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Comic Blog


Freitag, 09. Oktober 2015

CORTO MALTESE 1 – Südseeballade

Filed under: Klassiker — Michael um 19:01

COROT MALTESE 1 - SüdseeballadeLa Escondida. Diese Insel gehört dem Mönch. Das Gesicht des Verbrechers ist unbekannt, seine wahre Identität geheim. Manchen behaupten, er sei unsterblich. Seine Methoden ist grausam, aber effizient. Ist einmal eine Entscheidung gefallen, gibt es kein Zurück mehr. Eine Einstellung, die auch seine Gefolgsleute verinnerlicht haben. Als Japaner auf der Insel landen, einzig nur um ihre Vorräte etwas aufzufrischen, werden sie Zeuge eines Hilferufes. Damit ist ihr Leben, sogar das der ganzen Mannschaft verwirkt. Ein Maschinengewehr wird enttarnt, desgleichen richtet sich ein kapitales Geschütz auf das japanische Schiff in der Bucht aus. Das Überraschungsmoment lässt den Seeleuten keine Chance.

Das Meer ist in dieser Geschichte wie außerirdischer Grund und Boden. Weit und glatt lässt es einen weiten ungeschützten Blick in die Ferne zu. Die Planken eines Schiffes bedeuten hier den Unterschied zwischen Leben und Tod. Und genau hier steigt Hugo Pratt in die Geschichte ein, indem er es zwei Schiffbrüchigen gestattet, in dieser Einöde das Glück zu haben, von Piraten gerettet zu werden. So beginnt die Südseeballade und der Geburtsprozess von einer der berühmtesten Figuren des europäischen Comics, nämlich CORTO MALTESE.

Es ist der Trick der Unbestimmtheit, der dieses Südseeabenteuer so zeitlos werden lässt. Die Figuren enthüllen sich langsam durch ihre Taten, weniger durch ihre Vergangenheit. CORTO MALTESE selbst betritt die Bühne dieser Geschichte treibend auf See, auf ein Floss gekreuzigt, immerhin nicht sofort getötet. Auch jene, die ihn finden, allen voran der ebenso undurchsichtige wie brutale Rasputin, hätten nichts dagegen, wenn der ausgesetzte Pirat das Zeitliche segnen würde. Doch da gibt es noch eine geheimnisvolle Gestalt im Hintergrund, die im aufziehenden Weltkrieg, der seine Schatten selbst im Pazifik voraus wirft, ihre eigenen Fäden spinnt.

Bei der Lektüre überträgt sich eine gewisse Stille der pazifischen Welt, in der die Inseln selten sind, das Meer oft ruhig ist, aber wenn es erwacht, gnadenlos zuschlägt. Entweder sind es die Wellen, die nach dem Leben der Menschen greifen oder es sind seine Inselbewohner, die Ureinwohner oder die Eroberer. Da scheinen zwei Jugendliche, die Schiffbrüchigen Pandora und Cain, ganz von selbst wegen ihrer puren Naivität dem Untergang geweiht. Gäbe es nicht CORTO MALTESE, dem Piraten mit dem blendenden Aussehen und einer Moral, die ihn vor Übergriffen auf Hilflose zurückschrecken lässt.

In einer Skizzentechnik, mit der auch Tagebuch geführt werden könnte, reiht Hugo Pratt mit schnellen, treffsicheren Strichen Bild an Bild. Er benötigt nur wenig Ausdruck zur Charakterisierung seiner Figuren. Hier tritt ein weiterer Trick zutage, nämlich dem Auge des Lesers die Vervollständigung der äußerlichen Erscheinung zu überlassen. So mag jeder darin seine zeitgemäße Vorstellung von Menschen sehen. War es in der seiner ersten Auflage ein Marcello Mastroianni als perfekte Verkörperung von CORTO MALTESE, passt heute ein Michael Fassbender. Aber das sind nur Beispiele. Pratts Figuren ähneln Leinwänden, die er dem Leser zur Verfügung stellt.

Dampfschiffe sind klobige Schattenrisse vor dem Horizont. Sie wirken wie Fremdkörper in dieser Welt, in der sich die Ureinwohner angepasst haben, eine eigene Zivilisation, eigene Lebensweisen, eigene Boote und Bauweisen ihrer Siedlungen entwickelt haben. Selten sind Eindringlinge in Comics so auffällig dargestellt worden. Europäer und der Asiaten sind mit ihren Streitigkeiten enorme Fremdkörper, was ihren Zwist stets unwirklich erscheinen lässt. Diese Unwirklichkeit wird durch eine Figur wie den Mönch, der auch der Fantasie eines Edgar Wallace entsprungen sein könnte, noch verstärkt. Der Mönch ist eine geheimnisvolle Figur, die selbst in dem Moment, als sie sich öffnet und Teile ihrer Vergangenheit preisgibt, noch weiter verschließt. Aber da gibt es noch Corto Maltese, der … das wird nicht verraten.

Ein romantischer Blick auf die Südsee, ein ganzer Kerl, gute Freunde und eine stolze Menge von Halunken. Hugo Pratt hat eine der geradlinigsten Abenteuergeschichten der Literatur abgeliefert, die sich in die großen Seeklassiker wie Die Schatzinsel, Captain Blood oder Lord Jim einreiht. Ein Mikrokosmos in der Weite einer trügerischen See ist die Heimat eines Helden, der sich immer aufs Neue aus einer misslichen Lage zu befreien weiß. Ein optisches Piratentagebuch mit einem jener Helden, denen jugendliche Leser nacheifern möchten. Mit leisen philosophischen Komponenten erzählt, unaufdringlich eingebaut, überzeugt CORTO MALTESE zusätzlich mit Tiefe und bleibt deshalb lange im Gedächtnis. Toll! 🙂

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Sonntag, 04. Oktober 2015

Tick, Trick und Track – Ein Trio mit drei Bürzeln

Filed under: Comics für Kinder — Michael um 18:18

Tick, Trick und Track - Ein Trio mit drei BürzelnEnten im Weltraum! Was eine richtige Ente ist, die kommt überall hin! Allerdings hat sie nicht immer richtigen Spaß daran. Donald Duck, der sich gerne über das Science-Fiction-Interesse seiner Neffen lustig gemacht hat, findet sich plötzlich von Außerirdischen entführt weit entfernt von Entenhausen wieder. Nicht nur das. Ein paar der Außerirdischen scheinen Onkel Donald nur des Spaßes wegen entführt zu haben. Ob mit einer unsichtbaren Matratze oder einem berührungsunfreundlichen 3D-Fernsehen, für Donald Duck geht der Schuss immer nach hinten los. Trick, Trick und Track versuchen zu helfen, doch leicht wird es für die Neffen nicht.

Als Kind kann man in die Abenteuer von Donald Duck, von Dagobert Duck, auch von Micky Maus und Goofy vernarrt sein. Auf Dauer allerdings reißen die Geschichten, in denen Figuren mitspielen, die dem eigenen Alter entsprechen, doch viel eher mit. Einer Comic-Figur Verwandtschaft beizustellen war früher ein beliebte Art, um das Universum rund um einen beliebten Charakter zu erweitern. 1937, relativ früh nach der Geburt des guten Donald Duck, betraten Tick, Trick und Track das Licht der Comic-Seiten. Huey, Dewey und Louie, so ihre Namen im amerikanischen Original, sind über die Jahrzehnte viel eigenständiger geworden und haben sogar ihr ganz eigenes Umfeld hervorgebracht.

Eines der wichtigsten Umfelder ist das berühmte Fähnlein Fieselschweif. Plötzlich waren die kleinen Racker nicht nur erfinderisch, wenn es darum ging, ihrem Onkel Donald einen Streich zu spielen. Auf einmal wurden Themen wie Fairness, Ehrlichkeit, Wissensdurst, Naturverbundenheit und sogar Umweltschutz ganz groß geschrieben. Gelungene Lebensrettung, in Schweden 1981 erstveröffentlicht, erzählt von einem Wettkampf zweier Fieselschweif-Trios um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft der Jugendorganisation. Donald Duck möchte den Gewinn seiner Neffen weder der Leistung der drei noch dem Zufall überlassen. Jeder Donald-Fan weiß, dass dergleichen nur schief gehen kann. Daniel Branca illustriert klassisch klar, in einem Stil, der sich bis heute gehalten hat und im neuen Jahrtausend (na, so neu ist es nicht mehr) von Zeichnerinnen wie Enriqueta Perea fortgeführt wird.

Die Pfadfinderehre passt nicht so ganz zu den Rangen, die in Schulschwänzer auf hoherSee alles daran setzen, die Ferien auf Biegen und Brechen zu verlängern und ein Leben als Abenteurer anstreben. Leider lässt ein Kapitän blinde Passagiere nicht einfach so mitfahren. So geraten die drei Kids vom Regen in die Traufe und die Aussicht auf Mathe, Erkunde und die übrigen Schulfächer ist durchaus wünschenswert. Am Ende jubiliert so die Moral der Geschichte. Wirklich böse meinen es die drei kleinen Enten sowieso nicht. Wenn es zum Schluss mal Ärger gibt, dann hängt oft auch ein Onkel Donald mit drin, wie in Der Film des Jahres, wenn Daisy Ducky auf der Kinoleinwand vorgeführt wird.

Kapitelweise wird hier aus dem Leben der drei kleinen Enten berichtet. Jeweils ein Motto steht einer Sammlung von Geschichten voran. Wie war das denn mit Tick, Trick und Track am Anfang und wie haben sie sich bewährt? Wie machen sich Kinder in so einer Großfamilie wie den Ducks? Kinder und Abenteuer, wie passt das zusammen? Jungs und Mädchen, zu welchen Zeiten passt das? Eine Frage, der sich das Kapitel Mädchen, Mädchen! annimmt, das einen erhöhten Spannungsgrad erreicht, wenn diese Mädchen, abgesehen von den Wimpern, den Jungs wie aus dem Gesicht geschnitten aussehen. So entspinnt sich ein munterer Geschlechtertausch, der sich vor Kinounterhaltung wie Tootsie oder Rubbeldiekatz nicht zu verstecken braucht.

Betrachtet man eine der ersten Geschichten aus diesem Band, Die Hausordnung von 1950, ist die Zeitlosigkeit der Erzählung auffällig, eine Gesetzmäßigkeit, die auf Geschichten anderer Jahrzehnte übertragbar ist. Kinder bleiben eben Kinder, nimmt man die jeweiligen technischen Vergnügungen einer bestimmten Zeit beiseite, bestimmte Musik oder Kleidung. Eine Autorennbahn als Spielzeug darf als modernes Beiwerk hergenommen werden. Ein Zauberlehrling ist in dieser hier auftretenden Variante zwar einem Harry Potter, aber Zauberei ist dank einer Gundel Gaukeley keine wirkliche Überraschung für Donalds Neffen. Und wenn die Liebe erwacht, dann reichen Verhaltensweisen der Verliebten, hier aus der Sicht von Trick und Track in Nur wer die Sehnsucht kennt …, im Frühstadium zu allen Zeiten an emotionale Idiotie heran.

So sind sie, die lieben Kleinen. Tick, Trick und Track sind ein Comic-Denkmal für die ultimativen Racker, die es nie verlernen, jede Mode überstehen und immer jung bleiben. Mit den ewigen Problemen der Kids, denselben Wünschen aller jungen Generationen, mit Spaß und Energie halten sie auch den Leser jung. Uneingeschränkt empfehlenswert für Jung und Alt. 🙂

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DRIFTER – BAND 1 – CRASH

Filed under: SciFi — Michael um 12:27

DRIFTER - Band 1 - CRASHIn dieser Stadt ist es still. Die wenigen Menschen, die hier leben, verursachen kaum Lärm. Fremde Geräusche fallen schnell auf. In dieser Gegend sind Vergnügungen rar, doch nach Ansicht eines Mannes existieren dennoch Versuchungen. Ja, selbst dieses kleine Nest im Niemandsland eines Planeten abseits aller bewohnten und unbewohnten Welten hat einen Prediger. Da er lediglich über Gott redet, einem nur den Nerv tötet, lassen die meisten ihn gewähren. Dem abgestürzten Piloten Pollux ist es gleich. Der Drink, den der Priester ihm ausgibt, ist in Ordnung. Will man nicht hören, was der Prediger zu sagen hat, bringt man ein paar Meter zwischen sich und den weißhaarigen dürren Kerl. Außerdem hat Pollux ganz andere Probleme.

Hätten sich Joss Whedon und David Lynche einmal zusammen getan, um eine Zukunftssaga zu erzählen, hätte etwas wie DRIFTER dabei herauskommen können. Whedons westernartige SciFi-Opera Serenity und Lynchs seltsame Krimiinterpretation Twin Peaks müssen nicht zum Genuss dieses Szenarios gekannt werden, das von einem Mann erzählt, der, gemäß den Worten Luke Skywalkers, auf jenem Planeten gestrandet zu sein scheint, der vom hellen Zentrum des Universums am weitesten entfernt ist.

Abram Pollux, Pilot eines Raumschiffes, stürzt auf Ouro ab. Er bringt eine Mentalität mit, die ihn zuerst den Abzug ziehen und dann erst fragen lässt, ob er Freund oder Feind vor sich hat. So fällt seine erste Begegnung mit Lebewesen dieser Welt furchtbar tragisch aus. Er schießt und hat gleich seinen (vermutlich) ersten Toten auf dem Gewissen. Und der Alptraum ist noch lange nicht zu Ende. In einer Welt, in der der Hauptertrag aus dem Bergbau gezogen wird, das Land öde und trocken ist und kaum Abwechslung bietet, warten Gefahren gerade auf die Unvorsichtigen und wenig Wehrhaften. Selbst die, die mit einer Waffe umzugehen verstehen, sehen sich manchmal in die sprichwörtliche Ecke gedrängt.

DRIFTER lebt von seiner durchweg beklemmenden Atmosphäre, die von Ivan Brandon (Autor) und Nic Klein (Zeichner, Farben) mit äußerstem Fingerspitzengefühl zu Papier gebracht worden ist. Die Menschen in dieser Geschichte sind einer Landschaft untergekommen, die gleichermaßen vom Sand einer tunesischen Wüstenei wie auch von Arizonafelsen beherrscht wird. Was einstmals hier florierte, hat das Weite gesucht. Nur wenige verlorene Seelen teilen sich eine Geisterstadt und sammeln die Exkremente von Sandwürmern. Wurmmist ist ein trefflicher Treibstoff. Mag das an den Wüstenplaneten erinnern, so enden hier die Parallelen zum Megawerk von Frank Herbert.

Nic Klein zeichnet seine Figuren mit der gleichen Energie und Vielfalt wie ein Colin Wilson und besitzt mit diesem in Western-Themen sehr bewanderten Comic-Künstler einige technische Gemeinsamkeiten. Charakterisierung beginnt im Comic wie in jedem optischem Medium mit den Gesichtern, Körperlichkeiten, Haltung und vielen anderen Details einer Figur. Nic Klein beherrscht die individuelle Darstellung eines Charakters überaus vielgestaltig. Die kleinste Regung in der Mimik wird eingefangen. Im Strich finden sich besagte Parallelen zu Wilson.

In der Kolorierung, die Nic Klein selbst vornimmt, computergestützt, ist der Künstler eigener und nutzt die Möglichkeiten einer nachgeahmten Gouachetechnik, ein wenig Airbrush, lasierend. In jeder Einstellung leuchtend, besonders in den dunklen Momenten, in der Spelunke des Ortes, im Bergwerk oder natürlich in dieser amerikanischen Nacht, die der Planet zu bieten hat. Der wüste Planet hat nicht viel bieten, sieht man von den Lebewesen ab. Davon aber später. Interessanter ist der Schrott, den die Menschen selbst mitgebracht haben. Diesen gebraucht Nic Klein zu phantastischer Kulisse und macht damit dem Konzept des gebrauchten Universums alle Ehre. Tolle Designstudien außerirdischer Lebewesen runden das tolle Gesamtbild der Grafik ab.

Düster ist es im Weltraum, selbst unter größter Hitzebestrahlung einer gnadenlosen Sonne. Ivan Brandon und Nic Klein liefern einen SciFi-Mystery-Thriller der besonderen Art, mit Ecken und Kanten, sehr eigen, gruselig und spannend, optimal inszeniert mit Bildern eines Top-Comic-Künstlers. 🙂

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Samstag, 03. Oktober 2015

JACKIE KOTTWITZ – Band 4

Filed under: Thriller — Michael um 17:31

JACKIE KOTTWITZ - Band 4Gemeinsame Ferien sollen es sein. Babette, Jackies Freundni hat sich sehr darauf gefreut. Aber vielleicht ist eine altersschwache Ente ist nicht gerade der beste fahrbare Untersatz, der sich dafür auftreiben lässt. Im dichten Gewimmel steigern sich die Emotionen aller Beteiligten, der Urlauber ebenso wie all jener, die mit im Stau stehen, im dichten Verkehr kaum voran kommen und folgerichtig einen Sündenbock suchen. Da kommt so eine mickrige Ente genau recht. Langer Rede, kurzer Sinn, die Ente lernt fliegen und mit dem Fahren ist vorerst Feierabend. Also werden die Ferien schon früher eingeläutet, irgendwo auf dem Land, unter dem Dach eines alten Ehepaars, das ein Geheimnis hat.

Eines der schönsten Merkmale von JACKIE KOTTWITZ ist die Allgegenwärtigkeit von Abenteuern und Kriminalität gleich hinter der nächsten Ecke. Obwohl Jackie Kottwitz alles andere als den Eindruck erweckt, er sei ein gefährlich lebender Mensch oder gar jemand, der sich ausgerechnet die gefährlichste Ecke in Paris zum Lebensraum auserkoren hat, so schlittert er doch zuweilen sogar von der heimischen Wohnung aus geradewegs in die nächste Geschichte, ohne sich in irgendeiner Form darum bemüht zu haben. Alan Dodier und Pierre Makyo bringen dieses Prinzip mit der wunderbaren Kriminalgeschichte Ein Baby büxt aus auf den Punkt.

Ausgangspunkt ist eine fehlende Gasflasche, ohne die Jackie Kottiwtz leider nichts kochen kann. Wie das immer so ist, ist sie genau im falschem Moment leer geworden, abends, kurz vor Geschäftsschluss. Schnell macht sich Jackie auf den Weg, zu einem Freund Burhan, der neben seinem kleinen Laden viel leidenschaftliches Engagement in den Hilfsverein Die Kinder von da unten hineinsteckt. Jackie unterstützt selbst ein Patenkind durch diesen Verein. Das erklärt auch sofort, warum der junge Detektiv bereit ist, einem anderem Freund zu helfen, als dieser mit seiner kleinen Tochter in großer Gefahr ist.

Ganz nebenbei liefern Alan Dodier und Pierre Makyo eine feine Charakterbeschreibung von Jackie Kottwitz ab, bevor sie ihn ins Kriminalabenteuer stürzen, verfolgt von zwei erbarmungslosen, wenn auch nicht den intellektuell hellsten Killern. Der Humor mildert die ernste Situation ab. Weitere Einstellungen bringen durch Einblicke ins Viertel viel Leben in das Szenario. Letztlich ist es genau diese Palette des Miteinanders, die zur Auflösung der Geschichte und einem ungewöhnlichen Finale führt.

Apropos ungewöhnliches Finale. Zweierlei fällt hierbei auf. Einerseits wird nicht starr auf dieses Finale hingearbeitet, so dass das Ende in dieser oder jener Form stets überrascht. Andererseits versucht es auch nicht durch besonders spektakuläre Ereignisse aufzutrumpfen. Gefährlich sind sie mitunter. Das Titelbild der vorliegenden vierten Ausgabe der Sammelbandreihe gibt einen Eindruck dieser Aussage. Und die beiden Erzähler lassen das Leben ihres Helden auch mal am seidenen Faden hängen. Aber sie übertreiben es nicht. Die Action bleibt anderen überlassen, wie die zweite Geschichte in diesem Band zeigt.

Jackie Kottwitz wäre so gern ein Krimiautor. Genug erlebt hat er eigentlich, nur scheitert es trotzdem an Ideen und der Schreibe. Völlig frustriert macht er sich in einer kalten Nacht auf, um frische Luft zu schnappen und begegnet prompt dem Weihnachtsmann. Nun, natürlich nicht ganz, denn es ist bloß ein Obdachloser, der in den Besitz einer Nikolausmütze gelangt ist und sturzbetrunken auf eiskalten Treppenstufen einzuschlafen droht. Jackie will zuerst vorüber gehen und den Mann seinem Schicksal überlassen, kann es dann doch nicht über sich bringen und nimmt den Mann zu sich mit nach Hause.

Keiner mag es sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen, aber Jackies neue Bekanntschaft wird derjenige sein, der für die Action zuständig ist. Wie, das wird hier nicht verraten. Am Ende ist es ein schönes Kabinettstückchen, das mit einer Grundidee spielt, wie es der Cineast aus Der Dieb der Worte oder der Leser von Ein Bär will nach oben her kennt. Außerdem zeigt es, wie ein Buch, hier einigermaßen drastisch, in das Leben eines Menschen eingreifen kann, Krimiaspekte eingeschlossen.

In einer perfekt eingeübten Technik, lockerleicht realistischen Zeichnungen ist Jackie Kottwitz wieder unterwegs und klärt Verbrechen auf und lüftet Geheimnisse. Sympathisch, sehr unterhaltend, auf tollem erzählerischem Niveau, angesiedelt zwischen Columbo und Monsieur Hulot. Klasse! 🙂

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Dienstag, 29. September 2015

FLASH REBIRTH

Filed under: Superhelden — Michael um 18:49

FLASH REBIRTHEine Ankunft wird erwartet. Bei der JSA, der Justice Society of America, freut sich jeder auf seine Weise. Neben der allgemeinen Freude gesellt sich auch Sorge hinzu. Jay Garrick, ein weiterer Flash, der seine Fähigkeiten äußerst pragmatisch sieht, weniger wissenschaftlich, erinnert sich an jene Zeiten, als die Zeit Kapriolen schlug und Vergangenheit und Gegenwart einander in die Quere kamen. Bei einem Mann wie Barry Allen, der geradewegs gegen die Zeit, in der Zeit, scheinbar vor ihr davonrennen kann, müssen in Sachen Geschwindigkeit vollkommen eigene Maßstäbe angelegt werden. Ja, Barry Allen ist wieder da. Froh und voller Selbstzweifel.

Rennen können sie alle! Doch es gibt nur einen Barry Allen. Manche Helden kommen in mehreren Inkarnationen zu unterschiedlichen Epochen daher. Sie werden von unterschiedlichen Menschen (im Normalfall) ausgef?llt. Oder sie haben Vorgänger und Nachfolger mit abgewandelten Namen oder Kostümen. Im schlimmsten Fall haben sie einen Erzfeind, der auf das Negativste kopiert, wie in diesem Fall, den Reverse-Flash. Autor Geoff Johns, ein Kenner der Materie und nicht umsonst an der Pilotfolge der aktuellen Serie des roten Blitzes beteiligt gewesen, nimmt den Leser in dieser Wiedergeburt mit auf einen irren Speedforce-Trip, in dem von Flashes nur so wimmelt.

Denn die Reise an der Seite des zurückgekehrten Barry Allen, des durchaus besten Flashs, bietet gleichzeitig eine Schau auf all jene Charaktere, die sich dank der Rennkraft weitaus schneller als der Normalbürger über die Erde bewegen können. Und mehr. Weil der Flash dank seiner Superkraft noch mehr kann, als nur ziemlich flott zu laufen. Zum Beispiel wiedergeboren zu werden. Und damit fangen die Probleme an. Barry Allen ist nicht der erste Rückkehrer. Einige Helden verstarben, waren verschollen und kehrten zurück. Doch beim Flash hat sich eine Nebenwirkung eingeschlichen, die anderen Nutzern der Speedforce höchst gefährlich werden kann.

Eines der ersten Opfer dieses negativen Effekts ist Savitar, eher eine Randfigur, aber eindeutig ein Bösewicht, der einiges Schlimmes angerichtet hat, um überhaupt in den Genuss der Speedforce zu gelangen. Barry Allen will den Ganoven einfangen. In Blitzgeschwindigkeit ist von dem Halunken nur noch ein Häufchen Asche und Knochen übrig. Geoff Johns passt sich mit derlei Schockeffekten der vergangenen Entwicklung, auch bei DC, an. Ereignisse wie Blackest Night sind ein deutliches Beispiel für eine Gangart, die auch bei Flash keine Gefangenen macht.

REBIRTH? Nur von Barry Allen? Natürlich nicht. Es hätte klar sein müssen und sollte auch Fans des roten Blitzes klar sein, ohne hier spoilern zu müssen. Die Bilder sind ein Spektakel, sobald der Flash auftritt. Einen Eindruck vermittelt des aufgeladene Blitzgewitter auf dem Titelbild. REBIRTH bedeutet aber auch das Wiedersehen mit zahlreichen Weggefährten, auch legendären Begebenheiten wie einem Wettrennen zwischen Superman und dem Flash. Andere Charaktere, allen voran selbstverständlich die Green Lantern, Gäste der JLA und JSA runden diese Sonderausgabe ab und geben so einen Eindruck, auf kommende Serienereignisse auf allen möglichen Monitoren, wenn der Flash dort an der Seite weiterer Helden (und Schurken) in Legends Of Tomorrow agieren darf. Geoff Johns wusste wahrscheinlich schon früh über dergleichen Pläne Bescheid.

Ethan Van Sciver ist ein perfekter Techniker und rangiert auf derselben Stufe realistischer Zeichner wie Jim Lee oder Dan Jurgens, um nur zwei weitere DC-Veteranen dieses Formats zu nennen. Die körperliche Darstellung ist natürlich wie immer übertrieben und wird wahrscheinlich auch so erwartet. Während besagte TV-Events in dieser Hinsicht zurückrudern, hält Van Sciver an den klassischen Vorgaben fest, die nur von ganz wenigen Grafikern durchbrochen werden. Eine Natürlichkeit in einer weitaus weniger muskulären Erscheinung wird nur dem Otto Normalbürger und älteren Herrschaften zugestanden. Dazu gehört seltsamerweise auch der Flash der JSA, Jay Garrick.

Ein grafischer Hammer und eine würdige Rückkehr, allerdings dürften sich besonders eingefleischte Flash-Fans über dieses Event freuen, da doch sehr viel aus der Vergangenheit (aller) Flashs hier zum Tragen kommt. Wer die vielen Details nicht scheut, wird mit dieser rasenden Jagd auf einen ultimativen Schurken bestens bedient. 🙂

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Montag, 21. September 2015

Elixier 3 – Ein Hauch von Nichts

Filed under: Abenteuer — Michael um 17:50

Elixier 3 - Ein Hauch von NichtsGötter vergeben selten Aufträge. Als gewöhnlicher Sterblicher sollte man sehr misstrauisch in derlei Angelegenheiten sein, denn bestimmt hat die Sache einen Haken. Bei Tolriq, dem Abenteurer, ist der Ansporn ziemlich einfacher Natur: Er hat kaum eine andere Wahl. Eine bunt gemischte Gruppe macht die Erfüllung der Aufgabe nicht leichter. Die Tatsache, gleichzeitig in Konkurrenz zu einer gegnerischen Partei, einem anderen Gott, zu stehen, erschwert den Wettlauf mit der Zeit zusehends. Eine Prinzessin, die sich zu fein für die Gruppe ist. Ein Dämon, der sich stets im falschen Moment zu erkennen gibt …

Nein, Tolriq hat es wirklich nicht einfach. Da trifft es sich doch, als die Prinzessin Murmillia das ihr verhasste Bündnis aufgibt und die erstbeste Gelegenheit nutzt, um ihr in altes Leben zurückzukehren. Aber für die Bediensteten ist Prinzessin Murmillias Heimkehr eher eine Heimsuchung … Zurück bei ELIXIER. Christophe Arleston (Autor) und Alberto Varanda (Zeichner) haben sich ein paar Jahre, und nicht nur die üblichen ein bis zwei, Zeit gelassen, bevor die ersten beiden Folgen eine Fortsetzung erfuhren. Aufgrund ihrer Talente sind beide gefragte Künstler. Arleston ist stark bei seinen Comic-Kreationen TROY und YTHAG eingebunden. Varanda hat neben seinen eigenen Projekten (BENJAMIN) viel für die Autorenideen anderer Comic-Künstler zu tun. Dies ist nicht die einzige Zusammenarbeit mit Arleston (siehe TROY). Für das Autorenduo ANGE gestaltete er Das verlorene Paradies und blieb damit dem Fantasy-Genre treu.

Alberto Varanda zeichnet sich durch ungeheure Genauigkeit aus, die fast schon, wäre es aus Lesersicht nicht so toll anzuschauen, an eine professionelle Pedanterie grenzt. Wo andere Zeichner Mauern andeuten, Fugen anskizzieren oder Palisadenwände, Holzdächer skribbeln, zeichnet Alberto Varanda Stein für Stein, Brett für Brett, Maserung für Maserung, Dachschindel für Dachschindel. Wenn das Künstlerteam Arleston, Varanda nebst den beiden Koloristen den Leser mit in die Stadt Lorunde nehmen, hat man das Gefühl, die Bilder seien von Straßenkarten und in Natura existierenden architektonischen Vorbildern entnommen worden. Neben dieser prächtigen Umgebung nehmen sich echte Architekturereignisse wie Florenz oder Rom wie Dörfer aus.

Dank der erwähnten Pedanterie, die sich in den modischen Erscheinungen, individuellen Figuren fortsetzen, sich nicht einmal an den Marktständen mit ihren zahllosen Gemüseangeboten erschöpfen, atmet das Ambiente dieser Fantasy-Reihe regelrecht. Was das Charakterdesign anbelangt, rückt Alberto Varanda sich mit seinen optischen Vorlieben, den großen Augen, den Rundungen seiner Figuren in die Nähe von Disney-Standards, aber ebenso auch von Kollegen wie Crisse (Atalante) und zu früh verstorbenen Carlos Meglia (Canari).

Ein großer Verdienst des tollen Gesamteindrucks von Elixier 3 ist bei den beiden Koloristen Nolwenn Lebreton und Jerome Maffre zu finden. Sie wenden eine Farbpalette an, wie sie auch in der Hochzeit der klassischen Malerei zu finden ist, von einigen Auswüchsen ins Himmelblaue und Türkise hinein einmal abgesehen. Das goldbronze leuchtende Titelbild gibt einen sehr guten Eindruck von dem farblichen roten Faden, der sich durch das gesamte Album zieht. Oft darf dieses Licht, das den Farben zugrunde liegt, auch am Himmel, in Sonnenuntergängen, durch Strahlen in Innenhöfe hinein (Stichwort: Hof der Wunder) bestaunt werden. Es beginnt mit diesem Licht und endet damit. Zwischendurch gibt es einige wenige Veränderungen, die stets auf eine Sequenzwandel hindeuten, manchmal heiter, sonst eher geheimnisvoll (Stichwort: Ritt auf dem Tausendfüssler).

Das Warten hat sich gelohnt. Das Erscheinen des dritten Teils der Reihe ließ fraglos auf sich warten, aber die Erzählung ist gelungen, die Optik überragend dank eines Ausnahmecomickünstlers wie Alberto Varanda. Wunderschön anzuschauendes Fantasy-Spektakel. 🙂

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Donnerstag, 17. September 2015

TROLL VON TROY 18 – Pröfy hat den Blues

Filed under: Abenteuer — Michael um 20:18

TROLL VON TROY 18 - Pröfy hat den BluesMan stelle sich vor: Da ist das Haus gerade fertig gebaut. Man hat sein Bestes gegeben, denn die Angebetete soll schließlich und vor allem beeindruckt werden. Bei der folgenden Feier ist die gesamte Verwandtschaft anwesend und diese feiert … wie Trolle eben feiern. Und am Ende ist von dem neuen Haus nur noch Kleinholz übrig. Kein Wunder, dass Pröfy daraufhin den Blues bekommt. Seine Freundin Waha, vom Verhalten her eine echte Trollin, von der Abstammung her jedoch menschlich, versucht ihn aufmuntern. Gelingen will ihr das nicht. Und dem Dorfzauberer auch nicht. Und dann ist Pröfy ja nur ein Halbtroll. Sein Vater war ein Mensch. Vielleicht kann seine menschliche Seite behandelt werden? Vielleicht liegt da der Fehler, der Blues begraben?

Wo der Trollzauberer versagt, muss ein Menschendoktor her. Sigismond Leid befragt seine Patienten gerne auf einer Couch liegend. Also, die Patienten liegen und er sitzt gleich daneben in einem Sessel und macht sich Notizen. Da werden Fragen nach der Kindheit und dem Verhältnis zu Exkrementen aufgeworfen, allesamt wichtig für das geistige Wohl. Natürlich sind da noch die Eltern, als letzte Lösung. Was aus Mama wurde, ist bekannt. Aber Papa? Wo ist der abgeblieben? Aus der Praxis des Therapeuten geht es geradewegs auf eine lange, abenteuerliche Suche, wie sie sich ein Christophe Arleston so gerne ausdenkt.

Aber es ist noch mehr als das. In gewisser Weise wandelt Christophe Arleston einige Schritte in den Spuren eines Rene Goscinny, der bereits in Kampf der Häuptlinge das Wunder der Psychtherapie thematisierte und einen Freudschen Klon auf Asterix und Obelix losließ. Arleston geht natürlich noch eine Spur weiter. Seine Anleihen bei dem weltbekannten Psychoanalytiker aus Wien sind weitaus größer, nicht zuletzt durch die bissige grafische Umsetzung durch Jean-Louis Mourier, der dem Arzt ganz besonders, wenn es um Kacka geht, eine übertrieben ehrgeizige Mimik verleiht.

Herzerfrischendes Miteinander. Trolle sind bekanntlich für einander da. Gehen sie auch sonst mit allem anderen Getier, den Menschen sowieso, recht unschön um, haben sie einen durchweg großen Gemeinschaftssinn. Allein diese Eigenschaft reichte schon als Grundlage für eine Komödie. Christophe Arleston mischt noch den Liebesfaktor mit hinein und eine ordentliche Portion verkopfter Heilslehre. Trolle sind zum Knuddeln (das zeigt auch das diesmal das besonders geniale Titelbild von Jean-Louis Mourier) und der Beweis wird gleichfalls angetreten. Mehr wird hier nicht verraten, nur, dass es für einen Menschen ab einer bestimmten Intensität zu sehr verstörenden Momenten führen kann.

Der traurige Pröfy: Wenn jemals die Traurigkeit ein Gesicht hatte, dann wohl jenes von Pröfy, dem Halbtroll. Oft haben Arleston und Mourier (und natürlich der Top-Kolorist Claude Guth) den Leser in Städte und irrsinnige Ländereien entführt. Hier bleiben sie eher im kleinen Kreis. Dafür werden die Charaktere, die Eigenarten der Trolle mehr in den Mittelpunkt gestellt und mit Pröfy im Zentrum herrlich herausgearbeitet. Selbst Wasser kann diesen in Lethargie versunkenen Troll nicht mehr schrecken. Und das will etwas heißen. Liegt Pröfy erst einmal auf der Therapiecouch, legt Mourier mit feinen Mimiken des Erkrankten los und so bleibt für den Leser kein Auge trocken (bei Pröfy ebenfalls nicht).

Es menschelt bei den Trollen. Pröfys menschliche Seite bedarf einer Behandlung, die Psychotherapie greift ein und zeigt, was sie kann. Und da es eine Komödie ist, zeigt sie noch viel mehr von dem, was sie nicht kann. Lacher garantiert. Sehr schön! 🙂

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Sonntag, 13. September 2015

KRÄN 7 – DÄMONEN & DÖDEL – QUEST ONE

Filed under: Cartoon — Michael um 15:45

KRÄN 7 - DÄMONEN & DÖDEL - QUEST ONENadaland ist keine Gegend, in der es sich gut wandern lässt. Zu verrückt verhält sich die Landschaft. Der Boden bricht auf, Teile der Umgegend verschieben sich und plötzlich, keine hätte es jemals für möglich gehalten, steht man vor Badgag, der Hauptstadt von Nadaland. Als sei sie einfach aus dem Boden gewachsen. Na, letztlich ist sie genau das. Krän ist nicht beunruhigt, allenfalls findet er das Leveldesign ähnlich beschränkt wie bei Pac-Man. Aber was hilft es? Hier wird bestimmt ein Zauberer zu finden sein. Und natürlich gibt es einen. Und natürlich einen, der nichts anderes im Sinn hat, als die Touristen übers Ohr zu hauen.

Verrückt. Verrückter. KRÄN. Sein Erfinder, Autor und Zeichner, Eric Herenguel, nimmt in dieser Parodie auf Fantasy-Abenteuer so ziemlich alles und jedes aufs Korn. Wer hier nichts wiederentdeckt, ist selbst schuld und hat wahrscheinlich noch kein Buch des Genres gelesen, noch kein Rollenspiel gespielt und noch nicht einmal die Verfilmung von Herr der Ringe gesehen. Eric Herenguel kann nicht nur total verrückt, er kann auch nur verrückt, wie er mit seinem Ausflug nach TROY im Zweiteiler Die Geister von Troy beweisen konnte. Er kann allerdings ebenso gut ins ernste und gruselige Fach wechseln, wie der fantastische Western namens Silbermond über Providence bewies.

Nun also KRÄN. Jeder Barbar darf sich in der Nachfolge eines Conan (von Robert E. Howard) sehen, der durch die Leinwandverkörperung von Arnold Schwarzenegger in der Popkultur zementiert wurde. KRÄN schwingt die Axt nicht nur auf sehr brachiale Weise, in seinem Umfeld treiben sich die merkwürdigsten Figuren herum. Ein Werwolf, so groß wie ein Fußball, ein ebenso rundes Fellknäuel. Ein Zwerg, halbnackt, ein wüster Tattergreis, mit riesigem Appetit und einer großen Klappe. Der Elf Megodas und der kleine Schotte Minibar (weil er so viel trinkt) stoßen nach kurzer Zeit dazu. Außerdem bevölkern in Nebenhandlungen weitere Gestalten die Geschichte, die schließlich in den Kampf mit dem gigantischen Endgegner mündet … Ja, Eric Herenguel kennt sich aus.

KRÄNS Spezialität ist gnadenloses Draufhauen und dunkelster Humor, gerne auch unter der Gürtellinie. Man muss ihm aber zugute halten, dass seine Gegner, sofern sie sich halbwegs vernünftig artikulieren können, sich ?hnlichen Späßen verschrieben haben und KRÄN im Fall der Fälle gerne zuvor gekommen wären. Hätte der Barbar nicht längst in weiser Voraussicht zugelangt. Schaut er gerade nicht grimmig, dann schaut er verwundert. Zumeist schaut sein Umfeld kaum anders. Eric Herenguel liebt den dummen Gesichtsausdruck seiner verschiedenen Helden und führt ihn mehrfach vor.

Mit zartem Strich gezogen werden Muckies und Kinne, Grinsegebisse und Proportionen überzeichnet. Monster sind gigantisch, eigentlich unbesiegbar und trotzdem kommt KRÄN ihnen davon (siehe Titelbild). Neben der Verunstaltung von Charakteren aus HDR, zum Beispiel in Form eines schottischen Zwergs, der mit Kilt, Dudelsack und Riesenholzhammer in die Quest zieht, liebt Herenguel das Spiel mit den Ohren seiner Figuren. Zipfelig müssen sie sein, wie ein flattriges Beiwerk, eine vulkanische Verbeugung. Eine Art Anti-Xena läuft knapp bekleidet mit einem furchtbaren Pony herum und überhaupt sind Frisuren und Haartrachten ein weiterer figürlicher Bestandteil, der gerne zur Verschönerung herhalten darf. Insbesondere die grobschlächtigen Charaktere, die Haudraufs dekorieren sich im Pseudoeingeborenenlook.

Parodie und Spaß ohne Kompromisse. KRÄN ist nicht gesellschaftsfähig, ein echter Barbar eben, aber einer, der noch ein paar Grenzen mehr überschreitet als andere Barbaren vor ihm. So wie ein Barbar also wirklich sein sollte. Ein Haudrauf mit schmierigem Charakter, voller Biss gezeichnet und erzählt von Eric Herenguel, der hier bereits die siebte Folge erzählt. Die Gags zünden ohne Vorkenntnisse der Reihe. Hintergrundinformationen im Anhang runden die Knallerfolge ab, die übrigens mit QUEST TWO fortgesetzt wird. Doch auch das gehört zur Fantasy dazu. 🙂

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Sonntag, 06. September 2015

FEUER UND STEIN 2 – ALIENS

Filed under: Horror — Michael um 23:05

FEUER UND STEIN 2 - ALIENSHadley’s Hope. Der Planet wurde besiedelt, um eine Arbeitsmannschaft für das Terraforming vor Ort zu haben. Mit einer aggressiven Lebensform wie den schwarzen Kreaturen mit der skelettartigen Struktur hat niemand gerechnet. Die letzten überlebenden Menschen sind auf der Flucht. Einzige Rettung verspricht ein abgehalftertes Schiff, einzig genutzt zum Frachttransport. Die Flüchtigen verlassen den Mond um den Planeten Calpamos. Die kurze Reise ist schwierig, weil das Schiff für derlei interplanetare nicht konzipiert wurde. So wird aus der Flucht am Ende ein kontrollierter Absturz. Aber die neu gefundene Sicherheit ist nur von geringer Dauer.

Es gibt realistische Zeichnungen und … es gibt realistische Zeichnungen. Patric Reynolds gehört zu jenen Comic-Künstlern, die Bilder in der Form zu Papier bringen, als habe es eine filmische Vorlage gegeben und die Grafiken seien auf der Grundlage von Filmszenen nachgezeichnet worden. Daraus ergibt sich für das Endprodukt eine ungeheuer dynamische und kraftvolle Optik, in der Bewegungen und Charaktere sehr greifbar sind. Die Zeichnungen funktionieren darüber hinaus besonders gut, da mit dem Koloristen Dave Stewart ein weiterer Künstler zur Seite steht, der mit dieser Art von sehr intuitiver Zeichenweise aus langer Erfahrung hervorragend umzugehen versteht.

Genrefans kennen Dave Stewart aus seinen Zusammenarbeiten mit Richard Corben und Guy Davis (B.U.A.P.). Einem deutlichen Tuschestrich mit dem Pinsel setzt Stewart eine ebensolche organisch natürliche Farbgebung gegenüber. Das erinnert im Endergebnis an die Arbeiten von Sean Phillips (Sleeper), der ähnlich rasant über die Seiten zu huschen scheint und ebenso wie sein Kollege Patric Reynolds mit einem fulminanten Gesamteindruck aufwartet.

Eine Welt, in der zu überleben nicht die beste Lösung ist. Verschmelzungshorror ist eines der Stichwörter dieses zweiten Teils des SciFi-Horror-Abenteuers von FEUER UND STEIN. Eine schwarze Flüssigkeit, offensichtlich ein Evolutionsbeschleuniger, schafft nicht nur die Umwandlung einer Spezies, sie vereint auch zwei verschiedene Organismen auf skurrile und grauenhafte Weise. Autor Chris Roberson bedient sich hier eines Horrors, dessen Wurzeln in Horrorklassikern wie Die Fliege zu finden sind, in Die Insel des Dr. Moreau gerne wieder aufgegriffen wurde und zur Zeit im B-Movie wieder Kapriolen schlägt. Eine Mixtur aus Mensch und Alien bildet eindeutig eine der Spitzen dieses Genreablegers. Patric Reynolds weiß die Nerven des Lesers mit grafischen Umsetzungen dieser Zwitterkreaturen gehörig zu strapazieren.

Chris Roberson erzählt eine zweite Hälfte der Extraklasse. Die Verschmelzung wird zu einer Bedrohung, der sich nicht mehr entkommen lässt. Eine alienähnliche Kreatur mit menschlichen Erinnerungen kennt die Jäger einerseits, die Beute andererseits und hat keinerlei Mühe, sich gegen beide zur Wehr zu setzen und sich an die Spitze der Nahrungskette aufzuschwingen. Langsam kommt einer der Charaktere hinter die Geheimnisse des Mondes und seiner evolutionären Fallen, die schließlich sogar eine gewisse, sehr trügerische Hoffnung bereit halten.

Ein grafischer Hammer, eindringlich gemalt, mit Bildern, die den Alien-Horror hervorragend transportieren wie lange nicht. Stark erzählt, auch ohne Kenntnis des Vorgängerbandes zur ungetrübten Spannungslektüre geeignet. 🙂

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Samstag, 05. September 2015

WAISEN – RINGO 1 – Am Leben

Filed under: SciFi — Michael um 17:57

WAISEN - RINGO 1 - Am LebenWahrheit oder Tod. Mit diesen Worten stürzt sich Samuel in die Tiefe, den Zünder in der Hand, geradewegs auf die Motorhaube der Präsidentenlimousine. Niemand aus dem Kader der Sicherheitskräfte hat mit dieser Attacke gerechnet. Die kleine revolutionäre Zelle, bestehend aus Jugendlichen, ist von Samuels Vorgehen selbst überrascht. Der Explosion folgt das Chaos und eine wilde Flucht. Ein Gerücht wird für die Flüchtigen zur Tatsache. Die Krähen, die Leibwachen der Präsidentin, machen Jagd auf sie. Wer kann sagen, wer oder was sich hinter den schwarzen Helmen, den neonrot leuchtenden Lichtern und den Federverzierungen verbirgt?

WAISEN: Mit RINGO wird ein neues Kapitel in diesem d?steren Zukunftsszenario aufgeschlagen. Die alte Revolution ist vergangen. Die Kämpfer von einst sind tot oder haben sich zurückgezogen. RINGO, einstiger Staatsfeind Nr. 1, ist AM LEBEN und hat nicht die Absicht, jemals wieder in den bewaffneten Kampf einzugreifen. Es kommt anders. Derart raumgreifende Science Fiction Serien sind in Europa selten. Die Macher Franco Busatta, Emiliano Mammucari und Roberto Recchioni sind gut beraten gewesen, dieses Universum mit einem Spin-off zu erweitern.

RINGO. Ein gestandener Comic-Held mit den optischen Qualitäten eines jungen Franco Nero und den Erfordernissen eines modernen Leinwandheroen bietet vom ersten Moment seines Erscheinens das, was ein actionreiches SciFi-Abenteuer benötigt. Emiliano Mammucari und Luca Maresca, die sich die zeichnerische Arbeit teilen, zeigen ihr Können in der realistischen Darstellung eines desolaten Landes. Im Anhang wird in jeweils drei kurzen Schritten die Entstehung eines Bildes gezeigt. Bleistift, Tusche, Kolorierung. Bereits bei der Tusche ist der berühmte Schwarzweiß-Look aus Italien zu sehen, jener Comic-Kunst, die dort so gepflegt wurde und hierzulande dank Dylan Dog und Dampyr auch angekommen ist. Die Farbgebung im letzten Schritt macht aus den Bildern letztlich SciFi-Kino, denn Annalisa Leoni und Alessia Pastorello tragen mit der richtigen Farbwärme, der richtigen Beleuchtung zu einer optischen Richtlinie bei, die dem Abenteuer ein unverwechselbares Aussehen gibt.

Ein apokalyptisches Szenario mit realistischen Ansätzen wirkt durch seine grafische Umsetzung glaubhaft. Es ist eine Verfahrensweise, die sich jüngst in westlichen Geschichten (abseits der Zombieszenarien) gerne in Endzeitvisionen durchsetzt. Im Manga-Comic wurde schon länger und häufiger so verfahren, hier finden sich auch Parallelen zu WAISEN und natürlich RINGO. Es vermittelt einem das Gefühl von Ohnmacht. Das Gefühl einer Welt, die will, aber nicht mehr kann. Und falls es doch Wege gibt, dann funktionieren sie nur noch individuell, aber nicht mehr für die Masse. Am konkreten Beispiel: Eine kleine Gruppe findet ihren Weg, aber Brücken sind längst zerstört. Man kann auf Schienen laufen, aber nicht mehr fahren. Man campiert in uralten Gebäuden, weil nur diese noch derart solide gebaut wurden und so auch diese Zeitenwende überstehen.

Symbole der Aufopferung werden zu Symbolen der Revolution missgedeutet. So wird die Erinnerung an den Heiland des Christentums zu einem Märtyrer ausgeschmückt, der für seine Überzeugungen gestorben ist. Die Bildkompositionen, in denen RINGO seine Mitstreiterin korrigiert, es aber nicht schafft, sie von ihren falschen Vorstellungen zu kurieren, verschaffen der Figur die Tiefe eines modernen Action-Helden, der sich nicht in den Vordergrund stellt, aber ständig dorthin gedrängt wird.

Der Held will zunächst nicht, aber die Umstände zwingen ihn: RINGO überzeugt mit einem rundum intensiven Szenario, mit einer Heldenfigur, die immer wieder funktioniert. Franco Busatta, Emiliano Mammucari und Roberto Recchioni haben alles richtig gemacht. Ein hartes, grafisch tolles SciFi-Abenteuer. 🙂

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