Sonntag, 09. September 2012
Fliegen. Andere verscheuchen sie. Trolle lieben sie. Deshalb kann so ein Troll schon einmal rot sehen, wenn ein Banshee sich hungrig über Fliegen hermacht. Ganz besonders, wenn es die eigenen sind. Fliegen sind nicht gerade die üblichen Haustiere. Doch Hebus, der Troll an der Seite von Lanfeust, kennt sie alle und weiß um ihre Anzahl. Als die Banshees sich doch glatt fünf davon schnappen, wird Hebus zur rasenden Bestie (obwohl nicht viel dazu gehört, aber selten ist diese Emotion bei Hebus von derart viel Zuneigung begleitet. Bald jedoch sind die Banshees noch das kleinste Problem für die Freunde Lanfeust und Hebus.
Trolle, die sich begegnen, sind nicht automatisch Freunde. Hebus, der zusammen mit seinem Freund Lanfeust auf der Suche nach der Lösung um das blau-goldene Rätsel ist, langt ordentlich zu, weil er um die Schwerhörigkeit hungriger Trolle weiß. Autor Christophe Arleston hat ein blau-goldenes Rätsel geschaffen, dessen Lösung hier offenbart wird, doch für den Leser letztlich zu einem infernalischen Lesevergnügen wird, denn Arleston zieht alle Register. Nachdem die Troy-Saga alleine um ihre bekanntesten Figuren herum so groß und vielfältig geworden ist, gehört einiges dazu, hier noch ein Quäntchen zuzulegen.
Neben der zweifellosen Gigantomanie des Rätsels Lösung unterstützt ein Humor die Fantasy-Action, der alle Abstufungen durchläuft, von derb bis fein ist alles dabei. Die Erzählkunst eines Christophe Arleston wird durch die Zeichenkunst eines Didier Tarquin gestützt, obwohl nach derart vielen gemeinsamen Publikationen des Duos angenommen werden darf, dass Arleston seinem Kollegen Tarquin die Szenen zeichenstiftgerecht serviert, da er mittlerweile genau um die Ausdrücke und Posen weiß, mit denen Tarquin seine Pointen setzt.
Lanfeust selbst, die Figur des Abenteurers, der nach Hause zurückkehrte, nur um in dieses besagte Rätsel zu tappen, ist eigentlich eine Art Transporteur. Man könnte sagen, er ist eine Art Luke Skywalker, eine Figur, die zwar im Mittelpunkt steht, aber von sehr starken Nebenfiguren umgeben ist. Hebus ist kein Chewbacca, verfügt aber über eine enorme Präsenz und kann eigentlich, so lange er seinem Trollwesen folgt, keine Fehler machen, sondern in der Geschichte nur punkten. Arleston weiß um die Qualitäten dieser Figur und setzt sie perfekt für den Fortgang der Erzählung ein, wie auch um witzige Anekdoten unterzubringen. Damit die weibliche Seite der Handlung nicht vernachlässigt wird, darf Cixi ihrem ganz eigenen Rätsel nachjagen und man darf als Leser annehmen, dass sie die weitaus größere Nuss als ihre Co-Charaktere zu knacken hat.
Groß, größer, bombastisch. Optisch darf sich der Leser, der nun wirklich einiges aus dem Troy-Universum her gewohnt ist, auf tolle Ansichten und feine Einfälle freuen. Man könnte, will man im Bild bleiben, sagen, hätte Peter Jackson einen Comic geschrieben, wäre wahrscheinlich etwas ähnlich Großes dabei heraus gekommen. Aber es ist nicht nur die Art und Weise, wie hier schließlich kein Stein auf dem anderen bleibt, es ist vor allem die Ausschöpfung der Möglichkeiten und Details. Das Titelbild, deshalb mag darauf eingegangen werden, zeigt die Banshees, die hier in Massen auftreten und nicht nur Kriegerinnen sind, sondern auch für die Trolle zu einer außergewöhnlichen wie auch außergewöhnlich seltsamen Gefahr werden.
Der Zeichenstil von Didier Tarquin, der so wunderbar intuitiv wirkt, ein Eindruck, der durch die Skizzen im Anhang noch verstärkt wird, zeigt diese Welt weiterhin erschöpfend mannigfaltig. In den zerbrechlichen Strichstärken entsteht durch die knallende, plastische Farbgebung von Lyse pralles Volumen und Tiefe. Gibt Tarquin mit seinen Strichen viele Einzelheiten vor, scheut sich Lyse nicht, diese Eindrücke aufzunehmen und den Detail-Effekt durch entsprechende Kolorierung noch zu verstärken. So entsteht am Ende ein mitreißendes Seherlebnis.
Der zweite Teil schließt das blau-goldene Rätsel mit einem wahren Paukenschlag ab. Zuvor allerdings nehmen Arleston und Tarquin den Leser mit auf eine unglaubliche rasante Reise durch Troy. Nicht nur für Fans, aber auch. Die Kenntnis des ersten Bandes ist Pflicht. 🙂
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Donnerstag, 06. September 2012
Kelso war ein Freund. Er war mit Mitchell ebenso befreundet wie mit Kirk. Aber Mitchell hat sich seit dem Vorfall verändert. Etwas wurde in ihm ausgelöst. Gary Mitchell ist zu einem überragenden Telekineten geworden. Und mehr. Plötzlich kann er Realitäten erschaffen. Und Menschen mit Leichtigkeit töten. So wie Kelso. Mitchell wähnt sich gottgleich. Aber Menschen und Götter vertragen sich nicht, wenn die Götter egoistisch sind, die Menschen als niedere Wesen betrachten und gleichzeitig verachten. Noch ringt Kirk mit der Schlussfolgerung, die unausweichlich ist. Sein erster Offizier Spock ist schon einen Schritt weiter. Seine Logik hat ihm diese Lösung bereits sehr früh aufgezeigt. Mitchell muss sterben!
Wer mit Raumschiff Enterprise aufgewachsen ist, wird sich sicherlich an die eine oder andere Episode erinnern, die doch sehr eindringlich war. Nun hat sich eine ähnliche und doch neue Crew im Star-Trek-Universum etabliert, die nach einer Änderung im Ablauf der Zeit auch neue Wege beschreiten kann. Der Fan erlebt hier alte Folgen im veränderten Gewand, optisch an die neuen Schauspieler angelehnt, mit Wiedererkennungseffekt ebenso wie mit neuen Eindrücken versehen. Die Spitze des Eisbergs und Notlandung auf Galileo 7 liefern immer noch, nach so vielen Jahrzehnten ihrer Entstehung, spannende Unterhaltung.
Mike Johnson hat die alten Fernsehfolgen für das Medium Comic adaptiert, Stephen Molnar und Joe Phillips geben den bekannten Helden besagte neue Gesichter von Chris Pine (Kirk), Zachary Quinto (Spock), Zoe Saldana (Uhura) und anderen. Aber auch alte Gesichter tauchen auf. Die Figur des Gary Mitchell aus Die Spitze des Eisbergs ist an den Schauspieler von einst, Gary Lockwood angelehnt. Bei dieser wie auch den übrigen Figuren wurde auf eine Erkennbarkeit der Schauspielervorlagen großen Wert gelegt.
Abgesehen von einigen Abweichungen zum Original (die Psychologin Elizabeth Dehner sucht man vergebens) nimmt sich die Comic-Umsetzung Szenen heraus, die für eine Fernsehfolge schlicht zu aufwändig wären. Damals auf jeden Fall. Die Folge bleibt dramatisch genug, schließlich musste Kirk sich gegen einen alten Freund stellen. Bereits hier wird die Frage zugrunde gelegt, ob das Wohl eines Einzelnen leichter wiegt als da Wohl Vieler. Die Antwort ist bekannt. Das andere Thema der Geschichte, die Konfrontation mit einem fremden Wesen, durch seine Kräfte fast gottgleich, kommt ausgerechnet aus der Mitte der Crew. Kam die Gefahr zum Beispiel in der ersten Kinofilm-Vorlage Ich heiße Nomad noch von außerhalb des Raumschiffes, ist die Dramatik durch die enge Verbundenheit mit der Figur hier um ein Vielfaches größer.
Notlandung auf Galileo 7 streift die Frage, wessen Wohl höher wiegt, einmal mehr, folgt aber auch einer Schiffbruchsthematik. Wie kann die Flucht gelingen, wenn Eingeborene diese Flucht verhindern wollen, weil sie die Eindringlinge instinktiv als Feinde begreifen? Vielleicht sogar als Nahrung? Mike Johnson, der eng verbunden mit neuen Star Trek Comics ist und gleichzeitig durch seine Veröffentlichungen eine große Verbundenheit zum Medium Fernsehen aufweisen kann, transportiert auch diese Folge mit der nötigen Ernsthaftigkeit ins Medium Comic.
Mit hauchdünnen Strichen gezeichnet, kaum mit Tuscheflächen schattiert kommt vor allem einem hier eine große Aufgabe zu: John Rauch. Der Kolorist gibt den Bildern ein farbenprächtiges Volumen. Der so entstehende Realismus ist etwas größer, als er von einem Zeichner wie David Messina (auch bei vielen Star Trek Comics im Einsatz) zu Papier gebracht wird. Während technisches Inventar sehr genau und stilistisch einwandfrei abgebildet wird, bleiben die Bilder von Außenansichten auf Planetenoberflächen hinter ihren heutigen Möglichkeiten zurück. Ein Vorwurf ist den Zeichnern aber nicht zu machen, da sie den Studiokulissen von einst folgen, die eher spartanisch aus fielen und auf Wiederverwendbarkeit ausgerichtet waren.
Bekannte Geschichten im frischen Gewand, sehr schön gestaltet, mit Blick für die Optik, die Fan dieses SciFi-Universums erwarten kann. Eine gelungene Überleitung auf das nächste Kino-Ereignis, die ruhig noch länger ausfallen darf. 🙂
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Mittwoch, 05. September 2012
Sondereinsatz. Die beiden Agenten der FDA, Chu und Colby, sollen dem US-Landwirtschaftsministerium zur Seite stehen. In einem Einsatz der nach Selbstmordkommando riecht, nein, stinkt! Für den Notfall wird den beiden Agenten sogar eine Waffe bereitgestellt. Für den absoluten Notfall, Für den Fall des möglichen Scheiterns. Leider wurden die beiden Agenten von ihrem Chef im Unklaren darüber gelassen, welche Waffe überhaupt im Gepäck ist. Bei den Damen vom Landwirtschaftsministerium ernten die offensichtlich inkompetenten Agenten nur lautes Gelächter. Als die Waffe schließlich zum Einsatz kommt, stockt allen nur noch der Atem.
Vierte Runde: Einmal mehr geheimnisvoller, einmal mehr mit verblüffenden Fähigkeiten seiner Helden und Nebenfiguren. Ungewöhnliche Ereignisse und Wendungen sorgen für Abwechslung und werfen viele Fragen auf. Autor John Layman hat keine Lust auf 08/15. Hier wird erzählt, dass sich die Balken biegen, mit Spaß an Geschichten, an ironischen Spitzen, phantastischen Begebenheiten mit viel Witz und einem Ideenreichtum, der es sich traut, im nicht mehr ganz so neuen Jahrtausend neue Wege zu beschreiten.
Die Grundlage der Reihe, die weltweite Katastrophe durch millionenfache Todesfälle durch Hühnchenfleisch, wird wieder an den Anfang gesetzt. Gleichzeitig wird der Wandel gezeigt, den eine Hähnchenbude über Jahrzehnte vollzogen hat. Tony Chu, Agent der FDA und gleichzeitig ein Mensch, der allein über seine Geschmackssinne, allem Essbaren Informationen über vergangene Ereignisse entziehen kann, führt kein einfaches Leben. Da sein Vorgesetzter ihm außerdem ganz bewusst das Leben zur Hölle machen will (seinem Kollegen Colby, einem Menschen mit Cyborg-Implataten ebenso), wird es auch nicht leichter.
John Layman, der die Situationen, mit denen er seine Helden traktiert (ab und zu auch belohnt), sehr genüsslich ausbreitet, garantiert so dem Leser auf alle Fälle zwei Dinge auf einmal: Spaß und Spannung. Denn im Hintergrund hat Chus Erzfeind seinen ganz eigenen Handlungsstrang. Dieser wirkt zunächst weniger komisch als geheimnisvoll und birgt auch seine Überraschungen, die sicherlich noch zur Grundlage künftiger Ereignisse werden. Stilistisch schließt sich Rob Guillory, Zeichner und Kolorist, mit einem ausgefallenen Cartoon-Strich an, vollkommen modern, aber auch so wirkend als folge er einer Welle, die ohne MTV erst einmal nicht oder erst viel später möglich gewesen.
Dünnste Striche, mitunter langgestreckte, deformiert wirkende Figuren, kantig, falsch proportioniert und trotzdem gibt alles zusammen ein in sich stimmiges, passendes Ganzes. Wer sich manchen Aufbau der Figuren anschaut, wird aber auch eine Fortentwicklung von Comic-Gestalten frühester Stunde erkennen. Guillory, fast eine Art Picasso des Comics, kreiert mit Chu und Colby ganz nebenbei ein Komikerduo der besonderen Art, eine kleine Verbeugung vor den allgegenwärtigen Action-Helden des Kinos und stellt ihnen Figuren zur Seite, deren Verhalten realistischer ist (pubertierende Töchter, mobbende Chefs).
Ein humoristischer Blick auf die Gegenwart, voller Seitenhiebe, Ironie, auch Hohn und manchmal einer Spur Mitleid. Der findet sich gleich zu Beginn mit der Historie eines amerikanischen Unternehmens. Gleichzeitig ist die Geschichte auch ein Angriff auf die Völlerei Amerikas, ihre Fastfood-Kultur und sogar ihr Geschick, aus jedem noch so absonderlichen Thema eine Religion zu kreieren. Die Kirche der Heiligkeit der ungerührten Dotter in diesem Band mit dem Untertitel Flambiert ist das beste Beispiel hierfür. Respektlos, aber nicht lieblos, haben sich hier mit Layman und Guillory Autor und Zeichner getroffen, die wie die berühmte Faust aufs Auge passen.
So funktioniert Humor im neuen Jahrtausend auch. Albern, aber intelligent, Bissig, aber nicht zu gemein. Mit überspitztem Stift gezeichnet, ungewöhnlichem und neuem Thema, rasant und spannend. Allerdings sollten Leser am Ball bleiben und nicht quer einsteigen. 🙂
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Sonntag, 02. September 2012
Jelami, der kleine Junge, kämpft mit seinen Erinnerungen, die sich wie Tagträume in sein Bewusstsein schleichen. Leider lösen sie mehr Fragen als Antworten aus. Stets kreisen die Gedanken um den Tod der Mutter, als ein neuer Lebensabschnitt begann. Die beiden Männer der MISSI DOMINICI, der alte Wolfram und sein Novize Ronan, haben Probleme, die eng mit der Gegenwart verknüpft sind. Im Keller der Festung, an die Wand gekettet, müssen sie die Folter ihres Bewachers über sich ergehen lassen. Ronan, der es wagt, seine Kräfte mit dem Folterer zu messen, scheitert. Die Strafe für sein Aufbegehren ist grauenvoll.
Thierry Gloris schickte Mächte gegeneinander ins Feld, die nicht allesamt mit völlig bösen oder völlig guten Absichten oder Charakterzügen antreten. Verrat ist im Spiel, falsche und richtige Überzeugungen, auch Verführungen in die verkehrte Richtung, Gewalt, Freundschaft. Die beiden, nennen wir sie zum besseren Verständnis Kriegermönche (obwohl das Leben eines Mönchs dem älteren der beiden, Wolfram absolut fremd ist), Wolfram und Ronan, besitzen ungewöhnliche Kräfte, die sie über die gewöhnlichen Kämpfer hervorheben.
Gloris beschreibt Hintergrundgeschichten und Wendepunkte in den Leben seiner Akteure, Begebenheiten, die Überzeugungen zum Wanken bringen. Benoit Dellac zeichnet diese Ereignisse mit wahrer Intensität. Die optische Stärke dieses teils magischen Abenteuers in eisiger Landschaft und finsteren Kerkern geht über gewohnte Ritterabenteuer hinaus, indem sie archaische Zauberkunst einfließen lässt. Hier kommt perfekt inszenierte Barbarei ins Spiel, aber auch leinwandtaugliche Tricks mit viel Licht und herbei gehexten Avataren, die für ihre Herren in den Kampf ziehen.
Ereignisse der Gegenwart sind nah am Realismus gestaltet, mit starkem Tuschestrich aufgetragen und leuchtend koloriert. Weitaus sanfter, etwas milchiger und ohne harte Konturen sind die Vergangenheitsereignisse gemalt, fast wie kleine Aquarelle angelegt. In den Kämpfen gewinnt der gruselige Teil immer mehr Raum, so dass sich der Leser auf wieder auferstandene Krieger, sogar Dämonen freuen kann. Entsprechend fallen die Sequenzen aus, die eine spannende Mischung aus echten Kämpfen und dämonischen Angriffen zeigen. Benoit Dellac zeichnet ein dunkles Fantasy-Spektakel.
In dieser emotionalen Dunkelheit, die von Anouk Bell stilsicher koloriert worden ist, wird der Befreiungskampf im Kerker mit der gezeigten Wandlungsfähigkeit Wolframs zu einem der Höhepunkte des vorliegenden dritten Bandes der Reihe, die an phantastischen Elementen viel zu bieten hat. Der Wechsel von Nahaufnahmen, die beinahe mit italienischen Kameraeinstellungen zu vergleichen sind (wie sie Sergio Leone mit seinen Western populär machte), und Totalen, die mit unterschiedlichen Bildgrößen arbeiten, sorgen für einen dynamischen Seitenaufbau, der das Auge vorantreibt und nicht festhalten will.
Lehrmeister und Freunde. Auf beiden Seiten der gegnerischen Lager haben sich ein Lehrmeister und ein Schüler zusammengefunden. Auf der einen Seite ist es freiwillig geschehen, auf der anderen Seite ist es eine Verbindung, die zunächst aus der Not geboren scheint. Thierry Gloris stellt diese Verbindungen einander gegenüber, zelebriert die Zementierung der Freundschaft auf der einen und den Zusammenbruch auf der anderen Seite. Das sorgt in der Zusammenführung der beiden eigentlich separat ablaufenden Handlungsbögen für große Dichte. Am Ende ist der Fortgang völlig offen.
Abseits von bekannten Handlungsaufbauten in mittelalterlichen Szenarien kann der dritte Teil der MISSI DOMINICI weiter auftrumpfen. Mit allerlei Ideen, zwei sehr starken Hauptcharakteren verläuft die Geschichte spannend und unvorhersehbar. Dank der tollen Illustrationen und dem geschickten Seitenaufbau von Benoit Dellac ist dieser Band ein echter Pageturner. 🙂
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Huck und Suzy gönnen sich eine Pause von der anstrengenden Reise. Als Tramps laufen sie immer Gefahr, erwischt zu werden. Da ist es besonders für eine junge Frau wichtig, unerkannt zu bleiben. Und so wusste Huck bis vor wenigen Minuten gar nicht, dass sein Kumpel Suzy eine Frau ist. In der Hähnchenbratbude löst sie, nach kurzem Umziehen, mit ihrem luftigen, leichten Sommerkleid sogleich hängende Kinnpartien und Glotzaugen aus. Nur Fred, der Chef des Ladens, hält seine Gäste und ihre freche Reden im Zaum. Hätte Huck ahnen können, dass Suzy auch verdammt gewitzt ist? Natürlich zahlen die beiden keinen müden Cent für ihre Mahlzeit und machen sich in einem unbeobachteten Moment aus dem Staub.
Sein Ziel hat Huck noch lange nicht erreicht. Um endgültig seinem Zuhause entkommen zu können, täuschte er seinen Tod vor. Dumm nur, dass der Schwarze Charley Williams nun wegen Mordes gesucht wird. Des Mordes an Huck. Gut allerdings, dass die beiden über dieses gemeinsame Schicksal gute Freunde wurden. Aber Charley geriet an den Teufel, an Drogen, an alles Übel zusammen und verschwand. Huck will den Freund unbedingt retten. Wie es aussieht, muss er zu diesem Zweck eine ganz bestimmte Straße finden, die Midnight Crossroad.
Nicht nur Freunde und Teufel sind auf der Suche nach Charley. Auch der lange Arm des Gesetzes hat die Jagd eröffnet. Steve Cuzor dachte sich die Geschichte um Huck und seinen Freund Charley aus, Stephan Colman machte sich mit ihm zusammen an die Ausarbeitung.. Im dritten Teil von O’Boys verdichtet sich die Südstaatenatmosphäre zur Zeit der Prohibition und der musikalischen Revolution des Blues enorm. Das Titelbild von Midnight Crossroad, so der Untertitel des Bandes, trifft den Kern der einsamen Suche nach Charley genau. Sicher hat Huck Hilfe durch Suzy und andere. Sein schlechtes Gewissen, Charley in diese Situation überhaupt erst gebracht zu haben, ist jedoch sein alleiniger Antrieb, den niemand mit ihm teilen kann.
Zwei doppelseitige Schwarzweißfotografien aus jener Epoche rahmen die Handlung ein. Im Vergleich der Bilder wird deutlich, wie sehr Steve Cuzor recherchiert hat, um diese Zeitspanne aufleben zu lassen. Es sieht nach grob behauener Zivilisation aus, nicht nach Aufbruch oder Zeitenwende. Diese Südstaaten sind Reste. Inmitten dieser von den Weißen verlassenen Gegend haben die Schwarzen ihre ganz eigene Welt geschaffen. Und vorneweg glänzt der wunderbare Blues. Neben Bildern von Mord und Totschlag, der Suche nach Charley, der Arbeitslosigkeit ist es besonders diese Begeisterung, die einen Hoffnungsschimmer auf das Szenario legt.
Steve Cuzor untermauert dies mit einem Gastauftritt von Musiklegende Sammy Davis Jr., nicht ganz zur Zeit passend, aber in seinem Element eingefügt. Cuzor hat seinen Realismus in seinen Bildern, so scheint es, noch verfeinert, eine theatrale Optik, in der alles an seinem genau spezifizierten Platz ist. Dies wird umso deutlicher in Szenen mit vielen Menschen. Wer sich die Grafiken um die Suppenküchen-Szene herum betrachtet oder die wartenden Musiker vor dem Blues Contest, wenn aus jeder Figur eine Geschichte zu strahlen scheint, wird diesen Eindruck verstehen.
Meephe Versaevel und Steve Cuzor spielen in ihrer Kolorierung wunderbar mit dem Licht. Ob amerikanische Nächte, das Strahlen von Leuchtbuchstaben, Sonnenuntergängen oder ein hellblauer Himmel, der heiter einen Slum beleuchtet, in dem sich schon in einem einzigen Bild wieder genügend Szenen für Nebenhandlungen abspielen, immer wird das Auge festgehalten, bevor es zum nächsten Bild auf Entdeckungstour geht.
Eine grafisch sehr schön eingefangene Zeit von Steve Cuzor, ein sehr dramatisches Finale, düster, ein wenig traurig, mit dem Anspruch auf Hoffnung, wie der Blues, der hier auf jeder Seite mitschwingt. 🙂
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Samstag, 01. September 2012
Pfeil und Bogen gehören nun einmal nicht an Bord eines Passagierflugzeuges. Da kann der kleine Junge, der sein Spielzeug zurück haben möchte, so lange quengeln, wie er will. Pfeil und Bogen bekommt er tatsächlich nicht zurück, dafür hat er jedoch eine Rachemaßnahme parat, vergleichsweise harmlos, dafür aber sehr bunt. Die Reise gefällt dem Häuptlingssohn nicht besonders. Zwar geht es um eine bessere Bildung, die ihm zuteil werden soll, aber daheim ist es eben am schönsten. Als sich die Gelegenheit ergibt, einen Grund zur Rückkehr zu finden, ergreift er sie, und fliegt heim. Sehr zum Missfallen der Minis um Renaud, die dem Häuptlingssohn dabei helfen müssen.
Serons Einfallsreichtum ist der Garant der Serie. Immer neue Ideen und keine Scheu, auch einmal sehr ausgefallene Wege zu beschreiten. Das Titelbild des 13. Sammelbandes der Reihe gibt lediglich eine Andeutung auf die Albernheiten, die Seron, Autor und Zeichner, hier mit aller Ernsthaftigkeit, der Feinsinnigkeit, die anscheinend nur im französischsprachigen Raum zu finden ist, hier zum Besten gibt. Ein schwebender Indianer ist die Spitze des Eisberges an Einfällen, die die Minis in eine Geschichte über sich selbst, gegen Roboterhunde, in den modernen Wilden Westen und zu den Großen.
Duell lautet der Titel des Auftaktbandes der drei hier versammelten Abenteuer. Die Hauptfigur der Reihe, Renaud, der immer gerufen wird, wenn Not am Mann ist (oder der es auch selbst vortrefflich schafft, in das nächste Abenteuer zu schlittern), begegnet einem alten Feind. Der große Herzog von Habsgut hat mit dem kleinen Renaud aus der Mini-Stadt Eslapion noch ein Hühnchen zu rupfen. Das Besondere ist die Einführung in die Geschichte.
Ein junger Mann zeigt Renaud einen Comic, den er auf der Basis der Erzählungen des Abenteurers gestaltet hat. Ein Comic im Comic, mit Handlungen, die einem vage bekannt erscheinen und durch die Verschleierung des Originalcharakters, einer leicht veränderten Optik zu einem Abenteuer werden, das der Leser leider nicht zu Ende erleben kann, da hier das echte Abenteuer einsetzt.
Tönerne Back Backe und Sohn. Allein dieser Titel verdient schon Aufmerksamkeit, verrät er doch rein gar nichts über die Ereignisse, die auf den Leser warten. Wer glaubt, er gerate in eine Geschichte über einen Handwerkerbetrieb, sieht sich gewaltig getäuscht, denn hinter dem Titel verbirgt sich jenes Abenteuer über den schwebenden Indianer. Seron brennt hier ein solches Feuerwerk an Ideen und Gags ab, dass er sich selbst übertrifft. Wer die Abenteuer um die Minimenschen kennt, weiß, wie schwierig das sein muss.
Der kleine Indianer, eine Mischung aus Wickie und Pepe (aus Asterix in Spanien, dem Jungen, der so gerne die Luft anhielt). Fans des französischen Kinos könnten aber auch feststellen, dass Seron hier von Little Indian inspiriert worden ist. Ein klassischer (wenn auch moderner) Westernauftakt, sehr humoristisch, aber auch mit ernsten Untertönen (amerikanische Ureinwohner, die sich von weißen Rednecks mit einem geerbten Skalp verhöhnen lassen müssen), wandelt sich zu einer außergewöhnlichen Odyssee, wenn die Minis den kleinen Sturkopf retten und gezwungen sind, ihn in die Vereinigten Staaten zurückzubringen. Wer sich nun fragt, wie selbst ein Kind die Minis zu irgendetwas zwingen kann, muss diese Geschichte lesen. Es lohnt sich.
Bingo. Ein Stein ließ die Minis so klein werden, wie sie nun sind. Nicht alle sind glücklich über dieses abgeschiedene Leben. Und einige habe sich sogar gefragt, warum man nicht ein wenig Unsinn mit diesem Stein anstellt. Oder wenigstens mit einem Splitter davon. Sein Name war Bingo. Der Junge, der sich mit dem Steinsplitter mehr und mehr für einen Harry Potter hält, nimmt seinen Freund Floh in die große Stadt mit. Floh kann nur hilflos mit ansehen, wie Bingo immer schlimmeren Blödsinn anstellt. Wieder einmal ist Renaud gefragt. Seron kreiert eine Hetzjagd, fast schon eine Schnitzeljagd nach verkleinerten Gegenständen, die von Seite zu Seite mehr Fahrt aufnimmt.
Seron ist ein Komödienmeister und ein perfekter Illustrator humoristischer Action. Hier präsentiert er sich als Erzähler, der sich alles traut und gut daran getan hat, seine Minis nicht aus der Hand zu geben. 🙂
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Freitag, 31. August 2012
Marie ist fort. Immer noch. Sie scheint auch keineswegs daran zu denken, ihren Aufenthalt in Montreal abzubrechen. Das Verhalten der übrigen Dorfbewohner, die ihr die kleine Affäre sehr nachgetragen und vorgeworfen haben, hat sie in diesem Entschluss nur bekräftigt. Langsam aber, aus der schlichten Notwendigkeit heraus, erkennen die Dörfler, was sie in ihrer Scheinheiligkeit angerichtet haben. Marie führte den Dorfladen. Sie besaß den einzigen Lieferwagen. Sie holte die Waren für alle ins Dorf. Nun, da sie fort ist, vielleicht für immer, sollte es ihr in Montreal allzu gut gefallen, hat das Nest ein echtes Problem.
Regis Loisel und Jean-Louis Tripp haben gemeinsam eine Serie geschaffen, die sich sehr stark auf das menschliche Miteinander konzentriert, ohne ins Boulevardtheater abzurutschen. Sie beschreiben eine Zeitenwende, ohne nostalgisch zu sein. Inzwischen haben sich alle Figuren mehr als nur vor den Augen des Lesers emanzipiert und bewegen sich mit außerordentlicher Leichtigkeit durch die Geschichte, die nicht nur vom Zwist der Leute lebt, sondern auch von sehr realen Problemen erschüttert wird. Die Waren können auch auf anderem Wege ins Dorf gelangen. Die Menschen verharren nicht, sie denken sich eine Lösung aus und gehen sie an. Wenn jedoch eine Bärenattacke ein Drama heraufbeschwört, kann selbst die stärkste Anstrengung nicht zum Erfolg führen.
Welten und Leben prallen aufeinander. Marie, die lange Zeit im Dorf verbracht hat und automatisch in eine bestimmte Richtung gelebt hat, erlebt in Montreal eine neue Freiheit. Diese mag in Gedanken vorhanden gewesen sein, doch ausgelebt ist sie nicht nur schöner, sondern macht (nicht nur vor dieser Zeitperiode) auch ein schlechtes Gewissen. Nicht, weil sie es nicht darf, sondern weil sie es sich selbst gestattet. Die Stadt, Montreal, mit seinen Vergnügungsmöglichkeiten und seiner aufbrechenden Moderne steht ebenfalls im totalen Gegensatz zum beengten und auf die Notwendigkeiten ausgerichteten Leben.
Ohne Worte. Loisel und Tripp, die beide zusammen an der Geschichte und den Grafiken gearbeitet haben, erschaffen eine zutiefst menschliche Atmosphäre, in der die Bilder einen großen Teil der Erzählung übernehmen. Szenen geben gewichtig wieder, wie sich das Leben abspielt, wo Schwerpunkte sind. Blicke, Gesichtsausschnitte zeugen von Gefühlen, Sorgen, Wünschen, Bedenken und auch Zuneigung, im besten Fall Liebe. Gespräche finden leise, sind beigefügt, fliegen mit und erdrücken nicht, lenken nicht ab.
Die Bildgebung, von Loisel choreographiert, von Tripp im Detail und feiner ausgearbeitet, mit spitzem Bleistift und feinen Graustufen, von Francois Lapierre plastisch koloriert, prall, herbstlich, wie es das Titelbild auch andeutet, bewegt sich nah an der Karikatur, aber niemals verächtlich. Jede Figur, in dieser realistisch gestalteten Umgebung, ist sicherlich überzeichnet, aber macht dem Künstler das Zeichnen leichter. Der Leser erkennt schneller und bei genauer Betrachtung sind die Mienen der einzelnen Charaktere so weit weg von der Realität auch nicht. Atmosphärisch dicht lassen die Helden den Leser, der bis hierher gelangt ist, nicht mehr los.
Die Ente, der Hund, die Katze. Ein ungewöhnliches Trio hat sich klammheimlich am Rande einen Platz in der Geschichte erobert, als kleine Beobachter wie auch als Abbild einer ungewöhnlichen Gemeinschaft, die sich zusammenrauft. Dieses Trio bleibt nicht allein und erhält nun Zuwachs. Loisel und Tripp schaffen mit der Drolligkeit dieser kleinen Szenen einen Ausgleich zur Ernsthaftigkeit der übrigen Handlung, kleine Verschnaufpausen abseits der großen und kleine Dramen.
In dieser Nische eine der besten Reihe seit langem. Mit viel Gespür für Menschen erzählt, genauem Blick, bei aller auftretender Dramatik auch sehr fröhlich, manchmal verspielt, echt, ehrlich. Die Gestaltung durch ein eingespieltes Künstlertrio ist inzwischen beispielhaft, beispielhaft gut. 🙂
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Der Lokführer Leon Van Bel hat das Ende seines Berufes, das Ende der Dampflokomotiven vor Augen. Immer mehr Maschinen werden verschrottet und andere Versorgungswege abseits der Schienenstränge geschaffen. Als Van Bel und seinem Heizer eines Tages wieder ein Lok auf einem Nachbargleis begegnet, die auf ihrer letzten Reise ist, fasst er einen verzweifelten Entschluss. Er will auf jeden Fall verhindern, dass seine ATLANTIC 12 diesen Weg geht. Aber wie soll er das anstellen? Wie bringt man eine riesige Lok in Sicherheit? Oder besser gesagt, wie stiehlt man eine Dampflok? Denn nichts anderes hat Leon Van Bel ins Auge gefasst.
Manchmal gibt es im Bereich Comic Überraschungen und Kleinode, die auch über das Medium hinausragen. ATLANTIC 12 ist eine solche Geschichte, die sich vordergründig mit der Ausmusterung einer Maschine befasst, aber vielmehr den Niedergang einer Ära beschreibt, Menschen mit eingeschlossen. Autor und Zeichner Francois Schuiten hat eine Geschichte verfasst, die sehr viel mehr umfasst als nur das nostalgische Gefühl über den Niedergang einer bis dato technischen Meisterleistung.
Die männliche Hauptfigur, Leon Van Bel, ein gestandener und erfahrener Mann, der seinen Beruf als Lokführer mit großer Leidenschaft verfolgte, der seine ATLANTIC 12 hegte und pflegte, seine Gesundheit für seinen Beruf riskierte und diesem sogar alles andere unterordnete, wird allmählich beiseite geschoben, auf das sprichwörtliche Abstellgleis, ein Wortspiel, das kaum besser passte als hier. Ein Mensch begreift eine Aufgabe als Lebenswerk, sein Arbeitswerkzeug soll nicht vergehen. Durch die langjährige Beziehung bleibt nur eine Lösung, um die ATLANTIC 12 vor dem Verschrotten zu bewahren: Entführung.
In penibel ausgeführten Schwarzweißbildern öffnet sich eine Geschichte, die zunächst wie aus dem Leben gegriffen wirkt und immer weiter in eine surreale Handlung abdriftet, wie sie auch einem George Orwell eingefallen sein könnte. Der Begriff Dystopie ist ebenfalls auf ATLANTIC 12 anwendbar, obwohl die Zielsetzung und die Hoffnungen der Figuren den Leser versöhnen. Die weite Welt, die Francois Schuiten beschreibt, erlebt eine wachsende Technisierung und zunehmende Entmenschlichung. Wo vorher Personen für den Transport verantwortlich waren, Eisenbahnen ihr Werk verrichteten, überziehen nun Stahlseile und Gondeln das Land. Immer mehr.
Ausgerechnet ein junges, stummes Mädchen und ein Sammler von Andenken einer ehemals bekannten Tänzerin machen der Figur des Leon Van Bel neuen Mut. In feinsten Strichen formt, schält und meißelt Schuiten realistische, meist düstere Bilder aus den Seiten heraus. Über allem liegt stets ein industrieller Rauch, eine Melancholie und der Fingerkniff, jedes Bild wie auf einer Bühne erstehen zu lassen. Ob in der Weite der dunklen Landschaft oder den gewaltigen Häuserblocks, überall findet sich die Einsamkeit, der Untergang, selbst die Hauptfigur erinnert an einen schwindsüchtigen Edvard Munch.
Vor diesem Schicksal eines sich mit letzter Kraft aufbäumenden Mannes verblasst beinahe die ATLANTIC 12, ein symbolträchtiges Wunderwerk der Technik, geschützt und in Sicherheit gebracht wie der letzte Dinosaurier, eine Ikone menschlicher Innovation und Schaffenskraft. Als Maschine ist sie von außerordentlicher Eleganz und vernichtet gleichzeitig ihren Lokführer, denjenigen, der sich so für sie einsetzt. Mit einer gekonnten Technik aus sanften Strichen, Schraffuren und Flächen reißt Francois Schuiten seine Szene auf und schafft Räumlichkeit, deren Atmosphäre zu alten Schwarzweißfilmen tendiert. Man könnte sogar behaupten, dass manchmal Worte überflüssig sind. Die Bildsprache allein ist außerordentlich gut.
Ein kleines Meisterwerk mit einem Blick auf viele kleine Details, die das Menschsein ausmachen. Die ATLANTIC 12, als Beispiel ebenfalls meisterhafter Schaffenskraft, ist das Bindeglied, dem hier ein fabelhaftes und überaus liebevolles Comic-Denkmal gesetzt wird. 🙂
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Oder bei Schreiber und Leser.
Dienstag, 28. August 2012
Ein Bär hat normalerweise nichts von einem Zwerg zu fürchten, ganz gleich, wie gut dieser bewaffnet ist. Im Schatten eines Bären verschwindet ein Zwerg. Will ein Winzling einen Giganten wie einen Bären beherrschen, braucht es dazu schon etwas anderes. Eine Art Zauber. So gibt sich die Versammlung sicher. Der Hund, der sich zu nahe an den Giganten heranwagt, büßt es sogleich und wird zur Zwischenmahlzeit. Aber die Zwerge, so hochmütig über die jüngsten Erfolge, tappen in die Falle ihrer eigenen Überheblichkeit. Bald schon erkennen sie die wahre Macht des Bären. Selbst ein großer Trupp ihrer Soldaten ist kein nennenswertes Hindernis, wenn der Koloss sich erst einmal seinen Weg bahnt.
Bären mit Charakter. Bereits das Titelbild verrät zu einem gewissen Teil, worauf der Leser sich einzustellen hat. Weit entfernt von einem Balu präsentieren sich die Bären hier eher so, wie es der menschliche Instinkt vorgaukelt. Knurrig, Riesen im Pelz, eine Urgewalt auf vier Pfoten, unbeugsam, eigensinnig. Shovel fügt noch Begriffe wie ehrenhaft und stolz hinzu. Gefürchtet innerhalb des Waldes von anderen Tieren sind sie sture Krieger, die sich mit aller Kraft den Zwergen entgegenstellen. Shovel gestaltet diese Meister Petze vor Kraft strotzend, als wahre Fellberge und je nach Charakter ein wenig dümmlich dreinblickend oder mit einer gewissen Würde ausgestattet.
Die Zwerge gewinnen wieder ein Plus hinzu, da sich eine Widerstandsbewegung gegen die Obrigkeit offenbart und sich zeigt, dass nicht alle dieses kleinwüchsigen Volkes derart blindwütig und herrschsüchtig sind, wie es noch im ersten Teil der Reihe Zwerg der Fall war. Diese neuen Sympathien darf der Leser durch die Augen des Zwerges Oth, des Helden der Geschichte, erleben, der auch die weibliche Seite des Zwergenvolkes (die hier übrigens keine Bärte haben) in Form der Zwergin Siliane, ihres Zeichens sogar im Range einer Generalin.
Die Winterzeit hat das Land gepackt. Entsprechend rüde und wild gibt sich das Land. Reiter, die sich durch den Tiefschnee wühlen, Auseinandersetzungen, Landschaften, Festungsansichten und nicht zu vergessen die Bären, die für ein gehörig Maß an Atmosphäre dieser Geschichte sorgen. Neben der Gestaltung der Ereignisse an den Höfen der Zwerge und der verfeindeten Sylven kann besonders eine Sequenz beeindrucken, die den Helden mit einem waschechten Basilisken konfrontiert. Ausgerechnet dieses Wesen ist von Oths Fähigkeit, mit Tieren reden zu können, ziemlich unbeeindruckt. Umso mehr kann sich der Leser auf eine rasante Hatz unter der Erde freuen, fast eine Hommage des Kampfes zwischen Siegfried und Fafnir.
Es ist schön zu sehen, wie Shovel sein Universum abseits der großen Publikationen von Tolkien und auch der bekannten Heldensagen entwickelt. Andererseits finden sich Szenen, die an klassische Rollenspiele erinnern, Aufgaben, die zu lösen sind, Kellergewölbe ohne Drachen, dafür mit allerhand anderem Getier und Feinden. Die Unregelmäßigkeit der Bildaufteilung jeder Seite zwingt zu immer neuem Einstellen auf gefährliche, einfühlsame oder schlicht beschreibende Situationen und Szenen. Beispielhaft hierfür sind die Räumlichkeiten von Oths Onkel, die eine hohe Gestaltungsfreude zeigen, mit vielen Einzelheiten, die schon wieder die Grundlage weiterer Geschichten sein könnten.
Dichter als der erste Teil erzählt, grafisch mit vielen schönen Eindrücken für Fantasy-begeisterte Leser ausgestattet, die Welt der Zwerge einmal anders, sehr prachtvoll illustriert.
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Samstag, 25. August 2012
Kinder mit einem Mal werden getötet. Eltern, die sich den Anordnungen des Herrschers widersetzen, drohen drakonische Strafen. Der Schmied und seine Frau wussten um dieses Gesetz. Sie flohen und ließen sich woanders nieder. Doch die Hebammen fanden sie. Es hieß, die Zwergenfrau habe die Geburt des Jungen nicht überlebt. Allein mit dem Neugeborenen fasste der Schmied den Entschluss, sich für immer aus den Sphären der Zwerge zu entfernen, einzig, damit er seinen Sohn groß ziehen könne. Verborgen im Wald Belouve, einem geheimnisvollen Gebiet voller Gefahren, sind sie lange Zeit sicher. Aber die guten Zeiten gehen vorüber. Der Tod naht und verändert alles.
Shovel, in Personalunion als Autor und Zeichner, nimmt den Leser in eine Welt, in der die Zwerge ein wenig gelittenes Volk sind. Brutal, herrschsüchtig und gierig gegen andere Wesen und Tiere, werden sie gescheut wie die Pest. So ist es kein Wunder, dass ein Ausgestoßener der Zwerge völlig allein in der Welt steht. Aber Shovel wendet einen Trick an, stattet seinen Helden nicht nur mit einem Mal und einer damit einhergehenden Prophezeiung aus, er gibt seiner Figur auch ein paar Begabungen mit auf den Weg, die ihm das Leben etwas erleichtern.
Es beginnt mit einem Frosch. Der junge Oth, der Zwerg ohne Familie, eigentlich auch ohne Heimat, kann diesen Frosch plötzlich verstehen, Wort für Wort. Und nicht nur das. Sogar der Frosch, der fortan an seiner Seite bleibt, kann jeden Satz des Zwerges verstehen. Für Oth ist das nur der Anfang. Der Name im Untertitel des ersten Bandes der auf fünf Folgen angelegten Reihe, Wyrimir, deutet auf eine wichtige Figur hin, die der Geschichte eine deutlich andere Richtung gibt, als sie ansonsten in Fantasy-Abenteuern zu finden ist, die sich mit den eher klassischen Motiven und Völkern derlei Welten beschäftigen.
So entsteht eine Prise asiatischer Fantasy, ein sehr geerdetes Szenario, in der die Natur eine sehr große Rolle spielt. Denn neben den Streitigkeiten der Völker, mit anderen, aber auch innerhalb der jeweiligen Gesellschaften, sind die Tiere eine maßgebliche Partei, die im Zwerg den größten Feind sieht. Eine Figur wie Oth, die zu einer Art friedlichem Miteinander beitragen kann, wird zu einer Lichtgestalt. Diese ist allerdings optisch weit davon entfernt, sehr glanzvoll zu sein. Oth ist zwergengemäß klein, noch jung und mit wenigen Gesichtshaaren ausgestattet. Shovel zeichnet sein Fantasy-Universum mit sehr feinen Strichen unter größtmöglicher Ausnutzung des vorhandenen Raums.
Die Umgebung ist klassisch mittelalterlich. Durch den Einsatz von Tieren, der einen manchmal auch verleiten kann, Vergleiche zum Dschungelbuch zu ziehen, wird es nach und nach immer märchenhafter. Tiere sind deutlich an der Realität orientiert, aber Shovel verzichtet nicht darauf, ihnen charakterliche Züge zu verleihen. Wölfe, Wildschweine, Bären, Hunde, Frösche und anderes Getier belebt das Szenario auf frische Art und Weise, in der Nähe bekannter Fantasy-Klassiker und dennoch eigenständig, von Seite zu Seite mehr, in Wort und Bild.
Wenn Tiere im Spiel sind, wird natürlich zumeist auch das Herz angerührt oder die Komik drängt sich den Vordergrund. Der Frosch ist für die Komik zuständig, alle anderen haben eher einen kiplingschen Adel, sind zeitweise auch von einer gewissen Schüchternheit geprägt. Das sorgt optisch für viel Dramatik, die so nach der Einleitung nicht zu erwarten war.
Ein ungewöhnlicher Auftakt, der angestammte Genre-Pfade bald verlässt und sich neue Routen erschließt. Sehr reich illustriert. Die Nebendarsteller, die Tiere, laufen den Zweibeinern schnell den Rang ab. 🙂
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