Sonntag, 27. April 2014
Die Fantastic Four nehmen sich, als Familie, weiterhin eine Auszeit in den Tiefen von Raum und Zeit. Weit von der Erde entfernt dringen sie in Sphären vor, die sie lange nicht mehr besuchten und begegnen Kreaturen, die ihnen schon lange keinen Ärger mehr gemacht haben. Dabei lässt es sich zunächst gut an. Die fantastische Familie will nur einen Ausflug zum Anbeginn der Zeit machen und sieht sich gleich nach ihrer Ankunft einer Rettungsmission gegenüber. Sie sind nicht die einzigen, die diesen Zeitsprung riskiert haben. Jemand anderes machte sich die Mühe, an einen Asteroiden gekettet, den Urknall zu erwarten … Gekettet? Es hätte auffallen sollen, dennoch kann ein Ben Grimm nicht aus seiner steinernen Haut und holt den Unbekannten an Bord. Alle gemeinsam erwartet sie eine böse Überraschung.
Matt Fraction balanciert eine Geschichte aus, die abseits der üblichen Handlungsstränge ihren ganz eigenen Weg sucht. Dank des Flugs durch den Zeitstrom, der auch das Ansteuern jedweden Punktes im Universum möglich zu machen scheint, steht Matt Fraction eine sprichwörtlich endlose Bandbreite von Handlungssträngen zur Verfügung. Für Marvel’s First Family ist das Unmögliche gerade gut genug. Und so verrät das Titelbild bereits, was noch auf die Fantastischen Vier (nebst Anhang) wartet. Eine Versammlung aus diversen Realitäten, allesamt Variationen von Dr. Doom, hat sich eingefunden, um einen Wendepunkt im Leben von Victor von Doom zu beobachten. Matt Fraction spielt sehr stark mit bekannten Bestandteilen der Fantastic Four, die ein wenig Vorwissen erfordern, denn ansonsten machen sie nur halb so viel Spaß.
Dr. Doom, der Erzfeind der Fantastischen Vier der frühesten Stunde, ist ein solcher Bestandteil. Ben Grimm und sein ganz besonderes Verhältnis zur Yancy Street wurde sehr oft thematisiert und findet sich auch hier, in einer neuen, zum Teil anrührenden Variante. Matt Fraction stellt einer ordentlichen Portion Aktion die Menschlichkeit der First Family eindeutig in den Vordergrund. Und Menschen machen nun einmal Fehler. Und nicht nur einen. Aus den Beobachtern im Zeitstrom werden Auslöser. Was verbockt wird, muss auch wieder ausgebügelt werden. Im Umfeld längst legendärer Ereignisse entstehen so enorme Herausforderungen, sind doch gerade die Doom-Varianten daran interessiert, dass sich ihr persönlicher Wendepunkt nicht verändert.
Mark Bagley, der sich durch seine Arbeit am ultimativen Spider-Man und die Miteinführung des ultimativen Universums einen Namen als Comic-Zeichner machte, führt die Arbeit aus Band 1 der neuen Reihe um die Fantastic Four fort. Stilistisch eher klassisch angesiedelt, ergibt sich ein Anblick, der die gute alte Zeit, die große Zeit der Comic-Tage beschwört. Gerade die Ausflüge in die Historie der Fantastic Four untermauern diesen Eindruck. Durch die Anwesenheit der Kinder von Reed Richards und Susan Storm wird eine Brücke in die Gegenwart des Marvel-Universums geschlagen.
Eine Vergangenheit Grimms in den 20er, 30er Jahren des letzten Jahrhunderts steht einem Kampf in klassischem Ambiente der FF gegenüber und wird durch die Zusammenkunft der Dooms hervorragend ergänzt. Matt Fraction schuf mit seiner Erzählung für Zeichner Mark Bagley sich einander fein abwechselnde Szenarien, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Das Schöne am Strich von Mark Bagley ist die Mischung aus Realismus und Comic, wie ihn auch ein Mike Wieringo gepflegt hat. Ein Hingucker sind die Dooms, die zahlreichen Charakteristiken aufweisen, die auf unterschiedliche Werdegänge hindeuten. Doom im Loki-Look oder als Variante eines Dr. Strange fallen schnell auf. Der Doom des Ultimativen Universums will schon aufgepürt werden. Die Geschichte eines Dooms, der 1001 Nacht entsprungen scheint, wird vielleicht eines Tages an anderer Stelle erzählt.
Ein jahrzehnte altes Konzept greift auch heute noch. Obwohl die Fantastic Four auch anderswo mitmischen (wie z. B. Illuminati), sind sie doch allein immer noch eine der besten Comic-Reihen. Eine der Serien, in der das Familienleben von Superwesen toll geschildert und auch von Nachahmern nicht verbessert werden konnte. Top! 🙂
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Samstag, 26. April 2014
Der Abschlag auf dem Golfplatz endet mit einem Knall und mit einem Toten. Jemand hat es auf einflussreiche Geheimnisträger abgesehen. Drei an der Zahl verfügen über wichtiges Wissen. Obwohl die Behörden sofort Sicherheitsmaßnahmen ergreifen, erfolgt bald schon der nächste Anschlag. Hier kommen Bruno Brazil und sein Team, das Kommando Kaiman, wieder ins Spiel. Eine Möglichkeit haben die Verantwortlichen noch, an das benötigte Wissen zu gelangen, bevor der Feind Wind von der Sache bekommt. In außergewöhnlicher Tarnung macht sich das Kommando Kaiman auf den Weg, mit einem schwitzenden Gaucho Morales, der sich fragt, ob er nach allem, was man gemeinsam durchgemacht hat, tatsächlich Schlagzeug spielen soll. Seine Freunde lassen ihn grinsend in diesem Glauben.
Die Entrüstung der Comic-Fans zum damaligen Zeitpunkt war nachvollziehbar. Greg, einer der Comic-Autoren schlechthin, dünnte das Kommando Kaiman auf einen Schlag aus. Bruno Brazil büßte einen großen Teil seines Teams ein. In Comics stirbt man nicht. Und falls doch, dann kehren sie irgendwann eben zurück. Das ist Comic. Das mag bei den Superhelden funktionieren oder bei James Bond, der mitunter zweimal lebt. Bei Bruno Brazil gibt es das nicht. Der Auftrag, Die Myxin-Formel, den Greg zur Vernichtung eines erfolgreichen Teams nutzte, ließ sich eigentlich wie jeder andere schwierige Auftrag an, den das Kommando Kaiman rund um Bruno Brazil bisher angenommen hatte. Auch die Planung wies eine neue Finesse auf und nichts deutet auf diese enorme Wendung in der Serie im zweiten Teil der Handlung hin.
Im redaktionellen Teil, schön gestaltet und inhaltlich interessant, erwarten den Leser neben einer comicalen Zeitreise noch weitere Informationen über den Werdegang von Bruno Brazil, Pläne, die Figur auch in ein anderes Medium zu transportieren. Mit Dossier Bruno Brazil kam es zu einem neuerlichen Aufflackern der Serie, einer Sammlung von Kurzgeschichten, mit dem richtigen Agentenflair, wie es auch ein Ian Fleming in seinen kürzeren Abenteuern um den berühmten englischen Geheimagenten beschwor. In teils sehr klaren Bildern von William Vance geht ein enorm gereifter Bruno Brazil zu Werke. Der Agent ist zu einer Figur geworden, die weitaus mehr wie ein Gentleman wirkt als zuvor.
Das Ende …!?? bezeichnet den Abschlussband der Serie in diesem dritten Sammelband der Gesamtausgabe und bietet einen noch einmal deutlich gereifteren Zeichenstil von William Vance, liegen doch zwischen dem tatsächlichen letzten Album und dieser finalen Ausgabe ein paar Jahre. Der grafische Sprung, nicht immens, aber deutlich, zeigt sich besonders in der Kurzgeschichte Schieß nicht auf Unsterbliche und dem Abenteuer Soldaten spielen, Diebe fangen. Versteht sich erstere gleichzeitig als Anspielung auf den Hollywood-Betrieb und eine Persiflage auf viele Szenen, die jemals um schussfeste Superhelden herum entstanden sind, ist letztere eine gelungene Mischung aus Militär-Agenten-Thriller, in dem es Vance außerdem ordentlich krachen lassen darf. Auf jeder Seite besticht er hier durch sein optisches Geschick und tolle Augenführung.
Wie stark Greg als Kurzgeschichtenautor war, wird hier ebenfalls deutlich. Wie penibel auch im Aufbau, davon darf sich der Leser abschließend überzeugen, wenn es an die Unvollendete geht, die Geschichte namens Die rote Kette. Leider zeichnete William Vance hier nur sechs Seiten, zwanzig Seiten Manuskript lagen seitens Greg vor, so dass ab Seite 7 die Handlung rein textlich präsentiert wird und abbricht … Fragen Sie Papa Konfuzius bietet leider auch keine Antwort auf die Frage, wie es weitergegangen wäre, dafür ist dieser Kurzroman ein Ausflug in ein anderes Medium. Mit knapper Sprache, dicht und kühl erzählt, rollt Autor Jacques Acar das Kommando Kaiman noch einmal auf. Acar starb 1976, das Experiment eines Bruno Brazil im neuen Medium wurde nicht fortgesetzt. Inzwischen wagen sich immer neue Comic-Helden ins Buchformat vor. Insgesamt ist es ein abgehacktes Ende dieses Agenten namens Bruno Brazil, aus dem noch hätte mehr werden können. Greg unternahm Ausflüge in andere Genres, den Western, in die bunte Science Fiction der 70er sowie in packende internationale Abenteuer. William Vance blieb dem Agenten-Genre mit XIII lange treu ergeben.
Eine Unvollendete, wie sie auch der Comic hin und wieder bietet. Bruno Brazil endet mit Fragmenten und einigen guten Ideen, auch für Neustarts. Als eigentlicher, sehr trauriger Schluss darf das albenlange Abenteuer Die Myxin-Formel angesehen werden. Die dritte Folge der Gesamtausgabe ist wie seine beiden Vorgänger schön gestaltet und bietet zudem feine Einblicke ins Comic-Geschäft vergangener Tage. Auf den Leser warten so Spannung und nostalgisches Flair. 🙂
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Samstag, 19. April 2014
In der normalen, der wirklichen Welt ist Captain America jederzeit zu Höchstleistungen bereit. In dieser anderen Welt, die er durch Zufall betreten hat, der Dimension Z, ist nichts mehr so, wie er es gekannt hat. Der Mann, der einen Kulturschock erlitt, indem er Jahrzehnte verschlief, steht nun vor einer neuerlichen, sehr besonderen Anpassung. Denn alles an dieser neuen Welt, dieser fremden Dimension scheint potentiell feindlich. Ein Rückzugsort will nicht existieren. Immerhin offenbart sich sein Feind, ein alter Bekannter namens Arnim Zola, sehr früh und macht auch keinen Hehl aus seinen Plänen. Zola will nichts weniger, als die Kräfte Captain Americas für seine Zwecke und seine Kreaturen nutzen. Aber der Held von der Erde wehrt sich.
Und wie er sich wehrt! Der Leser konnte es sich denken, dass Captain America nicht kampflos aufgeben würde. Allerdings wird er bestimmt durch die Mammutaufgabe überrascht werden, die sich Autor Rick Remender für den amerikanischsten aller Helden ausgedacht hat. Das neue Umfeld lässt eine Abkehr von bestehenden Handlungssträngen zu, es erwartet so gut wie keinerlei Vorwissen. Verschollen in Dimension Z könnte als Test für Neuleser auf Superheldenterrain betrachtet werden. Die Geschichte, die mit Anleihen auf den Gebieten der Science Fiction und der Fantasy daher kommt, gestattet Leser dieser Genres einen schönen Übergang.
Captain America goes … Früh in der phantastischen Literatur haben sich Helden wider Willen auf den Weg gemacht, um eine andere Welt zu erobern. John Carter (von Edgar Rice Burroughs) machte diese Erfahrung, Welten wie Gor, Flusswelt bieten ähnliche Plots und ein Comic-Held wie Storm mag stellvertretend für derlei Geschichten in anderen Medien stehen. Captain America wird von Rick Remender in eine karge und lebensfeindliche Welt geworfen, in der ein Bioterrorist wie Anim Zola in seiner riesigen Festung wie eine Spinne im Zentrum eines gigantische Netzes zu hocken scheint. Wie einst ein Dr. Moreau schafft er sich Kreaturen, die nichts anderes als Soldaten für eine Invasion der Erde sind.
Die bedrohliche Umgebung, in der sich Captain America auch ein wenig wie ein Robinson Crusoe bewähren muss, wird von Marvel-Starzeichner John Romita Jr. gestaltet. Der Comic-Künstler, der sich nach vielen Arbeiten (insbesondere mit Spider-Man) einen Namen gemacht hat und dessen grafische Gestaltung von Kick-Ass extra Aufmerksamkeit erhielt, lässt sich durch das ungewöhnliche Setting der Geschichte offensichtlich nicht abschrecken, läuft im Gegenteil zur Höchstform auf. Die Handlung ist ohne Zweifel mit einem hohen Anteil Action erzählt, kann auf der anderen Seite jedoch mit einer Stammleser des Captains ungewöhnlichen Vater-Sohn-Beziehung aufwarten.
John Romita Jr. ist nicht der Zeichner, der mit einer Fülle diverser Figurenvorlagen aufwarten kann. Gesichter und Körper sind allesamt bekannt, werden nur durch verschiedene Accessoires verändert und dem Szenario angepasst. Das Geheimnis seines Erfolges liegt in einerseits in der etwas naiven Darstellung der Figuren, andererseits in der Rasanz, die er in den Action-Szenen auf das Papier zu bannen vermag. Wo es an Individualität der Figuren hapern mag, zeigt sich aber eine andere Stärke. John Romita Jr. vermag es, in ruhigen wie auch anrührenden Szenen den richtigen Strich zu treffen. Zusammen mit einer Kolorierung, die meistens eine starke Tiefe aus den Bildern herausholt, dank Koloristen wie Dean White, entsteht ein Comic-Abenteuer, das eine optische Brücke zwischen der guten alten Zeit und der Moderne schlägt.
John Romita Jr. findet darüber hinaus in der Erzählung von Rick Remender einige sehr anschauliche und anschaubare Motive, die zur Verdeutlichung der einzelnen Charaktere beitragen. Arnim Zolas Tochter, die nicht nur den Vater ehrt, sondern diesen auch noch in einer Art Tempel als Gott glorifiziert, indem sie ihn vor einer Kirchenfensterimitation kniend anbetet, ist ein gutes Beispiel für Grafiken, die enorm viel nebenbei erzählen.
Eine sehr starke Geschichte, weitab der üblichen Superheldengeschichten, als träfe ein Robinson Crusoe auf Science Fiction und Fantasy, in die sich noch ein Dr. Moreau einmischt. Rick Remender hat nicht nur für sich als Autor den perfekten Einstieg in die Welt von Captain America geschaffen. Sehr gut. 🙂
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Dienstag, 15. April 2014
Der Kampf um die Arche hat begonnen. Mit dem Einsetzen des Regens kommen die Menschen. Es sind nicht nur Krieger, es sind auch ganz gewöhnliche Menschen, Alte, Frauen und Kinder. Sie alle wollen überleben und sie können nicht begreifen, dass dort hoch oben auf dem Rumpf des Schiffes einer steht, der es ihnen in Gottes Auftrag verwehren will. Außerdem ist Noah, so der Name des Schiffsbauers, nicht allein im Kampf gegen die anrückenden Menschenmassen. Die Wächter, gefallene Engel, halten die Verzweifelten so gut auf, wie sie es vermögen. Ihr Widerstand währt nicht lange. Selbst ihre gewaltigen Kräfte können der zahlenmäßigen Überlegenheit, dem schier endlosen Strom der um ihr pures Überleben kämpfenden Menschen nicht standhalten.
Mit dem Regen kommen die Fluten. Das Wasser steigt, nimmt überhand, die Arche, sie schwimmt am Ende wie ein gewaltiger Ziegelstein im Wasser. In ihrem Inneren schlafen die Tiere, alles, was da kreuchte und fleuchte, denn nun ist die Schöpfung Geschichte. Wer es nicht in die Arche geschafft hat, stirbt den Tod in den Fluten. Durch Ertrinken, durch die bittere Kälte, an Erschöpfung. Und Noah kämpft bis zu selbigen, vertreibt und tötet jene Menschen, die es auf das Deck der Arche geschafft haben. Das ist seine Aufgabe, die er vom Schöpfer erhalten hat und die er mit aller Kraft, bis zur Selbstaufgabe wahrnimmt. Wie weit ihn diese Aufgabe noch an seine Grenzen treiben wird, sieht er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Darren Aronofsky und Ari Handel, deren Textvorlage nicht nur die Basis des gleichnamigen Kinoblockbusters ist, sondern auch jene des vorliegenden, mehrteiligen Comic-Abenteuers, lassen Abweichungen zwischen beiden Versionen zu. Abgesehen davon gestalten sie natürlich die biblische Vorlage dramaturgisch an den Nerven zerrend aus. Gott gestattet Noah Interpretationen seiner Anweisungen und stiftet so Verwirrung bei seinem frommen Gefolgsmann, eine Verwirrung, die zur Spaltung seiner Familie beiträgt. Hält man das biblische Textstück daneben, schadet diese Veränderung des Inhalts nicht, verschärft sie doch einerseits die Untergangsstimmung und rückt auch eine Ansicht Noahs (die er gehabt haben könnte) in den Mittelpunkt. Wenn alle Menschen schlecht waren (oder sind), müsste die Verderbtheit auch in ihrer Familie zu finden sein. Warum sollte Gott also eine Handvoll von ihnen am Leben lassen?
Niko Henrichon entwirft dieses Endszenario mit weiterhin kraftvollen wie auch erschütternden Szenen. Die Gestaltung der Wächter ist hier weitaus weniger unnahbar als in der Filmvariante der Erzählung, weshalb ihr Schicksal greifbarer wird und auch die Freundschaft zwischen Noah und Og verständlicher ist in Gestik und Mimik. Das Ende der Wächter rührt an. Noahs Kämpfe, es sind nicht wenige, sind blutig, unbarmherzig gegen die eigene Art. Noah wird ein Vollstrecker des Göttlichen. Man fühlt sich optisch an eine Kreuzung aus Conan und Indianer erinnert. Der Kampf währt mit Äxten und Schwertern.
Strichführung und Kolorierung wirken intuitiv und schnell geführt. Niko Henrichon wählt (sicherlich unbewusst) stilistisch aus verschiedenen Strömungen, europäisch, überseeisch, asiatisch eine solide Mischung mit tollen Ausdrücken. Aus dem Dauerregen wird ein Schneestreiben und wird nur einmal in ruhiger Erzählung durch die Schöpfungsgeschichte unterbrochen, die für sich allein schon ein grafisches Schmankerl ist.
Der dritte Teil der Erzählung um Noah und seine Familie jagt den Leser durch ein dichtes, beklemmendes und brutales Drama. Die Menschheit geht unter, im wahrsten Sinne des Wortes. Niko Henrichon schafft mit seinen Bildern eine schöne eigenständige Interpretation der Neuerzählung des Noah-Mythos der Filmemacher Aronofsky und Handel. 🙂
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Samstag, 12. April 2014
Der Mann auf dem Bildschirm ist die Ruhe selbst. Während seiner kurzen Erzählung bleibt er freundlich, legt die Fakten dar und verkündet seinen Selbstmord, der für die zwölf Passagiere aber keinerlei Auswirkungen haben werde. Fassungslos hören die Schiffbrüchigen von den Ereignissen, die sie aus ihrem gewohnten wie auch geplanten Leben katapultiert haben. Der ehemalige Pilot des Großraumschiffs ist ausgemergelt und verabschiedet sich fast heiter in seiner Videobotschaft. Nach den Erwartungen, mit denen die zwölf jungen Menschen aus dem Tiefschlaf erwachten, ist diese Nachricht ein geistiger und seelischer K.O.-Schlag. Sie sind verloren. Irgendwo in den Weiten des Weltalls. Und niemand weiß, wo sie sind. Keiner wird zu ihrer Rettung eilen.
Gestrandete in einer fremden Welt. Das Prinzip der neuen Geschichte von Leo ist bekannt, das trübt seine Funktionalität in diesem Szenario aber keineswegs. Ob eine Schweizer Familie Robinson, die in den Weltraum vorstößt (Lost in space) oder Kinder, die Zwei Jahre Ferien (Jules Verne) machen, stets ist eine wilde und unbekannte Umgebung eine Quelle dramatischer Entwicklungen. Für die ÜBERLEBENDEN im neuen Serienstart ist die Veränderung ihres Lebens enorm. Leser der Szenarien wie Aldebaran, Betelgeuze und Antares, allesamt aus dem Stift und der Zeichenfeder von Leo, werden sich auch hier gleich zu Hause fühlen, ist auch diese Serie in dem eigens vom Erfolgszeichner erdachten Comic-Universum angesiedelt. Da Leo aber auch kein Vorwissen von Stammlesern verlangt, ist dieser Serienstart auch für Neueinsteiger geeignet.
Neue Charaktere, eine neue Welt fernab der Erde, neue Bedrohungen und Entdeckungen. Eine Gruppe aus zwölf Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen strandet nach einer Reise durch den Weltraum nicht auf dem Zielplaneten, sondern weit davon entfernt auf einem Planeten, der dank einer Anomalie unbekannt und unerforscht ist. Es ist anzunehmen, dass alle anderen, die sich an Bord des Mutterschiffes auf die Siedlungsreise begaben, längst verstorben sind und nur jene zwölf jungen Menschen, die an Bord eines kleinen Shuttles rechtzeitig das große Raumschiff verließen, überlebt haben. Freude kommt bei den Zwölfen dennoch nicht auf. Die Trauer über den Verlust der Verwandten und Freunde wiegt zu schwer, die Verzweiflung über die Strandung an fremden Gestaden tut ihr Übriges, um das Gemüt belasten. Für einen Start in einer neuen Welt ist das keine gute Ausgangslage.
Sie sind nicht allein. Die Menschheit hat die Existenz fremder Lebewesen, tierisch wie intelligent, akzeptiert und verinnerlicht. Bei der Kolonisierung neuer Welten, dem Aufeinandertreffen mit einer andersartigen Wesenheit, ohne Zweifel mächtiger, bleibt diese Haltung nicht aus. Entsprechend sind auch die Zwölf auf alles vorbereitet. Das Shuttle ist zunächst noch ein Anker, von dem sie sich, dem Mangel an Lebensmitteln folgend, nicht weit entfernen. Aber manchmal kommt das Leben, trotz hartnäckigem Verharrens an einem Ort, dennoch zu einem. Im Falle der Schiffbrüchigen sind das intelligente Außerirdische.
Leo ist ein gemächlicher Erzähler, der Situationen und Charaktere komplex auslotet, der sich und dem Leser Zeit gibt. Dadurch entstehen äußerst dichte Szenarien, deren Komplexität durch den Gesamtzusammenhang innerhalb eines viel größeren und stetig wachsenden Comic-Universums langsam aber sicher zu einem Science-Fiction-Epos wird. Dieses Epos entfernt sich weit von Lichtschwertabenteuern und entwickelt seine Spannung mit einer besonderen Nähe zu den Figuren. Der Leser wird gleichsam an ihre Seite gestellt, als 13. Überlebender. Auch in dieser Reihe bleibt Leo seinem Zeichenstil treu, der technisch elegant ist, exakt, unaufgeregt, mit dem Zweck, dem Leser die bestmögliche Aussicht zu bieten. Klare Linien und Farben dokumentieren geradezu das Abenteuer der gestrandeten 12.
Leo, der Meister der klaren Science Fiction, ist zurück und wandelt diesmal auf den Spuren eines schönen Jugendabenteuers in seinem, von ihm geschaffenen Comic-Universum. Hierzu verlässt er bereits bekannte Pfade und beschäftigt sich mit neuen Charakteren, die dem Leser schnell ans Herz wachsen sollten. 🙂
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Donnerstag, 10. April 2014
Mikael Blomkvist ist hereingefallen. Er hätte als versierter Journalist die Falle wittern müssen. Die Folgen sind unübersehbar, für ihn persönlich wie auch für das Magazin, für das er schreibt. Ein eher ungewöhnlicher Auftrag ermöglicht einen Neuanfang. Die Recherche, die er anstellt, folgt einem Geheimnis. Gleichzeitig ist er, ohne es zu ahnen, von unbekannter Seite ausgespäht worden. Gerade jene fremde Person, die sein Leben zu einem Dossier zusammengestellt hat, wird in den nächsten Monaten zu einem seiner wichtigsten Mitstreiter seines Lebens werden. Denn ohne es vorher zu ahnen, ist Mikael Blomkvist einem irren Mörder auf der Spur, der vor keiner Brutalität zurückschreckt.
Die Geschichte ist hinlänglich medial bekannt und hat verschiedene Adaptionen erfahren. Aus der Aufklärung des Verbleibs einer jungen Frau, die vor Jahrzehnten verschwand, wird ein Kriminalfall, der es in sich hat und mit menschlichen Abgründen aufwartet, die zu Beginn der Geschichte kaum zu erwarten waren. Autor Stieg Larsson schrieb die Vorlage zu dieser Comic-Umsetzung von Sylvain Runberg, inhaltlich inzwischen sattsam bekannt durch Verfilmungen, Hörbücher und Hörspiele und verschiedene Comics. So kann es kaum noch inhaltlich besprochen werden, da Larssons Geschichte unbestritten ein vortrefflicher Thriller ist, dessen Qualitäten Runberg sehr schön in dieses Medium Comic transportiert.
Comic visualisiert und demzufolge stellt sich die Frage, ob die Übertragung, der im Roman geschilderten Bilder gelungen ist. Jeder, der einen Roman liest, macht sich aufgrund der Beschreibungen seinen eigenen Film von den Geschehnissen, den Charakteren, der Umgebung. Jose Homs wählt den Weg der Übercharakterisierung. Die Figuren bewegen sich an der Grenze zur Karikatur. Jose Homs gibt sich so selbst die Möglichkeit, jeden einzelnen Charakter vollkommen individuell zu gestalten. Hier wird keine Figur aus einem Stammportfolio verwendet und mit verschiedenen Frisuren auf seine Zwecke angepasst. Hier ist, auf diese Gestaltungsart, jeder Charakter echt.
Besonderes Augenmerk in dieser Geschichte liegt neben Kalle Blomkvist natürlich auf dem Mädchen mit dem Drachen-Tatoo, dem die zentrale Rolle zufällt, obwohl es hier noch etwas unterfordert ist und erst in den folgenden beiden Romanen der Millennium-Trilogie zur Bestform aufläuft. Hier ist sie noch ein Kuriosum, exzentrisch einerseits, introvertiert andererseits, auf ihre Art auch genial, ein Opfer, aus dem ein Täter wird. Sie leidet bis zu einem gewissen Punkt, dann wehrt sie sich. Kurze Szenen aus Vergangenheit und Gegenwart von Lisbeth Salander belegen dies mit sehr feinfühlig inszenierten Grafiken.
Kernszenen sind hier sicherlich Lisbeths Verteidigungsversuch der eigenen (Zwillings-)Schwester, ihr Treffen mit ihrer Mutter und die mehrfache Begegnung mit ihrem neuen Vormund, Rechtsanwalt Bjurman. Besonders die letzte dieser Begegnungen zeichnet auf einer Kurvenskala einen Spitzenausschlag auf, wenn Lisbeth Salander sich rächt. Jose Homs gelingt mit der Darstellung Salanders eine weitaus zartere Erscheinung, als es den Verfilmungen gelungen ist und deren Ausbrüche, gewaltsam und mit außenordentlicher Mimik, der Ursprungsform im Roman in nichts nachstehen.
Den sehr realistischen Kulissen stehen Figuren mit puppenartigem Äußeren gegenüber, nicht nur sehr individuell gestaltet, sondern auch mit schauspielerischem Talent ausgestattet. Es ist bewundernswert an diesem Zeichner, wie viel Gesichtsausdrücke, wie viel inneren Ausdruck Jose Homs in die Hauptdarsteller und Nebenfiguren der Handlung zu legen vermag. Diese Bandbreite wird auch nur durch die erwähnte Überzeichnung zugelassen. Dadurch halten die Bilder einen hohen Erzählwert bereit, der oftmals noch mehr aussagt, als die Erzählung, adaptiert und eingekürzt von Sylvain Runberg.
Zarte Linien, treffsicher gezogen, bilden das Gerüst für eine ebensolche Farbgebung, möglichst natürlich aussehend, aquarellartig lasierend, zaghaft strahlend, als seien sie unter einem eher trüben, verhaltenen Licht entstanden. Hier wird nicht überzeichnet, sondern verstärkt die passende Atmosphäre gesucht. Entsprechend kann eine Farbstimmung auch mitten in der Szene umschlagen, eine Bedrohung unterstreichen oder Zwischenpassagen wie kurze Rückblicke besser abtrennen. Das ist filmisches Inszenieren mit einer unter dem Strich düsteren Stimmung.
Fast so gut wie die Vorlage (Roman), an der sich jede Adaption messen lassen muss. Dank der konsequenten Charakterisierung mit einem sehr individuellen Zeichenstil durch Jose Homs ist die Umsetzung des ersten Teils der Millennium-Trilogie auch ein kleines Comic-Thriller-Kleinod. 🙂
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Montag, 07. April 2014
Larry B. Max findet den Mörder seiner Freundin Gloria in Bangkok und ist entschlossen, die Jagd endlich zu Ende zu bringen. Längst hat er seine Kompetenzen im Rahmen des I.R.S. weit überschritten. Larry B. Max will auch den letzten Schritt tun. Doch es kommt anders. Am Ende gibt es nicht nur einen Toten, es gibt auch einen neuen Auftrag, der auf einer Erpressung fußt. Dabei hatte es für Larry ganz gut ausgesehen. Er hatte sein Ziel mit Leichtigkeit gefunden. Dieser Mann, den er für den Tod von Gloria verantwortlich macht, flüchtete und suchte doch die Auseinandersetzung. Voller Angst forderte er Larry heraus. Larry scheute nicht die Menschen um sich herum, während er sich ein Feuergefecht mit dem anderen Killer lieferte. Doch dann wurde es im entscheidenden Moment dunkel um Larry.
Bernard Vrancken setzt in seiner Darstellung der Serie auf einen möglichst realistischen Grafikstil. Zeichnungen wirken wie Umsetzungen von Fotografien. Fahrzeuge, Ausschnitte der Welt rund um Larry B. Max, die Hauptfigur der Reihe, historische Szenen könnten auch so in einem Film erschienen sein. Vorbild ist natürlich der amerikanische Thriller oder auch Kriminalfilm mit all seinen Facetten, häufig besonders in der Welt der Schönen und Reichen, den Autor Stephen Desberg gerne als Sumpf mit spiegelnder Oberfläche zeigt.
Für den Leser startet diese zweiteilige Geschichte (die Fortsetzung folgt im nächsten Band) an der Seite von Larry B. Max mit einem Nachhall des Vorgängerabenteuers. Der Ermittler des I.R.S., des Internal Revenue Service (Bundessteuerbehörde der USA), hat noch eine persönliche Rechnung zu begleichen und schlittert durch diesen Umstand geradewegs in seinen nächsten Fall. Der Held der Geschichte hat sich bereits einmal mit Kriegsbeute beschäftigt (Band 1 und 2) und wird dadurch zu einem Jäger, der auch für die chinesischen Triaden im Zweiten Weltkrieg abhanden gekommene Schätze wiederbeschaffen kann. Diese Aufgabe, an der sich die Triaden bereits die Zähne ausgebissen haben, soll von Larry B. Max innerhalb von zehn Tagen erledigt werden.
Was in Bangkok beginnt, führt rasend schnell zurück nach Los Angeles, einem Kerntummelplatz des Ermittlers, der hier zu Hause ist und auch noch ein Klassentreffen vor sich hat. Obwohl es zeitlich so gar nicht in den Plan passt, zwackt Larry eine ruhige Minute ab (von denen er, weil Stephen Desberg geschickt die Fäden zieht, sehr wenige hat) und mischt sich unter die Schulkameraden vergangener Tage. Ein Indiz für die Filmverwandtschaft der Bilder innerhalb der Serie ist die Verwendung von Gesichtern, die Schauspielern nachempfunden sind und immer wieder einmal entdeckt werden können. Am Beispiel des Schultreffens kann so eine Halle Berry genannt werden, die zweifellos in Großaufnahmen Patin für die Figur der Laroya Armstrong gestanden hat.
Yamashitas Gold ist die inzwischen 13. Folge der Reihe I.R.$. und Stephen Desberg hat in Sachen Thriller seine Hausaufgaben gemacht. Er kennt die Regeln des Aufbaus, legt geschickt Spuren aus, lüftet Rätsel nach und nach und setzt seine Hauptfigur gehörig unter Druck. Daneben streut er Zweifel über die wahren Absichten und Loyalitäten einiger Figuren. In die Handlung des gegenwärtigen Zeitstrangs werden Rückblenden eingebaut, die dem Leser anschaulich und spannend zeigen, was damals geschah, als das erwähnte Gold verschwand. Und gemäß all der Tricks, die zum Geschäft eines Thrillerautoren gehören, setzt Desberg auch einen Cliffhanger mit nicht wenigen losen Enden.
Hier ist, dank der grafischen Finessen von Bernard Vrancken durchweg Titelbildqualität auf jeder Seite zu finden, mit einer Kolorierung von Coquelicot. Hier wird mit feinen Verläufen gespielt, möglichst natürlich wirkend, leuchtenden Farben, wie man sie auch auf der Filmleinwand erwarten darf. Die Kulissen bieten Abwechslung in Epoche, Land und individuellem Ort, innen wie außen. Ob Prachtstraßen oder Nachtklubs, die Atmosphäre ist stimmig. Besonderes Augenmerk liegt hier auf den historischen Rückblenden, die der Handlung und der Optik noch mehr Tiefe verleihen.
Ein packender Thriller, im Stile moderner Fernsehserien, mit einem im Hintergrund laufenden roten Faden, der die Figur des Larry B. Max beständig weiterentwickelt. Feine Unterhaltung. Jeder Zweiteiler der Reihe ist für einen Neueinstieg geeignet, so wie jetzt. 🙂
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Donnerstag, 03. April 2014
Wenn einem Gangster auf der Spur sind und nichts anderes als den Tod im Gepäck haben, ist man gut beraten, eine Weile unterzutauchen oder, wie im Falle Parkers, Nägel mit Köpfen zu machen und sich gleich ein neues Gesicht zu besorgen. So gerüstet wird das Syndikat für den Rest des Lebens abgehängt. Gibt es jedoch einen Verräter in der Nähe, kann dieser Rest sehr mager ausfallen. Parker hat sich zu früh gefreut. Wieder sind ihm die Gangster auf der Spur und wieder macht sich Parker zur Klärung der Angelegenheit auf den Weg. Das ist nicht persönlich, es ist nur geschäftlich. Aus diesem Grund greift Parker mit seinen Kumpanen das Syndikat zuerst dort an, wo es besonders weht tut: beim Geld.
Wie ist das Leben eines Gangsters? Dichter noch als im ersten Abenteuer um den toughen Einzelgänger Parker beschreibt Darwyn Cooke nach der Romanvorlage von Richard Stark einen Mann Mann, der zwar auf diesem Planeten, aber dennoch in einer ganz anderen Welt lebt. Parkers Leben findet hinter den Kulissen der gewöhnlichen Sterblichen statt. Mit Äußerlichkeiten hält er sich kaum auf. Seine Identität definiert sich nicht durch sein Gesicht. Er muss männlich aussehen. Das Gesicht (wie die ganze Statur) muss dazu taugen, Frauen für eine Macht klar zu machen. Das scheint zu gelingen. Seine Reflexe und seine kompromisslose Art sorgen zusammen mit seinem glasklar kalkulierenden Intellekt für sein Überleben.
Verbrechen ist Geschäft. Und Geschäft bedeutet Geld. Das Syndikat verdient sein Geld kaum auf herkömmliche Art und Weise. Schwerpunkte finden sich im Glücksspiel, einer Halbwelt, schwer zu kontrollieren und deshalb umso leichter anzugreifen. Wir schreiben das Jahr 1963. In dieser Dekade, in der nach den Sternen gegriffen wird und alles möglich scheint, klammern sich einige noch an hergebrachte Strukturen. Diese innerliche Zerfressenheit kann von ein paar Gangstern von außen geknackt werden. Der Autor der Vorlage, Richard Stark, beschreibt diese Zerrissenheit ohne Rücksicht auf Erzählstrukturen oder ähnliche Gesetzmäßigkeiten, schafft ein kleines Kaleidoskop, gibt sezierende Einblicke, faszinierend und spannend zugleich.
Mitten drin bewegt sich Parker als Chirurg, der den Körper des Feindes perfekt zu kennen scheint, als As in seinem Job weiß er, wo die Skalpelle für die richtigen Schnitte anzusetzen sind. Diese Schnitte sind nicht nur Überfälle, sie sind auch Morde. Der Leser wird nicht erfahren, was Parker dabei empfindet. Die Leichtigkeit, mit der er derlei Aktionen in die Tat umsetzt, spricht allerdings eine deutliche Sprache. Wo Geld der Spitzenwert ist, bedeutet ein Menschenleben nichts. Im Wechsel aus direkter Szene, nah dran am Geschehen, und erzählenden Passagen, die den Leser Abstand gewinnen (und zwischenzeitlich aufatmen) lassen, entsteht ein Gesamtpaket, dessen Geschichte am Ende umfangreicher erscheint, als sie eigentlich ist.
Schwarz, weiß, blaugrau sind die Farben dieser gezeigten Unterwelt, in der sich Parker bewegt. Die Akteure sind, gemäß der Zeichentrickgrafikwelt, in der Darwyn Cooke beruflich viel Zeit verbracht hat, abstrakt einfach, manchmal verspielt. Sie agieren realistischer als Schattenrisse, gegensätzlich zu den jeweils individuell angelegten Figuren. Oder sie sind wahre Karikaturen, wenn Darwyn Cooke und Richard Stark beschreiben, wie das organisierte Verbrechen mit seltsamen und zunächst undurchschaubar wirkenden Systemen Geld verdient.
PARKER: Ein geradliniger Thriller mit einem Gangster als Hauptfigur. Parker ist, wie er ist. Hart gegen sich und andere, egoistisch, brutal, zynisch, auf seine Art berechenbar. Wer Parker nicht bescheißt, wird nicht beschissen. Wer ihn aus dem Weg räumen will, wie eben das Syndikat, kann sein Testament machen. Darwyn Cooke adaptiert auch die Fortsetzung um den Ganoven und Killer von Richard Stark. Der Thriller verweigert sich jeglicher moderner Komik, die mittlerweile im Genre anzutreffen ist, noch gibt es comic-artige Überzeichnungen. Hier ist klassisch wieder erfrischend neu und spannend. Cookes Grafikstil mildert die Härte der Geschichte ab. Aber nicht sehr. 🙂
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