Samstag, 13. Juni 2015
Schimpansen sind weniger wert. Schimpansen müssen arbeiten. Orang-Utans denken. Gorillas kämpfen und sorgen für Ordnung. Die Affengesellschaft ist streng untergliedert. Jeder ist an dem Platz, an den er gehört. Eine große Katastrophe, die Affenstadt heimsucht, rüttelt an den Grundfesten dieser Ordnung. Lange schon schwelte ein Konflikt. Nicht alle waren mit dieser über die Jahrhunderte gewachsenen Ordnung zufrieden. Affe tötet niemals Affe, Affe sperrt Affe ein. So sehr der Affe die Relikte einer vergangenen menschlichen Zivilisation ablehnt, verbirgt, leugnet, so sehr ist er doch bereit, viele ihrer Regeln und Verhaltensweisen zu übernehmen und gleichzeitig alles zu verteufeln, was angeblich menschlich ist. So lange Mensch nur ein dummes, stummes Wesen ist, geht diese Taktik auf. Aber was wäre wenn es Menschen gibt, die jene lange Periode nach dem großen Krieg überdauert haben … Menschen von einst.
Eine Zeitenwende, die sich gut in die bestehenden Kinoabenteuer einfügt. Taylor, der Astronaut, der so viel Unruhe in die Affengesellschaft brachte, ist noch nicht gelandet, dennoch herrscht ein gewisser Unmut. Affe tötet zwar nicht Affe, von Gleichberechtigung sind Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen aber weit entfernt. Die Autoren Gabriel Hardman und Corinna Bechko unterwerfen die Affengesellschaft weiteren Katastrophen, lassen einen geheimnisvollen Feind auftauchen und stellen Doktor Zaius, jenes unerbittliche Ratsmitglied, das später dem Astronauten Taylor das Leben schwer machen wird, zunehmend in den Mittelpunkt eines apokalyptischen Szenarios. Am Ende, hieran kann kein Zweifel bestehen, ist die Motivation von Zaius gegenüber den Menschen absolut nachvollziehbar.
Katastrophen. Ein großes Wort und leicht dahin gesagt. Das sich hier abspielende Feuerwerk, in einer Inszenierung, ganz im Geiste der Originalkinoserie, die zwar effektiv war, trotzdem auf ihr Budget Rücksicht nahm, bricht wie ein erbarmungsloser Sturmwind über die Affenstadt und die Umgegend ein. Die Zerstörung nimmt auf niemanden Rücksicht, weder auf Affen noch Menschen. Die Verzweiflung der Affen wird in verschiedenen Sequenzen gezeigt. Neben der großen, alles übergreifenden Katastrophe sind die persönlichen einiger Figuren die traurigsten und runden letztlich den Charakter von Doktor Zaius noch weiter ab. Der Orang-Utan bewahrt eine seltsame Ruhe, unter der es brodelt und dank seines kühlen Kopfes und seiner Intelligenz übernimmt er die Führung in einer Struktur, in der es sich beweist, dass Gorillas mit Haudrauf-Mentalität bei weitem nicht die perfekten Anführer sind.
Die Art der Zeichnungen von Damian Couceiro erinnern stellenweise an einen sehr frühen Mike Mignola (Fafhrd und der graue Mausling), als dieser noch lange nicht seinen reduzierten Stil gefunden hatte. Und sie führt mit ihren feinen Linien, einem stilisierten Ausdruck, in dem nichts unnötig hinzugefügt wird, in einen steten Lesefluss. Die Augenführung wird nur so lange aufgehalten, bis die Dialoge erfasst sind. Das hat bestenfalls einen filmischen Charakter und baut die Atmosphäre der alten Filmserie packend in einen modernen Comic ein. Das optische Szenario ist durchweg dramatisch düster. Weltuntergangsstimmung herrscht farblich in der ersten Hälfte vor (schöne Kolorierung von Darrin Moore), während die zweite Hälfte in einer shakespeareartigen Grundhaltung aufgeht, nicht nur mit Überraschungen aufwartet, sondern sich stark auf die Figuren konzentriert.
Gabrel Hardman und Corinna Bechko greifen Aspekte des zweiten Teils der damaligen fünfteiligen Filmreihe auf, als es hieß: Rückkehr zum Planet der Affen. Damals fing die zweite Folge schon die Science-Fiction-Auffassung der 70er Jahre ein, etwas schriller in seinen Effekten, etwas poppig gruseliger in seiner Optik, als es zuvor gehandhabt wurde. Damian Couceiro findet auch hier den richtigen Strich, damit diese alte Dystopie gut in die Neuzeit hinübergerettet wird. Das Stichwort lautet hier: Strahlenverseuchung. In einer grafischen Ausrichtung, die etwas reduziert, funktioniert das ausgezeichnet.
Tolle Fortsetzung der ZEITENWENDE, stimmig in die Gesamtgeschichte des PLANETEN DER AFFEN eingegliedert, ein Wiedersehen mit alten Bekannten wie Doktor Zaius, Cornelius, Zira und anderen inklusive. Feine Zeichnungen von Damian Couceiro fangen die Originalatmosphäre ein. Die Kenntnis des ersten Teils ist Pflicht. Nicht nur, aber ganz besonders für Fans dieser SciFi-Universums. 🙂
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Donnerstag, 11. Juni 2015
Manchmal wächst zusammen, was zusammen gehört, obwohl die Beteiligten sich dessen gar nicht bewusst sind. Herr Grimmig, seines Zeichens Pressefotograf, ist zu lange im Geschäft, um sich von einem Grünschnabel etwas vormachen zu lassen. Und schon gar nicht will er mit einem zusammenarbeiten. Zu seinem Unglück hat nicht er, sondern sein Chef, Herr Vorschnell, das letzte Wort in dieser Angelegenheit. LUC JUNIOR hat nämlich eine hervorragende Idee, damit die kleine Tageszeitung DER SCHREI mehr Leser gewinnt. Dafür braucht es nur eine ungewöhnliche Reportage. Warum also nicht den Lesern einmal erzählen, wie das Leben eines Pressefotografen aussieht? Herr Grimmig ist nicht nur nicht von dieser Idee angetan, er versucht auch Luc möglichst schnell loszuwerden, indem er mit einem sehr langweiligen Hobby prahlt. Da macht Luc eine spannende Entdeckung.
Das Fenster zum Hof gibt des Ausschlag. Der Versuch von Herrn Grimmig den Jungen Luc loszuwerden, gipfelt in einem Kriminalfall der lustigen Sorte. Das Comic-Dream-Team Albert Uderzo und Rene Goscinny hatten vor ihrem riesigen Erfolg mit ASTERIX noch weitere Figuren erfunden und ebenso liebevoll beschrieben und bebildert (so z.B. Pitt Pistol und den wunderbaren Umpah-Pah). Hier bringen sie ein ausgewogenes Trio aus dem Jungen Luc, dem Pressefotografen Herrn Grimmig und Lucs Hund Alfons an den Start. Eine Redaktion zum Thema zu machen und Reporter für Geschichten zu verwenden, ist nicht nur ein bekannter Ansatz aus der großen comicalen Zeit der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts, er liefert auch die besten Ausgangspunkte für ständig neue Abenteuer, denn für einen Reporter, so die grundsätzliche Aussage jener Tage, ist alles möglich.
So liest sich die Liste der Abenteuer aus heutiger Sicht fast schon wieder modern. Amerika war damals ein beliebtes Reiseziel für Neugierige, aber Luc, Grimmig und Alfons verschlägt es zudem in gefährliche Situationen mit Knackis, südamerikanischen Ureinwohnern, den Marsmenschen und schiffbrüchig auf hohe See. Letztere Geschichten müssen ohne Hund Alfons auskommen. Festgestellt sei jedoch, dass die beiden Comic-Macher bereits zu jener Zeit eine Vorliebe für schwarzweiße Hunde hatten, wenngleich Alfons mehr in die Kategorie Deutsche Dogge fällt, während Idefix, der ständige Begleiter von Obelix mehr den zwergwüchsigen Hunden zuzuordnen ist.
Offensichtlich ist die Tatsache, dass Goscinny und Uderzo die Geheimzutaten für eine feine, abwechslungsreiche und humorvolle Geschichte sehr früh beherrschten. Ein geordnetes Unterfangen schlägt schnell in Chaos um. Zwei bis drei Individuen stellen sich der Gefahr. Alfons fallen hier und dort entsprechend wichtige Aufgaben zu, manchmal darf er sich auch damit begnügen, mit einer Zwingernachbarin zu flirten. Da tuckern die beiden mit stürmischen 35 km/h quer durch die Vereinigten Staaten oder kehren mit einer fliegenden Untertasse zur Erde zurück. Als Cineast fühlt man sich an Komödien und Szenarien erinnert, die erst in den 70er und 80er Jahren die französischen Leinwände eroberten. Als spezielle Zutat, die in ASTERIX zu einem Markenzeichen wurde, ist der Einsatz karikierter echter Menschen, hier in Form von Morris und Goscinny höchstselbst.
Albert Uderzo, ein großes Zeichentalent, darf hier weitere Auszüge aus seinem Schaffen präsentieren. Koloriert sind seine Seitenbildern schön anzuschauen, doch die rein getuschten Arbeiten, die hier bestaunt werden dürfen, hinterlassen noch mehr Eindruck und vermitteln noch stärker das Können, mit dem Uderzo damals zu Werke ging. Neben den Beschreibungen eines lange zurückliegenden Künstlerlebens, Musterarbeiten gibt es einen Ausflug von Uderzo in ein realistisch ausschauendes Comic-Abenteuer zu begutachten. Großwildjäger Bill Blanchart wandelt auf den Thrillerspuren von Serien wie Bruno Brazil, die auch diese Richtung einschlugen. Hier versuchten Goscinny und Uderzo das Zusammenspiel auf diesem Terrain. Für Uderzo war es auch eine Art Probelauf, so empfahl er sich für Die Abenteuer von Tanguy und Laverdure, die er wenige Jahre später an der Seite von Jean-Michel Charlier zeichnete.
Ohne Tretboot in Seenot. Rene Goscinny hat sich mit seinen Ideen beinahe als Visionär erwiesen. Die spätere reale Abenteuerlust der Entdeckungsreisen und die Erprobung menschlicher Leistungsfähigkeit wird hier schön mit Freiwillig schiffbrüchig vorgeführt. Gleichzeitig veralbert hier besonders (auf ganzer Länge sowieso) den Sensationsjournalismus, der keine Mittel und Wege scheut, um eine Story abzuliefern, die dazu dient, die Auflage zu steigern.
Zwei Riesentalente dürfen hier von neuen und alten Lesern wieder entdeckt werden. Der Humor ist auch noch Jahrzehnten jung, die technische Kulisse weckt nostalgische Gefühle, die Zeichnungen selbst, die Erzählungen sind jung geblieben, sind perfekt. An den Mustern zu ihrer Entwicklung ist eine Arbeitsweise erkennbar, die heute noch aktuell ist. 🙂
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Dienstag, 09. Juni 2015
Golden City, die schwimmende Stadt auf dem Meer, hat nicht nur Freude. Schon häufiger war sie das Ziel von Begehrlichkeiten. Nun soll sie der Rache wegen im Meer versinken. Ein ausgeklügeltes Attentat soll dafür sorgen. Der Plan ist schnell entworfen, die Chance erkannt, der Attentäter angeheuert. Eigentlich kann nichts mehr schief gehen. Eigentlich … Der junge Daytona weiß von alldem nichts, noch will er mit dergleichen Plänen etwas zu tun haben. Sein Ziel ist die Teilnahme am neuen riesigen Rennvorhaben GOLDEN CUP, das einmal rund um die Welt führt. Mitmachen kann jeder, Profis und Amateure, auch solche, die Profiunterstützung haben. Daytona kann sich dank seines Trainers auf mehrere alte Herren des Motorsports stützen, die in ihren goldenen Tagen, jeder auf seinem Gebiet, eine Menge Preise und Rennen gewonnen haben.
Ein Spektakel, in jeder Hinsicht. Daniel Pecqueur, der zusammen mit Nicolas Malfin das GOLDEN-CITY-Universum erfunden hat, liefert mit GOLDEN CUP sozusagen ein Prequel zur ersten Serie ab. Statt des später im Zentrum stehenden Industriemagnaten Harrison Banks steht seine Mutter im Zentrum der Macht. Aber ein junger Rennfahrer namens Daytona rutscht immer weiter, ohne es zunächst recht zu bemerken, in die Intrigen und Machtspielchen hinein. Das größte Rennen, das jemals stattgefunden hat, in einer Welt, die dank des Verlusts von Erde an die See eine enorme Veränderung erfahren hat. Die Reichen haben sich ihre Rückzugspunkte geschaffen, zu denen auch GOLDEN CITY gehört. Die Armen hausen in den Resten der alten Welt und viele von ihnen kennen es nicht einmal mehr anders.
Alain Henriet darf mit Daytona einen klassischen jungen Helden zu Papier bringen. Drahtig, sympathisch, andere begeisternd, ein Luke Skywalker in anderem Gewand, nur nicht ganz so schüchtern, was Frauen betrifft. Die scheinen ihm ebenso zuzufallen wie das Autofahren. Sitzt er hinter dem Steuer, erfolgen die nötigen Verhaltensweisen automatisch. Ein kleiner Vorgeschmack dieses Instinkts zeigt sich während des Trainings, das letztlich nur einen Bruchteil dessen andeutet, was auf den Leser noch zukommen wird. Mit einem leicht mangaesken Gesicht ist Daytona die perfekte Projektionsfläche auch für jüngere Leser.
Großartiges Design. Die beiden Künstler Alain Henriet und Manchu liefern mit dem versammelten Fahrzeugen eine Design-Praline nach der anderen ab. Ein herausragendes Merkmal von GOLDEN CUP wie von GOLDEN CITY sind die höchst exakten Zeichnungen mit einer ebensolchen Kolorierung. Hochglanz, Rundungen, knackige Farben, Bilder wie Skizzen aus der Zukunft verwöhnen das Auge regelrecht. Die Startreihe der am Rennen teilnehmenden Fahrzeuge ist beeindruckend orchestriert mit grundverschiedenen Formen und auffallenden farblichen Designs. Der Auftakt des Rennens, passend zum Wortspiel Orchester, erinnert an die Aufgaben, die ein Spieler in einem Computerspiel absolvieren müsste, in einem Parcours mit höchstem Schwierigkeitsgrad. In perfekt choreographierter Action erlebt der Leser den Beginn des GOLDEN CUPS wie auf einer Kinoleinwand.
Daniel Pecqeur verbeugt sich mit dem Duo Daytona und dem alten Stirling Sullivan vor ähnlichen Teams, die sich zuvor dem Rennen als solchem verschrieben haben. Es gibt eine Erkennen von Parallelen, aber auch das eindeutig größere Entdecken von Kleinigkeiten abseits der Rennstrecke, dort, wo all die Vorbereitungen zur Sabotage dieses gigantischen Unterfangens laufen. Für Freunde sehr technischer Grafiken sind diese Szenarien ganz besonders lesenswert. Nicht nur ein Bösewicht treibt sein Bemühen voran. Ein weiterer, dem Leser bereits bekannter, hat sich ganz seiner Rache verschworen und dank seiner Schwester, kommt er diesem kalt servierten Gefühl ein solides Stück näher. Mehr soll nicht verraten werden, aber zweifellos spielt Daniel Pecqeur mit einigen Gegebenheiten, die bereits ähnlich auf unserem Planeten zu finden sind.
Glasklare Sci-Fi mit ebensolcher Optik. Daniel Pecqeur baut die Spannung vor dem Rennen spitze auf und lässt es mit den ersten Zusammenstößen richtig krachen. Perfekt illustriert vom Team Henriet, Schelle, Rosa und Manchu. Wer schon GOLDEN CITY mochte, liegt mit GOLDEN CUP goldrichtig. 🙂
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Donnerstag, 04. Juni 2015
Die Tote liegt auf dem Rücken in der mit Wasser gefüllten Badewanne. Ihre Augen sind weit aufgerissen, sekundäre Geschlechtsmerkmale ragen aus der Wasseroberfläche. Die Umstände lassen auf einen Unfall schließen. Doch Inspektor Romane Pennac hat eine andere Vermutung. Leider liegt sie mit ihrer Annahme nicht im Trend der Ermittlungen. Offensichtlich soll die Tote als Unfallopfer durchgehen und weitere Fakten, die auf einen anderen Hergang hindeuten, sind gar nicht erwünscht. Pennac, die als einzige Weiße und auch noch als Frau einen schlechten Stand auf dem Pariser Polizeirevier hat, gelingt es schließlich noch, ihren Chef auf ihre Seite zu ziehen. Da naht bereits der nächste Fall, weitaus ungewöhnlicher als der vorherige.
Die Welt hat sich selbst geschafft. Die westliche Welt ist unter GRÖSSER, HÖHER, SCHNELLER, WEITER zusammengebrochen. Einwanderer aus Afrika haben ihren Platz in Europa und Amerika eingenommen. Weiße, wie die junge Polizistin Pennac werden eingestellt, um möglichen Vorwürfen wegen Rassismus vorzubeugen. Vieles, was einst zur Normalität des Alltags zählte, ist zu etwas Besonderem geworden. Fliegen gehört dazu. Von den Tagen, als es zu Dumpingpreisen erschwinglich für nahezu jedermann war, ist man nun weit entfernt. Öl ist eine Kostbarkeit. Und nicht nur aus diesem Grund sind Autos im Straßenbild Mangelware. Das Pferd erobert sich den mangelhaften Asphalt zurück. Die Reparatur der Schlaglöcher ist durch die öffentliche Hand kaum bezahlbar.
Hoffnungsschimmer durch neue Technologien. Allerdings werden auch Begehrlichkeiten krimineller Art geweckt. Inspektor Pennacs Bruder arbeitet für einen Konzern, der die Methanproduktion revolutioniert und ein Vielfaches der üblichen Mengen produzieren kann. Pennac hätte sich nie dafür interessiert, hätte nicht eine ominöse Botschaft dafür gesorgt, ihr eine Reise in die Vereinigten Staaten zu bescheren. Die Erzähler Leo und Corine Jamar bauen den Spanungbogen langsam auf. Wer bisherige Veröffentlichungen von Leo kennt, weiß, dass er sich gerne herantastet und der Umgebung seiner Geschichten einen hohen Stellenwert beimisst. Entsprechend darf sich die veränderte Erde entfalten, durch die Aktionen ihrer Menschen, aber eben auch in hohem Maße durch die Blicke auf jene Welt, wie sie uns heute in mancherlei Hinsicht so düster vorhergesagt wird. So bebildert, erhöht sich die Aussagekraft von derlei Vorhersagen dramatisch, vor allem, da sie nicht mit den zerstörerischen Ideen eines Roland Emmerich daherkommen, sondern allenfalls ein, zwei Schritte näher an den viel beschworenen Abgrund.
Fred Simon zeigt seine Kunstfertigkeit bereits auf dem Titelbild. Die Feinarbeit dort setzt sich nahtlos im Innenteil fort, feinste Striche, wie sie auch Leo selbst bevorzugt (wenn er gleichzeitig die grafische Arbeit übernimmt). Allerdings verlässt Fred Simon im Gegensatz zu Leo bei der Darstellung der Menschen den Realismus. Körperlich orientiert er sich schon am Original, in den Gesichtern spielt er gerne mit einer leichten Karikatur, setzt verschiedene Stilmittel ein, europäische wie asiatische und mischt dies zu einem ganz eigenen Werk. Die Rückentwicklung oder auch Reanimation bestehender Technik liefert tolle Vorlagen für die Bebilderung dieser Zukunft. Bei der Ankunft Pennacs in New York werden viele Leser bestimmt sofort an kubanische Straßenansichten denken, sind doch viele Fahrzeuge aus den 50er Jahren umgerüstet worden, um mit anderweitig verfügbaren Treibstoffen als Öl gefahren werden zu können.
Liebevolle Umsetzung. Von Paris hinaus in die Welt. Der Schluss schmeißt den Beginn komplett um. Wer zu Anfang noch einen Krimi in leicht futuristisch desolater Kulisse erwartete, wird mit dem Schluss gehörig überrascht. Plötzlich steht der Leser einem globalen Fall gegenüber, der Anklänge von Seaquest nicht verhehlen kann (Stichwort: Darwin). Eine liebevoll gezeichnete und erzählte Schlusssequenz ist nicht nur toll zu lesen und anzuschauen, sie macht auch sehr neugierig auf die Fortsetzung.
Der gelungene Anfang eines dystopischen Thrillers in der nahen Zukunft, realistisch genug erzählt, um möglich zu werden. Leo und Corine Jamar streuen viele unterhaltsame Details ein, die Augen aufzumachen lohnt sich in den Kulissenansichten, denn es gibt viel zu entdecken, eine Art gezeichneten Subtext. Fred Simon zeichnet in einer Mischung aus Manga-Style und Herge, erfrischend klar und exakt. Für Freunde feiner SciFi-Szenarien sehr zu empfehlen. 🙂
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Mittwoch, 03. Juni 2015
Ein Plan will gut vorbereitet sein, ein Spitzel gut bezahlt, dennoch ist es hilfreicher seinen Auftraggeber auch zu kennen. Je gefährlicher die Aufgabe zu werden droht, desto wichtiger kann solches Wissen sein. Furchtlos geht KOGARATSU seinem Treffen mit dem Kunden entgegen und ist am Ende überrascht, wer da in der Hütte auf ihn wartet. KOGARATSU zeigt tatsächlich eine Gemütsregung, die etwas an Schüchternheit erinnert. Zurückhaltung ist auch sonst seine Art, aber wenn es um sein Privatleben geht, wird er auf ungewohnte Weise unsicher. Da ist es gleich besser, sich hinter einer grantigen Fassade zu verstecken und die helfende Frau an seiner Seite mit ihrem Spott ins Leere laufen zu lassen.
Nach einem sehr düsteren und mysteriösem 13. Abenteuer ist KOGARATSU wieder geradliniger und mit klar umrissenem Auftrag unterwegs. Die Rettung des Jungen TARO ist echte Samurai-Arbeit und es benötigt Ehre, Hinterlist und Mut, auch eine Spur Glück, um ans Ziel zu gelangen. KOGARATSU wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert und erhält eine Rettungsmission zugeteilt, weil er der einzige ist, dem die junge Frau Ishi noch trauen kann. Ein Kind ist in das Zentrum politischer und wirtschaftlicher Machtspiele geraten. Die Atmosphäre versetzt den Leser sofort in Sphären von Shogun oder Lone Wolf und Cub. KOGARATSU, mit stählernem Charakter versehen und durchaus ein Einzelgänger, hat in dieser Folge außerdem einen Sidekick, den Jungen nicht mitgerechnet.
Bosse entwirft mit dem titelgebenden TARO ein ganz normales Kind, das einfach nur zu seiner Mutter will und gelernt hat, Erwachsenen zu misstrauen. So stehen für KOGARATSU nicht nur die Rettungsaktion auf dem Plan, vielmehr will auch ein wenig Erziehungsarbeit geleistet werden. Gegen einen Gegner wie Daimyo Zenjiro, dem eine große Truppe zur Verfügung steht, damit er des Jungen wieder habhaft wird, braucht es denn auch eine hohe Nervenstärke, um diese Aufgaben in Ruhe zu erfüllen. Ein Samurai verfällt nicht in Panik. KOGARATSU ist ein Paradebeispiel für diese These.
Der Tuschestrich von Künstler Michetz ist weich, pinselartig aufgetragen für die Schatten und erinnert, wenn er nicht ganz so exakt an einen sehr frühen Jean Giraud. Michetz lässt gerne etwas aus, abstrahiert ein wenig in den japanischen Gesichtern, karikiert die Bösewichter ein wenig wie den Gegenspieler von KOGARATSU, Daimyo Zenjiro, der einer Fantasie von James Clavell (Shogun) entsprungen sein könnte. KOGARATSU ist nicht gerade der große Lächler, er ist mehr ein japanischer Clint Eastwood. Sein Kontrahent Zenjiro lächelt häufiger, sein Gesicht ist sehr aussagekräftig gestaltet. Als tragende Rolle ist hier viel mehr Schauspiel abzulesen. Sympathisch macht ihn das natürlich nicht, aber sehr interessant. Bereits früh enthüllt sich Zenjiros wahrer Charakter und die Menschenverachtung, mit der er zu Werke geht.
Das Farbenspiel, über die gesamte Länge des Abenteuers hinweg, schafft zu Beginn die Atmosphäre eines Westerns. Orange, Rot und Brauntöne vermitteln die Hitze über dem Land, bevor es dunkler wird und KOGARATSU in der Nacht zuschlägt und andere Lichter maßgeblich werden. Orangegelbe Laternen erhellen wie Sterne auf dem Fluss die Nacht. Schnelle filmische Perspektivwechsel ziehen den Betrachter in die dramatische nächtliche Jagd hinein. Danach gibt es eine farbliche Verschnaufpause. Inhaltlich menschelt es kurz, Begegnungen setzen Wendepunkte. KOGARATSU und TARO lernen einander zu respektieren und schließlich zu mögen.
Eine sehr runde Geschichte mit schönen Wendungen und der Figur des Jungen TARO, der ein tolles Gegengewicht zu KOGARATSU bildet und diesem so ein paar ganz neue Seiten abgewinnen kann. Stimmungsvoll illustriert und geschickt erzählt. 🙂
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Freitag, 22. Mai 2015
Interdimensionaler Ausbruch aus dem Frauenknast. Nur die gefährlichsten Furien sind im Frauentrakt der White-Ward-Strafanstalt untergebracht. Es ist für die Wachmannschaft nicht leicht, diese wilden Verbrecherinnen unter Kontrolle zu halten. Dr. Ursula Weir, April Foley und die Bomb Queen nutzen ihre Chance die verlassen das Gefängnis auf illegalem Wege, nicht nur in die Freiheit, sondern gleich in eine andere Dimension, geradewegs zur Erde. Hier wäre das Eintreffen solcher Slasher-Monster ein riesiges Problem, würde nicht Cassie Hack enorme Erfahrungen mit derartigen Mördern aufweisen. Leider ist sie zur Zeit solo unterwegs, denn ihr Kumpel, ebenso jagderfahren, Vlad ist ans Bett gefesselt. Manche schaffen verzweifelte Situationen verzweifelte Maßnahmen und so sucht sich Cassie für den Übergang einen anderen Alliierten, einen alten Bekannten: Samhain.
Tim Seeley hat mit Cassie Hack die ultimative Slasher-Jägerin erschaffen. Slasher, ein Oberbegriff für Killer der übelsten Sorte, der mit der Erfolgsserie mörderischer B-Movies einhergeht, vereint so illustre Figuren wie Freddy Kruger, Chucky, Michael Myers oder Jason Vorhees unter seiner Kategorie. Tim Seeley setzte auf diesem Konzept auf und hat es seither noch um einige andere B-Movie-Varianten erweitert. Einerseits gibt es hier in den beiden vorliegenden Abenteuern besonders irre Vertreter der Slasher zu besichtigen, andererseits entführt Tim Seeley, Autor, in die kuriose Welt japanischer und amerikanischer Monsterfilme und karikiert ganz nebenbei Stilblüten wie Jurassic Park, King Kong oder die Schreckensinsel des Dr. Moreau.
Natürlich nimmt er sich in diesem Zusammenhang kaum der erwähnten Vorbilder an, vielmehr der merkwürdigen Nachfolger wie Der Koloss von Konga, diverse Sauriermetzeleien und vermischt das mit einem bösen Wissenschaftler, der gerade aus den Dinos eine irrwitzige Tour de Force hinlegt und mit Monsterjagd einen Angriff der Psychosaurier beschreibt. Gehirne ist das Zauberwort. Ähnlich, wie es Tim Burton mit seinen großkopferten Marsianern übertrieb, so setzt auch Tim Seeley seinen ausgefallenen Raptoren ein überquellendes Gehirn wie eine eklig rosafarbene Krone auf. Zum Ausgleich, denn die Gefährlichkeit dieser sehr speziellen Dinosaurier steht außer Frage, steht ein neuer Verbündeter auf dem Plan: Gorillakonda. Tim Seeley lässt es sich nicht nehmen hier gleichfalls zu übertreiben, indem er Gorilla und Anakonda zu etwas abstrus Riesigem kreuzt.
Man merkt es schon an den Beschreibungen. Tim Seeley erlegt sich ähnlich wie sein erwähnter Namensvetter keine Grenzen auf. Im Gegenteil: Tim Seeley braucht innerhalb des Mediums Comics keine Grenzen zu fürchten. Budgets sind nicht sprengbar, deshalb hat der B-Movie-Wahnsinn hier tolle Methode und zieht alle Register. Nicht nur der Gorillakonda ist ein Beispiel dafür. Die Figur der Dr. Ursula Weir überrascht noch viel mehr. Irgendwie fühlt man sich an eine Killervariante von Ben 10 erinnert, kann sich Frau Doktor doch ebenso auf Knopfdruck in mehrere alternative Wesenheiten verwandeln. Diese sind nur allesamt von Kopf bis Fuß auf Metzeln eingestellt. Leider ist die Dame mit den vielen Gesichtern allzu schnell Geschichte, weil ihre Ausdrucksformen noch gehörigen Platz für grafisch tolle Auftritte gelassen hätte.
David Leister kommt die Hauptaufgabe der Gestaltung während der beiden Horrorthriller zu. Leister ist dem Realismus mit leichter Verfremdung verpflichtet. Eine Spur Karikatur ist bei den Entwürfen der Slasher auch unabdingbar. Ob David Leister nun Sexbomben zeichnet, dabei kurz eine Hommage an Harley Quinn zu Papier bringt, eine deutlich gewalttätigere als das Original, oder ob er sich mit besagten Psychosauriern verlustiert, stets ist der Humor im Strich zu erkennen, der locker ausgeführt ist. Sein Kollege Emilio Laiso, der eine Episode der Monsterjagd übernimmt, zeichnet kraftvoller, etwas genauer, mit nicht weniger Spaß am Szenario. Hier stechen nicht nur die Psychosaurier heraus, auch Auszüge aus dem Intimleben von Cassie Hack (selten genug, dass sie Zeit dafür hat) gehören zu seinen zentralen Szenen. Eine dickerer Tuschestrich und ein etwas statuenhaftes Aussehen bekommen den Figuren sehr gut.
Ein weiterer praller Band der Reihe HACK/SLASH, immer noch ein Füllhorn an Ideen für alle Freunde des leichteren, nicht ganz so ernst gemeinten Horrors. In feiner grafischer Umsetzung, aber leider nur mit geringen Auftritten von VLAD, Cassies langjährigem Kameraden. Cassie Hack geht hoffentlich noch länger auf Slasher-Jagd. Tim Seeley scheinen die Einfälle nicht auszugehen. 🙂
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Auf der Insel lebt ein Wesen des Bösen. Der Ronin Kogaratsu wird angeheuert, um ein ganz besonderes Exemplar dieser Kreaturen zur Strecke zu bringen. Er ist nicht der erste, der diesen Versuch unternimmt. Vielleicht wird er der letzte sein, aber seine Chancen stehen nicht gut. Auf der Insel erwartet ihn eine junge Frau. Er hätte nicht gedacht, dass der Empfang so sein wird. Ruhig, gefasst, heiter sogar tritt ihm Ako, die Tochter eines Fürsten gegenüber. Bislang hat sie jeden und alles in ihrem Umfeld verdorben, nicht selten getötet. Kogaratsu sieht nur eine junge hochnäsige Frau und begeht den Fehler, sie zu unterschätzen. Warum sollte ein Krieger vor einem dürren Geschöpf, dem als Waffe nichts anderes als eine spitze Zunge zur Verfügung steht, Furcht verspüren?
Bosse (Text) und Michetz (Zeichnungen) tauchen tief in eine japanische Gefühlswelt ein, in der Ehre, Stolz und Geister eine wichtige Rolle spielen. Das Böse wandelt in menschlicher Gestalt umher und entehrt jene, die verwandtschaftlich mit ihm verwoben sind. KOGARATSU tritt als Krieger auf, dem nichts Böses mehr fremd zu sein scheint, von Professionalität bis ins Mark durchdrungen ist und keinerlei Probleme damit hat, eine unbewaffnete Frau auf das Wort eines Fürsten hin zu töten. KOGARATSU ist sich zunächst nicht bewusst, dass er in eine Art Spiegel blickt und jemanden vor sich hat, der ähnlich mitleidlos mit Blut umgeht, jedoch Spaß daran gefunden hat, weil, so hoffen es die Beteiligten, sich der Wahnsinn in der jungen Frau eingenistet hat.
Mit kaligrafisch sicherem Strich entwirft Michetz hier einen Mikrokosmos, der sich sehr bald schon nur noch um zwei Menschen dreht. Der Schauplatz, eine verwilderte Insel, sparsam in aquarellleichten Farben koloriert, erinnert an alte Gruselgeschichten. Das Titelbild offenbart auf den zweiten Bild den Wahnsinn jenes merkwürdigen und perversen Wesens, das jenes titelgebende Protokoll des Bösen führt. Der Leser sieht Ako, die junge Frau, in ihren Armen wiegend eine kleine Katze, der, es ist zu in Unkenntnis der Geschichte kaum vorher zu ahnen, die Pfoten abgeschnitten wurden. Diesen zu einem Fetisch erhobenen Umgang mit anderen Lebewesen wendet Ako auch auf Menschen an. Michetz gelingt das Kunststück, die Fantasie des Lesers arbeiten zu lassen, mehr zu verschleiern, als zu zeigen. Es ist gruselig genug, das spöttische Lächeln von Ako zu betrachten, die sich unverhohlen über ihre Art des Amüsements äußert und diese zu einer philosophischen Form verklärt.
Ein weiblicher Michael Myers, viel intelligenter, um Konversation bemüht, aber nicht weniger verspielt und ebenso rigoros darin, das gesteckte Ziel, den Tod oder die Vernichtung eines anderen Menschen zu erreichen. Hier liegt auch das japanische Element verborgen, das bereits mehrere Autoren, auch westlicher Herkunft, für sich vereinnahmten. Die Beiläufigkeit, mit der ein Tabuthema wie der Tod in der japanischen Lebensart des 17. Jahrhunderts ins Spiel gebracht und akzeptiert wird, wirkt interessant und stößt gleichermaßen ab. In einem kurzen Rückblick wird der rituelle Selbstmord angedeutet. Die Entleibung mit dem Messer, falls sie nicht eigenhändig und somit ehrenvoll zu Ende gebracht werden kann, wird durch einen Helfer mittels Köpfen vollendet. Ehre geht über Tod. Der Tod begleicht eine Ehrenschuld. Aber die kulturellen Richtlinien stoßen bei KOGARATSU an ihre Grenzen. Denn aus einem simplen Auftrag wird ein bis dato ungekanntes Duell.
Die Überheblichkeit des Kriegers sorgt für den Sprung von einem Wachtraum in einen Drogenrausch. Der Leser könnte die Handlung an diesem verwunschenen Ort mit der seltsamen Mörderin binnen kurzer Zeit für einen Wachtraum halten. Am Drogenrausch, der die Geschichte in ein Finale zwingt, gibt es nichts mehr zu deuten. Kurz werden stark leuchtende Farben einander kontrastierend gegenüber gestellt. Eine real existierende Modrigkeit deckt dieses traumatische Erlebnis wieder zu. Michetz versteht sich auf atmosphärische Farbgebung, bringt den Zustand von Verwesung und Verzweiflung gekonnt rüber. Farben der Hoffnung sucht man hier vergebens. Allenfalls taucht gegen Ende eine Spur Erlösung auf, mehr nicht.
Die 13. Episode der Reihe KOGARATSU von Bosse und Michetz ist ungeheuer düster geraten, ein philosophisch brutaler Sprung in den Abgrund, optisch mit künstlerisch stilsicherem Strich ausgeführt. Nicht nur für Freunde asiatischer Abenteuer, aber sicherlich die Kernzielgruppe von Folge und Serie. Lesenswert im wahrsten Sinne des Wortes. 🙂
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Freitag, 15. Mai 2015
Maries Schwangerschaft ist weit fortgeschritten. Im kleinen Dorf Notre-Dame-des-Lacs im kanadischen Nirgendwo herrscht freundliches Rätselraten darüber, wer vielleicht der Vater sein könnte. Dabei haben die Einwohner mit vielerlei Veränderungen zu tun, an denen die bevorstehende Ankunft eines neuen Erdenbürgers nur einen kleinen Anteil hat. Moderner Tanz hat im Dorf Einzug gehalten. Die Frauen gönnen sich neue Kleider, selbst genäht, aber modisch, wie man in Montreal sich eben fein macht, und lassen den eintönigen Alltag einmal beiseite. Aber wie werden die Männer reagieren, die bald von der wochenlangen Arbeit nach Hause kommen? Wie werden sie die Veränderungen empfinden, die sich in Notre-Dame-des-Lacs über viele Monate eingeschlichen haben?
Band Nummer 9 beendet eine wunderbare Geschichte über einen Wandel zum Besseren, zu mehr Freiheit, die von einem Toten aus der Ferne ab und an kommentiert wird, denn mit einem Toten begann alles und mit einer Geburt endet es. Die von Regis Loisel und Jean-Louis Tripp geschilderten Veränderungen gingen nicht gänzlich ohne Ängste und Nöte vonstatten, nicht ohne Zorn, nicht ohne Animositäten, Mut, Toleranz und Tatkraft wie auch Tapferkeit.
In der abschließenden Episode der Reihe Das Nest breiten Loisel und Tripp wieder die gesamte menschliche Palette einer Zeit im Wandel aus, vermeiden die Katastrophen, die ungewollten, nicht. Längst haben die Einwohner des Örtchens damit aufgehört, sich selbst oder anderen das Leben schwer zu machen. Aber Zufälle können eben auch in Katastrophen münden und dann zeigt sich, wie engmaschig die Zugehörigkeit der Dörfler inzwischen geworden ist. Zuvor kommen und gehen die Jahreszeiten, der Frühling steht vor der Tür und die Veränderungen erfassen Seele und Gemüt der Menschen. Manche alte Beziehungen erblühen gar neu und wo Vertrautheit war, entsteht plötzlich eine neue, ungewohnte Schüchternheit.
Loisel und Tripp sind Meister der kleinen Szenen, deren Inhalt den gezeigten Umfang sprengen. Regis Loisel hat sich seit langem in die Herzen der Comic-Leser geschrieben und gezeichnet und zeigte so, wozu die grafische Erzählung fähig ist, hier mit allen Facetten eines optischen Romans und einer kommentierten Illustration. Mit dieser Reihe verschwimmen die Grenzen zwischen den Medien deutlich. Die Bilder sind durchweg gelungen, nachdem sie durch die Hände der beiden Comic-Künstler gingen und kolossal von Francois Lapierre koloriert wurden. Wie sich hier alles zueinander fügt, ohne gefühlsduselig zu sein, ohne platt zu werden, ist feinste Erzählkunst, unabhängig vom Medium Comic.
Das optisch Schöne, hier noch im Gegensatz zu den vorherigen Ausgaben grafisch Schwarzweißschnappschüsse untermauert, ist die Darstellung der Gemeinschaft, die durch die starke Individualität der einzelnen Figuren an großer Tragkraft gewinnt. Die Einblicke in das dörfliche Leben beschwören ein einfacheres Lebensgefühl herauf, ein überschaubares, oft glückliches, zu dem jeder einen Teil beitragen kann und wirklich niemand außen vor bleibt. Überspitzt gesagt generieren Loisel und Tripp ein schlichtes Utopia abseits glänzender Stahlglasbauten, wie sie so gerne zur Illustration von dergleichen Entwürfen herangezogen werden.
So fühlbar wie das Szenario sind die Grafiken, die das Handwerk erkennbar halten: Bleistiftstriche, Tusche, unregelmäßigen Farbauftrag, aufgesetzte Lichter. Es sind freundlich wirkende Bilder, die niemals schockieren wollen und selbst in Katastrophen heranholen, mitnehmen und trösten. Die übrige Zeit mag man sich einfach nur darüber freuen, ganz besonders dann, wenn Marie, die Hauptfigur, um die sich alles dreht, wieder in den Mittelpunkt rückt. Die Momente, in den sie ihre Schwangerschaft einfach genießt und auch jene Augenblicke, in denen sie ihr Glück mit ihrem guten Freund Serge teilt, gehören zu den Höhepunkten der Handlung.
Wann gab es das zuletzt: Ein Comic, nach dessen Lektüre sich man gut fühlt? Das geschieht nicht häufig und schon gar nicht über die gesamte Reihenlänge von neun Folgen. DAS NEST ist ein Kunststück gelungener Erzählung und eine weitere Seite von Regis Loisel. Ein toller Abschlussband, eine sehr empfehlenswerte Serie. 🙂
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Donnerstag, 14. Mai 2015
Wenn sich ein Schurke um seine Position im Universum sorgt, nach dem Sinn seines Werdegangs fragt, können daraus ungewöhnliche Maßnahmen entstehen. THANOS erscheint seinem jüngeren Ich in verzweifelter Lage, als alles verloren scheint, tief in den Gefilden von Mephistos‘ Heimstatt, der Hölle. THANOS findet einen Weg, um zu entkommen. Wieder einmal. Ebenso wie er dem Tode mehrmals widerstand und ihm entkam. THANOS hat eine Aufgabe, so viel ahnt er, aber er weiß es nicht und die Ungewissheit nagt an ihm. Eie Aussprache mit Lady Death, die ihn verschmähte, bringt einen neuen Begleiter wie auch eine neue Fährte. Die Lösung, das wird beiden schnell klar, liegt in Raum und Zeit verborgen.
Jim Starlin ist nicht nur lange im Geschäft, er ist auch im besten Sinne Old School, weckt Erinnerungen an frühere Erzählungen aus der Reihe des SILVER SURFERS, der hier auch Gastauftritte verbuchen kann. Nach eigener Aussage ist Jim Starlin, hier nur als Autor tätig, nicht als Zeichner, künstlerisch von den Marvel-Urgesteinen Jack Kirby und Steve Ditko beeinflusst. THANOS, mit Die Infinity-Offenbarung im Untertitel, knüpft stark an den guten alten Zeiten an, als man es sich noch gestattete, mit ein wenig Philosophie daherzukommen und Mitdenken von den Lesern zu verlangen. Das ist bei der zwischen den Zeiten und Marvel-Höhepunkten springenden Geschichte dringend nötig.
Keine pure Aneinanderreihung von Action und Auseinandersetzungen. Auf THANOS konzentriert wird hier einer der ultimativen Schurken des Marvel-Universums entblättert. Am Ende ist er gar nicht mehr so böse, sondern ist ein Baustein, der anderen Figuren erst zur Berechtigung verhilft. Böse wird er, weil er alle Mittel zur Erlangung der Allmacht durch die Infinity-Steine einsetzt. Jim Starlin spielt mit diesem Motiv, dass das Marvel-Universum gehörig erschüttert hat (und in der eng verzahnten Marvel-Kinoreihe noch erschüttern wird), indem er THANOS in einer alternativen Zeitlinie verlieren lässt und einem anderen die Allmacht zuschiebt.
Der Incal ist eine bekanntesten grafischen Hinterlassenschaften von Moebius, der mit seiner Interpretation des Silver Surfers sich auch in Übersee in die Gedächtnisse der Comic-Freunde gezeichnet hat. Jim Starlin und Zeichner Ron Lim, dessen Bilder wie von Jim Starlin ausgebildet aussehen, können angesichts eines entscheidenden Wendepunktes kaum bestreiten, mit dem Incal von Jodorowsky und Moebius in Berührung gekommen zu sein.
Transdimensionaler Nexus. Marvel kann komisch sein. Das Ding oder Spider-Man (als noch Peter Parker drinne war) gehören zu denen, die gerne einmal Witze machen. Im Incal war dank Jodorowsky das Absurde das Normale. Jim Starlin hält es lieber ernst und inszeniert durch die wundersame Kraft eines incal-ähnlichen Objekts einen Weltuntergang der anderen Art, mehr ein Fiebertraum, der sogar einer Figur wie THANOS lebensgefährlich werden kann. Und ausgerechnet an dieser Stelle greift eine unterschwellige Komik, denn THANOS stellt bereits sehr früh durch einen in der Zeit reisenden Avatar fest: Das Universum lässt dich nicht im Jenseits bleiben. Dafür ist deine Rolle im großen Plan zu wichtig. Entwarnung ist also angesagt. Spannend und mystisch bleibt es allemal.
Jim Starlin gibt THANOS eine ungewöhnliche Stimme. Als Leser hautnah neben einem Vernichter, mächtiger als Ultron oder irgendwelche Götter aus Asgard, wie der Kinogänger schon erahnen konnte, gelten für diesen Allmachtscharakter ganz eigene Regeln. Mystisch wie der SILVER SURFER, eiskalt wie GALACTUS, aber eben auch leidenschaftlich wie alle Marvel-Schurken zusammen. Wer einmal tiefer in die Gedankenwelt eines Comic-Bösewichts schlechthin schnuppern möchte, sollte einen Blick riskieren. 🙂
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Freitag, 08. Mai 2015
Derek Dynamo und sein drei Meter großer Freund SUPER DINOSAUR hetzen von Mission zu Mission. Ihre Aufträge und die gefährlichen Situationen scheinen nicht weniger zu werden. Dabei kennt Derek nur ein wirkliches Ziel. An der Seite seines Vaters will er die Mutter, an die er sich gar nicht mehr richtig erinnern kann, aus der Gefangenschaft von Maximus befreien. Der Plan hierzu gelingt, doch damit ist Dereks Mutter noch nicht vollends gerettet. Nur äußerst seltene Stoffe, von denen nicht genau bekannt ist, welche es sind, können sie aus dem künstlichen Koma holen. Derek und SUPER DINOSAUR machen sich sogleich auf die Suche und erleben eine Überraschung nach der anderen.
Ein Feind ist nicht genug. Robert Kirkman, der hier für die Horrorfreunde auf unbekannten Pfaden wandelt, lässt seine beiden Haupthelden, den Jungen Derek Dynamo und den titelgebenden SUPER DINOSAUR, gleich gegen mehrere Fraktionen antreten. In dieser vierten Ausgabe sehen sie sich hauptsächlich mit feindlichen und nicht minder intelligenten Dinosauriern konfrontiert. Letztlich sind die nichts weiteres als ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment von Maximus, einem Erzfeind von Dereks Vater. Inzwischen sind die Strukturen innerhalb der Handlung etwas verzweigter geworden, weshalb eine kurze Einleitung, im Sinne von Was zuletzt geschah, für die nötige Klarheit beim Leser sorgt. Selbst Stammlesern kann es nicht schaden, hier noch einen Blick zu riskieren.
Tyrannosaurus X, eigentlich als Klon von Maximus geplant, wächst über seinen Erschaffer hinaus. Robert Kirkman vermischt, die Geister, die ich rief mit einem für Kids aufbereiteten Frankenstein-Mythos. Ist dieser Gegner bereits eine ganze neue Kategorie Feind, ruft Tyrannosaurus X eine Kreatur auf den Plan, die kaum zu bändigen ist: Mega-Raptor. Man merkt, Robert Kirkman, der kreative Kopf hinter THE WALKING DEAD, lässt auch im Bereich der Jugendunterhaltung nichts anbrennen. Es geht immer noch größer, bunter, bombastischer. Letzteres ist durchaus wörtlich zu verstehen.
Jason Howard, Zeichner und Kolorist, versteht sich auf die knallige Darstellung der Handlung, die all jenen gefallen wird, die jüngere Zeichentrickserien der Fantastic 4 oder Ben 10 verfolgt haben. SciFi-Elemente, Kampfanzüge, Labors, düsteres und exotisches Ambiente, Monster, Explosionen, sogar eine feine Anspielung auf James Bond treiben neben der Auseinandersetzung mit den Sauriern auch ein weitaus gefühlvolleres Thema voran, nämlich die Rettung von Dereks Mutter, die bislang in einer Art künstlichem Koma gefangen gehalten wurde. Die mit zackig geschwungenen Strichen, von Cliff Rathburn getuschten Zeichnungen können auf keiner Seite ihre Verwandtschaft zu modernen Zeichentrickserien verhehlen.
Teils ganzseitige, zum Ende hin sogar doppelseitige Bilder vermitteln besonderes Kinogefühl. Wolkenkratzerspitzen explodieren im Kampfgeschehen, die Saurier werden mit ihren einzigartigen Erscheinungsformen dramatisch in Szene gesetzt. Sie dürfen sogar einmal miteinander knutschen, so merkwürdig sich das anhört und auch aussieht. Jason Howard erzeugt zum Teil in seinen Bildern gerne einen neonfarbenen Look. Das schürt die SciFi-Atmosphäre, die von entsprechenden Leuchtmitteln herrühren kann. Ganz nebenbei stützt Howard so ebenfalls einige emotionale Momente und gibt den dramatischen Augenblicken den letzten Kick.
Das ist Action für Kids. Schnell, popcornbunt, emotional durch die gezeigte Freundschaft, den Umgang mit der Familie. Robert Kirkman zieht alle Register. Dinsaurier-Action für Junge und Junggebliebene. 🙂
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