Montag, 19. Februar 2007
Harrison Banks bleibt gar keine andere Wahl. Wenn er endlich die Intrige aufklären will, die sein Leben zerstört hat, muss er nach Golden City zurückkehren. Was ihn in der Höhle des Löwen erwarten wird, kann er nicht einmal ansatzweise vermuten.
Die Aufgabe, die er sich selber gestellt hat, scheint unmöglich zu erfüllen zu sein. Banks geht das Wagnis ein. Mit einer alten Polizeiuniform angetan, der privaten Einheiten von Golden City, und einem reparierten Jetski dringt er in die Höhle des Löwen ein. Die Ankunft gelingt, doch von da an läuft alles schief.
Banks hat keinerlei Papiere bei sich und wird sogleich entdeckt. Die eine Wache kann er zwar noch ausschalten, doch dann ist schnell die Jagd auf ihn eröffnet. Der Aufenthalt auf Golden City könnte ungewohnter nicht sein.
Bisher haben Kopfgeldjäger Jagd auf ihn gemacht. Er verbrachte mehrere Monate in einem Hochsicherheitsgefängnis. Er gewann Freunde in Menschen, die er auf normalem Wege niemals kennengelernt hätte. In der jüngsten Vergangenheit ging er mehr Wagnisse ein als in seinem gesamten Leben zusammengenommen.
So ist es für äußerst ungewöhnlich nach so langer Zeit, seine Frau wiederzusehen, die es bisher nicht gemerkt hat, dass sie ein Leben an der Seite eines Doppelgängers führt.
Mit dem Eindringen in den streng gesicherten Komplex von Golden City gehen Banks’ Schwierigkeiten erst richtig los. Der Hinweis, den seine Mutter ihm hinterlassen hat, ist leider nicht vollständig, weshalb er auf Mutmaßungen angewiesen. Als er des Rätsels Lösung findet, ist es für ihn nicht nur eine unbequeme Wahrheit, sondern der blanke Horror. Was seine Mutter in der Vergangenheit tat, hätte er nicht erwartet.
Damals: Harrisons Mutter wünscht sich ein Kind. Aber sie ist auch eine mächtige Frau, die sich nicht auf herkömmliche Reproduktionstechniken verlassen will. Mit Hilfe einer Wissenschaftlerin schafft sie einen geheimen Komplex, dessen Techniken den Untergang für Harrison legten, obwohl sie ihn doch ursprünglich schützen sollten.
Harrisons Chancen scheinen endgültig aufgebraucht zu sein.
Die Akte Harrison, die fünfte Episode von Golden City stellt dem Helden Harrison Banks noch mehr Hindernisse in den Weg. Bisher glaubte man als Leser, es könne für ihn kaum noch schlimmer kommen. Diese Episode belehrt den Leser eines Besseren.
Sehr schnell merkt man, wie der Endspurt der Geschichte eingeläutet wird, denn es schließt sich so mancher Kreis und so manches Geheimnis wird gelüftet, so manche Vergangenheit enthüllt.
Die kleine Gruppe von Strandräubern, bei der Harrison einige Male Zuflucht gefunden hat, erfährt durch ein neues hilfreiches Mitglied etwas über das Verschwinden von Mifas Mutter. Ein alter Feind hat bereits vor vielen Jahren das wenige Glück einer kleinen Familie zerstört. Nicht nur durch dieses Ereignis wird wieder deutlich, wie ungeheuer sympathisch diese kleine Gruppe dargestellt ist. Man wird als Leser nicht mit der Nase darauf gestoßen, aber es erschließt sich einem nach und nach. Umso gemeiner ist es von Autor Daniel Pecqueur, wenn er es wagt, dieser Gruppe etwas zustoßen zu lassen. Im Gegensatz zu Harrison Banks, der ein reicher Pinkel ist, hat man sofort Mitleid mit Mifa und ihren Freunden, sobald ihnen etwas passiert. Allerdings spielt Pecqueur seinem Protagonisten um ein Vielfaches so übel mit. Spätestens jetzt möchte man Golden City auch verfilmt sehen, weil es im vorliegenden Band sehr viele Überraschungen hagelt, die einen bereits im Comic-Format auf eine abenteuerliche Achterbahnfahrt mitnehmen.
Pecqueur nutzt die Heimkehr von Banks, die Architektur von Golden City ausführlich zu beschreiben. Damit gibt er Nicolas Malfin reichlich Gelegenheit, Außenansichten zu zeigen und die Innenräume zu gestalten. Die Räumlichkeiten bestechen durch ein hochfeines Design und könnten geradewegs aus einem Science Fiction-Film stammen. Das Design setzt sich bis in die kleinste Kleinigkeit fort. Es würde nicht verwundern, wenn Malfin auch als Production-Designer bei Filmen oder Spielen tätig wäre.
Im Gegensatz zur hohen Technisierung von Golden City setzt Malfin mit der eher chaotischen Bauweise an der Küste und den Bildern des Meeres ein gutes Gegengewicht. Beide Bereiche können nur durch ihre Gegensätze wirken. Golden City als Handlungsort allein wäre auf die Dauer zu kühl. Diese These bekräftigt sich auch durch die Farbgebung von Pierre Schelle und Stéphane Rosa, die bereits in der Serie Kazandou ein sehr gutes Team bildeten und dort viel Erfahrung im Science Fiction-Genre sammeln konnten.
Golden City befindet sich auf der Zielgeraden und steigert sich weiter. Dank der verschachtelten und eindringlichen Erzählweise steigt die Spannung von Seite zu Seite. Top!
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Sonntag, 18. Februar 2007
In der Halbwelt, jener Welt, aus der sich Menschen am besten heraus halten, kursieren Gerüchte, die den Blutsaugern keineswegs gefallen. Jemand macht Jagd auf sie, noch dazu jemand aus den eigenen Reihen. – Vampirella ist zurück!
In einer kleinen Bar wurde vor kurzem ein neuer Blutspeicher angezapft und die Gäste lassen es sich wohl schmecken. Ein jeder hat etwas zu den Gerüchten beizutragen, Halbwahrheiten, Details, Ängste.
Vampirella, die Verräterin an ihrer eigenen Art, wurde hier gesehen und dort. Dieser und jener ist tot, ausgelöscht, in einer Ascheexplosion vergangen. Aber was ist ihr Ziel?
Auch darüber streiten sich die Gemüter. Angeblich soll sie sich auf einem heiligen Kreizzug befinden, der erst dann sein Ende findet, wenn der letzte Vampir tot ist – verständlich, dass die anwesenden Blutsauger von dieser Aussicht nicht gerade begeistert sind. Die Person um die sich letztlich alles dreht, heißt Lilith, jene Urmutter der Vampire, die wegen ihrer Brut bis zum jüngsten Tag verflucht ist.
Es sei denn, jemand nimmt sich des Problems an und tilgt die Blutsauger vom Angesicht der Erde.
Ein Streit bricht in der Bar aus. Auch unter Vampiren kann solch ein Streit mit einer kleinen Lokalrunde besänftigt werden. Aber als der nächste Blutspeicher, Mensch, angezapft werden soll, kommt es für die anwesenden Gäste völlig anders als erwartet.
Vampirella ist zurück!
Kein Vampir davor oder danach ist derart sexy aufgetreten und ist im Comic-Bereich zu einem Inbegriff der Blutsauger geworden.
Vampirella bildet einen äußerst gegensätzlichen Charakter. Einerseits ist sie mit äußerst großen weiblichen Attributen ausgestattet und kurvenreicher als die Serpentinen einer Gebirgsstraße, andererseits geht sie oftmals blutiger ans Werk als der Ur-Vampir, Dracula persönlich, schlechthin.
Vampirellas Vergangenheit ist darüber hinaus noch sehr ungewöhnlich. Immer wenn die Sprache auf ihre außerplanetare Herkunft von Drakulon kommt, entsteht so eine B-Movie-, wenn nicht sogar C-Movie-Geschmack, der angesichts der Verfilmung mit Ex-Bondgirl Talisa Soto in der Hauptrolle gar nicht so weit hergeholt ist. Drakulon als Hintergrundgeschichte spielt keine Rolle mehr, der Pulp-Geschmack bleibt.
Man darf aber auch nicht vergessen, dass Vampire lange Zeit nur im Pulp-Bereich überlebt haben, bevor sie mit Anne Rice & Co. und einem leicht schwülstigen Horror ein Comeback erlebten.
Vampirella hat nicht nur überlebt, sie hat sich außerdem noch einen Namen gemacht. Das mag auch an ihrem Outfit liegen: ein knapper roter Einteiler, hohe Stiefel, mehr nicht. Diese gewisse sexuelle Komponente hat sicherlich auch zum langen Comic-Dasein von Vampirella beigetragen. – Sex war aber schon zu Draculas Zeiten unterschwellig thematisiert und ist keine Erfindung von Vampirella. Bei ihr ist es eher eine Aussage wie: Wenn schon, denn schon. So teilt sie mit Dracula nur den hohen Kragen und das Rot seines Umhangs.
Neben ihren ganz eigenen Auftritten war sie ein beliebtes Crossover-Girl – mit Lady Death, Purgatori, Shi, Pantha, Chastity oder auch mit der Magdalena.
Aus dem Vampir-Genre ist Vampirella nicht mehr weg zu denken, zumal sie auch mit ihren Ausflügen in Romane und Mangas andere Wege beschritt.
Vampirella Revelations ist ein Prolog zu einem neuerlichen Feldzug der Vampir-Ikone. Wie bei den Fans so hat sich die schwarzhaarige Vampirin auch bei ihren Feinden in der Erzählung einen Namen gemacht – wie es sich gehört, ist es ein Name der gefürchtet wird.
Nette Kleinigkeiten dieses Auftakts sind zum Beispiel die Art und Weise, wie in der Vampirkneipe für Getränkenachschub gesorgt wird. Es ist eine Szene, die den Leser in die Geschichte hineinkatapultiert, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Die Bilder unter der Federführung von Mike Lilly bleiben düster. Es bleibt ihm nicht viel Zeit, sich selbst und seine Fähigkeiten angemessen in Szene zu setzen. Dort, wo ihm mehr Platz bleibt, gelingt es ihm schon ganz gut, besonders als sie ihr Versteck verlässt. Der Auftakt insgesamt, von Mike Carey geschrieben, macht Hoffnung auf eine stark actionhaltige Handlung. Man darf gespannt sein. 🙂
Wer bei Dark Horse in diesen Tagen auf der Homepage vorbeischaut, findet zwei äußerst gelungene Bildwechsel vor. The Messengers zeigt eine gelungene Bildfolge im besten Sinne moderner japanischer Gruselfilme, die in den letzten Jahren auch vermehrt für den amerikanischen Markt adaptiert wurden. Beeindruckender, mit einem Blick, der einen wirklich anglotzt, ist die Werbung zu Blade Of The Immortal.
Dark Horse bietet gerade einen schönen Blick hinter die Kulissen von Rex Mundi (jüngst auch bei uns auf Deutsch erschienen). Im direkten Vergleich lassen sich hier sehr schön Script, Bleistiftskizze, die ausgeführte Zeichnung wie auch die kolorierte Fassung nebeneinander betrachten. Ein verdammt gelungenes Making Of, da sich hier der Arbeitseinsatz sehr schön ablesen lässt. Die Wirkung der Bleistiftzeichnungen ist bereits toll, aber sobald die Farbe ins Spiel kommt, wird es richtig spitze. Die magische Auseinandersetzung hat es in sich.
(Schaut Euch die Bilder mal ohne Lettering an. Es ist erstaunlich, wie gut die Szenen auch ohne Text funktionieren.)
Dark Horse war ja schon immer für Horror-Comics gut und hat sich in dem Bereich eine schöne Nische erobert. Buffy kehrt in Comic-Form für eine achte Season zurück. Aber auch sonst gibt die kleine Werkschau einige nette Neuigkeiten her.
In den USA läuft das Merchandising rund um Comics wie auch der Absatz von Comic-Action-Figuren auf Hochtouren. Bei uns sind viele dieser Schätzchen etwas schwieriger zu bekommen. Bei einem bekannten Internet-Auktionshaus finden manchmal regelrechte Schlachten um solche Figuren statt. (Achtet mal auf den 80 cm großen Batman aus Batman Begins.) Figuren des Superman Returns gingen irgendwie nicht so gut. Ein Kaufhaus in meiner Nähe bietet sie zur Zeit an wie Sauerbier. (Sie hätten aber auch ein wenig liebevoller gemacht sein können.)
Im Vergleich dazu sind die Figuren, die den Zeichnungen von Alex Ross nachempfunden sind, ein echter Hammer und wirklich gut getroffen.
Übrigens, wer noch Lesefutter braucht und einen kleinen Vorgeschmack von The Portent haben möchte (demnächst bei Cross Cult auf Deutsch), schaut mal bei Image Comics in den Webcomics nach. Es sind immerhin samt Cover satte 29 Seiten.
Samstag, 17. Februar 2007
Joe Canelli fristet ein ganz normales Polizistendasein. Die Polizisten kassieren unter der Hand kräftig ab, dafür kann das organisierte Verbrechen ungestört seinen Geschäften nachgehen. – Leider krempelt ein Mord dieses System gründlich um.
Canelli beginnt mit seinen Ermittlungen, die ihn tief in einen Sumpf aus Korruption und dunklen Machenschaften führen wird. Einer der Toten ist eine führende Persönlichkeit aus der Riege der Kriminellen. Canelli versucht den Ermittlungen alle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die er aufbringen kann. Sein Großvater hat einen leichten Infarkt und muss ins Krankenhaus. Canelli selbst wird von Träumen geplagt, die sehr rätselhaft sind. Ein langer Gang, ein Fremder am Ende des Ganges. Der Gang ist ungewöhnlich. Er wirkt wie ein aufgehängter Steg.
Viel Zeit bleibt Canelli nicht, um mit seiner eigenen Psyche fertig zu werden. Auf den Tod des Kriminellen folgt bald das nächste Massaker. Diesmal ist die Aussage eindeutig, denn es gibt einen Augenzeugen. Polizisten haben das Massaker angerichtet. Sollte diese Information nach draußen dringen, wird der wackelige Frieden zwischen den Fronten zusammenbrechen.
Canelli muss sich entscheiden. Will er der Polizist bleiben, der sich aus allem herausgehalten hat? Der Polizist, den sein Großvater nicht leiden kann? Will er der Polizist sein, der er ist? Oberflächlich und korrupt, nur auf sich bedacht? Oder ein Polizist, der seinen Job macht, obwohl der Weg zwangsläufig lebensgefährlich sein wird?
Mit Kickback hat David Lloyd keinen reinen Thriller geschaffen, dafür ist die Geschichte viel zu vielschichtig. Canelli und seine Familie, seine Vergangenheit sind ebenso ein wichtiges Thema wie der eigentliche Kriminalfall. Über die Verbecherjagd findet Canelli wieder zu sich selbst.
Die Geschichte erschließt sich dem Leser zunächst über die Optik. Grafisch gewinnt man schnell den Eindruck von überarbeiteten Fotografien – aber es ist eben nur ein Eindruck. Denn in Wahrheit ist es kein Filmfotoroman, der hier mit einem Computerretuscheprogramm bearbeitet wurde. Lloyd hat seinen ganz eigenen Stil gefunden, um einer Geschichte Authentizität zu verleihen. Die schwarzen Linien sind extrafett gezogen, aber mit einer derartigen Präzision, als wären ihnen per Retusche noch einige Pixel hinzu gegeben worden.
Die Kolorierung folgt keiner gängigen Prozedur. Wer alte Schwarzweißfilme gesehen hat, die nachträglich koloriert wurden, in den frühen Tagen, als diese Prozedur noch von Hand erfolgte, kann sich einen gedanklichen Eindruck dieser Bilder von David Lloyd machen. Schatten sehen getuscht aus, könnten zum Teil aber auch mit einem Bleistift grob aufgerieben worden sein.
Grafisch wehrt sich die Geschichte ein wenig gegen den Betrachter – anders kann ich es nicht ausdrücken. Aber es ist auch eine Welt, die man nicht betreten möchte, die man lieber von außen betrachtet (ebenso wie V wie Vendetta, das von David Lloyd in Bilder gebannt wurde).
Lloyd arbeitet mit unterschiedlichen Perspektiven. Einmal sehen wir die Akteure von außen, wir können ihre Gefühle aus ihren Gesichtern ablesen. Ein anderes Mal sehen wir durch ihre Augen, wir sehen, was ihnen geschieht, aber wir sehen auch, was der Auslöser für ihre nächsten Handlungen sein wird.
So geschickt verstrickt der Autor Lloyd den Leser immer tiefer in die Handlung. Das ist nicht immer angenehm, aber es zwingt zum Dranbleiben – wenn man diesen erzählerischen Trick annimmt.
Neben der eigentlichen Handlung reist Canelli zu sich selbst. Aber wir verfolgen auch die Reise von Canellis Großvater, einer anderen wichtigen Figur in dieser Geschichte. Sein Großvater ist einerseits die Gewähr für einen Blick in die Vergangenheit, aber auch ein Ausblick auf die Zukunft.
Der Großvater hat eine Zeit des Aufbruchs kennengelernt, eine Zeit der Luftschiffe, als riesige zigarrenförmige Fahrzeuge durch die Luft fuhren (nicht flogen). Reisen besass eine majestätische Langsamkeit, es hatte etwas Schönes, aber auch etwas Exklusives. Mit dem Absturz der Hindenburg endeten die Träume des Großvaters und wurden zu einer lebenslangen Spinnerei. Sie wurden zu dem, was immer aus Träumen wird, die man wegen mangelnder Einsicht nicht zu Grabe tragen möchte.
Canelli selbst hat diesen Aspekt erkannt, nur seine eigenen Ängste kennt er bislang noch nicht. Da ist nur dieser Albtraum, der ihn verfolgt. Insgeheim ahnt er die Auflösung, insgeheim ist ihm nur allzu bewusst, wohin der unheimliche Weg führen wird, von dem er nächtens heimgesucht wird. Es ist der Weg, dem er sich täglich verweigert.
Erst als er sich ehrenhafter verhält und endlich das macht, was einen Polizisten eigentlich auszeichnet, was von ihm verlangt wird, löst sich der Knoten endlich auf.
Ein ungewöhnlicher Thriller von David Lloyd mit einem hoffenden Charakter in einer dunklen Stadt, grafisch außergewöhnlich, gelungen erzählt, spannend, vielschichtig. Spitze. 😀
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Freitag, 16. Februar 2007
Wir schreiben das Jahr 2039. Ein Mord wurde begangen. Die Polizei hat einen Verdächtigen im Visier und jagt den Unbekannten, den sie nur den Bat-Man nennt. Wer ist dieser geheimnisvolle Mann, über den kaum Informationen existieren?
Überwachungsfluggeräte ziehen ihre Kreise über Gotham City. Suchscheinwerfer leuchten jeden verdächtigen Winkel am Boden aus. Der Unbekannte kann und darf nicht entkommen. Aber sie haben nicht mit der Agilität des Flüchtigen gerechnet, der schier übermenschliche Fähigkeiten zu haben scheint.
In einer Stadt, in der nichts verborgen bleibt, eine Stadt, die dreckig und überbevölkert ist, einer Stadt, die keinerlei heimatliche Gefühle zu wecken vermag, ist der Gejagte trotzdem gruselig, denn er sieht aus wie eine riesige Fledermaus und jagt seinerseits den Verfolgern einen gehörigen Schrecken ein.
Die Jagd bleibt für den Fledermausmann nicht ohne Folgen. Schwer verletzt sucht er sein Versteck auf. Die wenigen Freunde, die er hat und die sein Geheimnis kennen, kümmern sich um ihn. Sobald er nur ein wenig wieder auf den Beinen ist, nimmt er die Spur wieder auf. Wer wollte ihn hereinlegen? Wer hat ein Interesse daran, Batman einen Mord anzuhängen? Wer war der Tote? Wer sind die Agenten, die sich plötzlich in den Fall einmischen?
Auf der anderen Seite stellt sich den ermittelnden Beamten die Frage: Wer ist dieser unbekannte, selbst ernannte Verbrechensbekämpfer? Bilder von ihm reichen zurück bis ins Jahr 1939. Aber diese Aufzeichnungen sind allenfalls Fragmente und keine Dokumentation. Außerdem scheint sich seine Gestalt etwas verändert zu haben in all den Jahren. Die Polizei steht vor einem Rätsel.
Auch Batman folgt seinen zu lösenden Rätseln, geduldig und unnachgiebig. Was er schrittweise erfährt, erschüttert selbst den hart gesottenen Ermittler, der schon alles gesehen zu haben glaubt. Seine Feinde gönnen ihm nichts. Sind es auch keine Superschurken, so gehen sie doch mit der gleichen Gewissenlosigkeit zu Werke. Aber Batman hat in all den Jahren nichts verlernt. Hartnäckig, und mit der Hilfe alter und auch neuer Freunde, bleibt er bis zum bitteren Ende an dem Fall dran.
Wie kann Batman über 100 Jahre alt sein? Auch Batman – Das 100. Jahr beantwortet diese Frage nicht – muss es auch nicht. Denn was Autor und Zeichner Paul Pope hier gestaltet hat, liest sich wie ein Neuanfang von Batman. Selbst angestammte Leser können den Bat-Man hier völlig neu entdecken.
Paul Pope zeichnet ein im wahrsten Sinne des Wortes düsteres Bild der Vereinigten Staaten der Zukunft. Die Verbecherjagd kann zentral gesteuert werden. Polizeischwadronen kontrollieren den Luft- und den Straßenraum. Pope zeichnet diese Welt in schnellen, skizzenhaften, abstrakten, manchmal krummen Strichen. Diese Welt ist kaputt. Es ist eine Welt geworden, in der ein Batman dringender gebraucht wird, als jemals zuvor. – Da gibt es nur eine Besonderheit: Die Superschurken sind weg. Sie haben nicht einfach ihren Job aufgegeben oder sind gestorben, weil die Natur schlicht ihr Recht einforderte. Nein, sie wurden beseitigt.
Einer, der sich deshalb gewaltige Vorwürfe macht, ist ein Polizist namens Gordon, seines Zeichens ein Enkel eines anderen Gordon, der den Bat-Man schon viel früher kannte. Dieser neue Gordon muss den Bat-Man erst noch für sich entdecken und seine Geheimnisse ergründen. Als es soweit ist, ist er bereit, so lange wie möglich zu schweigen, um die Vergangenheit dieses Helden zu schützen.
Gordon ist ein demoralisierter Cop, der von seinem Gewissen geplagt wird. Er dachte die Sache in Arkham, sei die schlimmste Sache, die ihm jemals passiert ist. Er hat sich getäuscht. Da er sich einmal nicht widersetzt hat, ist er zur leichten Beute geworden. Zuerst ist nur er sich selbst den eigenen Widerstand schuldig, als er sieht, dass einem Unschuldigen Schaden zugefügt werden soll. Je mehr er sich mit dem Bat-Man beschäftigt, umso mehr ist er sich bewusst, dass er es auch seiner Vergangenheit schuldet – und der seiner Familie.
Pope ist mit Gordon ein sehr guter Comic-Charakter gelungen.
Während Batman sehr im Dunkeln bleibt, scheint das Licht auf seinen engen Helferkreis schon heller. Eine Ärztin und zwei jugendliche Erwachsene opfern sich sehr für den geheimnisvollen Rächer auf, der selbst in ihrem Beisein den unwiderstehlichen Drang zu verspüren scheint, sein Gesicht nicht allzu häufig zu zeigen. Pope schildert auf behutsame und überzeugende Weise, wie sehr sein Leben ihr eigenes auf den Kopf stellt. Der neue Robin ist nicht wiederzuerkennen, aber er ist nicht minder begabt und auch nicht weniger haghalsig als seine Vorgänger.
Dieses Batman-Team muss mit viel weniger auskommen, als es der Leser gewohnt ist. Die Bathöhle ist eine miese Absteige geworden. Wenn die Mission geschafft ist, kommt kein ferngesteuertes Batmobil um die Ecke gerast. Mehr als ein (wenn auch besonderes) Motorrad ist für diesen Batman nicht drin.
Diese faszinierende, ungewohnte, aber hoch spannende neue Sicht zeichnet Paul Pope beinahe auf brutale Weise, die den Leser mitreißt und keine Ablenkung bietet. Dieser Batman, der auch schon mal ein falsches Gebiß einsetzt, um seine Feinde zu erschrecken, ist schwerer und dunkler als viele andere Geschichten des Dunklen Ritters – und schon ist ein Bezug gefunden: Popes Batman-Variante kann sich mit Frank Millers Batman messen. Es findet sich sogar eine kleine Anspielung darauf im vorliegenden Band. Pope hat seine Hausaufgaben gemacht.
Wie erzählt man Batman neu? Pope gibt eine eindrucksvolle Antwort: rasant, ungewöhnlich, überaus rätselhaft, spannend. Dieser Batman ist eine regelrechte Essenz dieses Charakters. 🙂
Mittwoch, 14. Februar 2007
Lara spielt gerne Spielchen und unternimmt stets das Erforderliche, um ihr Ziel zu erreichen. An diesem Abend hat sie ein Rendezvous mit einem mächtigen Mann, der etwas besitzt, das sie haben will.
Ihre Spur führt sie diesmal nicht zu den Relikten ferner Vergangenheiten, sondern in die neuere amerikanische Geschichte, als die Straßen Chicagos noch von Banden regiert wurden und in Blut und Alkohol schwammen. Ein Name wurde in dieser Zeit zu einer finsteren Legende: Al Capone oder auch Scarface genannt. Nicht alles, was in jenen Tagen geschah, wurde auch aufgeklärt. Immer noch existieren viele offene Fragen. Al Capone selbst wurde nicht wegen seiner schlimmsten Verbrechen vor Gericht gebracht.
Was ihm das Genick brach, war schließlich das Finanzamt. Die Haft beendete von Jahr zu Jahr seinen Status als überragender Gangsterboss. Aber bereits als er verhaftet und sein Vermögen vom Staat eingefroren wurde, entstanden die ersten Gerüchte, dass Capone Vorsorge getroffen hatte. Es sollte ein geheimes Verlies voller Wertsachen existieren. – Mehr Gerüchte sind nicht notwendig, um Lara Croft auf den Plan zu rufen.
Nach ihrem kleinen Rendezvous mit einem Gangster der neuen Generation, der ihr während einer Auktion ein interessantes Stück vor der Nase wegschnappte, hat sie sich dieses Stück nun auf anderen Wege beschafft: Den Hut, den Al Capone bei seiner Verhaftung 1931 trug. Und siehe da, im Hut verborgen findet Lara genau den Hinweis, den sie suchte. Die Jagd beginnt.
Abwasserkanäle sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren! Krokodile waren jedenfalls kein fester Bestandsteil des Kloakensystems. Lara versteht es jedoch, sich gegen diese noch lebende, überdimensionale Handtasche zu wehren. Und der Auftrag ist bald erfüllt und der verlorene Gegenstand gefunden.
Eben noch in der Kloake findet sich Lara schon auf einer Auktion wieder, die nicht minder gefährlich für sie ist. Lara hat schon neue Aufträge an den seltsamsten Orten entgegen genommen. So ist es kein Wunder, dass ihr auch inmitten der glanzvoll gekleideten Menschen eine weitere Bitte angetragen wird.
Die Schatzjägerin hat ein goldenes Herz und zögert nicht lange. Honduras wartet.
Kleinode, so der Untertitel des Tomb Raider Sonderheftes, wartet mit zwei äußerst unterschiedlichen Geschichten aus dem Leben der Lara Croft auf. Erzählerisch wie auch gestalterisch könnten die beiden beinhalteten Geschichten Scarface’s Treasure und Sphere Of Influence kaum gegensätzlicher sein.
In der ersten Geschichte rund um die Hinterlassenschaft von Al Capone geben sich Autor Geoff Johns und Zeichner Mark Texeira die Ehre. Texeira, der auch ein exzellentes Cover zur Geschichte gestaltet hat, besticht in der Handlung selbst durch einen sehr einfachen, aber treffsicheren Strich. Da Johns die Geschichte im Untergrund des modernen Chicago spielen lässt, ist die Hintergrundausgestaltung der Szenerie vernachlässigbar. Texeira kann sich voll und ganz auf die Action konzentrieren. Dies nutzt er auch weidlich aus, denn Lara bekommt alle Hände voll zu tun.
Johns liefert eine sehr nette Pointe zum Schluss ab – Reichtum ist eben relativ und die Auffassung davon ist auch an die jeweilige Zeit gebunden.
War die erste Geschichte noch in der aktuellen (und mittlerweile klassischen) Machart erstellt – zeichnen, tuschen, Kolorierung per Computer – glänzt die Geschichte um die Sphere Of Influence im ungewohnten Schwarzweiß. Zeichnerin Joyce Chin bringt das Abenteuer in leichtem Bleistiftstrich zu Papier. Gleichzeitig unterstützt sie die einfarbigen Bilder mit einer großen Detailvielfalt. Der skizzenhafte Charakter der Zeichnungen lässt während des Lesens nichts vermissen. Für Comic-Fans mag er noch interessanter sein, da er einen viel deutlicheren Einblick in das Können Chins vermittelt und sie zeigen lässt, wie gut ihre Technik und ihr Talent ist.
Auch Autor Kevin McCarthy gelingt eine schöne Pointe. Ganz anders freilich und mehr auf Lara Croft zugeschnitten, aber nicht weniger gelungen als in der Geschichte um das Erbe von Capone.
Zwei Blickwinkel auf Lara Croft, die auf sehr schöne Weise zeigen, was sich aus dem Charakter alles herausholen lässt und wie gut sie in das Medium Short Story passt. Eigentlich ist Kleinode ein perfektes Beispiel dafür, wie man Comics und im Speziellen Geschichten erzählt. 😀
Dienstag, 13. Februar 2007
Wolverine hat sich seinen Urlaub redlich verdient. Nach all seinen Kämpfen gegen Superschurken und normale Gauner trifft er in Brasilien ein. Natürlich hält er Kontakt nach Hause. Xavier hat einen Mutanten entdeckt, dem Wolverine nachgehen soll.
Nachgehen ist das richtige Wort, denn kaum hat Wolverine das Telefonat beeendet, wird sein Motorrad gestohlen. Seltsamerweise gelingt es drei Kindern, dieses Kunststück zu vollbringen. Eines der drei hat eine ungewöhnliche Fähigkeit. Es kann den Gleichgewichtssinn eines Menschen vollkommen durcheinander bringen. Auch Wolverine bleibt davon nicht ausgenommen. Binnen Sekunden findet er sich am Boden wieder.
Wolverine macht sich auf die Suche. Bald geht es um mehr als um ein Motorrad. Aus eigener Erfahrung weiß Wolverine, wie schwer es Kinder haben können. In der brasilianischen Gegend, in der er gelandet ist, verhält es sich noch etwas anders. Diese Kinder werden gejagt. Jemand bezahlt Todeskommandos, um ihm Kinder zu bringen. Zu welchem Zweck dies geschieht, bleibt vorerst noch im Dunkeln.
Logan stöbert die Kinder und sein Motorrad auf. Schnell versteht er sich gut mit den Kids, spricht er doch ihre Sprache und ist so ganz anders als andere Erwachsene. Doch die Situation gerät außer Kontrolle. Die Todesschwadron, der die Kinder einmal entkommen sind, findet sie wieder. Wolverines Urlaub wächst sich zu purem Grauen aus.
Wolverine – Saudade ist ein außergewöhnliches Abenteuer aus Wolverines Leben. Einerseits ist es sehr realitätsnah geworden (nicht zuletzt wegen seines Handlungsortes), andererseits hat sich ein europäisches Erfolgsduo des Superhelden angenommen: Jean-David Morvan und Philippe Buchet sind die Macher hinter der erfolgreichen Sillage-Reihe. Die beiden Comic-Veteranen beantworten auf eindrucksvolle Weise die Frage, was geschieht, wenn europäische Comic-Künstler auf amerrikanische Comic-Legenden treffen.
Wieder einmal verlässt Wolverine seine angestammte Umgebung. Slums und Freaks, die andere Menschen jagen, kannte er bereits aus früheren Jahren. Die gezielte Jagd auf Kinder ist jedoch auch für ihn nicht alltäglich – sieht man einmal von der Jagd auf Mutanten jeglichen Alters ab.
Morvan und Buchet geben dem Thema Wolverine noch mehr Ernsthaftigkeit mit, als der Leser es von diesem Charakter ohnehin gewohnt ist. Logan alias Wolverine ist schon immer ein Charakter gewesen, der so manche Angelegenheit persönlich genommen hat und der sich sehr schnell als Beschützer für bedrohte Menschen hervorgetan hat. Ganz besonders Frauen und Kinder konnten immer mit seinem Schutz rechnen.
Hier setzt er sich für Kinder ein, die tagtäglich Bedrohungen ausgesetzt sind, wie wir sie hier auf der anderen Seite des Erdballs nur aus Reportagen her kennen. Morvan und Buchet versuchen diese Bedrohung so realistisch wie möglich zu schildern. Sehr selten nur wurde Wolverine derart zugerichtet, wie es hier der Fall ist. Das Erfolgsduo erspart ihm rein gar nichts.
Die Bedrohung, auf rein realistische Art, ist bereits gefährlich genug. Surrealer, aber nicht weniger drastisch wird es, als Wolverine dem Feind, der bislang hinter den Kulissen agierte, gegenüber steht. Dergestalt hat sich Logan wohl noch nie zur Wehr setzen müssen.
Ohne über diesen Feind zu viel zu verraten, lässt es sich doch sagen, dass dieser Feind eine durchaus zwiespältige Erscheinung ist, denn er ist nicht durch und durch böse, obwohl er sich durch sein Werk auch bereichert. Man könnte diesen Charakter mit der Überschrift versehen: Der Zweck heiligt die Mittel. Nicht umsonst haben Morvan und Buchet diesem Wunderheiler ein messiasähnliches Äußeres gegeben – eigentlich eine bitterböse Anspielung und auch ein gelungener Coup, denn die beiden Erzähler spielen geschickt mit der Erwartungshaltung des Lesers, um sie sogleich abgrundtief zu enttäuschen.
Buchet hat bereits mit Sillage bewiesen, zu welch außerordentlich guten Bildern er in der Lage ist. Hier muss er die Phantasie einer SciFi-Saga hinter sich lassen und sich der echten Welt widmen. Buchets Bilder fangen den harten Alltag und die Umwelt Brasiliens sehr gut ein, aber sie lassen auch nicht das Lebensgefühl dieses Landes außen vor, das sich insbesondere auch die Musik und den Tanz ausdrückt. Wolverine eine Salsa tanzen zu sehen, ist eine schöne kleine Episode – zumal der Leser Wolverine nur sehr selten so heiter und ausgelassen sehen kann.
Umso drastischer fällt der Kontrast durch die Schießereien und Wolverines Verletzungen aus. Denn so ausgelassen Woverine hier ist, noch härter sind seine Verletzungen. Seine Selbstheilungskräfte werden auf eine harte Probe gestellt. Es bedarf sogar der Rettung von außen – nur anders als erwartet. Die übrigen X-Men kommen so gut wie gar nicht zum Zug.
Auch mit diesem Band zeigt Buchet, warum er mit zu den Top-Zeichnern im Bereich Graphic-Novel gehört.
Saudade: Es ist so eine Art Wehmut nach den Dingen, die man hätte erleben können. Morvan und Buchet verwenden eine grandiose und echt anmutende Kulisse für eine Erzählung aus dem Leben eines Comic-Urgesteins. Härter, menschlicher, echter, eine der besten Geschichten rund um den kleinen, stark behaarten Mutanten. 😀
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Montag, 12. Februar 2007
Dieses Lebewesen ist größer als eine Giraffe und viel stämmiger als ein Elefant. Trotzdem steht es mit der größten Selbstverständlichkeit neben zwei Giraffen und lässt sich die Spitzen eines Baumes schmecken.
Die kleine Jagdgesellschaft hat noch nie ein solches Tier gesehen. Das hindert John Remington, den Schriftsteller, nicht daran, es sofort erlegen zu wollen. Innerhalb der Gruppe bricht Streit aus. Man einigt sich darauf, das Tier, wenn möglich, lebend zu fangen. Die Jagd beginnt. Aber wie fängt man ein Tier, das so groß wie ein mehrstöckiges Gebäude ist? – Auch wenn es so aussieht, als handele es sich dabei um einen Pflanzenfresser.
Die Expedition rund Kathy hört gebannt von den Erlebnissen des Safari-Helfers. Die Geschehnisse scheinen vollkommen abstrus zu sein. Unheimlich und ganz selbstverständlich unglaubwürdig. Allerdings häufen sich die Indizien, die für die Wahrheit der Erzählung sprechen. So finden sie einen Fußabdruck des riesigen Baluchitherium, einem Vorläufer der heutigen Nashörner. Außerdem sehen Kathy und ihre beiden Begleiter, der französische und der deutsche Lehrerkollege, inmitten einer Elefantenherde ein Geschöpf, das enorme Ähnlichkeit mit einem Mammut besitzt.
Selten war Afrika so unheimlich wie in Kenya. Der Untertitel Begegnungen ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen. Jede Figur der Handlung bestreitet ihre ganz persönlichen Begegnungen, von denen viele eine äußerst fatale Richtung nehmen.
Kathy, eigentlich Lehrerin, hat sich in den Busch aufgemacht. Die Berichte über die verschollene Expedition sind sehr beunruhigend. Kurzzeitig sieht es so aus, als könne ihre Reisegruppe eine reine Tatortsuche werden, bis sie schließlich ihre eigenen Begegnungen haben – gänzlich andere als jene der Jagdsafari.
Rodolphe, Autor, und Leo bauen auf sehr unheimliche Weise eine unerträgliche Spannung auf. Aus dem afrikanischen Busch wird ein Lovecraft’sches Szenario. So manches Wesen mag aus dem Biologieunterricht oder der Evolutionsgeschichte her bekannt vorkommen. Andere wiederum wirken, wie aus einer Horrorgeschichte entsprungen, deren Design der Fantasie eines H.R. Giger entstammen könnten. Und schließlich sind da noch die seltsamen Lichter über Kenya.
Ähnlich wie im zweiten Teil derLiga der außergewöhnlichen Gentlemen tut sich was am Himmel. Nichts, was technisch in diesen 30er Jahren existiert, könnte hinter diesen Lichtern stecken. Bislang beschränken sich diese Lichter auf die Auslöschung von Spuren. Und immer noch lassen Rodolphe und Leo den Leser im absoluten Dunkeln tappen – im Gegenteil setzen sie auf die bestehenden, ungelüfteten Rätsel noch mehr auf. Die beiden Erzähler spielen mit Anspielungen.
Auch der Baron hat seine Entdeckungen gemacht (fast eine kleine Verbeugung vor Tommyknockers von Stephen King). Das Ende der Geschichte hat eine Vorankündigung, die einer der besten Cliffhanger seit langem ist. Man muss von jetzt ab einfach wissen, wie es weitergeht. Interessanterweise schwebt über dieser Situation auch noch das Damoklesschwert eines neuen Krieges. Während in Afrika die Spannung steigt, driftet Europa auf die Katastrophe zu.
Rodolphes Charaktere sind keine weichgespülten Helden. Die einen sind skrupellos, andere furchtbar naiv, heldenhaft und lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen, andere sind einfach nur geile Fieslinge. Tatsächlich kann der Leser einige der Charaktere unmöglich leiden können. Aber auch das macht den Reiz von Kenya aus. Vorzeigemodelle dieser mustergültigen miesen Typen sind der Schriftsteller und Großwildjäger Remington sowie der Baron. Während der eine eher poltert, versucht der andere eine charmante Oberfläche zu wahren.
Diese beiden bilden einen guten Gegensatz zur resoluten Kathy, die immer mehr die Initiative an sich reißt und die Männer wie Statisten aussehen lässt.
Das wirklich Schöne an Kenya ist die Tatsache, dass es sich als Geschichte nicht deckeln lässt. Kenya folgt keiner Richtung. Die Details, die Funde wie auch die Charaktere, haben bereits ein solch großes Netz über die Geschichte gespannt, dass spätestens mit dem zweiten Teil ein sehr großes Rätsel entstanden ist – wohl eines der besten Comic-Rätsel.
Mystery, Grusel, Abenteuer, Rodolphe und Leo setzen die unheimliche Erzählung fort und bringen neue Spielarten hinein, die nicht vorherzusehen waren: Genial gut. 😀
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Sonntag, 11. Februar 2007
Das Experiment misslingt. Bruce (Eric Bana) stößt seinen Freund beiseite, schirmt die darauf folgende Strahlung mit seinem Körper ab. Als Bruce im Krankenzimmer erwacht, müsste er eigentlich tot sein, doch die heilende Wirkung der Nanomeds scheint bei ihm eingesetzt zu haben. Zum ersten Mal hat die Forschung des Teams Erfolg gehabt. So scheint es und Bruce’ Freundin Betty (Jennifer Connelly) ist skeptisch. Zu Recht, wie sich bald herausstellt.
In der Vergangenheit. Auf einer militärischen Basis forscht der junge Wissenschaftler David Banner (Paul Kersey) an den Möglichkeiten körperlicher Regenerationen. Die Ergebnisse sind nicht ermutigend. Doch Banner hält durch. Als sich Erfolge einstellen, wird ihm die Fortführung der Experimente bei Menschen untersagt. Banner wagt sich an den Selbstversuch, hält diese Tests allerdings geheim. Seine DNS verändert sich nachhaltig. Als er Vater wird, ist das Resultat sehr schnell klar: Banner hat die Veränderungen an seinen Sohn weitergegeben. Und noch eines ist gewiss. Banner verfällt nach und nach dem Wahnsinn. Schließlich endet die Existenz der Familie mit einer Katastrophe.
In der Gegenwart. Eines Abends ist es soweit. Bruce kann seine Wut nicht mehr beherrschen. Das Hemd platzt auf, die Haut wird grün, Bruce wächst und wächst: der Hulk ist geboren. Kaum das erste Mal präsent, zerlegt der grüne Gigant das Labor nach allen Regeln des Chaos und ohne Rücksicht auf Verluste. Das Zerstörungswerk bleibt der Öffentlichkeit nicht verborgen, auch nicht General Ross (Sam Elliott), der Bruce argwöhnisch beobachten lässt. Auch Bruce’ alter Vater (Nick Nolte) wurde aus dem Gefängnis entlassen. Dieser will die gesamte Macht seines Sohnes entfesseln. Ein Mordanschlag auf Bruce’ Freundin Betty scheint dazu die beste Methode zu sein. Drei Hunde, die mit Bruce’ DNS verändert wurden, machen sich auf die Jagd nach der Tochter des Generals.
Dies ist gleichzeitig der Auftakt der Jagd auf Bruce selbst. Sein Vater, das Militär, NSA und private Wirtschaft, die einen wollen ihn töten, die anderen wollen ihn testen, alle wollen ein Stück, um es für ihre Zwecke zu nutzen. Doch am Ende scheint es für alle Beteiligten das Beste zu sein, den Hulk zu vernichten.
Regisseur Ang Lee, der mit „Tiger and Dragon“ weltweit von sich reden machte, hat mit „Hulk“ ein wirkliches Kunststück auf die Leinwand gezaubert. Bislang kannte man den grünen Giganten nur von der Fernsehserie mit Bill Bixby (Bruce Banner) und Lou Ferrigno (Hulk) in den Hauptrollen. Die Serie war ein Event, das später von drei Fernsehfilmen gekrönt wurde. Doch hatte damals noch ein Bodybuilder die Rolle des Hulk inne, standen Lee und seiner Mannschaft dank digitaler Technik weitaus effizientere Methoden zur Verfügung, um den wütenden Mann zum Leben zu erwecken.
Letztlich, und das muss allen Beteiligten klar gewesen sein, fiele oder stände mit der Darstellung des Hulk der ganze Film. Die Beteiligten mussten aber auch sehr bald überzeugt gewesen sein, dass es funktionieren würde. Denn auf der Basis des Drehbuches wird das Erscheinen des Hulks sehr hinausgezögert und die Geduld der Zuschauer auf eine harte Probe gestellt. Freilich kommt selbst bis zum ersten Auftauchen des Hulks keine Langeweile auf.
Die Bildsprache des Films, die Aufteilung deren Filmbilder in symbolische Comicseiten, der Bilder sich vergrößern, verkleinern und verschieben, ist nicht außergewöhnlich. Akteure an verschiedenen Standorten, die miteinander telefonieren, gemeinsam durch eine Trennung auf der Leinwand darzustellen, wurden schon so in Komödien gezeigt. Der Einsatz dieser Verfahrensweise bei verschiedenen Perspektiven ein- und derselben Szene oder in Überschneidungen ein- und desselben Bildes erhöht den Comic-Charakter allerdings sehr stark. Auf diese Weise nimmt der Film sich ein gehöriges Stück seiner eigenen Ernsthaftigkeit, während die doch tragische Geschichte den Film wieder aufwertet.
Dann erscheint der Hulk und was den Zuschauer dann erwartet, ist schier unglaublich. Na, letztlich ist er das ja auch. Dieser Hulk ist riesig. Er kommt der gezeichneten Figur sehr nahe, besonders jener aus den guten alten Tagen als noch Zeichner wie John Buscema die Marvel-Crew bevölkerten. Der neue Film-Hulk wächst auf eine Größe von gut 4 Metern heran, schlägt alles kurz und klein, wenn die Wut ihn übermannt und aus dem Abschussrohr eines Panzers wird dann schon mal ein besserer Baseball-Schläger.
Kurzum, diese Darstellung des Hulk muss das Herz des Comic-Fans erwärmen. Außerdem hat der Kinobesucher lange keine bessere vom Computer generierte Figur gesehen.
Über die Neugestaltung der Handlung bzw. Anpassung an unsere modernen Zeiten kann man streiten. Die Entstehung gefällt mir persönlich nicht ganz so gut, aber das ist am Ende wirklich Geschmackssache. Eigentlich ist es doch eine kosmetische Korrektur und Radioaktivität ist nach wie vor im Spiel. Leider müssen die Fans auf Supergegner verzichten. Über mutierte Hunde und Bruce’ veränderten Vater geht es nicht hinaus. Andererseits gibt es mit dem Hulk ein derart gigantisches Erlebnis, dass ein überbordender Gegner, wie man sie in den beiden Spider-Man Verfilmungen kennen lernte, weder notwendig noch sinnvoll ist.
Natürlich darf auch in diesem Film ein Kurzauftritt von Comic-Altmeister Stan Lee nicht fehlen. Als die Filmfigur Bruce morgens zur Arbeit in das Institut geht, kommt ihm Stan Lee als Chef des Sicherheitsdienstes entgegen und er gibt dabei einem anderen Wachmann Anweisungen: Lou Ferrigno, muskulös wie eh und je, nur nicht mehr grün.
Unter dem Strich bleibt wirklich ein riesiges Leinwanderlebnis, dessen DVD-Extras wie die Erläuterung der Herstellung der Hundekampfszene echte Sahnehäubchen sind.
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Samstag, 10. Februar 2007
Marlysa hat sich zur Abreise bereit gemacht. Der Aufenthalt in der kleinen Herberge war überaus erholsam. Erfrischt will sie die Weiterreise antreten, da ereignet sich ein unerwarteter Zwischenfall.
Oder doch nicht? Eine schöne Frau, noch dazu allein reisend, muss in dieser wilden Welt immer mit Schwierigkeiten rechnen. Zwei Gauner wollen sie aufhalten. Noch im Stall zeigt Marlysa, die Frau mit der weißen Maske, den beiden Kerlen, wie wehrhaft sie ist. Aus einer gemütlichen Reise wird ebenfalls nichts. Auf ihrem Weg muss sie beobachten, wie eine Kutsche von schwer bewaffneten Soldaten überfallen wird. Marlysa zögert keinen Moment und greift ein.
Die Wachen, die den Weg der Kutsche begleiteten, büßen ihre Wachsamkeit und Opferbereitschaft mit dem Leben. Noch im Sterben vertrauen sie Marlysa ihre Schutzbefohlene an. In der Kutsche findet sie eine uralte Frau, dem Tode näher als dem Leben. Die junge Kriegerin kann sich nicht erklären, was die fremden Krieger, die sie in die Flucht geschlagen und getötet hat, von der alten Frau gewollt haben. Doch sie übernimmt die Aufgabe, die Frau zu ihrem vorbestimmten Ziel zu bringen.
Vorerst muss Marlysa jedoch an ihrem Image arbeiten. Der nächste Aufenthalt findet im Vorfeld eines Turniers statt, bei dem Marlysa sich als Zweikämpferin beweisen will. Ob im Abendkleid oder in der Rüstung eines professionellen Kämpfers, Marlysa macht immer eine gute Figur – Aber das genügt nicht immer, wie sich alsbald herausstellt.
Auch die unbekannten Krieger geben so schnell nicht auf. Schneller als Marlysa lieb ist, haben die Fremden sie und die alte Frau wieder aufgespürt. Noch einmal gelingt den beiden die Flucht dank der Hilfe eines freundlichen Druiden. Endlich lüftet sich das Geheimnis um die alte Frau ein bißchen.
Leider bedeutet das auch für Marlysa, dass die Schwierigkeiten jetzt erst so richtig losgehen.
Marlysa – Die Lebensfrau von Jean-Charles Gaudin und Jean-Pierre Danard ist ein schönes Fantasy-Abenteuer. Glücklicherweise ist es nicht jenseits aller bekannten Fantasy konzipiert, weshalb der Einstieg in die Geschichte leicht fällt und der Leser sich schnell zurecht finden kann.
Marlysa ist keine übliche junge Frau. Sie ist eine Kämpferin mit einer bewegten Vergangenheit, die aber für diese Geschichte so gut wie keine Rolle spielt. (Der Leser muss die vorhergehenden Geschichten nicht kennen.) Sie ist kein Überwesen und verliert auch Kämpfe, mitunter überschätzt sie sich sogar. Sie ist klug, aber manchmal auch zu vertrauensselig. Kurzum, sie ist erfrischend normal, einzig ihr Kämpferherz hebt sie sehr von anderen Charakteren der Geschichte ab.
Doch sie ist keine x-beliebige Frau, denn hinter ihrer Maske verbirgt sie ein Geheimnis – welches furchteinflößend sein muss, wie sich an der Reaktion jener ablesen lässt, die Gelegenheit bekommen, sie ohne Maske zu sehen. Da ihr Herz aus Gold ist (natürlich nur sprichwörtlich) findet sie häufig schnell Freunde – nicht immer, weshalb auch Enttäuschungen vorprogrammiert sind.
Mit Marlysa ist als überaus sympathische Frau die zentrale Figur dieser Fantasy-Geschichte. Und weil man sie einem so früh so sehr ans Herz wächst, bleibt man als Leser auch sogleich am Ball.
Eine derart sympathische Figur in einem Comic ist selten. Ich kann nicht einmal so recht deuten, wo die Ursache dafür begraben liegt. Vermutlich sind es viele Kleinigkeiten, die über die ganze Handlung verteilt sind.
Am Ende jedenfalls kann man nur sagen: Prima, dass sie das so toll hinbekommen hat!
Die Lebensfrau beschreibt ein Thema, dass auf (entfernt) ähnliche Weise auch einmal in Star Trek angepackt worden ist. Die Frage lautet: Muss das Leben immer als Kind beginnen? Aus dem Mythos des rückwärts gewandten Lebens entsteht schnell eine Eigendymanik, die ungeheuer viele Ideen nach sich zieht – die von Gaudin auch sehr schön vor dem Leser ausgebreitet werden.
Diese Erfahrungen und Empfindungen als solche, wie die Schwäche des Alters oder die Entdeckungen der Jugend sollten eigentlich nichts Besonderes sein. In dieser Konzentration zeigt Gaudin jedoch, wie groß das Geschenk all dieser Lebensabschnitte doch sein kann.
Die Bilder sind ausgefeilt gezeichnet von Danard. Marlysa ist eine Kämpferin, athletisch gebaut und mit einem Lächeln ausgestattet, das ihre Herzensgüte nach außen trägt. Danard setzt das Konzept seines Kollegen Gaudin hervorragend um.
Doch damit endet Danards Arbeit noch nicht. Er gestaltet eine Welt, mittelalterlich anmutend zunächst, die bald mit vielerlei Gestalten, Bauten und Tieren aufwartet und eine märchenhafte Kulisse entstehen lässt. Dank der farblichen Gestaltung von Angélique Césano wird dieser Eindruck noch unterstrichen.
Besonders knuffig anzuschauen sind die faunähnlichen Lebewesen, ein Volk wie eine Mischung aus Ziegen und Zwergen, zuerst ein bißchen teuflisch, später heldenhaft und freundlich.
Danard zeichnet schnörkellos. Man könnte auch sagen hell. Danards Art zu zeichnen verträgt sich ungeheuer gut mit der erzählerischen Art von Gaudin. So ist es kein Wunder, dass Marlysa bereist in die sechste Runde geht – und hoffentlich noch weitere Fortsetzungen schafft.
Geradlinige Fantasy für ein richtig schönes Lesevergnügen. Prachtvoll, spannend, sympathisch. 🙂
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