Dienstag, 17. April 2012
Der Winzling ist das Überleben gewöhnt. Allein auf sich gestellt, gehört der Tod zum Leben dazu. Entweder kann er jederzeit sterben oder ist bereit, selbst zu töten. Mit dem Hund, der ihm über den Weg läuft, hat er Mitleid. Fortan wird das Tier ein treuer und geliebter Begleiter sein. Doch so ganz ohne Menschen geht es nicht. Der Winzling hat Glück. Selbst in dieser Welt, nach den Unruhen, den Kriegen, die aus einer Zivilisation einen Trümmerhaufen und Friedhof machten, gibt es immer noch Menschen, die sich um andere sorgen. Und so gerät der Winzling in die Obhut von Balu und Baghira.
Das Dschungelbuch hat schon verschiedene Varianten gesehen. Die Version von Crisse transportiert die Geschichte um das Waisenkind Mowgli in die Zukunft einer zerstörten Welt. Nicht Tiere, sondern Menschen übernehmen auch die Nebenrollen der Handlung, einzig ein Hund bleibt übrig und erzählt die Geschichte seines Herrchens. Denn der Winzling kann zu Beginn des Abenteuers noch nicht sprechen.
Der Junge wächst nicht nur nach der Zerstörung der Welt auf, er selbst auch auch mit den Folgen zu kämpfen. Das Kind hat früh gelernt, sich gegen Feinde, in diesem Fall Erwachsene, zu verteidigen. Bei einer dieser Gelegenheiten hat er sich gegen einen Mann aufgelehnt, der eine Niederlage nur schwer verkraften kann und den Jungen seither mit seinem ganzen Hass verfolgt: Shir Khan. Und gäbe es nicht den alten Balu und die junge Baghira, würde Shir Khan sein Ziel sicher sehr bald erreicht haben.
Die Konstruktion dieser Handlung, das ist für viele, die mit der Disney-Variante der Geschichte groß geworden sind, bestimmt keine Überraschung, hat nichts Schmusiges an sich. Vielmehr könnte man es als Mad-Max-Variante des Themas beschreiben. Nur die Starken überleben, die Zivilisation ist weitestgehend zum Teufel gegangen. Selbst bei jenen, die sich ein Stück Menschlichkeit bewahren wollen, steht der eigene Klan im Vordergrund. Fremde, wie sie schon Balu und Baghira waren, bringen dem Klan nur Ärger. Shir Khan, der früh vor den Palisaden der kleinen Siedlung erscheint und den Jungen fordert, bestätigt diese misstrauischen Stimmen nur.
Aber Crisse entführt den Leser noch zu anderen Figuren, die zuerst fremd erscheinen, aber in ihrer Erscheinungsform logisch und interessant sind. Kaa ist ein Scharfschütze, der zeitweilig am Rande des Nervenzusammenbruchs wandelt. Der König führt eine Bande an, die Bandar-Log, die eigentlich jenen Irren, die Shir Khan folgen, in nichts nachstehen.
Marc N′Guessan hat sich für jede einzelne der Nebenrollen ein besonderes Erscheinungsbild überlegt. Besonders auffallend sind natürlich Balu (ein bärtiger, alter, ehemaliger Militärarzt), Baghira (eine dunkelhäutige Amazone mit kurzen Haaren und schwarzem Dress) und zu guter Letzt Shir Khan (ein asiatisch anmutender schlanker Mann, der ein Auge durch Mowgli verloren hat). Die Strichführung ist intuitiv, flott, leicht karikierend. Marc N′Guessan schafft ein stimmiges Gesamtergebnis mit den nötigen, organischen Strichen.
Der Leser findet so nicht nur sehr individuell gestaltete Figuren, auch eine sehr unterschiedliche Umgebung schafft Abwechslung. An vielen Stellen hat sich die Natur ihr Terrain zurückerobert, doch Relikte der Vergangenheit, industrielle Anlagen und Räume, die an einstige Errungenschaften erinnern, unterstreichen den langsam zerfallenden Charakter des gezeigten Landes. Die Affenbande haust in einer ehemaligen Militärbasis, mit Raketen, die sie nicht abschießen können, weil sie diese nicht verstehen, aber abschießen würden, wenn sie nur könnten.
Durch die Kolorierung von Yves Lencot und Laurence Quilici ergibt sich eine Welt mit einer gelben Grundtendenz. Hitze ist der Eindruck, der an erster Stelle vermittelt wird. Rost liegt in der Luft, ein weiterer Eindruck, der durch die Farbgebung in entsprechenden Kulissen entsteht.
Ein ungewöhnlicher Ansatz des Dschungelbuches, aber vielleicht gerade deshalb eine frische Variante und eine äußerst spannende, denn so lassen sich viele neue Facetten entdecken. 🙂
Winzling 1, Das Erwachen: Bei Amazon bestellen
Oder bei Finix Comics.
Samstag, 14. April 2012
Nur gemeinsam können sie überleben. Eine Höhle ist der einzige Schutz vor dem Schneesturm, der Thorgal und seinen Schlittenhunden auf offener Ebene in kurzer Zeit töten würde. Abgeschirmt vor Wind und Kälte harren sie in der Höhle aus. Thorgal weiß, dass ein Ausruhen nicht möglich ist, denn er muss einem engen Zeitplan folgen, will er das rettende Schwertboot erreichen, um mit ihm seine lange Reise und seine Suche nach seinem Sohn fortzusetzen.
Wikingerabenteuer: Im 33. Band der Reihe um Thorgal lassen die beiden Macher, Yves Sente (Autor) und Grzegorz Rosinski (Zeichner), den roten Faden zwar fortlaufen (die Suche nach Thorgals Sohn), hauptsächlich aber erzählen sie ein flottes Abenteuer, in dem Thorgals Fähigkeiten einmal mehr auf die Probe gestellt werden. Nicht nur Menschen sind hier seine Gegner, auch die Natur in Form von Schwertwalen macht ihm das Leben schwer.
Reisen in alter Zeit: Es ist ein Abenteuer voller Widrigkeiten. Das Schwertboot, auf dem Thorgal fährt, kann durch den vereisten Fluss fahren. Es darf nur niemals anhalten. In voller Fahrt können die metallenen Eisbrecher die Schollen vom Bootsrumpf fernhalten. Für Thorgal, der die Aufgabe übernimmt, Ware eines Händlers von Bord und zu einem Handelsposten zu schaffen, gehen damit die Schwierigkeiten nicht erst los, erhöhen sich jedoch um ein Vielfaches. Selbst in dieser Witterung, mit einem Winter, dessen klirrende Kälte Mensch wie Tier gehörig zu schaffen macht, gibt es Flussräuber, die das Schwertboot aufbringen wollen.
Lässt man den Teil, der sich mit dem mythischen Aufenthaltsort von Thorgals Sohn beschäftigt, einmal außen vor, gelingt Sente und Rosinski bereits hier ein überaus dramatisches Abenteuer, für das es in dieser 33. Folge keinerlei Vorkenntnisse braucht. Grzegorz Rosinski setzt die winterliche Welt mit derartiger Sicherheit um, dass er stilistisch an den großen Illustrator Zdenek Burian heranreicht, der mit seinen Bildern über die Urzeit des Menschen sehr bekannt wurde. Rosinski besitzt den Blick für eine dramatische Einstellung, Licht und Schatten und eine kräftige, fotorealistische Farbgebung.
Die Insel am Ende der Welt: Ein alter Realspielfilm aus dem Hause Disney, der schon auf dem Kinoplakat mit Eis und Schnee, Wikingern und aggressiven Schwertwalen warb. In mancherlei Hinsicht werden Erinnerungen bei einigen Szenen an diesen Film wach. Aber natürlich können die spannungsgeladenen Seiten auch ohne jegliche Nostalgie genossen werden. Yves Sente hat sich klassische Fallen für seine Figuren geschaffen. Er demonstriert die Ergebnisse der Gefahren, besser gesagt, Grzegorz Rosinski zeigt diese mit einer Dramatik, auch einem Horror, mit dem schon in Orca gespielt wurde. Für alle anderen, die diesen Film nicht kennen, sei gesagt: Die klassische Urangst des Menschen, bei lebendigem Leib gefressen zu werden, ist auch hier ein packendes Erzählinstrument.
Die durchgehende lebensfeindliche Umgebung (außer für Schwertwale, die hier in ihrem Element sind) besetzt eine Grundatmosphäre, die von Anfang an in ihren Bann zieht. Der kleine Ausflug in den Erzählstrang um Thorgals Sohn ist eigentlich nur störend und wird auf vergleichsweise wenigen Seiten abgehandelt. Wie Grzegorz Rosinski das Kälteszenario anlegt, die Gesichter rot anlaufen, der Atem dampft, nicht nur Schnee und Eis Gefahren bergen, nicht nur im Wasser Raubtiere lauern, wie sich einfach ein grafisch beeindruckendes und hoch spannendes Gesamtszenario ergibt, ist schlicht vorbildlich. Keine Außenlinien wie früher, vielmehr ist jede Seite ein kleines Gemälde für sich, aufwändig gestaltet, ein Augenschmaus.
Ein tolles Abenteuer: Für Wikinger-Fans, Freunde großartig gemalter Comics. Der 33. Band der Reihe ist (fast) ohne Vorkenntnisse lesbar, konzentriert er sich doch auf eine einfache Mission Thorgals, die allerdings so spannend ist, dass man den Band erst nach der letzten gelesenen Seite schließt. 🙂
Thorgal 33, Schwertboot: Bei Amazon bestellen
Donnerstag, 12. April 2012
Ein großes Vorhaben. Die Erweckung von Toten. Für Gunter gibt es jedoch keinen anderen Weg. Er will seine Frau zurück haben, die vor fünf Jahren verstarb. Aber ist der so lange zurückliegende Tod nicht eine zu große Hürde für ein derartiges Unterfangen? Es ist ein Wagnis. Gunter geht es ein und scheitert. Aufgeben will er dennoch nicht. Zu gewaltig war und ist die Liebe, die ihn an diese Frau bindet. Zu mächtig ist der Wahnsinn geworden, der ihn nach so langer Zeit in seinen Klauen gefangen hält und ihn zwingt, ein solches Unternehmen bis zum bitteren Ende zu verfolgen.
Mit dem zweiten Band endet die Geschichte um die Kreuzfahrer und ihre außergewöhnliche Entdeckung. Die beiden Autoren Izu und Nikolavitsch treiben ihre Kreuzfahrer weiter auf der Suche nach des Rätsels Lösung. Das metallene Ungetüm tief unter der Erde, jenes Konstrukt, das aussieht wie ein merkwürdiges Schiff: Wie lange liegt es schon dort? Ist es der Auslöser für jene abscheulichen Kreaturen, die voller Blutgier über jeden herfallen, der es wagt, die Katakomben zu betreten? Neben der ausführlichen Beschreibung der aktuellen Abenteuer im Jahre 1245, finden sich nicht weniger interessante Rückblicke, die genauer auf jenes Wesen eingehen, das einst auf den Planeten abstürzte.
Die eigentliche Geschichte beginnt also lange bevor die Kämpfer im Auftrag des Papstes dem Geheimnis auf die Spur zu kommen suchen. Doch längst gibt es nicht nur jene, die das Geheimnis zu schützen versuchen, sondern auch jene, die es schon benutzen, um ihre eigene Macht zu steigern. Izu und Nikolavitsch würzen eine sehr aktionsbetonte Geschichte mit einem dunklen Geheimnis, das nicht zur Gänze gelüftet wird und noch einige Antworten offen lässt. Allerdings versöhnen die beiden Autoren mit einem kleinen Epilog, der sogar Raum für eine sehr eigenständige Fortsetzung ließe, würden sich die Macher dafür entscheiden.
Zhang Xiaoyu, der als Zeichner einen genial guten stilistischen Mix aus Katsuhiro Otomo (Akira) und Paolo Serpieri (Druuna) abliefert, trifft seine Figuren mit sicherer Hand und weiß insbesondere durch seine Darstellung aktionsgeladener Szenen zu überzeugen. Ob sich ein riesenhafter Kämpfer auf dem Schlachtfeld stellt, ägyptische Krieger die römischen Invasoren aufzuhalten versuchen oder die Kreuzritter gegen die Sarazenen im Heiligen Land aufmarschieren, stets steckt eine große cineastische Wucht in den Szenenfolgen. Das wird gefühlt in diesem zweiten Teil noch deutlicher.
Entscheidend für diesen Effekt ist neben der ungeheuer feinen Strichführung von Zhang Xiaoyu insbesondere die plastische Kolorierung von Zhou Hualong und Li Jian. Die Farbwärme der Bilder hat viel mit alten Gemälden gemeinsam, wenngleich sich keiner der Künstler räumlich so ausbreiten kann und für die Erzählung wirklich jeder noch so kleine Platz ausgenutzt wird. Bei der Qualität der Bilder stört es auch nicht, dass Zhang Xiaoyu mit der Darstellung eines Krokodils ein Missgriff gelingt (ein wenig Erbsenzählerei soll bei so viel Lob auch dabei sein).
Die Kämpfe, so viel ist sicher, sind keine edlen Streitereien. In diesen Kämpfen stehen sich unversöhnliche Feinde gegenüber, entsprechend sind die Schlachten offene Gemetzel und werden auch als solche gezeigt. Der mysteriöse Aspekt der Geschichte wie auch die untoten Kreaturen erinnern in diesem Zusammenhang durchaus an Szenarien, wie sie in Publikationen wie Resident Evil zu sehen waren, in vergleichbaren Mangas sowieso. Die Rasanz der Bilder ist in jedem Fall beeindruckend, wirken sie doch auch wie die Vorbereitung zu einem Film, in dem jede Kameraeinstellung und jeder Spezialeffekt im Vorfeld genau geplant ist.
Eine höchst intensive und dichte Fortsetzung, ein Abschluss, in dem es stetig voran geht und Rätselfreunde wie auch Fans von aktionsgeladenen Handlungen voll auf ihre Kosten kommen. Toll illustriert von Zhang Xiaoyu, sicherlich ein Name, den man sich wird merken müssen. 🙂
Kreuzfahrer 2, Die Pforte des Hermes: Bei Amazon bestellen
Montag, 09. April 2012
Ein König kann seinen Vasallen auf vielerlei Weise verärgern. Ein Leichtes wäre die Anhebung der Abgaben, aber in versteckter Form lässt sich das Murren des Gefolgsmannes noch unterdrücken, denn ist die Ausrichtung eines königlichen Turniers nicht nur finanzielle Last, sondern auch eine Ehre? So ahnt Roland nichts Böses, als ihm genau diese Ehre zuteil wird. Doch als immer mehr Gäste sich ankündigen und letztlich auch einstellen, ahnt Roland sehr bald schon, was König Artus in Wahrheit mit diesem Turnier bezweckt. Aber Roland ist nicht irgendein Ritter. Er gibt niemals auf. Und wird diese Schlacht nicht auf dem Felde, vielmehr an den Kochtöpfen, bei der Bedienung und Bewirtung, den Unterkünften und der Pracht des Turniers gewonnen, so wird er die Herausforderung von König Artus annehmen.
Der Günstling des Königs: Roland, der ungestüme Ritter, dessen Temperament und Mundwerk ihn schon in des Teufels Küche gebracht haben, ist eigentlich alles andere als ein Günstling des großen Königs Artus. Jener sagenhafte König, der einer Verbindung Rolands mit seiner Tochter Gwendoline nur mit Abneigung gegenüber steht, lässt kaum etwas unversucht, um den aufmüpfigen Ritter, der es wagt, seinen eigenen Kopf zu haben, in seine Schranken zu weisen.
Zunächst aber kann Roland, erdacht, geschrieben und gezeichnet von Francois Craenhals, ein wenig dem normalen Ritterdasein und dem Gutsleben frönen. In Der Geheimgang gönnt sich Francois Craenhals eine anfangs langsame Erzählweise. Es ist ein Blick hinter die Kulissen des mittelalterlichen Lebens am Beispiel des Neuaufbaus einer Burg, mit allem, was damit zusammenhängt. Steine müssen gebrochen, behauen und Arbeiter versorgt werden. Es ist ein schöner Blick auf die Baustelle, das umgebende Land, Arbeitsweisen, bis die Liebe Rolands in den Vordergrund rückt und sich in dieses Szenario, auch für Roland völlig unvermutet, eine Intrige einschleicht und am Paradies gerüttelt wird.
Dieser Blick auf das ritterliche Leben findet seinen vorläufigen Höhepunkt in der Episode Der Günstling des Königs, in der die Haupthandlung von den Vorbereitungen eines ritterlichen Turniers und den sportlichen Feierlichkeiten selbst begleitet wird. Craenhals schildert und zeigt diese Ausnahme vom Alltag so voller Kleinigkeiten und auch so liebevoll erzählt, dass neben der vorzüglichen Charakterschilderung auch ein lebendiges Abbild jener Zeit entsteht, sicherlich ein wenig nostalgisch, aber auch relativ realistisch. Hier ist kein Platz für Superritter.
Hier muss geübt werden, um zu gewinnen. Hier muss enormer Willen aufgebracht werden, um auch noch den nächsten Schlag des Gegners auszuhalten. Wenn die Kontrahenten nur noch mit dem letzten Rest Kraft auf dem Turnierplatz stehen und sich die Zuschauer die Augen reiben, dann wird aus der Schilderung des Ritterlebens ein vortreffliches Abenteuer. Für jene Leser, die an der Seite des Helden lieber in ferne Länder reisen, wird es mit der deutschen Erstveröffentlichung der dritten Episode in diesem Band deutlich abenteuerlicher, auch fremder.
Die Falle entführt in die eher seltener genutzte mittelalterliche Umgebung Russlands. König Artus nimmt Kontakt zum Hofe Königs Isjaslaws auf. Den diplomatischen Beziehungen soll der Austausch von Wissen folgen. Roland soll diese Mission übernehmen. Die Fremdartigkeit der Kultur ist offensichtlich, auch wird die Art und Weise von Rolands Verhalten äußerst befremdlich aufgenommen. Aber eine besondere Entwicklung, Rolands persönliches Schicksal betreffend, hat sich Francois Craenhals für das Finale aufgehoben und stellt so die Weichen für eine zukünftige Handlung.
Die feinen, man will sagen, romantisch anmutenden Zeichnungen entwickeln besonders in den ersten beiden Episoden ihre ganze Pracht. Ganz speziell weiß der Abschnitt der Erzählung um das Ritterturnier zu überzeugen. Das Leben innerhalb der Burg, die Vorbereitungen sind einfach so schön gezeichnet und koloriert, dass das Auge länger als gewöhnlich verweilt und die Bilder einfach wirken lässt. Auch ist die Erzählung von Craenhals dergestalt, dass er dem Leser diese Zeit gönnt. In Die Falle zeigt er, wie er auch die Geschwindigkeit anzuheben versteht.
Ein toller fünfter Sammelband, der sogar eine deutsche Erstveröffentlichung enthält. Durch die gelungene Mischung aus mittelalterlichem Alltag und Abenteuer findet sich hier auch ein guter Einstiegsband, für dessen Verständnis eine Vorkenntnis der bisherigen Abenteuer nur selten erforderlich ist. 🙂
Roland Ritter Ungestüm 5: Bei Amazon bestellen
Mittwoch, 04. April 2012
Gelandet. Aber noch nicht am Ziel: Um den Schatz zu finden müssen die fünf Kinder das Captain Crown einen beschwerlichen Weg quer durch den Urwald auf sich nehmen. Für die Schönheit der Natur, die es zweifellos zu sehen gibt, bleibt ihnen keine Zeit. Ein Kopfjäger ist ihnen bereits auf der Spur. Er kann ihnen nicht vergeben, dass sie Red getötet haben, dessen Leichnam bereits von den Krabben am Strand der Insel vertilgt wurde. Aus dem Hinterhalt schleicht sich der Jäger an, tötet mit Messer und Gift, bis er sich dem stärksten der fünf Hurenkinder auf dem Weg zum Gold der Verdammten stellen muss.
Verdammt gemein: Autor Tristan Roulot hetzt hier ein paar Charaktere aufeinander, von denen kaum zu sagen ist, welcher von ihnen niederträchtiger als der andere ist. Gezeichnet durch ihre Herkunft, mit einem Krankheitsmal an einer jeweils anderen Stelle ihres Körpers, gieren sie nach Gold und Rache. Die Kinder des Captain Crown dürften zu widerwärtigsten Gauner gehören, die jemals auf Schatzsuche gegangen sind. Und nicht nur das: Ihre Verfolger sind um keinen Deut besser.
Nachdem im ersten Teil die Kinder des Captain Crown zueinander gefunden haben, die Schatzinsel nun erreicht ist, versuchen sie einander bei der Jagd auf den Schatz auszubooten. Doch denen, die kein Mitleid zu geben bereit sind, widerfährt auch kein Mitleid. Für die Morde an ihrem Vater wie auch an ihrem Reisegefährten werden sie gnadenlos gejagt. Tristan Roulot hat fünf Antihelden geschaffen, denen der Leser nichts Gutes wünscht. In dieser Piratengeschichte versteckt sich auch kein Humor, höchstens einmal hier oder da ein besonders schwarzer Scherz. Es sei denn, das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Roulot erzählt mit kompromissloser Härte, ohne den Spaß, den neuere Erzählungen manchmal aufweisen. Von der Romantik alter Piratenabenteuer ist ebenfalls keine Spur zu finden.
Vielmehr scheint Tristan Roulot alles daran zu setzen, mit den neuen und alten Geschichten aufzuräumen und dem Piratengenre seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Das wirkt stilistisch ähnlich, als erfände ein Sergio Leone das Westerngenre neu. Inmitten des dichten Dschungels kommt durch die Verfolgungsjagd, der sich die fünf Hurenkinder ausgesetzt sehen, sogar ein wenig (eher mehr) Gruselstimmung auf. In einigen Szenen ist es blanker Horror. Ähnlich kompromisslos wie Tristan Roulot erzählt, legt Patrick Henaff seine Zeichnungen an. Es gibt die Rückblicke, die geheimnisvollen Momente, die Schockaugenblicke und die wundersamen Ansichten, wie sie zu einer Piratengeschichte gehören, die mit dem Unheimlichen spielt.
Je mehr das Ende naht, umso dunkler wird die Umgebung und die Handlung. Zeichner Patrick Henaff hat viele interessante, düstere Motive. Schön sind sie nur ganz selten. Eine Ansammlung von Schmetterlingen wirkt wie eine Verirrung im ansonsten gefährlichen Urwald. Henaff spielt mit Schatten, deutet eine Riesenschlange an, die nichts Gutes verheißt, doch in Wahrheit geht die Gefahr von den kleinen Schlangen aus, ähnlich bunt wie die Schmetterlinge, aber in hohem Maße giftig. Die Rückblicke, die Henaff zeigt, gleichen allesamt Alpträumen, ob sie nun tatsächlich passieren, passiert sind oder in wirklichen Träumen stattfinden.
Patrick Henaff hält es bei Hintergründen realistisch, während er Charaktere gering überzeichnet sind. Ist der Anblick umso furchtbarer, versucht er durch eine leichte Karikatur ein Zerrbild zu schaffen. Ein Beispiel hierfür ist jenes Hurenkind, dessen gesamter Kopf von der Krankheit, Lepra, befallen ist und durch seine Bandagen eine kleine Hommage an mumifizierte Wiedergänger ist. Zum ausgereiften, häufig anzutreffenden frankobelgischen Stil passt die erdige Farbgebung, die den Realismus der Grafiken stützt und auch durch seine Kolorierung jeglichen Anflug von Übertriebenheit unterdrückt.
Beinhart, wie man heutzutage so schön sagt, aber selten war es richtiger als hier: Eine Piratengeschichte voller Gnadenlosigkeit und Gier, Intrige und Verrat. Hier schenkt niemand niemandem etwas. Ein höchst gelungener, hoch spannender Piratenthriller von Tristan Roulot und Patrick Henaff, der mit dieser zweiten Folge seinen Abschluss findet. 🙂
Das Testament des Captain Crown 2, Das Gold der Verdammten: Bei Amazon bestellen
Dienstag, 03. April 2012
Zurück aus dem Chaos, in dem alles anders war. Age of X liegt hinter den X-Men. Dennoch hat sich bei ihrer Rückkehr etwas verändert. Legion, der Sohn von Professor X, hat seine inneren Wesenheiten nicht gänzlich unter Kontrolle. Schlimmer noch: Einige sind entkommen. Und sie wollen leben. Allein. Ihre Namen lassen auf außerordentliche Fähigkeiten schließen und klingen alles andere als vertrauenerweckend: Endgame, Chain, Time-Sink, Bleeding Image und Styx. Einzig Susan in Sunshine, ein kleines Mädchen, erweckt nicht den Eindruck von Gefährlichkeit. Die Jagd beginnt.
Ein ungleiches Team, selbst für die Verhältnisse der X-Men führt um den ganzen Erdball. Neben Legion, der die entkommenen Wesenheiten einfangen und sich wieder einverleiben muss, gehören auch Rogue, Magneto und Gambit der kleinen Expeditionseinheit an. Frenzy, die ihren Namen nicht ohne Grund hat und recht rabiat zu Werke geht, gehört zu den neueren Mutanten, die sich bei den X-Men erst noch die Sporen verdienen müssen.
Mike Carey rückt die Doppelepisode X-Men Legacy einmal mehr in die parapsychologische Ecke, die aber zu den X-Men passt. Die Figur des Legion mit seinem scheinbar unerschöpflichen Reservoir an Charakteren mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten wird hier eher gestreift als tatsächlich bis zum Ende gefordert. Allein die sechs Flüchtlinge, die es geschafft haben, ihm zu entkommen und wenigstens im Ansatz ein eigenes Leben zu führen, bieten einen derart vielschichtigen Ansatz, dass Mike Carey mit seiner bewiesenermaßen großen Phantasie eine weitaus längere Geschichte daraus hätte machen können.
So ist der Spannungsaufbau ungeheuer dicht geraten und weiß auch ohne Vorkenntnis des Age of X gleich zu überzeugen und zu packen. Die X-Men leben im Besonderen natürlich von der Optik, wie auch die übrige Verwandtschaft aus dem Hause Marvel. In den hier zusammengefassten sechs Geschichten wird über exaktes Tuschen versucht, die vorliegenden Stile der insgesamt vier Zeichner einander anzugleichen. Dennoch gibt es Unterschiede, die mit den Schlagworten gewissenhaft, intuitiv, aber auch künstlerisch belegt werden können.
Jorge Molina, der den Auftakt gestaltet, erinnert mit seiner Stilistik ein wenig an Pat Lee (Warlands, Wolverine/Punisher). In Worten ausgedrückt ist es eine amerikanisierte Mangatechnik mit harten, geschmeidigen, aber ausdrucksstarken Figuren. Ein Rafa Sandoval tendiert mehr in Richtung eines Arbeitskollegen wie Leinil Francis Yu (Superman Birthright) mit ähnlich harten Zügen und feinen Stricheleien. Khoi Pham, der die meiste Arbeit an der vorliegenden Ausgabe als Zeichner hat, besticht durch einen glasklaren Zeichenstil, realistischer als eine Zeichentrickstilistik, aber durchaus in die Richtung gehend, so dass man sich einmal mehr eine solche X-Men-Umsetzung wünscht.
Grafischer Höhepunkt: Die Begegnung mit Styx. Die Figur, benannt nach dem Fluss, der die Unterwelt und die Welt Lebenden voneinander trennt, ist ein Monster, das perfekt in das Horrorgenre und die Weltuntergangsstimmung passt, die sich im Verlauf des vorläufigen Finales des ersten Teils einstellt. Für X-Men-Fans, die eine Gruseltendenz in den Comics schon immer gemocht haben, dürfte die gesamte Folge genau richtig sein. Für denjenigen, der sich ein umfangreicheres Bild von Legion, einem der besten Neulinge im X-Men-Universum seit langem, machen möchte, sollte hier einen oder mehre Blicke hineinwerfen. 🙂
Montag, 02. April 2012
Spirou ist der bessere Basketballspieler. Wenigstens in der geringen Schwerkraft des Mondes kann ihm so leicht niemand etwas vormachen. Selbst der beste Basketballspieler der Erde kann ihm nicht das Wasser reichen. Vielleicht ist aber auch das Preisgeld von einer Million Dollar eine nicht unerhebliche Inspiration. Der Initiator der Mondstation, Zyklotrop, stellt das Projekt als harmlos dar. Der Wissenschaftler scheint endlich auf der richtigen Seite des Gesetzes angekommen zu sein. Auch lässt sich Fantasio ködern, indem er das Angebot erhält, der offizielle Biograf von Zyklotrop zu werden. Dennoch häufen sich die Missgeschicke. Letztlich ist die Mondstation alles andere als nur ein Vergnügungspark. Aber die Gefahr geht ausgerechnet von einer Person aus, von der es keiner erwartet hätte.
Alte Feinde, gute Feinde: Zyklotrop ist zurück. Bei allem, was den beiden Freunden Spirou und Fantasio im Laufe von 50 Bänden geschehen ist, bei jedem, mit dem sie zusammentrafen, mit dem sie sich anlegten, ist und bleibt der mit Graf von Rummelsdorf konkurrierende Zyklotrop der beste Charakter. Das quirlige Genie mit dem Hang zu Chaos und Weltherrschaft agiert hier im Hintergrund einer außergewöhnlichen Vergnügungsstätte: Dem Mond. Fabien Vehlmann entwirft eine Mondstation, wo Reiche, Schöne und Mächtige einen besonderen Urlaub verleben können. Ein Urlaubsort, der durch die Anwesenheit von Spirou und Fantasio noch ungewöhnlicher wird.
Denn Fabien Vehlmann belässt es nicht bei einem Abenteuer, das Szenarien wie Man lebt nur zweimal oder Moonraker in Erinnerung ruft. Auf dem Mond darf sich Spirou ausgerechnet in jenes Wesen verwandeln, das in einer außerordentlichen Abhängigkeit zum Mond steht: Ein Werwolf. Rasant, über alle Maßen dynamisch ist bereits der Einstieg nach einem kurzen Intro. Hier wird der Leser auf einer Seite im Stimmung gebracht, unabhängig von der nun folgenden Handlung. In der Folge wachen die beiden Helden in ihrem Schlafzimmer auf, sehen aus dem Fenster auf die Mondoberfläche und danach geht es Schlag auf Schlag. Vehlmann liebt die Verweise, die Anspielungen, den Kalauer, die wilde Aktion, den Seitenhieb und den Wortwitz wie auch den Spaß ohne Worte.
Für den Erfolg des letzteren ist natürlich Yoann maßgeblich mitverantwortlich. Der Stilistik des Übervaters der beiden kuriosen Helden folgend, Andre Franquin, sind die Äußerlichkeiten von Spirou und Fantasio etwas moderner, aber auf einer Linie mit den klassischen Abenteuern, was vielleicht der Hauptgrund ist, warum dieses Kreativteam auserkoren wurde, die Serie hauptverantwortlich fortzuführen. Dem sehr freien Strich der Handlung im Vordergrund stehen die Designs von Fred Blanchard gegenüber, der hier mit Einfällen strotzt.
Hüttengaudi auf dem Mond: Selbst bei geringer Schwerkraft sollen die schwerreichen Gäste nichts missen. So bieten die Kulissen ein alpenländisches Szenario ebenso wie Kasinos und südamerikanischen Dschungel. Yoann fühlt sich mit seinem grafischen Ausdruck sicherlich der frankobelgischen Tradition verpflichtet, gehört aber zu einer Generation, die von neuen Strömungen inspiriert wirkt. Yoann rangiert auf Augenhöhe mit einem Pierre Alary (Sinbad), könnte aber auch durch Zeichner wie Guy Davis oder Gabriel Ba beeinflusst worden sein. Insgesamt könnte man es einen freimütigen Zeichenstil nennen, der sich nicht in Ketten legen lässt.
Yoanns Stärken finden sich aber zweifellos auch im Gemäldecomicbild: Wie einstmals ein Carl Barks seinen Donald inszenierte, gestaltete Yoann für die Luxusausgaben der Geschichte einige Gemälde, die von ihrer Machart eher an Kinofilmposter erinnern und mit ihrer plastischen Farblichkeit nach größeren Drucken rufen.
Fabien Vehlmann und Yoann nehmen die beiden Freunde Spirou und Fantasio (natürlich fehlen auch der Graf und Pips nicht) mit auf den Mond in ein Abenteuer, in dem dank eines vielgestaltigen Ortes alles möglich ist. Mit vielen frischen Ideen reiht sich der 50. Band in den Humor der frühen Ausgaben ein, mit klassischem Klamauk, sehr sympathischen Figuren und einer unvorhersehbaren Geschichte. 🙂
Spirou + Fantasio 50, Die dunkle Seite des Z: Bei Amazon bestellen
Link: www.mysteryo.com (Yoanns Homepage)
Donnerstag, 29. März 2012
Ist es nicht zivilisierter, wenn die Soldaten zu Hause bleiben und nur ausgewählte Duellanten den Kampf austragen? Kommen nicht viel weniger Menschen zu schaden? Blut fließt sicherlich, aber nur das Blut von wenigen, während viele ihr normales und geschütztes Leben weiterleben können. Die Duellanten, so tödlich ihr Beruf auch sein mag, sind eine angesehene Kaste, die eine gestrenge Ausbildung durchläuft, bevor der erste offizielle Zweikampf stattfindet. Das System könnte funktionieren, bestände nicht die Möglichkeit, dass sich auch Freunde im Duell begegnen. Oder sogar Eheleute. Als im frühen 17. Jahrhundert der maskierte Horacio D′Alba auf seinen Widersacher trifft, ahnt er nicht, dass es sich um seine Frau handelt. Die er töten wird.
Jerome Le Gris hat sich für seine Handlung eine eher seltene Epoche und auch ein in Comics eher stiefmütterlich behandeltes Land ausgesucht. Vor der ausgehenden Renaissance entspinnt sich ein kultureller Wandel, in dem das System der Duelle von Nachbarstaaten zunehmend barbarisch empfunden wird und der rote Kardinal, der eigentliche Machthaber im Vatikan, nur darauf wartet, mit seinen Truppen der Barbarei ein Ende zu bereiten. Im Land selbst sind Strömungen entstanden, die ein Ende dieses Systems verlangen. Doch solche, die davon betroffen sind, die Duellanten, trachten danach, dies zu verhindern.
Ehre: Ein Duellant führt ein sehr diszipliniertes und ehrenvolles Leben. Entsprechend manierlich treten die Männer und Frauen auf. Sie sind gebildet und für den Kampf trainiert worden. In gewissem Sinne gehören sie zur Elite ihres Landes. Jerome Le Gris schildert die politische Struktur wie auch die einzelnen Charaktere, die für und wider der gesellschaftlichen Normen agieren mit großem Fingerspitzengefühl. Er schafft innere Dramen, setzt seine Figuren geradezu wie auf einem Schachbrett in Position. Kaum eine Szene, so scheint es, vergeht, ohne dass die einzelnen Charaktere taktieren. Wie so oft geht es um die Macht, darum, wer sie hat, haben will und wer sie behält.
Neben der sehr ausgefeilten Erzählung, der man nicht nur mit Spannung, sondern auch mit hohem Interesse an den Einfällen folgt, überzeugt Nicolas Siner mit seinen ebenfalls höchst realistischen Illustrationen, die in einer Mischung aus europäischem und amerikanischem Ausdruck brillieren. Feine Gesichter unterstreichen jede einzelne Figur sehr individuell. Eine ebensolche Ausstattung macht aus dem Comic vor der Kulisse eines altertümlichen Italiens, einer toscanischen Atmosphäre einen klassischen Kostümfilm auf Papier.
Finstere Treffpunkte, weitläufige Paläste, Duelle und Truppenaufmärsche. Präzise, sehr fein ausgeführte Striche füllen die Seiten effizient, manchmal mit einem Maximum an Information. So betrachtet verdient der erste Band der Trilogie fast schon das Wort Bildroman, präsentiert sich doch hier eine Geschichte, die sich ausführlich der Beschreibung der vorherrschenden Gesellschaft ergibt und gleichzeitig ihren Charakteren immer neue Nuancen hinzufügt. Ein schönes Beispiel ist das Projekt eines der Duellanten neue Schrifttypen für den Buchdruck zu kreieren. Wenig später muss der Mann, der seiner Nachwelt etwas hinterlassen will und so viel mehr leisten könnte, in einem Duell sein Leben riskieren.
Die exakte Tuscheführung wird durch eine plastische wie auch künstlerische, auf Effekte setzende Kolorierung begleitet. Dämmerungen, Sonnenaufgänge, nächtliche Innenräume in Kerzenlicht getaucht: In diesem Land, in dieser Geschichte ist jede Szene optisch ein wenig verzaubert.
Ein sehr schöner, ungeheuer stimmiger Auftakt mit einem ungewöhnlichen, frischen Thema. Für Historienfans, die eine Vermischung von wahrer Geschichte und Fantasie mögen, mit realistischen Illustrationen, unsentimental und packend erzählt. 🙂
Horacio D′Alba 1, Republik der Ehre: Bei Amazon bestellen
Montag, 26. März 2012
Das ist so eine Sache mit großen Namen. Viele haben von ihnen gehört. Sie kennen die Sagen und Legenden, die sich darum ranken. Doch wer hat in jenen Tagen wirklich jene Recken gesehen, die unter dem Namen Die Geißeln von Enharma bekannt sind? Die kleine Bande von Halunken, die sich diese Unkenntnis zunutze macht, ist selbst nicht unbegabt, wenn es darum geht, sich in dieser Welt durchzusetzen. Sie sind jedoch weit davon entfernt, eine Geißel zu sein. Für einen Mordauftrag reichen ihre Fähigkeiten allemal. Doch sie hätten ahnen sollen, dass den Geißeln von Enharma recht schwere und gefährliche Ziele zugemutet werden.
Des Geldes wegen, für Aufträge, die sonst kaum jemandem angetragen werden: Sie hatten die Idee, doch nicht jeder von ihnen hält sie für gut. Zu Recht. Autor Sylvain Cordurie hat eine für Fantasy-Verhältnisse typische Gruppe zusammengestellt. Ein Zauberer, geschickte Kämpfer, ein wackerer Haudrauf, eine Attentäterin, mit der Fähigkeit ausgestattet, die Kräfte des Feindes durch einen Schluck Blut zu übernehmen. Eigentlich bieten die Söldner, wenn sie sich so nennen lassen wollten, die besten Voraussetzungen, fehlte ihnen nicht noch ein gewisses Element, um tatsächlich eine echte Geißel zu sein: Glück.
Aber Sylvain Cordurie hat mit seinen Helden auch Sympathiefiguren geschaffen, denen man gerne zuschaut, wie sie am Ende doch noch um Haaresbreite ihren Kopf aus der Schlinge ziehen. Sie mögen glücklos sein, haben jedoch einen Zauberer an ihrer Seite, der wie ein Fluchtweg funktioniert. Hin und wieder klappt es auch nicht. Nicht nur der erste Auftrag ist ein grafisches Feuerwerk, schon die gesamte Handlung bis dahin wird durch eine sehr schön gestaltete Welt gestützt, die für eine hohe Lebendigkeit sorgt. Zeichner Stephane Crety und Kolorist Simon Champelovier vermögen es als Duo in großer Meisterschaft eine zwar nicht immer ganz ernsthafte Fantasy-Geschichte zu illustrieren, dafür kehren ihre Bilder den Humor noch deutlicher hervor.
Charakterköpfe und figürliche Sonderfälle: Eine Reise durch diese Welt kommt dem Besuch der berühmten Cantina aus dem ersten Krieg der Sterne Film gleich. Hemmungslos wird entworfen, werden Völker, Monster und Gestalten aus dem Hut gezogen. Da schauen die Lebewesen äffisch, kätzisch, auch merkwürdig. Da ist manche Figur wie ein lebendiges Abbild der starken Männer, wird der Auftritt von Untoten zu einem Drama und einem Schlachtengemälde sondergleichen. Wenn der Endgegner sein Gesicht und seinen gigantischen Körper zeigt, mag es auch Verbeugungen vor anderen Publikationen geben, in der Masse ist die Darstellung eine regelrechte bildhafte Wucht.
Simon Champelovier, der mit seinen Farben eine sehr plastische Ansicht schafft und eine große Bandbreite von Örtlichkeiten beleuchtet, sorgt für Kinoatmosphäre. Der szenische Einstieg ist dank ihm episch, Ansichten von Landschaften und Städten wirken idyllisch. Die filigranen, von Stephane Crety (,) bis ins kleinste Glied von Kettenhemden gestalteten Figuren gewinnen so an Fülle, werden die sehr genau definierten Charaktere eher zu verkleideten Schauspielern als zu bloß gezeichneten Figuren.
Ein starker Auftakt zu einer Fantasy-Trilogie mit etwas anderen Helden: Gauner, die eigentlich nur lukrative Aufträge haben wollten, müssen ernsthaft ran. Sylvain Cordurie hat eine erfrischende Bande von Sidekicks geschaffen. Prachtvoll ausgestattet von Stephane Crety und Simon Champelovier. 🙂
Die Geißeln von Enharma 1, Die Herkunft der Tapferen: Bei Amazon bestellen
Sonntag, 25. März 2012
Charles Desiris ist tot. Selbstmord. Seine Frau liegt mit einer Schussverletzung in der Brust auf dem Bett, den leeren Blick gen Himmel gerichtet. Bevor Desiris sich das Leben nahm, hat er seine Frau erschossen. Diese Schlüsse kann Nestor Burma in aller Eile ziehen, ohne sich besonders anzustrengen. Ein wenig Enttäuschung macht sich breit. Eigentlich sollte dieser Termin einen Auftrag einbringen. Das offensichtliche Beziehungsdrama langweilt Burma sogar ein wenig. Die wenigen Informationen, die Burma noch erhält, klingen interessant, auf ihre Art ein wenig bedeutsam, aber ohne Auftraggeber wird er dem Fall nicht folgen. Die Monate vergehen. Da macht Burma die Bekanntschaft einer Schauspielerin und aus einem losen Ende wird eine Spur.
Schauspielerinnen waren schon immer ein Anziehungspunkt. Sie haben die Fantasie beflügelt und Geschäfte befördert. Die Figur des Nestor Burma von Leo Malet ist ein Feingeist. Burma genießt. Eine Pfeife, die Gesellschaft einer Frau, ein Glas Wein. Allerdings verstellt es ihm nicht den Blick vor der Realität und den finsteren Machenschaften der Menschen, die von den schlichten Gemütern bis in die besseren Gesellschaften von Paris reicht. Auch James Elroy beschäftigte sich in Stadt der Teufel mit Doppelgängerinnen von Schauspielerinnen und Showgrößen. Doch bevor Burma in diese Niederungen ebenfalls hinabsteigt, beginnt eigentlich alles wunderbar.
Neuer Fall, neues Pech: Auftraggeber sind für einen Privatdetektiven überlebenswichtig, Dumm nur, diese gleich bei der ersten Begegnung ermordet vorzufinden. Kein Auftraggeber, kein Auftrag. Ein Privatdetektiv muss in erster Linie an sich selbst denken, so überlässt er die Klärung des Falles der Polizei. Denn wie gesagt, ohne Auftraggeber auch kein Geld. Aber Paris ist nicht nur die schönste Stadt der Welt, sie ist auch das berühmte Dorf, in dem sich alle Stränge früher oder später doch wieder überkreuzen.
Ein neuer Fall, eben jene Aufgabe um Doppelgängerinnen, die abgelichtet in einem Herrenmagazin für feuchte Augen sorgen, bringt unerwartete Informationen, die Burma neugierig werden lassen. Leo Malet spielt mit den Schicksalslinien. Man begegnet sich immer zweimal im Leben, könnte man sagen. Oder auch: Burma ist nicht nur ein Genießer, er ist auch mit einem hervorragenden Gedächtnis, einem guten Gespür und der Fähigkeit ausgestattet, um die Ecke zu denken.
Auf der Basis von Jaques Tardis Figuren zeichnet und adaptiert Moynot die Geschichten um Nestor Burma von Leo Malet fort. Wir schreiben das Jahr 1959, die 1960er stehen vor der Tür. Die Nachkriegszeit steht vor ihrem endgültigen Umbruch hin zur Moderne. Ein hinter verschlossenen Türen frei(zügig) gelebtes Leben verkehrt sich langsam nach außen. Vor diesen Eindrücken, der Mode insbesondere, den Kleidern und den Frisuren, hinkt Paris alt, ein wenig grau und geheimnisvoll hinterher. Im Zwielicht geht Nestor Burma seinen Spuren nach.
In den atmosphärischen Bildern, ein wenig sogar bühnenreif, theatralisch angelegt, sind die Figuren beinahe klassisch skizziert. Nur wenige Striche genügen zur jeweils individuellen Darstellung und vielerlei Gesichtszügen. Moynot, nach den Figurenvorlagen von Tardi, zeichnet echte Menschen, so wie der Fall echten Menschen Platz zur Entfaltung bietet. So städtisch Paris ist, so provinziell stellt es sich manchmal dar. An Burmas Seite entblättert sich eine alte Dame, doch es ist nicht ungefährlich, ihr zuzuschauen. Die Erfahrung macht auch Nestor Burma.
Ein vorwiegend kühleres Braun, kein komplett eiskaltes, bietet die optische Grundlage der Kriminalgeschichte. Auf klar aufgeteilten Seiten entsteht der langsame Sog der Handlung, der mit seinen immer neuen Enthüllungen ein Mosaiksteinchen dem anderen beifügt, bis die Spürnase Burma am Ziel ist. Moynot lässt sich mit seiner Bildsprache auf keine Experimente ein. Ein klarer Stil folgt einem klar strukturierten Krimi.
Nestor Burma, das Schlitzohr: Ein Mordfall allein ist noch kein Arbeitsmotiv. Es muss etwas verzwickter sein, auch Geld muss bei der Lösung herausspringen. Wenn dann noch ein paar schöne Frauen dabei sind … Eine Kriminalgeschichte, im besten Sinne Französisch, dicht, mit einer fast heiteren Spannung, auf den Punkt illustriert. Für Freunde des französischen Krimis (und solche, die es werden wollen), einer ganz eigenen Nische des Genres, empfehlenswert.
Wer einmal auf dem Friedhof liegt: Bei Amazon bestellen