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Comic Blog


Dienstag, 10. Januar 2012

Benjamin angelt sich den Mond

Filed under: Comics für Kinder — Michael um 19:50

Benjamin angelt sich den MondEin Junge und sein Haustier: Eine Schnecke. Es kann nicht sicher sein, ob Benjamin tatsächlich ein solches Haustier hat. Vielleicht bildet er es sich auch nur ein. Tatsache aber ist, dass die Schnecke ein ziemliches schlaues, bisweilen sogar weises Tier ist, dessen Gesellschaft für den aufgeweckten Jungen ein echter Glücksfall ist. Benjamin, der in der Schule lieber träumt, auch Schmetterlinge beobachtet, während die anderen fleißig lernen, hat seinen eigenen Kopf und seine eigenen Ideen. Seine Vorstellungskraft ist möglicherweise größer als die von anderen Kindern. In jedem Fall besitzt er neben dieser Gabe auch noch ein nicht minder großes Herz.

Alberto Varanda hat mit Benjamin eine klassische Jungenfigur geschaffen, im besten Sinne einen Lausbuben, der in einem Stapel Gerümpel liegen und sich vorstellen kann, er liege inmitten von Monden und Sternen. Benjamin ist eines jener Kinder, die Fragen über Fragen haben, die sich auch ihre Antworten mit kindlicher Logik selber geben und manchmal auch eine echte, bittere Antwort bekommen. Für diese Rolle, der des Ratgebers, des sehr geduldigen Zuhörers, ist die Schnecke auserkoren. Varanda hätte sicherlich auch ein anderes kleines Tier wählen können, doch mit der sehr vereinfachten Mimik, einem sehr trockenen Humor folgt er deutlich dem alten Leitsatz: Weniger ist mehr.

Benjamin: Das ist ein kleiner Junge mit großen Augen, einem runden Kopf und wirrem Haarschopf. Sein kleiner Körper steckt in viel zu großer Kleidung und kleinen Schuhen. Obwohl die Ansicht der kleinen Episoden optisch nostalgisch anmutet, ist Benjamin ein moderner Junge. Wirkt die Schule auch, als sei sie noch der Phantasie eines Mark Twain entsprungen, sind Benjamins Interessen auch bei Batman und Astronauten zu finden. Halloween und Sport mag er, aber eines, das ist auch durch den Üntertitel des ersten Bandes zu vermuten, mag er ganz besonders: Die Sterne und den Mond.

Die grafische Qualität des Titelbildes ist hier durchgehend zu finden: Sehr feine Striche, sehr weiche Farbaufträge, leichte Verläufe und eine konsequent durchgehaltene sepiafarbene Grundtönung, die das nostalgische Flair der kleinen Episoden verstärkt. Manchmal zeichnet Varanda seinen Benjamin vor einer Landschaft, einem Gemüsegarten, manchmal vor einem Küchentisch, auf einer Laufbahn oder auch vor einer leeren weißen Fläche. Es sind kleine Sketche, Komödie und Tragödien, Träume und Gedanken. Manchmal genügt nur ein Bild, an anderer Stelle stellt er die Bilder klassisch in Reihe oder er wählt als Stilmittel eine Forma der Collage.

Das ist meist heiter, selten traurig, weniger selten nachdenklich und stets irgendwie freundlich und putzig. Varanda weiß zweifellos, welche Wirkung er mit seinen kugeligen Knuffelfiguren erzeugen kann. In gewisser Weise könnte Benjamin auch von den Peanuts inspiriert sein. Varanda arbeitet jedoch viel penibler als ein Charles Schulz.

Manchmal gibt es Geschichten oder auch Figuren, ganz gleich in welchem Medium, im Roman, Film oder wie hier im Comic, die sieht man und es ist einfach schön. Die genießt man einfach. So ist es mit Benjamin. Einfach aufschlagen, in Häppchen genießen oder gleich komplett. Einfach schön. 🙂

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Montag, 09. Januar 2012

Mazehopper – Die fünfdimensionale Karte

Filed under: Cartoon — Michael um 19:46

Mazehopper 1 - Die fünfdimensionale KarteEin Labyrinth macht vor allem eines: Es reizt zum Entkommen. Dieser Reiz ist umso höher, je mehr seine Bewohner im Wissen ihr Leben fristen, dass es daraus kein Entkommen geben soll. Dieses ganz besondere Labyrinth, um das es hier geht, wurde über viele Jahrhunderte hinweg von Kobolden gebaut. Es ist riesig, unüberschaubar. Dennoch gibt es immer wieder Bewohner des Labyrinths, durch Zufall darin gefangen, die sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden wollen und den Ausbruch wagen. Die Kobolde lassen keinen Ausbruch zu. Jeder, der es versucht, wird gnadenlos verfolgt. Denn, so lautet die Legende, wird nur ein Ausweg gefunden, bedeutet dies das Ende des Labyrinths.

Die Freunde Yunoni, Mazoo und Merdo, die in einem Drachenei leben, vom Labyrinth umgeben, erhalten eine Botschaft, die sie dazu auffordert, sich auf die lange Reise zu begeben, die sie hoffentlich aus diesem Irrgarten herausführen wird. Bereits nach kurzer stellen sich erste Ermüdungserscheinungen ein, wird ihre Geduld auf eine große Probe gestellt, da der Ausgang nicht nur nicht leicht zu finden ist, sondern anscheinend alles und jeder ihnen sie aufhalten will. Bis auf Heikki Looper, ein Hase, der sowieso schon auf der Jagdliste der Kobolde steht.

Der Weg ist das Ziel: Einmal losmarschiert gibt es nicht nur kein Zurück mehr, das Abenteuer ist ebenfalls auch nicht mehr aufzuhalten. Christoph Pirker schickt drei kleine, koboldhafte Hundchen in ein Cartoon-Fantasy-Abenteuer. Die drei Burschen sind peppig, fast modisch gekleidet und sehr reduziert dargestellt. Große Köpfe, kurze Arme, kaum sichtbare Beine, dafür umso größere Hasenfüße: So präsentieren sich die Helden auf der Flucht und sind so noch etwas ausführlicher gezeichnet als der Hase, der mit seinen riesigen Augen, den markanten Zähnen (ohne Nase) fast ein futuristisches Element einbringt.

Hier ist Knuffigkeit Trumpf. Christoph Pirker zeigt, dass es noch kleiner geht, knuffiger, wenn man so will. Er führt dem Leser die Chibis, die letztlich wie kleine Kissen mit Kriegsbemalung, Armen und Beinen sowie Bewaffnung aussehen. Wäre die Strichführung etwas genauer, im Vektorenstil, der heutzutage in manchen Cartoonserien so populär ist, würden sich die Mazehoppers stilistisch, aber auch durch ihren leicht anarchischen, aber auch nostalgischen Erzählstil dort nahtlos einreihen.

Sobald die drei Abenteurer nämlich auf die Hexe treffen, fühlt man sich ihre guten alten Verwandten aus den ebenso alten Cartoons erinnert: Mit grimmiger Augenpartie, kräftigem Kiefer (aber wieder ohne Nase). In dieser Sequenz passt sogar der Ablauf zu jenen Helden von einst, die sich eher unabsichtlich in eines dieser krummen Hexenhäuser verirrten und Gefahr liefen, dort verspeist zu werden.

Spaß und Abwechslung für junge Leser, frech und kurzweilig. 🙂

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Freitag, 06. Januar 2012

Das Schwert 1 – Feuer

Filed under: Mystery — Michael um 18:33

Das Schwert 1 - FeuerDara Brighton kann dem flammenden Inferno entkommen. Das Haus war einmal ihr Zuhause. Langsam taucht sie aus den Fluten auf, immer noch erschüttert von den Geschehnissen. Eigentlich ist sie an den Rollstuhl gefesselt, doch etwas hat es ihr kurzfristig ermöglicht, wieder auf ihren eigenen Beinen zu laufen. Das Schwert? Wenig später liegt sie um Ufer, nahebei versucht die Feuerwehr den Brand ihres Elternhauses zu löschen. Alles scheint vorbei und hoffnungslos. Doch das ist es nicht. Als einzige Überlebende der Familie muss sich Dara von der Polizei einige Fragen gefallen lassen. Wenig später ist sie keine bemitleidenswerte Überlebende mehr, sondern eine Tatverdächtige.

Die Gebrüder Luna lassen keinen Zweifel daran, dass sie mit der Popkultur, den Geschichten, die daraus hervorgegangen sind, aufwuchsen, diese aber ebenfalls zu erzählen wissen. In der vierteiligen Reihe Das Schwert begegnet der Leser der Studentin Dara Brighton, die bis auf ihre Behinderung ein typisches amerikanisches Mädchen ist. Ihre Eltern lieben sie, das Familienleben ist harmonisch, Freunde hat sie ebenfalls. Der große Knall, der dieses doch beschauliche Leben vollkommen aus der Bahn wirft, lässt nicht lange auf sich warten. Der Superheld, der im normalen Leben eine Einschränkung aufweist (wie hier Dara, die an den Rollstuhl gefesselt ist), ist kein Einzelfall im Comic, in der Vermischung mit einem uralten Feind, dem sich diese Heldin nun stellen muss, werden natürlich Erinnerungen an die Klassiker der weiblichen Helden wach, die im ausgehenden Jahrtausend verschiedene Szenarien umgekrempelt haben.

Joshua Luna und Jonathan Luna, die mit Ultra und Girls in den USA Aufmerksamkeit erregten, Cover für Spider-Woman und Red Sonja gestalteten, haben eindeutig Frauen zu den Frontleuten ihrer Geschichten erklärt. Eigentlich ein vollkommen korrekter Schachzug, betrachtet man die Zielgruppe innerhalb der amerikanischen Comic-Leser, die knapp bekleidete oder wenigstens gnadenlos um sich schlagende Heldinnen seit Buffy zu schätzen wissen.

Die Lunas spielen mit der Normalität des Alltags, eines Lebens, das zuallererst durch einen Angriff aus den Fugen gerät und im weiteren Verlauf durch stetig neue Bedrohungen und Wendungen aus der Bahn geworfen wird. Dabei folgen sie dem Dominoprinzip. Ein fallender Stein löst eine Ereigniskette aus, die unaufhaltsam bis zum Ende läuft. Die Geschwindigkeit der Erzählung ändert sich erst, als ein Sprung in die Vergangenheit das Rätsel um die Herkunft des Schwertes lüftet.

Schmale, klare Linien, wenige Striche bestimmen die Grafiken der Lunas. Damit reihen sie sich optisch in Reihen wie z.B. Y – The last man. Die dortige Künstlerin Pia Guerra pflegt einen ähnlich leichten Zeichenstil, der sich auch in anderen Publikationen findet und in den letzten Jahren im Zusammenspiel mit einer plastischen Kolorierung eine größere Verbreitung gefunden hat. Wer mehr im Horror-Genre nach Vergleichen sucht, wird diese auch in Hack/Slash (4) und der Künstlerin Rebekah Isaacs finden.

Jonathan Luna, der nicht nur zeichnet, sondern auch koloriert, verwendet pro Seite oder auch Szene grundsätzlich eine eingeschränkte Farbpalette. Die Farbwärme ist meist sehr kühl gewählt, wie eine durchgehende Dämmerung, eine Untergangsstimmung, die letztlich im ausgedehnten Finale des Rückblicks ihre Bestätigung findet. Leichte Verläufe, geringe Abstufungen in den Schattierungen finden sich im Vordergrund, während der Hintergrund durch leichte Unschärfe abgesetzt wird. Die optische Verwandtschaft zum Film wird hier mehr als deutlich.

Starke Superheldin: Sehr stark! Nicht nur das Schwert besitzt eine gewisse Macht, es verleiht auch übermenschliche Kräfte. Wer sich vielleicht fragte, was passierte, wenn Superman einen Normalsterblichen mit aller Kraft schlüge, erhält hier eine Antwort darauf. Die Ansichten dieses Lernprozesses fallen entsprechend drastisch aus.

Eine Mischung aus Fantasy und Horror, rasant, geradlinig und sehr ernsthaft erzählt: Die Gebrüder Luna schaffen mit der ersten Folge der vierteiligen Reihe einen hoch spannenden Auftakt. Die Lunas kennen alle Hebel und Kniffe, um ein phantastisches Abenteuer mit genau dosierten Höhepunkten und Wendungen zu erzählen. Klasse! 🙂

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Mittwoch, 04. Januar 2012

Gastoon 1 – Neffenalarm!

Filed under: Comics für Kinder — Michael um 19:45

Gastoon 1 - Neffenalarm!Gastoon hat mit seinem Onkel Gaston sicherlich einen Charakterzug gemeinsam: Beide sind ungeheuer findig. Aber: Beide überschauen nicht immer die Konsequenzen ihres Erfindungsreichtums. Wer ärgerte sich noch nie über den Regenschirm, den der Sturm in alle Richtungen knickte und so keinerlei Nutzen mehr gegen den Regen brachte? Gastoon hat eine kleine Erfindung gemacht, die dagegen hilft. Allerdings: Das ist so eine Sache mit den Nebenwirkungen von Erfindungen. Hier wird leider Gastoons Freundin Jasmin vom Wind davon getragen. Ohne nennenswerte Folgen, versteht sich, denn bald schon ist sie wieder mitten unter der versammelten Rasselbande, die den Erwachsenen das eine oder andere Mal das Leben schwer macht.

Die lieben Kleinen: Ob es nun Spirou, der kleine Lucky Luke oder hier ein kleiner Gaston ist (sicherlich ist es der Neffe, doch die Ähnlichkeit legt den Schluss einer anderen Konzeption nahe), sie stehen in Sachen Unsinn machen ihren erwachsenen Vorbildern in Nichts nach. Im Gegenteil: Mit kindlicher Leichtigkeit wird hier so manche erwachsene Regeln ausgehebelt und ein Feuerwerk an Gags losgelassen.

Jean Leturgie kennt den Western aus dieser Sicht bereits (Lucky Luke). Sein Sohn Simon Leturgie hat hier den Zeichenstift übernommen. Die beiden Comic-Macher können bereits auf eine Zusammenarbeit im Bereich Comedy zurückschauen. Waren es bei Spoon & White amerikanische Cops, sind es hier Schulkinder, die jeweils auf einer Seite lustige, abenteuerliche und manchmal (aus Erwachsenensicht) haarsträubende Episoden erleben. Verknüpfungen der einzelnen Szenen entstehen durch Figuren wie den Lehrer Lämmerhirt, den Parkwächter und andere, die den Kindern ihre Jugend meist nicht erleichtern.

Aber auch Orte, Gerätschaften oder Erfindungen verschachteln die kleinen komödiantischen Einlagen von Gastoon und seinen Freunden. Erfindungen von Gastoons Onkel (z.B. die berühmte Harfe!), Tischkicker, der Park oder auch ein Schulausflug bilden die Grundlagen für einen Spaß nach dem anderen, nicht nur für eine liebevolle Erzählung, einer Verbeugung von dem Cartoon sondern auch vor Gaston Lagaffe, einer der Comicfiguren, mit der sich Andre Franquin in den europäischen Comic-Olymp zeichnete.

Entsprechend wird auch die Zeitlosigkeit der Vorlage aufgegriffen. Neuere Themen, die Kinder mitunter in Verzückung ausbrechen lassen (wie alles, was irgendwie medial ist), findet hier nicht statt. Gastoon und seine Freunde beschäftigen sich mit Spielen auf den Straßen, im Schnee, sie feiern Weihnachten, machen natürlich Blödsinn (absichtlich und unabsichtlich), sie spielen Streiche (absichtlich) und sind zu jeder Zeit liebenswert (für den Leser, ein Lämmerhirt sieht das ganz anders). Da wird Pirat gespielt, sogar Mädchen dürfen dabei sein, allerdings, um die Wäsche der Piraten zu waschen und zu flicken. Und echte Jungs lassen sich durch umweltbewusste Hinweise der Mädchen (von Jasmin) nicht verrückt machen. Popcorn von genbehandeltem Mais kann zu Mutationen führen? Dann her mit dem Zeug!

Simon Leturgie besitzt den klassischen Cartoon-Strich. Kleine schmale Körper, mit einem Kopf versehen, der proportional gesehen ebenso groß ist wie der übrige Körper. Neben dem ovalen Kopf mit den großen Kulleraugen finden sich auch die zylinderförmigen Köpfe, Kugeln, Knopfaugen, Hasenzähnchen, kurzum, es finden sich alle Merkmale, die bereits ein Franquin so exzellent einsetzen konnte und an denen sich Simon Leturgie trefflich orientiert. Der Comic-Fan wird in den kleinen Gesichtern so manche Ähnlichkeit zu erwachsenen Pendants von einst wiedererkennen.

Da hüpft nicht nur Gastoon auf seinem Ball vorüber, da hüpft das Zwerchfell vor Lachen gleich mit: Der Neffenalarm ist ein sehr guter Auftakt, der sich nahtlos in den Humor von Gaston einreiht und optisch perfekt das große Erbe antritt. Wer mit klassischem frankobelgischen Humor unterhalten werden möchte, liegt hier richtig. 🙂

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Donnerstag, 29. Dezember 2011

CHEW 3 – Eiskalt serviert

Filed under: Thriller — Michael um 18:32

CHEW - Bulle mit Biss! 3 - Eiskalt serviertTony Chu, mit der Gabe gesegnet, aus dem Geschmack von Essbarem herauslesen zu können, wie die letzten Lebensabschnitte desjenigen oder derjenigen ausgesehen haben, hat nun auch eine Prise Glück. Er hat eine Freundin. Endlich. Und sie verzeiht ihm sogar die kleinen Probleme, die mit dieser Beziehung einher gehen. Überaus problematisch wird es schließlich doch. Niemand darf es wagen, diese Beziehung zu gefährden. Niemand darf es wagen, seine Freundin direkt zu bedrohen. Aber einer findet sich ja immer. So hat der Mann, der die Waffe auf Chus Freundin richtet, bereits sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Er weiß es nur noch nicht.

John Layman geht den Beginn des dritten Teils von Chew, dem Bullen mit Biss, mit ein wenig mehr Ruhe an, sieht man einmal von der wegweisenden Einleitung ab. Eiskalt serviert er schließlich den Fortgang der Geschichte, der sich eines alten Bekannten aus dem zweiten Teil annimmt. Chu ist nicht nur gezwungen Undercover zu operieren, er muss sich auch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen, die ihm in seiner Beziehung doch noch ein Bein stellen könnte.

Layman kann nicht leugnen eine Erzählweise zu besitzen, die stilistisch jener eines Quentin Tarantino nahe kommt. Zwei Bilder, die als Hommage auf Reservoir Dogs und Pulp Fiction abzielen, zeigen, dass sich Layman dieses Umstandes sehr wohl bewusst ist. Damit ist gleichzeitig auch klar, wer seinen Spaß an diesem ungewöhnlichen Comic-Thriller haben kann. Die Ausgangssituation, das weltweite Verbot des Verzehrs von Hühnchen (und Hähnchen selbstverständlich) zusammen mit dem außergewöhnlichen begabten Polizisten Chu, dem eine Variante eines Terminators (in Form eines anderen Cops) zur Seite gestellt wird, bietet derartig viel Potential, so dass nur der Erfindungsreichtum Laymans dem ein Ende bereiten könnte. Betrachtet man sich jedoch die einzelnen Kapitel, auch den vorausschauenden Aufbau, dürfte dieses noch sehr lange auf sich warten lassen.

Der Beginn von Kapitel 5 ist nicht nur eine Beleg für die Fähigkeiten des Zeichners Rob Guillory, sondern auch für eine gelungene Seitenkomposition, die gänzlich ohne Worte auskommt. Wie jeder gute Held hat auch Chu seinen Supergegner, der hier ausgerechnet ein Exkollege ist, der dieselben Fähigkeiten wie Chu besitzt. So wird ein Mahl zu einer Reise in die Erinnerungen eines anderen Ichs sehr intensiv dargestellt, bevor die Szenerie, man muss sagen typisch amerikanisch, in das Tohuwabohu eines Familienfestes expandiert.

Rob Guillory hat diesen Zeichenstil nicht erfunden: Wer auch nur mal einen Blick in Cartoons geworfen hat, in alte mit dem rosaroten Panther, auch die Trickfilmzeiten, Sequenzen, in denen die Formen eher krumm, schmal und aufgebläht waren und sind, der wird einen ungefähren Eindruck von Guillorys Arbeit haben. Ganz gleich wie groß eine Struktur ist, so hat sie doch stets etwas Zerbrechliches an sich. Wird ihm genügend Raum eingeräumt, gibt die Szene etwas Humoriges, entsteht wie im Familienfest zu sehen, eine richtig kleine Show. Guillory hat zwar in dieser Episode auch einige rasante Szenen zu zeichnen, doch im Schwerpunkt kann er sein Können in einer krimilastigen und manchmal recht soap-orientierten Erzählung unter Beweis stellen.

Der dritte Teil konzentriert sich sehr gut auf seine Hauptcharaktere und bindet diese strikt in die fortlaufende Handlung ein: John Layman zeigt, dass jeder zur Zielscheibe werden kann. Ganz (wie) nebenbei baut er seinen Tony Chu weiter aus und verleiht ihm mehr Tiefgang, als man es in einer solchen Produktion erwartet hätte. Sehr unterhaltsam erzählt, ungewöhnlich, mit frischem Humor, der mitreißt. 🙂

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Mittwoch, 28. Dezember 2011

FVZA – Federal Vampire and Zombie Agency

Filed under: Horror — Michael um 18:51

FVZA - Federal Vampire and Zombie AgencyVampire existieren. Zombies haben Beweise für ihre Existenz hinterlassen. Quer durch die Geschichte haben sich immer wieder mutige Männer und Frauen aufgemacht, um die verdorbene Teufelsbrut zu vernichten. Schließlich wurde, als die Attacken häufiger wurden, zu einer Plage degenerierten, die Federal Vampire And Zombie Agency, kurz die FVZA gegründet. Erst mit ihrer Hilfe, der konzentrierten Gegenwehr mit neuesten Mitteln, wurde die Gefahr eingedämmt und galt am Ende sogar als besiegt. Ausgerottet. Doch Dr. Hugo Pecos hat nie so richtig daran geglaubt. Stets hat der alte Mann seine Enkelkinder, Landra und Vidal, auf eine mögliche Rückkehr der Untoten vorbereitet. Leider war seine Vorahnung berechtigt.

Es beginnt harmlos: Nach all den Jahren, während derer die Menschen die Monster bekämpften, haben sich dennoch Gruppen herausgebildet, die eine Art von Bewunderung für die Bestien, vornehmlich Vampire, entwickelt haben. Eine dieser Gruppen, ein paar Grufties, die sich sogar falsche Reißzähne anfertigen ließen, machen eines Nachts die Bekanntschaft mit einem jungen Mann, der sie alle zu becircen weiß. Den nächsten Tag erleben nur noch zwei von ihnen. Hinter geschlossenen Vorhängen.

Eine Welt, in der die Legenden Wirklichkeit sind: Mehr noch, die Welt hat sich mit ihnen nicht einfach abgefunden, sie hat darauf reagiert und entsprechende Maßnahmen getroffen. Die Verbindung einer möglichst realistischen Welt mit den Schrecken von Vampire und Zombies schickt sich an eine weitere breite Welle innerhalb des Genres zu werden. Längst haben die Horrorfiguren die angestaubten viktorianischen Ecken und die sie anklagenden 70er und 80er Jahre verlassen. Seit Michael Jackson mit den Zombies tanzte, ist alles möglich. Ähnlich wie es ein David Wellington oder ein Kim Newman in ihren Vampirtrilogien machen, erklärt auch David Hine die gesamte Welt zum Schlachtfeld gegen die Untoten.

Federal Vampire and Zombie Agency: Der Rückblick in die Entstehung der FVZA wäre allein bereits eine entsprechend große Geschichte wie die hier vorliegende wert gewesen. Die zeitweilige geschichtliche Einbindung im Abschnitt des Zweiten Weltkriegs, in den Holocaust, hat zwar wie so oft bei amerikanischen Autoren einen faden Nachgeschmack, doch die kurze Anspielung auf eine Art Cowboys & Vampire & Zombies reißt das wieder heraus. Ein Blick auf die Entwicklung eines Menschen zum Zombie am Beispiel einer amerikanischen Familie ist sehr gelungen. Er skizziert die realistisch konstruierte Zombiewerdung, eine Atmosphäre, die auch im Roman World War Z von Max Brooks mitschwingt. So gesehen rangiert FVZA auf Augenhöhe mit gut und spannend erzählten Thrillern dieses harten Genres, das kein Blatt vor den Mund nimmt.

Auch für Splatter-Fans: Streichelzombies will kein Leser dieser Horrorgeschichten haben. Doch von David Hine erzählt, werden entsprechende Einlagen nicht zum Selbstzweck. So sind die von Roy Allan Martinez und Wayne Nichols gezeichneten Bilder sorgsam gesetzte Bluteffekte. Farblicher Realismus in der Kolorierung sorgt für fotografische wie auch für gemäldeartige Eindrücke. Hier haben die Koloristen Kinsun Loh und Jerry Choo ganze Arbeit geleistet und es wäre für Comic-Fans wünschenswert, ihre Arbeiten auch in anderen Genres wiederzuentdecken.

Für den Genre-Fan gibt es einen Wiedererkennungseffekt: Die zweite Verfilmung Blade machte die bleichen, klapperdürren und kahlköpfigen Vampire hoffähig. Auch diese Kreaturen finden sich hier. Der Zombie bleibt der Zombie. Keiner der Künstler hat es gewagt, die von Romero populär gemachte Kreatur zu verbessern, eher wird sie ins rechte alte Licht gerückt: Blutig, verwesend, langsam, immer hungrig, vielleicht ein wenig lernfähig. Mehr nicht.

Ein harter Reißer: David Hine beschreibt mit seiner FVZA in diesem abgeschlossenen Band einen Horrorthriller, der ebenso gut als Roman funktionieren würde und gleichzeitig leinwandtauglich wäre. Beste Horrorunterhaltung in toll gestalteten Bildern. Für Genre-Fans genau richtig. 🙂

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Dienstag, 27. Dezember 2011

Valerian & Veronique Gesamtausgabe 3

Filed under: SciFi — Michael um 17:58

Valerian & Veronique Gesamtausgabe 3Ein Shinguz verkauft, er verschenkt nichts. Wie gut, dass Veronique ein kleines Wesen bei der Hand hat, dem es zwar keine Freude bereitet, Zahlungsmittel herzustellen, dies jedoch bis zu einem gewissen Erschöpfungsgrad schafft. Doch Geld ist nicht der einzige Türöffner und Wegweiser in der bunt zusammengewürfelten Welt von Central City. Die Beharrlichkeit und auch die Liebe von Veronique zu ihrem Valerian führt letztlich ans Ziel. Aber der Weg dorthin ist einer der beschwerlichsten, den sie jemals auf sich nehmen musste.

Kein Flugzeug, auch nicht E.T., der auf einem Fahrrad am Mond vorüber fliegt: Valerian ist es. Ein Experiment und unzählige Kopien von Valerian machen es möglich. Doch Veronique ist keineswegs begeistert. Inzwischen liegt der dritte Band der Gesamtausgabe von Valerian & Veronique und ein weiteres Mal überraschen Pierre Christin und Jean-Claude Mezieres mit den hier versammelten drei Abenteuern. Die beiden Comic-Künstler räumen ihrer Veronique hier einen deutlich größeren Anteil an den Geschichten ein. Man könnte auch sagen: Veronique ist eindeutig die Vernünftigere der beiden Abenteurer geworden.

Botschafter der Schatten, so der Titel der ersten abgedruckten Geschichte in diesem Sammelband, entführt den Leser in die verschlungene Welt und das wahrhaftige Vielvölkergemisch von Central City. Unzählige Formen, Atmosphären, Moden, Einflüsse aller Art, politische Ziele und mittendrin die Menschen, ein Stück weit zu arrogant für diese Konzentration für diese Wesen aus allen Ecken der Galaxis. Sicherlich handelt es sich um ein Abenteuer, das mit Hand und Fuß erdacht wurde, andererseits eröffnet die Vielfalt der Umgebung auch ungeahnte Möglichkeiten der Erzählung, die eine Vorhersehbarkeit des Fortgangs unmöglich macht.

Hier zeigt sich die Begeisterung von Christin und Mezieres für das Genre Science Fiction ganz besonders, denn wie es bereits ein Zitat von Mezieres auf der Buchrückseite sagt: In dieser Serie ist einfach alles möglich, und jedes neue Album bringt uns dorthin, wo wir es wollen. Präsentiert sich diese Episode fast als Besichtigungswanderung und gleichzeitig als ein Höhepunkt der grenzenlosen Ideen der beiden, ist die Nachfolgegeschichte Trügerische Welten weitaus mysteriöser.

Valerian stirbt! Und nicht nur einmal. Fast fühlt man sich an virtuelle Welten erinnert, in denen nicht nur alles möglich ist, sondern auch noch immer neue Leben zur Verfügung stehen, mit denen der nächste Einsatz machbar wird. Alles beginnt mit einer Szene, die den kolonialen Bemühungen der Briten in Afghanistan oder Indien entlehnt scheint. Unter den Soldaten, die mutig, aber taktisch unklug gegen die einzunehmende Festung anrennen, ist auch Valerian. Bald treffen ihn die Kugeln. Als Leser, der auf die Überraschungen von Christin und Mezieres geradezu wartet, trifft die unerwartete Wendung doch ins Mark. Mit sehr hoher Geschicklichkeit spinnt Christin den Faden fort und schickt Valerian ein ums andere Mal in weitere ausweglose Situationen, bis sich ein Muster abzeichnet und die Auflösung ein gewisses Moebius-Element hineinbringt.

Eher klassisch abenteuerlich findet sich Valerian in einer Hatz auf Die Insel der Kinder wieder. Hier ist Veronique mehr zum Zuschauen verurteilt, bis sie schließlich doch noch das Heft in die Hand nimmt und ihren Valerian rettet. Nach der Rätselhaftigkeit der ersten beiden Geschichten erzählt Christin wieder geradliniger, auch mit sehr viel mehr Humor, indem ganz offen auf Moebius (und Jodorowsky ebenfalls) angespielt wird. Allein bei dieser kleinen Hommage zeigt sich beispielhaft der große humorige Anteil der Handlung, die gleichzeitig viele Heldenabenteuer und Sagen karikiert.

Wieder einmal für jeden Geschmack etwas dabei: Deutlich rätselhafter fallen die ersten beiden Episoden aus, abenteuerlicher und lustiger ist die dritte Geschichte. Immer ist das phantastische Element sehr stark ausgeprägt, wie immer ist der Einfallsreichtum der beiden Comic-Macher bewundernswert. Die Reihe präsentiert sich einmal mehr als Paradebeispiel der Space Opera. 🙂

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Donnerstag, 22. Dezember 2011

Daddy

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:49

DaddyDer Junge ist schwer krank. Jesus hat Mitleid. Er hat es auf seine Art zu bekämpfen versucht, so recht gelungen ist es ihm nicht. So ist er auch sofort bereit, den Jungen zu heilen. Der ihn daraufhin mit einer Waffe zu bedroht. In der amerikanischen Großstadt, zwischen Normalbürgern, Versagern und Todkranken, treibt sich der Sohn Gottes herum. Obwohl er sich verraten fühlt, geht er noch seiner Aufgabe nach, heilt und teilt mit anderen. Nur manchmal, wenn ihm dann doch der Kragen platzt und er den Wahnsinn dieser Welt nicht mehr erträgt, wird er rabiat.

Der Vater hat den Sohn verlassen. Einzig ein Gehilfe steht dem Blinden zur Seite. Der besagte Sohn, Jesus, weilt wieder auf Erden, dick geworden, niedergeschlagen, resignierend und ständig den Versuchungen eines Hilfsteufels im Miniformat ausgesetzt. Dieser, zwergenhaft, mit Narrenkappe, dem Aussehen sowie dem völkermordenden Charakter eines Hitler ausgestattet, versucht, verführt oder versorgt den Sohn Gottes wenigstens mit Stoff. Matthias Schultheiss kreiert einen Jesus, der von seines Vaters Machenschaften, von all dem, was dieser zulässt, ziemlich angeekelt und angeödet ist. Gleichzeitig, bei allem Verdruss, hilft Jesus Kindern, wo er nur kann.

Dieser Jesus meint es ernst: Keine Komödie, eher eine ironische, zynische Anklage mit jenem Jesus in der Hauptrolle, der die Händler aus dem Tempel vertrieb und am Kreuz klagte, dass sein Gott ihn verlassen habe. Und dieser Jesus hat sich Fett angefressen und jagt sich Drogen in die Adern. Andererseits wirft er sich in die Flammen eines brennenden Hauses, um Kinder zu retten. Jene, von denen er glaubt, dass sein Vater auch sie verlassen habe. Er heilt die Todkranken und ist voller Mitleid jenseits der Verzweiflung, die ihn um die Welt treibt.

Aber dieser Jesus rennt nicht nur weg, flieht nicht nur vor seinem Schicksal, weshalb Gott ihn mit Blindheit strafte, er wird zugleich gejagt, als die Kirchenoberen erkennen, wer da wieder auf der Erde wandelt. Matthias Schultheiss lässt nichts aus, lässt seinen Jesus regelrecht auf die Menschen los. Dieser Jesus stellt die Fragen, die sich die Menschen oft über den Allvater stellen, der das Leid der Welt nicht verhindert. Und er stellt ihm gleichzeitig eine Kreatur zur Seite, die einer der größten Massenmörder der Menschheit ist. Dieser kassiert auch mal Prügel. Letztlich still bekommt ihn auch Jesus nicht.

Matthias Schultheiss pflegt einen sehr intuitiv wirkenden, sehr ausdrücklichen Zeichenstil, der das Schöne treffen kann, aber das Hässliche in den Mittelpunkt stellt. Einzig die Kinder bilden einen wirklich schönen Aspekt seiner Bilder mit ehrlichem Lächeln, auch Dankbarkeit und Freude um ihrer selbst willen, will man es poetisch ausdrücken. Jede Seite will als Einheit betrachtet werden: Text und Bild bilden ein Ganzes. Im Dialog oder aus dem Off erzählt, sogar unterstützt durch krakelige Strichzeichnungen, wie Jesus eine auf dem Titelbild auf dem Rücken eingeritzt hat.

Dieser Jesus ist optisch ein heruntergekommenes, völlig desillusioniertes Wrack, aus feinen, schnellen Linien geformt, mit einer fetten, starken, expressiven Computerkolorierung ausgewölbt. Schultheiss karikiert den Realismus, sie beißen ins Auge und schüren Mitleid, für diesen Jesus, der rebelliert und sich gegen Gott auflehnt, ebenso wie er sich weigert, sich selbst aufzugeben. Unmerklich gleitet der Realismus ins Surreale ab, wenn Jesus in die Fänge der Kirche gerät, die nichts besseres zu tun hat, als ihn erneut zu kreuzigen.

Eine Abrechnung, eine Anklage, ein Bombardement von Fragen: Matthias Schultheiss reiht sich mit dieser (nennen wir sie) Satire in Veröffentlichungen ein wie Suing the devil oder Gott bewahre (von John Niven), in der Jesus ebenfalls seine Probleme mit der modernen Welt und Gott hat. Er ist ein wenig so, wie Klaus Kinski ihn in seinem legendären Vortrag über Jesus Christus Erlöser beschreibt. Eines wird auch in dieser Geschichte deutlich: Hier wartet bei allen Fragen keiner auf den Messias. Nicht mehr.

Deutlich, unmissverständlich, eine Aussage: Vielleicht ein wenig mehr, vielleicht zu viel, vielleicht auch zu wenig. Matthias Schultheiss nimmt in jedem Fall kein Blatt vor Mund und scheut sich nicht, den Zeichenstift da anzusetzen, wo es möglicherweise weh tut. Sehr menschlich, eindringlich, aber bestimmt nicht jedermanns Sache. Grafisch stilistisch eigen, mit starkem Ausdruck. 🙂

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Barracuda 2 – Narben

Filed under: Abenteuer — Michael um 12:43

Barracuda 2 - NarbenDer junge Mann erkennt die Frau sofort wieder. Sie hat Schuld daran, dass er nicht mit seinem Vater auf See sein kann, sondern auf dieser Insel im Müßiggang auf die Rückkehr des Schiffes warten muss. Er greift sich die nächstbeste Waffe, übersieht sogar die Pracht seiner Umgebung, rennt an den Strand, um dort regelrecht übermannt zu werden und seine Rachsucht erstickt zu sehen. Alles wegen einer Frau, wegen der Frau, gegen die nicht nur er machtlos ist.

Hass ist die treibende Kraft. Liebe spielt eher eine untergeordnete Rolle. Allenfalls Leidenschaft spornt die einzelnen Menschen, jeden auf seine Weise, an. Entstand zu Beginn der Reihe noch das Gefühl, als sei des Piraten oberstes Gebot, Reichtum zu mehren und deshalb Schiffe zu überfallen, wandelt sich dieses Bild mit der Fortsetzung gehörig. Jeder einzelne Charakter trachtet nach seiner persönlichen Rache. Dona del Scuebo, die als Sklavin verkauft wurde, frönt ihrer Rache täglich, indem sie ihren Herrn erniedrigt und zum Gespött macht. Andere müssen noch ein wenig warten, bis sie am Ziel dieser Wünsche sind. Mit der Landung des Kapitäns Morkam (siehe Titelbild) setzt sich eine immer schneller ablaufende Spirale in Gang.

Feinde treffen wieder aufeinander: Autor Jean Dufaux entschlüsselt einige Motivationen seiner Figuren. Manche sind edler Natur, aber nicht uneigennützig. Die meisten wollen ein Ziel erreichen und verletzen auf diesem Weg mit Worten und Waffen. Nur wenige halten sich vornehm im Hintergrund und harren der Dinge, die da bald ausbrechen werden. Dufaux betitelt die zweite Folge mit Narben. Ebenso gut hätte er es Tanz auf dem Vulkan nennen können.

Das Netz aus Begierden und Abstoßung wird von Jeremy weiterhin brillant in Szene gesetzt. Es wirkt wie eine Vervollkommnung eines Manga-Stils, mit mehr Nuancen allerdings. Beste Beispiele sind die Figuren von Mr. Flynn und seines Mündels, die auch in entsprechenden Manga-Genreproduktionen eine herausragende Stellung einnehmen würden. Neben der sehr realistischen Darstellung von Menschen lebt die Geschichte von einer sehr schön gestalteten Ausstattung, modischen Ansichten jener Epoche und natürlich dem Flair einer karibischen Insel, die jedoch nur oberflächlich eine Idylle ist.

Doch bevor es in die Wildnis geht, überrascht Jeremy mit den Spitzen der Zivilisation jener Tage, die sich besonders in Gotteshäusern äußerte. In aller Pracht zeigt uns der Künstler den spanischen König vor einer Altarwand, im Gebet versunken, bevor die Handlung, weitaus gruseliger, an ein Totenbett fortschreitet und den Grundstein für spätere Ereignisse gelegt werden. Eindringlich lassen sich diese Bilder nennen, die das Piratengenre hervorragend aufgreifen. Sie besitzen auch ein romantisches Element, ein furchtbares und nehmen, moderne Stoffe kommen selten ohne aus, eine sexuelle Komponente hinzu, die mal mehr, mal weniger stark thematisiert wird.

Das Finale soll hier natürlich nicht verraten werden. Dennoch verdient es eine ausdrücklich Erwähnung, da es optisch wie erzählerisch höchst gelungen, spannend inszeniert und ineinander verschachtelt ist. Hier haben sich Dufaux und Jeremy zweifellos von filmischen Techniken inspirieren lassen. Der Eindruck ist sicherlich modern zu nennen, aber auch passend, der der Szenerie Schnelligkeit verliehen wird, ohne den Leser zu hetzen. Im Gegenteil fügt Dufaux auch bremsende Elemente ein, die zum Schmunzeln einladen, während es parallel dazu um Leben und Tod geht. Damit trifft Dufaux jedoch das Herz vieler Piratenerzählungen.

Weiterhin packend erzählt: Dufaux präsentiert Einzelschicksale, Rachegeschichten und baut im Hintergrund an politischen Plänen, von denen einige Charaktere noch nicht einmal ahnen können, dass sie darin verstrickt werden. Bestens und mit viel Liebe zum Genre von Jeremy illustriert. 🙂

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Mittwoch, 21. Dezember 2011

Blutprinzessin

Filed under: Thriller — Michael um 19:06

BlutprinzessinDie junge Frau wollte ausspannen, sich erholen. Nach ihren letzten Arbeiten, immer an Brennpunkten, immer in Krisengebieten, ist sie erschöpft, ausgebrannt, leer. Ein Aufenthalt im kubanischen Dschungel, ohne jegliche Ablenkung, soll Abhilfe schaffen. Doch bereits binnen kurzem sind Stille und Nichtstun ebenso erdrückend wie so mancher Kugelhagel, dem sie sich ausgesetzt sah. Ivory Pearl, so der Name der ungewöhnlichen jungen Frau, versucht sich abzulenken. Sie fotografiert die Natur. Eines Tages wird sie Zeuge einer Jagd und entdeckt einen Mann, der zusammen mit einem kleinen Mädchen im Busch lebt. Als er ihr verbietet, Fotos von dem Mädchen zu machen, wird Ivory nicht zum ersten Mal stutzig.

Starke Charaktere: In diesem Comic-Thriller, adaptiert von Doug Headline nach einem Roman von Jean-Patrick Manchette, sind die einzelnen Figuren regelrecht gegeneinander positioniert. Im übertragenen Sinne: Mit gesenkten Köpfen, bereit, um aufeinander zuzurennen. Jean-Patrick Manchette hat sehr interessante Hauptfiguren kreiert. In Zeiten des Kalten Krieges agieren die Sturköpfe hinter den Kulissen. Selbst jene Staaten, die vordergründig Verbündete sind, gönnen einander nichts. Machtkämpfe sind in der Politik und in verschiedenen Systemen ebenso an der Tagesordnung wie in den Hinterzimmern der organisierten Kriminalität. Und manchmal arbeitet man übergreifend Hand in Hand.

Haken schlagen: Privates lässt sich für die Charaktere, allen voran Robert Messenger, Ivory Pearl, Maurer und Negra, kaum vom Beruf trennen. Letztere ist zwar zu jung, um schon einen Beruf auszuüben, eine Aufgabe hat sie dennoch. Messenger, very british, ein Relikt des Zweiten Weltkrieges, der seine Fähigkeiten in den Kalten Krieg hinüber rettet und mehr durch Zufall ein junges Mädchen zu einer Erbin aufbaut. Diese, Ivory Pearl, wird eine starke junge Frau, eine Art Prototyp jener Frauen, die unsere Zeit heutzutage voraussetzt. Maurer und Negra, Beschützer und Köder erinnern zunächst an ein Duo, das im Urwald verloren ging, bis sich zeigt, was wirklich dahinter steckt.

Jean-Patrick Manchette (und natürlich Doug Headline) kostet die Zeitspanne der Hauptgeschichte von 1950 bis 1956 vollkommen aus. Der Unterschied zu Thrillern, die in der Gegenwart spielen, ist offenkundig. Der Zweite Weltkrieg hat seine Spuren hinterlassen. Brennpunkte in Asien wirken viel versteckter als heutzutage. Der Beruf des Kriegsberichterstatters oder Kriegsfotografen hat hier nicht nur etwas abenteuerliches, es rangiert auch in einer Kategorie mit Künstlern, besser Lebenskünstlern. Manchette erschafft mit Ivory Pearl eine Frau, die sich ohne Wenn und Aber ihrem Leben bis zur Erschöpfung hingibt.

Die grafische Umsetzung der Geschichte von Max Cabanes, der für seine Arbeit den Prix PolarEncontre 2010 erhielt, weiß insbesondere durch die Darstellung der Gefühle ihrer Charaktere zu überzeugen. Gleich der Auftakt gibt einen Vorgeschmack auf die kunstvolle Optik, die Cabanes einzusetzen versteht: Zwei Killer stehen sich gegenüber. Eine Lüge steht im Raum. Keiner verzieht eine Miene. Sie ziehen nur ihre Waffen, Pistole und Machete. Dieses Grundgefühl, er oder ich, ist das unterschwellige Thema der Handlung. In einer Welt, in der bereits ein siebenjähriges Kind zum Spielball wird, zählt ein Erwachsener erst recht nicht.

Cabanes will Platz für seine Bilder und nutzt jedes Fleckchen auf der Seite aus, in drei, vier, manchmal fünf Reihen. Möglichst viele Blickwinkel zerren die ernsten Gefühle der Figuren ans Licht. Echte Heiterkeit, Freude ist selten. Cabanes errichtet neben den Szenen im kubanischen Dschungel eine sehr realistisch gezeichnete Welt der 50er Jahre. Gauner, Gangster und Geheimagenten sind vornehm gekleidet. Verhandelt wird in feinen Büros und auf Partys, aber es wird auch munter gemordet. Die Optik ist kühl. Heller und rasanter geraten die umfangreichen Sequenzen auf Kuba, wenn der Dschungel des Kalten Krieges auf den echten Dschungel trifft.

Cabanes legt sich nicht auf eine Strichstärke fest. Zuweilen geraten seine Zeichnungen sehr fein, dann wieder werden Schatten oder Außenlinien sehr grob gesetzt. Die Farbgebung generiert Atmosphäre. Sie ist reduziert, nicht immer mit dem gleichen Realismus eingesetzt wie die Zeichnung. In der Zivilisation ist eher von Abstraktion zu sprechen, während die grüne Hölle treffender koloriert ist und hier auch gerne Farbstimmungen, wie sie in Dämmerungen anzutreffen sind, ausgereizt werden.

Eine dichte Thrillerhandlung, die allein schon durch ihre Charaktere interessant ist, schließlich aber in eine gnadenlose Jagd mündet, in der es für alle Beteiligten nur ums Überleben geht. Ist der Auslöser der Geschichte vergleichsweise klein, setzt er dennoch die berühmte Lawine in Gang, die sher schnell unaufhaltsam wird. Nach einer packenden Romanvorlage von Jean-Patrick Manchette, nicht weniger spannend als Comic-Thriller und überaus stimmig illustriert von Max Cabanes. 🙂

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