Donnerstag, 10. Oktober 2013
Eine kleine Begegnung mit Dinosauriern hinterlässt eine große Wirkung bei Reed Richards alias Mr. Fantastic, dem Kopf der Fantastischen Vier. Seine Fähigkeit sich zu dehnen, wird nicht nur beeinträchtigt, sein linker Arm trägt auch einen seltsamen und beunruhigenden Schaden davon. Spätere Untersuchungen im Labor bestätigen Reeds Befürchtungen. Die Schlussfolgerungen seines Laborroboters ist zunächst auch nicht dazu angetan Mut zu machen. Andererseits birgt sie eine Idee. Und sehr bald schon geht die Familie samt Schule auf die Reise und hinterlässt auf der Erde nur eine Ersatzmannschaft. Aber nicht für lange: Nur ungefähr vier Minuten.
Da sind sie wieder! Sie dürften sowieso nie verschwinden, denn obwohl andere Superhelden die Leinwände beherrschen, sind die Fantastic Four (oder auch die Fantastischen Vier, wer es altmodischer mag) zusammen mit Spider-Man die gefühlt ursprünglichsten Superhelden aus dem Marvel-Universum. Es hat sich ein wenig verändert. Die Future Foundation liegt hinter den Fantastic Four, eine große Kinderschar hat das Heim der vier ungewöhnlichen Helden eingenommen, die eigenen Kinder eingeschlossen. Ach, und da ist noch Dragon Man, der dem Ding und She-Hulk, die hier einen Gastauftritt hat, schon Ärger bereitete und nun friedlich lesend eine Ecke in diesem Zuhause für sich erobert hat.
Matt Fraction hat sich an den Neustart der Fantastic Four gemacht und sie hinaus in die Weiten von Zeit und Raum geführt, dorthin, wo die Fantastischen Vier eigentlich zuhause sind. Nicht wenige Superhelden erleben Abenteuer im Weltraum, doch Marvels First Family gehört mit ihrem Forscherdrang auch tatsächlich in diese Umgebung. Und was hat sich Matt Fraction nicht alles einfallen. Ganz nebenbei schreibt er Geschichte im Weltall und einen Abschnitt irdischer Historie (fast) neu. Haben die Fantastic Four in zahlreichen Crossovers die merkwürdigsten Begegnungen gehabt (sogar mit Sindbad), treffen sie nun sogar auf Caesar.
Zeichner Mark Bagley, der sich mit dem Ultimativen Spider-Man sein eigenes kleines Comic-Denkmal geschaffen hat, indem er dem ultimativen Universum ordentliche Geburtshilfe gab, zeichnet nun den Neustart der Fantastic Four mit der gleichen, nennen wir es, Hingabe, wie es auch ein John Buscema oder ein Alan Davis zuwege brachten und bringen. Trotz neuer Uniformen haftet den F4 auch stets etwas Nostalgisches, nichts Altmodisches, an. Der realistische Look mit dem comicalen Akzent, den Mark Bagley pflegt, steht den Fantastic Four ausgesprochen gut.
Neben klassischen Motiven wie kleinen Streitigkeiten in der Yancy Street findet sich ein Weltraumabenteuer wie auch ein Zeitreiseabenteuer, beide gleichermaßen grafisch reizvoll. Durch ihr Rätsel mag die Weltraumepisode vielleicht noch etwas mehr zu begeistern, besonders, wenn sich Anflüge der Stilistik eines Bernie Wrightson einschleichen. Mit diesem dritten Vergleich reiht sich Mark Bagley wirklich in die Reihe der Comic-Veteranen und Meisterzeichner.
Ein toller Neubeginn. Bei allen Neustarts darf Marvels First Family nicht vergessen werden. Sie ist neu, aber so neu auch wieder nicht, denn sie war bereits vom ersten Tag an richtig gut und richtig gut durchdacht. Schön zu sehen, dass mit Matt Fraction und Mark Bagley zwei federführende Künstler dabei sind, die die richtige Mischung aus Innovation und Nostalgie gefunden haben. 🙂
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Mittwoch, 09. Oktober 2013
Zachary muss den qualvollen Tod seines Vaters an Bord des Segelschiffes miterleben. Die Pest hat auch diese Menschen erreicht. Entgegen der Warnungen der Mannschaft will sich Zachary zunächst nicht vom Leichnam seines Vaters trennen. Das denkbar böse Ende folgt bald. Auch Zachary entdeckt bei sich die Anzeichen der tödlichen Krankheit. Doch er will sich nicht dem Siechtum hingeben und nimmt seinen Tod selbst in die Hand. Zachary, der in die Tiefe sinkt, entfacht die Neugier einer ungewöhnlichen Kreatur. Eine Meerjungfrau entdeckt den jungen Mann und rettet den Menschen ans Ufer. Und noch mehr als Neugier entsteht. Die Meerjungfrau fühlt sich zu ihm hingezogen. Zuerst vermag Zachary diesem Begehren noch zu widerstehen, doch langsam entwickelt er Gefühle, die er vor kurzem noch für unmöglich gehalten hätte.
Die kleine Meerjungfrau, so wie sie der Schriftsteller Hans Christian Andersen beschrieb, diente der Autorin und Illustratorin Victoria Frances als Inspiration für ihre Hommage an jenes berühmte Märchen. Aber sie geht auch einen Schritt weiter, indem sie die Traurigkeit des Originals noch mehr verdüstert und eine Alternative schafft, einerseits durchaus hoffnungsvoll, andererseits sehr tragisch. Der Tod steht der Liebe wieder gegenüber, das sehnsuchtsvolle Schmachten nach dem anderen, dem zuerst Verschmähten, dem später über die Maßen Verlangten. Victoria Frances, die mit ihren Arbeiten aus dem Bereich des Gothic Horrors seit Jahren nicht mehr wegzudenken ist, verfährt hier etwas sanfter als sonst.
Der Tod und schöne, junge Frauen haben sich schon früh getroffen und werden sich, weil magisch voneinander angezogen, immer wieder begegnen. Ob es Dracula ist, der ihnen nachjagt, oder ein Joe Black, der sich von ihnen angezogen fühlt, so mag es auch nicht ungewöhnlich sein, dass der Tod als unsichtbare Verbindung zwischen zwei Königskindern, die nicht zueinander finden dürfen, herhalten muss. Die Beschreibung, wie aus Abneigung einerseits, größte Liebe andererseits wird, die nur im Tod ihre ewige Erfüllung findet, ist klassisch beschrieben, rührt an, sollte aber nicht an dunklen Wintertagen gelesen werden. Wo ein Hans Christian Andersen Hoffnung in einer neuen Existenz verheißt, ist es bei Victoria Frances zu Ende, wenn es zu Ende ist.
Die Bilder von Victioria Frances sind in diesem Band begleitend zur Erzählung angelegt, finden sich immer auf der rechten Seite, das Blatt ausfüllend. Sie wendet zur Illustration zwei Techniken an. Einmal werden die Grafiken in ihrem hinreißenden und deshalb so erfolgreichen seidenweichen Stil ausgeführt, in einer Mischung aus Fotorealismus und träumerischer Stilistik. Zum Anderen arbeitet sie bei jeder zweiten Abbildung mit der nicht zu Ende geführten Skizze, in denen auch noch Hilfslinien zu sehen sind, die aber dennoch nichts von ihrer Faszination verlieren.
Die Konzentration der Bilder liegt auf den beiden Liebenden und weicht ihnen, bis auf wenige Ausnahmen, kaum von der Seite. Victoria Frances vermag in diese Gesichter, die reale Vorbilder haben mögen, vieles an ebenso echten Gefühlen hineinzulegen. So wird aus dem Märchen ein begreifbares Liebesdrama, mit Charakteren, die vom Leser nicht so weit weg sind wie bei einem Hans Christian Andersen.
Eine dunkel romantische Geschichte, ein Märchen für den leuchtenden Herbst, nicht für den Winter, grazil illustriert, fein erzählt. Einfach schön. 🙂
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Samstag, 05. Oktober 2013
Tot. Tot und ein Geist. So hatte sich Chris sein weiteres Leben, Verzeihung, seine weitere Existenz nicht vorgestellt. Nun schwebt er über dem Friedhof, versucht sich verständlich zu machen, aber niemand hört und sieht ihn. Es ist zum Verzweifeln. Zuerst glaubt er, der Fehler liege bei den anderen. Langsam aber dämmert die Erkenntnis über seinen Zustand. Und dieses Wissen begeistert ihn überhaupt nicht. Denn noch viel schwerer als der geistreiche Zustand wiegt die Tatsache, dass er alleine auf dem Friedhof ist. Er ist der einzige Geist. An einem Ort, wo tausende von Toten liegen, hängt er mutterseelenallein herum und weiß nicht, was er als nächstes tun soll. Das ist es jetzt?
Erik belässt es nicht bei dieser Epoche im Jahre 1928. Dank der Schicksalsgöttinnen huscht er durch die Jahrhunderte und malt so eine fantastische, aberwitzige wie auch interessante Geschichte, die sehr abwechslungsreich ist. Denn die nächste Station führt in die expansionsreichen Tage des römischen Reiches zu weiteren geheimnisvollen Vorkommnissen. Einen kleinen Ausflug nach Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge und einen Abstecher ins vorchristliche Phönizien darf der Leser absolvieren, nachdem er sich der Handlung in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts genauer mit den drei Göttinnen auseinandergesetzt hat, die eigentlich wieder alles in Ordnung wollen und doch nur mehr Unheil anrichten. Jedenfalls aus der Sicht des vergeistigten Chris.
Klappt der Leser den 2. Band der deae ex machina Reihe auf, blicken ihm von der ersten und zweiten Seite gleich 40 Personen entgegen, die sich im Abenteuer ein Stelldichein geben. Es ist ein sehr umfangreiches Konzept, das Erik, Frank Erik Weißmüller, hier in Angriff genommen hat. Der deutsche Künstler der auch fleißig an seiner Detektivreihe Dede arbeitet, breitet sich hier deutlich vielfältiger aus und nutzt alles, was ein Fantasy-Genre zu bieten. Keine Grenzen, keine spezifischen Zeiten, hier das Netz weit gespannt und die Schicksalsgöttinnen tun das, was sie am besten können, sie weben auf Teufel komm raus.
Erik hat sich einen unverkennbaren Zeichenstil erarbeitet. Warme Grautöne und kalte Blautöne stützen die sehr eigenwillige Führung der Tuschestriche. Künstlerisch konstruiert könnten die Figuren genannt werden. Der Eindruck einer Meißelung durch eine übergenaue Konturierung weckt Vergleiche zu Statuen auf Papier. Die Figuren setzen sich in Szene, wenn sie körperlich zur Gänze präsent sind. Ebenso aber liebt Erik den Ausschnitt. Die Blicke seiner Charaktere sollen mitreden. Wenn sie schreien, schaut der Leser in ihren Rachen und das Bild wird laut. Göttlich, im wahrsten Sinne des Wortes, ist der Anblick des Schicksalstrios, das sich gerne in mehr oder minder viel Schale wirft und es weniger als mehr liebt.
Witz entsteht durch die Göttinnen, die mit den Menschen und ihren Eigenarten spielen. Aber auch ein merkwürdiges Killer-Duo sorgt für angenehme Zwischeneinlagen, wenn sie brutal sein wollen und doch irgendwie an den Umständen scheitern, die eine Nummer zu groß für sie sind. Wie groß, kann der Leser in einer beinahe poltergeistähnlichen Szene verfolgen. Nachdem ein Ausflug zu den Folterinstrumenten eines der beiden Schergen Erinnerungen an spielbergsche Fantasien und Marathonmänner hervorruft.
Eine schöne zweite Folge, die aber ähnlich wie bei einer Schnitzeljagd mit vielen Einzelteilen nur in ihrer Gesamtheit genossen werden kann. Der Quereinstieg mag hier noch schwerer fallen als bei anderen Fortsetzungsgeschichten, deshalb ist die Kenntnis von Teil 1 Pflicht. Präzise und eigenwillig illustriert, ebenso erzählt. Mehr davon. 🙂
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Link: blog.eriks-deae.de (Eriks Atelier-Blog zur Entstehung des dritten Bandes der Reihe)
Mittwoch, 02. Oktober 2013
Sar Ha Sarim wollte seine Mission ursprünglich alleine begehen. Er wollte niemanden belasten und so scheint es, den Gefahren aussetzen, die eine solche auch lange Reise bereithalten wird. Aber diejenigen, die sich für seine Jünger halten, denken gar nicht daran, ihren Messias alleine ziehen zu lassen. Und sie tun gut daran, die Gefahren nicht zu unterschätzen, obwohl sie das Ausmaß der Bedrohung noch gar nicht kennen. Sieben Männer sind es, die sich dem Mann mit der schwarzen Haarpracht andienen. Einer stößt noch hinzu, weil er es seiner Tochter versprochen hat. Diesem Sar Ha Sarim soll nichts geschehen. Zwar glaubt Julius nicht an diese Märchen um den Messias, doch irgendwie kann der Römer den Judäer gut leiden.
Die Verfolger, die römische Armee, lassen sich Zeit. Sie marschieren in der Gewissheit, ihre Beute nicht verlieren zu können. Alsbald macht sich ein neuer Feind auf den Weg, die Römer und ihre bewährte Taktik abzulösen. Derweil machen die Reisenden um Sar Ha Sarim eine völlig neue und ungewöhnliche Erfahrung. Sie treffen in einer der größten und glanzvollsten Städte ihrer Zeit ein. Die große Hure Babylon beeindruckt die Männer augenblicklich, denn selbst sie finden hier gelebte Geschichte. Über der Stadt, halb eingestürzt und doch imposant wie eh und je, erhebt sich ein gigantisches Gebäude: Babel.
Geheimnisvoll, sympathische Charaktere, eine verschworene Gemeinschaft, teils wider Willen, düstere Feinde und Verfolger, die Wüste und eine Stadt, wie es sie in jenen Tagen nur wenige gab. Das Gemisch, das die beiden Autoren Alex Alice und Xavier Dorison hier präsentieren, aus Abenteuer, altertümlichem Roadmovie, Gruselgeschichte und historischer Darstellung packt gleich zu Beginn durch seine Dichte. Denn hier wird nichts dem Zufall überlassen. Jede Zeichnung, jede Haltung, jeder Blick und jedes Wort, genauer, jeder Millimeter Papier wurde peinlichst genau für das bestmögliche Ergebnis genutzt.
Das bedingt eine sehr feine Zeichnungsstilistik, teilweise auch kleine Bilder, die sich auf den Seiten drängen und mit Blickwinkeln spielen, Mimiken regelrecht auslesen. Die grandioseste Sequenz in diesem Band spielt in Babylon, jener Stadt, die einen solch mythischen Beiklang erwerben konnte, dass er sich den Geschmack alles Schlechten und Missratenen verdient hat. Auf der Grundlage der Erzählung schaffen die beiden Comic-Künstler Thimothee Montaigne und Francois Lapierre eine kolossale Ansicht der vergangenen Metropole. Auch auf die damalig erwähnten Weltwunder wird nicht verzichtet. Es sind solche Ansichten, die ihren Weg auch in einen illustrierten Geschichtsband gefunden haben könnten. Das ist in seiner Präsentation mehr als nur Comic, das ist bereits das legendäre Breitwandkino auf Papier.
Aus der unbekannten Bedrohung, der vergleichsweise gemächlichen Reise wird durch den Aufenthalt in Babylon sehr bald eine richtige Flucht. Zu diesem Zeitpunkt hat das gesamte Comic-Team alles vorbereitet, um die Geschichte von einem Historienabenteuer in eine handfeste Gruselgeschichte umschlagen zu lassen, deren Mysterien der Leser noch nicht erklären kann. Klugerweise lassen Alex Alice und Xavier Dorison den Leser kaum mehr wissen als die Flüchtigen. Für den Leser bedeutet das Finale (leider auch ein Cliffhanger) ein rasant spannendes Ende, auch wieder kinoreif inszeniert.
Was für eine Fortsetzung! Sie übertrifft die Messlatte, die der erste Band vorgegeben hat, ist toll illustriert und wie aus einem Guss koloriert. Wer sich für Historienabenteuer in römischen Hochzeiten begeistern kann, wird hier fündig. Die erste Folge sollte man aber kennen. 🙂
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Sonntag, 29. September 2013
Vietnam, 1970. Als Frischling in diesen so fremden Krieg zu kommen, der mit nichts vergleichbar ist, das sich die Vereinigten Staaten von Amerika zuvor aufgebürdet haben, ist wie ein Trip in einen schlechten Traum. Dschungel, schlecht gelaunte Kameraden, die einem Frischling das Leben zur Hölle machen und ein unsichtbarer Feind machen das Soldatenleben zu einer Belastung, die 24 Stunden am Tag andauert. Längst sind sich die Spitzen in der amerikanischen Führung bewusst, wie wertvoll der Mensch ist und wie ratsam es wäre, den amerikanischen Nachwuchs zu schonen und andere Mittel und Weg der Kriegsführung zu finden. Jemand anderes soll für die Vereinigten Staaten von Amerika gegen den Kommunismus Krieg führen. Jemand, der entbehrlich ist.
GUERILLAS entführt den Leser in einen Tier-Thriller der besonderen Art. Experimente mit Tieren, auch Primaten, wurden schon thematisiert, doch noch nicht im Einklang mit der amerikanischen Geschichte, wie es hier geschieht. Leider verrät das Titelbild (so gut es auch ausschaut) schon den Kern der Handlung, wenngleich natürlich die Einzelheiten der Geschichte noch tiefer reichen. Brahm Revel, aus der Animationsbranche kommend, hat mit GUERILLAS einen Comic geschaffen, der sich nicht nur mit einem amerikanischen Alptraum befasst, sondern gleichzeitig auch die Mythen unverständlicher Experimente einfügt, von der Sorte, die zum Beispiel ein Mike Mignola in das Deutsche Reich verfrachtete. Aber so ist es auch kein Wunder, dass die maßgeblich am Experiment beteiligten Wissenschaftler Deutsche sind.
Grafisch schwankt Brahm Revel, der hier nicht nur schreibt, sondern auch zeichnet, zwischen einem Darwyn Cooke, einem Charlie Adlard und einem John Buscema. Nimmt er sich anfangs in dem aus drei Kapiteln bestehenden Dschungeldrama noch zurück, wird er im Verlauf deutlicher, ausgefeilter und zeigt seinen eindeutigen Schwerpunkt der Geschichte: die Schimpansen. Stilistisch wirkt die Arbeit von Brahm Revel bis zum Erscheinen der Affen wie eine europäische Graphic Novel. Die Ernsthaftigkeit hat beinahe einen dokumentarischen Charakter. Mit den Schimpansen ändert sich alles.
Von da an ist die Handlung nicht nur fantastischer, sie weiß auch durch den ersten Erzählstrang um die Affensoldaten zu begeistern, die den Neuen erst einmal in ihrer Gruppe aufnehmen und in die Schranken weisen. Brahm Revel verwendet starke, zuweilen dicke schwarze Striche, zielsicher aufgebracht und nur einen einzigen Grauton zur Schattierung. Aber mehr braucht es nicht. Jedes Gesicht ist individuell, jedes Bild komponiert, der passende Anblick herausgerissen. Markant ist seine Darstellung von Dynamik, schnellen Bewegungen und Action. Hier gibt es Parallelen zu moderneren Zeichentrickbildern, die Revels Vergangenheit im Animationsbereich geschuldet sein können.
Eine Art Negativ-Tarzan: wenn der Held der Geschichte gezwungen ist, mit den Schimpansen zu kooperieren, werden natürlich Erinnerungen an den Affenmenschen wach. Das ist eine Erzählung, die auch einem Edgar Rice Burroughs eingefallen sein könnte. Sie hat etwas Fantastisches, sie weist Horrorelemente auf, Science Fiction, Thriller und Kriegsdrama. Das ist eine Mischung, die stets das präsent hat, was gerade benötigt wird, um die Handlung weiterzubefördern. Und mit den Schimpansen allein ist es nicht getan. Brahm Revel baut auch noch einen Jagdhund ein, einen weiteren Primaten, der auf seine Art für Spannung sorgt.
Mal ein ganz anderes Konzept, neu und sicherlich auch mutig, einen solchen Comic anzugehen und gerade deshalb mehr als nur interessant. Angelegt auf drei Bände verspricht der Auftaktband noch sehr viel mehr. Schön stimmungsvoll gezeichnet in Schwarzweiß und Graustufe. 🙂
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Link: www.elrevel.com (Link zur Homepage von Brahm Revel)
Samstag, 28. September 2013
Negan steht vor dem Tor. In seinem Tross bewegt sich ein immenses Gefolge mit Lastwagen, die allesamt nur darauf warten, ihren Anteil in der kleinen Kolonie hinter Rick Grimes zu plündern. Was wird Rick unternehmen? Diese Frage stellen sich die Männer und Frauen innerhalb der kleinen umzäunten Siedlung und können es kaum fassen, als nichts geschieht und Rick die Fremden tatsächlich gewähren lässt. Sogar als die Medikamente gestohlen werden, so dringend benötigt, hält Rick seine eigenen Leute davon ab, sich zu wehren. Und gerade dieses Verhalten, so durchdacht es auch ist, beschwört beinahe eine Katastrophe herauf.
Grenzen: Es gibt keine mehr. Die nächste Generation in der Erfolgsreihe THE WALKING DEAD wird langsam erwachsen. Der Sohn von Rick Grimes, der sich zahlreichen Prüfungen unterwerfen musste und schon lange kein Kind mehr ist, macht neue Erfahrungen, die ein neuer Psychopath für ihn bereithält. Carl Grimes, Ricks Sohn, hat sich zu einer der bemerkenswertesten Figuren der Reihe entwickelt. Anfangs war er noch ein Kind, doch spätestens seit er glaubte, Probleme mit Waffengewalt lösen zu können, auch bei Menschen, als alles um den kleinen jungen herum zum Teufel ging, hat Autor Robert Kirkman hier einen Comic-Charakter regelrecht heranreifen lassen. Nun, im 18. Band der Reihe THE WALKING DEAD mit dem Untertitel Grenzen, fällt Carl Grimes eine wichtige Rolle zu. Ein Pulverfaß trifft auf ein Pulverfaß, ließe sich auch sagen.
Robert Kirkman gehen nach so langer Zeit die Ideen innerhalb der Serie nicht aus. Der neue Feind ist unberechenbar. Er steckt Schläge ein und lacht. Er tötet mit einem Lachen im Gesicht. Er ist immer auf seinen Vorteil bedacht. Wenn er Gnade walten lässt, hat er dafür einen Grund. Der Blick, den er dem Betrachter auf dem Titelbild des 18. Bandes schenkt, mit einer Art finsteren Milde, spricht Bände und ist nur die Spitze eines Eisbergs. Kirkman verarbeitet die psychopathischen Auswüchse von Negan, dem feindlichen Anführer, auf eindrucksvolle wie auch stets unerwartbare Weise. Sehr langsam kristallisiert sich das Bild einer Gemeinschaft heraus, die sich gegen diese Kreatur wehren könnte. Doch die Mauern aus Angst, die dieser Mann um sich herum gebaut hat, die nun niemand mehr zu überwinden vermag, sind inzwischen viel zu hoch.
Liebe ist die Motivation. Rick Grimes, der einen enormen Wandel im Laufe der Serie erfahren hat, der Angehörige verlor, Freunde, selbst in die Irre geleitet wurde und sich nur mühsam wieder gefangen hat, gerät erneut an den Rand der Beherrschung, als es so aussieht, er habe auch noch seinen Sohn verloren. Insgesamt kann Robert Kirkman die sich hier offen zeigende Dramatik über die volle Länge der Handlung ziehen und schafft so einen neuen Höhepunkt der Reihe, der seine Kraft schon lange nicht mehr aus dem Kampf gegen die lebenden Toten zieht. Denn diese stehen bei den realen Gefahren der Geschichte mittlerweile in der zweiten Reihe. Ein Zombie will fressen, ist langsam und nähert sich gerne im Rudel. Zombies sind berechenbar. Menschen in dieser apokalyptischen Welt sind es nicht. Kirkman beschreibt, wie schnell sich das Blatt wenden kann.
Charlie Adlard ist als Künstler in der beneidenswerten Position, sich über einen langen Zeitraum bestimmten Charakteren widmen und seinen Stil perfektionieren zu können. Rick Grimes und Gefährten kennt er nun aus dem FF, allerdings der Leser ebenfalls und so ist das Erscheinen neuer Figuren auch immer spannend mit anzuschauen. Mit dem Jesus-Charakter, der freilich nur wie der Erlöser aussieht, und Negan wurden zwei spannende Neulinge auf dem Feld platziert. In diesem Band kommt der seit langem ungewöhnlichste Charakter hinzu. Ezekiel, ein weiterer biblischer Name, tritt königlich auf und hat sogar Begleitung. Auch diese macht neugierig auf weitere Auftritte.
Adlard pflegt einen leisen Zeichenstil. Er zeichnet den Kern einer Szene, eines Augenblicks. Großes Theater innerhalb eines Bildes, wie bei manchen Kollegen, gibt es nicht. Handlung geht hier auch vor Bild, doch soll damit die Leistung von Charlie Adlard und seines grafischen Kollegen, dem Koloristen Cliff Rathburn keineswegs geschmälert werden. Im Gegenteil, ist THE WALKING DEAD doch stark dafür verantwortlich, dass der Schwarzweiß-Comic auf dem Comic salonfähig geworden und geblieben ist und gezeigt hat, wie erfolgreich mit diesem Mittel gearbeitet werden kann.
Die Spannungsschraube zieht in diesem im Prinzip neuen Zyklus innerhalb der Reihe enorm an. Nach der Einleitung im vorherigen Band marschiert Robert Kirkman nun mit großen Schritten weiter und reißt den Leser mit. Auch mit Band 18 weiß die Serie noch zu überraschen. Sehr gut! 🙂
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Freitag, 27. September 2013
Das Yankee-Stadion ist ein kleines Dorf geworden. Mit seiner Architektur ist es ein natürliches Fort. Doch wer innerhalb dieses und anderer Forts dieser Art unterkommen will, muss neuen Regeln gehorchen. Regeln, die von Verbechern aufgestellt wurden und die nun die Oberhand haben. Miniaturstaaten sind entstanden. Jeder ringt um einen Vorteil. Verhandlungen werden begangen, Hinterhalte gelegt. Der Krieg ist nicht kalt. Er ist zu jeder Stunde heiß. Skrupel gibt es keine mehr. Doch die Opfer sind meist immer noch die Unschuldigen.
Wenn die Zivilbevölkerung verloren ist, das Militär vernichtend geschlagen wurde, behalten nur noch jene eine Ordnung aufrecht, die zuvor schon in einer gewissen Forma organisiert waren: Gangs. In einem großen Ausschnitt der Welt, dem, was von New York übrig geblieben ist, haben sich verschiedene Gruppen herausgebildet, die den mageren Rest einer Weltstadt unter sich aufzuteilen versuchen. Natürlich geht aus auch um Vorherrschaft. Wer kann sein ehemalige Stadion zum neuen Olymp innerhalb des Chaos machen? Claudio Sanchez und Chandra Echert nehmen sich den menschlichen Untergang vor und beschreiben einen schön schaurigen Big Apple. Hierin bewegen sich die letzten Überlebenden auf der Suche nach Gegenständen, die noch irgendeinen Wert haben könnten.
Die Arbeit für die falsche Seite brachte der Familie von Ewing den Tod. Seither hat er beschlossen, dass selbst in einer Welt, in der Gevatter Tod allgegenwärtig ist, Rache immer noch ein angenehmes Ziel bedeutet und außerdem eines ist, das die Zeit ausfüllt. Die beiden Autoren haben sich neben dieser Rachegeschichte noch einen weiteren Aspekt ausgedacht, der dieser Zombiegeschichte Spannung verleiht. Ewing hat eine Eigenschaft seiner Mundharmonika entdeckt, die ihm ohne die Apokalypse niemals aufgefallen wäre. Der Effekt ihrer Klänge auf die Untoten kommt einem Rattenfängerphänomen gleich und geht sogar noch einen Schritt weiter.
So entsteht für den Leser eine Art Spiel mir das Lied vom Tod im wahrsten Sinne des Wortes in Zombieland. Dank der Zeichenkünste eines Aaron Kuder sind die Bilder, die auch zum Teil eine Freundschaft beschreiben, sehr schön anzuschauen, obwohl das im Zusammenhang mit einer Zombiegeschichte ungewöhnlich formuliert sein mag. Aber eine gute Technik ist eine gute Technik und diese beherrscht Aaron Kuder hervorragend. Mit seinem Zeichenstil ordnet er sich in die Reihe ähnlich penibler Zeichner ein wie Geof Darrow (Hard Boiled) oder Juan Jose Ryp (Frank Millers Robocop). Wer sich also mit diesen Zeichenstilen gut unterhalten fühlt, liegt hier schon einmal richtig.
Darüber hinaus ist der Charme der Erzählung, angesiedelt zwischen Italowestern und Tarantino-Stil, bei einer härteren Gangart zu finden. Das hat auch etwas von den Romero-Streifen vergangener Tage, in denen ziemlich geradlinig erzählt wurde. In den Kampfszenen gegen die Untoten finden sich atmosphärische Bilder, wie sie auch erwähntem Zombieland entsprungen sein könnten (ohne den Humor) oder auch dem Remake von Dawn Of The Dead (hier ebenfalls ohne den wenigen Humor). Grafisch besticht Aaron Kuder durch die hohe Individualität seiner Figuren und einer filmischen Sicht auf das Geschehen, eine gelungene Choreografie seiner Kampfszenen inklusive.
Das ist insgesamt nichts für schwache Nerven. Der Niedergang der Welt wird gruselig gut mit einigen sehr eindeutigen Bildern dokumentiert. Ein Pärchen hat auf einer Parkbank den gemeinsamen Selbstmord begangen. Das Wrack eines Hubschraubers hängt in der Freiheitsstatue. Ein leerer Schädel liegt wie Touristenmüll im Central Park. Eine Bibliothek, ein ehemaliger Hort des Wissens, wird zum Ort eines Kampfgeschehens. Wo die Geschichte auf Augenhöhe mit einem Italowestern balanciert, weisen die Bilder eine höhere Dichte auf. Ganz so, als habe ein italienischer Altmeisterregisseur das Szepter über der Handlung geschwungen.
Das sieht gut aus, das geht ab und baut auch für das Genre neue Ideen ein, liest sich flüssig und ist perfekte Zombie-Unterhaltung. Aaron Kuder ist als Zeichner eine sehr gute Entdeckung. Hoffentlich sieht man von ihm noch mehr, gerne auch in diesem Genre. 🙂
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Montag, 23. September 2013
Als Privatdetektiv muss Dede auch darauf vorbereitet sein, dass es hin und wieder hart auf hart kommt. Ziemlich ramponiert, von zwei Halunken verschleppt, kommt Dede bei seinem geheimnisvollen Gegenspieler an. Dieser, ein sehr alter Mann, hat kein Mitleid für seinen Gast und verfügt über noch weniger Gewissen. Für ihn zählt nur der Fund der Mumie, doch die ist, von zeitweiligem und unerwünschtem Auftauchen einmal abgesehen, und bleibt verschwunden. Und eigentlich sollte man über ihr verschwinden auch erfreut sein, denn wer sie sah, sah danach gar nichts mehr, weil die Mumie offensichtlich eine Art Fluch folgt und verschiedene Menschen meuchelt. Dede schert das wenig. Er leckt seine mannigfaltigen Wunden und kann sich immerhin über die Hilfe seiner neuen Nachbarin freuen, eine Medizinstudentin, die seine Verletzungen leidlich pflegt.
Erik schickt Dede in die zweite Runde um die Jagd auf eine abhanden gekommene Mumie, die sich sehr energisch gegen ihr Auffinden wehrt. Der Privatdetektiv, der so mürrisch gegen die Möglichkeit eines ehemals ägyptischen, in Bandagen gewickelten Untoten aufbegehrt, bekommt von einer Stippvisite der Mumie nicht einmal etwas mit. Es sind solche und andere Begebenheiten, die auch die Fortsetzung von Mumien sind auch nur Menschen locker und mit tatsächlicher französischer Leichtigkeit vor dem Leser ablaufen lassen. Da findet sich ein wenig des Humors, der auch schon Komödienklassiker beförderte und auch hier, obwohl von einem Saarländer adaptiert, hervorragend funktioniert. Natürlich ist es auch eine Karikatur von Kino-Mumien-Höhepunkten jünger zurückliegender Jahre.
Und dann Ruhe in Paris, so lautet der Untertitel des vierten Bandes der Reihe DEDE. Es ist düsterer als sein Vorgänger. Es regnet in Paris. Es ist dunkel und hinter den Kulissen gärt es. Erik hat sich eine kleine, gerne angesehene Technik angeeignet, die er für eine szenische Abfolge verwendet. Er setzt eine Szene komplett in ein Bild, von links nach rechts geschaut, beleuchtet er verschiedene Blickwinkel, so dass zum Beispiel aus einem Dialog eine sehr dynamische Grafik wird. Er geht sparsam mit dieser Technik um. Das garantiert bei ihrem Einsatz eine beständige Wirksamkeit. Es funktioniert auf unterschiedlichsten Ebenen. In Massenszenen, in kleinen Nebenepisoden, die nur eine Person aufweisen entsteht ein schöner Eindruck. Selbst Dedes Prügelei mit einer Mumie gerät so zu einer spaßigen Angelegenheit.
DEDE und die Frauen. Liebt er sie oder liebt er sie nicht? Die eine? Die ihn immer wieder besuchen kommt? Gefühle? Für Dede scheinen Gefühle etwas zu sein, dass man verbirgt und allenfalls nur über Umwegen preisgibt. Erik gibt DEDE in den richtigen Momenten Tiefe mit, verleiht ihm den nötigen Charakter, um auch noch auf weitere Folgen neugierig zu machen, in denen vielleicht jene Nebenfiguren noch einmal viel wichtiger werden können. Aus Lesersicht wäre es ihnen zu wünschen, da es Erik selbst in kleinen Szenen gelingt über Text und Bild reiche Informationen zu transportieren, die Charakter runder und interessanter zu machen.
Ein seltsames Geheimnis lüftet sich. Aber war es wirklich ein Geheimnis oder nur eine Fehlinterpretation? Für Dede stellt sich natürlich die Frage, ob es das alles wert war. Immerhin geht für ihn alles gut aus, das darf verraten werden, denn er ist die Hauptfigur. Für alle anderen jedoch … Eine spannend komödiantische Geschichte. Erik hält mit seinem Detektiv Deschamps das Detektiv-Genre im Comic am Leben, so wie es sich für einen leichten Krimi gehört. 🙂
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Sonntag, 22. September 2013
Der Fall ist zunächst außergewöhnlich zu nennen. Dede wird zum Museum gerufen. Jemand ist ausgebrochen. Drei mannshohe Glasvitrinen stehen vor dem Detektiv. Eine davon ist zerbrochen. In den beiden anderen stehen Mumien. In der dritten befand sich ebenfalls eine. Dede mag nicht glauben, was man ihm seitens der Museumsverantwortlichen auftischen will. Eine Mumie soll lebendig geworden sein? Also, bitte! Das ist doch wohl ein Ding der Unmöglichkeit! Sogar in Paris, wo vieles möglich ist. Dede jedenfalls, Detektiv Deschamps mit Langnamen, macht sich an die Arbeit.
Im dritten Band, dem Auftakt zu einer Doppelfolge, begibt sich Erkis Detektiv Deschamps auf die Pfade des Unheimlichen. Aber Dede gehört zu den Ungläubigen. Je wahnwitziger die Geschichte ist, die ihm aufgeschwatzt werden soll, umso misstrauischer wird er. Der aus der Werbung kommende Autor und Zeichner der Reihe, Frank Erik Weißmüller, weiß, wie er den Beginn eines Comics gestaltet, um eine möglichst hohe Aufmerksamkeit beim Leser zu erreichen. So teilt sich der Anfang der Kriminalgeschichte örtlich auch nicht in Paris mit, sondern nimmt den Leser mit nach Ägypten, zusätzlich in die Vergangenheit, hin zu einer Ausgrabungsstätte, die kein Glück verheißt.
Der nächste Aufenthalt, im vollkommenen Gegensatz, zeigt das frühmorgendliche Aufwachen in Dedes Bett und seine Sicht auf das Geschehen (hier soll nicht zu viel verraten werden). Dede ist ein Mensch, der ein wenig gammelig vor sich hinlebt, Unordnung produziert und erträgt, nicht gerade pfleglich mit sich umgeht, auch ungesund lebt, immerhin nicht raucht und einen Kaffee, der furchtbar schmeckt, nur trinkt, weil ihm dieser von jemandem serviert wird, den er mehr als nur gut leiden kann. Mürrisch ist er auch zu nennen, etwas wortkarg, viel zu groß für sein kleines Auto ist er sowieso und das Warten bei einer Observation vertreibt man sich am besten mit der Nahrungsaufnahme. Je mehr, je besser und so passt er immer schlechter in sein kleines Auto. Erik, so der für die künstlerische Tätigkeit verwendete Kurzname des Autors und Zeichners in Personalunion, erzählt mit trockenem Humor.
Der Zeichenstil wartet mit ausdrucksstarken Linien auf, die weniger gemalt, vielmehr geschnitten wirken. Oft lässt Erik Unterbrechungen in den Linien zu, so dass die Figuren die Wirkung einer flüchtig zusammengesetzten Form erzielen, ohne dies negativ klingen lassen zu wollen. Denn in Strichtechnik und Form hat Erik einen sehr schönen und wieder erkennbaren Strich geschaffen, der sich völlig auf diesen Ausdruck verlässt (zu Recht) und nur mit einer minimalen Kolorierung einher läuft. Blasse Farbtöne, rötlich, bläulich, bräunlich, grau und einige mehr (so, wie es das Titelbild auch vermittelt) imitieren eine dunkle Serie, wie es die Detektivfilme in der Schwarzweißära auch waren.
Spannend: Der Leser weiß, dass es keine lebenden Mumien gibt. Auch Dede weiß, dass es keine lebenden Mumien gibt. Nur die Mumie selbst scheint sich dieses Umstandes nicht bewusst zu sein, da sie munter unterwegs ist. Und obwohl sie dieses Flair der Gefahr hinterlässt, gibt es auch noch Halunken, die jenes ägyptische Schmuckstück, aus welchen Gründen auch immer, ebenfalls in ihre Hände bekommen wollen. Dede hat also alle Hände voll zu tun, um überhaupt lebend aus der Geschichte herauszukommen. Das ist durchweg unterhaltsam und wird mit einigen privaten Anekdoten des Detektivs gewürzt. Dede besitzt (weiche) Ecken und Kanten (die seiner ungesunden Lebensweise geschuldet sind) und dennoch ist dieses Raubein sympathisch.
Ein schöner dritter Band, in dem sich Autor und Zeichner Erik auf eine Doppelfolge einlässt. Doch ist der Auftakt so schön illustriert, so fein illustriert, dass man die nächste die Handlung abschließende Folge gerne erwartet. 🙂
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Freitag, 20. September 2013
Der alte Mann liegt im Sterben. Er weiß, dass es nicht mehr lange dauern wird. Die wenige Zeit, die ihm noch zur Verfügung steht, will er nutzen, um seiner Tochter ein Erbe zu übergeben. Schrecklich ist es, doch darf es nicht in die falschen Hände fallen. Zu lange hat er es gehütet, um nun einen Fehler zu begehen. Saria übernimmt das Geheimnis und flieht. Bei ihrer Rückkehr, unter falschem Namen, erwirbt sie sich den Respekt des Volkes, ist sie doch dazu bereit, sich für die einfachen Menschen einzusetzen, Gräueltaten von ihnen abzuwenden und nicht selten unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Aber Luna, wie sie sich nun nennt, geht zuweilen zu hohe Risiken ein.
Venedig, wie es niemand kennt. Eine Legende versetzt die Mächtigen der Stadt in Furcht und gleichzeitig dürsten sie nach ihr. Drei Schlüssel gibt es für die Engelspforte, doch jeder öffnet den Weg für ein anderes Ziel. Mit einem gelangt man in die Hölle. Mit einem anderen findet man die Schwelle des Paradieses. Der dritte Schlüssel führt einen ins Nichts. Doch welcher Schlüssel bewirkt was? Das ist die große Frage. Autor Jean Dufaux liebt das fantastische Element einer Erzählung. Mal gibt er dieser Liebe mehr, mal gibt er ihr weniger nach. In diesem von ihm beschriebenen Venedig kommt dem Leser, selbst wenn er nicht allzu viel über die Lagunenstadt weiß, vieles bekannt vor, denn Dufaux bedient sich an historischen Strukturen aus verschiedenen Epochen und vermischt sie mit einem grauenvollen Mythos.
In eine mittelalterliche Stimmung hinein bohrt sich eine Endzeitatmosphäre, die ein wenig an die Geschichte um Druuna erinnert, jene ordentlich sexuell aufgeheizte Science Fiction Handlung von Paolo Serpieri, dessen Zeichnungen einen hohen Wiedererkennungswert haben. Das Abgleiten in diese endzeitliche, auch gruseligen Szenarien lässt ihn auch wieder Mischwesen (einen ziemlich grausamen Engel) und einiges an Glibber und Kabeln in die Bilder einbauen. Körperlicher Verfall am lebendigen wie auch toten Objekt ist bei Serpieri ein beständiger Spielball, den er meisterlich beherrscht. Seine Strichtechnik, einen Körper, wie auch immer geartet, auf das Papier zu meißeln, als arbeite er im Stile einer Radierung, so dass ein enormer Realismus erreicht wird, ist sicherlich nicht einzigartig, findet sich aber höchst selten.
Einerseits bietet sie den Vorteil für Serpieri unbequeme Stellen zu verschleiern, andererseits nutzt er die Technik auch, um besondere Strukturen herauszuarbeiten. Das ist geschickt gemacht, wie auch wunderschön anzuschauen, denn durch seine eigene Kolorierung, leicht und lasierend aufgetragen, entsteht ein feines und fragiles Volumen, dem der Stil alter Fotografien anheftet oder auch die gute alte Theaterinszenierung. Dies wird umso deutlicher, betrachtet man die inneren und äußeren Kulissen alter venezianischer Paläste, auch gewöhnlicher Häuser, der Kanäle und auch jener Konstruktionen, die so typisch für Serpieri sind und in denen er seinen Hang nach überbordenden Details ausleben kann.
Aber es gibt auch Eindrücke, die einen wünschen lassen, Serpieri möge sich einmal des Steampunks oder eines orientalischen Themas mit all seiner grafischen Wucht annehmen. Anklänge sind hier vorhanden, leider sind sie nur Seitenlinien und zunächst nicht so relevant. Inwieweit sie mehr Bedeutung in einer Fortsetzung der Handlung erlangen, wird sich zeigen. Frauen: Serpieri kann nicht ohne sie und er hat eindeutig eine Frau zu seiner Ikone erkoren. Sie findet sich in Gesicht und Körper stets wieder. Einige Merkmale ändern sich, die Haarfarbe zum Beispiel, doch letztlich von Druuna lassen, kann er nicht.
Aber mehr noch: Im Handlanger des Bösewichts, einer merkwürdigen kirchlichen Eminenz, wird der historisch interessierte Leser eine Art Duce, einen Mussolini wiedererkennen. Sogar die Uniformierung desselben und seiner Untergebenen, mit einem Fez erinnert an jene faschistischen vergangenen Tage, die in dieser Erzählung in einem Venedig aufleben, in dem in Teilen der Handlung auch ein Storm auftauchen könnte. Mit dem Erscheinen des Molochs nimmt Jean Dufaux entsprechende Anleihen bei der nach ihrem Helden benannten klassischen SF-Abenteuerserie.
Eine düstere Geschichte, mehr Horror als Fantasy oder Science Fiction. Mythologisch gewürzt und grafisch aufwändig von, im wahrsten Sinne des Wortes, Comic-Künstler Paolo Serpieri umgesetzt. Jean Dufaux weiß die Spannung auf die Fortsetzung mit großem Geschick zu schüren. 🙂
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