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Comic Blog


Dienstag, 05. Mai 2009

PARADISE

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:46

PARADISEDie junge Frau hatte sich nicht vorgestellt, in einem Harem zu erwachen. Genau gesagt weiß sie nicht mehr, was sie sich eigentlich vorgestellt hat, denn ihr Gedächtnis lässt sie im Stich. Nur ab und zu blitzen Erinnerungsfetzen aus ihrer Kindheit durch. Sie sieht sich, wie sie mit einem kleinen schwarzen Leoparden spielte. Aber darüber hinaus? Andernorts weiß man sehr wohl, wer sie ist. Und für jene ist es klar: Sie müssen diese junge Frau in ihre Hände bekommen, bevor es die andere Seite schafft.

Wie stelle ich mir Afrika vor? Wenn ich noch nie da gewesen bin? Nur auf Hörensagen und Beschreibungen angewiesen? Dürer zeichnet 1515 ein Rhinozeros, ohne es selbst gesehen zu haben. Wie im großen Mondschwindel wirft Benoit Sokal, der Autor, einen scheinbaren Blick auf ein weit entferntes Land. Das, was er nicht genau erkennen kann, dichtet er hinzu, macht es phantastischer, schöner, aber auch grauenhafter, als es in Wirklichkeit ist. So wird Afrika, in Form des erfundenen Landes Mauranien, zu einem PARADISE, einem verlorenen Paradies.

Mit PARADISE gehen ein Computerspiel und ein Comic Hand in Hand. Die Vorgehensweise eines Adventures erklären ein wenig die Erzählweise, die Sokal hier gewählt hat und die sich doch sehr von seinen Geschichten um den schnabelbewehrten Detektiven Inspektor Canardo unterscheiden. Die einzelnen Kapitel stellen eine junge Frau in den Mittelpunkt, die ihre Identität vergessen hat, aber offensichtlich Ann Smith aus Genf ist. Ann Smith hat ein Buch über Mauranien geschrieben, allerdings vor über 100 Jahren. Irgendetwas stimmt hier nicht.

Die junge Frau fühlt eine ungewisse Verbundenheit zu einem schwarzen Leoparden im Besitz des Prinzen von Madargane. Infolge der Kriegswirren beschließt sie, das Tier eigenhändig aus der Stadt und somit aus der Gefahrenzone zu schaffen. Doch zuvor und auf dem Weg gilt es verschiedene Aufgaben zu bewältigen. Der Aufbau ist klassisch, spannend und man muss sich fragen, warum derlei Produktionsweg nicht häufiger gewählt worden ist. Fast könnte man den Comic als Lösungsbuch beschreiben. Wichtig ist aber: Das eine braucht das andere nicht, um alleine zu bestehen.

Von Anfang an ist die Atmosphäre bedrohlich. Die Stadt und das Land wirken düster, mit Flecken der Heiterkeit, der Historie. Moderne Waffen werden von den Aufständischen gegen uralte Strukturen geführt. Die Hitze ist in den Bildern und der Handlung spürbar. Feuchtigkeit und Staub erschweren das Leben der einfachen Menschen. Mit der Überheblichkeit von Tuaregs reiten die Molgraven durch das Land, zu stolz, um zu Lebzeiten einen Fuß auf den Erdboden zu setzen. Mystik lockt an jeder Ecke. Das Afrika, das der Leser zu kennen glaubt, wartet mit immer neuen Überraschungen auf.

Sokal selbst zeigt im Vorfeld der Geschichte einige Stimmungs- und Entwicklungsbilder. Was sich dort sehen lässt, geht technisch und künstlerisch weit über das hinaus, was Sokal gewöhnlich in Inspektor Canardo zeigt. Zieht man diese Entwicklungsbilder in Betracht und die vollendete Aquarelltechnik muss man sagen, dass es schade ist, dass er nicht die gesamte Gestaltung des Comics übernommen, ohne die Leistung von Brice Bingono schmälern zu wollen, der hier als Hauptzeichner agiert.

Bingono zeichnet in einer optischen Mischung aus Pat Lee (Warlands) und Hans Bacher (Alfred J. Quak). Sein Hang zum Realismus ist allerdings stark ausgeprägt, jedoch blitzt hier und da ein wenig mehr Cartoon durch. Sehr schön wird das in den Szenen aus der Vergangenheit Anns veranschaulicht, als sie mit dem kleinen Leoparden spielte. Zuweilen erinnert das Figurendesign auch an Figuren aus Der Prinz von Ägypten (aus dem Hause Dreamworks). Mit der Zeit, von Kapitel zu Kapitel wird das Design härter, etwas schwerer auch steifer. Die optische Wirkung der Flüchtigkeit, des schnellen Eindrucks geht etwas verloren. Das mag auch mit dem zunehmenden Drama und der Härte der Geschichte zusammenhängen.

Farblich werden von Jean-Francois Bruckner immer neue Farbstimmungen gefunden, die eindeutig das jeweilige Thema bestimmen und dem Leser sofort zeigen, ob er sich noch bequem zurücklehnen, die Szene in sich aufnehmen kann, oder ob Schnelligkeit, Drama, Tragödie angesagt sind. Automatisch weiten sich die Augen und rasen über das Papier. Das geschieht nicht selten. Auch bremsen die Texte in solchen Situationen den Lesefluss kaum aus.

Aus einem Absturz in einem fernen Land wird ein handfestes Abenteuer. Benoit Sokal hat ein vielschichtiges Szenario mit vielen faszinierenden Einblicken in ein erfundenes afrikanisches Land geschaffen. Wer jenseits von Löwenkönigen und Wolfsjungen einen ernsteren Zeichenstil mag und ein packendes Drama bevorzugt, wird mit den Bildern von Brice Bingono perfekt in diese fremde Welt eintauchen können. 🙂

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