Sonntag, 08. März 2015
Einige finden sich mit ihrer neuen Lebenssituation ab. Andere hadern mit ihr. Die kleine Jordan war einst, vor ihrem Tod, ein Vorzeigekind. Nun ist sie von einer finsteren Last geplagt. Jemand ruft sie. Martha ist älter, erwachsen. Sie hat es selbst erlebt, wie es ist, von den Toten zurück zu kehren. Sie weiß, wie sich das anfühlt. Sie will Jordan vor dem Unbekannten um jeden Preis beschützen. Aber wie beschützt man jemanden, der gar nicht beschützt werden will? Die Aufgabe ist schwierig, wenn sich Jordan sogar energisch wehrt und jener, der zuvor unerkannt rief, plötzlich Gestalt annimmt und zum Verfolger wird.
Das Phänomen amerikanische Kleinstadt. Es hat die amerikanische Literatur beschäftigt, Stephen King spielte damit und Tim Seeley ließ seine Cassie Hack schon mehrmals in die Untiefen der amerikanischen Seele abtauchen, in der Provinz, wo Fuchs, Hase und nun auch Tod sich Gute Nacht sagen. Inzwischen hat die Regierung eingegriffen. Nicht konforme Erweckte werden eingesammelt. Dies dient natürlich der Sicherheit der Mehrheit in der Stadt, andererseits sind ins Leben zurückgekehrte Subjekte von wissenschaftlichem Interesse, der eine mehr, der andere weniger.
Auf der Suche nach Normalität. Verglichen mit Tim Seeleys anderer Erfolgsserie, Hack/Slash, ist REVIVAL viel ernster und durchleuchtet seine Charaktere viel genauer. Hier entsteht der Horror aus der Aneinanderreihung zahlreicher kleiner Geschehen. Fast fühlt man sich an eine Abfolge von Dominoereignissen erinnert. Die Wiederkehr der Toten hat diese umfallende Kette in Bewegung gesetzt und bei allen Bemühungen der kleinstädtischen Bewohner gelingt es nicht, dieses Umfallen zu unterbrechen. Die Normalität des Lebens, so gemäßigt und auch langweilig sie vorher auch gewesen sein mag, ist nun erstrebenswert und doch unendlich weit entfernt.
Mike Norton fängt die Normalität dieser kleinen überschaubaren Gemeinschaft grafisch perfekt ein, weshalb die Ausbrüche aus dieser sehr eigen gewachsenen Ordnung umso drastischer ausfällt. Am schlimmsten sind wohl die Verletzungen, die sich die Erweckten selbst zufügen, aber auch die Folgen, die Hinweise, Beweise und Indizien, die nur mittels eines Bildes beschreiben, was geschehen sein muss, stellen für den Leser eine Herausforderung dar. Auch die Gegensätzlichkeit der Szenen fallen wie auf einer gruseligen Waage ins Gewicht. Werden einerseits von den Sicherheitskräften noch Leichenteile sortiert, versucht man andernorts wieder am Leben teilzunehmen, Stichwort Normalität, und bricht ins erste Date seit langem auf.
Kindermund tut Wahrheit kund. Die kleine Jordan ist nicht die einzige, die optisch auffällig dazu benutzt wird, um Licht ins Dunkel der Rätsel zu bringen. Das andere Kind ist Cooper, ein Junge, der nicht wiedererweckt wurde und nicht in düstere Selbstzweifel verfällt, sondern ein normales Kind mit einem normalen Blick auf die Geschehnisse. Dabei wird deutlich, wie sehr die Kinder das Szenario begriffen haben, in dem sie nun gezwungen sind zu leben. Cooper zeichnet seine Erfahrungen. Wenn in üblicher Kinderzeichnungsmanier seine Tante Martha mit einer Sense auf die Bösen losgeht, braucht es keine weiteren Erklärungen durch Off-Texte seitens Tim Seeleys.
Die Titelbilder von Jenny Frison und ihren Kollegen. besitzen einen melancholischen Ausdruck, sind technisch für diesen Zweck eindrucksvoll und weisen einen höheren Realismusgrad als die Zeichnungen von Mike Norton auf. Frisons Bilder können auch ohne die Serie bestehen, geben die Vorlage für eine Geschichte im Kopf und besitzen durch ihre Motive eine feine Wandgemäldequalität. Ein Bild, nicht von Frison, viel verspielter, zeigt Cooper im Spiel mit einem der Geistwesen. Während Cooper sich als Spielfigur Skeletor ausgesucht hat, verteidigt sich das Wesen mit der Figur von Darth Vader. Bestehende Popkultur findet Eingang in neue Popkultur.
Mysteriös, unheimlich geht REVIVAL in die dritte Runde. Tim Seeley spielt gekonnt mit der Regenerationsfähigkeit der erweckten Akteure. Je mehr heilt, desto größer wird der innere Leidensdruck der einzelnen Charaktere. Der Wahnsinn schleicht nicht nur, mitunter rennt er auch mit dem Kopf gegen die Wand. Horror im Stile von Stephen King, ein besseres Kompliment kann es in diesem Genre kaum geben. 🙂
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Freitag, 06. März 2015
In einer Soap-Opera als Schauspieler zu arbeiten, bedeutet nicht gerade das Leben auf der Überholspur. Diese Erfahrung muss auch Alana machen, die zwar eine gute Rolle ergattert hat, aber bald mit dem Stress nicht mehr so fertig wird, wie sie es gerne hätte. Eine ihrer Kolleginnen hat ein Mittel zur Entspannung parat. Marko, der Mann in ihrer kleinen Familie, ist weiterhin untergetaucht, hält sich versteckt vor den Verfolgern, die mit der kleinen Familie, die so nicht existieren darf, kurzen Prozess machen würde. Doch das Verhältnis zwischen Marko und Alana ist belastet. Zunehmend entfremden sie sich. Die kleine Hazel, die die Geschichte ihrer Familie erzählt, fehlen schließlich die Worte.
Liebe in den Zeiten der Soap Opera. Nicht nur das Ehepaar, das es nicht geben dürfte, und ihre kleine Tochter haben ein Problem mit dem täglichen Leben. Im Haus von Prinz IV gärt es, denn die Geburt seines Sohnes hat er in einem Freudenhaus verpasst und selbst Tage später sitzt er seinen Rausch in der Obhut der Prostituierten aus. Als er wieder klar in seinem viereckigen Kopf ist, bricht auch sogleich wieder der Jähzorn durch, der ihn schon häufiger angetrieben hat.
Brian K. Vaughn und Fiona Staples sind Zauberer. Nennen wir einmal nicht die ganzen Preise, die die Serie bereits eingeheimst hat, und gehen der Sache auf den Grund. SAGA hat das Quäntchen Anarchie, es hat viel Humor, es eine Spur der Science-Fiction-Epen, die im Strudel von Star Wars folgten. Star Crash, das alte Battlestar Galactica oder Buck Rogers sind treffende Beispiele im Plastik-Look, den SAGA sehr gut trifft. Es finden sich Elemente von Barbarella, vom Comic wie auch von der späteren Verfilmung. SAGA vermittelt dem älteren Leser eine Retrogefühl, für den jüngeren Leser wird es wieder etwas Neues sein, da sich lange niemand derartig an eine Space-Opera herangewagt hat.
Kindesentführung. Eines der schwersten Vergehen, auch hier in SAGA. Die beiden Comic-Macher nutzen die Gelegenheit zu einer spannenden Hatz, aber auch dazu, um verschiedene Epochen deutlich zu machen. Das Robotervolk ist nämlich nicht nur von Hightechwesen bevölkert, die in ihrem Monarchen ihre Krone der Schöpfung finden. Anstelle eines gewöhnlichen Kopfes sind diese Wesen mit einem Monitor ausgestattet. Das Staatsoberhaupt ist mit einem Haupt gesegnet, das nicht zufällig an einen der neuesten Flachbildschirme erinnert. Da kann selbst Prinz Robot IV nicht mithalten. Aber noch weniger das gemeine Volk.
Denn jene, die einfachste Arbeiten ausführen und am untersten Ende der Karriereleiter rangieren, tragen nicht nur altmodische Monitore mit Drehschaltern auf den Hälsen, ihre angezeigten Bilder werden auch in Schwarzweiß ausgestrahlt. Brian K. Vaughn schlägt auf elegante Weise die Brücke zwischen uralten Science-Fiction-Geschichten, Pulp aus den Anfangstagen des Genres, bis in die Gegenwart, die Klicki-Bunti-Plastikzeit und offenbart, wie wenig sich im Sinne der Unterhaltung im Kern geändert hat. Nur an den Rändern findet sich Neues, neue Interpretationen, neue Ideen, die aus den Zeichen der jeweiligen Zeit entspringen.
Sex sells. Aber eben nicht immer. Und früher schon gar nicht. Jemandem, der sich in einer wichtigen Mission wähnt, dergleichen Mittel zur Überbringung seiner Botschaft aufschwatzen zu wollen, ist selbstmörderisch kurzsichtig. Brian K. Vaughn nimmt die Mechanismen menschlicher Unterhaltung, ihre Methoden und pseudopsychologischen Regeln genüsslich auseinander, zögert aber auch nicht, sie selbst anzuwenden. Das ist dank Fiona Staples auch optisch doppelzüngig und gemein, aber stets mit einem Augenzwinkern.
Eine feine Fortsetzung, die natürlich wieder für einen Wendepunkt sorgt, unvorhersehbar und etwas vernachlässigte Charaktere erneut ins Visier nimmt. Satirisch fies. Herzlich gezeichnet von Fiona Staples. 🙂
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Mittwoch, 04. März 2015
Don Donaldos Di Duckos hatte am Fechten kein Interesse. Viel lieber beschäftigte er sich mit dem Reimen und Dichten, schmachtete er die liebliche Daisetta an. Alles wäre gut gewesen, hätten die Umstände nicht dafür gesorgt, dass sein Onkel Don Dagojandro Berto Y Duckos andere Pläne für den Neffen gehabt hätte. Denn Don Dagojandro sah in Don Donaldos eine billige Arbeitskraft, einen Aufpasser für seine Pistazienplantagen. Und Aufpasser waren in diesen gefährlichen Zeiten bitter nötig, denn die Los Knackos Panzeros trieben ungeniert ihr Unwesen und standen sich auch noch mit Vertretern des Gesetzes auf allzu gutem Fuß.
Zorro in Los Enteles. Mit der ständigen Gefahr vor Augen fiel dem einfachen Volk das Eingreifen einer schwarz gewandeten Gestalt namens Zorro umso positiver auf. Aber Zorro hatte ein Problem und brauchte bald einen Ersatzmann. Kein Geringerer als Don Donaldos hatte die Ehre in die Maske des Rächers mit Maske und Degen zu schlüpfen. Und schließlich wird aus dem Dichter tatsächlich so etwas wie ein Held …
Die klassischen Disney-Figuren im ebenso klassischen Gewand, zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Kostümen, auf unterschiedlichsten Missionen. Die Ideenvielfalt der italienischen Disney-Schmiede schickt den Leser quer durch die Jahrhunderte, mit der Zeitmaschine zu großen Malern, die davon träumen, große Köche zu sein. So mancher Bekannte wird hier in fremde Rollen gesteckt, aber auch reale Helden wie Micky und Goofy sind gezwungen, neue Identitäten anzunehmen und treten als sangeskräftige Mariachis auf.
Gemäß den Horrorthrillerszenarios, derer sich schon Geschichten für ein erwachsenes Publikum bedient haben, geraten Micky und Goofy in die verzwickte Lage in einem abgelegenen südamerikanischen Landstrich plötzlich ohne Papiere dazustehen. Aufgrund eines Missverständnisses fliehen die beiden Freunde, so schnell sie nur können. Es ist ein Abenteuer, Die zwei Mariachi, wie es an die Verwicklungen in Drei Amigos erinnert und so tragend, so dass zwei Fortsetzungen, nämlich Die Rückkehr der Mariachi und Das Geheimnis der Oboe, an dem selben Schauplatz stattfinden.
Flair der Klassik. Dynamisch und mit viel Kenntnis klassischer Komödien erzählen Nino Russo (Autor) und Francesco Guerrini (Zeichner) die Titelgeschichte, deren theatralischer Aufbau auch an die alten Tage eines im Schwarzweißfilm auftretenden Douglas Fairbanks erinnert. In weniger modernen Linien zeichnet Giovan Batista Carpi Donald Duck in Der Held der Arena. Zeitweilig lässt sich annehmen, Autor Guido Martina verbeugt sich hier auch vor Ferdinand, dem Stier, der lieber an Blumen roch, als zu kämpfen. Alte Liebe rostet nicht, heißt es in der letzten Geschichte, extra lang, von Giulio Chierchini in zerbrechlichen Linien dargestellt. Er und Edoardo Segantini schrieben die Handlung, die auch darauf achtet, die Charaktere nicht so weit von ihren üblichen Rollenverteilungen zu entfernen.
Tragende Komödianten. Goofy, der besonders in den erwähnten Mariachi-Geschichten, aber auch als Musketier hervorsticht, spielt den weitaus ernsteren Micky locker an Wand, will man die beiden als Schauspieler sehen. Er ist nicht der Galan wie Micky, nicht so beherrscht, dafür trägt er das Herz auf der Zunge und seine Naivität in Sachen Romantik und Spaß bringt die gemeinsamen Geschichten voran. Donald Duck ist, sobald er auftritt und loslegen darf, eine Urgewalt in Sachen Komik. Ob als der erwähnte Zorro, als Stierkämpfer, als Mann, der einfach das Glück in London sucht oder als Minnesänger. Diese beiden besitzen, so sie nicht von anderen Charakteren in Nebenrollen gedrängt werden, die meiste Tiefe.
Insgesamt steht unter der Strich eine Sammlung von Geschichten, die einer langen Reihe von spannenden und spaßigen Abenteuer folgen und heute unter die Kategorien Comedy und Slapstick fallen. Und sie taten es, lange bevor dergleichen Begriffe ein Genre näher bezeichneten.
Ein praller Lesespaß. Schon lange treiben sich Disneys Charaktere in anderen Epochen und Szenarien herum und es ist hier wie stets ein Vergnügen, sie dabei zu beobachten, wie sie mit Mantel und Degen, Pluderhosen und Rüschen auftreten und eine gute Figur machen. Empfehlenswert für Alt und Jung. 🙂
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Mittwoch, 25. Februar 2015
Diese Herde wird gelenkt, obwohl die Untoten, die sich in ihr bewegen, dies kaum wahrnehmen. Diejenigen, die hoch zu Ross, geschützt durch leichte Körperpanzer und Schutzwesten, mit Schwertern bewaffnet, die Kreaturen durch die Landschaft treiben, bemerken ihren Fehler erst spät. Denn sie sind nicht die einzigen Menschen, die hier noch unterwegs sind. Für Magna und ihre Gruppe, die sich bislang gut durchgeschlagen hatten, wird die Begegnung mit der Herde zu einem Fiasko. Als die Treiber ihren Fehler erkennen, ist es beinahe zu spät. Die Untoten haben eine neue Futterquelle gefunden. Ein Entkommen scheint unmöglich …
Das ist ein wirklicher Neuanfang. Man könnte auch sagen: Willkommen im Wilden Westen. Es herrscht Siedleratmosphäre. Robert Kirkman fängt den Geist der Gründertage Amerikas neu ein. Es ist eine Zeit des Aufbruchs, in der die menschlichen Feinde besiegt zu sein scheinen und der Umgang mit den Untoten eine gewisse Professionalisierung erfahren hat. Herden werden getrieben, gelenkt. Wachen patrouillieren, die Landwirtschaft blüht auf, ein Handel stellt sich ein, sogar Lehrstellen werden an die Jugendlichen vergeben.
Rick Grimes, der einst den Ausbruch der Apokalypse miterlebte, eine Gruppe um sich scharte, immer im Bemühen lebte, diese Menschen wie seine Familie zu beschützen, ist inzwischen zu einer Legende gealtert, dem mit Respekt begegnet wird. Und er muss sich längst nicht mehr um alles kümmern. Der einzige Wermutstropfen in dieser prächtig wachsenden neuen Gesellschaft ist ein Gefangener einer vergangenen Auseinandersetzung, der nur allzu gern dazu bereit ist, wieder Schwierigkeiten zu machen.
Robert Kirkman beginnt Ein neuer Anfang allerdings nicht mit dem Utopia, das sich Grimes und seine Leute geschaffen haben, sondern führt eine weitere Gruppe ein, die auf jenem Stand sind, auf Grimes und die anderen vor vielen, vielen Bänden einmal waren: Wanderer. Ausgerechnet diese Menschen werden zu Opfern der neuen Ordnung und verständlicherweise ist das nicht die beste Ausgangslage für ein vorurteilsfreies Kennenlernen.
Es ist spannend und menschelt. In den vergangenen Episoden herrschte Krieg zwischen den Menschen, die Untoten waren fast schon im Weg. Das ändert sich in dieser neuen Konstellation. Das Verhältnis zu den Zombies erhält eine neue Qualität. Sie werden als eine Urgewalt begriffen, der man aus dem Weg geht, die man in Teilen beherrschen kann. Sofern man die Regeln befolgt. Wer zu cool an die Sache herangeht, ist bald schon Futter. Hinzu kommt das Flüstern. Haben die Untoten gelernt zu sprechen?
Es dauert eine Weile, bis sich eine Antwort abzeichnet. Robert Kirkman hatte hier einen sehr guten Einfall und schiebt das Zusammenleben mit jenen, mit denen der Mensch sich nun den Planeten teilen muss, auf eine höhere Ebene. Mehr sei dazu nicht verraten. Allerdings sei angemerkt, dass diese neue Idee einen großen Vorrat an Folgeereignissen bereit halten mag und Kirkman es so gelingt, nach der langen Lebensdauer der Serie immer noch Neugier zu schüren.
Horror. Die Untoten haben sich seit den ersten Bänden gehörig verändert. Charlie Adlard, im Bereich Tusche durch Stefano Gaudiano verstärkt, hat es nur noch mit Wiedergängern zu tun, die seit den ersten Tagen der Katastrophe unterwegs sind. Sie halten sich auf den Beinen, die Zersetzung der Untoten, ob sie nun beweglich oder nicht sind, arbeitet für die überlebenden Menschen. Bei einer Attacke halten die Körper nicht mehr so viel aus, wie es ein Lebender tun würde. Es ist also eine Frage der Zeit, bis die Herden der Zombies sich erledigt haben werden. Aber … noch laufen sie. Individuelle Merkmale sind für Charlie Adlard kaum mehr zu beachten. Unterschieden werden die Kreaturen lediglich noch am Grad ihrer Verrottung.
Vater und Sohn. Es ist erstaunlich, welchen optischen Sprung Rick Grimes und sein Sohn Carl gemacht haben. Die gemeinsamen Szenen der beiden, die in einer Art Familienbild münden, mit fehlendem Arm und fehlendem Auge, sind ein Indiz für all das, was die beiden mitgemacht haben und dennoch ist es ein schönes Bild, das Kirkman und Adlard hier entwerfen, denn wirklich zum ersten Mal seit die Serie begann, werden die beiden auf eine gewisse Art glücklich dargestellt.
Robert Kirkman gestattet es seinen Helden, den Kurs weitestgehend im Griff zu haben … ehe er das Grauen auf ziemlich ungewöhnliche Art neu erweckt, so dass alle erreichten Erfolge erneut ins Wanken geraten könnten. Eine tolle Grundlage für die nächsten Folgen, unheimlich, aber auch sehr interessant. Sogar für Neueinsteiger geeignet. 🙂
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Sonntag, 22. Februar 2015
Ein guter Tag zum Sterben. Kalimbo, der Elefantenbulle, ist alt. Er hat ein langes Leben gelebt und nun gilt es, seine Familie vor den Folgen seiner greisen Tage zu verschonen und den Elefantenfriedhof aufzusuchen, wo er in Ruhe sein Ende erwarten kann. So ein Weg quer durch die afrikanische Steppe ist weit. Kalimbo hat viele Tiere kennen gelernt, sein Ruf eilt ihm längst voraus. Dem alten Elefantenbullen macht niemand mehr etwas vor. Makoussa, ein alter Löwe, bietet dem wuchtigen Freund an, ihn auf seiner letzten Wanderschaft zu begleiten.
Didier Crisse (Autor) und Fred Besson (Zeichner, Kolorist) sind mit Atalante zu einem der Traumduos unter den Comic-Machern aufgestiegen. Konnte man bislang in Atalante einen Hang zu Disney-Design nur entdecken, ist das Vorbild König der Löwen, überhaupt die ganze tierische Seite des großen amerikanischen Unterhaltungskonzerns deutlich sichtbar. Wer den Löwen auf dem Titelbild sieht, wird sofort vergleichen. Das schadet aber in keiner Weise, denn Crisse und Besson ringen dem Thema eine Qualität ab, die sich nicht vor den Kinovorbildern verstecken muss, eher übernimmt sie in gedruckter Form selbst Vorbildfunktion.
Hier gibt es keinen Unterschied zwischen der grafischen Qualität von Titelbild und Innenseiten. Der erste Auftritt von KALIMBO, weit entfernt von Herde stehend, mit stechendem Blick, abweisend, damit ihm auch ja niemand folgt und der Abschied leichter fällt, ist einfach toll inszeniert. Die weißen Augenbrauen sind das I-Tüpfelchen auf dem Design des Elefantenbullen, der insgesamt so perfekt gestaltet ist, dass man seinen grummelnden Tonfall vom Papier her zu hören vermag. Das ist sicherlich übertrieben formuliert, es ist aber angesichts des unwahrscheinlich griffigen Entwurfs der Titelfigur eine für mich gute Beschreibung.
Mata-Mata. Der erste Band von KALIMBO präsentiert das Lied der Savanne in einem großen Teil seiner Bandbreite. Neben dem Motto Fressen und gefressen werden geht es natürlich auch um die ungeheure Vielfalt und Menge von Tieren, die Afrika zu bieten hat. Gnu-Herden werden für die übrigen Bewohner der Savanne zum Großereignis, dem man sich besser nicht in den Weg stellt. Didier Crisse vergisst über der realen Grundlage die Märchenhaftigkeit des Szenarios nicht. Die Tiere warten auf einen Gleichmacher, der das Prinzip von Gefressen und gefressen werden beendet. Die Bezeichnung dieser mythischen Figur: Akimba.
Problem: Nicht jeder will einen Gleichmacher. So mancher, frei nach George Orwell und passenderweise seiner Farm der Tiere, ist gleicher als gleich. Und so ist die Jagd auf Mata-Mata eröffnet. Das ginge für das kleine Zebra dieses Namens böse aus, gäbe es nicht, ganz klar, KALIMBO. Besonders Fred Besson darf nun mit seinen Bildern Gegensätze, Grundsätze, Missverständnisse und Widersprüche in dieser Tierwelt herausarbeiten.
Eines der schönsten Missverständnisse ist die Begegnung zwischen Kalimbo (Elefant) und Drogba (Nashorn). Mehr soll auch dazu nicht gesagt werden. Es ist ein Hingucker, es ist spaßig und komplettiert auch ein wenig die hintergründigen Fragen rund um das Alter. Wenn Tiere vermenschlicht werden, fließen logischerweise auch menschliche Fragestellungen mit ein. Diese Szene ist nur eines von vielen Kabinettstückchen, die Crisse und Besson gelingen. Ein fast schon obligatorisches Making-of im Anhang rundet den Blick auf das Können von Besson ab.
Eine Geschichte, die Spaß macht und für eine schöne Leserunde geeignet ist. Von Didier Crisse märchenhaft erzählt, von Fred Besson mit traumwandlerischer Versiertheit gezeichnet. Ein optischer wie auch technischer Augenschmaus. Die Fortsetzung darf kommen! 🙂
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Sonntag, 15. Februar 2015
Die Pilze sind riesig. Nicht nur das! Plötzlich tauchen überall auch diese ganzen kleinen Pilze auf. Pilze! Überall Pilze! Und dann dieser Zauberer! Nachdem dieser Herumtreiber in der Nähe von Rummeldorf aufgetaucht ist, brach auch das Chaos aus. Kühe alterten in enormen Tempo. Geräusche in der Nacht beunruhigen die beiden Camper Spirou und Fantasio. Der fremde Jäger, der in der Dunkelheit einen Hasen davonträgt, ist ein Anblick, den der Beobachter so schnell nicht vergisst, denn der Hase ist riesig!
Eine Erbschaft, die ist lustig … Nachdem das Abenteuer rund um das Kennenlernen mit dem Grafen von Rummeldorf erfolgreich bestanden ist, warten drei Aufgaben auf Fantasio. Spirou steht selbstverständlich an der Seite des Freundes. Allzu leicht sind diese Aufgaben, die den Weg zu einer Erbschaft ebnen, nicht zu bewältigen. Zu ungewöhnlich sind sie abseits des normalen Alltags. Die beiden Freunde werden häufig und gern mit merkwürdigen, exotischen, aber auch Vehikeln gesehen, die in der Realität Begeisterungsstürme auslösen würden. Nun ist Fantasio als Erfinder gefragt. Eine Erfindung von allgemeinem Nutzen soll dank seines kreativen Geistes das Licht der Welt erblicken. Das ist leichter gesagt als getan.
Wurde zuvor noch mit dörflichem Lokalkolorit gespielt und die konservative Landseele durch den Kakao gezogen, wird mit dem fünften Band, Eine aufregende Erbschaft, eine der großen Stärken der Reihe bereits vage vorskizziert. Und nicht nur das. Das dreigeteilte Abenteuer ist auch die Geburtsstunde des Marsupilamis, das nicht nur zu einem der außergewöhnlichsten Comickreaturen schlechthin werden wird, sondern auch neben solchen Figuren, die sich wenigstens wörtlich äußern können, zu einer der liebenswertesten Gestalten frankobelgischer Comickunst aufsteigt.
Dabei ist seine Konstruktion denkbar einfach und folgt, bedenkt man die gummiartigen Wesen, mit den aus heutiger Sicht abnormen Bewegungsabläufen der frühen Zeichentrickfilme, damaligen Gesetzmäßigkeiten, allerdings holt es ein Optimum aus diesen ungeschriebenen Regeln heraus. Das Marsupilami ist auf seine Art ein comictechnisches Denkmal geworden. Die Mischung aus Hund, Affe und gelbschwarzen Comicwesen ist (und das haftet jedem Comicklassiker an) zeitlos. Sein HUBA-HUBA braucht keine Übersetzung. Sein Lachen, das es durch die Begegnung mit Spirou und Fantasio überhaupt erst entdeckt, ist mitreißend und in der jeweiligen Szene urkomisch. Wer wollte es nicht wieder in Freiheit sehen?
Die Entführung des Marsupilami, das dritte Abenteuer in der vorliegenden zweiten Folge der Gesamtausgabe der Reihe um Spirou, handelt denn auch folgerichtig von seiner Befreiung aus Zoo und Gefangenschaft. Es mag eine unbewusste Lehrstunde darüber sein, dass in Freiheit geborene Tiere nicht in Gefangenschaft gehören, weder in Zoo noch Zirkus. Im redaktionellen Teil wird kurz über eine Phase vor und nach Franquin mit Spirou gesprochen, prägend sei aber vor allem die Phase während Franquins Schaffenszeit gewesen. Ungezwungen, Leichtigkeit sind die Worte, die mir zu seiner Arbeit einfallen.
Franquin selbst sind die Veränderungen der Figur Spirou aufgefallen. Die anfängliche Verspieltheit, eine Orientierungsphase, ist sprichwörtliche Geschichte. Die Figur Spirou, Fantasio natürlich auch, ist einstudierter, gewissenhafter, dafür müssen sich andere Charaktere noch entwickeln. Ein Graf von Rummelsdorf zum Beispiel besitzt noch die Schlaksigkeit eines Fantasio und hat noch lange keinen Anschluss an die beiden Hauptdarsteller gefunden, wie es später der Fall sein wird.
Der verlorene Sohn … Na, ja, nicht so ganz. Zantafio, Fantasios Vetter, wird schnell geläutert und verschwindet so gleich nach seiner Einführung wieder (vorerst), aber er wirft auch ein wenig die Schatten einer anderen Figur, nämlich Zyklotrop voraus, deren Konzeption ähnlich ist. Ist Zantafio das böse Gegenstück zu Fantasio, ist es Zyklotrop zu Graf von Rummelsdorf. Im direkten Vergleich zu Zyklotrop bleibt Zantafio aber deutlich blasser. Seine Auftritte jedoch sind spektakulär. Der raketenstarke, geflügelte Motorroller weckt motorenbegeisterte Männerträume, sogar bei den Comicfiguren selbst.
Die Geschichten rund Spirou und Fantasio nehmen Fahrt auf. Erste große Höhepunkte reißen mit, die Hauptfiguren sind runder, weitere Grundzüge der Serie werden gelegt, wichtige, spätere alte Bekannte werden eingeführt. Spirou und Fantasio sind bereits in den Jahren 1950-1952 eine Comic-Spielwiese, auf der sich Macher und Leser trefflich austoben können. 🙂
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Donnerstag, 12. Februar 2015
Ratten! Wie schnell das Leben in einer amerikanischen Kleinstadt bedroht sein kann, wird durch das massenhafte und aggressive Auftreten von Ratten deutlich. Die Plage macht weder vor der örtlichen Wasserversorgung noch vor Haustieren Halt. Selbst solche Menschen, denen der Tod nichts mehr auszumachen scheint, sehen sich angesichts der schwarzen Nagetiere in Angst und Schrecken versetzt. Für die Drahtzieher im Hintergrund, rachsüchtige Hexen, denen es gefällt, Unheil zu stiften, ist es ein großer Spaß. Doch das Hexenleben besteht nicht nur aus der Vergiftung der Lebensgrundlagen, zuweilen können die eigenen Gefühle so bedrohend sein, dass sie von den eigentlichen Zielen ablenken.
Eifersucht kann weitreichende Folgen haben. Mitunter können selbst jene, die landläufig als böse zu bezeichnen sind, vor Eifersucht fast vergehen. Lilith ist da keine Ausnahme. Sie pflegt eine Eifersucht, die Äonen währt und sich ein ganz besonderes Ziel gesucht hat. Autor und Zeichner Terry Moore vertieft in dieser Folge der Mystery-Serie RACHEL RISING die Charaktere und nimmt sich insbesondere die Nebenfiguren vor, die einen maßgeblichen Einfluss am Geschehen entwickeln. Die erwähnte Lilith, von Gott zur Oberhexe verdammt, ist eine gequälte Kreatur, sobald sämtliche Barrieren fallen und sie sich nichts mehr ersehnt, als dieser Existenz zu entfliehen und wieder in die Nähe des Herrn zu kommen, von dem sie sich schmählich verlassen fühlt. Aus der erbarmungslosen Hexe wird in diesen schutzlosen Momenten ein kleines Mädchen, das nichts anderes will, als nach Hause zurückzukehren.
Der Teufel fühlt sich hingegen pudelwohl. Er hat sich in Form eines Priesters in den Schatten der Kirche zurückgezogen und erzieht dort die kleine Zoe, die zu Beginn der Serie für einen gehörigen Schrecken gesorgt hat. Zwischenzeitlich machte sie den Eindruck, ihrer brutalen Seite überdrüssig zu sein, sich sogar vor ihr zu fürchten. Nun erwacht dank des teuflischen Zuspruchs in ihr ein unheimlicher Ehrgeiz. Denn sie hat in ihrer Ahnenreihe einen ziemlich beunruhigenden Vorfahren, den es nun zu übertrumpfen gilt. Anhand dieser, aber auch vieler anderer, Szenen und Sequenzen wird deutlich, wie makaber Terry Moore seine Geschichte zu konstruieren vermag, wie pechschwarz sein Humor in dieser Mystery-Serie ist.
Ich hab sie erst vor einer Stunde aus dem Eisfach geholt. Sie braucht noch eine Weile zum Auftauen.
Frauen kehren von den Toten zurück. Besser gesagt, sie kehren vom Tode zurück. Wäre das nicht schon seltsam genug, mag sich Jet, Rachels Freundin, auch noch wundern, wieso sie eigentlich immer wieder nackt zu sich kommt. Das mag mit Earl zusammenhängen, einem Kumpel und lieben Freund, der sich einem schlimmen Verdacht ausgesetzt sieht. Aber ein Verdacht ist ein Verdacht ist ein Verdacht … Kein Wunder, dass der liebe Earl rot anläuft, als er sich mit entsprechenden Vorwürfen konfrontiert sieht. Terry Moore entlüftet den Kleinstadtmief mit einem süffisanten Blick hinter die Kulissen. Da wird der Katholizismus genüsslich durch den Kakao gezogen. Homosexualität im modernen Amerika ist in keiner Weise mehr anstößig, sondern in einer festen Beziehung so langweilig wie jede andere Beziehung auch.
Was ist mit Rachel? Die steht vor einem Rätsel, immer noch. Zwar haben sich ein paar Fragen geklärt, aber längst nicht alle und so manche Fähigkeit will erkundet werden. Die Ergebnisse schrecken selbst die junge Frau, die sich doch schon zweifach aus der Erde unter Mühen ausbuddelte. Rachel hat ein Gespür entwickelt. Terry Moore zeichnet mit feinem Strich eine Szene, die selbst für Comics, in denen viel mehr möglich ist, als in anderen Medien, die auf morbide Weise anrührend ist. An anderer Stelle beschert er dem lesenden Auge eine kurze Passage, die einem Tierfreund durchaus den Magen umzudrehen vermag, andererseits aber auch die Verrohung eines der Charaktere besser beschreibt, als alles andere zuvor. Deshalb darf über eine andere Szene im weiteren Verlauf frühzeitig abgebrochen und der Rest der Fantasie des Lesers überlassen werden.
Tolle Zeichentechnik, in vorbildlichen Schwarzweißbildern inszeniert, mit Charakteren, deren Merkmale immer tiefer gehend ausgelotet werden, so dass es nahezu jede Figur auf ihre Weise es schafft, für den Leser interessant zu sein, da Terry Moore das Kunststück gelingt, aus (fast) jedem auftretenden Charakter einen unverzichtbaren Bestandteil der Geschichte zu machen. Wäre es eine Fernsehserie, wäre es ein Quotenhit. Mystery-Fans sollten sich diese moderne Schauermär nicht entgehen lassen. 🙂
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Mittwoch, 11. Februar 2015
Die Tote ist durch einen Sturz aus großer Höhe verstorben. Wäre sie an anderer Stelle gefallen, vielleicht wäre sie früher gefunden worden. So aber lag wenigstens zwei Tage herum, bevor ein Passant, der sich nur verlaufen hatte, auf sie stieß und den Todesfall meldete. Für alle Beteiligten wäre ein Unfall wohl die beste Ursache für diesen Leichnam gewesen, hätte nicht ausgerechnet ein Neuling auf dem Gebiet der Kriminalistik auf ein wichtiges Indiz aufmerksam gemacht. Ein Handschuh zuviel drängt die Annahme eines Mordfalls auf. Leider, werden wohl die meisten denken, die sich am Tatort versammelt haben. Aber nachdem Zweifel geweckt sind, müssen diese den Spielregeln gemäß ausgemerzt werden.
In der Welt von HOROLOGIOM gibt es andere Gesetzmäßigkeiten als in jenen, die der Leser gewohnt ist. Nur hier wie dort ist Mord gleichermaßen verboten. Und hier wie dort gehört ein Mörder seiner gerechten Strafe zugeführt. Wie so oft bei Kriminalfällen werden solche und solche Polizisten einander gegenüber gestellt. Solche, die ihren Beruf sehr ernst nehmen und übergeordnete Instanzen nicht fürchten. Und solche, die nicht so genau hinsehen und eine leichte Lösung einer komplizierten Ermittlung vorziehen. Fabrice Lebeault nimmt seine Charaktere ernst, kann es sich aber nicht verkneifen, dass durch gewisse Konstellationen auch komödiantische Elemente in die Handlung einfließen.
Ein Überwachungsstaat wird in HOROLOGIOM geschildert, sicherlich, doch greift ein Vergleich zu 1984 zu kurz. HOROLOGIOM von Fabrice Lebeault mischt einen Funken Märchen, eine Portion Jules Verne und H.G. Wells unter die Handlung. Für den Leser ist es ein Land der Wunder und Ideen, aber alles andere als wunderbar für seine Akteure, denn das Leben in HOROLOGIOM ist pure Tristesse, wäre da nicht der Mord, der zeitweilig den ewig gleichen Alltag aufsprengt. Kleine schwarze Dreiecke sind die Nahrung in HOROLOGIOM. Sie sind nicht etwa die Hauptnahrung, ein Teil davon, nein, sie sind die einzige Nahrungsquelle. Im Vorspann werden dazu Anspielungen auf Soylent Green gemacht, den Science-Fiction-Klassiker von Richard Fleischer auf der Basis des Romans von Harry Harrison (beide sind uneingeschränkt zu empfehlen).
Wenn bei einem derart wichtigen Bestandteil wie der Nahrungsquelle einer Gesellschaft plötzlich Unstimmigkeiten auftauchen, stellt dies ein großes Problem dar, das mit Samthandschuhen behandelt werden muss, denn umstürzlerische Aktivitäten gibt es auch hinter den Kulissen von HOROLOGIOM. Fabrice Lebeaut, Autor und Zeichner von HOROLOGIOM, spricht diese nur vage an, als befürchte selbst der Autor, er könne vor den gestrengen blicken seiner eigens von ihm geschaffenen Kreaturen ein Wort zu viel verraten.
Die Fantasie in HOROLOGIOM. Man beachte allein das Titelbild. Zwei Kriminalbeamte schleichen durch die Gänge, beschreiten jenen stets neuen Weg zu jener Stelle, an der die neuen Dreiecke, die tägliche Fuhre Nahrungsmittel, den Bürgern zur Verfügung gestellt werden. Roboter sind nicht nur maßgeblich an der Produktion beteiligt, sie versuchen in einer Art Ritualfunktion jene in die Irre zu führen, die sich vom rechten Weg abbringen lassen, vielleicht auch jene, die es wagen sollten, einzubrechen, in der Absicht, einen Diebstahl zu begehen.
Eine akribisch beschriebene Welt und doch kommt die Komplexität mit einer enorm leichten Erzählung daher. Fabrice Lebeault berichtet weiterhin völlig unangestrengt über sein HOROLOGIOM. Zu keiner Zeit hat es den Anschein, als sei eine Information überflüssig oder habe noch unbedingt eingefügt werden müssen. Infolge dessen ist eine Geschichte entstanden, in die man sich als Leser sehr gut fallen lassen kann, auch und gerade wegen ihrer Fremdartigkeit. Denn einiges lernt der Leser zusammen mit den ermittelnden Polizisten. Diese schrecken vor der unheimlichen Automation ihrer Umwelt zu keinem Zeitpunkt zurück und ziehen so den Leser mit sich.
Ein optisches Szenario, in dem Fabrice Lebeault mit seiner Vision auf den Spuren eines Fritz Lang wandelt. Wer nur Ausschnitte oder Bilder von Metropolis gesehen hat, wer ein wenig die grafischen Richtungen eines Art-Deco vor Augen hat, wird hier sofort Anleihen und entsprechende Strömungen entdecken. Wo die Figuren sich mit ihrer Kleidung, ihrer Mode zurücknehmen, spielt die Umgebung umso mehr auf, vollführt Fabrice Lebeault mit seinen Gebäuden, mehr noch mit seinen ungewöhnlichen Vehikeln und Robotern wahre Kabinettstückchen.
So toll kann fantastische Science Fiction sein. Mit HOROLOGIOM ist Autor und Zeichner ein moderner Klassiker im Albengewand gelungen. Der neue Mordfall, der stark hinter die Kulissen dieser Welt führt, ist in jeder Beziehung ein Höhepunkt der Erzählkunst im Comic. 🙂
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Mittwoch, 04. Februar 2015
Eine seltsame Frau irrt durch den Wald, hinaus auf die Landstraße. Ihre Stirn blutet, ein weißes Bettlaken verhüllt notdürftig den bloßen Körper. Sie hat keine Ahnung mehr, wer sie ist, noch woher sie gerade kommt, aber sie übt eine merkwürdige Macht über die Männer in ihrer Umgebung aus. Ausgerechnet ein Musiker findet sie. Da er um die Existenz seiner Band fürchtet, ist er zum Bankräuber geworden. Der Coup war erfolgreich, die Begegnung mit dieser Fremden jedoch war nicht eingeplant. Lance fühlt außerdem eine Zuneigung, eine Begierde wachsen, die in seinem direkten Umfeld alles nur noch kompliziert.
Polizei ist nicht gleich Polizei. Zwar unterscheidet sich der ermittelnde Beamte in Sachen Hartnäckigkeit und Professionalität nicht von seinen Kollegen, nur sind seine Zielsetzungen ungleich gefährlicher und ganz und gar nicht auf Seiten des Gesetzes. Die junge Frau, die nicht nur Verwirrung innerhalb der kleinen Band stiftet und lernt, sich mit dem Namen Jane Doe anzufreunden, hat sehr bald andere, wichtigere Probleme als ihre abhanden gekommene Identität.
Ed Brubaker (Autor) und Sean Phillips (Zeichner) sind das Dreamteam des düsteren Comics. Gerade zu Brubakers Markenzeichen ist die Vermischung eines Crime Noir mit anderen, zugkräftigeren Elementen geworden. In Sleeper paarte er das Superheldengenre mit dem Thriller. In Gotham Central widmete sich der Kulisse vieler Batman-Abenteuer von der normalen Polizeisicht her. Hier, in FATALE, beschert er der Mystery eine weitere Facette und nimmt dabei einen ungewöhnlichen Weg.
Ohne die vorhergehenden Bände kennen zu müssen, taucht der Leser in einen dunklen Thriller ein, der sich erst nach und nach atmosphärisch mit Geschichten von Edgar Allen Poe vergleichen lässt. In die Neuzeit transportiert entstehen immer weitere unheimliche Situationen, die von keinem der Beteiligten zu erklären sind. Sicher ist nur eines: Jane Doe ist zweifellos der Auslöser für das irrationale Verhalten der Männer um sie herum. Neuzeitlicher als Poe formuliert: Scully und Mulder könnten gleich auf der nächsten Seite um die Ecke kommen.
Sean Phillips hat sich als Zeichner etabliert, der mit skizzenhaften Strichen Charaktere mit Ecken und Kanten aufs Papier zaubern kann. Wenige Innenlinien bestimmen die Gesichter, Schatten werden stilsicher fett gesetzt, manchmal wie die Kriegsbemalung von Footballspielern. Und der Vergleich passt, denn Phillips, der bereits mit Brubaker an Sleeper arbeitete, schickt die von seinem Autorenkollegen kreierten Figuren über kurz oder lang in den Krieg. Hier verläuft er nur leiser, heimlicher, es ist ein Kampf hinter den Kulissen und nicht immer wird er mit Waffen ausgefochten, verletzen soll er indes immer.
Sean Phillips hat einen europäischen Zeichenstil, der auch hierzulande in den Augen von Graphic-Novel-Lesern Gefallen finden dürfte. Seine Bilder erinnern an Momentaufnahmen, Grafiken, die versuchen, den intensivsten Augenblick einer Szene einzufangen. Die Kombination einer Bilderfolge, besonders solche, die einen mysteriösen Abschnitt beschreiben, gerät in den meisten Fällen sehr dicht. Diese Sequenzen sind es auch, die nicht selten verstörend wirken, denn nicht nur für die Akteure ist der Ausgang einer derartigen Wendung rätselhaft. Der Leser muss sich mit dem Gefühl begnügen, eine Lösung des Ganzen ist noch nicht in Sicht.
Ein intensives Comic-Erlebnis, dessen Thriller-Atmosphäre bald in eine moderne Mystery-Geschichte umschlägt. Vom versierten und über viele Jahre erfahrenen Comic-Duo Brubaker und Phillips zu Papier gebracht. Düster und spannend über die gesamte Strecke. 🙂
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Montag, 26. Januar 2015
Für manche Wesen ist Kampf mitunter nur ein Spiel. Es dient dem Training der Reaktionsfähigkeiten, des Augenmerks, der Beweglichkeit und sicherlich auch dem Ehrgeiz. Für andere bedeutet Training die Vorbereitung auf den tatsächlichen Kampf auf Leben und Tod. Es ist auch ein Spiel, aber am Ende kann der Besiegte nicht mehr vom Platz gehen. Hätte NÄVIS längere Zeit die Kultur der Erde kennen lernen können, hätte sie vielleicht auch die Bekanntschaft mit Polo gemacht, zu Pferd, nicht ungefährlich, aber auch nicht derart rabiat, wie sie es hier vollführt. Als Ersatzspielerin begeistert sie das Publikum mit einer wahnsinnigen Leistung. Zeitgleich erfreut sich ein anderer Athlet an seiner vollkommenen Erfahrung im Kampf. Zuschauer sind ihm gleichgültig. Für ihn zählt nur, dass er endlich vorbereitet ist.
Kampf ist die Einleitung. Kampf beschreibt den Hauptteil des Geschehens. Viele kleine Schritte haben den roten Faden von SILLAGE an diesen Punkt der Reihe gebracht. Aus NÄVIS ist mehr oder weniger aus einer Laune des Schicksals heraus eine Kampfmaschine geworden, jemand, für den die kriegerische Auseinandersetzung ein existentieller Bestandteil ist. Das mag sich merkwürdig anhören, aber als Charakter hat NÄVIS eine friedliche Phase nicht lange aushalten können. Und nicht selten wurde ihr Frieden nicht lange gegönnt, da ihr Potential und ihr Talent auf dem weiten Feld des Kampfes von einigen wichtigen Charakteren erkannt wurde.
Mit jenem anderen Menschen, der ebenfalls das Titelbild der 16. Ausgabe der Reihe SILLAGE ziert, verhält es sich anders. Dieser Mensch ist bereits von Beginn an zum Krieger erzogen worden, obwohl nicht die Not der Auslöser für diese Erziehung war. NÄVIS musste als einziger Mensch in der Gesellschaft eines Roboters und einer Raubkatze aufwachsen und war, dem Willen ihrer beider Schöpfer nach, ständig auf der Hut vor Gefahren. Sie brauchte den Kampf zum Überleben. Dieser andere Mensch wurde für die Rache trainiert. Eine entsprechende Ausrüstung kann der Leser auf dem Titelbild bereits in Augenschein nehmen. Die Rasanz des Umgangs mit dieser Technik ist hervorragend zu Papier gebracht, der dramatische Tanz in der Schwerelosigkeit auf seine Art bestimmt ein optischer Höhepunkt der Reihe.
Das Titelbild ist sehr drastisch und verrät im Gegensatz zu vielen seiner 15 Vorgänger eine Menge über die Geschichte, aber eben auch nicht alles, denn wer meint, das Ende zu erkennen, findet sich getäuscht. Nävis hält Yannsei in den Armen. Allein das Bild als solches stellt SILLAGE ziemlich auf den Kopf. Es ist nicht Yannseis erster Auftritt, doch bestimmt ist ein Wendepunkt der Reihe, da nun zwei Schicksale zusammengeführt werden. Bislang galt Nävis als einziger Mensch innerhalb der gewaltigen Ansammlung von Wesen aus scheinbar allen Teilen der Galaxis. Und woher Yannsei jetzt kommt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Zwei sich nahe stehende Menschen, die kämpferisch hoch begabt sind (das ist für Fans der Reihe kein Geheimnis), bieten für den Autoren Jean David Morvan und seinen Zeichnerkollegen Philippe Buchet ungeahnte neue Möglichkeiten.
Mut zum Design. Wie wurde George Lucas doch für die Frisuren einer Prinzessin Leia gescholten! Hielt man sie bei ihrem ersten Auftritt gar für eine kleine Micky Maus. Was soll man als Leser von SILLAGE nun von dieser Frisur halten, die NÄVIS dort auf dem Kopf trägt? Der Vergleich zu Micky Maus liegt hier näher, auch alte Witze steigen wieder auf (kriegst du damit auch das dritte Programm?), letztlich allerdings ist ganz einfach der Mut zu begrüßen, den Philippe Buchet mit diesem Konstrukt an den Tag legt. Bei genauer Betrachtung könnte dieser Einfallsreichtum auch einem Stardesigner für eines seiner Modelle auf dem Laufsteg eingefallen sein. Wichtiger noch ist der der praktische Umgang mit dieser Frisur, der es NÄVIS erlaubt, sich in jeder gefährlichen Lebenslage nicht um ihre Haarpracht kümmern zu müssen, die ansonsten von Buchet zur Verschönerung der Figur hergenommen wird.
Design zum Zweiten. Feine, klare Formen sind Philippe Buchets Markenzeichen als Comic-Künstler geworden. Im 16. SILLAGE-Band, Das Böse im Blut, muss der Leser auf die ansonsten reichhaltige Fülle von Raumschiffen, Ideen zur futuristischen Innenausstattung oder auch besondere Vegetationen fast verzichten. Die Aufmerksamkeit von Morvan und Buchet liegt beinahe ausschließlich auf den Charakteren und finalen Duell.
Ein Wendepunkt der Reihe der von einem Knalleffekt zum nächsten fortschreitet. Morvan und Buchet schaffen die Grundlage für einen neuen Abschnitt im Leben von NÄVIS. 🙂
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