Sonntag, 08. Dezember 2013
Hendorff ist stolz auf seine Uniform und hat seine Teamfähigkeit mehr als einmal unter Beweis gestellt. Sogar der James Kirk ist nicht nachtragend, hat Hendorff in einer kleinen Kneipenschlägerei dem späteren Captain der USS Enterprise seinen Argumenten deutlich mit den Fäusten Nachdruck verliehen. Eines Tages, während einer Außenmission, hat Hendorff die Gelegenheit, einem der Führungsoffiziere das Leben zu retten. Aber zu welchem Preis?
Leben Sie lange und in Frieden. Gerade diesen Wunsch können die so genannten Red-Shirts in der klassischen Serie nicht allzu oft in Anspruch nehmen. Er ist tot, Jim. Diese Aussage findet sich im Anschluss an so manche Szene in Star Trek, in denen Red-Shirts soeben das Zeitliche gesegnet haben. Da war es nur naheliegend, diese doch meist namenlosen Crew-Mitglieder einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, sind sie doch eine maßgeblich Stütze der Sternenflotte. Nicht zuletzt tragen auch Uhura und Scotty rot. Aber sie gehören nicht zu denen, die es gewagt haben, den künftigen Captain der USS Enterprise zu verprügeln.
Hendorff begegnete dem Leser und Zuschauer in der Neuauflage der klassischen Reihe und zeigte einen eher rabiat auftretenden, angehenden Sicherheitsoffizier. Und gleichzeitig setzte er sich freundschaftlich für Uhura ein. Das Schöne an Comics und Romanen des Star-Trek-Franchises ist die Möglichkeit auch Figuren abseits des normalen Handlungsstrangs in den Vordergrund zu stellen. Hendorff schildert nicht nur seine Erlebnisse, sondern gibt auch (sicherlich noch interessanter) eine Einschätzung diverser Hauptcharaktere ab. Eine gut gezeichnete und eher analytische Episode.
Wer in der Neuauflage der Kinoserie sofort auffiel, war jene kleine Kreatur an der Seite von Scotty. Man könnte an eine vernünftige, höchst intelligente Gremlin-Variation denken, betrachtet man Lieutenant Keenser genauer. Keenser rangiert in dieser Konzeption als eine Art Nog (der kleine Ferengi aus DS9), nur hat er deutlich weniger Ecken und Kanten. Im Film ist er der Sidekick von Scotty, gibt diesem dadurch ein wenig mehr Profil (zusätzlich zum schottischen Akzent im englischen Original). In dieser Comic-Episode hingegen, die nicht nur darüber aufklärt, wie die beiden sich kennengelernt haben, sondern auch einen Blick auf dieses Volk mit ganz neuen Eigenarten wirft.
Das Spiegeluniversum. Gut ist Böse. Böse ist Gut. Wer hätte voraussagen können, wie nachhaltig Spock mit Bart und Schärpe ankommen würde, welche faszinierenden Folgen dies für den weiteren Star-Trek-Mythos haben würde? Natürlich wird auch in der neuen Zeitlinie dieses Spiegeluniversum beleuchtet. Ein neuer, weitaus jüngerer Kirk löst hier die ältere William-Shatner-Variante ab und nimmt sich gleichzeitig der Frage an, was geschehen wäre, wenn das gewaltige Schiff von Nero in die Hände eines Captains fiele, der damit die Macht im Imperium an sich reißen wollte. Ein alter Spock schafft die Verbindung zwischen den Universen (wie im ersten Film der neuen Zeitlinie).
Ebenso gut gezeichnet wie die ersten beiden Episoden dieses 9. Bandes, bietet die Handlung von Gespiegelt eine deutlich aufwändigere Kolorierung. Die realistischere Wirkung gibt den martialisch auftretenden Figuren dieser Spiegelwelt einen Kino-Look, der sich gleichzeitig (thematisch) für den nächsten Kinofilm empfiehlt. Wie die Globalisierung voranschreitet, zeigt sich auch daran, dass ein indonesisches Comic-Team für die künstlerische Arbeit der Geschichte verantwortlich ist.
Mike Johnson, Autor aller drei vertretenden Geschichten, zeigt wieder, was alles noch im Star-Trek-Universum schlummert, welche Tiefe einige Figuren noch entwickeln können, wenn sie konsequent genutzt werden, welche Möglichkeiten noch mit dem Fortgang der offiziellen Kino-Linie auf den Fan warten. Wer Gefallen an den Kino-Filmen gefunden hat, findet hier auch einen guten Einstieg mit vielen bekannten Elementen.
Schöne Blickwinkel auf das neue Star-Trek-Universum, geschrieben von Mike Johnson, der einer neuen Zeitlinie schöne Ansichten abgewinnt. Fein illustriert, mit einem besonderen Höhepunkt in der dritten Episode des vorliegenden Bandes. 🙂
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Samstag, 07. Dezember 2013
Nävis kann im Augenblick nicht helfen. Da mag Weweh noch so sehr schreien. Er kann noch so sehr um Hilfe rufen. Nävis steht kurz davor, bewusstlos zu werden. Der kleine Snivel, obwohl in Tarnfarben lackiert, im Jagdgeschehen gar nicht einmal unbegabt, weiß nicht, wo er zuerst helfen soll. Wenig später ist das Chaos komplett und nicht nur Snivel fragt sich, wie es so weit kommen konnte. Nävis hatte jedenfalls nicht so früh mit ihrem Ende gerechnet, obwohl der Spiegel eine neue Falte im Gesicht zutage förderte und die junge Frau offensichtlich von einem zunehmend sich abzeichnenden Alter nicht gerade erfreut war. Aber gleich sterben? Irgendwo fernab von allem? Im Matsch? So darf es doch nicht enden!
Wer ist der Jäger? Wer ist die Beute? Das Konzept in der 15. Folge von SILLAGE ist denkbar einfach, mehrfach erprobt, auch in anderen Genres, funktioniert aber immer bestens. Jean David Morvan gibt noch eine Portion Rätsel hinzu, einige exotische Kreaturen und Humor, der durch einige absurde Situationen wie auch durch den Roboter Snivel transportiert wird. In einer Nebenhandlung spinnt sich ein roter Faden weiter, der von Morvan schon länger vorbereitet wird und nun langsam an Fahrt gewinnt. Ein Cliffhanger, genauer eine ungewöhnliche und ungeheuerliche Erkenntnis treibt die Neugier auf die kommenden Geschichten an.
Mit dem Auftakt dieses Abenteuers mit dem passenden Titel Jagdrevier springen Morvan und der Comic-Künstler Philippe Buchet (verantwortlich für die Zeichnungen und die Kolorierung gleichermaßen) gleich hinein in die Geschichte. Hier wird bereits die Spannung hochgeschaukelt und gleich wieder kurios aufgefangen, denn Weweh, der einäugige Kamerad der Hauptfigur Nävis, ist erst einmal gefressen. Die Geschichte könnte einen für Nävis unangenehmen Verlauf nehmen, geschähe nicht etwas für den Leser ziemlich Unerwartetes. Aber das wird hier nicht verraten.
Gesagt sei bloß, dass es für Weweh ziemlich unangenehm wird. Unangenehmer als gefressen zu werden? Ja, das geht! Nach ein Vorgeplänkel, im Stile alter Fernsehserien, die auch zu diesem Hilfsmittel griffen, um erst einmal die Spannung zu schüren, begleitet Jean David Morvan den Leser zurück zu jenem Ausgangspunkt, der die Menschenfrau Nävis und ihren Freund Weweh in diese verfahrene Lage gebracht hat. Philippe Buchet gestaltet ein Raumschiff, dessen beste Tage schon lange zurückliegen (wenn es überhaupt jemals welche gehabt hat). Als Leser, der in Sachen Space Opera geschult ist, wünscht man sich sofort einen weiteren Auftritt dieser Rostlaube, denn Rostlauben machen nicht nur im Comic echt was her!
Aber das ist nur ein Anhaltspunkt, denn sobald die Jagd wirklich losgeht, wird von Morvan und Buchet gar nicht lange um den heißen Brei erzählt oder gezeichnet. Nävis und Weweh werden auf das Schönste wie der gute alte Major Grubert eingekleidet. Moebius, der den Major ins Leben rief, und auch eine Prise Steampunk lassen grüßen. Die folgende Szenerie ist entsprechend auf Safari getrimmt, wird aber schnell von einer handfesten Auseinandersetzung unterbrochen (mit einer bereits bekannten Killer-Spezies), in der es wahrhaftig um Leben und Tod geht. Die Bilder sind rasant angelegt, ähnlich wie die Eingangsszene, nur ungleich blutiger, allerdings (Morvan hat stets ein As im Ärmel) nicht weniger überraschend.
Der Umgang von Philippe Buchet mit der Umgebung und der Realisierung der Welt von SILLAGE ist weiterhin bewundernswert gelöst. Besonders die Tiere können in dieser Ausgabe überzeugen. Sie sind zügig vorgestellt, funktionell, anatomisch möglich entworfen. Einerseits besitzen sie das Flair, wie es in einer Space Opera zusteht, andererseits könnten sie auch einer Dokumentation der BBC entsprungen sein.
Mit SILLAGE 15 findet sich eine Überleitung zu einem größeren Rätsel, das Jean David Morvan hoffentlich bald in Angriff nimmt. Nävis könnte wieder rätselhafter werden, spannend ist es weiterhin sowie grafisch absolut Top dank Philippe Buchets Fertigkeiten. 🙂
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Freitag, 06. Dezember 2013
Eine Ermittlung in den Straßen von Whitechapel läuft aus der Bahn. Getarnt als Prostituierte wollte Inspektor Frederick Abberline seine Ermittlungen vorantreiben, stattdessen muss er sich wie ein unfähiger Beamter von einem Straßenpolizisten helfen lassen. Abberline, der im Viertel als Uhrmacher vor seiner kriminalistischen Laufbahn gearbeitet hat, erhält nicht viel Zeit, um die eigene Unfähigkeit gegenüber dem Watchman zu entschuldigen. Die beiden Männer stolpern im wahrsten Sinne des Wortes über eine Frauenleiche: das nächste Opfer von JACK THE RIPPER.
Frederick Abberline beschreibt es eindeutig. Whitechapel ist ein Labyrinth und mit dem unbekannten Mörder, den alle Welt nur noch Jack the Ripper nennt, hat ein Minotaurus Einzug gehalten. Das Monster in Menschengestalt begeht Taten, wie sie furchtbarer und abstoßender in dieser eher zivilisierten Epoche kaum sein können. Selbst dort, wo sich der Bodensatz der Gesellschaft trifft, auf den die Polizisten abschätzig herunterschauen, ist solch eine Brutalität ein nie dagewesenes Grauen.
Francois Debois vermischt Fakten und Fiktion miteinander und verschafft dem Leser ein dunkles Erlebnis in den Straßen des viktorianischen Englands und eines aufstrebenden Paris. Die wahrhafte Lösung des Falles kann Francois Debois natürlich nicht bieten, aber dafür eine umso unterhaltsamere und überaus spannende. Der Charakter des Frederick Abberline, in der wirklichen Historie eine zentrale Figur innerhalb der Ermittlungen rund um die Ripper-Morde, wird hier noch weitaus stärker einbezogen, als es in Wahrheit der Fall war. Denn letztlich dreht es sich immer um die Frage: Wer war Jack the Ripper? Die angebotene Antwort ist interessant, natürlich ein wenig reißerisch, aber in ihrer grundlegenden Konzeption auch nicht von der Hand zu weisen.
Die Darstellung der Geschichte ist lebhaft und folgt laut den Worten des Zeichners Jean-Charles Poupard auch den visuellen Beispielen populärer Filmumsetzungen, die sich dieser Epoche bedienen. Allen voran natürlich filmische Varianten des Ripper-Themas wie auch Geschichten über Sherlock Holmes. Poupard zeichnet beeindruckend realistisch und ordnet sich mit seiner Arbeit in die technische Klasse eines Mathieu Lauffrey (Prophet), Dimitri Armand (Angor) oder Ralph Meyer (Asgard). Getuscht wirkt der Strich härter, als er zuvor in den Skizzen erkennen lässt. Ein schöner Anhang mit Entwicklungsbildern von Poupard lässt derlei Vergleiche zu.
Jean-Charles Poupard gehört mit seiner Stilistik zu einer Gruppe von Zeichnern, die mit ihrem Strich auf den Punkt treffen. Gerade bei der harten Tuschearbeit gehen manchen Zeichnern Eindrücke einer hervorragend mit Bleistift skizzierten Grafik verloren. Poupard geschieht das nicht. Sicherlich stellt sich auch hier ein gemeißelter Eindruck ein, die Gesamtkonzeption der Vorzeichnung, die genauen Perspektiven in jeder Figur, ob organisch oder nicht, bleibt stets erhalten. Zusammen mit einer tollen Herausarbeitung atmosphärischer Details entsteht so eine tolle Comic-Arbeit gerade für Fans historischer Szenarien.
Jean-Charles Poupard empfiehlt sich als Zeichner (gerne auch im Zusammenspiel mit Guillaume Lopez als Kolorist) für historische Themen in dieser hier zusammengefassten Doppelausgabe. Die Ansichten machen von A-Z Lust auf mehr Grafiken und andere Szenarios von ihm. Autor Francois Debois kann dem Mythos um Jack the Ripper neue, eigene Seiten abgewinnen, auch mit neuen Schauplätzen und natürlich Untaten (sowie Mördern!). Insgesamt eine spannend erzählte Variante, die selbst nach Kenntnis anderer Geschichten um diesen weltbekannten Mörder sehr gut funktioniert. 🙂
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Link: jc-leblog.blogspot.de (Blog von Jean-Charles Poupard)
Sonntag, 01. Dezember 2013
Da ging der Maulwurf spazieren. Alles stimmt. Das Wetter ist schön, die Leute sind freundlich und mit Ratte ist sogar bald ein neuer Freund gefunden. Wer hätte gedacht, dass das Leben so schön sein kann? Ein kleiner Ausflug am Fluss bringt neue Bekannte wie den Otter oder den Dachs, der allerdings ein wenig brummelig ist und gerade keine Gesellschaft will. Der Kröterich kommt vorüber und wird zum Gesprächsthema. Er hat eine neues Ruderboot, nur hat er keine Geduld. Alles muss sofort funktionieren und auch beherrscht werden, sonst kann Verzweiflung oder ein Wutanfall folgen. Beides hält jedoch nie lange an.
Eine Welt voller kleiner (und großer) Wunder: Der Wind in den Weiden. Eine Ratte, ein Maulwurf, ein Dachs und, ganz besonders wichtig, ein Frosch gehören zu der Riege der Darsteller in dem sicherlich unsterblichen Roman von Kenneth Grahame. Es ist eine Welt der Gefühle und Freundschaften, der Leidenschaften. Die Geschichte beschreibt das Leben in all seiner Fülle. Die Umsetzung durch Michel Plessix, zuerst in Einzelgeschichten zwischen 1996 und 2001 erschienen, gehört zu einem Paradebeispiel wie gelungen eine Comic-Umsetzung einer literarischen Vorlage sein kann (und sein sollte). Da er sich eng an den Roman von Kenneth Grahame hält, war ein Scheitern der Adaption nur noch rein grafisch möglich, aber Michel Plessix kann mit seinem märchenhaften Zeichenstil, einer phantastischen Kolorierung auf ganzer Linie überzeugen.
Auftritt: die Ratte und der Maulwurf. Der kleine dicke Maulwurf ist ein kleiner, dicklicher, auch etwas ängstlicher Vertreter seiner Zunft. Mit Abenteuern hat er wenig am Hut, gerne von zu Hause weg ist er auch nicht. Die Ratte hingegen verbringt gerne den Tag draußen an der frischen Luft, jahreszeitlich ungebremst und reißt den Maulwurf mit. An der Seite des neuen Freundes lernt der Maulwurf noch mehr Freunde kennen und hört, bevor er ihn überhaupt zu Gesicht bekommt, einige seltsame, wenn auch freundliche Geschichten über den Kröterich.
Der Kröterich ist der heimliche Held aus Der Wind in den Weiden. Er ist der wahrhaft abenteuerliche Charakter, oft besinnungslos mitgerissen von seinen jeweils neuen Interessen. Technik, Beweglichkeit, Innovationen, aber auch Kultur und Stil haben es ihm angetan. Die Begeisterung, die der Kröterich immer aufs Neue aufbringt, regt zum Schmunzeln an, zum Lachen, vor allem, da Michel Plessix mit dieser Figur noch ein Stück mehr gelingt, sie zu personifizieren, figürlich zu charakterisieren. Durchweg verwendet er nur feine, dünne Striche im Zusammenspiel mit einer seidenweichen, aquarellartigen Kolorierung. Details werden in der reinen Tuschearbeit ebenso beachtet wie in der Farbgebung.
Aber zurück zum Kröterich, der sehr früh vorgestellt wird, aber auch erst zur Mitte hin verstärkt in den Fokus rückt. Aus der tollen ländlichen Umgebung heraus, in der sich die Tiere hauptsächlich bewegen, bricht der Kröterich in die Welt der Menschen aus, wird sogar angeklagt und muss in einer aberwitzigen Verkleidung fliehen. Sind die meisten Tiere für eine heitere, auch irgendwie romantische Atmosphäre gut, steht der Kröterich für Klamauk und bietet die Grundlage für optische Gegensätze. Das Land könnte zu jeder Seite Ansichten von idyllisch anmutenden Postkartenmotiven entsprungen sein. Die Stadt hingegen ist zwar sauber, allerdings eng, gedrängt, überfüllt, hektisch. Und diese Hektik wird durch die Clownerie des Kröteriches noch einmal befeuert.
Sehr schön ist das warme Farbenspiel in Der Wind in den Weiden. Die putzigen Figuren werden hierdurch noch einmal putziger und es ist auch ein Zeichenstil wie auch Farbgebung, die sich amerikanischen Vorbildern verschließt, aber nicht automatisch europäisch zu nennen ist. Es ist eher eine klassische Illustration, die eigene Figuren entwirft, trefflich herausarbeitet, so dass mit den figürlichen kleine Schauspieler entstehen, die dank Michel Plessix hervorragend in der Lage sind, unterschiedlichste Emotionen zu transportieren. Nur so kann Der Wind in den Weiden optisch funktionieren. Im Comic-Bereich wollen vergleichbare Werke regelrecht gesucht werden, jedenfalls solche, die auch eine tatsächliche Erzähltiefe besitzen.
Ein Wort: fantastisch. Eine vorbildliche Comic-Adaption von einem Meister seines Fachs höchst liebevoll, illustriert. Perfekte Unterhaltung, ob nun als Roman oder Comic gelesen. 🙂
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Donnerstag, 28. November 2013
Für den roten Korsaren sind die Weltmeere ein Ort, auf dem er gefürchtet wird. Der rote Korsar ist ein Name, ein Fluch, doch der Erfolg gibt dem Haudegen recht. Wo der Schrecken ihm vorauseilt, muss er den Feind kaum fürchten. Eines Tages macht er seinem Ruf wieder einmal alle Ehre. Er entführt einen Jungen, nimmt ihn als seinen Sohn an. Dieses Kind aus gutem Hause wird von ihm zu seinem Nachfolger erkoren. Gegen den Widerstand seiner Mannschaft behält er den Jungen an Bord, erzieht ihn nach Piratenart. Das genügt selbstverständlich nicht. Der Junge soll mehr lernen als das kämpferische Leben der Galgenstricke und das nautische Geschick eines Seemanns. Sehr zum Leidwesen des Jungen, der zu einem staatlichen Mann heranwächst.
Doch wer würde einen Piraten zur See unterrichten? Kurzerhand entführt der rote Korsar ein paar Lehrer und den jungen Mann, den sie ursprünglich unterrichten sollten, gleich mit. Für den lässt sich entweder ein Lösegeld erpressen. Oder man nutzt ihn wenigstens als Geisel, so dass die Verfolger einen in Ruhe lassen. Zumindest vorerst. Mit allen Wasser gewaschen segelt der Pirat weiter über die Weltmeere, aber etwas Unerwartetes geschieht. Der Charakter seines (zwangsweise) adoptierten Sohnes wandelt sich. Bald schon will der junge Mann kein Pirat mehr sein.
Sie waren wirkliche Erzählergrößen, unabhängig vom Medium Comic: Jean-Michel Charlier und Victor Hubinon. Sie schafften es mit feinen Geschichten gut und spannend zu unterhalten, zeitlose Vorlagen für nachfolgende Generationen zu liefern und konnten sich gleichzeitig durch unterschiedliche Genres bewegen wie nur wenige es auch heute vermögen. Es war eine andere Erzählerzeit, die, von der Epoche selbst, zurückgenommen, ohne vordergründigen Sex and Crime auskam und sich auf das Wesentliche einer Handlung konzentrierten. Hier wurde kein Platz verschwendet, man konzentrierte sich wirklich auf Handlung und Charaktere und schuf so eine begnadet seitenweise dichtes Abenteuer.
Victor Hubinon besitzt diesen wunderbaren Zeichenstil zwischen Comic und Realismus. Er lässt immer das Quäntchen Überspitzung durchscheinen, auf den ersten Blick fast Karikatur, auf den zweiten Blick genau die Prise Realismus, die dem übrigen Geschehen das Sahnehäubchen aufsetzt. Er konnte sich auch stark in die technische Seite eines Plots einarbeiten. Die Langlebigkeit von Serien wie Der rote Korsar, aber auch natürlich dem anderen Klassiker Buck Danny, beweisen das. Und sie zeigen gleichzeitig auch die Bandbreite wie auch die besondere Gegensätzlichkeit seiner gezeichneten Abenteuer. Das frühe 18. Jahrhundert liegt ihm ebenso wie das 20. Jahrhundert mit seinem Innovationen.
Die dargestellte Atmosphäre des 18. Jahrhunderts ist klassisch, romantisch. Wer den den Filmklassikern dieses Genres zugetan ist, wird sich hier auch zu Hause fühlen. 1959 erschien das erste Abenteuer. Der erste Abschnitt in Pilote zeigte den roten Korsaren noch nicht. Auf dem Titelbild der vorliegenden Gesamtausgabe, mit den ersten beiden Abenteuern Der Teufel der Karibik und Der König der sieben Meere, präsentiert sich der wilde Pirat in all seiner Pracht, mit rotem Bart und roten Waffenrock. Beides wird er einmal zur Tarnung ablegen, damit ihm die Flucht aus der Gefangenschaft gelingt. Victor Hubinon gelingt das Kunststück, den Piraten dennoch erkennbar bleiben zu lassen.
Und Jean-Michel Charlier gelingt gleichfalls ein Kunststück, nämlich dem Piraten ein Stück seiner Unbesiegbarkeit zu nehmen und ihm trotzdem die Stärke zu lassen. Charlier, ein Tausendsassa auf dem Gebiet des Comics mit Serien wie Leutnant Blueberry und Tanguy und Laverdure, beherrscht hier besonders schön das Drama abseits der Piratenkämpfe und ihm gelingt besonders mit dem Sohn des roten Korsaren ein Charakter, der eine treffliche und nachvollziehbare Wandlung durchläuft. Die vielfältigen Hintergrundszenarien wie das Leben zur See, die Königliche Seeakademie oder auch der Sklavenhandel jener Tage sind Schauplätze, die für eine starke Lebendigkeit der Handlung sorgen.
Der Auftakt eines Klassiker des historischen Szenarios: Der rote Korsar lebt. Gar keine Frage, die Konstruktion dieser Abenteuer von Charlier und Hubinon funktioniert bis heute und besser als manche modernen Experimente. Hervorragend gezeichnet von einem Meister seines Fachs. 🙂
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Freitag, 22. November 2013
London Daily Universal Register, ein klangvoller Name für eine Zeitung, der bald in einen noch bedeutungsvolleren Namen übergehen und zu einer Weltberühmtheit werden sollte: Times. Der Journalist liegt verwundet auf dem Deck eines Segelschiffes. Es sind die Sekunden, in denen kurz aufblitzt, wie der Reporter an diesen Ort kam und auch warum. Ein französischer Freibeuter hat sich für die stolze englische Marine zu einer Bedrohung entwickelt, wie sie lange nicht mehr von den Schiffen Ihrer Majestät gefürchtet wurde. Und das Verhängnis hat einen Namen: Surcouf!
Ein Freibeuter ist kein Pirat. Ein Freibeuter kämpft für sein Land und greift nur jene Schiffe an, die mit seinem Land im Krieg liegen. Mittels Kaperbrief, einer offiziellen Genehmigung für dieses Unterfangen, brechen sie in die Schifffahrtsrouten des Gegners ein. Plötzlich taucht einer unter diesen Freibeutern auf, der verwegener als alle anderen ist, mit einem kleinen Schiff das Wagnis eingeht und ein viel größeres, englisches Schiff angreift. Woher kommt dieser Surcouf? Was hat ihn zu diesem Naturtalent gemacht? Und damit nicht genug. Surcouf liebt nicht nur das Risiko. Er hat auch noch riesiges Glück und springt dem Tod durch puren Zufall von der Schippe.
Arnaud Delalande und Erik Surcouf gehen nach einer Einführung über die Künste dieses Freibeuters weit in die Vergangenheit zurück, hinein in die Kindheit jenes immer noch jungen Mannes und zeigen, wie das Kind sich zu diesem Kämpfer mausern konnte. An der Seite eines Reporters, des Jonas Erasmus Wiggs, geht die Reise in jene Teile der Welt, in die sich ein Engländer tunlichst nicht wagen sollte, will er seine Reise heil überstehen. Die Geschichte, die er erfährt, schildert einen unbeugsamen, rastlosen Geist, der leicht provoziert werden kann, der die Freiheit liebt und Loyalität gegenüber seinen Freunden für eine Tugend hält.
Guy Michel, assistiert von Steven Cabrol, zeichnet die Jugendjahre kurz nach dem Auftakt, der Surcouf bei einem seiner großen Erfolge zeigt. In der Jugend ist er zunächst ein Junge wie alle anderen. Kaum größer oder stärker, aber immer darauf aus, sich zu beweisen, gar nicht einmal vor anderen, aber immer vor sich selbst. Ein Wagnis ist stets die Sprosse zum nächsten Risiko. Guy Michels Beginn, die Jagd auf das englische Schiff Triton, ist klassisches Piratenabenteuer (jagen, stellen, entern). Sorgsam getuscht und koloriert (von Simon Quemener), nimmt es den Leser mitten hinein in den Kampf, präsentiert auch die beiden längsseits liegenden Schiffe aus der Vogelperspektive.
Gerade in solchen Szenen finden sich die Stärken des ersten Bandes von Surcouf, mit dem Untertitel Die Geburt einer Legende. Zu Piraten, Freibeutern, Meeresabenteuern gehören die Segelschiffe. Mit ihrer vernünftigen, fachgerechten Abbildung steht und fällt ein derartiges Comic-Abenteuer. Guy Michel liefert genau jene Ansichten zur besten Zufriedenheit des Lesers, die ein solches Abenteuer erst lebendig und auch realistisch erscheinen lassen. Gerade ein Segelschiff mit seinen Krümmungen vor der Perspektive, seiner Takelage, seinen Details gehört zu den Herausforderungen eines Zeichners.
Daneben überzeugen die Charakterzeichnungen, die Einzelheiten eines ausgehenden 18. Jahrhunderts, mit seiner Vielfalt der Schauplätze, der Stürme und Schönwetterlagen, der Kämpfe, der Beschreibung des Lebens in den Häfen und auf den Schiffen. Durch die Vorgaben der beiden Autoren kann Guy Michel jede Seite abwechslungsreich Neues zeigen. Zwar gibt es langsamere Szenen, einen Stillstand oder eine Ruhepause gibt es aber nicht.
Ein solides Abenteuer auf den Meeren mit einem starken Hauptcharakter, schönen Zeichnungen des Lebens zu Lande und vor allem zu Wasser. Für Freunde des klassischen Piratenabenteuers ohne moderne Mätzchen sehr zu empfehlen. 🙂
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Mittwoch, 20. November 2013
Die Agentin Nitaar ist ausgebildet, ihr Selbstbewusstsein lässt sie ohne Verzögerung zu jeder gestellten Mission eilen. Mag da kommen, was wolle. Als Agentin wird sie die Aufgabe schon lösen. Doch bald schon wird klar: Hochmut kommt vor dem Fall. Der Krieg, in den Nitaar hineinschlittert, ist eben doch nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Der Konflikt, der sich außerdem anbahnt, ist noch eine Spur heftiger und bald stellt sich die Frage, ob Nitaar nicht Selbstbewusstsein mit Selbstüberschätzung vertauscht.
Diese Agentin kämpft halbnackt und macht bereits auf dem Titelbild daraus keinen Hehl. Wer sich aber nun in einer Art Axa-Welt wähnt, täuscht sich. Denn Autor und Zeichner Louis kreiert nebenbei eine Welt, die eine besondere Form von Zentauren vorstellt und zeigt Drachen, so prachtvoll und gefährlich, dass sie auch ein Universum von J.R.R. Tolkien bevölkern könnten. Die Nacktheit der Figur namens Nitaar fällt zunächst noch ins Auge. Dann gewöhnt man sich als Leser schnell daran. Louis behandelt es selbst auch höchst nebensächlich und zeigt auch, dass Nitaar im Kampf nicht mehr ganz so freizügig zur Sache geht.
Interessanter ist das Konzept eines Volkes, dessen Oberkörper nicht wie bei den bekannten Zentauren aus dem Körper eines Pferdes wachsen, sondern aus dem mit Muskeln bepackten Nacken eines Gorillas. Das birgt rein durch die Körperlichkeit ungewöhnliche Darstellungen und bringt auch Probleme, die Louis mit einem eigenen Raumkonzept löst. Derart voluminöse Arme wie jene von Gorillas wollen bei Tisch auch auf besondere Art untergebracht werden. Sie nehmen eben zu viel Platz weg.
Ein Gott bringt die Wende. Ein Krieg tobt, ein Frieden scheint nicht in Sicht. Da kehrt ein Gott zurück, der nicht zwischen den streitenden Parteien unterscheidet und jeden bekämpft, ohne Gnade. Aber der Gott ist eben ein Drache und Vernichtung ist sein oberstes Ziel. Nitaar, die von Louis als ehrgeiziger, versierter wie auch über die Maßen kühler Charakter gezeigt wird, hat nur auf diese Gelegenheit gewartet. In den Zeichnungen von Louis entsteht mit Nitaar das Bild einer teuflischen Katze, schlank wie ein Panther, mit Hörnern und stets haftet ihr äußerlich und im Verhalten eine Verachtung ihrer Umwelt gegenüber an. Nitaar strotzt vor Selbstbewusstsein. Der Leser findet es textlich so arrangiert, aber Louis setzt dieses Charakterdesign konsequent bildlich fort.
Die Zeichnungen präsentieren sich hart am Rande eines überzeichneten Realismus, ähnlich wie es auch Serge Pelle (Orbital) macht, allerdings ist Louis noch etwas detailfreudiger, nicht ganz leicht im Strich, wenn auch sicherlich ebenso einfallsreich. Die Strich sind oft zart, manchmal auch zerbrechlich, dann wieder kräftig und fett. Louis sucht ein Gleichgewicht in den Strukturen, mein Eindruck, so dass auf jeder Seite eine neue, schöne Balance entsteht. Dies spiegelt sich in der ständig wechselnden Seitenaufteilung wieder, die keine Wiederholung duldet.
Farblich sorgt Sebastien Lamirand für eine eher dunkle Atmosphäre. In der gezeigten Welt, sogar im Rückblick auf Nitaars Herkunft, gibt es keine richtig sonnendurchflutete Szene. Mit dem Auftritt des Gottes hat sich die Dunkelheit endgültig manifestiert. Aber so können auch die Flammeneffekte erst so richtig ihre Wirkung entfalten. Das Szenario schafft also die Bühne für den besten Auftritt. Im sehr Science Fiction-lastigen Auftakt ist der Drache, so klassisch, wie er hier dargestellt wird, fast ein Stilbruch und wer Die Herrschaft des Feuers gesehen hat, mag sogar szenische Parallelen feststellen. Das ändert jedoch nichts an der Intensität der Bilder, mit denen Louis den Leser zu packen versteht.
Ein neue Space Opera, Bekanntes und Neues gut vermengt, feine Unterhaltung im Genre, mit einem überraschenden Schluss. 🙂
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Donnerstag, 14. November 2013
Eine Verbindung zum Leben ist das Sehen. Chamza fühlt sich in der Leere der unbekannten Etage irgendwo in einem Hochhaus von allem abgeschnitten, das sie kannte. Wo sind die, die sie kennt? Wo sind überhaupt alle? Leben bedingt auch Vergangenheit. Für den Dichter, Emir Umar el-Nur, gehört die eigene Vergangenheit zum Leben. Doch zu seiner Herkunft gehört auch das Wissen um den Tod des Vaters, der ihm immer noch ein Geheimnis ist. Die Sinnsuche nach der Wahrheit um die vergangenen Ereignisse stoßen beim eigenen Volk auf Unverständnis, sogar Ablehnung. Bislang hat Umar in den Augen seines Volkes wenig getan, um ihm gerecht zu werden. Noch hat er in ihren Augen das Andenken des Vaters geehrt.
Überwachung. Gerade in diesen Tagen des noch frühen 21. Jahrhunderts ist dieses heikle Thema hoch aktuell. In der zweiten Episode von GHOSTMONEY wird dieses Thema mit neuen, zukünftigen Techniken auf die Spitze getrieben. Doch warum all der Aufwand? Die Antwort findet sich schnell mit nur einem Wort: Geld. Neben famoser Technologie erhält der Leser gleichermaßen nicht nur einen Blick hinter die Kulissen von Agententätigkeit unterschiedlicher Nationalität, die Welt der Superreichen und der Hochfinanz darf ebenfalls nicht fehlen.
Lichtgestalten und potentielle Erlöser haben auch in den eigenen Reihen nicht nur Freunde und Weggefährten. So mancher sieht in diesen Menschen nur Magneten für Ärger, noch mehr Gewalt und Krieg. Emir Umar el-Nur sieht sich nicht nur den Anfeindungen des eigenen Volkes ausgesetzt. Hochtechnologiewaffen bereiten seinem Leben beinahe ein plötzliches und spektakuläres Ende. Diese Technologien, die sich nicht nur in Waffensystemen äußern, werden von Thierry Smolderen unangestrengt in die Handlung eingeflochten und mit einer Selbstverständlichkeit erzählt, als handele es sich um eine bestehende, bereits im Einsatz befindliche Technologie. Allerdings beschreibt er ihren Einsatz auch sehr zwiespältig. Es kommt eben immer darauf an, wer mit einer relevanten Technologie umgehen darf und sollte.
Neben einem deutlichen Hang zum Voyeurismus, auch mangelnder Professionalität einiger Agenten, fehlt auch klassisches Ambiente nicht. Wer im Zuge der Verfolgungen erwartete, auch die Charaktere selbst, es gelte sich nur vor den technologischen Möglichkeiten fremder Geheimdienste und Mächte in Acht zu nehmen, sieht sich bald getäuscht. Hier geht es ebenso handfest mit Explosionen und Schießereien, Anschlägen im großen und kleinen Stil zur Sache. Dabei entstehen, auch optisch, Szenen, die sich auch nicht hinter den Action-Einlagen eines Films über den Agenten mit der Lizenz zum Töten zu verstecken brauchen.
In einer tollen Sequenz offenbaren sich die Stärken der Erzählung wie auch des Grafikers. Vom Atlantik auf die Zugspitze und hinein in eine Hauptstadt eines Wüstenstaates, ein besseres Beispiel findet sich kaum für einen global erzählten Thriller. Dies sind zwar nicht die einzigen Schauplätze, dafür aber fällt gerade hier die gelungene Mischung, die perfekte Platzierung von Gegensätzen auf, die bereits nur für das Auge, ohne in diesem Moment auf Handlung und Text zu achten, Spannung und Aufmerksamkeit erzeugen. Diese noch obenauf, hier der terroristische Anschlag, dort eine snobistische Feier der High Society, runden die Sequenz zu einem filmischen Vergnügen. Hier trifft Thriller auf erzählerische Tiefe im Stile eines Babel. Thierry Smolderen gibt seinem Co-Künstler aber noch eine weitere Steilvorlage, die dieser ungeheuer fein umsetzt.
Comics leben nicht nur von der Handlung und den Schauplätzen, sondern besonders von den Charakteren. Dominique Bertail gestaltet nicht nur die beiden jungen Frauen sehr unterschiedlich. Sie bilden auf ihrer Seite der Waagschale einen auffälligen Gegensatz zu den manchmal vierschrötigen Männern, die für ihre Ziele über Leichen gehen. Chamza, im Zentrum der Geschichte stehend, hatte bislang eher ruhige Schauplätze. So entstand auch durch sie ein ausgewogenes Szenario. Dies ändert sich hier schleichend. Wenigstens ihre Freundin, durch deren Augen der Leser einen guten Teil der Handlung verfolgt, gerät bald in höchste Gefahr.
Ein sehr dichter Thriller mit vielen Schauplätzen und Charakteren, dessen roter Faden dank Thierry Smolderen nie verloren geht. Packender als der Auftakt, grafisch auf jeder Seite überzeugend, eine realistische Weiterentwicklung aktueller Krisenszenarien. Sehr gut. 🙂
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Oder bei Schreiber und Leser.
Montag, 11. November 2013
Asgard Eisenfuß, von den Göttern bereits bei der Geburt gezeichnet, hat es sich zur lebenslangen Aufgabe gemacht, dem Schicksal mit aller Kraft entgegen zu treten. Als sein Lebensweg jäh unterbrochen wird, man ihn aus der verdienten Gemeinschaft zwingt, jagt er fortan die göttlichen Monster, wo er sie findet. Umsonst ist allerdings nur der Tod und so lässt sich Asgard Eisenfuß seine Dienste teuer bezahlen. Denn mit jedem Auftrag spielt er auch mit seinem Leben, obwohl seine Sinne und Muskeln mit den Jahren derart geschärft sind, dass er sich beinahe gelangweilt einem angreifenden Bären stellen kann. Sein neues Ziel hingegen stellt alles in den Schatten, was ihm bisher begegnete. Selbst der versierte Asgard kann nicht vorhersagen, ob er den Auftrag überleben wird.
Ein abgeschlossenes Epos aus der Ära der Wikinger. Als die Welt noch geheimnisvoller, sich die Götter und ihre Sprößlinge noch in das Leben der Menschen einmischten und das Leben ein steter Kampf war, genau zu diesem Zeitpunkt springt der Leser dank Xavier Dorison und Ralph Meyer in die Geschichte hinein. Nun könnte man annehmen, Xavier Dorison (Autor) habe sich von Peter Benchley (Der weiße Hai) inspirieren lassen. Die Ausgangssituation erinnert vage an die Monsterhatz vor einer einsamen Küste. Wenige nehmen den Kampf gegen die Bestie auf, nicht alle richtig freiwillig. Einer macht es der Bezahlung wegen und weil er alles, was mit den Göttern zu tun hat, sowieso hasst.
Denn sie haben ihn bereits bei der Geburt zu einem Ausgestoßenen gemacht. Da der Vater es nicht über sich bringen konnte, den Sohn zu töten, wie es bei einem behinderten Kind seine Pflicht als echter Wikinger wäre, gibt er ihm den Namen Asgard und zieht ihn auf. Aus Asgard wird ein starker Mann, der seinen Weg im Leben geht. Bis es ihn aus der Bahn wirft. Xavier Dorison hält sich nicht lange mit dem Hintergrund der Figur des Asgard auf. Sie ist schnell umrissen und ihr Lebenslauf hat keinen Philosophen, sondern einen gestandenen Krieger aus ihr werden lassen. Als Skraeling, gezeichneter Mensch, beweist er nicht nur großen Mut, sondern ist auch sehr findig, wenn es darum geht, die Krokken, die Monster aus der Göttersphäre, zur Strecke zu bringen.
Ralph Meyer, der Zeichner (und teilweise auch Kolorist neben Caroline Delabie), setzt sich bildlich auf eine hart romantische Weise mit diesem rauen Landstrich auseinander. Da wird nichts beschönigt. Diese Zivilisation hat nichts für Feiglinge übrig. Frauen sind ebenso durchsetzungsfreudig und kämpferisch wie die Herren der Schöpfung. Und nicht nur das: Sie können auch mit der gleichen Brachialgewalt zu Werke gehen. Ralph Meyer setzt auf Realismus und verwendet eine ebenso sparsame wie optisch perfekte Strichtechnik. In einer Mischung aus Jean Giraud und Michel Blanc-Dumont, vielleicht auch Colin Wilson entstehen die Bilder vor dem Auge des Lesers.
Alle drei genannten Zeichner, in die sich Ralph Meyer mit seiner Technik nahtlos einreihen kann, haben sich im Verlaufe ihrer Karriere eine sehr weiche wie auch streng ausgeführte Strichtechnik erarbeitet. Weich ist die Wirkung, sie duldet aber auch keine Zufälle im Strich, ist deshalb auch streng, vielleicht extrem diszipliniert zu nennen. Da wird kein Strich, keine Schwarzfläche zuviel gesetzt. Die Gesichter sind durchweg wunderbar zu nennen, jeweils sehr individuell und sind ein Musterbeispiel für tolles Charakterdesign. Die Hauptfigur, Asgard selbst, und auch die weibliche Rolle, die junge Sieglind, heben sich von anderen Figuren sehr schön ab. Die optischen Merkmale werden durch die feinen Beschreibungen und Hintergrundinformationen der Charaktere durch Xavier Dorison noch verstärkt.
Das Monster! Das Titelbild deutet es bereits an. Das Monster ist groß. Verdammt groß. Das Aussehen ist durchaus bekannt und soll auch hier nicht weiter erwähnt werden, um die Überraschung nicht zu verderben. Aber in dieser Dimension packt es gleich vom ersten Anblick an und erzeugt durch diese Gigantomanie einen enormen Eindruck. Die damit einhergehende Zerstörungswut, die sich weder hinter dem weißen Hai noch dem weißen Wal verstecken muss (hat sie doch Potential für beides), wird stets von Ralph Meyer optimal in Szene gesetzt. Zuerst mittels Vorboten, kurz darauf als Schemen, später in voller Pracht, fast bildlich gefeiert.
Wie ein wiederkehrender Mythos: Mensch gegen Bestie, in eine Dimension gehoben, die sogar einen Kampf von Mann gegen göttlicher Macht darstellt. Grafisch meisterlich, packend erzählt, ein vorbildliches Abenteuer von Meyer und Dorison. 🙂
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Sonntag, 03. November 2013
Der Kauf einer Pistole ist nicht schwierig. Es müssen nur genügend Dollars zur Verfügung stehen, dann ist alles zu haben. Schwieriger hingegen wird es, wenn so eine Pistole auch ihrem Verwendungszweck zugeführt werden soll: Schießen. Als Anfänger sollte man sich vergewissern, ob das neu erworbene Stück auch geladen ist. Das ist die erste Regel. An das Gewicht der Pistole gewöhnt man sich, auch das Zielen erfordert nur Ruhe und etwas Sorgfalt. Selbst jemand, dessen Hand so zittrig ist wie jene, die sich auf den Rücken des Waffenhändlers richtet, wird irgendwann ruhiger werden. Wenn die Pistole dann noch geladen wird, steht einer erfolgreichen Benutzung eigentlich kaum noch etwas im Weg.
Luc Brunschwig, Autor der Geschichte um Warrens Schwur, spitzt im vierten und letzten Teil der Handlung, den Thriller dramatisch zu. Bei einer Kinopremiere haben sich auch amerikanische Ur-Einwohner eingefunden, die alles andere als begeistert über den Film sind. Inmitten dieser Demonstration, die zwar aufgebracht, aber gewaltfrei verläuft, befindet sich auch jener junge Mann, der bereit ist, mit einem Schuss sein Leben für immer zu verändern und das eines anderen für immer zu beenden. Plötzlich eskaliert die Situation in eine Richtung, die niemand, am allerwenigsten der junge Mann selbst vorhergesehen hat. Und eine weiße Katze kreuzt das dramatische Geschehen, beobachtend zuerst nur bis zu jenem verhängnisvollen Moment.
Servain, der Zeichner des Album-Thrillers, ist ein Minimalist. Mit starkem skizzenhaften Strich wirft er den Leser in die Szene. Der Strich hebt sich auch nicht von der Machart des Titelbildes ab. Es sind klare Szenen, ohne Experimente. Hier wird den Sehgewohnheiten des Lesers, genauer des Zuschauers gefolgt, allerdings ohne dabei auf die große Leinwand zu schielen. Servain bedient sich gerne den unterschiedlichen Gesichtsausdrücken der Figuren und ihm gelingen hierbei viele schöne Subtexte. Beispielhaft in diesem Zusammenhang ist auch wieder das Titelbild für die etwas weniger auftretenden Posen, die ihrerseits Informationen transportieren.
Die Kolorierung von Delphine Rieu nimmt sich stark zurück, imitiert eine natürliche Farbgebung, die eher hell als dunkel ist. Das Düstere arbeitet die Handlung selbst heraus. In einer erdigen Farbpalette, die sich aus Gelb, Rot, Braun und Ocker entlehnt, finden sich die Hauptfarben. Farbliche Ausflüge in andere Farbkulissen sind da beinahe störend. Eine Szene, auf einer öffentlichen Toilette mit gelbgrünen Licht als Grundtendenz, fällt optisch sehr aus dem Rahmen. Andererseits, vielleicht ein bewusster Trick, rücken solche Szenen auch verstärkt ins Bewusstsein, da gerade hier, um als Beispiel dabei zu bleiben, eine folgenschwere Entscheidung für den Rest der Handlung fällt.
Im vierten abschließenden Band sind Vorkenntnisse erforderlich. Manche Vierteiler oder Trilogien erleichtern einen Einstieg, erzählen eher lose, Luc Brunschwig hingegen nutzt den Platz und breitet seinen Thriller konsequent über die gesamte Distanz auf. Die Auflösung ist nach wie vor spannend zu lesen, doch wer die Vorgeschichte nicht kennt, für den bleiben zu viele Fragen offen.
Ein sehr dichter Abschluss, der sich keine Längen erlaubt, der jede Szene ausnutzt. Luc Brunschwigs Geschichte liegt nun endlich abgeschlossen auf dem deutschen Markt vor. Ein Thriller mit einem seltenen Thema, leicht zugänglichen Figuren (bis auf jenen, um den sich alles dreht und der auch das Titelbild schmückt). 🙂
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