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Comic Blog


Donnerstag, 28. November 2013

Der rote Korsar – Gesamtausgabe 1

Filed under: Abenteuer — Michael um 10:08

Der rote Korsar - Gesamtausgabe 1 - Der Teufel der KaribikFür den roten Korsaren sind die Weltmeere ein Ort, auf dem er gefürchtet wird. Der rote Korsar ist ein Name, ein Fluch, doch der Erfolg gibt dem Haudegen recht. Wo der Schrecken ihm vorauseilt, muss er den Feind kaum fürchten. Eines Tages macht er seinem Ruf wieder einmal alle Ehre. Er entführt einen Jungen, nimmt ihn als seinen Sohn an. Dieses Kind aus gutem Hause wird von ihm zu seinem Nachfolger erkoren. Gegen den Widerstand seiner Mannschaft behält er den Jungen an Bord, erzieht ihn nach Piratenart. Das genügt selbstverständlich nicht. Der Junge soll mehr lernen als das kämpferische Leben der Galgenstricke und das nautische Geschick eines Seemanns. Sehr zum Leidwesen des Jungen, der zu einem staatlichen Mann heranwächst.

Doch wer würde einen Piraten zur See unterrichten? Kurzerhand entführt der rote Korsar ein paar Lehrer und den jungen Mann, den sie ursprünglich unterrichten sollten, gleich mit. Für den lässt sich entweder ein Lösegeld erpressen. Oder man nutzt ihn wenigstens als Geisel, so dass die Verfolger einen in Ruhe lassen. Zumindest vorerst. Mit allen Wasser gewaschen segelt der Pirat weiter über die Weltmeere, aber etwas Unerwartetes geschieht. Der Charakter seines (zwangsweise) adoptierten Sohnes wandelt sich. Bald schon will der junge Mann kein Pirat mehr sein.

Sie waren wirkliche Erzählergrößen, unabhängig vom Medium Comic: Jean-Michel Charlier und Victor Hubinon. Sie schafften es mit feinen Geschichten gut und spannend zu unterhalten, zeitlose Vorlagen für nachfolgende Generationen zu liefern und konnten sich gleichzeitig durch unterschiedliche Genres bewegen wie nur wenige es auch heute vermögen. Es war eine andere Erzählerzeit, die, von der Epoche selbst, zurückgenommen, ohne vordergründigen Sex and Crime auskam und sich auf das Wesentliche einer Handlung konzentrierten. Hier wurde kein Platz verschwendet, man konzentrierte sich wirklich auf Handlung und Charaktere und schuf so eine begnadet seitenweise dichtes Abenteuer.

Victor Hubinon besitzt diesen wunderbaren Zeichenstil zwischen Comic und Realismus. Er lässt immer das Quäntchen Überspitzung durchscheinen, auf den ersten Blick fast Karikatur, auf den zweiten Blick genau die Prise Realismus, die dem übrigen Geschehen das Sahnehäubchen aufsetzt. Er konnte sich auch stark in die technische Seite eines Plots einarbeiten. Die Langlebigkeit von Serien wie Der rote Korsar, aber auch natürlich dem anderen Klassiker Buck Danny, beweisen das. Und sie zeigen gleichzeitig auch die Bandbreite wie auch die besondere Gegensätzlichkeit seiner gezeichneten Abenteuer. Das frühe 18. Jahrhundert liegt ihm ebenso wie das 20. Jahrhundert mit seinem Innovationen.

Die dargestellte Atmosphäre des 18. Jahrhunderts ist klassisch, romantisch. Wer den den Filmklassikern dieses Genres zugetan ist, wird sich hier auch zu Hause fühlen. 1959 erschien das erste Abenteuer. Der erste Abschnitt in Pilote zeigte den roten Korsaren noch nicht. Auf dem Titelbild der vorliegenden Gesamtausgabe, mit den ersten beiden Abenteuern Der Teufel der Karibik und Der König der sieben Meere, präsentiert sich der wilde Pirat in all seiner Pracht, mit rotem Bart und roten Waffenrock. Beides wird er einmal zur Tarnung ablegen, damit ihm die Flucht aus der Gefangenschaft gelingt. Victor Hubinon gelingt das Kunststück, den Piraten dennoch erkennbar bleiben zu lassen.

Und Jean-Michel Charlier gelingt gleichfalls ein Kunststück, nämlich dem Piraten ein Stück seiner Unbesiegbarkeit zu nehmen und ihm trotzdem die Stärke zu lassen. Charlier, ein Tausendsassa auf dem Gebiet des Comics mit Serien wie Leutnant Blueberry und Tanguy und Laverdure, beherrscht hier besonders schön das Drama abseits der Piratenkämpfe und ihm gelingt besonders mit dem Sohn des roten Korsaren ein Charakter, der eine treffliche und nachvollziehbare Wandlung durchläuft. Die vielfältigen Hintergrundszenarien wie das Leben zur See, die Königliche Seeakademie oder auch der Sklavenhandel jener Tage sind Schauplätze, die für eine starke Lebendigkeit der Handlung sorgen.

Der Auftakt eines Klassiker des historischen Szenarios: Der rote Korsar lebt. Gar keine Frage, die Konstruktion dieser Abenteuer von Charlier und Hubinon funktioniert bis heute und besser als manche modernen Experimente. Hervorragend gezeichnet von einem Meister seines Fachs. 🙂

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Freitag, 22. November 2013

Surcouf 1 – Die Geburt einer Legende

Filed under: Abenteuer — Michael um 17:24

Surcouf 1 - Die Geburt einer LegendeLondon Daily Universal Register, ein klangvoller Name für eine Zeitung, der bald in einen noch bedeutungsvolleren Namen übergehen und zu einer Weltberühmtheit werden sollte: Times. Der Journalist liegt verwundet auf dem Deck eines Segelschiffes. Es sind die Sekunden, in denen kurz aufblitzt, wie der Reporter an diesen Ort kam und auch warum. Ein französischer Freibeuter hat sich für die stolze englische Marine zu einer Bedrohung entwickelt, wie sie lange nicht mehr von den Schiffen Ihrer Majestät gefürchtet wurde. Und das Verhängnis hat einen Namen: Surcouf!

Ein Freibeuter ist kein Pirat. Ein Freibeuter kämpft für sein Land und greift nur jene Schiffe an, die mit seinem Land im Krieg liegen. Mittels Kaperbrief, einer offiziellen Genehmigung für dieses Unterfangen, brechen sie in die Schifffahrtsrouten des Gegners ein. Plötzlich taucht einer unter diesen Freibeutern auf, der verwegener als alle anderen ist, mit einem kleinen Schiff das Wagnis eingeht und ein viel größeres, englisches Schiff angreift. Woher kommt dieser Surcouf? Was hat ihn zu diesem Naturtalent gemacht? Und damit nicht genug. Surcouf liebt nicht nur das Risiko. Er hat auch noch riesiges Glück und springt dem Tod durch puren Zufall von der Schippe.

Arnaud Delalande und Erik Surcouf gehen nach einer Einführung über die Künste dieses Freibeuters weit in die Vergangenheit zurück, hinein in die Kindheit jenes immer noch jungen Mannes und zeigen, wie das Kind sich zu diesem Kämpfer mausern konnte. An der Seite eines Reporters, des Jonas Erasmus Wiggs, geht die Reise in jene Teile der Welt, in die sich ein Engländer tunlichst nicht wagen sollte, will er seine Reise heil überstehen. Die Geschichte, die er erfährt, schildert einen unbeugsamen, rastlosen Geist, der leicht provoziert werden kann, der die Freiheit liebt und Loyalität gegenüber seinen Freunden für eine Tugend hält.

Guy Michel, assistiert von Steven Cabrol, zeichnet die Jugendjahre kurz nach dem Auftakt, der Surcouf bei einem seiner großen Erfolge zeigt. In der Jugend ist er zunächst ein Junge wie alle anderen. Kaum größer oder stärker, aber immer darauf aus, sich zu beweisen, gar nicht einmal vor anderen, aber immer vor sich selbst. Ein Wagnis ist stets die Sprosse zum nächsten Risiko. Guy Michels Beginn, die Jagd auf das englische Schiff Triton, ist klassisches Piratenabenteuer (jagen, stellen, entern). Sorgsam getuscht und koloriert (von Simon Quemener), nimmt es den Leser mitten hinein in den Kampf, präsentiert auch die beiden längsseits liegenden Schiffe aus der Vogelperspektive.

Gerade in solchen Szenen finden sich die Stärken des ersten Bandes von Surcouf, mit dem Untertitel Die Geburt einer Legende. Zu Piraten, Freibeutern, Meeresabenteuern gehören die Segelschiffe. Mit ihrer vernünftigen, fachgerechten Abbildung steht und fällt ein derartiges Comic-Abenteuer. Guy Michel liefert genau jene Ansichten zur besten Zufriedenheit des Lesers, die ein solches Abenteuer erst lebendig und auch realistisch erscheinen lassen. Gerade ein Segelschiff mit seinen Krümmungen vor der Perspektive, seiner Takelage, seinen Details gehört zu den Herausforderungen eines Zeichners.

Daneben überzeugen die Charakterzeichnungen, die Einzelheiten eines ausgehenden 18. Jahrhunderts, mit seiner Vielfalt der Schauplätze, der Stürme und Schönwetterlagen, der Kämpfe, der Beschreibung des Lebens in den Häfen und auf den Schiffen. Durch die Vorgaben der beiden Autoren kann Guy Michel jede Seite abwechslungsreich Neues zeigen. Zwar gibt es langsamere Szenen, einen Stillstand oder eine Ruhepause gibt es aber nicht.

Ein solides Abenteuer auf den Meeren mit einem starken Hauptcharakter, schönen Zeichnungen des Lebens zu Lande und vor allem zu Wasser. Für Freunde des klassischen Piratenabenteuers ohne moderne Mätzchen sehr zu empfehlen. 🙂

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Mittwoch, 20. November 2013

42 intergalaktische Agenten – Teil 1

Filed under: SciFi — Michael um 12:07

42 intergalaktische Agenten - Teil 1 - NitaarDie Agentin Nitaar ist ausgebildet, ihr Selbstbewusstsein lässt sie ohne Verzögerung zu jeder gestellten Mission eilen. Mag da kommen, was wolle. Als Agentin wird sie die Aufgabe schon lösen. Doch bald schon wird klar: Hochmut kommt vor dem Fall. Der Krieg, in den Nitaar hineinschlittert, ist eben doch nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Der Konflikt, der sich außerdem anbahnt, ist noch eine Spur heftiger und bald stellt sich die Frage, ob Nitaar nicht Selbstbewusstsein mit Selbstüberschätzung vertauscht.

Diese Agentin kämpft halbnackt und macht bereits auf dem Titelbild daraus keinen Hehl. Wer sich aber nun in einer Art Axa-Welt wähnt, täuscht sich. Denn Autor und Zeichner Louis kreiert nebenbei eine Welt, die eine besondere Form von Zentauren vorstellt und zeigt Drachen, so prachtvoll und gefährlich, dass sie auch ein Universum von J.R.R. Tolkien bevölkern könnten. Die Nacktheit der Figur namens Nitaar fällt zunächst noch ins Auge. Dann gewöhnt man sich als Leser schnell daran. Louis behandelt es selbst auch höchst nebensächlich und zeigt auch, dass Nitaar im Kampf nicht mehr ganz so freizügig zur Sache geht.

Interessanter ist das Konzept eines Volkes, dessen Oberkörper nicht wie bei den bekannten Zentauren aus dem Körper eines Pferdes wachsen, sondern aus dem mit Muskeln bepackten Nacken eines Gorillas. Das birgt rein durch die Körperlichkeit ungewöhnliche Darstellungen und bringt auch Probleme, die Louis mit einem eigenen Raumkonzept löst. Derart voluminöse Arme wie jene von Gorillas wollen bei Tisch auch auf besondere Art untergebracht werden. Sie nehmen eben zu viel Platz weg.

Ein Gott bringt die Wende. Ein Krieg tobt, ein Frieden scheint nicht in Sicht. Da kehrt ein Gott zurück, der nicht zwischen den streitenden Parteien unterscheidet und jeden bekämpft, ohne Gnade. Aber der Gott ist eben ein Drache und Vernichtung ist sein oberstes Ziel. Nitaar, die von Louis als ehrgeiziger, versierter wie auch über die Maßen kühler Charakter gezeigt wird, hat nur auf diese Gelegenheit gewartet. In den Zeichnungen von Louis entsteht mit Nitaar das Bild einer teuflischen Katze, schlank wie ein Panther, mit Hörnern und stets haftet ihr äußerlich und im Verhalten eine Verachtung ihrer Umwelt gegenüber an. Nitaar strotzt vor Selbstbewusstsein. Der Leser findet es textlich so arrangiert, aber Louis setzt dieses Charakterdesign konsequent bildlich fort.

Die Zeichnungen präsentieren sich hart am Rande eines überzeichneten Realismus, ähnlich wie es auch Serge Pelle (Orbital) macht, allerdings ist Louis noch etwas detailfreudiger, nicht ganz leicht im Strich, wenn auch sicherlich ebenso einfallsreich. Die Strich sind oft zart, manchmal auch zerbrechlich, dann wieder kräftig und fett. Louis sucht ein Gleichgewicht in den Strukturen, mein Eindruck, so dass auf jeder Seite eine neue, schöne Balance entsteht. Dies spiegelt sich in der ständig wechselnden Seitenaufteilung wieder, die keine Wiederholung duldet.

Farblich sorgt Sebastien Lamirand für eine eher dunkle Atmosphäre. In der gezeigten Welt, sogar im Rückblick auf Nitaars Herkunft, gibt es keine richtig sonnendurchflutete Szene. Mit dem Auftritt des Gottes hat sich die Dunkelheit endgültig manifestiert. Aber so können auch die Flammeneffekte erst so richtig ihre Wirkung entfalten. Das Szenario schafft also die Bühne für den besten Auftritt. Im sehr Science Fiction-lastigen Auftakt ist der Drache, so klassisch, wie er hier dargestellt wird, fast ein Stilbruch und wer Die Herrschaft des Feuers gesehen hat, mag sogar szenische Parallelen feststellen. Das ändert jedoch nichts an der Intensität der Bilder, mit denen Louis den Leser zu packen versteht.

Ein neue Space Opera, Bekanntes und Neues gut vermengt, feine Unterhaltung im Genre, mit einem überraschenden Schluss. 🙂

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Donnerstag, 14. November 2013

GHOST MONEY 2 – Chamzas Augen

Filed under: Thriller — Michael um 9:15

GHOST MONEY 2 - Chamzas AugenEine Verbindung zum Leben ist das Sehen. Chamza fühlt sich in der Leere der unbekannten Etage irgendwo in einem Hochhaus von allem abgeschnitten, das sie kannte. Wo sind die, die sie kennt? Wo sind überhaupt alle? Leben bedingt auch Vergangenheit. Für den Dichter, Emir Umar el-Nur, gehört die eigene Vergangenheit zum Leben. Doch zu seiner Herkunft gehört auch das Wissen um den Tod des Vaters, der ihm immer noch ein Geheimnis ist. Die Sinnsuche nach der Wahrheit um die vergangenen Ereignisse stoßen beim eigenen Volk auf Unverständnis, sogar Ablehnung. Bislang hat Umar in den Augen seines Volkes wenig getan, um ihm gerecht zu werden. Noch hat er in ihren Augen das Andenken des Vaters geehrt.

Überwachung. Gerade in diesen Tagen des noch frühen 21. Jahrhunderts ist dieses heikle Thema hoch aktuell. In der zweiten Episode von GHOSTMONEY wird dieses Thema mit neuen, zukünftigen Techniken auf die Spitze getrieben. Doch warum all der Aufwand? Die Antwort findet sich schnell mit nur einem Wort: Geld. Neben famoser Technologie erhält der Leser gleichermaßen nicht nur einen Blick hinter die Kulissen von Agententätigkeit unterschiedlicher Nationalität, die Welt der Superreichen und der Hochfinanz darf ebenfalls nicht fehlen.

Lichtgestalten und potentielle Erlöser haben auch in den eigenen Reihen nicht nur Freunde und Weggefährten. So mancher sieht in diesen Menschen nur Magneten für Ärger, noch mehr Gewalt und Krieg. Emir Umar el-Nur sieht sich nicht nur den Anfeindungen des eigenen Volkes ausgesetzt. Hochtechnologiewaffen bereiten seinem Leben beinahe ein plötzliches und spektakuläres Ende. Diese Technologien, die sich nicht nur in Waffensystemen äußern, werden von Thierry Smolderen unangestrengt in die Handlung eingeflochten und mit einer Selbstverständlichkeit erzählt, als handele es sich um eine bestehende, bereits im Einsatz befindliche Technologie. Allerdings beschreibt er ihren Einsatz auch sehr zwiespältig. Es kommt eben immer darauf an, wer mit einer relevanten Technologie umgehen darf und sollte.

Neben einem deutlichen Hang zum Voyeurismus, auch mangelnder Professionalität einiger Agenten, fehlt auch klassisches Ambiente nicht. Wer im Zuge der Verfolgungen erwartete, auch die Charaktere selbst, es gelte sich nur vor den technologischen Möglichkeiten fremder Geheimdienste und Mächte in Acht zu nehmen, sieht sich bald getäuscht. Hier geht es ebenso handfest mit Explosionen und Schießereien, Anschlägen im großen und kleinen Stil zur Sache. Dabei entstehen, auch optisch, Szenen, die sich auch nicht hinter den Action-Einlagen eines Films über den Agenten mit der Lizenz zum Töten zu verstecken brauchen.

In einer tollen Sequenz offenbaren sich die Stärken der Erzählung wie auch des Grafikers. Vom Atlantik auf die Zugspitze und hinein in eine Hauptstadt eines Wüstenstaates, ein besseres Beispiel findet sich kaum für einen global erzählten Thriller. Dies sind zwar nicht die einzigen Schauplätze, dafür aber fällt gerade hier die gelungene Mischung, die perfekte Platzierung von Gegensätzen auf, die bereits nur für das Auge, ohne in diesem Moment auf Handlung und Text zu achten, Spannung und Aufmerksamkeit erzeugen. Diese noch obenauf, hier der terroristische Anschlag, dort eine snobistische Feier der High Society, runden die Sequenz zu einem filmischen Vergnügen. Hier trifft Thriller auf erzählerische Tiefe im Stile eines Babel. Thierry Smolderen gibt seinem Co-Künstler aber noch eine weitere Steilvorlage, die dieser ungeheuer fein umsetzt.

Comics leben nicht nur von der Handlung und den Schauplätzen, sondern besonders von den Charakteren. Dominique Bertail gestaltet nicht nur die beiden jungen Frauen sehr unterschiedlich. Sie bilden auf ihrer Seite der Waagschale einen auffälligen Gegensatz zu den manchmal vierschrötigen Männern, die für ihre Ziele über Leichen gehen. Chamza, im Zentrum der Geschichte stehend, hatte bislang eher ruhige Schauplätze. So entstand auch durch sie ein ausgewogenes Szenario. Dies ändert sich hier schleichend. Wenigstens ihre Freundin, durch deren Augen der Leser einen guten Teil der Handlung verfolgt, gerät bald in höchste Gefahr.

Ein sehr dichter Thriller mit vielen Schauplätzen und Charakteren, dessen roter Faden dank Thierry Smolderen nie verloren geht. Packender als der Auftakt, grafisch auf jeder Seite überzeugend, eine realistische Weiterentwicklung aktueller Krisenszenarien. Sehr gut. 🙂

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Oder bei Schreiber und Leser.

Montag, 11. November 2013

ASGARD

Filed under: Abenteuer — Michael um 18:42

ASGARDAsgard Eisenfuß, von den Göttern bereits bei der Geburt gezeichnet, hat es sich zur lebenslangen Aufgabe gemacht, dem Schicksal mit aller Kraft entgegen zu treten. Als sein Lebensweg jäh unterbrochen wird, man ihn aus der verdienten Gemeinschaft zwingt, jagt er fortan die göttlichen Monster, wo er sie findet. Umsonst ist allerdings nur der Tod und so lässt sich Asgard Eisenfuß seine Dienste teuer bezahlen. Denn mit jedem Auftrag spielt er auch mit seinem Leben, obwohl seine Sinne und Muskeln mit den Jahren derart geschärft sind, dass er sich beinahe gelangweilt einem angreifenden Bären stellen kann. Sein neues Ziel hingegen stellt alles in den Schatten, was ihm bisher begegnete. Selbst der versierte Asgard kann nicht vorhersagen, ob er den Auftrag überleben wird.

Ein abgeschlossenes Epos aus der Ära der Wikinger. Als die Welt noch geheimnisvoller, sich die Götter und ihre Sprößlinge noch in das Leben der Menschen einmischten und das Leben ein steter Kampf war, genau zu diesem Zeitpunkt springt der Leser dank Xavier Dorison und Ralph Meyer in die Geschichte hinein. Nun könnte man annehmen, Xavier Dorison (Autor) habe sich von Peter Benchley (Der weiße Hai) inspirieren lassen. Die Ausgangssituation erinnert vage an die Monsterhatz vor einer einsamen Küste. Wenige nehmen den Kampf gegen die Bestie auf, nicht alle richtig freiwillig. Einer macht es der Bezahlung wegen und weil er alles, was mit den Göttern zu tun hat, sowieso hasst.

Denn sie haben ihn bereits bei der Geburt zu einem Ausgestoßenen gemacht. Da der Vater es nicht über sich bringen konnte, den Sohn zu töten, wie es bei einem behinderten Kind seine Pflicht als echter Wikinger wäre, gibt er ihm den Namen Asgard und zieht ihn auf. Aus Asgard wird ein starker Mann, der seinen Weg im Leben geht. Bis es ihn aus der Bahn wirft. Xavier Dorison hält sich nicht lange mit dem Hintergrund der Figur des Asgard auf. Sie ist schnell umrissen und ihr Lebenslauf hat keinen Philosophen, sondern einen gestandenen Krieger aus ihr werden lassen. Als Skraeling, gezeichneter Mensch, beweist er nicht nur großen Mut, sondern ist auch sehr findig, wenn es darum geht, die Krokken, die Monster aus der Göttersphäre, zur Strecke zu bringen.

Ralph Meyer, der Zeichner (und teilweise auch Kolorist neben Caroline Delabie), setzt sich bildlich auf eine hart romantische Weise mit diesem rauen Landstrich auseinander. Da wird nichts beschönigt. Diese Zivilisation hat nichts für Feiglinge übrig. Frauen sind ebenso durchsetzungsfreudig und kämpferisch wie die Herren der Schöpfung. Und nicht nur das: Sie können auch mit der gleichen Brachialgewalt zu Werke gehen. Ralph Meyer setzt auf Realismus und verwendet eine ebenso sparsame wie optisch perfekte Strichtechnik. In einer Mischung aus Jean Giraud und Michel Blanc-Dumont, vielleicht auch Colin Wilson entstehen die Bilder vor dem Auge des Lesers.

Alle drei genannten Zeichner, in die sich Ralph Meyer mit seiner Technik nahtlos einreihen kann, haben sich im Verlaufe ihrer Karriere eine sehr weiche wie auch streng ausgeführte Strichtechnik erarbeitet. Weich ist die Wirkung, sie duldet aber auch keine Zufälle im Strich, ist deshalb auch streng, vielleicht extrem diszipliniert zu nennen. Da wird kein Strich, keine Schwarzfläche zuviel gesetzt. Die Gesichter sind durchweg wunderbar zu nennen, jeweils sehr individuell und sind ein Musterbeispiel für tolles Charakterdesign. Die Hauptfigur, Asgard selbst, und auch die weibliche Rolle, die junge Sieglind, heben sich von anderen Figuren sehr schön ab. Die optischen Merkmale werden durch die feinen Beschreibungen und Hintergrundinformationen der Charaktere durch Xavier Dorison noch verstärkt.

Das Monster! Das Titelbild deutet es bereits an. Das Monster ist groß. Verdammt groß. Das Aussehen ist durchaus bekannt und soll auch hier nicht weiter erwähnt werden, um die Überraschung nicht zu verderben. Aber in dieser Dimension packt es gleich vom ersten Anblick an und erzeugt durch diese Gigantomanie einen enormen Eindruck. Die damit einhergehende Zerstörungswut, die sich weder hinter dem weißen Hai noch dem weißen Wal verstecken muss (hat sie doch Potential für beides), wird stets von Ralph Meyer optimal in Szene gesetzt. Zuerst mittels Vorboten, kurz darauf als Schemen, später in voller Pracht, fast bildlich gefeiert.

Wie ein wiederkehrender Mythos: Mensch gegen Bestie, in eine Dimension gehoben, die sogar einen Kampf von Mann gegen göttlicher Macht darstellt. Grafisch meisterlich, packend erzählt, ein vorbildliches Abenteuer von Meyer und Dorison. 🙂

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Sonntag, 03. November 2013

Warrens Schwur 4

Filed under: Thriller — Michael um 17:32

Warrens Schwur 4 - Bis zum letzten AtemzugDer Kauf einer Pistole ist nicht schwierig. Es müssen nur genügend Dollars zur Verfügung stehen, dann ist alles zu haben. Schwieriger hingegen wird es, wenn so eine Pistole auch ihrem Verwendungszweck zugeführt werden soll: Schießen. Als Anfänger sollte man sich vergewissern, ob das neu erworbene Stück auch geladen ist. Das ist die erste Regel. An das Gewicht der Pistole gewöhnt man sich, auch das Zielen erfordert nur Ruhe und etwas Sorgfalt. Selbst jemand, dessen Hand so zittrig ist wie jene, die sich auf den Rücken des Waffenhändlers richtet, wird irgendwann ruhiger werden. Wenn die Pistole dann noch geladen wird, steht einer erfolgreichen Benutzung eigentlich kaum noch etwas im Weg.

Luc Brunschwig, Autor der Geschichte um Warrens Schwur, spitzt im vierten und letzten Teil der Handlung, den Thriller dramatisch zu. Bei einer Kinopremiere haben sich auch amerikanische Ur-Einwohner eingefunden, die alles andere als begeistert über den Film sind. Inmitten dieser Demonstration, die zwar aufgebracht, aber gewaltfrei verläuft, befindet sich auch jener junge Mann, der bereit ist, mit einem Schuss sein Leben für immer zu verändern und das eines anderen für immer zu beenden. Plötzlich eskaliert die Situation in eine Richtung, die niemand, am allerwenigsten der junge Mann selbst vorhergesehen hat. Und eine weiße Katze kreuzt das dramatische Geschehen, beobachtend zuerst nur bis zu jenem verhängnisvollen Moment.

Servain, der Zeichner des Album-Thrillers, ist ein Minimalist. Mit starkem skizzenhaften Strich wirft er den Leser in die Szene. Der Strich hebt sich auch nicht von der Machart des Titelbildes ab. Es sind klare Szenen, ohne Experimente. Hier wird den Sehgewohnheiten des Lesers, genauer des Zuschauers gefolgt, allerdings ohne dabei auf die große Leinwand zu schielen. Servain bedient sich gerne den unterschiedlichen Gesichtsausdrücken der Figuren und ihm gelingen hierbei viele schöne Subtexte. Beispielhaft in diesem Zusammenhang ist auch wieder das Titelbild für die etwas weniger auftretenden Posen, die ihrerseits Informationen transportieren.

Die Kolorierung von Delphine Rieu nimmt sich stark zurück, imitiert eine natürliche Farbgebung, die eher hell als dunkel ist. Das Düstere arbeitet die Handlung selbst heraus. In einer erdigen Farbpalette, die sich aus Gelb, Rot, Braun und Ocker entlehnt, finden sich die Hauptfarben. Farbliche Ausflüge in andere Farbkulissen sind da beinahe störend. Eine Szene, auf einer öffentlichen Toilette mit gelbgrünen Licht als Grundtendenz, fällt optisch sehr aus dem Rahmen. Andererseits, vielleicht ein bewusster Trick, rücken solche Szenen auch verstärkt ins Bewusstsein, da gerade hier, um als Beispiel dabei zu bleiben, eine folgenschwere Entscheidung für den Rest der Handlung fällt.

Im vierten abschließenden Band sind Vorkenntnisse erforderlich. Manche Vierteiler oder Trilogien erleichtern einen Einstieg, erzählen eher lose, Luc Brunschwig hingegen nutzt den Platz und breitet seinen Thriller konsequent über die gesamte Distanz auf. Die Auflösung ist nach wie vor spannend zu lesen, doch wer die Vorgeschichte nicht kennt, für den bleiben zu viele Fragen offen.

Ein sehr dichter Abschluss, der sich keine Längen erlaubt, der jede Szene ausnutzt. Luc Brunschwigs Geschichte liegt nun endlich abgeschlossen auf dem deutschen Markt vor. Ein Thriller mit einem seltenen Thema, leicht zugänglichen Figuren (bis auf jenen, um den sich alles dreht und der auch das Titelbild schmückt). 🙂

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Freitag, 01. November 2013

Troll – Buch 2

Filed under: Abenteuer — Michael um 17:27

Troll - Buch 2Lieber arm dran als Arm ab. Dieser Spruch war selten besser zutreffend, als auf jene Situation, in der der kleine Sohn, Fidel, von Troll und Kobold seinen Arm während des Kampftrainings verliert. Durch einen Unfall selbstverständlich. Doch das Resultat bleibt auch. Leider. Denn der Junge hat nicht die Selbstheilungsfähigkeiten seiner Eltern geerbt und so wächst der Arm nicht nach. In einem magischen Zeitalter können vielleicht andere Möglichkeiten auch zu neuen Gliedmaßen verhelfen. Entsprechende Läden gibt es. Nur gibt es auch die Händler, die einen Hilflosen gerne übers Ohr hauen, wenn auch nicht wörtlich. Das Geld ist am Ende jedenfalls weg. Und ein Ersatzarm ist immer noch nicht in Sicht.

Doch Hilfe naht, wie stets unerwartet und auch nicht ganz so, wie die kleine Familie es gerne hätte. Der neue Arm hat einen gewissen Pinocchio-Effekt, der sich später, wider aller Erwartungen, noch als nützlich erweisen wird. Obwohl dazu gesagt sei, dass selbst im Kreise der engsten Familie die ungewöhnliche Verwendung des Arms und seiner Eigenschaften auf Unverständnis stößt. Nun wenigstens ist das Ziel im Sinne der Familie erstrebenswert, nämlich die Zusammenführung aller Familienmitglieder.

Jean David Morvan und Joann Sfar kreieren mal eben so auf ihre ganz eigene Weise eine neue Schöpfungsgeschichte, wie es nur das Fantasy-Genre kann. Die Geschichte aus der ersten Gesamtausgabe wird hier von Ihnen zu einem feinen Abschluss gebracht, dem mit einem Zeichnerwechsel, von Olivier Boiscommun zu Thomas Labourot, auch ein neues Design folgt. In Tausendundeine schlaflose Nacht arbeitet Boiscommun noch mit seiner fein ausschauenden Mischtechnik, die gerade durch den organischen Farbauftrag enorm gewinnt und sehr gut zur grafischen Darstellung von Fantasy-Atmosphären taugt. Lasierende Farben, aquarellartig und mit Buntstiften aufgetragen, mit wenig Tusche, erzeugen märchenhaft aussehende Seiten.

Mit Thomas Labourot und dem Abenteuer Von Würmern und anderen Schwierigkeiten wird es poppiger, die Figuren ändern sich etwas, obwohl immer noch an das Original-Design von Boiscommun angelehnt, der Farbauftrag wird per Computer deutlich leuchtender, knalliger erledigt. Kolorist Christian Lerolle schwelgt dafür aber auch lieber in einem Grundambiente, setzt eine primäre Farbe (oder Leuchtquelle) und lässt den Rest der Szene von ihr tragen. Olivier Boiscommun, der seine Zeichnungen auch kolorierte, mochte es deutlich abwechslungsreicher, auch natürlicher. Das Duo Laourot und Lerolle orientieren sich mehr an einer kinoartigen Ausleuchtung. Echtes Tageslicht, allerdings auch die passende Szene dafür, findet sich hier bei ihnen selten.

In der zweiten Geschichte der vorliegenden zweiten Gesamtausgabe ist Zeit vergangen. Die beiden Geschwister (und in dieser Welt äußerst seltenen Menschen), Larve und Fidel, sind inzwischen erwachsen geworden. Eine ehemalige große Liebe von Larve, der Halblöwe, hängt immer noch an ihr. Deutlich fülliger geworden muss er sich jedoch im Hintergrund halten. Aus dem Kobold, einem Teil der Elternschaft, ist ein elffacher Opa geworden. Und Ansichten haben sich ebenfalls geändert. Wenn ein Troll verkündet, Gewalt sei keine Lösung, sollte sich die Fantasy-Welt Gedanken machen.

In eine Zeit der Fehltritte hinein entwickelt sich ein neues Abenteuer, in dem auch eine neue Generation verstärkt ins Zentrum der Handlung tritt. Neben einer mittelalterlichen Gesellschaftsstruktur und ebensolcher Technik bestechen Morvans und Sfars fantastische Einfälle, teilweise bombastisch und mit einem wunderbaren Geschick, die Geschichte von einer Seite auf die nächste in einer unvorhergesehene Richtung kippen zu lassen.

Prall, praller, am prallsten, das ist die Weilt um den Troll und den Kobold und nun auch ihre Kinder. Jean David Morvan und Joann Sfar erzählen mit teils trockenem Humor, aber stets originellen Einfällen, wie es um diese ungewöhnlichen Helden hier weitergeht. Für Fantasy-Fans uneingeschränkt empfehlenswert. 🙂

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Sonntag, 27. Oktober 2013

Bruce J. Hawker Gesamtausgabe 1

Filed under: Abenteuer — Michael um 9:58

Bruce J. Hawker Gesamtausgabe 1Wenn auf einem Schiff nicht genügend Personal zur Verfügung steht, wird auch gerne der Weg des Entführens potentieller Mannschaftskameraden gewählt. Die Press Gang schnappt sie solche, die gesund genug sind, um die die Fahrt zu überstehen, und volltrunken genug, um sich nicht allzu sehr gegen das unfreiwillige Anheuern zur Wehr setzen zu können. Zwar könnten sich Männer mit Freistellungsbescheiden vor dem Dienst an Bord Ihrer Majestät Schiffe drücken, aber nur die wenigsten besitzen ein solches Papier.

Eine Seefahrt ist nicht immer lustig. Ein die See befahrendes Volk, wie jene stürmischen Gesellen der englischen Insel, haben die Meere mit Abenteurern, Piraten und Soldaten überzogen. Einer dieser Soldaten ist Bruce J. Hawker. Der Leser begegnet dem jungen Mann an einem düsteren und verregneten Tag im Jahre 1800, als dieser sich gerade von seiner Liebsten verabschiedet, bereit, um in Kurs auf Gibraltar sein neues Kommando anzutreten. Auf der Fregatte Lark begegnet er gleich ersten Schwierigkeiten. Die Bewaffnung ist unzureichend, denn offenbar ist man an höherer Stelle davon überzeugt, bei dieser Mission handele es sich nur um eine minderen Ranges, die kaum in gefährliche Situationen münden könne. Hawker, hinter dessen Rücken angesichts seiner Jugendlichkeit auch getuschelt wird, sieht sich bald darin bestätigt, dass es besser gewesen wäre, mit ausreichender Bewaffnung aufzubrechen, denn das Unterfangen steht kurz darauf auf des Messers Schneide.

William Vance gilt als einer der Großen im Comic-Genre diesseits des Atlantiks. Er hat sich mit Serien Bruce J. Hawker, Bruno Brazil, Bob Morane und nicht zuletzt mit XIII einen Namen gemacht. Western-Freunde werden auch seinen Ausflug in die Marshal Blueberry Abenteuer kennen. Das Besondere ist neben dem historischen Szenario die akribische Schilderung des seemännischen Lebens, der Segelmanöver und gleichzeitig des soldatischen Daseins in der Flotte Seiner Majestät.

Präzision und Akribie sind auch die wichtigen Merkmal dieses Serienauftakts der Gesamtausgabe der Reihe, die hier nicht nur drei Alben in einem Band vereint, sondern auch eine Art Ausreißer, In den Tiefen der HMS Thunder, der die dramatische und lebensgefährliche Situation für die Kanoniere während eines Feuergefechtes zwischen Segelschiffen beschreibt. Hier ist auch ein wenig Poesie zu finden über jene Matrosen, die im Dienste ihres Landes, nicht immer freiwillig (wie an einer späteren Geschichte noch deutlich werden wird), ihre Leben aufs Spiel setzten und mit ihren technischen Möglichkeiten, Tod und Verderben über den Feind brachten, auch hier mit einer Präzision, die den groben Kanonen kaum zuzutrauen gewesen wäre.

Aber es ist auch eine Geschichte, die sich mehr mit dem Vorgang beschäftigt und einzelne Charaktere kaum nach vorne kommen lässt. In dem eigentlichen Serienauftakt Kurs auf Gibraltar und den Folgeabenteuern Die Orgie der Verdammten, Press Gang wird erfolgt eine sehr ausgefeilte Darstellung des jungen Helden, der erst als Hoffnung präsentiert wird, jemand, der sogar dem berühmten Admiral Nelson aufgefallen ist, und schließlich fallen wird, muss, denn das Versagen war durch äußere Umstände vorprogrammiert. William Vance begeht nicht den Fehler und lässt seinen Helden Bruce J. Hawker noch aus der Bredouille entkommen. Dazu werden das 2. und 3. Abenteuer benötigt.

Die düsteren Seiten, die wirklich düsteren, jenseits des normalen Dienstes an Bord eines Schiffes, zeichnet William Vance mit seinem gewohnt kantigen Stil (ein wenig an Philippe Francq erinnernd), wenn er sich mit den Zuständen von englischen Seeleuten in spanischer Gefangenschaft befasst. Die Hölle auf Erden gipfelt in einem furchtbaren Drama, die dem Helden aber auch eine neue Freundschaft signalisiert. Doch vorerst geht es noch weiter bergab. Am Ende des vorliegenden Sammelbandes schließt der Kreis wieder im Abenteuer Press Gang, denn hier wird Bezug auf den erwähnten Ausreißer genommen. Die Arbeit der Kanoniere rückt in den Vordergrund. Allerdings findet sich noch etwas anderes.

Sind die Bilder in den ersten drei abgebildeten Episoden, den Ausreißer inklusive, noch sehr grob getuscht, viel künstlerischer und flotter, wird der zur Verfügung stehende Platz im abschließenden Abenteuer Press Gang nicht nur deutlich besser genutzt, die Tuschearbeit ist auch viel exakter, feiner ausgeführt, so dass die Bilder von Vance viel besser zur Geltung kommen.

In Zeiten, in denen historische Themen im Roman blühen, dürfen die Comic-Klassiker auf diesem Gebiet gerne zurück kommen. Auch zeigt sich, wie sehr die Technik, auch ein sehr guter redaktioneller Teil diese Arbeit von William Vance regelrecht feiern kann. Ein toller Künstler, ein sehr reicher Comic in Wort und Bild. 🙂

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Samstag, 26. Oktober 2013

Woman On The River

Filed under: Biographie — Michael um 9:26

Woman On The RiverEin paar Bilder an der Wand. Nackte Frauen, ein Haus, ein Baum, ein Jagdflugzeug. Ein Stuhl ist zum Tisch umfunktioniert. Eine Tasse Kaffee wird in dieser Umgebung zum Höhepunkt des Tages. Ein Stück Zucker versüßt die Bitterkeit. 35 Jahre lang hat Dennis in diesem Loch für zwei Personen verbracht. Während sein Zellengenosse seinen Verstand längst auf eine weite Reise ohne Wiederkehr geschickt hat, denkt Dennis immer noch darüber nach, wie er im Gefängnis gelandet ist. Nun kommt er frei. Nach so vielen Jahren sieht es zuerst so aus, als könnten die verbliebenen Tage noch ein Stück Menschsein und Menschlichkeit bringen. Etwas wie Frieden. Vielleicht auch innere Vergebung.

Ein Comic wie ein Song von Johnny Cash. Es ließe sich auch behaupten, dass dieser Comic den Blues atmet. Ein Mann hat eine schreckliche Tat begangen und kommt nach Jahren aus dem Gefängnis. Vor dem Gesetz und der Gesellschaft hat er gebüßt, doch innerlich ist er noch nicht mit sich im Reinen. Matthias Schultheiss zeigt einen gebrochenen Mann, der sich 35 Jahre lang im Gefängnis an seine Tat erinnert hat. Als er endlich das Gefängnis verlässt, ist diese Welt wie ein Traum. Nur langsam gewöhnt er sich an dieses neue Leben, in dem es sogar Freunde gibt. Aber, ein Aber das nicht fehlen darf im Blues oder in einem Johnny-Cash-Song, holt ihn die Vergangenheit wieder. Das gute Leben war nur vorübergehend, er hatte es nicht wirklich verdient, trotz Buße.

Woman On The River. Auch der Titel des vorliegenden Albums von Matthias Schultheiss klingt nach einem Song. Der Plot wird all jenen, die etwas interessiert sind an Thriller, Krimis, Knastfilmen vielleicht nicht allzu fremd vorkommen, aber es ist auch keine Geschichte, die allzu viele Variationen bietet. Auf den Plot kommt es, so merkwürdig das klingen mag, auch nicht in Gänze an. Matthias Schultheiss ist ein Comic-Zeichner, so bieten die Bilder die zweite Erzählebene und diese bringt viel mehr für den Leser mit.

Der Held der Geschichte erlebt nämlich etwas, das auch schon in Handlungen beschworen, aber noch nie so gezeigt wurde. Mehr soll dazu nicht gesagt werden, sicher jedoch setzt gerade dieser Start des Comics die Geschichte gleich in ein ganz anderes Licht. Und hier ist auch das Stichwort für die Überleitung: Licht. Die Welt von Dennis, dem ehemaligen Auftragskiller erstrahlt in meistens einem grüngelben, südlichen Licht, dort, wo der Sommer brennt, in einer Gegend, die an die Bayous erinnert, wo die Uhren anders ticken und manchmal sogar stehenzubleiben scheinen. In dieses Licht hinein schickt Matthias Schultheiss einen Geist.

Dennis, der ehemalige Auftragskiller, der sowieso von seinen Erinnerungen wie von bösen Geistern gequält wird, reagiert auf diesen Geist allerdings wie auf einen Engel. Matthias Schultheiss pflegt in dieser Geschichte das Spiel mit den Bildern, diesen kleinen Gleichnissen und Miniepisoden am Rande, die es zu entdecken gilt, und die dem Betrachter noch mehr von der Hauptfigur enthüllen. Kolorierung und Strichführung hierzu sind vergleichsweise grob, schaut man auf Werke von ihm wie zum Beispiel Reise mit Bill. Aber auch diese Grobheit, nennen wir sie Momentaufnahme, ist mit der Geschichte begründbar.

Es entspinnt sich eine kurze Liebe, vielleicht auch ein besonders sinnliches Begehren. Zwei Verlorene treffen aufeinander, ebenfalls ein beliebtes Thema in der amerikanischen Literatur oder der Literatur überhaupt. Das Schicksal hat ihre Lebensfäden miteinander versponnen, ohne dass die beiden zunächst davon wissen. Hier lässt sich die literarische Konstruktion sogar bis weit zu den alten Griechen zurückverfolgen. Und dennoch funktioniert diese Konstruktion bis weit in ein Postkriminellendrama hinein immer noch. Fast scheint es, als habe Schultheiss für seine Geschichte, die These aufgegriffen, dass gute Menschen manchmal auch böse Dinge tun. Zum eigenen Beweis reagieren Die neuen Nachbarn von Dennis überaus nett auf den früheren Häftling und dieser ist nur allzu gern bereit, die Sympathie zu erwidern.

Unter dem Strich eine traurige wie auch literarische Geschichte, mit der sich Matthias Schultheiss bei seinen Fans bestimmt wieder bestätigt. Sie mag nicht so bissig sein wie frühere Einfälle, dafür ist sie ruhiger und vielleicht an manchen Stellen auch versöhnlicher. 🙂

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Donnerstag, 24. Oktober 2013

FRATERNITY 2

Filed under: Mystery — Michael um 17:39

FRATERNITY 2Nun was ist es, das dort wie gekreuzigt zwischen den Holzbalken hängt? Ist es wirklich eine dämonische Kreatur, wie die Dorfbewohner glauben? Oder ist es nur ein Tier, ein unbekanntes, das in den Wäldern haust und nur zufällig den Weg der Menschen streifte? Wie es dort hängt, wird es von allen Seiten bestaunt, scheint es in seiner Bewusstlosigkeit doch harmlos zu sein. Was soll man mit ihm machen? Die Männer des Dorfes, die Oberen sind nicht einer Meinung, wie mit diesem Wesen verfahren werden soll? Töten? Einen Pfarrer holen? Als gäbe es im Dorf nicht schon genug Probleme weltlicher Natur, die einer Lösung bedürfen.

Wenn der Hunger quält, geht die Zivilisation endgültig zum Teufel und alle Versprechungen spielen keine Rolle mehr. In der kleinen Gemeinde werden die Rationen knapp. Der Bürgerkrieg, auch zur Abschaffung der Sklaverei geführt, weckt auch im Norden wieder den genauen Blick auf die Hautfarben. Das Monster, gefangen genommen und gut verwahrt, ruft alten Aberglauben hervor, schürt die Ängste, weil es vor Augen führt, dass es noch mehr gibt, jenseits dessen, was die Menschen zu wissen glauben. Juan Diaz Canales lässt seine Charaktere einen Traum versuchen zu leben und lässt sie kläglich scheitern, aus mehr als nur einem Grund. Hierarchien, Schuldzuweisungen, Wertigkeiten, Versagen, Wut, Eifersucht, Neid und der schlichte Grund, nicht sterben zu wollen und dafür notfalls über die Leichen anderer zu gehen, kochen als Zutaten auf diesem Herd der brodelnden Gefühle hoch und reißen schließlich alles in den Abgrund, der doch so mühevoll vermieden werden sollte.

Der Eindruck eines Theaterstücks in Comic-Form verdichtet sich in der zweiten und abschließenden Episode von FRATERNITY. Allein die Beziehungen der Menschen untereinander, eine sehr stark dialoglastig ausgeführte Handlung, immer auf den Punkt gebracht, treiben nicht nur die Geschichte voran, sie zeichnen auch ein sehr dunkles Bild des menschlichen Geistes, des Gemüts und der Seele. So endet FRATERNITY zwangsläufig auch in einer kleinen Hommage, in einem Feuer, wenn auch nicht mehr verraten werden soll. Das Monster hingegen, wortlos, nur durch Taten und Augenblicke kommunizierend, ist der Beschützer, auf den am Ende Verlass ist, während der kleine Junge Emilio, ebenfalls wortlos die ganze Zeit über, nur bei ihm wahre Geborgenheit findet.

Juan Diaz Canales schreibt die Bilder, die Jose Luis Munuera in seiner leicht disneyesken und auch märchenhaften Art sehr treffend umsetzt. Der amerikanische Bürgerkrieg, so scheint es, ist hier nur vorgeschoben, die Epoche ist zu diesem Zeitpunkt austauschbar, zu fernab hat sich diese Siedlung entwickelt, zu sehr hat sie sich von allem (auch bewusst) abgeschottet. Dem Ort, so (alp)traumhaft er wirkt, schließt sich ein Labyrinth an, eher an griechische Sagen erinnernd, den Munuera als kalten, kargen Ort gestaltet, mit meterhohen steinernen Wänden und in ihm, wie auf einem Altar aufgebahrt, sind die Waffen der Siedlung versteckt, weil sie dort keinen Schaden anrichten können. Es sei denn, jemand holt sie heraus und findet den Weg.

Jose Luis Munuera trifft die düster gespenstische Atmosphäre mit einem leichten Strich, karikierend und weit in den Raum greifend. Seine Figuren sind grazil, auch puppenhaft zuweilen. Das Monster ist eine sehr ungewöhnliche Kreation, indianisch zu nennen und sehr eigen. Durch Sedyas erhalten die Bilder nicht nur dämmriges, nächtliches Ambiente, auch Tagszenen sind in die Farben alter Fotografien, bräunlich, getaucht und suggerieren die lang vergangene Zeit noch deutlicher als es die Zeichnungen selbst vermögen.

Action, wenig zwar, die in Form von Kämpfen auftaucht, beschönigt nichts. Wer hier stirbt, stirbt nicht leicht, allenfalls schnell. Das Monster beweist es, aber auch die Männer des Ortes treten gegeneinander an. Die Frauen, bis auf eine, nämlich jene, die sich um den kleinen Emilio sorgt, bleiben in der zweiten Reihe und so gut wie unsichtbar. Chaos bestimmt das Drama von Seite zu Seite mehr. Aus der allgemeinen Tragödie des Ortes wird schließlich ein sehr spezieller Untergang. Hier könnte Inspiration in Geschichten wie Das Dorf gefunden worden sein.

Im Halbdunkel erfüllt sich das Schicksal von Fraternity. Ein düsteres Märchen, vielleicht auch ein Gleichnis, unabhängig von der Zeit, in der es handelt, suchen die Menschen ihr Heil in einer Enklave und scheitern kläglich. Juan Diaz Canales beantwortet nicht das Warum, das schafft der Leser sehr gut allein, er beschreibt nur das Wie und dies mit Bravour. 🙂

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