosten.
Es hat sich einiges geändert. Nach der ersten Fernsehstaffel ließ Whedon schon ein bekanntes Gesicht über die Klinge springen. Hier lernt der Leser seine bekannten Helden in neuen Rollen kennen, die, einfach gesagt, recht ungewöhnlich sind. Gunn, lange Zeit ein wichtiger Mitstreiter von Angel, hat nun seine eigene Vampir-Gang. Spike offenbart eine neue Seite, die man ihm nicht zugetraut hätte. Und Angel … Nun, mit ihm ist auch etwas besonderes geschehen. Der Auftakt der Comic-Staffel besticht durch den gewohnten Humor.
Hey, Mann, tolle Seele!
Manche Dämonen, die auf weiß gestrichenen Gartenzäunen hocken, können sehr tief blicken. In der Umgebung von Lorne ist alles Friede, Freude, Eierkuchen. (fast möchte man behaupten, im wahrsten Sinne des Wortes). Die Konstellation von Angel und Spike, ein Verhältnis, das stets unter einer gewissen Spannung stand, hat sich nicht sonderlich gebessert. Manche Scherze passieren in bester Klamaukmanier eher nebenbei (man beachte einen außerordentlichen Kampf des Drachen). Das Design einiger Dämonen ist auch einen Schmunzler wert.
Eigentlich ist der Untergang von Los Angeles bereits ein Wendepunkt im roten Faden der Serie. Whedon und Lynch schlagen einen neuerlichen Haken. Die Herrschaft der einzelnen Dämonen-Lords soll gebrochen werden. Angel will über Los Angeles herrschen. Das geht nicht ohne Kampf ab, versteht sich. Es lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass Lynch den Zeichner Franco Urru mit sehr vielen Szenen versorgt hat, in denen es schlichtweg rund geht. Stilistisch erinnern Urrus Bilder, obwohl farbig gehalten, an Ryoichi Ikegami, der mit seinen Bildern zu Crying Freeman bekannt wurde.
Urru zeichnet mit einem harten, beinahe rabiaten Strich. Der Zeichner legt Wert auf möglichst realistische Figuren, auch grausige Figuren, von denen er in Form von Dämonen und Vampiren reichlich zu bewältigen hat. Manchmal wirken die Linien, wie mit dem Filzstift gezogen, ein anderes Mal sehen sie wie gemeißelt aus. In letzterem Fall könnte es sich auch um einen Holzschnitt handeln. Nebenbei werden kleine Anspielungen eingeflochten. Wer sich das Buch betrachtet, aus dem Angel magische Sprüche liest, um seine Heilung zu fördern, könnte ein anderes bekanntes magisches Buch fallen, das nur nach Nennung von drei Namen aufgehoben werden darf (es ist noch nicht lange her, da hatte dieses Buch einen weiteren Gastauftritt bei den Marvel Zombies).
Gleich drei Koloristen teilen sich die Arbeit. Jason Jensen, Art Lyon und Ilaria Traversi arbeiten bei größeren Flächen wie Hintergründen, Böden und Wänden gerne mit Mustern und hellen diese nach Bedarf auf oder dunkeln sie ab. Grundsätzlich wird mit einer Grundfarbe gearbeitet. Schattierungen werden mit Verläufen, Lichter mit häufig mit der Airbrush-Funktion des jeweiligen Grafik-Programms aufgesetzt.
Angel kann auch anders, nämlich noch aufwendiger. Die sechste Staffel wäre so im Fernsehen nur schwer zu realisieren gewesen (mit einem Drachen!). Whedon und Lynch können hier ohne Rücksichten auf Budgets erzählen und sich steigern. Aus dem Universum von Angel ist eine apokalyptische Fantasy-Welt geworden. Heftig und gut. 🙂
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Sonntag, 15. März 2009
In einer ganz normalen Welt (mit Superhelden und Superbösewichtern), die durch Zombies infiziert wird, müssen sich die Guten und die Bösen entscheiden, ob sie weiterhin gegeneinander kämpfen wollen. Oder kämpfen sie Seite an Seite?
Dynamite Entertainment, in der letzten Zeit immer für eine Überraschung gut (man denke nur an Red Sonja, The Lone Ranger oder Army Of Darkness), kommt nun mit einer Geschichte, die ein wenig an die Marvel Zombies erinnert. Doch bei Dynamite stellen sich Helden und Verbrecher gemeinsam gegen die Plage. Aber einfach scheint auch dieser Kampf nicht zu werden.
Links:
8 Seiten Vorschau unter Newsarama.
Trailer auf der Startseite von Dynamite Entertainment.
Liste der bisherigen Ausgaben.
Einige der Titel des Verlages mit deutlichem Schwerpunkt auf Horror- und TV-Umsetzungen haben es schon nach Deutschland geschafft (z.B. The Boys, The Lone Ranger), vielleicht kommen die SuperZombies auch. 🙂
Samstag, 14. März 2009
Zwar haben die Kinder Paris nun hinter sich gelassen und damit auch ein gefährliches Pflaster, in dem entkommene Zirkustiere das Leben erschwerten, doch leichter wird es für sie trotzdem nicht. Außerhalb der großen Stadt haben sich noch andere Tiere zusammengerottet. Einst waren sie der beste Freund des Menschen. Nun, da dieser verschwunden ist, haben sie sich wieder zu Rudeln zusammengeschlossen und gehen auf die Jagd: Hunde. Die weitere Fahrt hätte so schön sein können, aber die Hundemeute setzt sich auf ihre Fersen und jagt dem alten Bus hinterher, in dem die Kinder unterwegs sind.
Sie haben schon nicht mehr daran geglaubt: Neben der Fahrbahn scheint plötzlich ein Licht in der Nacht auf. Andere Kinder. Dodji, Yvan, Leila, Camilla und der kleine Terry haben plötzlich wieder Gesellschaft. In einem Vergnügungspark haben sich viele andere Kinder verbarrikadiert. Saul, ein blonder schlanker Junge, hat diese Gruppe zusammengeschmiedet und ihnen neue Regeln gegeben. Sie nennen sich selbst: Haifisch-Clan.
Die Katastrophe, während der alle Erwachsenen von einer Sekunde auf die andere verschwanden (sowie ein Großteil der Kinder), wird für die fünf Kinder, die der Leser im ersten Band kennen lernte, langsam zum Normalzustand. Sie haben gelernt, mit der Situation umzugehen. Sie improvisieren, lernen dazu, übernehmen Verantwortung füreinander und ergehen sich in Aufgabenteilung. Die kleine Gruppe ist durch die Vorkommnisse bei aller Unterschiedlichkeit zusammengeschweißt worden.
In einem Vergnügungspark findet die Geschichte nun ihren vorläufigen Höhepunkt und erinnert an dieser Stelle wohl am stärksten an den Herrn der Fliegen von William Golding. Im Vergnügungspark, der eine Insel- und Piratenwelt nebst Meeresshow darstellt, haben sich die versammelten Kinder allesamt als Piraten verkleidet und folgen ihrem Anführer Saul, der hochherrschaftlich residiert und die Gesetze erlassen hat. Ein leibhaftiger Hai in einem großen Wasserbecken gibt dem selbsternannten Clan seinen Namen. Gleichzeitig dient er als Druckmittel zur Erhaltung der Ordnung, wie auch zum Vergnügen.
Fabien Vehlmann zeigt ein für Kinder seltsames, aber beileibe nicht außergewöhnliches Verhalten. Mit einer geradezu verzweifelten Komik versuchen sie unter der Führung von Saul eine Art Gesellschaftsform zu entwickeln, die einer Erwachsenenwelt nachempfunden ist. Saul greift bei seiner Form der Gemeinschaft (ein Missgriff von Fehlmann, aber häufig nicht anders von Autoren zu erwarten) auf Vorlagen zurück, die er aus Büchern hat: Themen aus dem Dritten Reich.
Es ist ein Szenario, das, auch durch die Bekleidung der Kinder, an Geschichten wie Hook erinnert und die Gemeinschaft der verlorenen Jungs. Und verloren sind sie. Dank Saul irren sie durch Rituale wie das der Verheiratung per Losentscheid. So findet sich Camilla, 8 Jahre, bald in einer Ehe mit Saul, 11 Jahre, wieder. Saul bereitet sich außerdem darauf vor, Nachkommen in die Welt zu setzen. Dies ist die verzweifelte Komik und sie wird von Vehlmann sehr treffend erzählt, teilweise düster, wenn die Befehlsstrukturen einer Hitler-Jugend greifen, aber es ist unter dem Strich auch sehr traurig. Vehlmann schlägt für den Leser willkommene Haken. Aus dem Endzeittrauma wird ein Drama und schließlich erwartungsgemäß die Tragödie. Vehlmann gönnt seinen Helden nichts. Bislang bleiben sie am Leben, doch derart wie die Handlungen ihren Verlauf nimmt, sollte man als Leser nicht darauf wetten, dass es so bleibt.
Bruno Gazzotti, Zeichner dieser Comic-Reihe, bleibt bei sehr geradlinigen Gestaltung. Er bleibt cartoony und entschärft das Szenario. Die Ernsthaftigkeit, die Vehlmann bei seiner Erzählung an den Tag legt, findet sich in den Bildern nicht wieder. Sicherlich verfügt Gazzotti auch mit diesen Figuren über alle Möglichkeiten, um Emotionen zu wecken, ganz bestimmt schafft er es mittlerweile eine sehr große Sympathie für die fünf Freunde zu entfachen. Die optische Mischung der fünf Helden stimmt ganz einfach. Ähnlich wie man es bei einem Casting vermuten würde, bei der möglichst echte Charaktere zu einem Ganzen zusammenfinden, sind auch diese Fünf, Dodji, Yvan, Leila, Camilla und der kleine Terry, perfekt aufeinander abgestimmt.
Eine sehr spannende, aber im weiteren Verlauf auch über die Maßen traurige Episode. Ein kleiner Hinweis sagt etwas über das Schicksal all der verschwundenen Menschen aus, doch nicht genug, um genauere Vermutungen anzustellen. War spannend, bleibt spannend, unterhält perfekt. Was will man mehr? 🙂
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Ein neues Zuhause. Die kleine Coraline zieht mit ihren Eltern in das alte mehrstöckige Gebäude. Nur zwei ältere Damen und ein knurriger alter Mann teilen mit ihnen das Haus. Coraline fühlt sich einsam. Außerdem hat sie Langeweile. Ihre Eltern haben kaum Zeit für sie. Eine Tür im Haus, die eigentlich verschlossen sein sollte, lässt sich doch öffnen und lädt in eine viel schönere Welt ein. Eine Welt, in der Coraline alles spielen darf, alles essen darf, was sie will, ja, in der sie alles darf: Nur nicht zurückkehren!
P. Craig Russell ist ein Minimalist. Aber was für einer! Die Optik seiner Bilder erinnert an einen furchtbar feinen Holzschnitt. Deshalb mutet seinen Grafiken stets etwas märchenhaftes an, ganz gleich mit welchem Thema er sich gerade beschäftigt. Und er scheint zu wissen, dass er genau diese Gabe besitzt. Nicht umsonst befasste er sich für den amerikanischen Verlag Dark Horse mit Wagners Ring der Nibelungen. (Ein 200seitiges Werk, das leider meines Wissens nach noch nicht auf Deutsch vorliegt, obwohl es schon 2002 erschienen ist. Eine 11seitige Vorschau ist unter darkhorse.com abrufbar.) Wer auf seiner Homepage pcraigrussell.net schaut und das Cover eines Spectre-Heftes begutachtet, auf dem Coraline auf dem Knie eines riesigen Skeletts sitzt und mit diesem Tee trinkt (!), versteht sofort, was gemeint ist.
Was Coraline und der Spectre gemeinsam haben, steht auf einem ganz anderen Blatt. Zurück zu eigentlichen Geschichte, die ursprünglich von Neil Gaiman erdacht und als Roman niedergeschrieben worden ist. Gaiman ist der Mann des seltsam merkwürdigen und ungewöhnlich Phantastischen. Bücher wie American Gods, Sternwanderer oder Coraline sind nicht erst dafür verantwortlich, dass er an der Spitze der Fantasy-Autoren zu finden ist. Obwohl er sich auch mit normalen Superhelden beschäftigte, ist sein Sandman bei Marvel ein Riesenhit geworden. Mystisch verträumt ist der Sandman nicht die gewohnt leichte Comic-Kost.
Coraline: Die Geschichte eines Mädchens, das sich nach mehr Aufmerksamkeit sehnt. Eine geheimnisvolle Tür in einem nur selten benutzten und altmodisch eingerichteten Zimmer führt sie in einer andere Welt. Sie ist der ihren sehr ähnlich, doch die Mutter ist ein Monster.
Als Kinderliteratur von Neil Gaiman ersonnen, hat P. Craig Russell noch etwas mehr daraus gemacht. Er zeichnete die Geschichte nicht nur, er adaptierte den Text auch für das Medium Comic. Äußerlich unterscheiden sich die neuen Eltern von Coraline nur durch ein kleines Detail: Sie haben Knöpfe als Augen. Mit derlei gruseligen Instrumentarien wird der unterschwellige Horror in dieser Geschichte erschaffen. Coraline lässt sich von diesem Detail zuerst nicht schockieren. Erst als ihr angeboten wird, in diese andere Welt ganz überzuwechseln und als Zeichen dafür auch Knopfaugen zu tragen, setzt ihr Rückzug ein. Aber damit beginnt auch gleichzeitig der Kampf.
Coraline ist keine Alice im Wunderland, obwohl Gaiman Parallelen in der Struktur der Handlung nicht ganz leugnen kann. Ein wenig fühlt man sich als Leser auch an Der Dieb der Zeit erinnert, eine Märchengruselmähr von Clive Barker, einem anderen Meister des Phantastischen. Hier wie dort gerät ein Kind in eine andere Welt und erkennt über kurz oder lang die Falle und versucht zu fliehen. Coraline erhält, um freizukommen, eine ganz einfache Aufgabe. Sie muss drei Seelen von Kindern finden, die der falschen Mutter bereits vor langer Zeit ins Netz gingen. Die Suche bewirkt nicht den Grusel, vielmehr stößt Coraline bei ihrer Suche vor einer harmlosen Kulisse auf die furchtbaren Veränderungen, die ihre Mutter vorgenommen hat. Aus einem Streifzug durch das Haus wird eine lebensgefährliche Angelegenheit.
P. Craig Russell verwendet zur Umsetzung einen derartig zarten Strich, dass dieser Horror zuerst unbegreiflich bleibt und auf den zweiten Blick zündet. Spätestens mit dem falschen Vater, der sich in eine ghoulähnliche und schleimige Kreatur verwandelt, kippt die Zartheit des ersten Eindrucks. Russell lässt seine Technik gegen den Horror der Handlung antreten. Mit diesem Gegensatz arbeitete schon bei Conans Abenteuer Die Juwelen von Gwahlur. Es ist verblüffend, wie er damit die Erwartungshaltung des Lesers angesichts der harmlosen Optik (Es wird schon nichts passieren.) durchkreuzt.
Eine grafisch auf dem zweiten Blick beeindruckende Literaturumsetzung einer Vorlage von Neil Gaiman. Der Schrecken schleicht sich langsam, dann jedoch mit Macht ein. Tapferkeit, Erfindungsreichtum und Vertrauen ist der Schlüssel zur Rückkehr. Tolle Unterhaltung und mit einem Umfang von 200 Seiten ist für einen längeren Leseabend gesorgt. 🙂
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Ein auf der Website comicconnect.com angebotener Comic sorgte neulich für Furore: Action Comics 1, Supermans erster Auftritt. 1938 für gerade einmal 10 Cent über den Ladentisch gegangen, lag die gebotene Summe sehr bald schon bei 200.000 Dollar. Inzwischen ist die Auktion vorüber und das Heft hat den Besitzer gewechselt. Der Preis: 317.200 Dollar. Ein hübsches Sümmchen! Verkäufer und Käufer blieben unbekannt. Allgemein geht es bei Comic Connect um hohe Summen, jedenfalls für Comic-Hefte. Wer einfach mal in Comic-Nostalgie schnuppern möchte, sollte einen Blick riskieren. 🙂
Freitag, 13. März 2009
Junge Männer brauchen eine Herausforderung, insbesondere junge Revolvermänner. Wenn sie wie der junge Roland Deschain noch ihrem Hass folgen, dann muss sich jeder hüten, der es wagt, ihnen in den Weg zu treten. Roland will seine Prüfung vor der Zeit ablegen. Seine Waffe, mit der er gegen den Lehrmeister antreten will, ist sein Falke, sein Freund. Roland ist für sein Alter impulsiv. Obwohl er eine strenge Erziehung genossen hat und er sich auch selbst zu maßregeln versteht, drängt die Jugend durch, die mit Wucht ein Problem hinfort spülen möchte. Ganz besonders dann, wenn dieses Problem ein Mensch ist, an dem sich Rache üben lässt.
In einer Prachtausgabe kann der Leser nach der Erscheinung im Originalformat vor einiger Zeit noch einmal die ersten Abenteuer von Roland Deschain nachlesen. Neben dem tollen Format erwarten den Leser 40 Zusatzseiten, die einen weiteren ungewöhnlichen Einblick in die Welt des Dunklen Turms geben.
Die Kunst von Jae Lee und Richard Isanove lag bisher nur im gewohnten Heftformat vor. In Albumform erhalten die Bilder einen qualitativen Schub, der außerordentliche Einblicke gibt. Die tolle Druckqualität untermauert den Gesamteindruck zusätzlich. Die Geschichte, der sich die beiden Ausnahmekünstler widmen, startet in der Adaption von Robin Furth und Peter David ungewöhnlich, aber nicht außergewöhnlich. Hier merkt man als Leser noch nicht die enge Verbundenheit von Furth mit dem Projekt. Sie stand Stephen King, dem Autor der siebenteiligen Romanreihe, lange als Assistentin zur Seite und betreute insbesondere Den dunklen Turm sehr stark mit. Sie ist verantwortlich für die beiden Nachschlagewerke, die als Zusatzmaterial zu der von King geschaffenen Welt erschienen sind.
Im zweiten Kapitel des vorliegenden Bandes bricht die Geschichte ohne Umschweife aus der bisherigen Vermischung von Fantasy und Western aus. Plötzlich steht der Leser dem schwarzen Mann, Martin Broadcloak, gegenüber. Mehr noch, der Leser darf einen Dialog zwischen dem Zauberer und dem Fürsten der Finsternis belauschen. Anschließend erlebt der Leser die Macht des Magiers, der sich durch einen Zaubertrick aus der Affäre zieht. Ganz klassisch erfährt der Leser, dass der Revolvermann, Roland Deschain, dereinst zur Bedrohung für den Satan werden wird.
Die Bilder wie auch die Erzählung bestechen durch ihre scheinbare Einfachheit. Eine rote Hölle schlägt dem Leser mit einer sehr intensiven Leuchtkraft entgegen. Felsnadeln recken sich einem unerkennbaren Himmel entgegen. Körperteile ragen spärlich auf Lanzen aufgespießt aus der Tiefe hervor. Ein pechschwarz glänzender Spinnenkörper mit einem vage menschlichen Gesicht weidet eher nebensächlich ein bedauernswertes Opfer aus. Daneben verläuft die Konversation zwischen Meister und Diener.
King, oder besser der für die Adaption mitverantwortliche Peter David, lässt einen wohligen Grusel entstehen. Lee und Isanove fügen durch ihre Bilder noch einen Schuss Horror hinzu. Doch Kind wäre nicht King, würde er nicht mit dem Leser Achterbahn fahren. Die Gardisten, die kurz darauf eintreffen und Martin Broadcloak verhaften sollen, werden von ihm kurzerhand in Möpse verwandelt.
Die Mixtur aus schwarzen Flächen harten Kontrasten hat einen surrealistischen Charakter. Die zumeist mit einem Grundton versehenen Seiten, die durch zusätzliche Farben eine Akzentuierung erfahren, verfeinern den Eindruck, als schaue man durch einen sehr durchsichtigen und dünnen Vorhang in diese Welt. Ein passendes Beispiel für diesen Eindruck ist der Ritt der Freunde durch den Eyebolt Canyon. Als habe der Meister des Surrealen persönlich, Salvador Dali, sich des Szenarios angenommen, so wellen sich die Felsen empor und wirken wie Schlacke. Die Auseinandersetzungen und Schießereien gegen Ende sind schließlich wieder großes Kino, für das ein Sergio Leone Pate gestanden haben könnte.
Die Geographie, Mythen und Legenden zu Mittwelt werden mit schönen (auch gruseligen) Illustrationen im Anschluss an die eigentliche Erzählung nähergebracht. Sie lesen sich wie Sagen einer anderen Welt als der Unseren, irgendwie verdreht, wie im Rausch geschrieben, aber auch anziehend und aufregend.
Lieben oder hassen: Etwas anderes gibt es nicht über die Geschichte des dunklen Turms zu sagen. Entweder man lässt sich hineinziehen, aufsaugen, mitreißen oder man wird abgestoßen. Wenn man jedoch den Zugang findet, öffnet sich eine außergewöhnlich andere und über die Maßen spannende Fantasy-Geschichte. Der dunkle Turm in dieser Form ist ein optisches Erlebnis wie in einem Traum, sagenhaft und leuchtend. Der erste Band ist ebenso prachtvoll wie seine Aufmachung. 🙂
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Mittwoch, 11. März 2009
Tabora in Tansania. Es ist eine kleine Stadt. Sie ist ihren Bewohnern eine Heimat, aber sie ist nichts besonderes. An dem Tag, als die drei Attentäter ihren Wagen mitten unter den Passanten anhalten und sich in die Luft sprengen, ändert sich das. Iron Man befindet sich zu diesem Zeitpunkt im All und repariert eine Raumstation. Wieder auf dem Boden hofft er als Tony Stark auf einige Momente der Entspannung, aber er sieht sich getäuscht. Das Attentat hat wegen seiner Sprengkraft nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Die verwendete Technik ist verdächtig. SHIELD schaltet sich ein.
Unterdessen spricht Ezekiel Stane bei dem Vorstand von Jones-Reynolds-Jones vor. Zwar hat er keine Waffe dabei, gefährlich ist er dennoch. Stane braucht keine Waffe. Der junge Mann hat inzwischen derart viele Modifikationen an seinem eigenen Körper vorgenommen, dass sein Körper zur Waffe geworden ist. Für ihn gibt es nur ein Ziel: Er möchte ein verbesserter Iron Man werden, eine Art Iron Man 2.0.
Nach dem Erfolg des Kinofilms um den Industriellen Tony Stark und seinen Werdegang zu einem der bekanntesten Superhelden des Marvel-Universums kehrt der Eiserne nun auch mit einer neuen Comic-Serie zurück. Tony Stark ist hier Direktor von SHIELD und er ist IRON MAN. Ein Posten wäre schon aufreibend genug, beide gehen an die Substanz. Tony würde gerne Teile seines Playboy-Lebens zurückholen, allein die Zeit ist viel zu knapp dafür.
Matt Fraction, ein junger Wilder im Comic-Gewerbe, sozusagen ein Shooting Star unter den Comic-Autoren, hat sich mit diversen Publikationen einen Namen gemacht. Neben IRON MAN schrieb er auch für X-Men, Spider-Man oder Punisher. Mit einigen One Shots für Thor fiel er besonders auf. Nun widmet er sich IRON MAN und verdammt ihn prompt zum alten Eisen. Die Technik geht weiter, evolutionär könnte man sagen. Der Sohn seines alten Feindes Obadiah Stane, Ezekiel (sehr prophetisch), macht sich Tonys Technik zunutze und verbessert sie. Zwar hat Tony seit der Entstehung seines Alter Egos IRON MAN selbst viele Verbesserungen erfahren, aber nie waren sie derart drastisch, wie es sein neuer Feind anstrebt.
Fraction holt außerdem Terroristen wieder als Gegner hervor. Jüngst nach dem 11. September 2001 wurden sie stark im Marvel-Universum thematisiert. Der Anschlag selber fand Erwähnung, aber z.B. auch Captain America trat Attentätern auf verschiedene Weise entgegen. Der Civil War griff die Thematik von terroristischen Anschlägen ebenfalls auf, immerhin kostete ein Anschlag sogar Cap das Leben. IRON MAN nennt sie Genozid Guerillas, hauptsächlich Männer, die zu lebenden Bomben werden.
Ein Paradebeispiel dieses Szenarios, gezeichnet von einem der Ausnahmekünstler im Comic-Gewerbe: Salvador Larroca, findet in Manila auf den Philippinen statt. Larroca weiß ohnehin, wie ein realistisches Bild zu Papier zu bringen ist. Die Farbgebung allerdings macht das Szenario, das nicht nur spannend ist, zunehmend gruseliger. Die Attentäter beginnen zu glühen, bevor sie explodieren. Ihr Skelett scheint durch die Haut. Die Farbgebung ist sehr fein und weitestgehend ohne erkennbare Abstufungen aufgetragen. Einziger Nachteil ist die manchmal metallisch schimmernde Hautfarbe der Menschen, die stellenweise auch etwas zu dunkel angelegt ist. Aber das ist angesichts der tollen grafischen Eindrücke nur Korinthenkackerei.
Spannung und Drama (arme Pepper) werden hier perfekt von Matt Fraktion und Salvador Larroca verschürt und serviert. Ob die Terroristenthematik ins Superhelden-Genre passt, muss jeder Leser für sich selber entscheiden. Rein optisch ist dieser Serienauftakt eines der Zückerchen der letzten Zeit. 🙂
Dienstag, 10. März 2009
Eigentlich sollte man in einer Muschel das Meer rauschen hören. Aber Isnogud, der mit seiner Fragerei den Andenkenhändler gehörig genervt hat, flutscht gleich am Stück durch die Muschel und landet wie durch Zauberhand auf der Andenkeninsel. Und was das für eine Insel ist! Muscheln bedecken den Strand und spießförmig konstruierte Türmchen wachsen aus der Wiese. Es ist eine Welt, in der sich ein Andenkenhändler selber wegradieren kann. Am Ende … Nun, fest steht, dass sich Isnogud die Welt so nicht vorgestellt hat.
Himmel und Hölle. Wie macht man aus einem recht alten und bekannten Kinderspiel einen wunderbaren Sketch? Rene Goscinny hat dieses Meisterstück (und genau das ist es) des Humors mit einem ganz kleinen Trick bewerkstelligt. Wer es aus der Hölle, am unteren Ende der auf dem Boden nummerierten Kästchen, hüpfend in den Himmel schafft, am oberen Ende der Kästchen, wird wieder zum Kind. Für Isnogud ist dieser Zaubertrick eine tolle Sache. Jetzt muss nur noch der Kalif dazu gebracht werden, über die Kästchen zu hüpfen und schon ist er minderjährig und nicht mehr regierungsfähig.
Aber, wie so oft, wenn Isnogud seinem Kalifen eine neue Falle stellt, muss diese auch getestet werden. Ein im wahrsten Sinne des Wortes kindlicher Spaß, nur zu kurz. Dafür lässt es Goscinny im ersten Teil dieses Sammelbandes so richtig krachen. Schlag auf Schlag kommen die Gags unter dem Titel Isnogud der Listige. Der Großwesir ist hier zwar wieder einmal sehr bemüht am Werke, doch vom Glück gesegnet, ist der von Missgunst zerfressene hohe Beamte im Dienste des Kalifen von Bagdad nicht.
Ich will ein Walkie-Talkie!
Zwar versucht es Isnogud einmal durch die Blume zu sagen, doch in einer anderen Episode ist es so klar wie Kloßbrühe: Jeder in Bagdad weiß um den Wunsch des Großwesirs. Nur der Kalif weiß es nicht. Goscinny kann sich eine Verbindung des magischen Bagdad mit unserer Welt nicht verkneifen. Eines Tages gelangt Isnogud in den Besitz eines Ottoquell-Katalogs. Mit diesem wundersamen Druckwerks lässt sich einfach alles bestellen, vorzugsweise das, was in der Welt von Isnogud noch gar nicht existiert. Sobald der Großwesir über ein Walkie-Talkie Kontakt zu einer französischen Polizeistreife aufnimmt und diese für Dschinnis hält, ist vom Schmunzler bis zum Brüller alles drin.
Der Humor von Isnogud ist einigermaßen albern. Wer sich an Louis de Funes erinnern kann, ganz gleich an welchen Film mit ihm, hat so ungefähr einen guten Ausblick auf den Humor, der ihn bei Isnogud erwartet. Es ist ein Humor, wie er gerne einmal kopiert wurde, auch im nichtfranzösisch sprechenden Ausland, aber erreicht wurde er andernorts nur sehr selten. Goscinny wusste, und das zeigt sich hier einmal mehr, wo er zu beginnen hatte und wo Schluss war. Paradebeispiele im zweiten Teil des vorliegenden Sammelbandes sind Der Türkenkopf (über ein verzwicktes Puzzle), Ein Gesang, der erstarren lässt (über eine außergewöhnliche Meerjungfrau) und Der magische Kalender, in dem sich Zeichner Jean Tabary höchstselbst einen Gastauftritt hineingezeichnet hat. Isnoguds Abenteuer oder auch Sketche, ganz wie es ein jeder für sich zu definieren vermag, sind teilweise wie ein Countdown konstruiert und zu jeder Stufe mag man denken: O, nein, der arme Kerl! Oder: Geschieht dir ganz recht!
Jean Tabary bringt sich als Zeichner mit alten Episoden ein, erkennbar an der deutlich schlankeren Gestalt Isnoguds und einem weniger ausgeprägtem Gesicht, doch vermehrt mit neueren Geschichten aus der Feder von Goscinny. Aus dieser neueren Zeit stammen die einseitigen Episoden des dritten Teils des Sammelbandes mit dem Titel Düstere Aussichten. Was wäre wenn oder besser: Wenn ich … wäre …
Mit einer einfachen Ausgangslage erzählen Goscinny und Tabary in wenigen Bildern einen Witz, einen Sketch, eine Annekdote. Dieser Ausbruch aus der gewohnten Erzählweise ist auf den ersten Blick unspektakulär, aber am Ende hat man gerade diesen Teil am schnellsten verschlungen (lesend, versteht sich) und am meisten gelacht. (Besonders bei der vorletzten Episode. Warum, das soll jeder für sich herausfinden.)
Goscinny, ein Meister seines Fachs, fehlt in der heutigen Comic-Welt. Ein richtig würdiger Nachfolger ist noch nicht in Sicht. Sein Humor ist nicht nur zeitlos, er wird wie die Mode immer aufs Neue modern. Mit dem von Jean Tabary besonders später genial interpretierten Isnogud ist eine Figur entstanden, über die der Leser immer noch herzhaft lachen kann. 🙂
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