Freitag, 13. September 2013
Harpyien. Sie wähnen sich in Sicherheit, wenn sie aus der Luft angreifen. Von hier aus können sie in aller Ruhe zuschlagen, ohne eine nennenswerte Gegenwehr fürchten zu müssen. Jason und seine Argonauten, unter ihnen auch Atalante, wollen helfen, die Angreifer in die Flucht zu schlagen. Die schiere Überzahl ist schon überwältigend, dennoch wollen nicht alle aus seiner Kampftruppe den Ernst der Lage begreifen und so werden sie prompt überwältigt und entführt. Sicherlich wollen die Freunde die Entführten befreien, aber das Ziel ist ein Wolkenpalast. Wie soll man dorthin gelangen, wenn man keine Flügel hat? Nun, man sucht sich Mitstreiter, die fliegen können. Doch auch das ist wieder leichter geplant, als getan.
Ja, der Olymp hat seine ganz eigenen Gesetze. So spielen die Götter auch Brettspiele, mit strategischem Einschlag natürlich, doch falls Zeus einmal verliert, ist sein Zorn fürchterlich und Spielfiguren können schon mal verloren gehen. Auf der Erde. Doch dem Autoren und Zeichner Didier Crisse ist das nicht genug. Die Zahl der Kreaturen, die hier aufgeboten wird, bietet eine fantastische Mischung mythologischer wie auch märchenhafter Wesen und selbstverständlich auch Helden, die sich in dieser Form nicht so häufig in Gruppen zeigen. Und mittendrin ist Atalante, mit dem Herz am rechten Fleck, mutig, geschickt, kampfeserprobt und schön. Weil diese Voraussetzungen für eine Heldin außerordentlich gut sind, fallen die zu bewältigenden Aufgaben entsprechend schwierig aus.
Der Der Flug der Boreaden, im vierten Band aus der Reihe Atalante, gibt Didier Crisse die Möglichkeit mit Volldampf eine seitenweise Pracht aus dem Hut zu zaubern, in dem es von Ideen nur so wimmeln muss. Allein die Auftritte der vielfältigen Kreaturen – so vielfältig, dass sie beinahe von vom Rest der Handlung ablenken – sind ein Kabinettstückchen der besonderen Art. Bedenkt man nur den Greif (und seine zwei Söhne), wird schon hier ein Figur über mehrere Seiten zelebriert, die erst einmal ihre Flugkünste unter Beweis stellt. Und sie ist bei weitem nicht die einzige Kreatur der griechischen Mythologie, die hier die Lüfte erobert. Halb Löwe, halb Schlange sieht der mächtige Chimäre eher unelegant in den Himmeln aus. Geflügelte Pferde jedoch sind wie geschaffen für einzigartige Bilder. Nur der ebenfalls geflügelte Stier Andros kann sie noch übertreffen.
Dieser Band lebt von der Zusammenstellung einer Gruppe zur Befreiung von Atalantes Freunden. Sicherlich weiß die Einleitung ein gehöriges Maß an Dramatik aufzuweisen – immer im Rahmen einer disney-artigen Inszenierung – doch das Sammeln der Begleiter und Kämpfer ist viel aufwändiger und erinnert in seiner Machart beinahe an andere Geschichten mit legendärem Unterton (z. B. Die sieben Samurai). Der Aufbau ist ähnlich, nur so blutig wird es nicht. Nur eine kleine Schockszene lässt sich nicht vermeiden, passt aber in den märchenhaften Ansatz. Sind diese Gesellen alle einmal vereint, kann es an das wahre Abenteuer gehen. Doch das gibt es erst im nächsten Band zu erleben. Hier findet sich auch der einzige (klitzekleine) Makel in einer ansonsten leichten, kindgerechten Geschichte, die einen die nächste Folge als fantasy-begeisterter Leser kaum erwarten lässt.
Wenn Didier Crisse andere Comic-Figuren geschaffen hätte, sähen sie vielleicht so aus, wie es der umfangreiche Anhang vermittelt. Amerikanische Superhelden beider großer amerikanischer Comic-Verlage, ganz nebenbei ein paar Figuren, sich geradezu in die Gedanken des Zuschauers schmeicheln und neue Abenteuer wie nebenbei entstehen lassen oder auch die Steampunk-Charaktere, die nur darauf warten, in einer eigenen Serie zum Leben erweckt zu werden (sehr gerne sogar).
Als Atalante-Fan kommt man an diesem von Fred Besson einmal mehr in bunte, peppige Farben getauchtem Abenteuer nicht vorbei. Obwohl Band 4 können es auch Neueinsteiger sehr gut ohne jegliche Vorkenntnisse genießen, da viele neue Figuren auftreten und sich erst einmal vorstellen. 🙂
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Montag, 09. September 2013
Für die kleine Kolonie New Fraternity und ihre Bewohner ist es schwierig, sich aus dem Bürgerkrieg herauszuhalten und neutral zu bleiben. Innerhalb der Gruppe schwelt der Konflikt. Ganz besonders die Ausrichtung der Kolonie, ihre Organisation und Arbeitsverteilung bereitet große Probleme. Es sollte ursprünglich ein neuer Weg gefunden werden, ohne die Welt da draußen zurecht zu kommen. Doch es will nicht gelingen. Kompromisse werden gefunden, bittere Zugeständnisse, die trotz der misslichen Lage nicht wenigen aufstoßen. Der kleine Junge Emilio ist in dieser Gruppe dieser Gruppe ein Außenseiter. Verwildert und wortlos macht er sich zwar nützlich, aber gelitten ist er auch nur bei den wenigsten. Da lernt Emilio einen Freund kennen, mit dem niemand gerechnet hat.
Der amerikanische Bundesstaat Indiana im Jahre 1863. In der abgeschiedenen Welt wollen sich nahezu alle Einwohner der Realität verweigern, sich ihr verschließen können sie dennoch nicht. Der Krieg gelangt auch bis an ihre Türen. Autor Juan Diaz Canales beschreibt in seiner Ausgangssituation keine ungewöhnliche, aber heutzutage eher seltene Enklave in den Vereinigten Staaten. Der Wille, sich abzuschotten und innerhalb des Landes der Freien etwas ganz Eigenes zu versuchen, wohnt manchem Amerikaner immer noch inne. Umso verständlicher mutet dieses Szenario immer noch an, obwohl es sich in der noch jungen zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewegt. Das Faszinierende ist der Umstand, dass der Leser an der Seite des kleinen Emilio die Geschichte erlebt. Da Emilio stumm ist, seine Ansichten erst durch sein Verhalten deutlich werden, ist der Leser mehr gefordert aus den Mimiken und der Situation zu lesen. Dank eines Künstlers wie Jose Luis Munuera gelingt das hervorragend.
Emilio wird in den Wäldern gefunden, nackt, verwildert, wie ein Tier lebend. Die Jäger, die ihn aufspüren, machen sich diesen Umstand, es handele sich um kleinen Jungen kaum bewusst. Sie wollen Rache für die Hühner, die er bei ihnen gewildert hat. Immerhin beweist einer Güte und Menschlichkeit und reicht dem verlorenen Kind die Hand. Allein die Auftaktsequenz ist ein kleines Comic-Juwel in der von Munuera zeichentrickartigen Technik. Die Farben von Sedya nehmen sich sehr zurück. Als läge ein industrieller Schleier über den Bildern, so taucht diese Welt aus den Seiten auf. Es sind die Farben früher Fotografien, die hier Alter und Vergangenheit vortäuschen und durch die Reduzierung den Blick enorm konzentrieren.
Die luftigen, sehr raumgreifenden Figuren und Gesichter, die Munuera entwirft, brauchen jede Aufmerksamkeit, die sie bekommen können, liegt doch allein in der äußeren Erscheinung einer jeden vorkommenden Figur eine Geschichte verborgen. Nur wird leider nicht jede erzählt. Die gezeigte Umgebung wird so sehr lebendig. Am Beispiel der vier schwarzen Deserteure der Unionstruppen zeigen sich die von Munuera herausgearbeiteten Unterschiede sehr schön. Er zeichnet bei weitem nicht derartig cartoonartig wie ein Willy Lambil, erreicht aber hier auch nicht die Disney-Optik. Technisch ist er dazwischen angesiedelt, mit sehr vielen Alleinstellungsmerkmalen, die ihn stilistisch sofort erkennbar werden lassen.
Während vordergründig die Menschen agieren, gibt es im Hintergrund einen heimlichen Star der Geschichte, der, wie es sich für ein geheimnisvolles Wesen gehört, nur sehr verhalten eingeführt wird. Umso beeindruckender ist das Design des Wesens, dessen Schädelform deutlich von anderen Monstern abweicht. Munuera hat sich keine Fleischfresser zum Vorbild genommen. Das Wesen ist richtig merkwürdig gelungen, wie es nur selten in vergleichbaren Comics mit Monsterthematik zu finden ist.
Der erste Band von zweien, ungewöhnlich erzählt und bebildert, auf jeder Seite eigen, fesselnd, etwas märchenhaft auch, mit Mythologien spielend. Munuera etabliert sich als der Künstler für den feinen Zwischenton. Sehr schön. 🙂
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Mittwoch, 04. September 2013
Die Tränen der Bienen. Ein seltsamer Name, aber ein wichtiges Kleinod, eine seltene Flüssigkeit und nun ist sie verschwunden. Erwan muss sie unbedingt wiederfinden. Doch wo soll er suchen? Wo ist der Nachlass seines Mentors mit den kleinen Phiolen geblieben? Die Lösung ist bald gefunden. Gemeinsam mit Pauline macht er sich auf den Weg. Soll Gaelle für die kurze Weile auf die kleine Blanche aufpassen? Was soll schon passieren? Eigentlich verstehen sich die beiden ja ganz gut. Aber Blanche ist kein normales Kind. Und Gaelle ist … sie ist eben Gaelle. Neugierig.
Geht die Welt unter? Eine Reise entpuppt sich langsam aber sicher als der Prolog zu ungeheuren Ereignissen, die an der Existenz der menschheit zu rütteln beginnen. Die Ausmaße der Idee von Regis Loisel waren im ersten Band der Reihe Der große Tote in keiner Weise absehbar. Selbst mit dem Wissen des dritten, also vorhergehenden Bandes trifft die Handlung den Leser im vierten Band, Sombre völlig überraschend. An der Seite der beiden Frauen, Pauline und Gaelle, ist zunächst ein Streit zu beobachten. Aus einer Eifersüchtelei heraus kommt es zu einer Aussprache und im nächsten Augenblick tritt die Katastrophe ein.
Das Titelbild spielt mit dieser Katastrophe, in der es sich Gaelle nicht verkneifen kann, um ihre Ente zu trauern, nur um sich bald schon über einen anderen Klassiker, eine Vespa, zu freuen. Viel mehr Grund zu Freude gibt es allerdings nicht. Denn vor den kleinen Weltuntergang haben Loisel und Co-Autor JB Djian Rätsel platziert. Eines davon heißt Blanche und ist die kleine Tochter von Pauline. Eigentlich hätte Pauline niemals schwanger sein dürfen, immerhin gehört nach menschlichen Maßstäben auch ein Vater dazu. Alsbald ist deutlich, dass Blanche ein Kind der kleinen Welt ist, ein Mischwesen. Die Bedrohung, die von der Kleinen ausgeht, ist zurückhaltend, aber spürbar. Und was dem Leser vorenthalten wird (bisher jedenfalls), malt er sich in entsprechenden Farben aus.
Vincent Mallie verleiht den Bildern eine schöne Leichtigkeit, wie es der Comic-Fan von Bildern, die Regis Loisel selbst gestaltet hat, her kennt. Vincent Mallie arbeitet aber noch eine Spur realistischer und gibt seinen Charakteren ein hohes Maß an Lebendigkeit mit, die besonders in der Menschenwelt funktioniert. Die Wesen der anderen Welt sind schwieriger zu durchschauen. Sie sind durchaus fantasievoller zu nennen, aber ihre Mimik fällt auch durch geringere Möglichkeiten auf. Hier findet eine Orientierung an gängigen außerirdischen Physiognomien statt. Die Konzentration der vorliegenden Handlung, des 4. Bandes, liegt auf den Menschen, die hier zu einem Spielball geworden sind, ohne es so recht zu bemerken. Der feine Strich, der ihre Gefühle sehr gut beschreibt und dem begleitenden Text beinahe einen Ton gibt, wird durch eine tolle Kolorierung gestützt.
Hier ist Lapierre ein großes Lob zu machen, denn die Natürlichkeit der Farbgebung, gerade in Land und Stadt ein Tageslicht auf das Papier zu zaubern, macht besonders aus den ländlichen Abschnitten der Erzählung ein kleines Juwel. Da ist nicht zu viel und zu wenig gemacht worden, sondern es passt alles wie das berühmte I-Tüpfelchen. Die Farbflächen sind niemals glatt. Es finden sich selbst in den scheinbar hellsten Flächen noch farbliche Unruhen, so dass hier auch eine simulierte Natürlichkeit des Farbauftrags entsteht.
Jetzt wird es aber mächtig spannend. Nicht nur die Welt geht unter, es zieht auch noch ein Krieg auf. Die Abschnitte, leicht episodenhaft, packen immer mehr, da sich das Rätsel langsam entwirrt und die Spieler aus der Deckung kommen. Klasse. 🙂
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Sonntag, 01. September 2013
Dieser Anwalt ist keine Zierde seines Berufes. Für seinen Erfolg geht er über die sprichwörtliche Leiche seines Gegners. Welchen Schaden er anrichtet, soll ihm schon bald bewusst werden. Dabei ist dies nicht einmal sein größtes Problem. Seine Frau sieht sich in den besseren Kreisen. Mit mehr Geld bestückt, in schöneren Gegenden, mit schöneren Kleidern und eigentlich wünscht sie sich auch einen anderen Mann an ihrer Seite. Aber eines nach dem anderen. Zuvor gilt es diesen Versager loszuwerden, der sich nur noch in seiner Angst suhlt und doch tatsächlich das Schießen übt. Allerdings ist er kein Meister seiner Klasse und es sieht nicht so aus, als würde er jemals zu einem werden.
Der Mann, der keine Feuerwaffen mochte? Warum eigentlich? Im zweiten Band lüftet Wilfrid Lupano das Geheimnis um die Abneigung seines Helden Byron Peck gegen Feuerwaffen. Gleichzeitig erfolgt eine Aufklärung um das seltsame Duo aus Peck und dem Hünen Knut Hoggaard, der offensichtlich durch eine Schussverletzung einen Hirnschaden davon getragen hat. Hat ihm letzteres auch enorme Sprachschwierigkeiten eingebracht, ist der Hass auf Pecks ehemalige Ehefrau, Margot, doch ungebrochen. Diese dritte Hauptfigur versteht es meisterhaft, auch unter Einsatz ihres wohlproportionierten Körpers, Männer gegeneinander auszuspielen.
Der Blick in die Vergangenheit und die gleichzeitige Reise in der Gegenwart zeigt dem Leser zwei Handlungsstränge sehr unterschiedlicher Natur. Ist das eine eher Charakterzeichnung und Ehedrama, ist das andere ein Roadmovie in Wildwestmanier sowie eine Jagd. Wer hier das Rennen machen wird, ist noch völlig offen. Mit Paul Salomone arbeitet ein Zeichner an Wilfrid Lupanos Seite, der hier zwar seine erste Serie abliefert, aber mit einer Präzision und sehr klaren Linien zu Werke geht, wie es nicht oft zu finden ist. Wie fingerfertig und von welch gutem Auge Paul Salomone beseelt ist, zeigt sich in einer besonderen Phase (wie sie auch nur höchst selten in einem Comic anzutreffen ist).
Byron Peck am Rande des Nervenzusammenbruchs. Wenn der Anwalt sich bewaffnet, sich wehrhaft glaubt und gleichzeitig von Tag zu Tag das letzte Quäntchen Verstand und Gemütsruhe verliert, dann erwacht dieser Geck von Anwalt mit seinen ultrafeinen Bärtchen regelrecht zu komödiantischem Leben. Die schmale Figur könnte bereits allein gut bestehen, läuft später an der Seite des nun tumben Knut zur Höchstform auf. Besonders die unterschiedlichen Standpunkte der beiden Charaktere, die sich mal annähern und auch entgegen stehen (Margot lässt grüßen) lassen auch den Illustratoren auf eher seltene Weise mit den Mimiken der beiden Männer spielen. Hier ist einer am Werk, der wirklich Komödie aufs Papier bannen kann. Das lässt für die Zukunft viel hoffen, nicht nur für Western-Fans.
Darüber hinaus, das Titelbild verrät es bereits (mit seinen Darstellungen vom amerikanischen Unabhängigkeitskrieg), schafft es Salomone, ein sehr breites Bild des im Umbruch befindlichen Amerika zu zeichnen. Die feinen Moden stehen dem sehr wilden Westen gegenüber, doch das städtische Leben ist spätestens hinter seinen Häuserwänden nicht weniger lebensfeindlich. Pecks emotionaler Abstieg geht mit einem Niedergang seiner Umgebung einher. Diese erinnert beinahe an das Interieur eines Horrorfilms. Es dauert ein wenig, bevor die Szenerie wieder licht wird.
Ein feiner zweiter Teil, stark erzählt und gezeichnet. Ein Western der anderen Art, auf jeden Fall dramatisch, aber auch sehr komödiantisch. Auf die Auflösung im dritten Teil kann man nur mehr als gespannt sein. Zu wünschen ist bereits jetzt, dass sich das Gespann Lupano und Salomone noch einmal an einen Western setzen. 🙂
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Nach Tschernobyl reisen und dort zeichnen? Welcher Europäer, welcher Mensch überhaupt würde sich an solch gefährliches Unterfangen wagen? Zu welchem Zweck? Emmanuel Lepage ist ein neugieriger Künstler, der den Schrecken der Atomkatastrophe im Kopf erlebt, aus Erzählungen und Dokumentationen, bevor er selbst dorthin aufbricht, um zu sehen und zu erleben, was die Jahre aus der Katastrophe gemacht haben.
Nur wenige Reiseziele besitzen einen derartigen Klang wie Tschernobyl, einem großen Mahnmal für eine nukleare Katastrophe. Lange war es ruhig darum, bis durch jüngere Ereignisse in Japan auch diese Stätte eines technischen Fehlschlags und großer menschlicher Verluste wieder ins Zentrum medialen Interesses rückte. Aber Autor und Illustrator Emmanuel Lepage setzt sich mit seinen Comic-Reportagen wohltuend von den nach Sensationen sonstigen Dokumentationen ab. Bereits mit Reise zum Kerguelen-Archipel hat er auf überragende Weise gezeigt, was Comic leisten kann. Gezeichnete Bilder, die viele mehr Informationen transportieren können, als es eine Fotografie vermag. Bilder, die neben der Grafik auch die Eintragungen des Autors in einer beinahe fühlbaren Weise unterstützen.
In der Ukraine, 22 Jahre nach dem Atomunfall im Atomkraftwerkskomplex Tschernobyl, wagen sich nicht nur Menschen von außerhalb langsam wieder in die verseuchten Gebiete hinein. Tatsächlich leben in den Randgebieten immer noch Leute, leben von Plünderungen und manch einer betrachtet es als Mutprobe, als Initiation zur Mannwerdung einmal in der verbotenen Zone gewesen zu sein und die Strahlung geschmeckt zu haben. Die Vorbereitungen zur Reise in diese Gegend erfordert von Emmanuel Lepage bereits überwinden. Er ist kein Einzelgänger, sondern ein Mensch, der mitten im Leben steht, mit Familie und Freunden. Eine Reise nach Tschernobyl ist auch ein Spiel mit dem Tod, obwohl ständig die Strahlung gemessen wird und vor Ort Vorkehrungen getroffen werden, kontaminiertes Material so gut es irgend möglich ist, nicht einzuatmen oder in die Behausungen mitzubringen. Auch Nahrungsmittel werden aus Frankreich mitgebracht.
Nicht alles funktioniert so reibungslos, wie es die Planung vorsieht. Wenn freundliche Gastgeber einem Speisen anbieten, was ist zu tun? Ablehnen? Oder im Sinne der Höflichkeit zugreifen? Emmanuel Lepage skizziert einen der unheimlichsten Landstriche der Erde, ein Beispiel dessen, was geschieht, wenn dem Menschen die Technik entgleitet und sich die Heimat gegen ihn stellt. Lepage zeichnet ein Geisterland, zurückgelassen, überstürzt selbstverständlich und nun dem steten Verfall ausgesetzt.
Emmanuel Lepage hält die Bilder meist düster, in kalten und warmen Grautönen und Brauntönen. Der Bleistiftstrich und Farbauftrag lassen die Katastrophe in noch weiterer Ferne liegen. Farbbilder, nicht häufig, lassen Lepage beinahe ein schlechtes Gewissen machen. Plötzlich wird das Land, dessen Pflanzen, auch Tiere, weiterhin gedeihen, viel zu freundlich, zu gesund. Aber hinter dieser Freundlichkeit lauert die unsichtbare Lebensgefahr, die Emmanuel Lepage mit einem beeindruckenden doppelseitigen Bild in Farbe portraitiert. Ein schöner Wald und dazwischen findet sich, auf den zweiten Bild ein einsamer, geschlechtsloser Spaziergänger mit einem Kinderwagen. Dieser Grafik folgt wieder der Verfall. Aber auch wieder Leben.
Man hat mich nicht hergeschickt, um so etwas mitzubringen! So schreibt es Lepage. Da ist zu viel Leben in und um Tschernobyl. Störche brüten auf Strommasten. Sogar Wölfe kehren in ein Land zurück, in dem die Menschen sich rar gemacht haben. Da ist zu viel hintergründige Hoffnung, die dem eigentlichen Auftrag zuwider läuft. Die Zeichner streiten sich. Soll man zeichnen, was man sieht oder was gesehen werden soll? Der Aufenthalt zermürbt, wirft mehr Fragen auf, als er Antworten bringt.
Emmanuel Lepage etabliert sich endgültig als Meister des Reise-Comic-Romans, will man einen Namen für dieses Genre finden. Die Bilder sind eindringlich, mit hoher Empathie erfasst, die Textbeiträge eine perfekte Ergänzung zur Illustration. Mit seiner Arbeit holt Lepage die Zwischentöne einer Atomkatastrophe ins Bewusstsein, die meist im Rahmen von medialer Berichterstattung untergehen. Und sie bricht das auf, was meist in der Flut neuer Nachrichten verloren geht: die Aufarbeitung, die Folgen, denn wie immer geht das Leben weiter. Irgendwie. 🙂
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Sonntag, 25. August 2013
Warum will ein Dämon eigentlich aus der Hölle heraus? Dort git es doch alles, was er braucht. Die erforderliche Wärme sowieso. Allerdings ist das Leben eines Dämons auch ein wenig eingeschränkt. Ein Leben in der Hölle bedeutet für die niederen Chargen Arbeit am Hochofen. Das ist kein Spaß. Vor allem nicht für jene Dämonen, die einen gewissen Ehrgeiz entwickeln. Nick, der nach seinem irdischen Ableben seine neue Stelle im R.I.P.D., dem REST IN PEACE DEPARTMENT antritt, weiß von diesen Verwicklungen und Strukturen nichts. Sich in diese neue Arbeitsstelle einzugewöhnen, ist bereits schwer genug. Auch ist sein neuer Partner irgendwie nicht der geduldigste. Dann ist da noch der ehemalige Kollege, der sich an die ehemalige Ehefrau ranschmeißt … Und das soll jetzt hundert Jahre so weitergehen?
Der amerikanische Traum. Warum soll er nicht auch für Dämonen gelten? Und warum sollten Dämonen nicht auch an den Grundfesten der Hölle rütteln dürfen? Wenn nicht sie, wer dann? Die Geschichte von Peter M. Lenkow, die nach längerer Planungsphase nun im Kino angekommen ist, bedient sich popkultureller Vorbilder, vergisst aber (wer hätte das gedacht) auch transatlantische Verwandte nicht. Es ist nur eine kleine Anspielung und auch nur auf einem der in einer Galerie gesammelten Titelbilder zu sehen, dennoch ist der Anblick eines fliehenden Wesens aus dem Volk der Shinguz.
Die hier gesammelte Handlung, aus vier Einzelheften bestehend, bedient sich unverblümt eines Konzeptes, das von den Men In Black vor einigen Jahren ins Kino transportiert wurde und da eigentlich schon eine Weiterentwicklung jener kumpelartigen Grundkonstellation im Stile der Straßen von San Francisco war. Alter Cop, junger Cop. Gangsterjäger, Außerirdischenjäger, Dämonenjäger. Neu ist allerdings der Umstand, erst zum Team gehören zu können, wenn man sein irdisches Leben hinter sich gelassen hat. Da die Kinoverfilmung nun ihren Weg auf die Leinwand gefunden hat, werden die Unterschiede zur Comic-Vorlage allzu deutlich. Hollywood besitzt seine ganz eigenen Vorstellungen, wie eine Adaption abzulaufen hat. Nicht zum ersten Mal.
Dabei weist die Vorlage bereits viel Witz auf, der von Peter M. Lenkow schön vorbereitet und herausgearbeitet wurde. Die Kreaturen (ich liebe den Höllenhund und seine Vorliebe für …) machen allesamt Spaß. Einige könnten auch den Ideen der Macher von Supernatural oder Buffy entsprungen sein, vielleicht sogar den Erfindern der Gremlins. Der Umgang mit diesen Wesen, die auch mal auf ungewöhnliche Art und Weise den Hokey Pokey tanzen (wäre vielleicht auch für das Kino etwas gewöhnungsbedürftig), produziert hin und wieder einigen Matsch. Oder um es mit Peter Venkman zu sagen: Es schleimte mich voll.
Grafisch ist Zeichner Lucas Marangon der Mann für eher knuffige Figuren. Diese stehen mancher Szene gehörig entgegen, so dass aus einer Splatter-Szene eine Slapstick-Einlage wird (Stichwort Schwarzer Humor). Besonders gelungen ist eine lange Sequenz in der Hölle, die gleich mit mehreren Szenen auffällt. Zweikämpfe, besondere Wächter und ein ausgefallenes Publikum werden den Fans fiesspaßiger Szenarien gefallen. Eine leuchtende Farbgebung taucht das allgemeine Szenario wirkt peppig, aber niemals zu grell oder zu kalt.
Selbst jene Comic-Fans, die den Film gesehen haben, werden hier eine ähnliche Handlung entdecken, beileibe nicht dieselbe, nicht weniger humorig, vielleicht ein wenig schwärzer, gemeiner, auch mag die Fantasie ausschweifender und weniger Mainstream sein als im Film. Ein gutes Beispiel, wie sehr Vorlage und Verfilmung voneinander abweichen können. 🙂
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Samstag, 24. August 2013
Ja, wo haben sie sich denn nun kennen gelernt? Oder kennen sie sich am Ende gar nicht? Toni, die Schwester von Tony Chew, hat ein wenig Mühe die Annäherungsversuche von Caesar Valenzano abzuwehren. Schließlich gibt es noch andere Bewerber, die ein wirklich ernsthaftes Interesse haben. Antonelle, wie sie mit Langnamen heißt, ist kein Kind von Traurigkeit. Männer, Partys, Poker oder auch mal das Lutschen psychedelischer Frösche sorgen für Abwechslung in ihrem Leben, das auch von Gefahr geprägt wird. Doch eines wird nie vergehen: Die Sorge um den Bruder, der noch immer an das Krankenhausbett gefesselt ist und nur sehr langsam wieder gesund wird.
Wer könnte auf die Idee kommen, ein Hähnchen in den Mittelpunkt einer Geschichte zu stellen? Nicht ein putziges, kleines, flauschiges Hühnchenhähnchen. Sondern ein gewalttätiges, ein Kampfhähnchen! Autor John Layman und Comic-Künstler Rob Guillory haben mit Poyo einen tierischen Superagenten entwickelt, der, ziemlich wortkarg, immer dann angefordert wird, wenn sonst gar nichts mehr geht. Ein Poyo hält selbst die Hölle in Schach. Aber Poyo, der Kampfhahn, ist nur die Spitze des Eisbergs. Layman und Guillory haben hier mit Wucht aufgetischt und bieten dem Leser ein Szenario, das an schwarzem Humor kaum zu überbieten ist und selbst für eine in dieser Hinsicht ziemlich überbordende Serie noch einen Gipfel darstellt.
England. Ein Land, das für seine Wetterverhältnisse nicht unbedingt gelobt wird, eher berüchtigt ist. Und es wird noch schlimmer. Nicht wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen. Nein, es wird noch viel schlimmer. Und das bringt uns zurück zu Poyo. Allein die Ausschnitte seiner diversen Abenteuer, ein Bild meist nur, mit einem marktschreierischen Titel versehen, sind ohne Übertreibung Brüller. Aber Layman und Guillory können selbst das noch einmal übertreffen. Mit einer Liebesszene im weitesten Sinne. Hier greift die Optik perfekt und nimmt sich einer gewissen Form von Verniedlichung an, von der der sich der Verbraucher einst selbst überzeugen konnte (hört mit urby auf) und die selbst in dieser gezeigten Form noch funktioniert. Das ist, wie weite Teile dieser Handlung (sowie der gesamten Serie) auch, stets auch ein Seitenhieb auf reale Verhältnisse und eine Hommage an die existierende Popkultur.
Aber so lustig die Episode um Poyo auch ist, sie kann natürlich nicht so nahe gehen wie eine Handlung, die um menschliche Charaktere herum geschrieben wird. Der Bulle mit Biss hat nicht erst in diesem Band enorme Schwierigkeiten, doch der Feind im Hintergrund offenbart sich nun mit Macht startet einen Angriff, der schreckliche Folgen hat. Chew balanciert gerne auf einem schmalen Grad, spielt auch gerne mit den Elementen des Splatter-Genres, doch John Layman startet hier einen Frontalschlag. Es ist die Frage, wie sehr man als Leser die Figuren an sich heran lässt. Doch allein der Überraschungsfaktor spricht für sich. Layman reiht sich in die Autorenriege ein, die für sich festgestellt hat, dass keine Figur sicher ist. Zwar mag es Genres geben, in denen Charaktere gerne auferstehen. Chew gehört nicht dazu.
Die Verquickung von Figuren mit unterschiedlichen Fähigkeiten, auch solchen, die erst erschlossen werden wollen, erinnert nicht nur an Superhelden, sondern auch an Heroes. Auch die Evolution von Fähigkeiten bleibt nicht aus. Das ist nur ein kleiner Teil, den die Erzählung Laymans ausmacht. Ein anderer, sehr gewichtiger Teil, die höchst karikierende wie auch slapstickartige Darstellung der Geschehnisse, eine weiterhin ungewohnte Action, die jene, die Filme wie Pulp Fiction mögen, lieben werden, da sie selbst die Arbeit eines Tarantino in den Schatten stellen.
Das Erfolgsrezept: niemals Langeweile, unerschöpfliche Ideen, die auch unbequeme Wege gehen. John Layman und Rob Guillory haben mit diesem Band eine neue Tür geöffnet und dahinter wartet, es kann gar nicht anders sein, eine große Auseinandersetzung. Der sechste Band hinterlässt den Leser gespannt wartend, gut unterhalten. Besser geht es kaum. 🙂
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Mittwoch, 21. August 2013
Mit Dr. Doom sollte sich niemand vorsätzlich anlegen. Denn wo ein Doom ist, sind oft auch die Doombots nicht weit. Viel Feind, viel Ehr? Zu viel der Ehre könnte man angesichts der angreifenden Horden sagen. Die dunklen Rächer lassen sich nicht abschrecken. Sie wären nicht die, die sie sind, hielten sie allzu viel von Angst und würden sich beim geringsten Anzeichen von Gefahr verkriechen. Mr. Hyde teilt kräftig aus. Troll, so klein er auch ist, steht ihm kaum nach. Doch eine zünftige Keilerei kann Doom auf Dauer nicht aufhalten. Da muss etwas anderes her. Etwas wie Magie. Wie gut, dass eine Hexe zum Team gehört.
Die Rächer haben sich einen Namen gemacht, auch bei solchen Comic-Freunden, die nur die Verfilmungen kennen und mögen. Besser sollte man sagen: Avengers. Doch diese helle Seite hat sei geraumer Zeit auch eine dunkle Seite. Als die Helden, die wahren Helden in den Untergrund verschwanden und ersetzt wurden, weil die Welt, die Öffentlichkeit eben Helden braucht. Daraus entstanden einige kuriose Konstellationen, dunkle Doppelgänger sogar. Doch nun hat sich die Welt bei Marvel halbwegs normalisiert. Aber was ist aus diesen dunklen Helden geworden? Die vorliegende 42. Marvel Monster Edition, geschrieben von Jeff Parker, geht genau dieser Frage nach.
Es sind nicht wenige dunkle Helden, die nach der Herstellung einer gewissen Normalität über den Tellerrand gefallen sind und nun eigentlich nicht mehr so recht wissen, wo sie hin sollen. Einem Held wie Luke Cage, zwar auf der Seite der Guten, aber dennoch einer jener Rächer, die durch ein eher schwieriges Verhalten aufgefallen sind, kommt nun die undankbare Aufgabe zu, mit diesen Helden eine noch undankbarere Aufgabe zu lösen. Eine Hexe, ein Monster in Menschengestalt, ein Baumwesen mit übernatürlichen Kräften, ein menschlicher Rammbock, ein Minitroll, ein Bogenschütze, ein falscher Thor, sogar eine Art Spider-Man und weitere mehr sind ein kaum zu bändigender Haufen. Und trotzdem … Die machen sich ans Werk. Jeff Parker schickt sie auf eine Reise durch Raum und Zeit, die von einer Überraschung zur nächsten jagt.
Durchweg hervorragend illustriert von Kev Walker, Declan Shalvey, Gabriel Hernandez Walta und Neil Edwards finden sich nicht nur Sequenzen, die das Superheldenfanherz erfreuen. Auch Freunde der Hommage, der Comic-Nostalgie und des großen Blockbusters kommen auf ihre Kosten. Was wäre wenn? So lautet die häufig gestellte (heimliche) Frage, die Jeff Parker gerne augenzwinkernd beantwortet. Wenn Bosse über das Gesetz wachen, sich aufführen, als seien sie die Reinkarnation von Judges, dann darf sich der Comic-Fan tatsächlich über eine ordentliche Strecke lang die Augen reiben. Faszinierender ist eine unvorhersehbare Entwicklung. Wenn die Helden sich einst gegeneinander wendeten, was würde geschehen? Chaos? Der entsprechend gezeigte, äußerst rabiat geführte Konflikt hat aus Freunden die größten Feinde gemacht. Hier kann Jeff Parker in dieser wahrhaft action-lastigen Geschichte so richtig zum Rundumschlag ausholen.
Verschiedene Versionen eines Iron Man, ein gewachsenes Ding und ein sehr unsympathischer Dr. Strange trumpfen gegen die dunklen Helden auf, die es sehr unfreiwillig in diese unnatürliche Epoche verschlagen hat. Mit einem Skaar, dem Sohn des Hulk, der eher wie ein grüner Conan agiert, und einem Spider-Man, der nichts menschliches mehr an sich hat, entsteht eine Art Götterhimmel, in dem es nur noch heißt: Alle gegen alle und immer feste druff!
Die vorliegende Marvel Monster Edition umfasst Band 175-190 der Dark Avengers Reihe. Unter dem Strich ist die Handlung eindeutig mit mehr Fantasy und mehr Space Opera behaftet, als es die letzten größeren Szenarien innerhalb des Marvel Universums waren. Sobald einmal wieder ein solches Experiment unternommen wird (nicht zum ersten Mal) und die gewohnten Bahnen verlassen werden, kommt etwas überaus Interessantes dabei heraus. Damit lassen sich sogar angestammte Leser ziemlich überraschen.
Ein richtiger Action-Knaller, aber auch eine Geschichte, die mit unterschiedlichen Comic-Realitäten spielt. So eröffnen sich unvorhersehbare Möglichkeiten, die von Autor Jeff Parker weidlich ausgeschöpft werden. Die dunklen Rächer handeln nicht weniger spannend als die wahren Helden, sind nur nicht ganz so uneigennützig in ihrem Handeln. Halunken auf Abwegen, sehr schön! 🙂
Freitag, 16. August 2013
Kein Kampf mehr. Eine Geburt, das Symbol des Lebens überhaupt, soll nicht durch den Einsatz einer Waffe verfälscht werden. Nicht einmal zum Durchtrennen der Nabelschnur. So beißt sie der Vater, Marko, einfach durch. Alana, zuerst wenig begeistert von dieser archaischen Form der Entbindung, vergisst ihre Verwunderung schnell angesichts des kleinen Bündels, mit den Hörnern des Vaters und den Flügeln der Mutter. Kurz darauf haben die jungen Eltern ganz andere Sorgen. Nicht nur, dass sie mitten in ein Feuergefecht geraten. Sie können sich auch nicht sehr gut auf einen Namen für das Kleine einigen. Man muss eben Prioritäten setzen.
Es waren einmal … Nun, Königskinder sind es nicht, die hier von Brian K. Vaughan und Fiona Staples auf eine intergalaktische Odyssee geschickt werden. Sie sind eigentlich für ihre jeweiligen Kriegsparteien nur Kanonenfutter. Und trotzdem haben sie gegen jede Wahrscheinlichkeit zueinander gefunden. Und, das Titelbild verrät ganz eindeutig, ihre Liebe hat sogar, wie es landläufig heißt, Früchte getragen. Ersteres wäre noch zu verzeihen, obwohl es beiderseits des Schlachtfeldes beinahe als Sakrileg aufgefasst wird. Letzteres jedoch ist unverzeihlich. Marko, der Mann mit den Hörnern, und Alana, die Frau mit den Flügeln geraten auf ihrer Flucht fortwährend zwischen die Fronten.
Brian K. Vaughan wäre aber nicht der Erfolgsautor, beließe er es bei dieser einen Konstellation. Der Comic-Autor, der bereits mit Ex Machina, Y – The Last Man und (ganz besonders hervorzuheben) Die Löwen von Bagdad völlig zu Recht Erfolge feierte, ist mit dieser Space Opera im besten Sinne des Wortes ein neuer Handstreich gelungen. Die hier gezeigte Welt balanciert auf der Grenze von Fantasy und Science Fiction. Teilweise fühlt man sich an die eher wilderen Fantasien der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts (auch noch früher) erinnert, als den Gedanken noch keine Grenzen gesetzt wurden, es ruhig etwas ausufern durfte. So ist das Ergebnis wie ein ganz großes Bonbon, das seinen Geschmack immer wieder verändert und von Seite zu Seite neue Facetten offenbart.
Unterschiedliche Völker, aber auch merkwürdige, sich paarende Roboterwesen, Raketenwälder, Strahlenwaffen, sogar Geister und schlüpfrige Heldenliteratur sind nur wenige Bestandteile einer Explosion von spaßiger und spannender Fantasie. An der Seite von Brian K. Vaughan ist Fiona Staples für die Zeichnungen und die Kolorierung verantwortlich. Staples pflegt einen grafischen Stil, der besonders jenen gefallen dürfte, die noch die Zeichentrickklassiker von Ralph Bakshi (Feuer und Eis, Der Herr der Ringe) in Erinnerung haben. Die Bilder von Fiona Staples gleichen die nach dieser Technik entstandenen Bilder (übergezeichnete Fotografien). Die Folge ist ein reduzierter Realismus, der binnen weniger Seiten eine tolle Atmosphäre erzeugt.
Fiona Staples arbeitet gerne großformatig. Drei bis vier Bilder je Seite sind die Norm. Die Präsentation eines neuen Objektes oder neuer Charaktere wird gerne mit der Überraschungstechnik einer Fernserie in Szene gesetzt. Raumgreifend, zentriert, frontal. Schnell lassen sich die Einzelheiten und Merkmale einer Figur einprägen. Und hier zeigt sich der nächste Kunstgriff. Finden sich manchmal in anderen Graphic Novels Figuren, die überfrachtet wirken (was dem Zeichner die Arbeit bestimmt nicht leichter macht), beschränkt sich Staples auf das Nötigste und schafft dennoch einen ganzheitlichen Eindruck. Das mag auch an der Individualität der Züge in den Gesichtern liegen, die eine Reduzierung der übrigen Ausrüstung nicht unbedingt notwendig, aber möglich machen.
In der gleichen reduzierten Technik, wie sie Fiona Staples bei ihren Strichen verwendet, zeigt sich auch der Farbauftrag, der in den Figuren häufig nur mit einer Schattierungsstufe Volumen herausholt. Durch leichte Unschärfe der Hintergründe, auch den Verzicht auf harte Randbegrenzungen (Outlines) entsteht filmische Tiefe. Auch dieser grafische Ansatz bringt sie wieder in die Nähe jener erwähnten Zeichentrickklassiker. Das sah damals gut aus (immerhin schon im Falle von Feuer und Eis 1983), funktioniert aber immer noch bestens. Hier kommt ein vernachlässigter grafischer Ansatz zu sehr guten neuen Ehren.
Für Freunde der ungewöhnlicheren Science Fiction, einer gepflegten Space Opera, auch jenseits der großen Überuniversen, erscheint die Geschcihte von Vaughan und Staples frisch, frech, grafisch überzeugend und spannend bis zum vorläufigen Schluss, der hier mit einer Spur Comedy daherkommt. Sehr gut. 🙂
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Donnerstag, 15. August 2013
Die Le Crique, ein Segelschiff, befindet sich auf hoher See. Chaos ist ausgebrochen. Einige Männer haben das Kommando an sich gerissen. Sie saufen, morden und vergewaltigen. In der Zivilisation sollte es besser zugehen, doch das Gegenteil ist der Fall. Der Tote, der in dem herrschaftlichen Zimmer liegt und sich den Bauch hält, hat sich nicht vollkommen kampflos ergeben. Möbel wurden weitläufig umgeworfen, Papiere verstreut. Die Polizei geht mit Routine an die neue Aufgabe heran. Schockiert ist hier wirklich niemand, allenfalls gibt es eine persönliche Nähe zum Fall, nur will sich kaum jemand so entblößen und dies vor anderen zeigen.
Eine Erzählung in bedrückender Atmosphäre. Autor Denis-Pierre Filippi hat sich mit sehr unterschiedlichen Szenarien im Comic-Bereich hervorgetan. Neben träumerischen Handlungen und historischen Geschichten mit Abenteuern und Thrillerelementen schaufelt er hier eindeutig am Abgrund der menschlichen Existenz und wendet dazu einen enorm guten erzählerischen Trick an: Er lässt den Leser mitdenken. Und dieser kann in seiner Phantasie einiges erfinden. Denn in einem der beiden Handlungsstränge, die hier parallel erzählt werden, verzichtet Denis-Pierre Filippi auf Worte und lässt nur Bilder sprechen. Und diese haben es in sich.
Vordergründig hat der Leser es mit einem Kriminalfall zu tun, an dem sich zwei recht ungleiche Ermittler festbeißen und in dem sich die Toten häufen. Im zweiten Handlungsstrang jedoch, der dem Leser mehr mitteilt, als die Ermittler wissen, erschließt sich ein Menschenbild, dem der Untertitel des ersten Bandes der Trilogie, Wilde Tiere, durchaus gerecht wird. Auf einer Insel im Nirgendwo stranden ein Mann und mehrere Kinder. Zuerst scheint die Welt noch in Ordnung. Man arrangiert sich mit den Umständen. Doch allmählich wandelt sich das Bild, denn die Nahrung wird knapp. Denis-Pierre Filippi spielt mit einer uralten Furcht des Menschen. Und er ist als Erzähler so gerissen, dass er einen Teil der Bilder im Kopf des Lesers entstehen lässt, indem er nur den Start und das Resultat zeigt.
Optisch wird nicht nur einiges geboten, es ist auch ein Spiel mit den Gegensätzen. Die Geschichte, gezeichnet von Patrick Laumond, koloriert von Sebastien Gerard, beginnt im New Yorker Teil der Handlung mit einem Blick auf den Moloch Manhattan, eine Insel der Straßenschluchten. Die beiden grafischen Künstler führen das Auge des Leser wie in einer bewährten Kamerafahrt von hoch oben hinein in die Stadt bis zu einem Tatort. Ist die andere Handlung, zunächst auf einem Segelschiff, dann auf der Insel, eher urtümlich, ist die moderne Welt daneben in kaltes Grau getaucht, abwesend und trotz ihrer Größe ebenso leer wirkend wie der weite Ozean.
Im Zusammenspiel der beiden Grafiker entsteht eine Atmosphäre, die sich auch bei Künstlern jener Tage, ungefähr in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, finden lässt. Die Figuren sind etwas stilisiert, auch idealisiert für ihren jeweiligen Zweck. Der Farbauftrag ist milchig in einer zurückhaltenden Farbgebung. Das ist eine stilistische Mischung aus nachkolorierten Schwarzweißfotografien und künstlerischen Spitzen eines Art Deco. Letzterer geht natürlich in den Inselansichten verloren. Hier herrscht anfangs eine paradiesische Grundstimmung vor, die später ganz klar in eine grüne Hölle umschlägt.
Ein erster Band, der eindeutig Fragen aufwirft und nicht bereit ist, alle Rätsel gleich zu lösen. Aber Denis-Pierre Filippi geht das Wagnis ein, einmal anders, auch gegen den Strich zu erzählen, indem der parallel laufende Handlungsabschnitt völlig ohne Worte auskommt. Das ist mehr Arbeit für den Leser, aber der Trick funktioniert. 🙂
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