Samstag, 22. September 2012
Lord Faureston ist ein gefährlicher Mann. Schlimmer noch: Es handelt sich bei der ätherisch aussehenden Gestalt, der es beständig gelingt, Frauen zu betören, um einen Vampir. Selbst ein Mann wie Richard Drake, der so viel von der Welt gesehen hat, ist von der Art seines Feindes inzwischen überzeugt. Drake, der Abenteurer, ist ins schwarze Herz Afrikas vorgedrungen, hat sich mit Stammeskriegern verbrüdert, hat mit ihnen gelebt und ist mit ihnen in den Krieg gezogen. Zum Schluss hat er sich gänzlich ihren Riten untergeordnet. Er wurde einer von ihnen. Daheim in England sind ihm diese neu gefundenen Instinkte im Kampf gegen die unheimliche Kreatur nützlich. Doch bei allen Erfahrungen, die Drake gemacht hat, haben sie ihn nicht auf die Begegnung mit Lady D'Angeres vorbereitet. Eine Frau, die tief in seine Seele zu blicken vermag.
Alain Ayroles spielt mit dem Mythos der Vampire, wie ihn einst ein Bram Stoker auf den Weg brachte. Darüber hinaus vernachlässigt Ayroles die modernen Ansätze mit den Schmusevampiren völlig und vermischt eher den Klassiker von Stoker mit einer Figur, wie sie sich ein Henry Rider Haggard (Allan Quatermain) ausgedacht hat. Die Geschichte setzt sich im viktorianisch anmutenden England fort, doch die Rückblenden, die sich mit den Geschehnissen selbst, den Berichten über den Grafen kreuzen, sind allesamt barbarischer als jene Ereignisse, denen sich Richard Drake und sein Komplize Mister Jones stellen müssen. Denn bei allem Raubtier, das in den Vampiren steckt, bewahren sie sich doch eine Spur von zivilisierter Vornehmheit.
Ein finsterer Höhepunkt: Die Begegnung zwischen Jäger und Vampir. Ayroles und der Zeichner Bruno Maiorana (bekannt von der Serie Garulfo) gestalten in der Form und der Erzählung etwas Ausgefallenes. Richard Drake tritt gegen den schweigsamen Lord Faureston an, eine Auseinandersetzung, die nicht die einzige in diesem Band ist, aber besonders beeindruckt. Mensch gegen Vampir wurde schon häufiger thematisiert. Hier ist es der Kampf des Jägers gegen eine Bestie, kühl, ohne Emotion, professionell auf beiden Seiten geführt. Letztlich mag sich der Cineast an eine Stimmung erinnert fühlen, wie sie Der Geist und die Dunkelheit auf die Leinwand brachte. Michael Douglas in der Rolle des Großwildjägers besitzt viele Anteile, die auch die Figur des Richard Drake auf das Papier transportiert.
Bruno Maiorana ist stilistisch eigen, unverwechselbar und bringt die nötige Information mit strengem Strich auf die Seiten. Das ist puppenhaft, marionettenartig, künstlerisch in jedem Fall, eine Mischung aus moderner und altmodischer Optik, die gerade in Szenen, in denen der Leser in die Epoche eintauchen darf, besonders deutlich wird. Die aufgesetzte Vornehmheit kontrastiert optisch mit den Erinnerungen an Afrika. Wildheit gegen Borniertheit, Natur und Kriegstanz gegen die Oberen Zehntausend mit Frack, Zylinder und Rüschenkleidern. Die zwei Gesichter des Richard Drake, dessen dunkle Seite das Interesse von Lady D'Angeres weckt, geraten immer mehr in den Vordergrund.
Thierry Leprevost koloriert die in unterschiedlichen Stärken gezeichneten Figuren und Kulissen mit einer markerähnlichen Farbgebung, Arbeit am Zeichenbrett imitierend. Je exotischer es wird (Afrika, Nachtszenen, Rückblicke in das Leben des Grafen), desto intensiver ist das Seherlebnis.
Der zweite Band der Trilogie D weiß rundum zu überzeugen und spielt sämtliche Stärken aus, die ein zweiter Akt besitzen kann (nicht muss). Die Spannungssteigerung ist enorm, auch der Trick, Richard Drake an den sprichwörtlichen dunklen Abgrund zu manövrieren, ist gelungen und lässt für die Auflösung viel erwarten. Wer dem Genre eine neue Seite abgewinnen will, sollte einen Blick riskieren. 🙂
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Sonntag, 16. September 2012
Das Weltall. Die Menschheit ist in den Weiten des Universums angekommen. Nur auf allzu viel Gegenliebe ist sie dabei nicht gestoßen. Die Menschen sind galaktisch geduldet. Ein Polizist wie Frank Willis, der sich Respekt unter seinen extraterrestrischen Kollegen verdient hat, kann auf ein hartes Stück Arbeit zurückblicken. Doch jeder Arbeitstag ist auch ein neuer Anfang, so scheint es. Jede Misere kann ihm den Erfolg wieder streitig machen. Willis kämpft mit einem harten Alltag, der durch das Anreisen seiner fünfzehnjährigen Tochter Shelly und ihrem Aufpasser, dem Roboter Vektor, nur erschwert wird. Willis gibt sich Mühe, aber das reicht kaum aus.
Leg dich nicht mit Militär an. Und mit Außerirdischen. Und mit Außerirdischen beim Militär. Das hätte Willis sich selbst und seiner Tochter immer und immer wieder sagen sollen. Leider ist er selbst nur halb so vernünftig, wie er es seiner Tochter beibringen möchte. Und leider ist sie nur halb so erwachsen, wie sie es gerne hätte. Zusammen geben die beiden ein gutes Team ab. Getrennt voneinander jedoch sind sie wahre Problemmagneten.
DJIEF scheint nicht nur ein Fan von Bruce Willis zu sein, er kennt außerdem das Genre der Space Opera genau. Dieses Genre, ebenfalls gut vertreten durch Filme wie das Das fünfte Element (mit besagtem Bruce Willis), bietet sich grundsätzlich an, will ein Autor seiner Fantasie völlig freien Lauf lassen und eine Geschichte erzählen, in der die Bilder nur so explodieren, im übertragenen Sinne, versteht sich. DJIEF, der hier bis auf eine kollegiale Beteiligung am Szenario alles alleine macht, Text, Zeichnungen und Farben, liefert auf diese Art nicht nur einen Comic ab, der völlig aus einem Gus ist, er geht auch, das wird nach wenigen Seiten deutlich, vollkommen in seiner Arbeit auf.
DJIEF ist ein Comic-Könner sehr zur Freude des SciFi-begeisterten Lesers, denn als Fan von verspielten Zeichnern wie Philippe Buchet (Sillage), Mike Wieringo (u. a. Fantastic Four, 2007 verstorben) oder Serge Pelle (Orbital) schlägt DJIEF genau in diese Kerbe aus zeichentrickartigen Figuren und großartig gestalteten Hintergründen. Es gibt natürlich äußerliche Ähnlichkeiten zwischen Frank Willis und Bruce Willis in seiner Paraderolle als John McClane (in der Stirb langsam Reihe). Aber sicherlich ist von der Statur her ein Arnold Schwarzenegger ebenso zu finden. Und für die Frisur von Shelly, Franks Tochter, könnte eine Figur wie Prinzessin Leia oder Senatorin Amidala Pate gestanden haben.
Der sorgsame Strich, der mit vielen Einzelheiten und vielen Perspektivenwechseln ein umfangreiches Bild der Arbeitswelt des Polizisten Frank Willis zeigt, ist im übertragenen Sinne bestes Spezial-Effekte-Kino auf Papier. DJIEF braucht sich weder hinter Konzepten von Coruscant noch einer Stadterde, wie sie in Das fünfte Element zu sehen war. Außerirdische Konstruktionen wie Raumschiffe, Technik, Häuserblock besitzen eine enorme Ausstrahlung und eine glänzende Kolorierung. Die Qualität des Titelbildes und der Innenseiten gehen nahtlos ineinander über.
Die Geheimnisse hinter dem Fall sollen hier nicht verraten werden. DJIEF baut mit diesen Hintergrundinformationen seiner beiden Hauptcharaktere (eigentlich drei, denn Vektor, der Roboter, ist maßgeblich an der Handlung beteiligt) vor, um weitere SciFi-Krimis zu kreieren. DJIEF hat das Genre mit dem Auftakt Herz aus Stahl sicherlich nicht neu erfunden, aber er hat verstanden, welche Bestandteile nötig sind und wie die Charaktere beschaffen sein müssen, um schöne und durchweg spannende Unterhaltung zu schaffen. Das ist ihm vom Start weg geglückt, so gut, dass man im Anschluss sehr gerne den nächsten Band beginnen würde.
Beste SciFi-Unterhaltung in feinster Gestaltung, für Fans des Genres, von dem es in Comic-Form beileibe nicht so viel gibt, wie bisweilen vermutet wird. Wer einen guten Einstieg ins Genre sucht, wird hier fündig, liebevoll erzählt und von einem technisch versierten und talentierten Zeichner zu Papier gebracht. 🙂
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Samstag, 15. September 2012
Sie reden wie die Schtis, sind aber Belgier. Inmitten der Amerikaner führen sie jedoch ein ebenso bescheidenes Schiffbrüchigenleben wie alle anderen. Die Meldungen in der zivilisierten Welt, daheim in den Vereinigten Staaten wären entmutigend, würden die Überlebenden des Flugzeugabsturzes sie kennen. Niemand hofft dort mehr darauf, die verlorenen Passagiere jemals zu finden. Für Spoon und White ist die Lage allerdings noch viel schlimmer. Sie haben ihre angebetete Courtney Balconi, die Star-Journalistin, bei dem Flugzeugabsturz verloren. Was macht da das Überleben eigentlich noch Sinn?
Spoon & White sind LOST! Und nicht nur sie. Auch Courtney Balconi ist bei einem Flugzeugabsturz verloren gegangen. Die beiden Polizisten, Spoon und White, bei ihren Kollegen als Nervensägen verschrien und geradezu verhasst bei ihrem Chef, werden daheim nicht vermisst. Auf der einsamen Insel, wo es jeden Tag um das Überleben aller geht, sind solche Quälgeister wenig hilfreich. Spoon, so eben nur größer als die Pistole, die er trägt, liegt im ständigen Clinch mit dem einzigen Umweltschützer und Tierliebhaber auf der Insel. Und als wäre das noch nicht genug (es führt zu allerlei Schwierigkeiten), gibt es auf der Insel noch ein großes Geheimnis.
So weit, so LOST! Autor Jean Leturgie lässt aber Leser, die sich mit dieser Erfolgsserie nicht auskennen, nicht im Regen stehen. Die beiden Polizisten sind inzwischen derart eigenständige Figuren, so dass sie sich in die Schlange mit anderen Komiker-Duos einreihen können und mit der 8. Ausgabe der Reihe, Neverland, eine Show abliefern, die sich mit ihren Pointen von Anfang bis Ende steigert. Natürlich gibt es viele Anspielungen zu entdecken, allerdings schreibt Jean Leturgie so, als habe er bei den Großen des Fachs, Rene Goscinny oder Morris, gelernt.
Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt. Rückblenden erzählen zwischendurch, wie es den verschiedenen Charakteren ergangen ist. Das simple Überleben, ganz im Stil von Robinson Crusoe, steht im Kern der Erzählung, veralbert neben der erwähnten Mystery-Fernsehserie ein wenig die Belgier, Umweltschützer und das Medium Fernsehen als solches. Wenn gleich drei Fluchtmöglichkeiten sich förmlich in nichts auflösen (auf verschiedene Arten), dann hat Jean Leturgie bereits eine Menge Lachsalven auf den Leser abgefeuert. Sein Sohn, Simon Leturgie, komplettiert mit seinen Bildern die andere Hälfte des humoristischen Feuerwerkrezepts.
Simon Leturgie, der grafisch einen eigenen Stil aufweist, dennoch in den Fußstapfen von Cartoon-Größen wie Morris oder Tabary wandelt, schafft ebenso wie andere erfolgreiche Zeichner seiner Zunft den Kniff, mit relativ wenig Aufwand, einfachen Formen aussagekräftige Figuren von hohem Wiedererkennungswert zu schaffen. Nicht nur die Unterschiedlichkeit der beiden Hauptcharaktere (langer Schlaks, Gnom mit vergleichsweise großer Klappe) trägt zu diesem Ausdruck bei. Auch die Nebenfiguren, die hier erstmals auftreten, sind schnell etabliert und spielen sogar die stärkste Figur des Duos, Spoon, manchmal an die Wand.
Herausragend hier ist der Tierschützer Bulot, ein Gutmensch, wie er im Buche steht, der lieber verhungern würde, als das letzte Wildschwein auf der Insel zu essen. Mit wenigen, sehr gezielten Tuschstrichen entstehen die Charaktere, von leichter Hand gezeichnet. Wie gut Simon Leturgie sein Handwerk versteht, zeigt sich im Auftritt eines Johnny-Depp-Doubles, klassisch als Jack-Sparrow ausstaffiert.
Mit einer Vorankündigung auf die nächste Folge verabschieden sich Spoon & White vorerst. In dieser Folge, mit großem anarchischem Humor erzählt, fallen die Gags nicht nur seitenweise, sondern werden mitunter auch clever vorbereitet, um schließlich noch schöner zu zünden. Leturgie und Leturgie, Vater und Sohn, sind ein Dreamteam. 🙂
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Sonntag, 09. September 2012
Fliegen. Andere verscheuchen sie. Trolle lieben sie. Deshalb kann so ein Troll schon einmal rot sehen, wenn ein Banshee sich hungrig über Fliegen hermacht. Ganz besonders, wenn es die eigenen sind. Fliegen sind nicht gerade die üblichen Haustiere. Doch Hebus, der Troll an der Seite von Lanfeust, kennt sie alle und weiß um ihre Anzahl. Als die Banshees sich doch glatt fünf davon schnappen, wird Hebus zur rasenden Bestie (obwohl nicht viel dazu gehört, aber selten ist diese Emotion bei Hebus von derart viel Zuneigung begleitet. Bald jedoch sind die Banshees noch das kleinste Problem für die Freunde Lanfeust und Hebus.
Trolle, die sich begegnen, sind nicht automatisch Freunde. Hebus, der zusammen mit seinem Freund Lanfeust auf der Suche nach der Lösung um das blau-goldene Rätsel ist, langt ordentlich zu, weil er um die Schwerhörigkeit hungriger Trolle weiß. Autor Christophe Arleston hat ein blau-goldenes Rätsel geschaffen, dessen Lösung hier offenbart wird, doch für den Leser letztlich zu einem infernalischen Lesevergnügen wird, denn Arleston zieht alle Register. Nachdem die Troy-Saga alleine um ihre bekanntesten Figuren herum so groß und vielfältig geworden ist, gehört einiges dazu, hier noch ein Quäntchen zuzulegen.
Neben der zweifellosen Gigantomanie des Rätsels Lösung unterstützt ein Humor die Fantasy-Action, der alle Abstufungen durchläuft, von derb bis fein ist alles dabei. Die Erzählkunst eines Christophe Arleston wird durch die Zeichenkunst eines Didier Tarquin gestützt, obwohl nach derart vielen gemeinsamen Publikationen des Duos angenommen werden darf, dass Arleston seinem Kollegen Tarquin die Szenen zeichenstiftgerecht serviert, da er mittlerweile genau um die Ausdrücke und Posen weiß, mit denen Tarquin seine Pointen setzt.
Lanfeust selbst, die Figur des Abenteurers, der nach Hause zurückkehrte, nur um in dieses besagte Rätsel zu tappen, ist eigentlich eine Art Transporteur. Man könnte sagen, er ist eine Art Luke Skywalker, eine Figur, die zwar im Mittelpunkt steht, aber von sehr starken Nebenfiguren umgeben ist. Hebus ist kein Chewbacca, verfügt aber über eine enorme Präsenz und kann eigentlich, so lange er seinem Trollwesen folgt, keine Fehler machen, sondern in der Geschichte nur punkten. Arleston weiß um die Qualitäten dieser Figur und setzt sie perfekt für den Fortgang der Erzählung ein, wie auch um witzige Anekdoten unterzubringen. Damit die weibliche Seite der Handlung nicht vernachlässigt wird, darf Cixi ihrem ganz eigenen Rätsel nachjagen und man darf als Leser annehmen, dass sie die weitaus größere Nuss als ihre Co-Charaktere zu knacken hat.
Groß, größer, bombastisch. Optisch darf sich der Leser, der nun wirklich einiges aus dem Troy-Universum her gewohnt ist, auf tolle Ansichten und feine Einfälle freuen. Man könnte, will man im Bild bleiben, sagen, hätte Peter Jackson einen Comic geschrieben, wäre wahrscheinlich etwas ähnlich Großes dabei heraus gekommen. Aber es ist nicht nur die Art und Weise, wie hier schließlich kein Stein auf dem anderen bleibt, es ist vor allem die Ausschöpfung der Möglichkeiten und Details. Das Titelbild, deshalb mag darauf eingegangen werden, zeigt die Banshees, die hier in Massen auftreten und nicht nur Kriegerinnen sind, sondern auch für die Trolle zu einer außergewöhnlichen wie auch außergewöhnlich seltsamen Gefahr werden.
Der Zeichenstil von Didier Tarquin, der so wunderbar intuitiv wirkt, ein Eindruck, der durch die Skizzen im Anhang noch verstärkt wird, zeigt diese Welt weiterhin erschöpfend mannigfaltig. In den zerbrechlichen Strichstärken entsteht durch die knallende, plastische Farbgebung von Lyse pralles Volumen und Tiefe. Gibt Tarquin mit seinen Strichen viele Einzelheiten vor, scheut sich Lyse nicht, diese Eindrücke aufzunehmen und den Detail-Effekt durch entsprechende Kolorierung noch zu verstärken. So entsteht am Ende ein mitreißendes Seherlebnis.
Der zweite Teil schließt das blau-goldene Rätsel mit einem wahren Paukenschlag ab. Zuvor allerdings nehmen Arleston und Tarquin den Leser mit auf eine unglaubliche rasante Reise durch Troy. Nicht nur für Fans, aber auch. Die Kenntnis des ersten Bandes ist Pflicht. 🙂
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Donnerstag, 06. September 2012
Kelso war ein Freund. Er war mit Mitchell ebenso befreundet wie mit Kirk. Aber Mitchell hat sich seit dem Vorfall verändert. Etwas wurde in ihm ausgelöst. Gary Mitchell ist zu einem überragenden Telekineten geworden. Und mehr. Plötzlich kann er Realitäten erschaffen. Und Menschen mit Leichtigkeit töten. So wie Kelso. Mitchell wähnt sich gottgleich. Aber Menschen und Götter vertragen sich nicht, wenn die Götter egoistisch sind, die Menschen als niedere Wesen betrachten und gleichzeitig verachten. Noch ringt Kirk mit der Schlussfolgerung, die unausweichlich ist. Sein erster Offizier Spock ist schon einen Schritt weiter. Seine Logik hat ihm diese Lösung bereits sehr früh aufgezeigt. Mitchell muss sterben!
Wer mit Raumschiff Enterprise aufgewachsen ist, wird sich sicherlich an die eine oder andere Episode erinnern, die doch sehr eindringlich war. Nun hat sich eine ähnliche und doch neue Crew im Star-Trek-Universum etabliert, die nach einer Änderung im Ablauf der Zeit auch neue Wege beschreiten kann. Der Fan erlebt hier alte Folgen im veränderten Gewand, optisch an die neuen Schauspieler angelehnt, mit Wiedererkennungseffekt ebenso wie mit neuen Eindrücken versehen. Die Spitze des Eisbergs und Notlandung auf Galileo 7 liefern immer noch, nach so vielen Jahrzehnten ihrer Entstehung, spannende Unterhaltung.
Mike Johnson hat die alten Fernsehfolgen für das Medium Comic adaptiert, Stephen Molnar und Joe Phillips geben den bekannten Helden besagte neue Gesichter von Chris Pine (Kirk), Zachary Quinto (Spock), Zoe Saldana (Uhura) und anderen. Aber auch alte Gesichter tauchen auf. Die Figur des Gary Mitchell aus Die Spitze des Eisbergs ist an den Schauspieler von einst, Gary Lockwood angelehnt. Bei dieser wie auch den übrigen Figuren wurde auf eine Erkennbarkeit der Schauspielervorlagen großen Wert gelegt.
Abgesehen von einigen Abweichungen zum Original (die Psychologin Elizabeth Dehner sucht man vergebens) nimmt sich die Comic-Umsetzung Szenen heraus, die für eine Fernsehfolge schlicht zu aufwändig wären. Damals auf jeden Fall. Die Folge bleibt dramatisch genug, schließlich musste Kirk sich gegen einen alten Freund stellen. Bereits hier wird die Frage zugrunde gelegt, ob das Wohl eines Einzelnen leichter wiegt als da Wohl Vieler. Die Antwort ist bekannt. Das andere Thema der Geschichte, die Konfrontation mit einem fremden Wesen, durch seine Kräfte fast gottgleich, kommt ausgerechnet aus der Mitte der Crew. Kam die Gefahr zum Beispiel in der ersten Kinofilm-Vorlage Ich heiße Nomad noch von außerhalb des Raumschiffes, ist die Dramatik durch die enge Verbundenheit mit der Figur hier um ein Vielfaches größer.
Notlandung auf Galileo 7 streift die Frage, wessen Wohl höher wiegt, einmal mehr, folgt aber auch einer Schiffbruchsthematik. Wie kann die Flucht gelingen, wenn Eingeborene diese Flucht verhindern wollen, weil sie die Eindringlinge instinktiv als Feinde begreifen? Vielleicht sogar als Nahrung? Mike Johnson, der eng verbunden mit neuen Star Trek Comics ist und gleichzeitig durch seine Veröffentlichungen eine große Verbundenheit zum Medium Fernsehen aufweisen kann, transportiert auch diese Folge mit der nötigen Ernsthaftigkeit ins Medium Comic.
Mit hauchdünnen Strichen gezeichnet, kaum mit Tuscheflächen schattiert kommt vor allem einem hier eine große Aufgabe zu: John Rauch. Der Kolorist gibt den Bildern ein farbenprächtiges Volumen. Der so entstehende Realismus ist etwas größer, als er von einem Zeichner wie David Messina (auch bei vielen Star Trek Comics im Einsatz) zu Papier gebracht wird. Während technisches Inventar sehr genau und stilistisch einwandfrei abgebildet wird, bleiben die Bilder von Außenansichten auf Planetenoberflächen hinter ihren heutigen Möglichkeiten zurück. Ein Vorwurf ist den Zeichnern aber nicht zu machen, da sie den Studiokulissen von einst folgen, die eher spartanisch aus fielen und auf Wiederverwendbarkeit ausgerichtet waren.
Bekannte Geschichten im frischen Gewand, sehr schön gestaltet, mit Blick für die Optik, die Fan dieses SciFi-Universums erwarten kann. Eine gelungene Überleitung auf das nächste Kino-Ereignis, die ruhig noch länger ausfallen darf. 🙂
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Mittwoch, 05. September 2012
Sondereinsatz. Die beiden Agenten der FDA, Chu und Colby, sollen dem US-Landwirtschaftsministerium zur Seite stehen. In einem Einsatz der nach Selbstmordkommando riecht, nein, stinkt! Für den Notfall wird den beiden Agenten sogar eine Waffe bereitgestellt. Für den absoluten Notfall, Für den Fall des möglichen Scheiterns. Leider wurden die beiden Agenten von ihrem Chef im Unklaren darüber gelassen, welche Waffe überhaupt im Gepäck ist. Bei den Damen vom Landwirtschaftsministerium ernten die offensichtlich inkompetenten Agenten nur lautes Gelächter. Als die Waffe schließlich zum Einsatz kommt, stockt allen nur noch der Atem.
Vierte Runde: Einmal mehr geheimnisvoller, einmal mehr mit verblüffenden Fähigkeiten seiner Helden und Nebenfiguren. Ungewöhnliche Ereignisse und Wendungen sorgen für Abwechslung und werfen viele Fragen auf. Autor John Layman hat keine Lust auf 08/15. Hier wird erzählt, dass sich die Balken biegen, mit Spaß an Geschichten, an ironischen Spitzen, phantastischen Begebenheiten mit viel Witz und einem Ideenreichtum, der es sich traut, im nicht mehr ganz so neuen Jahrtausend neue Wege zu beschreiten.
Die Grundlage der Reihe, die weltweite Katastrophe durch millionenfache Todesfälle durch Hühnchenfleisch, wird wieder an den Anfang gesetzt. Gleichzeitig wird der Wandel gezeigt, den eine Hähnchenbude über Jahrzehnte vollzogen hat. Tony Chu, Agent der FDA und gleichzeitig ein Mensch, der allein über seine Geschmackssinne, allem Essbaren Informationen über vergangene Ereignisse entziehen kann, führt kein einfaches Leben. Da sein Vorgesetzter ihm außerdem ganz bewusst das Leben zur Hölle machen will (seinem Kollegen Colby, einem Menschen mit Cyborg-Implataten ebenso), wird es auch nicht leichter.
John Layman, der die Situationen, mit denen er seine Helden traktiert (ab und zu auch belohnt), sehr genüsslich ausbreitet, garantiert so dem Leser auf alle Fälle zwei Dinge auf einmal: Spaß und Spannung. Denn im Hintergrund hat Chus Erzfeind seinen ganz eigenen Handlungsstrang. Dieser wirkt zunächst weniger komisch als geheimnisvoll und birgt auch seine Überraschungen, die sicherlich noch zur Grundlage künftiger Ereignisse werden. Stilistisch schließt sich Rob Guillory, Zeichner und Kolorist, mit einem ausgefallenen Cartoon-Strich an, vollkommen modern, aber auch so wirkend als folge er einer Welle, die ohne MTV erst einmal nicht oder erst viel später möglich gewesen.
Dünnste Striche, mitunter langgestreckte, deformiert wirkende Figuren, kantig, falsch proportioniert und trotzdem gibt alles zusammen ein in sich stimmiges, passendes Ganzes. Wer sich manchen Aufbau der Figuren anschaut, wird aber auch eine Fortentwicklung von Comic-Gestalten frühester Stunde erkennen. Guillory, fast eine Art Picasso des Comics, kreiert mit Chu und Colby ganz nebenbei ein Komikerduo der besonderen Art, eine kleine Verbeugung vor den allgegenwärtigen Action-Helden des Kinos und stellt ihnen Figuren zur Seite, deren Verhalten realistischer ist (pubertierende Töchter, mobbende Chefs).
Ein humoristischer Blick auf die Gegenwart, voller Seitenhiebe, Ironie, auch Hohn und manchmal einer Spur Mitleid. Der findet sich gleich zu Beginn mit der Historie eines amerikanischen Unternehmens. Gleichzeitig ist die Geschichte auch ein Angriff auf die Völlerei Amerikas, ihre Fastfood-Kultur und sogar ihr Geschick, aus jedem noch so absonderlichen Thema eine Religion zu kreieren. Die Kirche der Heiligkeit der ungerührten Dotter in diesem Band mit dem Untertitel Flambiert ist das beste Beispiel hierfür. Respektlos, aber nicht lieblos, haben sich hier mit Layman und Guillory Autor und Zeichner getroffen, die wie die berühmte Faust aufs Auge passen.
So funktioniert Humor im neuen Jahrtausend auch. Albern, aber intelligent, Bissig, aber nicht zu gemein. Mit überspitztem Stift gezeichnet, ungewöhnlichem und neuem Thema, rasant und spannend. Allerdings sollten Leser am Ball bleiben und nicht quer einsteigen. 🙂
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Sonntag, 02. September 2012
Jelami, der kleine Junge, kämpft mit seinen Erinnerungen, die sich wie Tagträume in sein Bewusstsein schleichen. Leider lösen sie mehr Fragen als Antworten aus. Stets kreisen die Gedanken um den Tod der Mutter, als ein neuer Lebensabschnitt begann. Die beiden Männer der MISSI DOMINICI, der alte Wolfram und sein Novize Ronan, haben Probleme, die eng mit der Gegenwart verknüpft sind. Im Keller der Festung, an die Wand gekettet, müssen sie die Folter ihres Bewachers über sich ergehen lassen. Ronan, der es wagt, seine Kräfte mit dem Folterer zu messen, scheitert. Die Strafe für sein Aufbegehren ist grauenvoll.
Thierry Gloris schickte Mächte gegeneinander ins Feld, die nicht allesamt mit völlig bösen oder völlig guten Absichten oder Charakterzügen antreten. Verrat ist im Spiel, falsche und richtige Überzeugungen, auch Verführungen in die verkehrte Richtung, Gewalt, Freundschaft. Die beiden, nennen wir sie zum besseren Verständnis Kriegermönche (obwohl das Leben eines Mönchs dem älteren der beiden, Wolfram absolut fremd ist), Wolfram und Ronan, besitzen ungewöhnliche Kräfte, die sie über die gewöhnlichen Kämpfer hervorheben.
Gloris beschreibt Hintergrundgeschichten und Wendepunkte in den Leben seiner Akteure, Begebenheiten, die Überzeugungen zum Wanken bringen. Benoit Dellac zeichnet diese Ereignisse mit wahrer Intensität. Die optische Stärke dieses teils magischen Abenteuers in eisiger Landschaft und finsteren Kerkern geht über gewohnte Ritterabenteuer hinaus, indem sie archaische Zauberkunst einfließen lässt. Hier kommt perfekt inszenierte Barbarei ins Spiel, aber auch leinwandtaugliche Tricks mit viel Licht und herbei gehexten Avataren, die für ihre Herren in den Kampf ziehen.
Ereignisse der Gegenwart sind nah am Realismus gestaltet, mit starkem Tuschestrich aufgetragen und leuchtend koloriert. Weitaus sanfter, etwas milchiger und ohne harte Konturen sind die Vergangenheitsereignisse gemalt, fast wie kleine Aquarelle angelegt. In den Kämpfen gewinnt der gruselige Teil immer mehr Raum, so dass sich der Leser auf wieder auferstandene Krieger, sogar Dämonen freuen kann. Entsprechend fallen die Sequenzen aus, die eine spannende Mischung aus echten Kämpfen und dämonischen Angriffen zeigen. Benoit Dellac zeichnet ein dunkles Fantasy-Spektakel.
In dieser emotionalen Dunkelheit, die von Anouk Bell stilsicher koloriert worden ist, wird der Befreiungskampf im Kerker mit der gezeigten Wandlungsfähigkeit Wolframs zu einem der Höhepunkte des vorliegenden dritten Bandes der Reihe, die an phantastischen Elementen viel zu bieten hat. Der Wechsel von Nahaufnahmen, die beinahe mit italienischen Kameraeinstellungen zu vergleichen sind (wie sie Sergio Leone mit seinen Western populär machte), und Totalen, die mit unterschiedlichen Bildgrößen arbeiten, sorgen für einen dynamischen Seitenaufbau, der das Auge vorantreibt und nicht festhalten will.
Lehrmeister und Freunde. Auf beiden Seiten der gegnerischen Lager haben sich ein Lehrmeister und ein Schüler zusammengefunden. Auf der einen Seite ist es freiwillig geschehen, auf der anderen Seite ist es eine Verbindung, die zunächst aus der Not geboren scheint. Thierry Gloris stellt diese Verbindungen einander gegenüber, zelebriert die Zementierung der Freundschaft auf der einen und den Zusammenbruch auf der anderen Seite. Das sorgt in der Zusammenführung der beiden eigentlich separat ablaufenden Handlungsbögen für große Dichte. Am Ende ist der Fortgang völlig offen.
Abseits von bekannten Handlungsaufbauten in mittelalterlichen Szenarien kann der dritte Teil der MISSI DOMINICI weiter auftrumpfen. Mit allerlei Ideen, zwei sehr starken Hauptcharakteren verläuft die Geschichte spannend und unvorhersehbar. Dank der tollen Illustrationen und dem geschickten Seitenaufbau von Benoit Dellac ist dieser Band ein echter Pageturner. 🙂
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Huck und Suzy gönnen sich eine Pause von der anstrengenden Reise. Als Tramps laufen sie immer Gefahr, erwischt zu werden. Da ist es besonders für eine junge Frau wichtig, unerkannt zu bleiben. Und so wusste Huck bis vor wenigen Minuten gar nicht, dass sein Kumpel Suzy eine Frau ist. In der Hähnchenbratbude löst sie, nach kurzem Umziehen, mit ihrem luftigen, leichten Sommerkleid sogleich hängende Kinnpartien und Glotzaugen aus. Nur Fred, der Chef des Ladens, hält seine Gäste und ihre freche Reden im Zaum. Hätte Huck ahnen können, dass Suzy auch verdammt gewitzt ist? Natürlich zahlen die beiden keinen müden Cent für ihre Mahlzeit und machen sich in einem unbeobachteten Moment aus dem Staub.
Sein Ziel hat Huck noch lange nicht erreicht. Um endgültig seinem Zuhause entkommen zu können, täuschte er seinen Tod vor. Dumm nur, dass der Schwarze Charley Williams nun wegen Mordes gesucht wird. Des Mordes an Huck. Gut allerdings, dass die beiden über dieses gemeinsame Schicksal gute Freunde wurden. Aber Charley geriet an den Teufel, an Drogen, an alles Übel zusammen und verschwand. Huck will den Freund unbedingt retten. Wie es aussieht, muss er zu diesem Zweck eine ganz bestimmte Straße finden, die Midnight Crossroad.
Nicht nur Freunde und Teufel sind auf der Suche nach Charley. Auch der lange Arm des Gesetzes hat die Jagd eröffnet. Steve Cuzor dachte sich die Geschichte um Huck und seinen Freund Charley aus, Stephan Colman machte sich mit ihm zusammen an die Ausarbeitung.. Im dritten Teil von O’Boys verdichtet sich die Südstaatenatmosphäre zur Zeit der Prohibition und der musikalischen Revolution des Blues enorm. Das Titelbild von Midnight Crossroad, so der Untertitel des Bandes, trifft den Kern der einsamen Suche nach Charley genau. Sicher hat Huck Hilfe durch Suzy und andere. Sein schlechtes Gewissen, Charley in diese Situation überhaupt erst gebracht zu haben, ist jedoch sein alleiniger Antrieb, den niemand mit ihm teilen kann.
Zwei doppelseitige Schwarzweißfotografien aus jener Epoche rahmen die Handlung ein. Im Vergleich der Bilder wird deutlich, wie sehr Steve Cuzor recherchiert hat, um diese Zeitspanne aufleben zu lassen. Es sieht nach grob behauener Zivilisation aus, nicht nach Aufbruch oder Zeitenwende. Diese Südstaaten sind Reste. Inmitten dieser von den Weißen verlassenen Gegend haben die Schwarzen ihre ganz eigene Welt geschaffen. Und vorneweg glänzt der wunderbare Blues. Neben Bildern von Mord und Totschlag, der Suche nach Charley, der Arbeitslosigkeit ist es besonders diese Begeisterung, die einen Hoffnungsschimmer auf das Szenario legt.
Steve Cuzor untermauert dies mit einem Gastauftritt von Musiklegende Sammy Davis Jr., nicht ganz zur Zeit passend, aber in seinem Element eingefügt. Cuzor hat seinen Realismus in seinen Bildern, so scheint es, noch verfeinert, eine theatrale Optik, in der alles an seinem genau spezifizierten Platz ist. Dies wird umso deutlicher in Szenen mit vielen Menschen. Wer sich die Grafiken um die Suppenküchen-Szene herum betrachtet oder die wartenden Musiker vor dem Blues Contest, wenn aus jeder Figur eine Geschichte zu strahlen scheint, wird diesen Eindruck verstehen.
Meephe Versaevel und Steve Cuzor spielen in ihrer Kolorierung wunderbar mit dem Licht. Ob amerikanische Nächte, das Strahlen von Leuchtbuchstaben, Sonnenuntergängen oder ein hellblauer Himmel, der heiter einen Slum beleuchtet, in dem sich schon in einem einzigen Bild wieder genügend Szenen für Nebenhandlungen abspielen, immer wird das Auge festgehalten, bevor es zum nächsten Bild auf Entdeckungstour geht.
Eine grafisch sehr schön eingefangene Zeit von Steve Cuzor, ein sehr dramatisches Finale, düster, ein wenig traurig, mit dem Anspruch auf Hoffnung, wie der Blues, der hier auf jeder Seite mitschwingt. 🙂
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Samstag, 01. September 2012
Pfeil und Bogen gehören nun einmal nicht an Bord eines Passagierflugzeuges. Da kann der kleine Junge, der sein Spielzeug zurück haben möchte, so lange quengeln, wie er will. Pfeil und Bogen bekommt er tatsächlich nicht zurück, dafür hat er jedoch eine Rachemaßnahme parat, vergleichsweise harmlos, dafür aber sehr bunt. Die Reise gefällt dem Häuptlingssohn nicht besonders. Zwar geht es um eine bessere Bildung, die ihm zuteil werden soll, aber daheim ist es eben am schönsten. Als sich die Gelegenheit ergibt, einen Grund zur Rückkehr zu finden, ergreift er sie, und fliegt heim. Sehr zum Missfallen der Minis um Renaud, die dem Häuptlingssohn dabei helfen müssen.
Serons Einfallsreichtum ist der Garant der Serie. Immer neue Ideen und keine Scheu, auch einmal sehr ausgefallene Wege zu beschreiten. Das Titelbild des 13. Sammelbandes der Reihe gibt lediglich eine Andeutung auf die Albernheiten, die Seron, Autor und Zeichner, hier mit aller Ernsthaftigkeit, der Feinsinnigkeit, die anscheinend nur im französischsprachigen Raum zu finden ist, hier zum Besten gibt. Ein schwebender Indianer ist die Spitze des Eisberges an Einfällen, die die Minis in eine Geschichte über sich selbst, gegen Roboterhunde, in den modernen Wilden Westen und zu den Großen.
Duell lautet der Titel des Auftaktbandes der drei hier versammelten Abenteuer. Die Hauptfigur der Reihe, Renaud, der immer gerufen wird, wenn Not am Mann ist (oder der es auch selbst vortrefflich schafft, in das nächste Abenteuer zu schlittern), begegnet einem alten Feind. Der große Herzog von Habsgut hat mit dem kleinen Renaud aus der Mini-Stadt Eslapion noch ein Hühnchen zu rupfen. Das Besondere ist die Einführung in die Geschichte.
Ein junger Mann zeigt Renaud einen Comic, den er auf der Basis der Erzählungen des Abenteurers gestaltet hat. Ein Comic im Comic, mit Handlungen, die einem vage bekannt erscheinen und durch die Verschleierung des Originalcharakters, einer leicht veränderten Optik zu einem Abenteuer werden, das der Leser leider nicht zu Ende erleben kann, da hier das echte Abenteuer einsetzt.
Tönerne Back Backe und Sohn. Allein dieser Titel verdient schon Aufmerksamkeit, verrät er doch rein gar nichts über die Ereignisse, die auf den Leser warten. Wer glaubt, er gerate in eine Geschichte über einen Handwerkerbetrieb, sieht sich gewaltig getäuscht, denn hinter dem Titel verbirgt sich jenes Abenteuer über den schwebenden Indianer. Seron brennt hier ein solches Feuerwerk an Ideen und Gags ab, dass er sich selbst übertrifft. Wer die Abenteuer um die Minimenschen kennt, weiß, wie schwierig das sein muss.
Der kleine Indianer, eine Mischung aus Wickie und Pepe (aus Asterix in Spanien, dem Jungen, der so gerne die Luft anhielt). Fans des französischen Kinos könnten aber auch feststellen, dass Seron hier von Little Indian inspiriert worden ist. Ein klassischer (wenn auch moderner) Westernauftakt, sehr humoristisch, aber auch mit ernsten Untertönen (amerikanische Ureinwohner, die sich von weißen Rednecks mit einem geerbten Skalp verhöhnen lassen müssen), wandelt sich zu einer außergewöhnlichen Odyssee, wenn die Minis den kleinen Sturkopf retten und gezwungen sind, ihn in die Vereinigten Staaten zurückzubringen. Wer sich nun fragt, wie selbst ein Kind die Minis zu irgendetwas zwingen kann, muss diese Geschichte lesen. Es lohnt sich.
Bingo. Ein Stein ließ die Minis so klein werden, wie sie nun sind. Nicht alle sind glücklich über dieses abgeschiedene Leben. Und einige habe sich sogar gefragt, warum man nicht ein wenig Unsinn mit diesem Stein anstellt. Oder wenigstens mit einem Splitter davon. Sein Name war Bingo. Der Junge, der sich mit dem Steinsplitter mehr und mehr für einen Harry Potter hält, nimmt seinen Freund Floh in die große Stadt mit. Floh kann nur hilflos mit ansehen, wie Bingo immer schlimmeren Blödsinn anstellt. Wieder einmal ist Renaud gefragt. Seron kreiert eine Hetzjagd, fast schon eine Schnitzeljagd nach verkleinerten Gegenständen, die von Seite zu Seite mehr Fahrt aufnimmt.
Seron ist ein Komödienmeister und ein perfekter Illustrator humoristischer Action. Hier präsentiert er sich als Erzähler, der sich alles traut und gut daran getan hat, seine Minis nicht aus der Hand zu geben. 🙂
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Freitag, 31. August 2012
Marie ist fort. Immer noch. Sie scheint auch keineswegs daran zu denken, ihren Aufenthalt in Montreal abzubrechen. Das Verhalten der übrigen Dorfbewohner, die ihr die kleine Affäre sehr nachgetragen und vorgeworfen haben, hat sie in diesem Entschluss nur bekräftigt. Langsam aber, aus der schlichten Notwendigkeit heraus, erkennen die Dörfler, was sie in ihrer Scheinheiligkeit angerichtet haben. Marie führte den Dorfladen. Sie besaß den einzigen Lieferwagen. Sie holte die Waren für alle ins Dorf. Nun, da sie fort ist, vielleicht für immer, sollte es ihr in Montreal allzu gut gefallen, hat das Nest ein echtes Problem.
Regis Loisel und Jean-Louis Tripp haben gemeinsam eine Serie geschaffen, die sich sehr stark auf das menschliche Miteinander konzentriert, ohne ins Boulevardtheater abzurutschen. Sie beschreiben eine Zeitenwende, ohne nostalgisch zu sein. Inzwischen haben sich alle Figuren mehr als nur vor den Augen des Lesers emanzipiert und bewegen sich mit außerordentlicher Leichtigkeit durch die Geschichte, die nicht nur vom Zwist der Leute lebt, sondern auch von sehr realen Problemen erschüttert wird. Die Waren können auch auf anderem Wege ins Dorf gelangen. Die Menschen verharren nicht, sie denken sich eine Lösung aus und gehen sie an. Wenn jedoch eine Bärenattacke ein Drama heraufbeschwört, kann selbst die stärkste Anstrengung nicht zum Erfolg führen.
Welten und Leben prallen aufeinander. Marie, die lange Zeit im Dorf verbracht hat und automatisch in eine bestimmte Richtung gelebt hat, erlebt in Montreal eine neue Freiheit. Diese mag in Gedanken vorhanden gewesen sein, doch ausgelebt ist sie nicht nur schöner, sondern macht (nicht nur vor dieser Zeitperiode) auch ein schlechtes Gewissen. Nicht, weil sie es nicht darf, sondern weil sie es sich selbst gestattet. Die Stadt, Montreal, mit seinen Vergnügungsmöglichkeiten und seiner aufbrechenden Moderne steht ebenfalls im totalen Gegensatz zum beengten und auf die Notwendigkeiten ausgerichteten Leben.
Ohne Worte. Loisel und Tripp, die beide zusammen an der Geschichte und den Grafiken gearbeitet haben, erschaffen eine zutiefst menschliche Atmosphäre, in der die Bilder einen großen Teil der Erzählung übernehmen. Szenen geben gewichtig wieder, wie sich das Leben abspielt, wo Schwerpunkte sind. Blicke, Gesichtsausschnitte zeugen von Gefühlen, Sorgen, Wünschen, Bedenken und auch Zuneigung, im besten Fall Liebe. Gespräche finden leise, sind beigefügt, fliegen mit und erdrücken nicht, lenken nicht ab.
Die Bildgebung, von Loisel choreographiert, von Tripp im Detail und feiner ausgearbeitet, mit spitzem Bleistift und feinen Graustufen, von Francois Lapierre plastisch koloriert, prall, herbstlich, wie es das Titelbild auch andeutet, bewegt sich nah an der Karikatur, aber niemals verächtlich. Jede Figur, in dieser realistisch gestalteten Umgebung, ist sicherlich überzeichnet, aber macht dem Künstler das Zeichnen leichter. Der Leser erkennt schneller und bei genauer Betrachtung sind die Mienen der einzelnen Charaktere so weit weg von der Realität auch nicht. Atmosphärisch dicht lassen die Helden den Leser, der bis hierher gelangt ist, nicht mehr los.
Die Ente, der Hund, die Katze. Ein ungewöhnliches Trio hat sich klammheimlich am Rande einen Platz in der Geschichte erobert, als kleine Beobachter wie auch als Abbild einer ungewöhnlichen Gemeinschaft, die sich zusammenrauft. Dieses Trio bleibt nicht allein und erhält nun Zuwachs. Loisel und Tripp schaffen mit der Drolligkeit dieser kleinen Szenen einen Ausgleich zur Ernsthaftigkeit der übrigen Handlung, kleine Verschnaufpausen abseits der großen und kleine Dramen.
In dieser Nische eine der besten Reihe seit langem. Mit viel Gespür für Menschen erzählt, genauem Blick, bei aller auftretender Dramatik auch sehr fröhlich, manchmal verspielt, echt, ehrlich. Die Gestaltung durch ein eingespieltes Künstlertrio ist inzwischen beispielhaft, beispielhaft gut. 🙂
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