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Comic Blog


Dienstag, 29. Januar 2008

DMZ – Zwischen den Fronten

Filed under: Abenteuer — Michael um 14:29

DMZ - Zwischen den FrontenIn den USA herrscht Bürgerkrieg. Wie konnte es dazu kommen? Die Menschen im Mittleren Westen bäumten sich gegen die Politik der Ostküste auf. Langsam formierten sich bewaffnete Gruppen, die zu einer Armee anwuchsen. Die Regierung beorderte ihre Truppen aus aller Herren Länder zurück. In Manhattan schließlich konnten die Truppen der Freien Staaten aufgehalten werden – Manhattan wurde zur DMZ, zu demilitarisierten Zone mit 400000 Einwohnern, die täglich mit der Gewalt konfrontiert werden.
In dieser Zone befindet sich ein junger Mann namens Matty Roth. Eigentlich war er nur Praktikant, doch durch widrige Umstände wurde er zum Kriegsberichterstatter, eine Rolle, mit der Matty nicht sehr gut zurecht kommt.

Derjenige, der seine Arbeit in Wirklichkeit machen sollte, der Star-Nachrichtensprecher Viktor Ferguson, befindet sich in der Hand der Aufständischen. Ohne es zu wollen, wird Matty in ein Komplott hineingezogen, das letztlich nur dazu dienen soll, die neuen Freien Staaten in Misskredit zu bringen. Nur eines haben sich die Verantwortlichen ganz anders vorgestellt. Matty sollte eigentlich dabei sterben und eine schöne Leiche abgeben. Sein Tod sollte für Schlagzeilen sorgen.

Aber Matty ist nicht tot. Und somit fängt für Matty der ganze Ärger erst so richtig an.
DMZ – Zwischen den Fronten beschreibt ein aufregendes Szenario über den Niedergang einer Zivilisation, viel bewundert und verachtet, einer Zivilisation namens USA, gemeinhin Amerika genannt.
Brian Wood hat seine Horrorvision eines zweiten Bürgerkriegs in den Vereinigten Staaten niedergeschrieben. Zeitweilig gibt es solche Geschichten, die eine düstere Zukunft für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufzeigen. Bei der Entwicklung in den letzten Jahren, in der sich die Stimmung gegen das Land immer weiter hochgeschaukelt hat und auch innerhalb des Landes diverse Ereignisse immer wieder für Erschütterungen sorgten, ist es nach den düsteren Weltuntergangs-70ern wieder soweit. Der Boden für ein Szenario wie DMZ ist geebnet.

Der Krieg, wie auch der Bürgerkrieg, trifft die Unerfahrenen am schlimmsten. Hier schlägt er bei Menschen zu, die niemals wieder – seit Pearl Harbor – glaubten, im eigenen Land und noch weniger von eigenen Landsleuten angegriffen zu werden. Wie in jedem Krieg sind die Motive der Kriegsparteien aus der Sicht des einfachen Bürgers undurchsichtig – und egal. Wenn es nur um das Überleben geht, um die Fragen nach Nahrung und Medikamenten, Versorgung im Allgemeinen, spielen Politik und Kriegsziele keine Rolle mehr.

Im Mittelpunkt der Erzählung um diesen ungewöhnlichen Kriegsschauplatz steht Matty, der plötzlich zu einem Symbol wird. Als Kriegsberichterstatter zu arbeiten ist bereits ein gehöriges Stück Arbeit und erfordert viel Mut, doch von einem jungen Mann zu verlangen, ein Symbol für Eigeninitiative und Widerstand zu werden, ist fast schon zu viel verlangt. Matty durchläuft verschiedene Phasen, Mutlosigkeit und Resignation gehören auch dazu. Brian Wood jagt seinen Helden durch einen realen Alptraum, durch Horrorszenarien, wie sie nur in gruseligen Science Fiction Filmen vorkommen sowie durch richtige Alpträume, von denen Matty immer wieder geplagt wird. Von Beginn an ist die Erzählung ein Hindernis-Parcours.
Wäre das alleine schon nicht spannend genug, erzählt Wood gleichzeitig vom Niedergang der führenden Zivilisation dieses Planeten. Würde nicht auch Freundschaft unter einigen Menschen eine wichtige Rolle spielen, würde es sich um eine durch und durch deprimierende Geschichte handeln. Aber so besteht Hoffnung, gibt es Keime des Vertrauens und vielleicht die Chance auf eine Änderung der Verhältnisse – wenn es auch vollkommen im Dunkeln liegt, welche Gestalt ein Neubeginn einmal haben wird.

Riccardo Burchielli gehört zu jenen Zeichnern, die sich abseits der ganz großen Verlage in Übersee zu etablieren. Bei Wildstorm oder hier im konkreten Beispiel Vertigo ist manNachwuchs an Projekte heran, die nichts mit den üblichen Verdächtigen, den Superhelden, zu tun haben.
Mit feinen Strichen zeichnet Burchielli alles, was nötig ist. Skizzenhaft, beinahe wie Momentaufnahmen vom Kriegsschauplatz entsteht so ein halbdokumentarischer Blick auf das Geschehen – mit ein klein wenig Karikatur.
Mit dieser Technik bleibt genug, um die Grauen dieses Krieges und die Absurditäten treffsicher darzustellen. Manchmal ist es sogar zuviel. Burchielli und Wood nehmen ihre Aufgabe sehr ernst. Gemäß der inländischen Kritik am eigenen Vorgehen der USA, die es immer wieder gibt, mal verhalten, mal sehr laut, wird hier mit einer Erzählung in Wort und Bild kräftig gerüttelt.

Kritiken diverser amerikanischer Magazine feiern die Serie. Die positive Reaktion erfolgt völlig zurecht. Die Geschichte ist mutig erzählt, ungewöhnlich dramatisch, ohne Pathos, ohne Melodramatik, nüchtern und doch mitreißend. Neben Matty ist New York der zweite Hauptdarsteller, zerrissen, aufmüpfig, nicht bereit, unterzugehen. So packend kann Comic sein. 🙂

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Sonntag, 27. Januar 2008

Das Nest – Serge

Filed under: Klassiker — Michael um 19:36

Das Nest - SergeEin Mann lebt unter Maries Dach, ein fremder Mann! In der kleinen Ortschaft Notre-Dame, wo jeder jeden kennt, ist dieser ungewöhnliche Gast das Gesprächsthema. Bei den Damen des Ortes, besonders bei den tugendhaften Damen, erzeugt dieser Fremde allerhand Gift und Galle. Da muss der Pfarrer her!
Der gute Pfarrer kann sich sehr bald schon vom guten Geist des Neuankömmlings überzeugen. Serge, so sein Name, ist ein weit gereister Mann, der einen Hauch von Welt in die Wälder Kanadas bringt – aber auch viel Wärme und Menschlichkeit.

Serge hat viel gesehen von der Welt. Europa, den großen Krieg, das zivilisierte Kanada, aber eine solche Idylle ist ihm noch nie begegnet. In einer solch eingeschworenen Gemeinschaft jedoch hat es ein Neuling schwer. Seine große Stunde naht, als es ein Schwein zu schlachten gibt und der verantwortliche Metzger die Arbeit nicht erledigen kann. Serge, von Beruf her Tierarzt, bietet sich an, die Lücke kurzzeitig zu schließen.
Das Schlachten des Schweins wird seine erste Bewährungsprobe, denn ein derartiges Ereignis lockt das gesamte Dorf an. Und wie es sich herausstellt, ist die Schlachtung eines solchen Kolosses nicht leicht. Spätestens als die Sau mit dem Pfarrer auf dem Rücken durchgeht, wird allen Beteiligten klar, dass die Prozedur alles andere als einfach wird.

Weihnachten naht. Marie und Serge laden zum gemeinsamen Weihnachtsschmaus ein. Nicht nur Liebe geht durch den Magen, sondern auch Nächstenliebe. Serge beweist, dass er von seinem Aufenthalt in Paris sehr viel Wissen um eine gute Küche mitgebracht hat. Sehr bald ist es dann so weit. Das erste Restaurant eröffnet in kleinem Rahmen in Notre-Dame. Serge kocht sich regelrecht in die Herzen der Menschen.

Das Nest von Regis Loisel und Jean-Louis Tripp geht in die zweite Runde. Nachdem die Charaktere vorgestellt wurden und der Alltag im Nest bekannt ist, bringen Loisel und Tripp einen Unruheherd in das kleine Dörfchen Notre-Dame – und dieser Begriff passt gar nicht einmal schlecht als Umschreibung von Serge, dem Neuen.

Marie, die Witwe und Betreiberin des einzigen Ladens im Ort, steht natürlich auch im Mittelpunkt eines gewissen Interesses. Zuerst ist es Mitleid mit der noch recht jungen Frau, die nun allein ihr Leben fristen muss. Im Ort selber sollte es für jedermann einsichtig sein, dass aus dem Dorf selbst kein neuer Gefährte kommen kann. Ausgerechnet ein Mann, der eigentlich auf der Durchreise war, beginnt in Notre-Dame Wurzeln zu schlagen – wegen Marie einerseits, wegen der Menschen im Dorf andererseits.

Sehr liebevoll lernt der Leser diese kleine Welt durch die Augen von Serge kennen. Dabei schadet es nicht, den ersten Teil nicht gelesen zu haben. Durch Serge ist alles neu. Für den Leser, der bereits eingeweiht ist, tun sich viele neue Aspekte auf.
Es ist tiefer Winter. Der Schnee liegt knöcheltief, nächtens fallen weitere Flocken zur Erde. Der Winter lässt die Menschen noch enger zusammenrücken. Neben dem Schnee gibt es noch einen Grund zum Zusammenrücken: Neugier. Da kommt ein Fremder gerade recht. Serge jedoch gibt zwar Anlass zu Spekulationen, aber er gibt (eigentlich) keinen Anlass zum Unmut. – Sieht man einmal von den zornigen Blicken der tugendhaften Drei ab, die nur einem männlichen Wesen Respekt zollen: Dem Pfarrer.

Die Beziehungen in dieser Gemeinschaft sind fein ausgearbeitet. Langsam werden die unsichtbaren Geflechte und Grenzen abgesteckt, wird sichtbar, wer welche Rolle im Dorf spielt. Aber die Beziehungen sind locker. Jeder lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, lässt Freiraum, kurzum ein einigendes Element fehlt. Maries Laden im Zentrum ist ein Treffpunkt, den alle brauchen, doch ein Kern lässt sich nicht ausmachen. Mit Serge ändert sich das.

Wirklich, Serge, das war … Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass man so gut essen kann.
Der Genuss hält Einzug in Notre-Dame und mit ihm werden gepflegte kleine Einladungen ausgesprochen, bei denen der Reihe nach alle Einwohner zum Essen zu Marie und ihrem Gast kommen, der sich zunehmend heimischer fühlt. Es ist den beiden Autoren und Zeichnern in Personalunion zu verdanken, dass sich dieses zelebrierte Kennenlernen beinahe greifen lässt. In jeden Fall greift die Stimmung auf den Leser über. Es ist warm, beschaulich und jene, die schon seit einer halben Ewigkeit in Notre-Dame zu leben scheinen, kommen sich noch einmal näher.

Die Bilder von Loisel und Tripp geben diese Stimmungen perfekt wieder, erinnern ein wenig an naive Kunst, Alltagsstillleben, Szenen des Miteinanders in einer anderen Zeit, weitab von stetig wachsender Zivilisation. Wie gut die beiden aufeinander abgestimmt sind, zeigt sich gleich im Vorfeld der Geschichte. Die Arbeitsphasen der beiden werden einander gegenüber gestellt, zuerst Loisel, dann Tripp, der die Feinarbeit übernimmt. Für die Kolorierung ist Francois Lapierre zuständig. So ergeben sich spannende Mixturen aus Bleistiftvorzeichnung und schönen Farben, in denen die Lichter diesmal eine große Rolle spielen.
Lichter auf den Gesichtern, in der Dunkelheit, zu Weihnachten Wärme ausstrahlend. So entsteht eine perfekte Inszenierung dieser kleinen Welt.

Am Ende, nach einer trefflichen Episode über menschliches Zueinanderfinden, steht der Ausblick auf die weitere Entwicklung. Wenn die Katzen aus dem Haus sind, tanzt die Maus auf dem Tisch. Was mag sein, wenn die Katzen zurückkehren? So liegt über einer heiteren Geschichte auch ein Spannungselement. Erzählungen der Einwohner deuten an, was alles in Notre-Dame passieren kann. Wunderbar gezeichnet und geschrieben, so erzählen sich Loisel und Tripp direkt in das Herz des Lesers. Toll. 😀

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Samstag, 26. Januar 2008

House of M

Filed under: Superhelden — Michael um 17:14

House of MIn dieser Welt sind die Mutanten die beherrschende Kraft. Der Homo Superior hat es geschafft. Aber wie? In den vergangenen Jahren sind die Kämpfe und Auseinandersetzungen unzählbar geworden. Die Veränderung kommt so schnell wie ein Filmriss. Für alle ist dieser neue Zustand die normalste Sache der Welt. Für alle? Nein, nicht für alle!
Die, oder besser der Unbekannte in der Gleichung ist ein wölfischer Mutant namens Wolverine. Vor seinem geistigen Auge tauchen plötzlich Bilder auf, die nichts mit der aktuellen Realität gemein haben. Als er erwacht, hat er nicht nur eine rothaarige Frau in seinem Bett, die sich kurz darauf als Mystique entpuppt, er befindet sich außerdem an Bord des Shield Carriers – jedenfalls erinnert das riesige Transportvehikel vage daran.

Mein Leben. Ich weiß alles. Alles.
Kurzerhand lässt sich Wolverine von der Landefläche des Carriers in die Tiefe fallen. Was er hörte, hat ihn zutiefst schockiert. Lord Magnus? Sapiensschweine wurden bei einer Operation in der letzten Nacht getötet? Nein, hier stimmt gar nichts mehr, aber Wolverine ist bereit, herauszufinden, was hier geschehen ist.

Das House of M gehört zu einer Reihe von Umwälzungen im Marvel-Universum während der letzten Jahre. Für meine Begriffe gehört es auch zu den einfallsreichsten und hat zeitweise noch mehr zu bieten als das alternative Ultimative Universum.
Die Scarlett Witch hatte ihre Kräfte nicht mehr unter Kontrolle, was zum Ende der Rächer führte. Doch diese Katastrophe war nichts im Vergleich zu den Ausmaßen der neuen Kraftanstrengung der Witch. Die ganze Welt wird durch ihre Chaosmagie vollkommen umgekrempelt. Ihr Vater, Magneto, hat endlich das, was er sich sehnlichst wünschte: Die Herrschaft über die Welt. – Fast, jedenfalls. Niemand würde es zu diesem Zeitpunkt wagen, sich ihm zu widersetzen. Ein paar Unbelehrbare wie Dr. Doom gibt es zwar immer, allerdings kann Magneto an ihm eindrucksvoll beweisen, wie stark seine Kräfte wirklich sind.

House of M war als kurzes Marvel-Ereignis eine ziemliche Überraschung – eine sehr positive wohlgemerkt. Denn in dieser alternativen Realität, in der einige Menschen, Mutanten eingeschlossen, über ihre alte Vergangenheit Bescheid wussten, ergaben sich für Star-Autor Brian Michael Bendis zahlreiche Möglichkeiten, seine Haken schlagende Phantasie anzuwenden und den Leser auf eine rasante Tour mitzunehmen. Auch die übrigen Geschichten, die sich ereigneten, so beispielsweise ein Hulk, der in Australien eine Heimat gefunden hat, hatten es in sich und konnten neue Seiten altbekannter Helden und Schurken aufzeigen.

Bildlich ist hier Olivier Coipel am Werk. Technisch vielleicht eine Spur besser als ein Frank Cho, aber ebenso gut wie ein David Finch. Kurzum, die Zeichnungen sind wirklich Aufsehen erregend gut, oder leidenschaftlicher gesprochen: Allererste Sahne!
Die Sentinels, ehemals dazu gedacht, Mutanten zu jagen und zu exekutieren, gehören nun zu den Wachen des Hauses von Magnus. Ihr Aussehen ist durch die fein ziselierten Helme fast schon mittelalterlich, ritterlich zu nennen. Sie wirken skelettartiger und gruseliger als ihre originalen Ebenbilder.
Die Männer sind breit und wuchtig, ihre Stiernacken nicht zu übersehen. Die Frauen sind wunderschön und so manche, die immer schon wundervoll dargestellt wurde, hat nun, wie eine Storm, noch einmal zugelegt. Dies sogar im wahrsten Sinne des Wortes.
Kleine Finessen finden sich in der Darstellung des Captain America, der von der Gedankenwelt der Scarlett Witch nicht bedacht wurde und nach dem Zweiten Weltkrieg in Würde alterte.

Nun, vielleicht nicht ganz in Würde, denn die Vereinigten Staaten haben ihren Kriegshelden offensichtlich vergessen. Nun lebt er in einem heruntergekommenen Gebäude in der Bronx.
An anderer Stelle gibt Bendis den Helden eine sehr dramatische Note, so wie bei Spider-Man, der mit Gwen Stacy verheiratet ist und nun feststellen muss, dass alles, was er an diesem Leben lieben gelernt hat, eine fürchterliche Farce ist.
Auch Hawkeye, von dem der Leser annehmen musste, dass er tot sei, ist wieder da. Über seinen Tod in der wirklichen Welt ist er alles andere als begeistert. Dieser Held wird zum Zünglein an der Waage, zum Überraschungselement.

Genosha, der Staat, der in der Realität ein schreckliches Schicksal erfuhr, ist hier zu einem Zentrum der Macht geworden. Glanzvoll und königlich steht es im Gegensatz zu den Erweckungen der einzelnen Recken, die einem Mutanten zu verdanken sind, der eine besondere Fähigkeit besitzt, die in der Realität nicht diesen Nutzen hat. Fast wirkt es wie eine Rückversicherung der Scarlett Witch.

Ein gelungener Alptraum, den die Helden, Mutanten wie Menschen, hier durchleben müssen. Nach einem Filmriss ist alles anders. Dramatisch, tragisch, spannend, Brian Michael Bendis stellt unter Beweis, warum er zu einem der bevorzugten Marvel-Autoren gehört. Durch Zeichner Olivier Coipel und der tollen Kolorierung von Frank D’Armata hat der Leser mit diesem Sammelband ein tolles Comic-Erlebnis. 😀

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Freitag, 25. Januar 2008

Die ruhmreichen Rächer

Filed under: Superhelden — Michael um 21:16

Die ruhmreichen Rächer 1Die ruhmreichen Rächer sind zurück. Die Menschen brauchen sie. Ob sie sie auch in dieser Formation wollten, kann niemand beantworten. Iron Man und Ms. Marvel gehen bei der Zusammenstellung nach einem bewährten Schema vor: Intelligenz, Taktik, Technik, besondere Fähigkeiten, pure und göttliche Kraft. Einige sind Rächer-Veteranen, alle haben schlimme Zeiten hinter sich. Es ist an der Zeit für einen Neubeginn.

Es geht schon wieder los! Um es mit einem alten Schlager zu sagen. Der Ruf Rächer, sammeln! dürfte im Comic-Genre allerdings weit bekannter sein. Nachdem die alten Rächer sich auflösten, die Rächer um Spider-Man den Civil War auch nicht überlebten, bildet sich nun ein neues Team.

Ms. Marvel, Sentry, Iron Man, Wonder Man, Wasp, Black Widow und Ares bestehen in dieser Formation nur einige Minuten, als sie sogleich ihren ersten Einsatz zu bestreiten haben. In den Straßen von New York treibt sich ein alter Bekannter der Fantastischen Vier mit seinen Kreaturen herum. Da die Vier gerade nicht zur Hand sind, greifen die (nagel)neuen Rächer ein. Entgegen aller Erwartungen ist nicht Iron Man der Chef der Gruppe, sondern Ms. Marvel.
Damit schlägt Autor Brian Michael Bendis, einer der Stars der Marvel-Szene, den Leser schon ein Schnippchen. Vermutlich hatten viele vorher anders spekuliert – völlig zu Recht nach Betrachtung der vorhergehenden Ereignisse.

Bis auf Ares sind die Recken keine Unbekannten. Ares, der Kriegsgott der griechischen Mythologie, ist eine Art Mischung aus Wolverine und Thor. In dieser Form wird er sogar von den Organisatoren des Teams, Ms. Marvel und Iron Man, ausgewählt. Die restlichen Helden sind alte Rächer-Veteranen. Die Wasp führte das Team sogar schon. Weniger versiert in diesem Job, aber immerhin talentiert, führt nun Ms. Marvel das Team an.
Nach einer ordentlichen Klopperei wendet sich das Blatt alsbald. Den Auftakt vermischt Bendis mit Rückblicken auf die Auswahl der neuen Helden und der zugehörigen Ereignisse. Neueinsteiger erhalten auf diese geschickte Art sofort einen ordentlichen Überblick.

Wenig später wird die neue Technologie, die Iron Man so favorisiert auch gleichzeitig sein Verhängnis. Niemals ist ein Charakter im Comic so richtig tot, aber das ausgerechnet Ultron noch einmal wiederkehrt, hat wohl niemand so recht erwartet – schon gar nicht so.
Der alte Ultron, der einem immer ein wenig wie eine Mischung aus C-3PO und Dosenöffner ausgesehen hat, begegnet uns hier wie die Inkarnation einer aktuellen Werbefigur, metallisch glänzend und nackt. Dank Zeichner Frank Cho, der sich mit seinen Fähigkeiten zur Oberliga der Zeichnerriege zählen darf, findet der Leser hier nicht nur grafisch beeindruckende Action vor, sondern auch Figuren, die optisch sehr gut wirken. Cho besitzt eine Zeichentechnik, bei der jeder Strich an der richtigen Stelle sein muss. Bei Männern hat er genügend Spielraum zur Unterscheidung der einzelnen Charaktere (von der Bekleidung einmal abgesehen), bei Frauen wird es schon schwieriger. Haare und Bekleidung sind die Unterscheidungsmerkmale, aber dann wird es bereits schwer. – Aber gut, daran kranken viele Superheldenzeichner und dieser kleine Schnitzer wird sich wohl nie ändern lassen. – Alles in allem ändert dieser kleine Makel nichts an Chos wirklich begnadetem Talent.

Dank der Vorgaben von Bendis kann sich Cho entsprechend austoben. Wenn Sentry und Ms. Marvel den Shield-Helicarrier vor dem Absturz bewahren, fühlt man sich als Leser unwillkürlich an die Rettungsaktion aus Superman Returns erinnert.
Auch in Sachen Ähnlichkeit kann er, wie um mit dem kleinen üblichen Makel zu spielen, sich austoben: Indem die Wasp ihrem Ebenbild gegenüber steht, das darüber hinaus auch eine ganz eindeutige Forderung hat.
Wenn Roboter oder künstliche Intelligenzen mit Gefühlen ausgestattet werden, kann das – wie so oft – nur zu Problemen führen. Jeder Recke misst sich mit dieser fehlgeleiteten Maschine und selbst der Sentry beißt, wie man so schön sagt, auf Granit und stößt an seine Grenzen. Ein Wesen mit derartigen Kräften, das dringend therapiert werden müsste, in seinem Wahn darzustellen, gelingt Cho auf tolle Art und Weise. In diesen Momenten wird der Sentry zu einem geistigen Hulk.

Ein guter Auftakt, mitreißend geschrieben, toll gezeichnet und dank Jason Keith auch versiert koloriert. Die Rächer sind wieder da. Der Anfang ist viel versprechend, ein alter Feind erscheint im neuen Gewand (vielmehr ohne) und wegen einer neuen Taktik schafft es Brian Michael Bendis die Spannung gekonnt zu steigern. 🙂

Arthur – Myrddin, der Verrückte

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:25

Arthur - Myrddin, der VerrückteIn alter Zeit trägt sich in der verschneiten Winterlandschaft Britanniens eine merkwürdige Begebenheit zu. Ein Kind ohne Vater wird geboren. Noch verängstigt über diesen Zustand erlebt die junge Mutter wenig später, wie der Säugling sie tröstet und mit klarer Stimme zu ihr spricht.
Myrddin, so der Name, den sich der Junge selbst gegeben hat, ist außergewöhnlich. Er kann in die Zukunft blicken, kennt die Menschen besser, als sie sich selbst. Er liebt die Natur und spricht zu den Tieren. Myrddn wird für das Schicksal Britanniens im Laufe seiner Lebensalter immer wieder wichtig werden.

Es ist keine ruhige Zeit. Einige Kriegsherren versuchen die Häuptlinge landauf und landab unter ihre Herrschaft zu zwingen. Verschiedene Volksstämme liegen beständig miteinander im Streit. Dazwischen erreichen immer wieder neue Eroberer oder Plünderer die Küsten. Trotzdem findet unter den einheimischen Stämmen keine Vereinigung gegen die äußeren Feinde statt.
Vortigern hat mit frechen Winkelzügen und ungehemmter Brutalität an die Macht gelangen können, hat sich dabei jedoch den Zorn der Pikten zugezogen. Ein Verrat jagt den nächsten und so ist das nächste Massaker auch nicht mehr fern. Hengist sucht offensichtlich den Frieden seines Volkes, der Lloegrier, mit den Kymry. 300 friedfertige Häuptlinge folgen seiner Einladung, den Frieden mit einer Feier zu besiegeln, doch Hengist führt Arges im Schilde. Auf dem Höhepunkt fallen seine Lloegrier über die Kymry her und töten sie. Nur ein Häuptling kann entkommen.

Immer noch fürchtet Vortigern die Rache seiner Feinde. Die Festung, die er bauen lassen will, stürzt jede Nacht aufs Neue ein. Das Blut eines Kindes, das keinen Vater hat, soll die Götter milde stimmen, damit der Bau abgeschlossen werden kann. Myrddin, inzwischen zu einem Jugendlichen herangereift, folgt den beiden Männern, die ihn zu Vortigern bringen sollen. Als Myrddin die Baustelle erreicht, entwickelt es sich ganz anders, als von den Weisen um Vortigern vorhergesehen.

Arthur – Ein keltisches Heldenepos entführt den Leser mit dem ersten Teil Myrddin, der Verrückte in jene mythologische Heldensage um Arthur, den berühmten König von Britannien. Anders als die bereits bekannten Neuerzählungen setzt diese auf viel mehr Einzelheiten, bleibt näher am Kern der tatsächlichen Historie und entwirft einen Myrddin, der ansonsten gemeinhin als Merlin bekannt ist.

Myrddin ist gänzlich anders als jenes Bild, welches über die Jahrzehnte in den Köpfen der Leser und Zuschauer entstanden ist. Die Ritter der Tafelrunde im Film, Prinz Eisenherz in Comic und (erster) Verfilmung oder auch der Kampf der Hexenmeister von Walt Disney, in dem Merlin gegen Madame Mim kämpft, zeigen einen in Ehren ergrauten Merlin, weise, jedoch uralt. Die jüngeren Verfilmungen mit Sam Neill zeigen zwar die Lebensgeschichte des Merlin, aber von dieser hier gezeigten Form ist er weit entfernt.
Denn die Geschichte um Myrddin nimmt sich auch der Nebencharaktere mit außerordentlicher Sorgfalt an. Mutter und Schwester Gwendydd, Gywon Bach alias Taliesin, Rydderch (Gwendydds Ehemann und guter Freund Myrddins), Hengist, König Emryn und viele mehr.
Das Geheimnis um den Steinring von Stonehenge und seine Entstehung wird gelüftet – wenigstens teilweise, da Myrddin nicht alles preisgibt.

Bereits von Kindesbeinen an wird Myrddin von David Chauvel gemäß seiner keltischen Vorlage geschildert. Er ist von Beginn an weise, hat das zweite Gesicht und besitzt eine große Macht für Zaubertricks, die die Menschen um ihn herum verblüffen. Und er ist ein großes Kind. Einerseits frech und vorlaut, andererseits liegt in ihm auch ein starker Sinn für die Wunder um ihn herum.
Kurz gesagt, David Chauvel gelingt es, seinen Myrddin sehr sympathisch wirken zu lassen. Das Leid, das ihn in der Folge überfällt, sein Zorn, sein Wahn und sein Hass, lassen ihn mehr zu einem Menschen werden, der dank seiner Freunde auch wieder genesen kann – was seine Taten, die er im Wahn beging, nicht mindert.

Jerome Lereculey gibt die keltische Welt als Zeichner wider. Dies macht er mit äußerster Akribie. Seine Männer tragen keltische Kleidung mit schönen Verzierungen, gewaltigen Bärten, behaarten Unterarmen. Sie sind harte Männer, für die der Krieg zum Alltag gehört. Sie gehen optisch in ihrer Umgebung auf, in den Festungen und Hütten, im Glanze der Lager- und Herdfeuer, auf den weiten Wiesen und den hohen Felsen wie auch in den Schlacht- und Kampfesszenen.
Lereculey zeichnet sehr fein und aussagekräftig. Derbes wie auch feingliedriges Aussehen der Menschen macht die Charaktere zu jeder Zeit wieder erkennbar.
Die Mythologie wird nur angeritzt, doch dies ist bereits ein Schauspiel für sich. Kern dieser Szenen ist der Ausbruch der kämpfenden Drachen aus der Erde, ein Schauspiel, mit dem Lereculey zeigt, wie viel Wert er auf Einzelheiten legt.

Häufig aus dem so genannten Off erzählt, dürfte der Auftakt zur berühmten Arthur-Sage zu den schönsten Versionen dieser Umsetzungen allgemein gehören. Liebevoll und voller Details in Erzählung und Zeichnung umgesetzt, dürfte diese Reihe für Leser interessant sein, die Tiefgang und Sorgfalt in einem Comic zu schätzen wissen. Sehr gut. 🙂

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Donnerstag, 24. Januar 2008

Y – The Last Man 6 – Girl on Girl

Filed under: SciFi — Michael um 17:31

Y - The Last Man 6 - Girl on GirlDie Überfahrt sollte eigentlich ein Kinderspiel werden. In normalen Zeiten wäre sie das auch sicher gewesen, aber in Zeiten, in denen nur noch Frauen auf der Erde wandeln, ist nichts mehr normal.
Agent 355, die Yorick Brown aus seinem Versteck befreien will, wird leider von zweien der Matrosinnen erwischt. Ein Mann, kein Testosteron-Junkie, ein echter Mann erregt sofort die Aufmerksamkeit des weiblichen Kapitäns. Völlig uneigennützig erklärt sie sich bereit, Yorick in ihrer Kajüte zu verstecken.

Was hat es mit diesem Schiff auf sich? Tatsache ist, dass auf diesem umfunktionierten Kreuzfahrtschiff nicht alles so ist, wie es den Anschein hat oder wie so mancher behauptet. 355, der Doc und Yorick haben sich einfach eine Passage erhofft. Wahrhaftig jedoch finden sie sich mitten in einem Schmugglerszenario wieder. Die australische Marine hat bereits jemand in die Mannschaft eingeschleust, um das Geschäft zu beenden. Schlimmer noch für Yorick und seine Begleitung: Ein U-Boot befindet sich auf Abfangkurs.

Zuneigung und Liebe ist ein nicht gerade einfaches Unterfangen geworden in einer Welt, in der nur Frauen leben. Welche Bedeutung hat das Wort Hetero in dieser Welt noch? In einer Welt, deren Ende sich mangels Nachwuchs hochrechnen lässt?
355 ist nicht nur im Kampf ausgebildet, sie kann auch noch stricken. Ganz besonders dann muss sie stricken, wenn sie ein sehr triebhaftes Gefühl befällt. Der Doc hat von Yorick erfahren, was es mit dieser Strickerei auf sich hat. Ein drei Meter langer Schal steht für einen sehr großen Zeitraum der Triebunterdrückung. Es geschieht aus Zufall, unbeabsichtigt. 355 und der Doc landen zusammen im Bett. Der nächste Tag bringt nicht erst die Ernüchterung, sondern bereits die Nacht, denn sie werden von Yorick erwischt.

Aufgewühlte Gefühle und internationale Verwicklungen sind ein Klacks gegen das, was den drei Reisenden noch bevorsteht. Bald scheint alles in einem Inferno unterzugehen – im wahrsten Sinne des Wortes.
Und Beth, Yoricks Verlobte auf der anderen Seite des Erdballs? Dank der Ureinwohner hat sie eine Vision und plötzlich ein Ziel. Es gibt Hoffnung.

Die Erzählung von Y- The Last Man weiß gleich von Beginn an zu packen. Mit dieser Serie findet sich eine leise, aber auch hintergründige Science Fiction Serie, wie sie in einer Heft-Reihe sehr selten ist.
Yorick ist auf der Reise. Nachdem sein Affe Ampersand, das einzige andere männliche Wesen auf dem Planeten, gestohlen wurde, bemühen sich er und die beiden Frauen 355, seine Leibwächterin, und Dr. Mann, nach Japan zu gelangen, wo sie den Affen wiederzufinden hoffen. Wie mühselig eine Reise werden kann, in der technische Errungenschaften wie auch Personal ausgefallen sind, zeigt sich hier auf drastische Weise.

Alles hat sich verändert. Es ist nicht einmal ein direkter Rückschritt, es ist ein Andersschritt. Vieles mag noch so aussehen wie vor der Katastrophe, dennoch fühlt es sich anders an. Notbehelfe sind an der Tagesordnung. Die Imitation einer vergangenen Zeit gehört zum Alltag. Wut und Hoffnung gehen Hand in Hand. Dank Brian K. Vaughan ist sein Hauptcharakter Yorick Brown vielen Frauen begegnet. Einige flüchteten sich in irre Sekten-Phantasien oder rasteten auf andere Art aus. Ein paar versuchten einfach ihren Job zu machen, so wie Yoricks Mutter, die an einem funktionierenden Land arbeitet. Andere improvisierten, nahmen Stellen ein, die früher ein Mann innehatte.

So verhält es sich auch an Bord der Whale, jenem Schiff, das Yorick und seine Freunde nach Asien bringen soll.
Kapitän Kilina hat nicht nur aus der Not eine Tugend gemacht, sie hat auch für sich einen Weg gefunden, um die Handelsbeziehungen wieder anzukurbeln. Neuer Handel bringt neue Konflikte. Territorien sind kein Freiwild. Im Gegenteil, denn Australien versucht sich gegen das, was an seine Küste schwemmt zu wehren: Drogen.
Auch dies gehört zum neuen Alltag dieser Welt. Wer es nicht anders schafft, setzt auf die Flucht in den Rausch. Das berühmte Opernhaus in Sydney ist zu einer Opium-Höhle verkommen.

Vaughan balanciert auf dem Grad zwischen einer Spannung, die sich nicht nur innerhalb eines Kapitels unaufhörlich steigert. Allein diese Welt ohne Männer, in der alles irgendwie neu geregelt werden muss, bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Vaughan sich Stück für Stück zueigen macht und trefflich nutzt.
Die Stimmen der Washington Post umschreiben es auch als Gesellschaftskritik, was hier geboten wird. Es ist selten genug, dass dies auch von einem Comic behauptet werden kann – überhaupt läuft Y – The Last Man schon durch seine Thematik konkurrenzlos. Vaughan hat hier ein sehr glückliches Händchen bewiesen, indem er ein Thema wählte, die sich nicht vergleichen lässt. Allenfalls könnte man behaupten, es mit einem Science Fiction Road Movie zu tun zu haben, nur nicht von Küste zu Küste, sondern einmal um die ganze Welt.

Pia Guerra hat sich inzwischen bewährt. Am Start der Reihe tat sie sich noch ein wenig schwer, aber jetzt ist Routine und Versiertheit eingekehrt. Die Zeichnungen sind geradeheraus, ein wenig kühl vielleicht, aber ansehnlich. Man mag kritisieren, dass all die überlebenden Frauen eine Spur zu hübsch geraten sind. Vielleicht haben sie in Folge mangelnder Mahlzeiten aber auch (fast) alle auf Model-Masse abgenommen.
Zweifellos sind die Gesichter unterscheidbarer geworden und weisen mehr Charakter auf. Im Gesamtergebnis gibt es einfach nichts zu bemäkeln, weshalb die Geschichte nur genossen werden sollte.

Ein Wort noch zu den Covern von Massimo Carnevale: Top! Ein Posterkalender oder eine kleine Ausstellung seiner Werke würde ich gerne einmal sehen.

Ein tolles Science Fiction Szenario im Stile der Weltuntergänge der 70er Jahre. Ein Männertraum wird zum Alptraum, bestens inszeniert von Brian K. Vaughan und Pia Guerra. 😀

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Dienstag, 22. Januar 2008

Bob Morane – Atome und Drachen

Filed under: Abenteuer — Michael um 22:37

Bob Morane - Atome und DrachenBob Morane und sein Freund Bill Ballantine wollen sich eigentlich ein paar schöne Tage in der Nähe von Hongkong machen. Ein Angelausflug, bei dem Bill mehr an der flüssigen Verpflegung interessiert ist als an den Fischen, wird schnell zu einem Abenteuer. Überrascht sehen die beiden Freunde, wie eine Dschunke ein kleines Boot aufbringen will. Als die ersten Schüsse fallen, lassen sich Morane und Ballantine nicht lange bitten.
Ihr Motorboot macht den Piraten einen Strich durch die Rechnung. Sie retten den verletzten Mann und müssen auch noch feststellen, dass sie ihn kennen. Was macht ein Spezialagent von Scotland Yard so fern der Heimat?

Nachdem der Agent wegen seines Krankenhausaufenthaltes ausfällt, machen sich Morane und Ballantine daran, dessen Kontaktmann ausfindig zu machen. Kurze Zeit später machen sie sich schon in der örtlichen Glücksspielszene unbeliebt. Sie legen sich mit Madame Lung an, die ein eigenes Kasino betreibt, aber offensichtlich an ganz anderen Geschäften interessiert ist.

Bob Morane – Atome und Drachen vereint die drei Abenteuergeschichten Die Atomschmuggler, Die Söhne des Drachen und Operation Schwarzer Ritter.
Die in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts entstandenen Comics basieren auf einer sehr bekannten Roman-Reihe, die in Frankreich ähnlich erfolgreich ist wie bei uns John Sinclair, Jerry Cotton oder unser Mann im All Perry Rhodan. Bob Morane, ehemaliger Militär, erlebt zusammen mit seinem Freund Bill Ballantine Abenteuer, die in den weiten Bereich des Verbrechens führen. Atomschmuggel und Rauschgift sind Themen, die zu Auseinandersetzungen mit Banden führen, weil Morane und Ballatine sich gerne einmischen.

Ein wenig erinnern die beiden auch an James Bond, mit dem Unterschied, dass ihre Eigenschaften auf zwei Personen aufgeteilt sind. Die holde Weiblichkeit ist auch stets ein Thema, als Begleiterin und, eigentlich wichtiger, als Gegnerin. Die Emanzipation hat hier schon zugeschlagen. Während bei dem erwähnten Superagenten die Damenwelt eher noch bessere Handlanger sind, ziehen die Frauen hier im Hintergrund die Fäden. Durchtriebene Bandenchefinnen wie Miss Ylang-Ylang oder Madame Lung lassen die Männer nach ihrer Pfeife tanzen. Kaltblütig und sehr strategisch sorgen sie für die Abwicklung ihrer Geschäfte. Dabei lassen sie sich von kurzfristigen Rückschlägen – die sie von Morane beigebracht bekommen – nicht beirren.
Eine weitere Ähnlichkeit zum Superagenten aus England findet sich auch mit der Spionageorganisation SMOG, die doch sehr stark an SPECTRE erinnert, jene Verbrecher, die mit ihren durchnummerierten Gangstern allerhand Attacken auf die freie Welt durchführten.

Henri Vernes’ Welt ist auf Spannung und Unterhaltung ausgelegt. Er selber gibt zu, dass er nichts Neues erfunden hat und auch von den Geschichten seiner Jugend inspiriert wurde. Damit befindet er sich beispielsweise mit Steven Spielberg auf gleicher Augenhöhe, der ein ähnliches Geständnis zu Indiana Jones zum Besten gab.
Bei genauerem Hinsehen trifft dies auf viele Abenteuergeschichten zu. Nur die Frage nach dem Wie muss geklärt werden. Ist es anders erzählt? Ist es gut erzählt? Machen die Geschichten Spaß und unterhalten sie?
Die Antwort ist schlicht: Ja.

Die Geschichten sind nicht nur gut erzählt, sondern sie sind auch passend dargestellt durch das Zeichner-Urgestein William Vance. Seine Männer und Frauen sind in der Tradition anderer Abenteurer wie Dan Cooper, Michel Vaillant oder Buck Danny dargestellt. Kantige Typen und schöne Frauen in perfekt ausgestalteten Szenarien. Die Abenteuer von Vance sind bei genauer Betrachtung auch kleine Zeitreisen. In diesem Sammelband werden die 70er Jahre lebendig mit den alten Flugzeugen und Fahrzeugen, einem alten Hongkong (immerhin über 30 Jahre) und futuristischen Aussichten. Letztere sind immer bestaunenswert, da die Ideen einer möglichen Technik in der Zukunft rückblickend auch viel über diese Zeit aussagt.

Wenn sich die beiden Freunde nach den Thrillern plötzlich in einer Science Fiction Geschichte wieder finden, mag dies zunächst wie ein Stilbruch wirken. In Wirklichkeit folgen sie damit nur dem Motto von Vernes: Die Welt ist mein Reich. Die Technik der Hyperboräer ist schnörkellos, vielleicht ein wenig der Mode jener Zeit unterworfen. Man meint, man könnte das Plastik unter der Hand fühlen, wenn es nur möglich wäre, sie anzufassen.
Dieser Ausbruch der Möglichkeiten eröffnet für die Figur des Bob Morane Abenteuer, für die es keine Grenzen mehr gibt. Trotzdem bleibt er dabei aber auf dem Boden. Operation Schwarzer Ritter ist sehr bodenständig, aus heutiger Sicht ein beinahe konservativer Science Fiction Thriller. Es ist Vernes zu verdanken, dass er seine Mittel sparsam einsetzt, obwohl er es durchaus anders machen könnte – wie hoch das Maß seiner Phantasie ist, ist immer wieder spürbar. Vermutlich hat er sich bewusst gebremst. Die Mischung, der er dabei zusammenstellt, ist genau richtig bemessen und macht, wie ein Filmklassiker aus jener Zeit, immer noch richtig viel Spaß.

Starke, sehr sympathische Helden, rasante Abenteuer, aus einer Zeit, als Männer noch Männer waren, als die Gegenwart und Zukunft scheinbar alles für mutige Kerle bereithielten: Das ist die Welt von Bob Morane. Spannend von Anfang bis Ende, Haken schlagend, mit ständig neuen Wendungen. Der Erzähler Herni Vernes und der Zeichner William Vance sind ein tolles Team. Klasse! 😀

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Montag, 21. Januar 2008

100 Bullets – Die zweite Chance

Filed under: Thriller — Michael um 22:24

100 Bullets - Die zweite ChanceWer ist Mr. Graves? Ist er ein Wohltäter, der es nicht ansehen mag, wie Schuldige davonkommen? Gönnt er deshalb einigen besonderen Menschen diese Form der Rache?
Der Grundgedanke ist faszinierend. Brian Azzarello macht nicht nur seinen jeweiligen Hauptfiguren, sondern insgeheim auch dem Leser ein unmoralisches Angebot. Ein Unrecht ist geschehen, manchmal sogar eines, von dem der Betroffene zum ersten Mal erfährt. Eine Gelegenheit ergibt sich. Ein Koffer, eine unregistrierte Waffe, 100 Schuss Munition und unwiderlegbare Beweise. Sollte derjenige, dem dieser Koffer übergeben wird, sich dazu entschließen, seinen Inhalt in Racheabsicht zu benutzen, wird es keine Ermittlungen geben. Wie wird sich derjenige entscheiden, dem diese Gelegenheit zuteil wird?

Die Motive der einzelnen Personen, die einen Koffer überreicht bekommen, sind sehr unterschiedlich. Nur unter dem Strich steht immer ein Verlust. Der Verlust von Zeit, Verrat an der Freundschaft, Mord, Vergewaltigung, Missbrauch. Nicht jeder zieht sofort einen brutalen Schlussstrich. Vielmehr ergeben sich manche erst einmal ihrer Trauer. Es ist die Trauer über den Verlust in der Vergangenheit, aber auch die Trauer über den Verlust der letzten Unschuld, die noch verblieben ist.
Für Graves sind sie Marionetten. Irgendwie ahnt er den Ausgang der Handlung, wenn er ihn nicht sowieso bereits im Vorfeld weiß – so wie alles andere, von dem er bei der Kofferübergabe berichtet.

Brian Azzarello schildert besonders diese Übergabe sehr gruselig. Sehr gelungen ist hierbei eine Szene in einem Schnellimbiss zu nennen. Peinlichst genau und sehr süffisant reibt er einer Frau das Schicksal ihrer Tochter unter die Nase. Die Mutter hat sich bereits das Versagen ihres Mutterjobs vorgehalten, trauerte im verlassenen Zimmer ihrer Tochter, die im Alter von 12 Jahren aus ihrem Leben und aus der Familie verschwand. Das Ende der Tochter war schrecklich. Nun, vier Jahre nach ihrem Verschwinden, ist die Lösung zum Greifen nah und leider auch furchtbar.
Wer ist Agent Graves? Diese Frage stellen sich auch zwei vollkommen verschiedene Menschen, die beide mit dem Koffer konfrontiert wurden. Zu einer Antwort finden auch sie nicht.

Das Ambiente, das Flair, die Atmosphäre erinnert an X-Files (dt. Akte X). Hinter der Handlung läuft ein roter Faden entlang. Agent Graves ist hier der Kettenraucher, der geheimnisvolle Fremde, der über unglaubliche Macht zu verfügen scheint. Ihm zur Seite, noch geheimnisvoller, da seltener vertreten, Mr. Shepherd. Herr Gräber und Herr Hirte gehörten einmal zu einer gemeinsamen Gruppe, den Minute Men. Etwas ist geschehen, und die Gruppe wurde zerschlagen. Aber es gab Überlebende. Mr. Graves sorgt nach seinen Maßstäben dafür, dass sich neue Minute Men formieren. Dafür rekrutiert er auch solche Menschen, deren Gedächtnis kurzfristig umgeschrieben wurde. Minute Men sind ausgebildete Killer. So stellt sich in einer Episode der Eindruck einer Handlung von Robert Ludlum ein. Nur ist es hier nicht Jason Bourne, der sich erinnert. Auch kommt die Erinnerung mit dem Schlag einer geistigen Explosion daher. Aus Cole Burns wird im Handumdrehen ein Mörder, aus dem Eisverkäufer wird eine Kampfmaschine.

Ähnlich wie diese Explosion erfolgen stets die Schlussakkorde der Handlungen, die Brian Azzarello entwirft. Der Beginn ist schleichend, die Auflösung zumeist eine Überraschung und knallhart in jeder Hinsicht.
Azzarello lässt Spielraum für die Phantasie des Zuschauers, für das geistige Auge. Ein Schuss ist ein Schuss, wenn aber ein Stakkato von Schüssen mit seiner Lautmalerei das halbe Bild ausfüllt, lässt sich der Hass, der Zorn und die Verzweiflung hinter dieser Tat mehr als nur erahnen. Ähnlich ist der Kampf von Cole gestaltet, ähnlich sind auch die meisten Gewaltszenen aufgebaut. Eduardo Risso arbeitet hier sehr schön Hand in Hand mit Azzarello, versperrt mit Schatten die Sicht oder entwirft das Grauen außerhalb der Bilder. Allenfalls Blutspritzer lassen das Ausmaß der Brutalität erahnen. (Später findet sich zuweilen ein weit entfernter Blick auf das Endergebnis, doch so weit entfernt, dass man mit zusammengekniffenen Augen einen besseren Ausblick zu erhaschen versucht – in einem Film würde man sich das verkneifen, denn die Geräuschkulisse müsste bereits furchtbar genug gewesen sein.)

Eduardo Risso ist für seinen sehr einfach aussehenden Zeichenstil wohl schon oft kritisiert worden. Auch Howard Chaykin macht sich in seinem Vorwort nicht ganz davon frei.
Ich persönlich glaube, dass Risso seine stärksten Ergebnisse erzielt, wenn er völlig ohne Farbe auskommen muss und nur in Schwarzweiß arbeitet. Seine Figuren sind keine Karikaturen, wie es zunächst den Anschein haben mag. Sie sind reduzierte Abbilder. Einzig seine Frauen sind manchmal etwas eindimensional. Stilistisch hält er sich hinter der Geschichte zurück, und es passt. Er zeigt das, was gezeigt werden muss. Ein Gesicht liegt im Schatten. Nur die Augen und das Grinsen sind zu sehen. Dergleichen sagt genug aus.

Ein Thriller, der es in sich hat. Eine Mischung aus Akte X, Tarantino-Visionen und der guten alten Zeit, als Gangster und Detektive aus dem Dunkeln zuschlugen, mit einem gemeinen Grinsen im Gesicht. Langfristige Geheimnisse mischen sich mit kurzen Episoden, Gewaltakte, Rache und allesamt verlorene Seelen tanzen durch eine kraftvolle Erzählung. Für Thriller- und Krimi-Freunde findet sich hier ein tolles Konzept mit spannender Handlung. 😀

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Sonntag, 20. Januar 2008

Yoko Tsuno – Die deutschen Abenteuer

Filed under: Abenteuer — Michael um 21:00

Yoko Tsuno - Die deutschen AbenteuerManchmal gibt es nicht nur Klassiker, die sehr langlebig sind, sondern die auch niemals unmodern werden. Mit Yoko Tsuno ist Autor und Zeichner Roger Leloup dieses Kunststück gelungen.
Im vorliegenden Sammelband um die ewig jung bleibende japanische Elektronikerin Yoko Tsuno sind die drei deutschen Abenteuer der jungen Frau versammelt. Wie immer bei Leloup wird aus dem selbst harmlosesten Auftakt nach und nach wenn nicht wenigstens eine schaurige, so doch eine allumfassend spannende Geschichte, die mit technischen Errungenschaften und vielen Ideen gewürzt ist.

Schaurig ist es gleich zu Beginn, wenn es um die Orgel des Teufels geht. Yoko reist nach Deutschland. In ihrem Beisein sorgen sich ihre Kollegen Vic und Knut während einer kleinen Schiffstour auf dem Rhein um gute Bilder für eine Reportage. Knut kann nicht anders. Das blonde Mädchen an der Reling hat es ihm angetan. Nicht immer, aber immer öfter schwenkt seine Kamera hinüber zu der jungen Frau, die zusehends in Tränen aufgelöst ist. Kurz darauf wird sie von einem Unbekannten über Bord gestoßen. Yoko springt hinterher, rettet die andere Frau und erhält zugleich eine Freundin fürs Leben.

Ingrid Hallberg, die Gerettete, ist nicht nur eine bekannte Organistin, sie hat erst vor wenigen Tagen ihren Vater bei einem furchtbaren Unfall verloren. Wie falsch sie mit dieser Annahme liegt, soll sich sehr bald herausstellen. Aus der Bekanntschaft der vier neuen Freunde wird sehr schnell ein Abenteuer, das tief unter die Burg Katz, nahe dem Lorelei-Felsen, führt. Dort wartet die Orgel des Teufels, ein Relikt aus der Vergangenheit. Ein spannender Fall und gleichzeitig eine Familientragödie nehmen ihren Lauf.

Und Deutschland ist für weitere Abenteuer gut. In Rothenburg ob der Tauber wird Yoko schon von Ingrid erwartet. Einmal mehr ist die junge Deutsche in Schwierigkeiten. Nichts weniger als Vampir scheint hinter den seltsamen Vorkommnissen zu stecken. Seither schwebt Ingrid Zwischen Leben und Tod. In der Tat ist ein ungebetener Gast alles andere erfreut über die Anwesenheit der Japanerin, die sogleich ihre eigenen Nachforschungen anstellt und Ingrid um jeden Preis beschützen will. In dunkelster Nacht kommt es zu einer ersten Verfolgungsjagd durch das beschauliche Städtchen.

Das ist nicht alles. Yokos Nachforschungen lassen die Elektronikerin bald hinter die mittelalterlichen Kulissen blicken. Diese neuen Informationen hätte sie am allerwenigsten erwartet und versetzen selbst sie in Staunen.

Wotans Feuer droht im Anschluss ihr Verhängnis zu werden, denn gegen die geballte Kraft der Natur, einen Blitz, hat ein Mensch keine Chance. Eine Erfindung könnte in der Hand von Terroristen zu einer immensen Bedrohung für die Menschen im allgemeinen und die Natur im besonderen werden. Jemandem ist es tatsächlich gelungen, die Kraft der Blitze zu speichern und nach Belieben wieder zu entladen. Für diese Waffe sind dunkle Elemente bereit, alles zu riskieren.
Yoko macht ihnen einen Strich durch die Rechnung, doch diesmal muss sie ziemlich an ihre Grenzen gehen, um mit dem Leben davonzukommen.

Roger Leloup und seine von ihm erfundene Figur Yoko Tsuno wurde mir in der Vergangenheit in der Topix-Reihe zugänglich. Das liegt schon ein paar Tage zurück. Und auch Yoko, so jugendlich sie ausschaut, ist eine feste Größe als Comic-Heldin geworden. Yoko war bereits eine emanzipierte Dame lange bevor Frauen wie Lara Croft in das Gedächtnis der Comic-Leser Einzug hielten.

Wie ist Yoko denn eigentlich so? Durchsetzungsfreudig, willensstark, sehr sportlich, intelligent, von eher sanftem Humor, rücksichtsvoll, lieb, manchmal mit dem Kopf durch die Wand wollend, gut aussehend sicherlich auch. Sie nimmt Hilfe an, wo sie sie brauchen kann. Sie ist keine Einzelgängerin und besitzt wohl einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Allerdings ist sie auch die geborene Spürnase. Ihre Abstammung bringt stets eine Spur Exotik in die Geschichten mit ein, die – wenn sie nicht gerade in Deutschland spielen – häufig schon durch exotische Gegenden der Welt bestechen können. Yoko ist wohl eine der sympathischsten Heldinnen des Comic-Abenteuers.

Wer meint, in Deutschland könnten keine spannenden Abenteuer handeln, sieht sich durch die drei vorliegenden Beispiele in diesem Sammelband gewaltig getäuscht. Leloup sieht auf unsere beschauliche Heimat mit dem Blick des Außenstehenden, der die Perlenschnüre dieses Landes mit einem sehr guten Instinkt aufspürt und sehr gut für seine Geschichten nutzt.
Burg Katz und die Loreley, romantisch und landschaftlich beeindruckend gelegen, hätten (und haben) die Kulisse für andere Abenteuer abgeben können als in Die Orgel des Teufels. Wie Leloup vor diesem Hintergrund den leichten Grusel wie auch die technische Komponente einfügt, ist nicht nur als Comic lesenswert, sondern insgesamt ein Paradebeispiel für eine Erzähltechnik mit unerwarteten Wendungen und Schauplätzen.

Zugleich sind die Verfolgungsjagden durch Rothenburg und der anschließende Weg zur Auflösung in Zwischen Leben und Tod ein gutes Beispiel wie eine Schauermär in eine Art medizinischen Krimi münden kann.
Wotans Feuer greift ähnliche Techniken auf, wie Yoko sie bereits in außerirdischen Abenteuern erleben konnte. Sie kommt dabei sogar durch Wuppertal. Hier dürfen Ansichten der Schwebebahn nicht fehlen.

Wer diese drei Abenteuer liest (wie auch alle anderen), dem fallen unwillkürlich die Akribie und die technische Versiertheit auf, mit der Leloup ans Werk geht. Zahlreiche Fotos von Originalumgebungen, von Leloup eigens vor Ort aufgenommen, und Skizzen künftiger Szenen, zeugen von seiner sorgsamen Vorbereitung auf sein nächstes Werk. Meisterhaft vermischt er echte Welt mit seinen Ideen. Wer wollte, könnte die Jagd von Yoko durch das nächtliche Rothenburg nachstellen, müsste dann aber an den gezeigten Katakomben scheitern, denn diese existieren so nicht. – Leloup nahm in seinem Comic sogar ein Modell des mittelalterlichen Rothenburg vorweg. Die Stadt selbst stellte er erst Jahre später ein solches Modell für Touristen zur Ansicht bereit.

Es ist richtig, Yoko Tsuno einen Klassiker zu nennen. Und es ist auch nicht völlig korrekt, denn Yoko ist so jung wie eh und je. Ihre Abenteuer sind dank der technischen Finessen immer noch aktuell und wurden noch nicht von der Zukunft eingeholt. Yoko ist dank ihres Schöpfers Leloup beste Comic-Kunst! Von dieser seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts existierenden Serie kann sich manche Neuerscheinung eine dicke Scheibe abschneiden. 😀

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Freitag, 18. Januar 2008

Universal War One 5 – Babel

Filed under: SciFi — Michael um 22:04

Universal War One 5 - BabelDer kleine Milorad hatte keine leichte Kindheit. Aufgewachsen und erzogen in einem Kloster von orthodoxen Priestern wurde er wegen kindlicher Verfehlungen ausgepeitscht. Milorads Kindheit war die reinste Qual. Als Erwachsener hat er nur einen Gedanken: An Bord eines Schlachtschiffes zurückkehren und dieses ganze verdammte Land in Grund und Boden bomben.
Aber dies ist die Vergangenheit. In der Gegenwart hat Milorad Probleme, die viel gewaltiger sind und alles, was jemals in seinem Leben geschehen ist, in den Schatten stellen.

Kalish, Kate, June und Mario können sich in gewissem Sinne dieser Lebenslage anschließen. Eben waren sie noch in der Nähe der Erde und kurz darauf hat sich alles geändert. Ihr kleines Shuttle schwebt irgendwo im Nirgendwo. Von der Erde existiert keine Spur. Was ist geschehen? Bald ist eine Lösung gefunden, doch lässt sich dieses Malheur auch wieder rückgängig machen?

In der Gegenwart hat die ICC den Krieg, diesen merkwürdigen und auch erbarmungslosen Krieg gewonnen – sofern man die Zerstörung des Planeten Erde als Sieg werten kann. Die Überlebenden wie auch die Nachkommen jener Katastrophe scheinen allerdings dieser Meinung zu sein. In einer Raumstation verwalten sie den Friedhof Erde, schaurig glühende Reste im All aus Asche und Gas. Durch den faschistoiden Aufbau der ICC ist die Menschheit vollkommen verarmt, an Geist, an Kultur, an Menschlichkeit.

Einer, der es genau wissen muss, Milorad, ist der Kommandant der Station über dem Trümmerfeld. Sein Leben ist ein schlichtes Abarbeiten geworden. In seinem Rollstuhl sitzend hat er die Aussicht auf ein besseres Leben endgültig eingebüßt. Da geschieht es: Ein kleines Shuttle gerät in die Anziehung der Station, und vier Menschen kehren in Milorads Leben zurück. Vier Menschen, die er seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat und von denen er annahm, dass sie längst gestorben wären.

Mag der Alptraum nicht zu Ende gehen, sondern nur noch schlimmer werden? Es hat den Anschein, dass Autor und Zeichner Denis Bajram seinen Helden die Hölle im Weltall zugedacht hat – denn von einer Hölle auf Erden kann man nicht mehr reden.
In der Tat ist es keine leichte Geschichte, die Bajram seinen Lesern zumutet. Sie ist unbequem, sie ist sehr intelligent erzählt, sie ist ein modernes Kriegsepos, das jegliche Grenzen überschreitet. Die Frage nach einem atomaren Fallout ist in dieser Geschichte so zweitrangig wie ein Kropf, denn auch die Frage nach einer neuen Besiedlungsmöglichkeit der Welt nach einem positiven Rückgang von Radioaktivität stellt sich nicht mehr. Die Erde ist ganz einfach weg.

Vier Menschen, vier Hauptcharaktere sind noch übrig, die erwähnten Kalish, Kate, June und Mario. Jeder einzelne hat sein besonderes Schicksal, welches Bajram ausführlich vorstellt, einerseits in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart.
Kalish der Stratege, der Wissenschaftler, Heißsporn und kühler Kopf in einer Person. Dachte man bisher er würde es schaffen, auch weiterhin die Anführerposition ohne jede Probleme inne behalten zu können, tun sich in der fünften Episode des Universal War One Risse auf. Anziehung und Lust sind menschlich, zu diesem Zeitpunkt aber total fehl am Platz. Kalish ringt zeitweise um seine Selbstbeherrschung.
Mario trifft es am härtesten, der Mann, dem sowieso vom Leser die größte Sympathie entgegengebracht werden sollte. Inmitten des Chaos hat Mario, der Verlierer, das Liebesglück gefunden.
Wie sehr das Glück eines einzelnen auch Motivation für andere sein kann, zeigt Bajram perfekt inszeniert. Gleichermaßen deutet er auch die riesige Verzweiflung, die man mit einem respektierten und geliebten Menschen teilen kann.

Kalish und Mario, die gegensätzlicher kaum sein könnten, umreißen diesen Handlungsabschnitt, von dem sich seitens des Leser unmöglich sagen lässt, wie diese Geschichte in einer weiteren abschließenden Episode noch weitererzählt werden soll. Gedankenspiele gibt es viele. Bajram hat das Spiel mit den zeitlichen Abläufen genial in seine Geschichte eingewoben, trotzdem scheint eine Hintertür für eine Fortsetzung nirgends mehr versteckt zu sein.
Ein gruselig an die Nieren gehender Schluss, der wohl das größte Rätsel für den Leser in der bisherigen Reihe hinterlässt.

Ebenso wie erzählerisch keine Wünsche offen bleiben, gibt es auch grafisch wieder einmal nichts zu mäkeln. Ganz im Gegenteil möchte ich sagen. Diese Weltuntergangsstimmung, die hier in Szene gesetzt wird, findet man nicht häufig derart treffend umgesetzt.
Herzlich willkommen in einem Universum voll Scheiße. Mit dieser sehr treffenden Bemerkung einer der Hauptfiguren der Station lässt sich es sich wirklich gut umschreiben, wie die Wirkung der Bilder ist. Leider gelingt es einem nicht zur Gänze (sofern man sich darauf einlässt natürlich), sich aus dieser Trostlosigkeit zu entziehen. In einer Welt voller Trümmer gibt es keinen Halt mehr.

Perfekte Weltuntergangsstimmung in einem Szenario, das jeden seiner Vorgänger in diesem Genre in vielen Teilen weit hinter sich lässt. Es werden immer weniger. Eine Rettung scheint nicht mehr in Sicht. Selten wird Science Fiction so voller Details, so durchdacht und gleichzeitig so abgrundtief traurig erzählt. Denis Bajram hat es noch einmal geschafft, sich mit seiner Erzählung zu steigern. 😀

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