Gelandet. Aber noch nicht am Ziel: Um den Schatz zu finden müssen die fünf Kinder das Captain Crown einen beschwerlichen Weg quer durch den Urwald auf sich nehmen. Für die Schönheit der Natur, die es zweifellos zu sehen gibt, bleibt ihnen keine Zeit. Ein Kopfjäger ist ihnen bereits auf der Spur. Er kann ihnen nicht vergeben, dass sie Red getötet haben, dessen Leichnam bereits von den Krabben am Strand der Insel vertilgt wurde. Aus dem Hinterhalt schleicht sich der Jäger an, tötet mit Messer und Gift, bis er sich dem stärksten der fünf Hurenkinder auf dem Weg zum Gold der Verdammten stellen muss.
Verdammt gemein: Autor Tristan Roulot hetzt hier ein paar Charaktere aufeinander, von denen kaum zu sagen ist, welcher von ihnen niederträchtiger als der andere ist. Gezeichnet durch ihre Herkunft, mit einem Krankheitsmal an einer jeweils anderen Stelle ihres Körpers, gieren sie nach Gold und Rache. Die Kinder des Captain Crown dürften zu widerwärtigsten Gauner gehören, die jemals auf Schatzsuche gegangen sind. Und nicht nur das: Ihre Verfolger sind um keinen Deut besser.
Nachdem im ersten Teil die Kinder des Captain Crown zueinander gefunden haben, die Schatzinsel nun erreicht ist, versuchen sie einander bei der Jagd auf den Schatz auszubooten. Doch denen, die kein Mitleid zu geben bereit sind, widerfährt auch kein Mitleid. Für die Morde an ihrem Vater wie auch an ihrem Reisegefährten werden sie gnadenlos gejagt. Tristan Roulot hat fünf Antihelden geschaffen, denen der Leser nichts Gutes wünscht. In dieser Piratengeschichte versteckt sich auch kein Humor, höchstens einmal hier oder da ein besonders schwarzer Scherz. Es sei denn, das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Roulot erzählt mit kompromissloser Härte, ohne den Spaß, den neuere Erzählungen manchmal aufweisen. Von der Romantik alter Piratenabenteuer ist ebenfalls keine Spur zu finden.
Vielmehr scheint Tristan Roulot alles daran zu setzen, mit den neuen und alten Geschichten aufzuräumen und dem Piratengenre seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Das wirkt stilistisch ähnlich, als erfände ein Sergio Leone das Westerngenre neu. Inmitten des dichten Dschungels kommt durch die Verfolgungsjagd, der sich die fünf Hurenkinder ausgesetzt sehen, sogar ein wenig (eher mehr) Gruselstimmung auf. In einigen Szenen ist es blanker Horror. Ähnlich kompromisslos wie Tristan Roulot erzählt, legt Patrick Henaff seine Zeichnungen an. Es gibt die Rückblicke, die geheimnisvollen Momente, die Schockaugenblicke und die wundersamen Ansichten, wie sie zu einer Piratengeschichte gehören, die mit dem Unheimlichen spielt.
Je mehr das Ende naht, umso dunkler wird die Umgebung und die Handlung. Zeichner Patrick Henaff hat viele interessante, düstere Motive. Schön sind sie nur ganz selten. Eine Ansammlung von Schmetterlingen wirkt wie eine Verirrung im ansonsten gefährlichen Urwald. Henaff spielt mit Schatten, deutet eine Riesenschlange an, die nichts Gutes verheißt, doch in Wahrheit geht die Gefahr von den kleinen Schlangen aus, ähnlich bunt wie die Schmetterlinge, aber in hohem Maße giftig. Die Rückblicke, die Henaff zeigt, gleichen allesamt Alpträumen, ob sie nun tatsächlich passieren, passiert sind oder in wirklichen Träumen stattfinden.
Patrick Henaff hält es bei Hintergründen realistisch, während er Charaktere gering überzeichnet sind. Ist der Anblick umso furchtbarer, versucht er durch eine leichte Karikatur ein Zerrbild zu schaffen. Ein Beispiel hierfür ist jenes Hurenkind, dessen gesamter Kopf von der Krankheit, Lepra, befallen ist und durch seine Bandagen eine kleine Hommage an mumifizierte Wiedergänger ist. Zum ausgereiften, häufig anzutreffenden frankobelgischen Stil passt die erdige Farbgebung, die den Realismus der Grafiken stützt und auch durch seine Kolorierung jeglichen Anflug von Übertriebenheit unterdrückt.
Beinhart, wie man heutzutage so schön sagt, aber selten war es richtiger als hier: Eine Piratengeschichte voller Gnadenlosigkeit und Gier, Intrige und Verrat. Hier schenkt niemand niemandem etwas. Ein höchst gelungener, hoch spannender Piratenthriller von Tristan Roulot und Patrick Henaff, der mit dieser zweiten Folge seinen Abschluss findet. 🙂
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