Montag, 14. November 2011
Falls ich irgendwas gewonnen haben sollte, ist es in der Post verloren gegangen. Meint Art Spiegelman über diesen Krieg, den die USA gewonnen haben. Wie war das denn mit den Anschlägen des 11. September 2001? Man glaubte, die Welt werde untergehen. Man glaubte zu wissen, wer die Feinde waren. Nachdem der erste Schock verhallte, war man nicht mehr so sicher. Viele machten sich wie Spiegelman Gedanken über den Anschlag. Wer steckte dahinter? Man wühlte in Details. Man wurde mit Details erschlagen. Radio, Fernsehen, Internet. Fakten, Fakten, Fakten, Mutmaßungen. Paranoia ging dem Krieg voraus. Fast ging darüber die Verzweiflung über den Verlust tausender Menschen im Blick der Öffentlichkeit unter. Aber eben nur fast.
Art Spiegelman mag den ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten, George W. Bush, nicht. Er nennt ihn in seiner Veröffentlichung ganz offen einen Verlierer. Er macht auch keinen Hehl daraus, was er von den Wahlen hält, die diesen Präsidenten ins Amt brachten. Leider war eben jener Präsident der maßgebliche Militärchef, unter dessen Regierung der Krieg gegen den Terror weltweit und öffentlich so richtig begann. Der 11. September 2001 wandelte das Gesicht einer Stadt, die wohl wie kaum eine andere das Symbol für Tatendrang, Fortschritt, den amerikanischen Traum ist. Folgerichtig heißt die Spiegelman-Veröffentlichung Im Schatten keiner Türme, denn die Zwillingstürme des World Trade Centers, die diesem Symbol die Krone aufsetzten, brachen durch die terroristischen Anschläge an eben jenem Tag in sich zusammen. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben.
Nicht ein Bild ist es, das Spiegelman vermittelt, doch die Summe der Bilder, der Blick auf ein Amerika, das so ganz anders ist als der amerikanische Traum, hat wenig gemein mit dem von Gott unterstützten Patriotismus, den die amerikanische Regierung in den Krisentagen und lange danach gerne vermittelte. Zuallererst, am 10. September 2001, schlafen die Amerikaner noch vor dem Fernseher. Am 11. September sträuben sich ihnen kurz die Haare, danach schlafen sie schon wieder fest. Art Spiegelman (und man muss kein besonderer Feingeist sein, um das zu erkennen) liebt sein Land, aber der (vornehmlich) kritiklose Umgang mit Geschehnissen, ein gewisser lethargischer Absturz, wird von ihm bitter kritisiert.
Unterschwellig rührt Spiegelman auch an dem Eindruck, als habe Amerika genau auf diesen Moment gewartet. Andererseits markiert der Anschlag auch das Ende einer Art Unschuld, auf beiden Seiten (obwohl zu dem Zeitpunkt bereits genug Schlachten geschlagen worden waren). Doch für den Big Apple war es wie ein Kopfschuss, der noch Zeit zum Nachdenken ließ. Und Spiegelman denkt nach. Er zieht Vergleiche. Er fürchtet sich, spricht sich auch einen gewissen Mut zu und entdeckt auch seine selten benutzte patriotische Seite. Auf zehn Seiten entwickelt er Bildcollagen, kurze Erzählungen und Feststellungen, die seine Gedanken zeigen. Immer wieder brechen hierbei die glühenden Stahlkonstruktionen der Türme durch, von denen am Ende die Imitation eines furchtbaren Kunstwerkes am Ground Zero übrig blieb.
Die Welt geht unter! Oder doch nicht? In einem melancholischen Cartoonstil, in dem er auch alte Bekannte seiner mit einem Pulitzer-Preis belohnten Veröffentlichung Maus heranzieht, wird der Betrachter manchmal direkt angesprochen, manchmal wird er zum Beobachter gemacht. Die Zeichnungen tendieren zeitweilig zur Karikatur, manchmal greifen sie einen alten, sehr alten Cartoonstil des letzten Jahrhunderts auf, manchmal vereinfacht er die Darstellung noch weiter. Das ist einprägsam und künstlerisch.
New York! New York! Der 11. September 2001 richtete einen neuen Blick auf New York, nicht den ersten. So stellt diese Veröffentlichung neben die zehn Seiten Spiegelmans weitere, die sich mit dem Mythos dieser Millionenstadt und natürlich Amerika beschäftigen. Zwischen 1902 und 1921 erschienen die ausgewählten Tageszeitungsstrips, die merkwürdigerweise Sichtweisen vermitteln, die nach teilweise über einhundert Jahren noch nicht völlig verschwunden sind, dafür aber stellenweise (z.B. Little Nemo) ungeheuer schön angelegt sind.
2004, bei Entstehung dieses Buches, dachte Art Spiegelman noch, die Welt gehe unter. Er denkt es noch weiterhin, musste aber feststellen, dass es viel langsamer dauert. Er bezeichnet sich selbst nicht als politischen Karikaturisten, da er glaubt, dafür zu langsam zu sein. Andererseits, wie er selbst mit seiner Einschätzung der Weltuntergangsgeschwindigkeit anmerkt, manchmal ist die Geschwindigkeit bei weitem nicht so wichtig, sind viele politische Anmerkungen lange Zeit nicht verkehrt. Ein interessanter Band, von einem Spiegelman, der eindeutig Stellung bezieht. Das ist weniger Unterhaltung als vielmehr schon ein zeitgeschichtliches Dokument. Ganz besonders, da Spiegelman hiermit in den USA ziemlich aneckte. 🙂
Im Schatten keiner Türme: Bei Amazon bestellen
Donnerstag, 10. November 2011
1276 Seelen. Ist es jedoch nur Wahnsinn über den Tod der Menschen, die einem mitleidlosen kriegerischen Akt im Shenandoah Valley zum Opfer fielen? Oder steckt hinter dem brutalen Verhalten des ehemaligen Gottesdieners noch mehr? Für Blueberry spielen die Motive keine Rolle. Für ihn ist es nur wichtig, rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein, um die Nichte eines hochrangigen Nordstaatenoffiziers zu befreien. Jim Thompson, der falsche Prediger, geht über Leichen. Sein Wahn wird nur durch die Berechnung seiner Anhänger übertroffen, die sich von seiner Gefolgschaft einen Vorteil versprechen. Kaum am Ziel angekommen, sticht Blueberry in ein Wespennest. Er ahnte, dass seine Aufgabe nicht leicht werden würde, doch mit dem Fanatismus der Menschen um ihn herum hat er nicht gerechnet.
Eine ungewöhnliche Atmosphäre: In zwei Abenteuern erzählt Francois Corteggiani einen Western, der Elemente einer Gruselgeschichte aufweist. Zuerst ist es nur der grauenhafte und völlig verblendete Fanatiker, der in 1276 Seelen sein Unwesen treibt. In der abschließenden Geschichte Erlösung hingegen steht Blueberry plötzlich ein Charakter zur Seite, mit dem er nicht gerechnet hat: Einer Hexe. In dieser Mischung fühlt man sich an verschiedener Figuren erinnert. Einerseits könnte der böse Reverend aus Poltergeist 2 für den Prediger Jim Thompson Pate gestanden haben. Andererseits hat das energische, sehr emanzipierte Auftreten der Hexe Ähnlichkeiten zur Figur der Ellen aus Die Säulen der Erde.
Corteggiani spielt mit dem Hexenmythos und Michel Blanc-Dumont, der bislang letzte in der Nachfolge von Jean Giraud als Zeichner der Western-Reihe, zeigt dem Leser nicht nur eine schöne Hexe mit feuerroten Haaren, er lässt sie auch in einer sehr stilechten Hütte leben, die aber echte Kerle (zu denen Blueberry gezählt werden darf) nicht abschreckt. Diese Umgebung strahlt eine Niedlichkeit aus, die sich im Rest der Gesamthandlung um den wahnsinnigen Prediger nicht noch einmal findet.
Blanc-Dumont zeigt eine harte Western-Welt, die schmutzig ist und armselig. Einzig in den feineren Unterkünften in den Städten, dort, wo die Militärs residieren und von fern versuchen, die Geschicke der Nation zu lenken, herrscht die die offensichtliche Zivilisation. Der Rest scheint im Hinterwäldlertum unterzugehen. Blanc-Dumont zeichnet Gesichter, die, so sie nicht ein langes Leben hinter sich haben, so doch vieles erlebten. Die Kleidung ist durchweg trist, Uniformen der Nordstaaten bilden einen Farbtupfer, die Haare der Hexe ebenfalls. Aber auch im Detail steckt Farbe, allerdings ist diese nicht so schön anzuschauen. Hier schließt sich der Kreis hin zu den Gesichtern: Es kommt der Zeitpunkt, da der Prediger seinen Wahnsinn in den Augen anderer gespiegelt sieht, gesteigert durch noch mehr Hass. An dieser Stelle wird die Stimmung teils mittelalterlich, teils sogar apokalyptisch.
Erlösung: So lautet der Titel des abschließenden zweiten Teils. Ein Titel, der eher höhnisch zu verstehen ist, denn erlöst wird hier niemand, allenfalls gerettet. Blueberry, der dank Blanc-Dumont in einem sehr fragilen Zeichenstil wirklich wahrhaft jung aussieht, findet selbst diese Erlösung nicht. Für ihn bleibt nur die Wut, bestenfalls die Enttäuschung über die neuerliche Ausnutzung seiner Person und seiner Gutmütigkeit. Corteggiani gibt dem Leser einen reichlich desillusionierten Blueberry, der sich auch mit einem Erfolg seiner Mission kaum trösten kann.
Ein ungewöhnlicher Zweiteiler um die Jugend von Blueberry, vor dem Hintergrund des Bürgerkrieges, ohne diesen aber direkt einzubeziehen. Spannend, auch hart, unterhaltend. Auf die neuen Ideen des Duos Corteggiani und Blanc-Dumont im nächsten Jahr darf man gespannt sein, denn hier enden erst einmal alle bisher erschienenen Blueberry-Abenteuer. 🙂
Die Blueberry Chroniken 18, Die Jugend von Blueberry, Der Tag der Finsternis: Bei Amazon bestellen
Mittwoch, 09. November 2011
Cassie Hack hat einen Traum: Ein normales Leben. Nicht diesen Kleinmädchentraum von Haus, Familie und weißem Gartenzaun. Cassie Hack wäre schon zufrieden, wenn sie nicht mehr auf die Jagd nach Slashern gehen müsste, sie ein Tageslichtleben leben könnte. Aber wie sollte sie sich von diesem Leben abnabeln können? Sie kennt kaum etwas anderes. Ihre Mutter war ein Slasher, ihr bester Freund Vlad sieht immerhin aus wie einer. Cassie hat die Nase voll, will sich fallen lassen, sie will mit ihrer Freundin zusammen sein. Prinzipiell wäre es möglich, nur hat sie zusammen mit Vlad in der Vergangenheit zu vielen Slashern den Garaus gemacht und dem Bösen zu oft vor den Kopf gestoßen. Aus der Jägerin ist die Gejagte geworden.
Menschlich, skurril, manchmal übertrieben, manchmal sehr humorvoll geht es weiter in der Saga um die junge Cassie Hack, die vom Schicksal dazu getrieben wurde, höllischen Serienmördern ein (meist blutiges) Ende zu bereiten. Aber der Reihe nach. Viele Helden erleben beizeiten ihre ganz persönliche Krise, wenn sie nicht sogar durch eine zum Helden wurden. Bei Cassie Hack ist beides der Fall. Tim Seely, Cassies geistiger Vater, schenkt seiner Heldin eine klitzekleine Atempause. Ihr Freund Vlad hingegen, auch weitere Freunde von Cassie, sie alle haben nicht so viel Glück.
Ein Jäger aus einer anderen Dimension betritt das Szenario, in seiner Konzeption schon sehr ungewöhnlich, mit weiblichem Bodybuilderkörper und Stoßzähnen ausgerüstet, sparsam bekleidet und sofort bereit, Gewalt einzusetzen. Ein kindlicher Gnom greift aus der Traumwelt nach den Guten und hetzt Figuren auf Vlad, aus den Albträumen von Superheldenzeichnern entsprungen scheinen. Und dann ist da noch die Polizei, die ein verständliches Interesse daran hat, ein paar selbst ernannte Rächer dingfest zu machen.
Tim Seely hat als Autor aber noch mehr zu erzählen und so erinnert das Szenario zeitweilig an eine Verbeugung vor H. P. Lovecraft (Cthulhu), vielleicht sogar vor Mike Mignola (Hellboy). Man könnte sogar behaupten und beschert Slashern einen eigenen Fanclub, der Cassie das Leben zusätzlich erschwert. Diverse Zeichner interpretieren die düsteren Abenteuer. Dabei stechen einige hervor, im Rahmen der Erzählung wie auch bei den Titelbildern.
Erik Jones, der das Titelbild der 20. US-Ausgabe (eine Variante) gestaltete (auch hier auf dem Titelbild), scheint in der Schauspielerin Emma Stone (Zombieland) eine mögliche Inkarnation für die große Kinoleinwand zu sehen. Das Motiv ist beinahe klassisch zu nennen und erinnert fast schon an eine Salome. Der nachdenkliche Ausdruck auf Cassies Gesicht findet sich auf anderen Titelbildern seltener. Joel Humberto Herrera greift das Salome-Motiv einmal mehr auf, deutlich süffisanter und gemäldeartiger. Ein Drew Johnson sieht im Verbund mit den Künstlern Paul Wee und Lizzy John eher eine Painkiller Jane in Cassie.
Im Innenteil ist selbstverständlich eine überwiegend realistische Darstellung Trumpf. Gewalt gibt es (das bleibt bei dem Thema auch kaum aus), sie hält sich aber in Grenzen, ist eine Spitze, mehr nicht. Spaßfaktoren sind Figuren wie Pooch, eine Art dämonischer Hund, mit einem sehr gewöhnungsbedürftigen Aussehen, eine hündische Variante zu Chewbacca, nur nicht so sympathisch, viel kleiner, ohne Fell und im Gegensatz zu seinem Pendant aus dem Weltraum kann er verständlich sprechen. Andere Figuren sehen lustig aus (wie einst Chucky, der auch schon mitspielen durfte), sind es aber nicht. Ross Campbell weiß mit seiner Episode des verrückten Postboten und einer kleinen Ermittlerin sehr zu gefallen. Stilistisch etwas mangaesk angelegt, ist die Hauptfigur Cat Curio eine Art Nachwuchs-Buffy, aus der noch hätte etwas werden können …
Ein praller sechster Band der Reihe, mit vielen tollen Einfällen, von einem Tim Seely, der seine Heldin bis an den Rand des Abgrunds und darüber hinaus treibt. Grafisch stilistisch vielfältig sind die Abenteuer von Cassie Hack nicht nur für Fans interessant. Allerdings sollte mit Band 1 begonnen werden, denn die Kenntnis der bisherigen Ereignisse ist sinnvoll. 🙂
HACK/SLASH 6, Zeit zu leben, Zeit zu slashen: Bei Amazon bestellen
Dienstag, 08. November 2011
Könnte Judas Ischariot seinen Selbstmordversuch überlebt haben? Die Hinweise verdichten sich, dass der Apostel, der Jesus verriet, nicht am Baume hängend starb, sondern im Raume Griechenlands seine letzte Ruhestätte fand. Und mit ihm die dreißig Silberlinge, die er für seinen Verrat einst erhielt. Blake und Mortimer sind bereits in die Angelegenheit verwickelt. Colonel Olrik, ein alter Bekannter der beiden Abenteurer, hat sich mit Rainer von Stahl verbündet, einem ehemaligen SS-Offizier, dem es nach dem Zweiten Weltkrieg gelungen ist, Goldreserven außer Landes zu schaffen und unterzutauchen. Ein Wettrennen hat begonnen, denn von Stahl ist von einer mystischen Macht der dreißig Silberlinge überzeugt und setzt alles daran, diese an sich zu bringen.
Ein britisches Kommandounternehmen soll Colonel Olrik erneut verhaften. Die nächtliche Aktion wird in aller Ruhe vorbereitet, auch die Soldaten gehen in der Nacht des Einsatzes mit höchster Professionalität zu Werke. Dennoch ist ihre akribische Vorgehensweise keine Garantie für einen Erfolg. An Bord des geenterten Schiffes, auf dem sie Olrik anzutreffen erwarten, müssen sie feststellen, dass man sie in eine Falle gelockt hat.
Jean van Hamme, erprobter Autor von Thrillern (insbesondere langjähriger Autor von XIII und Largo Winch), hat sich inzwischen erfolgreich der von E. P. Jacobs ins Leben gerufenen Blake und Mortimer angenommen. Der Reiz des Szenarios liegt sicherlich in der nostalgischen Beschreibung der Nachkriegszeit, bevor der Krieg so richtig kalt wurde. In der klaren Linie präsentiert sich ein Abenteuer in einer Mixtur eines Rätsels aus Indiana Jones mit dem Flair alter Militärkommandostreifen im Stile von Die Seewölfe kommen.
Van Hamme gelingt es aber auch die Atmosphäre alter Abenteuerromane einzufangen, so wie es einem Arthur Conan Doyle mit Die vergessene Welt gelang oder einem Henry Rider Haggard mit seinen Geschichten um Allan Quatermain. Obwohl diese Autoren 1925 bzw. 1930 starben, versprühten die frühen Abenteuer von Jacobs noch diesen Charme und gleichzeitig sind sie immer noch vorbildhaft für so manche Abenteuer, das heutzutage das Licht in der weiten Medienlandschaft erblickt. Aber eines findet sich hier nicht: Zwiespalt. Blake und Mortimer gehören nicht zu der neuen Sorte von an sich zweifelnden Helden. Hier heißt es: Ein Mann, eine Aufgabe. Und natürlich stets: Very british.
Die Spannung entsteht hier durch eine ausgeklügelte Spurensuche. Am Ziel und doch kein Fund! Bis eine Spur gefunden wird, nicht unbedingt zufällig, sondern weil man an der falschen Stelle geschaut hat. Ein Hinweis führt weiter und schließlich sind wieder die Häscher oder auch die kriminellen Konkurrenten gleichauf. Van Hamme schlägt die Haken der Geschichte, die Antoine Aubin sowie Etienne Schreder mit einer guten klaren Linie zu Papier bringen und sich so perfekt (und hätte es keine ausdrückliche Namensnennung gegeben, fast schon unbemerkt) in die Reihe der Zeichner der Serie einfügen.
Ein sehr gut erzählter zweiter Teil der Saga um die dreißig Silberlinge. Van Hamme spielt mit militärischen Passagen, detektivischen durchaus auch und nicht zuletzt weiß die mystische, archäologische Komponente ganz besonders zu fesseln. Schöne und spannende Ideen in klassischem klaren Zeichenstil. Feine Abenteuerunterhaltung. 🙂
Blake und Mortimer 17, Der Fluch der dreißig Silberlinge 2, Die Pforte des Orpheus: Bei Amazon bestellen
Montag, 07. November 2011
Jerry spring hat schon lange nichts mehr von seinem Freund Pancho gehört. Da Pancho auch zu denen gehört, die sich durch einen gewissen Übermut, auch Unbeherrschtheit mitunter in Schwierigkeiten zu bringen, hat Jerry allen Grund sich Sorgen zu machen. Als ihn ein Brief erreicht, hält er ihn fälschlicherweise für eine Nachricht von Pancho. Aber es handelt sich nur um eine Bitte, auf Chico, Panchos Neffen, aufpassen. In gewisser Weise kann Jerry dankbar sein, denn Chico entpuppt sich in der nächsten Zeit als überaus wichtiger Helfer.
Kaum ist das Abenteuer um Pancho, den Banditen beendet und alle Rätsel gelüftet, kann Jerry Spring mit seinem Freund zusammen nach bester Cowboy-Manier Jagd auf Die Broncos von Montana machen. Die Armee braucht neue Pferde. Jerry und Pancho kommen dieser Aufgabe gerne nach, allerdings gibt es bereits zu Beginn Schwierigkeiten. Nicht nur, dass sie die schlechteren Jagdgründe erwischen, Indianer vom Stamme der Dakota wollen nicht, dass Weiße ihnen die Wildpferde von ihren Weidegründen rauben.
Mein Freund Red und Die Rächer der Sonora sind ebenfalls kernige, sich echt anfühlende Abenteuer. Ersteres umweht noch ein Hauch Melancholie. Jije erzählt von einer Männerfreundschaft, ein Zustand, der früher in Western immer wieder gerne thematisiert und dramatisiert wurde. Entweder, so wurde es immer wieder gezeigt, verließ man sich auf sich selbst oder man verließ sich auf einen guten Freund. Westernkenner wissen, wie oft gerade letzteres sich als trügerisch herausstellte.
Jije (bürgerlich: Joseph Gillain) zeigt in den in der vierten Gesamtausgabe versammelten vier Abenteuern einen routinierten, einen sehr ernsthaften Jerry Spring. Spring ist der erwachsene Cowboy , während sein Freund Pancho mit wehenden Fahnen oder mit dem Schalk im Nacken vorauseilt. Die Ernsthaftigkeit, mit der sich Jerry Spring hier präsentiert ist vergleichbar mit der heroischen Gestalt von Mein großer Freund (mit Alan Ladd), besitzt aber genügend Normalität, um als Identifikationsfigur herzuhalten.
Im Vorfeld der vier Geschichten widmet sich ein sehr informativer und interessanter Teil der akribischen Arbeitsweise von Jije. Als Zeichner verschrieb er sich dem Realismus (ich glaube, ich habe seine Pferdedarstellung hier schon gelobt), fand aber auch einen Weg mit einer Spur Abstraktion der Darstellung des Wilden Westens seinen Stempel aufzudrücken. Nie verlor er sich in übermäßigen Details. Sein Strich bleibt manchmal vage, mal lässt er die Tusche arbeiten. Aber immer erkennt das Auge alles Nötige, komplettiert es das Bild. Dieser Umstand wird besonders im reinen Schwarzweißabdruck dieser Reihe deutlich und lässt so noch mehr zu, sich mit Jijes Technik auseinanderzusetzen (obwohl er ebenso meisterlich mit Farbe umzugehen verstand).
Meisterhaftes Spiel mit Licht und Schatten: In Nachtszenen wie auch Tagszenen, die sich auf Plätzen oder beschatteten Umgebungen abspielen, entwickelte Jije bereits eine ungeheure Kamerawirkung in seinen Bildern. Für das Auge entstand so eine Mixtur, die mit Naheinstellungen einer Fernsehserie aufwartete und gleichzeitig Perspektiven und Panaromabilder brachte, die einfach schönes Kino waren. Sobald Pferde, allgemein Tiere oder auch rasante Bewegungsabläufe im Spiel sind, wird Jijes Meisterschaft der Darstellung ganz besonders deutlich.
Toll: Einer der zweifellos besten Westernhelden, immer noch jung, mit zwei Geschichten, in denen es sich im Kern um Freundschaft dreht und die anderen beiden aktionslastiger ausfallen. Beste Comic-Unterhaltung, für Westernfreunde uneingeschränkt empfehlenswert. 🙂
Jerry Spring Gesamtausgabe 4: Bei Amazon bestellen
Mittwoch, 02. November 2011
Der Kampf der Römer gegen die Barbaren hat einen für die kampferprobte Weltmacht unerwarteten Ausgang genommen: Die Römer haben die Schlacht verloren. Nun setzen einige Krieger auf dem Schlachtfeld bei den noch wenigen Überlebenden den Todesstoß an. Doch ein Mann, dessen Tod man bereits sicher wähnte, wird schwer verletzt zwischen all den Leichen gefunden. Wieder daheim hat der Mann mit dem Namen Aquilus nur einen Gedanken: Rache. Wer könnte ihn verraten haben? Im Schutze der Nacht schleicht er sich über die Dächer und dringt in ein Schlafgemach ein. Der überraschte Mann hat keine Wahl: Er gibt den Verräter preis.
Mächtige Artefakte: Sie sind das Etappenziel hin zur Beherrschung der Menschheit. Ihr Name: Edensplitter. In den Gegenwartsbeschreibungen des vorliegenden zweiten Bandes der Trilogie könnte, hätte nicht Eric Corbeyran die Handlung geschrieben, auch ein Regisseur wie Luc Besson (z.B. Nikita oder Das fünfte Element) das Zepter geführt haben. Während Desmond, in einer Apparatur sitzend in der Vergangenheit forscht, auf der Suche weiteren Informationen, die bei der Beschaffung der Artefakte nützlich sein können, geht die Jagd draußen weiter.
Der Handlung in der Vergangenheit, genauer im Römischen Reich, kommt eine weitaus größere Bedeutung zu als noch im ersten Band. Aquilus, wie das andere Ich von Desmond in dieser Zeitspanne heißt, erhält nicht nur neue Hilfsmittel bei seiner Suche, der Leser darf auch einen Abstecher in sein Zuhause machen. Es ist ein Moment der Ruhe, der nicht lange dauert. Eric Corbeyran zeigt nämlich, dass die Ausflüge von Desmond in der Gegenwart Folgen haben.
Die kühle Architektur aus dem ersten Band ist der Natur und einer rasanten Verfolgungsjagd gewichen. Nachtszenen, in denen der Assassine, der Attentäter, in seinem eigentlichen Element ist, beherrschen einen großen Teil der vorliegenden Handlung. Das römische Szenaro, jene Abschnitte, die von der Vergangenheit des Aquilus erzählen, reizt hierbei diesmal ganz besonders, da sich hier mehr Gefühl findet, als in den Sequenzen, die in der Gegenwart handeln. Die Figur des Aquilus ist deutlich mehr eingebettet und mit Hintergrundgeschichte versehen als jene des Desmond, der letztlich nur nacherleben und nichts mehr ändern kann.
Alles Technische, auch Gebäude werden mit großer Sorgfalt abgebildet, präzise, mit dem Auge eines Kulissenbauers. Hier könnte Zeichner Djillali Defali durchaus Vergleichen zu modernen Storyboards standhalten, in denen bereits jede noch so kleine Kamerafahrt exakt vorgegeben ist. Und Film ist das Stichwort: Sicherlich ist ein Computerspiel die Vorlage und die Macher des Comics hatten bestimmten Vorgaben zu folgen, die Einflüsse jüngerer Sehgewohnheiten auf der Kinoleinwand lassen sich jedoch sehr gut an den sehr strukturiert aufgebauten Bilderfolgen ablesen.
Die Gesichter, die von Djillali Defali entworfen werden, sind nicht ganz so individuell, wie sich die restlichen Bestandteile der Illustrationen darstellen. Mitunter könnten Gesichtsausdrücke mehr Nuancen aufweisen, denn emotional geht es in weiten Teilen der Handlung auch zur Sache. Ansonsten würde diese kleine Schwäche kaum auffallen.
Desmond Niles hat seine Rolle innerhalb des geheimen Krieges angenommen: Längst ist er kein Neuling mehr. Autor Eric Corbeyran hat die Geschwindigkeit der Geschichte einerseits angezogen, andererseits durch eine Verringerung von Handlungsorten auch verdichtet. Eine filmisch gestaltete Bildfolge von Djillali Defali macht aus dem zweiten Teil der Trilogie spannendes Action-Kintopp im Comic-Format. 🙂
Assassins Creed 2, Aquilus: Bei Amazon bestellen
Aquilus reitet langsam zum römischen Lager. Zwar erklärt er, eine Nachricht für General Gracchus zu haben, doch so recht glauben, will ihm niemand. Der Assassine wird dennoch zum römischen Heerführer vorgelassen. Die Bewachung ist streng, Schwerter sind direkt auf seinen Kopf gerichtet. Der General hat sich seine eigene Meinung zu dem Mann gebildet, der sich kühl und beherrscht gibt und nicht zu begreifen scheint, in welcher Gefahr er sich befindet. Im nächsten Augenblick spielt die Situation keine Rolle mehr. Ein roter Vorhang zieht sich zu. Ein Mann kehrt in die Gegenwart zurück. Diese Szene ereignete sich in ferner Vergangenheit und ist bloß noch eine Erinnerung. Wenn auch eine von großer Intensität.
Mr. Niles, der Mann, dem es gelingt, mit seinen Erinnerungen derartig weit abzuschweifen, liegt im Dämmerzustand auf einer unbequemen Unterlage und hört nicht, wie sich einige Menschen um seine körperliche Zukunft Gedanken machen. Kurz: Ob sie ihn noch brauchen können oder besser entsorgen und sich ein neues, besseres Versuchsobjekt suchen. Das Leben von Mr. Niles hängt am seidenen Faden und diesmal ist es keine Erinnerung.
Menschen mit Verbindung zur Vergangenheit: Ihr Wissen ist kostbar, nur haben sie selbst nichts davon. Desmond Niles ist ohne es zu wollen in einen zwischen Templern und Assassinen hineingeraten. Die Auseinandersetzung spielt sich seit Jahrhunderten hinter den Kulissen der gesellschaftlichen Ereignisse ab. Der Reiz der Geschichte entsteht durch den Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Im Labor wird Desmond stets aufs Neue in die Vergangenheit geschickt, nicht einmal nur in eine Epoche, nein, gleich in mehrere und an wechselnde Orte. Auf den ersten Blick mag das ein wenig verwirrend sein, da Eric Corbeyran, der Autor, nur zögerlich das Geheimnis um die Zeitsprünge lüftet.
Die Assassinen: Desmond, der zwar in der Gegenwart als Barkeeper arbeitet, gehört dennoch dieser uralten Sekte an. Die Erinnerungen, die hier abgerufen werden, sind spektakulär, sicherlich auch modern gezeigt, wie es sich für die Darstellung von Action heutzutage gehört, aber sie sind bei weitem nicht so überbordend, wie es sich ebenfalls eingebürgert hat. So findet das Auge in den feinen Zeichnungen von Djillali Defali genügend Halt, auch um den Gesamteindruck gebührend zu genießen.
Der Strich von Djillali Defali trägt einer modernen Optik Rechnung, ist sehr realistisch und hätte auch in Zusammenarbeit mit bekannteren Thriller-Autoren wie Christophe Bec (Prometheus) eingesetzt werden können. Die Hintergründe in der Gegenwartsdarstellung sind sparsamer gezeichnet. Kühle Architektur lässt Raum für die Intrigen im Vordergrund. Wärmer werden die Bilder in der Bar, in der nächtlichen Stadt, aber auch besonders in der Vergangenheit, die durch Farbe und Ausstattung jeweils eine sehr schöne und intensive Atmosphäre verströmen.
Obwohl ein Spiel die Vorlage des Comics bildet, ist keinerlei Kenntnis desselben notwendig. Nach und nach erschließt sich ein Geheimnis in diesem ersten Band einer Trilogie, aber nicht vollends, denn durch die rückwärts gerichteten Zeitsprünge erweitern die neuen Informationen das Rätsel noch. Wer es mystisch, mysteriös und mit einer ordentlichen Portion Action sowie einer Prise Science Fiction versehen mag, der sollte einen Blick in diese toll illustrierte Geschichte werfen. 🙂
Assassins Creed 1, Desmond: Bei Amazon bestellen
Montag, 31. Oktober 2011
Pluto würde sie sehr gerne haben: Diese wunderbare Hundehütte in der Auslage des Geschäftes ist wie für ihn gemacht. Und tatsächlich stehen die Chancen, sie auch zu bekommen, gar nicht so schlecht. Immerhin steht Weihnachten vor der Tür. Also gibt sich Pluto die allergrößte Mühe ein sehr verträglicher und umgänglicher Hund zu sein. Auch wenn das bedeutet, besonders lieb, nett und geduldig mit der Nachbarskatze zu sein, einem Kater, der nicht umsonst den Namen Luzifer trägt.
Das Titelbild des vorliegenden Bandes zu Disneys Weihnachtsklassikern greift zu kurz: Es sind noch einige Bekannte mehr in diesem Album vertreten. Am beliebten Thema Weihnachten kommen gerade die Einwohner aus Entenhausen nicht vorbei. Den Anfang macht ein Zeichner und Autor, der sich um die Ducks verdient gemacht hat: Carl Barks nimmt den Leser 1952 mit nach Weihnachten in Kummersdorf. Donald Duck ist allenfalls ein zeitweiliger Glückspilz, der häufig ins Fettnäpfchen tritt oder nicht ein noch aus weiß. In Kummersdorf hingegen ist jeder Tag grau und jeder andere aus Entenhausen, sogar Donald, hat es besser als die Einwohner dort. So ist diese Episode geprägt vom Füreinander und den Anstrengungen gerade jenen einen schönes Weihnachten zu bereiten, die es sich ansonsten nicht leisten können. Barks macht vor, was die anderen Autoren befolgen: Mit Herz und Verstand eine heitere Geschichte erzählen.
Einer meiner Lieblingszeichner neben Carl Barks, nämlich Al Taliaferro, kommt mit einer kleinen Episode, Kuss-Schluss, von 1940 leider etwas kurz. Ihm wie auch Jack Hannah liegen die schmalen Duck-Gesichter mit einem lang gezogenen Schnabel und sehr betonten Augen. Rund zehn Jahre bevor Barks die Eintrittsgeschichte dieses Bandes zeichnete, sind die Szenen von Hannah und Taliaferro deutlich mehr von der Slapstick der 40er Jahre geprägt und noch lange nicht so gefühlvoll weihnachtlich wie Weihnachten in Kummersdorf.
Mit 13 Geschichten wird ein schöner Querschnitt der Entenhausener Bürger gezeigt. Es kommen nicht nur Donald und seine Verwandtschaft vor (Oma Duck und Franz dürfen auch nicht fehlen), sondern auch Micky, Minnie, Mack, Muck, Pluto und Goofy sind mit von der Partie. Kater Karlo und die Panzerknacker sorgen für eine ordentliche Portion Tumult. Gustav Gans darf einerseits den netten Helfer spielen, andererseits in der Episode Wertvolle Weihnachtspakete zum energischen und dreisten Widersacher von Donald mutieren. Und das nur wegen eines Lebensmittelpaketes. Diese wie auch ein paar weitere Episoden liegen hier in der deutschen Erstveröffentlichung vor. Mau Heymans, der niederländische Zeichner, kann stilistisch seine Nähe zu den klassischen Vorlagen eines Carl Barks nicht leugnen.
Weihnachtsgeldtransport: Als sehr kurioses Szenario empfand ich immer wieder die Idee, Micky und Goofy als Lokführer im Wilden Westen einzusetzen. So spielt die Handlung hier zwar vor weihnachtlichem Hintergrund (von Paul Murry gezeichnet), aber entwickelt sich dennoch zu einer kleinen Detektivgeschichte, eine Rolle, die Micky nicht nur in diesem Abenteuer mit Bravour meistert. Von der sehr natürlich knuffigen, auch goldenen Vergangenheit geht es schließlich von Geschichte zu Geschichte mehr in die Gegenwart hinein.
Mit Tannenbaumtumult und Don Rosa kommen die Weihnachtsklassiker in den 80er Jahren an. Dort wird allerdings nur kurz verweilt. In den 90ern, selbst zu Beginn des neuen Jahrtausends entsteht das Gefühl einer stilistischen Rückorientierung, sehr kräftig gezeichnet, mit weitaus mehr gebogenen Körpern, die sich sogleich in einem Cartoon in Bewegung setzen könnten. So kann Das größte Geschenk mit Micky von 1998 einfach nur begeistern. Vielleicht auch aus dem Grund, da sogar ein Kater Karlo vom Geist der Weihnacht erfasst wird und einen bösen Streich wieder gut macht.
Eine sehr schöne Sammlung, mit sehr unterschiedlich ausgerichteten Handlungen. Von heiter-besinnlich über kurios-komisch bis humorvoll-spannend ist alles dabei. Für Disney-Fans eine gute Einstimmung auf die Weihnachtszeit (für alle anderen eigentlich auch, denn die Geschichten sind, ganz gleich wann entstanden, schlichtweg zeitlos). 🙂
Walt Disneys Weihnachtsklassiker: Bei Amazon bestellen
Samstag, 29. Oktober 2011
Bei Freddo trifft sich alles. Wo sonst? Auch Canardo lässt sich dort blicken, allerdings ist er kein gern gesehener Gast. Als der Fremde in den kleinen Ort zurückkehrt, sieht er zuallererst einen Canardo, der bäuchlings im Dreck vor der Tür landet. Nach einigen aufbrausenden Worten macht sich Canardo auf den Weg und kehrt der Szenerie den Rücken. Fernando, der Fremde, kehrt zunächst unerkannt in der Kneipe ein. Mittels eines kleinen Tricks, den nur er vermag, gibt Fernando seine Identität preis. Für Gisela ist er bereit, sich Ärger aufzuhalsen. Leider ist Gisela längst tot.
Der aufrechte Hund ist jemand, der vom Regen in die Traufe kommt. All die Geheimnisse, die er aufdeckt, werden von Seite zu Seite furchtbarer. SOKAL, Autor und Zeichner von CANARDO lässt seine titelgebende Hauptfigur eher am Rande auftreten, wie einen Humphrey Bogart, der sich nicht aus der Deckung traut. Deutlich zentraler ist sein Auftritt in Das Zeichen des Rasputin:
Jener Rasputin, ein brutaler, trinkender, sadistischer Bandenchef hat sich mit seinen Kumpanen in den hintersten Winkel von Sibirien verkrochen. Nur eine Sache bedauert er in seinem Leben: Keine Kinder zu haben. Die Nachricht, eines seiner Kinder könne möglicherweise überlebt haben, bringt ihn immerhin dazu, einen seiner Leute auf die Suche zu schicken. Canardo findet das verlorene Kind zuvor eher zufällig und springt helfend in die Bresche, so wie immer gerne bereit ist, einer Frau zu helfen, die ihn anzieht. SOKAL entwirft seinen Helden als Zyniker mit Vergangenheit, die von Zeit zu Zeit ein Stückchen ans Licht geholt wird. Schon nach dem ersten Abenteuer in diesem Band wurde deutlich, dass Canardo kein Händchen für Frauen hat. Die zweite Geschichte zementiert diesen Umstand noch.
Wie der Titel der dritten Geschichte Ein schöner Tod außerdem deutlich macht: Sokal liebt das Düstere und er parodiert es, indem er es gehörig auf die Spitze treibt. Canardo, der typische Detektiv im Trenchcoat ist alles andere als ein guter Charakter. Da verlässt eine Kugel schnell den Lauf. Canardo hat seine Momente des Erschreckens, doch meistens lassen ihn die Ereignisse um ihn herum kalt. Es scheint bereits in diesem frühen Stadium der Reihe nichts und niemanden mehr zu geben, das oder der ihn aus der Reserve locken kann. Die eigene Feststellung, er sei ein Held quittiert er mit einem trockenen Lachen.
Sokal parodiert die Schwarze Serie Hollywoods, die Tierfiguren, allen voran die Ente Canardo sind hier keine Parodien, mehr grobschlächtige, gemeine Typen oder, optisch frei übersetzt, völlig arme Schweine. Sokal zeichnet seinen Charakteren Eigenschaften auf den Leib. Der Wahnsinn (oder bestenfalls Ansätze hiervon) blitzt aus den Augen der Figuren. Häufig entstehen Situationen, die eine derartige Angst schüren, so dass für andere Emotionen kein Platz mehr bleibt. Interessanterweise greift nur ein einziges Mal ein Mensch in die Handlung ein, eine Art Dr. Moreau, unheimlicher und furchtbarer als sein filmisches Original.
Will man den Zeichenstil dieser ersten drei Abenteuer unbedingt vergleichen, so ist Sokal hier in der Nähe von Robert Crumb (Fritz the Cat) zu suchen. Stilistisch ist bei ihm eine gewisse Anarchie zu finden. Der Tuschestrich variiert fett bis ultrafein. Auffallend ist im zweiten und dritten Abenteuer die Inszenierung, die hier wörtlich genommen werden kann. Die Figuren werden in Szene gesetzt, sehr theatralisch, bühnenartig mit Ansichten, Lichtspielen und Blickwinkeln, die schon in frühen Stummfilmen funktionierten. Atmosphäre wird hier nur über das Bild transportiert. Text ist Beiwerk. Das beste Beispiel hierfür ist die Figur des Bronx in Ein schöner Tod. Der riesige Bär spricht so gut wie kein einziges Wort. (Und sogar diese sind mehr Laute der Wut als Worte.)
Bitterböse, gemein, zynisch: Canardo tastet sich an die Figur heran, die sie heutzutage zivilisierter ist. Ein Tierleben ist hier gar nichts wert, Liebe verschwindet schneller, als sie kommt. Canardo kann nichts mehr überraschen. Mit rabiatem Einfallsreichtum schickt Sokal seinen abgehalfterten Ermittler mit dem müden Gesichtsausdruck in die Abgründe seiner eigens von ihm kreierten, mitunter schaurigen Gesellschaft. 🙂
CANARDO, Sammelband 1: Bei Amazon bestellen
Oder bei Schreiber und Leser.
Donnerstag, 27. Oktober 2011
Douglas hat den Glauben an sich verloren, an seine Idee eines Neuanfangs. Die abgeschottete Sicherheit hat nicht funktioniert. Die Gefahr kam von innen. Seine Frau ist tot. Douglas ist froh, dass es wenigstens einen Rick Grimes gibt, dem es gelingt, die Menschen um sich herum zu motivieren und anzuleiten. Douglas selbst will nicht mehr. Die Stimmung innerhalb der Gemeinschaft ist nach den Vorfällen der letzten Zeit allgemein nicht gut. Es fehlt an Hoffnung. Kleine Erfolge sind nicht in Sicht. Und die allseits vermittelte Sicherheit, das zeigt sich allzu bald, ist trügerisch. Die Zäune wurden zwar mit viel Elan errichtet, doch dafür wurde umso weniger Sachkenntnis angewendet. Und die Untoten warten bloß auf ihre Gelegenheit.
Robert Kirkman räumt auf! Nicht auf Anfang, aber auch nicht auf Los! Robert Kirkman, der Autor von THE WALKING DEAD schließt wieder eine Runde ab. Die Helden, die der Leser bisher verfolgen durfte, kamen zuletzt in einer kleinen Siedlung an. Strikt abgeschirmt von außen, war es für die Neulinge in dieser Gruppe eine große Umstellung. Das Leben sollte auf einmal friedlich sein (war es natürlich nicht), es sollte Normalität einziehen (auf eine gewisse Art tat es das), doch so richtig konnte die alte Welt nicht mehr beschworen werden. Zu viel war geschehen. Die Neulinge in der Siedlung unterlagen einer ständigen Nervosität, hervorgerufen durch ein lang erlerntes (und berechtigtes) Misstrauen.
Nun ist es also wieder so weit! Nach einigen Menscheleien, auch Schwierigkeiten aus der alten Welt, denen man nun nicht mehr mit alten Verfahrensweisen begegnen kann, melden sich die Monster der neuen Welt mit alle Gewalt zurück. Die kleine Siedlung wird von Robert Kirkman an den Rand des Untergangs getrieben. Eine Autorenaufgabe ist der sorgsame Aufbau von Charakteren und die anschließende, meist versuchte Vernichtung derselben. Die Figuren, allen voran Rick Grimes, der ehemalige Polizist, oder Michonne, die Frau mit dem Samuraischwert, wehren sich inzwischen gegen ihren Untergang. Aber Kirkman wäre nicht Kirkman, würde den Leser nicht bis zum Schluss darüber im Unklaren lassen, ob es ein hoffnungsvolles Ende gibt oder eben nicht.
Charlie Adlard kann den Zusammenbruch nach einer relativ kurzen Einleitung starten. Nicht nur die Untoten, sondern auch der ganz normale Jahresablauf fordert seinen Tribut. Der Winter steht vor der Tür. Schneeflocken fallen. In der mittlerweile versierten Schwarzweiß-Optik entspinnen sich einige menschliche Dramen, die durch ihre Erzählung nicht weniger spannend sind als das Aufeinanderprallen von Menschen und Untoten in den letzten beiden Dritteln des vorliegenden 14. Bandes.
Adlard legt den Schwerpunkt der Arbeit auf die Charaktere. Hintergründe spielen hierbei eine untergeordnete Rolle. Innerhalb von Räumen wirken Schatten, geben ein wenig Tiefe. Ein Möbelstück sorgt für Räumlichkeit. Außen sind es nur wenige Details, die helfen, eine Perspektive aufzubauen. Der Leser gewinnt sehr schnell den Eindruck, überall nahebei zu sein. Frontal, seitlich, von schräg oben oder auch aus einem versteckten Blickwinkel, der dem Leser suggeriert, er sei heimlich dabei. Inmitten der Kämpfe gibt es häufiger einen gnädigen Abstand auf das ebenso gnädige Schwarzweiß.
Das Aussehen der Untoten, eigentlich einmal ein Blickmagnet, gerät deutlich in den Hintergrund. Die Blicke der Akteure sind viel wichtiger geworden. Sie haben Angst, sie treffen Entscheidungen, auch unbarmherzige. Das ist szenisch packend, rasant und messerscharf eingefangen. Manche Sequenzen sind ein Atemanhalter. Einzig die Texte, wenn auch gering gesetzt in solchen Momenten, bremsen das Umblättern aus. Am Ende geht es um Alles oder Nichts. Die Bildfolge insgesamt wäre auch als Stummfilm lesbar (und verständlich).
Und wieder ist alles offen: Robert Kirkman hat den Trick hinbekommen, jedes Ende völlig lose im Raum stehen zu lassen. Sich auszumalen, wie es weitergeht, ist unmöglich. Nachdem wieder ein Handlungsstrang besiegelt scheint, kann der Leser nur auf den nächsten Band warten, um zu sehen, die Überlebenden den Winter überstehen werden. Eine geniale 14. Episode, aber nichts für Leser, die mit dem Horror-Genre nichts anfangen können. 🙂
THE WALKING DEAD 14, In der Falle: Bei Amazon bestellen