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Comic Blog


Sonntag, 27. September 2020

DIE WÜSTENSKORPIONE 1

Filed under: Abenteuer — Michael um 13:32

DIE WÜSTENSKORPIONE 1Der Wahnsinn des Krieges ist auf vielerlei Arten darstellbar. Oft sind es die Brutalitäten oder die Greueltaten, die einem das Monster Mensch verdeutlichen. Der Irrsinn kann sich aber noch andere Ventile suchen. HUGO PRATT nimmt den Leser mit in ein besonders aberwitziges Kapitel des Zweiten Weltkriegs, den WÜSTENKRIEG. Es ist Herbst 1940. Zwischen Lybien und Ägypten ist davon für die Europäer, die sich in den Sanddünen gegenseitig umbringen, nichts zu bemerken. Die Wüste kennt keine Jahreszeiten. Und sie ist unerbittlich gegen jede Seite. WLADIMIR KOÏNSKY erlebt all die Widrigkeiten von Natur und menschlicher Niedertracht am eigenen Leib. Mehr als einmal steht sein Schicksal auf des Messers Schneide. Und mehr als einmal sieht er, wie seine Wegbegleiter der Tod ereilt …

DER LANGE WEG NACH SIWA lautet der Titel der ersten der beiden hier in einem Band zuammengefassten Geschichten. Im Mittelpunkt stehen WLADIMIR KOÏNSKY, LEUTNANT KORD, HASSAN BENI MUCHTAR oder auch JUDITTAH HORA CANAAN. Jeder ist auf seine Art ein Glücksritter. Die einen schreiten mit hehren Zielen in ihrem Leben voran, die anderen trachten danach reich zu werden, der nächste ist schon glücklich, wenn er aus diesem Krieg heil mit dem Leben davonkommt. Stellenweise in DER LANGE WEG NACH SIWA, sieht man einmal von den Kampfszenen ab (mit einem tollen Zugüberfall), entsteht eine Atmosphäre wie in einem Krimi von AGATHA CHRISTIE. Zeitweise lässt sich auch von Leserseite aus nicht sagen, wer nun welches Spiel spielt. Da heißt es, immer auf der Hut zu sein, welchem Charakter man seine Sympathien schenkt.

PICCOLO CHALET nimmt den Leser mit eine außergewöhnliche Situation, die aber in den erzählenden Genres gar nicht so selten ist. Ein kleines sudanesisches Wüstenfort ist leer gefegt bis einen einzelnen letzten Mann Besatzung. LEUTNANT STELLA genießt nur eine kurze Zeit des Alleinseins. ASKARI-SOLDATEN sind weggelaufen. Die ehemals hier stationierten ITALIENER haben offiziell das Fort verlassen. Es könnte für den einsamen Mann recht langwelig werden, führe nicht unweit des Forts WLADIMIR KOÏNSKY mit seinem britischen Panzer auf eine Mine. Fortan schweißt der Krieg die beiden Feinde für einen gemeinsamen Weg aus der Misere zusammen. HUGO PRATT beweist, dass es für einen Charakter in einer Geschichte immer noch schlimmer kommen kann.

Über allem herrscht eine abenteuerliche Stimmung. CINEASTEN und Freunde von Streifen wie LAWRENCE VON ARABIEN oder DER WIND UND DER LÖWE dürften sich hier gleich heimisch fühlen. Militärisch-politische Verhandlungen, Ränkespiele und im wahrsten Sinne des Wortes Sandkastendiplomatie treffen hier aufeinander. Mittendrin, im Kern des Ganzen, WLADIMIR KOÏNSKY als Archetypus des Abenteurers, des liebenswerten Halunken mit Herz und Verstand. Man mag es eine eigene Moral, einen inneren Kompass oder einen Codex nennen, nach dem KOÏNSKY handelt, ganz gleich, was es ist, er erspielt sich jedenfalls die Sympathien des Lesers mit französischer Leichtigkeit (ja, ich weiß, in der Geschichte ist er Pole, aber ihn umgibt nun einmal das Abenteurer-Flair eines JEAN-PAUL BELMONDO).

Die Zeichnungen von HUGO PRATT bergen keine Überraschungen, hat der Leser bereits in anderen Publikationen von ihm Bekanntschaft mit seiner Technik gemacht. Gewohnt fragil, mit dem Strich fürs Wesentliche, erschließt sich die Welt der WÜSTENSKORPIONE durch die Feder eines Mannes, der diese Zeit, wenn auch noch sehr jung an Jahren, tatsächlich miterlebt hat und kurz danach sein Kunststudium begann. HUGO PRATT schafft die unterschiedlichsten Charaktere, auch solche, die nur kurz auftauchen, einzig bei Schwarzafrikanern driftet er öfters mal in Stereotype ab. Seinen Kampfszenen, mit simpler Infantrie oder mit Fahrzeugen und Flugzeugen sieht man gerne zu. Das ist überaus filmisch. Sich die Skizzen anzuschauen macht Spaß, zeigen sie doch, wie sich HUGO PRATT seine Themen erarbeitet hat, sogar über persönliche Fotos aus den Wüstenkriegen, die ihm als Vorlage dienten.

Ein starkes Stück Comic-Geschichte über ein dunkles Kapitel Menschheitsgeschichte. Trotz allem ist es mit Charme erzählt, mit einem sympathischen Tausendsassa, der sich nicht unterkriegen lässt, gewohnt lässig illustriert, dennoch eindringlich (und die kolorierten HUGO-PRATT-Zeichnungen gefallen mir außerdordentlich). Geschichten mit Tiefgang. Sehr gut! 🙂

WÜSTENSKORPIONE 1, Der lange Weg nach Siwa, Piccolo Chalet: Bei Amazon bestellen.
Oder bei Schreiber und Leser.

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