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Comic Blog


Donnerstag, 10. Dezember 2009

Inspektor Canardo 18 – Die Frau ohne Gesicht

Filed under: Cartoon — Michael um 19:34

Ein Fall für Inspektor Canardo 18 - Die Frau ohne GesichtCanardo lässt es sich gut ergehen. Leben und leben lassen, so könnte sein Motto lauten. Deshalb kann er auch nicht nein sagen, als Galinka, eine Vertreterin des horizontalen Gewerbes ihn bittet, sie nach Hause zu fahren. Natürlich versucht sie beiläufig Canardo herumzubekommen, doch der Detektiv kann sich einen derart teuren Abendabschluss nicht leisten. Die Fahrt geht heimwärts in Canardos altem Cadillac Eldorado Biarritz. Leider wissen nicht alle Verkehrsteilnehmer Canardos klassisches Automobil zu würdigen. Ein brutaler Zusammenstoß bringt den amerikanischen Straßenkreuzer samt Insassen von der Straße ab, geradewegs hinein ins Hafenbecken.

Der Verkehrsrowdy, der sie mit seinem Porsche regelrecht von der Straße geschossen hat, besitzt immerhin ein schlechtes Gewissen. Ein Trost ist das nicht. Nicht für Canardo, dessen Fuß eine längere Genesungsphase benötigt. Nicht für Galinka, die nun eine Frau ohne Gesicht ist und eine noch viel längere Behandlung über sich ergehen lassen muss. Gott sei Dank sind die Möglichkeiten der Gesichtschirurgie weit gediehen. Fragt sich nur, wie hat Galinka vor dem Unfall eigentlich ausgesehen? Aber dafür gibt es schließlich Fotos …

Inspektor Canardo, der Mann, dem keine Gefühlsregung zu schwer ist, der sich aber nicht besonders bemüht, diese darzustellen, gerät nach diversen Ausflügen in das bürgerliche Leben, nach Auseinandersetzungen mit Terroristen und Geiselnehmern, sogar nach Zeitreisen nun in Adelskreise. Gleichwohl gehen ihm auch diese Kreise mit seiner gewohnt schnoddrigen Art an seinen Hinterbacken vorbei. Die Herzogin des Kleinherzogtums Belgamburg sieht die Angelegenheit weitaus weniger lässig. Sokal beschreibt eine Adelssippe mit einem Problem. Dieses Problem heißt: Nachwuchs.

Den gibt es zwar, doch der ist alles andere als für diesen Posten geboren, ein Problem, das Sokal nicht aus der Luft gegriffen hat, wenn man den einschlägigen Klatschmeldungen glauben darf. Allerdings geht Sokal im Stile einer Kriminalgeschichte noch einen Schritt weiter. Frau Herzogin hat nur das Ansehen des Herzogtums im Blick. Die Eskapaden ihres Sohnes Nono jedoch sind ein beständiges Ärgernis. Wenn eine Mutter den Wunsch äußert, ihrem Sohn den Testikel zu entfernen (höflich ausgedrückt), dann ist etwas faul im Kleinherzogtum Belgamburg.

Sokal entwirft ein kleines, aber feines Ränkespiel wie auch Verwirrspiel um die Vorlieben des Thronfolgers von Belgamburg. Mit einer gewissen Süffisanz, den Canardo mit seinem Spötteln transportiert, schildert Autor und Zeichner Sokal das ziemlich unspektakuläre Leben bei Hofe, zeigt dem Leser ein Paar (wirklich nur zwei) auf der Lauer liegende Paparazzi und die Gespräche hinter den verschlossenen der (sehr kleinen) Macht. Sokal zeigt jedoch auch, dass auch eine kleine Macht eine Macht ist, die mit ihren Werkzeugen zu hantieren weiß. Ganz nebenbei bringt er den altbekannten (und einigermaßen unverständlichen) Streit der belgischen Ureinwohner zur Sprache, indem er die Wallonen einen sehr großen Traum eines noch größeren wallonischen unabhängigen Staates träumen lässt.

Die Frau ohne Gesicht wird zum Bindeglied der einzelnen Bestandteile der Handlung. Keine Brücke, eher eine Kette, an der unterschiedliche Fraktionen aus unterschiedlichen Gründen zerren. Eine der besten Szenen findet sich in einer Begegnung zwischen der Herzogin und Galinkas ehemaligem Zuhälter. Der Mann vom Kiez wundert sich sehr, dass eine Herzogin in Sachen Unterweltsprache ebenso viel zu bieten hat wie er. Überhaupt hat Sokal mit der Herzogin einen Drachen erschaffen, der irgendwie an die eiserne Lady erinnert. In einer Verfilmung hätte man hier eine Anwärterin auf den Oscar für die beste weibliche Nebenrolle.

Durchgehend im bekannten Sokal-Stil gezeichnet, entführt die Frau ohne Gesicht den Leser in die Abgründe der Adelskreise und der niederen Politik. Gewohnt bissig, mit pechschwarzem Humor ausgestattet, bietet auch die 18. Folge von Inspektor Canardo beste Krimiunterhaltung. 🙂

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Isnogud – Buch 6

Filed under: Cartoon — Michael um 10:03

Die gesammelten Abenteuer des Großwesirs Isnogud - Buch 6Es war einmal ein Kalif namens Harun al Pussah, der war nicht nur sehr ruhigen Gemüts, sondern auch sehr großmütig. Der Dieb, der seine Hand auf den Richtblock gelegt hat, kann seine Hoffnung auf Begnadigung gleich wieder begraben. Statt der rechten wird nun die linke Hand durch den Henker abgehackt. Was für die einen ganz finsterer Humor ist, ist für den Kalifen schlichter Alltag und nicht viel mehr der Rede wert. So hallt bald wieder ein altbekannter Schrei durch den Palast (Ich will Kalif werden anstelle des Kalifen!). Aber wird dieser Wunsch auch in Erfüllung gehen? Die Leser von Isnogud wissen ganz genau, dass dem Großwesir damit noch nie Glück beschieden war. Doch heute könnte sich das Blatt vielleicht wenden …

Na, Spaß beiseite! War nur ein Scherz, obwohl … Die Vorzeichen für einen tatsächlichen Erfolg stehen gar nicht so schlecht. Es ist Zauberei im Spiel. Plötzlich geben sich einige Kinder im Palast ihr Stelldichein, die allesamt die jugendlichen Egos unserer sehr bekannten Charaktere aus Bagdad, der Prächtigen, sind. Es beginnt mit einer Märchenerzählerin, die eine ganz besondere Gabe besitzt. Sicherlich versetzt sie auch den Kalifen besonders schnell in Schlaf, aber sie beherrscht noch etwas anderes: Ein Schlag auf den Kopf mit ihrem Märchenbuch bewirkt ein kleines Wunder. Plötzlich ist der Getroffene nicht nur als Erwachsener unter den Lebenden, sondern gleichzeitig auch als Kind. Das sorgt, wie kann es anders sein, für allerhand Durcheinander.

Auf die Erzählung von Rene Goscinny muss hier weitestgehend verzichtet werden. Die beiden Künstler, Goscinny als Texter einerseits, Tabary als Zeichner andererseits, bildeten eines der Traumpaare des Comics. Tabary allein erreicht die Messlatte der vorhergehenden Geschichten an diesem Punkt problemlos. Sein Humor ist zuweilen äußerst albern und hartnäckig (fast meint man im Hintergrund ein sinnierendes Nein! Doch! Nein! Doch! Oh! zu hören). Das ist ein wenig very französisch, aber auch ein ganz klein wenig montypythonesk (mir gefällt das Wort).

In der ersten albenlangen Geschichte Isnoguds Kindheit beginnt es harmlos und weitet sich zu einer Handlung aus, die immer weitere Akteure ins Spiel wirft. Da geht es nicht nur drunter, sondern auch drüber. Wenn Isnogud seinem kindlichen Ich gegenübersteht und nicht begreifen kann, dass er als Kind niemals den Wunsch verspürte, Kalif zu werden und im jungen Großwesir einen guten Freund sah … Verkehrte Welt! Die Auseinandersetzung zwischen einem jugendlichen und erwachsenen Ich war schon in Hollywood ein Thema. Tabary greift dem hier auf vergnügliche Art voraus und sorgt mit gleich mehreren Kindern für ein kunterbuntes Durcheinander.

Nicht weniger vergnüglich wendet sich Jean Tabary dem Thema Frauen zu. Das Thema wurde bereits im ersten Album dieses Sammelbands angeschnitten, als sich eine Frau bei einem Steinzeitmenschen wohler fühlt als bei ihrem angetrauten Ehemann. In Isnogud und die Frauen lernt der Leser den Harem des Kalifen kennen. Besser gesagt, den Rest davon, denn Harun al Pussah hat den Harem von seinem Vater geerbt und anscheinend keinen Gebrauch davon gemacht (wie könnte er auch sonst die ganze Zeit über so ruhig sein), denn die verbliebene Dame ist schon recht alt.

Und wie alles in Harun al Pussahs Leben ermüdet ihn allein der Anblick der Haremsdame. Also ist es wieder Zeit für ein kleines Schläfchen. Das weiß Isnogud natürlich zu verhindern. Tabary bringt hier Zutaten und Abläufe zusammen, die wie ein krummes Zahnrädchen in ein anderes greifen. Eigentlich machen die einzelnen Figuren und Handlungsstränge nicht den Eindruck, als könnten sie zusammengebracht werden. Aber auf wundersame Weise passt es. Das wird zu einer haarsträubenden Komik. Tabary hat für sich (und damit auch zur Freude des Lesers ähnlich wie es Goscinny tat) Grenzen und Vorgaben der Komik eingerissen und erzählt, dass es nur so kracht im Zwerchfell.

Zwei rasend schnell erzählte albenlange Geschichten. Da bleibt kein Auge trocken. Schmunzeln, Augenzwinkern und Brüller sind die Ergebnisse dieses Humorangriffs. Zum Abschluss werden wieder Einseiter präsentiert, unter denen auch noch Ideen von Goscinny zu finden sind. Bestens. 🙂

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Sonntag, 06. Dezember 2009

Prometheus 1 – Atlantis

Filed under: Mystery — Michael um 15:34

Prometheus 1 - AtlantisIm September 1513 streifen Soldaten durch das südliche Darien. Die Spanier, die sich von ihrem Zug durch die Wildnis Gold und Reichtümer versprochen haben, sind frustriert und entmutigt. Hier im panamaischen Grenzgebiet zu Kolumbien regiert die Natur. Die Wilden jagen sie. Die Natur peinigt sie. Doch dann scheint die liebe Frau von Antigua tatsächlich ein Einsehen mit dieser rohen Bande zu haben. Vor ihnen ragt aus dem Gipfel eines Berges etwas in die Höhe. Es glänzt metallisch im Licht der goldenen Sonne. Seine Ausmaße sind gigantisch. Nie hat einer der Männer dieser Epoche etwas ähnliches gesehen. Und nie hat ein Mensch des 21. Jahrhunderts etwas ähnliches zu Gesicht bekommen.

In der Gegenwart läuft alles seinen ganz normalen Gang. Das Space Shuttle fliegt selbst im Jahre 2019 noch ins All. Die Atlantis absolviert an diesem Tag ihren letzten Flug. Damit hat sie rund zwei Jahrzehnte Dienstzeit mehr auf dem Buckel, als ursprünglich vorgesehen war. In der Bodenstation beobachtet man den Start konzentriert, aber ohne Befürchtungen. Da verschwindet die Atlantis von den Schirmen. Die Wanduhr zeigt 13.13 Uhr UTC, Universal Time Coordinated (Koordinierte Weltzeit). Das Shuttle ist nicht explodiert. Es ist einfach verschwunden.

Die Vorzeichen stehen sehr schlecht für die Welt. Oder doch nicht? Weltweit bleiben die Uhren um 13.13 Uhr stehen. Ein Shuttle verschwindet, eine Statue wird gefunden. Verloren geglaubte Schiffe erscheinen wieder: ein deutsches U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg, sogar die Titanic läuft munter und unbeschädigt über den Ozean. Christophe Bec greift sehr, sehr tief in die Sammelkiste der Mysterien, der Vorzeichen, der unheimlichen Begegnungen und zieht sogar (der Titel spricht für sich) die griechische Mythologie hinzu. Das Ergebnis ist wohl der geheimnisvollste Auftakt eines Dreiteilers, den es je im Comic-Bereich gegeben hat.

Selbst vergleichbare Produktionen wie Universal War One (UW1) oder Der Schimpansenkomplex können nicht diese seltsame und scheinbar nur sehr lose verknüpften Szenen aufweisen. Nach Ende der Lektüre wurde der Leser sehr spannend unterhalten (mindestens auf einem Spannungslevel wie LOST), aber er kann überhaupt nicht, nicht einmal ansatzweise sagen, wohin die Reise gehen mag.

So weit, so spannend. Dem Leser werden nach und nach die Hauptcharaktere vorgestellt. Hierbei wird grafisch auf ähnliche Effekte zurückgegriffen, wie es auch bei UW1 und Schimpansenkomplex der Fall war. Die Bilder der menschlichen Protagonisten wirken ein wenig konstruiert, in jedem Fall aber der Realität nachempfunden, denn in der Figur des Jeff Spaulding ist eindeutig der Schauspieler Fred Ward nachempfunden ist. (Genre-Fans kennen ihn vielleicht aus den ersten beiden Raketenwürmer-Verfilmungen.) Auch andere Figuren besitzen diesen Anschein der Ähnlichkeit zu Schauspielern. (Vielleicht: Lucy Lawless, Scott Glenn u.a.)

Das funktioniert in Perspektiven, zu denen die nötigen Vorlagen vorhanden waren, wirkt aber auch manchmal etwas verwackelt. Das ist an der grafischen Umsetzung, die ansonsten sehr schön und atmosphärisch geworden ist. Die Intention der Inszenierung geht klar in Richtung von Techno-Thrillern, Serien wie 24 und anderen bekannten Reißern dieser Art. Dafür spricht auch die Erzählweise. Der Leser wird frontal in Form von Fernsehberichterstattungen angesprochen oder er schaut den Protagonisten über die Schulter, darf Mäuschen spielen. Enge der Bilder (Fernsehen) wechselt sich mit weiten Einstellungen wie auf dem Meer ab. Die Darstellungen technischer Formen hat es Christophe Bec zweifelsfrei angetan. Aber Bec mag auch die Ausreißer-Bilder, das Ausbrechen aus dem eigens aufgestellten Reglement. So steht zum Beispiel das Eindringen eines SWAT-Teams in ein gelandetes Space Shuttle im vollkommenen Gegensatz zu den Bildern der griechischen Mythologie.

Ein ungewöhnlicher Auftakt eines Dreiteilers: In dieser sehr langen Einleitung wird dem Leser viel Geduld abverlangt. Wer die mysteriösen Szenarien eines Charles Berlitz mag, der wird sich hier sofort zu Hause fühlen. Autor und Zeichner Christophe Bec legt hier zum Start ein Knäuel vor, das mit allergrößter Präzision entwirrt werden muss, wenn es Sinn ergeben soll. Spannend ist es bisher allemal. 🙂

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Samstag, 05. Dezember 2009

Miss Endicott 2 – Der Aufstand

Filed under: Mystery — Michael um 16:15

Miss Endicott 2 - Der AufstandRocco ist ein kleiner gemeiner Mann. Wenn man ihn lässt. Er hat keinerlei Probleme damit, unliebsame Zeugen aus dem Weg zu schaffen und Menschen zu ermorden. Nur Kevin, den darf er nicht töten. Der Meister hat ausdrücklich befohlen, nicht Hand an den Jungen zu legen. Aber das Verbot galt nicht für Miss Endicott. Die Schlichterin ist zu einem Ärgernis geworden. Sie soll aufgehalten werden, damit der große Plan nicht gefährdet wird. Doch die kleinen Männer ringsherum, mit Rocco an der Spitze, haben die Rechnung ohne die schlagfertige junge Frau gemacht, die es locker mit einem Dutzend von ihnen aufnehmen kann. Was anfangs nach einer Rauferei aussieht, wird sehr bald schon zu einem Kampf auf Leben und Tod.

Mit dem vorliegenden 2. Band ist die Geschichte um Miss Endicott abgeschlossen. Das ist einerseits sehr schade, da einem als Leser die Figur jetzt so richtig ans Herz gewachsen ist. Andererseits muss man den Machern aber ein Lob aussprechen, da sie sich nicht zu einer mehrbändigen Reihe haben hinreißen lassen. Am Ende steht ein zweibändiges Abenteuer, das in sich geschlossen und rundum gelungen ist.

Es gibt eine Welt neben der bekannten Welt. Diese Ausgangssituation ist nicht neu. Im Augenblick lebt eine breite Palette von Neuerscheinungen von dieser Idee. (Meist beschäftigen sie sich mit Vampiren.) Jean-Christophe Derrien nimmt den Leser, nachdem er im ersten Band Die Vergessenen vorstellte, den Leser mit in den Untergrund und von dort mitten hinein in einen Aufstand. Allerdings ist es kein direkter Aufstand der Vergessenen.

In einer viktorianisch anmutenden Zeit hat die junge Miss Endicott die Aufgabe ihrer Mutter übernommen: Im Zwielicht der Stadt, unter rechtschaffenen Bürgern, Tagelöhnern, Gesindel und den Titel gebenden Vergessenen dient sie nun als Schlichterin. Miss Endicott, eine junge Frau, gebildet und durchsetzungsfreudig, hat sich direkt zwei Aufgaben vorgenommen. Die Erziehung eines kleinen Jungen erledigt sie am Tage im Dienste ihrer Herren, in der Nacht geht sie den weniger öffentlichen Tätigkeiten nach. Vor allem nicht solchen, die allerorts an die große Glocke gehängt werden, noch besonderen Rum bringen. Miss Endicott gibt sich alle Mühe und gerät zusehends in Schwierigkeiten: Genau zu dem Zeitpunkt, als der Junge entführt und als Druckmittel gegen sie eingesetzt wird.

Jean-Christophe Derrien hat die erste Ausgabe mit einer Überraschung beendet, die nun hier gelüftet werden kann (wer die erste Ausgabe gelesen hat, hat es sich ohnehin gedacht): Miss Endicotts Mutter ist wieder da. Die Beerdigung war nur ein Ablenkungsmanöver. Sofort merkt man, dass diese beiden Frauen so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht. Wo die junge Miss Endicott nur mit zwei Stricknadeln bewaffnet unter Gaunern aufräumen kann, nimmt sich die Mutter ihre Gegner mit einer großkalibrigen Waffe vor, die so bombastisch ist, dass sie mit zwei Händen gehalten werden muss.

Xavier Fourquemin, der Zeichner, hierzulande auch durch seine Arbeiten zu The Changeling bei Comic-Fans bekannt, kann es in der ersten Hälfte der Fortsetzung noch ruhig angehen lassen. Die Handlung führt einige Stränge zusammen und bereitet alles für ein ausgedehntes Finale vor. Aber dann: Dann geht es rund! Die Maschine aus dem ersten Teil findet ihren Weg an die Oberfläche und beginnt ihr Zerstörungswerk. Dieser Abschnitt läuft geschwind ab. Er hat die allseits bekannte Action, Humor, Überraschungen und Wendungen. Optisch ist es ein wenig so, als habe ein Tim Burton den Weg ins Comic-Fach gefunden. (Was angesichts seiner Vergangenheit nicht abwegig ist. Außerdem fühlt man sich als Leser bei derart großen, von einer Person gesteuerten Maschinen an ein marsianischen Riesenroboter erinnert.)

Fourquemin gehört zu den Zeichnern, die mit ihrem ganz eigenen Stil punkten können. Er liebt lange Gesichter, Rundungen und große Augen. Insgesamt arbeitet er mit zerbrechlich wirkenden Zeichnungen, kontrastiert durchbrochen von manchmal großen schwarzen Flächen wie Höhleneingängen oder schattenhaften Baumgruppen. Diese Schwere wirkt stets bedrohlich, herausragend atmosphärisch, den insgesamt bringt Fourquemin eine sehr dichte Inszenierung zu Papier, die durch die kräftige, aber niemals strahlende Farbgebung von Scarlett Smulkowski noch unterstrichen wird.

Ein toller Abschluss, ein besserer zweiter Teil eines guten ersten Bandes. Eine andere, sehr eigenständige Geschichte in einer Welt neben der Welt, mit allem Ernst erzählt, sehr individuell gestaltet, ohne sich anderen Stilen zu verpflichten. Eine tolle Comic-Überraschung. 🙂

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Die Legende von Malemort 4

Filed under: Mystery — Michael um 13:43

Die Legende von Malemort 4 - Sobald die Nacht anbrichtGibt es eine Möglichkeit jemanden vom Vampirismus zu heilen? Kann der Zustand des Untoten rückgängig gemacht werden? Oder gibt es tatsächlich nur eine Möglichkeit, solch ein Monster zu erlösen: Runter mit dem Kopf. Die Gefährten des Grafen Colbus von Malemort fragen sich vollkommen berechtigt, wie ein blutdürstiges Wesen überhaupt entstehen kann. Welche schwarze Kunst ist dazu notwendig? Joachim de Peyrac, der ehemalige Lehrmeister des Grafen, könnte vielleicht helfen, doch dieser berühmte Mann ist seit langem verschwunden. Die Gefolgsleute und Freunde des Grafen beschließen, den ehemaligen Lehrmeister zu suchen und zu finden. Koste es, was es wolle.

Anthea, die sich vom Grafen angezogen fühlt, erfährt endlich nach so vielen Jahren, wer ihr Vater ist. Allerdings ist die Nachricht zu diesem Zeitpunkt nicht sehr nützlich. Selbst der Umstand, dass sie nicht das Kind eines dahergelaufenen Nichtsnutzes ist, ist ihr wenig tröstlich. Ihr Denken kreist um die Person des Grafen, der einzig und allein daran interessiert scheint, sie von sich zu stoßen, da er um ihr Leben fürchtet. Colbus sieht sich längst als Monster, vor dem sich selbst seine Getreuen in Acht nehmen müssen. Erst recht, wenn er es sich um eine junge Frau wie Anthea handelt, deren Liebreiz er kaum zu widerstehen vermag.

Eric Stalner gönnt seinen von ihm geschaffenen Charakteren nur wenig Ruhe. Sie sind ruhelos, rastlos, sie wollen handeln, wissen aber nicht wie. Der Graf will Anthea loswerden, da nicht nur er ihr gefährlich werden kann, sondern auch sie ihm. In dieser Situation lässt Stalner den jugendlichen Übermut Antheas die Oberhand übernehmen. Dabei handelt es sich um ein nicht unübliches Spannungselement. Der Wagemut und die Unvernunft der Jugend, vielleicht auch der Elan der Liebenden, derlei Elemente sorgen immer für allerhand Unfug. Das wusste schon der alte Shakespeare.

Nachdem die Auseinandersetzung mit der Inquisition bisher die Handlung beherrschte, findet nun eine Richtungsänderung statt. Der Graf und seine Gefährten fliehen nicht mehr, sie suchen nach einer Lösung. Doch Stalner ist weit davon entfernt, diese Suche für seine Figuren zu einem Spaziergang werden zu lassen. Man könnte spekulieren, ob er sich bei den Szenen und der Umgebung des versteckten Dorfes in den Sümpfen von Cajuns hat inspirieren lassen. In einer derart abgelegenen Gegend ist ein freundlicher Empfang stets Misstrauen erweckend (seltsam eigentlich). Wer jedoch gleich vermutet, diese Begegnung ist nur die Vorstufe für die nächste Action, der täuscht sich. Es ist die Vorvorstufe, denn Stalner ist immer für eine Überraschung gut.

Grafisch legt sich Eric Stalner einmal mehr mächtig ins Zeug. Es geht hinaus in eine ungebändigte Landschaft und Natur. Diese hat sich manche zivilisierte Behausung (wie den einstigen Wohnsitz des Grafen) zurückerobert oder aber die Menschen gezwungen, sich mit ihr zu arrangieren (wie das Dorf in den Sümpfen). Hier wimmelt es mittels der sehr feinen Striche von Stalner von Einzelheiten. Stalner, Autor und Zeichner in Personalunion, gestaltet eine verwunschene Landschaft, die mit all ihren Kreaturen (und sonstigen Bewohnern) zum Feind wird. Die Unwirklichkeit der Atmosphäre, die bewusst so eingesetzt ist, da sie auch von den handelnden Charakteren, wahrgenommen wird.

Vom Tage geht es hinaus in die Nacht, in das dunkle Blau und den Flammenschein eines Lagerfeuers und hinüber ins Unwetter und die Düsternis des Sumpfes. Die Farbgebung durch Jean-Jacques Chagnaud gibt sehr gut die jeweilige Grundstimmung der einzelnen Sequenzen wieder. Bis am Ende …

Die Atmosphäre der Handlung verändert sich. Sie wird düsterer: War es bisher Mittelalter gemischt mit Vampirismus, wird es nun phantastischer, unheimlicher. Nachdem eine neue Handlungsrichtung eingeschlagen worden ist, kann in den beiden letzten Bänden alles Mögliche geschehen. Sehr gut. 🙂

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Freitag, 04. Dezember 2009

Die Maxiausgabe der Minimenschen 5

Filed under: Cartoon — Michael um 16:20

Die Maxiausgabe der Minimenschen 5Boule und Bill ganz klein, die Gifticks machen ein ähnliches erstauntes Gesicht: Die Minimenschen rüsten zur Feier. Da soll alles dabei sein, was Rang und Namen hat. Schwarzbart, Buck Danny, Yoko Tsuno (die eine sehr verwandte Vorliebe für futuristische Gleiter hat wie die Minimenschen) und sogar Gaston geben sich neben vielen anderen ein Stelldichein. In einem Spezialauftritt im Jahre 1976 steht eine große Feier an. Comic-Charaktere, die das Publikum unter den Fittichen von Spirou liebgewonnen hat, treten hier gemeinsam auf. Das hat beinahe eine Suchbildfunktion. Wer erkennt die meisten, ganz besonders auf der Übersicht des hergerichteten Feierplatzes.

Sehr mysteriös wird es in dieser Ausgabe. Zeichner und Autor Pierre Seron lässt es sich diesmal nicht nehmen, die phantastischen Genres zu parodieren. Da findet sich der gute alte Monsterfilm im Stile eines Godzilla ebenso wie das berühmt berüchtigte Bermudadreieck. Nur sind es hier riesige Pflanzen mit fleischfressendem Charakter, die angreifen (wenngleich sie scheinbar alles auffressen), bei den Ereignissen rund um das Bermudadreieck darf allerdings so manche wahre Begebenheit nicht fehlen. Ganz nebenbei werden einige Kurzgeschichten erzählt, in denen natürlich auch Gastauftritte nicht fehlen dürfen.

Doch zurück zu den Pflanzenmonstern, die es mir ganz besonders angetan haben. Wenn die riesigen Gewächse hier angreifen, dann steht der Spaß im Vordergrund. Pierre Seron und sein Autorenkollege Mitthei lassen nichts aus und legen zum Teil in ganz wenigen Bildern eine Pointe hin. Da verknallt sich die (mutierte) Topfpflanze in ihren Besitzer, weil er sie getränkt hat. Da lassen sich diese Viecher, die Geschosse eines Panzers wie Chili schmecken. Da wird eine Regenrinne zum Strohhalm und ein Milchtanklaster zu einem leckeren Schluck zwischendurch.

Obwohl der Fresskopf der Pflanzen nicht mehr ist als eine gelbe Kugel mit zwei Augen und einem unendlich dehnbaren Maul ist, erfüllen diese einfach gestalteten Kreaturen ihren Zweck. Wenn Seron die Anführerpflanze mit einer Art Hahnenkamm ausstattet, dann bleibt kein Auge trocken.

Weitaus phantastischer, aber mit nicht weniger Humor geht es in Das Dreieck des Teufels. Diese Geschichte und ihr direkter Nachfolger Das Volk der Tiefsee entführen in das berüchtigte Bermudadreieck. Alles beginnt mit der Mähr um die berühmte und sehr verschwundene Flugzeugstaffel der Avenger Staffel im Jahre 1945. Eben waren sie noch, sprachen über ein ungewöhnliches Meer unter ihnen, verloren die Orientierung, dann waren sie auch schon weg. Das Suchflugzeug, das ihnen hinterher geschickt wurde, verschwand ebenso spurlos.

Die Ereignisse, denen Renaud nachspürt, ziehen eine Spur bis in die Gegenwart. Ein Männlein, mit einer ähnlich missmutigen Pose wie der Korse aus Asterix in Korsika, gibt der Geschichte eine folgenschwere Wende. Und eine besonders phantastische noch dazu: Pierre Seron darf hier technisch wieder zeigen, was die Welt an Fluggeräten zu bieten hat (nicht, was er drauf hat, das hat er längst bewiesen und unterstreicht es einmal mehr). So wird gar ein ausgewachsener Flugzeugträger zur Kulisse des Abenteuers, bevor es … Na, alles soll auch nicht verraten werden.

Insgesamt ist die Geschichte auch eine Entführung in die Jugendzeit manches Lesers (vielleicht), der (wie ich vielleicht) mit Hörspielen um das Bermudadreieck oder sehr fantasievollen Themen groß geworden ist. Unterwassergleiter ziehen hier schließlich in den Kampf gegen Fischmenschen (erinnert an Der Schwarze Falke), gegen Riesenkraken (eine kleine Verbeugung vor Jules Verne). Hier legt sich das Autorenduo und Seron als Zeichner, und das ist das Schöne, keinerlei Grenzen auf. Erlaubt ist, was gefällt, die Spannung steigert oder zum Lachen einlädt. Das ist, mehr noch als zuvor, ein richtig pralles, sehr lebendiges Comic-Abenteuer von Anfang bis Ende. So, wie es sein soll.

Drei sehr starke albenlange Geschichten dominieren die vorliegende 5 Sammelausgabe der Minimenschen. Wer bislang mit dieser Perle des Cartoons noch nichts anfangen konnte oder sie gar noch nicht kannte, könnte hiermit zum Fan werden. 🙂

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Mittwoch, 02. Dezember 2009

Der Janitor 3 – Begegnung in Porto Cervo

Filed under: Thriller — Michael um 19:21

Der Janitor 3 - Begegnung in Porto CervoVince rennt dem Dieb durch die Gassen Roms hinterher. Handtaschenräuber sind hier nichts Ungewöhnliches. Ein Mann in der Kleidung eines Priesters, der einen Ganoven verfolgt, ist allerdings nicht alltäglich. Vince hat mehr als nur Glück. In einem kleinen hof kann er nicht nur den jugendlichen Gauner, sondern auch gleich die ganze Bande stellen. Die beiden Anführer, deutlich älter als ihre jugendlichen Gefolgsleute, wollen sich nicht von einem Priester einschüchtern lassen: Ihr Fehler. Vince ist weitaus mehr als ein Mann der Kirche. Diese Erfahrung machen auch die Gauner. Und wenn Vince ehrlich zu sich ist, dann sind es auch keine richtigen Gegner für ihn.

Die Vorfälle des Wochenendes in Davos haben dem Vatikan zu denken gegeben. Eigene, verstärkte Sicherheitsvorkehrungen scheinen wichtiger denn je zu sein. Bruder Vince, auch Janitor Trias genannt, verfolgt die Ereignisse aufmerksam. Pater Soffranello, der Vorgesetzte von Vince, lässt keine Zweifel aufkommen: Die Kirche befindet sich in einem spirituellen Krieg. Die Sekte vom Neuen Tempel wird ihre Fäden weiter spinnen, um an der Macht des Vatikans zu graben. Mehr noch: Es steht zu befürchten, dass die Unterwanderung der katholischen Kirche weiter fortgeschritten ist, als bisher angenommen wurde.

Die Größe des Vatikan-Staates täuscht über die Möglichkeiten seiner weltweiten Einflußnahme hinweg. Autor Yves Sente kennt sich mit dichten Verschwörungsszenarien und Thrillern aus. Er vermag es, sich in phantastischen Themen zu bewegen (Blake und Mortimer), aber ebenso weiß er sich in die Realität einzufinden. Der Janitor spielt mit den Geheimnissen, die zu allen Zeiten, auch heute noch, hinter den Mauern des Vatikans vermutet werden. Tägliche Meldungen wie auch diverse sehr erfolgreiche Thriller haben das Interesse an dieser Thematik wach gehalten.

Nach den vergleichsweise rasant erzählten Ereignissen der beiden Vorläuferbände schaltet Yves Sente hier einen Gang zurück. Bruder Vince, ein Beschützer und Agent im Dienste des Vatikans (man könnte sagen, dass er zu einer Art Inneren Abteilung gehört) ist die Kernfigur. Er ist jung, charmant, gut aussehend, sportlich, mutig, den Frauen nicht abgeneigt, kurzum: Wie kommt solch ein Mensch in den Schoß der Kirche?

Yves Sente nimmt den Leser mit in die Vergangenheit von Vince. Dieser erzählt einer an ihm (als Mann) nicht uninteressierten Journalistin, woher er kam und wie seine Verbindung zur Kirche entstanden ist. Diese Schilderungen, mit Unterbrechungen vorgetragen (und von Francois Boucq illustriert), sind mindestens ebenso spannend wie die Ereignisse in der Gegenwart. Kaltes Braun und Grau färbt die Erinnerungen und grenzt sie deutlich ab. Man könnte im Zusammenhang mit dem Aufbau der einzelnen grafischen Abschnitte von einem prachtvollen Bilderbogen sprechen.

Francois Boucq beginnt im Vatikan und kann sich anschließend der wunderbaren Kulisse Roms bedienen. Demgegenüber steht die sonnendurchflutete Küste Sardiniens und die eher triste Vergangenheit in New York. Im Krankenzimmer seiner komatösen Tante begegnet Vince einem kleinen Mädchen wieder, einem Mädchen, das nur er sehen (meistens jedenfalls) kann. Die augenscheinlich harmloseste Figur ist gleichzeitig die geheimnisvollste. Das Kind, angetan mit einem altmodischen Kleid, ist … Nun, sie hat sich noch nicht offenbart, aber Vince (und sicherlich auch der Leser) hegt einen Verdacht.

Die Gesichter der auftretenden Figuren sind filmisch, sie wirken wie gecastet, wie es auf neudeutsch heißt. Jede noch so kleine Rolle wurde mit einem Charakterkopf besetzt. Hier wird nichts mal eben über den Kamm geschert. Die entsprechenden Blickwinkel und Perspektiven sorgen für optimales Kameragefühl. Boucq zeichnet mit höchstem Sinn für Realismus, gerade so, als seien die Handlungsorte recherchiert und in jedem Detail so existent. Bilder, wie auch die Geschichte selbst, strahlen eine leise Dramatik aus, eine Dramatik, die in einem Finale gipfelt, das man so nicht hätte erwarten können.

Ein sehr guter dritter Teil der Reihe, der einerseits den bestehenden Handlungsstrang fortführt, andererseits auch eine Wende durch neue Hintergrundinformationen und neue Charaktere vorstellt. Sehr spannend, ohne die große Action-Keule zu schwingen. Ein Vorkenntnis der bisherigen Handlung ist erforderlich. 🙂

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