Mittwoch, 14. März 2012
Galfalek wartet auf seinen Auftraggeber. Seine Arbeit ist erfüllt, der Diebstahl durchgeführt. Nun wartet er auf seine Bezahlung. Für einen Dieb ist Galfalek ein seltsamer Zeitgenosse. Weder scheint er besonders stolz auf seine Arbeit zu sein, die doch ein gewisses Geschick erfordert, noch ist die Entlohnung dafür ein allzu hoher Anreiz. Einst war Galfalek ein Söldner. Er hatte Freunde, für deren Leben er sich einsetzte. Jetzt fehlt ihm nicht nur eine Hand. Sein Selbstwert ist abhanden gekommen. Eigentlich hat er dem Leben längst entsagt und sich dem Suff ergeben, wenn er nicht gerade einen Auftrag ausführt. In dieser Nacht meldet sich seine Vergangenheit zurück, mit einem Geschenk: Einem Handschuh.
Jean-Charles Gaudin wandelt auf den Spuren klassischer Fantasy-Erzähler, geradlinig, schnörkellos. Ein Held, der keiner sein will und eine letzte Gelegenheit erhält, eine Veränderung in seinem Leben herbeizuführen. Ein geheimnisvoller Handschuh bietet die Möglichkeit, in seine Heimatstadt zurückzukehren, zur geliebten Frau. Der Handschuh verfügt über die einzigartige Gabe, seinem Träger eine neue Identität zu verschaffen. Doch das ist so eine Sache mit Handschuhen: Es gibt immer ein Paar. Aber wer besitzt den anderen?
Bis diese Frage beantwortet wird, vergeht einige Zeit. Jean-Charles Gaudin schenkt dem Leser einige Rückblicke, die jedoch mehr über die Vergangenheit des Helden und seiner persönlichen Beziehungen aussagen. Galfalek lernt seine Stadt wie eine neue Welt kennen. Ein harter König regiert über die Stadt höchst diktatorisch. Das Volk murrt, wagt es aber kaum gegen die Knute der Soldaten aufzubegehren. In weiten Teilen ist die Erzählung geradezu auf moderne oder erst jüngst vergangene Zustände übertragbar. Bis auf das Mysterium der Handschuhe wird auf Magie verzichtet. Das Schwert steht im Vordergrund, Intrigen und die Auseinandersetzung zwischen zwei ehemaligen Freunden, die sich schließlich bis aufs Blut bekämpfen.
So klassisch (und spannend) wie Geschichte baut auch Zeichner Franck Biancarelli seine Bilder auf. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Gestaltung der Charaktere, die gerade im Kern besonders herausgearbeitet worden sind. Galfalek verändert sich zwar im Laufe der Zeit, bleibt aber stets ein optisches Gegenstück zu seinem Erzfeind Gordrom. Galfalek, schwarzhaarig, ein schmaler Conan, wie ihn Barry Windsor-Smith zeichnete, wandelt sich in einen kurzhaarigen Beau, der sich zur Tarnung einen Bart wachsen lässt. Wer, um bei diesem Beispiel von Conan zu bleiben, die Strichführung in dieser Richtung mag (vielleicht auch eines Mike Grell), wird sich sogleich von der ersten Seite heimisch fühlen.
Die Hohen Mauern: Die Stadt ist von typisch mittelalterlicher Beschaffenheit, nur etwas größer, etwas höher, älter, verzweigter. Sie ist Festung, Labyrinth und Gefängnis gleichermaßen, Frondienst für alle Bürger eingeschlossen. So steinern sie ist, so schmucklos ist sie auch. Wo das Geheimnisvolle an der Oberfläche fehlt, da ist es düsterer im Untergrund, mit geheimen Gängen und Schächten, sogar Hinrichtungsstätten. Das ist exakt, aber auch mit der entsprechenden Nüchternheit gestaltet, fast schon dokumentiert.
Die in dieser Ausgabe zusammengefassten vier Alben der Geschichte sind in den ersten drei Folgen stilistisch nahezu identisch. In der vierten und letzten Episode, in der der Zeichner Franck Biancarelli die Kolorierung selbst übernimmt, ändert sich auch der Tuscheauftrag. Die Grafiken wirken etwas gröber, intuitiver, rauer, auch düsterer, was mit dem Abschluss sehr gut vereinbar ist. Insgesamt wird der durchgehende Realismus beibehalten, erscheint aber hier ein wenig flüchtiger.
Jean-Charles Gaudin versteht es, eine Schwert-Geschichte zu erzählen, in der einem Helden nichts geschenkt wird. Wer eher dem Realismus in der Fantasy zugeneigt ist, in der die Charaktere vor allem anderen in Szene gesetzt werden, liegt in diesem Abenteuer, in dem Rache in primärer Antrieb ist, genau richtig. Grafisch schön und klassisch ausgeführt sind die Bilder von der ersten bis zur letzten Seite stimmig.
Galfalek: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: none
Montag, 12. März 2012
In einer Zeit, in der das Verbrechen, Überfälle auf Banken und Postkutschen, sehr oft stattfinden und die Gerechtigkeit in Form von Sheriffs und Marshals einen schweren Broterwerb hat, wenden sich jene Bürger, die es sich leisten können, hilfesuchend an private Detekteien. Angesiedelt in einem kleinen Kaff hat sich die Ronson Inc. bereits einen kleinen Namen gemacht, nicht zuletzt deshalb, weil sie in der Wahl ihrer Mittel ebenso wenig zimperlich ist, wie jene, die sie zur Strecke bringt. Revolverhelden, Messerstecher, knallharte Burschen und eine Frau, die in jeder Beziehung mithalten kann geraten in arge Schwierigkeiten. Für jemanden, für dessen Beruf derlei die Grundlage ist, kann das nur eines bedeuten: Es geht um Leben und Tod.
Oder um Geld. Autor Willem Ritstier bringt nämlich eine Detektei ins Spiel, deren Name im Wilden Westen einen besonderen Klang hatte: Pinkerton. Die berühmte Detektei, die auch auf Einsätze in Blueberry zurückblicken kann und dort eher ehrenhaft auftritt, zeigt hier ihre absolut dunkle Seite, die anscheinend auch historisch verbürgt ist. Letztlich aber agier sie damit auf Augenhöhe mit Ronson Inc.. Willem Ritstier stellt erst einmal klar, wie die Beziehung zwischen den beiden Detekteien liegt. Ein Besuch einer Abordnung von Pinkertons Leuten endet mit einem recht brutalen Rauswurf. Und einer Überraschung, die den Stein so richtig ins Rollen bringt.
Die Halunken, die für Ronson arbeiten, sind Gauner, wie sie der Westerfan aus modernen Umsetzungen des Genres her kennen mag. Den klassischen Outlaw, der zwar gesetzlos ist, aber dennoch einen Ehrbegriff hochhält, bedienen sie nicht. Für Willem Ritstier ist dieser Westen ein verdammt wilder und tödlicher Landstrich. Hier schrecken die Gangster auch nicht davor zurück, ein Kind zu erschießen, falls es ihrer Sache dient. Für den richtigen Strich sorgt der verstorbene Zeichner Minck Oosterveer, der zu Lebzeiten durch eine große Genrevielfalt seiner Arbeiten aufgefallen ist, europäisch und überseeisch arbeitete.
Grafisch sorgt Oosterveer für die recht unterschiedlichen Mitarbeiter von Richard Ronson. Becker und John, alt und jung, ein gegensätzliches Paar, auch in der Wahl seiner Waffen. Inga, die blonde und resolute Vorzimmerdame, Denny Forever, der in Diane chancenlos verknallt ist, da sie wiederum nur auf Frauen steht. Auch die moderne Sexualität hat den Wilden Westen erreicht. Wenn du Leute mit schwarzgrauer Kleidung siehst, die gehören zu mir: Die seriöse Anmutung der Detektive ist gleichzeitig eine Anspielung auf das Endprodukt ihrer Arbeit. Irgendwie finden sich viele Leute nach einer Begegnung in einem Grab wieder.
Die Umgegend von Dalbart, in der Ronson Inc. startet, stellt Minck Oosterveer vor keine großen Herausforderungen. Es ist das typische Wildwestnest mit einigen Holzhäusern, einer Hauptstraße im Nirgendwo, einer amerikanischen Gebirgslandschaft. So liegt das Augenmerk auf den Charakteren, die vom Italoiwestern inspiriert wirken. Jeder von ihnen ist noch ein wenig echter als echt. Einzig die etwas zu vollbusig geratene Diane irritiert etwas. In den Vorskizzen und Bildern in verschiedenen Arbeitsstadien (auf seiner Homepage einsehbar) zeigt sich Oosterveers Meisterschaft und wie gut er dem Western leben einhauchen kann. Optisch zwischen Kinoleinwand und Fernsehserie platziert, entwickelt sich ein tolles Westernfeeling.
Mal ganz andere Helden: Mit allen Wassern gewaschen, eine Gruppe, die genau weiß, dass nur der überlebt, der nicht nur zuerst zieht, sondern am besten auch noch schmutzige Tricks anwendet. Knallhart erzählt, schön gezeichnet, prima Westernkost.
Ronson Inc. 1, Die Abrechnung: Bei Amazon bestellen
Links:
www.ritstier-blog.blogspot.com (Homepage von Willem Ritstier)
www.minckoosterveer.com (Homepage von Minck Oosterveer)
Stichwörter: none
Mai 1755, Akadien, im Nordosten des nordamerikanischen Kontinents: Das Schiff kämpft sich in der Nacht auf die Küste zu. In der Ferne strahlt ein großes Feuer und verheißt Hoffnung. Niemand an Bord ahnt, dass Strandräuber sich bereits bereit halten, um das Schiff zu plündern. Die Klippen sind in der Brandung nicht zu erkennen. Die Menschen an Bord kämpfen mit aller Kraft um ihr Überleben. Sobald das Segelschiff auf die Felsen aufsetzt, versuchen sie ihr Heil in der Flucht mit einem Beiboot. Leichter wird es dennoch nicht, das rettende Ufer zu erreichen. Dort werden sie bereits erwartet.
Die neue Welt: Emy, die mit ihren Zufallsgefährten ihren Fuß auf diese fremde Welt setzt, stellt in Windeseile fest, wie gefährlich dieser Kontinent ist. Die Gefahren drohen von den bereits angekommenen Siedlern. Indianische Stämme suchen sich die Weißen, denen sie ihre Freundschaft schenken, sehr genau aus. Meist gehen sie Bündnisse ein, um gegen andere Stämme einen Vorteil zu erlangen. Und schließlich sind die Rotröcke, die Engländer, auf Emys Spur, die nur ein Ziel hat.
Denis-Pierre Filippi setzt vom Start der Serie weg, genauer von der ersten Seite an, auf Dramatik. Es scheint unmöglich, in diesem Land auch nur einen ungefährlichen Schritt zu setzen. Dies ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wenn es um Feinde und Todesarten geht. Zwischen den einzelnen Wegabschnitten, denen der Leser im Laufe der Zeit folgt, gibt es kurze Rückblicke zu der nicht minder gefährlichen Überfahrt, die Emy und ihre neuen Freunde überhaupt erst an diese Küste gebracht hat. Die Schilderung dieses gänzlich unzivilisierten Landes bewegt sich auf den Spuren von Abenteuerromanen, die dieses Genre so anziehend gemacht haben. James Fenimore Cooper und sein Lederstrumpf lassen grüßen.
Der wilde Osten: Über den Wilden Westen gibt es viele Geschichten. Cowboys, die durch die Prärie streifen, sind sattsam bekannt. Doch der Osten, üppig bewaldet, eher dunkel als hell, ist teilweise wie ein blinder Fleck im Westerngenre. Umso spannender ist es, dieser Frühphase der amerikanischen Kolonialisierung in diesem Serienauftakt beiwohnen zu dürfen. Sind auch Indianer bekannt, so bestechen diese Ureinwohner durch ihre Andersartigkeit, Irokesen und Delawaren, und ihre größere Wildheit, die noch weniger durch weiße Einflüsse durcheinandergebracht wurde. Denis-Pierre Filippi macht dem Leser mit diesen und weiteren Einflüssen schnell deutlich: Hier kann an jedem Punkt alles geschehen.
Und so bleibt man an der Geschichte dran, die von Gilles Mezzomo in flottem und gleichzeitig klassischem Strich inszeniert wird und manches Mal einem frühen Francois Bourgeon oder Jean Giraud nahe kommt. Gilles Mezzomo, der zusammen mit Denis-Pierre Filippi schon die eher städtisch orientierte Westernreihe Ethan Ringler umsetzte, pflegt eine Strichführung, die zurück den Wurzeln früherer beliebter Stile in Tuschezeichnungen reicht. Im Zusammenhang mit Mezzomo dürfen auch die Zeichnungen eines Hugo Pratt zum Vergleich herangeführt werden. Sehr inspiriert, instinktiv, ein wenig wie eine Momentaufnahme, aber immer mit sicherem Blick für die richtige Bildeinstellung.
Diese heben sich von den herkömmlichen Western ab. Die Kämpfe verlaufen anders, noch weniger maschinell, auch ein Folge von Gewehren, die nur einen Schuss abgeben können und dann wieder nachgeladen werden müssen. Die Wanderung erinnert mehr an Dschungelabenteuer, mit den Rückblicken auf die Ereignisse zur See erhalten die Bilder sogar eine Spur Seeräuberflair.
Denis-Pierre Filippi zaudert nicht: Sofort ins Geschehen, mitreißend, an der Seite einer starken Frauenfigur auf einem noch sehr ungezähmten neuen Kontinent. Gilles Mezzomo geht versiert zu Werke, mit dem Gespür für einen flüssig zu lesenden Bildaufbau, sehr filmisch, genau richtig für diese Handlung. Wer klassische Abenteuergeschichten aus der Frühphase Nordamerikas mag, liegt hier richtig.
Die neue Welt 1, Emy: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: none
Montag, 05. März 2012
Eine Geschichte für die Zeche: Im June Alley Inn sind die Mäuse herzlich willkommen. Aber häufig ist June zu gutmütig und die Mäuse lassen zu oft anschreiben. An diesem Abend ruft sie einen kleinen Wettbewerb aus. Wer die beste Geschichte erzählt, muss seine aufgelaufene Zeche nicht bezahlen. Die anwesenden Gäste sind mit den Vorgaben einverstanden: Es darf nicht die ganze Wahrheit sein. Doch die Geschichte darf auch keine komplette Erfindung sein. Und June darf die Mär noch nie gehört haben. Mäuse lieben Geschichten, die meisten sind gute Erzähler und lassen sich auf den Wettstreit ein.
David Petersen ist zurück in seinem Mäuse-Universum, das er mit sehr viel Liebe zu Figuren, Historie und Strukturen dieses ungewöhnlichen Reigens erschaffen hat. Allerdings geht er diesmal nicht alleine zu Werke. Da er mit seiner Arbeit auch Kollegen begeistern konnte, gelang es ihm, diese für einen Sonderband ins Boot zu holen: Legenden der Wächter. Die kleinen kämpferischen Mäuse, die für den Schutz der Kolonien zuständig sind und sich gegen Feinde in den Kampf stürzen, die um ein Vielfaches größer als sie selber sind, stehen im Mittelpunkt der kleinen Abenteuer, die in der Rahmenhandlung von Besuchern des Gasthauses von June erzählt werden.
Mit Petersens umschließender Geschichte zusammen finden sich hier gleich 14 verschiedene Bildansätze zu dieser wirklich zauberhaften kleinen Welt. Die Variationen, die durch die einzelnen Künstler entstehen sind nicht nur höchst unterhaltsam, sie bieten auch ein hervorragendes Beispiel, wie ein Thema sich wandeln kann, wenn unterschiedliche Kreative aus ihrem jeweiligen Blickwinkel an die Arbeit gehen. Hinzu kommt, dass keiner von ihnen viel Zeit hat, denn es stehen jeweils nur wenige Seiten für die eigene Erzählung zur Verfügung.
Zeichner wie Alex Sheikman oder Gene Ha orientieren sich mehr an den Originalvorgaben von David Petersen und greifen die halbrealistische, besonders knuffige Erscheinungsform in ihren Bildern auf. Andere Zeichner wie Guy Davis, Katie Cook oder Karl Kerschl arbeiten getreu ihrer gewohnten Stilistik und lassen dieses Universum teils noch knuffiger, teils realistischer oder auch härter erscheinen. Härte ist hier gleichbedeutend mit Tod, dem sich die Mäuse oft in mannigfaltiger Form stellen müssen.
Erzähltechnisch findet sich jeder der Künstler perfekt in die Linie von Petersen ein. Dies funktioniert selbst dann, wenn ein Zeichner wie Jason Shawn Alexander die Gruselmär Der Rabe von Edgar Allan Poe als Grundlage für seinen Beitrag nimmt. Im Umfeld der Mäuse existiert wenig anderes als Feinde. Schlangen, Eulen, Füchse, da ist es passend einen pechschwarzen Vogel mit scharfem Schnabel als eine Art Nemesis einer verzweifelten Maus zu wählen.
Geschichten über Schicksal, Kampf, den eigenen Weg, natürlich auch Liebe und die Erlebnisse, die einer Wächtermaus haben kann. Zu diesen Erlebnissen gehört die wunderschön illustrierte Episode von Karl Kerschl, die gänzlich ohne Text auskommt. Optisch fast schon an dreidimensionale Leinwanderlebnisse angelehnt, aber mit deutlichem Realismus in Szene gesetzt, gerät eine Wächtermaus einer Wanderung einer Herde von Hirschen in die Quere. Selbst ohne den Erzähler der Rahmenhandlung, der eine kleine Erläuterung hinterher schiebt, ist die Aussage der Geschichte klar, fast philosophisch. Humor ist aber auch nicht fern, sollte jemand annehmen, es handele sich hier nur um Grusel und Abenteuer. Guy Davis und Terry Moore gelingen mit ihren Geschichten genau die richtige Mischung zum Mitfiebern und Schmunzeln.
Ein ausführlicher Teil mit Titelbildern zu den einzelnen Geschichten, einer Vorstellung der Erzählerriege der Mäuse sowie kleinen Artikeln zu den beteiligten Künstlern rundet den Sonderband ab.
Wer die Mouse Guard bisher nicht kannte und einen sehr, sehr vielfältigen Überblick über die Art und Weise der vorliegenden Welt und ihrer Abenteuer haben möchte, liegt hier richtig. David Petersen beweist mit dieser Anthologie einmal mehr, dass er ein altersübergreifendes Lesewerk geschaffen hat. Ein sehr schönes noch dazu.
Mouse Guard, Legenden der Wächter: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: none
Dienstag, 21. Februar 2012
Zarla ist eine Waise. Ihre Eltern, einstmals die Bezwinger von Drachen, kehrten vor vielen Jahren aus dem Feld nicht zurück. Aber Zarla ist nicht vollends allein. Ihr Großvater passt auf sie auf. Eine Riesin namens Garda sorgt sich um alle beide. Und dann wäre da noch Hydromel, ein ganz besonderer Hund. Die Gefahren in Zarlas Welt sind überschaubar. Für ein Mädchen, das es sich in den Kopf gesetzt hat, eine Heldin wie ihre Eltern zu werden, ist dies allerdings von Nachteil. So wird jede Chance genutzt, die sich für den Kampf nur bietet. Zarla ist noch sehr jung, ihr Mut jedoch ist viel, viel größer. So würde sie sich in so manche ausweglose Situation begeben, wäre da nicht Hydromel. Denn Hydromel hat ein kleines Geheimnis, das sein Frauchen nicht kennen darf, aber die Besorgnis über Zarlas Ausflüge bei Großvater und Garda mildert.
Eine neue Heldin ist im Land: Szenarist Janssens schließt sich mit dem Entwurf dieser Fantasy-Welt Autoren wie Jeff Smith (Bone) an, die den oft düsteren Weltenbeschreibungen und Abenteuern eine heitere und bisweilen absurd komische Note abgewinnen können. Die tollkühne Kämpferin, für die sich Zarla hält, ist letztlich ein kleines Mädchen, der ein herzensguter und sehr starker Dragon-Bull, ein Drachen-Jagdhund, zur Seite steht.
Situationskomik pur: Elegant erzählt Janssens von den Begebenheiten, in die Zarla mit großem Anlauf hineinstolpert, im Vertrauen auf ihre Fähigkeiten, nicht wissend, dass der vermeintlich alte Hund im Hintergrund der eigentliche Kämpfer ist. Wenn aus dem boxerähnlichen Hund eine rothäutige Kriegerkreatur mit Reißzähnen wird, die sich trefflich im bewaffneten Kampf auskennt, haben viele Feinde nicht einmal mehr genügend Zeit zur Flucht. Das ist von putzigem Humor. Guilhem greift diese Stimmung auf und kreiert eine Zarla, die mit Kulleraugen und kleinen blonden Zöpfen den Feinden entgegentritt.
Ideenreichtum und Anspielungen: Ob es nun Geistergeschichten sind, die die junge Heldin anlocken oder brutale Wegelagerer in Form von Alafanten, die Klischees des Genres werden genüsslich aufs Korn genommen. Manches nehmen Janssens und Guilhemo auseinander, manches sind kleine Verbeugungen vor Romanen, Filmen oder auch Computerspielen. In den Zeichnungen, in denen sich der Stil aus dem Hause Disney findet, Einflüsse eines Albert Uderzo (aus der Zeit, als er noch Umpah-Pah und Pitt Pistol zeichnete) und die Knuffigkeit des Comics von Jeff Smith, brilliert Guilhem mit vielen Kleinigkeiten am Rande.
Ist es der Reiter auf einem Pfau, der Oger und seine sprechende Fledermaus, Hyperosse, Feen, natürlich Drachen, die hier eine immens wichtige Rolle spielen oder sind es die Einzelheiten einer mittelalterlichen Welt, die sich in Zarla zu einem sehr unterhaltsamen, gefälligen Gesamtbild zusammenfügen? Starke, präzise Außenlinien meißeln die Figuren in ebensolch präzisen Haltungen. Mimiken sind treffgenau gezeichnet, manchmal unterstützt durch Details der jeweiligen Kreatur, wie sich am Beispiel der Alafanten mit ihren gefiederten Ohren sehr schön sehen lässt.
In Zarla findet sich eine Atmosphäre, wie sie auch in einem Taran und der Zauberkessel zum Tragen kam: So gibt es durchaus gruselige Momente. Die Farbgebung von Cesano ist kräftig, kontrastreich und stützt den Zeichentrickeindruck der einzelnen Szenen. Die Qualität des Titelbildes ist jener der Innenseiten gleichzusetzen.
Ein guter Anfang: Ein komischer, ein sehr schön erzählter Comic, mit vielen feinen Einfällen, zum Schmunzeln und zum Lachen, eine Fantasy-Komdie mit Potential, die nicht zuletzt durch das Gespann Zarla und Hydromel aus der Masse hervorsticht. Mehr davon!
Zarla 1, Die tollkühne Kämpferin: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: none
Dienstag, 14. Februar 2012
Einige Stämme können sich mit der Anwesenheit der Römer in ihrem Land anfreunden, wissen sie doch wirklich die mitgebrachte Zivilisation zu schätzen. Andere Männer, Stämme sehen nur das Schwert, das sie unterdrückt und ihnen seinen Willen aufzwingen will. Doch ein Aufstand wäre fatal. Es könnte nur gelingen, wenn sich die Stämme vereinen und ihre Zwiste untereinander beilegen. Die Römer wissen um die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der germanischen Völker und wähnen sich in dieser Hinsicht sicher. Außerdem können die Barbaren kaum gegen römische Kriegskunst bestehen. Doch was würde geschehen, gelänge es einem Mann genau diese Qualitäten mitzubringen? Ein Verräter? Ein Überläufer? Könnte dieser Mann sich an die Spitze der Stämme stellen?
Enrico Marini hebt die Freundschaft von Arminius und Marcus auf eine neue Stufe. Können der Römer und der Germane in diesen Zeiten einander überhaupt die Treue halten? Oder waren ihre Bande von jeher zum Zerreißen bestimmt? Der Leser findet sich fernab von Rom in Germanien wieder. Die römische Zivilisation ist hier nur punktuell vorzufinden. Selbst die befriedeten Stämme können noch zur Gefahr werden. Kurz: Die römischen Legionen stehen auf verlorenen Posten. Wer nach Germanien an die Grenzen des Reiches abkommandiert worden ist, der hat im Sinne des Imperators Augustus einen Fehler begangen.
Marcus in Ungnade gefallen? Rom ist in dieser Hemisphäre ein Schlangennest aus Intrigen, Missgunst und Verschlagenheit. Enrico Marini breitet ein vielfältiges Bild Roms vor dem Leser aus. Es gibt jene, die Rom missbrauchen, die Zivilisation herabwirtschaften. Es gibt jene in den eroberten Gebieten, die der römischen Zivilisation ehrlich bewundernd gegenüberstehen. Aber letztlich zählt in einer rauen, schlammigen Umgebung, inmitten von düstergrauen Wäldern nur eines: die militärische Macht Roms, die durch die gut ausgerüsteten Legionäre gewährleistet wird. Leider fehlt es den Waffenträgern an Disziplin.
An dieser Stelle setzt Marini an. Abseits des Schlangennestes versucht Marcus aus den heruntergekommenen Männern wieder Soldaten zu machen, während sein alter Freund Arminius, endlich wieder im Land seiner Väter angelangt, alles unternimmt, um die Wehrhaftigkeit der Römer zu untergraben. In einer grafischen Pompösität, in der die Qualität des Titelbildes den Bildern im Innenteil entspricht, erwacht hier ein Teil römischer Geschichte in einer fiktiven Erzählung zum Leben, die sonst seltener Eingang in Romane, Filme und noch weniger in Comics findet.
Aquarellartiger Farbauftrag, mal kalt und herbstlich, weniger von wärmenden Feuern erleuchtet, füllt schöne Ansichten römischer Architektur, Mode, auch Kriegstechnik und gibt der germanischen Kultur ein jeweils sehr individuelles Gesicht. Neben all seiner Fertigkeit als vortrefflicher Illustrator (ich mag das Thema einfach sehr und es könnte für mich kaum besser umgesetzt sein) vergisst Marini seine Charaktere nicht. Zwar stehen Marcus und Arminius weiterhin im Mittelpunkt der Erzählung, aber sie müssen die Aufmerksamkeit des Lesers mit einer ganzen Reihe sehr sorgfältig gestalteten Nebenfiguren teilen.
Der gärende Aufstand gegen die römischen Besatzer erfordert eine Vielzahl von Köpfen und eine Reihe von Bündnissen. Ganz nebenbei flechtet Marini die verbotene Liebe von Marcus ein, die vor den übrigen Intrigen aber beinahe untergeht. Insgesamt ist der dritte Teil der Reihe der wohl bisher dichteste, eine Steigerung, die kaum mehr möglich schien.
Seit Gladiator oder Rom sicherlich eine der besten Rom-Geschichten aus einer Zeit, da sich das Imperium vergeblich bemühte den Germanen den römischen Frieden zu bringen. Marini vermischt Fiktion und Historie in einer tollen Erzählung und mit einer phantastischen Grafik.
Die Adler Roms 3: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: none
Dienstag, 07. Februar 2012
Freunde: Die meisten Menschen brauchen sie. Nicht jeder kann sicher sein, ob die, die er seine Freunde nennt, auch tatsächlich unter diesen Begriff fallen. Schon gar nicht nachts um 3.00 Uhr. Als das Telefon von Rafael klingelt, liegt er in tiefem Schlaf an der Seite seiner Freundin im Bett. Leo, der sich am anderen Ende der Leitung meldet, hat ein Problem. Er ist mit seinem Auto irgendwo im Nirgendwo liegengeblieben. Ein Freund, der ihm helfen könnte, den Wagen wieder flott zu bekommen oder der ihn wenigstens abholt, wäre jetzt vonnöten. Rafael sträubt sich. Seine Freundin überredet ihn, sich ins Auto zu setzen und zur Hilfe zu eilen. Am Ziel angekommen ergibt sich ein vollkommen anderes Bild. Und Rafael schwankt zwischen Ärger, Frust und Freude.
Jim, Thierry Terrasson oder auch Tehy: Drei Namen, ein Autor. Er brachte dem Leser bisher so unterschiedliche Titel wie YIU oder auch Der Engel und der Drache nahe. Aber auch Sonnenfinsternis stammt von ihm. Und damit kommt der Leser schnell auf die Spur des Genres, das Jim, wie er sich hier nennt, neben Science Fiction und Fantasy noch beherrscht: das menschliche Drama mit all seinen Spielarten. Schon Sonnenfinsternis erzählte von dem Verhältnis einiger Freunde, zusammengedrängt während eines besonderen Ereignisses. Mit Die Einladung geht Jim noch einen Schritt weiter.
Die Geschichte, selbst ohne Erklärung erkennbar als Theaterstück angelegt, benötigt eigentlich nur sechs große Szenen, sechs Akte. Und sie geht nur einer Frage nach: Wer ist dein Freund? Alles andere ergibt sich daraus. Man könnte es eine kleine Geschichte nennen, doch das wäre viel zu kurz gegriffen. Wie in solchen Handlungen nicht unüblich, darf hier besonders zwischen den Zeilen gelesen werden. Zu viel über die Handlung zu verraten, hieße auch, einige schöne Kniffe vorweg zu nehmen. Gesagt sei aber: Sicherlich liefert Jim hier eine seiner menschlichsten Geschichten ab, die Tiefsinn und Lebenserfahrung beweisen. Auch seine Fähigkeit der Erzählung ist hier absolut vorbildlich.
Es sind vergleichsweise junge Leute, die diese Geschichte bereichern, die soeben im Leben angekommen sind, ihren Platz gefunden haben, teilweise wenigstens, dennoch ist die Thematik so leicht erzählt, dass sie von jeder Generation nachvollzogen werden kann. Die Komik und die Tragik funktionieren durch die Grafiken von Dominique Mermoux noch einmal so gut. Für Die Einladung, einer Geschichte, von der ich behaupten möchte, dass sie in diesen Tagen nur aus Frankreich kommen kann, hat Mermoux Schauspieler geschaffen, die ihre Rollen mit großem Können spielen. Mehr noch: Ein Spiel mit der Kamera stützt den Inhalt zwischen den Zeilen. Wenn Rafael beispielhaft in einem szenischen Abschnitt allein auf weiter Flur steht, braucht es eigentlich keine weiteren Worte mehr.
Die Strichführung von Mermoux ist einfach, zerbrechlich, aber arbeitet bei allen Charakteren individuelle Merkmale heraus. Einzelheiten unterstreichen Charaktere. Krumme, vielleicht ehemals gebrochene Nasen. Ein Ghostbusters-T-Shirt. Da die Handlung häufig nachts angesiedelt ist, mit künstlichem Licht und Dämmerung spielt, finden sich hier hauptsächlich mildere Farbkompositionen. Wenn das Licht einmal strahlt, soll es auch als Spot wirken. Fast scheint es, als habe die theatergerechte Erzählung auch bei der optischen Umsetzung wichtigen Einfluss genommen.
Eine sehr menschliche Erzählung, komisch, tragisch, sehr einfühlsam vorgetragen. Jim offenbart mit dieser Geschichte einmal mehr seine große Bandbreite, zeigt, was Comic alles kann. Mit Dominique Mermoux hat er den richtigen Zeichner für dieses echte Szenario gefunden. Wer schon Sonnenfinsternis mochte, wird von dieser Geschichte begeistert sein.
Die Einladung: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: none
Montag, 06. Februar 2012
Der König macht sich durch seinen Umgang nicht gerade beliebt. Sein Stand innerhalb des Hofes ist schlecht. Missgunst trifft ihn häufig durch taxierende Blicke. Ein Mann in seiner Position sollte das Königsgeschlecht fortführen, er sollte einen Nachkommen zeugen. Eine Ehe, in der er noch nicht einmal das Bett mit seiner Frau geteilt hat, da ihn offensichtlich das schöne Geschlecht nach eigener Aussage nicht lockt, ist nicht dazu da, den Fortbestand seiner Linie des Königsreiches zu sichern. Die Königin will diesen Worten keinen Glauben schenken. Die junge Frau an der Seite des Königs ist die Ursache für Gerüchte und ihre Gegenwart ist ein Quell des Spotts wider die Königin.
Mag er Frauen nun oder nicht? Wie es scheint, mag der König nur seine Frau nicht. Ariane de Troil hingegen hat es geschafft, ihm den Kopf zu verdrehen. In jener Zeit, aus der sich auch ein Alexandre Dumas für seine Geschichten bediente, findet Patrick Cothias reichlich Quellenmaterial für sein Abenteuer um die Figur hinter dem Roten Falken. Ariane muss aber nun auch privat um ihr Leben fürchten. Seit Bekanntwerden ihrer Schwangerschaft und des möglichen Urhebers derselben haben einige Kräfte bei Hofe nichts geringeres im Sinn, als sie umzubringen. Umbringen zu lassen, denn natürlich machen sich solche Machtfiguren im Hintergrund niemals selber die Finger schmutzig.
Patrick Cothias nutzt genau diese konspirativen Treffen, die kleinen Gespräche am Rand, manchmal sogar eher nebensächlich geführt, für einen süffisanten Blick hinter die Kulissen der Macht in Frankreich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Cothias nimmt seine Charaktere sehr ernst, skizziert eine Hassliebe, wie auch eine unglückliche Liebe, ebenso wie eine tiefe Freundschaft. Aus einer Anschlagsserie resultiert eine kuriose Begegnung, die angesichts eines längst vergangenen Ehrbegriffs zwar auch komödiantisch wirkt, aber trotzdem möglich sein kann.
Der rote Falke kommt mit seinen Auftritten für Gerechtigkeit infolge des Zustandes von Ariane zu kurz, dafür hat ihr treuer Freund Germain umso mehr zu tun. Hier kann der bärenstarke Kämpfer, der schon im ersten Band an ihrer Seite wirkte, deutlich zeigen, was er kann. Als Fechter und Beschützer flankiert er seine Baronin von einer filmreifen Szene zur nächsten. Marco Venanzi, ein sehr klassisch zeichnender Künstler, vergleichbar mit dem Strich eines Francois Bourgeon (Reisende im Wind), hat die Nachfolge von Andre Juillard in der Reihe übernommen. Das Ergebnis ist verspielter als im kürzlich neu aufgelegten ersten Band.
Darüber hinaus überlässt Venanzi weniger dem Zufall, sein Strich ist exakter, vielleicht sogar romantischer zu nennen. Insgesamt ist der Stil der Darstellung jener Epoche sehr träumerisch, aber angemessen, übermittelt er doch ein Gefühl alter Kostümfilme, als noch ein Gene Kelly als Musketier über die Leinwand fegte. Die von Cothias fein und verschmitzt erzählte Geschichte schlägt in die gleiche Kerbe. Edgar Favaux und Marco Venanzi selbst stützen den Eindruck mit einer am ersten Band angelehnten Kolorierung, gehen aber noch mit leichten Schattierungen zu Werke. So sind die Grafiken etwas plastischer, auf jeden Fall in strahlende Farben getaucht.
Wer ist die Frau hinter der Maske des roten Falken? Ihr Leben ist komplizierter, nun da sie selbst zur Zielscheibe auserkoren wurde und sie sich nicht mehr verstecken kann. Patrick Cothias erzählt ein charakterlich dichtes Abenteuer mit viel Sympathie für die historischen Vorbilder. Dank des Zeichners Marco Venanzi finden Freunde des Genres eine perfekt eingestellte Optik vor.
Der rote Falke 8, Hass und Neid: Bei Amazon bestellen
Oder bei Finix Comics.
Stichwörter: none
Freitag, 03. Februar 2012
Morgwen folgt ihrem Lehrer ins Wasser. Mit jedem Schritt, mit dem sie den Strand hinter sich lassen, weicht das Wasser zurück und bildet eine schützende, bald schon meterhohe Wand. Schließlich sind die beiden, Myrddin und Morgwen, vom Ufer aus nicht mehr zu sehen. Die Beherrschung der Elemente ist eines der Ziele von Myrddins Unterweisung. Morgwen ist eine gelehrige Schülerin, aber sie hängt auch noch an ihrer Vergangenheit und denkt an ihre Verwandten. Doch Myrddin hat eine klare Botschaft für sie: Jemand, der ihren Weg eingeschlagen hat, kann kein normales Leben inmitten einfacher Menschen führen. Niemals. Das hat er selbst bewiesen.
Dieser Arthur ist nicht der strahlende Held, den andere Geschichten aus Roman und Film, mitunter auch Comic gezeigt haben. Dieser Arthur ist ein starker Krieger, charismatisch, aber er hat auch keinerlei Ambitionen sich zum großen und legendären Herrscher aufzuschwingen. Sein Hof ist nicht Camelot, noch denkt daran, eine Tafelrunde aus der Taufe zu heben. Gäbe es da nicht Myrddin (Merlin), der seine ganz eigenen Pläne verfolgt.
Die Fragen, deren Antworten du nicht hören willst, solltest du besser nicht stellen, Arthur.
Wurde Myrrddin auch der Verrückte genannt, so arbeitet sein Geist dennoch scharf und sicher. Seine Winkelzüge bleiben unterdessen rätselhaft. Aber es ist auch eine rätselhafte Welt, in der sich Weissagungen erfüllen und Mut tatsächlich etwas bewirkt. Arthur selbst wie auch Gwalchmei, der Held können diese Feststellung nur unterstreichen. David Chauvel führt den Helden keineswegs so vor, wie es aus so vielen Geschichten her bekannt ist. Es gibt keine gerade Linie und es scheint, als verweigere sich Chauvel ganz bewusst den üblichen Regeln der Erzählung, die er zweifellos beherrscht, wie er in anderen Veröffentlichungen bewiesen hat.
Die Reihe Arthur ist sicherlich keine Comic-Dutzendware. Autor David Chauvel, Comic-Fans hierzulande auch bekannt durch Cosa Nostra und Black Mary, setzt hier einen Erzählstil durch, der wahrhaftig an alte Sagen erinnert. Kleine Passagen, im Stile alter Buchillustrationen gehalten, stützen diese Erzählweise, die sich teilweise wie ein Vorläufer eines Comics ausnimmt. Das ist, gibt man ihm eine Chance, erfrischend anders in seiner nostalgischen Aufmachung. Wer sich mitunter über die Vermischung von modernen Elementen in Ritterszenarien gewundert hat, wird sich mit dieser eng an jene Zeit gebundenen Sequenzen vielleicht eher anfreunden können.
Grafisch kann Jerome Lereculey mit seiner exakten Art zu zeichnen weiterhin gefallen. Lereculey überlässt nichts dem Zufall. Ob Mienenspiel, Kostüme, Körperbau, Muskelspiel, Waffen, Pferde, sonstiges Getier, Natur, Landschaft: Jedes Detail wird mit architektonischer Präzision zu Papier gebracht. So entsteht eine sehr lebensnahe Abbildung, die das Auge festhält und bannt. Lereculey könnte sicherlich auch historische Illustrationen zu alten Kulturen abliefern und Dokumentationen mit seinen Arbeiten ergänzen. Wie das aussehen könnte zeigt sich an einer Verfolgungsjagd zur See, als Arthur den gewohnten Kampfplatz zu Lande mit den schwankenden Drachenbooten vertauscht.
Ebenso schön anzuschauen ist die Begegnung zwischen Arthur und seiner späteren Frau. Aus dieser Begegnung wird im weiteren Verlauf eine Schlachtensequenz und Befreiungsaktion, die weniger mit den alten Hollywoodinszenierungen gemein hat als vielmehr mit der neueren Bildgewalt eines Braveheart oder Gladiator. Allerdings sind auch Vergleiche zu alten Schlachtengemälden durchaus heranzuziehen.
Im wahrsten Sinne des Wortes sagenhaft erzählt und meisterhaft illustriert. Die einzelnen Charaktere verdichten sich zunehmend. Der Band darf nur im Zusammenhang mit den Vorgängeralben gesehen werden. Wer Interesse an einer sehr klassischen Arthur-Sage hat, könnte hier richtig liegen.
Arthur 3, Gwalchmei der Held: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: none
Dienstag, 31. Januar 2012
Ein Krieger muss seinen Meister besiegen. Er muss über sich hinauswachsen und vielleicht sogar scheitern. Aber was wäre, wenn ein Scheitern begrüßt würde? Wenn ein Scheitern den Jüngling an den Rand der Schande brächte, aber sein Überleben in diesem Drama sicherte? Der junge Mann will nicht aufgeben. Er kann nicht aufgeben, nicht nach allem, was sein Meister ihm alles beigebracht hat. Die Lektionen dieses bärenstarken Gesellen gehen weit über Kampftechniken hinaus. Und so sind es nicht die geübten Griffe allein, die den Schüler am Ende über den Meister triumphieren lassen.
Ein Held braucht einen Feind, eine Aufgabe. Ein Held entsteht nicht einfach so, sondern wird an seinen Feinden geschliffen. Mit Iweret steht dem jungen Lancelot ein Unhold gegenüber, der fast zu stark sein könnte für einen unerfahrenen Kämpen. Autor Jean-Luc Istin hat in diesem Band Verstärkung erhalten. An seiner Seite erzählt nun auch Olivier Peru, der im Horrorgenre jüngst auch mit Zombies auf sich aufmerksam machte. Da scheint das Schlachtengemälde, das sich im Laufe der Handlung vor dem Leser ausbreitet, kein Zufall zu sein. Lancelot zeigt besonders im vorliegenden zweiten Teil die Erschaffung eines Helden. Der dunkle Magier Iweret ist nur ein Hindernis auf dem Weg dahin.
Während an anderer Stelle die Legende von Arthur, dem König, wächst, ist Lancelot noch Galaad. Bevor er sehr zum Verdruss seiner Pflegemutter eine letzte Prüfung bei seinem Lehrmeister ablegt und schließlich zum Krieger gereift ist, muss Viviane Fee, die so lange Jahre auf ihn aufgepasst hat, eine Wahl treffen, von der sich nicht vorhersagen lässt, ob sie nicht das Ende bedeutet. Es sind eine Reihe von Weichenstellungen und parallel verlaufende Handlungsstränge, die diesen Teil spannungsreicher machen als den bereits tollen Auftakt.
Für Alexe, die Zeichnerin, und Elodie Jacquemoire, die Koloristin, ist der Arbeitsaufwand ein höherer, der jedoch mit Bravour gemeistert wird. Grafisch wird das Szenario ein wenig härter. Es ist viel düsterer, abgründiger. Viviane stellt sich dem Kampf. Lancelot reift im Kampf heran und muss bereits bei seiner ersten Bewährungsprobe eine unbeschreibliche Tortur hinter sich bringen. Das allein wäre schon genug für optische Finessen, aber Alexe und Elodie Jacquemoire haben außerdem noch eine Schlacht sowie eine doppelseitige Sagenübersicht zu gestalten. Letztere ist wunderbar anzuschauen, fasst zusammen und zeigt dem Leser, welches Schicksal die Charaktere noch erwarten wird. Sogar jene, die noch gar nicht aufgetreten sind.
Wie beeindruckend die grafische Gestaltung, auch durchgängig, ist, zeigt bereits die Darstellung von Iweret, der Figur, die diesem Band den Untertitel verleiht. Die farbliche Gestaltung ist hier zwar noch aufwändiger als im Innenteil, gibt einen Eindruck von der Fülle und der tollen Abstimmung aller Komponenten. Elodie Jacquemoire geht fein in die Hintergründe hinein, schafft eine präzise Tiefe und reizt die modernen Kolorierungsmöglichkeiten aus. Nicht zuletzt durch die Farbenpracht wird die Verweildauer auf den Seiten deutlich erhöht.
Ein erstes Finale: Istin und Peru jagen ihren Helden, anders lässt es sich kaum ausdrücken, über einen Parcours, der es ihn sich hat. Nicht zum ersten Mal wird ein Held auch in Versuchung geführt, nicht zum ersten Mal scheitern die mit Erotik arbeitenden Widersacher mit ihrem Tun. Ist der Vorhang einmal zerrissen, die Falle gescheitert, präsentieren sich die Feinde offen und aus Kampf wird Gemetzel. Die schaurige Umgebung eines Sumpfes tut ihr Übriges für einen optisch stimmigen wie rasanten Fortgang des letzten Drittels der Geschichte.
Besser als der Anfang, stärker, dichter, mit wütenden Charakteren, tragisch, dramatisch und prachtvoll gestaltet. Fans von Sagenabwandlungen und Fantasy, auch solche, die vielleicht einen Robert E. Howard vermissen, sollten einen Blick riskieren.
LANCELOT 2, Iweret: Bei Amazon bestellen
Stichwörter: none