Mittwoch, 22. April 2015
Das Undenkbare ist geschehen. Die Südstaaten haben ihre Unabhängigkeit erlangt. Der Präsident der Union, Abraham Lincoln, war gezwungen, einen Friedensvertrag mit Jefferson Davais, dem Präsidenten der Konföderation, zu unterschreiben. Nicht der Einsatz einer überlegenen Waffengewalt hat den Sieg und das Ende des Krieges herbeigeführt, sondern die Pest hat die Nordstaaten in die Knie gezwungen. In Hauteville House auf der Insel Guernsey gegen Ende des Sommers im Jahre 1865 hat man jede Hoffnung auf einen letzten Umschwung verloren. Das Schicksal der Vereinigten Staaten, wie sie die Welt zu diesem Zeitpunkt kannte, ist besiegelt.
Ein hoch komplexes Szenario breitet sich vor dem Leser aus und es ist gerade diese Komplexität, die einerseits den Reiz ausmacht, andererseits eine Qualität aufweist, die sich mit jeder preisgekrönten Serie, im Fernsehen oder als Roman, messen kann. Die Elemente des Steampunk werden völlig unaufdringlich in die Handlung eingeflochten, mit großer Selbstverständlichkeit, so dass es einen Heidenspaß macht, in diese Parallelwelt-Fantasy einzutauchen. Sehr ernsthaft entfaltet sich nicht nur eine globale Weltlage, sondern auch ein Agententhriller, der es in sich hat.
Steampunk äußert sich in einer Atmosphäre, die einer von Jules Verne erdachten Geschichte zur Ehre gereichen würde. Der Agententhriller wirkt zuweilen very british, höchst durchdacht, leider agiert der Agent, der hier so professionell zu Werke geht, gegen das HAUTEVILLE HOUSE. Und nervenzerrende Seiten lang dauert es, bis die Mannschaft rund um Victor Hugo begreift, dass sie sich zur Zielscheibe haben degradieren lassen. Fred Duval quält seine Hauptfiguren, greift ein paar Nebenfiguren an, beseitigt ein paar Kleinstdarsteller und erzählt technisch versiert bis hin zu einem Finale, von dem sich nicht vorhersagen lässt, ob es für das HAUTEVILLE HOUSE gut ausgeht und wie viele Opfer auf diesem Weg letztlich gebracht werden müssen.
Ist die Handlung zum Teil auf Grund ihres Aufbaus very british zu nennen, ist das Aussehen der Figuren in gewissem Sinne sehr französisch zu nennen. Generell schmalere Gesichter, ganz gleich von welcher Statur die jeweilige Person ist, beherrschen die Optik. Die feinen Linien von Thierry Gioux bilden den Rahmen für eine grundsolide Grafik, die durch die Kolorierung von Carole Beau Plastizität gewinnt. Neben der Tiefe der Bilder entsteht gleichzeitig eine stärkere Hommage an Jules Verne, als es durch die Zeichnungen von Goux allein der Fall ist.
Allerdings sind seine technischen Entwürfe sehr gut und spielen mit den Möglichkeiten, solchen, die Sinn machen und auch solchen, die etwas mystifiziert daher kommen. Einige Bilder, auch Hintergründe bestechen durch ihre Größe, so etwa die Freiheit (ähnlich wie sie auf dem Gemälde von Eugene Delacroix zu sehen ist), aber auch der Gigantismus der Datenbank, des HAUTEVILLE HOUSE, deren Bezeichnung hier durchaus wörtlich zu verstehen ist.
Das stimmungsvollste Titelbild der bisherigen Folgen. Licht, Schatten und Komposition der einzelnen Bestandteile zueinander sind perfekt aufgebaut. Gleichzeitig beschreibt die Illustration die allzeit bedrohliche Stimmung der Handlung, an der, wie es die gekrümmten Bäume zeigen, die Natur nicht unbeteiligt ist.
Führt die düstere Stimmung der Reihe hervorragend fort, beschränkt sich örtlich hauptsächlich auf das HAUTEVILLE HOUSE und gibt die schaurige politische Lage auf dem amerikanischen Kontinent ausschnittsweise wieder. Es bleibt dabei: Thematisch ist HAUTEVILLE HOUSE eine höchst mitreißende Serie, sehr durchdacht und mit vielen Spannungsbögen versehen. Nicht nur für Freunde von Jules Verne und Steampunk. Ein früher Einstieg lohnt sich. 🙂
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Dienstag, 14. April 2015
Es war einmal … die DDR. Ronny Knäusel hatte ein ganz besonderes Talent, wie es in einem umzäunten Land von unschätzbarem Wert sein kann. In einem Moment ist er hier, im nächsten Moment ist er zu einem anderen Ort teleportiert. Außerhalb des erlaubten Bewegungsraumes. Außerhalb der DDR. Es ist ein Moment der stillen Freude. Vor einer Sekunde ist die Familie mit all ihren Habseligkeiten noch diesseits der Grenze, ein herzförmig aufstrahlendes Licht später finden sie sich jenseits der Grenze im Freistaat Bayern wieder. Ronny Knäusel, 1988 bereits 21 Jahre alt, lächelt in die Nacht hinein und geht anschließend hinter dem eisernen Vorhang wieder seiner Wege.
Anderswo. Vier Jahre später im Land der Freien. Ein Pizzabote hat ein merkwürdiges Erlebnis, nicht zum ersten Mal, aber er kann sich Gott sei Dank nicht mehr an die beiden ersten Male erinnern. Cosmo Shleym war dereinst ein Rock’n Roller, der sogar im Land der Unfreien auf den X. Weltfestspielen auftreten durfte. Doch Ereignisse aus jener Zeit vor fast 20 Jahren haben Spuren hinterlassen und eine Aufgabe, der er sich mit aller Kraft widmet. Da kommt der Pizzabote Jimi Jesus Jackson wieder einmal ungelegen. Hätte er doch auf seine Intuition gehört!
Das UPGRADE vermischt deutschdeutsche Geschichte (was für ein Begriff!) mit einer fantastisch humoristischen Science Fiction, die Freunden überdrehten Spaßes gefallen dürfte, solchen, denen vielleicht auch Monty Python gefällt oder die andere intelligente Comedy mögen. Die verschachtelte Erzählweise springt in den Jahren hin und her und Springt ist auch gleich das Stichwort, denn mit einem Sprung beginnt diese Geschichte nach einem kleinen Prolog, der sich bereits vor rund 4750 Jahren ereignet. Klingt merkwürdig, aber es ist gerade diese Erzähltechnik, die zunächst verwirrt, sich aber binnen kurzem auf das Klarste entwirrt und dem Leser so manches Aha-Erlebnis beschert.
Besagtes Aha-Erlebnis kommt mit wunderbar komischen Rückblicken auf ein vergangenes System daher, im Kleinen wie im Großen. Ronny Knäusel, die Hauptfigur, lernt der Leser sehr früh kennen, bevor seine Eltern ihn überhaupt gezeugt haben. Das ist wichtig, denn es führt zu einem dieser Aha-Erlebnisse, das der Leser aber erst bekommt, wenn er noch einmal ein paar Seiten zurückblättert. Der Clou soll natürlich nicht verraten werden, aber es ist wirklich eine Glanzidee. Sascha Wüstefelds Händchen für kuriose Gestalten, geradewegs aus einer Soap heraus karikiert oder auch von einer Boulevardtheaterbühne, offenbart sich in den Sequenzen jener vergangenen deutschdemokratischen Tage, in denen alsbald das (gewollte) Tohuwabohu ausbricht.
Als ich den Vater von Ronny Knäusel das erste Mal sah, musste ich sofort an das HB-Männchen denken. Und in der Tat sind die Figuren ein Entwurfkonsortium aus Klassisch, wie im Falle des Männleins, aus Modern im Sinne einer Kim Possible oder eines Super Dinosaur. Es hat zeitweise etwas von einem Entdeckerbuch, in dem sich zahlreiche Außenansichten und Innendesigns einer untergegangenen Epoche finden, ein wenig deutschdemokratisches Mad Men. Das ist so liebevoll und aufwändig gemacht, dass man sich für Ronny Knäusel im Laufe der Serie eine Rundumreise durch die ehemalige DDR wünscht, um möglichst viele dieser grafischen Kabinettstückchen zu entdecken. Die Fähigkeit zur schnellen Reise besitzt er schließlich.
Von der schnellen Skizze zur hochgradig perfekten Ausführung. Die Vereinigten Staaten mit ihrem Yo!-Alltag stehen im deutlichen Gegensatz zur 60er-Jahre-Klicki-Bunti-DDR. Aus nachgeahmter Popkultur wird moderner Dschungel in der Heimat der Tapferen. Die Jahrzehnte und der Kontinent haben sich geändert, an den Verrücktheiten ändert sich nichts. Es wird höchstens, auch optisch, ein wenig nerdiger samt eines riesigen Sendeturms, der an futuristische Vorstellungen vergangener Tage erinnert, wie etwa 2001, schön weiß, gestreckt, rocket-linke.
Ein schick-schräger Auftakt zu einer ungewöhnlichen Zeitreise in einem ungewöhnlichen Setting, sehr bunt, in sehr sauberem Design, mit eigenwilligen, tollen Einfällen und frischem Humor, der auf neue Ideen setzt. Klasse, so darf das weitergehen, 🙂
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Montag, 06. April 2015
Tod umgibt Superman. Wenn nicht gerade die gewöhnlichsten und ungewöhnlichsten Kreaturen versuchen, ihm im wahrsten Sinne des Wortes ein Haar zu krümmen, versuchen andere seine Freunde zu töten, ihm Fallen zu stellen und finden es wieder schick, seine Retterqualitäten auf die Probe zu stellen. Da werden Menschen aufgefangen, Kugel abgefangen, Schläge eingesteckt und ausgeteilt und die unterschiedlichsten Arten von Superblicken eingesetzt. Echte Bedrohungen sind meist außerirdisch, denn von der Erde kann ihm kaum einer richtig gefährlich werden. Zu den Ausnahmen gehört Metallo, der Kryptonit im Kampf einsetzt. Superman flieht nicht oft, doch hier bleibt ihm keine andere Wahl.
Wie könnte Superman aussehen? Wie könnte er sich verhalten? Diverse Autoren und Zeichner haben sich an eine der berühmtesten Comic-Figuren der Welt herangewagt. Mit neuen Ideen, humorvoll, geheimnisvoll, ungewöhnlich, immer respektvoll. Mit optischen Finessen, alten Bekannten in neuen Gewändern. Und egal, was sie sich einfallen ließen, sie hatten immer nur eine Geschichte lang Zeit. Der Leser darf sich also auf einen prallen Megaband freuen, in dem zu einer etwas älteren Erzählweise zurückgefunden wurde. Ohne ellenlange Abenteuer, die das Leben einer Comic-Figur umkrempeln und sich vielleicht sogar über verschiedene Serien einer Figur erstrecken.
Durch die neuen Künstler erfindet sich auch die Figur Superman mitunter neu, ergeben sich neue Einblicke auf seine Entstehung oder finden sich neue Eindrücke. Mongul, Lex Luthor, Bizarro, Metallo, Brainiac, Darkseid, eine Art King Kong und Gorilla Grodd mischen aktiv mit. Ein paar dieser Begegnungen sind nicht nur besonders gut gelungen, sie fassen sozusagen auch ein jeweilig immer wiederkehrendes Motiv zusammen.
Wie töte ich Superman. Idee Nr. 78013. Für Lex Luthor ist es längst keine Frage mehr, ob er Superman tötet. Die Anschläge auf das Leben des Stählernen sind zu einem regelrechten Hobby verkommen. Lex Luthor, das Genie, der Wirtschaftsmagnat, der andere Unternehmer noch vor dem Frühstück fertig macht, hat sich in eine Aufgabe verbissen, die über die Jahre sein Selbstbewusstsein untergraben hat, weil ausgerechnet eine derart leichte Aufgabe nicht zu bewältigen scheint. Längst ist aus dieser Aufgabe ein Selbstläufer geworden. Und die beiden Männer, Superman und Lex Luthor, stehen in der Geschichte von Dan Abnett, Andy Lanning und Zeichner Wes Craig für die These, den Feind enger an sich zu binden als einen Freund.
Du glaubst nicht an Superman? In der von Tom DeFalco geschriebenen Geschichte, Die Leugner, zeichnet Pete Woods in Zeichentrickstilistik ein Abenteuer leicht abseits der Figur Superman. Wie muss ein solches Überwesen aus der Sicht des Normalbürgers aussehen? Bei jenen Menschen, die den Supermann nur aus Zeitungsartikeln und Fernsehberichten her kennen? Wäre er nicht gleichzusetzen mit irgendwelchen Verschwörungstheorien, die einem weismachen wollen, es gäbe außerirdisches Leben, das sich mit Cape und blauen Strumpfhosen inmitten der Menschheit bewegt? Es ist eine sehr humorvolle Herangehensweise, mit einem netten Clou am Schluss, fast schon, als habe hier eine Comic-Ikone wie Darwyn Cooke seine Finger im Spiel gehabt.
Dies sind zwei Beispiele für eine weniger ernsthafte Erzählung. Weitaus häufiger geht es handfest zur Sache. Marc Guggenheim gelingt das Kunststück Bekanntes und Geheimnisvolles miteinander zu vermischen. Er erweckt den seit langem explodierten Planeten Krypton zu neuem Leben. Besagtes Superman-Abenteuer, Tränen für Krypton, gehört zu den grafischen Höhepunkten. Zeichner Joe Bennett kreiert ebenso ein Design zwischen klassisch und bombastisch wie Pia Guerra, die der Leser hierzulande von Erfolgsserie Y – The Last Man her kennt. Wer es schafft, die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts atmosphärisch zu reaktivieren, ist Chris Weston mit der Geschichte Der Retter. Hier wird optisch in jene Tage zurückgesprungen, als George Reeves den Stählernen in einer mehrjährigen Fernsehserie verkörperte.
Die ewige Jugend eines Comic-Charakters. Der erste Megaband über Superman spricht in einer großen Bandbreite den Comic-Fan an. Einerseits können Nostalgiker auf ihre Kosten kommen, andererseits können auch ganz frische Interpretationen überzeugen, in modernem Strich ausgeführt und sicherlich nicht ganz kritiklos, aber immer respektvoll vor einer der langlebigsten Comic-Figuren aller Zeiten erzählt. 🙂
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Freitag, 03. April 2015
Gotham City ist nach einem verheerenden Erdbeben ein Trümmerhaufen. Von Regierungsseite will man keinen Dollar in den Wiederaufbau stecken. Schlimmer noch: Die Brücken zur zerstörten Stadt sollen gesprengt werden. Nichts soll mehr hinein, keiner mehr hinaus. Nur noch ein paar Tapfere wollen in der Stadt bleiben, über sie wachen, bis eines Tages, so die Hoffnung, ein Umdenken bei den Offiziellen stattfindet und Gotham City wieder ein Teil der zivilisierten Welt wird. Doch könnte dieser Zeitpunkt kaum ferner liegen. Gefasst nehmen der einstige Commissioner Gordon und seine wenigen Getreuen den Untergang ihrer Stadt hin, haben sich aber dennoch entschlossen die Ruinen der düsteren Metropole nicht zu verlassen. Und sie sind nicht allein. In den Trümmern erheben sich die Freaks, die übelsten Gangster und beanspruchen die Macht über NO MAN’S LAND, denn Batman hat, so scheint es, aufgegeben und ist verschwunden.
Sie war einmal das Batgirl, nun ist sie Oracle. Sprecherin Merete Brettschneider übernimmt als Oracle die Rolle der Erzählerin. Seit des Anschlags auf ihr Leben hat das einstige Batgirl, Barbara Gordon mit bürgerlichem Namen, und Tochter von Commissioner Gordon eine neue Aufgabe gefunden. Sie überwacht die Ruinen von Gotham City und berichtet mit leidenschaftlicher Kälte von den Geschehnissen, in denen ein Batman sich sehr stark in den Hintergrund zurückgezogen hat. Sascha Rotermund meldet sich als Batman gewohnt düster zu Wort und weist Huntress, gesprochen von Simona Pahl, zurecht.
NO MAN’S LAND stellt im Batman-Universum einen gehörigen Einschnitt dar, entkernt es doch die Superhelden-Mär um den Dunklen Ritter auf das Wesentliche: Gut gegen Böse. Aber wie aus der Konfrontation zwischen Huntress und Batman deutlich wird, ist die Wahl der Mittel Ansichtssache. Huntress hat keine Probleme, ihre Ziele über die Klinge springen zu lassen, ein Umstand, gegen den sich Batman bislang erfolgreich wehrte, obwohl es ihm beizeiten manches erleichtert und noch mehr Untaten verhindert hätte.
Atmosphäre gewinnt. Neben stimmlich sehr bekannten Sprechern weiß die Atmosphäre, die grundlegende Stimmung hinter den Szenen zu begeistern. Es ist wie der Blick über die Schulter der Akteure, wie es zum Beispiel in einem Kinofilm der Fall wäre. Commissioner Gordon, sehr altersweise gesprochen von Reent Reins (die deutsche Stimme von Don Johnson) beobachtet die Zerstörung der Brücken rund um Gotham City, bespricht sich sehr derweil mit seinen wenigen noch verbliebenen Kameraden. Die Stimmung ist apokalyptisch, zusätzlich durch die durchweg tollen Musikeffekte befeuert.
Bis ins Kleinste Top besetzt und mit eindrucksvollen Sprecherleistungen abgeliefert. Da darf der Hörer Dr. Nybakken von Norbert Langer gesprochen hören und wird in ihm den langjährigen Sprecher von Tom Selleck wiedererkennen. Aber auch Sprecher, deren Stimme im Ohr ist, deren Name aber noch nicht so sehr ins Bewusstsein der Fan-Gemeinde gerückt ist, setzen sich hier in ein hervorragendes Bild. Christian Rudolf spielt sich stimmlich in die vorderste Riege der Joker-Darsteller. Grusel-Fans konnten ihn bereits als Stimme von Charles Gunn in Angel kennen lernen. Hier, als Joker kann er richtig loslegen. Im Gegensatz zu den Schauspielern, die mit körperlichem Einsatz auf der Leinwand präsent sind, kann Christian Rudolf sich vollends auf die Stimme konzentrieren. Er passt so perfekt auf den langgesichtigen, dürren Clown, insbesondere auf die brutalere Variante, die spätestens seit der Erzählung von Alan Moore, der den Joker auf Barbara Gordon schießen ließ und so in den Rollstuhl beförderte, wo sie zu Oracle wurde, erst so richtig Fahrt aufnahm.
Der erste Teil von NO MAN’S LAND ist eine Einleitung, die den Boden für den dunklen Ritter ebnet. Sie dürfte zu den finstersten Episoden zählen, denn noch nie war Gotham City derart kaputt und verlassen wie hier. Die Umsetzung als Auftakt der neuen Hörspielstaffel ist atmosphärisch dicht und perfekt gespielt, dank einer Vielzahl von Sprechern, die ihren Auftritt in einer Comic-Umgebung zu genießen scheinen. Als Batman-Fan kann ich nur sagen: Sehr schön. 🙂
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Mittwoch, 01. April 2015
Der Mensch ist des Teufels Verbündeter! Aber was wäre, wenn der Mensch nicht so einfach zu richten ist? Wenn der Mensch doch lernfähig ist und sich nicht zum Töten jeglicher Kreatur, sich selbst eingeschlossen, entschließt? Wenn die Lehre der Affen falsch ist? Wenn Affen gegen ihre eigene Lehren handeln, ihre eigenen Gebote sogar, die da behaupten, dass ein Affe niemals einen Affen tötet? Wenn dies bereits geschehen ist und der Mörder bislang unbehelligt geblieben ist? Viele Fragen werden in dieser noch jungen Gesellschaft aufgegriffen. Die Affen, die Zivilisation aus Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen wehrt sich vehement dagegen, die gleichen Fehler wie einstmals die Menschen zu begehen.
Aber in der Welt der Affen liegt längst einiges im Argen. Die Orang-Utans haben sich zum Kopf der Gesellschaftsstruktur erklärt. Gorillas stellen die soldatische Schicht und Schimpansen agieren zumeist aus der zweiten Reihe heraus, obwohl derjenige, der die Affen einst in die Freiheit führte, einer ihrer Art war. Die Forschung von Dr. Cato, einem Orang-Utan, an Menschen und ihrer Intelligenz, um sie in den Gemeinschaft zu integrieren, nicht nur als Haustiere, stößt überwiegend auf Unverständnis und Ablehnung. Vor dem Ältestenrat wird Dr. Catos Forschung zum Politikum. Der ehemalige General Aleron verteidigt den Wissenschaftler in der Verhandlung und ahnt nicht, dass es sich um den Auftakt von Ereignissen handelt, die die Affengesellschaft in den Grundfesten erschüttern wird.
Zurück auf dem Planeten der Affen. Welche Ereignisse liegen dem Verhalten der Affen zugrunde, als ein menschlicher Astronaut namens Taylor in ihre Welt eindringt und neue Fragen aufwirft? Die erste Folge des Comic-Zweiteilers Zeitenwende mit dem Untertitel Exodus nimmt sich dieser Frage an und entwirft dank der Erzähler Corinna Bechko und Gabriel Hardman eine Geschichte, die in eine kriegerische Auseinandersetzung mündet, wie sie klassisch dem Film Schlacht um den Planeten der Affen auf der Leinwand damals hätte folgen können.
Damit wird deutlich, dass beide Autoren ihre popkulturellen Hausaufgaben gemacht haben. Wie konnte es dazu kommen, dass Dr. Zaius ein Unterdrücker von historischen Wahrheiten wird und seinen ganze Furcht vor den Menschen gegen den Astronauten Taylor richtete? Bechko und Hardmann, der auch die erste Hälfte des vorliegenden Comics zeichnet, konstruieren ein Szenario, in dem es nicht nur um die Auseinandersetzungen mit den Menschen geht, sondern sich auch die Affen untereinander in Machtspielen ergehen. Hier wird an Drama, Tragödie und Intrigen nicht gespart. Anklänge griechischer Muster sind offensichtlich.
Gabriel Hardman und der ihm nachfolgende Zeichner Marc Laming verfügen über einen tollen Tuschestrich, der die Affen-Szenerie sehr intuitiv, locker, aber nichtsdestortroz sehr genau zu Papier bringt. Man mag sie hierzulande mit Künstlern wie Jordie Bernet (Torpedo) oder Rafael Mendez (Hombre) vergleichen. Obwohl von Jordie Bellaire und Darrin Moore koloriert, fehlt nur wenig, damit die Zeichnungen der beiden amerikanischen Comic-Künstler auch in reinem Schwarzweiß Bestand hätten.
Marc Laming besitzt den noch feineren Strich der beiden Künstler, ein wenig präziser gesetzt. Beiden Comic-Zeichnern ist eine schöne Dynamik der Bilder zueigen, die der Atmosphäre der alten Filme, auf die sich die Handlung bezieht, sehr gerecht wird. Hier lebt eine Science-Fiction-Ära optisch auf. Besonders die Ansichten altbekannter Stätten innerhalb der Affenstadt, Eindrücke, wie man sie aufgrund der Handlungen vorherahnen konnte, die gelungenen Affen, ein feines Schlussbild dürften das Herz des SciFi-Fans erfreuen.
Der Planet der Affen lebt. Eine hoch dramatische Geschichte um den inneren Zwist der Affengesellschaft und den Befreiungskampf einiger weniger Menschen aus der Gefangenschaft und Sklaverei. Grafisch top in Szene gesetzt, dicht erzählt und sehr nah an der ursprünglichen fünfteiligen Kinoreihe. Toll! 🙂
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Samstag, 28. März 2015
Sniper Alley! Kein wirklicher Straßenname, vielmehr eine kuriose Entwicklung innerhalb kriegerischer Auseinandersetzungen. Eine Verminung von Gelände mittels menschlicher Scharfschützen. Wer diese Allee passieren muss, riskiert sein Leben. Und Spirou bleibt keine Wahl. Er muss durch diesen Korridor, um sein Ziel zu erreichen. Dabei sollte der Krieg in Aswana mit dem Tod eines hochrangigen Militärs eigentlich beendet sein. Leider sich diese Neuigkeit noch nicht bis in den letzten Winkel Aswanas herumgesprochen.
Fabien Vehlmann (Szenario) und Yoann (Zeichner) beweisen einmal mehr ihren bitterbösen Humor. Eine Mixtur aus bekannten Elementen, dem Wiedersehen mit Figuren, an die man sich als Leser gerne erinnert und Anleihen aus einem etablierten Tagesgeschehen innerhalb des ausgehenden 20. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende lassen Lesergefühle aufkommen, wie sie seit QRN ruft Bretzelburg nicht mehr oft zu spüren waren. Das Duo Vehlmann und Yoann legt mit Der Page der Sniper Alley stark nach, nachdem sie bereits mit In den Fängen der Viper ihren anarchistischen Witz in den Ring warfen. Hiermit trumpfen sie noch einmal auf.
Ein Auftrag aus dem Knast heraus. Don Contralto, einstiger Gangster und vor Jahrzehnten zu 634 Jahren Haft verurteilt, verfolgt im Gefängnis sei neues Hobby Archäologie und entdeckt von dort aus dank seiner intelligenten Schlussfolgerungen die Verstecke verloren geglaubter Schätze. Nur, wie kann es bei Vehlmann und Yoann anders sein, ist das Auffinden von Schätzen in der Realität weitaus schwieriger zu bewerkstelligen, als am Tisch einer Bibliothek in einer Haftanstalt. Nach einer kurzen Einleitung, irrwitzigen Parcours in besagter Sniper Alley findet sich der Leser in einem Szenario wieder, in dem sich Schatzgräberfantasien und Computerspiele die Hand reichen.
Aus irrwtzig wird so aberwitzig. Denn Vehlmann und Yoann machen auch vor der Figur des Spirou selbst nicht Halt. Der verärgerte Spirou muss wieder, in einem Kriegsgebiet, in seiner Pagenuniform unterwegs. Das heizt die Mordlust in der Sniper Alley noch weiter an. Das Wiedersehen mit Poppy Bronco (einer Figur aus Band 50), zahlreiche satirische Szenen mit den (wenig kompetenten) Militärs verhöhnt die angeblich sauberen Kriege, über die sich Spirou bei der Lektüre eines Zeitungsartikels schon im Vorfeld aufregt. Und die Schlussszene mit ihrer Konsequenz ist angesichts aktueller Ereignisse in höchstem Maße vernünftig.
Der Zeichenstil von Yoann ist ein bisschen Franquin, ein wenig Old School, sehr, sehr eigen und sehr, sehr ausdrucksstark. Wer den Seitenentwurf im Anhang in Augenschein nimmt, erkennt, wie viel Arbeit hinter den scheinbar zügig gezeichneten Szenen steckt. Trotz eines wilden und für das lesende Auge mühelosen Strichs hat der wahnwitzige Stil des Künstlers Methode.
Kleines Eichhörnchen ganz groß! Pips ist ein heimlicher Held. Immer an der Seite der großen Abenteurer hat Pips hier einen bedeutsamen Auftritt, in dem er einmal im Mittelpunkt ist und seine Leistungen herausstellen kann (Gut so!). Denn das, was Pips so leistet, ist, in seinen eigenen Worten, keine Feldmauskacke. Vehlmann und Yoann könnten den kleinen Kerl in der Zukunft öfters mit umfangreicheren und wichtigeren Auftritten versorgen. Wie vielfältig die Möglichkeiten dazu sind, haben sie hier bewiesen.
Die Rückkehr! Zunächst sind es nur kleine Auftritte, doch die wecken beim Stammleser bestimmt sofort die Lust auf Mehr. Gaston und das Marsupilami geben sich die Ehre. Die Rechte an diesen Figuren wechselten zu Dupuis, so dass die beiden wieder mit Spirou und Fantasio gemeinsame Abenteuer oder Episoden erleben dürfen.
Jawohl, so darf das im Verlauf der Serie weitergehen. Humor, bis der Arzt kommt, voller Spaß an der Pointe erzählt, erstklassig von Yoann in Szene gesetzt. Spirou und Fantasio sind so jung wie eh und je! 🙂
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Mittwoch, 25. März 2015
Auf Kuba herrscht das Verbrechen, die Korruption. Das Land ist im Wandel. Ein paar Menschen wie Fidel Castro stellen sich dem Regime um Machthaber Bastita entgegen. Das Leben geht noch seinen gewohnten Gang in Havanna. Noch. Denn die Schlinge zieht sich langsam um jene zu, die nicht an einen Erfolg der Revolutionäre glauben. Bald schon lassen sich Batistas Soldaten von den unterlegenen Rebellen vorführen. Das organisierte Verbrechen sieht seine Möglichkeiten schwinden. Als eine größere Summe außer Landes in die Vereinigten Staaten gebracht werden soll, greifen andere zu und eine lange Jagd auf die Diebe beginnt.
Regis Hautiere schreibt über den Lebensabschnitt eines jungen Kubaners, der seine Gelegenheit ergreift. Der junge Mann namens Joaquin Lima handelt nicht gänzlich uneigennützig, sondern wird auch durch die Umstände in die Angelegenheit verwickelt, hinein getrieben. Familie und Liebe sind die anfänglichen Motivationen. Der daraus erwachsende Wunsch nach einem ganz anderen, einem neuen, in jedem Fall besseren Leben wird zur künftigen Triebfeder. Und je stärker diese drückt, desto eher ist Joaquin bereit, seine Chance mit allen Mitteln zu verteidigen.
Kann man glücklich sein, ohne es zu wissen? Es ist ein spannender Lebensabschnitt, voller Gefahren für das Leben, aber es kommt der Zeitpunkt, an dem sich Joaquin nicht nur darüber wundert, was das Leben mit ihm vorhat. Ausgerechnet seine Schutzbefohlene bringt ihm diese Idee nahe. Regis Hautiere liebt, nimmt man seine Publikationen in Augenschein, das Wandern zwischen verschiedensten Themen. Heraus stechen aber historische Themen, die es ihm besonders angetan haben. Hier hat er sich ganz der Schwarzen Serie verschrieben. Der Ausweg ist die Flucht nach vorn.
Die Hauptfigur Joaquin Lima bleibt seltsam ruhig und gefasst, überlegt, neigt nur selten zu Gefühlsausbrüchen. Welche Folgen unbedachtes Handeln haben kann, hat er am Tod des Bruders erfahren. Ihm gegenüber steht die weibliche Hauptfigur, nicht weniger jung als er, Elena (bzw. Livia), die ihre Benommenheit schnell ablegt und dann ihren Gefühlen folgt, gedankenlos oft, wie jemand, der etwas nachzuholen hat (was auch stimmt). Regis Hautiere lässt hier ein Duo aus Feuer und Wasser gemeinsam fliehen. Dem Leser ist binnen kurzem klar, dass eine solche Konstellation zwangsläufig furchtbare Konsequenzen haben muss. Aber das gehört zur Schwarzen Serie dazu, deren emotionale Grundhaltung Hautiere gekonnt einfängt.
Es schleicht sich nicht nur Mitgefühl für die Hauptfiguren ein. Auch das toll gesäte Misstrauen ist der Erzählkunst von Regis Hautiere zugute zu halten. Man schlägt sich schnell auf die Seite von Joaquin und möchte ihm bei mehrfacher Gelegenheit zurufen, diesem oder jenem Menschen nicht zu vertrauen, könnte dieser sich doch schon bald als Halunke entpuppen.
Philippe Berthet ist mit seiner klaren Linie, seinen wunderbar exakt gezeichneten Charakteren und Kulissen, spätestens seit Poison Ivy hierzulande bekannt. Sein Hang zu Pin-ups setzt sich auch in Perico fort. Mit der Figur der Livia liefert Berthet eine klassische Femme Fatale ab. So muss das Titelbild zunächst erschrecken, denn eine schöne Frau wird eigentlich nicht mit einer Blutfontäne in Verbindung gebracht. Und so tappt der Leser in die Femme-Fatale-Falle, die auch so manchem Gangsterdarsteller in der Schwarzen Serie zum Verhängnis wurde.
Eine düstere Geschichte, die mit sommerlicher Farbenfrohheit über die Ernsthaftigkeit und Dramatik kurz hinweg täuschen lässt. Gangsterballade und schöner Einblick in eine Wendezeit des letzten Jahrhunderts, gut vermischt mit einer ordentlichen Portion vergangenem Lebensgefühls. Berthet und Hautiere ist hier ein tiefgehender und erlebnisreicher Thriller-Comic gelungen. 🙂
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Sonntag, 22. März 2015
Manche Orte sollen gemieden werden. Wenn solche Orte jedoch besucht werden müssen, um das Leben eines geliebten Wesens zu retten, welche Wahl bleibt einem dann? Nävis stellt sich diese Frage nicht einmal. Und sie hat dafür eine schlichte Begründung, die kaum einfacher als in einem einzigen Satz ausgedrückt werden kann. Selbst Nisob, der Roboter, der auf sie aufpasst und sich oft mit ihrer Halsstarrigkeit auseinanderzusetzen hat, kann nicht dagegen argumentieren. In Begleitung der kleinen sprechenden Raubkatze Houyo machen sie sich auf den gefahrvollen Weg zu einem Raumschiffwrack. Hier könnten noch die Hilfsmittel zu finden sein, um Nisob zu helfen. Doch kaum haben sie das Wrack betreten, werden sie auch schon gejagt.
Haben Sie noch Energie? Eine kleine Frage kann dem Grauen vorangehen. In diesem Fall befolgt eine Robotereinheit nicht mehr ihren grundlegenden Gesetzen, sondern ist nur noch an der eigenen Erhaltung interessiert. Ein Roboter braucht Energie. Dieser geht dafür über Leichen. Das Comic-Trio aus Jean David Morvan, Jose Luis Munuera und Philippe Buchet mischt ein kleines Kind, einen Wildfang von Haustier mit einer knallharten und erbarmungslosen Kreatur, die dem FilmVirus entsprungen sein könnte.
Morvan, Munuera und Buchet haben sich an ein offensichtlich leichteres Szenario gesetzt. Vorahnungen führen zu einer Rettungsaktion, die jegliche düstere Vorschau weit übertrifft und um ein Vielfaches gefährlicher ist. Die Abenteuer der jungen Nävis sind kindgerechter erzählt, drücken an ein paar Stellen passend auf die Tränendrüse, sind schnell wie flotte Trickfilmpassagen aus gängigen Animes und besitzen ausreichend ruhige Momente, damit sich das Dreiergespann aus Nävis, Houyo und Nisob im Rahmen der Reihe weiterentwickeln kann. Dadurch wird die Charakterisierung der späteren, erwachsenen Variante sogar noch ein wenig deutlicher und runder.
Der fremde Roboter ist eine wandelbare Kreatur und macht seinen Erschaffern viel Arbeit. Da er sich entwickelt, den Situationen anpasst, auf seine Art wächst, braucht Zeichner Jose Luis Munuera nicht jede Schraube, jedes Scharnier an der selben Stelle wie zuvor zu gestalten. Bei einer Gestalt wie dieser würde jede neue Zeichnung in einer Sisyphosarbeit ausarten. Auch so ist Munuera eine dämonische Robotergestalt gelungen, die ebenfalls (wie in erwähntem Virus) einer ernsthafteren Geschicht gut zu Gesicht stehen würde. Die scheinbar wüst zusammengesetzten Elemente dieses metallenen Monsters wirken feingliedrig, scharfkantig, wie ein mechanisches Frankensteinmonster, dem bei aller Stahloberfläche noch eine irrsinnige Mimik gelingt.
Kleine Grafiktricks peppen die Bilder auf. Einerseits erinnern Punktraster in Schattierungen an die gute alte, nicht so lang vergangene Zeit, als dergleichen noch mittels Folien am Zeichentisch eingezogen wurden. Andererseits ist der Wechsels des Farbauftrags zwischen Realsequenzen und Traumphasen sehr reizvoll und schön anzuschauen. Gerade in den Szenen, in denen der Leser Nävis auf Traumabenteuern folgen darf, sind die Farben einem aquarellartigen Auftrag nachempfunden. Die Kolorierung von Christian Lerolle gibt den ohnehin sehr fein gezeichneten und getuschten Bildern von Munuera noch mehr Zerbrechlichkeit, ein Stück mehr optische Anziehungskraft.
Ein grafisch sehr reizvolles Wechselspiel aus Handlung in freier Wildbahn und der düsteren, zuweilen engen Atmosphäre in einem zerstörten Raumschiff. Sehr strikt erzählt, aber nicht ohne die eine oder andere Überraschung zu vergessen. Eine schöne Fortsetzung der Serie. 🙂
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Montag, 16. März 2015
Die Frau von heute hat es schon schwer genug. Der Job als Polizistin macht es nicht leichter und einen Bruder zu haben, der sich in größten Schwierigkeiten bringen kann, erhöht den Druck um ein Vielfaches. Schwierigkeiten bedeutet nichts Geringeres, als um das eigene Leben fürchten zu müssen. Ganz nebenbei muss auch Rubine sich selbst aus der Schusslinie bringen. Und warum das Ganze? Rubines Bruder Jay ist ein Computerhacker, der auch ganz gerne mit seinen Erfolgen prahlt. Das mag kein direkter Fehler sein, es sei denn, man kokettiert vor der Fernsehkamera mit den Ergebnissen einer eher halbseidenen Erfolgsgeschichte. Denn kurz darauf haben sich Killer auf seine Spur geheftet.
Die drei Kriminalfälle Hackerjagd, Fenster zur Straße und Der zweite Zeuge bilden den Auftakt zum ersten Band der Gesamtausgabe von RUBINE. Die Comicreihe über die Polizistin mit der flammendroten Haarmähne aus Chicago gibt sich optisch cartoony, geht aber in Sachen kriminaler Aufklärung so hart zur Sache, wie es der Genre-Fan aus Serien wie Miami Vice oder den Straßen von San Francisco, vielleicht auch Die Lady mit dem Colt her kennt. Dabei besitzt die Action einen Belmondo-Charme und erinnert optisch an Stilistiken, wie sie andererseits der Comic-Fan von Serien wie Natascha her bekannt sein können.
Gleich die zweite Folge, Fenster zur Straße beginnt mit einem Attentatsversuch. Der Anschlag geht gründlich daneben. Fast fühlt man sich als Cineast an Komödien wie den Klassiker Die Filzlaus erinnert. Kaum ist diese schöne Sequenz vorüber, darf der Leser sich an der Seite von RUBINE auf vertrautem Gelände tummeln. Als Resultat setzt sich eine Kette von Ereignissen in Gang, an deren Ende eine Menge Fahrzeugschrott steht. In dieser Geschichte treffen sich Action und die bewährte Ermittlungsarbeit. RUBINE lässt es feinfühlig angehen, wie in Befragungen alter Damen, wird aber reaktionsschnell, wenn das eigene, oder, weitaus öfter, fremde Leben bedroht sind.
Was sich bereits im zweiten Abenteuer zeigte, setzt sich mit Folge 3, Der zweite Zeuge fort. Die Grafik wird feiner, was sicherlich nicht an den schönen Arbeitsskizzen im Vorfeld liegt (von denen sich der Leser auf den ersten beiden Seiten überzeugen kann). Mehr Feinheit bringt mehr Atmosphäre, mehr Lokalkolorit des amerikanischen Straßenbildes. Hierbei zeigt sich, dass Chicago, die einstige Heimstatt von Al Capone, mehr zu bieten hat, als nur finstere Straßenschluchten. An Rubines Seite geht es auch in die Vororte, die Gegenden der betuchteren Mitbürger, denn schließlich steht auch nichts weniger als die Überprüfung eines Ferraris auf dem Plan.
Schöne Frauen haben es auch nicht leicht. Besonders dann nicht, wenn Killer auf dergleichen Äußerlichkeiten keinerlei Wert legen und dies sogar mit Handgranaten unter Beweis stellen. Nachdem RUBINE in der zweiten Folge eher die Jägerin war, wird sie nun als Beschützerin zur Gejagten. Ihre Schutzbefohlene, nicht weniger gutaussehend, aber offensichtlich weitaus unerfahrener in kriminellen Angelegenheiten, stellt Rubine auf eine arge Geduldsprobe. Das ist auf langer Strecke wieder humorvoller als in der Geschichte zuvor. Im Finale verzichtet Mythic, der Autor, auf den Spaß und wird wieder todernst.
Schöne Krimis, gelungen amerikanisch, wie es der Genre-Fan bei dieser Lokalität erwarten darf, mit einer tough auftretenden modernen Polizistin, die es auch gerne mal mit Begeisterung krachen lässt, im wahrsten Sinne des Wortes. 🙂
RUBINE, Gesamtausgabe 1, Zeugenjagd: Bei Amazon bestellen
Samstag, 14. März 2015
Peter hat zu Ehren des Pan einen neuen Nachnamen angenommen. Peter hat nicht helfen können und macht sich die größten Vorwürfe. An anderer Stelle will er Versprechen einlösen. Von der fernen Insel zurück im gruseligen London trifft er die Kinder wieder, die sich voller Hoffnung seine Abenteuer anhören und denen er ein ungeheures, einmaliges Angebot macht. Käpt’n Hook und seine Piraten haben weitaus weniger Gewissensbisse. Eigentlich gar keine. Der Kapitän sieht seinen Schatz als verloren an und verlangt Rache. Natürlich sollen ihm seine Mannen auf seinem Feldzug folgen, der nur ein Ziel hat: Peter Pan. Der Junge hat die Balance des Lebens auf und um die Insel herum zerstört. Schmach und Schande brachte er persönlich über den Kapitän. Käpt’n Hook kennt dafür nur eine Strafe: den Tod.
Loisels Werk, frei nach den Charakteren von Sir James Matthew Barrie, ist hiermit in neuer Auflage einmal mehr vollendet. Der Junge Peter Pan, auf seine Art ein Inbegriff von Freiheit, Rebellion, hat seine Heimat gefunden. Und er verteidigt diese mit all den Freunden, die er nun dort hat. Doch Gewalt lehrt Gewalt und so hat Peter Pan, nach einigen Schicksalsschlägen, gelernt, wie er nicht nur überleben, sondern auch noch zurückschlagen kann.
Besonders in der 2. Gesamtausgabe ist Kapitän Hook ein bemerkenswerter Charakter. Vollkommen egozentrisch, in höchstem Maße selbstverliebt, äußerlich gar nicht einmal der klassische Schlächter, aber immerhin ein vollkommener Psychopath, Allerdings besitzt er dank Loisel auch eine kindliche Note, die einen Matrosen und Lakaien wie Brummer väterlich (und ihn fürchtend) an ihn bindet. Wer auch nur einmal vage in die Welt der Kinderbücher hineingeschnuppert hat, wird von Kapitän Hook gehört haben, dem Mann, der wie ein großes gemeines Kind den fürchterlichen Haken schwang und allen Bewohnern der kleinen Insel das Fürchten lehrte.
Die Sache mit dem Haken und dem Wecker. Die Sache mit dem Haken ist durchaus brutal zu nennen. Für den Kapitän, dem in der Geschichte große Aufmerksamkeit zufällt, ist sie kaum überraschend. Loisels Inszenierung des Verlusts dieses Körperteils entbehrt nicht einer gewissen grauenhaften Komik, aber so sehr die Feinde des Kapitäns auch lachen, furchtbar ist es allemal. Und so folgt die Hand dem Wecker, den das Krokodil schon zuvor schluckte, weil es schlichtweg alles schluckt. Dank Brummer. Welche Ironie! Loisel gelingt das Kunststück, die Rachegedanken des Kapitäns glaubhaft zu machen, mit Tiefe zu versehen. Als Erwachsener mit kindlichem Gemüt fällt ihm die Beherrschung sehr viel schwerer als seinen kindlichen Widersachern.
Und Loisel lässt auch diese nicht ungeschoren davonkommen. Denn das Miteinander der verschiedenen Kreaturen auf der Insel ist nicht grundsätzlich paradiesisch. Glöckchen, dank der Interpretation durch das Hause Disney als putziges geflügeltes Dingelchen bekannt, entwickelt in der Version von Loisel noch ganz andere Seiten: Eifersucht. Von Loisel als properes Mädel mit Libellenflügeln und knapper Bekleidung gezeichnet, ist sein Glöckchen außerdem mit einer Boshaftigkeit und Heimtücke ausgestattet, die der Leser so nicht vermuten konnte.
Die Eifersucht war kein Geheimnis, ihre Leidenschaft für den Jungen Peter nicht zu übersehen, die Auswüchse hingegen sind ebenso grauenhaft, wie Peters Rache an dem Kapitän. Eigentlich sind sie noch furchtbarer. Loisel gelingt eine erbarmungslose Zuspitzung innerhalb einer Sequenz, eine Tragödie, die man als Leser gerne vorher abgewendet sehen möchte, aber der Szenenablauf treibt ungebrochen auf einen furchtbaren Tod zu, fast schon einen Mord, mit dem Krokodil als Waffe.
Loisel ist ein Meister darin, mit seinen Figuren Emotionen zu wecken und auch zu lenken. Zuneigung und Mitleid sind die Grundlagen, die er benötigt, um auch das Grauen wie eine Bombe platzen zu lassen. Das funktioniert über die Optik hervorragend, mittels eines geschickten erzählerischen Aufbaus packt es einen über die Maßen. In dieser geballten Form ist der Effekt aufs Gemüt noch stärker. Loisel hat aus den Figuren von Barrie noch ein paar wichtige Schichten herausgeschält und einige tolle Vergleiche zur Realität gezaubert. Denkanstöße könnte man sie nennen. Comic mit Tiefgang. Klassiker, jetzt schon! 🙂
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