Freitag, 16. Dezember 2011
Sarah weiß nicht, was sie von dieser Umgebung halten soll. Zwar hat die freundliche Ärztin ihr gesagt, dass ihr geholfen werden solle. Dennoch kann sie diese Freundlichkeit nicht mit dem in Einklang bringen, das sie im Keller vorfindet. Die anderen Kinder, denen sie begegnet, die sie in einem Versteck vorfindet, von dem kein Erwachsener dieser Einrichtung erfahren darf, haben ähnliche Erfahrungen wie sie gemacht. Auch ihnen begegnete ein Monster und veränderte ihr Leben. Auch sie sind nun infiziert. Doch die Tragweite dieses Zustandes ist ihnen allen noch nicht bewusst.
Monster gibt es! Nur wenige wissen darüber Bescheid, noch weniger, jene, die einen Zusammenstoß mit diesen Kreaturen überlebten, können darüber berichten. Einige haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Wesen endgültig vom Antlitz der Erde zu vertreiben, sie für alle Zeiten zu vernichten. Ihre Form ist vielfältig. Sie sind Vampire, Werwölfe, sie können fliegen oder haben die Gestalt von Minotauren. Im Schloss der stummen Schreie werden Kinder gefangen gehalten, die möglicherweise der Schlüssel zur Vernichtung dieser Wesen sind. Oder zur Kontrolle. Dieser Fraktion, die halbmilitärisch agiert, steht ein Verbund gegenüber, viel mächtiger noch, unter der Kontrolle eines uralten Wesens, das bereit ist, für seine Ziele ebenfalls über Leichen zu gehen.
Nacht über Europa: Im unheimlichen Thriller von David Munoz scheint Nacht, das Zwielicht vorzuherrschen. Munoz erzählt die Handlung aus der Sicht von Sarah, einem kleinen Mädchen, das beide Elternteile und die große Schwester durch den Angriff eines der besagten Monster verloren hat. Lange wähnt sie sich allein, bis sie auf Leidensgenossen trifft und sich die Wahrheit langsam enthüllt. Es sind kleine Einblicke, die Munoz in seine Geschichte einbaut. Die Puzzleteile setzen sich zunächst nur sehr ungenau zusammen. Das Schloss der stummen Schreie spielt mit den Stilmitteln alter Horrorfilme und neuerer Erzählungen, wie sie derzeit sehr populär sind. Dabei gelingt Munoz ein Mittelweg und erinnert etwas an die Vampirserie Crimson von Humberto Ramos und Brian Augustyn, die vor einigen Jahren erschien.
Der im Mittelpunkt der Geschichte stehenden Sarah kommt eine ganz besondere Rolle zu. Aber die Frage ist: Wird sie am Ende Erlöser oder Vernichter sein? Ähnlich wie der erwähnte Zeichner Humberto Ramos kann auch der hier arbeitende Künstler seine Nähe zu amerikanischen und japanischen Publikationen nicht abstreiten. In den Frauengesichtern finden sich Mangaeinflüsse. Ansichten wie jene der Vampire haben eine optische Nähe zu Figuren, wie sie mit dem Kinofilm Blade II eingeführt wurden. Mit dem Minotaurus und anderen Tierwesen wird der phantastische Aspekt der Handlung auf sehr schöne Weise verstärkt, denn letztlich sind es auch diese Wesen, die den Horror der Nachtgestalten nicht teilen können.
Der Zwiespalt der Figuren wird sehr schnell deutlich. Auf der einen Seite stehen solche Kreaturen, wie sie auch in Cabal (nach einer Geschichte von Clive Barker) zu sehen waren. Diesen Zwiespalt heben Munoz und Tirso gleich zu Beginn der zweiten Episode mit dem Titel Demian in dieser Gesamtausgabe hervor. Keine der hier agierenden Seiten ist vollends einig. Dennoch driftet alles auf eine abschließende Entscheidungsschlacht zu, der nicht nur diese Geschichte vorausgeht, sondern eine Jahrhunderte andauernde Auseinandersetzung zwischen Monstern und Druiden, die heute unter der Bezeichnung Wissenschaftler bekannt sind.
Je mehr sich die Geheimnisse enthüllen, umso dichter wird die Figur der Sarah, die an ihrem Schicksal wächst. Tirso, in Zusammenarbeit mit dem Koloristen Javi Montes, arbeitet mit filmischen Eindrücken, imitiert Geschwindigkeit, die Rasanz von Kämpfen, die Schnelligkeit der Vampire. Er holt in Großaufnahme die Gesichter der Monster heran und verschleiert jene Szenen, die sich der Leser besser vorstellt. Montes zieht den Einsatz einer farblichen Grundstimmung vor oder bedient sich des Gegensatzes, indem er zwei Farbspiele auf einer Seiten einander gegenüber stellt. Düsternis ist Grundtendenz, aber Montes gibt ihr auch stets eine gewisse Leuchtkraft mit, die eine unheimliche, magische Atmosphäre stützt.
Wenn es die einen gibt, muss es auch die anderen geben: David Munoz erzählt von einem geheimen Krieg hinter den Kulissen der wirklichen Welt. In dieser Geschichte, im Umfeld des Schlosses der stummen Schreie, kommt es nach Jahrhunderten zu letzten Schlacht. Er mischt klassische und moderne Einflüsse, spielt mit Erwartungshaltungen und kreiert so manche Überraschung in dieser Gesamtausgabe, die die Einzelepisoden Sarah, Demian und Simon zusammenfasst. Ein grafisch gekonnt umgesetzter Monsterthriller mit einer perfekten Farbgebung.
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Samstag, 03. Dezember 2011
Mit der Diskette stimmt etwas nicht. Obwohl Fito den Speicherträger nach der Benutzung in dutzende kleine Einzelteile zerhackt, lässt ihn der Gedanke in dieses merkwürdige Ereignis nicht los. Als Clara, das Mädchen, das alle für Fitos Freundin halten, ins Koma fällt, hat der Junge ein Verdacht. Langsam kommt er dem Geheimnis dieser seltsamen Diskette auf die Spur, aber viel schneller ist klar, dass er Hilfe braucht. Gemeinsam mit Rafael, einem Spieletester, taucht er in eine Welt ein, von der er niemals geglaubt hätte, sie auf diese Weise zu erfahren.
Spieler, komm’ rüber! Was wäre, wenn ein Spiel Realität würde. In TRON wurde diese Frage gestellt und optisch sehr futuristisch aufbereitet. Für den normalen Spieler, heute und vor Jahren ebenfalls, ist die Spielelandschaft weitaus vielschichtiger. Das hat auch Juan Gimenez erkannt und schickt seine Helden auf unterschiedliche Missionen, die nicht immer etwas mit Kampf zu tun haben. Juan Gimenez, der sich mit Publikationen wie Die Kaste der Meta-Barone und Die vierte Macht einen Namen gemacht hat, schreibt und zeichnet mit Dein letztes Leben eine Art Action-Komödie.
Fito ist ein ganz normaler Computerspieler. Gimenez stürzt seinen jugendlichen Helden gleich auf der ersten Seite ins Abenteuer. Keine lange Einleitung: Eine neue Spielediskette (die Konzeption der Geschichte liegt wohl etwas länger zurück) wird in den Rechner geschoben und schon geschieht das Wunder. Die Welt um den Spieler herum verflüchtigt sich, der eigene Körper scheint sich aufzulösen (siehe auch das Motiv des Titelbildes), um sich im nächsten Augenblick in einer anderen Realität zusammenzusetzen. Fito findet sich vor einem riesigen Panzer wieder, viel zu groß und überladen, um echt zu sein. Die darauffolgende Begrüßung und die dargebotenen Möglichkeiten der verschiedenen Spiele überfordern ihn vollends und treiben ihn beinahe in den Wahnsinn.
Der Beginn ist von Juan Gimenez mit viel Ironie gestaltet. Fito erlebt die gesamte Vielfalt eines Spielerlebens auf einen Schlag: Den Aufmarsch von Computergegnern aller möglichen Genres, die ultimative Ansammlung von Geländeformationen und Fahrzeugen. Ironie ist eines, doch Gimenez ist natürlich vor allem für eines bekannt: Für seine grafische Meisterschaft. Diese kann er hier nach allen Regeln der Kunst ausleben. Die Geschichte, genauer die Spielwelten kennen keine Grenzen und als Leser ertappt man sich dabei, Fito möge doch bitte ganz schnell wieder die Realität verlassen und auf das Spieleraster wechseln.
Die Aquarelltechnik von Juan Gimenez lässt die Bilder leuchten, die Farben sind auf jeder Seite kräftig und der Künstler scheint es auch zu lieben, sich nach Science Fiction und Fantasy in der realen Welt austoben zu können. In dieser spielt Gimenez mit der Komödie, setzt ein wenig Drama hinzu, immerhin geht es auch um Leben und Tod. Leben, davon gibt es in der Spielewelt wenigstens drei Stück, aber mehr nicht. Gimenez setzt Fito und dessen neuem Freund Rafael, einem professionellen Spieletester, eine Hürde: Ist das letzte Spieleleben vertan, erwartet einen in der realen Welt das Koma. Das letzte Leben, so der Titel des Zweiteilers, will also gut verteidigt werden.
Und wie: Es beginnt mit Strip-Poker und endet bei einem Szenario, in dem sich Spiele wie Delta Force und Halo kreuzen. Selbst für hartgesottene Spieler sollte dieses von Gimenez erfundene Level eine schwer zu knackende Nuss sein. Grafisch hingegen schließt es sich den anderen Einsatzszenen und Kämpfen an, die mitunter auch recht blutig ausfallen. In der anderen Welt muss selbst der Tod noch eine makabre Inszenierung sein.
Dramatisch, auch lustig, sehr kurzweilig, toll illustriert von einer Comic-Ikone, garniert mit überraschenden Wendungen, wie es sich für Computerspiele gehört. Das Ende lässt einen mit Spannung den abschließenden zweiten Teil erwarten.
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Freitag, 02. Dezember 2011
Leiden. Liebe bedeutet Leiden. Für die junge Frau, Hana, vergeht die Zeit quälend langsam, denn sie sieht ihren Geliebten nur einmal im Jahr: Für ganze sechs Minuten. Hana vergeht vor Schmerz, vor Sorge, aber vor allem vor Liebe. Und dann ist es soweit. Licomte erscheint. Plötzlich fliegt die Zeit nur so dahin. Hana möchte einen Ausweg finden. Aber gibt es überhaupt einen? Der Fluch, der Hana-Rose und Licomte trennt, kann er gebrochen werden? Die verrückte Alte, diese Hexe, gibt Hana einen Rat. Obwohl der Weg beschwerlich ist, reist sie in die große Stadt. Sie verdient das Geld für die Reise mit ihrem Körper, allein, um das Wissen derer zu lüften, die helfen könnte: Die finstere Drachenkönigin.
Tehy und Lalie schließen mit diesem zweiten Teil die Geschichte um den Engel und den Drachen ab. Entgegen der üblichen Darstellungsweise bedienen die beiden Comic-Macher sich hier der 3D-Technik. In dieser Form ist das Ergebnis sehr comic-haft geworden und hinterlässt nur in den seltensten Fällen jenen puppenhaften Eindruck früher 3D-Tage. Individualität und kinoartige Inszenierung werden, so weit es möglich scheint, ausgeschöpft.
Perfekte Nebenrolle: Hexen haben seit jeher eine besondere Rolle in Geschichten. Vielleicht waren sie sogar die Vampire ihrer Zeitalter. In diesem Band kommt der alten Schachtel Hortensia Iguanabella die Rolle der Ratgeberin, auch der Stimme des Gewissens zu. Sie schaut in die Zukunft, sie feiert, sie lacht, empfindet Trauer und stets, so wirkt es, mit der größtmöglichen Intensität. Neben der hauptsächlich leidenden, wie auch von Hass erfüllten Hana-Rose, ist sie ein vielschichtiger und auch liebenswerter, weil aufrichtiger und geradliniger Charakter. Hortensia spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Sie kann Trost sein oder auch Ankläger.
Tehy und Lalie haben für sie das Äußere einer Gouvernante gewählt. Manchesmal mag sie auch an eine Matrone erinnern. Mit ihrer Frisur erinnert sie auch an den alten Dracula aus der Filmvariante von Francis Ford Coppola. Ihr erstes Auftreten ist entsprechend, nicht beißend, dafür im Ausdruck überaus bissig und gemein. Letztlich ist sie ein Mahner in der Wüste. Verzweifelt kann sie nur den Geschehnissen folgen. Bremsen kann sie diese nicht.
Drachen: Hana-Rose ist kein wirklicher Engel. Zu zerstört ist das Gemüt, zu verzweifelt die Seele. Aber die Drachen, die hier auftreten, besitzen jene urtümliche Kraft, jenes klassische Äußere, bei dem sich schon die Macher von Die Herrschaft des Feuers bedienten und es so einem breiteren Publikum zugänglich machten. Schlanke, stachelbewehrte Kreaturen mit ledrigen Schwingen, die Feuer speien und Hana-Rose beschützen, indem sie allzu aufdringliche Verehrer auffressen. Die zweite Hälfte des vorliegenden Bandes gerät so zu einer hoch dramatischen Handlung, grafisch opulent, leinwandtauglich (man meint hier und da typisch bombastische Musik zu hören, es kann nicht schaden, einen entsprechenden Soundtrack dazu einzulegen).
Ein sehr ansprechender zweiter und abschließender Teil: Märchenhaft, gruselig, grafisch ein kleiner Hhepunkt in dieser von They und Lalie in 3D ausgearbeiteten Form. Freunde klassisch gezeichneter Comic-Werke, die dennoch an Fantasy interessiert sind, sollten einen Blick riskieren.
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Dienstag, 22. November 2011
Winter. Der Schnee fällt unaufhörlich weiter. Mensch und Tier werden vom Hunger gequält. Obwohl er sich kein Jagdglück verspricht, wagt sich ein einzelner Mann, Horn, hinaus in den Wald. Doch längst wurde er zur Beute erkoren. Ora, seine Frau, kennt die Gefahren, aber sie hat auch Vertrauen, ist ihr Gefährte doch einer der besten Jäger des Clans. Leider irrt sie und eine alleinstehende Frau hat sich im Clan früher oder später unterzuordnen, ob sie will oder nicht. Tar-Khan, ein Kraftprotz, der sich nimmt, was er will, sieht seine Gelegenheit gekommen. Er nimmt Ora. Doch für eine dauerhafte Verbindung ist das kleine Mädchen Touna im Weg. Ora fasst einen folgenschweren Entschluss.
Werwölfe. In der heutigen aufgeklärten Zeit sind sie ein Mythos, von der Unterhaltung genährt zwar, aber letztendlich ein Ammenmärchen. Die verschiedenen Charaktere, die hier im ersten Teil von TOUNA MARA in das unwirtliche Sibirien geschickt werden, können mit Mythen ebenfalls nichts anfangen. Für sie zählen nur Fakten. Doch so einfach ist es nicht. Der Leser weiß mehr. In abwechselnden Abschnitten beleuchtet Autor Patrick Galliano einmal die sehr ferne Vergangenheit und die Gegenwart. Als Geschichtsschreibung noch nicht existierte und der Mensch noch in der Natur präsent war und nicht nebenan, spielen sich dramatische Ereignisse ab, die zur Geburt eines Kindes führen, dem später eine wichtige Rolle zukommt.
Das Wolfskind: Heutzutage ist dieses Wort ein gern genutzter Begriff. Gilt er dort für verwahrloste Kinder, steht er hier wortwörtlich für jenen Mythos, den auch ein Rudyard Kipling für seinen Mogli benutzte (Dschungelbuch). Der Vater stirbt, das Kind wird geboren: Touna. Galliano konstruiert seine Geschichte Schritt für Schritt und zeigt zunächst die Verdammnis von Tounas Mutter, den glücklichen Überlebenskampf des Kindes und die Verderbtheit Tar-Khans, der seinen gesamten Clan ins Unheil stürzt. Hier findet sich bereits genügend Erzählstoff, aber Galliano schlägt die Brücke in die Gegenwart, wo die Fäden aus der Vergangenheit zusammenlaufen.
Mara: Eine junge Frau, eine Wissenschaftlerin, beherrscht, auf ihre Aufgabe konzentriert, arbeitet sich in den wahr gewordenen Mythos der Wolfskinder ein. Sie sind hier keine verwahrlosten Kinder, sondern tatsächlich Mischwesen. Mario Milano widmet sich dieser Wesen, den Wölfen, den Mischformen, den Werwölfen mit Hingabe ans Genre und erschafft Ansichten, die ein wenig an Kultansichten aus The Howing (dt. Das Tier) erinnern. Milano zeichnet realistisch. Seine echten Wölfe sind sehr schön anzuschauen. Der Strich ist sehr genau und überlegt. Härte wird mitunter abgemildert, manche Szene sind abe auch eindeutig genug.
Vor diesem Realismus sieht der Leser in den Abschnitten, die in der Vergangenheit spielen eine sich langsam vollziehende Verwandlung. Hier wird nicht mit dem üblichen Werwolf-Mythos gespielt, sondern eine eigene Variante entwickelt. Eine dauerhafte Veränderung, von Vollmonden ausgelöst, aber nicht mehr rückgängig zu machen, steht hier im Vordergrund. Galliano und Milano nehmen das Sprichwort ernst: Der Mensch ist des Menschen Wolf. Aus dem einstigen Clanchef wird (zusammen mit seinem Gefolge) die Geißel seines Volkes. Aus dem anfänglichen Drama in der Vergangenheitsschilderung wird ein Horrorreißer. Demgegenüber kann die Erzählung der in der Gegenwart angesiedelten Abschnitte etwas zurücktreten. Wie in einer Atempause wechselt Galliano zum Tempo eines Wissenschaftsthrillers.
Der Leser hat den Wissenschaftler einiges an Wissen voraus, allerdings erschließen sich in der Gegenwart auch neue Aspekte, die nicht sofort einzuordnen sind und für eine größere Rätselhaftigkeit des Phänomens sorgen. So dreht Galliano an einer weiteren Spannungsschraube, die die Schicksale der beiden so unterschiedlichen Frauen Touna und Mara einander näher bringt.
Thriller, Steinzeitdrama, Werwolfhorror, von Autor Patrick Galliano geschickt miteinander verschmolzen und spannend arrangiert. Mario Milanos realistische Zeichnungen machen aus dem ersten Band des Zweiteilers ein cineastisches Erlebnis.
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Mittwoch, 09. November 2011
Cassie Hack hat einen Traum: Ein normales Leben. Nicht diesen Kleinmädchentraum von Haus, Familie und weißem Gartenzaun. Cassie Hack wäre schon zufrieden, wenn sie nicht mehr auf die Jagd nach Slashern gehen müsste, sie ein Tageslichtleben leben könnte. Aber wie sollte sie sich von diesem Leben abnabeln können? Sie kennt kaum etwas anderes. Ihre Mutter war ein Slasher, ihr bester Freund Vlad sieht immerhin aus wie einer. Cassie hat die Nase voll, will sich fallen lassen, sie will mit ihrer Freundin zusammen sein. Prinzipiell wäre es möglich, nur hat sie zusammen mit Vlad in der Vergangenheit zu vielen Slashern den Garaus gemacht und dem Bösen zu oft vor den Kopf gestoßen. Aus der Jägerin ist die Gejagte geworden.
Menschlich, skurril, manchmal übertrieben, manchmal sehr humorvoll geht es weiter in der Saga um die junge Cassie Hack, die vom Schicksal dazu getrieben wurde, höllischen Serienmördern ein (meist blutiges) Ende zu bereiten. Aber der Reihe nach. Viele Helden erleben beizeiten ihre ganz persönliche Krise, wenn sie nicht sogar durch eine zum Helden wurden. Bei Cassie Hack ist beides der Fall. Tim Seely, Cassies geistiger Vater, schenkt seiner Heldin eine klitzekleine Atempause. Ihr Freund Vlad hingegen, auch weitere Freunde von Cassie, sie alle haben nicht so viel Glück.
Ein Jäger aus einer anderen Dimension betritt das Szenario, in seiner Konzeption schon sehr ungewöhnlich, mit weiblichem Bodybuilderkörper und Stoßzähnen ausgerüstet, sparsam bekleidet und sofort bereit, Gewalt einzusetzen. Ein kindlicher Gnom greift aus der Traumwelt nach den Guten und hetzt Figuren auf Vlad, aus den Albträumen von Superheldenzeichnern entsprungen scheinen. Und dann ist da noch die Polizei, die ein verständliches Interesse daran hat, ein paar selbst ernannte Rächer dingfest zu machen.
Tim Seely hat als Autor aber noch mehr zu erzählen und so erinnert das Szenario zeitweilig an eine Verbeugung vor H. P. Lovecraft (Cthulhu), vielleicht sogar vor Mike Mignola (Hellboy). Man könnte sogar behaupten und beschert Slashern einen eigenen Fanclub, der Cassie das Leben zusätzlich erschwert. Diverse Zeichner interpretieren die düsteren Abenteuer. Dabei stechen einige hervor, im Rahmen der Erzählung wie auch bei den Titelbildern.
Erik Jones, der das Titelbild der 20. US-Ausgabe (eine Variante) gestaltete (auch hier auf dem Titelbild), scheint in der Schauspielerin Emma Stone (Zombieland) eine mögliche Inkarnation für die große Kinoleinwand zu sehen. Das Motiv ist beinahe klassisch zu nennen und erinnert fast schon an eine Salome. Der nachdenkliche Ausdruck auf Cassies Gesicht findet sich auf anderen Titelbildern seltener. Joel Humberto Herrera greift das Salome-Motiv einmal mehr auf, deutlich süffisanter und gemäldeartiger. Ein Drew Johnson sieht im Verbund mit den Künstlern Paul Wee und Lizzy John eher eine Painkiller Jane in Cassie.
Im Innenteil ist selbstverständlich eine überwiegend realistische Darstellung Trumpf. Gewalt gibt es (das bleibt bei dem Thema auch kaum aus), sie hält sich aber in Grenzen, ist eine Spitze, mehr nicht. Spaßfaktoren sind Figuren wie Pooch, eine Art dämonischer Hund, mit einem sehr gewöhnungsbedürftigen Aussehen, eine hündische Variante zu Chewbacca, nur nicht so sympathisch, viel kleiner, ohne Fell und im Gegensatz zu seinem Pendant aus dem Weltraum kann er verständlich sprechen. Andere Figuren sehen lustig aus (wie einst Chucky, der auch schon mitspielen durfte), sind es aber nicht. Ross Campbell weiß mit seiner Episode des verrückten Postboten und einer kleinen Ermittlerin sehr zu gefallen. Stilistisch etwas mangaesk angelegt, ist die Hauptfigur Cat Curio eine Art Nachwuchs-Buffy, aus der noch hätte etwas werden können …
Ein praller sechster Band der Reihe, mit vielen tollen Einfällen, von einem Tim Seely, der seine Heldin bis an den Rand des Abgrunds und darber hinaus treibt. Grafisch stilistisch vielfältig sind die Abenteuer von Cassie Hack nicht nur für Fans interessant. Allerdings sollte mit Band 1 begonnen werden, denn die Kenntnis der bisherigen Ereignisse ist sinnvoll.
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Mittwoch, 26. Oktober 2011
Ein verwunschener Wald, der es in sich hat: Die Inquissition ist den Flüchtigen auf der Spur, ungeachtet der Tatsache, dass es sich bei einem von ihnen um einen Vampir handelt. Graf Colbus de Malemort ist leider von der Gruppe der Flüchtigen getrennt und in eine Falle getappt, die er zunächst nicht erkennt, da es ihm nicht in den Sinn kommt, dass ausgerechnet sein alter Mentor ein falsches Spiel mit ihm treibt. Derweil ist das restliche Trio, die junge Anthea eingeschlossen, damit beschäftigt in der lebensfeindlichen Umgebung des sumpfigen Waldes zu überleben. Irgend jemand, der sie beobachtet, ist noch da draußen. Und tatsächlich: Ein riesiger Schwarm Fledermäuse verdunkelt plötzlich den Himmel. Die Jagd hat begonnen.
Zu gut für einen Vampir: Immerhin ist Colbus de Malemort ein Graf. Als Kreatur der Finsternis ist er sich seines Blutdurstes bewusst, seiner Unsterblichkeit und auch seiner zwangläufigen Einsamkeit. Eric Stalner, Autor und Zeichner, hat diese Zweispalt seines Grafen schön herausgearbeitet. Und noch mehr: Denn dieser Vampir ist nicht die einzige einsame Kreatur in dieser Welt. Die Geschichte, die hier im Prinzip mit dem fünften Teil seinen Abschluss findet, ist erfrischend gegen den Strich gebürstet. Einerseits finden sich hier keine Milchbubivampire, andererseits hat sich Stalner auch erfreulich weit vom Ur-Grafen entfernt.
Die Zivilisation in dieser mittelalterlichen Welt ist auf ihre Weise existent, doch keinesfalls mit unserer zu vergleichen. Die Gewalt des Stärkeren obsiegt. Die offizielle gute Seite, wie durch die Kirche und ihre Inquisition verkörpert, ist nicht zwangsläufig gut. Die vermeintlichen Diener des Bösen sind in der Lage, ihren Weg selbst zu wählen. Interessant ist die Aussage eines Vampirs, man habe ein Leben abseits der Eitelkeiten gewählt und in der Nacht den Frieden gefunden. Es ist ein blutiger Frieden, denn bei aller Romantik ist , der vampirische Freund des Grafen Colbus, jederzeit bereit seinen bluttriefenden Neigungen nachzugehen.
Feine Linien, sehr dünn, sehr exakt mit dem Tuschestift gezeichnet rahmen Grafiken, die nur sehr zart koloriert sind. Kolorist Jean-Jacques Chagnaud hält mit seiner Arbeit die Balance zum Zeichenstil von Eric Stalner. Dieser erfreut den Leser manchmal mit ganzseitigen bersichten, die durch einige wenige kleinere Ansichten aus anderen Perspektiven aufgelockert werden. So imitiert er die Kamerafahrt, lässt den Blick ein wenig tanzen und gestaltet die Atmosphäre noch dichter, als sie ohnehin von Beginn an der Reihe ist.
Die gesamte Art der Erzählung, optisch und textlich, lässt ein Gefühl einer dunklen Fantasy-Geschichte aufkommen, die sehr französisch (vermutlich aus der Sicht eines Deutschen) ist. Hier scheinen die Wälder und Burgen finsterer, die Täler tiefer, die Monster monströser und schwerer einzuordnen. Allerdings entstehen durch die Ansichten des Sumpfgebietes auch Assoziationen zu Sumpfgebieten in den Vereinigten Staaten. Dieser Sumpf ist mehr ein verwunschener Urwald. Stalner fügt sogar eine Art Piranha-Element ein.
Ein sehr dichter Abschluss mit einer ungewöhnlichen Mixtur aus Vampirsaga und dunkler Fantasy. Abseits von Lestat Edward befindet sich diese Geschichte, die auch Elemente von Hexerei, Inquisition und romantischen Horror in sich vereint. Anders gesagt: Fats schon eine opulente Hammer-Produktion.
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Freitag, 21. Oktober 2011
1946. Der Krieg ist beendet. Aber noch immer hat Europa mit den Auswirkungen zu kämpfen. So mancher, der im Krieg seinen Vorteil gesucht hat, ist nun selbst auf der Flucht. Und so mancher versucht mit Fluchthilfe etwas Geld zu verdienen. Viktor ist so jemand. Die kleine Familie, die aus dem Kleinen Paradies flüchtet, einem Viertel, dessen Häuser von den Bombenangriffen der Alliierten verschont geblieben ist, hat alles zusammengerafft, was sie an Wertsachen besitzt. Die Frisur des Vaters lassen keinen Zweifel daran, an wen er seine Sympathien im Krieg heftete. Viktor, der diese Flucht halbherzig organisierte, erkennt zu spät, dass sie in eine Falle laufen. Die anschließende Katastrophe kann er nicht mehr verhindern.
Die Engel sind unter uns: Aber warum? Die Antwort, eine unheimliche und spannende dazu, gibt der Auftakt der neuen Reihe Annas Paradies. In einer Welt nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich inmitten eines Trümmerfeldes ein kleines Viertel halten können. Hier gingen seltsamerweise keine Bomben nieder. Ein Paradies ist es dennoch nicht. Die Bewohner haben wie alle anderen auch unter dem Mangel zu leiden. Notdürftig halten die Menschen das alltägliche Leben aufrecht. Daniel Schreiber beginnt sein Debüt-Album mit dem gebotenen Ernst. Seine Figur Viktor, der als Lebensmittelhändler arbeitet, sieht sich plötzlich in der Verantwortlichkeit einem kleinen Mädchen gegenüber, dessen Eltern auf der Flucht erschossen worden sind.
Daniel Schreiber malt ein graues Bild jener Tage. Auf der Seite der Verlierer gibt es jene, die darunter litten und jene, die wirklich verloren haben und nun eine Strafe befürchten müssen, wie auch immer gearteter Natur. Doch es gibt auch jene auf der Seite der Alliierten, die wahre Halsabschneider sind und die ihren Vorteil im Sieg über den Feind suchen. Viktor und Oma Lotte, die das kleine Mädchen Lena aufgenommen hat, gehören zu denen, die überlebt haben und nun einen Neuanfang versuchen. So weit, so realistisch. Dann kommt Anna.
In diese halb zerstörte Welt fällt ein Mädchen: Vom Himmel herab. Viktor ist derjenige, der sie findet. Ist die Welt in Trümmern höchst realistisch gezeichnet, sind die Figuren viel märchenhafter skizziert. Gesichter mit ausdrucksstarken Augen, Körper, die den Charakter unterstreichen: Markant, bullig, zerbrechlich, gemütlich. Ist Viktor ein Bär, gutmütig, ist Oma Lotte eine Figur mit Hochfrisur, die den weisen Aspekt einbringt. Die Farbe wirkt mit feinen Aquarellfarben aufgetragen, Bleistift scheint durch. So entsteht ein schner organischer Charakter der Bilder, echt, greifbar, wärmer, ein Eindruck, den moderne Computerkolorierungen vermissen lassen.
Die herzlich anmutende Machart zeigt eine zunehmend düster werdende Geschichte, denn (wie es so schön heißt) ein Engel bleibt selten allein: Anna ist auf der Flucht. Nach anfänglicher zögerlicher Begegnung kann Anna auch ihre Macht zeigen. Mehr noch: Ein Engel hat auf der Erde nichts verloren, selbst wenn er alles daran setzt, auf der Erde bleiben zu können. Die Figur der Anna reiht sich in jene Engel ein, die moderner gezeigt werden. Sie sind Zweifler, gegen die Menschen, vielleicht sogar von Gott abgekehrt. Anna ist eine Figur, die an ihrem Dasein innerlich zerbrochen ist und nur langsam wieder zu sich findet. Diese Figur hätte in jeder erzählten Epoche Wirkung gezeigt.
Ein sehr schön gestalteter Serienauftakt, sehr ansprechend und warmherzig wie auch intensiv gestaltet, der Geschichte entsprechend. Einnehmende Charaktere runden die Handlung ab, deren Mystery-Faktor von Seite zu Seite wächst. Sehr schön.
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Donnerstag, 22. September 2011
Maus, nach außen hin ein Junge, Nacht für Nacht die Schuhe der Hotelgäste putzend, hat das Hotel Aurora noch nie verlassen. Die Welt da draußen bereitet ihr Panik. Eines Tages, als die anderen Jungen sie kurzerhand vor die Tür setzen, um ihr nach der Manier von Heranwachsenden eine Lektion zu erteilen, bricht sie draußen vor der Tür in Panik aus. Zu diesem Zeitpunkt weiß sie noch nicht, dass ihre bis dahin relativ heile Welt bedroht ist, von innen heraus und von Mächten, die sie nicht einmal erahnen kann. Denn ein ganz besonderer Gast hat sich ins Hotel Aurora eingemietet.
Tamsin Spellwell kommt nach Sankt Petersburg. In ihrem Gepäck befindet sich Diebesgut der ungewöhnlichen Art. Eigentlich wollte sie mit dem Diebstahl ein, wenn schon nicht besonders durchdachtes, so doch gutes Werk vollbringen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Welt wird kälter, die Kälte unkontrollierter. Etwas wurde in Gang gesetzt und scheint unaufhaltsam zu wachsen.
Die Comic-Umsetzung eines weiteren Bestsellers von Kai Meyer führt den Leser nicht nur in eine märchenhafte Geschichte, die wie eine Fortsetzung des ewigen Märchen von Hans-Christian Andersen Die Schneekönigin anmutet. Sankt Petersburg. Allein der Name der Stadt lässt Romantik aufblühen. Märchenhaft bedeckt der Schnee die Stadt und angesichts der Bedrohung, die in die Stadt gekommen ist, liegt auch der Vergleich zu einem Leichentuch nahe.
Yann Krehl adaptiert den Roman von Kai Meyer, zeichnerisch umgesetzt hat ihn Marie Sann. In der Kürze des ersten Teils dieser Trilogie entsteht sehr schnell Atmosphäre, obwohl nach der Einleitung der Geschichte erst einmal ein Bruch erfolgt. Gerade noch herrscht tatsächlich ein Andersen-Flair vor, da findet sich der Leser in Sankt Petersburg wieder, mit einer der interessanten Figuren, Tamsin Spellwell, an der Seite von Väterchen Frost auf einer Parkbank. Erst dann wird die eigentliche Hauptfigur vorgestellt, gut erkennbar auch auf dem Titelbild: Maus. Das kleine Mädchen schafft es schnell, das Herz des Lesers zu erwärmen.
Ihre Herkunft ist traurig, ihr junges Leben trist und gelitten wird sie augenscheinlich nur von Kukuschka, dem Eintänzer. Das ist mitreißend, traurig, intensiv erzählt, aber auch ohne jegliche Hoffnung. Der Auftritt von Spellwell, heiter in dieser Düsternis, hilft dem Mädchen kaum weiter. Optisch entsteht durch die Grafiken Sanns ein Gefühl alter Märchenfilme von früher, als es noch nicht so viel im Fernsehen gab. Rückblicke erfolgen durch eine Eislinse. Abgesehen von Maus selbst wirken die übrigen Charaktere sehr stilisiert, fast schon ein wenig scherenschnittartig. Fast meint man, ruckartige, abgehackte Bewegungen sehen zu können.
Diese optische Nostalgie erkennt wahrscheinlich nur, wer sie auch damals selbst erfahren hat oder auf eine der heutigen, wahrscheinlich zahllosen Wiederholungen stößt. Hier wie dort, das ist auch gewiß, lässt sich die Erzählung Zeit. Die Atmosphäre ist schnell aufgebaut und hält sich. Kalte Farben, auch ein starrer Aufbau lassen einen schnell mit Maus frösteln. In der Kolorierung, die dem Geschehen folgt, liegt auch ein wenig die Gefahr der Eintönigkeit, da die Schwankungen nicht allzu groß sind. Dieser Effekt ist zweifellos gewollt, denn Spellwell, die später zum Tanz auffordert bildet in ihrem Kleid einen bunten Farbtupfer vor diesem Einerlei.
Sehr, sehr märchenhaft, für junge Leser genau die richtige Geschichte. Wer nur den abenteuerlich erzählenden Kai Meyer kennt bzw. Yann Krehls Comic-Umsetzung der Wolkenvolk-Trilogie kennt, wird von der Ruhe, die diese Geschichte ausstrahlt, überrascht sein. Wer hingegen genau das sucht, sollte einen Blick riskieren.
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Mittwoch, 31. August 2011
Ymirs Tod ist der wahre Anfang. Und das Ende. Denn aus der Ermordung des Riesen erwächst nicht nur eine Welt. Dieser Beginn steht auch für den Größenwahn der Mörder. Odin, der später sich den Nornen anvertraut und geweissagt bekommt, welches Schicksal ihn im Gegenzug erwartet, bricht fast unter der Last dieser Prophezeiung zusammen. Von nun an gilt es, Krieger um sich herum zu versammeln. Nur die besten Kämpfer sollen es sein, gefunden auf den Schlachtfeldern von seinen eigens dafür ausgeschickten Töchtern. Wenn das Ende kommt, soll es nicht kampflos hingenommen werden. Die Götter werden sich verabschieden, wie sie kamen: Mit Mord und Totschlag.
Nicolas Jarry liebt den germanischen Götterreigen. Daran besteht keinerlei Zweifel. Mit ODIN begibt er sich an eine weitere Darstellung der Geschichte der nordischen Götter (wie bereits mit Götterdämmerung), ist hier jedoch einerseits knapper, andererseits stärker konzentriert auf den Göttervater, der doch in seinem Gebaren allzu menschlich ist.
Alles begann mit drei Brüdern. Odin war nicht einmal der älteste von ihnen. Hönir und Lodur hießen die anderen. Die drei Götter bilden den Ausgangspunkt einer tragischen Geschichte. Hochmut kommt vor dem Fall könnte die Überschrift dieses göttlichen Dramas lauten. Sie schaffen die Welt, doch gibt es niemanden, der sie für ihre Taten und ihre Macht verehrt. Die folgende Geschichte, nicht von Nicolas Jarry erfunden, aber sehr gut nacherzählt, zeichnet zwar einen Aufstieg nach, doch selbst Odin entdeckt darin die ersten Anzeichen eines die Welten erschütternden Untergangs.
Durch die Bilder von Erwan Seure-Le Bihan entsteht aus einem einem altbekannten Epos eine theatralische Apokalypse, die von einer gedanklichen opernhaften Musik untermalt zu sein scheinen. Oder auch von Bombastrock. Erwan Seure-Le Bihan nimmt sich viel Platz für seine Bilder. Je nach Technik darf es eine ganze Seite sein, manchmal auch eine Doppelseite. Er wendet zur Darstellung die Szene, die Collage, aber auch die Buchillustration an, die so eher in alten Legenerzählungen, vielleicht sogar in der Bibel zu erwarten wären. Die einleitenden Seiten eines neuen Kapitels imitieren eine Originalseite, mit Frakturschrift und nachgeahmten Malgrund inklusive.
Das Ende steht am Anfang. Der Leser begegnet Odin, als dieser bereits auf ein langes und wenig schönes Götterleben zurückblicken kann. So mächtig es war, so tragisch war es auch. Mitleid kann der Leser für diesen Gott nicht empfinden, herrschsüchtig wie er ist, bei allen begangenen Fehlern. Dafür sind die Grafiken, die dieses Götterschicksal spiegeln, umso schöner, aufregender. Odin, der einmal gewahr wird, dass es eine noch höhere Macht geben mag, begegnet dem Unglaublichen in vielerlei Gestalt. Optisch reißt Erwan Seure-Le Bihan diese Abschnitte wie Blitzlichter heraus. In deckenden und durchscheinenden Farben, mit der jeweils erforderlichen Technik für den bestmöglichen Effekt, präsentiert der Künstler Ansichten, von denen man sich sofort mehr wünscht.
Vieles ist martialisch, auch märchenhaft: Die Erschaffung der Welt, Schwarzalben, Lichtalben, Dämonen, Loki, der Gang zum Schlachtfeld, Baldurs Tod. Letztere ist eine der besonders beeindruckenden Sequenzen, gefolgt vielleicht von Odins Erkenntnis, dass selbst er als Gott den Preis für seine Taten zahlen wird. Bihan spielt mit Licht und Farben. Herausragend sind jene Seiten, in den sich rote und blaue Malerei treffen, am besten ganzseitig. Hier finden sich eher Gemälde als Comic-Bilder.
Die Bösen: Faszinierend. Loki ist zu einem genialeren Charakter geworden, als er es ohnehin in der Sage ist, ein Zerstörer zwar, aber auch der alleinige Anstifter zur Verdammnis, während die Guten viele sind und uneins. Die Nornen, eine eher außergöttliche Macht, sorgen für unheimliche Augenblicke.
Die nordischen Götter einmal anders: Angelegt auf zwei Bände zeigt sich bereits im ersten Teil das Zeug zum Klassiker. Mag die Geschichte auch sattsam bekannt sein, sind die Bilder aufwendig gestaltet, von einem Künstler, der das Gespür für besonders dramatische Einzelbilder besitzt und einer phantastischen Technik, um diese umzusetzen.
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Sonntag, 07. August 2011
Juri Jeljuschin fühlt sich nicht wohl. Ist es die unheimliche Nacht, die ihm in dieser Seitengasse zusetzt? Oder sind es nur seine Gedanken, die sich wirr verlaufen haben und ihm nun vorgaukeln, er verwandele sich in einen Werwolf? Kurz darauf hallt ein Wolfsheulen über die Straßen von Paris und niemand kann mehr sicher sein, was die Wahrheit ist. Flora Vernet, die junge Frau und Assistentin des Detektiv Dupin, hat inzwischen das Heft in die Hand genommen und setzt sich nachdrücklich für den nicht minder ungewöhnlichen Klienten Hugo Beyle ein. Ist Beyle in vielerlei Hinsicht immer noch ein Kind, fehlt es ihm dennoch nicht an Mut. Und diesen wird er bald brauchen, wenn die beiden sehr unterschiedlichen Ermittler sich einem Gegner stellen, der nicht mehr von dieser Welt ist.
Einer der berühmtesten Detektive der Literaturgeschichte hat eine verteufelt harte Nuss zu knacken und wird ausgerechnet von ein paar Anfängern (fast) dabei überflügelt. Der Detektiv, von dem hier die Rede ist, erfunden von Edgar Allan Poe, C. Auguste Dupin, ermittelt in einem Fall, der eine gewisse übernatürliche Komponente hat. Äußerlich erinnernd an den französischen Schauspieler Philippe Noiret (oder auch Jean-Pierre Marielle, da gehen die Meinungen auseinander) ist dieser Dupin ein knurriger Kriminalist, der kaum weniger exzentrisch ist als sein englisches Gegenstück Sherlock Holmes. Aber Autor Gloris nimmt sich nicht nur des literarischen Detektiven an, vielmehr überführt er auch eine Figur in einen Comic, die bislang nur von einem sehr berühmten Gemälde her bekannt war.
Die Freiheit führt das Volk: Auf jenem Gemälde, eine idealisierte Darstellung der Französischen Revolution (soll noch mal einer sagen, Comics bildeten nicht), ist nicht nur der Maler Eugene Delacroix selbst abgebildet, sondern auch eine der Hauptfiguren. Welche, das sei an dieser Stelle nicht verraten. Der Brückenschlag, den Gloris mit dieser Enthüllung schafft, ist feinstes fantastisches Kino, ganz im Sinne der fantastischen Detektei, deren Fall hier endgültig über einfache Entführung und Mord hinausgeht.
Paris: Ein Zeitbildnis und heimlicher Nebendarsteller. Thierry Gloris baut die Stadt und Zitate auf dieselbige mit großer Leichtigkeit in die Geschichte ein. Die Epoche erwacht zum Leben durch ihre dunklen Straßen, ihre feinen Kostüme und ihre verspielte Innenarchitektur, die heute eher den Begriff Kitsch bekäme. Es ist eine Fahrt, mal schnell, mal beschaulich, durch einen sorgfältig von Jacques Lamontagne erstellten, stimmigen und toll gezeichneten Kulissenwald. Es beschwört die Atmosphäre von Bildern eines Henri de Toulouse-Lautrec oder eines Edouard Manet herauf. Daneben wird auch nicht auf Klamauk im Stile eines Belmondo-Filmes verzichtet. Die automobile Verfolgungsjagd, in dieser Form schon fast putzig zu nennen, ist sicherlich einer der Höhepunkte des Bandes, der mit vielen tollen Szenen aufwarten kann.
Voodoo, Geister, Moulin Rouge: Ein Reiz dieses Falles, der hier mit Band 2 abgeschlossen wird, liegt in seiner Abwechslung und fortwährenden Überraschung. Wendungen treiben die Handlung für den Leser in moderner Erzählweise voran, die Bilder präsentieren passend zueinander choreographierte Charaktere. Wer sich über das Wort Choreographie in diesem Zusammenhang wundert, betrachte nur einmal das Titelbild des vorliegenden Albums. In einer Geschichte im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts darf auch der Cancan nicht fehlen.
Jacques Lamontagne, der zeichnet und koloriert, gelingt mit seinen Bildern eine schöne Mischung aus Realismus und leichter Karikatur. Figuren und Schauplatz sind immer ausfüllend, vor Ausdruck strotzend. Die Verwendung echter Vorlagen (siehe Schauspieler oben) zeigt, wie Lamontagne seine Geschichten begreift: Filmisch, mit echter Besetzung. So ging er bereits in der ebenfalls herausragend illustrierten Reihe Die Druiden vor.
Ein dichter und rasanter Abschluss, in dem es viel zu entdecken gibt. Jacques Lamontagne hat sich zu einem Garanten für feinste Illustrationen entwickelt. Thierry Gloris weiß ebenfalls auf dem Gebiet der phantastischen Kriminalgeschichte zu begeistern. Ein gelungenes Ende dieses Zweiteilers.
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