Donnerstag, 11. August 2011
Ein ungewöhnlicher Besucher begutachtet den Leichnam des gigantischen Drachen. Die Raben kreisen über dem Haupt des Einäugigen, noch ängstlich darauf bedacht, dem geschuppten Leib fern zu bleiben. Fafnir allerdings ist tot. Wotan (Odin), der Göttervater, auf seiner einsamen Wanderung an der Stätte des Duells von Held und Ungeheuer angelangt, findet nur die Tarnkappe vor. Der Ring, den er so sehr begehrt, fehlt. Siegfried hat ihn mitgenommen. Und gibt ihn nicht mehr her. Bei den Göttern, die sich fragen, wo Odin ist, wächst die Angst. Boten werden geschickt, um Hilfe zu holen. Siegfried selbst verschlägt es an einem unheimlichen und den Menschen sehr fernen Ort. Loge hat seine Kinder angewiesen, den Bemühungen einiger wichtiger Figuren auf dem Schachbrett Einhalt zu gebieten: Hel, Göttin der Unterwelt, und Fenrir, dem Riesenwolf.
Kämpfe, Entscheidungen: Die Schwierigkeiten im Reich der Götter haben immer größere Auswirkungen auf die Welt der Menschen. Nicolas Jarry klärt die Fronten für den Leser. Einzelne Gruppen wie auch bestimmte Charaktere tappen vollkommen im Dunkeln. Besonders die Götter sind blind für Loges Pläne und Ränkespiele. Jarry entwirft Loge als nordischen Gott, der nicht ernst genommen wird und so ungestraft und unentdeckt schalten und walten kann.
In dieser Folge erhält der Leser einen Vorgeschmack auf die Götterdämmerung. Er erlebt die verzweifelten Versuche aller Beteiligten, der Vorzeichen Herr zu werden. Selbst ein Göttervater wie Wotan (Odin) versucht sein Andenken zu sichern, indem er nach einer neuen Gefolgschaft Ausschau hält, die seinen Namen auf den Schlachtfeldern ehrt. Es ist eine Folge, in der nicht nur der Leser weiß, wie manche Schicksale besiegelt werden (wie Nicolas Jarry mit kleinen Fingerzeigen andeutet).
Grafisch ist Vielfalt Trumpf, obwohl es noch einige Szenen gibt, die selbst aus dieser Vielzahl schöner Sequenzen herausragen. Jarry fordert Zeichner Djef mit Romantik heraus, mit Grusel, mit Monströsem, mit Massenszenen. Djef zeichnet realistisch, aber auch mit einem Minimalismus, eine Bezeichnung, die ich verwende, ohne sie negativ zu nennen. Er verwendet die nötigen Striche und lässt ein jegliches Wesen, menschlich oder göttlich besonders hübsch aussehen. Selbst Drachen und Riesenwölfe. Gleichzeitig ist Djef sehr akribisch und schafft eine dichte Atmosphäre, die gleich wirksam ist, ob es sich nun um einen Blick in die Unterwelt oder in das Leben einfacher Fischer handelt.
Besonders feine Szenen sind sicherlich die Auftritte von Skumm, dem Herrn der Gischt, einer drachenartigen, geflügelten Schlange. Ihr späterer Kampf hat es ebenfalls in sich. Neben ruhigen Momenten wie in der Halle der Götter, dem erwähnten einfachen Leben von Fischern, aber auch von Siegfried fällt eine erbitterte Schlacht (siehe Titelbild) und ein nicht minder hasserfüllter Zweikampf.
Der vierte Teil zeigt die Bemühungen Siegfrieds Frieden zu finden und das Aufbegehren Wotans gegen sein Schicksal: Götter und Menschen gehen einen vorbestimmten Weg, mit einigen friedvollen Momenten, meist aber dramatisch und spannend. Schöne Fortsetzung. 🙂
Götterdämmerung 4, Brunhilde: Bei Amazon bestellen
Mittwoch, 10. August 2011
Der Adler ist riesig. Er könnte ein Pferd verschlingen, so er denn wollte. Ungebändigt hängt er in den Fesseln, doch Erat, Zauberer und Krieger, scheut sich nicht, das Wagnis einzugehen und den Adler gefügig zu machen. Doch selbst für einen Mann mit seiner Erfahrung und seiner Statur ist der Ritt auf diesem Ungetüm schwierig. Lässt sich das Tier letztlich auch steuern, so besitzt es doch Instinkte, die sich nicht so einfach beiseite wischen lassen wie der Freiheitsdrang. Bald schon hat Erat ganz andere Probleme.
Acht Männer standen am Anfang. Im Austausch für das ewige Leben schworen sie auf die Tötung jeglicher Kreatur zu verzichten. Nach vielen Jahren erscheint nun die vierte Episode der fünfteiligen Reihe auf Deutsch. Der Leser trifft jene Zauberer von Tichit auf der Jagd auf Menschen an. Denn wer glaubt, der Schwur habe aus den ehemaligen Seefahrern lammfromme Männer gemacht, sieht sich gewaltig getäuscht. Die Flüchtigen haben den Charakter ihrer Verfolger gut erkannt, sind aber keineswegs Unschuldslämmer und haben abgesehen von ihrer gemeinsamen Flucht wenig gemeinsam.
Dieter (alias Didier Teste) führt das Szenario von Frederic Contremarche fort, mit er bereits gemeinsam am dritten Band arbeitete. Zeichner Etienne Le Roux löst Mathieu Lauffray ab. Diese Ablösung verdeutlicht auch ein wenig den Zeichenstil: Klassisch, marvelisch, an Zeichner wie John Buscema (Conan) erinnernd, stilistisch auf Augenhöhe natürlich mit Lauffray (Prophet, Long John Silver) oder auch Denis Bajram (Cryozone). Klassisch bedeutet: Kernige Figuren, mit den nötigen Strichen gesetzt, denn auf Überflüssigkeiten wird verzichtet. Auf Realismus in Mimik, Haltung, Gestik und allgemeiner Körperlichkeit wird großer Wert gelegt.
Doch auf das Ungewöhnliche, Magische wird nicht verzichtet. Durch Die Wüste von Akabar führt die Jagd, einen Landstrich, der lebensfeindlich, aber nicht leblos ist. Le Roux kann mit Figuren umgehen, die bekannt wirken und doch monströs sind. Riesenadler und Riesenwolf stehen einander gegenüber. Wolfshorden machen die Wüste unsicher. Menschen kämpfen weniger gegeneinander als gegen die Kreaturen, die erbarmungslos und unbeirrbar gegen die Menschen vorgehen. Ausgerechnet die mitleidlosesten Charaktere des Bandes sind es, die dabei am meisten faszinieren. Bei den Gejagten ist es ein weibliches Zwillingspaar, unbeugsame Kriegerinnen. Sie sind zwar schön, stehen im Einsatz von Gewalt und ihrer Unbeherrschtheit dem Zauberer Erat in nichts nach.
In dieser Figur, in der sich gestalterische Parallelen zu Prophet von Mathieu Lauffray besonders stark ausdrücken, findet sich ein äußerst widersprüchlicher Held. Er könnte fast ein Guter sein. Er steht nur auf der falschen Seite. Unbändige Kraft, eine Urgewalt treibt diese Figur an, deren Anteil der Geschichte einen großen Teil der Geschichte einnimmt und die Flucht der kleinen Gruppe zum legendären Ort Amojar ein wenig in den Hintergrund rückt. Freunde von Fantasy, die mehr Wert auf das Schwert als auf Magie legt, werden nicht nur, aber besonders an dieser Figur, die auf ihre Art eine tragische Gestalt ist, ihre Freude haben.
Die Kolorierung von Axel Gonzalbo ist durchweg kräftig, ein wenig erdig. Feinheiten werden mit einem Pinsel aufgetragen, in verschiedenen Stärken (und durchaus auch so, dass es echt wirkt, so dass es schwer zu sagen ist, ob Kollege Computer das Arbeitsmittel war). Hiervor abweichend ist die Sequenz über die Historie des Amojar koloriert, jenem Kloster, das später zum Bordell wird. Hier bestimmen Aquarelltöne die traumhafte Erzählung und unterstreichen so den Rückblick bzw. die Geschichte in der Geschichte.
Zwar fehlen dem Leser beim Einstieg (der aber noch nachgeholt werden kann) in den vierten Band der Reihe ein paar Informationen, da aber sich diese Episode hauptsächlich mit einer Verfolgung und Flucht beschäftigt, ist ein rasantes Fantasy-Abenteuer entstanden, das allein wegen seiner fabelhaften Aktionssequenzen und der sehr guten wie auch passenden Illustration genossen werden kann. 🙂
Der Schwur des Ambers 4, Die Wüste von Akaba: Bei Amazon bestellen
Oder bei Finix Comics.
Sohn eines Monsters! So rufen die anderen Kinder den Jungen, der nichts dafür kann an der Seite von Mime ohne menschliche Eltern aufzuwachsen. Doch Siegfried ist allzu menschlich, liebt und wird ebenso bitterlich enttäuscht werden. Doch so sehr er die menschliche Nähe sucht, so sehr entgleitet er ihr auch. Schließlich findet er die Liebe im Traum, der real wird. Siegfried könnte endlich glücklich sein, fernab von allem und allen, die etwas anderes für ihn im Sinn haben. Doch Schuld und auch Rache sind am Ende stärker und lassen ihn nicht zur Ruhe kommen.
Der berühmte Kampf: Held gegen Drache. Bereits das Titelbild deutet einen arg ungleichen Kampf an. Es ist kein Geheimnis, dass es Siegfried gelang, diesen Kampf zu gewinnen. Nicolas Jarry entwickelt aus diesem Duell noch mehr: Eine Tragödie. Die Sage um die Nibelungen, um Siegfried, Kriemhilde, Hagen und Brunhilde, nicht zuletzt um die germanischen Götter wurde häufig erzählt, aber das enge Verhältnis von ehemaliger Walküre und Siegfried wurde nur selten derart in den Vordergrund gestellt. Vor allem dann nicht, wenn als Leserschaft, Zuhörer oder Zuschauer eine eher jüngere Zielgruppe anvisiert war.
Nicolas Jarry entwirft aus Brunhilde und Siegfried ein Traumpaar, neudeutsch gesagt, aber auch gleichzeitig zwei Königskinder, die nicht zusammenkommen können. Es ist eine große und verzweifelte Liebe, zwei Menschen, die sich selbst genügen (müssen), wäre da nicht der Umstand, dass Siegfried ein Getriebener ist, in dem die Rache, sinnbildlich gesprochen, immer höher kocht.
Doch zuvor wird die Jugend von Siegfried besonders sorgfältig erzählt. Ein Außenseiter, ungelitten, trotz aller Bemühungen, die der Junge an den Tag legt. Jarry schenkt dem Helden wirklich nichts und führt ihn zuallererst einmal völlig tief herab, bevor der Junge auch Anteil am Glück haben darf. Jarry und Zeichner Djef (alias Jean-Francois Bergeron) stellen der harten Ausbildung von Siegfried die Ränke im Götterhimmel gegenüber. Loge (auch unter dem Namen Loki bekannt) bemüht sich in Odins Abwesenheit, die Götterdämmerung wahr werden zu lassen. Jarry zeigt den listenreichen Gott nicht nur als Ränkeschmied, sondern auch als Verführer.
Gerade die Erzählung dieser Götterdämmerung geht in die Tiefe und nimmt sich sehr viel Zeit. Wer hier besonders die Aktion sucht (die es zweifelsohne gibt), wird etwas enttäuscht sein, denn Jarry und Djef legen sehr großen Wert auf die Darstellung der Konstellationen, in der auch die Bösewichte und die zwielichtigen Gestalten nicht zu kurz kommen. Mime, Siegfrieds Ziehvater, ist eine widersprüchliche Gestalt, gestraft, aber auch bemitleidenswert, eigentlich herzlos zu nennen und doch ist er eine tragische Figur, die einer Bestimmung folgt, einem Weg, den er nicht einmal in dieser Form beschreiten wollte.
Wendepunkte: Während es in diversen Geschichten lediglich eine Handvoll von Wendepunkten gibt (wenn überhaupt), entsteht durch die geschickte Erzählweise von Jarry einer (eigentlich) bekannten Sage zu keiner Zeit Langeweile. Der Leser verfolgt die Geschichte auf mehreren Ebenen: Jenen Erzählstrang über die Probleme der Götter, die Wanderung Odins, das Aufwachsen und den Werdegang Siegfrieds. Letzterer ist noch einmal unterteilt in Vergangenheit, Gegenwart und Traumpassagen.
Djef zeichnet exakt, mit Hang zum Realismus, aber auch mit einer gewissen kindlichen Freude, die insbesondere auszumachen scheint, wenn es phantastisch wird und in göttliche Sphären geht. Man könnte auch sagen, dass es kindlich prachtvoll, überschwänglich ist. Die sehr starke, nicht weniger sorgfältige Kolorierung von Heban verstärkt diesen Eindruck noch.
Prachtvoll: So lässt sich der dritte Teil der Götterdämmerung unter einer Überschrift zusammenfassen. Eine Geschichte voller Wendepunkte, während dieser Teil selbst einer ist, denn am Ende ist Siegfried erwachsen und die Götterdämmerung einen Schritt näher gerückt. Sagenhafte Unterhaltung. 🙂
Götterdämmerung 3, Fafnir: Bei Amazon bestellen
Sonntag, 07. August 2011
Juri Jeljuschin fühlt sich nicht wohl. Ist es die unheimliche Nacht, die ihm in dieser Seitengasse zusetzt? Oder sind es nur seine Gedanken, die sich wirr verlaufen haben und ihm nun vorgaukeln, er verwandele sich in einen Werwolf? Kurz darauf hallt ein Wolfsheulen über die Straßen von Paris und niemand kann mehr sicher sein, was die Wahrheit ist. Flora Vernet, die junge Frau und Assistentin des Detektiv Dupin, hat inzwischen das Heft in die Hand genommen und setzt sich nachdrücklich für den nicht minder ungewöhnlichen Klienten Hugo Beyle ein. Ist Beyle in vielerlei Hinsicht immer noch ein Kind, fehlt es ihm dennoch nicht an Mut. Und diesen wird er bald brauchen, wenn die beiden sehr unterschiedlichen Ermittler sich einem Gegner stellen, der nicht mehr von dieser Welt ist.
Einer der berühmtesten Detektive der Literaturgeschichte hat eine verteufelt harte Nuss zu knacken und wird ausgerechnet von ein paar Anfängern (fast) dabei überflügelt. Der Detektiv, von dem hier die Rede ist, erfunden von Edgar Allan Poe, C. Auguste Dupin, ermittelt in einem Fall, der eine gewisse übernatürliche Komponente hat. Äußerlich erinnernd an den französischen Schauspieler Philippe Noiret (oder auch Jean-Pierre Marielle, da gehen die Meinungen auseinander) ist dieser Dupin ein knurriger Kriminalist, der kaum weniger exzentrisch ist als sein englisches Gegenstück Sherlock Holmes. Aber Autor Gloris nimmt sich nicht nur des literarischen Detektiven an, vielmehr überführt er auch eine Figur in einen Comic, die bislang nur von einem sehr berühmten Gemälde her bekannt war.
Die Freiheit führt das Volk: Auf jenem Gemälde, eine idealisierte Darstellung der Französischen Revolution (soll noch mal einer sagen, Comics bildeten nicht), ist nicht nur der Maler Eugene Delacroix selbst abgebildet, sondern auch eine der Hauptfiguren. Welche, das sei an dieser Stelle nicht verraten. Der Brückenschlag, den Gloris mit dieser Enthüllung schafft, ist feinstes fantastisches Kino, ganz im Sinne der fantastischen Detektei, deren Fall hier endgültig über einfache Entführung und Mord hinausgeht.
Paris: Ein Zeitbildnis und heimlicher Nebendarsteller. Thierry Gloris baut die Stadt und Zitate auf dieselbige mit großer Leichtigkeit in die Geschichte ein. Die Epoche erwacht zum Leben durch ihre dunklen Straßen, ihre feinen Kostüme und ihre verspielte Innenarchitektur, die heute eher den Begriff Kitsch bekäme. Es ist eine Fahrt, mal schnell, mal beschaulich, durch einen sorgfältig von Jacques Lamontagne erstellten, stimmigen und toll gezeichneten Kulissenwald. Es beschwört die Atmosphäre von Bildern eines Henri de Toulouse-Lautrec oder eines Edouard Manet herauf. Daneben wird auch nicht auf Klamauk im Stile eines Belmondo-Filmes verzichtet. Die automobile Verfolgungsjagd, in dieser Form schon fast putzig zu nennen, ist sicherlich einer der Höhepunkte des Bandes, der mit vielen tollen Szenen aufwarten kann.
Voodoo, Geister, Moulin Rouge: Ein Reiz dieses Falles, der hier mit Band 2 abgeschlossen wird, liegt in seiner Abwechslung und fortwährenden Überraschung. Wendungen treiben die Handlung für den Leser in moderner Erzählweise voran, die Bilder präsentieren passend zueinander choreographierte Charaktere. Wer sich über das Wort Choreographie in diesem Zusammenhang wundert, betrachte nur einmal das Titelbild des vorliegenden Albums. In einer Geschichte im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts darf auch der Cancan nicht fehlen.
Jacques Lamontagne, der zeichnet und koloriert, gelingt mit seinen Bildern eine schöne Mischung aus Realismus und leichter Karikatur. Figuren und Schauplatz sind immer ausfüllend, vor Ausdruck strotzend. Die Verwendung echter Vorlagen (siehe Schauspieler oben) zeigt, wie Lamontagne seine Geschichten begreift: Filmisch, mit echter Besetzung. So ging er bereits in der ebenfalls herausragend illustrierten Reihe Die Druiden vor.
Ein dichter und rasanter Abschluss, in dem es viel zu entdecken gibt. Jacques Lamontagne hat sich zu einem Garanten für feinste Illustrationen entwickelt. Thierry Gloris weiß ebenfalls auf dem Gebiet der phantastischen Kriminalgeschichte zu begeistern. Ein gelungenes Ende dieses Zweiteilers. 🙂
PIK AS, Die fantastische Detektei 2 – Süßes Laster: Bei Amazon bestellen
Freitag, 05. August 2011
Goon kann nicht mit Frauen. Nicht, dass er nichts für sie übrig hätte, doch er lässt keine mehr an sich heran. Auch jene, die es durchaus ernst und ehrlich meinen. Nicht zu ändern. Denn Goon hat andere Probleme als eine blondierte Barsängerin. Mr. Wicker versaut ihm das Geschäft, übernimmt Ware, die für den Goon bestimmt war und scheint auch noch körperlich stärker zu sein. Doch hinter der Kampfansage von Mr. Wicker scheint noch mehr zu stecken. Wicker will dem Goon nicht einfach das Geschäft streitig machen, sondern ihn völlig vernichten. Woher kommt der Hass von einem Feind, dem der Goon noch nie zuvor begegnet ist?
Auch ein Verbrecher hat ein Herz, war einmal jung und war auch schon verliebt. Auch der Goon. Doch es gab Wendepunkte in seinem Leben, die es ihm unmöglich machten, so weiter zu leben, wie es andere Menschen auch tun, Davon erzählt die abgeschlossene Geschichte Chinatown und das Geheimnis von Mr. Wicker. Erfinder, Autor und Zeichner Eric Powell soll nach eigener Aussage sehr unschlüssig gewesen, eine Geschichte über Goon in dieser Weise zu erzählen. Obwohl es sich hier um den siebten Band der Reihe handelt, die Figur längst etabliert und bekannt ist, wird hier die Vergangenheit und Herkunft von Goon auf schöne, auch außergewöhnlich respektvolle Art beleuchtet.
Stammleser haben die Geschichten von Eric Powell auf vielerlei Weise kennengelernt. Popkulturell ausgedrückt hatte es manchmal den Anschein einer Mixtur aus From Dusk Till Dawn und einer Produktion mit Louis de Funes, ab und zu auch mit einer Spur Mike Mignola, der einen schlechten Traum hatte. Es fand sich ein wenig des Flairs, das dem ersten Film der Reihe House anhaftete. Hört sich seltsam an, ergab aber überdurchschnittlich oft eine feine Mischung aus Horror und Komödie. Horror findet sich hier auch, aber Powell wendet sich seinem Goon mehr so zu, wie es ein Frank Miller mit seinem Marv in Sin City tat.
Goon wird hier ein wenig zum Ritter der traurigen Gestalt, einem Helden, der heldenhaft handelt, alleine steht (sieht man von seinem Kumpel Frankie ab) und sich doch nach der Liebe sehnt, die ihn dazu bringt, das Leben eines Gangsters hinter sich zu lassen. Aber der Goon und Frauen? Ja, nur irgendwie können beide nicht zueinander finden. Die Vergangenheit steht dazwischen. Eric Powell verschachtelt Vergangenheit und Gegenwart des Goon sehr geschickt, wie das berühmte Puzzle, dessen Teile sich mehr und mehr zusammenfinden, bis das Gesamtbild erkennbar ist.
Und was für ein Gesamtbild! Die in kalten Brauntönen gehaltene Vergangenheit, angepasst an die Atmosphäre uralter Fotographien, wechselt sich ab mit den leichten, transparenten Farben der Gegenwart. Powell liebt den Look aus weichen Farbaufträgen wie Aquarelltechnik und Markerstiften. Powells Bilder haben auf diese Art immer etwas vom Blick in einen Traum. Die hohen Schwarzweißanteile oder auch Braunweißanteile im Hinblick auf die Nachahmung alter Fotografien verstärkt diesen Eindruck noch. Natürlich, auch dieser Vergleich ist stimmig, steigt Powell stark auf die Atmosphäre alter Gangsterfilme ein und auf die bühnenhafte Inszenierung, die manchmal damit einherging.
Gesichter: Wer sich die einen oder anderen Gesichter betrachtet, mag insbesondere diese Inszenierung als zu bedeutend angelegt interpretieren. Aber Powell greift hier auf Bildsprache, reinen Ausdruck zurück. Auf ganzseitigen Bildern offenbart sich Goons grenzenlose Traurigkeit, die schließlich in Wut und Hass umschlägt. Obwohl Goons Kumpel Frankie kaum weniger leidet, verblasst seine Trauer gegen jene von Goon ziemlich.
Das kann der Goon: Bewegen und zum Lachen bringen, spannend unterhalten. In keiner Ausgabe mag Eric Powell besser das Flair der Figur eingefangen haben als hier. Kaum eine Ausgabe hat sich wohl mehr dem Spirit von Will Eisner angenähert, weshalb der nach dem Comic-Meister benannte Award ins Schwarze getroffen hat. Tolle Ausgabe der Reihe, mit einer immens guten Charakterisierung des Goon. 🙂
The Goon 7, Chinatown und das Geheimnis von Mr. Wicker: Bei Amazon bestellen
Samstag, 30. Juli 2011
Der Coup ist halsbrecherisch. Mücke, klein von Gestalt, ist ein artistischer und sicherer Einbrecher. Er besitzt Erfahrung und ist auf seine Weise äußerst kaltblütig. Eustache, mindestens doppelt so groß wie Mücke, ist nicht untalentiert, wenn es um das Überbrücken von Distanzen geht, vertikal und horizontal, an Stahlseilen hängend, doch besser noch ist er im Öffnen von Panzerschränken. Diesen Tresor, den die beiden Berufseinbrecher knacken, hätten sie besser verschlossen gehalten. Der Inhalt ist nicht wertvoll, aber brisant und bringt sie alsbald in Lebensgefahr.
Es ist nicht leicht, ein Einbrecher zu sein, vor allem dann nicht, wenn die Welt schlecht ist, verdammt schlecht. Die beiden Einbrecher, man möchte den Begriff Pat und Patachon verwenden, sind weit davon entfernt, Naivlinge zu sein, obwohl sie optisch den Eindruck erwecken, als habe ein Komödiant sie erdacht. Sie sind geschickt, in ihrem Beruf sehr versiert und mögen Risiken nicht, wissen aber ganz genau, welche Risiken sie eingehen. Abseits der Gefahr wird das normale Leben gesucht, doch im Rotlichtmilieu ist kein bürgerliches Leben möglich. Eustache, der lange Einbrecher, muss sich diese Einsicht seiner Angebeteten gefallen lassen.
Schenk mir weiterhin Spielzeug, bring mich zum Lachen und schlaf mit mir. Aber träum nicht davon, mich zu heiraten.
Eric Corbeyran scheint der Autor für düstere Szenarien zu sein. Metronom oder die Umsetzung von Assansin’s Creed sind zwar spannend, heitere Geschichten sind es jedoch nicht. Mit Schmetterlingsnetzwerk, einem in einer Art Steampunk-Genre angesiedelten Thriller-Geschichte, wird Cobeyran noch düsterer, nimmt er doch eine Thematik für einen Comic heran, wie sie auch schon in Hollywood-Streifen wie Acht Milimeter und vielen anderen Kriminalgeschichten thematisiert wurde: Snuff-Movies. Die Tötung von Menschen vor der Filmkamera, sadistisch, sexuell pervers und zur Erbauung besonders reicher Klienten, die sich an derlei Grausamkeiten ergötzen, sind ein moderner Mythos und ein ziemlich ungewöhnliches Thema für einen Comic.
Cecil, der nicht nur gezeichnet, sondern auch am Text mitgearbeitet hat, hält durch seine Darstellung der Figuren einerseits Abstand zum Geschehen, andererseits führt er durch leichte Verfremdung oder auch Übercharakterisierung näher an das Szenario heran. In Mode, technischem und architektonischem Flair der Jahrhundertwende von 1900 verhaftet, entwickelt Cecil eine Bilderflut auf jeder Seite, um sich vielleicht einem filmischen Effekt anzunähern. Das bewegte Bild, das in der Handlung so angepriesen wird und die Fotografie zu verdrängen droht, ist einerseits Fortschritt, andererseits zeigt sich hier der Fortschritt auch von seiner schlechtesten Seite.
Das Duo der Handlung tritt sehr bald in den Hintergrund. Eustache und Mücke geraten derart in Bedrängnis, so dass nur noch einer der beiden Diebe die Handlung zu Ende bringen kann. Cecils Arbeiten erinnern insgesamt an einen Kollegen, nämlich Andreae, der auch auf ähnliche Weise überzeichnet in Ausgaben wie Die mechanische Welt und Die Bruderschaft der Krabbe. Cecil koloriert jedoch dezenter, nicht unrealistisch, aber mehr mit dem Flair alter Fotografien, die nachkoloriert wurden. So entsteht ein feiner Blick in die Vergangenheit, die sich jedoch einer näheren Bestimmung entzieht.
Cecil entwirft eine Stadt, die am Tage unwirklich wirkt. In Der Nacht überwiegt die Bedrohung, dunkle Wolken hängen über der Stadt. Künstliches Licht lässt die Szenerie falsch erscheinen, wie Kulissen (die sie in einigen Szenen auch tatsächlich sind). Vielerorts protzt die Stadt mit ihren Errungenschaften, ihrer Technik, ihrem Prunk. Die Hintergründe sind durchgehend atmosphärisch, ähnlich übercharakterisiert wie es die Figuren sind. Ein treffendes Wort als zusammenhaltender Begriff dürfte theatralisch sein.
Eine finstere Handlung mit einer Hauptfigur, die zum Mitfiebern einlädt, da sie zwar forsch ist, aber schwach wirkt und wirklich verdammt schlechte Karten hat. Wer absolut düstere Abenteuer mag, mit eigenem und eigenwilligem Zeichenstil, sollte einen Blick riskieren. 🙂
Schmetterlingsnetzwerk 1, Nachtfalter: Bei Amazon bestellen
Freitag, 29. Juli 2011
Ein Kinderbuch hat die Machthaber in Aufregung versetzt. Ist es wirklich unterschwellig kritisch? Rüttelt es mit seinem Märchen an der bestehenden Ordnung? Lynn ist ein Freigeist. Sie spielt Theater, im Untergrund nur und auch nur mit Pseudonym innerhalb einer Gruppe, die sich Themen für ihre Texte sucht, die sie in diesem totalitären Staat sofort ins Gefängnis bringen könnte. Lynn ist eine Bedrohung, nicht nur für den Staat, der jede freie Meinungsäußerung unterdrückt, sondern auch für ihre Familie. Ihre Schwester ist mit einem linientreuen Mann verheiratet, der sich sein Leben durch eine solche Verwandte nicht verpfuschen lassen will.
Dabei hat Lynn wirklich andere Probleme, als sich mit ihrem Schwager anzulegen. Ihr Mann ist verschwunden. Er stieß im All auf Schwierigkeiten, einfach formuliert. In Wahrheit versucht die Führungsspitze des Staates das Phänomen zu verschweigen. Die Forschungen finden auf einer Station im Orbit statt, weit weg von den immer größer werdenden Problemen der Bürger, der steigenden Armut und Verzweiflung in den dreckigen Straßenschluchten unter einem vom Smog verschmutzten Himmel.
Der Programmierer hat den Auftrag, den zu Programmierenden mit der Gesellschaft zu versöhnen.
Floreal Linman ist einer von hunderten Menschen, die sich einem Versöhnungsprogramm unterwerfen müssen. Aber er ist scheinbar einer der wenigen Menschen, die durch die Last der Erinnerungen, die doch versöhnen sollen, lauthals vor Verzweiflung schreien. Eric Corbeyran hat eine bittere Zukunftswelt geschaffen, die natürlich an die klassischen düsteren Zukunftsaussichten erinnert, allen voran 1984. Und gemäß solcher Aussichten gibt es auch immer Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen wollen. So tun sich Linman und Lynn zusammen, um wenigstens die Frage zu klären, was aus ihrem Mann geworden ist.
Nach einer nicht nur interessant erzählten Science Fiction Geschichte, die mit Thriller-Elementen untermalt ist, findet in der zweiten Hälfte ein Wechsel zu einem Kommandounternehmen statt. Wie komme ich in den Weltraum, wenn ich dort nichts zu suchen habe und auch noch in eine Raumstation, in der ich ganz und gar nicht erwünscht bin? Aus unterschwelliger Spannung wird eine Mission, die mehr Fragen aufwirft, als beantwortet. Grun (bürgerlich wohl Ludovic Dubois) lässt keinen Zweifel daran, dass es ihm um einen besonders realistischen Blick auf diese Zukunft und dieses Regime geht. Gleich das erste ganzseitige Bild, die Ansicht einer Großstadt, von einem Fluss geteilt (Ob es da eine Inspiration gegeben hat?), qualmend, graubraun gefärbt, ein urbaner Dschungel, wie es heute so schön heißt, zeigt die Marschrichtung der Atmosphäre.
Die Freude an den Einzelheiten setzt sich im Kleinen fort. Im Dreck der Gassen und Plätze, den zersprungenen Pflastersteinen, dem Schmutz an den Wänden, selbst in den ungeputzten Wohnungsräumen eines Floreal Linman. Grun ist ein im absoluten positiven Sinne Pedant. Der Gegensatz ist die klinische Sauberkeit in der Umerziehungsanstalt und später im Weltall. Grun rangiert technisch auf Augenhöhe mit Grafikern wie Moebius oder auch Juan Gimenez.
Düstere Zukunftsaussichten, eine Mischung aus Thriller, Krimi und Science Fiction: Corbeyran und Grun gestalten eine ernsthafte Geschichte, ein wenig zurückhaltend erzählt, sehr atmosphärisch mit gut skizzierten Charakteren. Auf die Auflösung im dritten und letzten Band darf man gespannt sein. 🙂
METRONOM 2, Die Station im Orbit: Bei Amazon bestellen
Donnerstag, 28. Juli 2011
Der Imperator ist nicht so mächtig, wie er gerne hätte. Für fossile Brennstoffe muss das Reich da zu Kreuze kriechen, wo es in der Vergangenheit furchtbar zugeschlagen und einen Helden des Südlichen Territoriums getötet hat. Der Empfang der Delegation ist formell, kühl und herablassend. Im Wissen um die Bitten des ehemaligen Feindes sieht man eine Gelegenheit zur Demütigung. Aleksi Stassik, ein einfacher Soldat, der zur Begleitung der Delegation abkommandiert wurde und im Dienst für sein Land einen Ausweg aus langer Familientradition sucht, findet sich plötzlich inmitten eines Komplotts wieder, in dem es um alles oder nichts geht. Während der Rückfahrt durch die Wüste zeichnet sich eine Katastrophe ab.
Christophe Bec und Stephane Betbeder erzählen ihre fünfteilige Geschichte mit gänzlich neuen Aspekten fort. Der Bunker, jenes Bauwerk im Gebirge, ist hintergründig immer noch von Interesse, doch die Geschehnisse unabhängig von Mythen und Geheimnissen stehen zunächst im Vordergrund. Die düsteren Prophezeiungen werden zwar ausgesprochen, doch außer jenen, die sie kundtun, scheint sie niemand glauben zu wollen. Auch der Held der Geschichte, Aleksi Stassik, nicht.
Die beiden Autoren haben eine Parallelwelt aufgebaut, an die reale Welt erinnernd und doch reduziert einige wenige Säulen. Die Welt des Bunkers ist kleiner, auch surrealer, ein wenig (alb)traumhafter. Die Handlung in der für die Soldaten handfesten Wirklichkeit sind eine Kriegsgeschichte, sehr erdig, während die Mythen und Geheimnisse eingestreut werden und zunächst nur Puzzlestücke sind. Es zeichnet sich ein grobes Netzwerk ab, auch entstehen Ideen, wie einiges zusammenhängen könnte, doch mit Sicherheit lassen sich diese Vermutungen noch nicht verknüpfen. Fest steht nur, dass im Hintergrund eine Macht wirkt, die einen Nachfolger sucht.
Nicola Genzianella versucht diese düstere Geschichte so realistisch wie möglich einzufangen. Gleichzeitig findet sich auch hier das mittlerweile zum Markenzeichen gewordene Stilelement der verwendeten Schauspielergesichter wieder. So besitzt einer von Stassiks Kameraden erstaunliche Ähnlichkeit mit Tom Berenger (so wie er in Platoon aussah, samt Narbe im Gesicht). Formen sind allgemein höchst exakt gezeichnet und vermitteln das Bild einer sauberen, aufgeräumten Welt. Die Architektur ist ebenso geradlinig wie die gezeigte Technik, die sich insbesondere durch Militärfahrzeuge widerspiegelt. Interessanter jedoch sind die Grafiken, in denen sich Steinzeit und Science Fiction gegenüber stehen.
Die klaren Formen wirken auf Seiten mit erhöhter Bilderzahl (wenigstens neu und mehr) besser, da die feinen Strukturen auf eine hohe Detaildichte verzichten und die Handlung sich zügig fortlesen lässt. Bec, Betbeder, Genzianella wie auch Kolorist Marie-Paule Alluard nimmt sich entsprechend auch bei der Farbgebung zurück, setzt mehr auf eingängige Atmosphäre als auf hohe Tiefe. Arbeiten finden sich von Alluard auch in den Reihen Largo Winch, Tosca oder Trent, deren Zeichner ähnlich klare Linien zu Papier bringen wie Genzianella.
Eine Übergangsgeschichte mit dem Flair einer Mischung aus Akte X und Wüstenkriegsszenario plus politischen Intrigen. Die Mischung aus Mystery und Science Fiction stimmt und ist spannend, das Ziel der Handlung ist zu diesem Zeitpunkt jedoch schwer auszumachen. Wer Comics von Christophe Bec mag, wird auch die verschachtelte Handlung von BUNKER mögen. Alle anderen sollten erst einmal einen Blick in Vorschauseiten tätigen. 🙂
BUNKER 2, Nullpunkt: Bei Amazon bestellen
Fort Redstone ist in Gefahr. Die geringe Besatzung des Forts ist nicht in de Lage sich gegen die neu bewaffneten Indianer zu wehren. Trapper und Siedler sind ebenfalls in Gefahr. Jerry Spring wird beauftragt herauszufinden, wer die Indianer mit Gewehren versorgt. Die Reise den Fluss hinunter scheint außer natürlichen Gefahren keinerlei Hindernisse zu bergen. In der Aufregung verliert Pancho, Jerry mexikanischer Freund, seine neue Fellmütze. Jerry Spring ist belustigt und wohl auch erleichtert, da es sogar während eines Nachtlagers am Fluss ruhig geblieben ist. In Wahrheit stecken sie bereits in ziemlichen Schwierigkeiten, denn bei der Ankunft in Fort Redstone erwartet sie eine fürchterliche Überraschung.
Indianer und Mexikaner: Jerry Spring erleb gemeinsam mit seinem mexikanischen Freund Pancho Abenteuer, die auch ein gewisses Krimi-Flair nicht verleugnen können. Immerhin ist Jerry Spring, der von Jije (Joseph Gillain) so liebevoll in Szene gesetzte Westernheld, auch U.S. Marshal, ein Gesetzeshüter. Allerdings führt ihn die Fahndung nach den Waffen in für Western bekannte Situationen, denn in der Wildnis oder auch Prärie gibt es oft nur zweierlei: Jäger oder Gejagte.
Gleich vier Abenteuer nehmen den Leser in eine Zeit des Wilden Westens, die nicht näher eingegrenzt ist, wohl aber nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg angesetzt werden muss. Neben Fort Redstone warten auch Der Herr der Sierra, Der Weg nach Coronado und El Zopilote mit Spannung und Kurzweil auf den Leser. Jije erzählt pointiert und versteht es, besonders Pancho, dem mexikanischen Sidekick von Jerry Spring, eine immer größere Rolle zukommen zu lassen.
Jije, der diese Reihe startete, da nach seiner Rückkehr aus Übersee viele seiner ursprünglichen Serien von anderen Comic-Machern übernommen worden waren, schickt mit El Tigre und El Zopilote gleich zwei mexikanische Gauner ins Rennen. Das Motiv des edlen Verbrechers wird immer wieder gerne verwendet, allerdings überstrapaziert Jije es auch nicht, denn El Zopilote wandelt sich nicht zur sympathischen Figur. Jije, ein begnadeter Geschichtenerzähler, vermeidet es, sich selbst zu zitieren und wechselt geschickt die Schauplätze, so dass es unseren Helden Jerry Spring sogar ans Meer verschlägt.
Jjies Strichführung ist von großer Sicherheit geprägt, sicherlich auch mit der einen oder anderen Wiederholung von Äußerlichkeiten (das bleibt bei der Darstellung von Unmengen von Yankees, Mexikanern und Indianern nicht aus), aber bei den Hauptfiguren ist er stets darauf bedacht, Vielfalt und Unterschiedlichkeiten herauszuarbeiten. Es sind Westernepisoden, die nicht immer den großen Leinwandwestern zeigen, nicht unbedingt in die Weite gehen und das Land eine prägende Rolle spielen lassen. Und doch sind viele kleine schöne Einblicke in diesen Landstrich entstanden, die vermutlich unter dem Eindruck von Jijes persönlichen Erfahrungen entstanden ist. Immer etwas urwüchsig, felsig, wüstenhaft, heiß und nur selten (wie in Fort Redstone) fruchtbar, kühl und voller wilder Vegetation.
Ein schöner Rückblick wie in Der Weg nach Coronado zeigt auch, welche Geschichten Jije noch hätte erzählen können. In aller Kürze erzählt Jije in einem Vorspann von einem Überfall der Yaqui-Indianer auf eine spanische Einheit zwei Jahrhunderte, bevor die eigentliche Handlung beginnt.
Schwarzweiß gemalt, doch es fällt kaum auf. Bereits sehr schnell malt das Auge die Bilder aus und es entsteht dank Jijes bewundernswerter Gabe ein bunter Wilder Westen mit dramatischen Abenteuern mit einem aufrechten Helden und einem sehr liebenswerten Freund an seiner Seite. Perfekte Western-Unterhaltung. 🙂
Jerry Spring Gesamtausgabe 3: Bei Amazon bestellen
Montag, 25. Juli 2011
In Tykkos Träumen ist die Umgebung manchmal schöner, aber nicht weniger gefährlich. Bislang kann er sich noch nicht erklären, in welcher Stadt er sich in seinen Träumen aufhält, noch weiß er, wer die Frau ist, die ihn so gut zu kennen scheint. Aber einer ist sicher: Ayasha, so ihr Name, setzt große Hoffnungen in ihn. Gequält wacht er auf, als sie sich vor seinen Augen in Sand verwandelt und zerfällt. Langsam kommt Tykko hinter das Geheimnis seiner Herkunft und erfährt, warum es ihn nach Shantide verschlagen hat. Aber ist das Geheimnis nicht zu groß für ihn?
Das Team Arleston und Melanyn hat wieder zugeschlagen. Mit der Geschichte um Tykko blättern die beiden Autoren eine weitere Seite im endlosen Universum von Troy auf. In der zweiten Episode über den jungen Tykko geht es weit hinaus in die Wüste. Der Junge, der die Mutter verlor und nun bei seinem leiblichen Vater zu einer Horde von Räubern gehört, hat ein Leben voller Erniedrigungen gegen das eines Vagabunden eingetäuscht. Zu diesem Zeitpunkt, zu Beginn seiner Ausbildung zum Krieger (genauer zum Windreiter), ahnt er noch nicht, dass er genau dort sein muss, wo das Schicksal ihn hingeführt hat.
Shantide, die versunkene Stadt: Ruinen, Rückblicke, Monster. Der Handlungsort ist gut gewählt. Durch den Sprung zwischen Erinnerungen, Träumen und Gegenwart halten die Ruinen ein breites Spektrum der Ansichten bereit. Obwohl die Hintergründe der Ruinen dominieren, ist der Reiz mit dem Spiel zwischen dem, was war, und dem, was ist, sehr hoch. Das Finale gibt einen Vorgeschmack dessen, was noch möglich ist, wenn anstelle einer Stadt die gesamte Wüste als Handlungsort zur Verfügung steht.
Nicolas Keramidas, hierzulande bekannt durch Luuna oder einer Folge von Donjon, beherrscht den Zeichentrickeffekt aus dem FF. Es finden sich Einflüsse aus den Bereichen Manga und Anime, aus der Ecke von Disney und Don Bluth, aber immer sind es nur erkennbare Vorbilder, nie wird zur Gänze nachgeahmt. Aus den Vorbildern entsteht ein eigener Stil, frech, diszipliniert, sympathisch. Es gibt keine Vereinheitlichung der Figuren. Muster sind zwar erkennbar, doch Keramidas weiß, wie er die Mixtur ansetzen muss, um eine abwechslungsreiche Szenerie zu schaffen.
Mittels einer schönen Ausstattung, dem Spiel mit wehenden Haarmähnen, gelungenen Bewegungsabläufen und einer feinen Orchestrierung von Massenszenen entsteht Dynamik. Die Hintergründe, man könnte auch sagen Kulissen, beherrscht Keramidas wie alles andere, er kommt in der Wüstenoptik nur nicht so sehr dazu, auch hier alle Register zu ziehen. Wer die Handlung genau betrachtet, wird (bei einer Handlung, an der Arleston beteiligt ist, nicht unüblich) kleine Verbeugungen zu Szenarien wie Prince of Persia oder Dune feststellen. Gerade in der besonders aktionsbetonten Sequenz, in der ein gigantisches Sandwesen, der Riesenegel, das Untere der versunkenen Stadt zuoberst zu kehren scheint, kommen Erinnerungen an erwähnte Geschichten auf.
Absolut tolle Kolorierung: Kolorist Cyril Vincent mag dem Computer zur Kolorierung nutzen, bemüht sich aber auch dieses zu verschleiern. Die Farben wirken nicht glatt. Vincent mischt die Techniken durch verschiedene Auftragmöglichkeiten: Verläufe, Kreideeffekte, Lasuren, unterschiedliche Malgründe und einiges mehr. So entstehen dichte, tiefe, aber farblich sehr pralle Bilder, die besonders gegen Ende, wenn die Windreiter in Aktion zu erleben sind, ein tolles Fantasy-Lesevergnügen bereithalten.
Eine sehr schöne Fortsetzung, Vorkenntnisse des Troy-Universums sind nicht nötig. Tykko setzt nicht nur seine Reise fort, er schlägt auch einen eigenen Weg ein. Sehr märchenhaft, sehr aktionsreich, fein illustriert. 🙂
Die Legenden von Troy, Tykko, der Wüstensohn 2, Die versunkene Stadt: Bei Amazon bestellen
Links:
nicokeramidas.blogspot.com (Blog von Nicolas Keramidas)