Sonntag, 15. Mai 2016
Ein erfolgreicher Star aus Las Vegas kehrt zu seinen Wurzeln nach Paris zurück und findet Unterschlupf in einer Gegend, in der weibliche Entertainer selten anzutreffen sind, nämlich in der näheren Umgebung von Jackie Kottwitz. Das mischt die Nachbarschaft mit ein wenig Glamour ordentlich auf. Gleichzeitig wird der Privatdetektiv mit dem wohl für diesen Beruf am wenigsten geeigneten Fahrzeug (einer Solex) von einem unbekannten Anrufer auf einen neuen Fall angesetzt. Völlig unerwartet geht es sehr bald schon um alles. Jackie Kottwitz, ein Mensch, dessen Fälle ihm über kurz oder lang ziemlich nah gehen, muss sich diesmal sehr beeilen, will er einem bestimmten Menschen das Leben retten.
Die Geschichten um den jungen Privatdetektiven sind für mich zu einem ganz besonderen Tipp innerhalb des Comic-Krimis geworden. Alain Dodier entwirft immer neue Erzählmuster und taucht mit dem Leser zusammen schön in die normale menschliche Gesellschaft ab, abseits von Adelsgeschlechtern, Hochfinanz, Intellektuellen, Freaks oder was sonst gerne dazu herhalten muss, um dem Genre Krimi eine scheinbar pfiffige Note zu geben. Detektiv Jackie Kottwitz findet die kleinen und großen Geheimnisse hinter den gewöhnlichen Fassaden, an denen man als Leser tagtäglich vorüber geht, ohne weiter darüber nachzudenken.
In Der Pakt bekommt es Jackie Kottwitz mit einem scheinbar simplen Problemfall zu tun. Ein Kanarienvogel wurde erschossen. Die Umgegend sieht äußerst harmlos aus, bis der Privatdetektiv auf einen Jungen stößt, der überfürsorglich behandelt wird und sich in eine Enge gedrängt fühlt, aus der er immer wieder aufs Neue auszubrechen sucht. Langsam entsteht aus dem simplen Fall das Finale eines Familiendramas, dem Jackie Kottwitz auf seine zurückhaltende Art zunächst etwas ratlos gegenüber steht.
Aber der junge Privatdetektiv ist viel gewitzter, als er aussieht. In seiner Wohnung hängen die Poster berühmter Filmdetektive, wie Robert Mitchum als Philip Marlowe und Humphrey Bogart als (natürlich) Philip Marlowe. Es ist unwahrscheinlich, dass der Detektiv, den einstmals Raymond Chandler kreiert hat, jemals bei einem Schachspiel mit essbaren Schokoladeschachfiguren mit seiner Freundin überrascht wurde. Während die von Chandler erfundenen Mannsbilder ein starkes Auftreten haben und Alkohol zum Alltag gehört, wird Jackie Kottwitz sogar von mäßigem Alkoholkonsum umgehauen. Aber wie sein Zusammensein mit der Komtesse zeigt, ist Jackie Kottwitz einfach zu höflich, um ein Getränk abzulehnen.
Die beiden hier an zweiter und dritter Stelle veröffentlichten Alben Die Komtesse und Der Brief bilden einen Zweiteiler. Es geht außerdem sehr familiär weiter, obwohl es zu Beginn wieder einmal nach einer ganz anderen Richtung aussieht. Jackie Kottwitz findet auf dem Flohmarkt ein kleines Gemälde, das er wieder besseres Wissen für zu viel Geld ersteht, nur um festzustellen, dass es einen weitaus höheren Wert haben könnte. Aber, wie kommt ein derartig kostbares Gemälde auf einen Flohmarkt?
Orca nennt sich der Maler, der Jackie Kottwitz bislang unbekannt ist. Autor und Zeichner Alain Dodier hat als künstlerische Vorlage für den künstlerischen Stil des fiktiven Malers die verstorbene Künstlerin Tamara de Lempicka herangezogen. In der klaren Linie fallen die kleinen Gemälde, zwei werden gezeigt, außerordentlich durch die Verspieltheit des Art Deco auf. Die abgebildeten Frauen haben einen wuchtigen, statuenhaften Charakter und lenken den Blick durch einen sehr kühlen Ausdruck auf sich. Die Recherche nach dem Maler durch den jungen Privatdetektiv führt zur Komtesse und einmal mehr in einen Fall, in den Jackie Kottwitz nach Art der schwarzen Serie viel zu eng verstreckt wird.
Mit seiner klaren Linie gelingen Alain Dodier wunderbare Portraits. Die große Individualität seiner Zeichnungen findet sich in den Charakterbeschreibungen wieder. Originell sind weiterhin die Entwicklungen der Krimis mit Jackie Kottwitz, die mit den vorliegenden drei Fällen (bzw. einer und ein doppelter) von Alain Dodier komplett gestaltet, geschrieben und gezeichnet wurden. In der letzten Geschichte, Der Brief, fällt Jackies Freundin Babette eine größere Rolle zu, die sie so gut ausfüllt, dass man sich unwillkürlich die Frage stellt, ob da nicht einmal ein Spin-off für Alain Dodier interessant wäre … Tolle Krimis, mehr Georges Simenon als Raymond Chandler. 🙂
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Samstag, 14. Mai 2016
Der Todesstern wurde zerstört. Darth Vader hat sich geschworen, den Piloten, der dieses Husarenstück vollbracht hat, zur Strecke zu bringen. Eine Konfrontation mit dem dunklen Lord scheint unausweichlich und höchstwahrscheinlich von einem tödlichen Ausgang begleitet, aber neben Wagemut besitzen die Rebellen eben auch das nötige Quäntchen Glück. Aber wie so oft steht das Überleben auf des Messers Schneide und die Helden schlittern von einer Extremsituation in die nächste. Eine Verschnaufpause scheint ihnen nicht gegönnt, zumal neben altbekannten Feinden sich auch noch neue Gegner hinzugesellen. Da ist Luke Skywalkers Frustration über seine bisher mangelhafte und den Umständen entsprechend abgebrochene Ausbildung zum Jedi das allerkleinste Problem.
Zwischen den einzelnen Kinoereignissen von STAR WARS ist viel Luft für weitere Geschichten. Die CLONE WARS und die REBELS haben das zur Genüge bewiesen, Romanserien ebenso. Comic-Handlungsstränge, die sich in den vergangenen Jahren insbesondere mit den CLONE WARS beschäftigt haben, aber auch mit den Geschichten zu erfolgreichen STAR WARS-Computerspielen führen diese Erkenntnis fort. Nun also: Skywalker schlägt zu! Autor Jeremy Barlow springt zurück in jene Tage, als der erste Todesstern erst vor kurzem zerstört worden ist und die Rebellenallianz Aufwind erlebt, aber noch weit davon entfernt einen auf Dauer angelegten Sieg davon zu tragen.
Für einen Krieg sind Waffen entscheidend. Die eine Seite hat sie, die andere will sie und wenn sie diese nicht erbeuten kann, will sie das Waffenarsenal des Feindes wenigstens zerstören. Angesiedelt zwischen EPISODE IV (Eine neue Hoffnung) und EPISODE V (Das Imperium schlägt zurück) hält sich Jeremy Barlow mit seiner Beschreibung der Helden und Feinde sehr gut an die zu diesem Zeitpunkt bestehenden Erfahrungen der jeweiligen Figuren. Luke Skywalker hat im Rebellenkampf trotz seines enormen Erfolges noch viel zu lernen. Was es bedeutet, ein Jedi zu sein oder gar wie einer zu denken und zu kämpfen, hat er noch lange nicht verinnerlicht.
Alle Lieblingshelden des STAR-WARS-Universums vereint: Luke SKywalker, Han Solo, Prinzessin Leia, Chewbacca, C-3PO und R2-D2 überfallen gemeinsam eine imperiale Waffenschmiede. Es ist ein schnörkelloser Auftrag, klar definiert. Als Waffenhändler getarnt dringen die Freunde in die Militäreinrichtung ein und übernehmen die Kontrolle. Leider hat niemand mit dem von imperialer Seite entsandten Unterhändler gerechnet: Darth Vader. Jeremy Barlow bringt alle notwendigen Zutaten zusammen. Zum guten Gelingen dieses Science-Fiction-Abenteuers trägt aber noch ein Ausnahmecomickünstler bei: Colin Wilson.
Viele Zeichner näherten sich den Abbildern der Originalschauspieler der Kinoabenteuer nur an. Einige illustrierten sehr frei, andere, wie der Zeichner Cam Kennedy (Das dunkle Imperium), schufen stark angelehnte und doch sehr eigene Anmutungen der klassischen Figuren. Der Zeichner Colin Wilson gehört zu einer dritten Kategorie. Colin Wilson hält sich optisch unwahrscheinlich genau an das Originalaussehen der Figuren, so dass Harrison Ford, Carrie Fisher und die Kollegen zweifelsfrei erkennbar sind. Gar keine Frage, dass hier ein richtiges Kino-Feeling entsteht.
Colin Wilson ist hierzulande mit seinen Arbeiten für Leutnant Blueberry und Point Blank bekannt. Außerdem ist dieses Abenteuer nicht sein erster Abstecher in die Weiten des Kriegs der Sterne (siehe: STAR WARS INVASION). Seine zeichnerische Akribie findet sich nicht nur in den tollen Umsetzungen der Hauptfiguren, sondern auch in der szenischen Präsentation der unverzichtbaren STAR-WARS-Technik. Colin Wilson kann in diesem Band mit zwei Sequenzen besonders punkten. Darth Vader erhält die Gelegenheit, seine Macht zu zeigen (wie in einer Hommage an Das dunkle Imperium). Zweitens dürfen sich die STAR-WARS-Fans auf einen tollen Auftritt von Boba Fett freuen.
Die Geschichte von Jeremy Barlow passt sich hervorragend in die bekannten Filmabenteuer ein. Colin Wilson etabliert sich als einer der Top-STAR-WARS-Zeichner. Uneingeschränkt für Fans dieser Space Opera zu empfehlen. 🙂
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Link: colinwilsonart.com (Homepage von Colin Wilson)
Freitag, 13. Mai 2016
Rachel hat ihre besonderen Erfahrungen mit dem Tod gemacht. Aber einfach nur lange zu schlafen, ist nun doch merkwürdig. Zwei Wochen lang. Die Träume sind verwirrend, das Aufwachen wird misstrauisch beäugt. Da macht doch tatsächlich jemand Rachels Füße nass! Zoe, die kleine Serienmörderin, ist sonst nicht so leicht zu erschrecken. Als sich Rachel unerwartet nach ihrem langen Schlaf regt, ihre unterbewussten Erlebnisse mit dem Mädchen teilt, reagiert das Mädchen sogar mit Verzweiflung, noch ein emotionaler Zustand, der Zoe relativ fremd ist. Der Traum von Rachel ist, nach kurzer Diskussion, eher eine Vision der Zukunft und keinesfalls eine wünschenswerte, nicht nur für Zoe, sondern für die ganze Welt.
Böse zu sein, ist ganz normal und eigentlich nicht der Rede wert. Wer nicht nur tötet, sondern auch gleich mehrmals gestorben ist, meist unter ominösen Umständen, der läuft ein wenig neben den gängigen Definitionen von Gut und Böse. Rachel, Zoe und Lilith werden zu einem nicht ganz gewollten, nicht so recht gewünschten Trio, allesamt mit einem gesunden Misstrauen dem anderen gegenüber ausgestattet und dennoch sind sie scheinbar an einen Punkt ihrer gemeinsamen Geschichte gelangt, an dem sie aufeinander angewiesen sind. Terry Moore stellt auf seine bekannt mysteriöse Art ein paar Weichen neu. Die Rückkehr Liliths bietet schwarzen Humor in bester David-Lynch-Manier mit einer kuriosen Pointe. Und immer schwingt im Hintergrund die leise Frage: Darf ich darüber eigentlich lachen? Und gleich darauf: Oder wäre Mitleid angebrachter?
Terry Moore überrascht mit seiner Erzählweise. Selten haben Selbstmorde in einer Geschichte (ganz gleich welchem Mediums) derart an den Nerven gezerrt. Besonders eine Inszenierung ist so angelegt, dass sie einfach mehrmals hintereinander gelesen, angeschaut werden muss, allein weil sie so einzigartig ist. Natürlich wird hier nichts darüber verraten, aber wer Terry Moore nicht kannte, könnte als Mystery-Freund durch die Einstiegssequenz zum Fan des Comic-Autors und Künstlers werden. Terry Moore kann sich gleich zu Beginn ein Augenzwinkern nicht verkneifen, beginnt doch diesmal alles wie in einer Folge der vielen CSI-Serien. Eine Frau wurde durch einen Autounfall auf der Landstraße geköpft. Das ist bereits selten genug. Die Begleitumstände würden jeden TV-Ermittler neugierig machen. Und den Leser erst recht.
Wer ist eigentlich Rachel? Die Figur, mit der alles begann, hat dem Leser mittlerweile viel von sich preisgegeben. Vieles liegt aber noch im Dunkeln, von Terry Moore bewusst geheim gehalten, aber jetzt hat sich der Autor entschlossen, den Schleier an einigen Enden anzuheben und den Blick auf ein paar Vergangenheiten freizugeben. Wie das gemeint ist? Das wird hier auch nicht verraten. Sagen wir einfach, Rachel ist eine sehr vielschichtige Persönlichkeit, die von ihrem Werdegang nach einigen Überredungen selbst sehr überrascht, dann sogar tief erschüttert ist. So manche Autoren haben ihren Charakteren ähnliche Attribute verliehen, doch wird ihnen dadurch eine schöne Tiefe verliehen, was nicht zuletzt der einfühlsamen Erzählweise von Terry Moore geschuldet ist.
Und ganz nebenbei ein wenig Liebe und die Aussicht auf das Ende der Welt. Oder man könnte auch sagen: Terry Moore, ein Mann erzählt über Frauen. Schon diese Konstellation ist ungewöhnlich. Ungewöhnlicher noch ist einerseits ihre Ungewöhnlichkeit, anderseits ihre Gewöhnlichkeit. Moores Frauen sind keine alles überragenden Superhelden wie bei anderen Autoren. Trotzdem sind es keine Damen, die man im nächsten Supermarkt treffen würde. Die tief reichenden Geheimnisse dieser Frauen machen die Faszination aus. Und jede unterscheidet sich deutlich von den anderen. Am meisten Spaß macht sicherlich Zoe, mehr Mädchen als Frau, aber eigentlich uralt und mit einer teuflischen Vorhersage versehen.
Ach, ja, die Liebe! Jet und Earl sollen nicht vergessen werden. In zwei feinen Szenen beschäftigt sich Terry Moore mit den beiden und führt endlich das zusammen, von dem der Leser nicht sicher sein konnte, ob es auch zusammen passt. Denn Frauen zeichnen sich in RACHEL RISING nicht gerade für ihre Zuneigung zu Männern aus. Gründe dafür findet Terry Moore in der Entstehungsgeschichte von Lilith und Rachel, einem mystischen Abschnitt der Erzählung, der noch viele weitere Fragen auf einmal klärt.
Der sechste Band lüftet eine Reihe von Geheimnissen, vertieft die Hauptfiguren und deutet ein paar Entwicklungen an, die zwangsläufig für Dramatik sorgen werden. Darüber hinaus gönnt Terry Moore seinen Charakteren eher eine Verschnaufpause. Zusammengefasst wirkt diese Folge wie die berühmte Ruhe vor dem Sturm. Was letzteres bedeutet, hat Terry Moore zuvor schon unter Beweis gestellt. Wie immer sehr gut! Etwas für Serienjunkies. 🙂
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Montag, 02. Mai 2016
Warum sollte man als junger Mensch einem Erwachsenen Glauben schenken? Oder warum sollte die Erfahrung eines anderen zählen? Buddy Longway möchte seine Tochter Kathleen gerne davon abhalten, zu früh mit ihrem Pferd zu reiten. Es könnte weder für sie, noch für das Tier gut sein. Buddy Longway hätte seine Tochter besser kennen sollen, schließlich hat sie so manche Charaktereigenschaft von ihm geerbt. Dazu gehört auch, immerhin in dieser Altersphase, ein gewisses Ungestüm. Buddy kannte dieses Gefühl. Auch er hat seine Fehler gemacht. Fehler, die vielleicht sogar gefährlicher waren, als sie Kathleen nun unterlaufen.
DERIB erzählt mit BUDDY LONGWAY über mehrere Leben im Wilden Westen vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. Buddys Familie beläuft sich inzwischen auf vier Personen. Neben den Problemen, die mit Heranwachsenden auftreten können, sind die Schwierigkeiten im urwüchsigen Land weit im Westen des nordamerikanischen Kontinents noch weitaus größer. Das Titelbild und die Überschrift des dritten Bandes der Gesamtausgabe über den Trapper BUDDY LONGWAY bringen es auf den Punkt. DER WAHN DES MENSCHEN teilt sich in verschiedene Aspekte auf. Ein Kern hier ist der Hass auf alles Fremde und der daraus resultierende Vernichtungswille alles Andersartigem.
DERIB vermischt eine straffe und spannende Handlung mit großen Themen. Für Jeremiah steht das Erwachsenwerden im Vordergrund. Ein Ziel zu finden, eine Vision sogar, wie es auch Heranwachsende seines Volkes, die Indianer, tun. Denn obwohl sein Vater ein Weißer ist, ist die Verbindung zur Linie der Mutter viel stärker ausgeprägt. Das Leben in und mit der Natur hat seinen Charakter geformt. Die Begegnung mit der Zivilisation, in Form von Auswirkungen des Goldrauschs und des Hasses auf die Indianer, schreckt ihn und lässt ihn sich noch mehr auf vertrautes Territorium, völlig zu Recht, zurückziehen.
Der weiße Dämon lautet der zweite Titel der hier vereinten vier Alben. Und Dämonisch ist das Stichwort für eine Reihe von Ereignissen, die DERIB seinen vier Helden, der Familie um BUDDY LONGWAY, zumutet. Ihm gelingt es einerseits, eine Art von Paradies zu zeigen, die Schönheit von Leben, wie es sein könnte. Andererseits stellt DERIB das Dämönische gegenüber, als eine Art Brunnenvergifter, das sich hinter Täuschung verbirgt, großen Worten und häufig überfallartig über die Protagonisten hinweg rollt. Der ebenfalls titelgebende Captain Ryan stellt eines dieser bösartigen Elemente in den Geschichten dar. DERIB schildert, wie sehr der Mann von seinem Hass zerfressen wird und gleichzeitig seine Soldaten in seinen ganz persönlichen Rachefeldzug hineinzieht und bis dahin unbescholtene Männer instrumentalisiert.
Aber auch das scheinbar Natürliche kann sich der Kritik nicht entziehen. Die Mannesproben der Indianer, die, einer Vision folgend, an der Schwelle zum Erwachsenen abgelegt werden, um endgültig zu reifen, stellen hier einen Eingriff in das natürliche Gefüge dar, obwohl sie seit Menschengedenken zum natürlichen Kreislauf gehören. Jeremiah, der Sohn von BUDDY LONGWAY, gelangt zu einer anderen Erkenntnis als jener, die er ursprünglich erwartet hat. DERIB ist nicht nur ein schlauer Erzähler, ihm gelingt es auch auf einfache Weise, eine leichte Form der Philosophie, ein wenig Ethik zu vermitteln. Gerade so, wie BUDDY LONGWAY seinen Kindern Geschichten erzählt, um diesen einen Rat oder eine Weisheit zu veranschaulichen, verhält sich auch DERIB gegenüber seinen Lesern. DERIB überschreitet damit leichtfüßig und ohne Druck auf den Leser die Trennlinie vom Comic zur Literatur.
Zeichenstil: gestern und heute. In der ersten Geschichte im vorliegenden Sammelband gestattet sich DERIB einen nostalgischen Rückblick. Er lässt BUDDY LONGWAY nicht nur aus dessen Anfangstagen als Trapper erzählen, er zeichnet ihn auch wieder mehr cartoony, wie er es zu Beginn der Serie getan hat. So grenzen sich die Erinnerungen deutlich zur familiären Gegenwart ab, die DERIB mit seinem wunderbaren Realismus zu Papier bringt. Auf diese Art wird auch der Humor seiner Erzählung deutlicher, ohne wörtlich in einen Witz abzugleiten, der sich schlecht übersetzen lässt. Die Situationskomik versteht jeder.
DERIB versteht es einfach mit seiner Figur BUDDY LONGWAY Geschichten zu erzählen. Sie wirken nicht nur echt, sondern auch wahrhaftig, als wäre diesen Menschen heimlich über die Schulter geschaut worden. Eine große Geschichte, die mehr als nur ein Western ist. Erste Klasse! 🙂
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Freitag, 29. April 2016
Die Welt zerbricht. So oft hätten die kleine Reisegruppe, der hoch gezüchtete Krieger RINGO und seine drei jugendlichen Begleiter, glauben können, dass es nicht schlimmer werden kann. Hingemetzelte Schweine, in Teilen aufgespießt, bilden eine Warnung in dem sumpfigen Gelände, ehe die vier Wanderer auf eine künstliche Wand aus lauter menschlichen Totenschädeln stoßen. Doch das ist erst der Anfang. Niemand der vier Reisenden hätte hier ein vermintes Gebiet erwartet. Wenig später findet sich RINGO in Gefangenschaft wieder. Ein Mann, der sein Gesicht hinter einer rituellen Maske verbirgt, hat besondere Pläne mit diesem Krieger.
TABULA RASA lautet der Untertitel von Band Nummer 5 des WAISEN-Spin-offs RINGO. Wie immer ist der Band in zwei Episoden unterteilt. In der ersten Geschichte werden sich Fans von THE WALKING DEAD, sei es der TV-Serie oder der Comic-Reihe, sofort heimisch fühlen. Das große Thema dieser Episode lautet Hunger. In einer Gegend der apokalyptischen Welt, in der immer noch Asche vom Himmel schneit, ist Nahrung ein ständig fehlendes Element. Aus dem Mangel entwickeln sich schnell Kulte und es ändern sich die Machtverhältnisse. Roberto Recchioni und Mauro Uzzeo haben hier eines fürchterlichsten Schreckensszenarios in der Reihe RINGO bisher entwickelt.
Grausam, verdreht, mit halbtoten Kannibalen erreicht die Wanderschaft der vier Weggefährten einen grausamen Höhepunkt. Es beginnt mit einer Art erzählerischer Verbeugung vor dem Herrn der Fliegen. Nicht einer, sondern gleich zig Schweineköpfe ragen offensichtlich als Warnung aufgespießt in einer von Nebel umwaberten Landschaft ringsum empor. Wie ernst die Warnung gemeint ist, zeigt sich innerhalb kürzester Zeit. Und es zeigt sich auch, wie untertrieben die Warnung letztendlich war. Roberto Recchioni und Mauro Uzzeo bleiben ihrem Szenario treu, mischen aber auch etwas von dem oben erwähnten Apokalypsen-Hit hinzu, sogar ein wenig von den Necromongers (Riddick 2).
Der von Matteo Cremona und Luigi Pittaluga vorzüglich gezeichneten Episode wurde ein mysteriöser Aspekt beigefügt. Brutalität allein gewährleistet noch keine Spannung. Deshalb haben Recchioni und Uzzeo ganz im Stil von Horrorspezialisten wie King, Koontz oder Morrell zwei Handlungsstränge eingebaut, die den Schicksalen von RINGO selbst und der jungen Rosa folgen. Einige Individuen dieser merkwürdigen Gemeinschaft haben ihre eigenen Vorstellungen, wie diese gesunden Menschen von Nutzen sein können. Sind ein paar Zustände eher plakativ zu nennen, wird es gerade in den Szenen mit RINGO und Rosa gruselig intensiv.
Ein Verräter in der Gruppe! RINGO hat seine Erfahrungen mit Verrätern gemacht. In gewissem Sinne verfolgen ihn die Krähen, die Killer der Präsidentin, genau aus diesem Grund. Nun hat sich aber ein Verräter in ihre kleine Gemeinschaft eingeschlichen. Bislang stand im Zentrum von RINGOs Besorgnis die Annahme, dass einer der Jugendlichen ein Kind von ihm sein könnte. Kann diese Vermutung Anlass für Gnade gegenüber dem Verräter sein? In der von Luca Saponi exakt und versiert gezeichneten Episode kippt die Stimmung von einer Szene zur nächsten und gerät zu einem Kammerspiel, wie es die vier Hauptfiguren so noch nie abliefern mussten. Bisher galt als ungeschriebenes Gesetz, dass die Kerncharaktere innerhalb der Handlung folgerichtig mit Leben davon kommen mussten. Diese unausgesprochene Vorschrift wird nun zu den Akten gelegt.
In der ersten Hälfte purer Horror, in der zweiten Hälfte apokalyptisch menschelnd. Mit starkem Ernst erzählt, dramatisch aufbereitet. Die beiden Autoren, Roberto Recchioni und Matteo Uzzeo, verstehen es, eine lieb gewonnene Gemeinschaft durcheinander zu wirbeln und den Zeiger kurz vor Serienende noch einmal auf Null zu stellen. Sehr gut. 🙂
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Sonntag, 24. April 2016
Eine Jagd ist kein leichtes Unterfangen, wenn die Beute eine größere Stärke, mehr Masse, mehr Wut und … große Hörner besitzt. Aber die Jäger haben keine Wahl. Eine solche Beute ist ein Glücksfall für den ganzen Stamm. Eine List mag helfen, die Beute zu bezwingen. In der Aufregung begeht der kleine Poika, der die Jäger begleiten darf, einen folgenschweren Fehler. Das Leben vor 10.000 Jahren in Britannien besteht aus täglichen Überlebenskämpfen. Geheimnisvolle Wesen lauern in der Welt und in den Träumen. Legenden entstehen schnell. Und wer die Grenzen der Stammesgebiete nicht achtet, provoziert eine gewalttätige Auseinandersetzung.
Ben Haggarty und Adam Brockbank haben ein ungewöhnliches Projekt auf die Beine gestellt, gleichzeitig eines, das darf an dieser Stelle schon gesagt sein, dass gesamter Länge gelungen ist. Offensichtlich ist die Qualität der Grafiken, die weit über das normale Maß hinausgehen. Adama Brockbank arbeitet als Storyboard-Artist (siehe auch Link unten) und im Bereich Production-Design. Die Grafiken seiner Arbeiten zu diversen Harry-Potter-Filmen, Troja, Captain America und vielen anderen sind schlicht großartig zu nennen.
In der Filmproduktion muss dem Ergebnis gemäß, bei Filmen mit fantastischem Hintergrund wie Fantasy oder Comic sowieso, muss mit einer erhöhten Präzision gearbeitet werden, die von Comic-Zeichnern so nicht zur Gänze verlangt werden. Rein technisch betrachtet lassen sich qualitative Vergleiche (nicht thematisch) zu Comic-Produktionen wie THE RED STAR oder GUNG HO ziehen. Adam Brockbank zeichnet ähnlich wie die Comic-Künstler Yanick Paquette und Stuart Immonen (beide bekannt durch ihre Arbeiten für die Ultimativen X-Men). Stilistisch finden sich hier leicht kantige Strukturen, optische Vereinfachungen einiger Figuren. Im mythischen Bereich der Steinzeitmenschen wird diese Stilistik aufgebrochen und glatte, abgerundete Linien sind vorherrschend, wie die Schwäne sehr schön zeigen.
In der Farbgebung findet Adam Brockbank einen feinen Mix aus Flächen, Verläufen und Airbrush. Manchmal erfolgt ein klarer Ausbruch aus einer bewusst künstlichen Darstellung und der Leser darf sich an Grafiken mit fotorealistischem Charakter erfreuen.
Ben Haggarty spielt mit steinzeitlichen Mythen und nutzt jene Fragmente, von denen Schlüsse auf eine religiöse Sicht jener frühen Menschen gezogen werden können. Wandmalereien oder die berühmte kleine Venus von Willendorf mögen Haggarty einerseits für den hier gezeigten Jagdglauben gedient haben (zusammen mit indianischen Mythen neuerer Generationen), andererseits mag die Venus Vorlage für jene bombastische Mutterkreatur gewesen sein, der der Jäger Talja auf seiner Reise zu den Schwänen begegnet. Auf Fantasy muss der Leser hier nicht verzichten, aber er wird nicht einer Fantastik begegnen, die er von den ansonsten üblichen Publikationen her gewohnt ist. Hier herrscht eine Atmosphäre vor, wie sie in Am Anfang war das Feuer gezeigt wurde und der prinzipiell jegliche Romantik fehlt.
In kurzen Episodenschritten entsteht langsam ein Gesamtzusammenhang in MEZOLITH, werden nach und nach die Charaktere genauer gezeigt, ihr Werdegang aufgeschlüsselt. Alles dreht sich in gewissem Sinne um den Jungen Poika, die nicht einmal immer zugegen ist und seine Erfahrungen erweitert, sondern auch aus den Erzählungen der anderen Stammesmitglieder lernt. Wie wichtig derlei Wissen sein kann, wie schnell sich eine Legende in die Wahrheit verkehrt, lernt der Leser in mancher Wendung. Ben Haggarty hat eine neue Möglichkeit gefunden, geheimnisvoll Elemente zu verarbeiten, sehr leicht, sehr menschlich, in einer Rückführung in jene Epoche, als die Grundlagen für jedwede Fantasie entstand und die Grenzen zwischen dem Mythischen und dem Realen noch viel durchlässiger waren.
Eine für Comics lange vernachlässigte Zeitspanne, die hier von Ben Haggarty sehr gründlich, sehr liebevoll, unterhaltsam und packend erzählt wird. Adam Brockbank überträgt die geschilderten Figuren in echte Persönlichkeiten, die sich einer stets gefährlichen Umwelt stellen müssen und gemäß des historischen Entwicklungsstadiums der Menschheit in ihrer Welt aufgehen und sich arrangieren, anstatt mit ihr zu hadern. Sehr gut. 🙂
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Samstag, 16. April 2016
Routineeinsätze sind immer verdächtig, denn Routine existiert im Alltag der Avengers eigentlich nicht. Und Routine bei Einsätzen ist für die Avengers immer wie die berühmte Ruhe vor dem Sturm. Der Hulk wird als lebende Bombe abgeworfen und kracht mitten hinein in eine nur mangelhaft bewachte HYDRA-Basis. Die Gegner sind zügig ausgeschaltet, viel zu zügig. Für die kleine Besatzung ist die Basis zu groß geraten. Die misstrauischen Helden machen sich auf die Suche und stoßen auf ein Zeitportal. HYDRA hat scheinbar nichts an den zeitlichen Abläufen verändert. Oder die Veränderung ist die noch nicht eingetreten?
Ein Superheldenabenteuer mit Augenzwinkern, denn Mike Costa schickt die Avengers auf eine unmögliche Mission quer durch die Jahrmillionen. HYDRA, die Verbrecherorganisation, hat sich einen Plan ausgedacht, um am Ende doch noch zu gewinnen. Oder am Anfang? Nun, es ist gar nicht so einfach zu bestimmen, wann der Plan bereits erfolgreich ist. In jedem Fall erwartet die Avengers ein hartes Stück Arbeit. Captain America, Scarlett Witch, Black Widow, Quicksilver, Hulk, Hawkeye, Iron Man und Spider-Man retten hier nicht nur den Tag, sondern gleich die ganze Welt. Für die Helden ist sehr schnell klar, dass nur eine Zeitreise den gegnerischen Plan vereiteln kann. Aber wie schon so mancher Marvel-Held in der Vergangenheit (oder Zukunft, wer weiß das so genau?) gelernt hat, kann bei dieser Art des Reisens vieles gehörig schief gehen.
Mike Costa nutzt die Gelegenheit des Zeitreiseszenarios zu einem abwechslungsreichen Sprunggemenge. Besonders lustig ist der Missionsabschnitt in einem Japan des Zweiten Weltkriegs. Zu den Gesetzmäßigkeiten der Zeitreise gehört es gemeinhin nichts oder immerhin so wenig wie möglich zu verändern. Da hilft den Helden nur eine Verkleidung, denn Iron Man, Spider-Man und Black Widow hatten dort zu diesem Zeitpunkt überhaupt nichts verloren. Dabei handelt es sich auch um die lustigste Episode, denn Mike Costa schickt hier einen Gegner vor, der seinen Spaß allenfalls aus dem Tod des Gegners zieht, Freude an Folter und ähnlichen Dingen hat. Die HYDRA-Agenten kosten ihre Machtmomente auch weidlich aus.
Carmine Di Giandomenico pflegt einen ähnlich grafischen Stil wie Scott Kolins, der ebenfalls schon die Avengers zeichnete. Der italienische Comic-Künstler und Storyboard-Artist Di Giandomenico darf sich zu den künstlerischen Marvel-Veteranen zählen. Neben den Avengers setzte er beispielsweise auch IRON MAN und DARE DEVIL in Szene. In der Zusammenarbeit mit dem Zeichner Enis Cisic ist ein Gesamtbild gelungen, in dem jeder Strich leicht gesetzt wirkt und wie bei dem erwähnten Scott Kolins grundsätzlich ohne ablenkendes Beiwerk wie kaschierende Schatten auskommt.
Insgesamt ist es etwas künstlerischer und technisch freier als die jüngsten MARVEL-Animationsfilme, es geht aber optisch stark in die Richtung und deutet an, dass Di Giandomenico einen Teil seiner Arbeit für das Medium Film abgeliefert hat. Zum Schluss wird es optisch kurios, auch ein Hinweis auf ein eher japanisches Finale. Spätestens hier muss sich Autor Mike Costa unterstellen lassen, dass er gegen Ende noch eine ordentliche Schaufel Humor verstreuen wollte.
Ein kurzweiliges Avengers-Abenteuer mit einigen aus der Stammbesetzung der Heldengruppe. Kurzweilig erzählt, grafisch gut umgesetzt, abseits der großen Events der letzten Zeit. Für alle Heldenfreunde, die es nicht so ganz bierernst brauchen und eine unterhaltsame abgeschlossene Geschichte lesen wollen. 🙂
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Donnerstag, 14. April 2016
Nävis lächelt nicht oft. Ihr neuer Auftrag führt sie auf gewohntes Terrain, auf einen Weg voller Erinnerungen. Auf TRIJ 68 herrscht nicht nur Bürgerkrieg. Dort lebt auch der Vater ihres Sohnes. Aber das darf nicht ablenkend sein, denn die Mission auf dieser Welt erfordert nicht nur Tarnung, sondern auch höchste Konzentration. Technisch etwas archaisch, mit Verbrennungsmotoren allerorten, ist dennoch gefährlich auf diesem Planeten auf der falschen Seite zu stehen oder zwischen die Fronten zu geraten. Da hilft es kaum, dass die Mission darin besteht, ein mächtiges Artefakt aus einem Museum zu stehlen. Ja, Nävis hat nicht viel zu lachen, für das kleine Portraitgemälde, ein Geschenk, gestattet sie sich dann doch ein Lächeln …
Jean David Morvan und Philippe Buchet wandeln mit der 17. Folge der Serie SILLAGE ein wenig auf den Pfaden des Steampunks. Die ganze Umgebung besitzt die natürliche Düsternis jenes Genres, als die Himmel noch vom Qualm verhangen waren und Technik, bevor sie Opfer von Rost wurde, noch klapperte und viel Lärm machte. Da ist sauberes Grün, ein künstlicher Dschungel, in dem der Sohn von N?vis auf die Jagd geht, ein wahrhaftiges Paradies. Morvan und Buchett zögern nicht, dieses Kleinod inmitten von SILLAGE zum Schauplatz einer Auseinandersetzung zu machen.
Atmosphärisch angesiedelt zwischen industrieller Revolution in Frankreich und russischer Revolution werden hier geschickt bekannte Versatzstücke miteinander verwoben. Die Revolutionäre und die Soldaten des Regimes sind eine Verbeugung vor der Historie und Leinwandepen im Stile eines Doktor Schiwago. Das Titelbild, martialischer anzuschauen als die damalige Werbung für das Epos, wirkt in der Summe wie eine Anlehnung an den Klassiker mit Omar Sharif. Morvan und Buchet belassen es nicht dabei. Eine kurze Erzählung der Püntas über den roten Mond lässt Erinnerungen an einen bestimmten Ring wach werden. Es ist schön zu sehen, wie sich die Anspielungen in die große Eigenkomposition von SILLAGE einfügen.
Das Besondere in dieser Folge, mit dem Untertitel FROSTZONE, ist der Sidekick, den Nävis zur Seite gestellt bekommt. Julius ist ein Junge, entstammt der Welt TRIJ 68 und ist über die Maßen intelligent und mit erfinderischem Talent gesegnet. Für den Comic-Künstler Philippe Buchet bedeutet dies, eine Figur zu inszenieren, die mit technischen Spielereien überrascht und darüber hinaus Potential hat, um zu einem echten Spin-off-Charakter zu werden. Zeitweilig erinnerte er mich an eine Comic-Version von Steve Urkel (Alle unter einem Dach), weniger überzogen, dafür auf Anhieb sympathischer konzipiert.
Blick zurück und nach vorne. SILLAGE ist ein riesiger Spielplatz für Jean David Morvan und Philippe Buchet, denen es unentwegt gelingt, dem großen Mosaik von SILLAGE mit jeder neuen Folge zig neue Steinchen anzulegen. Der erwähnte Julius ist nur eines dieser neuen Fragmente. Wichtiger sind ein paar Kleinigkeiten, die das große Ganze von SILLAGE wieder mehr ins Visier nehmen, ein Aspekt, der über einige Geschichten hinweg etwas ins Hintertreffen geraten ist. In der Sache Nävis könnte es sein, dass ihr Sohn künftig eine größere Spiele spielt, wird er doch von Morvan stärker in den Fokus gerückt, nachdem Mutter und Sohn ihre Grenzen genauer gegeneinander abgesteckt haben.
Nävis muss sich noch mehr als zuvor mit dem Gedanken anfreunden, eine Familie zu haben, obwohl diese ziemlich zerrissen ist. Die draufgängerische Frau ist einmal mehr ein Stück erwachsener, verantwortungsvoller geworden, zumal ihr Sohn so heißblütig ist wie sie und ihr deshalb ein paar erzieherische Qualitäten abverlangt und nicht nur er. Mit dem kleinen Julius findet sich eine Figur, mit der Nävis das nachholen kann, was ihr beim eigenen Kind verwehrt blieb. Schön durchdacht, mit spannender Mission und von Philippe Buchet genial gestaltet, einem Comic-Künstler, der Maßstäbe gesetzt hat. 🙂
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Xipil soll der Kaimangöttin geopfert werden. Die junge Frau, deren Opfer einen fürchterlichen Fluch abwenden soll, nimmt ihre Aufgabe ernst, trotz ihrer Angst. Aber sie hat nicht mit dem Eintreffen des Bärenk?nigs gerechnet, der von Menschenopfern rein gar nichts hält und ihr begreiflich macht, dass ihr Volk von der Kaimangöttin hereingelegt wird. Der Bärenkönig befreit Xipil, wohl meinend, das Richtige zu tun. Und auch Xipil ist zunächst voller Freude darüber, zu ihrem Volk und ihrer Familie zurückkehren zu können. Der erste, den sie auf dem Heimweg im Wald trifft, ist der Jäger Antli, ihr Mann. Doch statt sich über ihre Heimkehr zu freuen, fällt er voller Zorn über ihre Feigheit über sie her und prügelt sie fast zu Tode …
MOBIDIC, ein Pseudonym, für eine junge Comic-Zeichnerin aus Brüssel, legt mit BÄRENKÖNIG ihr europäisches Comic-Debüt vor. Auf den Leser wartet eine indianisch märchenhafte Erzählung in der Welt der Menschen und Götter der Natur. Für die Menschen sind die Götter keine Fiktion, obwohl sie ihnen so nah nie begegnet sind. Als es dann doch geschieht, bahnt sich eine ungewöhnliche Liebesgeschichte an. Die Comic-Künstlerin MOBIDIC hat mit einer Mischung aus klaren Linien, Kamerablick, etwas Bilderbuch, genau ausgewählten Details und lasierend, texturartig aufgetragenen Farben eine ganz eigene Bildsprache gefunden, die dieser indianischen Legende eine treffende Atmosphäre gibt.
Das Aufeinandertreffen eines Menschen mit einer tierischen Kultur hier legt automatisch einen Vergleich mit ähnlich gelagerten Geschichten nahe, allen voran Das Dschungelbuch. Aber bei einer ähnlichen Grundkonstellation überwiegen die Unterschiede. Xipil, die junge Frau, ist erwachsen, als sie den Tiergöttern begegnet. Diese können sprechen, sind unglaublich alt, nicht unsterblich. Im Tross der jeweiligen Götter leben die jeweiligen Gefolgstiere. Der BÄRENKÖNIG hat eine kleine Rotte Bären bei sich. Es mag hier auch japanische Einflüsse geben. Anime-Fans könnten hierbei an Prinzessin Mononoke denken. Die Tiergötter sind hier nicht nur größer als ihre Gefolgschaft, sie zeichnen sich auch durch leicht veränderte Körpereigenschaften aus, wie etwa der weiße Fuchsgott mit drei Schwänzen.
Hass zwischen Göttern und Menschen definiert das Verhältnis zwischen den Spezies. Als Xipil von ihrem Stamm getrennt wird, erkennt sie aus der Entfernung erst den wahren Charakter der Menschen. Der Mensch breitet sich aus und versucht der sich wehrenden Natur mit Menschenopfern Herr zu werden. Die Kaimangöttin bringt ihre Wut über die Menschen auf den Punkt und sie hat nur einen Wunsch. Aber leider kann sie ihn nicht erfüllen. Und so gibt es einmal mehr eine unheilige Allianz. MOBIDIC geizt in ihrer Erzählung nicht mit Hoffnung, Liebe und Freundschaft. Doch Hass, Verzweiflung und Feindschaft füllen mindestens ebenso stark die andere Waagschale.
Zwar ist Xipil die menschliche Hauptfigur, aber der BÄRENKÖNIG ist nicht nur der Titelheld. Mit weißem dichten Fell, riesig, freundlich, weise, stark und kuschelig ist er der lebendig gewordene Teddybär. Für Xipil wird er nicht nur zum tröstenden Freund, sondern gar zum Ehemann. Automatisch verknüpft man als Leser mit den Tieren bestimmte Charaktereigenschaften, die sich durch Äußerlichkeiten ableiten lassen, aber genauso von Erinnerungen an diverse Fabeln. MOBIDIC stützt diese Assoziationen, indem sie einige Merkmale besonders herausstellt (auch körperlich). Auffallend ist, dass zu keiner Zeit eine tierische Figur unsympathisch wirkt, selbst die Kaimangöttin nicht, obwohl sie die Trägerin von List und Heimtücke ist.
Eine sehr eindrücklich erzählte, frei erfundene Legende der jungen Comic-Künstlerin MOBIDIC. Außerordentlich schön gestaltet, in sehr eigenem Stil. Die Figuren laden zum Mitfühlen ein. Rundum gelungen. Für Freunde von indianischen Sagen und Märchen, aber auch solche, die sich asiatischen Mythen zugeneigt fühlen. Sehr gut. 🙂
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Sonntag, 10. April 2016
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs zogen die Soldaten noch mit einem Hurra auf den Lippen in den Kampf. Bei den beiden französischen Kämpfern, Calixtus von Prampeand und Leon Matilo, ist von diesem überschäumenden Gefühl, sollte es jemals vorhanden gewesen sein, nichts mehr zu finden. In den Schützengraben herrschen Todesangst und Desillusion. Wie berechtigt diese Ängste sind, zeigt sich binnen kurzem, als ein kleiner Igel, als Frühwarnsystem eingesetzt, in sein Versteck krabbelt, weil er das Getrampel der angreifenden deutschen Infanterie viel früher erkennt als die französischen Einheiten. Das Gemetzel beginnt …
Der Krieg geht vorüber, die Männerfreundschaft bleibt, zusammengeschweißt von der grauenhaften gemeinsamen Vergangenheit. Nach so viel Tod bedeutet das Leben noch viel mehr. Aber was soll man nach diesem weltweiten Unheil anfangen? Die Welt hat nichts daraus gelernt. Die Kämpfe gehen weiter, anderswo. Warum nicht daraus Profit ziehen? Aus Calixtus, demotiviert von einem Leben in der Oberschicht, und Leon, ambitioniert, weil er seiner Misere entfliehen möchte, werden Abenteurer. Die Rifberber erheben sich gegen die spanischen Besatzer in Marokko. Es wäre doch gelacht, wenn sich dort mit Waffen kein gutes Geld verdienen ließe …
Maurin Defrance und Fabien Nury haben eine klassisch französische Abenteuergeschichte verfasst, wie sie in der guten alten Kinozeit mit Gesichtern wie Lino Ventura, Yves Montand und anderen Charakterköpfen die Leinwände bevölkerten. Nach dem Ersten Weltkrieg bäumen sich die Kolonialmächte auf, versuchen die Kontrolle zu behalten. DER MAROKKANISCHE FRÜHLING kündigt einen Umschwung an. Stolze Völker wehren sich gegen die fremden Unterdrücker. In diesem ersten Teil, Lockruf Tanger, wollen die beiden Hauptfiguren (siehe Titelbild) dieses Aufbegehren für eine eigene Lebenswende nutzen.
Man muss diese beiden Halunken direkt von Beginn an mögen. Das Leben hat ihnen übel mitgespielt. Ihre Herkunft spielt kaum eine Rolle. Sie lieben das Leben, sind mutig und einzeln oder gemeinsam gleichermaßen Unglücksraben. Außerdem kommt bei aller mörderischen Erfahrung aus dem Krieg noch eine gewisse Blauäugigkeit hinzu. Merwan, einer der beiden Zeichner, war für die Geschichte nach einem Animationsfilm-Look. Das Ergebnis sind starke Eindrücke, die bei aller Reduziertheit der Optik mit sehr differenzierten Charakteren überzeugen.
Moderne Trickfilmoptik mit Nostalgiecharakter. Einerseits finden sich grafische Techniken, wie sie auch in Waltz With Bashir benutzt wurden. Dünne Linien, deutliche schwarze Schattierungen, ein fein ausgearbeiteter Gegensatz von Leichtigkeit und Schwere. Andererseits werden Comic-Nostalgiker, solche die Freude an Geschichten wie Corto Maltese haben, ihren Lesespaß ebenfalls mit DER MAROKKANISCHE FRÜHLING finden können. Farblich wird zurückhaltend agiert. Erdige, meist eher kühle Töne, in einer kleineren Gesamtpalette nehmen den Leser mit auf Zeitreise, noch kein ganzes Jahrhundert, aber viel fehlt nicht mehr.
Das Making of von DER MAROKKANISCHE FRÜHLING bietet einen tollen Einblick in den Entstehungsprozess. Comic-Künstler Fabien Bedouel wirft Entwurfsskizzen aufs Papier, die, je nach Ausführung, einem Moebius oder einem Enki Bilal nahekommen. Stilistisch wäre das Endergebnis deutlich aufwendiger gewesen, es hätte der Geschichte aber auch eine völlig andere Note gegeben. Der letztlich durchgezogene Weg hält mehr auf Abstand. Durch die Abstraktion wird, ähnlich wie bei Corto Maltese, die Fantasie des Lesers etwas mehr bemüht.
Endlich mal wieder eine tolle Idee innerhalb des Comic-Mediums. Unverbraucht, angesiedelt in einer höchst spannenden Epoche, findet der Leser zwei klasse Hauptcharaktere, deren Lebensweg einen Hauch von Jack London umweht. Für Freunde von guten Abenteuergeschichten. Sehr schön. 🙂
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Oder bei Schreiber und Leser.