Mittwoch, 18. Juni 2014
Im Alter von sieben Jahren haben sich die Kinder in dieser strukturierten Welt einem Test zu unterziehen, der sie einer von sieben Lebensrichtungen zuweisen wird. Die Menschheit ist der Überzeugung verfallen, dass sehr früh schon das spätere Talent eines Menschen erkennbar wird. Im Verlauf der nächsten vierzehn Jahre erfolgt das Training auf die spätere Nutzung der Talente. Danach wird, ganz gleich ob Mann, ob Frau, derjenige in seinen Sektor verschifft, wo er gemäß seines Talents den Rest seines natürlichen Lebens verbringt. Schöne neue Welt, könnte man sagen, gäbe es nicht ein paar Ausreißer, die sich der Segmentation verweigern, weil sie nicht an systematische Bestimmung glauben.
Richard Malka (Autor) hat für die Zusammenarbeit an diesem sehr klassischen Science Fiction Abenteuer keinen geringeren als den Comic-Künstler Juan Gimenez gewinnen können. Gimenez, sattsam bekannt von Die Kaste der Meta-Barone oder Die vierte Macht, wo er sein Talent für feinste SciFi-Optik unter Beweis stellen konnte, kreiert hier eine Welt, die sich selbst aufteilt, um sich nicht im Weg zu stehen. Die Theorie ist einfach: Sieben grundlegende Talente steuern den menschlichen Charakter und ein jeder Mensch weist einen Schwerpunkt auf. Dazu gehören Arbeit, Ordnung, Kreativität, Handel, Spiritualität, Vergnügen und Krieg. Jeder dieser Schwerpunke verfügt über Planetensektoren, wo die Bewohner gemäß ihrer Talente weitgehend unter sich bleiben.
Nach einer lange Phase der Ausgewogenheit steht die Menschheit nun vor dem Aus. Nicht aus dem Grund, da ihr System nicht mehr funktioniert, sondern weil sie ganz einfach aus biologischen Gründen ausstirbt. Die Fortpflanzung versagt der menschlichen Art ihren Dienst. Richard Malka setzt mit seiner Haupthandlung kurz vor dem berühmten Punkt ohne Wiederkehr ein. Kurz zuvor hat der Leser noch diese bemerkenswerte Welt anhand von Loth Lungren einen exemplarischen Lebenslauf dieses Universums kennen gelernt.
Strafe muss sein! Das von Malka erdachte System kommt selbstverständlich nicht ohne Strafen aus. Man ist hier durchaus erfinderisch, auch was den Strafvollzug angeht, denn Gefängnisse gibt es nicht mehr. Der Zaubertrick nennt sich genetische Relegation. Menschen werden durch genetische Manipulation künstlich gealtert. Justizcomputer besorgen mittels eine riesigen Datenpools eine Berechnung in Sekundenbruchteilen darüber, ob eine Berufung zugelassen wird oder nicht. Da ist, der Leser merkt es schnell, jener satirische Unterton im Spiel, der gerade in den Science Fiction Szenarien, an denen Juan Gimenez beteiligt war, immer wieder zu finden ist. Natürlich ist die Grundlage eines solchen Szenarios auf seine Art auch eine Diktatur.
Optisch stellen die beiden Comic-Macher dem Leser eine Welt vor, die nicht so weit ins Phantastische abdriftet wie auch vergleichbare Produktionen von Juan Gimenez. Dennoch bleibt genug Detailreichtum von Richard Malkas Vision übrig, um eine breite Palette von technischen Spielereien, Raumschiffen und zukünftiger Mode umzusetzen. In die versierte Kolorierung vom Gimenez getaucht, erstrahlen Weltraumszenen und Gerichtsverhandlungen, wird eine besonders dramatische und ausgetüftelte Flucht zum Nervenkitzel. Je großformatiger Gimenez arbeiten darf, umso atemberaubender werden die Ansichten, die den Comic-Fan nur erfreuen können. Die Figuren des Künstlers, wenn sie etwas jugendlicher ausgeführt sind, wirken zwar manchmal etwas puppenhaft, was sich aber wieder gibt, sobald gereiftere Charaktere ins Spiel kommen, deren Erscheinungsbild eine größere Bandbreite des Mienenspiels und des Aussehens ermöglicht. Mehr gibt es bei Gimenez nie zu bemängeln.
Ein feiner Auftakt, der eine große Dosis Weltenbeschreibung mit sich bringt, schnell an Fahrt gewinnt und eine längere Geschichte einleitet, denn das Universum Richard Malkas bietet reichlich Spielraum. Besonders für SciFi-Fans prima Lesefutter. 🙂
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Sonntag, 15. Juni 2014
Wenn Fußball so ein disziplinierter Sport ist, Taktik einen großen Teil des Spiels bestimmen kann und Ausdauer über 90 Minuten hinweg einen wichtigen Faktor darstellt, dann könnte es so verkehrt nicht sein, einen Fußballtrainer anzuheuern, der einen auf einen schwierigen Einbruchsdiebstahl vorbereitet. Anheuern? Unsinn! Entführen! Dann kann man sich sicher sein, dass der Trainer auch mitmacht. So denken es sich die Panzerknacker und klauen sich den Trainer der Nationalmannschaft gleich vom Fleck weg, um einen wertvollen kristallinen, mit Edelsteinen geschmückten Ball zu stehlen. Der Trainer entführt? Was wird nun aus der Mannschaft? Außerdem wollte Dagobert Duck doch seinen Ball so effektvoll präsentieren. Die Lösung liegt klar auf der Hand. Hatte Donald Duck nicht schon immer gedacht, dass seine Spielsysteme die besseren wären?
Warum funktioniert ein 4-4-4-System auf dem Platz nicht? Donald Duck hat in der Tat seine ganz eigenen Vorstellungen vom Fußballspiel. Riccardo Secchi (Autor) und Alessandro Perina (Zeichner) setzen einen überaus sportlichen Raubüberfall rund um die Kugel, die die Welt Welt bedeutet, in Szene. Reif für den Titel? lautet die Unterzeile der Sonderausgabe des Lustigen Taschenbuchs, das sich pünktlich zur Fußballweltmeisterschaft 2014 mit jenen Ereignissen in Entenhausen beschäftigt, deren Kern sich um die rundeste Nebensache der Welt dreht.
Ganz klar, dass die Geschichten in dieser Sonderausgabe von italienischen Autoren und Zeichnern geprägt ist. Das fußballverrückteste Herkunftsland von Duck’schen Künstlern hat hier die Nase zweifellos vorn. Andernorts, wo sich Zeichner Donald Duck und Micky Maus widmeten, hatte Soccer diesen Stellenwert nicht. Um bei den Machern zu bleiben und weil es am schönsten auf dem Platz ist, ist Donald Duck auch mit mehreren Rollen unterwegs. Nachdem er als Trainer keine besonders gute Figur abgab und eher verwirrte, als trainierte, findet er sich wenig später sogar im Tor wieder. Dank Daniel Düsentrieb funktioniert das zunächst und endet … Das soll nicht verraten werden.
Die ganze Bandbreite des Fußballs, vor und neben dem Platz, Profi und Amateure, Nachwuchs, selbstverständlich auch vor dem Fernseher und es wird sogar übernatürlich. Denn Fußball kann die Spieler, wie es Gianfranco Cordara (Autor) und Lorenzo Pastrovicchio (Zeichner) beschreiben, auch schon mal ins Jenseits verfolgen. Das ist der Auftritt von Micky Maus, der sich wieder als Privatdetektiv in Szene setzt und ein modernes Relikt aufspürt. Da keine Seite des Fußballs ausgespart wird, fehlen natürlich auch die ganz Kleinen ebensowenig wie Frauen. Diese spielen hier aber nicht (warum eigentlich?), sondern organisieren vielmehr die Austragung einer Fußballmeisterschaft. Das wird von Valentina Camerini mit sehr viel Charme erzählt, Blumen am Spielfeldrand inklusive.
Optisch sind die Abenteuer in der Moderne angekommen. Mitunter sehr abgerundet gezeichnete Figuren (wie zum Beispiel bei Alessandro Pastrovicchio) konkurrieren mit Charakterstudien, denen ein wenig ein anarchistisch unruhiger Strich (wie zum Beispiel bei Giuseppe Facciotto ) innewohnt. Da findet sich neben der Großaufnahme der Akteure auch die direkte Ansprache des Lesers. Die TV-Perspektive ist sicherlich die häufigste, aufgelockert von einigen Vogelperspektiven. Einer, der den besten Verbindungsstrich von Tradition zu Moderne trifft, ist in diesem Band bestimmt Antonello Dalena, der Goofy in ein Fernsehquiz über Fußball (natürlich!) expedieren darf.
Bevor Kater Karlo mit einem Einseiter den Band beschließt, darf Phantomias im Kreise seiner Superheldenkollegen ein wirklich besonderes Fußballspiel bestreiten, im dem jeder gemäß seiner Fähigkeiten antritt. Hier wird Slapstick groß geschrieben. Gemäß der Fähigkeiten der einzelnen Helden ist alles möglich, wird auch von Daniele Regolo (Autor) und Massimo Asaro (Zeichner) alles, was machbar und erzählbar scheint, ausgeschöpft.
Wenn das mal keine runde Sache ist! Selten war etwas Eckiges über etwas Rundes so spaßig und unterhaltsam. In einer tollen Mischung kann der fußballbegeisterte Leser (und nicht nur der) einen feinen Comic-Streifzug abseits der WM mit den bekanntesten Entenhausenern unternehmen. Schön. 🙂
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Donnerstag, 12. Juni 2014
Die Phantomzone war Kryptons Gefängnis für jene Kriminelle, die als besonders schwere Fälle anzusehen waren. Einsamkeit war eine der Strafen, die die Gefangenen dort erwarteten. Ihrer Sinne beraubt, konnten die Verbrecher in der Phantomzone Jahrzehnte, Jahrhunderte ausharren und warten. Und warten. warten. Und nicht nur sie. Wer dort in Gefangenschaft festsaß, machte sich seine Gedanken. Viel mehr blieb ja auch nicht. So entdeckte ausgerechnet der erste Insasse dieses Gefängnisses einen Weg zur Flucht. Im Gegenzug entdeckte Kal-El, den die Erdenbewohner Superman getauft hatten, dass Hass gefühlte Ewigkeiten überdauern kann. Doch für ihn ist es nicht die einzige Überraschung. An einem Ort, an dem er es niemals für möglich gehalten hätte, wartet ein alter Freund auf ihn.
Es war einmal eine Welt, die so vollständig anders als die unsere war, dass eine Beschreibung schwer fällt, all ihre Facetten zu erfassen. In dieser Welt lebten Wesen mit unaussprechlichen Namen, aber nicht minder starken Gefühlen als jene, die auch die Menschen ihr eigen nennen. Autor Grant Morrison schließt den Kreis des ersten großen Bogens, der mit einem neuen DC-Universum und neu aufgestellten Charakteren seinen Anfang nahm. Irgendwie kommt einem als eingefleischter Leser vieles bekannt vor und ist dennoch auf vielerlei Art anders. Neue Leser konnten ohne jegliches Vorwissen ihren Einstieg in dieses Heldenabenteuer wagen, das mit schnellen Schnitten im 21. Jahrhundert angekommen ist.
Grant Morrison hat nicht nur eine Geschichte zu erzählen. Es sind gleich mehrere. Hinzu kommen eine große Anzahl von Hintergrundinformationen, die zum Beispiel in Form von Bildcollagen das reiche Leben eines Superhelden beleuchten. Diese Geschichten können schon lange nicht mehr mit jenen Erzählungen der frühen Tage verglichen werden. Selbst Zeiten, in den es noch Superbände gab, bleiben weit dahinter zurück. Morrison blättert im wahrsten Wortsinn ein Universum auf. Immer neue Handlungsorte von Episode zu Episode, neue Nebencharaktere, ein roter Faden, der anfangs noch durchsichtig, später immer deutlicher durchscheint. Für Superman wird es ein nostalgisches Wiedersehen geben und extrem gefährlich wird es darüber hinaus, lebensgefährlich sogar. Für andere wird es melancholisch und Abschiede nahen. Wesen aus der 5. Dimension (die nicht zum ersten Mal alles auf den Kopf stellen) tragen die Hauptschuld am Desaster, das Superman alles abverlangt.
Gleich vier Zeichner schicken Superman auf eine Achterbahnfahrt, die neben einer Menge zu gestaltender Auseinandersetzungen den Superhelden auch emotional traktiert und Schmerzen zufügt. Allen voran überzeugt Rags Morales, der den Helden zwischen Realität und Traumwelt zeichnet. Da kann es im schnellen Wechsel dem Leser schon einmal schwindelig werden. Wer nur einzelne Episoden in Heftform liest, kann da auch den Anschluss immerhin kurzzeitig verlieren. In dieser dritten Sammelausgabe des Neustarts mit dem Titel Am Ende aller Tage passiert das nicht.
Neben einem Kampf mit einem alten, ehemals tödlichen Feind, der viel Aufmerksamkeit erhält, sind die kleinen Begegnungen am Rande schöner, inhaltlich auch bestimmt wirkungsvoller. Eine dieser Begegnungen findet mit Vater und Sohn statt, Clark Kent trifft seinen irdischen Ziehvater. Alter Schmerzen und Wiedersehensfreude halten sich die Waage. Die grafische Inszenierung ist wunderbar gelungen. Am schönsten gelingt sie jedoch aus der Zeichenfeder von Chris Sprouse, der eine Art Nachtrag zur Haupthandlung gestaltet und stilistisch nahe an einen Tony Harris, bekannt durch die Serie Ex Macchina, herankommt. An besagter Serie arbeitete Sprouse auch kurz mit. Man könnte den grafischen Stil mit einer Form von Comic-Art-Deco beschreiben. Klarste Linien, penibel sauber konstruierte Formen in jeglicher Hinsicht, ob es nun die Charaktere oder Hintergründe betrifft.
Ein fantastischer Abschluss, für den sich Grant Morrison ein krachendes und sehr durchdachtes Finale hat einfallen lassen. Action mit verschachtelten Handlungsabschnitten, die zum Dranbleiben auffordern. In einem Film müsste mit höchster Aufmerksamkeit zugeschaut werden. Tolles Comeback eines Superhelden. 🙂
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Mittwoch, 11. Juni 2014
Frau Albertine ist eine nette alte Dame und umso mehr freut es Benni, mit ihr spielen zu dürfen und einen schönen Nachmittag zu verbringen. Die Freude währt jedoch nicht sehr lange, denn überanstrengt, wie Frau Albertine zu sein scheint, kippt sie auf dem Bürgersteig plötzlich um und ist bewusstlos. Benni sorgt sich sehr um sie. Als er keinen Puls bei der alten Dame fühlt, macht er das einzig richtige und ruft einen Arzt. Eine Untersuchung bringt ein ungewöhnliches Ergebnis und einen vor Wut schnaubenden Arzt. Erst eine Telefonnummer in Albertines Tasche scheint die Lösung zu sein. Aber der Mann, der die alte Frau schließlich abholt und verspricht, sich um sie zu kümmern, könnte ruppiger kaum sein.
Benni Bärenstark steht vor einem sehr merkwürdigen Fall. Aus einem schönen Nachmittag entstehen mysteriöse Ereignisse, die sein Eingreifen bald dringender denn je erfordern. Autor und Zeichner Peyo führte damals bei der Veröffentlichung dieser Geschichte die Leser und seinen Benni Bärenstark zunächst an der Nase herum. Und sobald alle Missverständnisse seitens Benni geklärt sind, geht die Verwechslungskomödie erst so richtig los. Denn Frau Albertine, wie die zweite Folge aus der Reihe um den kleinen megastarken Jungen untertitelt auch heißt, gibt es, sonst gäbe es keine Verwechslung, zweimal.
Ein kleiner Fehler setzt das Karussell in Gang, bestens inszeniert von Peyo, der Frau Albertine sogar zur Bandenchefin mutieren lässt. Da können Leser und Benni Bärenstark einige Zeit lang nur staunen. Aus einer harmlosen Komödie wird eine Gangstermär im besten Stile einer Slaptick-Comedy, wie sie ein Jerry Lewis oder Pierre Richard praktizierten. Da geht es gemäß dieses Konzeptes turbulent zur Sache, drunter und drüber, wie es sich gehört. Und natürlich, das gehört ebenfalls dazu, schlägt im ungünstigsten Fall Bennis Schwäche einmal mehr zu. Denn Benni, für den Stammleser (oder solche, die ihn noch aus ihrer Kindheit her kennen) kein Geheimnis, verliert bei Erkältungen seine formidablen Kräfte, die ihn für jeden Bösewicht gefährlich werden lassen.
Peyos Zeichenstil ist knuffig präzise, für jeden modernen Zeichner in diesem Genre immer noch wegweisend. Der Zeichner, der auch Johann & Pfiffikus ins Leben rief, in diesem Zusammenhang auch und ganz besonders die Schlümpfe, kreiert seinen Figuren eine Bühne und lässt sie wunderbar mit leichtem Strich agieren, ganz ähnlich wie es auch ein Franquin oder ein Herge konnte. Stilistisch ist Peyo bei letzterem in der Nähe, mit einer zeitlos klaren Linie, die sich über die Comic-Figuren der frühen Pionierjahre des 20. Jahrhunderts erhebt und einen Ausdruck gefunden hat, der sich nicht mehr verbessern lässt.
Das zweite Abenteuer des Comic-Künstler Peyo über den kleinen Benni Bärenstark ist liebenswert und komisch vom Altmeister umgesetzt. Beste Kinderunterhaltung auch heute noch! 🙂
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Freitag, 06. Juni 2014
Während ein besonderes Trio, Batman, Robin und die Katze, die ehemalige Bande der Gaunerin, die im wirklichen Leben Selina Kyle heißt, aufmischt, langweilt sich an einem anderen Ort ein nicht minder spezieller Gangster fast zu Tode. Ausgerechnet der Kleinste aus der Bande dieses Ganoven hat für den Chef, den Joker, den passenden Hinweis, um den Erzschurken aus seiner Lethargie zu reißen. Fortan lautet das Ziel: Batman. Der Auftrag hat es nicht minder in sich. Der dunkle Ritter soll möglichst viel Schaden erleiden, besonders solchen, der ihn im Innersten trifft. Was sind schon natürliche Wunden für den Joker, obwohl diese natürlich nicht zu verachten sind? Seelische Wunden, das weiß der Irre nur zu gut, heilen nie.
Der Comic-Künstler Alan Davis zählt nicht nur zu den altgedienten Hasen im Comic-Geschäft. Neben seinem Erfolg besticht er auch durch seine Kreativität und seinen künstlerischen Ausdruck, der sich mit den Jahrzehnten verfestigte und wuchs. Zuletzt haben Fans seine Arbeiten vermehrt in Veröffentlichungen von Marvel sehen können. Fantastic Four und Wolverine gehören zu den Spitzentiteln, aber auch die nicht minder bekannten Avengers gehören zu seinen Werken. BATMAN, bei DC, gehört zu seinen früheren Werken. Hier wird, da die Kolorierung damals technisch noch nicht so differenziert ausgeführt wurde wie heute, seine exakte Strichtechnik deutlich. In den von Alan Davis angelegten Gesichtern findet sich ein eigener Stil, der jede Zeichnung von ihm sofort erkennbar macht.
Er beherrscht die pure Dramatik, aber auch den humoristischen Einschlag, der hier im Zusammenspiel von Batman und Robin schöne Momente findet. Es handelt sich um die Zeitspanne, als Bruce Wayne einen neuen Zögling als Wunderknaben bei sich aufgenommen hatte, nämlich Jason Todd. Dieser ist dabei, wenn es gegen den Joker, Scarecrow und den Mad Hatter geht. Aber er steht auch an der Seite von Batman, wenn dieser ein Crossover mit noch einem größeren Detektiven bestreitet: Sherlock Holmes. Optisch aufregender und mehr in Erinnerung bleibend sind natürlich jene Mitspieler aus der kostümierten Fraktion.
Reaper: ein weiterer selbst ernannter Rächer. Dieser wandelt auf ähnlichen Spuren wie Batman, er ist nur konsequenter, ganz im Stil moderner Kintopphelden. Reaper tötet jene, deren gesellschaftliche Vorgehensweise, kurz kriminelles Leben, ihm nicht gefällt und deshalb aus seiner Sicht ausgelöscht gehören. Schusswaffeneinsatz ist selbstverständlich, überdimensionierte Sichelklingen erhöhen den optischen Effekt und geben der Figur mit der Totenschädelmaske ihren Namen. 1991, in der Geschichte Der Kreis schließt sich, trifft der Leser (hier in der vorletzten Handlung des prall gefüllten Bandes) auf einen gereiften, stilistisch perfekten Alan Davis.
Hinzu kommt, bei der spannenden Konfrontation mit einem Nachahmer des Reaper, eine organischere Kolorierung, die die Stilistik der feinen Tuscheführung stützt. In der letzten Handlung, aus der schwarzweißen Serie des dunklen Ritters, Letzte Runde bei McSurley, kommt die Linienführung von Alan Davis fantastisch zum Tragen. Kein Versteckspiel durch Farben, kein falscher Strich, gelungenes Gleichgewicht von Licht und Schatten und ein paar Spitzenansichten von Batman, die allein schon bei der Erklärung helfen, wo die Faszination dieser Superheldenfigur zu finden ist.
Eine Sammlung von tollen Abenteuern des dunklen Ritters aus der Zeichenfeder von Alan Davis, mittlerweile zu den Comic-Veteranen zählend, denen so schnell keiner mehr was vormacht. Gleichzeitig findet der Fan von Batman auch einige Geschichten, die durchaus zu den Wendepunkten des Gotham Knight zählen. Bestens. 🙂
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Donnerstag, 29. Mai 2014
Überlebt! Der Anschlag fand in nächster Nähe statt. Das Fahrzeug und seine stabile Panzerung hat sich tatsächlich als Lebensretter erwiesen. Dennoch können die an den Ereignissen unbeteiligten Lindsey und ihr Fahrer Hakim nicht entkommen. Kaum ein paar Meter entfernt haben sich die Terroristen zusammengerottet und ahnen nichts von den Überlebenden. Noch nicht. Chamza, Lindseys Freundin, weiß nichts von den Schwierigkeiten, in denen die andere junge Frau steckt. Chamza hat ihren eigenen siebten Himmel gefunden, frönt ihrer Liebe, abgeschieden hoch über Dubai, weit weg von den furchtbaren Ereignissen, die in den Nachrichten um den gesamten Globus geistern.
Von der Sonnenstadt und Urlaubsparadies zum Terroristenziel Nr. 1. Thierry Smolderen und Dominique Bertail beschreiben mit erschreckender Genauigkeit einen terroristischen Anschlag in der nahen Zukunft. Vordringlich dreht sich alles in GHOST MONEY um das verschollene Geld des 11. September 2001. Wer von den Anschlägen im Vorfeld wusste, konnte durch geschickte Börsenspekulationen ein Vermögen machen. Und tat genau das. Doch das Geld verschwand und die Suche danach dauerte an bis ins Jahr 2025. In ihren Mitteln sind die Schatzjäger nicht zimperlich. Längst hat sich das Vermögen zu einem modernen Mythos entwickelt. Thierry Smolderen gelingt der Spagat zwischen dem großen überspannenden Bogen, den globalen Verstrickungen und den Einzelschicksalen am Beispiel von Chamza und Lindsey.
Letztere ist jene, aus deren Augen der Leser das Geschehen mit Staunen verfolgen darf. Denn die junge Engländerin kommt aus normalen Verhältnissen, die High Society, in der sich Chamza bewegt, war ihr bis vor kurzem noch fremd. Die Schattenseiten dieses Lebens lernt sie im dritten Teil der Reihe im Kugelhagel automatischer Gewehre kennen. Für die Optik, die sich in ihrer Rasanz nicht mit Stirb langsam, sondern mit Stirb verdammt schnell übersetzen lässt, haben sich Smolderen (Autor) und Dominique Bertail (Zeichner), auch noch eine ganze besondere Kulisse gesucht. Das weltberühmte Burj al Arab, jenes einem gigantischen Segel nachempfundene Hotelhochhaus an der Küste Dubais, wird hier zum Schauplatz einer wilden Flucht vor den Terroristen.
Die Liebe zum Realismus im Zeichenstil von Dominique Bertail lässt die konsequent weiterentwickelte Gegenwart der Handlung lebendig werden. Welche Technik könnte es einmal geben? Diese Frage haben sich auch andere Epochen gestellt. Die Antworten fallen vor den technischen Entwicklungen unserer Zeit nicht mehr in buntem Plastik aus, sondern sind neben der Waffentechnik auch in der Verquickung von Computertechnologie und menschlicher Biologie zu finden. Das Auge ist nicht nur mehr Fenster zur Seele, vielmehr kann es durch operative Ergänzungen, unbemerkt, als erweiterte Webcam benutzt werden. Ich sehe das, was du siehst, lautet die Geheimtechnik der nahen Zukunft.
Die Grafiken von Bertail weisen durchweg eine aufwändige wie auch stimmige Kolorierung auf. Die intuitive, mitunter skizzierte Strichführung fällt durch den Farbauftrag erst auf den zweiten Blick auf. Wenn es sehr technisch wird, sich das zukünftige Design in klaren, kantigen Strukturen erschöpft, wie bei so genannter Tarnkappentechnologie, wird dennoch nicht mit Linealen gearbeitet. Die Zeichnungen bleiben organisch, beinahe Schnellskizzen, die mehr dokumentieren als erzählen und den passenden Moment einfangen. In den ruhigen Augenblicken bleibt die Zeit dafür, wie bei einigen gelungenen Stadtansichten. Sobald Panik ausbricht, erhöht sich die Anzahl der Bilder, werden die Bilder kleiner und simulieren in der Summe die rasende Geschwindigkeit.
Ein Thriller in der dritten Runde: der hinter den Kulissen tobende kalten Krieg um das Erbe des 11. September vermischt sich mit neuem Terror. Einzelschicksale drohen daran zu zerbrechen. Das Leben der beiden Hauptfiguren Chamza und Lindsey driftet in zwei Handlungsstränge auseinander. Thierry Smolderen schafft mit seiner Erzählung eine starke Steigerung und tolle Fortsetzung. 🙂
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Montag, 26. Mai 2014
Der Pfarrer will nicht mehr auf der Kanzel stehen. Eine Messe will er nicht mehr lesen, eigentlich will er gar kein Pfarrer mehr sein. Handwerken kommt ihm besser zupass. Hier erlebt er mehr Glück als zuletzt, da er versuchte, als Pfarrer zu wirken. Doch seine Abwesenheit fällt auf. Die alten Gladu-Schwestern, Neuerungen nicht sehr positiv eingestellt, vermissen den Pfarrer und so machen sie sich, für jeden vollkommen unerwartet, auf den Weg, den Hirten wieder zu den verirrten Schafen zurückzuführen. Aber das Leben geht seltsame Wege. Auch hier. Wieder einmal, muss man sagen, denn es bleibt nicht bei dieser Veränderung. Marie ist schwanger und sie schüttelt die Schuldgefühle, sich über den Vater nicht im Klaren zu sein, langsam ab. Und obwohl es Winter ist, überschlagen sich die Gefühle inzwischen frühlingshaft.
Das Leben ändert sich im kleinen Dorf Notre Dame. Es ändert sich langsam, ohne die Menschen zu überfahren. Die Veränderungen machen ihnen sogar Spaß, es entsteht eine Lust an der Veränderung, die trotz allem nicht ganz geheuer scheint. Da wird gemeinsam ein Modekatalog auf der Suche nach neuen Kleidern studiert. Da entwickeln sich Liebschaften zögerlich und manche flüchten sich in eine merkwürdige Beschäftigung. Loisel und Tripp erzählen einige Passagen lediglich in Bildern, völlig textfrei, hin und wieder ergänzt nur die Stimme aus dem Off das Gezeigte.
Der sehr mit Einzelheiten gespickten Beschreibung der Figuren gelingt es, Das Nest ungeheuer plastisch vor den Augen und den Gefühlen des Lesers erstehen zu lassen. In der achten Folge, die der Entwicklung des Dorfes und der Menschen viele Teile hinzufügt, ist es fast wie ein Besuch bei Freunden, kaum noch wie die Lektüre eines Comics. Letztere Bezeichnung mag vor dieser Feststellung auch verschwimmen, da das Medium vielleicht am Thema neugierige Leser, die hiermit noch nie in Berührung gekommen sind, abschrecken könnte.
Inzwischen haben die beiden Autoren und Zeichner Regis Loisel und Jean-Louis Tripp einen Grad der Erzählung erreicht, der bekannte und erfolgreiche Historienromanciers wie John Jakes oder einer Colleen McCullough erinnert. Diese behandeln zwar andere Epochen, aber die Dichte ist vergleichbar. Der Leser lernt hier die Zeitenwende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts in der kanadischen Wildnis kennen, anders gelagert als die üblichen Epen, doch sehr einfühlsam und mit großer Freundlichkeit den eigenen Figuren gegenüber erzählt. Zwar fehlt es nicht an inneren Dramen und an Ereignissen, die mitreißen, grausam wird es aber nicht, denn Loisel und Tripp haben die Reihe bereits mit einem Toten gestartet, dessen Hinscheiden all die Geschichten in Gang setzte, die nun erzählt werden.
Der Blick auf diese vergangene Zeit ist bar jeden Kitsches. Es zeigt neben dem menschelnden Element auch die täglichen Aufgaben, derer man sich annehmen muss, da es keine übergeordneten Institutionen gibt, die sich darum kümmern. Wenn der Schnee zu hoch liegt, wird er geräumt. Wenn neue Kleider gebraucht werden, werden sie genäht. Schuhe werden gemacht. Mit der gleichen Lebensintensität wird aber auch miteinander gelebt, gefeiert, gekocht, geweint, gelacht und an einem Strang gezogen. Das mag für den einen oder anderen Leser die Handlung in die Nähe einer kleinen Farm rücken. Es ist jedoch ebenso ein wenig Tennesse Williams ohne die Bloßlegung der menschlichen Abgründe. Gegen diese verweigern sich Loisel und Tripp regelrecht. Und ihr Fehlen in dieser Geschichte wird auch nicht vermisst.
Grafisch halten Loisel und Tripp ihren Stil bei. Loisel arbeitet vor, entwirft die Szene, Tripp übernimmt die Feinarbeit, beide erzählen. Sorgsame Tuschstriche und Bleistiftschraffuren, Grautönen werden zum guten Schluss von Francois Lapierre in sanften Farben koloriert.
Immer wieder ein Erlebnis. In den ersten acht Bänden bis hierher berichten Loisel und Tripp über einen zweijährigen Zeitraum, in dem das Dörfchen Notre Dame einen gehörigen Wandel erlebt. Dem Geschehen entsprechend zart illustriert, erzählerisch sehr nah an den Figuren. Schön. 🙂
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Freitag, 23. Mai 2014
Die Menschheit ist vergangen. Niemand kann diese Flut überlebt haben. Die Wasser bedecken die Erde bis zum Horizont und darüber hinaus, Tag um Tag. Als der Regen endet, wächst die Hoffnung. Doch Noah, dem eine Neuigkeit zuteil wurde, versinkt in bitteren Grimm, denn sein Weg ist noch nicht bis zum Ende beschritten. Der steinigste Pfad lieg noch vor ihm. Kann der Gott, der ihm auftrug, eine Arche zu bauen, gewollt haben, aus der Familie Noahs ein neues Menschengeschlecht hervorzubringen? Ein besseres? Oder liegt nicht auch in ihnen der Keim für all die Vernichtung, die mit jener vergangenen und durch den Herrn ausgerotteten Menschenart einher ging?
Noah denkt logisch und Logik steht hier dem Gefühl, noch schlimmer, der Vernunft entgegen. Warum sollten sie nun am Leben bleiben, wenn es bei der Flut um einen Neuanfang ging? Einzig steht ihnen ein normaler Tod, ein simples Aussterben zu. Vor diesen Gedanken ist die Schwangerschaft seiner Schwiegertochter ein Widerstand gegen Gott. Nach all den Vorbereitungen zum Untergang, nach dem verzweifelten Kampf der Menschen um Rettung auf der Arche, der Hilfe durch die gefallenen und wieder aufgefahrenen Engel, der eigentlichen Flut, einer letzten Auseinandersetzung auf der Arche selbst, könnte nun alles gut werden. Aber weit gefehlt. Das Drama holt zum letzten Schlag aus. Und Noah kann eben nicht mehr genau vorhersagen, was sein Schöpfer von ihm verlangt.
Niko Henrichon darf sich in der vierten und abschließenden Episode zur Saga über NOAH ganz auf den interfamiliären Konflikt konzentrieren, aber auch hier gibt es wieder Abweichungen zur Verfilmung, die von den beiden Autoren Darren Aronofsky (Black Swan) und Ari Handel gleichermaßen geschrieben wurde. Warum es in der vierten Folge zu dieser Abweichung kommt, lässt sich nicht sagen, denn die Tricktechnik, das beweist der Film, hätte es möglich gemacht. Allzu viel soll zu dieser größten Abweichung auch nicht gesagt werden, um die Spannung nicht zu schmälern, auf jeden Fall ist es eine Interpretation der biblischen Geschehnisse, die nachdenkenswert ist. Einen Hinweis, so viel sei gesagt, gibt das großartige Titelbild, auf dem NOAH selbst inmitten all der Kreaturen der Erde von einst steht.
Nach der höchst dichten Dramatik bis zu diesem Punkt, da Noah alleine gegen seine Familie steht, ist die folgende Sequenz nur folgerichtig und reißt das Szenario auch aus der Kammerspieltheatralik heraus, wo der Konflikt aus Noahs Schlussfolgerung heraus nur ins Verderben führen kann. Mit jener Szene, die wieder Breitwandpotential aufweist, scheint dieser Punkt auch erreicht. Wie es allen Comic-Beteiligten noch gelingt, auf diese Spitze noch einen draufzusetzen, ist glänzend erzählt und besitzt auch abseits der Kinoleinwand die Kraft, den Leser einmal (oder mehrmals) durchatmen und schlucken zu lassen.
Im sehr inspirierten Strich von Niko Henrichon findet sich jede Phase der einzelnen Charaktere schön gespiegelt. Die Schockstarre, die Panik, Erkenntnisse, Noahs innerer Kampf gegen seine widerstreitenden Gefühle, zwischen der Liebe seiner Familie gegenüber und der Pflicht und dem Gehorsam, die er seinem Gott zu schulden glaubt.
Ein toller vierter Akt innerhalb eines großartigen Vierteilers, der alles hat, was eine fantastische Geschichte (lässt man den biblischen Aspekt beiseite) über Menschen in einer schicksalshaften Zeit braucht. Das ist insgesamt mit der nötigen Geduld und Zeit erzählt und von einem spitz zulaufenden Ende gekrönt. Niko Henrichon empfiehlt sich mit diesem Projekte für noch viele weitere, mit starkem Strich hat er einen sehr individuellen Stil herausgearbeitet. Sehr gut. 🙂
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Da werden Hecken in Form geschnitten. Ach, was?! Form?! Das sind Kunstwerke! Ein Gartenzwerg auf dem Rasen ist im Vergleich wenig repräsentativ. Und Donald Duck möchte doch gerne ein wenig mithalten. In Zeiten des Internets sind schnell ein paar passende Schnitte für einen großen Busch gefunden, aber so richtig überzeugend sind die Muster noch nicht. Dann hat Donald den passenden Einfall. Ein Elefant soll es sein, hoch aufgerichtet und in Trompeterpose. Der Erpel macht sich ans Werk. Es gelingt sogar, aber leider hat er nicht lange Freude an seinem Ergebnis.
Donald Duck ist kein Verlierer. Donald Duck ist ein Kämpfer. Von einer Pechsträhne lässt er sich am Ende nie unterkriegen, steht immer wieder auf, wenn er zu Boden geht. Das Leben (oder besser seine gemeinen Autoren und Zeichner) legt ihm einen Stolperstein nach dem anderen in den Weg, aber Mut und sogar Erfindungsreichtum treiben ihn stets aufs Neue voran. Hier muss irgendwo das Geheimnis dieser Figur zu finden sein, die 1934 in dem Trickfilm The Wise Little Hen ihren ersten Auftritt hatte. 80 Jahre ist das nun her und kaum eine Comic-Figur oder Zeichentrickcharakter kann auf eine derart lange Laufbahn zurückblicken. Donald Duck muss im Leben wie im Geschäft (auch das ist Comic) ein Erfolgsmodell innewohnen.
Die Sonderausgabe zum Geburtstag des Erpels versammelt einige sehr gute Interpreten von Donald Duck. Das Grundmodell ist immer gleich, doch haben viele der Ente ihren eigenen optischen Stempel aufgedrückt, kamen die Zeichner nun aus den Vereinigten Staaten, aus den Niederlanden oder Italien. Carl Barks, Al Taliaferro und Marco Rota (meine persönlichen Favoriten) sind ebenso vertreten wie Don Rosa, Daan Jippes oder William van Horn, die sich einer großen Fangemeinde erfreuen dürfen. Doch der Zeichner steht nicht im Mittelpunkt, sondern der Jubilar.
Die Geschichten bilden einen guten Querschnitt des erpelschen Lebens, zeigen sie nicht nur die viel beschworenen Pechsträhnen, vielmehr beschäftigen sie sich auch und gerade mit den Situationen, in denen Donald Duck nicht nur über sich selbst hinauswächst und mit anderen in Konkurrenz tritt. Wenn er nicht eben Mut beweist, legt sich Donald auch gerne an. Vorzugsweise mit Onkel Dagobert, aber auch mit den Oberen Zehntausend. Auf einer Festveranstaltung, zu der er fälschlicherweise eine Einladung erhalten hat, will er beweisen, dass er mit der gleichen Lebensart ausgestattet ist, die auch die Reichen und Schönen infernalisch verbreiten. Mut zeigt sich in jenen Szenen, da er als Fensterputzer auf einem Wolkenkratzer arbeitet oder seinen Hund Bolivar über Stock und Stein trägt, damit dieser eine Arbeit macht, zu dem das Tier gar nicht in der Lage ist. Keine Frage, wer diesen Job am Ende tatsächlich bekommt.
Ob ein Verlierer ein Multitalent sein kann? Wohl kaum einer würde diese Frage mit Ja beantworten, erhöhen die Fähigkeiten doch auch die Chancen für einen oder mehrere Erfolge. So verwundert es, wenn Donald Duck auf den ewigen Loser reduziert wird, obwohl der Erpel es schafft, sich in kurzer Zeit auf immer neue Lebenslagen einzustellen. Als Jockey oder Autorennfahrer, Abenteurer sowieso oder als findiger Ideengeber in einem Unternehmen zur Herstellung von Margarine.
Ewiges Leben? Erwachsen auf die Welt kommen und nach 80 Jahren immer noch so jung aussehen wie am ersten Tag? Das kommt diesem Zustand schon recht nahe. In Für immer jung von Marco Rota geht Donald Duck auf die Suche nach der Quelle der fast ewigen Jugend und unternimmt gleichzeitig eine Art Zeitreise, da es ihn in ein Tal verschlägt, wo sich die Bewohner weder vom Fleck bewegt, noch sonderlich weiterentwickelt haben. Marco Rota hält sich stilistisch an althergebrachte Vorbilder, gerade seine Nebenfiguren haben sich eine äußere Erscheinung bewahrt, die stark an die großen Tage des Zeichentrickfilms wie auch einer Comic-Zeit erinnern, die Jahrzehnte zurückliegt. Ebenso schön, etwas moderner im Strich, akurater, aber in deutlicher Anlehnung an seine Vorgänger gerät Die Margarine-Hotline des Norwegers Arild Midthun und zeigt auch, wie gut sich der Humor von Donald Duck in die Gegenwart überträgt.
Für jeden etwas dabei: von purer Slapstick, rasant und krachend (im wahrsten Sinne des Wortes) bis fein, liebevoll, mitfühlend und intelligent. Donald Duck ist ein Tausendsassa, der für jeden eine Charaktereigenschaft bereithält und dem, keine Überraschung, man seine 80 Jahre nicht anmerkt, ganz gleich wie alt die jeweilige Geschichte ist. 🙂
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Sonntag, 18. Mai 2014
Rom hat die Kriegsmaschinerie vervollkommnet und hat sich zur Herrin der bekannten Welt aufgeschwungen, doch immer noch, entgegen eigener Ansicht, ist sie mit jenen Barbaren gleichzusetzen, die sie so gerne beschimpft und abwertet. Als die Legionäre über das germanische Dorf herfallen, lautet die Losung: Kein Pardon! Die Soldaten töten jeden. Männer, Frauen, sogar Kinder. Quintus, Heerführer, geht beispielhaft voran und tötet selbst das letzte noch lebende Kind. Ein Römer nimmt sich, was er will. Diesem Spruch entsprechend verhält er sich und diese Wesensart ist es, die Germanen neimals die römische Herrschaft akzeptieren lassen wird. Kommandant Marcus erntet an der Spitze seiner kleinen Truppe die Früchte dieses Hasses, der ihn beinahe das Leben kostet. Derweil spielt Arminius, der Germane, der eine römische Erziehung genoss und das Leid seines Volkes kennt, sein doppeltes Spiel weiter. Mit dem Wissen um den nächsten römischen Schachzug sammelt er seine germanischen Getreuen und rüstet zum Befreiungsschlag.
Ein bekanntes Stück Geschichte neu erzählt. Mit den Fakten der Geschichtsschreibung vermischt, lässt Enrico Marini einen Wendepunkt in der Historie des Römischen Reiches neu erstehen. In BUCH IV hat es die Freunde Marcus und Arminius, den gebürtigen Römer und den in Rom aufgewachsenen Germanen, nach Germanien verschlagen, wo der Kampf gegen aufrührerische Einheimische neue Höhepunkte gebärt. Zur Herrschaftszeit des ersten römischen Kaisers Augustus gelangen die Kriegszüge zu neuen Weihen. In Germanien, gegen zerstrittene Stämme, kann das effektivste Militär jener Zeit mit Disziplin und Technologie punkten. Selbst die gesammelten Berserker des Feindes, eine brüllende Meute, die den Tod nicht fürchtet, kann auf Dauer nichts gegen diese Kriegsmaschine ausrichten. Der römisch erzogene Arminius erkennt folgerichtig, dass Feuer nur mit Feuer bekämpft werden kann.
Die Germanen müssen ihr Verhalten, ihre Taktik ändern, um den Sieg davontragen zu können. Enrico Marini, Autor, Zeichner und Kolorist in Personalunion, erzählt in der vierten Folge nicht nur von jenen Kämpfen, die er wie in kleinen Schlachtengemälde zu inszenieren vermag, er schildert auch sehr leidenschaftliche Auseinandersetzungen und Intrigen im Leben der (wie man jetzt sagen sollte) ehemaligen Jugendfreunde Marcus und Arminius. Die beiden treffen sich nicht mehr im Frieden, allzu deutlich sind die Differenzen und Marcus erkennt sehr bald, was Arminius vorhat. Die Qualität der Titelgrafik zieht sich durch den gesamten Band und Enrico Marini beweist auf jeder Seite mit Talent, Technik und Komposition, wie eine gute Comic-Ballade über ein historisches, antikes Thema auszusehen hat.
Mit leichter Aquarellfärbung tauchen die Bilder in Lichter und Schatten, hinter denen ein gutes Auge für die perfekte Beleuchtung einer Szene steht. Das beste Beispiel hierfür ist im vorliegenden Band die Sequenz, in der Arminius seinen Führungsanspruch unter den Stämmen untermauert. Bei der nächtlichen Zusammenkunft, vor dunkelblauen Hintergründen, schwarzen Pflanzenprofilen, schält sich, erhellt von flackernden Fackeln, ein archaischer Versammlungsplatz aus der Dunkelheit. Aus der Diskussion wird schließlich ein Zweikampf, die eine göttliche Entscheidung verlangt. Für das Auge steht diese spannende Szenerie, während Enrico Marini eine zweite erzählerische Ebene einfügt, im Hintergrund, wo Marcus zu Werke geht und dort den Spannungsherd schürt.
Enrico Marini hält seine eigenen hohen Ansprüche der Qualität in Wort und Bild aufrecht. Tragödien am Rande der großen historischen Linien erzeugen eine hohe Dichte der Erzählung, in der dem Leser ein größeres Wissen zugestanden wird als den beiden Helden Marcus und Arminius. Ein bildgewaltiges Epos, vermischt mit modernen Erzähltechniken, für jeden Fan von Rom-Abenteuern ein heißer Tipp! 🙂
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