Dienstag, 15. Juni 2010
Das hatte Nugua weder erwartet noch gesucht: Einen Drachenfriedhof. Seit die Drachen verschwanden und sie alleine zurückließen, hat Nugua keinen größeren Wunsch, als ihre einstigen Beschützer wiederzufinden. Doch selbst mit der Hilfe eines Unsterblichen ist dieses Unterfangen sehr schwierig. Vielleicht sogar unmöglich? Nioccolo, der Junge aus dem Wolkenvolk, braucht die Drachen ebenfalls. Ohne den Äther, den Atem der Drachen, wird seine Welt unweigerlich dem Boden immer näher kommen. Das hätte das Ende ihrer Zivilisation zur Folge. Seine Bemühungen haben noch keine Früchte getragen. Er wurde sogar in den Kampf von Unsterblichen verwickelt und ist nun emotional eine Frau gekettet, die allen Unsterblichen den Kampf angesagt hat.
Niccolo und Nugua machen beide ihre ungewöhnlichen Erfahrungen mit den Unsterblichen, mit den wenigen, die es noch gibt. Nugua gerät in einen Abschnitt ihrer Suche, der zwar Fragen beantwortet, ihr aber auch neuen Mut abverlangt. Niccolo hingegen erhält rätselhafte Antworten, derer er nicht bedarf und die seine Geduld auf eine harte Probe stellen. Viel handfester geht es für Whisperwind und Feiquing zu. Der falsche Drache Feiquing, Mensch in einem Kostüm, ist im Kampf leider keine Hilfe, doch Whisperwind bewährt sich mit Routine und Akrobatik und scheinbar mühelos.
Am Ende ist es ein Glück, dass Niccolo von all dem nichts weiß, denn es würde ihn in noch tiefere Verzweiflung auf seinem Weg stürzen.
Die Gefährten marschieren getrennt. Obwohl Marschieren nicht so ganz richtig ist. Auf ihren Wegen legen sie Pausen ein, freiwillig ebenso wie zwangsweise. Nach der Vorlage Kai Meyer verfasste Yann Krehl dieser dritten Episode der Saga über das Wolkenvolk. Die einzelnen Handlungsstränge, zuerst zusammengeführt, führen nun wieder auseinander. Die ehemaligen Gefährten geraten in große Gefahren, größer noch als zu Beginn des Abenteuers.
Wunderbare Handlungsorte wechseln einander ab. Ein mystischer Drachenfriedhof, ein geheimnisvoller Wald, die Heimat eines Unsterblichen. Aber der Leser kehrt auch zu bekannten Stätten zurück wie der Heimat des Wolkenvolks. Hinzu kommen ungewöhnliche Charaktere wie der Seelenschlund und die Rückkehr von Mondkind. Lanze und Licht präsentiert sich mit all seinen Zutaten als zauberhafter Griff hinein in das pralle Gericht aus Mythen und Märchen. Die Geschichte vermeidet Schwarzweißmalerei. Der Seelenschlund, ein Seelenfresser, vereinnahmt seine Opfer zwar, aber sie verschwinden nicht. All ihr Wissen, ihre Persönlichkeiten bleiben erhalten und dürfen sich sogar äußern.
Wieder sind die einzelnen Handlungsabschnitte wieder Bausteine zusammengefügt, nahtlos, mit großem Geschick. Das ist sehr versiert und arbeitet mit Überraschungen einerseits, indem das Vorausschauen des Lesers überlistet wird, andererseits mit vollkommen unvorhergesehenen Ereignissen, mit denen niemand rechnen konnte.
Ralf Schlüter arbeitet wie in den bisherigen beiden Bänden gekonnt, fast schon lässig. Dennoch hat sich die Optik gewandelt, denn die Kolorierung wurde von Digikore Design übernommen. Der Farbauftrag wurde auf künstliche Echtheit, einer Imitation von natürlichen Farbauftragen per Computer umgestellt. Die Farben wirken weich, in der Art, wenn ansonsten durchscheinende Farben mit deckenden Anteilen angedickt werden. Mittels Wischtechnik, Unschärfen und auch Lichteffekten ergibt das häufig einen sehr plastischen Eindruck. Das ist nicht besser als zuvor, doch anders, in jedem Fall aber schlichtweg schön anzuschauen.
Eine vorbildlich aufgebaute Geschichte, in der alles vorhanden ist, was ein mystisch spannendes Abenteuer benötigt: Freunde, unheimliche Begegnungen, auch Hoffnungslosigkeit, Liebe, Tatendrang, Kämpfe, Siege und Niederlagen. Und nichts weist darauf hin, wie es weitergehen könnte (jene, die die Romanvorlage gelesen haben, wissen es natürlich, aber das darf nicht vorausgesetzt werden). Klasse. 🙂
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Montag, 14. Juni 2010
Ein Mörder treibt in Paris sein Unwesen. Er raubt die Herzen von Prostituierten. Bisher hat die Polizei noch keine heiße Spur und steht der Angelegenheit eher ratlos gegenüber. Die Presse nennt den Mörder den Herzensbrecher. Thomas sind diese Schauergeschichten gleichgültig. Sein Leben ist merkwürdig genug. Er lebt im Haus seines Onkels, während im Keller, angeschlossen an komplizierte Apparaturen, seine Mutter konserviert aufbewahrt liegt. Sein Onkel treibt nichts sehnlicher an, als der Wunsch, die Mutter seines Neffen, die seine Schwester Freeda ist, wieder zum Leben zu erwecken. Er will dieses Leben von Gott zurückholen, doch bislang ist es ihm noch nicht gelungen, Gott in diese Richtung zu erpressen und auf andere Art einen Handel abzuringen.
Thomas, der diese vergeblichen Versuche seit zwanzig Jahren verfolgt, hat die Flucht angetreten. Weg von den Gefühlen und Gedanken, die ihn verwirren, hin zum Absinth und zum Opium, hin zum Voyeurismus. Im Bordell schaut er durch ein Guckloch dem Treiben von Freiern und Prostituierten zu und betrinkt sich dabei bis zur Besinnungslosigkeit. Unterdessen führt Kommissar Nimber seine Untersuchungen fort. Zuerst scheint es, als habe der Mörder seine Werk nicht beenden können. Aber dann ist es sicher, dass der Herzensbrecher seine Methode geändert hat. Nun hat er kein Herz, sondern einen Fötus geraubt.
Die Zeit der Verkommenheit und Trostlosigkeit. In Frankreich, genauer Paris, und vielen anderen Orten Europas hat ein Niedergang eingesetzt. Die Welt ist grau geworden oder wenigstens kalt. Man gibt sich zugeknöpft, aber unter der Oberfläche geht es alles andere als kühl zu. Thierry Gloris entwirft ein Szenario, das sich in Grundzügen der Stimmung einer Zeit im Umbruch bedient, wie sie auch sattsam aus einem viktorianischen England her bekannt ist. Oder wie sie aufgekommen sein mag, als der Erste Weltkrieg kurz vor Ausbruch stand.
Einige Charaktere kreisen um den Fall und um sich selbst. Sie laufen zusammen und nebeneinander her, es gibt Berührungspunkte, aber vielmehr noch sind sie mutterseelenallein. Der Kommissar, der sich in seinem Fall verliert. Thomas, der durch seine Emotionen verschüttet ist. Der Onkel, der es schließlich wagt, einem Engel eine Falle zu stellen. Und einige mehr. In drei Kapiteln, Izael, Lisa und Thomas, durchlaufen die Figuren Wandlungen. Die Handlung wird erst undurchsichtiger, bevor sich der Schleier lüftet und mit der Preisgabe der Geheimnisse eigentlich alles noch schlimmer macht.
Thierry Gloris lässt seine Figuren leiden. Mit einigen mag man nicht sympathisieren, andere tun einem Leid. Die Geschichte, deren Atmosphäre an Geschichten des düsteren Meisters Edgar Allen Poe erinnert, funktioniert auch und wegen einer hervorragenden grafischen Umsetzung durch Mikael Bourgouin. Das ist optisch ein wenig Heavy Metal, ein wenig stilisiert und in starken, schweren Farben ausgeführt.
Bourgouin reduziert die Gesichter seiner Figuren gerne, gibt insbesondere den Männern etwas Vogelhaftes. Sehr schmal oder sehr eckig, in jedem Fall sehr intensiv präsentieren sich die Charaktere dem Leser. Es ist Bourgouin zu verdanken, dass jeder noch so kleine Nebenfigur ein individuelles Gesicht erhält und der gesamten Handlung eine enorme Fülle verleiht. Doch wo es bei den Männern sehr gut funktioniert, hapert es ein wenig bei den Frauen. Die übliche Berufskrankheit. Im Gegenzug jedoch ist die Atmosphäre fühlbar, ganz besonders im zweiten und dritten Kapitel. In meist sehr fein aufgetragenen Farben, tollen Lichteffekten und abgestuften Schatten entstehen für das Auge Bilder mit schöner Tiefe.
Kleine mehr oder minder starke Anleihen aus Literatur und Unterhaltung, Anspielungen auf reale Personen laden zum Suchen und Finden ein.
Unheimlich, auch unheimlich spannend: Mit einer Atmosphäre, die an Erzählungen von Poe oder alte Schwarzweiß-Kinoklassiker erinnert. Sehr theatralisch inszeniert, mitunter auch brutal. Mitreißend bis zum Schluss. 🙂
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Samstag, 12. Juni 2010
Eine Mutter stirbt. Ein Junge bleibt allein zurück. Niemand interessiert sich mehr für das Kind. Es bleibt allein. Jakob, so der Name des kleinen Jungen, vermisst die Mutter sehr. So sehr, dass er ihr auf diesem unbekannten Weg folgen möchte, den sie gegangen ist. Nicht wissend, dass er ihr früher oder später sowieso folgen wird. Ob er sie nun sucht oder nicht. Jakob macht sich auf die Suche. Er fragt herum. Wer könnte den Weg kennen, den seine Mutter gegangen ist? Die Raben, so heißt es schließlich. Doch der erste Rabe, den er fragt, den, der auf einer Vogelscheuche sitzt und diese fortwährend mit Nadel und Faden flickt, der weiß gar nichts.
Auf seiner Reise trifft Jakob auf allerhand seltsame Gestalten. Die einen sind freundlich, andere rätselhaft, wieder andere verzweifelt, ebenso einsam wie Jakob. Jakob geht seinen Weg weiter, fragend, offenen Auges. Uneigennützige Hilfe erfährt er nirgends so recht. Aber er bewahrt sich seine Freundlichkeit, auch nach der x-ten Enttäuschung. Und am Ende …
Benjamin Schreuder und Felix Mertikat legen hier ein Comic-Debut vor, das wie ein Märchen anmutet, zum Mitdenken und Nachdenken anregt und alles andere als gewöhnliche Comic-Kost ist.
Kind und Tod. Eine thematische Mischung, die allzu häufig im Leben vorkommt. Kinder, so glauben Erwachsene, können den Tod nicht begreifen, verschleiern seine Existenz als Weg, der woanders hinführt. Aber die Mutter liebt das Kind trotzdem. Das Kind bleibt zurück, unbeachtet zunächst, nur erkannt, wenn es den Erwachsenen oder Gleichaltrigen in die Quere kommt. Ein schweres Thema, unbequem erzählt.
Der Verlorene, der nicht begreifen kann, begegnet anderen Verlorenen. So auch einer Mutter, deren Kind fort ist. Zueinander finden, können die beiden trotzdem nicht. Wo der Geist der einen verwirrt ist, ist der des Jungen zu klar. Die Geschichte bleibt bei allen Details nebulös, märchenhaft, in kleinen Episoden erzählt. Und sie ist traurig. Das Schicksal des kleinen Jakob rührt ans Gemüt, so sich der Leser denn auf die Geschichte einzulassen mag und will. Ob er die Fragen, die durch die Handlung aufgeworfen werden, auch beantworten kann, ob er all die Gefühle, die hier geschildert werden, auch versteht, das ist wieder eine ganz andere Frage.
In einer Mischung aus Bleistiftvorzeichnungen und Aquarellkolorierung stellt sich die langsame Handlung großzügig vor den Augen des Lesers dar. Hier gibt es keine Eile. Die Bilder wollen sorgfältig betrachtet werden. Ein szenischer Schwenk erfolgt unmerklich, traumhaft wie die Handlung. Eben noch findet Jakob den Kutscher, sachte erscheint der Rabe, der kurz darauf durch den Fuchs abgelöst wird. Erzählung wie Bilder gleiten ineinander über. Das mag auch verwirren, da Zeit hier nicht die Rolle spielt, wie es in anderen Geschichten der Fall ist.
Die Umsetzung durch altbewährte Handarbeit per Stift und Pinsel (der Rechner mag bei dem Zusammensetzen geholfen haben) gibt der Geschichte einen Hauch Nostalgie. Die Mischung aus gegenwärtigen und mittelalterlichen Dekorationen trägt viel zur geheimnisvollen Atmosphäre des vorliegenden Bandes bei.
Rätselhaft und gefühlvoll erzählt, in der Tradition von Märchen und noch tiefer gehend. Nichts für Kinder, eher für Erwachsene, die sich ein wenig Kind bewahrt haben. Wunderschön gezeichnet und gemalt. Wichtig: Nicht alles verstehen wollen, einfach wirken lassen. 🙂
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Ein Schmierfink terrorisiert London: Der Schänder. Kein Portrait der Königin ist vor ihm sicher. Zielgenau hat er jedes Gesicht ihrer Majestät mit einem Bart versehen. Scotland Yard ist bis auf die Knochen blamiert, wenn es nicht sehr bald den Übeltäter aufspüren kann. Seltsamerweise hat ausgerechnet Sherlock Holmes noch nichts von diesem Jack The Bearder gehört, wie der Unhold von der Presse liebevoll genannt wird. Als Holmes und sein Kollege Dr. Watson von Inspektor Lestrade zu einem Treffen mit einem Informanten geführt werden, eskaliert die Situation plötzlich vollkommen unerwartet. Wenn auch nicht unbedingt zum Schaden aller. Immerhin geht ein Wunsch von Dr. Watson in Erfüllung.
Dieser Anschlag, mit dem niemand vorher rechnen konnte (an dem der Leser aber einen ziemlichen Spaß haben darf), ist der Auftakt zu einem Fall, der Sherlock Holmes alles abverlangt. Autor Pierre Veys präsentiert dem Leser einen Detektiven, Verzeihung, einen Meisterdetektiven in der Krise. Ein wenig kindisches Verhalten (ein Siegertyp, der nicht verlieren kann und einen Sieg stets bestätigt und bewundert sehen möchte) und der Drang, Recherchen bis zum Exzess zu treiben fördern noch lange nicht die nötige Intuition zur Lösung eines Kriminalfalles. Diese Erfahrung muss Sherlock bitterlich weinend machen. Wenn die ihn Umstehenden fragend anblicken und die Lösung aus seinem Mund binnen Augenblicken erwarten, ihm aber die Antwort nicht gelingt, muss auch der Leser schmunzelnd schlucken.
Der Club der tödlichen Sportarten kann nur in einem Land entstehen, das stets Entdecker und Abenteurer hervorbrachte. Der Club der tödlichen Sportarten ist nichts für weichgespülte Jackass-Fans. Ein Fehler kann hier das Leben kosten. All die Albernheiten und die nicht weniger interessanten Todesarten werden von Pierre Veys genüsslich und für den Leser höchst vergnüglich verarbeitet. Ein besonderer Leidtragender in dieser Angelegenheit ist wieder einmal Inspektor Lestrade, der mit einer hochtrabenden Vorwitzigkeit zu Werke geht, die dem Original gar nicht so fern ist.
Eine Lupe?! Was soll ich denn damit machen? Halten Sie mich für einen Clown?
Dank Nicolas Barral, dem Zeichner, funktioniert ein guter Teil des hier ausgesäten Humors optisch, ohne Worte. Wenn ein Sherlock Holmes bei seinen Ermittlungen wie ein Irrer am Tatort herumkraxelt, entlockt das bei aller Akrobatik bereits ein Schmunzeln. Gelungener sind noch die Holmeschen Gesichtausdrücke. Hier findet sich von Verzweiflung, Traurigkeit, Hochmut oder Arroganz bis hin zu überschwänglicher Freude und Entschlossenheit alles. Andere Charaktere, auch Watson, werden etwas zurückhaltender gezeichnet.
Nicolas Barral zeichnet mit ähnliche leichtem Strich wie ein Morris und beherrscht auch die Karikatur ausgezeichnet. In einigen Charakteren meint man Anleihen von bekannten Gesichtern auszumachen. Auch Nicolas Barral zeichnet jene zerbrechlich wirkenden Figuren wie einst Morris. Ausdrucksstarke Köpfe, dünne Gliedmaßen, schmale Füße, mitunter voluminöse Oberkörper. Das ist nicht mit den Werken des Altmeisters identisch, aber stilistisch in der selben Tradition.
Eine treffliche Krimiparodie, der sich auch Leser in Unkenntnis eines Sherlock Holmes nicht verschließen können. Allein, wer erleben möchte, wie allgemein bekannte englische Lebensart liebenswert spöttelnd beschrieben wird und Kriminalfälle von einem selbsternannten Genie gelöst werden, sollte einen Blick riskieren. 🙂
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Mittwoch, 09. Juni 2010
Das Kind des Tierkreises besitzt besondere Fähigkeiten. Die Reiter der Apokalypse haben sich auf die Spur des Kindes gesetzt, konnten bisher aber nicht seiner habhaft werden. Brutal überfallen sie mit gemeinsamen Kräften ein Dorf und löschen die Einwohner aus. Von all dem wissen die Missi Dominici nichts. Fern von Rom versuchen sie heilige Reliquien zu finden, um diese in den Schoß der Christenheit zu überführen. Der alte Ritter Ernst Wolfram hat auf dieser Reise nur ungern einen unerfahren Jungspund an seiner Seite. Ronan Chantilly de Guivre ist jedoch nicht nur ein junger Mann. Auch in ihm schlummern Fähigkeiten, die ihn von den normalen Menschen abheben.
Riga. Abweisend und von Eis und Schnee überdeckt liegt die befestigte Stadt an der Küste. Eine Bastion der zivilisierten Welt, voller Halsabschneider, ganz gleich aus welcher gesellschaftlichen Schicht. Den beiden Reisenden bleibt keine Wahl. Sie müssen hier an Land und ihrer Fährte folgen. Die Spur führt in das Land der Liven, Feindesland, ein Gebiet der Heiden. Doch ahnen die beiden ungleichen Reisegefährten bereits die Gefahr, die in der Zukunft auf sie wartet, so werden sie von den Anfeindungen innerhalb der angeblich sicheren Stadt völlig überrascht.
Zu Beginn der 13. Jahrhunderts ist die Welt größer, geheimnisvoller und eine Reise ist noch etwas ganz besonderes. Neben Wegelagerern warten Kriege auf die Menschen. Und das Böse! Willkommen im Mittelalter, in einer unwirtlichen Gegend zu einer menschenfeindlichen Jahreszeit. Im tiefen Winter schickt Autor Thierry Gloris sein ungleiches Gespann auf die Suche nach einer Reliquie. Die beiden Helden, junger Recke, alter Recke, präsentieren ein klassisches Miteinander. Ein bärbeißiger Ritter, der lieber alleine sein Werk verrichtet, ein junger Kämpe, unerfahren, aber weise genug, um auf das Wissen und die Legende seines Vorgesetzten zu vertrauen.
Benoit Delac zeichnet diese Welt, in die eine große Dosis dunkle Fantasy einfließt, mit starkem Realismus. Die Darstellung der beiden Helden, insbesondere des alten Ritters, ist hervorragend. Die Figur selbst gibt durch ihr zwiespältiges Verhalten wie auch ihr geheimnisvolles Wesen viel Spielraum zur Gestaltung. Sei es der Jähzorn, der sehr leise Humor, aber auch das andere Wesen, das in Wolfram lebt, mit den nötigen Strichen, elegant geschwungen, treffsicher gesetzt, erwacht der Ritter vor den Augen des Lesers zum Leben. Und eine ganze Welt gleich mit.
Denn es ist diese treffsichere und sehr ausdrucksstarke Darstellung, die ein sehr kaltes, schmutziges, möglichst realistisches Mittelalter auf die Seiten bannt. Zwischen sieben und elf Bildern pro Seite treiben die Handlung voran. Rückblicke auf Legenden, Kämpfe oder andere Auseinandersetzungen kommen mitunter mit weniger Bildern aus, Seitenaufteilungen variieren, kultivieren eine stete Unruhe, so dass die Augen immer im Fluss bleiben und keine Gewöhnung einsetzt. Die Komposition zwingt den Leser, am Ball zu bleiben.
Farblich kann der Leser bereits auf dem Titelbild erkennen, was ihn im Comic erwartet. Wie die gezeigte Welt ist die Farbpalette mit vielen kalten Tönen aus Braun, Grau, Blau und Ocker gemischt. Feuer und Blut stellen die warmen Farben, nie erlösend, meist nur in vernichtender Funktion. Das ist vollkommen ausreichend im Sinne jener fernen Lande und kurzen Wintertage und sogar sehr atmosphärisch.
Ein sehr dichter und epischer Auftakt, fesselnd von Beginn an, mit einem Heldenduo, das, ungleich zwar, einen sehr schnell mitreißt. Zu verdanken ist dies einem Duo aus Autor und Zeichner, das zum ersten Mal, aber, wie das Ergebnis zeigt, perfekt zusammengearbeitet hat. 🙂
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Dienstag, 08. Juni 2010
In einer Zeit als in Belgien das Essen noch in Zeitung eingewickelt verkauft wurde, war Belgien ein besetztes, aber kein mutloses Land. Widerstand erfolgte bewaffnet, aber auch in kleinen Dingen. So wird einigen deutschen Soldaten einfach der Erwerb von einigen Portionen Schnecken verweigert. Aus gutem Grund. Spirou entgeht durch diesen Akt der Hilfe noch einmal der Entdeckung. Der Krieg geht unterdessen mit aller Härte weiter. Ständig überqueren deutsche Bomberstaffeln das Land. Entsprechende Antworten der Alliierten folgen. Unten am Boden versuchen sich die Belgier so es eben geht mit der Lage zu arrangieren. Einige tapfer, andere auf dem leichten Weg der Kollaboration.
Spirou und Fantasio, natürlich auch Pips, kämpfen mit Leib und Leben für die Sache der Freiheit. Eine Geheimwaffe könnte ein Wende im Krieg herbeiführen, würde sie nur auf der richtigen Seite eingesetzt. Operation Fledermaus wird zur schwierigsten Aufgabe, derer sich die beiden Freunde jemals gegenüber sahen.
Blick zurück: 1942 ist ganz Belgien von der deutschen Wehrmacht besetzt. Ein kleiner Page und ein Journalist (und Erfinder) versuchen auf ihre Art Widerstand zu leisten. Humor ist Trumpf in diesem Kriegsszenario, aber selbst Spirou + Fantasio kommen hier nicht ohne jegliches Blutvergießen aus. Unter dem Strich jedoch dürfte dieses Abenteuer zu den besten Sonderausgaben gehören. Auf satten 62 Seiten, die dieses Abenteuer umfasst, gibt es unglaublich viel mitzufiebern, gibt es eine sehr dichte Geschichte und sehr viel zu entdecken.
Yann Lepennetier in Hochform: In einem ausführlichen Anhang wird geschildert, dass die vorliegende Episode ursprünglich eine Unvollendete war, begonnen mit dem verstorbenen Zeichner Yves Chaland, landete sie nach dessen Tod 1990 erst einmal für lange Zeit in der Schublade. Yann scheint die nachträgliche Bearbeitungsmöglichkeit dieser Geschichte ein zusätzlicher Ansporn gewesen zu sein. Denn es gibt nicht nur viel für Comic-Fans zu entdecken, sondern eine große Anzahl von Details mag Anreiz sein, sich mit der wirklichen Geschichte zu beschäftigen, deren Grausamkeit hier wenigstens gestreift und nicht unter den Teppich gekehrt wird.
Schließlich lautet der Kern der Geschichte: Widerstand. Spirou arbeitet im Hauptquartier der Gestapo, während Fantasio in den Diensten einer Zeitung steht, der Kollaboration nachgesagt wird. So sind beide etwas zweifelhaft angesehen, obwohl sie nach Kräften bemüht sind, Informationen zu sammeln und an die Alliierten weiterzugeben. Sicherlich herrscht hier eine starke Schwarzweiß-Malerei. Die Deutschen sind durchweg schlecht oder verkommen oder schlimmer. Bei den Belgiern finden sich Grautöne, so bei den Widerständlern, den normalen Bürgern, den Kollaboratören und den Opfern.
Einiges wird der Geschichte entlehnt, so Spirous Gegenspieler der Gestapo, aber auch ein jüdisches Mädchen, das Spirou kurz versteckt und später, nach dem Rückzug der Deutschen verschwunden ist. Spirou muss erfahren, dass sie deportiert wurde. Neben tragischen Begebenheiten, auch fantastischer Action, humoristischen Einfällen finden sich auch Anspielungen und Gedenkbilder an die Großen des Humors und des Comics. Franquin erhält ein Denkmal. De Funes, Gabin und Bourvil haben einen Gastauftritt. Fast schon in Suchbildern entdeckt man Figuren von Willy Vandersteen. Wastl, im Original Jerom, ist hierzulande ziemlich in Vergessenheit geraten.
Olivier Schwartz liefert einen Comic-Band ab, dessen Zeichnungen wie Retro aussehen, aber besser sind. Im Gegensatz zu manch anderen Retro-Zeichnungen, die manchmal zu einfach oder zu bemüht aussehen, wirken die Bilder von Schwartz stilistisch sehr sicher und handwerklich routiniert. Seine Bilder hätten ebenso gut die Vorlage dieses ganz besonderen Stils sein können, wären sie nicht Jahrzehnte später entstanden. Ein Merkmal dieser schönen Arbeit ist auch die Detailfreude. Immer wieder gibt es etwas zu entdecken, so z.B. ein Zyklotrop, der im Tross der Nazi-Wissenschaftler mit seiner Erfindung eines Zyklomobils nicht zum Zuge kommt, während eine Mondrakete von Tim und Struppi den Geschmack der skrupellosen Erfinder schon eher zu treffen scheint.
Beste Cartoon-Comic-Erzählkunst: Yann hat bereits oft bewiesen, dass er zu den Besten gehört. Im Zusammenspiel mit Olivier Schwartz kann er dies untermauern. Dank der hervorragenden Umsetzung durch Schwartz wird der vorliegende Band zu einem echten Erlebnis der gesamten Reihe. Ungewöhnlich, aber auch sehr gut. 🙂
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Montag, 07. Juni 2010
Hass ist der Antrieb. Irgendwann, vielleicht in der Gegenwart, vielleicht in der Vergangenheit, wird Nero wieder auf Spock treffen. Und dann wird der Romulaner seine Rache haben. Wenn Vulkan vor den Augen Spocks explodiert, wird der Zorn in Nero vielleicht begraben. Doch so einfach, wie Nero sich diese Tat vorstellt, ist es nicht. Vorerst kann Spock in der Zeit entkommen. Für Nero und seine Männer bleibt nur das Warten. Das endlose Warten in klingonischer Gefangenschaft.
Willkommen auf Rura Penthe! Eis bedeckt den Planeten. Nur wenige ist hier das Überleben vergönnt. Aber kaum jemand geht an die Oberfläche. Falls doch, ist es eine Bestrafung. Unter der Oberfläche befindet sich ein klingonisches Gefängnis. Jeder Aspekt für sich allein genommen ist eine Todesfalle. In dieser Kombination, unter der Aufsicht des Klingonen Koth, ist es die Hölle. Nero wartet. Stoisch lässt er alles über sich ergehen. Jede Folter, jede Erniedrigung, denn insgeheim weiß er: Seine Zeit wird kommen.
Die eigentliche Comic-Geschichte zum Neustart von Star Trek mag komplexer gewesen sein, dieser Teilabschnitt der Vorgeschichte ist noch versierter. Ein Bösewicht ist stets ein heimlicher Handlungsheld. Der jüngste Kinofilm hielt diesen ein wenig zu sehr im Hintergrund. Grund genug, sich einmal verstärkt mit dieser Figur zu befassen.
Roberto Orci und Alex Kurtzman geben die Geschichte vor, Mike Johnson und Tim Jones erledigen den Text. Viele Köche stellen hier einen vorzüglichen Brei her, um das Sprichwort einmal abzuwandeln. Nero muss warten. Zwar fliegen er und seine Mannschaft wie auch Spock in die Vergangenheit. Die Endpunkte sind allerdings verschieden. Die Romulaner, denen Nero und seine Männer angehören, geraten in die Fänge alter Klingonen, in einer Zeit (über die ein Worf ungern spricht), in der die Technik nicht modern, die Klingonen aber so kriegerisch wie immer sind.
Star-Trek-Fans können sich auf den Strafplaneten Rura Penthe freuen, von dem selbst Kirk und Pille nur mit Mühen entfliehen konnten (Star Trek VI). In einer Geschichte, die sehr auf den Charakter Neros eingeht, seine Entwicklung und seine Stärke aufzeigt, wächst Zeichner David Messina deutlich über sich hinaus und liefert Bildkompositionen ab, die die Messlatte für künftige Comics aus dem Star Trek Universum (auch aus seiner Feder) höher legt. Die Düsternis des romulanischen Hauptcharakters spiegelt sich in den Bildern wider. Sehr starke Kontraste zwischen Hell und Dunkel, beinahe theatralisch inszeniert, stehen einem ausdrucksstarkem SciFi-Szenario gegenüber.
Technisch perfekt wird das romulanische Zwischenspiel auf der klingonischen Gefängniswelt dargestellt. Fast wünscht man sich als Fan, der letzte Kinofilm hätte noch um ein paar erklärende Szenen aus dieser Geschichte bereichert werden können. Weitere hier gezeigte Szenen sind die I-Tüpfelchen. Auch hier werden Fans einiges erkennen, auch solches, das in der Chronologie der Star Trek Reihe manchmal in Vergessenheit gedrängt wurde.
Ein sehr gelungener Band mit wichtigen Informationen zum letzten Kinofilm, hervorragend mit viel Gefühl für dieses Universum erzählt und einem David Messina, der sich grafisch selbst übertrifft. 🙂
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