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Comic Blog


Montag, 03. Oktober 2016

DICK HERRISON 10 – DIE SCHUBKARRE DES TODES

Filed under: Mystery — Michael um 18:41

DICK HERRISON 10 - DIE SCHUBKARRE DES TODESIst der Mann nun wahnsinnig und zu recht in eine Nervenheilanstalt eingeliefert worden? Oder ist er das Opfer eines üblen Komplotts geworden? Will ihm jemand brutale Morde anhängen? Und wenn ja, warum? Die Tatsachen bleiben, so oder so. Die Toten wurden allesamt geköpft. Dick Herrison wird beauftragt, Licht ins Dunkel zu bringen und den Mordverdächtigen zu entlasten. Clarence Beaufix wurde mittels einer Fotografie zum Schauplatz des zweiten Mordes gelockt, einem alten, sehr heruntergekommenen Herrensitz. Dort setzt der private Ermittler Herrison an. Erste Spuren sind vielversprechend. Doch mit ihnen wächst ganz offensichtlich die Gefahr, denn bald findet Herrison einen weiteren Toten ohne Kopf …

DIDIER SAVARD bittet zur Ermittlung in einem haarsträubenden Mordfall. Mit Grusel, leisem Humor und einer Prise Spannung entwickelt er ein Szenario, das nur haarscharf eine Parodie auf die großen französischen Detektive wie Maigret, Nestor Burma und Konsorten ist. DIDIER SAVARD, der leider in diesem Jahr verstarb, lieferte mit DIE SCHUBKARRE DES TODES das zehnte Abenteuer seines Ermittlers DICK HERRISON ab. Das Titelbild verrät etwas früh einen Teil der Auflösung und die Schubkarre kommt auch relativ spät zum Einsatz.

Parodiert wird hier in jedem Fall die berühmte klare Linie, denn DIDIER SAVARD verwackelt, zerknittert, strichelt, kreiselt und liebt das Detail, die kleinste Einzelheit. Letzteres erweckt die französischen 30er Jahre des letzten Jahrhunderts zum Leben, in einer skizzierten Rücksicht und einem Blick, der scheinbar nichts von der Zukunft weiß. DICK HERRISON ist schön nostalgisch geraten, mit einem Lächeln gezeichnet und könnte als satirische Sicht auf jene Zeit tatsächlich in jenem Jahrzehnt entstanden sein. Besonders gestützt wird diese These von den Ansichten DICK HERRISONS, wie er ein Restaurant, ein Antiquitätengeschäft oder eine Brasserie besucht.

Die Zurückhaltung der Hauptfigur ist bezeichnend. DICK HERRISON verliert nur selten die Contenance. Es nur Zurückhaltung zu nennen, wäre zu wenig. Das Auftreten ist stets korrekt, eine Pfeife darf auch nicht fehlen, das Zeichen von Ruhe und Genuss in jeder Lebenslage. Sein Freund Jerome ist weitaus moderner in Kleidung und Haarschnitt, flapsiger im Auftritt, unkontrollierter insgesamt. Aber DIDIER SAVARD lässt seine Figuren nicht ausbrechen, lässt sie nicht zu überdrehten Puppen werden. In diesem bizarren Mordfall bleiben sie ernst, wahrhaftig.

Es sind gezähmte Ermittlungen, die sich nicht in Actionszenen ergehen, sondern die einzelnen Ergebnisse, den Lösungsweg in den Vordergrund stellen. Da werden sich nicht nur Freunde französischer Detektive wohlfühlen. Auch wer Stücke von Agatha Christie mag, liegt mit DICK HERRISON richtig. Die Figuren allerdings besitzen äußerlich etwas von der Bissigkeit eines Künstlers wie George Grosz, der in seinen Zeitgenossen den seelischen, geistigen Kern nach Außen holte. Die Inszenierung in der Nervenheilanstalt ist hierfür bezeichnend. DICK HERRISONS Ankunft auf dem Gelände, mit all den Insassen, die er passieren muss, könnte thematisch dieser damals geprägten Neuen Sachlichkeit entsprungen sein.

Comic mit leisem Humor und Köpfchen (für den Leser, in der Handlung eher ohne, so deutet es das Titelbild aussagekräftig an). Ungewöhnlich dicht erzählt und gezeichnet, orientiert sich an Klassikern von Literatur und Kunst. Schön, unterhaltsam, aber nicht für jedermann. 🙂

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Samstag, 06. August 2016

DER GROSSE TOTE 6 – BRESCHE

Filed under: Mystery — Michael um 10:28

DER GROSSE TOTE 6 - BRESCHEPauline und Gaelle wollen ihren Freund Erwan und die kleine Blanche finden. Während die beiden jungen Frauen die Katastrophe in der Stadt erleben mussten, haben Erwan und Blanche, Paulines Tochter, auf dem Land Zuflucht gefunden. Dort herrscht weniger Chaos, die Notlage ist aber kaum geringer. Strom fehlt, Nachrichten kommen nur über die alten Wege, von Mund zu Mund, Treibstoff ist fast nicht mehr vorhanden. Die Menschen, die unterwegs sind, verlassen sich auf ihre Füße. Wer Glück hat, fährt mit dem Fahrrad. So wie Pauline und Gaelle, die sich einem Männertrio anschließen, eine Entscheidung, die sie schon bald bereuen werden …

Zurück in Frankreich pünktlich zum Weltuntergang. Die Menschen hat die Katastrophe völlig unerwartet getroffen und nur ein Mensch weiß, was tatsächlich hinter den Vorkommnissen steckt. Die Menschen sind nicht allein … Die beiden bekannten Comic-Macher Regis Loisel und JB Djian haben ein reales Endzeitszenario gekonnt mit einer fantastischen Hintergrundgeschichte vermischt.

Der Leser darf keinen großen Weltuntergang im Stile eines Masters Of Desaster erwarten. Die Zerstörung findet hier im Kleinen statt, mit der sich jeder arrangieren muss. Die Erde, so scheint es, habe es sich zur Aufgabe gemacht, moderne Technik abzuschütteln und den Menschen auf alte Wege zurückzuzwingen. So ist das Ambiente vornehmlich ländlich. Dort halten sich die Zerstörungen in Grenzen. Die Menschen auf dem Land haben seit jeher eine andere Lebensgeschwindigkeit an den Tag gelegt und sich mehr auf die Gegebenheiten eingelassen, die von Mutter Natur beschert wurden. Hier beschreiben Loisel und Djian die Szenerie mit einer traurig, nostalgischen Ruhe.

Dieses Grundgefühl ändert sich in der anderen Welt. Es ist eine kleine Welt, von der die Kleinen auf die Welt der Großen schauen. Darauf ist auch der Titel der Reihe zurückzuführen. Ein einzelnes Individuum hatte den Plan, beide Welten durch zwei Kinder miteinander zu verbinden. Dadurch entstand ein schauriges Band, denn die Kinder hier bringen kein Heil, sondern besitzen eine Macht, gegen die ein Mensch kein Mittel besitzt. Blanche, das seltsame Mädchen mit der Taucherbrille auf der Nase und der hellen Haut, der ruhigen Art, die viel zu erwachsen ist für ein Kind ihres Alters, ist eine beeindruckende Bedrohung. Sie könnte auch aus den Gedankenspielen eines Stephen King erwachsen sein, der Carrie und den Feuerteufel mit ähnlichen Kräften wüten ließ.

Mallie zeichnet eine Welt, die ohne den Pomp sonstiger fantastischer Welten daher kommt. Man gewinnt den Eindruck einer übergreifenden Ordenstruktur, bäuerlich, sehr der Natur zugewandt, einfach, mit einer flachen Hierarchie. Gehüllt in schlichte Gewänder unterscheiden sie sich wenig voneinander. Die Gesichter sind menschenähnlich, aber weniger unterschiedlich. Es gibt mehr Hautfarben und der Wunsch, in der Menge äußerlich aufzugehen, scheinoffensichtlich. Da kann die Eigenmächtigkeit eines Einzelnen nur großen Zorn hervorrufen. All das versteht Mallie mit einem leichten Strich umzusetzen, leichter noch, als es Loisel selbst mit Peter Pan auf dem Papier gelang.

Mit dem Untertitel BRESCHE beschreibt die 6. Folge von DER GROSSE TOTE die Folgen des Zusammenbruchs der Zivilisation. Hervorzuheben sind die Konflikte in der kleinen Welt wie auch zwischen Erwan und Blanche. Jede Situation zwischen den beiden ist wie ein Baustein in einem sehr wackeligen Turm, der irgendwann einstürzen muss. Dank der Zeichenkünste von Mallie und der Komplexität der Handlung bleibt der Spannungsbogen weiterhin stark gespannt und die Neugier auf eine neuerliche Zuspitzung der Ereignisse hoch. Klasse! 🙂

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Donnerstag, 26. Mai 2016

MANIFEST DESTINY 2 – INSECTA & AMPHIBIA

Filed under: Mystery — Michael um 18:24

MANIFEST DESTINY - Band 2 - INSECTA & AMPHIBIAMarienkäfer sollen für den Menschen keine Gefahr darstellen. Eigentlich … Aber gegen Marienkäfer, gleich welcher Form, kann sich der Trupp um Meritwether Lewis und William Clark durchaus wehren. Gegen die Gefahren, die innerhalb der Gruppe lauern, durch die verschiedenen Verbrecher, die dazu bestimmt sind, die Expedition zwangsweise zu begleiten, ist eine Gegenwehr nicht so einfach. Denn die Gefahr ist nicht einschätzbar. Es sind tickende Zeitbomben, deren Explosionszeit nicht festgestellt werden kann. Dem zweiten Offizier Lieutenant William Clark ist sich der Bedrohung sehr bewusst und übersieht darüber das Offensichtliche …

Eine neue Folge, neue Monster! Nordamerika ist in den Tagen, als die große Expedition von Lewis und Clark über den Kontinent wandert, weitaus gefährlicher als zu jeder Zeit danach. Basierend auf der tatsächlich, historisch verbürgten Expedition von Captain Meriwether Lewis und Lieutenant William Clark, auf Befehl des damaligen Präsidenten Thomas Jefferson, haben Autor Chris Dingees, Zeichner Matthew Roberts und Kolorist Owen Gieni ein Horrorabenteuer zu Papier gebracht, das der Strömung folgt, bekannte Figuren in einen Horrorkontext zu setzen, sei es fiktional oder historisch real. Nach Charakteren wie Abraham Lincoln, Sherlock Holmes oder Elizabeth Bennet (aus Stolz und Vorurteil).

Chris Dingees mischt allerdings nicht einfach Vampire oder Zombies bei, sondern denkt sich ein regelrechtes Monsteruniversum aus, wie man es allenfalls bei Mike Mignola ähnlich mutig erzählt vorfindet. Waren es in der ersten Folge Kreaturen, die sogar einen leicht griechisch mythologischen Einschlag besaßen, obwohl zur Gänze auf die nordamerikanische Fauna zurückgegriffen wurde, geht Dingees hier verstärkt auf Kreaturen ein, die weitaus größer als gewohnt daher kommen. Sehr viel größer.

Interessant ist der Umstand, dass es sich bei den beiden führenden Männern um Charaktere handelt, die Fehler gemacht haben, die außerhalb einer Mission nichts rechtes mit sich anzufangen wussten und innerhalb ihrer Aufgabe einen enormen Ehrgeiz entwickeln. Einer Aufgabe, die sie das Leben kosten kann, während der Müßiggang zuvor zwar friedlich war, aber sie letztlich nur langsamer zugrunde richtete. Matthew Roberts zeichnet Meriwether Lewis als mageren Hallodri, der überaus intelligent ist, ein etwas überkandidelter Wissenschaftler, der optisch den Eindruck eines abenteuerlustigen Stan Laurel hinterlässt.

Mit William Clark fährt Matthew Roberts eher die Schiene eine Raimund Harmstorf, einen Seewolf, einen ganzen Kerl im besten Sinne. Neben der äußerlichen Erscheinung besitzt Clark Ehrgefühl und Disziplin und fordert letztere ein, auch mit ungewöhnlichen Methoden. Drakonische Strafen bei Zuwiderhandlung, sehr plastisch vor Augen geführt, scheut er nicht. Ob es für kommende Ereignisse abschreckend genug sein wird, muss abgewartet werden, denn die Härte der Ereignisse hat auch dieses Mal nicht zum nötigen Gehorsam geführt.

MONSTER, MONSTER, MONSTER! Gigantomanie lautet das Zauberwort. Die Rückseite des vorliegenden Bandes verrät schon Lebewesen, das eine etwas größere Rolle in der Geschichte spielt: ein Frosch. Über den Rest sei erst einmal nichts verraten, allerdings ist der Ekelfaktor bei den anderen Kreaturen um ein Vielfaches größer und nimmt ein paar Fortpflanzungseigenschaften aufs Korn, wie sie schon bemüht wurden, aber in der Natur tatsächlich vorkommen. Besondere Feinde erfordern nicht nur besondere Lösungen, sie stellen das Grafikteam auch vor besondere Herausforderungen. Matthew Roberts und Kolorist Owen Gieni klotzen in Großaufnahmen im Stile alter Monsterfilme der 1950er Jahre und zaubern einen Mix aus Nostalgie und modernem Splatter auf das Papier.

Innovativer Monsterhorror, verquickt mit historischem Hintergrund, gruseligen, unvorhersehbaren Wendungen und zwei nicht ganz so auf Hochglanz polierten Hauptcharakteren. Chris Dingees, Matthew Roberts und Owen Gieni ist hier ein klasse Wurf gelungen! 🙂

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Freitag, 13. Mai 2016

RACHEL RISING 6 – Was du nicht weißt

Filed under: Mystery — Michael um 19:21

RACHEL RISING 6 - Was du nicht weißtRachel hat ihre besonderen Erfahrungen mit dem Tod gemacht. Aber einfach nur lange zu schlafen, ist nun doch merkwürdig. Zwei Wochen lang. Die Träume sind verwirrend, das Aufwachen wird misstrauisch beäugt. Da macht doch tatsächlich jemand Rachels Füße nass! Zoe, die kleine Serienmörderin, ist sonst nicht so leicht zu erschrecken. Als sich Rachel unerwartet nach ihrem langen Schlaf regt, ihre unterbewussten Erlebnisse mit dem Mädchen teilt, reagiert das Mädchen sogar mit Verzweiflung, noch ein emotionaler Zustand, der Zoe relativ fremd ist. Der Traum von Rachel ist, nach kurzer Diskussion, eher eine Vision der Zukunft und keinesfalls eine wünschenswerte, nicht nur für Zoe, sondern für die ganze Welt.

Böse zu sein, ist ganz normal und eigentlich nicht der Rede wert. Wer nicht nur tötet, sondern auch gleich mehrmals gestorben ist, meist unter ominösen Umständen, der läuft ein wenig neben den gängigen Definitionen von Gut und Böse. Rachel, Zoe und Lilith werden zu einem nicht ganz gewollten, nicht so recht gewünschten Trio, allesamt mit einem gesunden Misstrauen dem anderen gegenüber ausgestattet und dennoch sind sie scheinbar an einen Punkt ihrer gemeinsamen Geschichte gelangt, an dem sie aufeinander angewiesen sind. Terry Moore stellt auf seine bekannt mysteriöse Art ein paar Weichen neu. Die Rückkehr Liliths bietet schwarzen Humor in bester David-Lynch-Manier mit einer kuriosen Pointe. Und immer schwingt im Hintergrund die leise Frage: Darf ich darüber eigentlich lachen? Und gleich darauf: Oder wäre Mitleid angebrachter?

Terry Moore überrascht mit seiner Erzählweise. Selten haben Selbstmorde in einer Geschichte (ganz gleich welchem Mediums) derart an den Nerven gezerrt. Besonders eine Inszenierung ist so angelegt, dass sie einfach mehrmals hintereinander gelesen, angeschaut werden muss, allein weil sie so einzigartig ist. Natürlich wird hier nichts darüber verraten, aber wer Terry Moore nicht kannte, könnte als Mystery-Freund durch die Einstiegssequenz zum Fan des Comic-Autors und Künstlers werden. Terry Moore kann sich gleich zu Beginn ein Augenzwinkern nicht verkneifen, beginnt doch diesmal alles wie in einer Folge der vielen CSI-Serien. Eine Frau wurde durch einen Autounfall auf der Landstraße geköpft. Das ist bereits selten genug. Die Begleitumstände würden jeden TV-Ermittler neugierig machen. Und den Leser erst recht.

Wer ist eigentlich Rachel? Die Figur, mit der alles begann, hat dem Leser mittlerweile viel von sich preisgegeben. Vieles liegt aber noch im Dunkeln, von Terry Moore bewusst geheim gehalten, aber jetzt hat sich der Autor entschlossen, den Schleier an einigen Enden anzuheben und den Blick auf ein paar Vergangenheiten freizugeben. Wie das gemeint ist? Das wird hier auch nicht verraten. Sagen wir einfach, Rachel ist eine sehr vielschichtige Persönlichkeit, die von ihrem Werdegang nach einigen Überredungen selbst sehr überrascht, dann sogar tief erschüttert ist. So manche Autoren haben ihren Charakteren ähnliche Attribute verliehen, doch wird ihnen dadurch eine schöne Tiefe verliehen, was nicht zuletzt der einfühlsamen Erzählweise von Terry Moore geschuldet ist.

Und ganz nebenbei ein wenig Liebe und die Aussicht auf das Ende der Welt. Oder man könnte auch sagen: Terry Moore, ein Mann erzählt über Frauen. Schon diese Konstellation ist ungewöhnlich. Ungewöhnlicher noch ist einerseits ihre Ungewöhnlichkeit, anderseits ihre Gewöhnlichkeit. Moores Frauen sind keine alles überragenden Superhelden wie bei anderen Autoren. Trotzdem sind es keine Damen, die man im nächsten Supermarkt treffen würde. Die tief reichenden Geheimnisse dieser Frauen machen die Faszination aus. Und jede unterscheidet sich deutlich von den anderen. Am meisten Spaß macht sicherlich Zoe, mehr Mädchen als Frau, aber eigentlich uralt und mit einer teuflischen Vorhersage versehen.

Ach, ja, die Liebe! Jet und Earl sollen nicht vergessen werden. In zwei feinen Szenen beschäftigt sich Terry Moore mit den beiden und führt endlich das zusammen, von dem der Leser nicht sicher sein konnte, ob es auch zusammen passt. Denn Frauen zeichnen sich in RACHEL RISING nicht gerade für ihre Zuneigung zu Männern aus. Gründe dafür findet Terry Moore in der Entstehungsgeschichte von Lilith und Rachel, einem mystischen Abschnitt der Erzählung, der noch viele weitere Fragen auf einmal klärt.

Der sechste Band lüftet eine Reihe von Geheimnissen, vertieft die Hauptfiguren und deutet ein paar Entwicklungen an, die zwangsläufig für Dramatik sorgen werden. Darüber hinaus gönnt Terry Moore seinen Charakteren eher eine Verschnaufpause. Zusammengefasst wirkt diese Folge wie die berühmte Ruhe vor dem Sturm. Was letzteres bedeutet, hat Terry Moore zuvor schon unter Beweis gestellt. Wie immer sehr gut! Etwas für Serienjunkies. 🙂

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Donnerstag, 14. April 2016

BÄRENKÖNIG

Filed under: Mystery — Michael um 10:00

BÄRENKÖNIGXipil soll der Kaimangöttin geopfert werden. Die junge Frau, deren Opfer einen fürchterlichen Fluch abwenden soll, nimmt ihre Aufgabe ernst, trotz ihrer Angst. Aber sie hat nicht mit dem Eintreffen des Bärenk?nigs gerechnet, der von Menschenopfern rein gar nichts hält und ihr begreiflich macht, dass ihr Volk von der Kaimangöttin hereingelegt wird. Der Bärenkönig befreit Xipil, wohl meinend, das Richtige zu tun. Und auch Xipil ist zunächst voller Freude darüber, zu ihrem Volk und ihrer Familie zurückkehren zu können. Der erste, den sie auf dem Heimweg im Wald trifft, ist der Jäger Antli, ihr Mann. Doch statt sich über ihre Heimkehr zu freuen, fällt er voller Zorn über ihre Feigheit über sie her und prügelt sie fast zu Tode …

MOBIDIC, ein Pseudonym, für eine junge Comic-Zeichnerin aus Brüssel, legt mit BÄRENKÖNIG ihr europäisches Comic-Debüt vor. Auf den Leser wartet eine indianisch märchenhafte Erzählung in der Welt der Menschen und Götter der Natur. Für die Menschen sind die Götter keine Fiktion, obwohl sie ihnen so nah nie begegnet sind. Als es dann doch geschieht, bahnt sich eine ungewöhnliche Liebesgeschichte an. Die Comic-Künstlerin MOBIDIC hat mit einer Mischung aus klaren Linien, Kamerablick, etwas Bilderbuch, genau ausgewählten Details und lasierend, texturartig aufgetragenen Farben eine ganz eigene Bildsprache gefunden, die dieser indianischen Legende eine treffende Atmosphäre gibt.

Das Aufeinandertreffen eines Menschen mit einer tierischen Kultur hier legt automatisch einen Vergleich mit ähnlich gelagerten Geschichten nahe, allen voran Das Dschungelbuch. Aber bei einer ähnlichen Grundkonstellation überwiegen die Unterschiede. Xipil, die junge Frau, ist erwachsen, als sie den Tiergöttern begegnet. Diese können sprechen, sind unglaublich alt, nicht unsterblich. Im Tross der jeweiligen Götter leben die jeweiligen Gefolgstiere. Der BÄRENKÖNIG hat eine kleine Rotte Bären bei sich. Es mag hier auch japanische Einflüsse geben. Anime-Fans könnten hierbei an Prinzessin Mononoke denken. Die Tiergötter sind hier nicht nur größer als ihre Gefolgschaft, sie zeichnen sich auch durch leicht veränderte Körpereigenschaften aus, wie etwa der weiße Fuchsgott mit drei Schwänzen.

Hass zwischen Göttern und Menschen definiert das Verhältnis zwischen den Spezies. Als Xipil von ihrem Stamm getrennt wird, erkennt sie aus der Entfernung erst den wahren Charakter der Menschen. Der Mensch breitet sich aus und versucht der sich wehrenden Natur mit Menschenopfern Herr zu werden. Die Kaimangöttin bringt ihre Wut über die Menschen auf den Punkt und sie hat nur einen Wunsch. Aber leider kann sie ihn nicht erfüllen. Und so gibt es einmal mehr eine unheilige Allianz. MOBIDIC geizt in ihrer Erzählung nicht mit Hoffnung, Liebe und Freundschaft. Doch Hass, Verzweiflung und Feindschaft füllen mindestens ebenso stark die andere Waagschale.

Zwar ist Xipil die menschliche Hauptfigur, aber der BÄRENKÖNIG ist nicht nur der Titelheld. Mit weißem dichten Fell, riesig, freundlich, weise, stark und kuschelig ist er der lebendig gewordene Teddybär. Für Xipil wird er nicht nur zum tröstenden Freund, sondern gar zum Ehemann. Automatisch verknüpft man als Leser mit den Tieren bestimmte Charaktereigenschaften, die sich durch Äußerlichkeiten ableiten lassen, aber genauso von Erinnerungen an diverse Fabeln. MOBIDIC stützt diese Assoziationen, indem sie einige Merkmale besonders herausstellt (auch körperlich). Auffallend ist, dass zu keiner Zeit eine tierische Figur unsympathisch wirkt, selbst die Kaimangöttin nicht, obwohl sie die Trägerin von List und Heimtücke ist.

Eine sehr eindrücklich erzählte, frei erfundene Legende der jungen Comic-Künstlerin MOBIDIC. Außerordentlich schön gestaltet, in sehr eigenem Stil. Die Figuren laden zum Mitfühlen ein. Rundum gelungen. Für Freunde von indianischen Sagen und Märchen, aber auch solche, die sich asiatischen Mythen zugeneigt fühlen. Sehr gut. 🙂

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Mittwoch, 16. März 2016

CHEW – BULLE MIT BISS 9

Filed under: Mystery — Michael um 16:54

CHEW - Bulle mit Biss 9 - Brust oder KeuleJetzt wird geheiratet! Auf zum Honeymoon mit einem Cibopathen. Tony Chu hat es geschafft. Eine Heirat mit Aemilia will eh organisiert sein, manchmal auch im Schnelldurchlauf, aber bisher war Chu immer sehr beschäftigt. Und jetzt hat es endlich geklappt! In Las Vegas kommt jeder unter die Haube. Jeder? Ja, wirklich jeder. Diese Erfahrung muss auch Tonys Kollege und guter Freund Colby machen, der nicht nur die neue Erfahrung einer Ehe macht, sondern auch gleichzeitig feststellt, wie es ist, wenn man in eine ziemlich umfangreiche Familie einheiratet. Eigentlich könnte alles einmal schön und rund laufen, gingen die Verbrechen nicht weiter und würde der nächste Fall nicht schon warten …

Die menschlichen Akteure haben natürlich Unterstützung, wie der CHEW-Fan weiß. POJO, der Kampfhahn, kann noch viel mehr. Er ist dank der beiden Comic-Künstler John Layman und Rob Guillory überall dort zur Stelle, wo ansonsten jede Hoffnung verloren ist. Prinzipiell ist POJO der ultimative Superheld. Er spricht nicht, sondern handelt nur. Nach getaner Arbeit bricht er gleich wieder auf. Dank braucht er nicht, will er auch nicht. Werden für ihn irgendwelche Feiern ausgerichtet, übernimmt ein Doppelgänger an seiner Stelle. POJO ist nicht nur auf der guten alten Mutter Erde unterwegs, es verschlägt ihn ebenso in Paralleluniversen, wo er seinen Job macht. POJO ist unermüdlich.

Weil POJO im Laufe der Zeit in der Reihe CHEW so viele Fans sammelte, ist sein Anteil an der Geschichte in der 9. Folge, Brust oder Keule, deutlich erhöht worden. Darüber hinaus ist ein ganzes Kapitel ihm und seiner Arbeit gewidmet. Darüber verblassen die Leistungen der menschlichen Helden ein wenig. John Layman hat für POJO ein Szenario geschrieben, das wie geschaffen für den cartoony, anarchistischen, etwas wirren Zeichenstil von Rob Guillory ist. Oder hätte sich jemand da draußen eine Kampfszene zwischen einem Hahn und einem Dinosaurier auch nur ansatzweise vorstellen können?

Noch kurz zu POJO: Die Idee hat mehrere Comic-Künstler zu weiteren Arbeiten inspiriert, so dass der CHEW-Fan in zehn stilistisch sehr unterschiedlichen Galeriebildern erfahren darf, wie inspirierend die Idee eines kybernetisch verstärkten Kampfhahnes sein kann. Aber der kultivierte Wahnsinn funktioniert auch ohne POJO. Tony Chus Unterwassereinsatz in einem streng geheimen Labor mag den Leser darüber nachdenken lassen, ob es vielleicht eine verwandtschaftliche Verbindung zu den Pythons gibt oder Charles Addams. Spaß und Blut gehen hier stark Hand in Hand, so dass sich dunkelster Humor im Sinne eines Braindead wiederfindet.

Es wird ernst. Nicht nur bei den erwähnten Hochzeiten. Ein alter Feind, der sich selbst als Vampir bezeichnet, meldet sich auf der Bühne zurück und veranstaltet ein Gemetzel. Hier überschreiten John Laymon und Rob Guillory eindeutig die Schwelle zu purem Horror. Diese Grenze war häufig fließender, hier im 9. Band sind Spaß und Spannung viel strikter voneinander getrennt. Die jeweilige Wirkung ist dadurch umso größer. Mit einem ungeheuerlichen Cliffhanger endet dieses Abenteuer. Der Leser bleibt über diese Wendung versunken etwas ratlos zurück. Ich bin gespannt, wie hier eine Auflösung von Layman und Guillory abgeliefert werden wird.

Für hartgesottene Fans der Serie, keinesfalls für Seiteneinsteiger. Wer bisher am Ball geblieben ist, wird sein blaues Wunder erleben und ganz bestimmt klasse unterhalten werden, denn Layman erzählt mit einer geradezu explodierenden Fantasie. Für alle anderen gilt: Von vorne weg einsteigen und ganz schnell den Anschluss suchen. 🙂

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Dienstag, 16. Februar 2016

ZAUBER – Band 4

Filed under: Mystery — Michael um 18:08

ZAUBER - Band 4Die einst Mächtigen haben den Kampf verloren. Nun geht es an die Bestrafungen. Im besten Fall ist es mit einer Erniedrigung getan. Manchen bleibt die Wahl. Wer nicht gedemütigt werden will, darf auch die Enthauptung wählen. Keiner ist bereit, so weit zu gehen. Auch der Bruder der neuen Herrscherin Blanche nicht, die mit ihrer Stellung an Lieblichkeit eingebüßt hat. Das Tagesgeschäft lässt keine Zeit mehr für die Liebe. Der Blick auf das Geschehen, von oben herab, hat die junge Frau ernüchtert. Mehr noch. Sie ist gelangweilt. Etwas fehlt, nur was es ist, das weiß sie nicht. Noch nicht.

Manchmal ändern sich die Seiten und auch die Liebe kann die Veränderung nicht aufhalten. Das Märchen von Jean Dufaux und Jose Luis Munuera geht in die vierte und letzte Runde. Das kleine Reich hat sich sehr gewandelt, die Machtverhältnisse sind dauerhaft verschoben, doch das Glück hat entgegen des Sieges der vermeintlich Guten trotzdem nicht Einzug gehalten. Blanche, die für den Sieg über Leichen gehen musste, so auch über jene ihrer Mutter, hat ihren Bruder verdrängt und wäre nicht einmal böse darüber, wenn dieser unberechenbare Kerl auch das Zeitliche segnen würde. Dabei waren die Konstellationen vor gar nicht allzu langer Zeit ganz anders. Bei genauer Betrachtung hätte Blanche den Machtkampf verlieren müssen. Aber sie hatte mächtigen Beistand.

Maldoror kam geradewegs aus der Unterwelt, verliebte sich in Blanche und damit ging für ihn, für alle beide der Schlamassel überhaupt erst los. Jean Dufaux macht angesichts der aufkeimenden Schwierigkeiten in den ersten drei Bänden deutlich, dass für das Böse die Liebe nicht vorgesehen ist. Falls es dennoch dazu kommt, bewirkt diese größte aller Mächte eine Umkehr. Schleichend nehmen Blanche und Maldoror die Position des jeweils anderen ein. Gut und Böse tauschen die Plätze.

Jean Dufaux hat in diesem letzten Teil des Dramas alle Figuren in Stellung gebracht und jedwede Figur muss ihre Funktion der Tragödie erfüllen. Es ist ihre Bestimmung. Wer auch nur ein einziges dramatisches Stück von William Shakespeare auf der Bühne gesehen oder gelesen hat, wird die klassischen Parallelen sofort erkennen. Gleichzeitig ist es schön zu lesen, wie Jean Dufaux mit den Sympathien des Lesers spielt und dieses mehr und mehr verschiebt. Aus einer Untotenarmee werden verzweifelte, bemitleidenswerte Wesen, die nichts anderes als ein Zuhause suchen. Die Frommen stehen dem mit aller Grausamkeit und Gewalt entgegen. Versprechen werden nicht eingelöst und ein dummer Zufall, den teils das Schicksal zu verschulden hat, führt zur lustigsten und bemerkenswertesten Wandlung.

Bei allem Drama, auch der Traurigkeit, vergisst Jean Dufaux den Humor nicht. Ansonsten wäre der vierte Teil zu schwermütig und auch die Listen und spannenden Intrigen hätten es schwer, den Leser nicht allzu sehr zu deprimieren. Hier weicht Jean Dufaux sehr gut von klassischen Rahmenbedingungen ab. Horibili, der kleine Parfümeur, von Zeichner Jose Luis Munuera wie der kleine Bruder von Obelix dargestellt, von ähnlicher Statur, mit Schnauzbart und Knubbelnase, und die kleine Schwester von Madoror sind die Garanten für die lustigen Spitzen in dieser Geschichte. Das nimmt groteske Züge an. Besonders im Fall des bösen Mädchens Aldora mag sich der Leser an Humor der Monty Pythons erinnert fühlen.

Aber ZAUBER hätte nicht über vier Bände hinweg seine Kraft behalten, wäre nicht extra für dieses Märchen ein Comic-Künstler am Start, der Figuren modern interpretieren kann und diese perfekt in ein mittelalterliches Setting einbaut. Jose Luis Munuera orientiert sich an unterschiedlichsten Motiven der bildenden Kunst, der Popkultur, moderner Karikatur. Die daraus entstehende Mixtur hat einen intensiven Reiz. Eine Untotenarmee könnte geradewegs aus Taran und der Zauberkessel entsprungen sein. Maldoror und Blanche verbindet ein klassisches Äußeres, wie es in ausgefeilterer Form an der Decke der Sixtinischen Kapelle zu finden ist. Die Ähnlichkeit eines Horobili wurde bereits angesprochen. Und die Konterfeis diverser Intriganten könnten aus dem Portfolio eines politischen Karikaturisten stammen.

Das mittelalterliche Ambiente, weiterhin sehr schön gezeichnet von Munuera, gewinnt im letzten Schritt durch die tolle Arbeit von Kolorist Sedyas, der mit dem Blick eines filmischen Beleuchters zu Werke geht. In einem Vorwort lobt Dufaux den Zeichner Munuera auf seine Art ausdrücklich und betont er würde sogleich wieder mit dem Künstler arbeiten. Einen Abschnitt zur wunderbaren Arbeit des Koloristen hätte er hinzu setzen dürfen.

Ein märchenhafter, klassischer, verträumter, traurigkomischer, spannender Abschluss einer vierteiligen Ausnahmesaga. Wenn Dufaux behauptet, er würde sofort wieder mit Munuera zusammenarbeiten, dann lässt sich aus Comic-Fan-Sicht nur sagen: Ja, bitte, worauf wartet ihr denn? Los! Macht! 🙂

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Mittwoch, 13. Januar 2016

RACHEL RISING 5 – Engel der Nacht

Filed under: Mystery — Michael um 17:27

RACHEL RISING 5 - Engel der NachtWie starb der Mann auf dem Seziertisch? Tante Johnny hat eine Spur, als sie den Rachen des Toten untersucht. Sie teilt ihre Gedanken mit Rachel, die zusammen mit Zoe im Obduktionsraum zu Besuch kommt. Die Schlussfolgerungen werfen ein paar schlimme Ahnungen voraus. Sollten sie sich bewahrheiten, dann ist diese Leiche kein einmaliges Ereignis. Entweder ist er der Anfang einer Mordserie oder ist längst ein Glied in einer Kette von Untaten. Beides klingt nicht ermutigend für die erwachsenen Frauen im Raum. Zoe hingegen hat nichts besseres zu tun, als mit der Naht des Y-Schnitts an der Leiche zu spielen …

Böse. Böser. Zoe. Zehn Jahre alt und sehr, sehr böse. Das ist Zoe. Dieses Killermädchen, mit der uralten Seele und dem nicht minder alten Mordmesser, überrascht stets aufs Neue durch seine Kaltblütigkeit. Terry Moore hatte die kleine kaltblütige Killerin in den Mittelpunkt einer witzigen Marketingkampagne rund um RACHEL RISING gestellt. Ein paar schöne Ergebnisse dieser Idee finden sich im Anhang des Comics. Moment! Ein Killermädchen?! Wer die Reihe bislang nicht verfolgt hat, wird vielleicht etwas verwundert sein. Wer es tat, wird ein paar Antworten erhalten.

Zoe ist ein Kind, das bereits seit Jahrzehnten um keinen Tag gealtert ist. Es legt, nicht nur wegen seiner Straftaten, die eine beträchtlich lange Liste bilden, Wert auf Diskretion und will nicht wiedererkannt werden. In Manson, einer amerikanischen Kleinstadt, kann der Tod an jeder Ecke lauern, denn Zoe ist nicht die einzige, die hier ihr Unwesen treibt. Die titelgebende Rachel hat selbst ein beileibe nicht unwichtiges Problem. Sie möchte endliche ihre Mörder finden. RACHEL RISING heißt es nicht umsonst, weil mit der Rückkehr einiger Verstorbener alles anfing. Inzwischen hat sich das Drama immer mehr hochgeschaukelt. Aber ein paar Geheimnisse werden gelüftet, einige bleiben noch im Dunkeln.

Die Geschichte eines Messers kann, wenn das Messer ein gewisses Eigenleben besitzt, für seinen Benutzer unerträglich sein. Autor und Zeichner Terry Moore gelingen viele eindringliche Momente, auch solche, die längerfristig in Erinnerung bleiben. Zu letzteren dürfte die Geschichte des Messers von Zoe gehören. Der Weg seiner Träger über die Jahrtausende wird in einem ganzseitigen Bild enthüllt. Mehr soll nicht verraten werden von dieser feinen Collage, die einen gruselig guten Querschnitt der Klingenentwicklung bildet, gleichzeitig aber genügend Raum lässt für weitere Ausschnitte. Prinzipiell könnte Terry Moore daraus eine ganz eigene Serie, ein Spin-off, entwickeln.

Sammelt Louis wirklich Köpfe? Kann eine Leiche weinen? Wer hat Rachel getötet? Und welches Heilmittel schafft es auf so wunderbare Weise, die irrsinnigsten Verletzungen über Nacht zu heilen? Oder sollte man jede Tasse Kaffee unbedingt leeren? Terry Moore erzählt mitunter mit jener bizarren Atmosphäre, die auch ein David Lynch für sein Twin Peaks verwendet hat. Kleine Ausrutscher zweigen kurz von der eigentlichen Handlung ab, eine winzige Szene, manchmal ohne Worte und schon hat der Leser ein Gefühl für die weitere Handlung. Amüsiert, irritiert, schockiert, ins Herz getroffen.

Ein fünfter Teil der Reihe, der mit blutigem schwarzen Humor und mit einer ebenso großen Portion Traurigkeit einiger Charaktere daher kommt. Die Entwicklung von Rachel und Zoe weiß sehr zu gefallen. Die eine versucht den inneren Riss in ihrer Seele zu kitten, die andere will wenigstens eine Sache, obwohl rein egoistisch bedingt, in Ordnung bringen. Wie schon in STRANGERS IN PARADISE versteht es Terry Moore seinen Charakteren sehr nahe zu kommen. Man beachte nur die kleinen feinen Szenen mit und zwischen Tante Johnny und Earl. Große Klasse! 🙂

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Oder bei Schreiber und Leser.

Sonntag, 20. Dezember 2015

HAUTEVILLE HOUSE 12 – JACOB’S WELL

Filed under: Mystery — Michael um 9:02

HAUTEVILLE HOUSE 12 - JACOBS WELLAlamo! Ein Fort in Texas wird am 6. März 1836 zur traurigen Legende. Ein fürchterlich geringe Anzahl texanischer Verteidiger unterliegt im dritten Ansturm der Armee des mexikanischen Generals Santa Anna. Als sich das Gemetzel seinem Ende nähert, erfüllt Davy Crockett eine letzte, vielleicht die wichtigste Aufgabe dieses Tages. Viele Jahre später sind die Auseinandersetzungen mit Mexiko viel unwichtiger geworden und die Schlacht um Fort Alamo nur noch eine Legende. Die Vereinigten Staaten haben ihren Bürgerkrieg vorerst beendet, aber die Bedrohungen sind alles andere als vergangen, sondern haben sich nur verschoben.

Das Monster aus der schwarzen Lagune ist da! Oder erinnert sich noch jemand an den B-Movie-Klassiker Insel der neuen Monster? Das Unheil in amphibischer Form, halb fischig, halb menschlich hat SciFi-Autoren schon häufiger zu Ideen beflügelt. Fred Duval greift diese Idee im 12. Band der Reihe HAUTEVILLE HOUSE nun intensiver auf. Intelligenter sind diese Wesen, die den Weg an Land nicht scheuen und es verstehen, sich unter ihre Feinde, die Menschen zu mischen. Ihr Auftreten sorgt innerhalb der Handlung für gehörige Überraschungen. Ihre Absichten werden verschleiert, ihre Bündnisse sind unerklärlich. Neben der erwähnten schwarzen Lagune (es gibt einen eindeutigen optischen Hinweis auf die Vorlage) schien es mir, als Habe Fred Duval auch einmal einen Blick in Der Schwarm geworfen.

In der Unterwasserwelt … ist nicht alles so anders, wie es die Helden auf der Erdoberfläche annehmen könnten. Wenn sie denn von dieser ungewöhnlichen Örtlichkeit wüssten. Mehr soll nicht verraten werden, doch zusammen mit der Aussicht auf das Verschwinden von Davy Crockett fügt sich hier ein Mosaiksteinchen zum anderen und enthüllt noch lange nicht das ganze Bild. Und damit bleibt Fred Duval seiner Linie treu, weil in der Weise, wie er Fährten auslegt und Spannung schürt, hat er eine gnadenlose erzählerische Meisterschaft entwickelt. Wer den 12. Band schon erwartet hat, wird mir beipflichten.

Gnadenlos in allen Belangen: Mut zur fantastischen Erzählung ohne Grenzen. Das Schöne an Fred Duval ist der Umstand, dass er ohne jegliche Scheu Genres mischt, Einzelheiten beifügt, die man vielleicht hier und dort, aus Film und Roman, aus der Historie her kennt, höchstwahrscheinlich aber nicht in Beziehung zueinander bringen würde, da es auf den ersten Blick grotesk wirkt. Wer jedoch die Szenen sich ansieht (vergesst Lincoln, den Vampirjäger!), wird ganz schnell feststellen, wie beeindruckend gut diese Mixtur funktioniert. Das Titelbild gibt einen schönen Eindruck dieser Szenerie. Ein Trupp berittener Nordstaatler wird aus der Deckung heraus von einem unheimlichen amphibischen Wesen beobachtet. Und seltsamerweise trägt es, trotz seines wilden Aussehens, eine moderne Waffe bei sich. Und so viel sei verraten, es weiß sie zu benutzen.

Natürlich muss der Fan der Reihe nicht auf seine beiden Lieblingshelden von HAUTEVILLE HOUSE verzichten. Agent Gavroche und die nicht minder begabte Zelda sind auf der Suche nach Informationen, ehe sie bemerken, dass sie längst ins Fadenkreuz des unbekannten Feindes geraten sind. Basierend auf dem Storyboard von Christophe Quet arbeitet Zeichner Thierry Gioux mit seiner gewohnt leichten Skizzentechnik, starken Schatten und viel Feinarbeit in Sachen Steampunktechnik und Monster. Der 12. Band mit dem Untertitel Jacob’s Well geht so nahtlos weiter, wo das elfte Abenteuer endete. Abwechslungsreiche Schauplätze halten die Neugier des Lesers unangestrengt wach und gönnen dem Auge eine Menge.

Ja, das ist es doch! Mittlerweile lässt sich mit Fug und Recht sagen, dass Fred Duval so manchem Comic-Autor ein Vorbild sein kann. Sein Erzählreichtum ist wagemutig und versiert. Die Serie sei jedem ans Herz gelegt, der gerne dort weiterlesen möchte, wo ein Jules Verne und ein H.G. Wells aufhörten. 🙂

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Mittwoch, 16. Dezember 2015

THE ART OF ASSASSIN’S CREED SYNDICATE

Filed under: Mystery — Michael um 22:02

THE ART OF ASSASSINS CREED SYNDICATEEine weitere Episode aus der Reihe ASSASSIN’S CREED. Die Reise geht nach London, in eine seiner dunkelsten Phasen, an die Schwelle eines neuen Zeitalters. Jacob und Evie Frye treten gegen die Templer an und versuchen die Macht des Ordens durch unterschiedliche Aktionen und Vorgehensweisen zu erschüttern, wenn nicht gar zu brechen. Das Art-Book dieses neuen Spiels mit dem Zusatztitel SYNDICATE blättert ein London vor dem Leser auf, wie es übelsten Alpträumen entsprungen sein könnte, aber so einmal Realität gewesen ist.

Ein virtueller Catwalk: Jacob und Evie Frye leben und agieren in einer Welt des Umbruchs. Die Klasse vergangener imperialer Jahrhunderte verblasst. Etwas Neues bahnt sich seinen Weg. Entsprechende Veränderungen und Entwürfe finden sich auch in der Kleidung der beiden Attentäter. Dem Zeitalter entsprechend treten Jacob und Evie in einer Art pompöser Zweckmäßigkeit auf. Hellgrau, dunkelgrau, rot in der Tönung getrockneten Blutes und Spitzformen wie auch feinster silberne Accessoires sind wiederkehrende Elemente in diesen modischen Designs. Unter der klassischen Kapuze bleibt das Gesicht verborgen, während so manches Outfit auch auf dem roten Teppich im Blitzlichtgewitter der Journaille funktionieren würden.

Doch Tarnung ist am Ende alles. Und deshalb muss die Figur vor der Kulisse des viktorianischen London im Jahre 1868 aufgehen. Lassen wir einmal das überaus beeindruckende Arsenal an Waffen und Hilfsmitteln beiseite, die dem Leser wunderbar wie in einem Versteigerungskatalog der großen Auktionshäuser präsentiert werden. Dieses LONDON ist ein Moloch, ein Krake, ein majestätisches Rennpferd, ein mit Dampf pfeifendes Ungetüm. Es unterteilt sich in Bezirke, Details, von denen jedes einen eigenen Mikrokosmos darstellt, der jeweils derart erforscht und ausgearbeitet wurde, so dass sich eine lebende Kulisse ergibt. Diese reißt den Leser bereits mit ihrer gemäldeartigen Theatralik mit. Jedes Bild hat schon eine Geschichte.

LONDON: Deine magischen Orte. In der alltäglichen Betrachtung mögen die Stadtteile Londons, einzelne Flecken auf der Stadtkarte und in der Silhouette keine besondere Ausstrahlung verströmen. In der historischen Betrachtung, mit einem Licht, das dem eines gelungenen Kinofilms entliehen sein könnte, ändert sich das gewaltig. Ob Westminster, Trafalgar Square, Covent Garden, Big Ben, Southwark, hier entstehen verwunschene Plätze. Opulent breiten sich die Bilder auf ausklappbaren Seiten aus und faszinieren mit ihren Einzelheiten. Bestes Beispiel ist das Bild, das den Markt zeigt und das Resultat einer Bluttat. Eine Leiche liegt auf zum Verkauf stehenden Fischen. Der Mörder wendet sich ungerührt ab und wischt die Klinger seines Messers ab.

Es ist nicht nur die Inszenierung des Bildes in Perspektive, Licht und Schatten und Farben. Es sind die Menschen, die den Mörder beobachten, der seltsam unbeteiligt und wenig bedrohlich wirkt. Die Reaktion der Marktfrauen ist aussagekräftig. Die Gesichter sprechen Bände und hier wäre schon der perfekte Einstieg in eine Geschichte. Wie Art Director Thierry Dansereau herausstellt, ist die Leistung eines globalen Teams an der Arbeit zu SYNDICATE zu würdigen. Im Vergleich zur Covent-Garden-Szene fällt ein Blick auf eine dunkle Gasse auf, in der sich der Assassin gerade an einer Fassade auf und davon macht. Neben der fein ausgestalteten Kulisse sind es gerade jeder einzelne Mensch, der dieser Szene seine Aufmerksamkeit schenkt und diese letztlich ein Stück komplettiert. Die Aufmachung vieler Grafiken in diesem Begleitband zum Spiel kann sich an alten Meistern messen und wurde sicherlich davon inspiriert.

Wie wichtig die Menschen als Nebenfiguren in SYNDICATE (wie immer eigentlich) sind, darf in einer ganzen Strecke von Kapiteln begutachtet werden. So lebt ASSASSIN’S CREED: SYNDICATE nicht nur vom einfachen Bürger auf den Straßen, den vielen ausgefüllten Funktionen vom Polizisten bis zum Gauner, es geben sich auch historische Persönlichkeiten die Ehre. Mit der Zeitanomalie: Erster Weltkrieg erscheint Winston Churchill auf der politischen Bühne und als imposante Nebenfigur im Spiel. Die Übergangsphase der Industrialisierung wird ad acta gelegt, die Auswirkungen dominieren kriegerisch den Luftraum über London und erzeugen größere Weite und Höhe, wenn Doppeldecker und Zeppeline plötzlich die Welt vom Boden in die Zukunft reißen. Ein Zitat nennt diesen Zeitabschnitt einen interessanten Spielplatz, aber gleichzeitig untermauert gerade dieses Szenario die Absicht der Macher des Spiels, Zeitgeschichte zu lehren. Ein häufiger Ansatz, der hier wirklich passt.

Alles bedacht. Dem Zeitsprung gegenüber stehen in den Konzeptzeichnungen die archaischen Kämpfe in den improvisierten Arenen Londons. Bewegungsabläufe, die den Faltenwurf der Kleidung verdeutlichen, gehören ebenso zu den breit angelegten Grundlagen wie eine Sammlung der Bewohner Londons, verschiedener Fahrzeuge wie Schiffe und Lokomotiven bis hinunter zur Backsteinarchitektur der Arbeitersiedlungen. Umfangreicher kann eine Konzeption nicht mehr ausfallen und es zeigt, wie Spieleindustrie und Filmemacher inzwischen Kopf an Kopf, Hand in Hand zu arbeiten verstehen.

Ein Blick hinter die Kulissen der Gestaltung eines erfolgreichen Actionreißers, ASSASSIN’S CREED: SYNDICATE, der ein Fest für jeden Freund historischer Bilder ist, für Freunde der Spielereihe, die eintauchen möchten sowieso. Wer wissen will, wo die Sorte Künstler abgeblieben ist, deren Gemälde früher Einzug in die Museen hielten: hier sind ihre Werke zu finden. Das ist Kunsthandwerk und Perfektion. Toll! 🙂

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