Montag, 06. Februar 2012
Der König macht sich durch seinen Umgang nicht gerade beliebt. Sein Stand innerhalb des Hofes ist schlecht. Missgunst trifft ihn häufig durch taxierende Blicke. Ein Mann in seiner Position sollte das Königsgeschlecht fortführen, er sollte einen Nachkommen zeugen. Eine Ehe, in der er noch nicht einmal das Bett mit seiner Frau geteilt hat, da ihn offensichtlich das schöne Geschlecht nach eigener Aussage nicht lockt, ist nicht dazu da, den Fortbestand seiner Linie des Königsreiches zu sichern. Die Königin will diesen Worten keinen Glauben schenken. Die junge Frau an der Seite des Königs ist die Ursache für Gerüchte und ihre Gegenwart ist ein Quell des Spotts wider die Königin.
Mag er Frauen nun oder nicht? Wie es scheint, mag der König nur seine Frau nicht. Ariane de Troil hingegen hat es geschafft, ihm den Kopf zu verdrehen. In jener Zeit, aus der sich auch ein Alexandre Dumas für seine Geschichten bediente, findet Patrick Cothias reichlich Quellenmaterial für sein Abenteuer um die Figur hinter dem Roten Falken. Ariane muss aber nun auch privat um ihr Leben fürchten. Seit Bekanntwerden ihrer Schwangerschaft und des möglichen Urhebers derselben haben einige Kräfte bei Hofe nichts geringeres im Sinn, als sie umzubringen. Umbringen zu lassen, denn natürlich machen sich solche Machtfiguren im Hintergrund niemals selber die Finger schmutzig.
Patrick Cothias nutzt genau diese konspirativen Treffen, die kleinen Gespräche am Rand, manchmal sogar eher nebensächlich geführt, für einen süffisanten Blick hinter die Kulissen der Macht in Frankreich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Cothias nimmt seine Charaktere sehr ernst, skizziert eine Hassliebe, wie auch eine unglückliche Liebe, ebenso wie eine tiefe Freundschaft. Aus einer Anschlagsserie resultiert eine kuriose Begegnung, die angesichts eines längst vergangenen Ehrbegriffs zwar auch komödiantisch wirkt, aber trotzdem möglich sein kann.
Der rote Falke kommt mit seinen Auftritten für Gerechtigkeit infolge des Zustandes von Ariane zu kurz, dafür hat ihr treuer Freund Germain umso mehr zu tun. Hier kann der bärenstarke Kämpfer, der schon im ersten Band an ihrer Seite wirkte, deutlich zeigen, was er kann. Als Fechter und Beschützer flankiert er seine Baronin von einer filmreifen Szene zur nächsten. Marco Venanzi, ein sehr klassisch zeichnender Künstler, vergleichbar mit dem Strich eines Francois Bourgeon (Reisende im Wind), hat die Nachfolge von Andre Juillard in der Reihe übernommen. Das Ergebnis ist verspielter als im kürzlich neu aufgelegten ersten Band.
Darüber hinaus überlässt Venanzi weniger dem Zufall, sein Strich ist exakter, vielleicht sogar romantischer zu nennen. Insgesamt ist der Stil der Darstellung jener Epoche sehr träumerisch, aber angemessen, übermittelt er doch ein Gefühl alter Kostümfilme, als noch ein Gene Kelly als Musketier über die Leinwand fegte. Die von Cothias fein und verschmitzt erzählte Geschichte schlägt in die gleiche Kerbe. Edgar Favaux und Marco Venanzi selbst stützen den Eindruck mit einer am ersten Band angelehnten Kolorierung, gehen aber noch mit leichten Schattierungen zu Werke. So sind die Grafiken etwas plastischer, auf jeden Fall in strahlende Farben getaucht.
Wer ist die Frau hinter der Maske des roten Falken? Ihr Leben ist komplizierter, nun da sie selbst zur Zielscheibe auserkoren wurde und sie sich nicht mehr verstecken kann. Patrick Cothias erzählt ein charakterlich dichtes Abenteuer mit viel Sympathie für die historischen Vorbilder. Dank des Zeichners Marco Venanzi finden Freunde des Genres eine perfekt eingestellte Optik vor. 🙂
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Freitag, 03. Februar 2012
Morgwen folgt ihrem Lehrer ins Wasser. Mit jedem Schritt, mit dem sie den Strand hinter sich lassen, weicht das Wasser zurück und bildet eine schützende, bald schon meterhohe Wand. Schließlich sind die beiden, Myrddin und Morgwen, vom Ufer aus nicht mehr zu sehen. Die Beherrschung der Elemente ist eines der Ziele von Myrddins Unterweisung. Morgwen ist eine gelehrige Schülerin, aber sie hängt auch noch an ihrer Vergangenheit und denkt an ihre Verwandten. Doch Myrddin hat eine klare Botschaft für sie: Jemand, der ihren Weg eingeschlagen hat, kann kein normales Leben inmitten einfacher Menschen führen. Niemals. Das hat er selbst bewiesen.
Dieser Arthur ist nicht der strahlende Held, den andere Geschichten aus Roman und Film, mitunter auch Comic gezeigt haben. Dieser Arthur ist ein starker Krieger, charismatisch, aber er hat auch keinerlei Ambitionen sich zum großen und legendären Herrscher aufzuschwingen. Sein Hof ist nicht Camelot, noch denkt daran, eine Tafelrunde aus der Taufe zu heben. Gäbe es da nicht Myrddin (Merlin), der seine ganz eigenen Pläne verfolgt.
Die Fragen, deren Antworten du nicht hören willst, solltest du besser nicht stellen, Arthur.
Wurde Myrrddin auch der Verrückte genannt, so arbeitet sein Geist dennoch scharf und sicher. Seine Winkelzüge bleiben unterdessen rätselhaft. Aber es ist auch eine rätselhafte Welt, in der sich Weissagungen erfüllen und Mut tatsächlich etwas bewirkt. Arthur selbst wie auch Gwalchmei, der Held können diese Feststellung nur unterstreichen. David Chauvel führt den Helden keineswegs so vor, wie es aus so vielen Geschichten her bekannt ist. Es gibt keine gerade Linie und es scheint, als verweigere sich Chauvel ganz bewusst den üblichen Regeln der Erzählung, die er zweifellos beherrscht, wie er in anderen Veröffentlichungen bewiesen hat.
Die Reihe Arthur ist sicherlich keine Comic-Dutzendware. Autor David Chauvel, Comic-Fans hierzulande auch bekannt durch Cosa Nostra und Black Mary, setzt hier einen Erzählstil durch, der wahrhaftig an alte Sagen erinnert. Kleine Passagen, im Stile alter Buchillustrationen gehalten, stützen diese Erzählweise, die sich teilweise wie ein Vorläufer eines Comics ausnimmt. Das ist, gibt man ihm eine Chance, erfrischend anders in seiner nostalgischen Aufmachung. Wer sich mitunter über die Vermischung von modernen Elementen in Ritterszenarien gewundert hat, wird sich mit dieser eng an jene Zeit gebundenen Sequenzen vielleicht eher anfreunden können.
Grafisch kann Jerome Lereculey mit seiner exakten Art zu zeichnen weiterhin gefallen. Lereculey überlässt nichts dem Zufall. Ob Mienenspiel, Kostüme, Körperbau, Muskelspiel, Waffen, Pferde, sonstiges Getier, Natur, Landschaft: Jedes Detail wird mit architektonischer Präzision zu Papier gebracht. So entsteht eine sehr lebensnahe Abbildung, die das Auge festhält und bannt. Lereculey könnte sicherlich auch historische Illustrationen zu alten Kulturen abliefern und Dokumentationen mit seinen Arbeiten ergänzen. Wie das aussehen könnte zeigt sich an einer Verfolgungsjagd zur See, als Arthur den gewohnten Kampfplatz zu Lande mit den schwankenden Drachenbooten vertauscht.
Ebenso schön anzuschauen ist die Begegnung zwischen Arthur und seiner späteren Frau. Aus dieser Begegnung wird im weiteren Verlauf eine Schlachtensequenz und Befreiungsaktion, die weniger mit den alten Hollywoodinszenierungen gemein hat als vielmehr mit der neueren Bildgewalt eines Braveheart oder Gladiator. Allerdings sind auch Vergleiche zu alten Schlachtengemälden durchaus heranzuziehen.
Im wahrsten Sinne des Wortes sagenhaft erzählt und meisterhaft illustriert. Die einzelnen Charaktere verdichten sich zunehmend. Der Band darf nur im Zusammenhang mit den Vorgängeralben gesehen werden. Wer Interesse an einer sehr klassischen Arthur-Sage hat, könnte hier richtig liegen. 🙂
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Dienstag, 31. Januar 2012
Ein Krieger muss seinen Meister besiegen. Er muss über sich hinauswachsen und vielleicht sogar scheitern. Aber was wäre, wenn ein Scheitern begrüßt würde? Wenn ein Scheitern den Jüngling an den Rand der Schande brächte, aber sein Überleben in diesem Drama sicherte? Der junge Mann will nicht aufgeben. Er kann nicht aufgeben, nicht nach allem, was sein Meister ihm alles beigebracht hat. Die Lektionen dieses bärenstarken Gesellen gehen weit über Kampftechniken hinaus. Und so sind es nicht die geübten Griffe allein, die den Schüler am Ende über den Meister triumphieren lassen.
Ein Held braucht einen Feind, eine Aufgabe. Ein Held entsteht nicht einfach so, sondern wird an seinen Feinden geschliffen. Mit Iweret steht dem jungen Lancelot ein Unhold gegenüber, der fast zu stark sein könnte für einen unerfahrenen Kämpen. Autor Jean-Luc Istin hat in diesem Band Verstärkung erhalten. An seiner Seite erzählt nun auch Olivier Peru, der im Horrorgenre jüngst auch mit Zombies auf sich aufmerksam machte. Da scheint das Schlachtengemälde, das sich im Laufe der Handlung vor dem Leser ausbreitet, kein Zufall zu sein. Lancelot zeigt besonders im vorliegenden zweiten Teil die Erschaffung eines Helden. Der dunkle Magier Iweret ist nur ein Hindernis auf dem Weg dahin.
Während an anderer Stelle die Legende von Arthur, dem König, wächst, ist Lancelot noch Galaad. Bevor er sehr zum Verdruss seiner Pflegemutter eine letzte Prüfung bei seinem Lehrmeister ablegt und schließlich zum Krieger gereift ist, muss Viviane Fee, die so lange Jahre auf ihn aufgepasst hat, eine Wahl treffen, von der sich nicht vorhersagen lässt, ob sie nicht das Ende bedeutet. Es sind eine Reihe von Weichenstellungen und parallel verlaufende Handlungsstränge, die diesen Teil spannungsreicher machen als den bereits tollen Auftakt.
Für Alexe, die Zeichnerin, und Elodie Jacquemoire, die Koloristin, ist der Arbeitsaufwand ein höherer, der jedoch mit Bravour gemeistert wird. Grafisch wird das Szenario ein wenig härter. Es ist viel düsterer, abgründiger. Viviane stellt sich dem Kampf. Lancelot reift im Kampf heran und muss bereits bei seiner ersten Bewährungsprobe eine unbeschreibliche Tortur hinter sich bringen. Das allein wäre schon genug für optische Finessen, aber Alexe und Elodie Jacquemoire haben außerdem noch eine Schlacht sowie eine doppelseitige Sagenübersicht zu gestalten. Letztere ist wunderbar anzuschauen, fasst zusammen und zeigt dem Leser, welches Schicksal die Charaktere noch erwarten wird. Sogar jene, die noch gar nicht aufgetreten sind.
Wie beeindruckend die grafische Gestaltung, auch durchgängig, ist, zeigt bereits die Darstellung von Iweret, der Figur, die diesem Band den Untertitel verleiht. Die farbliche Gestaltung ist hier zwar noch aufwändiger als im Innenteil, gibt einen Eindruck von der Fülle und der tollen Abstimmung aller Komponenten. Elodie Jacquemoire geht fein in die Hintergründe hinein, schafft eine präzise Tiefe und reizt die modernen Kolorierungsmöglichkeiten aus. Nicht zuletzt durch die Farbenpracht wird die Verweildauer auf den Seiten deutlich erhöht.
Ein erstes Finale: Istin und Peru jagen ihren Helden, anders lässt es sich kaum ausdrücken, über einen Parcours, der es ihn sich hat. Nicht zum ersten Mal wird ein Held auch in Versuchung geführt, nicht zum ersten Mal scheitern die mit Erotik arbeitenden Widersacher mit ihrem Tun. Ist der Vorhang einmal zerrissen, die Falle gescheitert, präsentieren sich die Feinde offen und aus Kampf wird Gemetzel. Die schaurige Umgebung eines Sumpfes tut ihr Übriges für einen optisch stimmigen wie rasanten Fortgang des letzten Drittels der Geschichte.
Besser als der Anfang, stärker, dichter, mit wütenden Charakteren, tragisch, dramatisch und prachtvoll gestaltet. Fans von Sagenabwandlungen und Fantasy, auch solche, die vielleicht einen Robert E. Howard vermissen, sollten einen Blick riskieren. 🙂
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Das Herrscherpaar ist auf der Flucht. Die Pferde laufen schnell. Der Weg ist jedoch unwegsam und bald kommt es zu lebensgefährlichen Schwierigkeiten. Es bleibt ihnen keine andere Wahl, als sich zu trennen. Die Mutter und Kind, das unter allen Umständen überleben muss, flüchten weiter von den Häschern von König Claudas, dem Eroberer. Am Ufer eines Sees ist die Flucht zu Ende. Die Mutter weiß, dass er kein Entkommen mehr geben kann. Da erhebt sich aus der dunkel schimmernden Oberfläche des Sees eine Frauengestalt und bietet ihre Hilfe an. Das Kind wird überleben, allerdings fern der Eltern. Die Mutter wählt die Sicherheit für ihr Kind und verflucht mit einem wütenden Schrei den furchtbaren König, der ihre Familie zerstörte.
Jean-Luc Istin versteht sich auf Szenarien voller Magie, Schwerter, Helden und Zauberer. Entsprechend können sich sein bisherigen Comic-Reihen auch sehen lassen: Die Druiden, Herr der Finsternis, Götterdämmerung, Das fünfte Evangelium oder auch Merlin. Die Auswahl seiner Geschichten zeigt gleich, wie sehr ihn klassische Heldensagen (um König Artus sowie Siegfried), die Zeit der Kreuzzüge und der Wandel auf den britischen Inseln inspirieren. Aber: Istin verlässt auch bewährte Pfade und erzählt Bekanntes neu, anders, ungewöhnlich.
Wer sich nur hier und da einmal mit der Artus-Sage beschäftigt hat, im Film oder Roman, kommt natürlich an Lancelot, den Ritter vom See, nicht vorbei. Der edle Ritter, der in so mancher Nacherzählung die Ehe von Artus scheitern ließ, für den Zusammenbruch der Tafelrunde mit verantwortlich war, wird hier von frühester Kindheit gezeigt und in den Mittelpunkt gerückt.
Wenn derjenige, der da prophezeit wurde, nun gar nicht derjenige ist, der da heranwächst? Es sollte ein Sohn sein und ist doch eine Tochter. Dieser kleine Unterschied wirft die bekannte Sagengestalt gehörig über den Haufen. Istin ist nun frei in seiner Erzählung und schafft ein neues Drama, in dem nur Eckpunkte noch an die klassische Vorlage erinnern. Hier ist Frau Trumpf: So können die beiden Künstlerinnen Alexe (Zeichnerin) und Elodie Jacquemoire (Koloristin) mit sehr akkuratem Stil und traumhaften Farben eine zuweilen romantische, eine aktionsgeladene und auch geheimnisvolle Atmosphäre schaffen.
Istin setzt die Handlungsorte entsprechend an, verändert Figuren leicht, nimmt jüngere Konstellationen und mischt sie hinein. Die magische Welt der Viviane, das Kampftraining des Kindes und natürlich auch der erste Auftritt von Merlin, der hier ganz in weiß gekleidet einem dunklen Ebenbild gegenübersteht. Fantasy-Fans wird die Konstellation selbstverständlich von HdR her kennen (Gandalf/Saruman). Der böse Zauberer heißt hier Iweret und ist mehr ein Intrigant. Mit dieser Fähigkeit liegt Merlin jedoch gleichauf mit ihm, denn beide spielen ihr Spiel.
Alexe zeichnet großartige feine Figuren und Ansichten, mit einem größtmöglichen Realismus und filmischem Geschick. Dank der kräftigen, natürlichen Farbgebung von Elodie Jacquemoire gerät der Serienauftakt tatsächlich zu einem kinoähnlichen Augenschmaus.
Die berühmte Sage einmal anders erzählt: Neue Blickwinkel, veränderte Charaktere, neue Gesichter und bereits im Kindesalter von Lancelot gestartet. Nach der Erfolgsreihe über Die Druiden nicht nur ein sehr gut erzählter, sondern auch optisch sehr schön gestalteter Auftakt einer neuen Serie. 🙂
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Sonntag, 29. Januar 2012
Lanfeust ist zurück. Eben war noch zwischen den Sternen unterwegs, dann ist er wieder da, doch den Respekt, den er dafür erwartet, eine kleine Willkommensfeier vielleicht, das alles findet nicht statt. Das All ist weit weg und alles, was da draußen geschah, hat auf Troy keine Bewandtnis mehr. Ein Held muss mit seiner Tat zufrieden sein, er darf nicht auf Bewunderung oder gar dank hoffen. Für Lanfeust, der so viel für das Universum getan hat, kommt es hingegen noch schlimmer. Der Held soll wieder die Schulbank drücken. Auch soll er dafür sein Schwert gefälligst im Spind einschließen. Ein großer Fehler. Hebus, der getreue Troll, hätte ihm sofort sagen können, dass ein Held nicht von seinem Schwert weicht. Aber Hebus hat genug damit zu tun, seiner neuen Tätigkeit als Sklave nachzugehen.
Lanfeust ist wieder auf Troy und das ist gut so. Hebus steht ebenfalls auf dem magischen Boden Troys. Und Cixi, die ein ganz klein wenig zickig sein kann, hat nichts verlernt. Schloss Blaugold ist Cixis neues Zuhause. Die junge Frau langweilt sich tödlich. Christophe Arleston, als Autor regelrecht mit diesem Comic-Universum verschmolzen, lässt sich allerlei Späße mit Cixi einfallen. Mit Leichtigkeit kann sie dank ihrer magischen Fähigkeiten einen kompletten See rot erstrahlen lassen. Für den Leser, der wenigstens bisher einen kleinen Einblick in diese Welt hatte, vielleicht sogar Geschichten über Lanfeust gelesen hat, bedeutet das: Das Chaos regiert.
Der Leser muss bisherige Abenteuer nicht kennen, auch sind Grundlagen über Troy selbst nicht erforderlich. Die Odyssee ist ein Neustart, den Arleston nutzt, um auch Neulinge an die Geschichte und die Figuren heranzuführen. Erfahrene Troyaner werden vielleicht über die Zurückhaltung Lanfeusts etwas erstaunt sein. Insgesamt macht der Held zunächst tatsächlich den Eindruck, als wolle er sich einfügen. Aber es sind äußere Einflüsse (und Frauen), die diese Bemühungen wieder zunichte machen. Und so könnte man sogar behaupten, dass eine Art jüngeres Ich Lanfeusts wie der berühmte Troll im Porzellanladen diesen Neuanfang auf den Kopf stellt.
Didier Tarquin zeichnet mit einer gewissen Respektlosigkeit. Zweifellos besitzt er Technik, den Blick für Bildaufbauten, aber er scheint auch immer auf der Grenze von Cartoon und Realismus balancieren zu wollen. Einerseits sind die verschiedenen Ansichten im Inneren, ob sie sich nun in Schlössern, Lehrzimmern, Bibliotheken oder auch Schenken abspielen, sehr schön anzuschauen, andererseits vermag er mit reinen Landschaftsbildern und Stadtansichten ebenso zu überzeugen. Körperlichkeiten wie Muskeln stellt er detailfreudig dar, in den Gesichtern jedoch darf aber das allseits bekannte japanische Cartoon-Grinsen, wie es schon ältere Generationen von Studio-Ghibli-Produktionen her kennen, nicht fehlen.
Einen großen Anteil an der Wirkung der Bilder hat sicherlich Kolorist Fred Besson. Mit viel Plastizität, mit Mut zur Buntheit, gestaltet er ein leuchtendes Troy, in das man sich mit seiner Farbenpracht gerne verliert. Einige Ansichten von Eckmül verschaffen dem Betrachter einen verträumten, romantischen Eindruck dieser Welt. Aber Arleston verschafft Besson auch genügend Arbeit, der es dann farblich umso mehr knallen lassen kann: Zusammenbrechende Türme, umgeknickte Schiffsmasten, Blitze … Kurz: Ein Feuerwerk für das Auge.
Von Abenteuern versteht er was: Christophe Arleston hat die Tradition von Rittern, Manteln und Degen, in die Fantasy transportiert und den französischen Sinn für Comic beigemengt. Eine nach wie vor unwiderstehliche Mischung. Man darf sich auf den abschließenden zweiten Teil freuen. 🙂
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Freitag, 27. Januar 2012
Ein Hinterhalt: Die Schergen des Herzogs treiben den maskierten Mann auf den Abgrund zu. Seine Gegenwehr ist wacker, leider vergeblich. Bauern finden einen übel zugerichteten Leichnam am Fuße des Felsens, von zahlreichen Stichen durchbohrt, von Blut überströmt. Sollte das bereits das Ende der Legende des roten Falken sein? Keineswegs. Denn Legenden halten sich lange. Helden sterben nicht so leicht, wenn ihr Tod nicht mit Brief und Siegel versehen verbürgt ist. So gedeiht abseits dieser Nachricht über den Tod des Rächers die Hoffnung. Bald schon gibt es neue Sichtungen. Ein Mann, angetan mit roter, konturloser Maske, einem roten Umhang und ebensolcher Kapuze steht wieder gegen die Unterdrücker auf.
Mantel, Degen und Maske: In Frankreich ist man mit diesem Genre sehr wohl vertraut. Roman und Film bieten viele Beispiel von waghalsigen Helden, die gegen die Obrigkeit aufbegehren und Gerechtigkeit gerade gegenüber den Schwachen und Hilflosen walten lassen. Ähnlich wie es ein Zorro in Mexiko, eine Schwarze Tulpe auch in Frankreich erledigte, so ist auch der rote Falke zur Stelle, wenn es unter der Herrschaft von Ludwig XIII. zu Willkür kommt. 1978 entwarf Patrick Cothias das Szenario um die rächende Legende des roten Falken, der für Gesprächsstoff unter den Bürgern sorgt, obwohl dem Gerücht nach längst im Zweikampf gefallen sein sollte.
Patrick Cothias erzählt hier in den für die Zeitschrift PIF kreierten Geschichten noch sehr episodenhaft und noch nicht auf Albenlänge (was sich ändern wird). Alles beginnt im Oktober 1624. Eine junge Frau ist mit ihrem Reisebegleiter in einer Kutsche unterwegs, als sie von Räubern im Wald aufgehalten werden. Schnell ergibt es sich für den Leser, dass diese Menschen, Räuber wie Überfallene, einer noch größeren Bedrohung gegenüberstehen. Eine geheimnisvolle Sekte treibt ihr Unwesen. Der rote Falke, ein geheimnisvoller Kämpfer in roter Maske und Umhang, begleitet von einem echten Falken, der aufs Wort hört, nimmt den Kampf gegen die Unterdrücker auf.
Wer Mantel und Degen, Alexandre Dumas und seine drei Musketiere mag, sich an der Seite von Scaramouche wohlfühlte, ein wenig Zorro in den Zeiten eines Richelieu sich vorstellen kann, findet sich hier sofort zurecht. Der Aufbau einer Geschichte geht schnell vonstatten. Andre Juillard schafft es, die Epoche mit leichtem Strich, aber auch sehr exkat einzufangen. Wer der rote Falke ist, ist zwar sehr schnell klar und man muss sich wundern, dass eine bestimmte Person nicht so leicht hinter das Geheimnis kommt, aber vermutlich verhält es sich hierbei wie Lois Lane zu Clark Kent.
Scaramouche nein, Theater ja: So haben denn auch die Gaukler ihren Auftritt und berichten von der Legende des roten Falken, bis die Obrigkeit einschreitet und das Volk erschüttert. Der Eichelhäher und der Falke, so der Titel der Episode bildet eine Grundlage für spätere Entwicklungen. Band 1, hier neu aufgelegt damit ein durchgängiges Druckbild zu neuerlichen Geschichten erreicht wird, berichtet von der fortschreitenden Entwicklung, auch Eingewöhnung eines Helden in seine Rolle. Begegnungen unterschiedlichster Art, sogar mit dem noch jungen König, prägen diese Figur, die über eine natürliche Selbstsicherheit verfügt.
Andre Juillard hat ein wenig Jugendstil im Strich, leicht idealisiert, etwas geschwungen, auch stilistisch sicherer von Episode zu Episode. Die Kolorierung ist der Entstehungszeit gemäß einfach gehalten. Das wirkt sich durch die Sorgfalt der Außenlinien und des Tuscheauftrags aber keineswegs nachteilig aus. Juillard arbeitet mit gerne mit Gesichtern, die geradewegs aus einer Nachtwache oder anderen Gemälden, die aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstammen könnten. Im direkten Vergleich ist jene Zeitphase sehr schön und eindrücklich eingefangen.
Abenteuerlich, nostalgisch, auch romantisch, wie es sich für derlei Handlungen gehört. Ausgeführt mit guten Figuren, viel Aktion, schönen Kostümen. Es treten auf: Einfaches Volk, Gaukler, Gauner, der König und natürlich ein Held. Für Freunde fesselnder Geschichten aus dem Mantel-und-Degen-Genre ist diese Neuauflage genau richtig. 🙂
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Die Gruppe von Kim Keller versucht nach ihren Absturz zurück zur Siedlung des Landungstrupps zu gelangen. Nur mit einem massiven Raupenfahrzeug ausgestattet, gestaltet sich die Reise langwierig und voller Gefahren. Die Landschaft mag überschaubar sein, die Tierwelt hingegen birgt stets neue Überraschungen und oft wirkt etwas harmlos, das sich kurz darauf als lebensgefährlicher Beutejäger entpuppt. Dennoch schien es für einen Spähertrupp zunächst wie jede andere Welt auch. Belebt, aber nicht von intelligenten Wesen bewohnt. Inzwischen ist für jeden einzelnen Menschen auf dem Planeten klar, dass es ein Geheimnis gibt.
Zunächst stand die Vermutung im Raum, jemand beobachte den Planeten und betreibe ausführliche Studien an den Tieren wie auch an den Menschen, die kurzer Zeit landeten. Kim Keller und ihre Freunde entdecken ein weiteres Rätsel. Wandmalereien und deutliche Spuren in einer Höhle weisen auf die Anwesenheit einer menschenähnlichen Spezies hin. Ob sie noch auf dem Planeten existiert? Ob die Malereien uralt oder neu sind? Niemand vermag das zu sagen. Von Kim unbemerkt machen sich die führenden Personen des Siedlungstrupps daran, eine Expedition auszurüsten, die den Nachbarplaneten erkunden soll. Denn eines ist sicher: Dort sitzen die rätselhaften Beobachter.
Leo macht es spannend: Der Autor und Zeichner der Reihe Antares macht es weiterhin furchtbar spannend. Die Reihe, inzwischen der dritte Zyklus um Kim Keller und ihre Abenteuer während der menschlichen Kolonisierung des Weltalls, erreicht hier einmal mehr den Punkt, an dem alles zu scheitern droht. Haben sich die fremden Intelligenzen in der vorhergehenden Zyklen beizeiten zu erkennen gegeben oder gab es wenigstens Hinweise auf eine Motivation der oder des Fremden, ist an dieser Stelle immer noch alles offen.
Mehr noch: Die Schwierigkeiten mit den religiösen Eiferern innerhalb der Siedlungsgruppe wachsen. Frauen sollen gnadenlos auf einen letzten Platz innerhalb der Gesellschaft verbannt werden. Moderne, tatkräftige Frauen wie Kim Keller stören hierbei nur, sind zu aufsässig und müssen sich wehren. Leo geht sogar einen Schritt weiter: Was wäre, wenn religiöse Fanatiker die Gelegenheit wahrnehmen könnten, als erste Kontakt zu einer außerirdischen Intelligenz aufzunehmen? In dieser hier vorliegenden Form geht er noch einen Schritt weiter, als eine Science-Fiction-Geschichte wie Contact getan hat.
Die Theorie: Außerirdische müssen eine sittlich klare Gesellschaftsform entwickelt haben, mit deutlicher Trennung von männlich und weiblich, Körper, Geist und Seele. Leo treibt die Dramatisierung innerhalb der Gruppe vollkommen auf die Spitze. Kim Keller, mit der Leo den Typus einer vollkommen emanzipierten Frau geschaffen hat, gerät innerhalb dieses Abenteuers zum ersten an die Grenzen ihrer Kräfte. Noch nie zuvor war sie durch die Entführung ihrer Tochter so stark belastet. Leo zeigt eine Frau, die Schwächen hat, diese aber immer zu verbergen sucht. Von allen Seiten wird ihr deshalb noch mehr aufgebürdet. Schließlich wird alles zuviel.
Leo zeichnet weiterhin mit dieser bewundernswerten Genauigkeit, Erfindungsgeist und einem Blick für das Wesentliche. Dies gelingt ihm in seinen Zeichnungen ebenso wie in seiner Erzählung. Kleine Gesten, Gesichtsausdrücke, Haltungen. Das Menschliche gewinnt hier vor der Kulisse eines fremden Welt die Oberhand, in jeder Beziehung. Und Leo zieht den Leser durch seine Bilder so nah an die Charaktere heran, dass die Fremdartigkeit der Umgebung zwar nicht aus dem Blick verloren wird, aber sich mehr am Rande der Wahrnehmung wiederfindet.
Sehr dicht, ungeheuer spannend durch toll entworfene Charaktere, die erst diese ungewöhnliche Dramatik möglich machen. Feine Science Fiction, für mich fraglos innerhalb des Comic-Mediums eine der besten ihrer Art. Die Kenntnis wenigstens der vorherigen Bände des Antares-Zyklus ist allerdings Pflicht. 🙂
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Wenn man Newton vergisst: Dann kann auch der Mond aufwärts schweben. Aber vielleicht wäre er dann gar nicht erst ins Wasser gefallen. Und es wäre nicht nötig gewesen, ihn mit einem Bindfaden am Himmel aufzuhängen. Benjamins Ansichten vom Leben, vom Lesen, vom Träumen geht in die zweite Runde. Die Schnecke ist häufig an seiner Seite, nicht immer, aber falls nötig, immerhin zur rechten Zeit. Benjamin entwickelt sich. Er sieht über seine Träume hinaus. Ab und zu vergisst er das Kindsein. Dann zeigt sich etwas Größeres, etwas, das über sogar über das Erwachsensein hinausreicht. Und wenn die Träume ihn schließlich doch einholen, die Gedanken Purzelbäume schlagen, kann man noch versuchen, ein Buch zum Fliegen zu bringen. Man sollte nur das Wort Start richtig schreiben.
Alberto Varanda nimmt sich weiterer Aspekte eines Jungen an, die zwangsläufig auf ihn zukommen: Mädchen. Ja, die auch. Aber mit denen kann Benjamin noch nicht allzu viel anfangen. Dazu ist er zu schüchtern. Manieren. Die werden von ihm verlangt. Nicht auf dem Klositz pinkeln. Nicht aus dem Mülleimer essen. Sonntags etwas bessere Kleidung anziehen. An der Seite von Benjamin kann der erwachsene Leser vielleicht einige Träume von einst wiederentdecken. Als man noch in die Wolken starren konnte und entdeckte Irgendwas.
Das ist ein wenig poetisch. Das hat nicht wenig Lebensweisheit, aber die liebenswerte, nicht die von der Sorte mit dem erhobenen Zeigefinger. Für den ist zwar die Schnecke, der kleine Freund an Benjamins Seite zuständig, aber das ist ein gnädiger Zeigefinger. Der weiß, dass er es mit einem kleinen Jungen zu tun hat. Und der weiß, dass Benjamin nicht nur ein kleiner Junge, sondern auch ein Weltenerbauer ist. Ein Junge, der auf dem Mond am Himmel schaukelt. Ein Junge, der aus einem Buch ein Fluggerät bauen kann, bei dem es auf Details ankommt. Ein viel gelesenes Buch, mit Eselsohren, sollte besser fliegen.
Zerbrechlich: So ist die Wirkung der Zeichnungen von Alberto Varanda. Feine, wie radierte Striche fügen die Figuren in vornehmlich knuffiger Unproportionalität zusammen. Seine kleinen Szenen und Geschichten entstehen, wie es notwendig scheint. Mal wirkt einfach der Malgrund als Hintergrund und die Figuren agieren wie auf einer leeren Bühne. Mal geht Benjamin in der Atmosphäre des Hintergrundes auf. Beispielhaft ist Benjamins Ausflug in einen Raum voller Bücher, der beste Bilderbuchatmosphäre besitzt, während andere Bildaufbauten eher mit klassischen Cartoonformen einhergehen, die auch bei den Peanuts zu finden sind.
Weiterhin: Einfach schön, aber etwas anders als zuvor. Eine Entwicklung ist zu sehen. Die Welt ist nicht zur Gänze aus den Träumen ausgeschlossen. Benjamin erhält neben der Schnecke weitere Spielpartner. Benjamin lernt etwas mehr, schaut genauer hin, aber seine Träume fliegen vielleicht sogar noch höher als zuvor. 🙂
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Dienstag, 24. Januar 2012
Einer? Hunderte! Tausende! Abertausende! Vor diesem Tag haben die Überlebenden sich gefürchtet. Sicher haben sie bisher schon gegen die Untoten gekämpft. Sie haben einen Weg gefunden, sie zu besiegen, endgültig zu vernichten. Aber gegen das da, gegen eine Herde, deren Leiber sich bis zum Horizont erstrecken, die kein Hindernis scheuen, welche Hoffnung, welche Waffe soll es geben, um diese Bedrohung aufzuhalten. Dabei wähnte man sich innerhalb der Gruppe der Überlebenden auf einem aufsteigenden Ast. Es war nicht problemlos, die Bedrohung blieb letztlich, doch hatte man sich arrangiert, organisiert. Die Untoten bildeten keinen größeren Schrecken mehr als Raubtiere. Ihre Gefahr war kalkulierbar.
Für Sam hatte es sich eine gewisse Zeit alles zum Besseren entwickelt. Jedenfalls angesichts der Umstände. Seine Tochter hatte er in den Wirren der Zombiekriege verloren, dafür jedoch einen kleinen Jungen, Josh, gefunden, auf den er wie ein Vater aufpassen konnte. Zuerst war er dieser Aufgabe mit nicht allzu großem Enthusiasmus nachgekommen. Neuerlich sein Herz wieder an jemanden zu binden, war zu anstrengend, zu gefährlich für das eigene Seelenleben in einer Welt, in der es jeden Moment zu Ende gehen kann. Als Josh verletzt wird, steht Sam kurz vor dem Durchdrehen. Nun, da Freunde im helfen wollen, Medikamente für den Jungen aufzutreiben, steht ihm weiterhin noch ein Geheimnis im Weg, um sich wirklich und ernsthaft in die Gruppe integrieren zu können. Erst die Hoffnung darauf, seine Tochter doch noch lebend wiederzusehen, setzt eine Veränderung in Gang.
Von der Kürze des Lebens: Wenn die Akteure einer Zombie-Geschichte eines wissen, ist es genau dieser Umstand. Jeden Augenblick kann alles zu Ende sein. Erzähler Olivier Peru stellt dem Band ein Zitat von Seneca hintenan: Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen. So weit, so philosophisch, so wahr. Peru versetzt den Leser in eine übergeordnete Rolle, der mehr weiß als die Akteure dieses Horrorszenarios: Die Uhr tickt. Und immer schneller. Zuvor allerdings wird wieder Hoffnung in die Augen gestreut. Einige kommen sich näher. Etwas Liebe entsteht. Hoffnung erfüllt sich. Aber Peru setzt die sehr gute Erzählung in Zombies 2 fort, so dass auch hier der große Knall kommen muss. Er wird sehr groß.
Das Lösungswort lautet: Apokalypse. Schon in anderen Zombie-Horrorgeschichten wurde dieser Aspekt sehr verdichtet dargestellt, weit über das ursprüngliche Konzept eines George A. Romero hinaus, der sicherlich etwas ungläubig auf all die Veröffentlichungen schauen muss. Finden sich natürlich Szenen im zweiten Teil der Trilogie, die in so manchem Computerspieler Erinnerungen wecken, finden sich aber auch Bilder, die Lesern von Romanen wie World War Z oder Nation der Untoten bekannter vorkommen werden.
Sophian Cholet, dessen Zeichenstrich zwischen Manga und europäischem Realismus angesiedelt ist, bietet einen sehr genauen, penibel ausgeführten Blick auf das Geschehen. Hier wird nichts verheimlicht, in den Schatten versteckt. Mit Kameraaugen beherrscht Cholet die Fahrten nah an die individuellen Charaktere heran, geht hinaus in die Weite und präsentiert schließlich auf einer Doppelseite eine Ansicht, die in dieser Tragweite besonders unheimlich wirkt. Erschreckend, bedrückend, anrührend, auch brutal sind Attribute weiterer Szenen. Cholet führt jene Charaktere gegen den untoten Feind, für die der Leser dank Perus erzählerischem Geschick Sympathien entwickeln konnte. Cholet beantwortet auch dank Perus Erzählung die Frage, ob Zombies schwimmen können: Ja, wenn die Masse genug nachdrückt.
Farblich wird weiterhin nicht übertrieben, sondern mit Grundstimmungen gearbeitet. Ist es szenisch manchmal auch gewalttätig oder sind die Ansichten auch ein wenig eklig (gehört zu einem Zombie-Szenario zwangsläufig dazu), wird deshalb noch lange nicht das Theaterblut mit dem Bade ausgeschüttet. Hier darf Blut auch gnädigerweise dunkel bleiben.
Dramatisch, packend, apokalyptisch, besser als der erste Teil und mit einem höchst gemeinen Cliffhanger (für den Leser): Wird Olivier Peru dieses Szenario noch mit ein wenig Mitgefühl für seine Charaktere auflösen? So nervenaufreibend kann Horror sein! 🙂
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Ein böses Überwesen: Allmächtig, allwissend. Sein Name: Tchakakahn. Renaud findet sich in einer Spielewelt wieder. Vor verpixelten Hintergründen erheben sich Pixelmonster, sind Fallen aufgestellt, wollen Plattformen, Abgründe und Leitern überwunden werden. Renaud ist im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Art Spielball geworden. Doch um sein Leben zu retten, bleibt ihm keine andere Wahl. So begibt er sich auf einen Parcours, der ihm alles abverlangt. Durchhaltevermögen und Geschicklichkeit sind gefragt bei allem, was ihm in den Weg geworfen und geschossen wird. Schließlich wird es immer abstruser. Sogar seine Freunde treten ihm in verpixelter Form entgegen. Renaud war bereits oft in Gefahr, doch dies könnte wirklich sein Ende bedeuten …
Das ist es natürlich nicht. Aber bei Pierre Seron weiß man nie so recht, was vielleicht noch geschehen wird. Der Erzähler und Zeichner der Minimenschen macht was er will, Hauptsache, es macht Spaß. Im Interview im redaktionellen Teil der vorliegenden 12. Ausgabe der gesammelten Abenteuer der Minimenschen berichtet Seron von seinen Vorlieben, die merkwürdigerweise mehr auf Seiten von Architektur als auf den Entwürfen von Flugobjekten liegen. Diese Feststellung erscheint angesichts von Serons Fertigkeiten in diesem Bereich unwahrscheinlich, sind doch die Grafiken realer Vorbilder (häufig Jagdflugzeuge aus dem 2. Weltkrieg) wie auch die Eigenkreationen der Fluggeräte der Minimenschen nicht nur sehr genau gezeichnet, sondern bei letzteren auch schöne Beispiele für Fantasie im Comic.
Wie auch immer Seron über seine Arbeit denken mag, betrachtet man die hier drei abgedruckten Abenteuer Melting pot, 20.000 Meilen unter der Erde und Schönes Fest, Mama! wird sein ungeheurer Einfallsreichtum sehr schnell sehr deutlich. Dadurch, dass ihm nach eigener Aussage auch keine (oder kaum) Grenzen während des Ersinnens und Erzählens auferlegt werden, entstehen nicht nur immer neue Abenteuer im Lande der Minimenschen, manchmal bricht er auch aus gewohnten Erzählformen aus. So entstehen nicht nur besagte Nachahmungen von Jump-And-Run-Spielen, sondern auch Abschnitte, in denen der Leser direkt und ohne Umwege angesprochen wird. Auf den ersten Blick ist dies ungewöhnlich, auch gewöhnungsbedürftig, doch gerade dieses Ausprobieren, immer mit der nötigen Portion Schalk im Nacken, ist ein Garant für die Langlebigkeit der Serie. Denn so lässt sich nie vorhersagen, was möglicherweise Serons nächster Einfall sein wird.
Glück und Glas: Ersteres braucht Renaud ganz dringend, letzteres kommt ihm nämlich in die Quere, nur ganz anders, als vielleicht angenommen. In bester Abenteuermanier eines Jules Verne verschlägt es Renaud unter die Erde, wo es ziemlich persönlich wird. Renauds gespanntes Verhältnis zu Cedille, einer Blondine, die sich immer und überall ungefragt einmischt, ist den Fans der Reihe sattsam bekannt. Seltener kommt Renauds Familie zum Einsatz. So wir aus einer Geschichte, die ein wenig wie eine Gruselgeschichte beginnt, später eine Rettungsaktion mit haarsträubenden Situationen, in den Seron von Seite zu Seite Spannung und Humor bündelt. Seltsame Feinde, nervige Freunde (siehe Cedille) und ein über die Maßen anstrengender Vater sorgen für einen leicht wirkenden Humor.
Hotel Mama: Oder auch: Kleiner Mann ganz groß. Renaud hat es nach den ganzen Aufregungen erst einmal ins heimatliche Nest verschlagen. Seine Mutter, die nichts von seinem Minileben ahnt, überreicht ihm alsbald eine Postkarte aus Eslapion, der Heimatstadt der Minis. Renaud wird gerufen, nicht ahnend, dass er in eine Falle läuft. Bei Pierre Seron gewinnt im folgenden Abenteuer das kleine Wörtchen Fremdgesteuert eine völlig neue Bedeutung. Nach den Tiefen der Erde, den Einfällen, die starke Fantasy-Tendenzen aufwiesen, jongliert Seron in der dritten Episode des Sammelbandes mit Thrillerelementen, wie sie auch schon der bekannteste Geheimagent der Welt vorweisen konnte. Entsprechend könnte eine Amokfahrt mit einem Panzer als Verbeugung vor Mr. Bond verstanden werden, erinnert sie doch stark an die Sequenz aus Goldeneye. Darüber hinaus ist da Spiel mit einem alten Feind der Minis noch so ideenreich, dass hier die Spannungsentwicklung noch gelungener ist, als in den beiden vorherigen Abenteuern.
Sehr vielfältig, sehr abwechslungsreich: Fast wünscht man sich eine filmische Umsetzung der Minis. Der Einfallsreichtum der Serie wird von Seron einmal mehr zu neuen Höhen getrieben. Indem er sich keine Grenzen setzt, kann es zu jener wunderbaren Episode im Reich der Computerspiele kommen. Slapstick, Albernheiten, leichter Humor, Spitzfindigkeiten, aber auch Spannung in Serie finden sich in dieser vorbildlichen Comic-Unterhaltung. 🙂
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