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Comic Blog


Mittwoch, 21. Dezember 2011

Blutprinzessin

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 19:06

BlutprinzessinDie junge Frau wollte ausspannen, sich erholen. Nach ihren letzten Arbeiten, immer an Brennpunkten, immer in Krisengebieten, ist sie erschöpft, ausgebrannt, leer. Ein Aufenthalt im kubanischen Dschungel, ohne jegliche Ablenkung, soll Abhilfe schaffen. Doch bereits binnen kurzem sind Stille und Nichtstun ebenso erdrückend wie so mancher Kugelhagel, dem sie sich ausgesetzt sah. Ivory Pearl, so der Name der ungewöhnlichen jungen Frau, versucht sich abzulenken. Sie fotografiert die Natur. Eines Tages wird sie Zeuge einer Jagd und entdeckt einen Mann, der zusammen mit einem kleinen Mädchen im Busch lebt. Als er ihr verbietet, Fotos von dem Mädchen zu machen, wird Ivory nicht zum ersten Mal stutzig.

Starke Charaktere: In diesem Comic-Thriller, adaptiert von Doug Headline nach einem Roman von Jean-Patrick Manchette, sind die einzelnen Figuren regelrecht gegeneinander positioniert. Im übertragenen Sinne: Mit gesenkten Köpfen, bereit, um aufeinander zuzurennen. Jean-Patrick Manchette hat sehr interessante Hauptfiguren kreiert. In Zeiten des Kalten Krieges agieren die Sturköpfe hinter den Kulissen. Selbst jene Staaten, die vordergründig Verbündete sind, gönnen einander nichts. Machtkämpfe sind in der Politik und in verschiedenen Systemen ebenso an der Tagesordnung wie in den Hinterzimmern der organisierten Kriminalität. Und manchmal arbeitet man übergreifend Hand in Hand.

Haken schlagen: Privates lässt sich für die Charaktere, allen voran Robert Messenger, Ivory Pearl, Maurer und Negra, kaum vom Beruf trennen. Letztere ist zwar zu jung, um schon einen Beruf auszuüben, eine Aufgabe hat sie dennoch. Messenger, very british, ein Relikt des Zweiten Weltkrieges, der seine Fähigkeiten in den Kalten Krieg hinüber rettet und mehr durch Zufall ein junges Mädchen zu einer Erbin aufbaut. Diese, Ivory Pearl, wird eine starke junge Frau, eine Art Prototyp jener Frauen, die unsere Zeit heutzutage voraussetzt. Maurer und Negra, Beschützer und Köder erinnern zunächst an ein Duo, das im Urwald verloren ging, bis sich zeigt, was wirklich dahinter steckt.

Jean-Patrick Manchette (und natürlich Doug Headline) kostet die Zeitspanne der Hauptgeschichte von 1950 bis 1956 vollkommen aus. Der Unterschied zu Thrillern, die in der Gegenwart spielen, ist offenkundig. Der Zweite Weltkrieg hat seine Spuren hinterlassen. Brennpunkte in Asien wirken viel versteckter als heutzutage. Der Beruf des Kriegsberichterstatters oder Kriegsfotografen hat hier nicht nur etwas abenteuerliches, es rangiert auch in einer Kategorie mit Künstlern, besser Lebenskünstlern. Manchette erschafft mit Ivory Pearl eine Frau, die sich ohne Wenn und Aber ihrem Leben bis zur Erschöpfung hingibt.

Die grafische Umsetzung der Geschichte von Max Cabanes, der für seine Arbeit den Prix PolarEncontre 2010 erhielt, weiß insbesondere durch die Darstellung der Gefühle ihrer Charaktere zu überzeugen. Gleich der Auftakt gibt einen Vorgeschmack auf die kunstvolle Optik, die Cabanes einzusetzen versteht: Zwei Killer stehen sich gegenüber. Eine Lüge steht im Raum. Keiner verzieht eine Miene. Sie ziehen nur ihre Waffen, Pistole und Machete. Dieses Grundgefühl, er oder ich, ist das unterschwellige Thema der Handlung. In einer Welt, in der bereits ein siebenjhriges Kind zum Spielball wird, zählt ein Erwachsener erst recht nicht.

Cabanes will Platz für seine Bilder und nutzt jedes Fleckchen auf der Seite aus, in drei, vier, manchmal fünf Reihen. Möglichst viele Blickwinkel zerren die ernsten Gefühle der Figuren ans Licht. Echte Heiterkeit, Freude ist selten. Cabanes errichtet neben den Szenen im kubanischen Dschungel eine sehr realistisch gezeichnete Welt der 50er Jahre. Gauner, Gangster und Geheimagenten sind vornehm gekleidet. Verhandelt wird in feinen Büros und auf Partys, aber es wird auch munter gemordet. Die Optik ist kühl. Heller und rasanter geraten die umfangreichen Sequenzen auf Kuba, wenn der Dschungel des Kalten Krieges auf den echten Dschungel trifft.

Cabanes legt sich nicht auf eine Strichstärke fest. Zuweilen geraten seine Zeichnungen sehr fein, dann wieder werden Schatten oder Außenlinien sehr grob gesetzt. Die Farbgebung generiert Atmosphäre. Sie ist reduziert, nicht immer mit dem gleichen Realismus eingesetzt wie die Zeichnung. In der Zivilisation ist eher von Abstraktion zu sprechen, während die grüne Hölle treffender koloriert ist und hier auch gerne Farbstimmungen, wie sie in Dämmerungen anzutreffen sind, ausgereizt werden.

Eine dichte Thrillerhandlung, die allein schon durch ihre Charaktere interessant ist, schließlich aber in eine gnadenlose Jagd mündet, in der es für alle Beteiligten nur ums berleben geht. Ist der Auslöser der Geschichte vergleichsweise klein, setzt er dennoch die berühmte Lawine in Gang, die sher schnell unaufhaltsam wird. Nach einer packenden Romanvorlage von Jean-Patrick Manchette, nicht weniger spannend als Comic-Thriller und überaus stimmig illustriert von Max Cabanes. :-)

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